Lieferung 101

Deutscher Wanderer

22. August 1885

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


// 1601 //

Vater Main brachte einen Cigarrenstummel aus der Tasche, brannte ihn an, und setzte sich auf den kahlen Steinboden nieder. Lermille zog den Duft des Krautes gierig ein und sagte:

»Donnerwetter! Das ist nichts Ordinäres. Wie kommst Du zu so einer Exquisiten?«

»Ich sah den Stummel am Quai liegen.«

»Glückskind! Den hat kein Lump weggeworfen. Hast Du sonst Etwas mitgebracht?«

»Zu essen?«

»Ja.«

»Nichts, gar nichts.«

»Auch kein Geld?«

»Nein.«

»So bin ich gescheidter gewesen als Du. Ich begebe mich lieber gleich gar nicht in die Gefahr, erkannt und erwischt zu werden. Ist nachher der Mond hinab, so gehe ich, um Wasser zu holen und einige Feigen zu stehlen; das reicht ganz gut bis morgen. Ich bin froh, die See zwischen Paris und mir zu haben, und will jetzt noch nicht gleich wieder verwegen sein, wie ein Leiermann.«

»Hast auch Ursache dazu.«

»Denke ganz ebenso!«

»Habe soeben erst den Beweis erlebt.«

»Ah! Wieso?«

»Ich hatte ein wunderbar hübsches Wiedersehen.«

»Mit wem?«

»Rathe einmal!«

»Laß mich in Ruhe! Was man mir sagen kann, brauche ich nicht erst zu errathen. Ich habe meinen Kopf für nützlichere Dinge nöthig. Also, wen hast Du wiedergesehen?«

»Einen frühem Prinzipal von Dir.«

»Welchen? Ich habe viele Prinzipale gehabt.«

»Es wird der letzte gewesen sein.«

»Doch nicht etwa Hassan, der Zauberer?«

»Grade dieser.«

»Alle Teufel!«

»Sieh, wie Du Dich freust!« höhnte Vater Main.

Der Bajazzo war von seinem Lager aufgesprungen.

»Ist's wahr?« fragte er.

»Ja.«

»Wann?«

»Vor zwei Minuten.«

»Wo?«

»Draußen auf der Straße.«

»Wie kommt dieser Kerl nach Algier?«

»Dumme Rede! Er kann ja viel eher nach Algier kommen als jeder andere Deiner früheren Herren. Er ist ja ein Eingeborener.«

»Hat er Dich früher gekannt?«

»Sehr gut.«

»Und Dich wohl gar jetzt erkannt?«

»Sofort.«

»Donnerwetter! Was sagte er?«

»Er hatte noch Einen bei sich. Diese beiden Kerls hätten mich höchst wahrscheinlich festgehalten; aber ich gab ihm Eins auf den Leib, so daß er taumelte, und riß aus.«

»Verfolgten sie Dich?«

»Höchst eifrig. Es gelang mir aber, drüben hinter die Thür zu kommen. Sie blieben in der Nähe stehen, und ich hörte, was sie schwatzten.«

»Was sagten sie?«


// 1602 //

»Hassan will morgen gleich früh melden, daß er mich gesehen hat.«

»Verdammt!«

»Hast Du Angst?«

»Lache nicht. Wir stehen bei der Polizei so gut angeschrieben, daß sie sich ganz außerordentlich nach uns sehnt.«

»Das ist eine große Ehre für uns.«

»Aber höchst unbequem. Erfährt man, daß wir hier in Algier sind, so wird sicher eine Razzia abgehalten. Wie wollen wir da entkommen?«

»Vielleicht sind wir dann bereits fort.«

»Wohin?«

»Weiß es noch nicht.«

»Weil wir überhaupt nicht fort können.«

»Oho!«

»Wohin willst Du ohne Geld?«

»Werden wir denn ohne Geld gehen?«

»Du sagst ja, daß Du keines hast.«

»Das besteht auch sehr in Wahrheit. Aber was nicht ist, das kann noch werden.«

»Ah! Sapperment! Du hast eine Gelegenheit erspürt?«

»Hm! Du thust es nicht, wenn ich es nicht thue.«

»Du oder ich; das ist ganz egal. Ist nur erst einmal Etwas gefunden, so bleibe ich bei der Ausführung sicherlich nicht zurück. Also, was ist's?«

»Es war ein zweites, ganz unerwartetes Wiedersehen.«

»Mit wem? Kenne ich ihn?«

»Auch sehr gut.«

»Ein Pariser?«

»Ja. Der Lumpenkönig.«

»Alle Teufel! Lemartel?«

»Ja.«

»Wenn das wahr wäre!«

»Natürlich ist es wahr!«

»Er ist wirklich da?«

»Freilich.«

»Was mag der in Algier wollen?«

»Ich weiß es bereits, obgleich es nicht leicht war, es auszuspioniren. Er hat nämlich so Etwas wie eine Armeelieferung übernommen, wahrscheinlich für hiesige Truppen, und hat sich nun an Ort und Stelle begeben, um sich zu informiren.«

»Wo wohnt er?«

»Hotel du Nord.«

»Allein?

»Seine Tochter ist bei ihm.«

»Bedienung?«

»Kein Mensch. Dazu ist er zu geizig.«

»Hat er Dich gesehen?«

»Nein, nur ich ihn. Ich stand am Quai, als er sich ausschiffte, und bin ihm bis an's Hotel gefolgt.«

»Gewiß hat der Kerl Geld mit!«

»Natürlich!«

»Du meinst, wir wollen ihn schröpfen?«

»Wärst Du denn von der Parthie?«

»Auf alle Fälle.«

»Schön! Es kann uns gar nichts Gelegeneres kommen. Wir müssen morgen früh fort sein. Ohne Geld geht das nicht. Wir holen es bei Lemartel.«

»Aber wenn er nichts herausgiebt? Du weißt, wie er es mit uns bereits gemacht hat.«

»Nun, so kitzeln wir ihm so lange die Hände, bis er in die Tasche greift.«

»Oder an den Hals!«

»Bis wir in seine Tasche greifen können? Auch gut.«

»Weißt Du, welche Zimmer er bewohnt?«

»Natürlich habe ich nicht eher geruht, als bis ich das genau erfahren habe. Er hat drei Zimmer der ersten Etage genommen, zwei für sich und eins für seine Tochter.«

»Wie liegen diese Zimmer?«

»Nummer Eins sein Arbeits-, Nummer Zwei sein Schlafzimmer und Nummer Drei das Boudoir für das gnädige Fräulein.«

»Hm! Wollen wir uns auch an das Mädchen machen?«

»Möglichst nicht.«

»Dann müssen wir kommen, ehe er schlafen geht.«

»Freilich. Später würden wir ja überdies auf keinen Fall zu ihm können.«

»Ah, Du willst es wagen, offen zu ihm zu gehen?«

»Das ist das Allerbeste.«

»Aber da wird man uns sehen!«

»Was schadet es?«

»Es schadet sehr viel, nämlich im Falle wir ja Gewalt anwenden müssen.«

»Pah! Man wird uns nicht so genau betrachten. Uebrigens haben wir drüben den alten Juden, welcher uns für kurze Zeit zwei Kaftans leihen wird. Das wird uns so verstellen, daß man uns später nicht erkennen kann.«

»Wie weit gedenkst Du zu gehen, wenn er sich weigert, in den Beutel zu greifen?«

»Grad so weit, wie er uns treibt.«

»Das heißt, unter Umständen sogar - - so weit?«

Er fuhr sich dabei mit dem Finger quer über den Hals.

»Ja,« antwortete Vater Main bestimmt.

»Sapperment! In diesem Falle hieß es freilich, das Bündel für auf Nimmerwiedersehen schnüren!«

»Wir können nur gewinnen, wenn wir wagen.«

»Gut. Also, wann beginnen wir?«

»Besser ist's, wir versäumen keine Zeit. Gehen wir also lieber schon jetzt zu dem Juden.«

Sie löschten ihre Lampe aus und verließen den Raum. Im Hofe halfen sie einander auf eine zweite Mauer und sprangen dann in einen weiteren Hof hinab. Auch hier herrschte eine wahre Grabesstille. Sie schlichen sich im Schatten nach einer Ecke, wo es eine niedrige Thür gab, an welcher sie leise klopften.

Ein unterdrückter Husten ließ sich hören, dem man es anmerkte, daß er als Antwort gelten solle. Aber erst nach einiger Zeit wurde geöffnet. Eine kratzende weibliche Stimme fragte leise:

»Wer ist gekommen, zu klopfen an diese Thür?«

»Freunde.«

»Wie heißen sie?«

»Wir sind Nachbarn.«

»Ah, daran erkenne ich die Messieurs!

»Ist Salomon Levi daheim?«

»Bringen Sie Etwas?«

»Nein.«

»Was wollen Sie?«


// 1603 //

»Einen Umtausch.«

»So will ich erst sehen, ob er hat Zeit, sprechen zu lassen mit sich wegen Umtausch.«

Sie ging und schloß die Thür vor ihnen zu.

»Verdammte Hexe!« murmelte der Bajazzo.

»Schimpfe nicht! Die Alte ist ein wahrer Schatz!«

»Willst Du ihn heben?«

»Pah! Ich meine natürlich, ein Schatz für ihren Levi.«

»Aber wenn er uns nicht einläßt!«

»Ich hoffe, daß er uns nicht abweist. Er hat die letzten drei Male keinen üblen Handel an uns gemacht. Mir scheint überhaupt, als ob er uns gewogen sei.«

Jetzt wurde die Thür geöffnet. Die Alte streckte den Kopf vor und meldete:

»Die Messieurs sollen kommen.«

Sie ließ die Beiden eintreten, verriegelte die Thür und schritt ihnen dann voran. Es schien durch einen langen, engen Gang zu gehen, den die Beiden jedenfalls bereits kannten, denn sie folgten der Alten ohne Zaudern, bis diese eine Thür öffnete, aus welcher ihnen der Schein einer trüben Lampe entgegenfiel.

Die Stube, in welche sie traten, war sehr klein und enthielt nichts als einen Tisch und vier alte Stühle. Auf dem Tisch stand die brennende Oellampe und auf einem Stuhle saß Salomon Levi, der sie erwartete.

Dieser Jude war vielleicht sechzig Jahre alt und besaß ein vertrauenerweckendes, ja fast ehrwürdiges Aussehen. Wer ihn nicht genau kannte, hätte wohl nicht geglaubt, daß er der berüchtigtste Hehler des ganzen Landes sei.

»Rebecca, kehre zurück zum Eingange,« sagte er, »und wache, daß nicht gestört werde unser Gespräch!«

Und als die Alte sich entfernt hatte, fuhr er fort:

»Seid willkommen, Messieurs! Nehmt Platz und sagt, womit ich kann dienen so guten Freunden.«

Sie setzten sich und Vater Main ergriff das Wort: »Gute Freunde? Wirklich?«

»Ja. Oder habe ich bewiesen das Gegentheil?«

»Nein.«

»Also, was wünschen Sie?«

»Zwei Kaftans für ganz kurze Zeit.«

»Wie lange ungefähr?«

»Zwei Stunden.«

»Gegen Caution?«

»Wir haben kein Geld.«

»Hm!« brummte er bedenklich. »Wir lassen unsere Röcke hier.«

»Diese Röcke sind nicht viel werth.«

»Na, geben Sie uns getrost Credit! Wenn wir zurückkehren, werden wir reichlich zahlen.«

Er nickte leise vor sich hin, musterte sie mit einem scharfen Blicke, lächelte überlegen und sagte dann:

»Das will ich wohl glauben!«

Es lag Etwas in diesen Worten, was den Bajazzo frappirte. Darum fragte er:

»Wie meinen Sie das?«

»Ich meine, daß da, wohin Sie gehen werden, allerdings Etwas zu holen ist!«

»Nun, wohin wollen wir denn gehen?«

»Ins Hotel du Nord?«

Beide erschraken.

»Fällt uns nicht ein!« sagte Vater Main.

Der Jude lächelte überlegen und antwortete:

»Streiten wir uns nicht! Ich kenne meine Leute sehr genau. Ist Ihnen vielleicht der Name Lemartel bekannt?«

»Nein.«

»Hm! Sollte ich mich wirklich irren? Sie sind doch heute so viel um das Hotel geschlichen.«

»Ich?« fragte Main.

»Ja, Sie.«

»Da irren Sie sich!«

Der Jude nickte ihm wohlwollend zu und sagte:

»Sie können immer aufrichtig mit mir sein. Mein Geschäft bringt es mit sich, daß ich meine Kunden genau überwachen lasse. Ich weiß, daß Sie am Hotel du Nord recognoscirt haben. Daraus schließe ich, daß Sie dort Etwas beabsichtigen.«

»Und dennoch irren Sie sich. Unser Weg führt nach einer ganz anderen Richtung.«

Er that, als ob er es glaube, indem er sagte:

»Nun, so mag es sein. Geht mich allerdings auch gar nichts an. Aber da ich hörte, daß ein alter Bekannter dort abgestiegen ist, so - - -«

»Von uns?«

»Ja.«

»Wer ist das?«

»Eben dieser Monsieur Lemartel.«

»Sie irren sich wirklich. Wir kennen keinen Lemartel, wirklich nicht.«

»Wenn das ist, so kenne ich Sie auch nicht.«

»Wir haben Ihnen unsere Namen mitgetheilt.«

»Ja. Sie heißen Marmont und Ihr Kamerad hier Charpelle?«

»Ja.«

»Nun, so täusche ich mich unmöglich. Sie müssen diesen Monsieur Lemartel sehr genau kennen.«

»Gar nicht.«

»Und doch. Gestatten Sie mir nur, Ihrem Gedächtnisse ein Wenig zu Hilfe zu kommen!«

Er öffnete den Tischkasten und nahm aus demselben zwei Zeitungsblätter, von denen er Beiden je eins reichte.

»Bitte, lesen Sie!«

Kaum hatten sie einen Blick darauf geworfen, so rief Vater Main erschrocken:

»Tausend Teufel!«

Und der Bajazzo sekundirte ebenso rasch:

»Himmeldonnerwetter!«

»Was ist denn?« fragte der Jude gelassen.

»Ein Steckbrief,« sagte Vater Main.

»Ja, ein Steckbrief,« antwortete auch der Seiltänzer.

»Ueber wen denn?«

»Ueber einen Schänkwirth aus Paris, welcher dort angeblich Vater Main titulirt wurde.«

»Ueber einen Akrobaten, Namens Lermille.«

»Weshalb werden diese Beiden denn verfolgt?« fragte der Jude lächelnd.

»Wegen Hehlerei und Menschenraub.«

»Wegen beabsichtigten Mordes und schweren Diebstahles.«

»Das ist freilich schlimm. Kennen Sie die beiden Männer nicht, Monsieur Marmont?«

»Nein.«


// 1604 //

»Und Sie auch nicht, Monsieur Charpelle?«

»Nein.«

Da nahm das Gesicht des Juden einen sehr strengen Ausdruck an. Er stand von seinem Sitze auf und sagte barsch:

»Gute Nacht!«

»Sapperment! So rasch! Warum denn?« fragte Vater Main.

»Das fragen Sie noch?«

»Natürlich!«

»Nun, so will ich Ihnen sagen, daß ich meine Geschäftsfreunde mit Vertrauen behandle und aber auch von Ihnen Vertrauen verlange. Nur so ist ein Zusammenwirken möglich. Kennt man sich genau, so weiß man auch, wie man sich am Besten nützen kann. Nicht?«

»Ich lasse das natürlich gelten.«

»Also warum verleugnen Sie sich denn?«

»Wer sagt Ihnen denn, daß ich Vater Main bin?«

»Und ich der Akrobat Lermille?«

»Ich weiß es, damit Pasta!«

»Aber Sie irren sich wirklich!«

»Gut! So sind wir geschiedene Leute. Holen Sie sich also Ihre Kaftans, wo es Ihnen beliebt, nicht aber hier bei mir!«

Die Beiden blickten einander verlegen an. Mit einem so allwissenden Hehler hatten sie noch nicht zu thun gehabt.

»Nun?« fragte dieser, als sie zauderten.

»Verdammt!« brummte Vater Main vor sich hin. »Es ist zu gefährlich!«

»Mißtrauen Sie mir?«

»Wir kennen uns noch nicht lange genug.«

»Ich Sie auch nicht, he? Glauben Sie wohl, daß ich Ihnen bereits abgekauft hätte, wenn ich genau gewußt hätte, wer Sie sind? Sie werden verfolgt; aber gerade darum sind Sie mir sichere, also willkommene Leute. Also, hier meine Hand, Vater Main!«

Er streckte ihm die Hand entgegen.

»Na meinetwegen!« antwortete dieser, einschlagend. »Ich will es wagen, den Kopf in den Rachen des Löwen zu stecken. Schnappt er zu, dann adieu, Macaronentorte.«

»Und Sie, Monsieur Lermille?«

»Nun kann ich auch nicht anders. Hier meine Hand!«

Sie drückten und schüttelten sich die Hände. Dann setzte der Jude sich wieder nieder und sagte:

»Jetzt läßt es sich nun ganz anders sprechen. Wir müssen Vertrauen haben und werden einander nicht verrathen. Werden Sie mir nun wohl auch gestehen, daß Sie ins Hotel >du Nord< wollen?«

»Na, denn ja!« erklärte Vater Main.

»Zu Lemartel?«

»Ja.«

»Sie kennen ihn?«

»Leidlich.«

»Ich auch. Wollen Sie ihn anpumpen?«

»Vielleicht.«

Der Blick des Juden schien die Beiden durchdringen zu wollen. Dann meinte er:

»Ich will Ihnen gestehen, daß auch ich früher in Paris gewohnt habe. Ich kenne den Lumpenkönig und habe alle Ursache, mich zu freuen, wenn Sie ihn nicht schonen. Denken Sie, daß es Ihnen gelingt, ihn anzuzapfen?«

»Wir hoffen es.«

»Schön! Dann kommen Sie zu Geld und können sich Das kaufen, was Ihnen am Allernöthigsten ist.«

»Was?«

»Legitimationen.«

»Sapperment! Das ist wahr. Aber woher nehmen? Können Sie uns vielleicht einen guten Rath geben?«

»Vielleicht.«

»Wie müßte man so einen Handel entriren?«

»Hm! Ich kenne einen kleinen Beamten, dem aber trotzdem Formulare und Siegel aller Art zur Verfügung stehen.«

»Also authentisch? Nicht nachgemacht?«

»Nein, sondern echte Documente.«

»Wetter noch einmal! Das wäre ein Glück! Aber, ist er sehr theuer?«

»Ich halte ihn für sehr billig.«

»Welche Preise hat er?«

»Alle Legitimationen vom Geburtsscheine an bis zum Passe, auf einen beliebigen Namen tausend Francs.«

»Alle diese Legitimationen in Summa für diesen Preis?«

»Ja.«

»Das ist billig, sehr billig. Trotzdem aber ist es sehr theuer, wenn man die tausend Francs nicht hat.«

»Ich denke, Sie wollen - -«

»Ja, freilich! Und ich hoffe, daß es gelingt. Wo aber wohnt dieser kleine Beamte, und wie heißt er?«

»Das darf ich nicht verrathen.«

»So nützt uns Ihre ganze Mittheilung nichts.«

»O doch! Ich erbiete mich ganz gern, den Vermittler zu machen, Messieurs.«

»Das läßt sich hören. Aber, wie lange dauert es, bis man das Bestellte erhält?«

»Das kommt auf die betreffenden Umstände an.«

»Ich setze den Fall, wir wollten noch in dieser Nacht von hier fort.«

»Ist das unumgänglich nothwendig?«

»Vielleicht wird es so nöthig.«

»Dann hätten Sie zweihundert Francs pro Person mehr zu bezahlen, würden aber dafür die betreffenden Papiere bereits binnen zweien Stunden in Empfang nehmen können.«

»Und wann ist das Geld zu zahlen?«

»Bei Aushändigung der Papiere. Wollen Sie die Bestellung machen?«

»Wir können jetzt noch nicht, da wir nicht mit aller Genauigkeit sagen können, ob wir von Lemartel Geld erhalten werden.«

Da meinte der Bajazzo:

»Sei nicht so zaghaft! Wir können nicht bleiben; wir brauchen Geld, also muß er es schaffen, auf jeden Fall!«

»Meinst Du? Na, so wollen wir also annehmen, daß wir in zwei Stunden Geld haben werden.«

»Soll ich also die Legitimationen bestellen?« fragte der Jude.

»Ja.«

»Auf welche Namen?«

»Ist egal. Wie aber steht es nun mit den Kaftans?«

»Die bekommen Sie. Aber vorher noch eine Frage.


// 1605 //

Sie sprachen vorhin davon, daß Sie möglicher Weise die Stadt noch während dieser Nacht verlassen müssen?«

»Dieses Muß kann allerdings eintreten.«

»Wohin werden Sie sich wenden?«

»Hm! Das weiß der Teufel! Man sucht uns ja bereits überall.«

»Ich rathe Ihnen, außer Land zu gehen!«

»Ueber die Grenze?«

»Ja.«

»Also nach Marokko oder Tunis? Bis wir da die Grenze erreicht haben, sind wir längst ergriffen!«

»Es giebt doch noch eine andere Grenze.«

»Nach Süden zu? Was wollen oder vielmehr sollen wir denn in der Wüste?«

»Ich meine nicht die südliche, sondern die nördliche Grenze.«

»Also die See?«

»Ja.«

»Aber da hinaus ist ja am Allerschwierigsten zu kommen. Und - lauter französische Schiffe.«

Der Jude zeigte eine sehr überlegene Miene.

»Nur nicht gleich verzagen!« sagte er. »Sie haben ja Freunde, auf welche Sie sich verlassen können!«

»Wen denn zum Beispiel?«

»Nun, mich!«

»Ah! Wollten Sie uns helfen?«

»Gern.«

»Aber könnten Sie uns auch helfen?«

»Ich hoffe es. Am Allerleichtesten freilich würde es sich gerade heute machen lassen.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»Auf welche Weise?«

»Sie würden noch vor Anbruch des Tages an Bord sein.«

»Und dann wohin? Etwa nach Frankreich?«

»Das hieße ja, Sie in die Hölle schicken! O nein, sondern nach Spanien.«

»Wetter noch einmal! Das wäre höchst vortheilhaft! Nach welchem Hafen denn?«

»Zunächst nach Palma auf Mallorca.«

»Gut! Schön! Was ist es für ein Schiff?«

»Da muß ich mich freilich auf Ihre Verschwiegenheit verlassen, Messieurs!«

»Sei es, was es sei, wir werden Sie nicht verrathen.«

»So will ich Ihnen gestehen, daß ich zuweilen ein klein Wenig Schmuggel treibe - -«

»Zuweilen?«

»Na, vielleicht öfters!«

»Nur ein klein Wenig?«

»Mehr oder wenig, wie es paßt.«

»Und für heute planen Sie etwas Aehnliches?«

»Ja. Ist Ihnen der Weg bekannt, welcher durch das Thor el Qued nach der Spitze Pescade führt?«

»Ja, wir sind ihn gegangen.«

»Nun, kurz vor Sonnenaufgang wird an dieser Spitze ein kleiner Schooner liegen, der Sie aufnehmen wird, wenn Sie zur rechten Zeit kommen.«

»Aber am Bab el Qued steht ein Militairposten!«

»Keine Sorge! Dieser Posten läßt Sie passiren.«

»Das darf er doch nicht.«

»Er darf nicht, thut es aber doch. Ich muß auch selbst hinaus. Wir gehen zusammen.«

»Herrlich.«

»Ich weiß, welcher Mann Posten steht. Er ist bereits bestochen. Er wird schlafen, wenn wir kommen.«

»Das heißt, er wird thun, als ob er schlafe?«

»Ja.«

»Und was zahlen wir für die Seefahrt?«

»Hundert Francs pro Mann, vorausgesetzt, daß Sie es nicht verschmähen, mir einen kleinen Gefallen zu erweisen.«

»Die Summe ist nicht zu hoch. Was sollen wir thun?«

»Ich habe meinem Geschäftsfreunde drüben auf Mallorca eine höchst wichtige Nachricht zukommen zu lassen.«

»Auf die Pascherei bezüglich?«

»Ja.«

»Also geheim?«

»Natürlich. Ich habe mich nicht getraut, sie irgend jemandem in die Hand zu geben. Aber da die Verhältnisse zwischen uns so sind, so denke ich, daß ich mit Ihnen nichts wagen werde.«

»Nicht das Geringste!«

»Ich kann mich also auf Sie verlassen?«

»Vollständig.«

»Gut, so werde ich mich Ihnen anvertrauen.«

»Aber wie nun, wenn man den Brief bei uns findet?«

»Das ist unmöglich.«

»Mallorca ist spanisch. Wird man nicht bei der Ausschiffung untersucht?«

»Unter gewöhnlichen Verhältnissen, ja. Aber der Schiffer ist ein Bewohner der Insel. Er bringt Sie so unbehelligt an das Land, wie er auch die Waare glücklich landen wird. Es geschieht dies natürlich des Nachts. Und zudem ist der Brief nicht auf Papier geschrieben.«

»Worauf sonst?«

»Es besteht in einem neuwaschenen Taschentuche. Der Geschäftsfreund weiß, mit welcher chemischen Lösung er es zu behandeln hat, daß die unsichtbare Schrift hervortritt.«

»So sind wir also außer aller Sorge. Nun aber handeln! Bitte, die Kleidungsstücke!«

»Erst muß ich Sie noch um Etwas fragen. Werden Sie unter Ihrer eigenen Flagge zu Lemartel, dem Lumpenkönige gehen?«

»Es wird uns wohl nichts Anderes übrig bleiben.«

»Oder wäre es Ihnen lieber, von der Bedienung späteren Falls nicht wieder erkannt zu werden?«

»Das wäre allerdings höchst wünschenswerth.«

»Nun, das kann ja leicht gemacht werden.«

»Wie?«

»Durch Perrücken und Bärte.«

»Hm, ja; aber haben muß man sie!«

»Nun, ich habe zufälliger Weise einige solcher Kleinigkeiten zur Verfügung.«

»Herrlich! Wollen Sie uns das leihen?«

»Gern. Aber ich muß dabei eine Bedingung machen.«

»Welche?«

»Eine sehr strenge: Was auch immer passiren möge, so dürfen Sie nicht verrathen, von wem Sie die Kaftans, Bärte und Perrücken haben.«


// 1606 //

»Es versteht sich ganz von selbst, daß wir einen solchen Helfer und Verbündeten nicht in Schaden bringen.«

»Ihr Ehrenwort?«

»Hier.«

Die drei Spitzbuben schlugen ein, als ob es zwischen solchen Menschen wirklich ein Ehrenwort geben könne und dann wurde die Verkleidung vorgenommen. -

Unterdessen saß der >Lumpenkönig< in seinem Hotelzimmer. Seine Tochter befand sich bei ihm. Es war dies die wunderbare Schönheit, welche er keinem Menschen sehen ließ und mit welcher er nur bei verschlossenen Wagen spazieren fuhr.

Er hatte eine Menge Papiere vor sich liegen und dabei ein Portefeuille, dessen Umfang ahnen ließ, daß sein Inhalt ein erkleckliches Sümmchen repräsentire. Da trat der Zimmerkellner ein.

»Sind der gnädige Herr vielleicht zu sprechen?« erkundigte er sich.

»Wer will zu mir?«

»Zwei Herren.«

»Wer sind sie?«

»Sie behaupteten, die Namen nicht sagen zu wollen.«

»So mögen sie wieder gehen!«

»Entschuldigung. Der Eine von ihnen ließ merken, daß es sich um Lieferungen handle.«

»Ah!«

»Und daß sie ihre Namen mir nur aus Geschäftsklugheit vorenthalten.«

»Haben sie ein anständiges Aussehen?«

»Ja: Sie sind Juden, wie es scheint.«

»Hm! So! Sie mögen kommen.«

Als der Kellner sich entfernt hatte, bat er seine Tochter:

»Liebe Agnes, da es sich um Geschäftsangelegenheiten handelt, wird es gerathen sein, Dich zurückzuziehen. Willst Du mir diesen Gefallen thun?«

»Wird es sehr lange dauern?«

»Hoffentlich nicht.«

»Dann muß ich freilich gehen.«

Sie zog sich in ihr Zimmer zurück und in demselben Augenblicke traten die Beiden ein. Sie grüßten in höflichen Worten und unter tiefen Verneigungen.

»Guten Abend, Messieurs,« dankte er. »Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Mit einer Auskunft,« antwortete der frühere Wirth mit verstellter Stimme.

»Betreffs?«

»Es betrifft den Grund Ihrer Anwesenheit. Wir hören, daß Sie im Begriff stehen, bedeutende Lieferungen für die Armeen zu übernehmen?«

»Ich gebe zu, daß man Ihnen nichts Unrichtiges gesagt hat.«

»Worin werden diese Lieferungen bestehen?«

»Das ist bis jetzt noch als secret zu betrachten. Darf ich wissen, in welcher Beziehung Ihre Gegenwart zu dieser Angelegenheit steht?«

»Das ist für jetzt auch noch secret.«

»Und Ihre Namen?«

»Die kennen Sie.«

»Ich glaube kaum.«

»O doch!«

»Ich kann mich wirklich nicht besinnen.«

»Paris!«

»In Paris soll ich Sie gesehen haben?«

»Ja.«

»Sie Beide?«

»Gewiß.«

»Das muß höchst vorübergehend gewesen sein!«

»Im Gegentheile. Und zwar geschah es unter Verhältnissen, unter denen man sich die Physiognomieen zu merken pflegt.«

»So bitte ich, meinem Gedächtnisse zu Hilfe zu kommen!«

»Gern. Vielleicht erkennen Sie uns nur deshalb nicht, weil wir damals nicht diese Bärte trugen.«

»Möglich.«

»Legen wir sie also ab!«

Er nahm den Bart vom Gesicht.

»Mein Gott!« sagte Lemartel erstaunt.

»Und dieses Haar. Weg damit.«

Er nahm sich auch die falsche Perrücke vom Kopfe.

»Vater Main!« rief da Lemartel.

»Ah, jetzt erkennen Sie mich!«

»Und Lermille.«

»Ja, Lermille, der Bajazzo!«

»Sie hier, in Algier!«

»Wie Sie sehen.«

»Sie sind ja verloren, wenn man Sie bemerkt!«

»Was kümmert uns das!«

»Was wünschen Sie aber von mir?«

»Das werden Sie gleich hören. Setzen wir uns.«

Er zog Lemartel auf seinen Sitz nieder und dann nahmen die beiden Menschen rechts und links von Diesem Platz.

»Können Sie sich noch an unsere letzte Zusammenkunft in Paris erinnern?« fragte Vater Main.

»So leidlich.«

»Sie waren damals nicht sehr entgegenkommend.«

»Das möchte ich nicht behaupten.«

»Ich behaupte sogar, daß Sie ganz das Gegentheil von entgegenkommendsein waren!«

»So stimmen unsere Erinnerungen nicht überein.«

»Höchst wahrscheinlich. Freilich muß ich dann behaupten, daß die meinige der Wirklichkeit angemessener sei als die Ihrige. Doch jetzt haben wir es nicht mit der Erinnerung, der Vergangenheit zu thun, sondern mit der Gegenwart. Wird Ihr Aufenthalt hier von längerer oder kürzerer Dauer sein?«

»Ich gedenke, sehr bald wieder abzureisen.«

»Ganz wie wir. Auch uns vermag Algier keinen Vortheil mehr zu bieten.«

»Hm!« brummte Lemartel, da er nichts Anderes zu sagen wußte.

»Sie freilich können leichter scheiden als wir.«

»Wieso?«

»Sie sind jedenfalls mit den Mitteln, deren man zur Reise bedarf, reichlicher als wir versehen.«

Hatte der Lumpenkönig bisher vermuthet, daß es doch nur auf eine Bettelei abgesehen sei, so wurde diese Vermuthung zur Gewißheit. Er kannte diese beiden Kerls und ihre Verhältnisse; er war überzeugt, ohne Opfer von ihnen nicht wieder loszukommen und so beschloß er, dieses


// 1607 //

Opfer zu bringen, dasselbe aber eine möglichst geringe Höhe annehmen zu lassen. Dann meinte er:

»Vielleicht sind Sie da gerade im Vortheile gegen mich. Meine Reisekasse ist so zusammengeschwunden, daß mir gerade noch genug bleibt, nach Paris zurückzukommen.«

»O, das hat bei Ihnen keine Schwierigkeit. Sie vermögen, die leere Kasse an jedem Augenblick wieder zu füllen.«

»Hier in Algier?«

»Ja.«

»Das dürfte wohl schwer oder gar unmöglich werden, Messieurs.«

»O, ein jeder Bankier würde sich beeilen, Ihrer Anweisung Folge zu leisten.«

»Man kennt mich hier nicht so, wie Sie denken.«

»Ich bin überzeugt, daß Ihr Name hier fast ebenso bekannt ist wie in Paris. Uebrigens - diese hier scheint mir nicht sehr arm ausgestattet zu sein.«

Bei diesen Worten deutete er auf die Brieftasche, welche noch auf dem Tische lag. Der Lumpenkönig griff rasch nach ihr, steckte sie ein und sagte möglichst gleichmüthig:

»Kontracte und ähnliche Documente, aber leider kein Geld, wie Sie vielleicht denken.«

»Nun, das ist uns gleich. Wir haben es zunächst nicht mit Ihrer Brieftasche, sondern mit Ihnen selbst zu thun.«

»Womit kann ich dienen?«

»Mit einem kleinen Vorschusse, Monsieur Lemartel.«

»Wie kommen Sie denn auf den Gedanken, sich da an mich zu wenden?«

»Hm! Alte Bekanntschaft! Sie werden sich jedenfalls freuen, daß wir so gern an Sie denken. Unsere Lage ist nicht beneidenswerth. Wir sind überzeugt, daß wir nicht umsonst auf Ihr Mitgefühl gerechnet haben.«

»Wieviel werden Sie brauchen?«

»Hm! Das ist leichter gefragt als gesagt. Die Polizei streckt ihre Arme nach uns aus. Wollen wir wirklich in Sicherheit kommen, so müssen wir weit fort, sehr weit. Selbst Amerika bietet uns keinen Schutz. Wir müssen nach Australien. In welcher Passagierclasse wir die Ueberfahrt machen, ob erster oder zweiter Klasse oder gar nur Zwischendeck, das bleibt natürlich Ihrem Ermessen anheimgestellt.«

Lemartel erschrak sichtlich.

»Wie?« meinte er. »Höre ich recht? Sie scheinen anzunehmen, daß ich die Kosten der Ueberfahrt tragen werde?«

»Gewiß, gewiß werden Sie das thun!«

»Nein; das werde ich nicht thun! Das kann mir ganz und gar nicht einfallen!«

Vater Main nickte ihm spöttisch lächelnd zu und sagte:

»So recht! Das habe ich vermuthet. Bei Ihrem wohlbekannten guten Herzen war dies gar nicht anders von Ihnen zu erwarten.«

»Was denn? Was war nicht anders zu erwarten?« fragte er ziemlich verblüfft.

»Daß Sie nicht blos das thun werden.«

»Nicht blos das? Was denn sonst noch?«

»O, Ihre Einsicht sagt Ihnen, daß die Ueberfahrt ja eigentlich das Wenigste ist.«

»Das Wenigste? So! Ah!«

»Ja. Vorher bereits hat man tausend Ausgaben, um sich vorzubereiten, auszustatten und so weiter - - -«

»Wie Sie das so schön zu sagen wissen!«

»Jedenfalls nicht schöner, als Sie es sich selbst bereits gedacht haben. Und nach der Ueberfahrt - - hm, man kann doch nicht als Bettler vom Schiffe gehen. Man muß sich orientiren, ein Geschäft gründen, Land ankaufen und vieles Andere. Das Alles verursacht Ausgaben, deren Umfang oder Höhe man jetzt gar nicht zu berechnen vermag. Darum berührt es uns so außerordentlich wohlthuend, daß Sie beschlossen haben, nicht nur für unsere Ueberfahrt allein zu sorgen.«

»Sie scheinen sich über das, was ich gesagt habe, in einem großen Irrthum zu befinden.«

»Wieso?«

»Sie haben meinen Worten das Wörtchen »blos« beigefügt, und das giebt ihnen allerdings einen ganz und gar andern Sinn.«

»Dieser Sinn ist aber jedenfalls der uns angenehmste.«

»Das glaube ich gern. Mir aber ist er desto unangenehmer.«

»O, das thut nichts. Sie haben mit so vielen Annehmlichkeiten des Lebens zu thun, daß Ihnen eine so leicht zu überwindende Unannehmlichkeit schon der bloßen Abwechslung wegen willkommen sein muß.«

»Eine willkommene Annehmlichkeit darf keinen solchen Umfang haben. Ich bin zu einer kleinen Unterstützung bereit, große Summen aber vermag ich nicht zu zahlen, selbst wenn ich es wollte.«

»Hm, Sie scherzen!«

»Ich scherze nicht.«

»Sollten wir uns in Beziehung auf Ihr gutes Herz getäuscht haben?«

»Getäuscht oder nicht. Formuliren Sie Ihre Forderungen!

Wie viel wünschen Sie?«

»Das läßt sich, wie bereits gesagt, nicht leicht bestimmen. Ich glaube aber annehmen zu können, daß der Inhalt Ihrer Brieftasche uns genügen würde.«

»Uns genügen?« wiederholte er. »Ah! Sie sind nicht dumm! Das glaube ich wohl, daß dieser Inhalt Ihnen genügen würde!«

»Ja; natürlich freuen Sie sich über unsere Bescheidenheit?«

»Freuen? Ich finde diese sogenannte Bescheidenheit im Gegentheile außerordentlich unverschämt.«

»Sie scherzen. Zwischen Männern von unserer Bildung und Lebensstellung kann doch ein Wort wie >unverschämt< eigentlich gar nicht erst ausgesprochen werden!«

Lemartel erhob sich und sagte:

»Messieurs, ich sehe nicht ein, wozu eine weitere Unterhaltung führen könnte. Machen wir es kurz! Welche Summe verlangen Sie?«

Auch die Beiden standen auf. Sie wußten, daß der Augenblick des Handelns gekommen sei.

»Gut!« sagte Vater Main kalt. »Ich will Ihnen den Willen thun. Geben Sie uns fünfzigtausend Francs, so sind Sie uns für immer los.«

»Fünfzigtau - - -?«

Er brachte das Wort nicht fertig. Er stand starr und mit offenem Munde da.


// 1608 //

»Ja, fünfzigtausend Francs,« wiederholte der ehemalige Schänkwirth. »Oder sollte Ihnen dies zu viel sein? Das wäre lächerlich!«

»Lä - lä - lächerlich auch noch!«

»Natürlich! Also, wie beliebt Ihnen?«

Es lag in diesem Tone und in der Haltung der beiden Strolche Etwas, was den Lumpenkönig erst jetzt zur Einsicht seiner Lage brachte. Erst jetzt erkannte er, daß es sich nicht nur um eine Bettelei, sondern jedenfalls um etwas Ernsteres, wohl gar um einen Raubüberfall, um das Leben handele. Diese beiden Menschen waren, wie er sie kannte, fähig, kurzen Prozeß mit ihm zu machen. Jetzt gab es nur das Eine: augenblicklich von ihnen los- und aus dem Zimmer hinauszukommen. Darum beschloß er, sie zu täuschen, indem er sich den Schein gab, auf ihre Forderung, wenn auch stark zögernd, einzugehen. Er sagte:

»Fünfzigtausend, das ist zu hoch, viel zu hoch! Ich hatte an fünftausend gedacht.«

»Das wäre eine Lappalie, von welcher man gar nicht reden darf!«

»Wie weit gehen Sie herab?«

»Um keinen Franken.«

Er versuchte scheinbar, zu handeln; sie aber gingen nicht darauf ein. Er that, als sei er höchst in die Enge getrieben und sagte dann endlich:

»Nun wohl, Sie sollen die Summe haben. Aber ich stelle eine Bedingung.«

»Welche?«

»Daß Sie mir niemals wieder mit einer ähnlichen Forderung kommen!«


Ende der einhundertersten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk