Lieferung 96

Karl May

28. Juni 1884

Waldröschen
oder
Die Rächerjagd rund um die Erde.

Großer Enthüllungsroman
über die
Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft

von

Capitain Ramon Diaz de la Escosura.


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»Es ist möglich, daß er wiederkommt. In diesem Falle ersuche ich Sie dringend, ihn sofort festnehmen zu lassen und dem preußischen Geschäftsträger, Herrn von Magnus, Kunde davon zu geben. Er wird mich benachrichtigen, da ich für jetzt meine spätere Adresse noch nicht kenne.«

»Ihn arretiren? Würde ich diesen Schritt verantworten können?«

»Vollständig! Dieser Veridante ist nämlich Gasparino Cortejo, der Bruder jenes Pablo Cortejo, den Sie wohl kennen werden.«

»Ah, sehr, sehr gut! Er ist berüchtigt genug.«

»Und sein sogenannter Secretär ist ein gewisser Henrico Landola, früher unter dem Namen Grandeprise Capitän des Piratenschiffes »Lion«.«

»Ist dieser Secretär auch hier?«

»Ja, er ist sein Begleiter.«

Da fuhr der Franzose erschrocken zurück.

»Wie, Monsieur,« rief er, »solche Leute halten sich hier auf?«

»Ja. Sie sind Beide geschminkt und verkleidet, und ihre Pässe sind nachgemacht. Ich verfolge sie von Vera Cruz her.«

»Das ist mir genug. Sobald ich Cortejo wieder erblicke, lasse ich ihn festnehmen; darauf können Sie sich verlassen.«

Curt klärte ihn noch so weit auf, als er es für nöthig hielt, und begab sich dann zu Herrn von Magnus, um ihm die ihm anvertrauten geheimen Scripturen zu übergeben. Er wurde mit Auszeichnung aufgenommen und brachte im Laufe der Unterhaltung noch den Privatzweck seines hiesigen Aufenthaltes zur Sprache.

Der Staatsmann hörte ihm aufmerksam zu und sagte dann:

»Ein ganzer Roman, wahrhaftig ein ganzer Roman. Meiner Hilfe sind Sie sicher, soweit es mir möglich ist. Also Sie wollen zunächst und vor allen Dingen Ihr Augenmerk auf das Begräbniß richten?«

»Es wird das Gerathenste sein.«

»Das meine ich auch. Nur muß ich Ihnen Vorsicht anempfehlen. Sie sehen wohl ein, daß zunächst eine geheime Besichtigung des Sarges vorgenommen werden möchte, natürlich aber im Beisein gewichtiger Zeugen, deren Wort nicht anzufechten ist.«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung, gnädiger Herr.«

»So bedarf es außer Ihnen und Ihren Begleitern nur noch eines Mannes, dessen Aussagen unanfechtbar sein müßten. Ich gestehe Ihnen offen, daß ich an Ihrer Stelle weder einen französischen noch einen kaiserlichen Beamten wählen würde. Ich möchte da lieber einen eingeborenen Mexikaner vorziehen. Wie wäre es mit dem Alkalden, welcher der Tochter Pablo Cortejo's den Befehl überbrachte, die Stadt und das Land zu verlassen?«

Damit hatte der preußische Geschäftsträger gesagt, daß die Zeit kommen werde, in welcher weder ein Franzose, noch ein Kaiserlicher mehr ein Wort zu sagen habe.

»Wird dieser Beamte meiner Bitte Folge leisten?« fragte Curt.

»Gewiß. Er ist mein Bekannter. Ich werde Ihnen einige Zeilen für ihn mitgeben, wenn Sie es wünschen, Herr Oberlieutenant.«

»Ich bitte ebenso herzlich wie dringend darum, gnädiger Herr!«


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Eine Viertelstunde später war Curt mit diesen Zeilen unterwegs zu dem Alkalden, welcher den Brief entgegennahm, ohne den Ueberbringer groß zu beachten. Als er die Zeilen aber gelesen hatte, klärte sich seine ernste, fast finstere Miene zusehends auf. Er reichte Curt freundlich die Hand und sagte:

»Herr von Magnus empfiehlt Sie mir in sehr freundlicher Weise. Er sagt mir, daß Sie in einer Angelegenheit zu mir kommen, in welcher es mir möglich sein dürfte, Ihnen einen Dienst zu erweisen. Darf ich Sie ersuchen, mir mitzutheilen, in welcher Weise ich mich Ihnen nützlich machen kann?«

»Es ist eine Angelegenheit zunächst privater Natur,« antwortete Curt, »kann aber leicht eine Wendung annehmen, welche sie vor das Forum des Criminalrichters bringt.«

»Das ist ja das meinige. Es handelt sich also wohl um ein Verbrechen?«

»Um eine ganze Reihenfolge davon.«

»Welche erst zu entdecken sind? Ich vermuthe dies nämlich aus Ihrer Aeußerung, daß die Angelegenheit eine Wendung annehmen kann, welche sie vor den Strafrichter bringt.«

»In gewisser Beziehung haben Sie sehr richtig gerathen, Sennor. Welche Verbrechen geschehen sind, das ist so ziemlich festgestellt. Um dieselben zu verdecken, sollen aber neue verübt werden. Den Thätern bin ich auf der Spur, und ich hoffe, sie mit Ihrer freundlichen Beihilfe bei der That überraschen zu können.«

»Ich stelle mich Ihnen zur Verfügung,« meinte der Beamte unter einer sehr freundlichen Verbeugung. »Wenn auch leider grad jetzt meine Amtsbefugnisse von den gegenwärtigen Verhältnissen sehr tangirt werden, so steht es doch vielleicht in meiner Macht, Ihnen behilflich zu sein. Sagen Sie mir nur, um was es sich handelt.«

»Es handelt sich um die Angelegenheit einer Familie, die Ihnen wohl bekannt sein dürfte. Oder sollte Ihnen Graf Ferdinando Rodriganda unbekannt gewesen sein?«

»Don Ferdinando? O nein. Ich habe mit ihm sehr oft zu conferiren gehabt.«

»So kannten Sie vielleicht auch seinen Verwalter oder Geschäftsführer?«

»Meinen Sie diesen Cortejo?«

»Ja.«

»Welcher die Lächerlichkeit begangen hat, eine politische Rolle spielen zu wollen?«

»Denselben.«

»Auch dieser ist mir bekannt. Er hat ja sehr dafür gesorgt, daß jedes Kind von ihm wissen muß. Stehen diese beiden Personen in einem Verhältnisse zu der Ursache Ihres Besuches bei mir?«

»Gewiß. Es sind die Hauptpersonen, um welche es sich handelt.«

»Sie meinen da doch wohl nur Cortejo, da Don Ferdinando doch nicht mehr lebt?«

Curt schüttelte den Kopf und antwortete:


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»Ich meine alle Beide, denn Don Ferdinando lebt noch; er ist nicht todt, er ist nicht gestorben.«

Der Beamte blickte erstaunt und überrascht empor.

»Sie irren,« meinte er. »Oder sollten Sie von diesem Todesfalle noch gar keine Kenntniß haben? Ich selbst bin ja bei dem Begräbnisse des Grafen zugegen gewesen!«

»Das glaube ich gern, aber dennoch lebt der Graf. Sie haben nicht eine Leiche, sondern einen Scheintodten begraben helfen.«

»Das wäre ja ein ganz und gar außerordentliches Vorkommniß. Aber, selbst wenn der Graf scheintodt gewesen wäre, könnte er nicht mehr leben, er müßte in seinem Sarge längst gestorben sein. Und dann, wie hätte man erfahren können, daß er lebendig begraben wurde?«

»O, Sennor, er ist nicht in seinem Sarge gestorben, sondern man hat ihn aus demselben genommen, um ihm ein Schicksal zu bereiten, welches noch schlimmer ist, als der Tod. Er ist lange Jahre Gefangener, oder vielmehr Sclave gewesen, hat aber doch endlich Gelegenheit gefunden, sich zu retten. Kaum aber ist er in sein Vaterland zurückgekehrt, so scheint ein neues Verbrechen an ihm begangen worden zu sein. Er ist abermals verschwunden.«

Es war ein eigenthümlicher Blick, welchen der Alkalde auf den Sprecher warf. Er schien große Lust zu haben, an seiner Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln, und sagte unter einem sehr ungläubigen Schütteln des Kopfes:

»Was Sie da behaupten, Sennor, das klingt ja fast wie ein Märchen. Darf ich um Aufklärung bitten?«

»Es ist ja mein Wunsch, Ihnen dieselbe zu geben, vorausgesetzt, daß Sie die nöthige Zeit dazu zur Verfügung haben.«

»Ich habe sie. Nehmen Sie Platz und sprechen Sie!«

Er setzte sich in seine Hängematte und brannte sich als echter Mexikaner eine Cigarette an. Curt mußte sich auch eine ebensolche in Brand stecken, und dann, nachdem er sich auf einen Stuhl niedergelassen hatte, begann er zu erzählen.

Der Alkalde hörte ihm zu.

Der Alkalde hörte ihm zu, ohne ihn mit einem einzigen Worte zu unterbrechen. Selbst, als Curt geendet hatte, machte er noch keine Bemerkung; aber er schnellte sich aus seiner Hängematte heraus und schritt in dem weiten Amtszimmer hin und her. Dann blieb er plötzlich vor dem Deutschen stehen und sagte:

»Junger Mann, ich weiß gar nicht, welcher Worte ich mich jetzt bedienen soll. Was Sie mir da erzählt haben, das klingt so unglaublich, daß man es für einen Wahnsinn halten möchte, es für Wahrheit zu nehmen. Und dennoch klingt es ebenso sehr glaubhaft. Sagen Sie mir doch gefälligst, ob Sie selbst überzeugt sind, daß sich Alles grad so verhält, wie Sie es mir sagten.«

»Sennor, ich habe die vollste Ueberzeugung,« betheuerte Curt.

»Giebt es nicht einen leisen, leisen Zweifel, gegen den Sie vielleicht doch zu kämpfen haben?«

»Ganz und gar nicht!«

»So lebt Don Ferdinando also wirklich noch?«

»Ja.«


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»Sie wissen das aus dem Briefe, welchen dieser Sennor Sternau an seine Frau nach Deutschland geschrieben hat?«

»Aus diesem Briefe, und sodann ist ja auch jener Jäger da, welcher den Grafen selbst gesehen hat.«

»Geierschnabel?«

»Ja. Und Capitän Wagner nebst seinen Matrosen.«

»Diese Alle aber haben den Grafen früher nicht gekannt!«

»Sie wollen damit sagen, daß diese Personen in Folge dessen nicht befähigt sind, den Grafen zu recognosciren?«

»Allerdings. Ihre Aussage würde noch nichts beweisen.«

»Aber Sternau, Mariano, Büffelstirn, Bärenherz und alle Anderen, welche mit ihm nach Mexiko kamen?«

»Sie können nichts sagen, da sie ja verschwunden sind.«

»So muß man versuchen, sie wieder zu finden!«

»Natürlich, natürlich. Meiner Hilfe dazu können Sie sicher sein, Sennor. Es ist da aber nothwendig, daß ich mit diesem Geierschnabel selbst spreche.«

»Ich werde ihn senden!«

»Nein, ich suche ihn selbst auf. Aber -« er warf einen forschenden Blick auf Curt und fuhr dann fort: »Sie kommen vom Geschäftsträger Preußens. Befinden Sie sich auch noch in einem nicht blos privaten Auftrage hier?«

Curt antwortete ausweichend:

»Selbst wenn dies der Fall wäre, würde es meiner Angelegenheit wohl nicht zum Schaden sein.«

»Nein, aber Sie bedürfen der amtlichen Hilfe. Es fragt sich, von welcher Seite Sie diese erwarten und beanspruchen!«

»Sie sehen das, indem ich zu Ihnen gekommen bin.«

»Ah, Sie waren bisher bei keinem Franzosen?«

»Nein.«

»Auch bei keinem Oesterreicher?«

»Auch nicht. Ich habe nur Herrn von Magnus in das Vertrauen gezogen. Daß ich auch den Verwalter der gräflichen Güter aufsuchte, geschah ja nur, um zu erfahren, ob die Gesuchten bereits bei ihm gewesen seien.«

»So wollen wir es dabei lassen. Ich glaube nicht, daß die Unterstützung eines Kaiserlichen Ihnen für die Dauer nützlich sein wird. Sie sind also überzeugt, daß die Personen, welche Sie bis hierher verfolgten, wirklich Cortejo und Landola sind?«

»Ja.«

»Und daß diese beflissen sein werden, sich mit dem leeren Sarge zu beschäftigen?«

»Ich vermuthe das allerdings.«

»Es ist ihnen zuzutrauen, nach Allem, was Sie mir erzählten. Aber wir selbst werden uns vorher mit demselben Gegenstande beschäftigen. Ich werde mich mit einigen meiner Beamten nach dem Erbbegräbnisse begeben. Hoffentlich begleiten Sie mich?«

»Es ist dies ja die Bitte, welche ich an Sie richten wollte.«


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»Gut. Ich werde sofort nach dem Palaste Rodriganda senden, um mir den Schlüssel zu dem Mausoleum zu erbitten.«

»Ah, Sennor, wäre es nicht vielleicht besser, dies zu umgehen?«

»Warum?«

»Ich halte es nicht für gerathen, zu viele Personen in das Geheimniß zu ziehen, am allerwenigsten aber diese Franzosen.«

»Hm, Sie mögen recht haben. Also Sie erwarten mit aller Bestimmtheit, den Sarg leer zu finden?«

»Ja.«

»Es ist natürlich nicht meine Absicht, Sie zu beleidigen, Sennor, aber als Beamter bin ich verpflichtet, den Gegenstand möglichst allseitig zu betrachten. Wenn wir den Sarg leer finden, könnte dies auch einen anderen Grund als den von Ihnen angegebenen haben.«

Curt errieth sofort, was der Alkalde andeuten wollte.

»Ah,« sagte er, »Sie meinen, daß man die Leiche auch wohl erst vor kurzer Zeit entfernt haben könne?«

»Ja, um Sie zu täuschen.«

»Wer könnte dies thun und was würde es ihm nützen? Uebrigens wird am Zustande des Sarges sicherlich zu erkennen sein, ob eine Leiche in ihm verfaulte oder nicht.«

»Gewiß. Glücklicher Weise bin ich im Besitz von Nachschlüsseln. Sie wissen, daß man als Beamter solche zuweilen nothwendig brauchen kann. Wollen wir aufbrechen?«

»Ich stehe zu Befehl!«

Der Alkalde entfernte sich auf einige Augenblicke, um seine Befehle zu ertheilen, und dann begaben sie sich nach Curt's Hotel.

In Mexiko, wo man gewöhnt ist, selbst die kleinste Strecke zu Pferde zurückzulegen, erregte es die Verwunderung der Passanten, den ihnen wohlbekannten Alkalden zu Fuß zu sehen. Er fand dies zwar nicht angenehm, konnte es aber doch nicht umgehen.

Im Gasthofe angekommen, nahm er den Jäger in's Verhör. Geierschnabel erzählte seine Erlebnisse in Fort Guadeloupe in seiner gewöhnlichen drastischen Weise. Jedes Wort, welches er sagte, bestätigte das, was der Beamte bereits von Curt gehört hatte.

»Bei Gott,« sagte er, »es gewinnt wirklich den Anschein, als ob wir uns nicht mit einem Märchen beschäftigten.«

»Donnerwetter!« rief Geierschnabel, indem er einen dicken Strahl Tabakssaftes an die Wand spuckte.

»Was? Warum fluchen Sie?«

»Na, denken Sie etwa, daß ich eines Märchens wegen nach Deutschland reise und mich sechstausendmal arretiren lasse?«

»Das traue ich Ihnen allerdings nicht zu,« meinte der Beamte lächelnd.

»Man hat sogar meine Posaune für ein Auseinanderplatzungsattentätermordbombeninstrument gehalten. Eine Lüge! Ein Märchen! Ich sage Ihnen, Sennor,


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wenn der Mann, den ich in Fort Guadeloupe sah, nicht Graf Ferdinando ist, so ist auch meine Nase hier nicht die meinige, sondern die Ihrige!«

»Das ist allerdings ein sehr überzeugender Beweis. Jetzt aber wollen wir nach dem Kirchhofe gehen.«

Sie machten diesen Weg, indem sie möglichst unbelebte Gassen benutzten und dann trennten sie sich, um einzeln durch das Thor zu treten, damit sie den etwa Anwesenden nicht auffallen möchten. Sie trafen auf dem Kirchhofe bereits mehrere Alguazils (Polizisten), welche auf den Befehl des Alkalden hier auf sie gewartet hatten. Einer von ihnen hatte nach dem Erbbegräbnisse gesucht und erhielt jetzt die Schlüssel des Alkalden. Er entfernte sich, um unbemerkt von den Kirchhofbesuchern die Thür zu öffnen, und bereits nach einigen Minuten meldete er, daß ihm dies gelungen sei.

Jetzt begaben sie sich nun einzeln nach dem Mausoleum, wo, als sie vollzählig beisammen waren, die Polizisten die Laternen hervorzogen, welche sie mitgebracht hatten.

Sie stiegen hinab und fanden den Sarg. Er wurde geöffnet und zeigte sich - leer.

»Santa Madonna!« rief der Alkalde. »Es ist wahrhaftig so; er ist leer!«

Curt untersuchte den Inhalt genau und sagte dann:

»Sehen Sie diese Kissen! Sie sind wie neu.«

»Ja,« antwortete der Beamte. »Es ist wahr. In diesem Sarge kann keine Verwesung vor sich gegangen sein. Mein Gott! Sollten Sie sich wirklich nicht täuschen? Sollte Graf Ferdinando wirklich lebendig begraben worden sein?«

»Auf alle Fälle, Sennor.«

»Nun, so werde ich auch Alles thun, um die Thäter zu entdecken. Ich werde den Kirchhof und besonders dieses Begräbniß von diesem Augenblicke an polizeilich bewachen lassen.«

»Wird dies auch zu rathen sein?« fragte Curt.

»Warum nicht?«

»Weil Diejenigen, welche wir fangen wollen, höchst scharfsinnige und verschlagene Menschen sind. Wie leicht könnten sie diese Bewachung bemerken und sich schnell zurückziehen, so daß sie uns dann leicht entgehen.«

»Aber soll ich sie denn nicht eben ausfindig machen?«

»Gewiß. Aber wir dürfen nicht glauben, daß sie am hellen Tage kommen werden, um irgend eine Leiche in den Sarg zu legen.«

»Darin haben Sie unbedingt recht. Sie werden dies nur des Nachts besorgen können. Aber woher die Leiche nehmen!«

»O, selbst so etwas kann einen Landola und Cortejo nicht in Verlegenheit bringen.«

»Sie meinen, daß sie sich eine Leiche machen werden?«

»Machen? Wollen Sie damit sagen, daß sie eine Leiche fabriciren werden - durch einen Mord vielleicht?«

»Ja.«

»O nein. Dazu sind sie zu klug.«

»Wieso zu klug?«


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»Eine neue Leiche kann ihnen ja gar nichts nützen. Sie brauchen eine alte Leiche, eine männliche Person, welche ungefähr so lange im Grabe gelegen hat, als Don Ferdinando todt sein soll.«

»Ah, Sie haben recht. Sie sind zwar ein noch sehr junger Mann, aber Sie zeigen den Scharfsinn, welcher so nöthig ist, falls Ihnen Ihr schwieriges Vorhaben gelingen soll.«

»Ich meine, daß es nicht nöthig sein wird, uns jetzt um sie und um den Kirchhof zu kümmern. Aber sobald es Abend geworden sein wird, dann müssen wir wachsam sein.«

»Ich werde den Zugang zum Begräbniß besetzen lassen.«

»Und sie da festnehmen?«

»Ja.«

»Ich würde doch vorziehen, sie bis hier herunter gelangen zu lassen. Sie sind da besser zu ergreifen, weil von hier aus ein Entkommen viel schwieriger sein wird.«

»Auch hierin haben Sie recht. Sie meinen also, daß diese Menschen sich eine Leiche rauben werden?«

»Ich vermuthe das.«

»Sie werden also ein altes Grab öffnen?«

»Nein, sondern sie werden die Leiche aus einem Begräbnisse holen, weil da nicht zu befürchten ist, daß eine Spur ihrer That zurückbleibt.«

»Auch hierin vermuthen Sie sehr richtig. Gehen wir also jetzt auseinander, um uns nach Einbruch des Abends hier wieder zu treffen.«

Sie entfernten sich einzeln, so wie sie gekommen waren.

In Erwartung der Ereignisse des Abends verging Curt der Nachmittag außerordentlich langsam. Geierschnabel hatte sich wieder in das Gras gelegt, um zu schlafen; aber sobald es düster genug geworden war, kam er, um den Lieutenant und den Matrosen abzuholen.

»Ich hoffe, daß uns die Kerls nicht lange warten lassen werden,« sagte Peters.

»Pah!« meinte Geierschnabel. »Sie werden sich doch grad den Spaß machen, uns möglichst lange warten zu lassen.«

»Warum?«

»Denkst Du, daß sie vor Mitternacht kommen?«

»Weshalb denn nicht?«

»Weil das die Geisterstunde ist, in der sich jeder dumme Mensch vom Kirchhofe möglichst fern hält.«

»Hm. Zu diesen Dummen scheinen wir also nicht zu gehören.«

»Ja, Du für dieses Mal allerdings nicht.«

Am Mausoleum stand ein Polizist; er hatte die Thür bereits geöffnet und wartete auf sie. Nach und nach fanden sich auch noch der Alkalde nebst mehreren anderen Polizisten ein.

»Nun gilt es, unsere Arrangements zu treffen,« sagte er. »Ich werde zunächst zwei Mann an die Thür postiren.«

»Das wird nichts helfen,« bemerkte Geierschnabel.


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»Warum?«

»Weil diese Kerls sehr dumm wären, wenn sie sich grad am Thore erwarten ließen. Sie werden wohl über die Mauer kommen. Das ist das Wahrscheinlichere.«

»Das erschwert die Sache ganz außerordentlich,« meinte der Beamte mißmuthig.

»Warum?« fragte der Prairiejäger.

»Weil ich da mehr Polizisten kommen lassen muß.«

»Mehr Polizisten? O, Master Alkalde, ich calculire, daß wir bereits genug solcher Leute hier haben.«

»Ich habe doch alle vier Mauern besetzen zu lassen.«

»Das ist nicht nöthig. Sie bleiben hier unten bei den Särgen und besetzen nur den Kirchhof, aber nicht durch die Polizisten.«

»Durch wen sonst?«

»Durch mich.«

»Durch Sie?« fragte der Alkalde. »Durch Sie allein?«

»Ja.«

»Sennor, das kann unmöglich genügen!«

»Donnerwetter, warum nicht?« fragte Geierschnabel, indem er mit großer Energie ausspuckte.

»Ein Mann ist zu wenig.«

»Da irren Sie sich ganz gewaltig. Viele Köche verderben den Brei. Ich bin ein Westmann, ein Prairieläufer. Wissen Sie das?«

»Ich weiß das allerdings.«

»Nun, so sage ich Ihnen, daß die zwei Ohren eines alten Jägers geeigneter sind, einen Kirchhof zu bewachen, als hundert Polizistenohren. Ihre Leute sind sicher nicht gewöhnt, den Käfer des Nachts im Grase laufen zu hören.«

»Sie meinen, daß Sie jedes Geräusch über den ganzen Kirchhof hin sofort erlauschen würden?«

»Ja.«

»Und daß Sie sofort merken werden, wenn die Erwarteten einsteigen?«

»Ganz sicher.«

»Selbst wenn Sie sich weit von dem Platze befinden, an welchem das geschieht?«

Geierschnabel fühlte sich verdrießlich über diese so eingehende Erkundigung. Er spuckte abermals aus und antwortete:

»Ich sage Ihnen, daß Sie mir den Kirchhof viel eher und besser anvertrauen können, als Ihren Leuten. Das ist genug. Wollen Sie mir nicht glauben, wollen Sie sämmtliche Mauern mit Polizisten besetzen lassen, als ob wir einen Sturmangriff abzuschlagen hätten, so müssen Sie auch gewärtig sein, daß die Kerls uns eher bemerken als wir sie. Und riechen sie einmal den Braten, so können wir ihnen im Dunkeln nachsehen.«

Der Alkalde wußte, welche scharfe Sinne so ein Jäger zu besitzen pflegt, darum antwortete er:


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»Sie mögen recht haben. Wir bleiben also Alle hier unten in dem Begräbnisse und Sie mögen oben wachen.«

»O, einen Ihrer Leute können Sie oben an die Thür postiren, damit ich Ihnen durch ihn Nachricht geben kann, ohne erst herunter zu müssen.«

Er entfernte sich und einer der Polizisten folgte ihm. Die Uebrigen blieben unten bei den Särgen zurück. Es waren der Alkalde, Curt, Peters und drei Polizeimänner, also sechs Personen, sicherlich genug, um die Erwarteten festzuhalten.

Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Es zeigte sich, daß Geierschnabel recht gehabt hatte, denn die Mitternacht rückte heran, ohne daß sich etwas ereignen wollte.

»Vielleicht kommen sie gar nicht,« meinte der Alkalde.

»Das ist möglich,« antwortete Curt. »In diesem Falle müssen wir morgen wieder wachen.«

»Oder sind sie bereits da und dieser Jäger hat es doch nicht gehört?«

»Sie würden uns doch in die Hände laufen.«

Da hörten sie nahende Schritte, welche zur Treppe herabkamen. Der oben aufgestellte Polizist war es.

»Sind sie da?« fragte der Alkalde erfreut.

»Ja, Sennor.«

»Wie viele?«

»Drei Mann. Der Jäger läßt Sie bitten, die Laternen zu schließen und einzustecken.«

»Gut. Was macht er jetzt?«

»Er ist wieder fort, um zu lauschen. Zwei sind nämlich zwischen den Gräbern verschwunden, der Dritte aber befindet sich am Thore, um zu wachen.«

In Folge dieser Meldung bemächtigte sich der Anwesenden eine ihre Sinne anspannende Erwartung, welche bald neue Nahrung erhielt, denn nach einer Weile kam Geierschnabel selbst herab. Da es jetzt unten finster war, so nannte er seinen Namen, um nicht für einen der erwarteten Verbrecher gehalten zu werden.

»Wo sind sie? Was thun sie?« tönte es ihm entgegen.

»Wir werden sie bekommen,« lachte er. »Sie holen jetzt den Grafen Ferdinando.«

»Den Grafen?« fragte der Alkalde. »Ich denke, daß der verschwunden ist.«

»Ja, er wird aber sehr bald erscheinen.«

»Ah! Hier?«

»Ja.«

»Wunderbar! Verstehe ich Sie recht?«

»Pah! Ich meine nicht den richtigen Grafen, sondern den falschen.«

»Den sie bringen? Ah, jetzt begreife ich, was Sie meinen! Sie holen eine Leiche?«

»Ja, sie sind jetzt gerade bei der Arbeit.«

»Wo?«

»In einem anderen Begräbnisse da drüben. Sie haben sich eine Leiter ge-


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holt und sind hinabgestiegen. Sie hatten ein Paquet mit, welches sie mit hinunter genommen haben.«

»Was mag das sein?«

»Jedenfalls Kleider. Sie müssen ihre Leiche doch so anziehen, wie der Graf gekleidet gewesen ist. Vorn am Thore aber steht Einer, der Wache hält. Senden Sie zwei Polizisten hin, welche sich an ihn schleichen und ihn festnehmen, sobald seine zwei Genossen hier herabgestiegen sind.«

Er entfernte sich wieder, um von Neuem zu lauschen, und nach seiner Angabe schlichen sich zwei Alguazils fort, um den Mann am Thore fest zu nehmen.

Es dauerte eine sehr geraume Weile, ehe Geierschnabel wiederkam. Dieses Mal hatte er es sehr eilig.

»Sie kommen,« meldete er.

»Die Zwei allein, oder der Wächter mit?« fragte Curt.

»Der Wächter nicht mit.«

»Sie bringen die Leiche?«

»Ja, Master Lieutenant.«

»So wird es Zeit, uns zu verstecken. Rasch hinter die Särge!«

Beim Eintritte Geierschnabels hatte der eine zurückgebliebene Polizist seine Blendlaterne für diese kurze Zeit herausgeholt und wieder geöffnet. Jetzt, als die Anderen sich beeilten, hinter die vorhandenen Särge zu kriechen, wollte er sie wieder einstecken, aber Geierschnabel verhinderte ihn daran.

»Halt!« sagte er. »So eilig ist es nicht. Erst giebt es noch etwas Anderes zu thun.«

»Was?« fragte der Mann.

»Den Deckel herab.«

»Von dem Sarge?«

»Ja.«

»Warum?«

»Das wirst Du sogleich sehen, mein Junge.«

Sie hoben den Deckel von dem leeren Sarge des Grafen ab, und nun sah der erstaunte Polizist, daß sich Geierschnabel mit aller Gemüthsruhe in die weichen, weißseidenen Kissen legte.

»Donnerwetter!« sagte er. »Was soll das bedeuten?«

»Mach den Deckel wieder zu, mein Junge,« antwortete Geierschnabel, indem er sich behaglich zurechtrückte.

»Aber, ich begreife nicht, was - -«

»So halte das Maul, wenn Du es nicht begreifst! Siehe doch einmal meine Nase an, und denke Dir, daß Jemand, der einen leeren Sarg zu finden erwartet, diesen öffnet und darin einen Geist oder ein Gespenst mit so einer Nase findet! Mache zu!«

Der Mann zögerte, und auch Curt wollte eben einen Einspruch erheben, als sich von oben ein Geräusch vernehmen ließ.

»Donnerwetter, mach' zu, sonst überraschen sie uns!« meinte Geierschnabel, indem er die Hände lang am Leib herablegte, so wie man die Todten zu betten pflegt.


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Jetzt blieb keine Wahl. Der Polizist hob behutsam den Deckel darauf und versteckte sich dann ebenfalls.

Jetzt herrschte hier unten die Stille des Todes; droben aber ließ sich das leise Knirschen eines Schlüssels hören. Nach einer Weile kamen Schritte herab, und der Schein der Laterne wurde sichtbar. Cortejo und Landola traten ein.

Curt steckte neben Peters, dem Matrosen.

»Sind sie es?« flüsterte er ihm zu.

»Ja,« antwortete der Gefragte, aber nur hauchend.

Jetzt begannen die beiden Eingetretenen zu sprechen.

»Leuchten Sie umher!« sagte Landola.

Cortejo trug die Laterne und folgte der Aufforderung. Sie suchten den Sarg und fanden ihn, da er ja in goldenen Lettern den Namen Dessen trug, der in ihm gelegen hatte.

Die Lauscher vernahmen jedes Wort, welches gesprochen wurde, auch den Wunsch Cortejo's, daß der Tod oder der Teufel in dem Sarge liegen möge, da Landola behauptet hatte, er werde in diesem Falle den Teufel um Feuer bitten. Ebenso hörten sie die Bemerkung von dem Kleister im Gesichte, aus welcher zu entnehmen war, daß sie ihre Gesichter durch künstliche Mittel verändert hatten.

»Und der Teufel würde Sie doch beim Kragen nehmen,« meinte schließlich Cortejo.

»Meinen Sie?« lachte Landola. »Wollen es versuchen. Also herab mit dem Deckel, und heraus mit dem Teufel!«

Der Polizist hatte den Deckel gar nicht nach der Fuge auflegen können; die Zeit war zu kurz dazu gewesen. Jetzt stieß Landola den Sarg auf; der Deckel f log mit großem Gepolter herab, und die beiden Männer erblickten - Geierschnabel mit seine langen Nase und weit geöffneten, starr auf sie gerichteten Augen im Sarge liegen.

Beide stießen einen lauten Ruf des Entsetzens aus, aber Beide standen starr vor Schreck. Sie waren in diesem Augenblicke unfähig, sich zu bewegen. Cortejo hielt mit der erhobenen Hand die Laterne empor, als ob er eine leblose Statue sei.

Da, nach längeren Sekunden, kehrte ihnen die Sprache wieder.

»O, Himmel!« rief Cortejo. »Wer ist das?«

»Der Teufel,« antwortete Landola.

Sie, die beiden Schurken, welche Thaten begangen hatten, deren nur ein Mensch fähig ist, welcher weder Gott noch Teufel fürchtet, sie wurden von ihrem Entsetzen so gepackt, daß sie zwar sprechen, aber sich nicht bewegen konnten. Beide zitterten am ganzen Körper.

»Der Teufel!« stöhnte Landola.

»Ja, der Satan!« ächzte Cortejo.

»Pchtichchchchch,« spritzte ihnen aus dem Sarge heraus ein Strahl Tabakssaftes in die Gesichter.

»Ja, der Teufel, der Satanas, der Beelzebub bin ich!« rief Geierschnabel, indem er auf- und aus dem Sarge sprang. »Ihr sollt mit mir jetzt nach der Hölle reiten. Hier habt Ihr den Ritterschlag der Unterwelt!«

Und mit seinen beiden Armen zu gleicher Zeit ausholend, gab er einem


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Jeden eine so gewaltige Ohrfeige, daß Beide auf die Steinplatten niederstürzten. Und im nächsten Augenblicke hatte er mit jener Geschwindigkeit, welche nur einem Prairiemanne eigen ist, die Waffen, welche sie bei sich trugen, entdeckt, ihnen entrissen und in den äußersten Winkel geworfen.

Beim Niederstürzen war der Hand Cortejo's die Blendlaterne entfallen, aber in den Sarg und zwar zufälliger Weise so zu liegen gekommen, daß ihr Licht nicht ausgelöscht war. Geierschnabel ergriff sie mit der Linken, zog mit der Rechten sein Messer und stellte sich so, daß er mit dem Rücken den Eingang und die Treppe deckte.

Das gab den Beiden die Ueberlegung zurück. Sie rafften sich vom Boden auf.

»Donnerwetter!« rief Landola.

»Alle tausend Teufel!« rief Cortejo.

»Das ist ein Mensch!«

»Kein Teufel!«

»Ein Kerl von Fleisch und Bein gemacht!«

»Der es gewagt hat, uns zu schlagen.«

Der Schreck war plötzlich verschwunden und der Grimm an seine Stelle getreten. Nun, da die beiden Patrone erkannten, daß sie es nur mit einem Menschen zu thun hatten, der sich übrigens allem Anscheine nach ganz allein in dem Gewölbe befand, waren sie mit einem Male wieder die Alten geworden.

»Kerl! Was willst Du hier? Was hast Du hier zu thun?« fragte Landola in drohendem Tone.

»Was ich hier zu thun habe?« fragte Geierschnabel trocken. »Ohrfeigen habe ich auszutheilen; das habt Ihr ja gefühlt.«

»Das sollst Du aber büßen müssen. Wer bist Du?«

»Der Teufel. Ihr habt es ja vorhin selber gesagt!«

»Treibe keinen Unsinn. Wer Du bist, will ich wissen.«

Landola ballte bei diesen Worten die beiden Fäuste und trat drohend einen Schritt näher heran.

»Männchen, mache Dich nicht lächerlich!« lachte Geierschnabel. »Weder Du noch Ihr alle Beide seid die Kerls dazu, mich fürchten zu machen!«

»Das wird sich finden. Ich verlange Antwort auf meine Fragen, erhalte ich diese nicht, so wirst Du sehen, was folgt!«

»Was soll denn folgen, he?«

»Wir öffnen Dir den Mund!«

»Pah! Dem Ersten, der es wagt, mich anzugreifen, schlage ich hier die Laterne an die Nase, daß er denken soll, es stecken drei Millionen Sonnen und Monde drin. So ein Mosieh Don Antonio Veridante darf nicht denken, daß ich vor ihm ausreiße!«

»Ah, Du kennst meinen Namen?« fragte Cortejo.

»Ja.«

»Woher?

»Von der Polizei, die Dich sucht.«

»Mich? Das ist Lüge!«

Da machte Geierschnabel ein höchst pfiffiges Gesicht und sagte:


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»Na, ich will die Wahrheit sagen. Ich habe diesen Namen von einem gewissen Gonsalvo Verdillo in Vera Cruz gehört.«

Als die Beiden den Namen ihres Agenten hörten, wurde ihnen das Herz leicht.

»Von Gonsalvo Verdillo?« fragte Cortejo. »Wie kamst Du zu ihm?«

»Das ist meine Sache!«

»Suchtest Du Jemand bei ihm?«

»Ja.«

»Wen?«

»Einen gewissen Landola.«

»Alle Wetter! Kennst Du diesen?«

»Nein.«

»Warum suchst Du ihn aber denn?«

»Weil ich etwas Wichtiges an ihn auszurichten habe.«

»Was?«

»Donnerwetter! Frage Du und der Teufel! Es versteht sich ganz von selbst, daß ich meine Botschaft nur an Den ausrichte, für den sie bestimmt ist.«

»Aber von wem sie kommt, das darf ich doch wohl wissen?«

»Auch nicht.«

»Wie kommt denn mein Name in Verbindung mit Deiner Botschaft?«

»Dieser Verdillo sagte mir, wenn ich Landola finden wolle, so müsse ich nach Mexiko und mich nach einem gewissen Don Antonio Veridante erkundigen. Er beschrieb mir den Mann so genau, daß ich ihn jetzt in diesem Augenblicke sofort erkannt habe.«

»Ah, ist es so! Ich kann Dir allerdings sagen, wo Landola zu finden ist. Vorher aber muß ich wissen, wie Du in das Gewölbe kamst.«

»Da herunter,« meinte Geierschnabel, indem er nach rückwärts auf die Thür und Treppe deutete.

»Das weiß ich. Hier ist nicht Zeit, zu spaßen. Antwort will ich.«

»Na, ein Anderer würde keine bekommen; da Du aber Derjenige bist, an den ich mich zu wenden habe, so will ich die Wahrheit sagen. Mein Geldbeutel ist nämlich verteufelt dünn geworden.«

»Was hat das mit dieser Gruft zu thun?«

»Sehr viel. Die Todten sind verständiger als die Lebendigen.«

»Ah, ich begreife,« meinte Cortejo. »Wer zu feig ist, die Lebenden zu bestehlen, der geht zu den Todten.«

»Mäßige Dich, mein Junge. Ich bin nicht feig, sondern nur vorsichtig.«

»Wie aber kamst Du grad auf diese Gruft?«

»Weil die Bewohner hier einst reich gewesen sind.«

»Das genügt. Wie kamst Du herunter?«

»Mittelst eines Nachschlüssels.«

»Du hast doch keine Laterne.«

»Die versteckte ich, als Ihr kamt.«

»Was hast Du erbeutet?«

»Noch nichts.«

»Ah, Du hast noch keinen der anderen Särge geöffnet?«


// 2294 //

»Nein, nur diesen hier. Und, zum Teufel, grad dieser erste war leer. Wenn das so fortgeht, muß ich mit leeren Händen abziehen. Es ist Mitternacht. Die Todten hier scheinen um diese Zeit spazieren zu gehen, eine recht dumme Angewohnheit!«

Die Beiden wußten nicht, was sie aus dem wunderbaren Manne, der ihnen einen solchen Schreck eingejagt hatte, machen sollten. Sie waren ihrer Zwei und fühlten sich ihm überlegen. Zu befürchten hatten sie auch aus dem Grunde nichts, weil er selbst ein Dieb, ein Leichenplünderer war, darum ergriff jetzt Landola das Wort und fragte:

»Also an Landola hast Du eine Botschaft auszurichten?«

»Ja.«

»An Seecapitän Landola?«

»Ja.«

»So sprich! Ich bin Landola.«

»Ah, wirklich?«

»Ja.«

»Nun, ich hätte nicht geglaubt, daß ich meinen Adressaten hier in diesem Gewölbe treffen werde. Aber wenn Du wirklich Landola bist, so muß der Andere Cortejo sein.«

»Wie kommst Du auf diesen Gedanken?«

»Das sollt Ihr nachher erfahren.«

»Nun gut, ich will Dir vertrauen und Dir sagen, daß dieser Sennor Cortejo heißt.«

»Aus Rodriganda in Spanien?«

»Ja.«

»Wenn das wahr ist, dann darf ich allerdings sagen, was ich an Euch Beide auszurichten habe.«

»Nun?«

»Ich soll Euch warnen, nach Mexiko zu kommen.«

»Warum?«

»Weil man Euch dort gefangen nehmen wird.«

»Pah!« sagte Landola unter einer geringschätzenden Bewegung seiner Hände.

»Pah?« fragte Geierschnabel. »Ihr haltet Euch für sicher? Man hat sogar die Zeit und den Ort bestimmt, wann und wo man sich Eurer bemächtigen wird.«

»Unsinn!«

»Ich kann es Euch beweisen!«

»Welche Zeit und welcher Ort sollte das sein?«

»Welche Zeit? Um Mitternacht. Und an welchem Orte? Hier im Grabgewölbe der Rodriganda.«

Cortejo fühlte sich doch etwas unbehaglich; Landola aber lachte und sagte:

»Mensch, Du scheinst halb Bösewicht und halb Dummkopf zu sein. Wir sind nicht gewöhnt, mit uns spaßen zu lassen -«

»Nun gut, so mag der Spaß aufhören,« unterbrach ihn Geierschnabel, »und der Ernst mag beginnen. Ihr seid meine Gefangenen!«


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Seine Miene war dabei so ernst, daß selbst Landola einsah, daß sich hier etwas sehr Unangenehmes vorbereitete. Er trat einen Schritt zurück, sah sich mit einem besorgten Blicke nach seinen fortgeschleuderten Waffen um und sagte:

»Kerl, Du bist verrückt! Wie können wir Deine Gefangenen sein!«

»Nicht meine? Nun gut, so will ich sagen, daß Ihr unsere Gefangenen seid.«

»Unsere? Ah! Du bist nicht allein?«

»Nein. Seht Euch um!«

Er zeigte nach dem Hintergrunde. Dort erhoben sich alle Versteckten, welche sich bisher ruhig verhalten hatten, hinter den Särgen und öffneten die Laternen. Es wurde doppelt hell im Gewölbe, und nun erkannten die Beiden, was ihrer wartete.

»Hölle und Teufel! Mich bekommt Ihr nicht!« rief Landola.

»Mich auch nicht,« rief Cortejo.

Beide warfen sich auf Geierschnabel. Dieser aber war darauf vorbereitet. Ohne sein Messer zu gebrauchen, stieß er Landola, den er für den Gefährlichsten hielt, die Blendlaterne in das Gesicht, so daß das Glas zerbrach und der Getroffene ganz geblendet zurückwich. Und zu gleicher Zeit empfing er Cortejo mit einem solchen Fußtritte, daß dieser niederstürzte. In demselben Augenblicke warfen sich die Anderen auf die sich nun vergeblich Wehrenden und machten sie mit Hilfe der mitgebrachten Fesseln unschädlich.

Als Cortejo einsah, daß aller Widerstand vergeblich sei, verzichtete er auf denselben. Landola aber sträubte sich gegen seine Banden und schäumte vor Wuth. Es half ihm nichts. Seine Fesseln wurden nur desto enger gezogen.

»Da haben wir sie also,« meinte der Alkalde. »Wollen wir mit dem Einleitungsverhör gleich hier beginnen, Herr Lieutenant?«

»Es wird hier der geeignete Ort nicht sein,« antwortete der Gefragte. »Wir haben zunächst mehr zu thun.«

»Was?«

»Die Leiche zu suchen, welche diese Menschen jedenfalls oben liegen haben, und dann den Mann festnehmen, welcher am Thore Wache gestanden hat.«

»Den haben meine Polizisten bereits fest.«

Darin irrte sich der Alkalde bedeutend. Grandeprise war ein erfahrener Jäger. Er lehnte am Thore und wartete auf die Rückkehr seiner Gefährten. Da vernahm er hinter sich ein leise sein sollendes Geräusch, welches aber für seine geübten Ohren nichts weniger als leise war. Er erkannte sofort den Tritt zweier Männer, welche sich gegen ihn herbeischlichen. Blitzschnell lag er an der Erde und kroch zur Seite und dann nach rückwärts, um sie zu beobachten. Er kam hinter einen dichten Rosenbusch zu liegen, vor welchem die Beiden stehen geblieben waren. Sie flüsterten mit einander.

»Ich sehe ihn nicht,« meinte der Eine.

»Ich auch nicht,« bestätigte der Andere.

»Wer weiß, was dieser Kerl mit der langen Nase gesehen hat. Vielleicht giebt es hier gar Keinen, der Wache steht.«

»Laß uns suchen!«


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Sie schlichen sich vorwärts, und nun erkannte er, daß er es mit Polizisten zu thun habe.

»Alle Teufel,« brummte er, »was ist das? Suchen sie mich? Will man mich gefangen nehmen? Ich muß die Beiden warnen.«

Er schlich sich in der Richtung fort, in welcher Cortejo und Landola von ihm gegangen waren, aber er fand sie nicht. Er suchte weiter, indem er sich in Acht nahm, auf irgend einen Lauscher zu stoßen. Da sah er einen Lichtschein durch die Büsche blitzen. Er ging darauf zu und kam an das Erbbegräbniß der Rodriganda, wo er laute Stimmen hörte.

»Hier liegt sie,« hörte er sagen.

»Ein Mann. Ah, er hat in den Sarg des Grafen gesollt. Laßt uns ihn untersuchen. Die beiden Gefangenen müssen sagen, aus welchem Begräbnisse sie ihn gestohlen haben.«

»Donnerwetter, sie sind gefangen,« dachte er. »Das ist unangenehm. Sie haben nichts sehr Böses gethan, aber da diese Herren Franzosen hier am Ruder sind, werden diese sehr kurzen Prozeß mit ihnen machen. Wo bleibe da ich mit meiner Absicht, diesen Landola zu fangen? Ich werde ihn niemals bekommen. Ich muß, bei Gott, sehen, ob ich diese beiden Kerls wieder losmachen kann.«

Er versteckte sich hinter ein Monument, welches ihn vollständig verbarg, und von welchem aus er die Scene von Weitem beobachten konnte.

Unterdessen wurden Cortejo und Landola heraufgeschafft und vor die da oben liegende Leiche gestellt.

»Woher habt Ihr diesen Todten geholt?« fragte der Alkalde.

Keiner antwortete.

»Ich frage, aus welchem Begräbnisse Ihr diesen Todten gestohlen habt?« wiederholte der Beamte.

Abermals keine Antwort. Er konnte fragen, was er wollte, sie beobachteten das tiefste Schweigen.

»Lassen Sie,« sagte Curt. »Es ist eine nicht seltene Taktik des Verbrechers, völlig zu schweigen, wenn er Alles verloren giebt. Wir werden morgen bei Tageslicht schon sehen, an welchem Begräbnisse dieser Leichendiebstahl begangen wurde.«

»Das ist wahr,« meinte der Alkalde. »Bis dahin mag Alles bleiben, wie es ist. Ich lasse meine Leute hier, um dafür zu sorgen, daß nichts verändert werde, wir Anderen sind genug, die beiden Kerls in Gewahrsam zu bringen.«

Kurze Zeit später wurden Cortejo und Landola von dem Alkalden, Curt, Geierschnabel und dem Matrosen Peters abgeführt. Die vier Letzteren bemerkten gar nicht, daß ihnen von Weitem eine männliche Gestalt folgte, um zu sehen, wohin die Gefangenen geschafft würden.

Im Gefängnißgebäude angekommen, wurde noch einmal ein Verhörsversuch mit ihnen angestellt, der ebenso resultatlos ausfiel wie der erste. Da nur noch ein einziger leerer Raum vorhanden war, so wurden sie Beide zusammen in demselben untergebracht, erhielten aber einen bewaffneten Soldaten vor die Thür, damit sie unmöglich entfliehen könnten.

Curt war mit bis in die Zelle gegangen, um sich zu überzeugen, daß die


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Gefangenen auch sicher untergebracht seien. Ehe er sie verließ, wendete er sich mit den Worten an Cortejo:

»Sennor Gasparino, denkt nicht etwa, daß Ihr mit Eurem Schweigen weiter kommt, als mit einem offenen Geständnisse. Ich bin von Allem unterrichtet und brauche Euer Geständniß nicht.«

Da endlich sagte Cortejo das erste Wort. Er blickte den jungen Mann verächtlich an und fragte:

»Was werdet Ihr wissen? Wer seid Ihr?«

»Ich heiße Curt Helmers und bin der Sohn des Steuermannes Helmers, welchen Landola hier mit nach der Insel geschafft hatte. Straflosigkeit habt Ihr Beide nicht zu erwarten, aber wenn eine Milderung möglich wäre, so doch nur in dem Falle, daß Ihr von Eurer Verstocktheit laßt.«

»So. Und was wißt Ihr denn von uns?«

»Alles.«

»So zählt es auf.«

»Ich verschmähe das. Wir stehen uns keineswegs so gleichwerthig gegenüber, daß ich mich zu einer Unterhaltung mit Euch herbeilassen könnte. Was ich vorzubringen habe, das wird Euch die Untersuchung lehren. Euer Spiel ist aus. Ihr habt nur noch leere Blätter und Nieten in der Karte.«

Unterdessen war der Jäger Grandeprise um das Gebäude herumgegangen, um die Mauern zu untersuchen. Er sah zu seinem Mißvergnügen, daß von hier aus an eine Befreiung nicht zu denken sei. Da bemerkte er, daß ein Fenster, welches mit außerordentlich starken Eisengittern verwahrt war, erleuchtet wurde.

»Ah,« brummte er, »das ist die Zelle, in welche man sie steckt. Jetzt weiß ich wenigstens das. Oder steckt man den Einen von ihnen noch anders wohin?«

Er wartete noch eine ganze Weile, um zu sehen, ob noch ein zweites Fenster erleuchtet werde. Als dies nicht der Fall war, murmelte er:

»Gut, sie scheinen beisammen zu sein. Jetzt gilt es, zu wissen, wann Diejenigen, welche sie fingen, sich wieder entfernen.«

Er begab sich wieder nach dem Eingange zurück, wo er sich auf die Lauer legte. Es dauerte nicht lange, so öffnete sich das Thor und vier Personen traten heraus, um sich zu entfernen.

»Sie sind es. Sie sind fort. Was nun thun und anfangen?« flüsterte er. »Es muß schnell gehandelt werden. Morgen ist es vielleicht zu spät.«

Er schritt nachdenklich die Straße entlang. Plan auf Plan durchkreuzte seinen Kopf, aber keiner erwies sich als ausführbar. Da hörte er klirrende Schritte hinter sich. Ein französischer Offizier, welcher so spät noch aus einer Tertullia oder Unterhaltung kam, schritt an ihm vorüber.

»Alle Teufel, welch' ein Gedanke! Das wäre etwas!« brummte er. »Dieser Mensch schien so ziemlich meine Statur zu besitzen. Allons, nicht lange überlegt, sonst geht die Gelegenheit vorüber!«

Als Prairiejäger schnell im Entschlusse und in der Ausführung, eilte er dem Offizier nach.

»Monsieur, Monsieur!« rief er halblaut.

»Was ist's?« fragte der Mann stehen bleibend.


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Sind Sie vielleicht der Capitän Mangard de Vautier?«

Er hatte diese Frage ausgesprochen, um nahe an den Offizier heran zu kommen. Dieser antwortete:

»Nein. Ich kenne keinen Capitän oder Offizier dieses Namens.«

»Nun, ich auch nicht,« meinte der Jäger lachend.

Während dieser Worte faßte er ihn mit der Linken bei der Gurgel, die er fest zusammenpreßte, und versetzte ihm mit der Rechten einen Hieb an die Schläfe, jenen Savannenhieb, unter welchem der Getroffene stets sofort besinnungslos zusammenstürzt.

»So, da liegt er! Nun aber fort von hier nach einem sichereren Orte.«

Bei diesen für sich hingeflüsterten Worten hob Grandeprise den Offizier auf, warf ihn sich über die Achsel und trug ihn nach einem einsam gelegenen Mauerwinkel, wo er ihn seiner Uniform entkleidete, ihn mittelst der Taschentücher fesselte und auch knebelte und dann die Uniform mit seinem eigenen Anzuge vertauschte.

»So,« meinte er. »Jetzt bin ich fertig. Jetzt beginnt erst das Wagniß. Gelingt es nicht, so geht es mir traurig.«

Er steckte seine Waffen zu sich und begab sich, nun seinerseits sporenklirrend, nach dem Gefängnisse, an dessen Thür er schellte.

»Wer da?« fragte der innen stehende Posten.

»Ordonnanz des Gouverneurs! Oeffnen!« antwortete er.

Der Schlüssel drehte sich im Schlosse. Grandeprise wurde eingelassen. Der Posten trat nahe an ihn heran und als er beim Scheine einer trübe brennenden Laterne die Uniform erkannte, salutirte er vorschriftsmäßig.

»Ist der Inspector des Gefängnisses noch wach?« fragte der Jäger.

»Nein, mein Capitän,« antwortete der Posten. »Er wurde aus dem Schlafe geweckt, als man vor kurzer Zeit zwei Gefangene brachte, ist aber wieder zur Ruhe gegangen.«

»Wer ist an seiner Stelle?«

»Ein Schließer.«

»Parterre?«

»Ja. Jede Fronte hat außerdem ihren Posten.«

»Gut.«

Er schritt über den Hof hinüber und läutete an der Thür des eigentlichen Gefangenenhauses. Der Schließer öffnete. Grandeprise wußte, daß zur gegenwärtigen Zeit die Franzosen die eigentlichen Meister des Landes waren, deren Wille in vielen Fällen und Beziehungen einen geradezu knechtischen Gehorsam fand. Er gab sich daher die Miene und das Aeußere eines Mannes, der nicht im Geringsten geneigt ist, mit sich sprechen und handeln zu lassen, und sagte:

»Ist der Inspector wach?«

»Nein. Soll ich ihn wecken?« fragte der Schließer.

»Nein, ist nicht nöthig. Wie viele Mann in der Wachtstube?«

»Acht.«

»Bin Ordonnanz des Gouverneurs. Können zwei Mann zum Transport eines Gefangenen für kurze Zeit entbehrt werden?«


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»Ja.«

»Schnell holen. Habe nicht viel Zeit.«

Während der Schließer sich entfernte, um diesem kurz und streng gegebenen Befehle Gehorsam zu leisten, betrachtete der kühne, waghalsige Jäger sich den Raum, in welchem er sich befand.

Da gab es eine Tafel, auf welcher die Namen sämmtlicher Insassen des Gefängnisses verzeichnet waren. Dabei las er: »Nummer 32 angeblich Advocat Antonio Veridante nebst Secretarius.« Er wußte also die Nummer, in welcher die Gesuchten zu finden seien. Auf einer Schreibtafel lagen verschiedene Formulare, unter denen er auch Quittungsscheine für Entgegennnahme von Gefangenen fand. Auch das kam ihm zu statten. Er nahm eiligst eine Feder zur Hand, füllte einen dieser Scheine aus und setzte den ihm bekannten Namen des Gouverneurs darunter, ganz auf's Gradewohl und ohne die Handschrift dieses hohen Beamten zu kennen. Er trocknete die Schrift, faltete das Blatt zusammen und steckte es in die Tasche. Er war kaum damit fertig, so kam der Schließer mit zwei Mann Soldaten zurück, welche scharf geladene Gewehre trugen.

»Hier, mein Capitän, sind die Leute,« meldete er.

»Gut. Ist ein Hauptschlüssel vorhanden?«

»Ja. Ich trage ihn bei mir.«

»Er schließt alle Zellen?«

»Alle.«

»Mir folgen! Vorwärts!«

Da er von außen das erleuchtete Fenster gesehen hatte, so wußte er, daß die betreffende Zelle im ersten Stockwerke lag. Er stieg also, vom Schließer und den Soldaten gefolgt, die Treppe empor und schritt dann oben den Corridor hinab, bis er vor Nummer 32 stand.

»Oeffnen!« befahl er.

Der Schließer gehorchte ohne Widerrede. Der vor der Thür stehende Posten trat zurück und die Thür ging auf. Bei dem Scheine der Laterne, welche der Schließer trug, erkannten die beiden Gefangenen einen französischen Offizier, welcher eintrat.

Ein Offizier trat ein.

»Sie sind der Advocat Antonio Veridante?« fragte er Cortejo.

»Ja,« antwortete dieser.

»Und dieser Mann ist Ihr Secretär?«

»Ja.«

»Zeigen Sie her!«

Diese letzten Worte waren an den Schließer gerichtet, dem er die Laterne aus der Hand nahm. Er that so, als ob er den beiden Gefangenen in das Gesicht leuchten wolle, hielt aber die Laterne so, daß sie auch das seinige erkennen konnten. Sie wußten sofort, woran sie waren, obgleich ihnen dieses Wagniß ein gradezu unerhörtes und unbegreifliches erschien, während Grandeprise doch nur mit der blitzschnellen Energie des Prairiemannes einem augenblicklichen Impulse gefolgt war.

»Ja, sie sind es,« sagte er. »Der Gouverneur wurde mit der Nachricht von Ihrer Festnahme geweckt. Er will Sie augenblicklich sehen, da er weiß, daß Sie verdächtig sind, mit Juarez verkehrt zu haben. Sie haben mir zu folgen!«


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Und sich an den Schließer wendend, zog er die Quittung hervor und sagte in einem Tone, der keine Entgegnung zuließ:

»Hier die Bescheinigung des Gouverneurs, daß Sie mir die beiden Gefangenen verabfolgt haben. Ich bringe sie in ungefähr einer Stunde wieder. Stellen Sie mir bis dahin eine Quittung aus, daß ich nicht zu warten brauche. Vorwärts!«

Er schob die Gefangenen zur Thür hinaus und winkte den beiden Soldaten, sie unter ihre Obhut zu nehmen. Der Schließer wagte kein Wort des Einwandes. Er las beim Scheine der Laterne die Quittung und hielt es nun für unmöglich, sich zu sträuben.

So ging es fort, zur Treppe hinab, über den Hof hinüber und zum Thore hinaus, welches der Posten wieder öffnete. Draußen schlugen die Soldaten von selbst die Richtung ein, welche zum Gouverneur führte.

Es war stockdunkel; Straßenlaternen gab es nicht und so versicherten die Soldaten ihrer Gefangenen sich dadurch, daß sie je Einen beim Arme ergriffen. Der Jäger fühlte jetzt sein Herz erleichtert, er wußte nun, daß er gewonnenes Spiel haben werde. Er hatte sich in eine fürchterliche Gefahr begeben gehabt. Was zählen Muth und Scharfsinn, Klugheit und Erfahrung eines Savannenläufers hinter den Riegeln eines Gefängnisses. Jetzt hatte er den freien Himmel wieder über sich und nun fühlte er sich von jeder Besorgniß frei.

Als sie eine genügende Strecke gegangen waren, zog er sein scharfes Messer heraus. Er hatte gesehen, daß die Fesseln nur aus Riemen bestanden, und fragte jetzt die Soldaten:

»Habt Ihr die Kerls auch sicher?«

»Ja, mein Capitän,« antwortete der Eine. »Wir führen sie ja beim Arme.«

»Aber die Riemen?«

»Sie scheinen fest zu sein.«

»Wollen es lieber untersuchen. Riemen pflegen nachzugeben.«

Er that, als ob er die Banden mit den Händen auf ihre Festigkeit prüfen wolle, und schnitt sie ganz im Gegentheile durch. Die Gefangenen fühlten, daß sie frei seien, ließen sich dies aber durch keine Bewegung merken.

»Es ist gut,« sagte er. »Ich glaube, wir sind nun sicher. Vorwärts nun wieder!«

Der Weg wurde wieder fortgesetzt, aber bereits bei der nächsten Straßenecke stieß der eine Soldat einen Schrei aus und stürzte zu Boden.

»Was giebt's?« fragte Grandeprise.

»Donnerwetter!« antwortete der Mann. »Mein Kerl hat sich losgerissen und mich hergeschmissen.«

»Ah! Wo ist er?«

»Da drüben muß er laufen!«

»Ihm nach!«

Das Gewehr im Arme, rannte der Soldat fort. Schießen konnte er nicht, denn die Dunkelheit erlaubte ihm nicht, das Geringste zu erkennen.

»Halte nur den Deinen fest!« gebot Grandeprise dem Anderen. »Verdammt wäre es, wenn wir ihn nicht wieder bekämen!«


// 2301 //

»Keine Sorge, mein Kapitän!« antwortete der Mann im zuversichtlichsten Tone. »Dem soll es nicht gelingen, mir - au, oh, Donnerwetter!«

»Was giebt es?« fragte Grandeprise.

Grad ebenso wie sein Kamerad am Boden liegend, raffte sich der Soldat empor und antwortete:

»Auch der meinige hat mich niedergeworfen!«

»Alle Teufel! Was für Schufte seid denn Ihr Kerls! Laßt Euch von diesen Schlingels zur Erde bringen! Wo ist er denn?«

»Fort!« antwortete der Mann sehr kleinlaut.

»Donner und Doria! Wohin denn?«

»Da vorn scheint er zu rennen!«

»Laufe! Sonst mache ich Dir Beine! Kriegst Du ihn nicht wieder, so soll Dich der Teufel holen!«

Der Soldat rannte voller Angst von dannen.

Seine Schritte waren noch nicht verklungen, so drehte sich der Jäger kurz um und ging den Weg zurück, den sie gekommen waren.

»Verdammt klug haben es die beiden Kerls gemacht,« brummte er vergnügt. »Diese Franzosen haben nichts gesehen, ich aber habe es deutlich bemerkt. Sollte mich wundern, wenn sie nicht hier in dieser Gegend zu mir stießen.«

Er hatte richtig vermuthet, denn kaum war er mit diesem Gedanken zu Ende gekommen, so huschten zwei Gestalten zu ihm heran.

»Eingetroffen, Capitän!« sagte der Eine halblaut und lachend.

»Ich auch,« meinte der Andere, ebenso lachend.

Es waren keine Anderen als Landola und Cortejo.

»Wo sind die Soldaten?« fragte der Erstere.

»Weit fort!« antwortete der Gefragte.

»Was für dumme Kerls! Denken die, daß wir vorwärts rennen! Ich habe mich einfach niedergeduckt und bin kauern geblieben.«

»Ich ebenso,« sagte Cortejo. »Aber nun sagen Sie, wie Sie in diese Uniform kommen?«

»Sehr einfach,« antwortete der Jäger. »Ich schlug einen Offizier nieder und nahm ihm seine Uniform.«

»Donnerwetter! Welch ein Wagniß!«

»Ein Jäger fragt nach keinem Wagnisse, wenn es gilt, seinen Gefährten einen Dienst zu erweisen.«

»Wir sind Ihnen da allerdings sehr großen Dank schuldig. Aber wie kamen Sie in das Gefängniß?«

»Ebenso einfach, wie in die Uniform; ich ging hinein.«

»Man ließ Sie wirklich ein?«

»Natürlich. Oder hätten Sie mich im Gefängnisse gesehen, wenn man mich nicht hineingelassen hätte?«

»Das ist wahr,« lachte Landola.

»Uebrigens war die Uniform die beste Passepartout. Sie haben ja gehört und gesehen, daß ich als Ordonnanz des Gouverneurs auftrat.«


// 2302 //

»Allerdings. Aber wie kamen Sie zu dieser Bescheinigung, welche Sie vorzeigten?«

»Ich machte sie mir selbst, während der Schließer die Piquets holte. Die Formulare lagen auf dem Tische.«

»Ein riesiges Wagniß! Ein geniales Unternehmen, möchte man sagen! Aber der Offizier, den Sie niederschlugen?«

»Er liegt jedenfalls noch dort. Ich habe ihm einen Knebel gegeben, daß er nicht mucksen kann. Natürlich suche ich ihn jetzt auf und gebe ihm seine Uniform wieder.«

»Sie haben ihm bis dahin Ihre Kleidung angezogen?«

»Fällt mir nicht ein. Welch' eine Arbeit wäre das gewesen! Ich habe sie einstweilen zu ihm hingelegt und werde sie mir jetzt wiedernehmen. Kommen Sie!«

Sie schritten der Stelle zu, an welcher Grandeprise den Offizier zurückgelassen hatte.

Unterdessen waren Curt, Geierschnabel und Peters, nachdem sie sich von dem Alkalden getrennt hatten, in ihr Hotel zurückgekehrt. Der Erstere und der Letztere legten sich schlafen, Geierschnabel aber, welcher am Tage über genug gelegen hatte, verschmähte es, zur Ruhe zu gehen. Er konnte sich einer gewissen Befürchtung nicht enthalten. Waren die Gefangenen sicher untergebracht? Reichte die Beaufsichtigung zu, unter welcher sie im Gefängnisse standen? Ja, wenn man da draußen in der Prairie, im Urwalde einen Gefangenen macht, den bewacht man selbst, und da weiß man ganz genau, was man oder er zu erwarten und zu hoffen hat. Hier aber muß man seine Gefangenen der Behörde übergeben und diese Frau Behörde ist in Mexiko eine gar eigenthümliche und sehr wenig zuverlässige Persönlichkeit. Besonders war sie dies zur damaligen Zeit. Darum trieb es unseren Geierschnabel fort, ein wenig lauschen zu gehen, ob in der Nähe des Gefängnisses Alles in Ordnung sei.

Er steckte seinen Revolver und sein Messer zu sich und schlich sich, damit kein Schläfer gestört werde, leise davon.

Er kannte die Gegend, in welcher das Gefängniß lag, sehr genau; er war heute ja bereits dort gewesen. Er hatte es beinahe erreicht, als er durch ein Gäßchen ging, welches von zwei Mauern begrenzt oder gebildet, eingefaßt wurde. Diese Mauern waren dunkel und nicht sehr hoch. Die eine davon bildete eine Einbiegung, einen schmalen Winkel, welcher noch dunkler dalag als das an und für sich bereits finstere Gäßchen. Indem er nun so leise dahinschritt, wie es Art der Savannenleute ist, die auch, wenn sie sich in Städten befinden, ihren vorsichtigen, unhörbaren Schritt beizubehalten pflegen, war es ihm, als ob er in diesem Winkel eine Bewegung höre.

Das fiel ihm auf. Ein Liebespaar zu so später Nacht- oder vielmehr Morgenstunde? Das war sehr unwahrscheinlich. Was gab es hier? Er mußte es wissen, es ließ ihm keine Ruhe.

Er trat näher. Sein scharfes, an die Dunkelheit gewöhntes Auge erkannte eine an der Erde liegende Masse, welche sich mühsam hin und her zu bewegen versuchte. Er bückte sich nieder, die Hand am Griffe des Messers. Ah! Diese


// 2303 //

Hand glitt bald vom Messer weg, denn der Mann, welcher hier lag, war nackt, gebunden und geknebelt und neben ihm lag ein Kleiderbündel.

Der alte Trapper war ein vorsichtiger Mann. Dieser Fremde konnte auch ein böser Mensch sein. Er band ihm also einstweilen nur den Knebel los, ließ ihm aber die Fesseln noch an den Armen und den Beinen. Er wollte erst wissen, wen er vor sich habe.

»He, guter Freund, wer sind Sie denn eigentlich?« fragte er.

»Mon dieu!« stöhnte der Gefragte. »Welch ein Glück, daß ich wieder athmen kann!«

»Was geht mich Ihr Athem an? Wer Sie sind, will ich wissen.«

»Ah, ich bin ein französischer Offizier. Capitän Durand ist mein Name.«

»Das glaube, wer da will!«

»Ich sage die Wahrheit!«

»Läßt sich ein französischer Soldat, Offizier und Capitän so leicht überfallen und binden?«

»Ich erhielt ganz unerwartet einen Hieb an den Kopf, der mir die Besinnung raubte.«

»Ja, so ist es, wenn man die Besinnung nur im Kopfe und nicht auch mit in den Fäusten hat. Sogar ausgezogen hat man Sie! Zu welchem Zwecke?«

»Ich weiß es nicht. Bitte, befreien Sie mich doch von den Fesseln!«

»Nur langsam, langsam, mein Junge. Es kommt schon noch die Zeit, in welcher auch die Fesseln fortgenommen werden, und wenn es auch schon in sechs oder acht Wochen sein sollte. Zunächst muß ich wissen, woran ich bin. Hier liegen Kleider.«

»Es sind die meinigen.«

»Ah! Warum geht ein französischer Capitän nicht in Uniform?«

»Ich bin ja in Uniform gegangen!«

»Oho! Hatten Sie einen Degen?«

»Ja.«

»Epauletten?«

»Ja.«

»Rock und Hose mit Passepoiles?«

»Ja.«

»Ein Kappi oder einen Tschacko?«

»Ja.«

»Und hier liegen lange, grobe Stiefel, eine Leinwandhose, eine alte Jacke, ein baumwollenes Halstuch, ein alter Ledergürtel und ein Hut, den man in der Dunkelheit für einen Waschbär oder einen schwarzen Kater halten könnte.«

»Tausend Donner! So sind es nicht meine Kleider.«

»Nicht? Ah! Wem gehören sie denn?«

»Dem, der mich überfallen hat. Er trug so einen dunklen Hut mit breiter Krempe.«

»Schön! Er hat sich also hier ausgezogen und Ihre Uniform angelegt?«

»Wie es scheint!«

»Das glaube der Kukuk! Diese alte Ecke, in welcher Hunde und Katzen


// 2304 //

ihre Andenken zurückgelassen haben, wie deutlich zu riechen ist - vielleicht haben auch einige mexikanische Herren und Damen dabei mitgewirkt - ich sage, diese alte Ecke scheint mir ganz und gar nicht die Eigenschaften eines An-, Aus- und Umkleideboudoirs zu besitzen.«

»Ich wiederhole, daß ich die Wahrheit sage.«

»Nun, so erzählen Sie mir einmal, wie das mit dem Ueberfalle zugegangen ist!«

»Ich kam aus einer Tertullia; da begegnete mir ein Mensch, der mich anredete.«

»Was sagte er?«

»Er fragte mich, ob ich Capitän so und so sei; den Namen habe ich vergessen.«

»Der Ihrige war es nicht?«

»Nein. Ich sagte, daß ich keinen Capitän dieses Namens kenne, und er antwortete: »Ich auch nicht!« Dabei war er ganz nahe getreten und versetzte mir einen Schlag an den Kopf, daß ich sofort niederstürzte und die Besinnung verlor.«

»Donnerwetter! Ganz so sind unsere Jagdhiebe beschaffen. So schlagen nur wir Prairiejäger zu. Und die Fetzen, welche hier liegen, sehen kann man sie nicht genau, aber sie fühlen sich grad an wie Prairiezeug, so dick und hart, so schön prasselig vor Dreck und Schmutz. Sollte dieser Kerl etwa ein Savannenmann gewesen sein?«

»Ich kann es nicht sagen. Machen Sie mich nur von den Fesseln los.«

Geierschnabel hörte gar nicht auf die letztere Aufforderung. Er war gewöhnt, jeden Umstand mit dem andern in Beziehung zu bringen, und da kam ihm ein Gedanke.

»Donnerwetter!« sagte er. »Das wäre ja eine ganz und gar verfluchte Geschichte.«

»Was?«

»Wo ist der Ueberfall geschehen? Etwa in der Nähe des Gefängnisses?«

»Ja, gar nicht weit davon.«

»Da hat man es! Und der da draußen Wache gestanden hat, den haben wir nicht gefangen. Wer aber ist am Besten geeignet, Wache zu halten? Ein Prairiemann!«

»Ich verstehe ja gar nicht, was Sie sprechen und meinen!« klagte der noch Gebundene.

»Das ist auch ganz und gar nicht nothwendig. Wenn nur ich verstehe, was mich ärgert. Ich habe da einen Gedanken, der mich verrückt machen könnte. Bleiben Sie einmal hübsch still liegen. Ich komme gleich wieder.«

Bei diesen Worten eilte der Jäger davon. Der Andere rief ihm nach:

»Aber so lassen Sie mich doch um Gotteswillen nicht so hilflos liegen.«

Aber Geierschnabel hörte gar nicht darauf. Er schritt so rasch davon, als ob es gelte, einen Wettlauf zu machen. Beim Gefängnisse angekommen, schellte er. Der Posten fragte:

»Wer ist draußen?«

»Geierschnabel!«

»Kenne ich nicht!«


Ende der sechsundneunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Waldröschen

Karl May - Leben und Werk