Lieferung 94

Karl May

21. Juni 1884

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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hat auf mich einen so tiefen Eindruck gemacht, daß ich mich fast gar nicht zu fassen weiß. Lassen Sie uns Zeit, diesen Eindruck sich verbreitern zu lassen, dann werden wir Ihnen mittheilen, was wir zu thun gedenken.«

»Recht so, Sennores! Suchen Sie Ihre Cojen auf und beschlafen Sie das Gehörte. Morgen können wir weiter darüber reden. Bis dahin aber gute Nacht!«

»Gute Nacht, Sennor!«

Sie gingen. In ihrer Cajüte angekommen, ergingen sie sich in allen Arten von Interjectionen über die Mittheilungen, welche ihnen gemacht worden waren. Der erste, klare Gedanke, den es gab, wurde von Cortejo ausgesprochen, indem er sagte:

»Also die Schätze des Sultans hat der Graf.«

»Viele Millionen!« fügte Landola hinzu.

»Wo er sie haben mag?«

»Hm, ja! Ob bei sich, ob hier im Schiffe?«

»Man muß dies vom Capitäne zu erfahren suchen.«

»Aber um Gotteswillen mit Vorsicht!«

»Das versteht sich ganz von selbst!«

Während diese Beiden sich auf diese Weise unterhielten, lehnte Peters in der Nähe des Schornsteines und blickte zu den Sternen hinauf. Er wußte nicht, ob er seine Gedanken dem Capitän mittheilen solle oder nicht. Da hörte er nahende Schritte und drehte sich um. Es war der Genannte, welcher seine gewöhnliche Runde machte. Das nahm Peters als ein Zeichen der Bejahung. Er trat vor, legte die Hand an den Hut und sagte:

»Capt'n!«

»Was willst Du, mein Sohn?«

»Darf ich fragen, was die beiden Passagiere sind?«

»Diese Frage solltest Du eher an den Steuermann richten.«

»Weiß das gar wohl, Capt'n, aber mit den Beiden ist es nicht richtig.«

»Warum? Der Eine ist ein Advocat und der Andere sein Secretär.«

»Glaube es nicht!«

»Weshalb?«

»Der Advocat mag immerhin ein Advocat sein, aber der Secretär ist ein Seemann.«

»Ah! Woraus schließest Du das?«

»Er fand im Dunkeln Ihre Cajüte, ohne mich nach ihr zu fragen.«

»So,« sagte der Capitän. »Man sieht, daß Dir die Beiden allerdings nicht gefallen.«

»Nein, ganz und gar nicht, Capt'n!«

»So will ich Dir sagen, daß es sehr gelehrte und ehrenwerthe Herren sind. Deine Verdächtigungen sind grundlos, und Du wirst mich nicht Aehnliches wieder hören lassen!«

»Schön, Capt'n, werde gehorchen!«

Er drehte sich unwillig ab und begab sich nach seiner Hängematte. Er hielt wirklich Wort und gehorchte, aber er behielt die Beiden ungeheuer scharf im Auge,


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bis der Dampfer an dem befestigten Felsen von San Juan d'Ulloa vorüberrauschte und dann vor Vera Cruz Anker warf.

Die beiden Passagiere standen mit ihrem Gepäcke zum Landen bereit, der Capitän neben ihnen.

»Also Sie gehen direct nach Mexiko?« fragte er den Advocaten.

»Ja,« antwortete dieser.

»Um zu sehen, ob Graf Ferdinando schon da ist?«

»Ja. Ist er noch nicht da, so reiten wir nach der Hazienda.«

»Das ist genau der Weg, den auch mein Bote machen wird. Wie schade, daß er sich Ihnen nicht anschließen kann. Ich lasse ihn erst morgen abgehen!«

Sie wurden an das Land gerudert, ließen ihre Habseligkeiten nach dem Zollhause schaffen und begaben sich sofort zu Fuße zu dem Agenten Gonsalvo Verdillo, dessen Wohnung Beide genau kannten. Sie wurden von ihm, dem sie einfach als Fremde angemeldet worden waren, mit nicht sehr großer Auszeichnung empfangen.

»Was steht zu Diensten, Sennores?« fragte er.

»Wir möchten eine kleine Erkundigung einziehen,« sagte Landola.

»Nach wem?«

»Nach einem gewissen Henrico Landola, Seeräubercapitän.«

Der Agent wurde kreidebleich, starrte ihn an und antwortete dann stockend:

»Ich verstehe Euch nicht, Sennor!«

»Wirklich nicht?«

»Nein, nicht im Geringsten!«

»O, Du versteht uns dennoch sehr gut, alter Schurke.«

Dem Agenten trat der Angstschweiß auf die Stirn.

»Sennor, ich versichere Euch, daß ich ganz gewiß nicht weiß, was oder wen Ihr meint,« rief er.

»Wen ich meine? Nun, mich selber.«

»Wie? Euch selbst?«

»Natürlich! Sage einmal, ist meine Verkleidung denn wirklich so gut, daß Du mich nicht erkennst?«

Landola hatte vorher seine Stimme verstellt, jetzt gab er ihr den gewöhnlichen Klang. Da kehrte das Blut in die Wangen des Agenten zurück. Er rief sichtlich erfreut:

»Höre ich recht? Diese Stimme!«

»Natürlich hörst Du recht. Ich bin es selbst!«

"Kapitain, willkommen!"

»Capitän, willkommen! Und Verzeihung, daß ich Euch nicht sogleich erkannte.«

Er streckte ihm die Hände entgegen. Landola schlug lachend ein und meinte:

»Diese Gesichtsschmiere muß allerdings ausgezeichnet sein, da ein Mann, der zwölf Jahre mit mir gefahren ist, seinen alten Capitän nicht erkennt.«

»Sennor Capitano, Euer eigener Bruder würde Euch nicht erkannt haben,« versicherte der Mann.

»Nun, so erkennst Du wohl auch diesen Sennor nicht?«

Verdillo suchte vergebens theils in seinem Gedächtnisse und theils in Cortejo's Zügen. Er schüttelte schließlich den Kopf und meinte:

»Habe ihn niemals gesehen.«


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»O, hundert Male, alter Lügner,« behauptete Landola.

»Wo?«

»In Barcelona.«

»Könnte mich nicht besinnen.«

»Unser Rheder!«

Da schlug der Mann die Hände zusammen.

»Sennor Cortejo? Wirklich? Nein, welch ein Gesicht! So eine Veränderung ist ein großes Meisterstück.«

»Allerdings,« meinte Landola. »Wir haben es auch nöthig. Aber sage, kannst Du uns Auskunft über Sennor Pablo geben?«

»Nein.«

»Ueber Sennorita Josefa?«

»Nein.«

»Alle Teufel! Warum nicht?«

»Sennorita sandte mir ein Schreiben, welches ich an Sennor Gasparino Cortejo abgehen lassen sollte. Ich habe es zur Auszeichnung mit der Ziffer 87 versehen. Ist es angekommen?«

»Ja,« antwortete Cortejo. »Zwei Tage vor unserer Abreise.«

»Seit dieser Zeit habe ich keine Nachricht.«

»Auch nicht von der Hazienda?«

»Nein.«

»Wie steht es in der Hauptstadt?« fragte Cortejo.

»Sie steckt voller Franzosen.«

»Verdammt! Da ist man seines Lebens nicht sicher!«

»O, sie führen keine üble Manneszucht.«

»So meinst Du, daß man sich hinwagen könnte?«

»Ja, aber den Namen Cortejo dürftet Ihr nicht hören lassen.«

»Fällt mir nicht ein. Ich bin Don Antonio Veridante, Rechtsanwalt des Grafen Alfonzo de Rodriganda. Und dieser hier ist mein Secretär. Notire Dir das zum eventuellen Gebrauch.«

Der Agent notirte sich den Namen wirklich und meinte dann abermals:

»Ihr müßt entschuldigen, Sennores, daß ich vorhin erschrak, als der Name Landola genannt wurde. Es befindet sich hier ein Mensch, welcher bereits seit fünf Wochen täglich anfragt, ob Capitän Landola noch nicht angekommen sei.«

»Ein Mensch, welcher fünf Wochen lang täglich nach mir fragt?«

»Ja.«

»Wie heißt er?«

»Er sagt es nicht.«

»Was will er?«

»Er entdeckt mir es nicht.«

»Wo ist er her?«

»Das verräth er nicht.«

»Also ein höchst geheimnißvoller Mensch?«

»Ganz und gar. Ich habe ihn vergeblich abgewiesen; er kommt immer wieder.«


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»Eine solche Beharrlichkeit ist unbedingt nicht ohne Grund. Zu welcher Stunde pflegt er zu kommen?«

»Er kommt außerordentlich pünktlich, genau um -« Er blickte nach der Uhr und fügte hinzu: »Es ist jetzt die Zeit. In einer Minute wird er klopfen.«

»So bin ich wirklich neugierig,« meinte Landola.

»Soll ich ihn hereinlassen?«

»Ja.«

»Und was ihm antworten?«

»Das übernehme ich selbst.«

Er hatte diese Worte kaum gesagt, so ertönte ein kurzes, kräftiges Klopfen, und auf das »Herein« des Agenten trat eine lange, hagere Gestalt ein, in welcher nur ein früherer Seemann den Jäger nicht zu erkennen vermocht hätte. Es war Grandeprise, unser alter Bekannter.

»Darf ich fragen, ob Sennor Landola noch nicht angekommen ist?« erkundigte er sich in höflichem Tone.

Landola hielt beide Fäuste geballt. Er hatte den Stiefbruder auf der Stelle erkannt und ahnte es, daß diesen nur die Rache herbeigetrieben hatte. Er bemeisterte seinen Grimm und fragte mit ein wenig verstellter Stimme:

»Was wollt Ihr von ihm, Sennor?«

»Eine Kleinigkeit,« antwortete der Jäger.

»Worin besteht diese Kleinigkeit?«

»Das darf nur er selbst erfahren.«

»Wer hat Euch gesagt, daß Ihr Euch hier nach ihm erkundigen könnt?«

»Das verrathe ich nicht.«

»Ihr seid ein wunderbarer Kauz! Wie ist Euer Name?«

»Er gehört nur mir, nicht Euch.«

»Donnerwetter, das war grob.«

»Meinetwegen!«

»Nun, auf diese Weise kommt Ihr nicht zum Ziele.«

»Wieso?«

»Ist es denn etwas Wichtiges, was Ihr ihm mitzutheilen habt?«

»Ja, für ihn und für mich.«

»Ihr werdet ihn nicht eher treffen, als bis Ihr mir wenigstens die eine meiner Fragen beantwortet habt.«

»Welche?«

»Wer Euch hergewiesen hat.«

»Dann erfahre ich, wo er ist?«

»Ja. Ganz gewiß. Ich stehe eben im Begriff, ihn aufzusuchen.«

»Ihr wißt also, wo er sich befindet?«

»Ja.«

Die Augen des Jägers leuchteten vor grimmiger Freude.

»So sollt Ihr es erfahren,« sagte er.

»Nun, wer hat Euch hergewiesen?«

»Pater Hilario im Kloster della Barbara zu Santa Jaga.«


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Der Capitän machte eine Bewegung des Erstaunens und sagte:

»Ich kenne den Pater nicht. Wer muß ihm diese Adresse verrathen haben?«

»Wenn ich sicher wäre, Landola zu treffen, so würde ich Euch auch dies noch sagen,« meinte der Jäger.

»Ich gebe Euch mein Wort darauf,« erwiderte Landola.

»Nun gut! Der Pater hat die Adresse jedenfalls von Sennor Pablo Cortejo erfahren.«

Dieser Name brachte eine kleine Aufregung unter den drei anderen Anwesenden hervor.

»Pablo Cortejo?« fragten alle Drei zu gleicher Zeit.

»Ja.«

»Kennt Ihr ihn?« fragte Landola.

»Ja.«

»Ihr gehört wohl zu seinen Anhängern?«

»Nein.«

»Zu seinen Gegnern?«

»Nein.«

»Donnerwetter, wozu denn?«

»Zu nichts und Niemand, ich treibe keine Politik.«

»Aber wie kommt Ihr da zu dem Prätendenten Cortejo?«

»Ich fand ihn verwundet am Flusse liegen und heilte ihn.«

»Alle Wetter! Wo war das denn?«

»Droben am Rio grande del Norte.«

»Was wollte er dort?«

»Ein Engländer brachte Geld und Waffen für Juarez; Sennor Cortejo wollte ihm dies wegnehmen, kam aber dabei mit Indianern in Streit. Er wurde an beiden Augen verwundet, so daß er im Schilfe lag und nicht sehen konnte. Er getraute sich nicht vor. Da fand ich ihn.«

»Mein Gott,« rief Cortejo.

»Er ist also blind?«

»Nicht ganz.«

»Wie heißt das?«

»Das eine Auge ist ihm allerdings verloren gegangen; das andere jedoch haben wir mit Hilfe des Wundkrautes geheilt.«

»Der Unvorsichtige! Wo befand sich denn zu jener Zeit Juarez?«

»Bereits in Cohahuila.«

»Und mein - - ah! Und Cortejo wagte sich bis zum Rio grande?«

»Ja.«

»So hat er geradezu Gott versucht! Wohin ist er dann?«

»Er war da ganz blind und litt fürchterliche Schmerzen. Ich nahm ihn auf eines meiner Pferde und versuchte, ihn nach der Hazienda del Erina zu bringen.«

»Was wollte er dort?«

»Er sagte, daß seine Verwandten dort wohnten. Er hatte mir nämlich noch gar nicht gestanden, daß er Cortejo sei.«

»Ach so! Kamt Ihr durch?«

»Mit Mühe, denn die Schaaren von Juarez waren nahe, und mehrere


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tausend Mann aus den Vereinigten Staaten lagen uns auch bereits im Wege. Aber mit Hilfe eines Umwegs gelang es doch.«

»Wo war da Sennorita Josefa?«

»Auf der Hazienda.«

»Ihr fandet sie dort?«

»Hm! In der Nähe, und wie! Die Hazienda war nämlich unterdessen erobert worden.«

»Von wem?«

»Von den Miztecas, welche sich erhoben hatten.«

»Für wen?«

»Für Juarez und gegen Cortejo.«

»Das ist Pech! Erzählt!«

»Wir langten des Nachts in der Hazienda an. Dort stießen wir auf Flüchtlinge von Cortejo's Leuten, welche dem Kampfe entronnen waren. Die Hazienda war verloren und Sennorita Josefa gefangen.«

»Und mein - ah! Und Cortejo blind!«

»Nur auf einem Auge. Das andere war bis dahin ziemlich heil geworden. Er zog die paar Flüchtlinge an sich, wobei ich erst bemerkte, wer er sei, und dann begaben wir uns des Morgens nach dem Berge el Reparo, auf dessen Höhe wir uns ausruhen und das Weitere beschließen wollten. Kennen die Sennores den Berg el Reparo?«

»Wir haben von ihm gehört.«

»Den Teich der Krokodile oben?«

»Ja.«

Cortejo dachte dabei mit Schauder an Alfonzo, welcher ja da oben an dem Baume gehangen hatte.

»Nun, wir erreichten die Höhe,« fuhr der Jäger fort. »Eben, als wir durch die Büsche brechen wollten, bemerkten wir einen Trupp Reiter, welche an dem Teiche abgestiegen waren. Es waren Miztecas. Bei ihnen befand sich ihr Häuptling Büffelstirn und dann noch ein weißer Jäger, welchen sie Donnerpfeil nennen.«

»Ah, es ist ein Deutscher?« fragte Cortejo.

»Ja.«

»Er heißt Helmers?«

»So habe ich gehört.«

»Ihr habt diese Kerls doch überfallen?«

»Das versteht sich, denn sie hatten die Absicht, Sennorita Josefa den Krokodilen zu fressen zu geben.«

»Donnerwetter!«

»Ja, sie hing bereits an einem Lasso über dem Teiche und die Bestien schnappten nach ihr.«

»Gelang der Ueberfall?«

»Ja. Wir tödteten die Miztecas und retteten die Sennorita.«

»Wurde auch der Häuptling und der Weiße getödtet?«

»Nein. Sie hatten sich entfernt.«

»Jammerschade! Was thatet Ihr dann?«


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»Cortejo wußte weder aus noch ein. Er durfte nicht zu den Franzosen, nicht zu den Deutschen, nicht zu den Indianern, und auch die Mexikaner waren ihm nicht freund. Da schlug einer seiner Leute, der bei uns war, ihm vor, nach dem Kloster della Barbara zu gehen, wo er bei seinem Oheim ein Asyl finden werde.«

»Folgte er diesem Rathe?«

»Ja.«

»So ist er noch dort?«

»Ja.«

»Warum habt Ihr ihn verlassen?«

»Um Sennor Landola zu finden.«

»Was wollt Ihr denn von ihm?«

»Ich habe Euch bereits gesagt, daß nur er allein das erfahren wird.«

»Es kann nichts Gutes sein, da Ihr so zurückhaltend seid.«

Grandeprise zuckte die Achsel und meinte:

»Ihr werdet jetzt Euer Wort halten, Sennor. Ich habe Euch die geforderte Antwort gegeben und auch noch Verschiedenes mehr dazu erzählt.«

»Ich knüpfe eine Bedingung daran.«

»Welche?«

»Daß Ihr uns nach dem Kloster della Barbara geleitet.«

»Das geht nicht. Ich muß hier bleiben.«

»Wozu?«

»Um Landola zu sehen.«

»Ihr werdet ihn hier nicht sehen.«

»Ah! Wißt Ihr das sehr genau?«

»Ganz genau. Ich habe mich mit ihm bestellt. Er wird an demselben Tage im Kloster eintreffen, an welchem auch wir ankommen.«

»Wirklich?«

»Wirklich.«

»Könnt Ihr mir das beschwören?«

»Bei allen Heiligen.«

»Gut, so werde ich Euch führen.«

»Vorher aber müssen wir einen Abstecher nach Mexiko machen.«

»Dazu habe ich keine Zeit.«

»So werdet Ihr Landola nicht treffen.«

Der Jäger betrachtete sich die beiden Fremden aufmerksam. Dann sagte er, mit dem Kolben seiner Büchse den Boden stampfend:

»Es ist möglich, daß die Sennores mich hintergehen wollen; aber ich sage Ihnen, daß das sehr zu Ihrem Schaden sein würde. Ich gehe mit nach Mexiko. Wann geht es fort?«

»In kürzester Zeit. Haben die Franzosen nicht eine Eisenbahn in unserer Richtung gebaut?«

»Ja, um ihre Soldaten schleunigst aus Vera Cruz fortzubringen, wo stets das gelbe Fieber wüthet. Gebaut eigentlich aber nicht, sondern mehr improvisirt.«

»Wohin geht sie?«


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»Sie hat nur eine Fahrzeit von zwei Stunden und geht über La Soledad bis nach Lomalto.«

»Lomalto ist keine Fiebergegend mehr?«

»Nein, es ist dort gemäßigte Zone.«

»Gut; wir werden mit dem nächsten Zuge fahren, nachdem wir unser Gepäck bei dem Zollamte versorgt haben.«

»Soll ich Euch helfen?«

»Nein. Erwartet uns am Bahnhofe.«

»Ihr werdet kommen, ich traue Eurem Worte.«

Mit diesen Worten drehte er sich um und schritt hinaus.

»Nicht wahr, Sennores, ein sonderbarer Kerl?« fragte der Agent.

»Allerdings,« antwortete Cortejo. »Was mag er von Euch wollen, Landola?«

»O, ich weiß es genau.«

»Warum gabt Ihr Euch da nicht zu erkennen?«

»Pah! Ich habe grad jetzt keine Lust, eine Büchsenkugel oder Messerklinge im Leibe zu tragen!«

»Alle Wetter! Ist der Kerl so gefährlich?«

»Ja.«

»Ihr kennt ihn?«

»Sehr genau.«

»Wer ist er?«

»Mein Bruder.«

Cortejo öffnete vor Erstaunen den Mund, so weit er konnte.

»Euer Bruder?« fragte er.

»Ja.«

»Und er will Euch erschießen?«

»Ja. Er trachtet bereits seit zwanzig Jahren, mich zu finden, um sich zu rächen.«

»Wofür?«

»Hm. Das gehört nicht hierher.«

»Auf wessen Seite ist denn eigentlich das Recht?«

»Auf der seinigen; das könnt Ihr Euch doch denken!«

»So jagt ihm eine Kugel durch den Kopf, dann seid Ihr ihn mit einem Male los!«

»Das fällt mir ganz und gar nicht ein.«

»So wollt also Ihr Euch erschießen lassen?«

»Fällt mir gar nicht ein. Ich versuche nur, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Ich werde meinen geliebten Stiefbruder bei mir haben, der mir außerordentlich nützlich sein wird.«

»Stiefbruder also nur?«

»Ja.«

»Na, da habt Ihr also ganz und gar keine Rücksicht zu nehmen. Kommt nach dem Zollamte, damit wir aus der Fieberluft dieses verteufelten Ortes fortkommen.«

Sie ertheilten ihrem treuen Agenten noch die nöthigen Instructionen und


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gingen dann, ihre Effecten zu versorgen. Als sie am Bahnhofe ankamen, fanden sie den Jäger ihrer wartend. Es paßte mit den Zügen so gut, daß sie in kurzer Zeit bergaufwärts dampften. -

Kurz nach dem Steamer des Capitän Wagner war ein anderer Dampfer im Hafen erschienen, der aber in einiger Entfernung von dem ersteren Anker warf.

Wagner hatte seine Formalitäten jetzt befolgt und seine Befehle ertheilt; er beabsichtigte, an das Land zu gehen, um sich trotz des dort herrschenden Fiebers die Stadt zu besehen. Er befahl die kleine Gig, und als dieselbe klar war, begab er sich nach dem Fallreep. Es traf sich, daß er an Peters vorüber mußte. Er blieb, fast unwillkürlich, einen Augenblick bei dem Matrosen stehen und fragte

»Nicht wahr, Du hattest Dich geirrt?«

»Nein, Capt'n.«

»In den beiden Fremden?«

»Nein.«

Das frappirte den Capitän.

»Nicht?« fragte er, ein wenig überrascht.

»Ich hatte recht, Capt'n. Der Eine war ein Seemann und sie Beide waren Schwindler.«

»Das würdest Du schwerlich beweisen können.«

»Ich kann es beweisen,« meinte Peters phlegmatisch.

»Wieso?«

»Wer einen falschen Namen trägt, ist der nicht ein Schwindler?«

»Allerdings. Aber war denn das hier der Fall?«

»Ja.«

»Ihre Pässe waren in Ordnung.«

»Das mag sein. Aber wenn sie glaubten, allein zu sein, so nannten sie sich bei ganz anderen Namen.«

»Hast Du diese Namen gehört?«

»Mehrere Male und ganz deutlich.«

»Wie hießen sie?«

»Der Advocat wurde von dem Anderen Sennor Cortejo genannt und er selbst nannte Den, welcher seinen Sekretär vorstellen sollte, entweder Capitän oder Sennor Landola.«

Wagner fuhr zurück, als hätte er einen Faustschlag vor die Brust erhalten.

»Ist das wahr?« fragte er fast schreiend.

»Ja, Capt'n.«

»Du hast es deutlich gehört?«

»So deutlich, als ob Sie selbst es jetzt hier vor meinen Augen sagten.«

»Kerl, warum hast Du mir es nicht sofort gemeldet!«

»Ich habe diese Menschen zweimal gemeldet, Capt'n, aber dann verboten Sie mir, wieder von ihnen zu sprechen. Ich kenne meine Pflicht.«

»Verdammt!«

Der Capitän bog deckeinwärts um und ging einige Male mit großen Schritten auf und ab.

»Ah! Jetzt wird mir Vieles klar!« brummte er. »Darum wußten sie so


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viel von Rodriganda. Ich habe mich da fürchterlich tölpelhaft benommen und mich von ihnen ausholen lassen, wie ein Schuljunge. Das muß ausgebessert werden. Peters!«

Der Gerufene eilte schnell herbei.

»Capt'n!« sagte er, an den Hut greifend.

»Leg rasch die gute Jacke an, Du gehst mit mir an's Land. Würdest Du diese Beiden sogleich wieder erkennen?«

»Ja.«

»Auch von Weitem?«

»Zehn Meilen weit, wenn nämlich keine Mauer dazwischen ist.«

»So eile! Wir müssen sie wiederfinden, und zwar um jeden Preis.«

Peters, ganz entzückt über die außerordentliche Ehre, mit dem Capitän gehen zu können, sprang in höchster Eile davon und kehrte bereits nach wenigen Augenblicken im höchsten Putz zurück.

Sie stiegen in die Gig und gingen an das Land. Beim Landen fiel der Blick des Capitäns auf eine große, weite Einfriedigung, innerhalb welcher Grab an Grab sich an einander reihte.

»Das ist der Kirchhof der Franzosen,« sagte er, »welche unter dem hiesigen Gluthhimmel dem fürchterlichen Fieber erliegen. Diese leichtsinnigen Kerls nennen ihn nicht anders als »jardin d'acclimatation«, den Acclimatisirungsgarten.«

»Wer da liegt, der ist acclimatisirt,« brummte Peters.

Jetzt hielten die Beiden nun eine Suche durch die Stadt. Alle Straßen wurden mehrere Male durchlaufen und in jedem öffentlichen Hause kehrten sie ein. Am Zollamte hörten sie, daß ein Don Antonio Veridante hier gewesen sei, um sein Gepäck visitiren zu lassen.

So traten sie bereits zum dritten Male in eine Restauration ein, wo sie vorher, ohne sich niederzulassen, nur die Gäste gemustert hatten. Jetzt war der Capitän einigermaßen müde.

Hier ruhen wir uns ein Weilchen aus,« sagte er und steuerte dabei mit breiten Seemannsschritten auf das einzige Tischchen zu, welches noch leer stand.

Dort angekommen, wäre er beinahe erschrocken zurückgefahren. An dem Nachbartischchen saßen zwei Männer, ein jüngerer, der ein höchst elegantes und doch dabei männliches Aussehen hatte, und ein älterer, vor dem Wagner eben so sehr erschrocken war. Dieser Mann trug die gewöhnliche Tracht eines Jägers, hatte aber eine Nase von solchen Dimensionen, daß man ganz wohl erschrecken konnte, wenn man ihr unvorbereitet zu nahe kam.

Dieser Mann hatte gesehen, daß Wagner sich frappirt gefühlt hatte. Er spitzte den Mund, spuckte einen dicken Strahl braunen Tabakssaftes aus, nahm einen riesenhaften Schluck aus seinem Glase und sagte dann:

»Fürchtet Euch nicht, Sennor, sie thut Euch nichts. Das ist eine wahre Seele von einer Nase.«

Wagner lachte und antwortete:

»So darf ich also ohne Besorgniß hier Platz nehmen?«

»In Gottes Namen. Ansteckend ist sie nicht.«


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Das Aeußere des jungen Mannes war so gentlemanlike, daß Wagner sich unwillkürlich verbeugte und kurz sagte:

»Seecapitän Wagner!«

Der Andere erwiderte die Verbeugung und antwortete:

»Premierlieutenant Helmers!«

Da machte auch sein Nachbar eine Verbeugung und bemerkte:

»Dragonercapitän Geierschnabel!«

Wagner wußte nicht, ob das Ernst oder Scherz sein solle, er hatte auch nicht Zeit darüber nachzudenken; sein Blick war auf den Oberlieutenant gerichtet. Diesem mußte dies auffallen und darum fragte er mit einem höflichen Lächeln:

»Wir haben uns wohl bereits einmal gesehen?«

»Wohl schwerlich, Sennor. Es beschäftigt mich aber eine außerordentliche Aehnlichkeit, welche Sie mit einem Kameraden von mir haben.«

»Also auch einem Seemanne?«

»Ja. Vater und Sohn können sich nicht ähnlicher sein. Und eigenthümlicher Weise führt mein Freund auch Ihren Namen.«

»Helmers?

»Ja.«

Curt's Gesicht nahm sofort den Ausdruck der größten Spannung an.

»Wo ist er her?« fragte er.

»Aus Rheinswalden bei Mainz.«

Bis hierher war die Unterredung in spanischer Sprache geführt worden, aber die Freude ebensowohl wie der Schmerz bedienen sich nur der Muttersprache. Curt sprang empor und rief deutsch:

»Mein Vater! Das ist mein Vater! Gott, welch ein Glück!«

»Sie sind ein Deutscher?« fragte Wagner, nun seinerseits erstaunt, indem er sich augenblicklich auch der deutschen Sprache bediente.

»Ja, freilich bin ich ein Deutscher. O, Capitän, Sie nannten meinen Vater Ihren Kameraden. Wo haben Sie ihn gesehen, wo verließen Sie ihn, wo befindet er sich?«

»Erlauben Sie vorher eine Frage, Herr Lieutenant.«

»Gewiß. Ich stehe zur Verfügung.«

»Seit wann ist Ihr Herr Vater auf der Seereise abwesend?«

»Seereise? O, er war verschollen, wohl an die zwanzig Jahre!«

»So ist es wahr, Sie sind sein Sohn.«

»Sie wissen, daß er noch lebt?«

»Ja, sehr genau.«

»Wo?«

»Hier in Mexiko. Ich traf vorhin mit meinem Dampfer ein, um ihn und seine Gefährten nach der Heimath zu bringen.«

»Seine Gefährten? Wer ist das?«

»O, ich weiß gar nicht, wie Viele mit hinübergehen werden, wenn auch nicht für immer, aber doch für einen Besuch.«

Geierschnabel rieb sich seine Nase mit solcher Vehemenz, daß es schien, als


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ob er sie sich mit aller Gewalt abbrechen wolle. Curt's Gesicht glänzte vor Entzücken. Er streckte dem Capitän beide Hände entgegen und sagte

»Herr Capitän, ich hielt meinen Vater seit einer so langen Reihe von Jahren für verloren. Ich zog jetzt aus, ihn zu suchen. Vor einer Stunde warfen wir hier Anker und nun sagen Sie mir, daß der Vater lebt. Hier meine Hände! Ich bitte, lassen Sie sich umarmen, als ob Sie der wiedergefundene Vater seien. Ich kann meinem Herzen jetzt unmöglich Gewalt anthun.«

Er hatte die Augen voller Thränen; dem Capitän ging es ebenso. Diese beiden Männer hatten sich noch nie gesehen, aber sie lagen Brust an Brust und umarmten sich mit einer Herzlichkeit, welche nur eine Exfluenz des innigsten Verwandtschaftsgrades zu sein pflegt.

Auch Geierschnabel schob seine Flasche und sein Glas bei Seite, streckte die beiden Arme aus, spuckte sein Primchen fort und rief:

»Heißgeliebter Seecapitän, sinken Sie auch an diese meine Brust! Meine Freude ist so groß, daß ich sie nur in glühenden Küssen auszudrücken vermag. Worte kann mein Schnabel nicht mehr finden!«

Der brave Jäger hatte das allerdings in seiner Freude sehr ernsthaft gemeint, aber Wagner fuhr doch schnell zurück.

»Danke, danke,« sagte er eilig. »Bin unendlich verbunden.«

»So mag wenigstens Ihr hochgeehrter Matrose den Ausdruck meiner überströmenden Gefühle entgegennehmen!«

Peters streckte erschrocken alle zehn Finger von sich und rief:

»Danke ebenfalls. Sehr viel Ehre! Nehmen Sie es für geschehen an. Ich schmatze nie!«

»Verdammt!« zürnte der Jäger. »Daran ist nur diese meine Nase schuld! Ich werde sie coupiren lassen!«

Trotz der soeben zum Ausdrucke gekommenen Gemüthserregung ertönte doch ein herzliches Gelächter, in welches die anderen Gäste, mochten sie nun die Worte verstanden haben oder nicht, im Chore mit einstimmten. Die Gesticulationen wenigstens waren verstanden und begriffen worden.

Als die Helden dieses kleinen Intermezzos wieder Platz genommen hatten, bat Curt:

»Herr Capitän, bitte um Auskunft, um recht schnelle und ausführliche Auskunft über meinen Vater.«

»Die sollen Sie haben, mein Liebster, nur ersuche ich um ein wenig Geduld.«

»Geduld? Geduld in einer solchen Angelegenheit? Wollen Sie wirklich so grausam sein?«

»Verzeihung! Ich trat hier herein, nur um einen einzigen Schluck zu trinken und dann meine Jagd fortzusetzen. Ich suche nämlich zwei Verbrecher, um sie auf der Stelle arretiren zu lassen -«

»Verbrecher? Was haben sie gethan?«

»Sie haben - ah, Sie sind ja der Sohn eines der Betheiligten. Sie müssen diese Hallunken auch kennen, wenigstens von ihnen gehört haben. Wissen Sie, wen ich suche und verfolge?«

»Ihre letztere Bemerkung macht mich ganz begierig, es zu hören.«


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»Die beiden Kerls heißen nämlich Landola und Gasparino Cortejo.«

Curt erbleichte, aber nicht vor Schreck, sondern freudiger Ueberraschung.

»Landola und Gasparino Cortejo. Diese Männer suchen Sie?«

»Ja.«

»Hier hüben, hier in Mexiko, hier in Vera Cruz?«

»Ja.«

»Befinden sie sich denn hier?«

»Ja. Ich weiß es ganz genau. Herr Lieutenant, Sie haben den größten Dummkopf vor sich, den die Erde trägt. Seit Rio de Janeiro habe ich diese beiden Schurken bei mir an Deck gehabt, ohne es zu ahnen. Dieser einfache Matrose hatte Verdacht und machte mich aufmerksam auf sie, ich aber schenkte ihm keinen Glauben. Erst als sie meinen Bord verlassen hatten, erfuhr ich ihre Namen. Nun renne ich durch alle Kneipen und Straßen, ohne sie zu finden.«

Curt hatte ihm mit der allergrößten Spannung zugehört. Jetzt fiel er ein:

»Sie sind überzeugt, daß es die Beiden wirklich sind?«

»Ja. Sie sind es, ich will es mit tausend Eiden besiegeln!«

»So sind sie herübergekommen, um einen für uns fürchterlichen Schaden anzurichten, um einen Streich auszuführen, welchen wir mit Todesverachtung unmöglich zu machen suchen müssen. Sie haben recht, da ist es nicht Zeit, zu berichten und zu erzählen. Diese beiden Kerls müssen unser werden. Wie waren sie gekleidet?«

Der Capitän gab eine genaue Beschreibung ihrer äußeren Erscheinung.

»Dies genügt einstweilen,« meinte Curt. »Alles Andere für später. Sie haben durch die ganze Stadt gesucht?«

»Ja, aber nicht gefunden.«

»Auch auf dem Bahnhofe?«

Der gute Capitän machte ein etwas verlegenes Gesicht und antwortete

»Auf dem Bahnhofe? Sakkerment, an den habe ich gar nicht gedacht!«

»Nicht?« fragte Curt erstaunt. »Ich meine, daß der Bahnhof doch der erste Ort gewesen sein müßte, wo man sich erkundigen mußte.«

Um seinen offenbaren Fehler einigermaßen zu entschuldigen, meinte Wagner:

»Zunächst habe ich, wie ich bereits sagte, an den Bahnhof gar nicht gedacht. Wer erinnert sich gleich daran, daß es hier eine Eisenbahn giebt, also ein Verkehrsmittel, von welchem sonst in derartigen tropischen Landstrichen gar keine Rede ist. Und sodann ist doch auch schwerlich anzunehmen, daß zwei Reisende einige Viertelstunden, nachdem sie das Schiff verlassen haben, bereits schon ihren Weg in das Innere des Landes fortsetzen.«

Curt schüttelte bedenklich den Kopf.

»Gründe dazu hatten die Beiden genug,« meinte er. »Zunächst liegt einem jeden Fremden daran, die tief liegende und lebensgefährliche Fiebergegend zu verlassen, und sodann hatten Sie ja mit ihnen über alle Verhältnisse der Familie Rodriganda gesprochen. Nicht?«

»Allerdings, Herr Lieutenant.«

»Sie haben gesagt, daß die von der Insel Zurückgekehrten nach


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Mexiko gekommen seien, um ihre Feinde aufzusuchen und der gerechten Bestrafung zu überliefern?«

»Ja.«

»Auch, daß die Genannten sich bereits Monate lang in Mexiko befinden?«

»Auch das habe ich gesagt.«

»Nun, ist das nicht genug, um Cortejo und Landola zur allergrößten Eile zu bewegen?«

Der Capitän konnte nicht anders, er mußte dies zugeben.

»Und wer solche Eile hat, bedient sich natürlich nicht eines Reitpferdes oder der Diligence,« fuhr Curt fort, »sondern der Eisenbahn, nämlich falls eine solche vorhanden ist. Das werden Sie einsehen, Herr Capitän!«

»Donnerwetter!« meinte dieser. »Da habe ich einen derben Pudel geschossen.«

»Möglich, sogar wahrscheinlich. Aber wir dürfen unsere Zeit nicht mit unnützen Reden versäumen, sondern wir haben es jedenfalls noch eiliger, als die beiden Männer, welche wir suchen. Lassen Sie uns also sofort nach dem Bahnhofe aufbrechen. Die nothwendigen Mittheilungen können wir uns ja später noch immer machen.«

Sie bezahlten, was sie genossen hatten und brachen auf.

Curt hatte ganz recht. Wie schon erwähnt, waren Cortejo und Landola mit dem Jäger Grandeprise zusammengetroffen. Dort erkundigten sie sich nach dem nächsten, aufwärts gehenden Zuge. Der Beamte, an welchen die Frage gestellt wurde, war ganz zufälliger Weise der Zugführer selbst. Er betrachtete sich die drei Männer, zuckte die Achseln und antwortete:

»Der nächste Zug wird bereits in zehn Minuten abgelassen. Wollen Sie mit?«

»Ja,« antwortete Cortejo.

»Thut mir leid! Sie werden sich wohl eine andere Gelegenheit suchen müssen.«

»Warum?«

»Wir transportiren jetzt nur Militär und solche Personen, welche sich als zu uns oder der Regierung gehörig legitimiren können.«

»Unangenehm! Im höchsten Grade unangenehm,« meinte Cortejo.

»Ah, Sie haben Eile?«

»Sehr große sogar!«

»Und sind nicht im Besitze einer dergleichen Legitimation, meine Herren?«

»Leider nein. Wir haben nur unsere Privatpässe.«

»Hm! Was für Landsleute sind Sie?«

»Wir Beiden sind Spanier, und dieser Sennor ist ein amerikanischer Jäger.«

»Das ist allerdings sehr schlimm für Sie. Spanier dürfen wir leider nicht befördern, und Amerikaner noch weniger.«

Da langte Grandeprise in die Tasche, zog eine Brieftasche hervor und sagte:

»Sennor, ich bin im Besitze einer Legitimation.«

»So? Wirklich? Ist sie gut?«

»Ich hoffe es, Sennor!«

»So zeigen Sie einmal her.«

Der Jäger nahm eine Zwanzigdollarnote hervor, gab sie ihm und fragte:

»Giebt es vielleicht eine bessere Passirkarte als diese da?«


// 2247 //

Der Beamte nickte mit dem Kopfe, lächelte freundlich und antwortete:

»Es läßt sich da allerdings nichts dagegen einwenden. Sie ist so gut, daß ich nur wünschen kann, daß die beiden anderen Herren sich auch im Besitze solcher Legitimationen befinden.«

Da zog Cortejo zwei Hundertfrankennoten hervor.

»So erlauben Sie,« sagte er, »daß ich mich und diesen Herren legitimire.«

Der Mann griff zu und meinte:

»Diese Paßkarten sind allerdings giltig, doch muß man dennoch vorsichtig sein. Sind Sie im Besitze einer spanischen Legitimation?«

»Ja.«

»Wie heißen Sie?«

»Ich bin Don Antonio Veridante, Advocat aus Barcelona.«

»Und der andere Herr?«

»Ist mein Secretario.«

»Können Sie dies beweisen?«

»Durch meine Pässe.«

»Zeigen Sie!«

Cortejo gab ihm die Papiere und der Franzose betrachtete sie genau, obgleich er wohl kein Wort spanisch verstand. Er erblickte den angegebenen Namen und die Unterschrift nebst Stempel der Behörde; daher war er überzeugt, daß die Papiere in Ordnung seien.

»Es ist gut,« sagte er. »Es stimmt Alles, und Sie können mitfahren, allerdings nur in meinem eigenen Coupee. Aber dann müßten Sie sofort einsteigen, denn die Zeit drängt.«

»Wir sind bereit,« versicherte Cortejo, froh, daß es so gekommen war.

»So kommen Sie!«

Er öffnete sein eigenes Coupee und schob sie hinein. Hier befanden sie sich zunächst noch einige Minuten lang unter sich allein.

»Welch ein Glück!« meinte Landola. »Es sah erst ganz so aus, als ob wir sitzen bleiben sollten.«

»Pah,« antwortete der Jäger. »Diese Herren Franzosen haben ein großes Maul, aber auch ein weites Gewissen.«

»Eigentlich war es ein Wagniß,« bemerkte Cortejo.

»Ein Wagniß? Man wagt niemals etwas, wenn man zwanzig Dollars zum Fenster hinauswirft.«

Cortejo begriff den Sinn dieser Worte. Er zog abermals eine Hundertfrankennote heraus und reichte sie ihm hin.

»Hier, nehmen Sie Ersatz,« sagte er. »Sie haben das Geld ja in meinem Interesse ausgegeben.«

»Vielleicht ebenso in dem meinigen,« antwortete Grandeprise.

Aber es fällt mir nicht ein, Sie durch Zurückweisung von lumpigen zwanzig Dollars zu beleidigen. Ich danke!«

Jetzt gab die Locomotive das Zeichen, der Zugführer beantwortete dasselbe und stieg dann ein. Der Wagen setzte sich in Bewegung.

In Lomalto angekommen, wurden die Wagen bereits erwartet. Der Bahnhof


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hatte ein höchst militärisches Aussehen. Er stand voller französischer Soldaten, welche per Bahn an die See transportirt werden sollten, um nach der Heimath eingeschifft zu werden. Die angekommenen Wagen wurden mit den bereits wartenden zusammengekoppelt, sie füllten sich schnell mit den über die Rückkehr erfreuten Passagieren, und dann setzte sich der Zug nach Vera Cruz retour in Bewegung.

Im Anschluß an den Zug stand in Lomalto die nach der Hauptstadt Mexiko gehende Diligence bereit. Die drei Reisenden lösten sich ihre Billets. Cortejo und Landola stiegen in das Innere des Wagens; Grandeprise aber liebte die Luft und die freie Aussicht; er erklimmte das Verdeck und machte es sich da so bequem wie möglich.

Dies gab den beiden Anderen Zeit und Gelegenheit, unbemerkt und ungehört von ihm miteinander zu verhandeln. Als der Wagen sich in Bewegung gesetzt hatte, fragte Cortejo:

»Also dieser Kerl ist ein Stiefbruder von Ihnen?«

»Leider ja,« antwortete Landola.

»Und er sucht Sie? Er giebt sich große Mühe, Sie zu finden?«

»Allerdings.«

»Warum?«

»Pah! Lassen wir das! Familiensachen!« brummte Landola verdrießlich.

»An denen Sie schuld tragen?«

»Ich sagte dies bereits.«

»So vermuthe ich, daß er die Absicht hat, sich zu rächen!«

»Ganz meine Ansicht.«

»Welch ein Glück für Sie, daß Sie verkleidet sind. Er hätte Sie erkannt, und wer weiß, was dann geschehen wäre.«

»Geschehen? Pah! Es ist mir allerdings lieb, daß er keine Ahnung davon hat, daß ich der Gesuchte bin, aber ich bin doch keineswegs der Mann, ihn zu fürchten. Wer mit mir anbindet, den weiß ich zu bedienen, mag er nun ein Fremder, oder mein Bruder sein.«

»Was beabsichtigen Sie, mit ihm zu thun?«

»Er will mir an die Haut, gut, so gehe ich ihm an das Fell. Zunächst können wir ihn außerordentlich gut gebrauchen; sobald dies später nicht mehr der Fall ist, lassen wir ihn abfallen.«

»Schön! Glauben Sie an seine Erzählung von dem Pater Hilario?«

»Unbedingt. Ich glaube nicht, daß er jemals eine Unwahrheit sagt.«

»So würden wir also bei diesem Pater meinen Bruder oder wenigstens eine Spur von ihm finden?«

»Sicher. Darum gilt es, unsere Angelegenheiten in der Residenz so schnell wie möglich zu betreiben und uns dann schleunigst nach dem Kloster della Barbara in Santa Jaga zu begeben.«

»Unsere Angelegenheiten in der Hauptstadt? Hm! Was verstehen Sie unter denselben?«

»Nun, weiter nichts doch als diese verfluchte Erbbegräbnißgeschichte.«

»Darin könnten Sie sich irren.«

»Wieso?«


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»Ich habe in Mexiko noch viel mehr zu thun.«

»Möchte wissen,« meinte Landola im Tone des Zweifels.

»Nun, die Güter der Rodriganda haben jetzt ja keinen Herrn.«

»O, die werden schon einen haben.«

»Sie vergessen, daß Graf Ferdinando scheinbar gestorben ist.«

»Das weiß ich.«

»Und daß mein Bruder, der Verwalter sämmtlicher Besitzungen, des Landes verwiesen ist.«

»Auch das habe ich nicht vergessen.«

»Also befinden sich diese Besitzungen gegenwärtig ohne Herrn.«

»Sie werden erst recht einen haben.«

»Wen?«

»Die Regierung.«

»Sie meinen, daß sie confiscirt worden sind?«

»Nein, denn Graf Alfonzo, der eigentliche Besitzer, ist ja nicht des Landes verwiesen worden. Er besitzt noch alle seine Rechte.«

»So denken Sie, daß die Regierung die einstweilige Verwaltung übernommen hat?«

»Ja, grad das denke ich.«

»Ich bezweifle es.«

»Aus welchem Grunde?«

»Hm! Welche Regierung ist es, von welcher Sie sprechen?«

»Die Kaiserliche.«

»Das ist ja gar keine Regierung. Kaiser Max ist in Kost und Logis bei Napoleon; er genießt das Gnadenbrod bei den Franzosen. Er darf nicht das Geringste unternehmen ohne die Erlaubniß, oder die Einwilligung des Marschall Bazaine.«

»Nun gut, so verstehe ich unter Regierung das französische Gouvernement.«

»Und dieses soll die Besitzungen der Rodriganda in Verwaltung genommen haben?«

»Jedenfalls.«

»Diese Herren Franzosen haben keine Zeit dazu!«

»Diese Herren Franzosen haben stets Zeit, wenn es gilt, Geld zu nehmen. Meinen Sie das nicht auch?«

»Sie denken, daß in dieser Angelegenheit Geld zu machen sei?«

»Natürlich. Ihr Bruder hat sich Geld gemacht; die Franzosen werden nicht dümmer sein als er.«

»Ich denke, daß sie diese Angelegenheit vollständig gerirt haben werden. Mein Bruder hat seine Unterbeamten, welche während seiner Abwesenheit die Verwaltung fortgeführt haben werden.«

»Welche während seiner Abwesenheit sich die Beutel gefüllt haben werden, wollen Sie sagen.«

»Oho! Jede einzelne Besitzung, jede einzelne Hazienda hat ihren Verwalter.«

»So ist jede einzelne Besitzung und Hazienda von ihrem Verwalter ausgesogen worden; das ist noch schlimmer!«

»Wollen es abwarten.«


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»Weiter können wir eben in unserer Lage nichts thun.«

»O doch! Habe ich nicht meine Bescheinigung in der Tasche, daß ich als Agent des Grafen Alfonzo den Auftrag habe, die Ordnung dieser Angelegenheit zu übernehmen?«

»Allerdings. Nur fragt es sich, ob diese Bescheinigung auch genugsam respectirt werden wird.«

»Wer könnte mir hinderlich sein?«

»Dieser und Jener. Wir werden sehen!«

»Möglicher Weise haben Sie recht. Auf alle Fälle aber werde ich, sobald wir nach Mexiko kommen, mich nach dem Palaste Rodriganda verfügen, um zu recognosciren.«

»Nicht um zu recognosciren, sondern um sich in Gefahr zu begeben.«

»Keineswegs. Ich habe gute Papiere und bin unkenntlich.«

»Nun, thun Sie, was Sie wollen. Mir aber werden Sie gestatten, an einem sicheren Orte auf Sie zu warten, während Sie im Hotel Rodriganda sich befinden.«

So geschah es.

Kaum in Mexiko angekommen, begab sich Cortejo nach dem Palaste, während Landola in dem Gasthofe zurück blieb, in welchem sie abgestiegen waren. Der Letztere hatte kein Vertrauen zu diesem, wie ihm schien, gewagten Schritte. Der Erstere aber war voller Zuversicht, daß ihm nichts geschehen könne.

Am Palaste angekommen, erblickte er zu Seiten des Einganges zwei Schilderhäuser. Zwei Ehrenposten standen dabei, ein sicheres Zeichen, daß ein hoher Militär sein Quartier hier habe. Er wollte eintreten, aber der eine Posten hielt ihn auf.

»Zu wem wollen Sie?« fragte er.

»Welcher Offizier hat hier sein Quartier?« gegenfragte Cortejo als Antwort.

General Clausemonte.«

»Danke! Den Herrn General aber will ich gar nicht belästigen. Ich will zu dem Besitzer des Hauses.«

Sie meinen, zu dem Herrn Administrator?«

»Ja.«

»Gehen Sie parterre rechts.«

Cortejo folgte dieser Weisung. Im Hauscorridore rechter Hand erblickte er an einer Thür ein Schild, auf welchem das Wort »Administration« zu lesen war. Er klopfte an und trat, auf einen zustimmenden Ruf von innen, ein. Er befand sich in einem Zimmer mit mehreren Schreibtischen, an welchen verschiedene Personen arbeiteten. Einer dieser Männer trat auf ihn zu und fragte:

»Sie wünschen?«

»Den Herrn Administrator.«

»Ist nicht zu sprechen.«

»Warum?«

»Er frühstückt.«

»Melden Sie mich ihm.«

»Das darf ich nicht. Er darf nicht gestört werden.«


// 2251 //

Cortejo gab sich ein möglichst imponirendes Aeußere und meinte:

»Ich habe Sie bedeutet, mich zu melden, und das werden Sie thun.«

Der Mann blickte erstaunt auf. Cortejo's Ton schien aber doch einigen Eindruck hervorgebracht zu haben, denn die Antwort lautete:

»Wer sind Sie, Sennor?«

»Das geht nur den Herrn Administrator etwas an. Sagen Sie, ein Herr, welcher direct aus Spanien komme, wünsche ihn in Beziehung der gräflichen Besitzungen und deren Verwaltung sogleich zu sprechen.«

»Ah! Das ist wohl etwas Anderes. Hätten Sie das sogleich gesagt, so wären Sie bereits gemeldet. Wollen Sie die Güte haben, mir in das nächste Zimmer zu folgen, um den Herrn Administrator dort zu erwarten!«

Cortejo folgte ihm nach dem nebenan liegenden Raume, wo er einstweilen allein gelassen wurde. Das Zimmer glich bei Weitem mehr einem feinen Damenboudoire, als einem Expeditionslocale.

»Hm!« brummte Cortejo. »Dieser Herr Verwalter scheint noble Passionen zu haben. Vielleicht hat Landola recht.«

Erst nach einer vollen Viertelstunde hörte er Schritte. Ein sehr fein nach französischer Mode gekleideter Mann trat ein, dessen Gesichtsschnitt ebenso wie Schnurr- und Kinnbart sofort den Franzosen vermuthen ließ. Er betrachtete Cortejo kalt und forschend und fragte, doch ohne Verbeugung und Gruß:

»Wer sind Sie, Monsieur?«

»Mein Name ist Don Antonio Veridante.«

»Schön! Ein Spanier also, dem Laute nach?«

»Ja. Advocat aus Barcelona.«

»Ahnte es!«

»Agent und Bevollmächtigter des Grafen Alfonzo.«

»Welches Grafen Alfonzo?«

»De Rodriganda.«

»Ah! Können Sie dies beweisen?«

»Ja. Hier meine Accreditive!«

Er gab dem Franzosen die betreffenden Papiere. Dieser las sie durch, ohne daß eine seiner Mienen zuckte, und sagte dann kalt:

»Schön! Thut mir aber leid!«

»Was?«

»Diese Papiere sind nicht hinlänglich!«

»Wieso? Zweifeln Sie an der Aechtheit derselben?«

»Nicht im Mindesten.«

»Der Paß sagt Ihnen ganz genau, wer ich bin!«

»Allerdings.«

»Und die Vollmacht klärt Sie über meine Befugnisse hoffentlich auf!«

»Vollständig.«

»Und dennoch sagen Sie, daß diese Papiere unzulänglich seien?«

»Ja,« antwortete der Gefragte mit einem leichten Achselzucken.

»Was könnte noch fehlen?«

»Sie kommen direct von Rodriganda oder Barcelona herüber nach Mexiko?«


// 2252 //

»Ja.«

»Sie waren nicht vorher in Madrid?«

»Nein.«

»Oder in Paris?«

»Nein.«

»So haben Sie Ihren Weg leider umsonst unternommen.«

»Wieso?«

»Sie hätten sich vorher dem französischen Gesandten in Madrid, oder dem spanischen Gesandten in Paris vorstellen sollen.«

»Ich habe das nicht für nothwendig gehalten.«

»Da haben Sie sich allerdings geirrt.«

»Sie meinen, es sei eine gesandtschaftliche Recognition nothwendig gewesen?«

»Sehr nothwendig!«

»Das kann ich noch nachholen!«

»Ja, indem Sie sich von hier direct nach Paris oder Madrid zurückbegeben.«

»Das ist nicht nothwendig, da sich hier in Mexiko ein spanischer Geschäftsträger befindet.«

»Ein solcher Beamter befindet sich allerdings hier, aber seine Competenz reicht nicht so weit, daß ich auf ihn hören dürfte.«

»Ah! Die Befugniß eines Geschäftsträgers reicht nicht so weit?«

»Nein.«

»Ich werde mich erkundigen.«

»Thun Sie das, Monsieur!« meinte der Franzose, indem er eine etwas schadenfrohe Miene nicht ganz beherrschen konnte.

»Ich bin Advocat und kenne die Gesetze!« drohte Cortejo.

»Das Erstere gebe ich zu, das Letztere scheint mir aber doch nicht der Fall zu sein.«

»Sennor, wollen Sie mich beleidigen!«

Der Franzose warf einen geringschätzenden Blick auf den Spanier und antwortete:

»Das kann mir gar nicht einfallen.«

Dieser Blick ärgerte Cortejo gewaltig; er sagte erbost:

»Sie meinten aber doch sehr deutlich, daß Sie bezweifeln, ob ich die Gesetze wirklich kenne.«

»Das bezweifle ich allerdings.«

»Ah!«

»Ihre Ansicht, daß die Competenz des spanischen Geschäftsträgers ausreichend sei, mag für die Gewöhnlichkeit zutreffend sein. Wir aber haben Krieg und befinden uns also in einem Ausnahmefalle.«

»Donnerwetter!«

»Ihr Wort, Monsieur, ist nicht sehr höflich, doch will ich es für dieses Mal nicht gehört haben. Also wir haben Krieg. Der Kaiser hat gefunden, daß die Besitzungen von Rodriganda herrenlos sind, und sofort dafür Sorge getragen, daß sie unter verwaltende Hände kommen. Diese Hände sind die meinigen. So lange wir uns in dem angegebenen Ausnahmefalle befinden, kann ich Ihre Vollmacht nur dann respectiren, wenn durch einen der beiden heimischen Residenten,


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mag es nun der meinige oder der Ihrige sein, nachgewiesen wird, daß meine Regierung Ihnen erlaubt, die Verwaltung der betreffenden Güter in Ihre Hände zu nehmen.«

»So müßte ich wirklich wieder über den Ocean hinüber?«

»Allerdings.«

»Darf ich nicht wenigstens einigermaßen Einsicht in den Stand der Dinge nehmen?«

»Ich darf dies nicht zugeben.«

»Die Verwaltung befand sich bisher in den Händen des Sennor Pablo Cortejo?«

»Ja.«

»Warum ist sie ihm genommen worden?«

»Er wurde als Empörer und Verräther des Landes verwiesen. Sie sehen doch ein, daß es ihm da unmöglich ist, dieses Amt auch fernerhin zu verwalten.«

»Wo befindet er sich?«

Der Franzose zuckte hochmüthig die Achsel und antwortete:

»Weiß ich es? Ich gehöre nicht zur Gensdarmerieabtheilung. Es ist mir höchst gleichgiltig, wo sich dieser Cortejo befindet, den ich nicht nur für einen Empörer, sondern auch dazu für einen ganz ausgefeimten und gewissenlosen Spitzbuben und Betrüger halte.«

»Sennor!« rief Cortejo unbesonnen.

»Mein Herr?«

»Sie beschimpfen Cortejo!«

»Mit vollem Rechte.«

»Haben Sie Beweise für Ihre Behauptung?«

»So viele Sie wollen!«

»Bringen Sie dieselben!«

»Etwa Ihnen?« lachte der Intendant.

»Ja.«

»Ich bemerkte Ihnen bereits, daß Sie hier nichts zu sagen haben!«

»Und ich werde Ihnen beweisen, daß dies dennoch der Fall ist!«

»Thun Sie es immerhin, es ist mir das sehr gleichgiltig.«

»Ich werde mich sofort zu meinem Geschäftsträger verfügen.«

»Der ist mir ebenso gleichgiltig wie Sie.«

»Zum Kaiser!«

»Pah! Der Kaiser wird Ihnen sagen, daß Sie ihn belästigen.«

»Zu Marschall Bazaine!«

»Der wird Sie einfach einsperren lassen.«

»Donnerwetter!«

»Monsieur, ich habe Ihnen bereits einmal gesagt, daß ich das Fluchen nicht dulde!«

»Sie sprachen vom Einsperren.«

»Allerdings, und zwar mit vollem Rechte. Sie nehmen sich dieses Cortejo mit solcher Wärme an, daß Sie mir verdächtig werden.«

»Ich verdächtige Niemanden ohne Beweise.«


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»Ich auch nicht. Ich sagte Ihnen, daß ich so viele Beweise habe, als Sie nur verlangen können. Jede Zeile seiner Bücher, welche er führte, jede Ziffer, welche darin enthalten ist, bildet einen solchen Beweis. Er hat den Grafen Rodriganda um ungeheure Summen gebracht. Wird er ergriffen, so wird er gehängt allein um dieses Grundes willen, denn daß er als Präsident candidatirte, das war eine reine und wahnsinnige Lächerlichkeit.«

»So befindet er sich wirklich außer Landes?«

»Ich weiß es nicht. Haben Sie mir sonst noch etwas zu sagen?«

»Unter diesen Verhältnissen nicht, für jetzt nämlich.«

»So bedaure ich, daß ich mich habe stören lassen.«

»Sie waren nothwendig beschäftigt?«

»Ja.«

»Beim Frühstücke,« lachte Cortejo höhnisch.

»Das ist wahr. Aber Sie geben zu, daß das Frühstück eine viel nothwendigere und auch angenehmere Beschäftigung ist, als die fruchtlose Unterhaltung mit einem Manne, welcher hierher kommt, um zu gebieten, sich aber über das Allereinfachste noch nicht im Mindesten orientirt hat. Adieu!«

Er drehte sich stolz um und ging. Cortejo befand sich allein in dem Zimmer. So eine Zurechtweisung hatte er noch nie erfahren.

»Warte nur, Bursche!« knirschte er. »Es wird die Zeit kommen, in welcher ich Dir das Alles wieder heimzahle und zwar mit Zinsen!«

Er verließ den Ort. Als er durch das vordere Zimmer schritt, wurde er von den höhnischen Blicken der dort anwesenden Schreiber verfolgt. Er that, als ob er dies gar nicht bemerke und verließ das Haus. Draußen auf der Straße erkundigte er sich nach der Wohnung des spanischen Geschäftsträgers, zu welchem er sich verfügte.

Dort angekommen, konnte er nur nach langem Warten vorgelassen werden und erfuhr dann zu seinem Aerger, daß er von dem Administrator nur das Richtige erfahren habe. Es blieb ihm nichts übrig, als völlig unverrichteter Sache zu Landola zurückzukehren. Dieser hatte ihn mit großer Ungeduld erwartet.

»Nun?« fragte er. »Ich glaubte bereits, daß Ihnen etwas sehr Unangenehmes passirt sei.«

»Das ist auch der Fall,« brummte Cortejo verdrossen.

»Ah, doch!«

»Ja, wenn auch nicht das, was Sie dachten.«

»Ich glaubte gar, man hätte Sie festgehalten.«

»Es wäre auch beinahe geschehen.«

»Alle Teufel!«

»Wenigstens hat man mir damit gedroht.«

»Wer?«

»Dieser Herr Administrator.«

»Ah! Der gräfliche Palast hat einen Administrator?«

»Nicht nur der Palast, sondern unsere ganzen Besitzungen stehen unter seiner Verwaltung.«


// 2255 //

»Was ist er? Ein Oesterreicher?«

»Nein, ein Franzose.«

»Da haben Sie es. Hatte ich nicht recht?«

»Leider.«

»Wie empfing er Sie?«

»Dieser Mensch behandelte mich von oben herab und erkannte meine Papiere gar nicht an.«

»Das wäre! Sie sind doch echt und giltig!«

»Echt, ja, aber nicht giltig. Es handelt sich hier um einen Ausnahmefall, weil wir Krieg haben. Ich hätte der Unterschrift unseres Residenten bedurft.«

»Gehen Sie zum Geschäftsträger.«

»Da war ich schon.«

»Was sagte dieser?«

»Ganz dasselbe.«

»Der Teufel soll ihn holen! Uebrigens wollen wir froh sein, daß Sie überhaupt und mit heiler Haut zurückgekehrt sind. Hätte man Sie wirklich festgehalten - doch, warum wollte man dies thun?«

»Er nannte meinen Bruder einen Betrüger.«

»Und Sie wurden wohl gar darüber grob?« fragte Landola, im höchsten Grade erstaunt.

»Allerdings.«

»Welch eine riesige Dummheit!«

»O, es war mehr noch als Dummheit. Aber ich war zornig über diesen impertinenten Kerl von Franzosen.«

»Ich sehe nun schon, wie sehr man sich auf Sie verlassen kann. Sie sind im Stande, unsere ganze Angelegenheit zu verderben.«

»Ich werde mich beherrschen.«

»Ich hoffe es. Also diese Angelegenheit mit dem Indentanten ist für jetzt hoffnungslos. Was thun wir nun?«

»Es gilt nun, das Grab zu füllen.«

»Und dann?«

»Dann reisen wir sofort nach dem Kloster della Barbara.«

»Womit füllen wir das Grab?«

Sie befanden sich ganz allein in ihrem Zimmer, dennoch meinte Cortejo in warnendem Tone:

»Nicht so laut. Man könnte uns hören. Natürlich füllen wir es mit einer Leiche.«

»Aber woher sie nehmen.«

»Dummheit. Das versteht sich ja ganz von selbst.«

»Sie meinen, wir erkundigen uns, wo Jemand gestorben ist, rauben den Kerl und legen ihn im Erbbegräbnisse der Rodriganda's in den leeren Sarg Don Ferdinando's?«

»Das wäre der allergrößte Wahnsinn, den wir uns zu Schulden kommen lassen könnten.«

»Wieso?«


// 2256 //

»Sie geben zu, daß unsere Feinde uns entschlüpfen können?«

»Ja, obgleich dies ein ganz und gar verteufelter Fall sein würde.«

»Und daß sie dann nach der Hauptstadt kommen würden?«

»Ja.«

»Daß dann ihr Erstes sein würde, das Erbbegräbniß zu untersuchen?«

»Ja. Aber das wäre ja für uns sehr günstig.«

»Wieso?«

»Sie würden die Leiche finden und es wäre dann bewiesen, daß Don Ferdinando wirklich gestorben ist.«

»Ah!« dehnte Cortejo im Tone der Ueberlegenheit.

»Ja. Oder meinen Sie anders?«

»Ja, sehr anders. Sagen Sie mir doch einmal, mein kluger Sennor Landola, was -«

»Pst! nicht Landola!«

»Gut. Also sagen Sie mir doch einmal, mein kluger Sennor Sekretario, was man vor allen Dingen mit der Leiche thun würde?«

»Nun, man würde sie natürlich untersuchen.«

»Wer würde diese Untersuchung vornehmen?«

»Ein Arzt, oder mehrere, das versteht sich ja ganz von selbst.«

»Und was würden diese Aerzte sofort bemerken?«

Landola blickte Cortejo fragend an. Er konnte das Richtige nicht sogleich finden, darum antwortete er mit cynischem Lachen:

»Nun, sie würden vor allen Dingen finden, daß diese Leiche wirklich todt ist.«

»Ja; aber man würde auch finden, wann und woran sie gestorben ist.«

»Alle Teufel! Das ist wahr.«

»Was folgt daraus?«

»Ah! Erst jetzt verstehe ich Sie vollständig.«

»Nun?«

»Wir müssen eine Leiche haben, welche ungefähr um dieselbe Zeit begraben wurde, an welcher man Don Ferdinando beerdigte.«

»Und wo finden wir die?«

»Auf dem Gottesacker natürlich.«

»Ja. Sie muß gesucht und am Abende ausgegraben werden.«

»Wir brauchen ja nur die Inschriften der Leichensteine zu lesen, um die richtige Jahreszahl zu finden.«

»Jetzt endlich haben Sie die Hand auf dem Knopfe.«

»Aber die Kleider.«

»O, die machen mir keine Sorge. Ich habe unterwegs den Schiffsarzt befragt, der ein guter Chemiker war.«

»Donnerwetter! Das war gefährlich! Er hätte, wenn er halbwegs scharfsinnig war, Ihre Absicht errathen können.«

»Denken Sie, daß ich so unvorsichtig bin?«

»Daß Sie es einigermaßen sind, haben Sie bewiesen, indem Sie dem Administratoren zürnten, daß er Ihren Bruder einen Betrüger nannte, wobei er übrigens meine volle Zustimmung hat.«


Ende der vierundneunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



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