Lieferung 80

Karl May

3. Mai 1884

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


// 1897 //

Auf das Tiefste ergriffen stand Amy weinend hinter ihm. Sie sah seine Thränen; sie hörte sein Schluchzen; sie sah seine mächtige Gestalt unter der Macht der ihn beherrschenden Gefühle beben. Sie wagte nicht, ein Wort zu sagen. Sie sah sein Auge in stiller Anbetung auf den Zügen der Geliebten ruhen, und das war ein Gottesdienst, den sie nicht entheiligen durfte.

Endlich aber drehte er sich zu ihr herum und gab ihr beide Hände.

»Ich danke Ihnen, Mylady!« sagte er. »Die Seligkeit dieses Augenblickes würde ich um alle Reichthümer der Erde nicht verkaufen. Es war die allergrößte Wonne, welche Sie mir bieten konnten.«

Sie ließ ein schalkhaftes Lächeln über ihr Angesicht gleiten und antwortete:

»O, vielleicht giebt es für Sie eine Wonne, eine zweite Seligkeit, welche ebenso groß ist, wie diese erste.«

»Das ist unmöglich!«

»Soll ich Sie in Versuchung führen?«

»Es wird ganz umsonst sein, Mylady,« lächelte er, noch unter Thränen.

»Nun, ich will wenigstens den Versuch machen. Kommen Sie, Herr Doctor.«

Sie nahm ihn bei der Hand und zog ihn vor ein anderes Bild, welches an der gegenüber liegenden Seite der Kajüte hing.

"Wollen Sie sich einmal diese junge Dame betrachten?"

»Wollen Sie sich einmal diese junge Dame betrachten!« sagte sie.

Er warf den Blick auf diese Photographie und fühlte es dabei wie einen electrischen Schlag durch seine Seele gehen. Dieses schöne, wunderbar liebliche Gesichtchen kannte er; aber wo hatte er es gesehen? Hatte es vielleicht bisher als Ideal, als unbewußtes Eigenthum, Sein von seinem Sein, in seiner Seele geruht? Es war ihm, als ob sein Herz, sein Fühlen und Denken menschliche Gestalt angenommen und sich in diesem Körper, in diesen engelsreinen Zügen den schönsten, den erhabensten, den hinreißendsten Ausdruck gesucht habe. Seine tiefsten Empfindungen, seine erhabensten Gedanken waren in diesem Köpfchen verkörpert. Er hätte dieses Bild von der Wand reißen mögen, um es tausendmal heiß und innig zu küssen und doch auch wieder ihm eine Verehrung zu zollen, so naturmächtig, wie der Parse vor der Sonne kniet, wenn sie des Morgens sich mit den herrlichsten und jungfräulichsten ihrer Strahlen bekleidet.

»Wer ist das?« fragte er fast athemlos.

»Das ist unser Waldröschen,« antwortete sie.

»Waldröschen? Ein neues Räthsel!«

»Aber ein liebes, süßes Räthsel für Sie, mein lieber Doctor. Ahnen Sie denn nichts? Fühlen Sie denn nichts beim Anblicke dieses reizenden Wesens?«

Da ent- und verfärbte sich sein Gesicht. Röthe und Blässe wechselten mit einander ab. Er streckte seine fast zitternden Hände Amy entgegen und fragte:

»Was wollen Sie damit sagen, Mylady? Doch nicht, daß - - daß - - -«

Er stockte vor innerer Erregung.

»Nun - daß - -?« wiederholte sie.

»Waldröschen! Sie heißt also Röschen - Rosa?«

»Ja.«


// 1898 //

»Das ist der Name meiner Frau - - -«

»Allerdings!«

»Und sie schrieb mir einst - ach vor so langen Jahren, daß meinem und ihrem Herzen eine große, große Freude bereitet sei.«

»Schrieb sie das? Nun ja, diese Freude ist ihr geworden, Sennor!«

»In Gestalt dieses entzückenden Wesens?«

»Ja. Waldröschen ist Ihr einziges Kind, Ihre Tochter.«

»Meine Tochter!«

Er stand erst eine ganze Weile wie traumverloren da; dann nahm er das Bild von der Wand; es schwankte in seinen sonst so starken und jetzt doch zitternden Händen hin und her. Und während seine Augen in einem fast überirdischen Glanze auf demselben ruhten, sanken seine Kniee mehr und mehr zusammen, bis sie den Teppich berührten und er, ohne es zu wissen und zu wollen, die Stellung eines Beters angenommen hatte.

»Herr,« hörte sie ihn flüstern, »ich habe viel erlitten und erduldet, aber eine solche Gnade bin ich doch nicht werth!«

Jetzt konnte sie nicht länger warten; sie schritt ganz leise zur Thür hinaus, um das Heilige dieses Augenblickes nicht zu entweihen.

Draußen befanden die Herren sich in einem eifrigen Gespräch. Auch hier wollte sie nicht stören; darum nahm sie auf einem Feldstuhle Platz, welcher vorn am Buge stand, und von welchem aus sie stets so gern das Wellenspiel beobachtet hatte. Nach einer längeren Weile hörte sie Schritte, und eine Hand lehnte sich leise an ihre Schulter.

»Mylady,« flüsterte Sternaus Stimme. »Hat sie gesprochen, gesprochen von ihrem Vater?«

»O, wie oft und mit der größten Liebe und Verehrung.«

»Und ist sie so gut und so rein, wie sie auf dem Bilde aussieht?«

»Sie ist es, Sennor!«

»Dann hat Gott mich tausendfach gesegnet und ich darf nun auch der Anderen gedenken. Lebt mein alter Hauptmann Rodenstein noch?«

»Ja. Er ist immer noch der Alte.«

»Der Gehilfe Ludwig Straubenberger?«

»Ja.«

»Alimpo mit seiner lieben Elvira?«

»Auch sie leben noch. Aber Einen vergessen Sie, Herr Doctor!«

»Wen?«

»Kurt Helmers, Ihren Schüler.«

»Sie haben recht; ich dachte nicht sogleich an ihn. Sein Vater ist übrigens bei mir. Ich hatte den Knaben sehr lieb. Er war außerordentlich talentirt. Was ist aus ihm geworden? Ich befürchte, daß nach meinem Fortgehen seine Gaben eine andere Richtung, sich zu entwickeln, erhalten haben, als ich beabsichtigte.«

»Welche Richtung war es, welche Sie beabsichtigten, Herr Doctor?«

»Er war ganz außerordentlich für den Kriegerstand prädestinirt.«

»Nun, dann kann ich Ihnen mittheilen, daß dieser Gedanke festgehalten worden ist. Ich habe Kurt Helmers in Berlin gesehen. Er ist Offizier und


// 1899 //

hat trotz seiner Jugend sich bereits so ausgezeichnet, daß er das Vertrauen selbst seiner höchsten Vorgesetzten genießt. Ich werde Ihnen in einer ruhigeren Stunde das Ausführliche darüber mittheilen.«

Sie sagte diese letzteren Worte, weil in diesem Augenblicke der Lord mit Juarez herbeitraten. Der Letztere fragte:

»Mylord hat mir den Vorschlag gemacht, nicht zu Pferde zurückzukehren, sondern mit den Schiffen nach dem Sabina zu gehen. Was meinen Sie dazu?«

»Es ist bequemer für uns,« antwortete Sternau.

»Aber unsere Pferde?«

»Wir können sie ja den Apachen übergeben, welche den Rückweg sofort antreten werden, nachdem sie ihre Forschung nach der Leiche Cortejos beendet haben.«

»Das geht. Aber werden die Apachen den Rückweg sicher treffen?«

Sternau konnte sich eines Lächelns nicht enthalten.

»Haben Sie keine Sorge um diese Leute,« antwortete er. »Sie würden sich sogar in der tiefsten Wildniß zurechtfinden, selbst wenn sie dieselbe noch gar nicht betreten hätten. Der Ortssinn dieser Menschen ist geradezu erstaunlich.«

»So wollen wir auch hoffen, daß sie Cortejo entdecken, oder wenigstens eine Spur von ihm. Das ist für jetzt von großer Bedeutung.«

Der Lord hatte den Rothen seine Boote zur Verfügung gestellt, um nach dem linken Ufer überzusetzen. Sie benutzten sie aber in einer ganz anderen Weise. Eine Anzahl von ihnen ritt nämlich, trotz der großen Breite des Stromes, auf schwimmenden Pferden über denselben hinüber, um am jenseitigen Ufer forschend abwärts zu reiten, während Andere diesseits dasselbe thaten. Eine dritte Abtheilung dann hatte sich in die offerirten Boote vertheilt und suchten, den Fluß hinabfahrend, die beiden Ufer desselben von der Wasserseite ab. Das Resultat dieser sorgfältigen Untersuchung mußte abgewartet werden.

Unterdessen hatte der Lord sich mit Juarez nach der Kajüte begeben, während Sternau mit Mariano und Amy auf dem Decke zurückgeblieben waren, um die beiden Erwähnten in ihren wichtigen diplomatischen Verhandlungen nicht zu stören; denn Lindsay brachte nicht blos Unterstützung an Geld und Waffen, sondern er hatte mit dem Präsidenten auch wichtige Abmachungen vorzunehmen, welche sich auf Englands Verhalten zu dem ferneren Verweilen der Franzosen in dem Staate von Mexiko bezogen.

Amy erzählte den beiden Männern von den Lieben in der Heimath. Es gab da so viel zu fragen, zu berichten und zu erklären, daß die Zeit verschwand, ohne daß es ihnen beikam, einen Maßstab an die Minuten zu legen.

Da erschallte ein heller Ruf vom Ufer herüber.

»Ein Indianer,« sagte Mariano. »Was mag er wollen?«

Sternau trat an Bord und fragte hinüber, was er wolle.

»Mein weißer Bruder mag kommen,« antwortete der Mann.

»Welcher?«

»Du selbst.«

»Warum? Was giebt es?«

»Eine Spur.«


// 1900 //

»Von wem?«

»Weiß nicht. Selbst sehen. Bin blos Bote von den Andern.«

Da die Boote alle fort waren, machte Sternau das kleine, einruderige Gig, welches nur für den persönlichen Gebrauch des Lords bestimmt war, los und ruderte sich an das Ufer, an welchem der Mann auf ihn wartete.

»Mitkommen,« sagte dieser einfach, indem er sich wieder stromabwärts wendete, von woher er gekommen war.

Sternaus Pferd stand noch da, wo er von demselben abgestiegen war. Er band es los, setzte sich auf und folgte dem Wilden im Galopp. Der Ritt war kein kurzer. Er währte lang und der Indianer hielt erst an, als sie wohl eine Wegestunde zurückgelegt hatten. Dort hielten sämmtliche Reiter, welche am rechten Ufer gesucht hatten, und auch die Boote lagen am Lande. Man sah es jedoch der Aufstellung dieser Leute an, daß sie einen Platz zwischen sich hatten, von welchem sie ihre Pferde zurückhielten.

Dort saß ein Indianer an der Erde. Die Rabenfeder, welche er im Schopfe trug, deutete an, daß er unter den Uebrigen eine Art von Rang einnahm. Er mochte die Suche geleitet haben und erhob sich, sobald er Sternau erblickte.

»Der Fürst des Felsens mag zu mir kommen,« sagte er.

Sternau stieg ab, übergab die Zügel seines Pferdes einem Andern und trat zu dem Manne, welcher gesprochen hatte. Dieser deutete zur Erde.

»Mein weißer Bruder sehe.«

Sternau blickte zu Boden, wurde aufmerksam und bückte sich tiefer hinab.

»Ah, die Spur eines Reiters,« sagte er.

»Bemerkt mein Bruder die Anzahl seiner Pferde?«

»Ja. Eins hat er geritten und das andere geführt. Er hat zwei Thiere bei sich gehabt.«

»Mein Bruder gehe weiter!«

Er deutete dabei mit der Hand nach dem Ufer hin. Sternau folgte dieser Richtung, indem er dabei die Spur im Auge behielt.

»Er ist in den Fluß geritten,« sagte er, »vorher aber abgestiegen, um Schilf abzuschneiden. Er hat also über den Fluß gewollt, und einige Schilfbündel gemacht, welche seinem Pferde die Last erleichtern sollten, indem sie als Schwimmgürtel dienten.

»Mein Bruder hat das Richtige gerathen. Wer mag der Mann gewesen sein?«

»Vielleicht der Jäger, welcher uns heut begegnete. Seine Richtung ging ungefähr auf diese Stelle zu. Man müßte nach Anzeichen forschen.«

»Die rothen Männer haben dies bereits gethan.«

»Haben sie etwas gefunden?«

»Ja. Der Fürst des Felsens mag hier herübertreten und die Fährte betrachten.«

Er zeigte einen Ort, welcher von Pferdehufen ziemlich zerstampft war. Hier klug zu werden, war jedenfalls ein Meisterstück der Spürkunst, dennoch aber sagte Sternau bereits nach wenigen Secunden:

»Hier haben die Pferde geweidet, indem er das Schilf abschnitt; sie sind


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dabei in einen kleinen Streit gerathen. Es steht anzunehmen, daß sie sich gebissen haben. Vielleicht sind dabei Haare verloren gegangen. Man müßte versuchen, ob welche zu finden sind.«

»Die rothen Männer haben bereits gesucht. Mein Bruder betrachte dieses Haar aus dem Schwanze eines Pferdes.«

Er reichte Sternau ein Pferdehaar hin, welches allerdings so lang war, daß es nur vom Schwanze stammen konnte.

»Ein schwarzes Pferd,« sagte Sternau.

»Und dieses Büschel?«

Er zeigte in der anderen Hand eine Anzahl zusammengefilzter Haare, welche von keiner großen Länge waren. Sternau betrachtete sie genau und sagte:

»Rothbraun! Dieses Büschel besteht aus unteren Kammhaaren. Das eine Pferd ist also schwarz und das andere rothbraun gewesen. Der Jäger, welcher uns heut begegnete ists, sonst kein Anderer. Er hatte zwei solche Pferde.«

»Uff! Die rothen Männer sind noch sorgfältiger gewesen.«

Bei diesen Worten zeigte der Indianer nach dem Walde zurück, aus welchem soeben zwei Apachen auf schaumbedeckten Pferden hervorkamen.

»Wo sind sie gewesen?« fragte Sternau.

»Mein Bruder spreche mit ihnen selbst.«

Als sie herbeigekommen waren, fragte Sternau sie:

»Meine Brüder haben wohl die Fährte rückwärts verfolgt?«

»Der Fürst des Felsens hat es errathen,« antwortete der Eine.

»Wohin führt die Fährte?«

»Genau in der Richtung des Ortes, an welchem wir dem Jäger begegneten.«

»So ist er es also gewesen?«

»Er war es.«

Sternau konnte sich denken, daß man ihm noch nicht Alles gesagt hatte.

»Aber warum widmen meine rothen Brüder diesem Jäger eine solche Aufmerksamkeit?« fragte er den Anführer. »Haben sie noch mehr entdeckt?«

»Ja. Der Fürst des Felsens denkt, der Jäger ist über den Fluß geritten?«

»Allem Anscheine nach hat er es gethan.«

»Die Krieger der Apachen haben es auch gedacht, aber als sie weiter abwärts ritten, haben sie seine Fährte wiedergefunden.«

»Er ist also hier in den Fluß geritten und hat ihn weiter unten wieder verlassen?«

»Ja.«

»Das ist schwer zu begreifen. Um die Thiere zu tränken, braucht man nicht in das Wasser zu reiten, und um den Fluß so bald wieder zu verlassen, wären doch die Schilfgürtel nicht nothwendig gewesen. Es bleibt also nur die Ansicht, daß er wirklich übersetzen wollte, aber durch irgend Etwas abgehalten wurde.«

»Der Fürst des Felsens hat sehr scharfe Gedanken.«

»Ah! Meine rothen Brüder haben Etwas gefunden?«

»Ja. Mein Bruder folge mir.«

Der Indianer drängte sich in das Schilf hinein, und Sternau folgte ihm. Es war hier ein schweres Fortkommen, aber die Mühe und Anstrengung wurde


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auch sehr bald belohnt. Denn als sie ungefähr hundert Schritte gethan hatten und der Indianer am Rande des Wassers stehen blieb, erblickte Sternau ein kleines Floß, welches aus Schilfbündeln und Baumzweigen zusammengesetzt war. Es war von einer solchen Länge und Breite, daß sich ein Mann damit recht gut über Wasser erhalten konnte, so lange er sich in der Balance erhielt.

»Sieht mein weißer Bruder dieses Floß?« fragte der Indianer.

»Ja. Hat mein rother Bruder ein Zeichen gefunden, woraus sich schließen läßt, wer es benutzt hat?«

»Ein sehr deutliches Zeichen. Hier!«

Er griff abermals in den Gürtel und brachte ein buntes Taschentuch hervor, welches zusammengelegt und dann an den beiden Zipfeln durch einen Knoten verbunden war. Es hatte ganz den Anschein, als sei es von einem Menschen benutzt worden, welcher Kopf- und Zahnschmerz gehabt und es um die schmerzhafte Stelle getragen hatte. Aber als Sternau das Tuch genauer untersucht hatte, sagte er:

»Hier klebt Blut im Innern. Das Tuch ist um verwundete Augen getragen worden. Wo fand man es?«

»Es hing an einem Zweige des Flosses.«

»Welche Unvorsichtigkeit von diesem Cortejo. Denn er ist es gewesen.«

Dabei betrachtete er den Boden. Er fand mehrere Fährten.

»Haben die Söhne der Apachen weiter gesucht?« fragte er.

Der Indianer nickte.

»Was haben sie gefunden?«

»Mein Bruder folge mir!«

Es war hier durch das dichte Schilf eine ziemlich gangbare Bahn gebrochen. Die Beiden folgten ihr und gelangten bald an eine Stelle, an welcher vom Wasser herauf eine doppelte Pferdespur kam.

»Ah, da ist der Jäger wieder aus dem Flusse gekommen,« sagte Sternau.

»Und dorthin ist er geritten,« fügte der Indianer hinzu, nach rechts deutend.

Sie folgten dieser neuen Fährte bis an eine kleine Lichtung im Schilfe, deren Boden von Hufen ganz und gar zerstampft war.

»Haben meine Brüder hier Etwas gefunden?« fragte Sternau.

»Hier hat Cortejo gelegen,« antwortete der Apache, »und da ist der weiße Jäger zu ihm gekommen.«

»Wohin führt nun die Spur?«

»Sie führt wieder in den Wald hinein.«

»Ist sie verfolgt worden?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Der Fürst des Felsens sollte erst gefragt werden.«

»Gut. Mein Bruder denkt, daß der Jäger Cortejo mitgenommen hat?«

»Ja. Er hat ihn auf das andere Pferd gesetzt.«

»So mag mein Bruder mit noch einigen Männern aufbrechen und seiner Spur folgen, um zu sehen, ob dieselbe nach der Gegend von Candela, Marin und Saltillo führt.«


// 1903 //

»Dazu wird man mehrere Tage brauchen.«

»Allerdings, wenn man bis Saltillo reiten wollte. Es wird allerdings genügen, der Spur bis morgen zu folgen, wenn die Sonne am höchsten steht. Dann weiß man bereits, in welcher Richtung sie weiter führt. Die Söhne der Apachen können mir dann Nachricht bringen.«

»Wohin?«

»Nach Cohahuila.«

»Ugh!«

Der Indianer sagte dieses eine Wort und begab sich dann zu den Seinigen zurück. Ein schweigsamer Wink von ihm genügte, so saßen fünf seiner Gefährten mit ihm auf und folgten ihm, als er, ohne über sein Fortreiten eine Sylbe zu verlieren, auf der Fährte des Jägers davon ritt.

Sternau gab jetzt den Befehl, die Nachforschung einzustellen und die Boote wieder an die Schiffe zu bringen. Dann bestieg er sein Pferd wieder und ritt zurück. Als er auf der Gig wieder am Dampfer anlangte, hatte man ihn da bereits mit großer Ungeduld erwartet.

»Gefunden?« rief ihm Juarez schon von Weitem entgegen.

»Ja,« antwortete er.

»Ihn selbst?«

»Nein, sondern leider nur seine Spur.«

»O weh! So lebt er noch?«

»Jedenfalls. Hier dieses Tuch hat er um die Augen gebunden gehabt.«

Bei diesen Worten schwang er sich an Bord und zeigte das Tuch.

»Was wissen Sie nun von ihm?« fragte der Lord.

»Erstens, daß er sicher an den Augen verletzt ist. Zweitens, daß er auf einem kleinen Flosse stromab geschwommen ist.«

»So mag das richtig sein, was mein Steuermann erzählte, nämlich, daß seine eigenen Leute sich seiner entledigt haben.«

»So mag er einige sehr böse Stunden erlebt haben. Es ist kein Spaß, blind auf einem Flosse schwimmen zu müssen.«

»Sie nehmen also an, daß er wirklich erblindet ist?«

»Jetzt wenigstens, ja. Hätte er nur ganz wenig zu sehen vermocht, so wäre es ihm gar nicht eingefallen, das Tuch zurückzulassen. Es ist ihm auf irgend eine Weise vom Kopfe geglitten, und er konnte es nicht wiederfinden.«

»Aber was dann?«

»Sein kleines aus Schilf erbautes Floß wurde an das Ufer getrieben. Er fühlte festen Boden und schlich an das Land, wo er im Schilfe gefunden wurde.«

»Von wem?«

»Von dem Jäger, welcher uns heut begegnete, Sennor Juarez.«

»Ah, von diesem. Da sind unsere Apachen leider zu spät gekommen.«

»Ja, leider; denn dieser Jäger ist mit ihm, wie es scheint, in südlicher Richtung davon geritten.«

»Das wäre ja immer noch vortheilhaft für uns. Er ist ja im Lande geblieben. Wäre er aber an das andere Ufer, also nach Texas gegangen, so hätten wir die Macht über ihn verloren. Haben Sie eine Ahnung, wohin er ist?«


// 1904 //

»Ja,« antwortete Sternau.

»Ah! Wohin?«

»Nach der Hazienda del Erina.«

»Warum dorthin?«

»Weil seine Tochter sich dort befindet. Er befindet sich als Erblindeter in einem sehr hilflosen Zustande und muß nun vor allen Dingen darauf bedacht sein, zu Leuten zu gelangen, denen er Vertrauen schenken kann. Da steht seine Tochter natürlich in erster Linie obenan.«

»Sie glauben, daß dieser Jäger ihn nach der Hazienda bringt?«

»Ja.«

»Was sollte derselbe für ein Interesse dabei haben?«

»Cortejo wird ihm eine hohe Belohnung versprochen haben.«

»Das ist wahrscheinlich. Möglich ist es aber auch, daß diese Beiden sich zufälliger Weise bereits kennen.«

Da machte Sternau eine Geberde der Ueberraschung.

»Diese Ansicht bringt mich auf einen plötzlichen Gedanken,« sagte er. »Können Sie sich besinnen, Sennor Juarez, welche Antwort der Jäger gab, als wir ihn nach seinem Namen fragten?«

»Ja. Er sagte, er heiße Grandeprise.«

»Und ein Grandeprise ist der Verbündete von Cortejo.«

»Sie meinen den schwarzen Capitän?« fragte der Lord.

»Ja. Er heißt ja wohl ursprünglich Grandeprise. Sein Piratenschiff war der »Lion«. Jetzt nennt er sich Henrico Landola.«

»Sie meinen, daß er mit diesem Jäger verwandt sei?«

»Es ist dies immerhin möglich. Der Name Grandeprise kommt nicht so häufig vor.«

»So müßte man sich beeilen, die Beiden in die Hand zu bekommen. Was für Maßregeln haben Sie getroffen?«

»Ich habe einige Apachen auf ihre Spur geschickt. Diese Leute sollen sich überzeugen, ob diese Fährte nach der Richtung von Saltillo führt, und mir dann Nachricht nach Cohahuila bringen.«

»Wäre es nicht besser gewesen, anstatt dieser bloßen Kundschafter den beiden Kerls eine Schaar Verfolger nachzusenden?«

»Warum halten Sie dies für besser?«

»Weil wir dann Cortejo schnell in unsere Hände bekommen hätten.«

»Sie irren sich. Zunächst müßte die Verfolgung mit Anbruch der Nacht eingestellt werden. Grandeprise aber wird die Nacht benutzen, um einen möglichst großen Vorsprung zu bekommen.«

»Wären seine Pferde so gut?«

»Er reitet die ganze Nacht hindurch und nimmt sich von der ersten besten Heerde neue Pferde. Die Verfolger würden ihn nicht erreichen.«

»Aber wollen wir Cortejo entkommen lassen?«

»Nein. Allerdings ist es nur auf der Hazienda möglich, ihn festzunehmen. Das können wir nun freilich ohne die Hilfe von Sennor Juarez nicht.«

»Was wünschen Sie?« fragte der Präsident.


// 1905 //

»Aus dem aufgefangenen Briefe von Cortejos Tochter geht hervor, daß sich in der Hazienda eine zahlreiche Truppe von Cortejos Anhängern festgesetzt hat. Wir brauchten also Mannschaften, Sennor.«

»Wie viel?«

»Wer weiß das. Ich weiß nicht, wie stark die Besatzung der Hazienda ist.«

»So lassen Sie uns sehen, wie viele Leute ich entbehren kann. Ich werde mein möglichstes thun. Die Hazienda ist ein wichtiger Punkt, da sie in der Nähe des großen Verkehrsweges zwischen Süden und Norden liegt. Sie und Cortejo in meine Gewalt zu bringen, bin ich also zu jeder Anstrengung bereit. Ich denke, es wird gut sein, möglichst bald hier aufzubrechen, damit wir schnell wieder nach Cohahuila kommen.«

»Wir müssen leider die Boote erwarten.«

»Wann können dieselben zurück sein?«

»In frühestens einer Stunde.«

»Wir holen diese Zeitversäumniß schnell nach, indem wir die Dampfer fleißiger arbeiten lassen.«

Sternau hatte recht gehabt. Die Apachen brachten die Boote erst nach Ablauf einer Stunde zurück. Die beiden Dampfer waren geheizt und zum Aufbruche bereit. Sie setzten sich in Bewegung, als die Rothen die Weisung erhalten hatten, auf dem heut zurückgelegten Wege wieder in das Lager zu gelangen.

Während der jetzt beginnenden Fahrt hatte Juarez Zeit, sich mit dem Lord genau zu besprechen. Ihre gegenseitigen Abmachungen wurden zu Papier gebracht und von Beiden unterzeichnet. Napoleon ahnte nicht, daß heut mitten in den Wildnissen des Rio Grande del Norte ein Vertrag abgeschlossen wurde, welcher ihn in der Folge nebst Anderen zwang, Mexiko an Juarez zu überlassen und seine Truppen aus diesem Lande zu entfernen.

Mariano und Amy genossen unterdessen alle Seligkeiten des Wiedersehens und gaben sich das Versprechen, sich auf keinen Fall wieder zu trennen.

Sternau stimmte ihnen bei.

»Noch sind wir nicht in dem Hafen der Ruhe angelangt,« sagte er. »Wir wissen nicht, was uns noch Böses widerfahren kann. Darum ist es sehr gerathen, eng zusammen zu rücken, damit wir uns nicht wieder verlieren.«

»Juarez wird uns beschützen,« sagte Amy.

»Er bedarf selbst noch der Unterstützung,« antwortete Sternau.

»Ich denke, seine Macht steigt von Tag zu Tag?«

»Das thut sie auch. Aber jetzt ist sie noch so gering, daß ich mir gar nicht getraut habe, vorhin eine Bitte auszusprechen, welche doch sehr nothwendig war.«

»Welche?«

»Ich hätte sehr gewünscht, die Hazienda eher zu erreichen als Cortejo.«

»Ah! Das wäre allerdings sehr gut,« meinte Mariano.

»Da man aber die Stärke der dortigen Besatzung nicht kennt, so wären immerhin gegen tausend Mann zu diesem Unternehmen erforderlich; aber eine solche Zahl kann Juarez noch nicht entbehren.«


// 1906 //

»So nehmen wir weniger!« rief Mariano.

»Du bist muthig, mein Freund,« lächelte Sternau.

»O, warum sollte man die Hazienda nicht mit weniger Leuten nehmen können. Nicht die Zahl, sondern die Tapferkeit thut es.«

»Du hast recht. Man könnte die Hazienda füglich auch durch List nehmen; aber die Strecke zwischen ihr und Cohahuila befindet sich noch in den Händen der Franzosen, welche vorher zu verdrängen sind.«

»So wird Cortejo uns entkommen.«

»Ich hoffe das Gegentheil.«

»Er wird die Hazienda viel früher als wir erreichen.«

»Du vergissest, daß er bedeutende Umwege machen muß.«

»Weshalb?«

»Weil er sich von den Franzosen ebenso wenig als vor uns sehen lassen darf.«

»Das ist wahr. Wenn Juarez sich beeilt und wir einen Parforceritt unternehmen, so kommen wir diesem Cortejo vielleicht doch noch zuvor.«

»Ich hoffe es. Es steht zu berücksichtigen, daß er blind ist, das heißt hilflos, obgleich er einen Begleiter hat. Die Augen schmerzen ihn jedenfalls. Er hat auf alle Fälle ein tüchtiges Wundfieber. Das vermindert die Schnelligkeit seines Rittes ganz außerordentlich. Ich möchte nicht an seiner Stelle sein.«

Seine Vermuthung war eine ganz richtige.

Wie wir bereits gesehen haben, hatten die Mexikaner, als sie gestern Abend die Schiffe, so zu sagen, belagerten, sich vorgenommen, sich ihres Anführers zu entledigen. Dies sollte mit Hilfe eines Flosses geschehen, und Cortejo kam ihnen, ohne es zu ahnen, darin entgegen, indem er sich vornahm, bei dem Angriffe sich mit zu betheiligen, indem er sich auf einem Flosse in die Nähe der Schiffe bringen lassen wollte.

Die Mexikaner hauten mit ihren langen Macheten genug Schilf und Zweige ab, um sich ein Jeder ein Bündel zu machen, welches das Schwimmen erleichtert; für Cortejo aber wurde ein kleines Floß gebaut.

»Wie groß ist es?« fragte er, als man ihm meldete, daß es fertig sei.

»Acht Fuß lang und sechs Fuß breit.«

»Das ist zu klein,« sagte er.

»O, Sennor, das ist groß genug,« antwortete Der, welchen man hinter Cortejo's Rücken zum Anführer gewählt hatte.

»Das ist ja kaum für einen Mann hinreichend.«

»Es ist ja auch nur für einen Mann.«

»Und Die, welche mich rudern sollen? Wo bleiben die?«

»Die schwimmen neben her und geben grad dadurch dem Flosse die geeignete Direction. Ein größeres Floß würde zu auffällig sein und von den Schiffen zu leicht bemerkt werden. Sie kämen dadurch in eine Gefahr, welcher wir Sie doch unmöglich aussetzen dürfen, Sennor.«

Dies klang so fürsorglich und leuchtete Cortejo ein.

»Gut denn,« sagte er, »so mag es bei diesem Flößchen bleiben. Es gilt jetzt nur noch unsere Arrangements zu treffen. Das Nöthige wißt Ihr bereits.


// 1907 //

Ich habe Euch nur zu wiederholen, daß Ihr den Inhalt der Dampfer und Kähne nicht anzurühren habt.«

»Warum nicht?« fragte der Sprecher.

»Die Fracht gehört mir.«

»Könnten nicht einen Theil auch wir davon beanspruchen, Sennor?«

»Nein. Ihr wißt ja, wozu Alles verwendet werden soll.«

»Aber bedenkt, Sennor, daß das Alles eigentlich doch nicht Ihr Eigenthum ist. Sie nehmen es weg und wir helfen Ihnen dabei. Das ist ganz dasselbe, als wenn zum Beispiel ein Kriegsschiff ein feindliches hinwegnimmt.«

»In wiefern?«

»Da setzt es auch Prisengelder.«

»Die werdet Ihr auch erhalten.«

»Wie hoch? Wie viel?«

»Das kommt auf den Werth der Prise an. Ich werde den zehnten Theil dieses Werthes unter Euch vertheilen lassen.«

»Ist das nicht zu wenig, Sennor?«

»Schweigt! Es befinden sich Millionen auf den Schiffen, das giebt also von einer jeden Million Hunderttausend für Euch. Nun rechnet Euch aus, welche Summe da auf den einzelnen Kopf kommt.«

»Ah, so haben wir uns diese Sache noch nicht betrachtet. Jetzt sieht sie sich bedeutend anders an und ich erkläre, daß wir einverstanden sind.«

»Das denke ich auch.«

Hätte er aber ihre Mienen sehen können und die Blicke, welche sie einander zuwarfen, so wäre er ganz anderer Meinung gewesen.

»Löscht das Feuer aus,« gebot er. »Es ist Zeit zu beginnen.«

Diesem Befehle wurde sofort Folge geleistet.

Die Mexikaner waren vom Gelingen ihres Planes vollständig überzeugt; an ein Mißlingen desselben dachten sie nicht einmal. Sie zitterten vor Begierde, diese Schätze in ihre Hände zu bekommen.

Die Schießwaffen, welche im Wasser gelitten hätten, wurden abgelegt, und zwar so, daß ein Jeder die seinigen leicht wiederfinden konnte. Dann griffen sie nach ihren Bündeln und gingen in das Wasser, ganz in solchen Abtheilungen, wie es anbefohlen worden war. Cortejo wurde auf ein Floß geleitet, welches von zwei guten Schwimmern dirigirt werden sollte.

»Vorwärts!« befahl er.

In Folge dieses halblauten Commandowortes begann die Schwimmparthie.

Sie hatten keine Ahnung davon, daß der Steuermann sich in der Nähe befunden und Alles beobachtet und angehört hatte. Kurz vor dem Auslöschen des Feuers war er vor ihnen in das Wasser geschlüpft.

Mit Hilfe der Schilfbündel wurde ihnen das Schwimmen leicht und sie hatten wohl die Hälfte der Entfernung zurückgelegt, als die Racketen vom ersten Dampfer emporstiegen. Sie erschraken, denn die ganze Scene war fast tageshell erleuchtet und sie sahen deutlich, daß die Bemannung auf ihren Posten war.

»Feuer!« ertönte da des Lords Stimme.

Die Geschütze krachten und einen Augenblick lang schien das Wasser des


// 1908 //

Flusses sich in Wallung zu befinden. Es spritzte unter der Gewalt der einschlagenden Kartätschen hoch auf. Unterdrückte Schreie und Flüche wurden ringsum doch noch hörbar und die Köpfe vieler der Schwimmenden verschwanden unter der Oberfläche des Flusses.

Eine der Kugeln hatte auch einen der Beiden getroffen, welche das Floß Cortejo's lenkten.

»Santa Madonna, hilf!« rief er.

»Was ists?« fragte Cortejo.

»Ich bin getroffen.«

»Wo?«

»In den Arm. Ich kann nicht mehr!«

Damit ließ er das Floß fahren und als in diesem Augenblicke die Racketen abermals stiegen, sah sein Gefährte ihn untersinken.

»Halte Dich mit dem andern Arme fest,« sagte Cortejo.

»Es ist bereits zu spät, Sennor,« antwortete der Andere.

»Ah! Warum?«

»Der arme Teufel ist bereits untergegangen. Er ist jedenfalls nicht in den Arm allein getroffen worden.«

»So bleibe Du nur fest am Platze. Wie sieht es aus? Ich habe nichts gesehen.«

»Man hat vom Schiffe Racketen steigen lassen.«

»Donnerwetter! Und mit Kanonen geschossen? Hat es getroffen?«

»Ja, Sennor.«

»So mag man sich beeilen, an Bord zu kommen.«

»O, damit ist nichts! Sie fliehen alle bereits dem Ufer zu, nämlich alle, welche noch übrig sind.«

»Hölle und Teufel! Alle?«

»Alle.«

»So ist der Angriff mißlungen?«

»Vollständig, Sennor!«

»O, daß ich nicht sehen kann! Es würde ganz anders gegangen sein!«

»Es würde auch nicht anders sein. Das Augenlicht schützt nicht vor Kartätschen.«

»Rudere auch mich an das Ufer.«

»Fällt mir gar nicht ein,« antwortete der Mann, jetzt auf einmal in einen ganz andern Ton übergehend.

»Wie? Was meinst Du?« fragte Cortejo erstaunt.

»Daß ich Sie nicht mehr rudere.«

»Ah! Warum?«

»Weil es mir verboten ist, Sie wieder an das Ufer zu bringen.«

Cortejo war ganz starr. Es ging ihm plötzlich eine Ahnung auf, in welcher Gefahr er sich in Folge seiner Blindheit befand. Es war dies eine Gefahr, an welche er bisher noch gar nicht gedacht hatte.

»Wer hat es Dir verboten?« fragte er athemlos.

»Die Andern,« antwortete der Mann, indem er sich eine andere, dem Ufer zustrebende Richtung gab.


// 1909 //

»Also Empörung? Meuterei?«

»Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich könnte Sie bereits verlassen haben; aber so lange mir das Floß noch gute Dienste leistet, will ich Ihnen Rede stehen.«

»Donnerwetter! Warum will man mir nicht mehr gehorchen?«

»Weil man Sie nicht mehr gebrauchen kann.«

»Weil ich blind bin? Ich habe Euch doch zu der heutigen Beute verholfen.«

»Wir haben sie ja noch gar nicht.«

»Wir werden sie erhalten. Wir werden den Angriff wiederholen.«

»Das geht ohne Sie besser, als mit Ihnen. Sie hindern uns nur, Sennor.«

»Denke an die Prisengelder.«

»Die mögen wir nicht. Das Ganze ist uns lieber.«

»Ah! Ist es darauf abgesehen. Mann, sage mir die Wahrheit. Soll ich wirklich verlassen werden?«

»Ja.«

Eine entsetzliche Angst begann sich Cortejo's zu bemächtigen.

»Was will man mit mir thun?« fragte er bebend.

»Erst wollte man Sie tödten - - -«

»Heilige Madonna! Das ist doch unmöglich!«

»Dann aber hat man beschlossen, Sie auf diesem Flosse dem Strome zu übergeben. Das Weitere wird sich von selbst finden.«

»Mensch, und das wolltest Du thun?«

»Ja; ich muß.«

»Daran werde ich Dich denn doch verhindern.«

Er hatte sich lang auf das Floß hingestreckt. Sein Kopf befand sich ganz in der Nähe der Stelle, an welcher der Schwimmer das Floß gefaßt hatte.

»Wie wollten Sie dies anfangen?« fragte der Mann.

»In dieser Weise.«

Er griff, obgleich er nichts sehen konnte, zu und faßte die Hand des Mannes fest.

»Ah,« sagte dieser; »Sie wollen mich festhalten?«

»Ja.«

»Das bringen Sie nicht fertig.«

»Ich werde es darauf ankommen lassen.«

»Sie werden bald sehen, wie leicht es ist, sich eines Blinden zu erwehren.«

»Gott, ist so etwas möglich? Was habe ich Euch gethan?«

»Nichts, Sennor.«

»So darfst Du mich auch nicht verlassen.«

»Ich muß.«

»Ich gebe Dir doppeltes Prisengeld.«

»Ich werde mehr bekommen. Wir theilen die ganze Ladung unter uns.«

»Dreifaches Prisengeld.«

»Hilft nichts, Sennor.«

»Fünffaches.«

»Ist noch zu wenig. Ich lasse mich überhaupt nicht erkaufen. Ich darf Sie gar nicht wieder zurückbringen.«


// 1910 //

»So rette mich wenigstens.«

»Auf welche Weise?«

»Bringe mich an das Ufer und besorge heimlich zwei Pferde. Wenn Du mich glücklich nach der Hazienda zurückbringst, werde ich es Dir lohnen.«

»Dabei verliere ich meinen Antheil an der Prise.«

»Ich ersetze es Dir.«

»Das ist ungewiß, Sennor, höchst ungewiß.«

»Ich gebe Dir mein Ehrenwort; und versichere es Dir und beschwöre es bei allen Heiligen.«

»An Ihr Ehrenwort glaube ich nicht und an die Heiligen glauben Sie nicht.«

»Hallunke.«

»Sie schimpfen?«

Cortejo sah ein, daß es unmöglich sei, hier durch Grobheiten Etwas auszurichten.

»Ich bitte Dich, handle nicht so schlecht und unmenschlich an mir!« sagte er.

»Giebt es nicht Menschen, an denen Sie noch schlimmer gehandelt haben?«

»Nein!«

»Sie lügen! Ich weiß, was man sich von Ihnen erzählt.«

»Es ist die Unwahrheit. Höre, wenn Du mich nach der Hazienda del Erina bringst, sollst Du Eigenthümer der ganzen Hazienda sein!«

»Sie können sie nicht verschenken, sie gehört ja gar nicht Ihnen.«

»Ich bin jetzt der Besitzer!«

»Wie lange? Man wird Sie dort verlassen, wie man Sie hier verläßt.«

»Ich gebe Dir zwanzigtausend Pesos!«

»Pah! Viel zu wenig!«

»Fünfzigtausend!«

»Noch zu wenig!«

»Hunderttausend!«

»Woher wollen Sie diese Summe nehmen?«

»Ich bin reich!«

»Sie sind arm. Sie sind geächtet und aus dem Lande verwiesen. Wenn man Sie ergreift, so werden Sie einfach aufgehenkt.«

»Ich habe mir große Summen weggesteckt!«

»Ehe wir dahin kommen, wo Sie dieses Geld haben, können wir Beide ergriffen und getödtet worden sein. Nein, Sennor, ich thue nicht mit. Lebt wohl!«

»Bleib! Ich biete Dir noch mehr!« bat er angstvoll.

»Sie haben nichts zu bieten, denn Sie besitzen gar nichts mehr!«

»Ich biete Dir mehr, als Du ahnst! Kennst Du meine Tochter?«

»Sennorita Josefa? Ja.«

»Bist Du verheirathet?«

»Nein.«

»Nun, so biete ich sie Dir zum Weibe an!«

Da stieß der Mexikaner ein halblautes, heißeres Hohnlachen aus.

»Sind Sie verrückt, Sennor Cortejo?« fragte er.


// 1911 //

»Verrückt? In wiefern?«

»Ein solches Anerbieten kann nur ein ganz und gar Verrückter machen!«

»Du giebst also zu, daß es beinahe Wahnsinn ist, einem früheren Vaquero, welcher jetzt so ziemlich ein Räuber ist, die Tochter eines Hidalgo anzubieten?«

Hidalgo ist eigentlich ein Edelmann; so aber wird in Mexiko auch Jeder genannt, der reich ist oder überhaupt in einem ansehnlicheren Range steht.

»Hidalgo?« fragte der Mann. »Sie wollen doch nicht etwa sagen, daß Sie ein Hidalgo sind! Sie sind all Ihr Lebtag nur das gewesen, was Sie von mir sagen: ein Räuber, ein Betrüger. Und Ihre Tochter? Diese Vogelscheuche! Ich sage Ihnen: Wenn ich bereits an der Leiter des Galgens stände, und ich könnte mich dadurch retten, daß ich Ihre Tochter zum Weibe nähme, ich würde mich doch lieber hängen lassen. Sie sind wirklich verrückt. Lassen Sie mich los!«

Sie waren jetzt mit dem Flosse dem Ufer nahe gekommen.

»Nein, ich lasse Dich nicht los!«

Mit diesen Worten klammerte Cortejo seine Finger mit doppelter Kraft um das Handgelenk des Mexikaners.

»Nun, so brauche ich Gewalt!« sagte dieser.

Er zog mit der andern Hand seine Machete aus dem Gürtel und legte die Schneide des haarscharfen Messers auf die Hand Cortejo's. Als dieser den Stahl fühlte, fragte er:

»Du willst mich verletzen?«

»Ich ersuche Sie, mich loszulassen, sonst haue ich Ihnen die Hand ab!«

Bei dieser Antwort zog Cortejo rasch seine Hand zurück.

»So!« sagte der Andere. »Schwimmt, wohin Ihr wollt!«

Er gab dem Flosse einen kräftigen Stoß, so daß dasselbe wieder der Mitte des Stromes zutrieb, dann schwamm er an das Ufer.

Cortejo fühlte den Stoß.

»Bist Du fort?« fragte er.

Keine Antwort ertönte.

»Antworte! Ich bitte Dich um Gotteswillen, antworte!«

Aber so sehr er auch lauschte, es ließ sich nichts hören.

»Allein! Allein! Blind und verlassen! Bei lebendigem Leibe dem sichern Tode übergeben! Was thue ich? Wie rette ich mich?«

Er besaß Thatkraft genug, um die Parthie noch nicht aufzugeben.

»Ah!« sagte er. »Wer hindert mich, mich selbst an das Ufer zu rudern? Dann werde ich zu ihnen treten und ein strenges Gericht halten. Es wird noch Viele unter ihnen geben, welche zu mir halten. Vorwärts also!«

Er glitt vom Flosse herab, hielt sich an demselben fest und arbeitete sich, wie er meinte, dem Ufer entgegen. Aber er konnte nicht sehen. Das Floß hatte sich gedreht und drehte sich noch immerfort; er merkte dies daran, daß er abwechselnd die Strömung mit sich und gegen sich hatte. Es war ihm als Blinder unmöglich, die Richtung einzuhalten.

»Es geht nicht!« jammerte er, als er sich fast außer Athem gearbeitet hatte. »Ich bin verloren; es giebt keine Rettung für mich. Selbst wenn ich um Hilfe rufe, habe ich nichts zu hoffen. Dieser englische Lord wird mich hören und eins


// 1912 //

seiner Boote nach mir senden; ich falle dann in seine Hände. Nur ein günstiger Zufall kann mich retten. Ich muß abwarten, ob die Strömung mich vielleicht an das Ufer treibt.«

Er kroch wieder auf das Floß und streckte sich lang über dasselbe hin.

Das Arbeiten im Wasser hatte ihn geschwächt. Seine Augen schmerzten ihn wieder außerordentlich, und er nahm das Tuch herab, um sie mit Wasser zu kühlen.

So wurde er von der Strömung stromab getragen.

Trotz der in jenen Ländern herrschenden Tageswärme sind die Nächte dort sehr kalt. Cortejo's Kleidung war durchnäßt, und bald fühlte er sich von einem harten Froste ergriffen. Dazu kam noch das Wundfieber und der Schmerz, welcher der Anwendung des Wassers nicht weichen wollte. Er getraute sich nicht, zu wimmern, und doch hätte er vor Schmerz laut aufbrüllen mögen.

Er verlebte Viertelstunden, welche ihm zu Ewigkeiten wurden, aber es kam ihm nicht eine Spur des Gedankens, daß er diese Qualen verdient habe.

Endlich fühlte er einen Ruck. Das Floß war an das Ufer gestoßen. Er tastete mit der Hand hin und ergriff einen Zweig, an welchen er sich festhielt. Bei einer genaueren Untersuchung merkte er, daß das Floß so weit über das flache Ufer heraufgetrieben worden sei, daß es fest saß.

Er blieb noch liegen, um seiner Augen willen, welche des kalten Wassers so sehr bedurften, und der unausgesetzte Gebrauch desselben hatte wirklich zur Folge, daß der Schmerz sich verminderte. Auch das Fieber ließ nach.

Jetzt kroch er an das Land, eine ganze Strecke durch Schilf und Sträucher hindurch, um sich eine Lagerstelle zu suchen.

»Zunächst muß ich mich verstecken,« murmelte er, »damit mich meine Leute nicht finden, wenn sie etwa suchen sollten.«

Nur durch den Tastsinn konnte er sich überzeugen, ob er sich an einer Stelle befinde, welche ihm die gewünschte Bergung gewährte. Dann streckte er sich hin.

»So bin ich wenigstens nicht ertrunken!« sagte er sich. »Noch habe ich Glück. Wer weiß, auf welche Art ich noch Rettung finde!«

Die Anstrengung, der Schmerz und das Fieber hatten ihn so angegriffen, daß er in einen Schlaf versank, welcher zwar unruhig war, ihm aber doch für diese Zeit Vergessenheit gewährte. Er wurde durch die Kälte geweckt und fühlte an dem Hauche des sich erhebenden Winds und an dem eigenthümlichen Nebelgeruche, daß der Morgen nahe sei.

»Was wird der Tag mir bringen?« fragte er sich.

Aber eine Antwort konnte er sich nicht geben. Doch bald' fand sich Etwas, was ihm tausendmal lieber war, als wenn er sich diese Frage hätte beantworten können. Er merkte nämlich, daß das Sehvermögen seines linken Auges noch nicht erloschen sei. Als die Sonne erschien und ihre ersten Strahlen auf das Wasser warf, so daß die Oberfläche desselben goldig erglitzerte, war es ihm, als ob er dieses Gold in seinem Auge leuchten sehe. Dies war keine Täuschung. Zwar war das Auge sehr entzündet, aber von Viertelstunde zu Viertelstunde besserte es sich, und als es Mittag war, konnte er bereits seine Hände bemerken, wenn er sie nahe genug an das Auge hielt.


// 1913 //

Während Geiernase ihm mit dem einen Revolverlaufe das Auge geradezu herausgebohrt hatte, war er mit dem andern Laufe etwas zu hoch gekommen und hatte nur mehr die äußeren Theile des Auges verletzt, welche nun allerdings bedeutend geschwollen waren.

So verging noch eine Zeit. Da horchte Cortejo auf. Es war ihm, als ob er Pferdegetrappel gehört habe. Ja, richtig! Jetzt erklang ein lautes Schnaufen, welches nur von einem Pferde herrühren konnte.

Wer kam? Wer war das, welcher nahte? Sollte Cortejo rufen?

Es konnte ein Feind sein, aber auch Einer, welcher bereit gewesen wäre, ihn zu retten.

Indem er noch so nachsann, hörte er in französischer Sprache die Worte:

»Immer toll, Rappe! Laß doch den Braunen gehen!«

Ein Franzose. Ah, das war gefährlich. Die Hoffnung Cortejo's fiel wieder bis unter Null herab. Aber einige Zeit darauf erklang es abermals:

»Nur hinein in's Wasser! Drüben ist unsere Hütte und besseres Futter.«

Unsere Hütte? Der Mann wohnte also drüben am texanischen Ufer. Er war kein Feind, kein Franzose, kein Mexikaner. Cortejo beschloß, es zu wagen.

»Hallo!« rief er.

Es blieb Alles ruhig, außer daß er es im Wasser plätschern hörte.

»Hallo!« wiederholte er, dieses Mal lauter.

Und da ließ sich auch eine Antwort hören:

»Hallo! Wer ruft denn da am Lande?«

»Ein Verunglückter, welcher Hilfe sucht!«

»Ein Verunglückter? Da darf man nicht zögern. Wo stecken Sie?«

»Hier.«

»Ja, wo ist das »Hier«? Geben Sie mir den Baum oder Strauch an. Ich schwimme nämlich mit den Pferden im Wasser.«

»Ich kann das nicht angeben, denn ich bin blind.«

»Donnerwetter! Blind in dieser Wildniß? Das ist schlimm! Aber ich komme bereits. Rufen Sie noch einmal, damit ich mich nach Ihrer Stimme richten kann.«

»Hallo! Hallo!«

»Gut, jetzt weiß ich es! Na, Rappe, nimm wieder Land. Wir schwimmen später.«

Cortejo hörte ein Gestampfe von Hufen und dann die Tritte der Thiere, welche sich ihm näherten. Dann sprang neben ihm ein Mann zu Boden.

»Mein Gott, Sennor, wie sehen Sie aus!« rief derselbe.

»Schlecht, nicht wahr?«

»Zum Erbarmen! Wer sind Sie?«

»Davon später. Sagen Sie mir zunächst, wer Sie sind!«

»Eigentlich hätte ich das Recht, auf die Beantwortung meiner Frage zu dringen, da ich es bin, der Ihnen zu Hilfe kommt!«

»Sie haben recht. Aber ich kann nicht sehen; ich muß doppelt vorsichtig sein.«

»Gut, ich will das gelten lassen. Ich bin ein Jäger von drüben herüber.«

»Ein Texaner?«


// 1914 //

»Ja.«

»Wohl ein Yankee?«

»Ja, aber französischer Abstammung.«

»Woher kommen Sie?«

»Von Cohahuila.«

»Ah! Welcher Parteirichtung gehören Sie an?«

»Gar keiner.«

»Sie sagen die Wahrheit?«

»Ja. Was kümmern mich die Parteihändel! Ich bin Mann für mich.«

»Wie heißen Sie?«

»Grandeprise.«

»Grandeprise? Ah, das ist ein höchst eigenthümlicher Name.«

»Wenigstens ist er selten.«

»Und dennoch habe ich ihn bereits gehört.«

»Wo?«

»An verschiedenen Orten. Haben Sie Verwandte?«

Das war dem Manne denn doch zu viel.

»Hört, Sennor,« sagte er, »Sie scheinen wahrhaftig aus lauter Fragen zusammengesetzt zu sein. Ich denke aber, es würde besser sein, wir sehen einmal nach Ihren Augen, als daß wir uns mit solchen müßigen Erkundigungen beschäftigen.«

»Verzeihung, Sennor Grandeprise! Sie haben recht. Sehen Sie mich einmal an!«

Der Mann bog sich zu ihm herab und sagte:

»Sagen Sie mir doch um Gottes willen, wie Sie zu dieser Blessur gekommen sind!«

»Man hat es förmlich darauf abgesehen, mich des Augenlichtes zu berauben.«

»Aber warum?«

»Aus politischer Mißgunst. Haben Sie einmal den Namen Cortejo gehört?«

»Ja. Sie meinen doch den sonderbaren Kerl, der das Bild seiner Tochter in alle Welt verschenkt, weil er gedenkt, dadurch Präsident von Mexiko zu werden?«

»Ja, den meine ich. Was halten Sie von ihm?«

»Daß es der größte Esel ist, den es nur geben kann. Er wird überall ausgelacht.«

Diese Worte gaben Cortejo einen Stich durch die Seele. Also er hatte so große Opfer gebracht, nur um sich unsterblich zu blamiren!

»Wissen Sie vielleicht, wo er sich jetzt befindet?« fragte er.

»Nein. Mir ist es ganz gleich, wo solche Kerls stecken. Wäre ich nicht ganz zufälliger Weise Juarez begegnet, so wüßte ich auch nicht, wo er ist.«

»Ah! Sie sind Juarez begegnet?«

»Ja.«

»Wann?«

»Vor ganz kurzer Zeit.«


// 1915 //

»Wo?«

»Hier im Walde.«

Das konnte Cortejo gar nicht glauben.

»Das ist ja unmöglich!« sagte er. »Wie sollte Juarez hier in den Wald kommen!«

»Wie? Nun, sehr einfach: zu Pferde. Ich habe sogar mit ihm gesprochen.«

»Aber er ist ja in Paso del Norte!«

»Wer sagt Ihnen denn das?«

»Einer, der es sehr genau weiß. Ein Engländer, welcher zu ihm will.«

»Ein Engländer, hm, wo haben Sie denn den getroffen?«

»Gestern Nachmittag, hier am Flusse.«

»Alle Wetter, es wird doch nicht etwa - - - Beschreiben Sie ihn mir einmal.«

»Ein hagerer, langer Mann mit einer ungeheuren Nase, grauer Anzug mit Regenschirm, Cylinderhut und einen Zwicker auf der Nase.«

»Ah, das war ein Engländer?«

»Ja,«

»Da irren Sie sich nun allerdings gewaltig.«

»Wer sollte es denn sein?«

»Das war Geiernase, der Jäger und Pfadfinder, aber kein Engländer.«

»Geiernase? Ich dächte, von diesem Manne hätte ich schon einmal sprechen hören.«

»Er ist berühmt hier an der ganzen Grenze herum. Aber ich sage Ihnen noch einmal, wir wollen erst nach Ihren Augen sehen, dann können wir weiter sprechen. Es wird nothwendig sein, Sie zu verbinden. Haben Sie kein Tuch oder so etwas bei sich?«

»Ich hatte eins, aber es ist mir verloren gegangen.«

»Nun, so kann ich Ihnen das meinige geben. Wie ich sehe, ist Ihr rechtes Auge vollständig fort. Das linke ist vielleicht noch zu retten. Die Lider sind so dick geschwollen, daß man den eigentlichen Augapfel gar nicht sehen kann. Ich werde Sie verbinden.«

Er ging an das Wasser, tauchte sein Tuch in dasselbe und band es ihm um die Augen.

»So, das mag einstweilen sein,« sagte er dann. »Ich kenne das indianische Wundkraut. Wir werden es suchen und finden, und dann sollen Sie sehen, wie schnell sich die Verletzung bessern wird. Ich werde Sie auf meinem Pferde über den Fluß bringen, und dann können Sie die Heilung bei mir in Ruhe abwarten.«

»Das geht nicht, Sennor.«

»Warum nicht?«

»Ich muß unbedingt zu den Meinen.«

»Wo sind sie?«

»Ist Ihnen vielleicht die Hazienda del Erina bekannt?«

»Welche dem alten Petro Arbellez gehört? Ja. Ich bin einige Male dort eingekehrt.«


// 1916 //

»Nun, dort befinden sich die Leute, welche mich erwarten.«

»So sind Sie wohl gar ein Verwandter von Petro Arbellez?«

Cortejo getraute sich nicht, die Wahrheit einzugestehen. Er antwortete:

»Ja, Arbellez ist ein sehr naher Verwandter von mir. Sind Sie vielleicht einmal droben auf Fort Guadeloupe gewesen, Sennor?«

»Ja, Sennor.«

»So kennen Sie wohl den alten Wirth Pirnero dort?«

»Der nur von Schwiegersöhnen spricht? O, den kenne ich sehr gut.«

»Er ist mein Verwandter ebenso wie Arbellez. Auch ich heiße Pirnero. Ich komme von ihm; ich wollte nach Camarcho hinab und dann nach del Erina. Nicht weit von hier aber wurde ich von einer Bande Apachen aufgefangen und so zugerichtet, wie Sie mich hier gefunden haben.«

»Diese Hunde! Es wundert mich, daß sie Sie nicht gar getödtet haben.«

»O, sie hatten es noch schlimmer mit mir im Sinne. Ich sollte langsam verschmachten oder mit vollem Wissen dem elenden Tode des Ertrinkens entgegengehen. Darum setzten sie mich, nachdem sie mich blind gemacht hatten, auf ein Floß und übergaben mich den Wogen. Wäre ich hier nicht an das Land getrieben worden und hätte Gott nicht Sie mir zugeführt, so wäre ich verloren gewesen.«

»Ja, Gott schützt den Gerechten, Sennor; diese Erfahrung habe ich stets gemacht. Hat er mich Ihnen gesendet, so werde ich Sie auch nicht verlassen. Uebrigens weiß ich gar nicht, was diese Apachen hier am unteren Flusse wollen. Auch ich bin einem Trupp von ihnen begegnet, und da war eben jener Geierschnabel und auch Juarez dabei.«

Juarez in der Nähe, das mußte Cortejo noch besorgter machen, als er es bereits so schon war. Darum fragte er:

»Haben Sie mit ihm gesprochen?«

»Ja.«

»Wissen Sie, was er hier wollte?«

»Nein.«

Cortejo wußte das sehr gut. Es verstand sich ja von selbst, daß Juarez nur gekommen sein konnte, um mit dem Lord zusammen zu treffen. Er meinte:

»Es ist sehr zu verwundern, daß Juarez sich hierher wagen kann!«

»Zu verwundern? Weshalb denn?«

»Nun, weil die Franzosen diesen Ort besetzt halten!«

»Da irren Sie sich sehr. Sie wissen wohl noch gar nicht, daß Juarez Chihuahua und Cohahuila genommen hat?«

»Kein Wort weiß ich davon.«

Das hatte Cortejo allerdings nicht erwartet. Die Sorge um seine Sicherheit verdoppelte, nein sie verzehnfachte sich. Befanden die beiden Provinzen sich wirklich in der Hand dieses Mannes, so war es Cortejo unmöglich, sich auf del Erina zu halten.

»Sie wissen das genau, was Sie da sagen?«

»Ich habe ja Juarez gesehen. Ich komme aus Cohahuila, wo die Truppen, welche er bei sich hat, bereits zu mehreren Tausenden zählen.«


// 1917 //

»Mein Gott, wie schlimm!« entfuhr es da Cortejo.

»Schlimm? Haben Sie von Juarez zu fürchten?«

»Ja. Ehe ich nach Fort Guadeloupe kam, war ich in el Paso del Norte, wo ich das Unglück hatte, mir Juarez zum Feinde zu machen.«

»Wie ich ihn kenne, ist er nicht rachsüchtig noch grausam.«

»O, es handelt sich hier nicht um Persönlichkeiten, sondern um politische Sachen.«

»Hm, so sind Sie der Anhänger einer anderen Partei?«

»Ja.«

»Dann müssen Sie sich allerdings in Acht nehmen. Am Besten ist es, Sie suchen einen Ort auf, der noch von den Franzosen besetzt ist.«

»Auch diese sind meine Feinde.«

»Das ist allerdings doppeltes Unglück. Aber Sie dauern mich. Was ich für Sie thuen kann, das werde ich sehr gern thun.«

»O, wenn Sie mich nach del Erina bringen könnten!«

»Hm, das ist eine schlimme Geschichte! Der Weg ist weit und Sie sind verwundet und blind. Auch dürfen Sie sich, wie es scheint, von Niemandem sehen lassen.«

»Ich werde Sie reich belohnen.«

»Sind Sie denn reich?«

»Ja.«

»Das läßt sich allerdings hören. Ich stehe zwar gern einem jeden Hilfsbedürftigen bei, ohne zu fragen, was er ist, aber Sie nach der Hazienda del Erina zu bringen, das ist denn doch etwas Außergewöhnliches. Und wenn man sich etwas verdienen kann, so soll man nicht so dumm sein, es zurückzuweisen.«

»Gut! Wie viel fordern Sie, wenn Sie mich sicher und schnell nach der Hazienda bringen?«

»Wie viel bieten Sie?«

»Tausend Dollars. Ist das genug?«

»Tausend Dollars? Donnerwetter, da müssen Sie allerdings ein sehr reicher Mann sein. Ich gehe natürlich sofort darauf ein.«

»Wie lange werden wir brauchen, um hin zu kommen?«

»Das läßt sich jetzt noch nicht sagen. Sind Sie ein guter Reiter?«

»Ja.«

»Nun, so kommt es noch darauf an, welche Hindernisse sich uns in den Weg legen. Je mehr es sind, desto langsamer kommen wir vorwärts.«

»Ich kann es nicht sehen. Sind Ihre Pferde gut?«

»Sie sind ganz leidlich, jetzt aber allerdings ermüdet.«

»Können wir unterwegs nicht andere bekommen?«

»Warum nicht? Pferdeheerden gehören zu einer jeden Hazienda. Da können wir tauschen. Wollen wir aber ganz ehrlich sein, so kaufen wir. Ich habe so viel Geld bei mir, daß ich zwei Pferde bezahlen kann.«

»O, auch ich bin mit Geld versehen. Diese Apachen haben versäumt, es mir abzunehmen. Ich werde gerade so viel in Gold bei mir haben, wie ich Ihnen versprochen habe.«


// 1918 //

»Das ist gut. Man weiß nicht, wann und wie man es gebrauchen kann.«

»Sie sind also bereit, mich zu geleiten?«

»Hm, was will man machen? Sie stecken in der Noth, und ich helfe gern. Außerdem giebt es tausend Dollars zu verdienen. Ja, ich gehe mit.«

»Ich danke Ihnen! Erreichen wir die Hazienda glücklich, so kommt es mir auch noch auf eine besondere Gratification nicht an. Wann brechen wir auf?«

»Mir einerlei.«

»Sie müssen nicht erst nach Ihrer Wohnung hinüber?«

»Nein.«

»Das ist gut. Ich besorge nämlich, daß diese Apachen das Ufer absuchen, um zu sehen, ob ihnen ihr Streich gelungen ist. Finden sie mich, so bin ich verloren.«

»Und ich mit, weil sie mich bei Ihnen treffen. Also sofort aufbrechen?«

»Ja.«

»Werden Sie aber bei Ihrem Zustande einen solchen Ritt vertragen können?«

»Man muß das abwarten.«

»Gut, so wollen wir auch keine Zeit verlieren. Forschen die Apachen nach, so finden sie ganz sicher unsere Fährte. Sie werden uns dann verfolgen. Darum schlage ich vor, die ganze Nacht hindurch zu reiten, damit wir einen tüchtigen Vorsprung erhalten. Morgen früh nehmen wir dann frische Pferde.«

Sie bestiegen die beiden Thiere und ritten davon.

Cortejo fiel das Reiten außerordentlich schwer. Er fühlte jeden Schritt des Thieres in seinem verletzten Kopfe, aber er wußte, daß in der Eile seine Rettung lag, und so biß er die Zähne zusammen und versuchte, die Schmerzen im Stillen zu ertragen, was ihm allerdings nur schwer gelang.

Als sie den Urwald hinter sich und die offene Prärie vor sich hatten, sprach der Jäger, ihn mit besorgten Blicken musternd:

»Sie leiden Schmerzen, Sennor Pirnero?«

»Ja,« antwortete der Gefragte.

»Wollen wir ein wenig ausruhen?«

»Nein. Nur vorwärts.«

»Gut! Jetzt sind wir Trab geritten, das erschüttert natürlich Ihr Gehirn. Da wir nun aber die freie Savanne vor uns haben, können wir galoppiren. Das wird Ihnen weniger wehe thun.«

Grandeprise hatte recht. Cortejo konnte den Galopp viel besser vertragen. Zwar brannten ihm die Augenwunden und er fieberte, aber bei jedem Wasser, an welches sie kamen, wurde das Tuch von Neuem genäßt, und kurz vor Einbruch des Abends gelang es dem Jäger, das gesuchte Wundkraut zu finden. Er steckte einen Vorrath davon zu sich und kaute einige Stengel und Blätter, um sie Cortejo auf die Verletzungen zu legen. Es währte auch gar nicht lange, so fühlte dieser die lindernde Wirkung desselben.

Sie ritten die ganze Nacht hindurch. Am Morgen waren die Pferde so ermüdet, daß sie anhalten mußten. Cortejo war so angegriffen, daß er fast aus dem Sattel fiel. Ohne das Wundkraut hätte er sich nicht halten können.

Sie lagerten an einem kleinen Buschwerke. In der Ferne waren die Gebäude einer Meierei zu sehen.


// 1819 //

»Da drüben liegt eine Hazienda,« sagte Grandeprise. »Soll ich hinüber gehen und Pferde holen, während Sie sich ausruhen?«

»Ja. Aber Sennor, werden Sie auch wiederkommen?«

Nur die äußerste Angst konnte ihm diese Frage auf die Lippen legen.

»Halten Sie mich für einen Schuft?« antwortete Grandeprise. »Ich habe Ihnen mein Wort gegeben, und ich bin nicht gewohnt, es zu brechen.«

»So gehen Sie. Werden Sie die Pferde einfangen, ohne zu fragen?«

»Man könnte es wagen, aber ich meine, daß es besser ist, ich spreche mit den Leuten. Ich nehme die unserigen mit und vertausche sie. Auf diese Weise werde ich wenig darauf zu geben haben. Die Sättel und das Zaumzeug lasse ich Ihnen hier. Das mag Sie zugleich überzeugen, daß ich sicher wiederkomme.«

Er nahm den Pferden das Lederzeug ab und ritt dann davon.

Cortejo fühlte sich heute bereits viel sicherer wie gestern. War er ja doch der allernächsten und größten Gefahr entgangen. Auch schien es ihm, als ob er sich auf Grandeprise verlassen könne. Dieser Jäger hatte ein zwar rauhes, aber gerades und aufrichtiges Wesen. Der Kranke fiel, als der Hufschlag verklungen war und ringsum tiefe Stille herrschte, in einen Schlummer, welcher sehr lange gedauert haben mußte, denn als er erwachte, hörte er Hufgestampfe neben sich. Grandeprise war also bereits zurückgekehrt.

»Endlich wachen Sie auf!« sagte der Jäger, als er bemerkte, daß Cortejo sich zu regen begann.

»Habe ich lange geschlafen?« fragte dieser.

»Eine ganze Ewigkeit. Fast ist der Mittag nahe.«

»Wetter, so müssen wir aufbrechen!«

»Nur Geduld! Selbst wenn man uns verfolgen sollte, ist unser Vorsprung groß genug, um uns zu beruhigen.«

»Haben Sie Pferde?«

»Ja, ein paar Prachtthiere. Wir werden fliegen wie die Falken. Leider aber sind wir zu einem großen Umweg gezwungen.«

»Warum?«

»Denken Sie sich! Da ist in Reinosa eine Schaar von über tausend Freiwilligen aus den Vereinigten Staaten gelandet. Sie wollen zu Juarez und haben die ganzen Haziendas besetzt, welche zwischen hier und Marin liegen. Wir müssen, um nicht auf sie zu treffen, bis zum Rio del Tigre hinab und um Monterrey herum, so daß wir anstatt von Norden, von Osten her auf die Hazienda gelangen.«

»Das ist schlimm. Haben wir diese Leute wirklich so zu scheuen?«

»Gewiß, Sennor. Kennt man Sie hier zu Lande persönlich?«

»Ja.«

»Nun, es ist anzunehmen, daß Juarez diesen Freischaaren Truppen entgegensendet, um sie an sich zu ziehen. Unter diesen Truppen könnten Männer sein, welche Sie kennen. Uebrigens bestehen diese Freischaaren aus lauter geschulten Jägern, welche anders aufzupassen gewohnt sind als die Mexikaner. Es geht wirklich nicht anders. Ihre Sicherheit erfordert es, diesen Umweg zu machen.«

»Wie viel Zeit verlieren wir dadurch?«

»Zwei Tage.«


// 1920 //

»Das ist viel, sehr viel! Wir müssen sofort aufbrechen!«

»Halt, nicht sofort! Ich habe da Proviant mitgebracht. Wir wollen zunächst Etwas essen. Sodann lege ich Ihnen neues Wundkraut auf, und dann können wir in den Sattel steigen. Wenn man im Begriffe steht, zwei volle Tage zu verlieren, so kommt es auf eine weitere halbe Stunde nicht an.«

Obgleich Cortejo sich sehr leidend fühlte, schmeckten ihm die mitgebrachten Tortillas (kleine Maiskuchen) recht gut. Der leere Magen erhielt Nahrung und hatte kaum die Arbeit des Verdauens begonnen, so war es dem Kranken, als ob eine ganz neue Kraft durch seinen Körper gehe. Dieses wohlthuende Gefühl machte ihn zu einer kurzen Unterhaltung aufgelegt.

»Sie nahmen es mir gestern übel, als ich nach Ihrer Familie frug?« begann er.

»Uebel nehmen? O nein! In der Wildniß hat ein Jeder das Recht, Auskunft zu verlangen; nur schien mir diese Auskunft nicht so nothwendig zu sein, wie der Verband Ihrer Wunden.«

»So darf ich heute auf meine Fragen zurückkommen?«

»Ich habe nichts dagegen.«

»Erinnern Sie sich, daß ich Ihnen sagte, Ihr Name sei mir bekannt?«

»Ja, ich erinnere mich.«

»Haben Sie vielleicht Verwandte, welche noch leben?«

»Nein.«

»Ah, so ist alles weitere Fragen nutzlos.«

»Warum?«

»Hätten Sie einen Verwandten, welcher Seemann ist, so würden Sie mein - - -«

»Seemann?« unterbrach ihn der Jäger schnell. »Wie kommen Sie darauf?«

»Weil ich einen Seemann kenne, welcher Grandeprise heißt.«

»Lebt er noch?«

»Ja.«

»So ist es Der nicht, den ich meine. Ich habe nämlich in Wirklichkeit einen Verwandten gehabt, welcher Seemann war.«

»Und auch Grandeprise hieß?«

»Nein. Er hieß anders; aber er legte sich diesen meinen Namen bei, um mich zu blamiren und um meinen moralischen Credit zu bringen.«

»So läßt sich vermuthen, daß er diesen Namen nicht mit Ehren trug?«

»Allerdings. Er war Pirat - Seeräuber.«

»Donnerwetter!« rief Cortejo. »Was Sie sagen, Seeräuber?«

»Ja, Seeräuber, Sclavenhändler, alles Mögliche.«

»Diente er an Bord eines Schiffes oder war er selbst Kapitän?«

»Er war Capitän.«

»Wem gehörte das Schiff?«

»Wer weiß es.«

»Wie hieß das Schiff?«

»Der »Lion« war sein Name.«

»Wirklich? Wirklich? Ah! So ist es doch der Mann, den ich meine.«


Ende der achtzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk