Lieferung 87

Karl May

31. Mai 1884

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


// 2065 //

»Thierarzt? Hm! Ein schönes Handwerk. Das Vieh ist leichter zu kuriren, als das Menschenpack. Da habt Ihr wohl in Rheinswalden zu thun?«

»Ja, ich wurde vorhin einer kranken Kuh wegen geholt.«

»Schießt sie todt, da ist sie geheilt, und Ihr seid die Plage los.«

Der Kleine sah den Großen erschrocken an.

»Wo denken Sie hin,« sagte er. »Eine Kuh todtschießen.«

»Pah, ich habe viele Hunderte todtgeschossen.«

Der Kleine machte ein sehr ungläubiges Gesicht und meinte:

»Das glaube Ihnen der Teufel!«

»Wollte es dem Teufel auch gerathen haben. Wenn er Etwas, was ich sage, nicht glauben wollte, so wäre ihm sein Brod gebacken.«

»Na, schneiden Sie nicht so sehr auf.«

Da spitzte der Fremde den Mund. »Pchtichchchchch,« klang es, und dabei spritzte er dem Kleinen einen Strahl dicken, dunklen Tabakssaftes so nahe am Gesicht vorüber, daß dieser erschrocken zurückwich.

»Donnerwetter. Nehmen Sie sich doch in Acht,« rief er. »Passen Sie auf, wo Sie hinspucken.«

»Weiß es ganz genau,« versicherte der Fremde ruhig.

Der Kleine betrachtete ihn mit scheuem Blicke von oben bis unten und fragte dann:

»Sie kauen wohl Tabak?«

»Ja.«

»Warum rauchen oder schnupfen Sie nicht lieber?«

»Zum Rauchen fehlt mir der Geschmack, und zum Schnupfen ist mir meine Nase zu lieb.«

»Na, der sieht man es auch an, daß Sie sie lieb haben. Aber das Tabakkauen ist fürchterlich ungesund.«

»Meinen Sie?« fragte der Fremde im Tone der Ueberlegenheit.

»Ja. Ich als Thierarzt muß das verstehen.«

»So, so. Hm! Da lassen Sie das liebe Vieh wohl nicht Tabak kauen?«

»Fällt mir gar nicht ein.«

»Sondern lieber rauchen oder schnupfen?«

»Machen Sie keine dummen Witze über die hockgeehrte Wissenschaft. Ohne sie würde manches Thier zu Grunde gehen.«

»Ja, und ohne sie würde mancher Mensch leben bleiben. Also eine Kuh wollen Sie heut kuriren?«

»Ja. Sie hat die Perlsucht.«

»Wem gehört sie denn?«

»Frau Helmers auf dem Vorwerke neben dem Schlosse.

 »Helmers? Hm. Ist diese Frau Wittwe?«

»Ja und nein.«

»Wie meinen Sie das?«

»Ihr Mann wird wohl gestorben sein, aber sie kann es nicht beweisen. Er hat nämlich eine weite Reise gemacht und ist nicht wieder zurückgekehrt.«

»Wohin?«


// 2066 //

»Die letzte Nachricht ist aus Mexiko gekommen.«

»Wann?«

»Am Ende des Herbstes.«

»Hm,« meinte der Fremde nachdenklich. »Rheinswalden ist ein Schloß?«

»Ja.«

»Wem gehört es?«

»Dem Herrn Hauptmann und Oberförster von Rodenstein.«

»Ist dieser Mann verheirathet?«

»Nein, aber er hat einen Sohn.«

»Der wohnt mit auf Rheinswalden?«

»Nein, sondern auf Rodriganda.«

»Rodriganda? Was ist das?«

»Ein Schloß in der Nachbarschaft von Rheinswalden. Es gehört dem Herzog von Olsunna, welcher der Schwiegervater des Malers Otto von Rodenstein ist.«

»Ah, ist dieser Herzog nicht der Vater eines gewissen Sternau?«

»Hm, darüber kann ich nichts sagen, aber es wohnt bei ihm die Frau Rosa Sternau, welche eigentlich eine Gräfin Rodriganda ist. Ihre Tochter ist das Waldröschen. Warum erkundigen Sie sich so?«

»Das kann Ihnen gleichgiltig sein.«

»Möglich. Aber Sie sehen nicht so aus wie Einer, der Veranlassung hat, sich nach so vornehmen Leuten zu erkundigen.«

»Nicht? Wieso denn, he?«

Der Kleine warf einen geringschätzenden Blick auf den Fremden und antwortete:

»Na, das müssen Sie doch zugeben, daß Sie wie ein echter Bummler aussehen.«

»Pchtichchchch,« fuhr ihm ein dicker Strahl von Tabakssaft an den Hut.

»Heidenelement! Nehmen Sie sich in Acht,« rief er zornig.

»Pah, Bummler pflegen das nicht anders zu machen.«

»Aber ich verbitte mir das.«

»Wird Ihnen nicht viel helfen, wenn Sie grob bleiben.«

»Soll ich Sie etwa mit Glacehandschuhen angreifen? Sie wären mir der Kerl dazu. Kommt so ein hergelaufener Mensch und spuckt mich so voll, daß ich mich in Rheinswalden gar nicht sehen lassen kann.«

Das kleine Männchen war außerordentlich grimmig geworden. Er hatte den Hut abgenommen und hielt ihn dem Fremden zornig entgegen.

»Wischen Sie es ab,« meinte dieser kaltblütig.

»Abwischen? Ich? Was fällt Ihnen ein? Wollen Sie es auf der Stelle selbst abwischen? Wo nicht, so sollen Sie mich kennen lernen!«

»Wer reinlich sein will, mag sich lecken. Ich hab's nicht nöthig.«

»So! Also nicht? Wollen Sie mich abwischen, oder -«

Er erhob drohend den Stock.

»Was - oder?« fragte der Fremde.

»Oder ich haue Ihnen eins über das Gesicht herüber!«

»Hauen Sie! Pchtichchchchchch!«

Ein abermaliger Strahl spritzte dem Thierarzte auf den Rock.

»Nun ist's gut! Nun habe ich es satt!« rief er. »Da! Da!«


// 2067 //

Er holte zum Schlage aus, kam aber nicht dazu, denn der Fremde riß ihm blitzschnell den Stock aus der Hand und warf diesen weit über die Gipfel der Bäume weg. Dann faßte er den kleinen Helden bei den Hüften, hob ihn empor und schüttelte ihn derart, daß ihm Hören und Sehen verging. Dann setzte er ihn behutsam wieder zur Erde nieder.

»So, kleiner Zwerg,« sagte er. »Das ist für den »Bummler«. Nun aber reiße aus und laufe, was die Beine herhalten! Denn wenn ich Dich in einer Minute noch einmal erwische, so quetsche ich Dir die ganze »hochgeehrte Wissenschaft« aus dem Leibe!«

Der Thierarzt holte tief Athem. Er wollte reden, seine Augen funkelten vor Wuth, aber er besann sich, wendete sich um und war im nächsten Augenblicke zwischen den Bäumen verschwunden.

»Eine kleine Kröte! Aber muthig!« schmunzelte der Fremde. »Jedenfalls sehen wir uns in Rheinswalden wieder. Bin doch neugierig, was er da sagen wird! Hm! Geierschnabel und ein Bummler! Der Teufel hole diese verdammte Civilisation, die Jeden, der nicht einen schwarzen Frack um die Rippen hängen hat, für einen Bummler erklärt!«

Er setzte seinen Weg fort, blieb aber nach kurzer Zeit plötzlich stehen, sprang dann rasch über den Straßengraben hinüber und duckte sich hinter einen Busch nieder, welcher dicht genug war, ihn zu verbergen.

Er hatte nämlich ein Geräusch gehört, welches er als Prairiejäger nur zu wohl kannte. Im nächsten Augenblicke trat ihm gegenüber ein prächtiger Rehbock langsamen Schrittes aus dem Walde hervor.

»Ein Bock!« flüsterte er. »Und was für ein Kapitalkerl! Donnerwetter, welch ein Glück, daß mein altes Schießeisen geladen ist!«

Ohne daran zu denken, daß er sich keineswegs mehr im wilden Westen von Amerika befinde, riß er schnell den alten Lederschlauch von der Schulter und nahm die Büchse heraus. Der Hahn knackte laut. Der Bock hörte es und hob lauschend den Kopf. In demselben Augenblicke aber krachte auch der Schuß und das Thier brach im Feuer zusammen.

»Halloh!« rief der Schütze laut. »Das war ein Schuß! Jetzt hin zu ihm!«

Er sprang hinter dem Busche hervor und zu dem Thiere hin, warf Leinwandsack und Lederschlauch von sich, zog das Messer hervor und begann, den Bock regelrecht aufzuthun.

Während dieser Arbeit hörte er nahende Schritte, aber das kümmerte ihn, den das Jagdfieber ergriffen hatte, nicht im mindesten. Er fuhr in seiner Arbeit ruhig fort, bis der Nahende hinter ihm stand.

Dieser ergriff zunächst das am Boden liegende Gewehr des Wildfrevlers, betrachtete es mit einem erstaunten Blicke und sagte dann:

»Donnerwetter, was fällt denn diesem verfluchten Kerl ein dahier!«

Jetzt erst drehte Geierschnabel den Kopf herum und antwortete:

»Was mir einfällt? Das sehen Sie ja!«

»Jawohl, ich sehe es! Er hat den Bock geschossen!«

»Jawohl,« antwortete der Jäger mit einem Kopfnicken.

»Aber wer hat es Ihm denn geheißen?«


// 2068 //

»Geheißen? Niemand.«

»Niemand? Nun, warum thut Er es dennoch?«

»Warum? Na, soll ich mir denn so einen Bock entkommen lassen?«

Bei diesen Worten hatte er sich erhoben, um einen außerordentlich erstaunten Blick auf den Sprecher zu werfen. Dieser konnte nicht umhin, in wenigstens ebenso erstauntem Tone zu fragen:

»Kerl, ist Er denn verrückt?«

»Verrückt? Pah! Pchtichchchchchch!«

Dabei spritzte er einen Tabaksstrahl gerade an dem Gesichte des Anderen vorüber. Dieser wich einen Schritt zurück und rief:

»Millionenschockschwerebrett! Was fällt Ihm ein? Hält Er mich etwa für einen holländischen Spucknapf?«

»Nein, aber für einen Erzgrobian!«

»Ich? Ein Erzgrobian? Das wird immer bunter!«

»Ja, ein Erzgrobian ist Er! Ich sage »Sie« zu Ihm und Er nennt mich »Er«. Wenn das höflich ist, so lasse ich mich aufhängen.«

»Höflich oder nicht. Aber aufgehangen oder so etwas wird Er doch!«

»Ah! Von wem?« fragte Geierschnabel lächelnd.

»Das wird Er merken, ohne daß ich es Ihm zu sagen brauche. Weiß Er denn nicht dahier, daß die Wildschießerei mit so und so vielen Jahren Zuchthaus bestraft wird?«

Da sperrte Geierschnabel den Mund so weit auf, daß man alle seine zweiunddreißig prächtigen Zähne zu zählen vermochte.

»Zucht - haus -« sagte er.

»Ja, Zuchthaus, Er Erzhallunke!«

»Donnerwetter! Daran habe ich weiß Gott nicht gedacht!«

»Ja, das glaube ich wohl. Diese Kerls denken erst dann an die Strafe, wenn sie in der Patsche stecken. Wer ist Er denn?«

»Ich? Hm! Wer sind denn Sie?«

»Ich bin der Ludewig Straubenberger.«

Da ging ein heiterer Blitz über das Gesicht des Amerikaners.

»Ludewig Straubenberger?« sagte er. »Was geht das mich an!«

»Sehr viel sogar geht das Ihn an. Ich stehe im Dienste des Herrn Oberförster von Rodenstein.«

»Sie tragen doch keine Jägeruniform.«

»Weil ich Diener des Herrn Oberlieutenant Helmers bin.«

»Und dennoch stehen Sie im Dienste des Oberförsters? Wie paßt das zusammen? Dienen Sie etwa zwei Herren?«

»Zweien oder zwanzigen, das geht Ihm ganz und gar nichts an dahier. Er ist mein Arrestant und hat mir zu folgen!«

»Zum Herrn Oberförster?«

»Ja. Zu wem denn sonst, Er Schlingel?«

Da reckte Geierschnabel seine Gestalt empor und sagte:

»So schnell geht das nun allerdings nicht. Sie tragen keine Uniform. Legitimiren Sie sich mir als Forstbeamten.«


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Das war dem braven Ludewig noch niemals vorgekommen.

»Hölle und Teufel!« rief er. »Verlangt so ein Spitzbube gar noch eine Legitimation von mir! Ich werde Ihn belegitimiren, daß Ihm der Buckel braun und blau anlaufen soll! Seine Flinte ist bereits confiscirt. Geht Er gutwillig mit oder nicht?«

»Ich habe es nicht nöthig.«

»So werde ich nachzuhelfen wissen.«

Er faßte den Fremden beim Arme.

»Thun Sie die Hand von meinem Arme!« sagte dieser in befehlendem Tone.

»Ah, Er wird ja immer renitenter! Ich werde Ihn kurranzen!«

»Pchtichchchchch!«

Ein Strahl braunen Tabakssaftes fuhr Ludewig an den Kopf. Er ließ den Arm des Wilderers los und rief im höchsten Zorne:

»Alle Teufel! Auch noch anspucken! Das soll Er theuer bezahlen!«

Da rief eine Stimme hinter einem der nächsten Bäume hervor:

»So hat er auch mich angespuckt. Soll ich Ihnen helfen, mein lieber Herr Straubenberger?«

Ludewig drehte sich um.

»Ah, der Kuhdoctor,« sagte er. »Was machen denn Sie dahier?«

Der kleine Mann trat langsam und vorsichtig hinter dem Baume hervor.

»Ich wollte nach Rheinswalden und da traf ich diesen Menschen,« sagte er.

»Nun, und weiter?«

»Er fing ein Gespräch mit mir an und dann kamen wir in Streit. Soll ich Ihnen helfen, ihn zu arretiren?«

»Na, ich habe Sie gerade nicht nöthig, denn ich bin selbst Mannes genug, um mit so einem Hallunken fertig zu werden; aber besser ist besser. Er scheint nicht gutwillig mitzugehen. Wir wollen ihm die Hände ein wenig auf den Rücken binden.«

Da zuckte es eigenthümlich um den Mund Geierschnabels.

»Das wäre allerdings lustig genug,« sagte er.

»Wieso?« fragte Ludewig. »Für Ihn finde ich gar nichts Lustiges dabei.«

»O doch. Oder ist es nicht spaßhaft, wenn ein Wilddieb seinen Wildprethändler arretirt?«

»Wildprethändler? Wie meint Er das?«

»Ich meine damit mich. Ich bin Wildprethändler aus Frankfurt.«

»Ah!« meinte Ludewig erstaunt.

»Und dieser Kleine da ist der eigentliche Wilderer,« fuhr Geierschnabel fort. »Er hat mir seit drei Jahren Alles geliefert, was er in den Rheinswaldener Forsten zusammengeschossen hat.«

Der kleine Thierarzt traute seinen eigenen Ohren nicht, als er diese Worte hörte. Auch Ludewig machte ein ganz verblüfftes Gesicht.

»Donner und Doria!« rief er. »Da muß doch gleich der helle, lichte Teufel drinne sitzen! Ist das wahr, Kleiner?«

Erst jetzt kam dem vom Erstaunen Uebermannten die Sprache wieder.

»Ich ein Wilddieb?« fragte er. Und alle zehn Finger wie zum Schwure


// 2070 //

in die Höhe streckend, fügte er hinzu: »Ich schwöre tausend körperliche Eide, daß ich noch keine Maus, viel weniger aber einen Rehbock geschossen habe!«

»Oho! Jetzt will er sich weiß brennen,« lachte Geierschnabel. »Wem gehört denn dieser alte Schießprügel da?«

»Ja, wem?« fragte Ludewig.

»Und wer hat den Bock geschossen? Ich nicht, sondern der Doctor da. Ich habe ihn blos aufgethan und ausgenommen.«

»Herr Jesses, ist so etwas möglich!« zeterte der Kleine, die Hände über dem Kopfe zusammenschlagend. »Glauben Sie es nicht, mein lieber, guter Herr Straubenberger.«

»Zum Teufel! Ich weiß da allerdings nicht, was ich denken soll!«

Bei diesen Worten blickte Ludewig den Fremden rathlos an.

»Denken Sie, was Sie wollen,« meinte dieser. »So viel aber ist gewiß, daß ich mich allein nicht arretiren lasse. Ich bin so dumm gewesen, mit meinem Lieferanten auf den Anstand zu gehen, aber ich werde nicht so dumm sein, die Strafe allein zu tragen.«

»Heilige Mutter Maria, wo will das hinaus!« rief der Kleine. »Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Flinte in der Hand gehabt!«

»Aber an der Wange,« sagte Geierschnabel. »Ich kann es beweisen und die Untersuchung wird Alles an's Licht bringen.«

Da wendete Ludewig sich mit sehr ernster Miene an ihn:

»Sagt Er wirklich die Wahrheit?«

»Ja.«

»Kann Er es beschwören?«

»Mit tausend körperlichen Eiden.«

»Da kann ich Ihm nicht helfen, Kleiner; ich bin gezwungen, auch Ihn als Wilderer zu arretiren.«

Der Arzt that vor Schreck einen Sprung zurück.

»Um Gotteswillen, Sie machen nur Spaß,« rief er.

»Nein, nein, es ist mein voller Ernst dahier.«

»Aber ich bin ja so unschuldig, wie die liebe Sonne am Himmel!«

»Das wird die Untersuchung ergeben. Sie sind mein Arrestant.«

»Arrestant? Himmel, ich reiße aus!«

Er wendete sich um und wollte fliehen, aber Ludewig war schnell genug, ihn zu fassen und festzuhalten.

»Ah, schießen die Preußen so?« rief er. »Entfliehen will Er? Damit hat Er seine Schuld eingestanden. Ich werde diese beiden Kerls zusammenbinden, damit keiner mir entwischen kann.«

»Das lasse ich mir gefallen,« sagte Geierschnabel. »Ich will nicht der einzige Schuldige sein. Wenn es gerecht zugeht, lasse ich mich ohne alle Gegenwehr binden und fesseln.«

»Gut, das ist verständig von Ihm. Gebt Eure Hände her. Hier hab ich die Schnur.«

»Aber ich schwöre bei allen Heiligen, daß ich unschuldig bin!« versicherte der Kleine. »Dieser Spitzbube will mich unglücklich machen.«


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»Das wird sich ausweisen,« versicherte Ludewig.

»Aber Sie werden mich doch nicht etwa gefesselt nach Rheinswalden schleppen? Das wäre ja fürchterlich!«

»Schleppen? O nein, Sie werden selber laufen müssen.«

»Aber meine Ehre, meine Ambition, meine Reputation -«

»Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen. Auf die Reputation eines Wilddiebes giebt kein Mensch einen Pfifferling. Wie wird es? Geben Sie die Hand freiwillig her, oder soll ich Gewalt brauchen?«

Geierschnabel bückte sich zur Erde nieder, hob seinen Leinwandsack auf, warf ihn sich über den Rücken und sagte:

»Ich füge mich freiwillig. Hier ist meine Hand.«

»Und ich füge mich gezwungen,« rief der Kleine. »Hier ist meine Hand; aber ich werde Genugthuung verlangen.«

»Das ist nicht meine Sache,« meinte Ludewig. »Ich thue meine Pflicht. Alles Andere wird der Herr Oberförster untersuchen.«

Er fesselte die rechte Hand Geierschnabels mit der linken des Arztes zusammen. Dann sagte er:

»So, das ist abgethan. Aber den Bock, den soll doch nicht etwa ich selbst nach Hause schleppen. Das ist Eure Sache.«

»Ich habe schon meinen Pack,« meinte Geierschnabel.

»Was ist denn drinn in dem Sacke?«

»Fünf Hasen.«

»Hasen? Donnerwetter! Wo sind sie her?«

»Der Doctor hat gestern Schlingen gelegt und heute vor Tagesanbruch gingen wir, sie abzusuchen. Es hingen diese fünf darinnen.«

Der Kleine war ganz starr. Er brachte kein einziges Wort hervor. Ludewig machte ein grimmiges Gesicht und sagte:

»Also auch Schlingensteller. Das verschlimmert die Sache bedeutend. Fünf Hasen hat Er zu tragen, da mag der Doctor den Bock auf sich nehmen.«

»Aber es ist ja Lüge, lauter infame Lüge!« stieß jetzt endlich der kleine Mann hervor. »Er hat die Hasen selbst gefangen.«

»Das wird sich Alles, Alles finden,« meinte Ludewig, indem er sich niederbückte, um die Läufe des Bockes zusammenzubinden.

»Herr Straubenberger, ich verklage Sie.«

»Meinetwegen.«

»Ich lasse Sie bestrafen.«

»Kümmert mich nicht. Ich thue meine Pflicht dahier.«

»Aber mein ganzer guter Ruf ist zum Teufel.«

»Die Hasen und der Bock auch. Hier ist er, da.«

Er hing das Thier dem Kleinen über den Rücken.

»Heiliger Ignatius!« jammerte dieser. »Jetzt muß ich unschuldiges Menschenkind auch noch das schwere Viehzeug schleppen!«

»Der Bock ist noch lange nicht so schwer, wie die anderen alle, die Du schon auf dem Gewissen hast,« sagte Geierschnabel.

»Mensch! Kerl! Ich vergifte Dich, wenn ich erst wieder frei bin!«


// 2072 //

»Sapperlot, das wird immer schlimmer,« meinte Ludewig. »Also auch ein Giftmischer! Da wollen wir nur machen, daß wir nach Rheinswalden kommen. Der Herr Oberförster wird sich wundern, was für Galgenvögel ich ihm bringe.«

Er gab den Beiden einen Stoß und der interessante Marsch begann. Der Doctor bat, drohte, jammerte und klagte umsonst. Ludewig war ganz darauf versessen, seine Pflicht zu thun, und so sehr sich der Kleine auch sträubte, der kräftige Amerikaner zog ihn ohne große Anstrengung mit sich fort.

Um dieselbe Zeit befand der Oberförster sich in seinem Arbeitszimmer. Er war erst vor kurzem aufgestanden und trank seinen Morgenkaffee. Seine Laune war keine gute. Die alten, sorglosen Zeiten waren überhaupt dahin, es gab kein Glück, keine rechte Freude mehr. Der Brief Sternaus war zwar eingetroffen und hatte einen unendlichen Jubel hervorgerufen, aber das darauffolgende lange Schweigen hatte annehmen lassen, daß die erlöst Geglaubten doch noch dem Unglücke verfallen seien.

Da ertönten draußen rasche Schritte. Ludewig trat ein und blieb in strammer Haltung an der Thüre stehen, um die Anrede des Oberförsters zu erwarten.

»Was bringst Du?« fragte dieser kurz und mürrisch.

»Wilddiebe,« lautete die noch kürzere Antwort.

Da fuhr der Alte von seinem Stuhle auf.

»Wilddiebe?« fragte er. »Höre ich recht?«

»Zu Befehl, Herr Hauptmann, Wilddiebe,« bestätigte Ludewig.

»Wie viele?«

»Zwei.«

»Heiliger Hubertus, endlich einmal zwei! Na, das ist Wasser auf meine Mühle,« sagte der Alte. »Die spanne ich auf die Folter und dehne sie so weit aus, daß ihre Beine von Breslau bis nach London reichen. Wo hast Du sie?«

»Unten im Hundeschuppen.«

»Doch fest?«

»Sehr. Sie sind angebunden und zwei Wächter stehen vor der Thüre.«

»Wer hat sie attrappirt?«

»Ich selber dahier,« lautete die Antwort, welche der brave Ludewig im Tone des stolzesten Selbstbewußtseins gab.

»Du selbst? Ah! Wo denn?«

»An der Mainzer Straße.«

Es verstand sich von selbst, daß das Einbringen zweier Wilddiebe bei dem Oberförster das allergrößte Interesse erregte. Er stand vor Ludewig und las ihm jede Antwort bereits, ehe er sie hörte, vom Munde weg.

»Erzähle,« befahl er.

»Es war eine Frische gefallen, Herr Hauptmann, und da machte ich mich auf die Beine, um in aller Frühe die bekannten Wechsel zu begehen. Als ich nun so die Straße hinabtrolle, fällt plötzlich ein Schuß, ein Schuß aus einer fremden Büchse, wie ich sogleich hörte. Ich schleiche mich rasch hin und erblicke einen Kerl, der unseren schönsten Bock dahier geschossen hat. Er kniete vor ihm, um ihn aufzubrechen.«


// 2073 //

»Dem Kerl sollen neunundneunzig Donnerwetter in die Haut fahren! Kanntest Du ihn?«

»Nein. Es ist ein Wildhändler aus Frankfurt.«

»Ah! Seit wann schießen diese Kerls ihre Böcke selber?«

»O, er hatte ihn ja gar nicht selber geschossen, sondern der Andere.«

»Kanntest Du den?«

»Sehr, sehr gut sogar. Ich bemerkte ihn nicht sofort, bekam ihn aber doch sehr bald vor die Augen.«

»Wer ist es?«

»Ich traute meinen eigenen Augen nicht, als ich ihn sah; aber er hat in dieser Nacht bereits fünf Hasen in der Schlinge gefangen.«

»In der Schlinge? Fünf Hasen in einer Nacht? Das Wild in dieser jämmerlichen Weise umzubringen. Ich lasse den Kerl mit glühenden Zangen zerreißen, so wahr ich Rodenstein heiße und Oberförster bin.«

»Das hat er gut und ganz gut verdient, Herr Hauptmann. Er hat bereits seit Jahren für den Frankfurter Händler den Lieferanten gemacht.«

»Schändlich. Und wir haben ihn nicht erwischt? Da sieht man wieder einmal, wie man sich auf seine Leute verlassen kann. Augen haben sie wie die Ofenlöcher und Ohren wie die Borstenwische, aber sehen und hören thun sie nichts, nicht das Geringste. Aber ich werde einmal unter sie fahren und einen neuen Modus einführen. Wer von jetzt an nicht jede Woche einen Wilddieb arretirt, wird fortgejagt. Auf diese Weise werde ich die Wilderer los und auch Euch, Ihr Sperrmäuler und Maulaffen. Mein Brod eßt Ihr, und mein Wild fressen Andere; wovon soll ich denn leben und Seine Durchlaucht, der Großherzog? Etwa von Eichenrinde, Tannenzapfen und gespickten Pelzfäustlingen? Ich werde Euch den Brodkorb so hoch hängen, daß Ihr, um darnach zu schnappen, Hälse bekommt wie die Gieraffen und alten Jungfern, die den Hals wie einen Korkzieher drehen, wenn sie einen Mann wittern. Aber, wer war denn dieser Hallunke?«

»Unser Viehdoctor.«

»Unser Vieh --«

Das Wort blieb dem Alten im Munde stecken.

»Doctor,« ergänzte Ludewig das Wort.

»Kerl, bist Du übergeschnappt?«

»Zu Befehl, nein, Herr Hauptmann.«

»Unser Viehdoctor, unser Thierarzt, ein Schlingensteller? Das ist unmöglich.«

»Es ist wahr, Herr Hauptmann.«

»Du irrst. Ist er es denn wirklich?«

»Freilich. Er steckt ja mit unten im Hundestalle.«

»Na, so genade ihm Gott. Hast Du den Bock mit?«

»Ja. Der Doctor hat ihn schleppen müssen.«

»Ihm ist recht geschehen. Ich wollte, der Bock wäre ihm an den Hals gewachsen. Und die Hasen?«

»Alle fünf sind da. Der Wildhändler hat sie im Sacke.«

»Gut, gut. Ich werde diese beiden Kerls sofort verhören. Ich werde sie in das Gebet nehmen, daß sie vor Angst Baumöl und Syrup schwitzen sollen.


// 2074 //

Gehe und hole das ganze Volk zusammen. Sie Alle sollen nach meiner Amtsstube kommen. Wenn ich Dir dann winke, so bringst Du die beiden Inculpaten herauf. Ich werde ihnen zeigen, was ein Bock und fünf Hasen zu bedeuten haben. Ich werde ein Exempel statuiren. Und wenn ich sie leider auch dem Criminalrichter übergeben muß, so werde ich sie vorher so tourbiren, chicaniren und maltraitiren, daß lebenslanges Zuchthaus noch ein Paradies sein soll. Vorwärts also. Ich brenne vor Begierde, und sie sollen mich kennen lernen, aber wie.«

Ludewig entfernte sich. Als er in den Hof kam, hatte einer der Burschen gerade ein gesatteltes Pferd aus dem Stalle gezogen, denn der gestrenge Herr Hauptmann hatte einen Ritt machen wollen.

»Laß das jetzt und hilf mir, die Leute zusammen zu trommeln,« meinte Ludewig. »Der Herr Hauptmann hält erst das Gericht hier.«

»Mit den Wilddieben?«

»Ja. Die Leute sollen alle dabei sein, in der Amtsstube droben.«

»Gut, gut. Ich laufe schon.«

Der dienstbeflissene Knecht ließ das angebundene Pferd stehen und eilte davon, um zu helfen, die Kameraden zu benachrichtigen. In Zeit von fünf Minuten waren alle Bewohner von Rheinswalden versammelt. Der Hauptmann ließ sie auf Stühlen einen Halbkreis bilden, in dessen Mitte er in eigener Person Platz nahm, nachdem er vorher durch das Fenster hinab in den Hof gewinkt hatte. Dort stand Ludewig an der Thür des Hundestalles. Als er den Wink seines Herrn bemerkte, öffnete er den Stall und ließ die beiden Verbrecher heraus.

»Halt, Doctor,« sagte er, »Sie haben den Bock zu tragen.«

»Auch in das Verhör?«

»Das versteht sich. Er ist ja der Corpus Defectus, der Euch in's Zuchthaus bringt, nebst den Hasen, die auch solche Corpusse sind dahier.«

»Aber ich bin ja unschuldig.«

»Sagen Sie das dem Herrn Hauptmann selber. Ich verstehe von der Criminalität nicht ganz so viel wie er.«

Der Arzt mußte den Bock aufladen, und Geierschnabel trug seinen Sack. Sie waren noch immer an den Händen zusammengebunden. Als sie über den Hof geführt wurden, bemerkte der Amerikaner das Pferd, und ein lustiges Lächeln zuckte eine Secunde lang um seine Lippen.

Ludewig führte sie eine Treppe empor und öffnete eine Thür. Ein rascher Blick Geierschnabels fiel auf das Schloß derselben. Sie traten ein, und Ludewig zog die Thür hinter sich und ihnen zu.

»Hier sind sie, Herr Hauptmann,« meldete er. »Soll ich ihm den Bock herunternehmen?«

Der Alte saß mit der Miene und Grandezza eines spanischen Oberinquisitors in Mitten seiner Leute.

»Nein,« antwortete er. »Der Kerl mag dies selber thun.«

»Aber er ist ja gebunden.«

»Das ist überflüssig. Binde sie auseinander. Ich habe einmal gehört, daß die Verbrecher während eines Verhöres nicht gefesselt werden dürfen, und so wollen wir es auch hier halten.«


// 2075 //

Ludewig band die Beiden los. Dabei breitete sich ein befriedigtes Lächeln über das Gesicht Geierschnabels. Der Thierarzt beeilte sich, seine Unschuld zu betheuern, noch ehe das Verhör begonnen wurde.

»Herr Hauptmann,« rief er, »es ist mir ein fürchterliches Unrecht geschehen. Ich soll diesen Bock geschossen haben, und bin doch - -«

»Ruhig,« unterbrach ihn der Oberförster mit donnernder Stimme. »Hier habe nur ich zu reden. Wer von Euch Beiden ein Wort spricht, ohne daß er gefragt wird, der wird krumm geschlossen wie eine Katze und bekommt acht Jahre Zuchthaus mehr als andere Leute. Verstanden?«

Der Kleine schwieg. Der Alte wandte sich an Geierschnabel.

»Den Anderen kenne ich, wer aber bist Du, he?«

»Ich bin Wildprethändler in Frankfurt,« antwortete der Gefragte.

»Wie ist Dein Name?«

»Henrico Landola.«

Da fuhr der Alte von seinem Stuhle empor.

»Henrico Landola?« fragte er. »Donnerwetter. Was bist Du für ein Landsmann?«

»Ich bin ein geborener Spanier.«

Der Hauptmann blickte ihn mit stieren Augen an.

»Mensch, Kerl, Schuft, Hallunke, ist das wahr?«

»Ja.«

»Seit wann warst Du Wildhändler?«

»Nur seit einigen Jahren.«

»Was warst Du vorher?«

»Seecapitän.«

»Seeräuber, nicht wahr?«

»Ja,« antwortete Geierschnabel mit ungeheurer Ruhe.

»Dich soll der Geier reiten, Du Ausbund aller Schlechtigkeit. Henrico Landola. Ah, weil wir den Kerl doch endlich haben. Aber, Mensch, wie kommst Du mit diesem Thierarzt zusammen?«

»Er hat mir die Gifte gemacht, wenn ich irgend Einen vergiften wollte.«

Da machte der Kleine vor Entsetzen einen Luftsprung.

»Alle guten Geister, es ist nicht wahr. Kein Wort ist wahr.«

»Ruhe, Giftmischer,« donnerte ihn der Hauptmann an. »Heute ist der Tag der Rache. Heute sitze ich selber zu Gericht. Heute werden Alle entlarvt, die bisher kein Anderer entlarven konnte. Henrico Landola, wie viele Menschen hast Du vergiftet?«

»Zweihundertneunundsechzig.«

Da erschrak selbst der Alte. Es kam ihm ein Grauen an.

»Satanas,« rief er. »So viele, so viele. Warum denn aber?«

»Hier dieser Viehdoctor wollte es nicht anders. Ich mußte, sonst hätte er mich selbst umgebracht.«

»Herr Jesses, Herr Jesses,« schrie der Kleine. »Es ist kein wahres Wort daran. Es kann kein einziger Mensch auftreten und sagen, daß ich ihn umgebracht habe.«


// 2076 //

Geierschnabel zuckte die Achsel.

»Er leugnet natürlich. Aber früher war er der Blutgierigste von allen meinen Seeräubern. Ich kann es beweisen.«

»Mensch, Du bist ein Ungeheuer. Ich bin niemals etwas Anderes als Thierarzt gewesen.«

»Ruhig, nicht muxen,« gebot der Oberförster. »Sie sind erst seit drei Jahren in dieser Gegend. Es könnte stimmen.«

»Ich war doch vorher im Elberfeldschen.«

»Das wird sich zeigen. Sie schweigen. Ich habe es jetzt mit diesem Landola zu thun. Mensch, Räuber und Schuft, kennst Du einen gewissen Cortejo?«

»Ja,« antwortete Geierschnabel.

»Ah. Wie hast Du ihn kennen gelernt?«

»Durch diesen Thierarzt, er ist der Schwager des Cortejo.«

»Nein, nein,« rief der Kleine. »Ich kenne keinen Cortejo. Ich habe diesen Namen noch niemals gehört.«

»Ruhe, sonst lasse ich Sie hinauswerfen,« donnerte ihn der Alte an. »Ich werde schon herauskriegen, wer Ihr Schwager ist.« Und zu Geierschnabel gewendet, fuhr er fort: »Haben Sie mit diesem Cortejo Geschäfte gemacht? Ich verlange die Wahrheit.«

»Ja, sehr viele sogar,« antwortete der Gefragte.

»Was für welche waren es?«

»Mein Seeräuberschiff war sein Eigenthum.«

»Wie hieß es?«

»Der Lion, und ich nannte mich damals Grandeprise.«

»Das stimmt. Der Kerl hat wenigstens den Muth, die Wahrheit zu sagen. Kennst Du vielleicht einen gewissen Sternau?«

»Ja.«

»Hat er Dich nicht einmal fangen wollen?«

»Ja.«

»Was hast Du da gemacht?«

»Das, was ich jetzt mache.«

»Ah. Was denn?«

»Ich bin ausgerissen. Adieu, Herr Hauptmann.«

Er hatte seinen Leinwandsack noch auf dem Rücken. Bei den letzten Worten drehte er sich blitzschnell um und sprang nach der Thür. Im nächsten Augenblicke war er draußen, warf die Thür hinter sich zu und drehte den Schlüssel um, so daß ihm Niemand folgen konnte. Drei, vier Stufen auf einmal nehmend, sprang er die Treppe hinab und hinaus in den Hof. Dort flog er auf das Pferd zu, band es los, sprang in den Sattel und galoppirte davon.

Dieser ebenso kühne wie unvorhergesehene Vorgang hatte droben die Versammlung so überrascht, daß Keiner daran dachte, ein Glied zu bewegen. Der Hauptmann war der Erste, welcher sich faßte.

»Er will fliehen,« rief er. »Rasch, schnell, ihm nach.«

Er sprang nach der Thür, um sie zu öffnen.

»Tausend Teufel. Er hat den Schlüssel umgedreht.«


// 2077 //

Er eilte nach dem Fenster und blickte hinab.

»Bomben und Granaten. Da springt er auf das Pferd. Da reitet er zum Thore hinaus. Wenn das so fortgeht, so entwischt er uns, ehe wir ihn wieder haben.«

Niemand dachte daran, zum Fenster hinabzuspringen. Alles rannte nach der Thür, um daran zu trommeln, bis eine alte Magd kam, welche der Gerichtssitzung nicht mit beigewohnt hatte. Sie öffnete und nun stürmte Alles hinaus und in den Hof hinab.

»Zieht die Pferde heraus,« gebot der Alte. »Wir müssen ihm nach.«

So viele Pferde vorhanden waren, so viele Reiter stürmten eine Minute später zum Thore hinaus, der Hauptmann ihnen allen voran. Ein Bauer kam ihnen entgegengeschritten.

»Thomas,« rief ihm der Hauptmann zu, »hast Du nicht einen Kerl zu Pferde gesehen?«

»Ja, auf Ihrem Pferde,« lautete die Antwort.

»Mit einem Sacke auf dem Rücken?«

»Ja, mit einem Sacke.«

»Wo ritt er hin?«

»Er schien große Eile zu haben, aber er hielt doch bei mir an und fragte mich nach dem Wege nach Rodriganda.«

»So ist er nach Rodriganda zu?«

»Ja, Herr Hauptmann.«

»Gut, so holen wir ihn ein. Vorwärts, Jungens. Wer von Euch mir diesen Kerl wiederbringt, bekommt eine ganze Jahresgage gratis und einen neuen Anzug obendrein.«

So alt er war, er blieb von allen Verfolgern doch der Vorderste. Es schien, als ob er sich die Jahresgage selbst verdienen werde.

Das Unbegreiflichste bei diesem Intermezzo war, daß kein Einziger daran gedacht hatte, sich des kleinen Thierarztes zu bemächtigen. Dieser stand ganz allein im Zimmer und starrte auf die Thür, durch welche Alle fortgestürmt waren.

»Jesses Maria,« sagte er. »Was soll ich thun? Auch ausreißen? Es ist das Beste. Ich ein Wilddieb, ein Giftmischer und Seeräuber. Wenn ich jetzt glücklich zum Schlosse hinauskomme, so verstecke ich mich acht Wochen lang, bis meine Unschuld an den Tag gekommen ist.«

Er schlich die Treppe hinab. Auf dem Hofe war kein einziger Mensch zu sehen, denn selbst Diejenigen, welche kein Pferd erhalten hatten, waren den Reitern wenigstens eine Strecke weit zu Fuß nachgefolgt. Daher gelang es dem kleinen, vor Angst zitternden Männchen ganz unbemerkt zu entkommen. Draußen vor dem Schlosse wich er sofort von der Straße ab und schlug sich in die Büsche. Frau Helmers wartete vergeblich auf den Heiler ihrer perlsüchtigen Kuh. -

Einige Zeit vorher war ein leichter Wagen die Straße daher gerollt gekommen. Da, wo diese Straße sich theilte, um nach Rheinswalden und nach Rodriganda zu führen, war der Wagen in der letztern Richtung eingebogen. Man sah auf dem ersten Blicke, daß es ein Miethswagen war, der Kutscher paßte zu sehr auf den Bock einer Droschke. Der Insasse, welcher halbliegend im Fond des


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Wagens ruhte, war ein noch junger Mann, dessen militärischer Ueberrock in ihm einen Offizier erkennen ließ.

Nach kurzer Zeit tauchte das prächtige Gebäude des neuen Rodriganda vor ihm auf. Das Hofportal stand bereits offen, so daß der Wagen passiren und vor der Rampe halten konnte. Der Offizier stieg aus, lohnte den Kutscher, welcher das Schloß sofort wieder verließ, ab und stieg die Freitreppe empor.

Dort wurde er von einem kleinen, sehr dicken Manne empfangen, welchen das Rollen des Wagens auf seinen Posten getrieben hatte. Es war der Castellan des Schlosses.

»Herr Oberlieutenant. Willkommen, willkommen,« rief er.

»Guten Morgen, lieber Alimpo. Bereits munter, in solcher Frühe?«

»Ja, Morgenstunde hat Gold im Munde. Das sagt meine Elvira auch.«

»Ist auch sie bereits wach?«

»Das versteht sich.«

»Aber die Herrschaften ruhen noch?«

»Nein. Wie könnte man schlafen, da man wußte, daß Sie eintreffen würden.«

»So hat Ludewig meine Ankunft gemeldet?«

»Ja, er kam vorgestern an.«

»Ist er hier auf Rodriganda?«

»Nein. Er ist in Rheinswalden. Er hängt zu sehr an dem Hauptmanne.«

»Wo befinden sich die Herrschaften?«

»Man hat sich noch nicht versammelt, es wird aber sogleich geschehen.«

»So gehe ich nach dem kleinen Salon.«

Nachdem er vorher Ueberrock und Kopfbedeckung abgelegt hatte, trat er in den angegebenen Raum. Dort stand eine schöne, jugendliche Mädchengestalt am Fenster. Sie wendete sich um, als er eintrat.

Sie wendete sich um, als er eintrat.

»Curt!«

»Röschen!«

Sie eilten aufeinander zu und reichten sich die Hände.

»Willkommen, lieber Curt,« sagte das liebliche Wesen im Tone der aufrichtigsten Freude. »Ich wollte die erste sein, welche Dich begrüßt.«

»Und ich wünschte so sehnlichst, vor allen Anderen Dich zuerst zu sehen.«

»Wirklich? Nun, so ist Dir Dein Wunsch erfüllt. Dafür aber bleibst Du dieses Mal recht sehr lange bei uns. Nicht wahr?«

»Leider ist mir das nicht möglich. Ich reise bereits heut oder spätestens morgen wieder ab von hier.«

Ihr Gesichtchen nahm den Ausdruck der Enttäuschung an.

»Das ist häßlich, recht sehr häßlich von Dir,« sagte sie schmollend.

»Oder von Bismark.«

»Bismark? Ist er es, der Dich wieder fortschickt?«

»Ja, liebe Rosita.«

»So hast Du wohl wieder einmal eine so schwierige, diplomatische Aufgabe zu lösen, die kein Anderer fertig bringt, als nur Du allein?«

»Jeder Andere würde es ebenso gut fertig bringen wie ich. Es ist Glück und Zufall, daß grad ich es bin, dem man sie anvertraut.«


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»Und gehst Du lange fort?«

Er sah ihr ein Weilchen lang bedeutsam in die Augen und antwortete dann:

»Auf lange, vielleicht auf sehr lange Zeit.«

»Wie garstig. Ich werde auf Bismark ernstlich bös werden, wenn er fortfährt, Dich uns in dieser Weise zu entziehen. Heute zurück von Rußland, und augenblicklich wieder fort. Das darf man sich nicht gefallen lassen.«

»Man hat zu gehorchen, liebes Röschen, selbst wenn man gar nicht wiederkehren dürfte.«

»Das ist aber ja doch bei Dir nicht der Fall?«

Er zuckte die Achsel.

»Ich gehe grad dahin, wo bereits so Mancher verschwunden ist.«

Die Röthe wich aus ihren Wangen.

»Wohin wäre das, Curt?«

»Rathe einmal.«

»Ein Land, in welchem Mancher verschwunden ist?«

»Ja.«

»Das wäre wohl das weite Amerika?«

»Allerdings. Aber welcher spezielle Theil desselben?«

Jetzt blitzte es in ihren Augen auf.

»Mein Gott, wenn ich recht riethe,« sagte sie. »Meinst Du Mexiko?«

Er nickte ihr lächelnd zu.

»Grad das meine ich,« sagte er.

Da schlug sie freudig erstaunt die kleinen Händchen zusammen.

»Das ist wahr, das ist gewiß und wahrhaftig wahr?«

»Ja. Ich hatte gestern Audienz bei dem Fürsten, um ihm zu referiren. Bei dieser Gelegenheit erhielt ich nebst neuen Instructionen den Befehl, schleunigst nach Mexiko aufzubrechen. Ich setzte mich auf die Bahn, fuhr nach Mainz und nahm einen Miethswagen, um so rasch wie möglich hier anzukommen und Euch diese Nachricht zu bringen.«

»Das müssen sie erfahren, sogleich, sofort.«

Sie öffnete die nächste Thür und rief hinaus:

»Mama, liebe Mama, Curt ist da und geht nach Mexiko.«

Dann eilte sie auch durch die gegenüberliegende Thür, und Curt hörte ihren frohlockenden Ruf: »Nach Mexiko, nach Mexiko.«

Von allen Seiten kamen die Bewohner des Schlosses herbei, um ihn zu bewillkommnen und nach dem neuen Reiseziele zu fragen. Der Herzog und die Herzogin von Olsunna, Otto von Rodenstein nebst seiner Frau und Rosa Sternau, die schöne Mutter des Waldröschens, sie Alle wollten von ihm wissen, ob es wahr sei, daß er so plötzlich nach Mexiko müsse. Er schickte sich an, ihnen ausführliche Auskunft zu geben, wurde aber darin unterbrochen, denn es sprengte ein Reiter in den Hof, dessen sonderbare Erscheinung die Augen aller Anwesenden auf sich zog. Es war Geierschnabel.

Dieser sprang vom Pferde, ließ es stehen und stieg, seinen Sack auf dem Rücken, die Freitreppe empor. Dort trat ihm Alimpo entgegen.

»Wer sind Sie?« fragte er ihn.


// 2080 //

»Wer sind denn Sie?« fragte der Amerikaner.

»Ich bin Alimpo, der Castellan dieses Schlosses.«

»Ah, das genügt. Sind die Bewohner desselben zu sprechen?«

»Sagen Sie zunächst, wer Sie sind.«

»Das ist unnütz. Sie kennen mich doch nicht. Ich bringe den Herrschaften eine höchst wichtige Botschaft.«

»Von wem?«

»Das werde ich den Herrschaften sagen.«

»Welche von den Herrschaften meinen Sie?«

»Alle. Was ich bringe, wird Alle interessiren.«

»Man ist jetzt grad versammelt. Aber, lieber Freund, Sie sind eigentlich nicht in der Fassung, bei Herrschaften zu erscheinen.«

»Grad dazu bin ich in der Verfassung. Aber mich lange ausfragen und dann vielleicht abweisen zu lassen, dazu bin ich nicht in der Verfassung. Machen Sie Platz.«

»Oho. Ich muß doch erst anfragen, ob Sie hinein dürfen.«

»Unsinn. Ich darf allemal hinein.«

Er schob ihn ohne alle Umstände bei Seite und trat in das Vorhaus. Er hatte die vielen Gesichter hinter den Fenstern gesehen und traf also leicht den Salon, in welchem sich die Herrschaften befanden. Alimpo hatte ihn noch beim Eintreten von hinten erfaßt und rief:

»Zurück, zurück! Ich muß Sie ja erst melden.«

»Das werde ich selbst besorgen.«

Mit diesen Worten machte der Amerikaner sich gewaltsam von ihm los. Der Herzog trat ihm entgegen und fragte in strengem Tone:

»Sie drängen sich hier ein. Welchen Grund haben Sie zu diesem ungewöhnlichen Verhalten?«

Der Gefragte blickte dem Frager furchtlos in das Gesicht und antwortete:

»Den Grund, daß ich eben das Ungewöhnliche liebe.«

»Zu wem wollen Sie?«

»Zu Ihnen allen.«

»Wer sind Sie?«

»Man nennt mich Geierschnabel.«

Ein leises Lächeln ging über das Gesicht des Herzogs. Dieser zerlumpte Mensch hatte in Folge seiner Nase ganz und gar das Recht diesen Namen zu tragen.

»Wo sind Sie her?« fragte Olsunna weiter.

»Ich bin - - ah, da kommen sie wahrhaftig schon. Ich hätte nicht gedacht, daß dieser alte Oberförster meine Fährte so bald finden werde.«

Er war bei diesen Worten an das Fenster getreten, so ungenirt, als ob er hier zu Hause sei. Die Anderen hatten unwillkürlich dasselbe gethan. Sie sahen den alten Rodenstein von seinem dampfenden, ungesattelten Pferde springen. Alimpo hatte den Hufschlag desselben vernommen und war hinausgetreten.

»Guten Morgen, Alimpo,« hörten sie den Hauptmann rufen. »Sag schnell, ob hier ein Reiter angekommen ist.«


// 2081 //

»Ja.«

»Wann?«

»Soeben erst.«

»Ganz zerlumpt und mit einem Sacke auf dem Buckel?«

»Ja.«

»Gott sei Dank, ich habe ihn! Wo ist der Kerl?«

»Bei den Herrschaften im Salon.«

»Alle Teufel, das ist gefährlich! Ich muß gleich hinein, ehe ein Unglück geschieht.«

Zwei Augenblicke später riß er die Thüre auf und trat ein. Den Flüchtling erblicken und auf ihn zustürzen war eins.

»Hallunke, hab ich Dich wieder!« rief er, ohne sich Zeit zu nehmen, die Anderen zu grüßen. »Du sollst mir nicht wieder entkommen. Ich lasse Dich in Eisen schmieden, bis Dir alle Rippen krachen!«

»Was, um Gottes willen, ist denn los?« fragte der Herzog. »Wer ist denn dieser Mann, lieber Hauptmann?«

»Dieser Mann, dieses Subject, o, es ist der größte Verbrecher, den es unter der Sonne giebt. Er hat über zweihundert Menschen vergiftet.«

Die Anwesenden blickten ihn erstaunt an.

»Ja, guckt mich immer an,« sagte er ganz echauffirt. »Sperrt die Augen auf und glaubt es nicht, es ist aber dennoch wahr.«

»Wie heißt er denn?«

»Ludewig hatte ihn gefangen, er ist aber wieder entwichen, als ich Gericht über ihn halten wollte, und heißt Henrico Landola.«

»Henrico Landola?« fragte Curt. »Der Seeräuber?«

»Ja.«

»O nein, der ist er nicht. Den kenne ich.«

»Ah, pah! Er hat es ja selbst gestanden.«

»Daß er Landola sei? Das ist unmöglich.«

»Fragen Sie ihn selbst.«

Der Amerikaner hatte sich unterdessen die einzelnen Personen höchst gleichmüthig und aufmerksam betrachtet.

»Wie hängt das zusammen? Sie haben sich für einen gewissen Landola ausgegeben?« fragte ihn Curt.

»Ja,« nickte der Gefragte.

»Kennen Sie diesen Menschen?«

»Ich habe von ihm gehört.«

»Aber wie kommen Sie dazu, sich für denselben auszugeben?«

Der Amerikaner zuckte lächelnd die Achseln.

»Jux,« antwortete er kurz.

»Ah, dieser Jux könnte Ihnen theuer zu stehen kommen. Landola ist nicht eine Person, der man hier freundlich gesinnt ist.«

»Ich weiß es.«

»Er ist es aber dennoch,« behauptete der Oberförster. »Der Hallunke hat sogar meine fünf Hasen noch hier im Sacke.«

»Welche Hasen?« fragte Otto, sein Sohn.


// 2082 //

»Die der Viehdoctor erwürgt hat.«

»Du sprichst für uns in Räthseln. Was haben Sie in Ihrem Sacke?«

Diese letztere Frage war an Geierschnabel gerichtet.

»Das sollen Sie sogleich erfahren,« sagte dieser. Und sich zu Curt wendend, fragte er: »Ich habe Sie noch nie gesehen, aber der Beschreibung nach sind Sie der Herr Oberlieutenant Curt Helmers?«

»Der bin ich allerdings.«

»Nun, so habe ich Ihnen dieses hier zu übergeben.«

Er öffnete den alten Sack, griff hinein und zog ein Mahagonikästchen heraus. Aus seiner Hosentasche brachte er dann ein Schlüsselchen hervor und übergab dem Oberlieutenant beides. Das Kästchen war außerordentlich schwer.

»Von wem ist es und was befindet sich darin?« fragte Curt.

»Sehen Sie selbst.«

Curt steckte das Schlüsselchen an und öffnete. Die Anderen traten hinzu. Beim Anblicke des Inhaltes stießen Alle einen Ruf des Erstaunens aus. Er bestand in Schmuck und Geschmeide, durchweg alte, mexikanische Arbeit.

»Um Gotteswillen, woher haben Sie diese Sachen?« fragte Curt.

Aller Augen richteten sich in spannender Erwartung auf Geierschnabel.

»Ihr Vater bekam von Büffelstirn einen Theil des Königsschatzes geschenkt,« sagte dieser. »Die Hälfte davon wurde Ihnen durch Juarez geschickt?«

»Ja.«

»Nun, das hier ist die zweite Hälfte.«

»Gott! Eine Nachricht aus Mexiko!« rief Rosa de Rodriganda. »Mann, sagen Sie schnell, schnell, wer diese Sachen schickt.«

»Juarez.«

»Ah, Juarez! Sie kommen von ihm?«

»Von ihm und von Sennor Petro Arbellez, dem Haziendero.«

Auf die Kostbarkeiten, welche abermals Millionen repräsentirten, fiel jetzt kein Blick, sondern Aller Augen waren nur auf den Jäger gerichtet. Die Nachrichten, welche man von ihm erwartete, waren mehr werth, als alle Schätze.

»So kommen Sie also aus Mexiko?« fragte Rosa in größter Spannung weiter.

»Ja, direct. Auch Sie habe ich noch nie gesehen, aber der Beschreibung nach sind Sie Frau Rosa Sternau oder Rosa de Rodriganda?«

»Das bin ich allerdings.«

»Dann habe ich auch für Sie etwas.«

»Mein Gott! Was und von wem ist es?«

Er griff in den Sack und zog einen Brief hervor.

»Von Miß Amy Lindsay,« antwortete er.

»Sie kennen sie? Sie kennen den Lord?«

»Sehr gut.«

»Er ging nach Mexiko, um Juarez Waffen und Gelder zu überbringen?«

»Ja. Ich war da sein Führer und Begleiter. Wir haben Vieles, sehr Vieles erlebt und ich bin bereit, Ihnen Alles zu erzählen.«


// 2083 //

»Welch eine Fügung, welch ein Glück! Haben Sie sonst noch etwas für uns?«

»Nein. Das Andere sind Effecten, welche mir gehören.«

»So heißen wir Sie willkommen! Soll ich den Brief vorlesen, lieber Vater?«

Der Herzog, an welchen diese Frage gerichtet war, antwortete:

»Verschieben wir das noch eine Weile, meine liebe Tochter. Wir müssen uns zunächst wohl noch ein wenig mit diesem braven Manne beschäftigen, welcher mir und Euch Allen ein Räthsel ist.«

»Ja,« meinte der Hauptmann, »ein verflucht dummes Räthsel. Kerl, wie kommen Sie dazu, sich für Landola auszugeben? Wer sind Sie denn in Wahrheit? Aber ich verbitte mir jetzt jede Flunkerei.«

Da schob Geierschnabel sein gewaltiges Primchen aus der einen Backe in die andere, spitzte den Mund und schoß einen Strahl braunen Tabakssaftes dem Alten so nahe am Gesichte vorüber, daß dieser erschrocken zurückfuhr.

»Millionendonnerwetter!« fluchte der Hauptmann. »Was ist denn das für eine Flegelei, für eine Schweinerei! Glaubt Er etwa, daß wir hier Spritzenprobe halten, he? Mich anspucken zu wollen! Ein Glück, daß Er mich nicht getroffen hat! Wofür hält Er mich denn eigentlich, he?«

Der Amerikaner zuckte die Achsel und antwortete, indem ein lustiges Lächeln über sein hageres Gesicht glitt:

»Für den sehr vortrefflichen Lord Oberrichter von Rheinswalden, Sir. Aber das ist sehr egal, das thut nichts zur Sache; wenn ich spucke, spucke ich, und ich will Den sehen, der es mir verbietet. Wer nicht getroffen sein will, der mag mir aus dem Wege gehen.«

Da machte Olsunna eine begütigende Handbewegung und sagte:

»Laßt diese Kleinigkeiten! Der Herr Hauptmann meinte es mit dem Worte »Flunkerei« nicht so sehr bös. Er wollte gern etwas Näheres über Ihre Person und Ihre Verhältnisse wissen.«

»Pah!« meinte Geierschnabel. »Von meiner Person braucht er nichts mehr zu wissen, sie steht ja vor ihm und er braucht sie nur anzusehen. Er kann sich Alles genau betrachten, ohne Entree oder sonst etwas dafür bezahlen zu müssen, sogar meine Nase. Und meine Verhältnisse? Was meinen Sie denn eigentlich damit? Sehe ich etwa aus wie Einer, in den sich Einer verlieben könnte? Ich mag von dem ganzen Weibervolke gar nichts wissen, ich habe noch niemals ein Verhältniß gehabt. Wie kann überhaupt der erste Beste sich unterstehen, mich nach solchen Verhältnissen auszufragen! Ich habe den Herrn Hauptmann auch nicht nach seinen Liebschaften gefragt.«

Der Herzog schüttelte lächelnd den Kopf und antwortete:

»Sie irren sich. Von solchen delicaten Verhältnissen war ja gar keine Rede. Wir möchten nur gern erfahren, wer und was Sie sind. Das werden Sie leicht begreiflich finden.«

»Wer und was? Hm! Daß ich Geierschnabel heiße, das versteht sich ja ganz von selbst, ich habe die richtige, geeignete Nase dazu. Und daß ich Prairiejäger bin, das geht eigentlich nur mich etwas an.«


// 2084 //

»Prairiejäger?« brummte der Oberförster. »Ah, darum ist Er so auf das Wild erpicht.«

»Ja. Darum konnte ich mich auch nicht halten, als ich vorhin den Bock sah. Ich nahm die Büchse und schoß ihn nieder.«

»Donnerwetter, also Sie haben ihn geschossen?«

»Ja, ich.«

»Nicht der Viehdoctor?«

»Nein.«

»Da schlage doch das Wetter drein! Aber doch hat er Ihnen mehrere Jahre lang das Wild geliefert?«

»Gott bewahre!« lachte Geierschnabel.

»Wirklich nicht?« fragte der Hauptmann ganz erstaunt.

»Nein.«

»So ist er also gar kein Wilddieb?«

»Ebenso wenig wie ich ein Frankfurter Wildprethändler bin.«

»Donner und Doria! So hat Er mich belogen?«

»Ja,« antwortete Geierschnabel sehr gleichmüthig.

»Mich an der Nase herum geführt?«

»Ja.«

Da fuhr der Alte im höchsten Grimme auf ihn zu und donnerte ihn an:

»Kreuzmillionenschwerebrett, wie können Sie das wagen!«

»Pchtichchchchch!« fuhr ihm der Tabakssaft entgegen, so daß er kaum noch Zeit fand, zur Seite zu prallen, um nicht getroffen zu werden. Das erboste ihn noch mehr. Er fuhr fort:

»Mich für einen Narren zu halten und dann auch noch anzuspucken, mich, den großherzoglichen hessischen Oberförster und verinvalidirten Hauptmann von Rodenstein! Er Himmelhund muß Keile kriegen, ganz gewaltige Keile, so gewaltig, daß Er an der Erde liegen bleibt, wie drei chloroformirte Nachtwächter! Ich verlange Respect und abermals Respect und zum dritten Male Respect! Wenn Er den aus den Augen läßt, so lasse ich Ihn versohlen, daß Seine Nase aussehen lernt, wie ein mit Fischthran eingeschmierter Kanonenstiefel! Kommt Er etwa aus Amerika oder Mexiko herüber, nur um sich über mich lustig zu machen, so haue ich Ihm dieses Mexiko so lange um den Kopf herum, bis Er weder Mexi noch ko mehr singen kann. Versteht Er mich? Und nun will ich wissen, welchen Grund Er gehabt hat, mich in so horribler Weise zu täuschen.«

»Grund?« fragte der Amerikaner. »Hm! Gar keinen.«

Der Alte öffnete den Mund so weit wie möglich und blickte den Sprecher im höchsten Grade erstaunt an.

»Was?« fragte er. »Keinen Grund? Gar keinen? So hat Er sich wohl nur einen Spaß mit uns machen wollen?«

»Ja,« antwortete Geierschnabel im gleichgiltigsten Tone.

»Ah! Also wirklich nur einen Spaß! Da soll doch gleich das ganze Pulver platzen! Da soll doch gleich der helle, lichte Teufel dreinschlagen! Einen Spaß hat sich der Kerl mit mir gemacht! Mit mir! Hört Ihr's Alle? Mit mir!


// 2085 //

Mensch, wie kommt Er denn dazu, mich für einen Mann zu halten, mit dem man sich einen Spaß machen kann?«

»O, das kam ganz von selbst. Ich traf den kleinen Thierarzt. Dieser belferte mich an, wie ein Schoßhündchen einen großen Newfoundländer. Das kam mir so spaßig vor, daß ich ganz lustig gestimmt wurde.«

»Aus Spaß haben Sie ihn also für einen Wilddieb ausgegeben?«

»Natürlich.«

»So ist er also auch wohl kein Seeräuber gewesen?«

»Ist ihm gar nicht eingefallen.«

»Und auch kein Giftmischer?«

»Auch nicht. Ich habe den Mann noch niemals gesehen, ich kenne ihn ganz und gar nicht. Hat er Gifte gemischt, so hat er höchstens eine alte Kuh oder irgend einen Ziegenbock umgebracht.«

»Er ist also unschuldig an Allem?«

»Vollständig unschuldig.«

»Bomben und Granaten! Und diese unschuldige Seele ist arretirt und mit dem eigentlichen Missethäter zusammengebunden worden. Ich habe ihn angebrüllt und angeschnauzt, als ob er mich selber erschossen oder vergiftet hätte! Das fordert Rache, das fordert Strafe! Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen und auch auf ihm nicht. Er soll eine Genugthuung erhalten, wie sie in der ganzen Welt noch keinem Viehdoctor geworden ist. Der arme Teufel hat sogar den erschossenen Rehbock schleppen müssen. Und jetzt sitzt er gefangen in Rheinswalden!«

»Da wäre er doch der dümmste Mensch, den es nur geben kann!«

»Der dümmste? Wieso?«

»Nun, als ich echappirte, sind mir doch wohl Alle sofort nachgerannt?«

»Natürlich, Alle!«

»Nun, dann ist er allein zurückgeblieben und wird wohl so gescheidt gewesen sein, sich in Sicherheit zu bringen.«

»Hm. Das wäre möglich. Ich wollte, er hätte sich so langsam hinter uns auf die Seite gedrückt. Was mich aber freut, ist, daß es Ihm nicht gelungen ist, zu entkommen. Weiß Er, was Seiner wartet?«

»Was denn?«

»Das Zuchthaus.«

Geierschnabel zuckte lachend die Achsel und antwortete:

»Zuchthaus? Pah! Eines Bockes wegen? Unsinn!«

»Unsinn? Unsinn sagt Er? Er kennt wohl unsere Gesetze gar nicht?«

»Was gehen mich Ihre Gesetze an? Ich bin ein freier Amerikaner.«

»Da irrt Er sich gewaltig. Er ist jetzt nicht ein freier Amerikaner, sondern ein gefangener Spitzbube. Hier zu Lande wird der Wilddiebstahl mit bis zu zehn Jahren Zuchthaus bestraft.«

»Dummheit! Da hätte ich, nach dem, was ich Alles schon geschossen habe, zehntausend Jahre Zuchthaus abzubrummen. Das halte der Teufel aus, ich aber nicht!«

»Ah! Er hat also bereits mehr geschossen?«


// 2086 //

»Das versteht sich!«

»So ist es also Wilddieberei im Rückfalle, und das giebt eine tüchtige Strafschärfung. Wir wollen so einem sakkermentschten freien Amerikaner einmal zeigen, wie weit seine Freiheit geht.«

Geierschnabel machte jetzt ein sehr zweifelhaftes Gesicht. Er meinte:

»Wir dürfen ja da drüben schießen, so viel uns beliebt.«

»Da drüben, ja, aber nicht hier hüben. Versteht Er mich!«

»Donnerwetter, daran habe ich gar nicht gedacht! Der Bock trat aus dem Walde und ich schoß; das ist Alles. Brennt man mir dafür zehn Jahre Zuchthaus auf, so brenne ich auch, nämlich durch.«

»Das soll ihm nicht so leicht wieder gelingen! Wie aber kommt es, daß Er gerade nach Rodriganda durchgebrannt ist?«

»Weil ich hier sehr nothwendig zu thun habe. Ich komme ja als Abgesandter in Angelegenheiten der Familie Rodriganda.«

»Warum hat Er mir das nicht gleich gesagt?«

»Warum haben Sie mich nicht gleich gefragt?«

»Warum gab Er sich denn für diesen verteufelten Landola aus?«

»Herr Hauptmann, der Hafer stach mich.«

»Nehme Er sich in Acht, daß Er nicht von noch etwas Anderem gestochen wird! Ich werde jetzt hören, was für eine Botschaft Er zu uns bringt, und dann soll sich finden, wie weit ich Ihm wegen des erschossenen Bockes auf das Leder kniee.«

Die anderen Anwesenden hatten die Beiden ungehindert sprechen lassen. Theils gab ihnen die drastische Natur der Unterhaltung innerlichen Spaß und theils erkannten sie in Geierschnabel eine jener selbstständigen, originellen Naturen, wie sie im Westen Nordamerikas nicht selten sind. Sie wußten bereits jetzt, daß unter den obwaltenden Umständen der alte Oberförster gar nicht daran denken werde, den Jäger zur Anzeige zu bringen. Darum ließen sie die Beiden ungestört sich aussprechen, bis nun jetzt der Herzog wieder das Wort nahm.

»Also Ihren Namen und Ihr Gewerbe kennen wir jetzt,« sagte er. »Wollen Sie uns jetzt sagen, wie Sie mit den Personen, an welchen wir so großen Antheil nehmen, zusammen gekommen sind?«

»Das können Sie hören,« antwortete Geierschnabel. »Wissen Sie, was ein Scout ist?«

»Nein.«

»Pchtichchchchch!« spritzte er mit verächtlicher Miene seinen Tabakssaft in das Feuer des Kamins, so daß es aufzischte.

»Sie wissen es nicht?« fragte er. »Das weiß doch Jedermann! Unter den Westmännern giebt es nämlich einige Wenige, welche einen so scharfen Ortssinn besitzen, daß sie niemals irre gehen. Sie kennen jeden Weg, jeden Fluß, jeden Baum und Strauch und finden sich auch da, wo sie noch nie gewesen sind, mit wunderbarer Sicherheit zurecht.«

»Ich habe gehört, daß es solche Leute giebt,« meinte der Herzog.

»Solche Leute nennt man Scouts. Man kann sie bei wichtigen Angelegenheiten nicht entbehren. Eine jede Expedition, eine jede Karavane, eine jede Jäger-


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gesellschaft muß einen oder mehrere Scouts bei sich haben, wenn sie nicht zu Grunde gehen will. Ein solcher Scout bin ich.«

»Donnerwetter!« meinte der Hauptmann. »So kennt Er alle Wege und Stege der amerikanischen Wildniß?«

»Ja.«

»Man sieht es Ihm aber gar nicht an!«

»Ich habe wohl ein etwas dummes Gesicht?«

»Sehr dumm!«

»Pchtichchchchch!« fuhr dem Alten der Saft mit sammt dem Primchen gerade an diejenige Stelle seiner Brust, an welcher er das Ordensband zu tragen pflegte. Er fuhr zurück, stieß einen Fluch aus, trat einen Schritt auf den Amerikaner zu und sagte:

»Hallunke! Wie kann Er wagen, einen großherzoglichen Oberförster und Hauptmann anzuspeien!«

Da verschränkte Geierschnabel die Arme über die Brust und antwortete:

»Und wie kann Er es wagen, einen amerikanischen Prairieläufer dumm zu nennen. Was sind alle Eure Hauptleute und Oberförster gegen unsere Westmänner, welche an einem Tage mehr erleben, als so ein livrirter Maulaffe in seinem ganzen Leben. Glaubt Er etwa, ein hiesiger Oberförster sei klüger, als ein guter Prairiejäger? Oder glaubt Er, ein Hauptmann der Großherzoglichen Armee könne es mit einem Scout aufnehmen? Wenn Er mich nach dem Kleide beurtheilt, welches ich heut trage, so ist er sehr auf dem Holzwege. Er wird bald sehen, daß Er sich da jammervoll getäuscht und geirrt hat. Ich pflege die Menschen nach der Art und Weise zu behandeln, wie sie mir entgegentreten. Wer mich »Er« titulirt und mich für dumm zu kaufen gedenkt, der existirt für mich nicht, er ist einfach nicht da. Und wenn ich beim Ausspucken Einen treffe, der für mich nicht da ist, so ist das einfach seine Sache, aber nicht die meinige. Er mag sich so verhalten, daß ich seine Gegenwart respectiren kann. Merke Er sich das.«

Geierschnabel sprach das Deutsche im fremden Dialect. Dennoch hatte er seine Rede so correct und deutlich, so nachdrucksvoll vorgetragen, daß sie auf den alten Hauptmann einen nicht geringen Eindruck machte. Er fühlte, daß er sich hier Einem gegenüber befand, der ihm an Grobheit und Originalität vollständig ebenbürtig und gewachsen war. Er kratzte sich hinter den Ohren und sagte:

»Himmelelement, ist dieser Mensch höflich. Bei dem Kerl kommt es ja geschüttelt, wie beim Speiteufel in einer Kleienmühle. Na, ich werde vor der Hand den Mund halten. Das Weitere wird sich dann ergeben, wenn ich weiß, woran ich mit ihm bin.«

»Daran thun Sie ganz recht,« meinte Geierschnabel, indem er jetzt einen höflicheren Ton annahm. Und zu den Anderen gewendet, fuhr er fort: »Also ein solcher Scout bin ich. Eines schönen Tages befand ich mich in El Refugio und wurde von einem Engländer engagirt, welcher den Rio Grande del Norte hinauffahren wollte.«

»Ah, Sir Lindsay?« fragte Gräfin Rosa.

»Ja.«

»War Miß Amy bei ihm?«


// 2088 //

»Das versteht sich. Sie wollte ihn nicht verlassen.«

»Sie ist eine sehr liebe Freundin von mir. Befand sie sich wohl?«

»Höchst wahrscheinlich. Wenigstens habe ich nichts davon gehört, daß sie Zahnreißen oder Kreuzschmerzen gehabt hätte. Ich wurde abgeschickt, nach El Paso del Norte zu gehen, um dem Präsidenten Juarez zu melden, daß der Lord ihm Waffen und Geld bringe.«

»Sie trafen den Präsidenten?« fragte Curt mit Interesse.

»Ja, aber nicht in El Paso, sondern in einem kleinen Fort, welches Fort Guadeloupe genannt wird. Vorher aber traf ich daselbst noch andere Leute, für welche Sie sich interessiren werden. Zunächst gab es da einen sehr berühmten Jäger, welchen man den schwarzen Gérard nennt und den Einige von Ihnen sehr gut kennen.«

»Der schwarze Gérard?« fragte Rosa. »Den kennen wir nicht.«

»O doch. Ist Ihnen nicht der Name Gérard Mason bekannt?«

Rosa besann sich.

»Gérard Mason?« fragte sie. »Der Name kommt mir allerdings bekannt vor, aber ich kann mich nicht besinnen.«

»Nun, so besinnen Sie sich vielleicht besser darauf, daß Sie in Rheinswalden einmal ermordet werden sollten?«

»Ja, das ist richtig.«

»Graf Alfonzo hatte einen Mörder gedungen?«

»Allerdings. Aber dieser Mann benachrichtigte mich davon. Mein Gemahl hatte in Paris seine Schwester aus dem Wasser gez- - ah, ich glaube, der Mann hieß Gérard Mason.«

»Ja, er hieß so, gnädige Frau.«

»So ist er wohl jetzt jener Jäger, welchen man den schwarzen Gérard nennt?«

»Er ist es.«

»Ah. Hat er Ihnen nichts von uns erzählt? Er ist uns eine sehr wichtige Persönlichkeit, aber er entfernte sich damals so rasch, daß es ganz unmöglich war, seine Gegenwart auszunützen.«

»Er ist nicht sehr mittheilsam gewesen, aber was er mir gesagt hat, das werden Sie erfahren. Sodann gab es einen zweiten Jäger, einen kleinen aber tüchtigen Kerl, der Sie auch interessiren wird.«

»Wohl auch ein Bekannter?«

»Vielleicht.«

»Wie hieß er?«

»Der kleine André.«

»Ist uns unbekannt.«

»Ah. Er hat einen Bruder in Rheinswalden.«

»Wir haben in Rheinswalden keinen Menschen, welcher André heißt.«

»Ist auch nicht so gemeint. André ist hier nicht der Familiensondern nur der Vorname, er heißt so viel wie Andreas.«

Der brave Ludewig war natürlich auch mit bei der Verfolgung des Wilddiebes gewesen. Er hatte Rodriganda kurz nach dem Oberförster erreicht und


Ende der siebenundachtzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk