Lieferung 92

Karl May

14. Juni 1884

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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»Den kenne ich nicht. Sie alle sind todt, während eines Schiffbruches untergegangen.«

Sie trat einen Schritt näher und meinte:

»Gasparino Cortejo, Du irrst abermals. Henrico Landola hat Euch ebenso schlecht bedient wie ich.«

»Was sagst Du? Ich verstehe Dich nicht!«

»Du sollst mich sogleich verstehen. Landola traute Dir niemals. Er wollte eine Waffe gegen Dich behalten, darum tödtete er Diejenigen nicht, die er tödten sollte, sondern er setzte sie auf eine wüste Insel aus. Sechzehn Jahre waren sie dort, bis es ihnen kürzlich gelang, zu entkommen.«

Cortejo wußte nicht, was er denken solle. Selbst wenn Zarba jetzt log, mußte sie sich doch im Besitze von Geheimnissen befinden, die er bisher für sein ausschließliches Eigenthum gehalten hatte. Und was sie da erzählte, das war diesem Landola ganz gut zuzutrauen. Wie nun, wenn sie die Wahrheit sagte?

Es wurde ihm ganz schwindelig, und auch Clarissa ließ ein leises Stöhnen hören, welches sie nicht zu unterdrücken vermochte. Sie schien also ganz seine eigenen Gedanken und Gefühle zu haben. Er raffte sich zusammen und sagte in höhnischem Tone:

»Du erfindest sehr gut, Alte. Werde Kinderwärterin! Es wird Dir da nicht schwer werden, Ammenmährchen zu fabriciren.«

Sie lachte überlegen auf und antwortete:

»Das sagt nur Deine Angst; ich höre und sehe Dir es an. Ich will Dir aber noch mehr sagen. Ihr hieltet Don Emanuel für todt, nun sollte auch Don Ferdinando sterben, damit Dein Sohn das ganze Erbe empfange. Es wurde ihm ein Gift eingegeben, aber dieses Gift tödtete nicht, sondern es machte nur starrkrämpfig. Don Ferdinando starb, wurde beerdigt, aber bald wieder ausgegraben und von Landola in die Sclaverei geschafft. Auch er hat sich gerettet und lebt. Sie Alle, Sternau, Ferdinando, Mariano sind in Mexiko.«

»Beweise es.«

»Meine Boten und Quellen brauchst Du nicht zu kennen. Aber ich sage Dir, daß es wahr ist.«

»Und wenn es wahr ist, warum sagst Du mir es, Hexe?« fragte er wüthend. »Etwa um mich zur Vorsicht zu mahnen, etwa um mir Zeit zu geben, mich zu retten?«

»Nein, denn zu retten bist Du nicht,« hohnlachte sie. »Ich sage es Dir nur, um mich an Deiner Qual zu weiden. Du sollst das Alles eher erfahren, um die Angst desto länger zu tragen.«

»Satan!« rief er.

»Teufel!« antwortete sie.

»Es ist doch Alles erlogen. Ich glaube Dir kein Wort!«

Da klopfte es leise an und der Diener, welcher vorhin am Portale gestanden hatte, trat ein. Er brachte mehrere Briefe, welche vom Boten abgegeben worden waren. Als er sich entfernt hatte, betrachtete Cortejo die Couverts.

»Aus Mexiko!« entfuhr es ihm beim Anblicke eines der Briefe.


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»Lies ihn,« sagte Zarba. »Vielleicht weißt Du dann, ob ich Dich belogen habe, oder ob ich die Wahrheit sagte.«

Er öffnete halb vorsätzlich und halb unwillkürlich das Couvert und faltete das innen liegende Papier auseinander. Er las es. Seine Blicke wurden starr, er stieß einen tiefen, schweren Seufzer aus und sank auf das Kissen des Sophas zurück.

Schwester Clarissa konnte doch ihre Neugierde nicht besiegen. Sie nahm den Brief aus seiner Hand und las nun folgende Zeilen:

      »Lieber Oheim.
In aller Eile schreibe ich Dir von der Hazienda del Erina aus, denn es hat sich Wichtiges oder vielmehr Schreckliches zugetragen. Landola hat uns betrogen. Die, welche er tödten sollte, leben alle. Auch die Nebenpersonen kennst Du aus unseren Briefen. Er hat sie auf eine einsame Insel ausgesetzt, von welcher sie nun entkommen sind. Sie befinden sich in Fort Guadeloupe bei unserem Feinde Juarez. Ich nenne Dir Sternau, Mariano, zwei Helmers, Büffelstirn, Bärenherz, Emma Arbellez und Karja. Auch Don Ferdinando ist bei ihnen; er ist nicht todt, sondern er lebt. Vater ist nicht da und ich bin krank. Ich sandte ihm diese Nachricht nach, damit er Maßregeln ergreifen könne. Gelingt es uns nicht, die Genannten abermals in unsere Hände zu bringen, so sind wir unbedingt verloren.
      In größter Sorge Deine Nichte
                                                   Josefa.«

Der frommen Schwester sank die Hand mit dem Briefe nieder. Zarba hustete provocirend und sagte dann:

»Nicht wahr, meine Nachricht bestätigt sich? Ich sehe es Euch an.«

Da fuhr Cortejo empor.

»Schweig, Weib, sonst stopfe ich Dir das Maul! Setze Dir noch so viele Unwahrheiten zusammen, aber niemals wirst Du Deine Behauptung beweisen können, daß Graf Alfonzo ein falscher Rodriganda sei.«

»Meinst Du?« lachte sie höhnisch. »Du irrst gewaltig, Gasparino Cortejo. Zunächst kann man Dir beweisen, daß Mariano der echte Rodriganda ist. Der Räuber hat ihn nicht getödtet. Und sodann frage doch einmal Deinen Sohn, den falschen Grafen, was ihm in Paris von einem Garotteur abgenommen wurde.«

»In Paris? Von einem Garotteur? Davon weiß ich nichts. Was sollte das gewesen sein?«

»Ich will es Dir sagen. Es giebt Leute, welche aus Gedächtnißschwäche oder anderen Ursachen Alles aufschreiben, was sie thun oder was mit ihnen passirt. Diese Unvorsichtigen denken nie daran, daß ihre Aufzeichnungen in falsche Hände kommen können. Ein solcher Schwachkopf ist Dein Sohn. Er hat alle Eure Geheimnisse notirt und dieses Notizbuch wurde ihm von einem Garotteur abgenommen. Ich kenne den Inhalt Wort für Wort.«

»Himmel und Hölle, wer hat dieses Buch?« rief Cortejo, von dem Sopha auffahrend und auf die Zigeunerin zutretend.

»Das brauchst Du nicht zu wissen.«


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»Ah, Du wirst es mir dennoch sagen. Ich lasse Dich nicht eher fort, als bis Du es gestanden hast.«

»Warte, ob es mir beliebt.«

»Nein, ich warte keinen Augenblick. Heraus damit!«

Er faßte sie am Arme, stieß aber im nächsten Augenblicke einen Schmerzensschrei aus. Zarba hatte ihren kleinen Dolch gezogen und ihn in die Hand gestoßen. Zugleich hatte sie mit der Geschwindigkeit eines Wiesels das Zimmer verlassen. Ehe Cortejo sie erreichen konnte, hatte sie hinter den Bäumen des Parkes Schutz gefunden.

»Verdammte Schlange! Sticht wie eine Natter!« zürnte Cortejo, die Hand betrachtend.

»Bist Du schwer verwundet, mein Lieber?« fragte Clarissa.

»Nein, der Stich ging zwischen zwei Fingern hindurch. Nicht der Rede werth. Aber desto mehr Stiche hat sie uns mit ihrer Zunge versetzt.«

»Es gilt, uns vorzusehen, lieber Gasparo. Laß uns die einzelnen Punkte überlegen. Vorher aber sage einmal aufrichtig, ob es wirklich wahr ist von dem - dem Sohne.«

Der Gefragte zögerte mit der Antwort und sagte dann, sich ein Herz voll Muth fassend:

»Hm. Eine Jugendliebelei. Es ist möglich, daß die Alte einen Sohn hat. Aber wer der Vater ist?!«

»Du, Cortejo!«

»Pah!«

»Und das war damals, als wir uns bereits kannten!«

»Mag sein. Warum aber jetzt an solche Kleinigkeiten denken? Wir haben jetzt ganz andere Sachen zu überlegen. Zunächst Graf Ferdinando. Er ist nicht gestorben.«

»Er wurde also nicht vergiftet, nicht getödtet.«

»Hm. Wer trägt die Schuld?«

»Dein unvorsichtiger Bruder Pablo. Ich bin nicht klug oder schlecht genug, den Grund zu finden.«

»Ich glaube, ihn zu wissen.«

»Nun?«

»Er hat eine Tochter und ich habe einen Sohn. Mein Sohn ist Erbe der Grafschaft; er sollte Josefa heirathen, damit das Mädchen Theil nehmen könne an unserem Gewinne. Alfonzo mochte sie nicht. Jetzt fühlten sie sich zurückgesetzt und beschlossen, mir die Daumenschraube anzulegen. Das war aber nur dann möglich, wenn sie Don Ferdinando nicht tödteten, sondern zwar leben ließen, dabei aber unschädlich machten.«

»Das ist allerdings einleuchtend. Man wird sich zu revanchiren wissen. Was denkst Du vom Wiedererscheinen der Verschwundenen?«

»Ich glaube es.«

»Ich halte es für einen Kunstgriff von Josefa.«

»Nein. Woher hätte Zarba denselben Gedanken?«

»Können die Beiden nicht in Uebereinstimmung handeln?«


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»Nein. Ich bin überzeugt, daß Landola die ganze Sippschaft hat leben lassen.«

»Aber wozu? Doch zu seinem eigenen Schaden.«

»Jetzt, ja, nicht aber, sobald es ihnen nicht gelang, zu entkommen. Ich habe ihm seine Dienste reichlich bezahlt; er aber ist ein Mensch und nimmt also so viel wie möglich. Er hatte es in der Hand, die Gefangenen freizugeben; dies war das Rohr, mit dessen Hilfe er mich auspumpen konnte. Ich begreife nur nicht recht, warum er noch nicht damit begonnen hat.«

»Was aber nun thun? Die Wiedererschienenen müssen unbedingt sobald wie möglich verschwinden.«

»Das überlasse ich meinem Bruder. Für mich giebt es zwei Personen, die mir wichtiger sind als alle Sternaus und Mariano's.«

»Wer?«

»Zarba und Landola. Ohne das Zeugniß dieser Beiden kann uns kein Mensch etwas beweisen.«

»So mußt Du diese Beiden tödten.«

»Die Zigeunerin jedenfalls.«

»Wann?«

»Noch heute. Sie weiß zu viel.«

»Und Landola?«

»Mit ihm müßte ich vorher Rücksprache nehmen. Vielleicht ist es besser, ihn noch so lange leben zu lassen, bis man ihn ausgenützt hat.«

»Befindet er sich noch in Barcelona?«

»Ja. Er muß damals in Deutschland eine Unvorsichtigkeit begangen haben, da er sich sogar vor den spanischen Agenten verstecken muß. Dieser Bismarck beginnt, den anderen Mächten zu imponiren. Schreiben wir übrigens Alfonzo, daß er uns von Madrid aus besuche. Auch er muß wissen, was geschehen ist und mit uns darüber verhandeln. Jetzt will ich mich vorbereiten.«

»Wegen Zarba?«

»Ja, und auch wegen Landola. Ich fahre noch in dieser Nacht nach Barcelona. In solchen Dingen kann man nicht schnell genug sein.«

»Aber auch nicht vorsichtig genug. Ich hoffe nicht, daß Du Dich in irgend eine Gefahr begiebst.«

»Fällt mir gar nicht ein. Habe keine Angst.«

»Aber es liegt Schnee. Man wird Deine Spur entdecken.«

»Man wird vielleicht eine Spur entdecken, aber die meinige nicht.«

Sie trennten sich.

Eine Stunde später verließ Cortejo aus einer Seitenthür das Schloß. Er hatte sich von einem der Bediensteten eine Flinte heimlich weggenommen und ebenso von zwei anderen die Stiefeln. Wechselte er die Letzteren, so entstanden zweierlei Fährten. Auf jeden Fall aber paßten später seine eigenen Stiefel nicht in diese Spuren.

Er machte einen Umweg und gelangte an den Platz, auf welchem sich das Lager befand. Das Gewehr schußfertig, schlich er sich zwischen den Büschen heran. Er kannte das Leben in Zarba's Lager sehr genau und wußte, daß man jetzt noch völlig wach und munter sei. Um die jetzige Zeit pflegte die Alte, eine


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Pfeife rauchend, noch vor ihrem Zelte zu sitzen, um den Erzählungen ihrer Horde zu lauschen.

Er nahte sich von der Seite, von welcher aus ihm Zarba grad gegenüber sitzen mußte. Ein Druck seines Fingers dann, und sie war für immer unschädlich gemacht.

So kroch er weiter und weiter, bis er die Randbüsche der Lichtung erreichte. Er blickte hindurch und stieß einen leisen Ruf der Ueberraschung aus. Das Lager war verschwunden.

Weshalb sind sie fort? Warum hat die Alte nichts davon gesagt? Hatte sie etwa Angst ihres Dolchstiches wegen? Diese Fragen legte sich Cortejo vor. Aber sollte er zwecklos nach Hause zurückkehren? Nein. Die Gitanos konnten den Platz nur erst vor kurzer Zeit verlassen haben. Er konnte sie sehr bald erreichen und dann die Alte erschießen.

Er untersuchte also den Platz, um aus den Spuren zu ersehen, wohin sie sich gewendet hatten. Es wurde ihm sehr leicht, dies zu finden, und eben schickte er sich an, der breiten Fährte zu folgen, als er auf ein unvorhergesehenes Hinderniß stieß.

»Halt!« rief es ihm nämlich entgegen.

Als er aufblickte, sah er vier Zigeunerburschen vor sich stehen.

»Was wollt Ihr?« fragte er.

»Ah, Ihr seid es, Sennor Cortejo. Was sucht Ihr hier?«

»Was geht Euch das an?«

»Sehr viel. Wir haben Euch hier erwartet.«

»Mich? Weshalb? Wozu?« fragte er erstaunt.

»Unsere Urmutter hat es uns befohlen.«

»Ah! Unglaublich. Wie konnte sie wissen, daß ich noch in den Forst mußte?«

»Als sie vom Schlosse kam, befahl sie den schnellsten Aufbruch - -«

»Weshalb?«

»Wir wissen es nicht. Uns aber gebot sie, hier zurückzubleiben. Sie sagte uns, daß Sennor Cortejo leise durch die Büsche kommen werde, und daß er dann die Spuren suchen werde, um uns nachzufolgen; das aber sollten wir nicht dulden.«

Cortejo begann zu ahnen, daß sein gegenwärtiges Unternehmen vollständig mißglückt sei.

»Warum solltet Ihr dies nicht dulden?« fragte er.

»Auch das wissen wir nicht.«

»Und wenn ich dann doch den Spuren folgte?«

»Dann, verzeiht, Sennor, haben wir den strengen Befehl, Euch ein wenig todtzuschießen.«

»Donnerwetter! Das hat Zarba befohlen?«

»Ja.«

»Und Ihr würdet es auch thun?«

»Wir sind gewohnt, ihr zu gehorchen, selbst wenn es uns das Leben kosten würde. Darum ist es am Besten, Sennor, Ihr erlaubt uns, Euch nach dem Schlosse zurückzubegleiten.«

»Ich werde den Weg selbst finden.«


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»Jawohl; aber wir wollen uns auch überzeugen, daß Ihr ihn wirklich gefunden habt. Kommt, Sennor! Es ist besser, Ihr geht freiwillig mit uns, als daß wir Euch zwingen müssen.«

»Gewalt wollt Ihr anwenden, Ihr Schurken?«

»Unter Umständen, ja, denn wir müssen gehorchen.«

»So kommt. Aber laßt Euch um Gotteswillen nicht wieder in der Nähe des Schlosses erblicken.«

»O, Sennor, wir sind im Gegentheile fest überzeugt, daß Ihr Euch außerordentlich freuen werdet, unsere Altmutter Zarba gesund und unbeschädigt in Rodriganda wiederzusehen.«

Sie nahmen ihn in ihre Mitte und führten ihn von dannen. Er mußte sich darein fügen und konnte seinem Zorne nicht einmal durch Grobheiten Luft machen. Dieser Aerger wiederholte sich, als er dann Schwester Clarissa dieses Abenteuer erzählte.

»O weh,« meinte diese. »So ist sie entkommen?«

»Noch nicht. Ich forsche ihr nach. Mein muß sie werden!«

»So willst Du die Zigeuner verfolgen?«

»Ja.«

»Doch sofort, morgen früh?«

»Nein. Die Fahrt nach Barcelona ist nothwendiger. Die Zigeuner entgehen mir nicht.«

Es war noch während der Nacht, als er sich unterwegs nach der genannten Stadt befand. Dort angekommen, ließ er seinen Wagen im Gasthofe halten und begab sich zu Fuße nach einer der unscheinbarsten Seitenstraßen. Dort trat er bei einem armen Flickschuster ein, welcher von seiner an und für sich engen Wohnung ein Stübchen vermiethet hatte. Der Inhaber desselben war kein Anderer als Capitän Henrico Landola, welcher allerdings unter einem anderen Namen hier wohnte.

Als Cortejo bei ihm eintrat, fand er ihn von Langeweile geplagt.

»Habt keine Sorge,« meinte er. »Ich bringe Euch ein Thema, welches Euch sehr viele Kurzweile machen wird.«

»Mir sehr recht und lieb. Uebrigens werde ich es nicht mehr lange hier aushalten. Die Nachforschungen nach mir sind eingeschlafen, und ich liebe Kampf und Arbeit mehr, als Frieden und Faulheit.«

»Schön! Da könnte ich Euch gleich Arbeit geben.«

»Was für welche?«

»Eine Fahrt nach Mexiko.«

»Hm! Als Passagier oder mit eigenem Schiffe?«

»Ganz nach Belieben. Man hat sich nämlich höheren Orts sehr unzufrieden darüber ausgesprochen, daß die Ueberreste des Grafen Ferdinando drüben in Mexiko liegen bleiben, anstatt in der Familiengruft der Rodriganda beigesetzt zu werden. Um weitere Vorwürfe zu vermeiden, soll ein Mann hinübergeschickt werden, um den Sarg zu exhumiren und nebst Inhalt herüberzubringen. Wollt Ihr das übernehmen?«

»Hole Euch der Teufel,« antwortete Landola.


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»Nicht? Warum nicht?«

»Eine Leiche an Bord bringt stets Unglück.«

»Aberglaube. Das habe ich doch bei Euch noch gar nicht bemerkt.«

»Meinetwegen. Laßt den alten Kerl ruhen, wo er ruht.«

»Wo denn?«

»Na, drüben in Mexiko. Wo denn sonst?«

»Oder in der Sclaverei!«

Landola erschrak. Er fuhr zurück, blickte Cortejo starr an und fragte dann:

»Sclaverei? Wie meint Ihr das?«

»Na, daß Ihr den Grafen Ferdinando an Bord genommen und fortgeschafft habt!«

»Donnerwetter! So hat Euer Bruder den Mund doch nicht halten können?«

»Also auf seinen Befehl mußtet Ihr das thun?«

»Ja.«

»Er galt also mehr als ich.«

»Pah! Er war drüben, wo die Geschichte vorgenommen wurde. Da mußte ich mich natürlich nach ihm richten.«

»So, so! Habt Ihr Euch vielleicht auch später in solcher Weise nach ihm gerichtet?«

»Daß ich nicht wußte!«

»Zum Beispiel mit Sternau und Consorten?«

»Die sind ja todt!«

»Oder doch in der Sclaverei?«

»Unsinn!«

»Oder auf einer Insel ausgesetzt?«

Bei dieser Frage zeigte sich Landola's Gesicht fast zinnoberroth. Woher hatte Cortejo das erfahren? Es gab keinen Zeugen seiner damaligen Thaten und Handlungen. Schlug Cortejo vielleicht nur auf den Strauch? Das war doch möglich, darum antwortete Landola:

»Erlaubt, Sennor, daß ich Euch frage, ob es Euch grad jetzt träumt.«

»Ja, mir hat geträumt. Wißt Ihr was?«

»Ich werde es wohl hören.«

»Ich will es Euch sagen. Mir träumte nämlich, daß Ihr um gewisser Gründe willen, welche ich hier nicht des Näheren zu erörtern brauche, jene Gefangenen damals nicht habt ertrinken lassen.«

»Alle Teufel! Was hätte ich denn sonst mit ihnen thun sollen?«

»Ihr habt sie eben nach irgend einer Insel gebracht, um sie gleich bei der Hand zu haben, wenn es einmal einen Streich gegen mich galt.«

Jetzt hatte die Verlegenheit des Capitäns einen hohen Grad erreicht. Er sah ein, daß Cortejo wußte, was er sagte, aber dennoch fiel es ihm nicht ein, so ohne Weiteres ein Geständniß abzulegen.

»Sagt mir doch einmal, Sennor, was ich von Euch halten soll,« meinte er.

»Sagt lieber Ihr das mir. Ich habe Euch Eure Dienste zu jeder Zeit prompt und reichlich bezahlt, und nun muß ich in Erfahrung bringen, daß Ihr Unehrlichkeiten gegen mich begangen habt, die geradezu haarsträubend sind und mich in die schauderhafteste Verlegenheit bringen können.«

»Ich bitte Euch, mir eine einzige solche Unehrlichkeit zu nennen.«


// 2192 //

»Nun, eben die, daß Sternau und Consorten nicht gestorben, sondern ausgesetzt worden sind.«

»Donnerwetter! Wie wolltet Ihr das beweisen?«

»Damit, daß sie Alle, Alle grad jetzt da drüben in Mexiko lebendig herumlaufen, und zwar im Hauptquartiere des Präsidenten Juarez.«

Landola fuhr abermals erschrocken zurück.

»Das müßten ja Gespenster sein.«

»Dann wäre Don Ferdinando auch ein Gespenst, von dem Ihr doch zugebt, daß er lebt.«

»Der? Der wäre auch dabei?«

»Ja. Sie sind Alle beisammen.«

Cortejo sprach diese Worte im höchsten Zorne. Landola konnte vor Schreck und Verlegenheit fast kein Wort hervorbringen.

»Don Ferdinando soll dabei sein?« fragte er endlich. »Welch eine Fabel oder was für ein Märchen hat man Euch denn da aufgehängt?«

»Eine Fabel? Ein Märchen?« rief Cortejo. »Das wagt Ihr, mich zu fragen? Ihr, der doch am Besten weiß, ob es eine Fabel oder ein Märchen sei? Wißt Ihr, daß dies eine Frechheit ist, die ihres Gleichen sucht? Glaubt Ihr, daß ich anspannen lasse und von Rodriganda nach Barcelona komme, nur um Euch eine Fabel zu erzählen?«

Landola faßte sich. Er sah ein, daß er auf irgend eine Weise durchschaut worden sei, und nahm sich vor, durch ein forcirtes Auftreten dem Gegner die Spitze zu bieten.

»Ihr sprecht von Frechheit,« sagte er in jenem kalten Tone, welcher vermuthen läßt, daß im Innern ein Vulkan in Thätigkeit sei. »Ich muß Euch ersuchen, auf dergleichen Ausdrücke zu verzichten, wenn Ihr überhaupt wollt, daß ich Euch Rede stehe. Ich bin kein Hallunke.«

Ein drohender Blitz traf ihn aus Cortejos Augen. Dieser zuckte verächtlich die Achseln und fragte:

»Wollt Ihr einen Menschen, welcher von der Polizei gesucht wird, etwa anders nennen?«

»Sennor,« zürnte Landola in erhobenem Tone. »Die gegen mich gerichteten Recherchen sind nur eine Folge meiner letzten politischen Thätigkeit.«

»Ah! Wirklich?«

»Ja. Ihr wißt, daß ich als Spaniens Emissär die Mittelstaaten Europas bereiste. Preußen will mich ausgeliefert haben.«

»Nur weil Ihr als Emissär agitirt habt?«

»Ja.«

»Lüge!«

»Sennor Cortejo!«

»Ich wiederhole es: Lüge. Es wird Preußens erstem Minister nicht einfallen, Eure Ablieferung von Spanien zu verlangen, von Spanien, welches ihn ganz einfach auslachen würde. Nach den bestehenden Gesetzen hat er kein Recht zu dieser Forderung.«

»O doch!«


// 2193 //

»Nein. Politiker werden nicht ausgeliefert. Ihr seid für Spanien thätig gewesen, es würde Euch beschützen. Aber anstatt dies zu thun, fahndet es nach Euch. Sagt mir doch, warum?«

»Es thut nur zum Scheine so, um Preußen zu beruhigen.«

»Pah! Ich weiß es besser.«

»Wirklich? So redet doch.«

»Glaubt Ihr denn, daß ich mit den Kreisen, um welche es sich hier handelt, keine Verbindung unterhalte? Es sind Euch zur Ausführung Eurer Aufträge und zur Auszahlung an gewisse andere Agenten bedeutende Summen anvertraut worden. Ihr habt Alles für Euch behalten. Ihr habt diese Summe einfach unterschlagen.«

»Sennor, wollt Ihr diese Behauptung wohl sofort zurücknehmen.«

»Fällt mir nicht ein. Diesen Unterschleifen wegen werdet Ihr nun auch hier von den hiesigen Behörden gesucht. Man will Euch nicht an Preußen ausliefern, aber man will Euch unschädlich machen, auf irgend eine Weise.«

»Das soll man doch nur versuchen. Ich würde reden.«

»Pah! Wenn man Euch erwischt, werdet Ihr spurlos verschwinden. Man wird Euch gar nicht Gelegenheit geben, zu sprechen.«

»Aber man wird mich auch nicht erwischen.«

»Traut Euch nicht zu viel zu. Wie nun, wenn ich den ersten, besten Polizisten herbeirufe und ihm sage, daß Ihr Landola seid?«

»So würde ich als Arrestant einen Collegen haben.«

»Wen denn? Etwa mich?«

»Ja. Ich würde Euch als Räuber und Mörder anzeigen. Ich würde Alles erzählen, was ich von Euch weiß.«

»Ich würde darüber lachen.«

»Lange nicht.«

»Ihr würdet gar nicht wagen, mich zu denunciren.«

»So? Warum nicht?«

»Weil Ihr als Mitschuldiger, als der Ausführer meiner Pläne und Entwürfe eine wenigstens ebenso strenge Strafe finden würdet als ich.«

»Glaubt Ihr in Wirklichkeit, daß mich das abhalten könnte, Euch anzuzeigen?«

»Ja,« antwortete Cortejo im Tone der Sicherheit.

»Nun, da irrt Ihr Euch gewaltig.«

»Ihr würdet Euch dennoch hüten, Euch mit bestrafen zu lassen.«

»Ihr vergeßt Eure eigenen Reden. Ihr habt ja vorhin gesagt, daß man mich suche, um mich verschwinden zu lassen. Das heißt doch, daß ich durch Tod oder lebenslängliche Gefangenschaft unschädlich gemacht werden soll. Ist dies einmal der Fall, zeigt Ihr mich an und ich werde in Folge dessen gefangen, so kann mein Schicksal dadurch, daß ich Eure Thaten verrathe, kein schlimmeres werden.«

»Meinetwegen. Ich würde mich den Teufel um das scheeren, was Ihr von mir sagt.«

»Man würde Euch zwingen, Euch darum zu scheeren.«

»O, im Gegentheile. Man würde Euch kein Wort glauben.«

»Ich würde Beweise bringen.«


// 2194 //

»Woher wolltet Ihr diese nehmen?«

»O, es stehen mir ihrer genug zur Verfügung. Ich erwähne da zum Beispiele die verschiedenen Briefe und Instructionen, welche Ihr mir geschrieben und zugesendet habt.«

»Das macht mich nicht bange. Diese Sachen sind vernichtet.«

Da stieß Landola ein höhnisches Lachen aus.

»Glaubt Ihr das wirklich?« fragte er.

»Wir haben ja das Uebereinkommen getroffen, gegenseitig alle diese Scripturen zu vernichten.«

»Das ist wahr. Auch bin ich vollständig überzeugt, daß Ihr alle meine Schreibereien verbrannt habt.«

»Natürlich!«

»Wirklich?« fragte Landola, einen begierig forschenden Blick in sein Gesicht werfend.

»Es ist nichts mehr vorhanden. Ich habe mein Wort gehalten.«

»Das war sehr ehrlich, aber auch sehr dumm von Euch,« rief Landola, welchem bei Cortejo's Versicherung sichtlich leichter geworden war.

»Dumm? Ich begreife das nicht ganz.«

»Nicht? Wirklich nicht? Diese Sachen könnten Euch doch als Beweise gegen mich dienen.«

Cortejo stieß ein höhnisches Lachen aus.

»Ihr nennt mich dumm?« sagte er. »Bekümmert Euch um Eure eigene Kurzsichtigkeit! Diese Sachen hätten zugleich als Beweise gegen mich gedient.«

»Ja, da sie zeigten, daß ich Eure Befehle ausgeführt habe. Und nun denkt Ihr wohl, daß ich diese Letzteren auch vernichtet habe?«

»Ja. Ich sagte das bereits.«

»Ihr irrt Euch sehr. Es ist noch Alles vorhanden.«

»So seid Ihr ein Verräther, ein Lügner.«

»Meinetwegen.«

»Diese Schreibereien werden ja Euch selbst gefährlich.«

»Oho! Wollt Ihr die Güte haben, mir dies zu beweisen?«

»Es ist aus ihnen zu ersehen, was Ihr alles in meinem Auftrage ausgeführt habt.«

»Glaubt doch nicht solch dummes Zeug! Es ist aus ihnen nur zu ersehen, was ich ausführen sollte, nicht aber, was ich wirklich ausgeführt habe. Wer kann mir beweisen, daß ich Euren Befehlen wirklich gehorsam gewesen bin?«

»Ich!«

»Das würde Euch schwer fallen.«

»Ich beschwöre es.«

»Und ich beschwöre das Gegentheil.«

»Wir stehen in einer mehr als zwanzigjährigen Verbindung. Dies würde nicht der Fall sein, wenn Ihr nicht gethan hättet, was ich von Euch verlangte. Das werden die Richter annehmen.«

»Dieser Schluß ist nicht ganz sicher.«

»Nun gut. So bringe ich Zeugen.«

»Wen?«

»Don Ferdinando.«


// 2195 //

»Der ist todt.«

»Er lebt. Ferner unseren Agenten Verdillo in Vera Cruz.«

»Er wird sich hüten, gegen sich selbst auszusagen.«

»Ich verrathe, daß Ihr der Seeräuber Grandeprise seid.«

»Und von Euch ging das Unternehmen aus. Das Schiff gehörte Euch. Ihr strecktet das Geld dazu her und erhieltet dafür die Hälfte des Gewinnes.«

»Die Hälfte? O, ich bin überzeugt, daß Ihr mich fürchterlich betrogen habt.«

Da lachte Landola auf und antwortete:

»Da könnt Ihr allerdings recht haben, mein verehrtester Sennor.«

»Betrüger,« sagte Cortejo grimmig.

»Danke!«

»Schwindler!«

»Danke!«

»Ich habe mir dies längst gedacht.«

»O, das konntet Ihr Euch vom ersten Augenblicke an denken. Es versteht sich ganz von selbst, daß ich neunzig Procent des Ertrages für mich nahm.«

»Neunzig! Neunzig Procent,« rief Cortejo erstaunt.

»Ja. Ihr saßt ruhig zu Hause und wartetet darauf, Euer Geld einstreichen zu können; ich aber und meine Jungens, wir hatten das Risiko. Wir mußten kämpfen, wir wagten das Leben, und für den Fall, daß wir besiegt wurden, erwartete uns der Strick um den Hals. Daher erhieltet Ihr den zehnten Theil. Es war genug, denn es belief sich auf ein ganzes Vermögen. Das Uebrige aber gehörte uns.«

»Alle Teufel! Zehnmal mehr als ich. Das müssen ja Millionen gewesen sein.«

»Natürlich.«

»Was habt Ihr um Gotteswillen mit diesen Summen gemacht?«

»Verlebt, vertrunken, verspielt.«

»Alle Teufel! Welche albernen Kerls!«

»Albern? Pah! Wenn man heute nicht weiß, ob man morgen bereits aufgehängt wird, so genießt man den Augenblick. Wenn es Euch aber wohlthuend berühren sollte, zu erfahren, daß doch nicht Alles verjuchhet wurde, so will ich Euch aufrichtig gestehen, daß ich irgendwo an einem sehr verborgenen Platze eine Sparkasse habe.«

»Ah. Ihr habt Geld versteckt?« fragte Cortejo rasch.

»Ja.«

»Viel?«

»Es langt vollauf, um mich zur Ruhe zu setzen.«

»Wo ist der Platz?«

»Meint Ihr wirklich, daß ich Euch dies sagen werde?«

»Das weiß ich. Aber ich möchte nur wissen, in welchem Lande es ist.«

»Auch das geht Euch nichts an!«

»Gut! Behaltet Euren Raub! Aber seid auch überzeugt, daß ich nun ganz so an Euch handeln werde, wie Ihr Euch gegen mich verhalten habt.«

Landola nickte langsam mit dem Kopfe.

»Wollt Ihr mir wohl sagen, was Ihr damit meint?« sagte er.


// 2196 //

»Ich werde nun jede Rücksicht, welche ich für Euch hegte, verbannen.«

»Ich habe nichts dagegen.«

»Ich werde Rechenschaft fordern.«

»Worüber?«

»Daß Don Ferdinando noch lebt.«

»Beweist mir erst, daß er wirklich lebt.«

»Meine Nichte schreibt es mir.«

»Sie lügt.«

»Auch die Zigeunerin Zarba weiß es bereits.«

Landola entfärbte sich.

»Habt Ihr mit ihr gesprochen?« fragte er.

»Ja.«

»Ueber Don Ferdinando?«

»Ja.«

»Sie sagte, daß er noch lebe?«

»Sie wußte es ganz genau.«

»Nein, sie irrt sich. Er starb und wurde in Mexiko begraben.«

»Lüge! Er erhielt ein Gift, welches scheintodt macht!«

»Donnerwetter!«

»Ihr erschreckt jetzt? Ja, ich weiß Alles! Der Graf wurde zwar begraben, aber wieder aus dem Sarge genommen und zu Schiffe von Euch in die Sclaverei gebracht. Wollt Ihr das leugnen?«

Landola blickte ihn mit einem pfiffig überlegenen Lächeln an und antwortete:

»Ihr meint, daß ich erschrecke? Bildet Euch doch das nicht ein! Was Ihr sagt, oder was Ihr wißt, das ist mir ganz gleichgiltig. Von einem Leugnen kann gar keine Rede sein.«

»Ihr gebt also zu, daß der Graf lebt?«

»Ob er lebt, kann ich nicht wissen.«

»Aber Ihr gesteht, daß er damals nicht gestorben ist?«

»Das gebe ich zu.«

»Also doch! Ihr seid ein ganz gemeiner Betrüger!«

»Pah! Wir sind uns ebenbürtig!«

»Warum habt Ihr mich hintergangen?«

»Es geschah auf Wunsch Eures Bruders.«

»Also doch! Ganz so, wie ich es dachte! Aber welchen Grund gab mein Bruder an?«

»Keinen.«

»Er sagte Euch, warum Don Ferdinando sterben müsse?«

»Ja.«

»Nun, warum?«

»Um Alfonzo Platz zu machen.«

»Gut. So muß er Euch aber doch auch gesagt haben, warum der Don wieder auferstehen müsse.«

»Kein Wort. Ich dachte mir es selbst.«

»Da möchte ich wissen, was Ihr Euch gedacht habt.«


// 2197 //

»Ihr könnt es erfahren. Wißt Ihr, daß Sennorita Josefa in Alfonzo verliebt war?«

»Ja.«

»Sie wollte Gräfin von Rodriganda werden. Wäre sie es geworden, so brauchte der Graf nicht wieder von den Todten aufzuerstehen. Don Alfonzo aber mochte nichts von ihr wissen -«

»Ich auch nicht. Ha, diese Vogelscheuche, und eine Gräfin Rodriganda!«

»Ihr mögt recht haben; aber sie und ihr Vater ärgerten sich darüber. Ihr und Alfonzo hattet Alles, sie hatten nichts. Sie wollten auch ihr Theil haben. Sie wollten über die mexikanischen Besitzungen der Familie verfügen.«

»Das haben sie auch gethan.«

»Wirklich?«

»Ja. Ich habe von dem Ertrage der drüben liegenden Güter nicht einen Dollar erhalten.«

»Auch nicht verlangt?«

»O doch; aber man hörte nicht darauf.«

»So ist es mir begreiflich, warum Euer Bruder sich nicht mehr um den alten Grafen bekümmert hat. Hättet Ihr ihn nicht im ruhigen Genusse der Güter gelassen, so hätte ich den Don wieder holen müssen.«

»Habt Ihr das mit ihm besprochen?«

»Nein. Er war sehr zurückhaltend, aber er hat es mir angedeutet.«

»Was hätte er mit dem Don gemacht?«

»Ihn wieder in seine Besitzungen eingesetzt, so daß Ihr gezwungen gewesen wäret, zu verzichten. Jedenfalls wäret dann Ihr und Don Alfonzo verloren gewesen.«

»Das soll er mir büßen. Aber, zum Teufel, wie konntet Ihr Euch zu einem solchen Verrathe gegen mich verführen lassen!«

»Pah! Ich wurde gut dafür bezahlt. Wer mir am Meisten giebt, dem diene ich am Eifrigsten.«

»Ihr seid ein Hallunke! Nun habt Ihr die Folgen, da Don Ferdinando wieder zurückgekehrt ist.«

»Also ist das wirklich wahr?«

»Vollständig.«

»Wie ist er losgekommen?«

»Wo habt Ihr ihn gehabt?«

»In Härrär. Der Zugang zu diesem Lande ist außerordentlich schwierig und die Flucht aus demselben hinaus geradezu eine Unmöglichkeit. Ich kann sein Wiederauftauchen nicht begreifen.«

»Man wird wohl Näheres darüber erfahren. Aber wie steht es nun mit den Anderen allen, von denen Ihr schriebt, daß sie ertrunken seien?«

Landola lachte.

»Ihr behauptet, daß auch diese noch leben?« fragte er.

»Ja.«

»Und diese Behauptung ist wahr?«

»Ja.«


// 2198 //

»Nun, so ist die Sache sehr einfach. Sie sind eben damals nicht ertrunken.«

Da fuhr Cortejo zornig auf:

»Wollt Ihr Euch etwa gar noch über mich lustig machen?«

»Fällt mir nicht ein. An Euch und dieser ganzen Angelegenheit ist nicht das mindeste Lustige zu bemerken.«

»Das denke ich auch. Die Sache ist nicht lustig, sondern gradezu höchst gefährlich. Aber warum habt Ihr diese Menschen denn damals nicht umgebracht?«

»Erstens war ich von Euch zu schlecht bezahlt worden und -«

»Zu schlecht?« fiel Cortejo ein. »Seid Ihr verrückt?«

»Ich bin sehr bei Sinnen. Und sodann konnten mir diese Leute ja nichts mehr nützen, wenn sie todt waren.«

»Ah! Welchen Nutzen beabsichtigtet Ihr denn damals?«

»Das kann ich Euch aufrichtig sagen. Spitzbuben pflegen nicht immer ehrlich zu sein -«

»Das merke ich.«

»Wir beide sind Spitzbuben -«

»Donnerwetter!«

»Darum lag der Gedanke nahe, daß einmal die Zeit kommen könne, an welcher Ihr den Dank an mich vergessen würdet. Für diesen Fall hob ich mir meine Gefangenen auf.«

»Ihr habt sie also wirklich nach einer Insel gebracht?«

»Ja.«

»Wo liegt diese Insel?«

»Im großen Ocean.«

»Wie dumm! Wo die Schifffahrt jetzt dort so frequent ist!«

»Dumm? Ihr irrt da sehr. Die Insel war nur mir bekannt. Kein anderer Fuß hatte sie betreten.«

»Ihr seht aber jetzt, daß sie doch bekannt gewesen sein muß.«

»Nein, das sehe ich nicht.«

»Nun, die Gefangenen sind doch entkommen.«

»Vielleicht haben sie sich ein Floß gebaut.«

»Ah! Daran hattet Ihr damals gar nicht gedacht.«

»O doch. Es gab keinen einzigen Baum auf der Insel. Vielleicht ist dieses Eiland von einem Anderen entdeckt worden. Er hat die Leute vorgefunden und mit nach Mexiko genommen.«

»Und das sagt Ihr so ruhig?«

»Soll ich mir eine Kugel durch den Kopf jagen?«

»Das allerdings nicht. Aber Euch selbst beohrfeigen, das könntet Ihr. Ihr habt so unverantwortlich leichtsinnig gehandelt, wie ich es gar nicht für möglich gehalten hätte. Wenn Einer allein entkommen wäre! Aber Alle! Aus welchen Personen bestand denn diese ganze Gesellschaft?«

»Aus Sternau -«

»Hole ihn der Teufel! Eigentlich ist er an Allem schuld.«

»Mariano -«

»Der Schwindler!«


// 2199 //

»Die beiden Häuptlinge -«

»Der Apache und der Miztecas?«

»Ja. Ferner die Gebrüder Helmers und die beiden Mädchen.«

»Ihr meint Emma Arbellez und ihre Indianerin?«

»Ja.«

»Nun, diese Alle sind jetzt wieder da. Don Ferdinando ist zu ihnen gestoßen.«

»Eine verfluchte Geschichte ist es allerdings.«

»Ihr habt sie Euch selbst eingebrockt.«

»Sogar gefährlich,« meinte Landola nachdenklich.

»Ja. Aber wißt Ihr, was das Gefährlichste daran ist?«

»Nun, was?«

»Daß sie sich im Hauptquartiere des Juarez befinden.«

»Ist das erwiesen?«

»Vollständig.«

»Da schlage allerdings der Teufel drein! Juarez läßt nicht mit sich spaßen. Wenn er sich ihrer annimmt, so haben wir Alles zu befürchten.«

»Das ist es eben. Nun könnt Ihr sehen, wie Ihr Euren Fehler wieder gut machen werdet.«

»Hm. Haltet Ihr dies für so schwer?«

»Was denn sonst?«

Landola schritt einige Male im Zimmer auf und ab, dann blieb er vor Cortejo stehen und sagte:

»Wie man es nimmt; es ist schwer, aber auch leicht.«

»Wieso?«

»Schwierig ist es, aber auf die leichte Achsel muß man es nehmen.«

»Was soll das heißen?«

»Es ist ein leichtes Gewissen dazu erforderlich.«

»Ah! Ihr meint -«

»Ich meine, daß man hinübergehen muß, um das zu thun, was man früher unterlassen hat.«

»Sie aus dem Wege räumen?«

»Ja.«

»Hm. Etwa sie wieder auf eine wüste Insel schaffen!«

»Alle Teufel! Diesesmal sicherlich nicht.«

»Also wirklich tödten?«

»Unbedingt.«

»Wer soll das übernehmen?«

»Ich.«

»Ihr? Das will überlegt sein.«

»Wieso?«

»Ich sehe mich gezwungen, in dieser Angelegenheit sehr vorsichtig zu handeln.«

»Ich auch.«

»Ich werde nur dann einen Handel abschließen, wenn ich überzeugt bin, nicht betrogen zu werden.«


// 2200 //

»Ich ebenso.«

»Ihr gebt zu, daß jetzt davon die Rede ist, eine Unterlassungssünde von Euch wieder gut zu machen.«

»Es mag so sein.«

»Ihr gebt ferner zu, daß auch Euch daran liegen muß, daß diese Menschen unschädlich gemacht werden.«

»Ich will auch dies für jetzt nicht in Abrede stellen.«

»Und Ihr sagt, daß Ihr selbst dieses Unschädlichmachen übernehmen wollt?«

»Ja.«

»Nun, so werdet Ihr aus den oben angeführten zwei Gründen diese Arbeit jedenfalls unentgeltlich besorgen.«

»Fällt mir nicht ein.«

»Nicht? Warum nicht?«

»Einfach, weil ich mir dabei etwas verdienen will.«

»Ihr habt Euern Lohn bereits weg.«

»Das mag sein. Allein erstens war er zu karg und zweitens liegen die Sachen jetzt ganz anders.«

»Das ist ganz allein Eure Schuld.«

»Die Arbeit wird schwieriger.«

»Eure Schuld.«

»Die Mitwisser haben sich vermehrt.«

»Eure Schuld.«

»Es müssen also viel mehr Personen stumm gemacht werden.«

»Allein Eure Schuld.«

»Vielleicht muß man sogar Juarez zum Schweigen bringen.«

»Eure Schuld.«

»Geht zum Satan mit diesem »Eure Schuld«! Es versteht sich ganz von selbst, daß es eine Riesenaufgabe ist, nach Mexiko zu gehen und so viele Personen umzubringen.«

»Das mag sein.«

»Das thut man nicht gratis.«

»Na, ich will Euch einmal fragen, wieviel Ihr verlangt.«

»Wieviel bietet Ihr?«

»Ich biete nichts. Der Verkäufer hat zu fordern.«

»Wißt Ihr noch, wieviel Ihr mir damals zahltet?«

»Ja.«

»Es waren hunderttausend Dollars.«

»Das stimmt.«

»Gebt Ihr jetzt zweimalhunderttausend?«

»Nein.«

»Gut, so sind wir fertig.«

Er drehte sich um und machte Miene, die Stube zu verlassen.

»Oho!« meinte Cortejo. »So rechnen wir nicht!«

Landola wendete sich wieder zurück und fragte:

»Wieso?«


// 2201 //

»Ihr seid verpflichtet, Euren Fehler wieder gutzumachen.«

»Wollt Ihr mich etwa dazu zwingen?«

»Nein. Wir haben Beide alle Veranlassung, uns nicht zu reizen; aber wir dürfen auch nicht unverständig sein.«

»Nun wohl. Warum seid denn Ihr da unverständig?«

Cortejo that, als ob er ihn nicht verstehe, und fragte:

»Unverständig? Ich? In wiefern denn?«

»In sofern, als Ihr mir nichts geben wollt.«

»Wer hat Euch denn dies gesagt?«

»Ich sehe es ja!«

»Pah! Ich bin zu einer Gratification bereit, aber zweimalhunderttausend Dollars sind mir denn doch zu viel.«

»Nun, wie viel bietet Ihr denn?«

»Fünfzigtausend.«

»Unsinn!«

»Mehr kann ich nicht geben.«

»Wie? Ihr könnt nicht? Seid Ihr so arm? Ich denke, daß Euch die reiche Grafschaft Rodriganda gehört.«

»Das ist richtig. Ihr versteht mich falsch. Wenn ich sage, daß ich nicht mehr als fünfzigtausend geben kann, so meine ich nicht, daß ich arm bin, sondern daß ich überhaupt nicht mehr geben mag.«

»Warum?«

»Weil Ihr die Arbeit nicht allein machen werdet, könnt Ihr auch nicht den vollen Lohn erhalten.«

»Ah! Wer soll sich denn noch mit betheiligen?« fragte Landola sehr erstaunt.

»Ich,« antwortete Cortejo.

»Ihr?« fragte Landola, noch erstaunter als vorher. »Ihr wollt die Arbeit mit thun? Wie habe ich das zu verstehen?«

»Nun, sehr einfach. Ihr geht nach Mexiko, nicht wahr?«

»Ja.«

»Ich gehe mit.«

Landola trat einen Schritt zurück und fragte, beinahe betroffen:

»Ihr?«

Cortejo nickte.

»Ihr wollt mitgehen?«

»Ja.«

»Nach Mexiko?«

»Ja doch!«

»Das ist unmöglich! Das kann ich gar nicht glauben!«

»Warum nicht?«

»Ihr könnt hier ja gar nicht abkommen. Man braucht Euch zu nöthig.«

»Wer sagt Euch das?«

»Ich denke es mir.«

»Nun, so will ich Euch eines Anderen und Besseren belehren. Don Alfonzo


// 2202 //

wird mir gern einen Urlaub geben, wenn es sich darum handelt, ihm seine Besitzungen zu erhalten.«

»Aber was wollt Ihr in Mexiko?«

Cortejo machte ein sehr eigenthümliches Gesicht.

»Zunächst liegt mir daran, meinen lieben Bruder Pablo einmal zu besuchen,« sagte er.

»Warum jetzt?«

»Sodann,« fuhr Cortejo unbeirrt weiter fort, »möchte ich meine liebe Nichte Josefa einmal kennen lernen.«

»Aber warum soll dies grad jetzt sein?«

»Grad jetzt? Weil es so paßt! Ihr habt mich betrogen, Pablo hat mich betrogen. Glaubt Ihr, daß ich mich abermals betrügen lasse?«

»Ah! So meint Ihr es?«

»Ja, so und nicht anders.«

»Ihr wollt uns beaufsichtigen?«

»Freilich.«

»Glaubt Ihr, daß dies Euch Nutzen bringt?«

»Versteht sich.«

»Und daß wir auch Diejenigen sind, welche sich beaufsichtigen lassen?«

»Ich habe nicht gesagt, daß ich nur beaufsichtigen will. Ich werde selbst mit arbeiten.«

»Das giebt der Sache allerdings eine kleine Wendung,« meinte Landola nachdenklich.

»Das meine ich auch. Uebrigens werdet Ihr später sehen, daß Ihr ohne Hilfe nicht verkommen könntet. Wo zum Beispiele wolltet Ihr meinen Bruder treffen?«

»In Mexiko.«

»Der Hauptstadt?«

»Ja.«

»Da ist er nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil der Esel ausgewiesen worden ist.«

»Ausgewiesen?« fragte Landola, beinahe erschrocken. »Weshalb?«

»Der Kerl ist so dumm gewesen, sich in die Politik zu mischen.«

»Davon habe ich allerdings gehört.«

»Habt Ihr denn auch gehört, daß er die Absicht hat, Präsident des Staates Mexiko zu werden?«

»Das wäre allerdings eine Verrücktheit!«

»Eine Verrücktheit ohne Gleichen!«

»Er hat sie wirklich begangen?«

»Wirklich. Darum wurde er ausgewiesen.«

»Von wem?«

»Von Max und von den Franzosen.«

»So darf er sich vor ihnen gar nicht sehen lassen?«

»Nein.«


// 2203 //

»Aber vor Juarez?«

»Auch mit ihm hat er es verdorben.«

»O weh, welch eine Dummheit!«

»Er hatte sich mit dem Panther des Südens verbunden.«

»Mit dem? Der hat ihn jedenfalls nur ausnutzen wollen.«

»Weiter nichts Anderes. Jetzt ist er gar nach dem Norden des Landes gegangen, um mit Juarez anzubinden. Es ist Zeit, daß ich hinübergehe, um ihn zu Verstand zu bringen.«

»Wo befindet er sich jetzt?«

»Ich weiß nicht. Man wird ihn suchen müssen.«

»Und seine Tochter?«

»Sie ist auf der Hazienda del Erina. Von dort aus schreibt sie mir eben, daß alle Eure Todten noch am Leben sind.«

»Auch von ihr hörte ich, daß sie sich an der Politik betheilige?«

»Leider. Denkt Euch, was sie thut! Sie läßt sich photographiren!«

»Nun, ist das etwas so Unsinniges?«

»An und für sich nicht. Aber sie schenkt ihre Bilder an die Soldaten und an das Gesindel, welches sich ihrem Vater anschließt.«

»Verrückt!«

»Sie spielt die Anführerin.«

»Noch verrückter!«

»Sie spielt die zukünftige Präsidenten- oder Königstochter.«

»Am Allerverrücktesten!«

»Ihr Vater ist jetzt ganz im Norden des Landes, vielleicht um unserer lebendig gewordenen Todten willen.«

»So müßten wir auch dorthin?«

»Später vielleicht. Zunächst aber müssen wir nach der Hauptstadt.«

»Warum?«

»Errathet Ihr es nicht?«

»Nein.«

»So seid Ihr nicht mehr der Alte. Früher genügte Euch ein Wink, um Euch sofort wissen zu lassen, was man wollte.«

»Zum Donnerwetter! Wer soll aus dem bloßen Worte Hauptstadt das Richtige schließen können!«

»Na, ich will Euch zu Hilfe kommen. Wer ist die Hauptperson unter Denen, welche uns anklagen werden?«

»Sternau.«

»Ihr habt recht, wenn es sich um die bloße Persönlichkeit handelt; ich aber meine in Beziehung auf Stellung und Einfluß.«

»So ist es Don Ferdinando.«

»Richtig! Wer wird zuerst Anklage gegen uns erheben?«

»Don Ferdinando.«

»Wessen Angaben werden am Schwersten wiegen?«

»Die seinigen.«

»Richtig. Wie aber werden wir seine Aussagen am Allerbesten entkräften können?«


// 2204 //

»Davon habe ich wahrhaftig keine Ahnung. Ich denke, er soll sterben, dann ist ja von einer Anklage gar keine Rede.«

»Ihr vergeßt, daß zwei für uns schlimme Fälle eintreten können. Entweder es gelingt uns nicht, ihn zu tödten, dann tritt er selbst als Ankläger auf. Oder es gelingt uns, dann treten Andere auf, denen er seine Erlebnisse erzählt hat.«

»Wir müssen sie Alle vernichten.«

»Kennen wir sie Alle?«

»Hm! Das ist freilich wahr.«

»Also müssen wir uns auf alle Fälle vorsehen. Wißt Ihr, was das erste Wort der Anzeige Ferdinando's sein wird?«

»Daß er eben dieser Ferdinando sei!«

»Allerdings.«

»Daß er nicht todt gewesen und wieder ausgegraben worden sei.«

»Ja. Weiter.«

»Was weiter?«

»Was wird man sofort thun, um sich zu überzeugen?«

»Tod und Teufel! Jetzt fange ich an, Euch zu begreifen.«

»Nun, was meine ich denn?« fragte Cortejo triumphirend.

»Man wird nachsehen, ob seine Angaben wahr sind.«

»Jetzt trefft Ihr das Richtige.«

»Man wird das Grab öffnen.«

»Was würde man jetzt finden?«

»Einen leeren Sarg. Donnerwetter, das wäre ein Pech für uns, denn damit wäre die Wahrheit seiner Aussagen bewiesen.«

»Was wird man also finden müssen?«

»Einen gefüllten Sarg.«

»Schön. Einen Sarg, in welchem die Ueberreste des verstorbenen Grafen Ferdinando liegen.«

»Ihr meint also, daß wir vor allen Dingen die Füllung dieses verdammten Kastens bewerkstelligen sollen?«

»Ja. Ist dies geschehen, so können wir schon leichter aufathmen.«

»Das wird aber verdammt schwer sein.«

»Warum?«

»Woher ein Gerippe nehmen?«

»Vom Gottesacker.«

»Wie es kleiden?«

»In das Gewand, welches die Leiche des Grafen trug.«

»Sapperlot! Woher dies aber nehmen? Als ich ihn damals aus dem Korbe nahm und in den Kielraum sperren ließ, ist ihm das Kleid vom Leibe gefault.«

»Ihr seid wirklich schwer von Begriffen. Wißt Ihr, was die Leiche anhatte?«

»Ja.«

»Das wird nachgemacht.«

»Man wird merken, daß es neu ist.«

»Dagegen giebt es gewisse Chemikalien.«


// 2205 //

»Hm! Davon verstehe ich nichts. Es ist da wirklich besser, daß Ihr selbst mit dabei seid.«

»Seht Ihr das endlich ein?«

»Aber, wie die Sachen stehen, gilt es, keine Zeit zu verlieren.«

»Das versteht sich ganz von selber. Wir reisen bei nächster Gelegenheit ab. Ich werde mich sofort erkundigen, was für Schiffe im Hafen liegen.«

»Ich weiß das bereits. Es wurde mir hier denn doch zu schwül.«

»Ihr habt Euch erkundigt?«

»Ja, aber es paßt verteufelt schlecht nach Mexiko.«

»Wieso?«

»Es giebt kein Schiff dorthin. Ein einziger Dampfer liegt da, welcher bereits übermorgen in See sticht, aber er geht nach Rio de Janeiro.«

»Das ist ja gut.«

»Wieso?«

»Wenn wir an Bord kommen, entgeht Ihr hier den Augen der Polizei und in Rio finden wir allemal Gelegenheit nach Mexiko.«

»Das mag sein. Aber wie an Bord kommen. Man kennt mein Signalement besonders hier in Barcelona.«

»Nichts leichter als das. Wißt Ihr, was eine Perrücke ist?«

»Eine Kopfbedeckung für Kahlköpfige,« lachte Landola.

»Und wißt Ihr, was ein falscher Bart ist?«

»Eine Gesichtsbedeckung für Spitzbuben.«

»Und wißt Ihr, was man unter colle de face versteht?«

»Ah, das ist jener berühmte, französische Gesichtskleister, mit dessen Hilfe eine alte Frau sich in ein junges Mädchen verwandeln kann. Man füllt damit sogar die tiefsten Falten aus.«

»Und wißt Ihr, was ein falscher Paß ist?«

»Eine Erfindung des Teufels zum Besten seines Familienzirkels.«

»Nun gut, das Alles werde ich Euch verschaffen.«

»Perrücke?«

»Ja.«

»Die mir paßt?«

»Ja. Meine Auswahl ist groß genug.«

»Auch in falschen Bärten?«

»Ja.«

»Und Gesichtsschmiere?«

»Habe ich topfweise.«

»Und falsche Pässe?«

»Ein ganzes Ries.«

»Sennor Cortejo, man sieht wirklich, daß Ihr ein Spitzbube seid!«

»Danke! Ich werde alle diese Sachen auch für mich selber brauchen.«

»Ihr wollt Euch auch verkleiden?«

»Natürlich!«

»Aber warum?«


// 2206 //

»Könnt Ihr das nicht begreifen? Wir treffen da drüben jedenfalls auf Sternau und andere Bekannte, welche nicht wissen dürfen, wer wir sind.«

»So hat es mit der Verkleidung Zeit, bis wir drüben sind.«

»O nein. Wir haben vielleicht gar keine Gelegenheit, Namen, Gestalt und Pässe zu wechseln. Wir können doch kein Schiff, kein Haus, keinen Ort anders verlassen, als wie wir da angekommen sind.«

»Das würde allerdings Verdacht erwecken.«

»So hört! Ich reise als Don Antonio Veridante, Advocat und Bevollmächtigter des Grafen Alfonzo de Rodriganda.«

»Donnerwetter! Ich begreife.«

»Ich habe die Verhältnisse der mexikanischen Besitzungen dieses Herrn zu inspiziren.«

»Natürlich!«

»Und bin mit ausreichenden Vollmachten versehen.«

»Die Ihr Euch selbst ausstellt.«

»Auch der Paß macht keine Schwierigkeiten. Auch nehme ich Legitimationen auf meinen echten Namen mit, um für alle Fälle gerüstet zu sein.«

»Ihr seid sehr umsichtig.«

»Natürlich brauche ich einen Secretario.«

»Wo werdet Ihr ihn finden?«

»Ich habe ihn bereits.«

»Ah, so ist der Plan schon längst fertig?«

»Nein, er wird im Gegentheil eben jetzt erst entworfen.«

»Sapperment! Der Secretär oder Schreiber soll wohl ich sein?«

»Natürlich!«

»Auf diese Standeserhöhung kann ich mir viel einbilden.«

»Ihr habt recht. Ein Secretario ist jedenfalls mehr werth, als ein Spitzbube, wie Ihr Euch vorhin genannt habt.«

»Aber dieser Secretario kann auch einer sein.«

»Möglich.«

»Und sein Herr, der Advocat, ein noch größerer.«

»Nehmt Euch in Acht, sonst lasse ich Euch hier sitzen, und Ihr mögt sehen, wie Ihr mit der Polizei fertig werdet. Habt Ihr noch etwas zu fragen?«

»Nein. Es genügt mir, zu wissen, wann und wo wir uns treffen.«

»Getraut Ihr Euch, jetzt am Tage die Stadt zu verlassen?«

»Nein, zumal ich einiges Gepäck bei mir habe.«

»So bin ich gezwungen, bis zur Dunkelheit hier zu bleiben. Sobald sie eingetreten ist, begebt Ihr Euch bis zum Anfang des ersten Wäldchens an der Straße nach Manresa. Kommt eine Kutsche, so pfeift Ihr den Anfang der Marseillaise, an welchem ich Euch erkennen werde. Jetzt will ich in den Hafen, um mich zu erkundigen. Adieu!«

»Adieu!«

Die beiden Söhne des Verbrechens gingen auseinander.

»Verdammt und abermals verdammt!« murmelte Landola, als er sich allein befand. »Sind diese Creaturen glücklich entkommen. Welch eine Unvorsichtigkeit,


// 2207 //

mich während dieser langen Zeit nicht ein einziges Mal zu erkundigen. Freilich, mir kann ihre Rückkehr weniger schaden. Ich brauche mich einfach nur zu verbergen. Aber dieser Cortejo und seine Sippe, sie sind verloren, sobald es ihm nicht gelingt, der Gefahr gleich anfangs zu begegnen. Fünfzigtausend Dollars. Ah, ich habe noch nicht ja gesagt! Er soll bluten, er soll zahlen! Und dann suche ich mir irgend einen schönen, verborgenen Erdenwinkel, in welchem ich meine Reichthümer in Freude und Ruhe genießen kann.«

Cortejo fand den Dampfer, welchen Landola meinte. Die Falltreppe war herabgelassen; er stieg an Bord und fand den Capitän auf Deck.

»Sie gehen nach Rio?« fragte er ihn.

»Ja,« antwortete der Seemann.

»Sie nehmen Passagiere auf?«

»Nur anständige.«

»Ich heiße Cortejo - -«

Der Capitän verbeugte sich.

»Bin Verwalter sämmtlicher Besitzungen des Grafen Alfonzo de Rodriganda.«

Zweite, noch tiefere Verneigung des Capitäns.

»Wir haben große, weitläufige Güter drüben in Mexiko. Der Stand der Dinge nöthigt uns, einen Bevollmächtigten hinüber zu senden, welcher unsere Interessen zu wahren hat. Wollen Sie diesen Mann an Bord nehmen?«

»Mit Vergnügen. Wie heißt er?«

»Don Antonio Veridante.«

»Hat er zahlreiche Bedienung bei sich?«

»Einen einzigen Secretario.«

»Junge Leute?«

»Nein, sondern ältere Herren, still und zurückgezogen. Sie werden Ihre Schiffsordnung nicht im Mindesten stören.«

»Das ist mir lieb. Beköstigen sich die Sennores selbst?«

»Nein.«

»So werde ich für das Nöthige sorgen müssen. Aber mein Schiff ist kein Passagierschiff, ich habe also auch keine festen Preise. Ich richte mich nach den Ansprüchen, welche man macht. Wieviel soll gezahlt werden?«

»Dieser Punkt ist der einfachste. Sorgen Sie für Alles, was zwei feine Sennores während einer solchen Reise brauchen. Sie werden das, was Sie verlangen, sofort bezahlen, nachdem sie an Bord gestiegen sind. Vorausgesetzt, daß die Forderung nicht übertrieben ist.«

Somit war die Sache abgemacht. Cortejo wartete in einem Gasthofe, bis es dunkel war und fuhr dann nach Hause.

Als er das erwähnte Gehölz erreichte, hörte er den Anfang der Marseillaise pfeifen. Er ließ anhalten. Landola stieg ein, nachdem sein Koffer auf dem Bocke mit Platz gefunden hatte. Dann ging die Fahrt weiter.

»Fertig mit dem Capitän?« fragte er.

»Ja.«

»Wann geht es fort?«


// 2208 //

»Habe gar nicht zu fragen gebraucht. Neben dem Fallreep hing die Ankündigung. Uebermorgen früh mit eintretender Ebbe.«

»Sie wird neun Uhr eintreten.«

»So kommen wir zeitig genug, wenn wir des Nachts eintreffen.«

Dieses kurze Gespräch war das einzige, welches sie bis Rodriganda führten. Dort angekommen, hütete Landola sich sehr, in das Licht der Laternen zu treten. Es sollte Niemand seine Gesichtszüge sehen - eine sehr nothwendige Vorsichtsmaßregel.

Cortejo führte ihn in eines der Gastzimmer und bediente ihn selbst. Dann, nachdem er ihm gerathen hatte, keinen Menschen eintreten zu lassen, begab er sich zu Schwester Clarissa.

Diese hatte ihn längst erwartet.

»Mein Gott,« klagte sie, »wie vernachlässigst Du mich!«

»In wiefern?« fragte er.

»Du bist bereits seit einer halben Stunde angekommen.«

»Ohne Dich aufzusuchen! Nicht?«

»Ja. Nennst Du dies Aufmerksamkeit?«

»Ich hatte vorher zu thun.«

»Vorher? Kann etwas Anderes vorher gehen?«

»Ja.«

»Was denn zum Beispiel?«

»Ein Gast.«

»Ah! Du hast einen Gast?«

»Ja.«

»Wer ist es?«

»Rathe!«

»Wie kann ich das rathen!«

»Du weißt ja doch, bei wem ich gewesen bin.«

»Bei Landola.«

»Nun?«

»Was? Du hast ihn doch nicht etwa als Gast mitgebracht?«

»Warum nicht?«

»Den polizeilich Verfolgten!«

»Grad darum.«

»Gasparino!«

Sie schlug die Hände zusammen. Die Handlungsweise ihres alten Geliebten war ihr unbegreiflich. Er aber meinte lächelnd:

»Es ist nicht die geringste Gefahr dabei. Ich weiß, daß man ihn hier nicht suchen wird.«

»Wie lange soll er bleiben?«

»Nur bis morgen Nacht.«

»Wohin geht er dann?«

»In See.«

»Hat er gestanden?«

»Ja.«


Ende der zweiundneunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk