Lieferung 90

Karl May

7. Juni 1884

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


// 2137 //

diese Prairiejäger auf Kleider gar nichts geben. Sie pflegen im Gegentheile ihr Aeußeres oft absichtlich zu vernachlässigen.«

»Das wäre vielleicht eine Erklärung. Ein gutes Gemüth aber hat dieser Capitän auf alle Fälle. Ich hätte nicht geglaubt, daß er die bedeutenden Kosten auf sich nehmen würde.«

Ja, ein gutes Gemüth hatte Geierschnabel allerdings. Und der Gedanke, dem Grafen zuvor zu kommen und ihn zu verblüffen, hatte etwas so Erfreuliches, daß der alte, brave Jäger sich leicht dazu entschloß, die Kosten dieser Unterhaltung auf sich zu nehmen.

Eine Stunde später kam die verlangte Maschine an. Geierschnabel stieg abermals in ein Coupee erster Classe, dieses Mal aber nicht von einem »Donnerwetter« empfangen; dann rasselte der kurze Train zum Bahnhofe hinaus. -

Es war schon längst Abend und Nacht, als der Zug, mit welchem Ravenow fuhr, Börsum erreichte. Hier gab es einige Minuten Aufenthalt. Ravenow hatte es sich sehr bequem gemacht und sich sogar eine Cigarre angebrannt. Da ertönte draußen der Ruf:

»Magdeburg, erste Classe!«

»Verdammt!« brummte Ravenow. »Nun ist es leider aus mit dem Rauchen.«

Er stand bereits im Begriff, die Cigarre aus dem Fenster zu werfen, als das Coupee geöffnet wurde und sein Blick auf den Einsteigenden fiel. Er behielt die Cigarre in der Hand.

»Guten Abend,« grüßte der neue Passagier.

»Alle Teufel! Guten Abend, Herr Oberst,« antwortete Ravenow.

Der neu Angekommene fixirte den Sprecher schärfer und fragte dann:

»Sie kennen mich, mein Herr?«

»Natürlich. Donnerwetter, ich hoffe doch nicht, daß Sie mich verleugnen wollen.«

»Verleugnen? Keineswegs. Mit wem habe ich die Ehre?«

Ravenow wußte gar nicht, was er denken sollte.

»Was! Sie kennen mich nicht?« fragte er.

»Leider, nein.«

»Das ist unmöglich.«

»Ich besinne mich wirklich nicht.«

»Das ist stark, das ist unbegreiflich. Verlangen Sie wirklich, daß ich Ihnen meinen Namen sage?«

»Ich ersuche Sie um die Gefälligkeit.«

»Da stehen mir weiß Gott die Haare zu Berge. Sollte Ihr Gedächtniß oder vielmehr Ihr Auge während dieser Zeit so schwach geworden sein?«

Der Oberst zog ein etwas befremdetes Gesicht.

»Ich wüßte nicht, daß ich über mein Auge oder Gedächtniß zu klagen hätte,« meinte er, ein wenig piquirt.

Das Coupee war geschlossen worden, und der Zug hatte sich in Bewegung gesetzt.

»Nun, dann müßte es an mir liegen,« meinte Ravenow. »Sollte ich mich so sehr verändert haben?«

»Möglich,« lächelte der Oberst. »Also bitte, Ihr Name?«

»Pah, der ist gar nicht nothwendig. Hier ist das Erkennungszeichen.«


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Dabei reckte er den rechten Arm empor, so daß man die imitirte Hand deutlich bemerken konnte. Der Oberst fuhr zurück.

»Was!« rief er. »Wäre es möglich?«

»Möglich? Was denn?«

»Sie wären Lieutenant Ravenow?«

»Donner und Doria! Wer denn sonst?«

»Na, das hätte ich nicht denken können. Mensch, wie sehen Sie denn aus?«

Der Lieutenant blickte den Oberst ganz erstaunt an.

»Wie ich aussehe? Ich verstehe Sie nicht.«

»Mein Gott, dort ist ja der Spiegel. Haben Sie denn nicht hinein gesehen?«

Ravenow war allerdings bis jetzt so mit seinem Zorne beschäftigt gewesen, daß er merkwürdiger Weise keinen einzigen Blick in den Spiegel geworfen hatte. Er stand auf, trat vor das Glas, fuhr aber sofort erschrocken zurück.

»Hölle und Teufel,« rief er. »Wer ist das? Das soll doch nicht etwa ich sein?«

»Wer denn sonst?« fragte der Oberst.

»So, so also bin ich zugerichtet. Na, warte, mein Bursche. Ich werde Dir den Satan auf den Leib schicken. Ich kann mich weiß Gott vor keinem Menschen sehen lassen.«

»Das scheint mir auch so. Was haben Sie denn gehabt?«

»Hm. Eine ganz verdammte Geschichte.«

»Ein Sturz vielleicht?« lächelte der Oberst.

»Nein.«

»Oder ein Schreck? Man erzählt sich ja von Menschen, deren Gesicht vor Schreck oder Angst blauschwarz angelaufen ist.«

»Auch nicht,« antwortete Ravenow ärgerlich.

»Dann müßte man meinen, daß Sie aus einer recht intensiven Schlägerei kommen. Doch ist das ja unmöglich.«

»O, was das Letztere betrifft, so giebt es sogenannte Unmöglichkeiten, welche trotzdem sehr oft passiren. Ich werde Ihnen die Sache erzählen. Vorher aber eine Erklärung. Woher kommen Sie?«

»Aus Wolfenbüttel.«

»Wohin fahren Sie? Nur nach Magdeburg?«

»Nein, nach Berlin. Und Sie kommen?«

»Aus Mainz.«

»Und gehen?«

»Auch nach Berlin.«

»Ist mir lieb. Wenn Sie wüßten, weshalb ich nach Berlin gehe.«

»Ah, der Grund, welcher mich nach der Hauptstadt zieht, ist jedenfalls ebenso, und noch interessanter als der Ihrige. Sie werden staunen.«

»Sie ebenso.«

»Wirklich? Sie machen mich neugierig.«

»So will ich Sie nicht martern. Ich komme in Folge einer Depesche.«

»Ich ebenso. Es handelt sich um eine Angelegenheit, um deretwillen es mir ganz lieb ist, Sie unterwegs zu treffen.«


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»Ganz dasselbe habe ich auch Ihnen zu sagen. Lieutenant von Golzen hat mir nämlich telegraphirt.«

»Wirklich?« fragte Ravenow überrascht. »Mir auch.«

»Ah!« rief nun seinerseits der Oberst. »Wann?«

»Gestern.«

»Mir auch. Kannte er Ihren Aufenthalt?«

»Ja.«

»Den meinigen auch. Ich vermuthe jetzt, daß der Inhalt der beiden Depeschen derselbe ist.«

»Und daß wir aus derselben Ursache nach Berlin gehen.«

»Sie meinen doch diesen - diesen Schurken?«

»Diesen obscuren Helmers? Ja.«

»Golzen telegraphirte mir, daß der Kerl in Berlin eingetroffen sei. Er hat ihn vorgestern gesehen.«

»Ganz denselben Inhalt hatte auch meine Depesche. Ich brach natürlich heut auf.«

»Um Ihren damaligen Schwur zu halten?«

»Ja.«

»Und ich den meinigen. Rache für dieses hier.«

Der Oberst erhob nun seinerseits den rechten Arm. Auch er trug eine falsche Hand, welche in einem Handschuh steckte.

Ravenow stampfte den Boden mit dem Fuße.

»Wenn ich an jene Zeit denke, könnte ich rasend werden,« knirschte er. »Jung, reich, Hahn im Korbe bei den Damen und eine Carrière vor sich. Da kam dieser verfluchte Mensch und - - ach!«

»Ist's mit mir nicht ebenso?« fragte der Oberst finster. »Ich stand im Begriff, General zu werden. Donnerwetter, Sie sind noch zu beneiden gegen mich.«

»Ich? Wieso?«

»Sie haben keine Frau.«

»Freilich. Ich begreife.«

Er stieß ein höhnisches Lachen aus.

»Diese Vorwürfe. Keine Pension. Kein Vermögen.«

»Kommen Sie zu mir.«

»Danke. Es muß schon so viel werden, als ich brauche, den Hunger zu stillen. Muse habe ich genug.«

»Ich ebenso. Ich habe sie gut benutzt.«

»Ich nicht weniger. Ich habe mich täglich mehrere Stunden geübt.«

»Im Schießen?«

»Ja, im Schießen mit der linken Hand.«

»Gelingt es?«

»Ich behaupte, jetzt besser zu treffen, als früher mit der Rechten.«

»Und ich führe den Degen jetzt mit der Linken so wie zuvor. Dieser Helmers müßte gradezu vom Teufel beschützt werden, wenn er zum zweiten Male davon käme.«

»Sie beabsichtigen also wirklich - -«

»Ich gehe nach Berlin, um ihn zu fordern,« meinte Ravenow kurz.


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»Und ich gehe nach Berlin, um ihn kalt zu machen,« erklärte der Oberst. »Mögen die Folgen sein, welche sie wollen.«

»Pah, Folgen,« meinte der Lieutenant verächtlich. »Hier handelt es sich um eine Rache, deren Gelingen auch für die schwersten Folgen entschädigen wird. Die Frage ist, ob wir den Kerl finden.«

»Jedenfalls.«

»Aber wo?«

»Im Palaste dieses Herzogs von Olsunna.«

»Wissen Sie, daß er dort abgestiegen ist?«

»Nein, ich vermuthe es, weil er stets dort gewohnt hat.«

»Sie mögen recht haben. Wissen Sie, wo er sich bisher befand?«

»Man munkelte von einer Reise nach Rußland.«

»Auch ich hörte davon. Dieser Schiffersjunge hat ein Glück, welches gradezu frevelhaft ist.«

»Mir gilt es gleich.«

»Mir auch gleich. Ich fordere den Kerl, schieße ihn nieder und bin gerächt.«

»Aber ich hoffe, daß Sie mir die Vorhand lassen.«

»Wie damals? Warum?«

»Ganz aus dem früheren Grunde.«

»Darüber läßt sich noch sprechen. Haben Sie bereits daran gedacht, wen Sie als Sekundanten engagiren werden?«

»Nein, das wird sich finden.«

»Meinen Sie? Ich denke vielmehr, daß wir da auf Schwierigkeiten stoßen werden.«

»Welche?«

Der Oberst wurde ein klein wenig verlegen.

»Man wird vorsichtig sein,« meinte er. »Man wird sofort ahnen, daß es sich um Leben und Tod handelt.«

»Pah,« lachte Ravenow. »Sie können immerhin deutlich sprechen, ohne daß ich es Ihnen übel nehme. Sie meinen, daß unsere Ambition nicht mehr so glänzend erscheint wie früher.«

»Leider,« seufzte der Oberst. »Jene Tage haben uns auch in dieser Beziehung viel Schaden gemacht.«

»Ich gebe keinen Heller darauf. Was ist Ehre? Diese Frage ist auch eine Pilatusfrage. Wie kommt es, daß die Ehre eines Offiziers zum Teufel ist, sobald derselbe von einem Stocke berührt wird oder eine Ohrfeige bekommt? Tradition, Ueberlieferung von alten Urtanten und Urcousinen her!«

Er schnippste mit den Fingern verächtlich in die Luft, aber seine Augen funkelten doch, wie unter einer zornigen Erregung. Die Schläge des Amerikaners waren außerordentlich kräftig gewesen. Das ganze Gesicht des Lieutenants war geschwollen; Nase und Lippen hatten eine dunkle, blauschwarze Färbung angenommen. Es war wirklich kein Wunder, daß der Oberst ihn nicht erkannt hatte.

»Hm,« meinte dieser. »Eine Ohrfeige ist doch etwas höchst Heikles, man mag es betrachten, wie man es will.«

»Aber auch der größte Ehrenmann ist nicht sicher, eine solche zu bekommen.«

»Das begreife ich nicht.«


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»Nicht? Ich begreife es sehr; ich habe es sogar gefühlt.«

»Das klingt ja grad, als hätten Sie die eigenthümliche Färbung Ihres Gesichtes einer Anzahl von Ohrfeigen zuzuschreiben.«

»Nun, und wenn es nun in Wirklichkeit so wäre?«

»Ich wüßte nicht, was ich da denken sollte. Man müßte da den vorliegenden Fall beurtheilen können.«

»Gut, Sie sollen ihn beurtheilen.«

»Ach, also doch,« rief der Oberst, dessen Interesse erregt war.

»Ja, also doch.«

»Man hat Ihnen eine Ohrfeige zu geben gewagt?«

»Eine? Viel mehr,« lachte Ravenow, aber sein Lachen war ein Lachen der Wuth und des Grimmes.

»Wer wäre das gewesen? Hoffentlich ein - ein -«

»Nun, ein - -«

»Ein Mensch, dessen Berührung nicht ganz und gar destruirend auf das wirkt, was man Ehre nennt.«

»Grad das Gegentheil. Der Kerl war ein Vagabund, ein ganz und gar gewöhnlicher Vagabund.«

»Lieutenant,« rief der Oberst erschrocken.

»Ein Vagabund,« wiederholte Ravenow, »ein herumziehender Musikant.«

»Da kann ich Sie nur bedauern, aber ich begreife Sie nicht.«

»Der Teufel hole Sie mit Ihrem Bedauern. Ich brauche es nicht.«

»Gut. Erzählen Sie.«

»Hören Sie. Ich bin heut bei meinem Bruder. Sie wissen, daß er der Carrière wegen auch seine Polizeistudien unternommen hat. Er ist jetzt Commissar. Eben, als ich bei ihm bin, bringt man einen Arrestanten ein. Der Kerl machte im Vorzimmer einen solchen Scandal, daß mein Bruder sich veranlaßt sieht, die Thür zu öffnen. Da erblicken wir denn ein Subject in einem Frack mit Tellerknöpfen, Lederhosen, Rembrandtschem Riesenhut und Tanzschuhen. Er hatte einen Sack, ein Gewehr und eine Posaune bei sich.«

»Hm. Pittoresk.«

»Allerdings. Der Kerl nimmt es übel, daß er arretirt worden ist und wirft mit den erstaunlichsten Grobheiten um sich, und weigert sich in meiner Gegenwart eine Antwort zu geben. Was denken Sie, was geschieht?«

»Ihr Herr Bruder sperrte ihn ein?«

»Keineswegs. Dieser Herr Bruder verabschiedete mich.«

»Unbegreiflich.«

»Ich werde es ihm gedenken. Ich habe mich direct nach dem Bahnhofe begeben, um den nächsten Zug zu erwarten.«

»Aber, ich denke, Sie wollen von Ohrfeigen erzählen? Die dazu geeignete Scene ist ja bereits vorüber.«

»Nur Geduld. Also der Zug ist zum Abgehen bereit, und man hat bereits zum zweiten Male geläutet, da wird meine Thür aufgerissen und der Conducteur schiebt mir - wen herein?«

»Doch nicht etwa den Musikanten?«


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»Keinen Andern als ihn.«

»Donnerwetter! Wie ist das möglich?«

»Ich weiß es auch nicht.«

»Ist er Ihrem Bruder entkommen?«

»Höchst wahrscheinlich.«

»Die Geschichte wird interessant. Weiter.«

»Die Thür wurde sofort geschlossen, und der Mensch nahm Platz mit der Miene eines Reisenden, der gewöhnt ist, nur in erster Classe zu fahren.«

»Hatte er sein Gepäck bei sich?«

»Freilich. Leinensack, Gewehr und Posaune.«

»Niederträchtig.«

»Ja, niederträchtig. Möglich, daß er entflohen ist; noch wahrscheinlicher aber ist, daß mein Bruder ihn aus irgend einem Grunde hat laufen lassen. Er ist nach dem Bahnhofe gekommen, hat mich gesehen und, um mich zu ärgern, ein Billet erster Classe gelöst.«

»Das ist allerdings verteufelt fatal.«

»Mehr als das.«

»Was thaten Sie?«

»Ich frug ihn natürlich, was er hier wolle. Er antwortete, daß mich das nichts angehe. Ich will den Schaffner rufen, aber der Zug ist bereits in Bewegung. Ich frage, ob er ein Billet erster Classe habe. Er antwortet mir abermals, daß mich das gar nichts angehe. Ich nenne ihn darauf einen Flegel oder so etwas Aehnliches und erhalte, ohne daß es sich nur im Geringsten ahnen ließ, in demselben Augenblicke eine Ohrfeige, daß mir Hören und Sehen vergeht.«

»Hölle und Teufel! Sie haben den Kerl doch sofort zum Fenster hinaus geworfen?«

»Nicht sogleich,« antwortete Ravenow unter einem höhnischen Lachen. »Es ist das viel leichter gesagt, als gethan. Ich hatte, wie bereits erwähnt, von dem unverschämten Hiebe gradezu das Denken verloren; doch faßte ich mich bald, sprang auf und wollte ihn fassen. Aber ehe ich dazu kam, empfing ich einen zweiten Schlag.«

Der Oberst öffnete die Augen so weit wie möglich.

»Auch Ohrfeige?« fragte er.

»Ja.«

»Unmöglich.«

»Pah! Ich wollte, Sie wären an meiner Stelle gewesen. Es wäre Ihnen ganz sicher grad ebenso ergangen. Dieser Kerl besaß gradezu eine gedankenhafte Schnelligkeit. Ich hatte den Entschluß, ihn zu packen, noch gar nicht recht gefaßt, so war er schon mit dem Hiebe da. Und eine Körperstärke besaß der Kerl, gegen welche es gar kein Aufkommen gab.«

»Dazu läßt sich allerdings gar nichts sagen.«

»Unsinn. Denken Sie sich zwei Männer in einem verschlossenen Coupee allein. Derjenige, auf dessen Seite die geistige Roheit und physische Uebermacht ist, wird Sieger sein; das versteht sich ja ganz von selber.«

»Möglich. Aber hatten Sie gar keine Waffe bei sich?«


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»Leider nicht. Hätte ich meinen Revolver gehabt, so hätte ich ihm einfach eine Kugel durch den Kopf gejagt.«

»Was thaten Sie dann, da dies nicht möglich war?«

»Ich warf mich abermals auf ihn, aber er faßte mich mit wahren Bärentatzen, drückte mich an die Wand und - na, die Folgen zeigt Ihnen ja mein Gesicht.«

»Abermals Ohrfeigen?«

»Ja.«

»Schauderhaft, verdammt schauderhaft.«

»Kann ich dafür, daß man nicht einmal in erster Classe seines Lebens sicher ist? Sie wissen, daß ich in allen körperlichen Uebungen nicht eine klägliche Rolle spiele, aber ein Goliath bin ich denn doch nicht. Uebrigens folgten sich seine Bewegungen so schnell, daß ich gar nicht Gelegenheit zu einer einzigen fand.«

»Ich erstaune. Ich hätte ihn ermordet, oder wäre vor Wuth zerborsten.«

»Es geschah Beides nicht. Ehe ich es zu einem abermaligen und erfolgreicheren Angriff bringen konnte, erreichten wir die nächste Station. Ich öffnete das Fenster und rief die Beamten herbei.«

»Sie bemächtigten sich natürlich des Burschen?«

»Das versteht sich. Er befindet sich jetzt hinter Schloß und Riegel und harrt einer exemplarischen Bestrafung entgegen.«

»Lieutenant, Lieutenant. Diese Affaire ist nicht etwa sehr ehrenhaft für Sie.«

»Ich weiß das selbst. Sie wundern sich, daß ich überhaupt davon erzähle?«

»Natürlich. Dergleichen Dinge verschweigt man am Liebsten.«

»Erstens wollte ich Ihnen beweisen, daß auch der größte Ehrenmann nicht vor Ohrfeigen sicher ist.«

»Ich danke für diesen Beweis.«

»Und sodann sehen Sie ja mein Gesicht. Wie sollte ich Ihnen die Geschwulst desselben erklären?«

»Ein Sturz,« lächelte der Oberst.

»Hätten Sie dies geglaubt?«

»Aufrichtig gesagt, nein.«

»Sie sehen also, daß ich recht hatte, Ihnen kein Hehl aus dem Geschehenen zu machen. Der Teufel aber weiß, wie lange diese impertinente Geschwulst anhalten wird.«

»Ist etwas Innerliches verletzt?«

»Nein.«

»So rathe ich Ihnen, rohes Fleisch aufzulegen, und zwar sofort.«

»Woher es bekommen?«

»In Magdeburg. Wir werden sogleich die letzte Station vor dieser Stadt erreichen. Am Büffet oder in der Küche giebt es auf jeden Fall rohes Fleisch; Sie können es gut auflegen, da wir uns allein im Coupee befinden. Wir fahren drei Stunden bis Berlin, bis dahin kann die bedeutendste Hitze bereits gewichen sein.«

Sie fuhren jetzt eben in die Station ein, wo sie längere Zeit halten blieben. Dies fiel dem Obersten so auf, daß er das Fenster öffnete, um sich nach der Ursache dieser Zögerung zu erkundigen.

»Schaffner,« fragte er, »warum wartet man so lange?«


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»Es ist ein Extrazug angekündigt, welchen wir vorüberlassen müssen,« lautete die Antwort.

Es dauerte auch nicht lange, so kam der Extrazug herangerollt. Er bestand aus der Maschine und nur einem Wagen. Aus dem einen Fenster des Letzteren blickte ein Kopf, dessen Augen den hier haltenden Zug lebhaft musterten. Der Oberst erblickte den Kopf, trotzdem der Extrazug in außerordentlicher Geschwindigkeit vorüberrollte.

»Himmelbataillon!« rief er.

»Was denn?« fragte Ravenow.

»Welch eine Nase das war.«

»Wo?«

»Aus dem Fenster guckte ein Kerl, der hatte eine Nase, fast so groß, wie eine Pflugschaar.«

»Ha! Größer kann sie unmöglich gewesen sein, als die Nase des Vagabunden, mit dem ich es heut zu thun hatte.«

Jetzt setzte sich nun auch ihr Train wieder in Bewegung. Als sie Magdeburg erreichten, war von dem Extrazug bereits nichts mehr zu sehen. Da Ravenow es vermeiden wollte, sich erblicken zu lassen, so ging der Oberst an das Büffet und ließ sich ein Quantum grün gewiegtes Fleisch geben, welches er seinem Reisegefährten brachte. Dieser legte es, als sie wieder im Coupee saßen, in sein Taschentuch und band sich dasselbe auf das Gesicht, grad als der Zug sich wieder in Bewegung setzte.

Der Lieutenant hatte das geschwulststillende Mittel kaum eine Minute aufliegen, so seufzte er erst leise und dann lauter auf und ließ dann sogar ein ziemliches Stöhnen hören.

»Was giebt es? Was haben Sie?« fragte der Oberst.

»Wissen Sie genau, daß grünes Fleisch hilft?«

»Ja. Es zieht in kürzester Zeit die Geschwulst zusammen.«

»Aber es brennt verdammt.«

»Das muß es auch.«

»So sehr?«

»Es wird wohl zum Aushalten sein.«

Ravenow schwieg, begann aber bald wieder zu stöhnen. Er rückte auf seinem Platze hin und her und riß endlich das Tuch herunter.

»Ich halte es nicht aus,« meinte er.

»So schlimm kann es doch unmöglich sein,« sagte der Oberst verwundert.

Da hielt Ravenow das Fleisch an die Nase.

»Haben Sie gesagt, wozu Sie das Fleisch wollen?« fragte er.

»Nein, natürlich nicht.«

»In welcher Weise verlangten Sie es?«

»Ich fragte nach rohem Rindfleische und erhielt zur Antwort, daß solches in Stücken nicht mehr zu haben, sondern nur noch gewiegt vorräthig sei. Daher ließ ich mir von Letzterem geben.«

»Ohne zu fragen, ob es auch rein sei?«

»Unsinn. Womit sollte man es verunreinigt haben?«


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»Verunreinigt nicht; aber hier, Oberst, riechen Sie einmal.«

Er hielt dem Reisegefährten das Tuch mit dem Fleische an die Nase.

»Danke,« meinte der Oberst. »Ich habe niemals einen besonders scharfen Geruch gehabt, und heut leide ich an einem Schnupfen, welcher beinahe chronisch zu werden scheint. Ich rieche absolut nichts.«

»So kosten Sie wenigstens einmal.«

»Von dem Fleische?« fragte der Oberst erschrocken.

»Ja.«

»Welches sich in Ihrem Taschentuche befindet?«

»Natürlich.«

»Und welches Sie auf der geschwollenen Nase liegen gehabt haben?«

»Ja.«

»Donnerwetter! Da muß ich denn doch bestens danken!«

»Eigentlich sollten Sie aber zur Strafe kosten müssen!«

»Warum?«

»Weil dieses Fleisch bereits zum rohen Beefsteak vorbereitet gewesen ist. Verstanden?«

»Unmöglich.«

»Es ist eine ganz unverschämte Quantität von Salz, Pfeffer und Zwiebel daran. Und das soll eine Geschwulst mildern?«

»Hm! Das thut der Pfeffer und die Zwiebel freilich nicht. Wie dumm von diesen Leuten. Werfen Sie das Zeug zum Fenster hinaus.«

Grad als Ravenow diesem Rathe Folge leistete, rollte der Zug in Neustadt-Magdeburg ein und blieb halten, um etwaige Passagiere aufzunehmen. Da erklang in der Nähe des Coupees die Frage:

»Nach Berlin, Schaffner?«

»Ja, weiter vorn.«

»Vorn ist ja die dritte Classe.«

»Was für welche fahren denn Sie?«

»Erste.«

»Sie? Wirklich erste?«

»Sie haben es gehört.«

»Zeigen Sie Ihr Billet.«

»Hier!«

Man konnte vom Coupee aus nichts sehen, aber der Schaffner betrachtete sich jedenfalls jetzt das Billet, dann hörte man ihn sagen:

»Richtig! Steigen Sie hier ein. Aber schnell. Es geht augenblicklich fort.«

Er öffnete die Thür, und der Passagier stieg ein.

»Guten Morgen,« grüßte er höflich.

Er erhielt keine Antwort, denn Ravenow konnte vor Erstaunen nicht sprechen, und der Oberst antwortete aus Indignation nicht, da der Neueingetretene nicht ein Mann zu sein schien, dessen Gruß man zu beantworten braucht.

Der Fremde setzte sich und sofort brauste der Zug weiter.

»Herr, mein Heiland!« stieß da Ravenow hervor.

»Was ist es?« fragte der Oberst.


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Der Gefragte deutete wortlos nach dem Fremden, welcher es sich mit seinem Sacke, seiner Flinte und Posaune so bequem wie möglich zu machen suchte. Der Oberst betrachtete ihn ein Weilchen und richtete dann den Blick wieder auf Ravenow. Dieser hatte sich inzwischen von seiner Bestürzung erholt.

»Oberst, wissen Sie, wer dieser Mensch ist?« fragte er hastig. Der Gefragte antwortete halblaut:

»Ganz sicher jener Mann, dessen fürchterliche Nase mit dem Extrazuge herangerasselt kam.«

»Es ist mein Mann, mein Mann!«

»Ihr Mann? Wie denn? Wie meinen Sie das?«

»Der Vagabund, welcher - - ach, die Ohrfeigen.«

»Donnerwetter! Ist's wahr?«

»Freilich!«

»Ich denke, er ist gefangen?«

»Ja, er wird abermals entflohen sein.«

»Mit einem Extrazuge?«

»Wer kann wissen, wie es zugegangen ist. Wann kommen wir zur nächsten Station?«

»In sechs Minuten nach Biederitz.«

»Dort lassen wir ihn festnehmen.«

»Irren Sie sich nicht? Wissen Sie genau, daß er es ist?«

»Wie wäre bei dieser Nase und der Posaune ein Irrthum möglich!«

»Werde gleich sehen.«

Der Oberst warf sich in eine höchst unternehmende Attitude, wendete sich an Geierschnabel und fragte:

»Wer sind Sie?«

Geierschnabel antwortete nicht.

»Wer sind Sie?« wiederholte der Oberst.

Abermals keine Antwort.

»Hören Sie. Ich habe gefragt, wer Sie sind.«

Um das Rollen der Räder zu überthönen, hatte der Oberst die letzte Frage fast brüllend ausgesprochen. Jetzt nickte Geierschnabel ihm äußerst freundlich zu und antwortete:

»Was ich bin? Ein Passagier.«

»Das weiß ich!« rief der Oberst. »Ihren Namen will ich wissen!«

»Schön. Sie sollen ihn erfahren.«

»Nun?«

»Ja.«

»Was denn, ja?«

»Daß Sie ihn erfahren sollen.«

»So sagen Sie ihn doch auch.«

»Hm. Wann wollen Sie ihn denn wissen?«

»Natürlich jetzt gleich.«

»O weh! Ich habe ihn leider gerade jetzt nicht gleich bei der Hand.«

»Treiben Sie keinen Blödsinn! Woher kommen Sie heute?«


// 2147 //

»Von Mainz.«

»Ah, Sie waren beim Polizeicommissar von Ravenow?«

»Allerdings.«

»Und unterwegs wurden Sie abermals arretirt?«

»Leider.«

»Wie kommen Sie nach Magdeburg?«

»Mittelst Extrazuges.«

»In den Sie sich eingeschmuggelt haben? Man wird dafür sorgen, daß Sie nicht wieder entkommen, Sie Lumpazi vagabundus!«

»Lumpazi? Vagabundus? Hören Sie, gutes Männchen, sprechen Sie in meiner Gegenwart diese beiden Worte nicht wieder aus!«

Der Oberst bog sich in herausfordernder Art zu ihm herüber.

»Weshalb?« fragte er. »Die Antwort könnte Ihnen nicht gefallen.«

»Soll dies etwa eine Drohung sein?«

»Nein, sondern eine Warnung.«

»Die brauche ich nicht. Behalten Sie dieselbe für sich.«

Jetzt endlich hatte Ravenow einen Entschluß gefaßt. Er sah in dem Obersten einen Verbündeten, auf den er rechnen konnte; sie Beide waren dem Fremden jedenfalls gewachsen. Jetzt war es Zeit, ihm seine Ohrfeigen mit Zinsen zurückzugeben und ihn dann auch noch arretiren zu lassen.

»Bitte, sprechen Sie nicht mit diesem flegelhaften Geschöpfe,« sagte er daher zu dem Obersten. »Ich werde ihn der Polizei übergeben, die am besten weiß, was mit einem solchen Lumpen anzufangen ist.«

Er hatte das letzte Wort noch nicht ausgesprochen, so geschah ein lauter Klatsch in dem Coupee. Geierschnabel hatte dem Sprecher eine so fürchterliche Ohrfeige applicirt, daß er von seinem Sitze herunterflog.

Da sprang der Oberst empor und faßte ihn bei der Brust.

»Hallunke!« rief er. »Das sollst Du büßen!«

»Hand weg! Augenblicklich!« gebot Geierschnabel, indem seine Augen funkelten.

Er befand sich noch auf seinem Sitze, während der Oberst vor ihm stand.

»Was?« antwortete der Letztere. »Befehlen willst Du mir? Da nimm hin, was Dir gehört!«

Er holte zu einer Ohrfeige aus, brach aber in demselben Augenblicke mit einem lauten Schmerzensschrei zusammen. Geierschnabel hatte mit der Linken den Hieb parirt und ihm die rechte Faust echt boxgerecht in der Weise in die Magengrube gestoßen, daß er sofort kampfunfähig war.

Ravenow konnte seinem Verbündeten nicht zu Hilfe kommen. Die letzte Ohrfeige war eine so intensive gewesen, daß er genug hatte. Er hatte das Gefühl, als ob sein Kopf ein gigantischer Luftballon sei, in welchem es keinen einzigen Gedanken gab. Es brummte und summte um ihn herum, er hatte kein Gefühl, keinen Gedanken und keinen Willen mehr. Und der Oberst hauchte mit zusammengeklapptem Leibe auf dem Sitze und stieß ein angstvolles Wimmern aus.


// 2148 //

»Das habt Ihr von dem Lumpazi vagabundus!« rief Geierschnabel. »Ich werde Euch lehren, höflicher zu sein.«

»Mensch, was hast Du gewagt!« stöhnte der Oberst.

»Gar nichts. Was wäre bei Euch zu wagen!«

»Ich lasse Dich arretiren!«

»Werden sehen.«

»Vorsätzliche Körperverletzung wird mit dem Zuchthause bestraft.«

»Das sind auch schöne Körper, die sich so leicht verletzen lassen! Bist wohl auch ein Offizier, mein Junge? Ja, renommiren könnt Ihr, aber bei so einem guten Trapperstoße, da knickt Ihr zusammen.«

»Wir werden Dich schon zähmen!« stieß der Oberst mit Mühe hervor.

»Das wird sich sogleich zeigen.«

Die Maschine gab in diesem Augenblicke das Zeichen, daß man an einer Station ankomme. Als der Zug im Halten war, öffnete Geierschnabel das Fenster und rief den Schaffner an. Dieser kam herbei geeilt.

»Was befehlen Sie?« fragte er diensteifrig.

»Schnell, den Zugführer und Stationsvorsteher her!«

»Weshalb?«

»Eine Beschwerde.«

»Wir haben hier keine Zeit.«

»Es muß Zeit werden. Ich bin im Coupee überfallen worden.«

Das half sofort. Der Schaffner sprang davon und zwei Sekunden später kamen die beiden Gewünschten herzu. Geierschnabel hatte die ganze Fensteröffnung eingenommen, so daß seine beiden Mitreisenden gar nicht gehört werden konnten.

»Was ist's? Was wünschen Sie?« fragte der Zugführer schon von Weitem.

»Wie lange halten Sie hier?«

»Nur eine Minute. Sie ist bereits verflossen. Wir müssen fort.«

»Gedulden Sie sich nur noch eine einzige. Ich werde Sie nicht länger aufhalten. Herr Stationsvorsteher, ich bin heute im Coupee bereits zum zweiten Male überfallen worden; ich bitte, meine beiden Mitreisenden zu arretiren.«

»Wer sind Sie, mein Herr?«

»Hier mein Paß.«

Er hatte ihn bereit gehalten. Es war noch nicht Tag. Der Vorsteher prüfte den Paß beim Scheine der Laterne und sagte dann:

»Ich stelle mich zur Verfügung, Herr Capitän. Wer sind die beiden Männer?«

»Der Eine giebt sich für einen Grafen aus, der Andere ist sein Spießgeselle. Glücklicher Weise ist es mir gelungen, sie einstweilen unschädlich zu machen. Darf ich aussteigen?«

»Ich bitte Sie darum. Leute her!«

Es war kein Polizist zugegen, aber in Folge des letzteren Rufes kamen einige Bahnarbeiter herbei, welche genügend erschienen, zwei Arrestanten zu überwältigen.

Das war vielmal schneller geschehen, als man zu erzählen vermag. Der


// 2149 //

Oberst und Ravenow hatten jedes Wort gehört, welches gesprochen wurde, und Beide waren über das so ganz und gar unerwartete Vorgehen Geierschnabels so erstaunt und verwirrt, daß sie sprachlos sitzen blieben, selbst als der Schaffner jetzt die Thür öffnete und der Amerikaner hinaussprang.

»Wo sind sie?« fragte der Vorsteher.

»Da sitzen sie,« antwortete Geierschnabel.

Der Vorsteher bog sich in das Coupee hinein und befahl:

»Bitte, aussteigen. Aber schnell!«

»Das geht nicht,« antwortete der Oberst. »Wir sind -«

»Weiß schon,« unterbrach ihn der Beamte. »Heraus! Heraus!«

»Donner und Doria!« rief da Ravenow. »Wissen Sie, daß ich Lieutenant Graf von Ravenow bin!«

Der Beamte leuchtete ihm mit einer Laterne in das Gesicht und antwortete mit überlegenem Achselzucken:

»Schön. Sie sehen ganz wie ein Graf aus. Steigen Sie endlich aus, sonst werde ich Gewalt anwenden müssen.«

»Unser Gepäck -« wollte der Oberst sagen.

»Wird Alles besorgt. Heraus damit, Ihr Leute!«

Die beiden früheren Offiziere mußten heraus. Sie wurden einstweilen gar nicht angehört, sondern in einem sicheren Zimmer bewacht. Geierschnabel blieb bei dem Vorsteher, welcher die Wegnahme des Gepäckes überwachte.

»Schöne Sachen!« lachte einer der Arbeiter. »Da ist wahrhaftig eine alte Posaune! Hurrjesses, diese Knillen und Löcher! Welch ein Elend muß es sein, diese alte Karline brummen zu hören.«

»Und hier ein Sack,« meinte der Andere. »Das ist der richtige Beweis, daß diese Kerls Spitzbuben sind. Gehört eine Posaune und so ein Sack in die erste Classe? Na, der Trödel, welcher da drin stecken wird.«

Sie hielten Geierschnabels Gepäck für das Eigenthum der beiden Anderen und er gab sich keine Mühe, sie über den richtigen Sachverhalt aufzuklären. Als das Coupee geleert war, rollte der Zug von dannen, die Effecten der beiden Offiziere mitnehmend, da sie sich nicht im Coupee, sondern unter dem Passagiergut befunden hatten.

»Bitte, wollen Sie mir jetzt folgen, Herr Capitän?« bat der Vorstand und geleitete ihn in seine Expedition, wo er ihn einlud, sich niederzusetzen.

Geierschnabel that dies und zog seine übrigen Papiere hervor.

»Ich will meine Legitimation vervollständigen,« sagte er. »Haben Sie die Güte, Einsicht zu nehmen.«

Der Beamte las die Documente durch. Er fühlte sich von Respect durchdrungen. Ein Prairiejäger! Ein Bekannter des berühmten Juarez! Nur eins kam ihm sonderbar vor: die Kleidung dieses berühmten Mannes. Daher sagte er:

»Hier Ihre Papiere zurück, Herr Capitän. Es genügte der zuerst gelesene Paß; ich sehe nun aber, mit welch einem Herrn ich zu thun habe. Würden Sie mir eine Frage gestatten?«

»Sprechen Sie.«

»Selbst wenn diese Frage zudringlich erscheint?«


// 2150 //

»Ich werde antworten.«

»Warum kleiden Sie sich nicht Ihrem Stande gemäß?«

Da machte Geierschnabel eine sehr wichtige, geheimnißvolle Miene, legte die Hand an den Mund und antwortete:

»Incognito.«

»Ah, so! Man soll nicht wissen, wer Sie sind.«

»Nein. Darum der Sack, das Futteral und die Posaune.«

»Ah, diese sind Ihr Eigenthum?«

»Ja; ich reiste als Musikus.«

»Jetzt begreife ich.«

»Ich hoffe, daß mein Incognito bei Ihnen nicht Gefahr läuft.«

»Ich habe gelernt, zu schweigen. Darf ich nun vielleicht um Ihren Bericht bitten?«

»Ich gebe Ihnen denselben zwar kurz aber sehr gern. Ich komme von Mainz. Als ich dort in ein Coupee erster Classe stieg, saß der Mensch darin, welcher der jüngere der Beiden ist. Er gab sich für einen Grafen aus und fing Händel mit mir an. Ich vermuthe, daß er ein französischer Spion ist, welcher mir folgt, um mich auf alle Weise zu verhindern, bei Herrn von Bismarck zu erscheinen, zu welchem ich von Juarez geschickt werde.«

»Wir werden dafür sorgen, daß diesem Herrn Franzosen alle weitere Lust zu Intriguen vergeht.«

»Ich hoffe es. Also, er fing Händel mit mir an und ich gab ihm einige Ohrfeigen.«

»Recht so.«

»Freut mich, daß Sie mir beistimmen. Leider aber stieg er unterwegs aus, gab sich für einen Grafen aus und mich für einen Vagabunden. Der dortige Stationsvorsteher besaß nicht Ihren Scharfblick und Ihre Menschenkenntniß. Ich wurde festgehalten, den Anderen aber ließ man weiterfahren.«

»Welch' eine ungeheure Albernheit,« rief der geschmeichelte Beamte. »Man sieht doch sofort schon beim ersten Blicke, daß Sie ein einflußreicher Mann incognito sind. Weiter.«

»Der sogenannte Graf hatte sich nur durch eine Visitenkarte legitimirt; mich hörte man gar nicht an. Aber als ich später meine Documente vorlegte und erklärte, daß ich eine Conferenz versäume, zu welcher Bismarck mich erwarte, fühlte sich dieser gute Vorsteher geradezu niedergeschmettert. Eigentlich beabsichtigte ich, ihn bestrafen zu lassen, aber er gab so gute Worte, daß ich davon absah. Ich nahm bis Magdeburg Extrazug, um meinem Zuge nachzukommen, ließ mir aber von dem Vorstande erst diese Zeilen geben. Ich ahnte nämlich, daß der sogenannte Graf, sobald er mich wieder erblicke, mir neue Hindernisse in den Weg legen werde.«

Der Beamte las die Bescheinigung durch und sagte dann:

»Das ist mir von hohem Werthe. Mein College dahinten erklärt, daß er durch die falschen Angaben des Grafen verführt worden sei. Mich soll er nicht verführen. Bitte, fahren Sie fort.«


// 2151 //

»Ich kam nach Magdeburg und als ich in das Coupee stieg, erblickte ich meinen Widersacher. Ein Zweiter war bei ihm.«

»Jetzt begann wohl die Machination?«

»Ja. Sie fingen wieder Streit an. Der Andere wollte mich prügeln. Ich gab aber dem Grafen eine Ohrfeige, daß er genug hatte, und dem Anderen einen Stoß in die Magengrube, daß ihm die Luft ausging. Glücklicher Weise langten wir dann gleich hier an. Hätten sich die Beiden wieder erholen können, so wäre es wohl um mich geschehen gewesen.«

»Ich werde sie bei den Haaren nehmen! Aber à propos, halten Sie den Anderen auch für einen Franzosen?«

»Nein, sondern für einen Russen. Sie wissen doch, daß Rußland gerade jetzt die deutschen Grenzen besetzt. Der Teufel weiß, was dieser Mann in Deutschland machen und ausführen soll.«

»Wir wollen ihm das Handwerk legen. Genehmigen Sie, daß ich sie jetzt verhöre.«

»Gern.«

»Natürlich sind Sie dabei. Ich bitte, mir zu folgen.«

Er führte ihn nach demjenigen Zimmer, in welchem die beiden Gefangenen aufbewahrt wurden. Sie befanden sich da unter der Aufsicht von zwei Bahnarbeitern, welche kein Auge von ihnen verwendeten.

Gleich als die Beiden eintraten, brauste Ravenow auf:

»Wie können Sie sich unterstehen, uns als Gefangene zu behandeln!«

»Ruhe!« rief ihm der Beamte entgegen.

»Ich frage, wie Sie es wagen können -«

»Und abermals Ruhe, sonst verschaffe ich mir welche! Sie haben nur dann zu antworten, wenn ich frage.«

»Richtig. So muß es sein,« bemerkte der Eine der Arbeiter.

Geierschnabel bekam einen Stuhl und nun fragte der Stationsvorsteher zunächst den Obersten nach seinem Namen. Dieser nannte ihn.

»Haben Sie Legitimation bei sich?«

»Wozu? Ich werde doch nicht ein Dutzend Pässe einstecken, wenn ich von Wolfenbüttel nach Berlin gehe!«

»Also keine Legitimation?«

»Nein.«

»Hm, hm. Sind Sie in Rußland bekannt?«

»Ich war einmal auf Urlaub dort.«

»Bei wem?«

»Ich habe Verwandte da. Warum?«

»Nicht Sie haben zu fragen, sondern ich.«

»Richtig. So muß es sein,« stimmte der Arbeiter gravitätisch bei.

»Aber wie kommen Sie auf Rußland zu sprechen?« fragte trotzdem der Oberst.

»Das werden Sie besser wissen als ich.«

»Donnerwetter! Sie wollen mich wohl gar als im Einvernehmen mit Rußland herausspielen? Das wäre denn doch zu famos!«


// 2152 //

»Was Sie für famos halten, ist mir gleichgiltig. Jetzt einstweilen zu dem Anderen. Wie heißen Sie und was sind Sie?«

»Ich bin Lieutenant Graf von Ravenow.«

»Können Sie das beweisen?«

»Ja.«

»Sie haben Legitimation?«

»Ja, hier.«

Er griff in die Tasche und brachte eine Visitenkarte hervor.

»Haben Sie nichts Anderes?« fragte der Beamte.

»Nein.«

»Die Karte gilt nichts. Ein Jeder kann sich auf irgend einen beliebigen Namen Karten drucken lassen.«

»Alle Teufel, ich gebe aber mein Wort, daß ich Der bin, für den ich mich ausgebe!«

»Was geht mich Ihr Wort an! Sprechen Sie französisch?«

»Ja.«

»Kennen Sie Frankreich?«

»Sehr gut. Warum?«

»Nur ich habe hier zu fragen; Sie aber haben zu antworten.«

»Richtig. So muß es sein,« stimmte der Arbeiter bei.

»Sie geben zu, daß Sie Frankreich kennen, das genügt,« fuhr der Beamte fort. »Sie haben mir jetzt zu sagen, woher Sie heute kommen.«

»Aus Mainz.«

»Dort stieg dieser Herr mit ein?«

»Ja. Aber ein Herr soll er sein? Pah! Ein Lump ist er!«

»Bemühen Sie sich nicht, ihn anzuschwärzen. Ich kenne ihn genau. Sie haben ihn an einem Anhaltepunkte hinter Mainz arretiren lassen?«

»Ja.«

»Das kann Ihnen theuer zu stehen kommen.«

»Unsinn!«

»Der dortige Vorstand schreibt mir, daß Sie ihn irre geleitet haben.«

»Wie könnte sein Brief bereits hier sein?«

»Das ist meine Sache.«

»Richtig. So muß es sein,« stimmte der Arbeiter bei.

»Wo trafen Sie mit dem Anderen hier zusammen, der sich für einen Obersten ausgiebt?« fuhr der Stationsvorsteher fort.

»Unterwegs.«

»Sie hatten sich bestellt?«

»Nein, es war zufällig.«

»Sie kannten sich?«

»Ja, schon sehr lange.«

»Woher?«

»Dumme Frage. Wir haben in demselben Regimente gedient.«

»Wenn Sie noch einmal den Ausdruck gebrauchen, dessen Sie sich jetzt bedienten, werde ich mein Verhalten gegen Sie verschärfen!«


// 2153 //

»Richtig. So muß es sein,« meinte der Arbeiter, indem er Ravenow einen Stoß in die Seite versetzte.

»Kerl!« brauste der Lieutenant auf. »Rühre mich nicht noch einmal an, sonst schlage ich Dich zu Boden!«

»Das werden wir zu verhindern wissen,« sagte der Vorstand. »Herr Capitän, wünschen Sie, daß wir sie binden lassen?«

»Ja, ich trage darauf an, sie zu fesseln,« erklärte Geierschnabel.

»Was?« fragte Ravenow. »Capitän will dieser Mensch sein? Was denn für einer, he?«

»Ich wiederhole, daß Sie hier gar nicht zu fragen haben.«

Der Arbeiter war zur Seite getreten, um eine Rolle starker Packschnure hervorzusuchen. Jetzt kam er damit herbei und meinte:

»Richtig. So muß es sein. Her mit die Hände.«

»Ich lasse mich nicht binden. Ich bin ein Edelmann,« rief Ravenow.

»Sie haben mit Thätlichkeiten gedroht, ich muß Sie binden lassen,« antwortete der Beamte. »Leisten Sie Widerstand, so sehe ich mich gezwungen, in größter Strenge gegen Sie zu verfahren.«

Ravenow blickte den Obersten fragend an. Dieser antwortete:

»Keine Gegenwehr. Diese Leute sind der Beachtung gar nicht werth. Man wird uns glänzende Genugthuung geben müssen.«

»Davon bin ich überzeugt. Aber wehe dann diesen Kerls. Da bindet mich, doch sage ich Euch, daß es Euch theuer zu stehen kommen wird.«

»Ein Graf, welche sich Ohrfeigen geben läßt, wird uns nicht sehr gefährlich werden können,« meinte der Vorstand. »Aber, was ist denn das? Es fehlt Ihnen Beiden ja die rechte Hand.«

Er erhielt keine Antwort. Ueber Geierschnabels Gesicht ging ein lustiges Wetterleuchten. Er sagte rasch:

»Donner. Da fällt mir etwas ein. Das ist außerordentlich wichtig.«

»Was?« fragte der Beamte.

»Vor zwei Jahren wurden in Constantinopel zwei Spione ertappt. Der Eine war ein Russe, gab sich aber für einen preußischen Obersten aus, und der Andere war ein Franzose, gab sich aber für einen deutschen Grafen und Lieutenant aus. Der Sultan milderte das Todesurtheil, er schenkte ihnen das Leben, ließ aber Beiden die rechte Hand abhacken.«

»Unsinn,« rief der Oberst.

»Verdammte Lüge,« erklärte der Lieutenant.

»Ruhe,« gebot der Stationsvorstand. »Ich weiß jetzt ganz genau, woran ich mit Euch bin. Herr Capitän, wünschen Sie, daß ein Protokoll aufgenommen werde?«

»Das ist nicht nöthig. Der Prozeß wird ihnen in Berlin gemacht werden. Die Hauptsache ist, daß man sie hier nicht entkommen läßt.«

»Dafür werde ich sorgen. Ich werde sie dem Gensdarmen übergeben, bis dahin aber sollen sie gefesselt und hinten im Gewölbe eingeschlossen und bewacht werden. Schafft sie fort.«

»Richtig. So muß es sein,« triumphirte der Arbeiter.


// 2154 //

Die beiden verunglückten Offiziere verzichteten auf jede weiteren Einsprüche. Es wurden ihnen die gesunden Hände an den Leib gebunden, und dann schaffte man sie in das Gewölbe.

»Da haben wir einen wichtigen Fang gemacht,« sagte der Stationsvorsteher erfreut zu Geierschnabel.

»Einen höchst wichtigen,« antwortete dieser. »Wann geht der nächste Zug nach Berlin ab?«

»In drei Stunden.«

»Mit diesem fahre ich. Ich werde unsern Fang dort gleich zur Meldung bringen, und dann empfangen Sie telegraphische Instruction.«

So geschah es. Mit dem nächsten Zuge dampfte Geierschnabel nach Berlin, während die beiden Gegner des listigen und übermüthigen Jägers in ihrem Gewölbe auf strenge Rache sannen.

Beim Aussteigen in der Residenz erregte seine ungewöhnliche Erscheinung natürlich kein geringes Aufsehen. Er entging demselben dadurch, daß er sich in eine Droschke setzte, deren Kutscher er als Ziel den Gasthof zur Stadt Magdeburg angab. Als er dort den Wagen verließ, wurde er nicht weniger angestaunt. Schon seine Physiognomie war auffällig, und seine Kleidung glich ganz derjenigen eines gewöhnlichen Mannes, welcher auf einem Volksmaskenballe als altmodischer Dorfmusikus erscheint.

Er lächelte bei den erstaunt auf ihn gerichteten Blicken wohlgefällig in sich hinein und fragte den herbeigetretenen Oberkellner:

»Das ist der Gasthof zur Stadt Magdeburg?«

»Ja,« antwortete der Gefragte.

»Kann ich ein Zimmer bekommen?«

Der Kellner betrachtete sich den Mann abermals und meinte dann:

»Hm. Sie sind jedenfalls nicht von hier?«

»Ich glaube nicht.«

»Haben Sie Legitimation?«

»Das glaube ich.«

»So kommen Sie.«

Er führte ihn durch den Flur hindurch auf den Hof, wo er eine Thür öffnete.

»Hier herein,« sagte er.

Geierschnabel trat ein und blickte sich um. Es war ein dunkles, rauchiges Gewölbe. Auf dem Fenster standen verschiedene Wichs- und Schmierrequisiten, in einer Ecke lag ein Werkzeugkasten, an den Wänden hingen zahlreiche Kleidungsstücke, auf Reinigung harrend, und an einer langen Tafel saßen mehrere Personen bei Schnapsgläsern, sich mit einer alten, schmutzigen Karte beschäftigend.

»Donnerwetter. Was ist das für ein Loch?« fragte er.

»Die Hausknechtstube.«

»Was habe ich denn bestellt, die Hausknechtstube, oder ein Zimmer?«

Der Oberkellner lächelte vornehm und meinte:

»Allerdings ein Zimmer. Aber sagen Sie mir, was Sie darunter verstehen?«

»Nun, diese Höhle jedenfalls nicht.«

»Sie sind wohl feiner gewöhnt?«


// 2155 //

»Sehr,« nickte Geierschnabel.

»Das sieht man Ihnen nicht an.«

»So etwas kommt öfters vor. Sie halten mich nicht für fein, und ich bin es doch. Bei Ihnen aber findet wohl das Gegentheil statt?«

»Wie meinen Sie das?«

»Sie sehen fein aus, sind es aber nicht.«

Da zog der Oberkellner ein höchst indignirtes Gesicht und sagte:

»Alter Freund, solche Retourkutschen sind bei uns nicht Mode. Wenn Sie bei uns bleiben wollen, müssen Sie vor allen Dingen höflich sein.«

»Sie versprechen sich wohl. Es muß heißen, wenn ich bei Ihnen bleiben soll, müssen Sie vor allen Dingen höflich sein. Also ein Zimmer.«

»Wie hoch?«

»Neuntausendsechshundertfünfundachtzig Ellen.«

Die an dem Tische sitzenden Handwerksburschen lachten, der Oberkellner aber zeigte ein höchst verdrießliches Gesicht und antwortete:

»Sie scheinen sehr schwer von Begriffen zu sein. Ich meine, wie hoch im Preise Sie das Zimmer verlangen.«

»Dann scheinen Sie schwer in Ausdrücken zu sein. Sprechen Sie so deutlich, wie es sich für einen Mann gehört, dessen Pflicht es ist, die Gäste zu requiriren. Ich verlange ein anständiges Zimmer. Der Preis ist Nebensache.«

Da machte der Garcon eine tiefe, höhnische Verbeugung und sagte:

»Ganz wie Sie befehlen. Kommen Sie.«

Er führte ihn zurück und eine Treppe empor. Droben auf dem ersten Corridore stand eine Thür offen. Sie führte in ein fein ausgestattetes Vorzimmer, an welches sich ein noch eleganteres Wohnzimmer anschloß. Durch eine zweite, offene Thür konnte man in ein daran stoßendes Schlafzimmer blicken.

»Genügt Ihnen das?« fragte der Oberkellner, in der Erwartung, daß der Gast ganz erschrocken zurücktreten werde.

Dieser aber warf einen gleichmüthigen Blick um sich und antwortete:

»Hm. Vornehm noch lange nicht, aber auch nicht übel.«

Es ärgerte den Kellner, sich in seiner Erwartung getäuscht zu sehen. Er meinte schnell und in piquirtem Tone:

»Seine Erlaucht Graf Waldstehen haben zwei Tage hier logirt.«

»Das wundert mich. So ein Graf pflegt Ansprüche zu machen.«

»Sie doch nicht etwa auch?«

»Warum nicht? Ist der Titel etwa etwas so Besonderes? Sind zum Beispiel Sie etwa ein geringerer Orang-Outang als so ein Graf? Ich werde dieses Logement behalten.«

Der Kellner hatte sich nur einen Scherz machen wollen. Jetzt erschrak er. Wie nun, wenn dieser Kerl wirklich hier blieb und dann nicht bezahlen konnte. Diese elegante Ausstattung, diese feinen, neu überzogenen, schneeweißen Betten. Und dieser Mensch, der aus Urgroßmutters Rumpelkammer zu kommen schien.

»Das Logis kostet fünf Thaler pro Tag,« rief er eilig.

»Mir gleich.«

»Ohne Pension.«


// 2156 //

»Ganz egal.«

»Und ohne Servis.«

»Ist mir sehr gleichgiltig.«

Da erschien die Gestalt eines Mädchens, welches bisher im Schlafzimmer zu schaffen gehabt hatte. Es war dieselbe Kellnerin, welche eine Jugendbekannte von Curt Helmers war und diesen damals unterstützt hatte, das Geheimniß des Capitän Landola zu erforschen. Sie hatte den kurzen Wortwechsel gehört und war nun neugierig, den Mann zu sehen, welcher dem Oberkellner in dieser Weise zu schaffen machte.

»Ihre Legitimation,« sagte dieser jetzt.

»Donnerwetter, ist das hier so eilig?« fragte Geierschnabel.

Der Gefragte zuckte die Achsel und erwiderte:

»Wir sind polizeilich darauf angewiesen, kein Zimmer zu vergeben, ohne zu wissen, mit wem wir es zu thun haben.«

»So ist Ihr Haus wohl eine ganz gewöhnliche Kneipe, in welcher man gar nicht weiß, was ein Fremdenbuch ist?«

Er sprach das in einem Tone, welcher dem Kellner doch imponirte.

»Sie können ein Fremdenbuch haben,« antwortete dieser daher.

»So bringen Sie es. Aber sagen Sie vorher, ob Sie einen gewissen Husarenoberlieutenant Curt Helmers kennen.«

»Nein.«

»Ist also noch nicht eingetroffen?«

»Weiß nichts von ihm.«

Da trat das Mädchen näher und sagte:

»Ich kenne den Herrn Lieutenant sehr gut.«

»Ah! Hat er bereits hier logirt?« fragte Geierschnabel.

»Nein. Ich kenne ihn, weil ich nicht weit von Rheinswalden her bin.«

»So! Ich komme von Rheinswalden. Ich traf mit ihm beim Herzog von Olsunna zusammen, und wir versprachen einander, uns heut hier zu treffen.«

»So kommt er sicher,« meinte das Mädchen freundlich. »Sollen Sie auch für ihn ein Zimmer bestellen?«

»Davon sagte er mir allerdings nichts. Aber -« wendete er sich an den Oberkellner - »was stehen Sie denn noch hier? Habe ich Ihnen nicht befohlen, mir das Fremdenbuch zu bringen!«

»Sofort, mein Herr,« meinte der Garcon, jetzt allerdings in einem ganz anderen Tone. »Befehlen Sie noch etwas?«

»Etwas zu essen.«

»Ein Frühstück? Ich werde die Karte bringen.«

»Nicht nöthig. Es ist mir ganz gleichgiltig, was ich bekomme. Bringen Sie mir also schnell ein gutes Frühstück. Aus was es besteht, ist mir Schnuppe.«

Der Kellner eilte fort. Geierschnabel warf seinen Sack, sein Futteral und seine Posaune auf die blauseidne Chaise longue und wendete sich abermals an das Mädchen.

»Also bei Rheinswalden sind Sie her?«

»Ja.«


// 2157 //

»So sind Sie hier wohl nicht sehr bekannt?«

»O doch so ziemlich. Ich bin bereits einige Zeit in Berlin.«

»Haben Sie Bismarck schon gesehen?«

»Ja.«

»Wissen Sie, wo er wohnt und wie man von hier aus gehen muß, um zu ihm zu kommen?

»Ja.«

»So beschreiben Sie mir es einmal.«

Sie blickte ihn erstaunt an und fragte dann:

»Sie wollen wohl gar zu ihm?«

»Ja, mein Kind.«

»O, das ist sehr schwer. Sie müssen sich im Ministerium melden, oder so ähnlich. Ich weiß das nicht genau.«

»Unsinn. Da wird gar nicht so viel Federlesens gemacht.«

Das Mädchen erklärte ihm den Weg, den er einzuschlagen habe. Da kam der Kellner und brachte das Fremdenbuch. Geierschnabel schrieb sich ein und mahnte dann zur Eile, in Beziehung des Frühstückes, da er große Eile habe. Die beiden Bediensteten entfernten sich, und der wunderliche Gast machte sich dann an das Auspacken seiner Habseligkeiten, wobei er von dem Kellner überrascht wurde, welcher das Essen brachte. Dieser Letztere machte sehr erstaunte Augen, als er den Inhalt des Sackes und des Futterales erblickte. Er eilte sofort nach der Küche, um seinem Chef Meldung zu machen.

Dieser wußte noch nichts, da er eben erst von einem Ausgange zurückgekommen war. Er war sehr bestürzt, als er hörte, was für einen Gast er bei sich habe.

»Und diesem Menschen haben Sie Nummer Eins, das heißt, unser bestes Zimmer gegeben?« rief er aus.

»Ich führte ihn hinauf, um ihn zu foppen,« entschuldigte sich der Kellner. »Er aber behielt es gleich.«

»Wie hat er sich eingetragen?«

»Als William Saunders, Vereinigter-Staaten-Capitän.«

»Herrgott, das ist doch nicht etwa abermals ein solcher Schwindler und Verräther wie damals jener Parkert, welcher sich auch für einen Vereinigten-Staaten-Capitän ausgab?«

»Das Aussehen hat er allerdings ganz dazu. Eine Nase wie der Griff eines alten Regenschirmes!«

»Und was hat er Alles bei sich?«

»Eine Büchse.«

»Alle Wetter!«

»Zwei Revolver, ein großes Messer mit scharfer, gebogener Klinge.«

»Ich bin ganz starr.«

»Ferner eine alte Posaune.«

»Eine alte Posaune? Das glaube ich nicht. Haben Sie es ganz genau gesehen, daß es wirklich eine Posaune ist?«

»Hm. Ich glaube wenigstens, daß es eine ist.«

»War sie aus Messing?«


// 2158 //

»Das ist freilich schwer zu sagen,« antwortete der Kellner nachdenklich.

»Was hatte sie denn für Farbe?«

»Sie war allerdings gelb, so ähnlich wie Messing, aber nicht hellgelb, sondern dunkler, sehr verrostet.«

»Dunkler? Es wird doch nicht etwa Kanonenmetall gewesen sein?«

»Ja, das wäre möglich.«

»Herrjesses, dann ist es vielleicht eine Art Gewehr, ein Geschütz, eine Höllenmaschine. Haben Sie nicht einen Hahn daran gesehen, einen Drücker, einen Zeiger, oder irgend ein Räderwerk?«

»Nein.«

»Man muß sich überzeugen.«

»Aber wie? Der Mensch scheint nicht der Mann zu sein, der sich in seine Sachen blicken läßt.«

»So sieht er also kriegerisch aus, herausfordernd?«

»Im höchsten Grade. Und malitiös dazu.«

»Was ist da zu thun?«

Der Kellner sagte sich, daß er unvorsichtig genug gewesen sei, diesen Mann aufzunehmen. Er versuchte, diesen Fehler jetzt durch erhöhten Eifer gut zu machen.

»Etwas muß geschehen,« sagte er. »Ich traue dem Kerl ganz gut irgend ein Attentat zu.«

Da ergriff auch die Kellnerin, welche bisher schweigend zugehört hatte, das Wort, indem sie rasch einfiel:

»Ein Attentat? Jesus Maria. Er hat nach Bismarck gefragt.«

Der Wirth erbleichte.

»Nach Bismarck?« rief er. »Was wollte er?«

»Ich mußte ihm beschreiben, wo Bismarck wohnt und ihm den genauen Weg dorthin angeben.«

»Weshalb? Will er etwa hin?«

»Er will mit ihm reden.«

»Himmel. Da hat man das Attentat.«

»Ich sagte ihm, daß es nicht leicht sei, bei Bismarck vorzukommen; er aber meinte, daß er da gar kein Federlesens machen werde.«

»Da ist es richtig, daß er ein Attentat beabsichtigt. Er will den Minister erschießen. Was ist da nur gleich schnell zu thun?«

»Schleunige Anzeige bei der Polizei.«

»Ja, ja. Ich laufe gleich selber hin.«

Der Wirth eilte mit größter Schnelligkeit davon. Er fühlte in sich eine Angst, die sich gar nicht beschreiben ließ. Auf dem Polizeibezirke, welcher in ziemlicher Entfernung von seiner Wohnung lag, angekommen, konnte er vor Aufregung kaum die nothwendigen Worte finden. Er schnappte förmlich nach Athem.

»Beruhigen Sie sich, mein Lieber,« meinte der Beamte. »Sie müssen allerdings in einer sehr eiligen Sache kommen, aber es ist besser, Sie warten, bevor Sie sprechen, erst ab, bis Sie die Luft dazu haben.«

»Luft? O, die findet sich schon. Ich - ich - ich bringe ein Attentat.«

Der Polizist erschrak.


// 2159 //

»Ein Attentat?« fragte er.

»Ja.«

»Sie bringen es?«

»Ja, ich bringe es.«

»Hierher? Das Attentat?«

»Hierher? Ja, ich bringe es hierher,« meinte der Wirth, noch ganz echauffirt. »Das heißt, ich bringe es hierher zur Anzeige.«

»Ah so. Das ist allerdings etwas sehr Ernstes. Haben Sie es sich auch reiflich überlegt, daß es sich dabei zwar um ein Verbrechen, eine große Gefahr, aber auch um eine ebenso große Verantwortung handelt, welche Sie auf sich zu nehmen hätten?«

»Ich nehme Alles auf mich, das Verbrechen, die Gefahr und auch die Verantwortung,« antwortete der Mann, welcher gar nicht bemerkte, wie confus er war und sprach.

Der Polizist konnte ein Lächeln kaum unterdrücken.

»So sprechen Sie,« befahl er. »Gegen wen soll das Attentat gerichtet sein?«

»Gegen den Herrn von Bismarck.«

»Alle Teufel! In Wirklichkeit?«

»Ja. Ich weiß es ganz genau.«

»In welcher Weise soll das Attentat ausgeführt werden?«

»Mit Büchse, Revolver, Messer und einer Höllenmaschine.«

Jetzt machte der Beamte ein sehr ernstes Gesicht.

»Sind Sie wirklich überzeugt davon?« fragte er.

»Ich glaube es beschwören zu können.«

»Wer ist der Attentäter, und wer sind seine Complicen?«

»Da gestatte ich mir zunächst eine Frage. Erinnern Sie sich jenes Capitän Parkert, welcher bei mir gesucht wurde, dem es aber gelang, zu entkommen?«

»Ja.«

»Er gab sich für einen Capitän der Vereinigten Staaten aus?«

»Ja, ich besinne mich noch ganz genau.«

»Nun, bei mir logirt ein Mensch, der sich ebenso für einen Capitän dieses Landes ausgiebt.«

»Das ist noch kein Grund, ihn für verdächtig zu halten.«

»Er hat sich geweigert, seine Legitimation vorzuzeigen, er ist vielmehr darauf bestanden, ihm das Fremdenbuch vorzulegen, in welches er sich eingetragen hat.«

»Das ist allerdings ungewöhnlich. Wie nennt er sich?«

»William Saunders.«

»Ein englischer oder amerikanischer Name. Wann ist er angekommen?«

»Vor einer halben Stunde.«

»Wie ist er gekleidet?«

»Ganz ungewöhnlich, fast wie eine Maske. Er trägt alte Lederhosen, Tanzschuhe, einen Frack mit Puffen, Batten und Tellerknöpfen und einen geradezu regenschirmähnlichen Hut.«

»Hm. Der Mann scheint eher ein Sonderling als ein Verbrecher zu sein.


// 2160 //

Wer ein Verbrechen, ein Attentat beabsichtigt, der kleidet sich so unauffällig wie möglich.«

»Aber seine Waffen.«

»Welche Art von Waffen führt er?«

»Eine Büchse, zwei Revolver und ein Messer. Die Hauptwaffe aber besteht in einer posaunenartigen Vorrichtung aus Kanonenmetall. Wer kann wissen, womit dieses Mordwerkzeug geladen ist!«

»Haben Sie es gesehen?«

»Zwar nicht ich selbst, aber mein Oberkellner.«

»Ist der Mann zuverlässig?«

»Ja.«

»Warum haben Sie nicht auch sich selbst überzeugt?«

»Das wäre dem Fremden vielleicht aufgefallen. Ich wollte keinen Verdacht in ihm erwecken, damit wir ihn desto sicherer haben.«

»Wie aber wissen Sie, daß er gegen Herrn von Bismarck sein Attentat beabsichtigt?«

»Er hat sich nach der Wohnung desselben erkundigt und sich den Weg dorthin ganz genau beschreiben lassen.«

»Von wem?«

»Von einer meiner Kellnerinnen, welche eine Verwandte von mir ist.«

»Das dürfte allerdings in's Gewicht fallen, ist aber noch nicht überzeugend.«

»O, er hat sogar gesagt, daß er mit Bismarck wenig Federlesens machen werde.«

»Kann das Mädchen dies beschwören?«

»Natürlich.«

»Hat er gesagt, wann er zu dem Minister gehen will?«

»Nein.«

»Wo befindet er sich jetzt?«

»Er frühstückt.«

»Wo?«

»Auf seinem Zimmer.«

»Gut. Vielleicht irren Sie sich, auf alle Fälle aber ist es meine Pflicht, dem Manne auf den Zahn zu fühlen. Das kann ich aber nicht auf mich allein nehmen. Ich habe es vorher noch anderweit zu melden, werde aber jedenfalls innerhalb eines kleinen halben Stündchens bei Ihnen sein. Sie haben dafür zu sorgen, daß der Mann bis dahin das Haus nicht verläßt.«

»Darf ich, wenn es nöthig ist, ihn mit Gewalt zurückhalten?«

»Nur im äußersten Falle. Ihre Klugheit wird schon einen Grund finden, der ihn zum Bleiben veranlaßt.«

»Ich werde das Meinige thun.«

Damit entfernte er sich.

Unterdessen hatte Geierschnabel ganz ahnungslos sein Frühstück beendet.

»Soll ich etwa auf diesen Lieutenant warten?« fragte er sich. »Oho, Geierschnabel ist schon der Kerl dazu, ganz ohne Empfehlung mit Bismarck zu sprechen. Allerdings werde ich mir mit ihm keinen Spaß machen dürfen, wie mit den


Ende der neunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk