Lieferung 95

Karl May

28. Juni 1884

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


// 2257 //

»Das war die Uebereilung des Zornes. Der Arzt aber hat nicht das Mindeste geahnt. Er hat mir ganz unbefangen mehrere Mittel genannt, die festesten Kleiderstoffe so in Zunder zu verwandeln, daß sie bei der geringsten Berührung vom Leibe fallen.«

»Aber doch so, daß man sie nicht für verkohlt, sondern für verfault, für verwest halten kann?«

»Ja.«

»Ohne daß man Verdacht zu schöpfen vermag?«

»Ohne alle Möglichkeit des Verdachtes.«

»Hm, das wäre vortheilhaft. Aber woher eine Kleidung nehmen?«

»Vom ersten, besten Schneider oder Altkleiderhändler.«

»Aber sie müßte derjenigen, in welcher der Don begraben wurde, ganz ähnlich sein.«

»Das wird der Fall sein. Mein Bruder hat mir damals die ganze Leichenfeierlichkeit und natürlich auch den Anzug des Scheintodten sehr ausführlich und genau beschrieben, so daß ich in dieser Beziehung sicherlich keinen Fehler begehe.«

»Dies wäre gar nicht nothwendig.«

»Wieso?«

»Sie vergessen, daß man mir die Leiche auf das Schiff gebracht hat.«

»Ach so.«

»In derselben Kleidung, in welcher sie begraben worden war.«

»Das ist richtig.«

»Und daß ich mich dieser Kleidung noch ganz genau erinnere.«

»Nun, so brauchen wir nur zu memoriren, und Sie sind zugegen, wenn ich ein Gewand kaufe.«

»Natürlich. Nun aber noch eins und zwar die Hauptsache.«

»Was?«

»Wir graben eine Leiche aus. Wird man das am anderen Tage nicht bemerken?«

»Wir nehmen uns möglichst in Acht.«

»Werden wir den Hügel wieder herstellen können?«

»Wenn wir uns Mühe geben, warum nicht?«

»Aber, wenn wir die Leiche entfernen, so entsteht ein Ueberraum. Womit diesen füllen?«

»Sie vergessen, daß wir den Sarg unten lassen.«

»Ah, so. Das könnte gehen. Aber dann kommt das Schwierigste.«

»Wieso?«

»Die Leiche in die Kleider zu bringen.«

»Allerdings ein höchst unappetitliches Geschäft!«

»Prrrr! Wenn sie noch nicht ganz verfault ist.«

»Oder bereits so sehr verfault, daß die Knochen auseinander fallen. Doch müssen wir das mit in den Kauf nehmen.«

»Eine ganz und gar verdammte Geschichte!«

»Sie sind selbst schuld daran.«

»Ich? Wieso?«


// 2258 //

»Sie und mein Bruder, dieser dumme Mensch. Hätte er diesen Don Ferdinando wirklich sterben lassen und wären Sie auf seinen Vorschlag, den Scheintodten auf Ihr Schiff zu nehmen, nicht eingegangen, so befänden wir uns nicht in der gegenwärtigen, unangenehmen Lage, diesen gewaltigen Fehler wieder gut zu machen. Sie sehen doch ein, daß ich recht habe?«

»Leider. Aber wie verschaffen wir uns das Nöthige?«

»Was?«

»Hacken, Schaufeln, Laternen, Bretter und eine Leiter?«

»Laternen müssen wir uns allerdings kaufen. Das Andere ist vielleicht auf dem Gottesacker zu haben. Die Todtengräber haben gewöhnlich ein Gelaß, worin sich diese Gegenstände befinden.«

»So müssen wir uns baldigst überzeugen.«

»Wir werden sogleich gehen. Aber vorher ist noch etwas sehr Wichtiges zu erörtern.«

»Was?«

»Wir brauchen eine Person, welche Wache steht, damit wir nicht gestört werden oder bei Gefahr zur rechten Zeit fliehen können.«

»Diese Person ist bereits gefunden.«

»Wer?«

»Mein Bruder.«

»Ah, der! Wird er sich bereden lassen, es zu thun?«

»Ganz gewiß.«

»Welche Gründe geben wir an? Denn die Wahrheit können wir ihm doch unmöglich sagen.«

»Das fällt mir gar nicht ein. Ueberlassen Sie das mir. Er haßt mich, und auf diesen Haß gründe ich die Fabel, welche ich ihm erzählen werde und die ihn ganz sicher bewegen wird, sich uns bei diesem Unternehmen anzuschließen.«

»Wo befindet er sich?«

»Er schläft unten im Hofe auf den Steinen.«

»Warum nimmt er kein Zimmer?«

»Der? Ein Zimmer? Da kennen Sie diese Prairieläufer sehr schlecht. In einem Zimmer zu schlafen, fällt ihnen gar nicht ein. Es wird ihnen dabei so ängstlich, als ob die Wände einbrechen oder die Decke herabstürzen wollte. Sind Sie bereit? Lassen wir ihn schlafen.«

»Ja, lassen Sie uns gehen.«

Sie verließen das Gasthaus und schritten durch die Straßen, in denen in Folge der Anwesenheit des Militärs ein ungewöhnlich reges Leben herrschte. Doch zeigten die Soldaten nicht etwa jene sicheren Mienen, wie man sie bei Siegern zu sehen gewohnt ist. Es lag auf der militärischen, oder vielmehr französischen bewaffneten Bevölkerung der Hauptstadt eine Art von Alp. Man ahnte in den niederen Kreisen, was man in den höheren bereits wußte, nämlich daß das glanzvolle Spiel zu Ende sei, bei dem es dem Kaiser der großen Nation nicht gelungen war, sich Ruhm und Ehre zu holen.

Nach kurzem Fragen fanden sie den Weg zu dem betreffenden Kirchhofe, welcher offen stand.


// 2259 //

Es war jetzt gegen Mittag. Die Sonne stand hoch und die Wärme ihrer Strahlen machte, daß keine Besucher sich an dem einsamen Orte befanden. Die beiden Männer traten ein und konnten ihre Beobachtungen ganz ungestört vornehmen.

Zunächst suchten sie das Erbbegräbniß der Rodriganda, welches sie auch unschwer fanden. Es war mit einem eisernen Thore verschlossen.

»Werden wir es öffnen können?« fragte Landola.

»Wir müssen uns Werkzeuge verschaffen,« meinte Cortejo.

»Aber woher?«

»Das lassen Sie meine Sorge sein.«

»Von einem Schlosser etwa? Er darf keinen Dietrich hergeben.«

»Sie vergessen, daß wir uns in Mexiko befinden. Mit Geld will ich da noch ganz andere Dinge fertig bringen.«

Nun schritten sie zwischen den Gräbern dahin, um die Inschriften zu lesen. An der Mauer zogen sich kleine Gebäude dahin, eins an dem anderen liegend.

»Auch das müssen Erbbegräbnisse sein,« meinte Landola.

»Natürlich,« antwortete Cortejo.

»Donnerwetter! Da kommt mir ein Gedanke!«

»Ah, Sie haben einmal einen Gedanken?« fragte Cortejo unter einem sarkastischen Lachen.

»Lachen Sie nur! Dieser Gedanke ist doch gut!«

»So lassen Sie ihn doch hören!«

»Wie nun, wenn wir weder Hacke noch Schaufel brauchten?«

»Das wäre allerdings vortheilhaft.«

»Wenn es gar nicht nöthig wäre, ein Grab zu öffnen?«

»Wieso?«

»Welch' eine Ersparniß an Zeit und Mühe. Sehen Sie diese große Reihe von Erbbegräbnissen.«

»Ah, ich errathe, was Sie meinen. Der Gedanke ist allerdings gut.«

»Es muß sich bei einer solchen Anzahl von Grüften doch jedenfalls eine Leiche finden, welche das erforderliche Alter hat.«

»Man sollte es wenigstens meinen.«

»Lassen Sie uns sehen. Diese unheimlichen Schlafzimmer sind meist nur mit Gitterthüren verschlossen, durch welche man blicken kann. Vielleicht erblicken wir eine Inschrift, welche uns als Wegweiser dienen kann.«

Sie schritten nun an den Begräbnissen hin, um nach Inschriften zu suchen. Nach einiger Zeit blieb Cortejo vor einer der Gitterthüren stehen und sagte:

»Lesen Sie, Sennor Sekretario.«

»Wo?«

»Da drin an der hinteren Wand.«

Landola trat herzu, blickte durch das Gitter und sah verschiedene Steine mit Inschriften, deren Zahl bewies, daß die Gruft ziemlich gefüllt sein müsse.

»Sie meinen die oberste Inschrift?« fragte er.

»Ja.«

»Hm. Der Todte ist Banquier gewesen, wie hier steht.«


// 2260 //

»Das ist nicht die Hauptsache.«

»Sechsundfünfzig Jahre alt.«

»Das paßt.«

»Vor achtzehn Jahren gestorben.«

»Das paßt ebenso gut, vielleicht noch besser. Was meinen Sie?«

»Hm. Sie haben recht. Wie aber den richtigen Sarg finden?«

»Vergleichen Sie die anderen Inschriften.«

»In welcher Beziehung?«

»Die Todestage.«

Landola folgte der Aufforderung und meinte dann:

»Ich verstehe Sie. Dieser Banquier ist die letzte Leiche, welche hier beigesetzt wurde.«

»Was folgt daraus?«

»Daß sein Sarg wohl am besten erhalten ist.«

»Und daß dieser Sarg sehr leicht zu finden sein wird. Die Hauptfrage aber muß ich doch vorher an Sie stellen.«

»Fragen Sie.«

»Werden Sie da unten Ihre Kaltblütigkeit bewahren?«

»Donnerwetter! Meinen Sie etwa, daß ich mich fürchte?«

»Hm. Es ist ein Unterschied, einem Lebenden mit der Waffe in der Faust entgegen zu treten, oder des Nachts in ein Begräbniß hinabzusteigen.«

»Pah!«

»Einen Sarg zu öffnen!«

»Abermals Pah!«

»Einer halb oder ganz verfaulten Leiche in das Gesicht zu sehen!«

»Kleinigkeit!«

»Und nun gar diese Leiche anzurühren, um sie zu entkleiden und ihr ein anderes Gewand anzulegen.«

»Hole Sie der Teufel! Mir ist es sehr egal, wem ich den Rock aus- und anziehe, einem Lebenden oder einem Todten. Sehen Sie zu, daß Sie nicht vor Angst davonlaufen!«

»Meiner bin ich vollständig sicher. Aber Ihr Bruder?«

»Der bekommt die Leiche gar nicht zu sehen. Er steht am Thore Wache und darf gar nicht wissen, was wir mit dem Todten machen.«

»Er muß aber doch erfahren, was wir hier wollen.«

»Nur so viel, als unumgänglich nothwendig ist.«

»So haben wir also gefunden, was wir suchten. Kommen Sie nun, um uns noch nach einer Leiter umzusehen.«

Sie fanden das Gesuchte in einem Winkel des Kirchhofes, wo der Todtengräber seine Werkzeuge aufzubewahren pflegte. Nun war der Zweck ihres Kirchhofbesuches erfüllt, und sie begaben sich nach der Stadt zurück, wo sie einen Kleiderhändler aufsuchten, bei dem sie Alles fanden, was sie wünschten.

Als sie ihren Gasthof erreichten, war es Zeit, das Mittagsmahl einzunehmen. Sie zogen vor, auf ihrem Zimmer zu essen, anstatt dies in der öffentlichen Gast-


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stube zu thun. Es wurde auch für Grandeprise ein Couvert bestellt, welcher gerufen wurde.

Die feinen Speisen schienen ihm nicht recht zu munden. Es war ihm überhaupt anzusehen, daß er sich nicht in der rosigsten Laune befand. Als Landola ihm darüber eine Bemerkung machte, antwortete er mürrisch:

»Der Teufel mag gute Laune haben, aber ich nicht, Master!«

»Warum nicht?«

»Was soll ich in Mexiko, diesem langweiligen Neste? Schlafen etwa? Ich habe Anderes und Besseres zu thun.«

»Ah! Sie haben Langeweile?«

»Gehen Sie aus! Sehen Sie sich die Stadt an!«

»Ich kenne sie genugsam. Ich muß nach Santa Jaga.«

»Wir reisen ja mit.«

»Aber wann!«

»Sobald wir unsere Angelegenheiten geordnet haben.«

»Wann wird das sein?«

»Hm! Das ist unbestimmt. Eigentlich haben wir nur eine Kleinigkeit vor. Wir könnten bereits morgen fort. Aber es ist eine Schwierigkeit dabei, welche die Abreise verzögert.«

»Eine Schwierigkeit? Das ist unangenehm. Aber eine Schwierigkeit läßt sich doch überwinden. Vielleicht auch diese.«

»Wir hoffen es. Wir werden schon den Mann finden, dem wir uns anvertrauen können.«

Er blickte schnell auf, sah sie forschend an und fragte dann:

»Den richtigen Mann? Dem Sie Vertrauen schenken können? Donnerwetter, zu mir hat man also kein Vertrauen.«

»Hm!« brummte Landola bedenklich.

»Ja und nein.«

»Warum nein?«

»Das läßt sich nicht sagen.«

»Es handelt sich also um ein Geheimniß?«

»Ja.«

»Um eine Geschäftssache?«

»Nein.«

»Um eine Sache, in der ich Ihnen nicht helfen könnte?«

Landola schüttelte langsam den Kopf und antwortete:

»Sie zwingen mich förmlich zu einer Erklärung. Ich will sie Ihnen geben. Es handelt sich um eine Sache, in welcher Sie uns allerdings sehr gut helfen könnten und die wir in diesem Falle so schnell beenden würden, daß es uns möglich wäre, bereits morgen früh nach Santa Jaga aufzubrechen; aber - aber -«

»Was aber?«

»Hm! Wir dürfen uns Ihnen nicht anvertrauen.«

Grandeprise brannte vor Begierde, seinen Bruder zu sehen. Er hoffte, ihn im Kloster della Barbara zu finden, und konnte die Stunde, in welcher das ge-


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schehen sollte, kaum erwarten. Darum war ihm ein längerer Aufenthalt in Mexiko zuwider, und daher meinte er jetzt, indem er die Brauen finster zusammenzog:

»Ich fordere Sie auf, mir den Grund zu sagen, warum Sie kein Vertrauen haben können.«

»Das ist mir kaum möglich!«

»Warum?«

»Weil es uns unendlichen Schaden machen kann. Wir müssen gewärtig sein, Sie hindern uns, unser Unternehmen auszuführen.«

»Der Teufel wird Sie hindern, ich aber nicht!«

»O doch, denn Sie sind ja ein Freund dessen, - ah, da bin ich doch bereits zu weit gegangen.«

Das erhöhte die Begierde des Jägers noch mehr.

»Wessen Freund bin ich? Heraus damit!«

»Nun, der Freund dessen, gegen den unser Unternehmen gerichtet ist.«

»Ich? Da täuschen Sie sich gewaltig!«

»In wiefern?«

»Es, giebt in der ganzen Hauptstadt keinen Menschen, dessen Freund ich mich nennen kann.«

»Aber anderwärts.«

»Wo?«

» Hm! In Santa Jaga.«

»Dort? Wen meinen Sie?«

»Zunächst Sennor Pablo Cortejo.«

»Cortejo? Sie nennen mich dessen Freund?«

»Ja. Sie haben ihn am Rio Grande del Norte gerettet.«

»Das ist wahr.«

»Sie haben ihn gepflegt, so daß er wieder sehend wurde.«

»Ich leugne das nicht.«

»Sie haben seine Tochter aus den Händen ihrer Peiniger erlöst.«

»Auch das ist wahr.«

»Sie haben ferner diese Beiden begleitet, so daß sie sicher in Santa Jaga angekommen sind.«

»Das ist Alles geschehen.«

»Nun, also sind Sie Cortejo's Freund!«

»Das dürfte denn doch etwas zu rasch geschlossen sein!«

»Rasch, aber doch richtig!«

»Nein. Ich kann einem Menschen Wohlthaten erweisen, ohne grad sein Freund zu sein. Was ich that, ist aus reinem Pflichtgefühl geschehen.«

»Das ist schwer zu glauben.«

»Also Ihr Unternehmen ist gegen Cortejo gerichtet?«

»Nicht direct gegen ihn, sondern gegen einen seiner Freunde.«

»Der Teufel werde klug aus Ihnen! Ich nicht! Erst sagen Sie, daß Sie sich mir nicht anvertrauen können, weil ich der Freund von Cortejo sei, und nun sagen Sie, daß Ihr Unternehmen sich gar nicht gegen ihn richtet. Wollen Sie mir dies gefälligst erklären?«


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»Gut, ich will es Ihnen erklären, obgleich dies nicht ohne eine gewisse Gefahr für mich geschehen kann.«

»Gefahr? Ich werde Ihnen nicht im Mindesten gefährlich sein. Reden Sie.«

»Der Freund Cortejo's scheint nämlich auch der Ihrige zu sein.«

»Sie werden immer räthselhafter. Ich kenne keinen Menschen, welcher Cortejo's Freund und auch der meinige wäre.«

»Und doch.«

»Wer wäre das?«

»Landola.«

»Alle Teufel! Aus welchem Grunde meinen Sie, daß Dieser, grad Dieser mein Freund sei?«

»Erstens weil Sie ihn suchen.«

»Ach so!«

»Und zwar weil Sie ihn mit solcher Sehnsucht suchen.«

Der Jäger nickte grimmig vor sich nieder und antwortete:

»Ja, es ist Sehnsucht, eine ganz außerordentliche und ungewöhnliche Sehnsucht, mit welcher ich ihn suche! Und zweitens?«

»Zweitens, weil Sie nicht von ihm sprechen. Sie halten Ihr Verhältniß zu ihm geheim. Das ist doch der sicherste Beweis, daß Sie uns mißtrauen, ihm aber sehr freundlich gesinnt sind.«

Grandeprise stieß ein rauhes Gelächter aus.

»Donnerwetter, sind Sie ein feiner Menschenkenner!« rief er aus. »Also weil ich nicht von ihm zu Ihnen spreche, muß er mein Freund sein?«

»Ja. Sie halten uns für Feinde von ihm.«

»Wieso?«

»Sonst würden Sie aufrichtig sein.«

»Pah! Ich habe Sie grad für sehr gute Bekannte von ihm gehalten!«

»Ah!

»Jawohl! »Warum?«

»Weil Sie wissen, wo er zu treffen ist.«

»Hm! Jetzt irren Sie sich allerdings sehr in uns, grad so, wie wir uns vielleicht in Ihnen geirrt haben.«

»Wäre das wahr?« fragte er rasch.

»Ja. Ich will Ihnen gestehen, daß wir ihn bereits seit langer Zeit gesucht haben.«

»Weshalb?«

»Um ihn zu entlarven.«

»Donnerwetter!« fuhr Grandeprise auf.

»Ja. Mag es mir schaden oder nicht; mögen Sie es ihm verrathen oder nicht, ich will Ihnen offen sagen, daß grad unser gegenwärtiges Unternehmen gegen ihn gerichtet ist.«

Da nahm die Miene des Jägers einen ganz anderen Ausdruck an.

»Alle Teufel!« rief er. »Sie glauben, daß ich Sie an ihn verrathen werde?«

»Ja.«


// 2264 //

»Weil ich sein Freund bin?«

»Ja.«

»Und sein Freund bin ich, weil ich ihn suche?«

»Ja.«

»Welch ein Unsinn! Sie haben ihn doch auch gesucht, ebenso wie ich.«

»Allerdings!«

»Grad weil Sie sein Feind sind!«

»Das ist richtig.«

»Nun, ganz so ist es ja auch mit mir der Fall. Ich suche den Kerl, weil ich ein Huhn mit ihm zu rupfen habe, ein Huhn, ah, und was für ein Huhn.«

Er ballte die Rechte und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß das Speisegeschirr emporsprang. Dahin wollte ihn Landola haben.

»Wissen Sie denn eigentlich, was er ist?« fragte der Letztere.

»Ich? Ich sollte es nicht wissen. Wissen Sie es denn?«

»Ja.«

»Nun?«

»Ein Seeräuber!«

»Richtig! Ein Seeräuber! Aber noch viel, viel mehr. Ich jage ihm nach seit Jahrzehnten. Ich suche und forsche nach ihm wie der Satan nach der Seele. Und wenn ich ihn finde, so soll es allerdings auch ganz so sein, als ob er in die Krallen des Teufels gerathen sei.«

Er hatte das mit knirschenden Zähnen gesprochen. Es überlief Landola doch ein eigenthümliches Gefühl, aber er ließ sich nichts merken. Er that, als ob er über die Worte des Jägers ganz entzückt sei und rief aus:

»Halloh! Wenn wir da in Ihnen einen Verbündeten gefunden hätten. Welch' ein Glück für uns.«

»Also Sie wollen ihm wirklich auch an's Leder?«

»Das versteht sich!«

»Und es ist wahr? Sie täuschen mich nicht?«

»Fällt uns gar nicht ein.«

»Aber warum war sein Agent so freundlich mit Ihnen?«

»Werden wir diesen Menschen etwa einweihen?«

»Das ist richtig. Also wenn Sie wirklich dem Landola in die Haare wollen, so leiste ich Ihnen von ganzem Herzen gern Gesellschaft. Sagen Sie nur, was ich thun soll.«

Um den Schein zu bewahren, blickte Landola Cortejo fragend an. Dieser nickte zustimmend mit dem Kopfe und sagte:

»Ich denke, daß wir ihm vertrauen können. Er hat ein ehrliches Gesicht und wird uns nicht täuschen.«

»Täuschen? Ich Sie täuschen?« rief Grandeprise. »Sennores, stellen Sie mich auf die Probe, so werden Sie sehen, daß Sie sich auf mich verlassen können.«

»Wollen wir es wagen?« fragte Landola.

»Ja, ich habe Vertrauen zu ihm,« antwortete Cortejo.

»Wagen Sie es!« bat der Jäger. »Sie werden einen tüchtigen Kameraden und Helfer in mir finden!«

»Nun gut!« meinte Landola. »Also Sie wissen auch, daß er Seeräuber war?«


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»Nur zu gut.«

»Kennen Sie den Namen seines Schiffes?«

»Ja. Der Lion.«

»Ich denke, der Capitän des Lion hieß anders.«

»Er hieß Grandeprise,« antwortete der Jäger grimmig.

»Aber dieser Grandeprise war eben kein Anderer als Landola.«

»Ah, Sie sind allerdings genau unterrichtet!«

»Vielleicht besser als Sie!«

»Warum mag er sich einen falschen Namen beigelegt haben?«

»Meinetwegen.«

»Ihretwegen? Wieso?« fragte der verkappte Räuber im Tone des Erstaunens.

»Weil ich selbst Grandeprise heiße. Er wollte meinen Namen schänden. Die Welt sollte glauben, daß ich der Räuber sei.«

»Wenn das wirklich wahr ist, so begreife ich Ihren Haß.«

»Haß? Ah, Haß ist nur ein Mailüftchen gegen den Sturm, den ich im Innern fühle. Sie sehen also ein, daß ich aufrichtig gegen Sie bin und Sie nicht täusche. Also Ihr gegenwärtiges Unternehmen ist gegen ihn gerichtet?«

»Ja.«

»Um was handelt es sich?«

»Um einen kleinen Spaziergang nur.«

»Wohin?«

»Nach dem Gottesacker.«

»Ich gehe mit!«

»Auch des Nachts?«

»Ist mir ganz gleich. Aber was wollen Sie dort?«

»Einer Teufelei Landola's auf die Spur kommen.«

»Ah, jetzt beginne ich, zu begreifen!«

»Schön! Wissen Sie, daß Landola bereits früher in der Hauptstadt gewesen ist?«

»Das ist sehr wahrscheinlich.«

»Er hatte eine Geliebte.«

»Armes Mädchen!«

»Die Sache hatte Folgen; darum drang sie auf die Heirath.«

»Hätte sie doch lieber den Satan geheirathet.«

»Sie heirathete weder den Satan noch Landola. Sie erhielt einen anderen Bräutigam und der war nicht weniger grausig als diese Beiden.«

»Das möchte ich bezweifeln.«

»O doch, denn es war - der Tod!«

»Alle Wetter! Sie starb?«

»Ja.«

»Das heißt, sie mußte sterben?«

»Wir vermuthen es.«

»Wieso?«

»Er war aufrichtiger mit ihr gewesen, als es sich eigentlich mit seiner Sicherheit vertrug.«

»Sie ahnte wohl, wer er sei?«


// 2266 //

»So schien es zu sein. Als er sie verlassen wollte, dachte sie, ihn zu verrathen. Am Morgen darauf war sie eine Leiche.«

»Ah, er hat sie ermordet.«

»Jedenfalls. Ich hatte eine gewisse Ahnung von dem Hergange und ließ die Aerzte kommen. Sie untersuchten die Leiche, konnten aber nichts Verdächtiges finden.«

 »Keinen Stich?«

»Nein.«

»Keinen Hieb oder Schlag?«

»Nein.«

»Keine Spur von Vergiftung?«

»Ganz und gar nicht.«

»Und sie war am Abende noch gesund gewesen?«

»Vollständig.«

»Aber ihr Tod mußte doch eine Ursache haben.«

»Die Aerzte erklärten, daß der Schlag sie getroffen habe.«

»Hm! Es ist doch eigenthümlich, daß er am Abende vorher bei ihr war und sich mit ihr stritt, und dann des Morgens war sie eine Leiche.«

»Eben das kam auch mir bedenklich vor. Aus diesem Grunde ließ ich sie ja untersuchen!«

»Warum nahmen grad Sie sich dieser Sache an?«

»Ich? Ah, das habe ich Ihnen ja noch gar nicht gesagt. Ich war der Oheim dieses armen Mädchens.«

»Sakkerment, das ist etwas Anderes. Es geschah also nichts gegen ihn?«

»Nein. Ich hatte ihn festnehmen lassen. Er wurde freigelassen, und mich bestrafte man wegen böswilliger Anzeige. Von da an verfolgte er mich und die Meinigen unablässig. Ich wurde arm; die Kinder starben auf unbegreifliche Weise, meine Frau ebenso, und stets, wenn ein solcher Fall eintrat, ließ Landola sich sehen.«

»Ja, er ist ein Beelzebub!«

»Nun packte mich ein fürchterlicher Grimm. Ich konnte ihm auf gesetzlichem Boden nichts anhaben, aber ich Schwur, daß er früher oder später meiner Rache verfallen solle.«

»Ganz mein Fall! Ganz so wie bei mir.«

»Ich suchte, ihn zu finden, aber ich traf ihn nie. Jahre vergingen, lange Jahre. Da endlich traf ich vor einiger Zeit auf einen alten Verbrecher, welcher im Spitale starb. Kurz vor dem Tode erzählte er, daß er ein Gehilfe von Landola gewesen sei. Von ihm erfuhr ich den Namen des Agenten Gonsalvo Verdillo in Vera Cruz. Von ihm erfuhr ich auch, daß Landola sehr bald in Santa Jaga zu treffen sein werde - -«

»Ah, wird das stimmen? Wird das wahr sein?« unterbrach ihn Grandeprise eifrig.

»Ich bin überzeugt davon; denn Alles, was der Kerl erzählte, hat sich als wahr erwiesen.«

»Es scheint, Sie haben noch mehr erfahren?«

»Allerdings.«


// 2267 //

»Wohl auch über den Tod Ihrer Nichte?«

»Ja. Landola hatte einst in Gegenwart seiner Spießgesellen, allerdings in der Betrunkenheit davon gesprochen.«

»Er war der Mörder? Nicht?«

»Ja.«

»Aber wie kam es, daß man keine Spur fand?«

»Er hatte sie weder erschlagen noch erstochen noch vergiftet. Er hatte ihr den Tod auf eine Weise gegeben, daß man die einzige Spur, die es gab, nur mit größter Mühe hätte finden können.«

»Da bin ich hoch begierig, es zu erfahren.«

»Und doch ist es sehr einfach. Wissen Sie, wie man einen Menschen, der ein reiches, volles Haar hat, schnell, fast augenblicklich tödten kann, ohne daß ein sichtbares Zeichen des Mordes zurückbleibt?«

»Nein. Was hat das Haar dabei zu schaffen?«

»Das Haar ist es eben, welches die Spur verbirgt.«

»Ah, jetzt denke ich daran! Ich habe einmal von einem solchen Falle erzählen hören. Eine Frau hatte ihrem Manne im Schlafe einen feinen Nagel durch den Schädel geschlagen.«

»So ist es. Einen Nagel ohne Kuppe oder Knopf. Den verdeckt das Haar vollständig.«

»Und so soll Ihre Nichte gestorben sein?«

»Ja, an einem Nagel.«

»Aber hat sie denn geschlafen? Sie hatte sich ja mit Landola gestritten und veruneinigt!«

»Vielleicht ist er später wiedergekommen und bei ihr eingestiegen.«

»Hm! Und dieser Sache wollen Sie jetzt nachforschen?«

»Ja.«

»Auf dem Kirchhofe?«

»Ja.«

»Und zwar des Nachts?«

»Allerdings.«

»Das heißt doch, im Geheimen?«

»Freilich.«

»Warum nicht am Tage und öffentlich!«

»Fällt mir nicht ein. Ich würde als Leichenschänder ergriffen und bestraft, zum zweiten Male unschuldig bestraft eines solchen Hallunken wegen!«

»Warum machen Sie nicht Anzeige?«

»Ich hatte damals auch Anzeige gemacht.«

»Man würde jetzt den Nagel finden.«

»Oder auch nicht. Es ist doch möglich, daß Landola gelogen, oder daß der Andere sich getäuscht hat. Am Besten ist es, nachzusehen, ehe man Anzeige macht.«

»Hm! Sie mögen recht haben. Aber selbst wenn sich der Nagel findet, was nützt es Ihnen?«

»Dann ist ja der Mord erwiesen.«

»Aber der Mörder ist nicht zu haben!«

»Pah! Den finde ich in Santa Jaga.«


// 2268 //

»So wollen Sie ein Grab öffnen? Das ist schwer.«

»Kein Grab. Ich habe nur die Thür eines Begräbnisses aufzuschließen und dann hinabzusteigen, um den Sarg zu öffnen.«

»Das ist ein Anderes. Das ist nicht schwer.«

»Wollen Sie uns dabei helfen?«

»Gern. Was soll ich thun?«

»Das Leichteste, was es dabei giebt. Sie sollen Wache stehen, damit wir nicht überrascht werden.«

»Pah! Wenn Sie nichts Schwierigeres verlangen! Das ist ja gar nicht der Rede werth!«

»Es stellt sich nicht gern ein Jeder auf den Kirchhof.«

»Ich bin keine Memme. Also Sie nehmen meine Dienste an?«

»Ja.«

»Aber dann -«

»Wenn der Nagel sich findet, reiten wir sofort nach Santa Jaga, um den Mörder festzunehmen.«

»Das ist es, was ich will. Unternehmen wir also die Sache so bald wie möglich.«

»Gleich heute?«

»Mir am liebsten. Zu welcher Stunde?«

»Grad um Mitternacht. In der sogenannten Geisterstunde haben wir am wenigsten Störung zu erwarten.«

»Störung wohl überhaupt nicht. Ich wollte, der Abend wäre bereits da, daß die Sache beginnen könnte.«

Dieser Wunsch ging ihm allerdings nur langsam, das heißt, mit dem Laufe der Sonne in Erfüllung. Er legte sich wieder hinunter in den Hof, um voller Ungeduld den Einbruch des Abends zu erwarten.

Cortejo ging am Nachmittage aus und brachte mehrere Arten von Schlüsseln mit, von denen er hoffte, daß einer schließen werde. War das nicht der Fall, so sollte das Begräbniß mit Gewalt geöffnet werden.

»Ist dieser Grandeprise nicht ein zu leichtgläubiger Kerl?« fragte Landola.

»Er ist unbefangen. Ihre Erzählung hatte sehr viele Unwahrscheinlichkeiten.«

»So haben wir wenigstens einen Wächter.«

»Und dann?«

»Dann? Er wird uns nach Santa Jaga begleiten. Er muß als Zeuge dienen, wenn der Pater die Anwesenheit Ihres Bruders in Abrede stellen sollte.«

Endlich wurde es dunkel. Die Sterne stiegen herauf. Die Drei nahmen ihr Abendmahl ein und verließen eine Stunde vor Mitternacht den Gasthof. Dies fiel keineswegs auf. Die Bevölkerung der Hauptstadt ist gewöhnt, bis zur spätesten Abendstunde zu promeniren oder bis zum frühen Morgen auf Festen und Unterhaltungen zu verweilen.

Am Gottesacker angekommen, fanden sie, daß das Thor desselben jetzt verschlossen sei.

»Steigen wir über?« fragte Grandeprise.


// 2269 //

»Erst horchen!« gebot Cortejo.

»Umschleichen wir vorher die Mauern.«

»Warum?«

»Weil dies das sicherste Mittel ist, zu erfahren, ob Jemand sich in der Nähe befinde.«

»Gut, thun wir das.«

Sie theilten sich und als sie nach einiger Zeit am Thore wieder zusammentrafen, hatte Keiner etwas Verdächtiges bemerkt.

»Jetzt können wir übersteigen,« meinte Landola.

Sie gelangten auf dem angegebenen Wege in das Innere des Friedhofes. Dort fragte Grandeprise:

»Wo liegt das Begräbniß?«

»Dort jenes dunkle Gebäude ist es, das dritte von der Mauerecke an,« antwortete Landola.

»Haben Sie den Schlüssel?«

»Ja.«

»Eine Leiter?«

»Wir holen sie.«

»Wo habe ich zu wachen?«

»Sie bleiben hier an der Thür.«

»Welches Zeichen gebe ich, wenn Jemand kommen sollte?«

»Können Sie den Ruf des Uhu nachmachen?«

»Ganz gut.«

»Dieser Ruf fällt nicht auf. Sie verstecken sich dann schnell und so gut wie möglich und warten, bis die Störenfriede sich wieder entfernt haben.«

Grandeprise machte es sich an der Mauer im Grase bequem. Die beiden Anderen schritten auf das Begräbniß zu.

»Holen wir die Leiter?« fragte Landola.

»Noch nicht. Erst wollen wir sehen, ob einer der Schlüssel schließt.«

Er probirte lange. Endlich knackte der Riegel leise.

»Offen?« fragte Landola.

»Ja.«

»So warten Sie. Ich hole die Leiter.«

Während er sich entfernte, tastete Cortejo theils mit den Händen und theils mit den Füßen im Begräbnisse umher. Dann zog er, als der Gefährte zurückkehrte, die Laterne hervor.

»Hier bringe ich die Leiter,« meinte der frühere Seeräubercapitän. »Ich hoffe, sie wird langen. Oder führt eine Treppe hinab?«

»Nein.«

»Was für Fußboden?«

»Stein.«

»Das Loch offen?«

»Nein, sondern mit Brettern verdeckt, wie Sie bereits am Vormittage gesehen haben müssen. Ich werde sie zur Seite schieben.«

Er brannte die Blendlaterne an, welche er sich gekauft hatte, und richtete


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den Schieber derselben so, daß nur ein einziger Strahl auf den Boden des dumpfigen Gebäudes niederfiel. Sodann schob er die Bretter zur Seite, wobei Landola ihm behilflich war.

Dann legten sie die Leiter an und ließen sie hinab. Sie reichte bis hinunter auf den Boden.

»Wer geht voran?« fragte Cortejo.

Es war ihm doch ein eigenthümliches Gefühl über den Nakken gelaufen.

»Wer den meisten Muth hat,« antwortete Landola.

»Ah, Sie versuchen, zu spötteln? Glauben Sie nicht, daß ich die geringste Furcht empfinde.«

Er stieg voran und Landola folgte. Unten angekommen, fanden sie, daß der kleine Raum ganz voller Särge stand. Die ältesten davon waren mehr oder weniger zerfallen und viele Knochen lagen umher, von Ratten verschleppt und angefressen.

»Wo schläft nun dieser Sennor Banquier?« fragte Landola.

»Hier,« erklärte Cortejo nach kurzer Umschau.

»Woraus schließen Sie das?«

»Schließen? Es ist Gewißheit. Hier lesen Sie.«

Er leuchtete nach dem Deckel des Sarges, auf welchem ein längst verwitterter Kranz lag. Er hatte ein Papier umgeben, auf welchem ein Gedicht mit der Widmung stand.

»Ja,« meinte Landola, als er die fast ganz verblichenen Schriftzüge gelesen hatte. »Es ist der Name und das Datum.«

»Oeffnen wir also.«

Es gelang ihnen leicht, den Deckel zu lüften, nachdem sie die Laterne zur Seite gestellt hatten. Als sie ihn weggenommen hatten, ließen sie ihn vor Ueberraschung beinahe fallen, denn der Todte lag beinahe unversehrt im Sarge. Die Kissen waren verfault und eingesunken, darum lag der Verstorbene ganz unten auf dem Boden. Die wachsbleichen Züge waren fürchterlich eingefallen. Der Körper bestand nur aus Knochen und Pergament, aber dieses letztere hielt die ersteren fest zusammen.

"Der Kerl hat sich gut conservirt!"

»Der Kerl hat sich gut conservirt,« meinte Landola.

»Zu unserem Glücke,« fügte Cortejo hinzu.

»In wiefern?«

»Nun, erstens wird es sich leicht mit ihm umgehen lassen, da er noch nicht zerfallen ist.«

»Und zweitens?«

»Und zweitens, betrachten Sie ihn sich einmal.«

»Das habe ich bereits gethan.«

»Wer will sagen, daß dies nicht Don Ferdinando sei!«

»Allerdings. Das Haar, die Schädelbildung, die Länge der Gestalt. Gesichtszüge, nämlich was man genau so nennt, giebt es nicht mehr. Die Täuschung ist sehr leicht. Aber ist die Haut wirklich fest?«

»Probiren wir.«


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Sie griffen Beide zu und fanden, daß der Todte sich wie eine Holzfigur behandeln lasse.

»Es geht,« meinte Landola. »Jetzt die Kleider.«

»Alle Wetter, die liegen noch oben!«

»Ich hole sie.«

Der schnelle Landola hatte bereits den Fuß auf die Leiter gesetzt, als Cortejo ihn von hinten faßte.

»Nun, was soll es?« fragte er.

»Ich selbst werde sie holen.«

»Warum?«

»Lachen Sie, Landola. Aber es ist bei Gott doch nicht so leicht, wie ich dachte!«

»Aha!« lachte der Pirat.

»Ich mag mit dem Kerl nicht allein hier bleiben!«

»Gut, so steigen Sie hinan. Ich werde ihm einstweilen den Rock ausziehen.«

Er trat mit einem geringschätzenden Blicke auf Cortejo, aus dem dieser sich aber jetzt nicht viel machte, zurück und hantirte an dem Todten herum, als ob dies etwas ganz und gar Gewöhnliches sei.

Bereits nach einigen Augenblicken kam Cortejo mit den Kleidern und fragte:

»Geht es? Wohl schwer?«

»Hm, die Fetzen fallen ganz von selbst herab. Das Ankleiden wird schwerer gehen.«

»Ich werde helfen!«

»Ohne Furcht?«

»Jetzt sind wir ja zu Zweien.«

Da stieß Landola ein kurzes Lachen aus und sagte:

»Sennor Cortejo, ein so echter richtiger Schurke seid Ihr denn doch noch nicht. Ihr bringt es noch fertig, Euch vor einem Todten zu fürchten. Jetzt hat der Teufel wenigstens ein Mittel, mit dem er Euch an den Kragen kann, wenn sich in der Hölle nichts Anderes finden sollte, Euch zahm zu machen.«

»Halten Sie den Mund!«

»Ah! Sie zittern wohl? Pah, Sie sind doch ein Feigling. Da bin ich ein anderer Kerl! Sehen Sie! Welch' eine gewandte Kammerzofe dieser alte Banquier hat. Hier, helfen Sie!«

Es dauerte doch eine geraume Zeit, ehe sie mit dem Umkleiden fertig waren. Dann aber bemerkte Landola:

»Ich bemerke, daß diese Kleidung zu fest ist. Man wird nicht glauben, daß sie so lange im Sarge gelegen hat.«

»Keine Sorge,« antwortete Cortejo, indem er eine Flasche hervorzog. »Hier habe ich das Mittel.«

»So wenden Sie an.«

»Hier gleich?«

»Natürlich.«

»Das wäre ja der größte Fehler!«

»Warum?«


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»Wir würden die Fetzen unterwegs verlieren.«

»Ah so! Also erst in der Gruft der Rodriganda. Brauchen wir dort die Leiter?«

»Nein. Es führt eine Treppe hinab.«

»So wollen wir machen, daß wir hier zu Ende kommen. Unser Prairiejäger wird Langeweile haben.«

»Er wird sich nicht erklären können, warum wir so lange Zeit außen bleiben.«

»Er mag denken, daß wir so lange nach dem Nagel suchen müssen.«

»Darf er wissen, daß wir die Leiche fortschaffen?«

»Auf keinen Fall.«

»So dürfen wir oben kein Licht bemerken lassen und müssen so leise wie möglich thun. Jetzt wieder zu mit dem Sarge.«

Landola hielt den Todten, dessen Körper ganz steif war. Es war eine Art von Versteinerung eingetreten an Stelle der Verwesung. Cortejo schloß den Sarg und sagte dann:

»Können Sie mir ihn hinaufgeben?«

»Sie wollen voransteigen?« lachte der Andere.

»Ja.«

»So steigen Sie! Der Kerl ist so federleicht, daß ich ihn Ihnen ganz gut zulangen kann.«

In Zeit von kaum zwei Minuten lag der Todte oben auf der Erde und die Beiden bemühten sich, die Bretter wieder über das Loch zu legen, nachdem die Leiter emporgezogen worden war, und die Thür zu verschließen.

»Ich werde die Leiter fortschaffen,« meinte Landola.

Cortejo antwortete nicht, sondern beschäftigte sich mit dem Schlosse.

»Nun?« fragte Landola. »Ich will die Leiter fortschaffen.«

»Meinetwegen.«

»Ah! Ich denke, Sie fürchten sich, mit dem Todten allein zu bleiben?«

»Da unten, aber hier oben nicht.«

»So. Da kann ich gehen.«

Aber kaum hatte er sich einige Schritte leise entfernt, so huschte auch Cortejo fort. Er fühlte doch ein Etwas, was ihn nicht in der Nähe des Todten litt. Er glitt vielmehr zu Grandeprise hin.

Dieser hörte ihn kommen und erhob sich aus dem Grase.

»Fertig?« fragte er leise.

»Nein.«

»Donnerwetter! Das dauert ja eine Ewigkeit!«

»Hat aber auch Erfolg.«

»Ah! Haben Sie den Nagel gefunden?«

»Soeben. Ich bin sofort gegangen, um es Ihnen zu melden.«

»Freut mich. Nun sind Sie also bald zu Ende?«

»Wir haben das Scelett wieder zusammenzusetzen.«

»Das dauert wieder eine Ewigkeit.«

»Nicht so lange als vorher. Wir müssen sorgfältig sein, damit später die Aerzte nichts merken. Also noch Geduld.«


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Er ging wieder.

Als er die Leiche erreichte, stand Landola bereits dort.

»Ausgerissen?« flüsterte dieser mit leisem Lachen. »Wohin?«

»Ich ging nur zu unserem Wächter, um ihn zur Geduld zu mahnen.«

»Was haben Sie gemeldet?«

»Daß wir den Nagel gefunden haben, nun aber das Scelett erst wieder zusammensetzen müssen.«

»Gut, so weiß ich mich darnach zu richten. Aber, Sennor, gestehen Sie offen, daß Sie nur gegangen sind, um von dieser Leiche fortzukommen.«

»Ich leugne es nicht,« meinte Cortejo.

»Feigling!«

»Spotten Sie immer. Aber machen Sie mich ja nicht glauben, daß Sie ganz und gar ohne Empfindung sind.«

»Empfindung? Was wollen Sie damit sagen?«

»Daß Sie sich doch auch ein wenig grauen.«

»Ich mich? Unsinn! Es könnte der persönliche Tod hier liegen, ich würde mich doch nicht im Mindesten fürchten. Oder ich würde einen Sarg öffnen und der leibhaftige Teufel spränge mir daraus entgegen, ich würde ganz ruhig stehen bleiben und ihn fragen, ob ich mir meine Cigarrette an seinen funkelnden Augen anbrennen darf.«

»Lästern und prahlen Sie nicht!«

»Unsinn!«

»Kein Mensch darf das behaupten.«

»Aber ich behaupte es und ich sage die Wahrheit; ich wollte, es käme eine Gelegenheit, es Ihnen zu beweisen, leider aber giebt es weder einen persönlichen Tod noch einen solchen Teufel.«

Es graute Cortejo, an diesem unheimlichen Orte und in der Nähe der Leiche solche Worte zu hören.

»Kommen Sie,« sagte er. »Wir wollen den Mann fortschaffen.«

»So fassen Sie an; Sie bei den Beinen und ich bei den Schultern.«

Sie hoben die Gestalt auf und schlichen leise nach dem Erbbegräbnisse der Rodriganda zu. Dort angekommen, legten sie die Leiche ab und Cortejo suchte seine Schlüssel hervor.

»Ob wir einen finden?« fragte Landola.

»Ich hoffe es.«

Er probirte einen nach dem anderen, jedoch vergeblich. Landola bemerkte dies.

»Es paßt keiner?« fragte er.

»Leider, nein.«

»Was ist zu thun? Wir müssen hinein!«

»Wir sind gezwungen, Gewalt anzuwenden.«

»Das wird aber Lärm verursachen.«

»Ich habe mir zu diesem Zwecke einige feine Meisel mitgebracht. Ich werde sie versuchen.«

»Aber vorsichtig, sehr vorsichtig!«


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Cortejo zog einen der Meisel hervor und legte dann die linke Hand auf den Drücker, um einen festen Halt zu haben. Der Drücker gab nach.

»Santa Madonna!« flüsterte er erschreckt.

»Was giebt es?« fragte Landola.

»Die Thür ist offen!«

»Unmöglich!«

»Und doch!«

»Sie irren sich!«

»Greifen Sie her!«

Landola trat näher und überzeugte sich davon, daß Cortejo sich nicht geirrt hatte.

»Donnerwetter!« sagte er; »es wird doch Niemand unten sein!«

»Das wäre ein Schreck!«

»Oder ist der Todtengräber heute unten gewesen und hat vergessen, die Thür wieder zu schließen?«

»Auch das ist möglich. Wir müssen horchen.«

Er schob die Thür weit auf und nun lauschten die Beiden eine ganze Weile mit angestrengten Sinnen hinab. Es ließ sich kein Laut vernehmen und nicht das leiseste Lüftchen regte sich.

»Pah!« meinte Landola. »Ich weiß, wie es zugeht.«

»Wie?«

»Es hat einer Ihrer Schlüssel geschlossen, ohne daß Sie es merkten.«

»Sollte das der Fall gewesen sein?« fragte Cortejo, diese Thatsache stark bezweifelnd.

»Es ist ja gar nicht anders möglich.«

»Aber ich müßte es doch gefühlt haben, wenn der Riegel dem Drucke eines meiner Schlüssel nachgegeben hätte.«

»Es kann Ihnen dies ganz leicht entgangen sein. Sie haben Furcht, Sie sind zu aufgeregt. Ihre Nerven sind nicht zuverlässig.«

»Möglich. Aber lassen Sie uns noch einmal horchen.«

Sie thaten es, hörten aber nichts Beunruhigendes.

»Dieses Horchen ist überflüssig, es bringt uns nur um unsere kostbare Zeit. Lassen Sie uns hinabgehen.«

»Aber vorsichtig! Erst ohne den Todten!«

»Gut. Brennen Sie an.«

Sie traten ein und schoben die Thür leise wieder an. Dann zog Cortejo die Laterne hervor, um sie anzubrennen. Als das Flämmchen aufleuchtete, schritten sie leise und behutsam die Treppe hinab, Landola voran und Cortejo leuchtend hinter ihm her.

Sie erreichten das eigentliche Gruftgewölbe, ohne etwas Verdächtiges zu bemerken.

»Leuchten Sie umher,« gebot Landola.

Cortejo gehorchte. Auch jetzt konnten sie nicht das mindeste Beunruhigende finden.

»Es ist so,« meinte Landola. »Ihr Schlüssel hat geschlossen, ohne daß Sie


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es gemerkt haben. Lassen Sie uns an die Arbeit gehen. Wo ist der Sarg Don Ferdinando's?«

»Hier,« antwortete Cortejo.

Er deutete dabei auf einen Sarg, an dessen Fußseite in goldenen Lettern der Name »Don Ferdinando, Graf von Rodriganda« zu lesen war.

»Natürlich leer,« meinte sein Gefährte.

»Leider.«

»Warum leider?«

»Ich wollte, der Tod läge darin.«

»Ah!«

»Oder der Teufel, damit ich erfahren könnte, ob es wahr ist, daß Sie ihn, falls er Ihnen entgegen spränge, um Feuer bitten würden.«

»Ich würde es thun, Sennor Cortejo.«

»Ich glaube das nicht, Sennor Landola. Wenigstens in dieser Verkleidung nicht.«

»Warum nicht?«

»Mit Ihrem natürlichen Gesichte können Sie ihm getrost Stand halten, er kennt Sie und weiß, daß Sie ihm auf keinen Fall entgehen können. Mit dem Kleister im Gesichte aber wären Sie ihm unbekannt und da würde er Sie doch beim Kragen nehmen.«

»Meinen Sie?« lachte Landola. »Wollen es versuchen. Also herab mit dem Deckel und heraus mit dem Teufel!«

Ohne zu beachten, daß der Deckel des Sarges seinem Griffe ganz ungewöhnlich schnell nachgab, stieß er denselben herab. Im nächsten Augenblicke aber entfloh dem Munde dieser beiden Männer ein Ruf des heftigsten Schreckes. In dem Sarge nämlich lag eine lange Gestalt mit einer Nase, welche dem Schnabel eines Geiers glich. Die Augen der beiden Verbrecher drohten aus ihren Höhlen zu treten und starrten mit angstvollem Blick in das Gesicht des räthselhaften Todten.

Um diese Situation zu begreifen, ist es nothwendig, nach Vera Cruz zurückzugehen, wo Curt mit Geierschnabel und Capitän Wagner mit dem Matrosen Peters sich nach dem Bahnhofe begaben, um sich nach den beiden Flüchtlingen zu erkundigen.

Als sie auf dem Bahnhofe anlangten, bemerkten sie zunächst einen französischen Soldaten. Er trug den Arm in der Binde und schien soeben als Weichensteller functionirt zu haben.

Curt trat auf ihn zu und fragte ihn im reinsten Französisch:

»Sind Sie hier angestellt, Kamerad?«

Der Soldat erkannte mit seinem geübten Blicke sofort, daß er einen Offizier in Civil vor sich habe.

»Ja, Monsieur,« antwortete er in einem sehr höflichen Tone. »Ich bin blessirt und laure auf das nächste Schiff, um nach der Heimath zu gehen. Bis dahin mache ich mich hier nützlich, um einige Centimes zu Tabak zu verdienen.«

Curt griff in die Tasche und gab ihm ein Fünffrankenstück.

»Hier, Kamerad, rauchen Sie. Wie lange sind Sie heute hier beschäftigt?«


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Der Mann nahm das Geldstück, griff zum Danke salutirend an seine Mütze und meinte:

»Ich danke Ihnen, Monsieur. Ich bediente bereits drei Züge.«

»Wann ging der letzte ab?«

»Vor vielleicht einer Stunde.«

»Wohin?«

»Nach Lomalto. Weiter geht es nicht.«

»Sind Civilisten mitgefahren?«

Der Soldat machte ein sehr pfiffiges Gesicht, kniff die Augen listig zusammen und antwortete:

»Eigentlich nicht.«

»Aber uneigentlich wohl?«

»Das darf ich nicht verrathen.«

»Warum nicht?«

»Ich bin Weichensteller und Der, welcher sie mitnahm, ist mein Vorgesetzter.«

»Gut, er hat sie also nicht mitgenommen. Wie viele Personen sind es gewesen?«

»O, nur drei. Sie hätten recht gut im Coupee des Zugführers Platz gefunden.«

Curt wußte nun ganz genau, daß sie wirklich in diesem Coupee mitgefahren waren. Er fragte weiter:

»Wie sahen sie aus?«

Der Soldat beschrieb sie. Als er fertig war, meinte der Capitän:

»Sie waren es, sie waren es. Aber wer der Dritte gewesen ist, das kann ich nicht sagen. Bei mir an Bord war er nicht mit.«

»Wir werden es schon auch erfahren. Wann geht der nächste Zug?«

»In drei Stunden erst. Die Maschine muß von Lomalto wiederkommen. Sie bringt mehrere Wagen voll Kameraden mit.«

»Ein Güterzug geht nicht vorher?«

»Nein.«

»Ich danke, Kamerad.«

Er drehte sich zu den drei Gefährten und schritt mit ihnen davon.

»So sind sie also entkommen!« sagte der Capitän. »Und daran bin ich allein schuld. Was ist zu thun?«

»Wir müssen uns in Geduld fassen, lieber Freund,« antwortete Curt. »Jedenfalls sind sie nach Mexiko. Ich fahre ihnen mit dem nächsten Zuge nach. Leider gehen mir da drei volle Stunden verloren. Ich hoffe jedoch, sie in Mexiko abzufassen.«

»Ah, ich habe einen Boten abzusenden, der nach der Hauptstadt und dann nach der Hazienda del Erina soll, um meine Schiffberichte zu überbringen,« meinte der Capitän. »Würden Sie ihm erlauben, sich Ihnen anzuschließen, Herr Lieutenant?«

»Ganz gern, vorausgesetzt, daß er mir nicht hinderlich wird.

»Das befürchte ich nicht. Würde Ihnen hier mein Peters recht sein?«

»Sogar angenehm. Er kennt auch wohl die beiden Flüchtlinge?«


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»Genauer noch wie ich. Wie steht es, Peters?«

Der Gefragte zog eine sehr erfreute Miene und antwortete:

»Hm, ich möchte wohl, Capt'n.«

»Du kannst doch ein wenig Spanisch?«

»Na, was man so für Andere braucht.«

»Und ein paar Worte Französisch?«

»Genug, um ihnen sagen zu können, wie gewaltig gut ich ihnen bin!«

»So komme mit an Bord! Ich will die Sachen in Ordnung bringen, und Du mußt Deine Instruction erhalten. Wo treffen wir uns wieder, Herr Oberlieutenant?«

»Am Besten in der Tabagie hier am Bahnhofe.«

»So bitte ich, mich einstweilen zu beurlauben.«

»Gehen Sie immerhin! Zu Dem, was wir noch zu besprechen haben, giebt es dann auch noch Zeit.«

Der Capitän schritt mit Peters dem Wasser zu. Curt aber kehrte um und begab sich wieder nach dem Bahnhofe, Geierschnabel natürlich an seiner Seite. Er trat sofort in die Expedition des Chefs der Station, welcher ihn mit neugierigem Blicke empfing.

»Darf ich fragen, wann der nächste Zug nach Lomalto geht?« fragte Curt, obgleich er bereits von dem Soldaten Auskunft erhalten hatte.

Der Beamte blickte nach der Uhr.

»In zwei ein halber Stunde,« antwortete er. »Wünschen Sie vielleicht, mitzufahren?«

»Ja.«

»Thut mir leid. Civilisten und Fremde sind ausgeschlossen.«

»Gestatten Sie, daß ich mich vorstelle.«

Er zog ein Papier aus der Tasche und reichte es dem Chef. Dieser hatte kaum die wenigen Zeilen gelesen, so machte er eine tiefe Reverenz und sagte:

»Ich bin Ihr ergebener Diener, Herr Lieutenant. Wie viele Plätze brauchen Sie?«

»Drei.«

»Sie werden ein Coupee erster Classe erhalten.«

»Danke! Hat der Zug Anschluß an die Diligence?«

»Der vorige, aber dieser nicht. Ueberhaupt ist diese Diligence ein wahrer Marterkarren, dem ich mich niemals anvertrauen möchte. Wünschen Sie, recht schnell in der Hauptstadt zu sein?«

»Ja.«

»So rathe ich Ihnen, zu reiten.«

»Ich habe keine Pferde.«

»O, hier hat Jedermann Pferde. Halten Sie sich nur einige Zeit in diesem Lande auf, so sind Sie gradezu gezwungen, sich Pferde zu kaufen.«

»Ich beabsichtigte, das in der Hauptstadt zu thun.«

»Warum dort, wo sie um Vieles theurer und doch nicht besser sind?«

»Hat man bereits hier Gelegenheit?«

»Eine ganz vortreffliche sogar. Ich selbst habe einige hochfeine Thiere da stehen. Es waren Privatpferde von Offizieren, welche nach der Heimath zurück-


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kehrten und sich nicht mit ihnen schleppen wollten. Sie sind billig. Wollen Sie sich dieselben ansehen?«

»Zeigen Sie!«

»Kommen Sie! Wenn wir einig werden, brauchen Sie in Lomalto auf keine Diligence zu warten, und ich verlade Ihnen die Thiere bis dahin ohne alle Kosten.«

Der Handel wurde abgeschlossen. In Zeit von einer halben Stunde befand Curt sich im Besitze von drei braven Pferden, welche Alles zu erfüllen schienen, was der Chef versprochen hatte.

»Gott sei Dank!« meinte Geierschnabel. »Nun kann ich meine Beine endlich wieder einmal über ein Pferd hängen. Wäre das nicht bald geworden, so hätte ich aus lauter Verzweiflung versucht, mich auf meine Nase zu setzen und auf ihr im Galopp davon zu reiten.«

Es fehlte wohl noch eine Stunde bis zum Abgange des Zuges, als Capitän Wagner mit Peters erschien.

»Junge, kannst Du reiten?« rief Geierschnabel dem Letzteren entgegen.

»Warum?« fragte Peters.

»Wir haben Pferde gekauft. Von Lomalto aus bis Mexiko wird geritten. Weißt Du, was ein Sattel ist?«

»Ein Sattel ist ein Dings, aus dem mich Keiner herunter bringt.«

»Wirklich?«

»Ja. Denkst Du etwa, in den Seemarschen giebt es keine Pferde? Ich saß schon als Junge auf dem wildesten Hengste.«

»Das ist Dein Glück. Wir haben keine Zeit, Dich aller fünf Minuten sechsmal aufzuheben.«

Sie setzten sich zusammen, und Wagner erzählte in Kurzem sein Zusammentreffen mit Don Ferdinando und die Reise nach der Südseeinsel. Das Alles war Curt bereits aus der Erzählung Geierschnabels bekannt, nach dessen Berichte er nun dem Capitän erzählte, was seit der Landung in Guaymas geschehen war. Wagner hörte mit der größten Spannung zu. Am Schlusse rief er bestürzt:

»So sind sie also abermals verschwunden?«

»Leider ja. Aber ich hoffe zu Gott, daß es mir gelingt, ihre Spur aufzufinden. Und dann wehe Denen, mit denen ich abzurechnen habe.«

»Vielleicht haben wir bereits ihre Spur,« meinte Geierschnabel.

»Wieso?« fragte Curt.

»Hm! Ich habe so meine Gedanken. Wohin geht dieser Landola und dieser Cortejo? Jedenfalls dahin, wo die Anderen sind.«

»Das kann richtig sein. Wir müssen diese Beiden auf alle Fälle wiederfinden. Dann werden wir auch erfahren, welches Ziel sie haben.«

»Aber das kann lange dauern,« sagte Wagner. »Ich darf meine braven Jungens nicht so lange der Fieberluft von Vera Cruz aussetzen.«

»So suchen Sie einen nahen aber gesunden Hafen auf.«

»Gut! Ich werde im Bermeja-Busen warten.«

Der brave Capitän war über das Schicksal seiner Freunde so betrübt, daß es schwer wurde, ihn zu beruhigen. Er erging sich in den kräftigsten Ausdrücken


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gegen Cortejo und Genossen; dem wurde aber sehr bald ein Ende gemacht, indem sich das Signal zum Einsteigen hören ließ.

Curt überzeugte sich, daß die drei Pferde gut verladen waren, dann bestieg er mit Peters und Geierschnabel das ihm angewiesene Coupee. Der Abschied von Wagner war ein kurzer, aber herzlicher. Noch als der Zug schon in Bewegung war, schwenkte er den Hut und rief:«

»Gute Fahrt, Herr Lieutenant! Bringen Sie Alle glücklich herbei und schlagen Sie den Anderen, den Schuften, die Köpfe zu Brei.«

Nach zwei Stunden erreichten sie Lomalto. Dort kam der Zugführer selbst herbeigesprungen, um dienstfertig das Coupee zu öffnen. Curt hatte bemerkt, daß es derselbe sei, welcher vorher von hier nach Vera Cruz gefahren war. Jedenfalls hatte der weichenstellende Soldat diesen und keinen Anderen gemeint. Darum fragte er ihn, gleich auf den Strauch schlagend:

»Sie sind mit dem vorigen Zuge mit drei Civilisten von Vera Cruz hierher gefahren?«

Der Mann getraute sich nicht, eine Unwahrheit zu sagen.

»Ja, Monsieur,« antwortete er in unsicherem Tone.

»Befürchten Sie keine Unannehmlichkeiten!« beruhigte ihn Curt. »Ich wünsche nur zu wissen, wohin sie sich gewendet haben.«

»Ah, ich danke! Sie sind nach Mexiko.«

»Wissen Sie das genau?«

»Ja. Sie saßen mit in meinem Coupee und erkundigten sich ganz genau nach den gegenwärtigen Verhältnissen des Weges nach der Hauptstadt.«

»Das kann nur zum Schein gewesen sein.«

»Nein, denn ich sah sie alle Drei in die Diligence steigen, welche hier an der Bahn hielt.«

»Ich danke!«

Er gab ihm ein Trinkgeld. Der Mann machte vor Freude, so glücklich davongekommen zu sein, die tiefste Reverenz und beeilte sich dann, die Pferde in eigener Person auszuladen.

Nachdem einiger Proviant gekauft worden war, saßen die drei Männer auf und trabten davon. Geierschnabel, welcher hier bekannt war, hatte das Amt des Führers übernommen.

Als sie nach langem, mehrtägigem und beschwerlichem Ritte die Hauptstadt vor sich sahen, hatte sich Peters als guter Reiter bewährt; aber der Weg war grad für ihre feinen Pferde so schlimm gewesen, daß es ihnen nicht gelungen war, die Diligence einzuholen, welche von acht kräftigen, ausdauernden Pferden gezogen wurde. Sie wußten, daß der Wagen bereits am Vormittage die Hauptstadt erreicht hatte, während die Sonne sich jetzt bereits abwärts zu senken begann.

»Wo nun die Kerls finden in einer solchen Stadt?« fragte Geierschnabel. »Geht zum Teufel mit Euren Straßen und Gassen, in denen man einer Posaune wegen arretirt wird. Im Urwalde oder in der Prairie sollten mir die Hallunken wohl schwerlich entkommen!«

»Ich kenne zwei Wege, sie zu finden,« meinte Curt.

»Wirklich? Welche wären das?


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»Es sollte mich sehr wundern, wenn sie nicht versucht hätten, im Palast de Rodriganda Erkundigungen einzuziehen.«

»Donnerwetter, das ist richtig! Dieses Wigwam müssen wir aufzufinden suchen! Und der zweite Weg?«

»Sie wissen, daß Don Ferdinando's Sarg leer ist?«

»Freilich weiß ich das. Ich habe den famosen Todten lebendig gesehen.«

»Cortejo und Landola werden ahnen, daß unser erster Angriff gegen dieses leere Grab gerichtet sein wird. Sie werden also auch zuerst dafür sorgen, daß der leere Sarg mit irgend einer Leiche gefüllt wird.«

»Das ist diesen Kerls allerdings zuzutrauen. Master Lieutenant, Sie sind ein zwar noch junger, aber bereits sehr scharfsinniger Kerl!«

»Danke! Wir müssen ihnen zuvorkommen.«

»Jawohl! Vorwärts also, in dieses alte Dorf hinein.«

In der Hauptstadt angekommen, stiegen sie vor dem ersten, besten Hotel ab. Und dann, nachdem er sich einigermaßen restaurirt hatte, begab sich Curt nach dem Palaste Rodriganda, der ihm genau beschrieben worden war.

Auch er wurde von dem Posten aufgehalten, und auch er erklärte, daß er zu dem Administrator wolle, worauf er passiren durfte. Der Verwalter befand sich dieses Mal in seinem Expeditionsboudoir. Curt gab im Vorderzimmer seine Karte ab und wurde von dem Herrn selbst eingeladen, einzutreten.

»Womit darf ich Ihnen dienen, Herr Oberlieutenant?« fragte der jetzt sehr freundliche Beamte.

»Ich muß um Verzeihung bitten, daß mich nur der Zweck zu Ihnen führt, mir eine kleine Privaterkundigung zu gestatten.«

»Ich stehe gern zu Diensten.«

»Hatten Sie vielleicht heute den Besuch eines Mannes, welcher sich für den Agenten des Grafen Rodriganda ausgab?«

»Allerdings. Er war bereits am Vormittage da. Hat Ihre Erkundigung einen bestimmten Zweck, Monsieur?«

»Allerdings. Nur fürchte ich, Ihnen lästig zu werden!«

»Ich stehe einem Jeden, der höflich kommt und mir nicht ganz unsympathisch ist, sehr gern zur Verfügung.«

»War dies mit dem Mann auch der Fall?«

»Ganz und gar nicht,« lächelte der Franzose. »Er hat nicht die mindeste Auskunft erhalten.«

»Er wollte sich über Ihre Administration informiren?«

»O, er wollte noch mehr. Er wollte diese Administration aus meinen Händen in die seinigen nehmen.«

»Das dachte ich. Er nannte sich Don Antonio Veridante?«

»So ist es.«

»Ist Ihnen die Adresse dieses Mannes bekannt?«

»Nein.«

»Es liegt mir sehr viel daran, sie zu erfahren. Dieser Mensch ist nämlich ein außerordentlich gefährliches und raffinirtes Subject, welches - -«

»Ah, so kam er mir vor,« unterbrach ihn der Verwalter.


Ende der fünfundneunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk