Lieferung 103

Deutscher Wanderer

5. September 1885

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


// 1633 //

»Das soll eine Drohung sein, Herr Capitain?« erwiderte Bertrand.

»Nein, sondern eine Warnung. Und noch Eins: Was ist Ihnen von dem Aufenthalte meiner Enkelin bekannt?«

»Sie meinen Baronesse Marion?«

»Ja, natürlich.«

»Der Aufenthalt derselben muß doch Ihnen am Allerbesten bekannt sein, Herr Capitain!«

»Hm! Ja freilich! Aber Sie kennen ihn auch?«

»Nein.«

»Man hat nicht davon zu Ihnen gesprochen?«

»Die Leute sprachen, Sie haben Ihre Enkelin an einen sichern Ort gebracht, weil Ihnen die Verwirrungen der jetzigen Zeit bereits damals bekannt gewesen seien.«

»Wer das sagt, hat nicht so ganz Unrecht. Ich verlasse Sie jetzt, gebe es aber noch nicht ganz auf, Sie als Feldarzt bei meiner Truppe zu sehen.«

Er ging, von dem Arzte bis zur Hausthür begleitet. Als dieser in sein Zimmer zurückgekehrt war, sagte er zu sich:

»Horchen wollte er; aber er soll nichts erfahren. Es war klug von ihm, sich den Anschein zu geben, als ob er Marions Aufenthaltsort kenne. Die ist sicher aufgehoben.«

Er hatte eben wieder zu der Zeitung gegriffen, als es abermals an die Thür klopfte.

»Herein!«

Ein fremder Mensch trat ein, hoch und stark gebaut; sein Alter schien über fünfzig Jahre zu sein.

»Herr Doctor Bertrand?« fragte er.

»Ja. Womit kann ich dienen?«

»Mit Nichts. Ich danke! Ich habe Ihnen Grüße zu sagen.«

»Von wem?«

»Von Master Deep-hill in Berlin.«

»Ah! Der Tausend!« sagte der überraschte Arzt.

»Ebenso von Miß de Lissa und Nanon und Madelon.«

»Sie kennen dieselben?«

»Ja.«

»Aber, Mann, Sie kommen von Berlin und wagen sich in diese Gegend!«

»Was ist dabei?«

»Sie trotzen da einer sehr großen Gefahr. Sie befinden sich inmitten einer fanatisirten Bevölkerung.«

»Ich bin vorsichtig!«

»Aber von einem grüßen Sie mich nicht!«

»Wen meinen Sie?«

»Herrn Doctor Müller.«

»Der hat nicht nöthig, Sie grüßen zu lassen.«

»Nicht? Wieso?«

»Na, bester Herr Doctor, weil er vor Ihnen steht.«

Diese letzten Worte sprach der Fremde allerdings mit Müllers Stimme. Aber sein Gesicht war doch ein ganz anderes.

Der Arzt trat ganz nahe zu ihm heran, um ihn zu betrachten.

»Welch ein Meisterstück!« rief er aus. »Ja, Sie sind es, Herr Doctor, oder vielmehr, Herr Rittmeister. Aber, um Gotteswillen, fast hätten Sie ihn hier bei mir getroffen!«

»Den Alten?«

»Ja.«

»Er hätte mich nicht erkannt.«

»Haben Sie ihn gesehen?«

»Ja. Ich sah ihn eintreten und wartete auf sein Fortgehen. Spricht er von seinen Familienverhältnissen?«


// 1634 //

»Nein. Er ließ mich ahnen, daß er wisse, wo Fräulein Marion sich befinde.«

»Doch nur zum Scheine!«

»Ja. Aber, Herr Doctor, so schnell hätte ich nicht erwartet, Sie wiederzusehen.«

»Ja, ich mußte zurück, und zwar direct zu Ihnen.«

»In privater Angelegenheit?«

»Nein, obgleich ich von Allen die herzlichsten Grüße auszurichten habe.«

»Also in - in dienstlicher Angelegenheit?«

»Ja.«

»Ich hoffe, daß Sie mir Vertrauen schenken!«

»Darf ich das wirklich?«

»Ja. Sie wissen es ja genau. Sie sind mein Lebensretter. Ich bin Deutscher durch und durch, wenn auch nur Deutsch-Oesterreicher. Die Provinz, in welcher ich jetzt wohne, wurde Deutschland geraubt; sie ist deutscher Boden; der Krieg richtet sich nicht gegen Preußen, sondern gegen ganz Deutschland; und so mache ich mich keiner Infamie schuldig, wenn ich Sie ein Wenig nach Belieben schalten lasse.«

»Hier meine Hand. Sie sind ein braver Mann!«

»Danke! Sehen Sie sich hier in der Gegend um, oder blicken Sie in die Zeitungen! Ueberall Ueberhebung, Uebermuth und doch dabei die größte Dummköpfigkeit. Ich habe das zum Ekel. Und dabei kommt dieser Capitän zu mir, um mich zum Regimentsarzte zu machen. Denken Sie sich!«

»In welchem Regimente?«

»Pah! Bei den Franctireurs.«

»Im Ernste?«

»Allen Ernstes.«

»Was haben Sie geantwortet?«

»Ich habe natürlich abgelehnt und dafür von ihm allerlei Drohungen anhören müssen.«

»Sie Aermster!«

»Nun, seit ich Sie kenne, fürchte ich ihn nicht. Ich habe ja sehr scharfe Waffen gegen ihn in den Händen.«

»Wenn er sich nach Aerzten umsieht, scheint er es sehr eilig zu haben.«

»Auf mich mag er verzichten!«

»Die Wahrheit zu sagen, liegt mir außerordentlich daran, zu erfahren, wann die Institution der Franctireurs in Kraft treten soll.«

»Das kann ich Ihnen glücklicher Weise mittheilen. Das Heer soll schleunigst an die Grenze geworfen werden. Da wären die Herren Freischützen im Wege. Sie sollen aus diesem Grunde erst hinter dem Heere aus der Erde wachsen. Bis das Letztere die Grenze überschritten hat, wird ein Jeder zu Hause bleiben.«

»Nun, da wird mir das Herz leicht, denn ich weiß, daß die hunderttausend Franctireurs, von denen die französische Fama prahlt, gar nicht zur Explication kommen werden - einige Wenige ausgenommen, deren man sich wohl erwehren wird.«

»Wirklich?«

»Ganz gewiß. Man spielt den Krieg in Feindes Land; das ist richtig. Aber ehe ein Franzose über die Grenze kommt, sind wir bereits über seine Schwelle.«

»Das sollte mich freuen, ist aber nach Allem, was man hier liest und hört, ganz unmöglich.«

»Ah!«

»Preußen ist nicht gerüstet!«

»Und die anderen Deutschen sind es auch nicht?«

»So sagt man hier.«

»So sehen Sie doch gefälligst mich an! Bin ich nicht ein Preuße?«

»Ein sehr respectabler sogar.«

»Und stehe ich nicht bereits in Frankreich? Passen Sie auf, wie schnell das gehen wird. Durch unser schnelles Einrücken kommen wir nicht nur der Absicht des feindlichen Planes entgegen, sondern wir zertreten auch zugleich dem giftigen Gewürm der Franctireurs den Kopf.«

»Ich ahne, Sie kommen wegen den Vorräthen, welche sich hier befinden, so schnell zurück?«

»Ja. Und da habe ich eine Bitte an Sie auszusprechen.«

»In Gottes Namen.«

»Es wird ein Freund von mir hier ankommen und sich Ihnen vorstellen.«

»Er ist mir willkommen. Wie heißt er?«

»Irgend wie; ich weiß es noch nicht. Ich bitte um Ihre Gastfreundschaft für ihn. Er wird höchst zurückgezogen bei Ihnen leben und höchstens des Abends oder des Nachts einen Spaziergang unternehmen.«

»Ganz recht. Er wird hier Ihre Stelle auszufüllen haben.«

»Ich will aufrichtig mit Ihnen sein; denn ich kann Ihnen ja Vertrauen schenken, und es ist besser, Sie wissen, woran Sie sind. Es gilt, die bedeutenden Vorräthe, welche sich in den Gewölben von Ortry befinden, für uns unschädlich zu machen. Am Liebsten wäre es uns natürlich, wenn wir so schnell herbei könnten, daß der Feind gar keine Zeit fände, sie zu benutzen.«

»Das ist höchst schwierig.«

»Gewiß. Eben darum wollen wir Vorkehrungen treffen, lieber Alles zu zerstören als zuzugeben, daß man es gegen uns anwendet. Ich werde also mit dem erwarteten Freunde die Gewölbe aufsuchen. Wir haben uns mit den nöthigen Sprengstoffen versehen. Ich muß dann allerdings wieder fort. Er aber bleibt zurück und wird, sobald er sich überzeugt, daß es nöthig ist, den ganzen Kram in die Luft sprengen. Es bedarf dazu dann nur einer brennenden Cigarre.«

»Das würde ein wahres Erdbeben ergeben!«

»Gewiß. Also, wollen Sie den Freund aufnehmen?«

»Ganz ohne allen Zweifel!«

»Trotzdem es für Sie gefährlich ist?«

»Man wird die Gefahr zu überstehen wissen. Wann kommt dieser Herr?«

»Voraussichtlich morgen Abend. Ich werde die Muse, die mir bis dahin bleibt, zu einem Ausfluge benutzen.«

»Ah! Weiß schon!« lachte der Arzt.

»Meinen Sie?«

»Ja. Nach Schloß Malineau natürlich?«

»Errathen. Haben Sie vielleicht Nachricht von Fräulein Marion erhalten?«

»Nein. Jedenfalls aber befindet sie sich wohl. Wie


// 1635 //

aber ist es in Berlin gegangen? Hat Deep-hill seinen Vater gefunden?«

»Ja.«

»Sich mit ihm ausgesöhnt?«

»Ja. Das hat Scenen gegeben, welche ich Ihnen unbedingt schildern muß, aber doch ein anderes Mal. Mein Zug wird bald von hier abgehen.«

»Und der dicke Maler?«

»Der war bei dieser Aussöhnung Hahn im Korbe. Er hat mich gebeten, nach Malineau zu gehen und seine dicke Marie Melac zu grüßen. So, das wäre es, was ich Ihnen mitzutheilen habe. Und nun bitte ich um die Erlaubniß, mich verabschieden zu dürfen.«

»Sie werden die Bahn in Metz verlassen?«

»Ja.«

»Und dann? Welche Gelegenheit benutzen Sie dann?«

»Hm, ich muß mir Geschirr miethen.«

»Da sind Sie zu abhängig. Wollen Sie nicht mein Pferd nehmen? Wenn Sie reiten, sind Sie Ihr eigener Herr.«

»Das würde mir freilich lieber sein; aber ich mag mit Ihrem Pferde nicht auf dem hiesigen Bahnhofe auffällig werden.«

»Da ist bald geholfen. Ich reite hinaus, gebe das Pferd über und händige Ihnen das Billet ein.«

»Aber unauffällig, bitte ich!«

»Versteht sich! Es wird längst Nacht sein, wenn Sie nach Malineau kommen. Und - wie nun aber, wenn man Sie in Metz für verdächtig hält?«

»Das befürchte ich nicht.«

»O, das ist ein Waffenplatz ersten Ranges; es geht da jetzt zu wie in einem Bienenkorbe, und man ist auf das Aeußerste argwöhnisch.«

»Nun, ich bin auf alle Fälle vorbereitet. Man kann mir nicht das Mindeste anhaben.« - -

Einige Stunden später verließ Doctor Müller in Metz die Bahn und bestieg das Pferd des Arztes. Er hatte sich als Franzose legitimiren können.

Es war dunkel geworden. Das Pferd war zwar für den Arzt ganz brauchbar, für einen Parforceritt aber nicht sehr geeignet. Hinter Conflans zeigte es sich so ermüdet, daß er, in einem Dorfe angekommen, dort im Gasthofe einkehrte, um das Thier ein Wenig ausruhen zu lassen.

Das Gastzimmer war gut besetzt, freilich nur von älteren Leuten, da die Jüngeren eingezogen worden waren. An einem der hinteren Tische saßen vier Männer, welche augenscheinlich hier fremd waren. Vielleicht gehörte ihnen das leichte Wägelchen, welches, mit zwei Pferden bespannt, draußen im Hofe hielt.

Er verlangte ein Glas Wein und einen kleinen Imbiß. Während des Essens hörte er die Vier mit einander sprechen.

»Wie weit ist es noch bis Schloß Malineau?« fragte Einer.

»Wir fahren noch zwei Stunden,« wurde ihm geantwortet.

Als Müller diese letztere Stimme hörte, blickte er schnell auf und warf einen scharfen, forschenden Blick auf den Sprecher. Dann nahm er eine sehr gleichgiltige Miene an, fragte aber nach einiger Zeit:

»Die Herren wollen nach Malineau?«

Jetzt blickte der vorige Sprecher rasch auf, um ihn genau zu betrachten. Dann antwortete er:

»Ja, Monsieur.«

»Auch ich will dorthin. Ich kenne den Weg nicht. Dürfte ich mich anschließen?«

»Hm, eigentlich ist der Wagen bereits für uns Viere zu klein; aber wir werden Rath schaffen.«

»Was das betrifft, so bin ich beritten.«

»Noch besser. Bleiben wir also zusammen!«

Nach einer kleinen Weile stand der Sprecher auf und ging hinaus. Müller folgte ihm unauffällig. Der Andere stand, seiner wartend, hinter der Ecke des Hauses.

»Donnerwetter, Königsau, Richard, bist Du des Teufels?« fragte er.

»Hohenthal! Dich hätte ich nicht erwartet. Bist Du denn noch nicht heim?«

»Nein. Ich erhielt noch im letzten Augenblick Contreordre. Aber Du warst schon fort?«

»Ja, bin aber wieder hier, wie Du siehst. Dein Martin ist dabei, nicht?«

»Ja.«

»Und die beiden Anderen?«

Arthur von Hohenthal legte ihm die Hand auf die Achsel und antwortete:

»Du, das ist gerade für Dich eine Capitalnachricht! Hast Du die Kerls noch nicht gesehen?«

»Nein.«

»Wenigstens den Einen, den Hagern?«

»Nein.«

»Ja, die Kerls sind sehr gut verkleidet. Weißt Du, ich erzählte Dir von meinem Pariser Erlebnisse: Die Comtesse von Latreau wurde geraubt - -«

»Ja. Du machtest sie los und liegst ihr nun zu Füßen.«

»Kannst Du Dich auch noch des Kerls besinnen, der die Unthat ausgeheckt hat?«

»Ja. Ich habe auch in den Zeitungen davon gelesen. Es gelang ihm, zu entkommen. Vater Main nannte man ihn.«

»Richtig! Nun, ich habe den Kerl.«

»Was! Wirklich?«

»Ja; er ist's.«

»Welcher von Beiden?«

»Der Kleinere und Dickere.«

»Welch ein Fang!«

»Aber erst der Andere!«

»Wer ist der?«

»Das ist der Kerl, den Du haben willst.«

»Ich? Nicht daß ich wüßte!«

»Freilich! Und Dein Fritz sehnt sich ebenso nach ihm!«

»Mein Wachtmeister?«

»Ja, nämlich von wegen des Löwenzahnes.«

»Meinst Du etwa den verschwundenen Bajazzo?«

»Ja.«

»Das ist er nicht.«

»Natürlich ist er es! Aber famos vermaskirt.«

»Wenn er es wäre!«

»Er ist's; er ist's, sage ich Dir! Ich gebe Dir mein Ehrenwort, alter Junge.«


// 1637 //

»Dann ist der heutige Tag ein Tag des Glückes für mich und meine Verwandten. Wie aber bist Du zu den beiden Menschen gekommen?«

»Auf die einfachste Weise von der Welt. Ich heiße Melac; mein Vater ist Beschließer auf Schloß Malineau, und ich habe die Beiden als Forstleute für uns engagirt.«

»Papperlapapp!«

»Auf Ehre wiederhole ich! Laß Dir erzählen.«

Er berichtete ihm in kurzen Worten, was er von seiner letzten Ankunft in Paris an bis heute erlebt hatte und fragte dann:

»Glaubst Du nun, daß er es ist?«

»Ja, nun glaube ich es. Gott sei Dank, daß wir den Kerl endlich haben! Aber nach Dem, was Du in dem Hausflur erlauscht hast, muß der junge Lemarch der Bruder meines guten Fritz sein!«

»Natürlich!«

»Der als Maler Haller jetzt in Berlin war! Wie nahe ist er da seinen Eltern gewesen, und wie sehr frappirt hat mich seine Aehnlichkeit mit Fritz! Er hat also einen Löwenzahn?«

»Ja; der Bajazzo hat ihn hergeben müssen.«

»Gut, sehr gut! Was aber gedenkst Du mit den beiden Kerls in Malineau zu machen?«

»Nun, den Schänkwirth wollte ich dem General Latreau zum Geschenk machen.«

»Er wird sich freuen. Und den Andern?«

»Mit dem hatte ich einen ganz eigenen Plan. Weißt Du, wenn wir ihm der französischen Polizei überliefern, so wird er zwar wegen Unterschlagung der Kasse und fahrlässiger Tödtung seiner eigenen Stieftochter bestraft, aber für Dich geht er verloren, zumal bei den jetzigen Kriegsverhältnissen. Besser wäre es, es würde ihm in Preußen der Prozeß gemacht. Er hat doch die beiden Kinder geraubt. Ich wollte ihn auf irgend eine Weise über die Grenze locken. Das geht aber nicht, da er mich ja nun als Denjenigen kennt, der ihn festgenommen hat.«

»Aber wenn Du die Verkleidung ablegst?«

»So ist es noch schlimmer; da erkennt er mich als den sogenannten Changeur, welcher damals die Comtesse von Latreau befreite.«

»Hm! Wie nun, wenn ich ihn herüberlockte?«

»Dieser Gedanke ist nicht schlecht.«

»Aber wie es anfangen?«

»Freilich, es ist schwierig.

»Nun, weißt Du, es ließe sich doch vielleicht machen.«

»Hast Du einen Gedanken?«

»Ja.«

»Welchen?«

»Er wird auf Malineau natürlich ebenso wie Vater Main eingesteckt?«

»Natürlich!«

»Ich befreie ihn aber - -«

»Alle Wetter! Ja, das ist gut; das lasse ich gelten!«

»Er gewinnt Vertrauen zu mir und wird mir sehr gern über die Grenze folgen, da er sich in Deutschland sicherer weiß als hier in Frankreich.«

»Richtig! So wird es gemacht! Nur ist es mir nicht lieb, daß Du mit uns reiten willst.«

»Warum?«

»Du hättest vor uns eintreffen können, um den alten Melac vorzubereiten. Ich habe ihm zwar geschrieben, wie ich Dir sagte, aber er könnte mir dennoch ein Unheil anrichten.«

Da wurden sie gestört. Martin kam herbei und meldete, daß Vater Main und der Bajazzo unruhig würden, da er sich auf so lange Zeit entfernt habe.

»Gut, gut, ich komme gleich. Richard, wir kehren in Etain noch einmal ein. Da wird es wohl Zeit für ein paar unbelauschte Worte geben. Du sagst da, daß Du erst morgen nach dem Schlosse wolltest und darum lieber zurückbleibst, nimmst Abschied von uns, gehst scheinbar auf Dein Zimmer, reitest aber trotzdem voraus.«

So wurde es auch gemacht.

In Etain kehrte man ein. Königsau erklärte, daß er so spät am Abende nicht erst nach dem Schlosse wolle und ließ sich ein Zimmer geben. Er nahm Abschied und zog sich zurück, stieg aber zu Pferde und ritt in Galopp nach Malineau.

Er hatte Marion hergebracht, kannte also die Lokalitäten leidlich. Zwischen dem Dorfe und dem Schlosse floß ein kleines Wasser. Da stieg er ab, wusch sich die Schminke fort, setzte eine andere Haartour auf, welche er zu diesem Zwecke bei sich trug, und nahm aus den Satteltaschen so viel Zeug, als er brauchte, um sich am Rücken wieder zu verunstalten. Dann ritt er vollends nach dem Schlosse.

Fast sämmtliche Fenster der ersten Etage waren hell erleuchtet. Das konnte bei den Beiden, Vater Main und dem Bajazzo, Mißtrauen erwecken. Er sprang vom Pferde, band es an und klopfte bei dem Beschließer. Er fand ihn mit Frau und Enkelin beisammen.

»Herr Doctor Müller! Sie?« fragte er erstaunt.

»Ja. Bitte, Fräulein, schaffen Sie sofort mein Pferd in den Stall! Niemand darf es sehen.«

Marie gehorchte sofort und Königsau wendete sich an ihren Großvater:

»Sie haben heute aus Paris einen Brief erhalten?«

»Ja. Wissen Sie davon?«

»Ja. Haben Sie ihn verstanden?«

»Nicht ganz. Ich habe einen Sohn, und - -«

Da keine Zeit zu verlieren war, unterbrach Königsau den Alten:

»Bitte, merken Sie sich kurz Folgendes: Dieses Schloß gehört nicht dem Herrn General, sondern er hat es an einen Baron von Courcy verkauft, welcher heute ganz zufällig hier anwesend ist. Ferner: Der Herr Belmonte, welcher damals Ihre junge Herrin gerettet hat, hat auch den Uebelthäter und einen seiner Kumpanen gefangen. Um sie auf gute Manier hierher zu bringen, hat er sich für Ihren Sohn ausgegeben.«

»Ach, so ist die Sache.«

»Ja, so ist sie. Die beiden Spitzbuben sind nämlich verkleidet. Sie suchen einen Ort, wo sie versteckt sein können, und da hat Herr Belmonte gesagt, daß Sie zwei Forstleute brauchen. Er hat sie als solche engagirt und wird in einer Viertelstunde mit ihnen hier sein.«

»Herr, mein Heiland, solche Verbrecher!«

»Haben Sie keine Angst! Sie empfangen sie freundlich, geben ihnen zu essen und sagen dann, daß Sie sie zum Baron bringen wollen, der sie engagiren werde. Sie


// 1638 //

führen sie aber zum General natürlich. Was da geschieht, wird sich finden. Herr Belmonte bringt seinen Diener Martin mit, den Sie bereits kennen. Auch diese Beiden sind verkleidet. Der Diener ist scheinbar als Gartenbursche engagirt. Sie werden also mit den Verbrechern nicht allein sein. Wenn Sie im Zweifel sind, was Sie thun sollen, so lassen Sie Herrn Belmonte machen. Theilen Sie das auch Fräulein Marie mit, die nicht hier ist, damit sie keinen Fehler macht. Ich werde mich hinauf zum Herrn General begeben.«

Oben angelangt wurde er von dem Diener sofort erkannt und sogleich angemeldet. Er fand sämmtliche Bewohner im Speisesaale. Der General kam ihm freundlich entgegen, reichte ihm die Hand und fragte, indem er auf Marion deutete:

»Wollen Sie sich erkundigen, wie sich Ihr Schützling befindet?«

»O, Mademoiselle de Sainte-Marie befindet sich in guter Huth. Ich komme in einer sehr dringenden Angelegenheit. Bitte, Excellenz, lassen Sie sämmtliche Lichter, außer in einem einzigen Zimmer, auslöschen!«

»Warum?«

»Bitte, davon später! Es ist jetzt keine Zeit zu verlieren.«

Er begab sich selbst in die anstoßenden Zimmer, um die Flammen zu verlöschen, und auf einen Wink seines Herrn that der servierende Diener dasselbe. Einige Augenblicke später war nur noch der Speisesaal erleuchtet.

»Das sind ja ganz befremdliche Maßregeln,« sagte jetzt der General zu Müller.

»Die aber sehr nothwendig sind,« erklärte dieser. »Sie bekommen nämlich Besuch, Excellenz, welcher nicht wissen darf, daß Sie sich hier befinden.«

»Sonderbar. Welcher Besuch wäre das?«

»Vater Main.«

Bei diesen Worten fuhren Alle empor.

»Vater Main? Vater Main?« erklang es von Aller Lippen.

»Ja. Es ist endlich gelungen, dieses Menschen habhaft zu werden, meine Herrschaften.«

»Und er kommt hierher?«

»Ja, und zwar in Begleitung eines seiner Complicen, den Fräulein von Sainte-Marie kennt. Ich meine nämlich den Bajazzo, welcher in Thionville seine eigene Tochter vom hohen Seile stürzen ließ.«

Das war eine Kunde, welche Alle in die größte Aufregung versetzte. Er erklärte den Zusammenhang, aber ohne Belmonte und Martin namhaft zu machen.

»Erstaunlich!« sagte der General.

»O, für den Herrn Doctor ist nichts erstaunlich,« schaltete Marion ein.

»Bitte, bitte,« meinte Müller. »In dieser Angelegenheit bin ich ohne alles Verdienst. Hören Sie! Es fährt ein Wagen vor. Das sind sie. Wir haben also die Lichter gar nicht zu früh verlöscht.«

»Aber wer sind denn die beiden Männer, welche mir die Gefangenen bringen?« fragte der General.

»Ich bin nicht beauftragt, es zu sagen,« lächelte Müller. »Der Eine gilt, wie bereits bemerkt, als der Sohn Ihres Beschließers Melac. Es wird gut sein, Excellenz, sich mit einigen Waffen zu versehen. Den beiden Menschen ist nicht zu trauen. Lassen Sie die Messer von der Tafel entfernen!«

Die Ankömmlinge waren indessen aus dem Wagen gestiegen und bei dem Beschließer eingetreten. Belmonte gab diesem die Hand und sagte:

»Guten Abend, Vater! Endlich wieder da!«

»Guten Abend, mein Sohn!« antwortete Melac. »Wie ich sehe, ist die Reise nicht umsonst gewesen?«

»Ja. Hier der Gärtner, und hier die beiden Männer für den Forst. Ich habe ihre Papiere bereits geprüft und für gut befunden.«

»Schön! Es trifft sich da recht zufällig, daß der gnädige Herr selbst bestimmen kann.«

»Der Baron?«

»Ja. Er kam heut hier an, um für einen Tag im Schlosse abzusteigen. Denkst Du nicht, daß wir ihm diese drei Männer vorstellen?«

»Hm, ja; besser ist es. Es ist sogar unsere Pflicht und Schuldigkeit, da er einmal anwesend ist. Aber erst wollen wir einige Minuten ausruhen. Setzen Sie sich.«

Die Andern nahmen Platz. Es war Vater Main und dem Bajazzo natürlich gar nicht recht, daß sie zum Baron sollten, doch ließen sie es sich nicht merken.

»Essen wir Etwas, oder gehen wir vorher hinauf?« fragte Belmonte.

»Fertig ist fertig. Am Besten, wir gehen erst hinauf.«

»Wird er zu sprechen sein?«

»Jedenfalls.«

»Na, versuchen wir es. Kommen Sie, meine Herren!«

Oben angekommen, ging der Beschließer hinein, um anzumelden, während die Andern warteten. Bald öffnete ein Diener die Thür und ließ sie eintreten. Im Speisesaale befanden sich Müller und Melac. Der Diener trat zurück, und die beiden Gefangenen bemerkten nicht, daß er von draußen die Thür verschloß.

Müller, Belmonte und Martin hatten die Hände in den Taschen, in denen ihre Revolver steckten.

»Das dauert lange!« flüsterte Main, dem es unheimlich zu werden begann.

»Geduld!« sagte Belmonte. »Ah, man kommt!«

Die Nebenthür öffnete sich, und der General trat ein. Seine Enkelin und Marion folgten.

Vater Main fuhr zurück. Seine Augen vergrößerten sich und waren mit einem Blicke des Entsetzens auf die Eingetretenen gerichtet. Aber er war ein zu hart gesottener Sünder, als daß er sich gänzlich um seine Besinnung hätte bringen lassen. Er ermannte sich.

»Tausend Teufel! Wir sind verrathen!« schrie er auf. »Fort! Hinaus, Bajazzo!«

Er fuhr herum, nach der Thür zu, und sah drei Revolverläufe auf sich gerichtet.

»Pah! Nicht jede Kugel trifft! Kehrt! Schnell, schnell!«

Er sprang nach der Thür, um sie aufzureißen. Sie war verschlossen. Und nun traten von der andern Seite auch zwei bewaffnete Diener ein.

»Gebt Euch keine Mühe!« sagte der General. »Ihr seid gefangen.«


// 1639 //

»Mit welchem Rechte?« fragte Main, dem es einfiel, daß er ja verkleidet sei.

»Macht Euch nicht lächerlich! Ihr seid bekannt. Eure Maske nützt Euch nichts.«

Die Augen des früheren Schänkwirthes sprühten giftige Blicke auf seine Umgebung.

»Also entdeckt!« knirrschte er. »Verrathen! Und durch wen? Wart, Euch Hauunken zeige ich es doch noch!«

Er erhob beide Fäuste und stürzte sich auf Martin, erhielt aber von Müller, an dem er vorüber mußte, einen so gewaltigen Schlag an die Schläfe, daß er sofort zusammenbrach.

»Bindet sie!« befahl der General.

Der Bajazzo war vollständig eingeschüchtert. Er wagte keinen Widerstand. Sein Cumpan konnte keinen mehr leisten, und so wurden sie gebunden und fortgeschafft. Man schloß sie einzeln in zwei feuerfeste Kellergewölbe ein.

»Und nun meinen Dank!« wendete sich der General an die Männer. »Welcher von Ihnen ist denn der famose Sohn meines alten Melac?«

»Ich, Excellenz,« antwortete Belmonte.

»Darf ich vielleicht Ihren richtigen Namen hören?«

»Sie kennen ihn bereits.«

»Wohl kaum.«

»O doch! Mit Erlaubniß!«

Bei diesen Worten griff er nach einer auf der Tafel stehenden Wasserkaraffe, goß sich ein Wenig auf das Taschentuch, fuhr sich mit demselben über das Gesicht und entfernte Bart und Haar. Martin that dasselbe.

»Monsieur Belmonte!« rief der General.

»Wahrhaftig, Monsieur Belmonte!« stieß Ella von Latreau hervor, indem sie vor freudigem Erstaunen die Hände zusammenschlug.

Hinter ihnen aber erklang es halblaut:

»Martin! Martin! Ach ja, er ist's!«

Es war die hübsche Alice, welche sich bisher furchtsam in dem Hintergrunde gehalten hatte.

Es gab nun eine ganze Menge eiliger Fragen und Antworten, bis der General auf den besten Gedanken kam, den es geben konnte. Er sagte:

»Das Mahl ist auf so wundersame Weise unterbrochen worden. Beginnen wir es von Neuem. Dabei haben wir Zeit, uns Alles erklären zu lassen.«

Es wurden Alle geladen, auch die ganze Familie Melac. Dann nach der Tafel bildeten sich kleinere Gruppen. Diese Gelegenheit benützte Müller, zu Marie Melac zu treten.

»Ich habe noch ganz extra Etwas für Sie,« sagte er. »Werden Sie es errathen?«

»Wohl schwerlich!«

»Einen Gruß von einem gewissen Maler.«

»Herrn Schneffke?« fragte sie erröthend.

»Ja. Außer dem Gruße aber auch noch Etwas. Hier!«

Er zog ein Briefchen hervor und gab es ihr. Sie dankte erglühend, war dann aber bald verschwunden, um sich mit dem Inhalte bekannt zu machen.

Sodann traf Müller auf Marion.

»Wieder sind Sie einmal Engel gewesen,« sagte sie.

»Sie sind es immer!« antwortete er und zog die Hand, welche sie ihm reichte, an die Lippen.

Am Fenster stand Belmonte mit Ella. Ihr Auge ruhte fast stolz auf seiner männlich schönen Gestalt.

»Sie scheinen zu meiner Vorsehung prädestinirt zu sein!« sagte sie. »Sie erscheinen, wenn man es am Wenigsten erwartet.«

»Darf ich denn solch Erscheinen wagen, gnädigste Comtesse?«

»Kommen Sie jeder Zeit! Sie kommen ja als Retter!«

Und an der Thür zum Nebenzimmer lehnte Alice. Martin trat auf sie zu und sagte:

»Da ist mein liebes Vögelchen, dem ich ein Nest bauen soll. Kein Mensch blickt her. Komm, komm!«

Ohne daß sie es ihm verwehren mochte, zog er sie hinaus in das andere Zimmer, drückte sie an sich, küßte sie herzhaft und fragte:

»Ist Dir's recht, daß ich gekommen bin?«

»O, wie freut es mich! Wie lange bleibst Du?«

»Vielleicht nur einige Stunden.«

»Aber Du kommst wieder!«

»Natürlich! Und zwar bald, recht bald, um Dich zu holen, mein gutes Mädchen.«

Und noch später standen Königsau und Hohenthal bei einander im ernsten Gespräch.

»Wann reitest Du ab?« fragte der Letztere.

»So bald wie möglich.«

»Und nimmst den Bajazzo mit?«

»Ja.«

»Dann kannst Du aber nicht über Metz. Dort fassen sie ihn Dir ab. Eine Festung darf so ein Kerl in jetziger Zeit gar nicht zu betreten wagen. Aber wie bringst Du ihn denn fort!«

»Das ist die Frage. Zwei Reiter und ein Pferd!«

»Nimm meinen Wagen! Du hängst Dein Pferd hinten an. Du verkaufst den Kram und giebst mir bei Gelegenheit den Erlös.«

»Das könnte sich machen. Aber wie kommst Du fort?«

»Ich borge mir Geschirr bis zur Bahn. Mache Dir überhaupt um mich keine Sorge! Wie lange bleibst Du in diesem Thionville?

»Noch drei Tage.«

»So lange darf ich nicht warten. Wir treffen uns also erst wieder in Berlin. Laß aber unterdessen den Bajazzo nicht aus dem Auge.

»Willst Du mir grad hier eine Nachlässigkeit zutrauen? Habe ich ihn einmal, so entkommt er mir nicht wieder. Seine Wächter werden sich freilich wohl schwerlich erklären können, auf welche Weise er verschwunden ist.«

Der Bajazzo lag gefesselt auf dem harten Steinboden seines Gewölbes. Er hatte alle Hoffnung aufgegeben und gab Alles, Alles verloren. Er hatte seinen Willen, seinen Character im Schnapse vertrunken; darum fand er jetzt in sich keinen Halt und schluchzte wie ein Kind.

Da plötzlich horchte er auf. Er hörte, daß der Riegel leise zurückgeschoben wurde. Dann erklang es:

»Pst! Ist Jemand hier?«

»Ja,« flüsterte er.

»Die Gefangenen?«

»Nur Einer.«

»Wo ist der Andere? »Ich weiß es nicht.«


// 1640 //

»Nun, dann kann ich eben nur den Einen befreien. Ich habe keine Zeit, das ganze Schloß zu durchsuchen. Kommen Sie!«

»Ich bin ja gefesselt!«

»Ach so! Na, ich habe ein Messer.«

Wenige Augenblicke später schlichen sie sich fort, hinaus bis dahin, wo in der Nähe des Gehölzes der Wagen stand, an welchen hinten das Reitpferd angebunden war. Sie stiegen ein, und dann setzten sich die Pferde in scharfen Trab.

Königsau hatte den Buckel wieder entfernt. Er sah grad so wie vorher aus, ehe er in's Schloß gekommen war. Der Bajazzo erkannte ihn und sagte:

»Sie sind es! Warum befreien Sie mich?«

»Ich belauschte Ihre Begleiter und hörte, daß man Sie betrog. Ich hörte Sie in der Gaststube sprechen. Ihre Aussprache ist eine deutsche. Sie sind ein Deutscher?«

»Ja, eigentlich.«

»Ich bin auch von drüben her. Darum beschloß ich, Sie zu befreien. Das war ganz leicht, da ich im Schlosse zu thun hatte. Ich blieb nur scheinbar in Etain zurück.«

»Sie haben ja diesen Wagen!«

»Ja, den habe ich annectirt. Konnten wir zu Zweien auf meinem Pferde reiten? Den Kerls, die es so schlimm mit Ihnen meinten, ist's ganz Recht, daß sie den Wagen verlieren!

»Wohin bringen Sie mich?«

»Nach Thionville.«

»O weh!« entfuhr es ihm.

»Haben Sie keine Sorge! Ich gehe da zunächst zu einem Freunde, bei dem Sie vollständig sicher sind. Bei der ersten guten Gelegenheit gehen wir dann über die Grenze. Oder bleiben Sie lieber hier?«

»Nein, nein! Ich will hinüber.«

»Schön! Nun haben Sie die Wahl, ob wir beisammen bleiben wollen oder nicht.«

»Wenn es Ihnen recht ist, bleiben wir beisammen.«

»Schön. Ich will jetzt nicht fragen, wer und was Sie sind. Landsleute müssen sich in solchen Zeiten unterstützen. Sie werden schon auch noch erfahren, wer ich bin!«

Bei Doctor Bertrand wurde dem Bajazzo eine Stube angewiesen, aus welcher er nicht entkommen konnte. Er glaubte, daß man diese Maßregel zu seinem eigenen Vortheile treffe. Nach einigen Tagen reisten sie zu Fuße nach der Grenze, und erst drüben benutzten sie die Bahn. So ging es bis Köln. Dort aber wurde der Bajazzo plötzlich, ohne daß er wußte, weshalb, im Gasthofe arretirt. Beim Legitimationsverhöre fragte er darnach und erhielt zur Antwort, daß man ihn nach Berlin bringen werde, wo er sicher Auskunft über die Ursache seiner Arretur erhalten werde. Er ahnte noch immer nicht, daß er die Letztere seinem Reisebegleiter zu verdanken habe. - - - -

Am neunzehnten Juli war die französische Kriegserklärung in Berlin überreicht worden und am achtundzwanzigsten desselben Monates hatte Napoleon III in Metz das Obercommando über die französische Rheinarmee übernommen, nachdem er der Kaiserin Eugenie die Regentschaft übertragen hatte.

Der nun ausbrechende Krieg enthüllte außerordentlich schnell die äußere und innere Schwäche des zweiten Kaiserreiches.

Das französische Heer hatte, einer stehenden Redensart zufolge, einen Spaziergang nach Berlin machen wollen; aber die deutsche Wacht am Rhein war auf ihrer Huth gewesen. Die deutschen Heereskörper rückten über die feindliche Grenze, ehe die Franzosen ihr Armeecorps eigentlich recht complettirt hatten.

Am vierten August erstürmte unsere Kronprinzliche Armee Weißenburg und den Geisberg. Zwei Tage später war die siegreiche Schlacht bei Wörth, in welcher das Heer Mac Mahons vollständig geschlagen wurde. Nun folgte Schlag auf Schlag. Die französischen Streitkräfte wurden an allen Punkten zurückgeworfen. Sie wurden gezwungen, sich immer und immer wieder rückwärts zu concentriren. Sie fanden keine Zeit, sich zu sammeln, sich festzusetzen. Paris wurde in Belagerungszustand erklärt, und die Deutschen waren an allen Orten Herren und Meister.

Niemand wurde durch dieses rapide Vordringen der Deutschen so in Grimm versetzt, wie der alte Capitän Richemonte. Zuerst hatte er Befehl erhalten, die letzten Schritte zur Organisation seiner Franctireursbande erst dann zu thun, wenn man die deutsche Grenze überschritten habe und er sich also im Rücken des eigentlichen Heeres befinde. Zu einem Ueberschreiten der Grenze aber war es nicht gekommen, und da die französischen Heeresleiter schon für sich so viel zu thun hatten, daß sie die Köpfe verloren, so hatte man nicht Zeit gefunden, an ihn zu denken, und er war ohne alle Nachricht und Instruction geblieben.

Nun haußte er auf Ortry und wußte vor Aerger nicht, wo aus, wo ein. Er hielt sich bereit, loszubrechen, sobald er den Befehl erhalten würde.

Dieselbe Erbitterung gegen die Deutschen herrschte natürlich auch in der Umgegend. Handel und Wandel stockten. Kein Arbeiter erhielt Beschäftigung. Man hatte Zeit genug, sich mit den Neuigkeiten zu befassen, und da diese für die Deutschen stets günstig lauteten, so wuchs der Grimm von Stunde zu Stunde. -

Es war gegen das Morgengrauen, als mehrere Reiter durch einen Wald ritten, welcher in einer ungefähren Entfernung von zwei Stunden östlich von Ortry liegt. Sie waren von der Straße, welche von Merzig aus in westlicher Richtung nach Sierk führt, nach Süden abgewichen, um unbemerkt die Gegend von Thionville zu erreichen.

Sie zählten nur ihrer zwölf und waren in Civil. Von Zeit zu Zeit blieb einer von ihnen halten und riß mit dem Messer ein Rindenstück von einem der an dem schmalen Fahrwege stehenden Bäume. Dies war ein Zeichen für Diejenigen, welche nachkommen sollten.

Voran ritt eine hoch und stark gebaute Gestalt mit männlich ernstem, dunklem Gesichte, welches von einem Vollbarte eingerahmt wurde, der jedenfalls nur ein Alter von einigen Wochen hatte. Dieser Reiter war - buckelig.

Der Morgen wurde heller und heller. Man konnte bereits in weite Entfernung sehen. Da sagte einer der jüngeren Herren zu dem beschriebenen Reiter:

»Wie steht es, Herr Major? Sind wir bald an Ort und Stelle? Zwölf Stunden im Sattel!«

»Ist das zu viel von Ihnen verlangt, Lieutenant?«

»Nein; das wissen Sie ja. Aber weil dieser Ritt zu gefährlich war, wollte ich meinen Fuchs nicht auf das


// 1641 //

Spiel setzen und nahm hier diesen Gaul. Er kann kaum weiter!«

Da wandte sich einer der Anderen zu dem Sprecher und recitirte aus einem bekannten Uhlandschen Gedichte die Strophen:

»Dem Pferde war's so schwach im Magen;
Fast mußte der Reiter die Mähre tragen.«

Ein halblautes Lachen erscholl. Da wendete sich Derjenige, welcher Major genannt worden war, um und warnte:

»Pst! Nicht so laut, meine Herren! Wir befinden uns in Feindes Land. Und da - ah, dort steht die Eiche. Warten Sie!«

Er gab seinem Pferde die Sporen und galoppirte fort. Von seitwärts her winkte die dichte Krone einer Eiche von der bewaldeten Höhe. Der Major jagte am Wege hin und bog sodann zwischen die licht stehenden Bäume ein. Dort, am Stamme der Eiche, stand ein junger Mann, auch in Civil.

»Grüß Gott!« sagte der Major. »Sie sind da; also hat es geklappt?«

»Alles in Ordnung, Herr Rittmeister!«

»Oho! Keinen Fehler, mein Bester! Man hat mich zum Stabsoffizier gemacht.«

»Aha, gratulire, Herr Major! Ist jedenfalls wohl verdient.«

»Haben Sie einen Platz?«

»Prächtig.«

»Weit von hier?«

»Gar nicht weit. Eine tiefe Schlucht, mitten im Walde. Sie führt nach einem Thalkessel, in welchem unter Umständen zehn Schwadronen Platz finden.«

»Habe nur zwei und eine Compagnie Jäger. Wann erhielten Sie meine Ordre?«

»Vorgestern Abend. Aber, Herr Major, wie können Sie es wagen, mit diesen Leuten durch feindliches Gebiet zu marschiren, um ein Schloß zu besetzen, welches eben auch mitten im Lande des Feindes liegt?«

»Das ist nicht so schwer, wie Sie denken. Erstens sind wir nur in der Nacht geritten und haben jeden bewohnten Ort vermieden, und zweitens bin ich überzeugt, daß ich in Ortry nicht lange isolirt sein werde.«

»Aber man konnte Sie dennoch bemerken. Man konnte Ihnen begegnen!«

»Das ist auch geschehen.«

»So ist Ihr Ritt verrathen!«

»Nein. Zwölf Mann in Civil sind wir an der Spitze. Wer uns begegnete, wurde festgenommen und den Nachfolgenden übergeben. Auf diese Weise haben wir mehrere Gefangene gemacht, welche wir erst morgen wieder entlassen werden. Thionville ist natürlich von den Franzmännern besetzt?«

»Allerdings.«

»So war es Ihnen unmöglich, bei Doctor Bertrand zu bleiben?«

»Ja, ich mußte fort. Aber ich habe einen wunderbar schönen Platz gefunden.«

»Wo?«

»In Ortry selbst, nämlich im Dorfe bei einem Häusler, den der Alte aus dem Dienste gejagt hat. Ich gelte für einen Verwandten von ihm.«

»War das nicht gefährlich?«

»O nein. Dieser Mann ist so wild auf den Capitän, daß ich mich ganz auf ihn verlassen kann. Uebrigens wurde er mir von Doctor Bertrand, der ihn vorher gehörig unter die Sonde genommen hat, dringend empfohlen.«

»Wie steht es nun mit den Franctireurs?«

»Sie warten nur auf das Signal.«

»O, das wird heute noch gegeben werden. Wir sind sehr gut unterrichtet. Haben Sie vielleicht eine Ahnung, wie hoch ihre Anzahl sein wird?«

»Man munkelt von fünfhundert solcher Kerls, welche sich in Ortry equipiren wollen.«

»Schön! Wir werden sie bei der Parabel nehmen. Sonst ist Alles in Ordnung?«

»Ja. Die Vorräthe sind unverkürzt vorhanden.«

»Und die Schlüssels, welche ich Ihnen anvertraute?«

»Habe ich noch. Wünschen Sie die Uebergabe derselben?«

»Ja. Bitte!«

Er erhielt die Schlüssels und sagte dann:

»Sie werden uns jetzt unser Versteck anweisen. Dort angekommen, habe ich Zeit genug, Ihnen meinen Plan mitzutheilen. Kommen Sie!«

Dieser buckelige Rittmeister war natürlich kein Anderer als Königsau. Der Lieutenant in Civil war derjenige Offizier, welchem er bei seiner Entfernung von Ortry die Bewachung dieses Ortes übergeben hatte.

Sie kehrten nach dem Fahrwege zurück, wo die Andern warteten. Grad in demselben Augenblicke kam ein Reiter angesprengt. Er trug die Uniform eines Ulanenlieutenants, salutirte vor Königsau und meldete:

»Das Gros fünfhundert Schritte hinter Ihnen, Herr Major. Sollen wir absitzen?«

»Nein, sondern herankommen.«

Dieser Lieutenant war Fritz Schneeberg, wo zwei Rittmeister mit ihren Schwadronen und ein Jägerhauptmann mit seiner Compagnie warteten. Der Zug setzte sich wieder in Bewegung und schwenkte dann auf Veranlassung des sich an die Spitze stellenden Führers, nachdem die Reiter abgesessen waren und die Pferde beim Zügel ergriffen hatten, in den pfadlosen Wald ein.

Nach wenig über einer Viertelstunde erreichte man die Schlucht, welche nach dem einsam im Forste gelegenen Thalkessel führte. Dort angekommen, wurden Posten ausgestellt, welche den Befehl erhielten, jede Person, die sich bemerken lasse, als Gefangenen abzuliefern.

Sodann wurde eine längere Berathung, natürlich nur im Kreise der Offiziere gehalten. Am Schlusse derselben brachen diejenigen dieser Herren, welche in Civil waren, mit Königsau auf, um sich die Heimlichkeiten von Ortry einzuprägen, damit zur angegebenen Zeit kein Fehler begangen werde. Auch Fritz Schneeberg hatte seine Uniform mit einem bürgerlichen Anzuge vertauscht und schloß sich ihnen an.

Die Bewohner der Umgegend hatten keine Ahnung, daß über dreihundert Feinde so ganz in aller Gemüthlichkeit den Einbruch des Abends erwarteten, um sich des Schlosses Ortry und der in den dasigen Gewölben befindlichen Vorräthe zu bemächtigen. -

In seinem Arbeitszimmer saß der alte Capitain. Er war nicht allein, sondern es befanden sich mehrere Männer bei ihm. Das waren seine Vertrauten, welche später seinen


// 1642 //

Stab bilden sollten. Er befand sich augenscheinlich in höchst schlechter Laune. Er hatte ein Notizbuch in der Hand, aus welchem er mit beinahe knirrschender Stimme folgende Stellen vorlas:

»Am 19. Juli Kriegserklärung. - Nächsten Tages Vorpostenscharmützel bei Saarbrücken. - Kampf bei Wehrden, Gefecht bei Hagenbach am 23., unglücklich für uns. - Ebenso die Gefechte bei Rheinheim und Völklingen. - Schlachten bei Weißenburg und Wörth verloren. - General Douay todt. - General François gefallen. - Das feindliche Hauptquartier bereits in Kaiserslautern.«

»Der Teufel hole diese Hallunken!« warf einer der Anwesenden zornig ein.

»Paris in Belagerungszustand!« fuhr der Alte fort. »Hagenau verloren. - Saargemünd und Forbach ebenso. - Bazaine kommt nach Metz. - Mac Mahon flieht nach Nancy. - Der gesetzgebende Körper fordert die Abdankung des Kaisers. - Festung Lützelstein verloren, Straßburg cernirt. - Festung Lichtenberg zum Teufel. - Frankreich borgt eine Milliarde, um den Krieg fortsetzen zu können. - Uebergang der Bayern über die Vogesen. - Pfalzburg erobert von den Deutschen. - Leboeuf nimmt seine Entlassung als Generalstabschef.«

Er warf das Notizbuch von sich und fragte:

»Was sagt Ihr dazu, he?«

»Ich hielt das für unmöglich!« antwortete Einer.

»Ich auch. Wer ist schuld an all' diesen Unfällen?«

»Hm!«

»Ja, hm! Jetzt läßt sich gar nichts sagen. Der Teufel ist im Hauptquartier dieser verdammten Deutschen. Aber dieser Schleicher, der Moltke, soll es uns doch nicht machen wie einst Blücher, der in der Hölle braten möge! Ich habe - - was willst Du?«

Diese Frage war an einen Diener gerichtet, welcher eintrat.

»Dieser Brief ist angekommen, Herr Kapitän.«

»Gut!«

Der Alte öffnete und las. Seine Stirn legte sich in tiefere Falten. Er stieß einen lästerlichen Fluch aus und sagte:

»Wißt Ihr, was mir da gemeldet wird?«

Und als Keiner antwortete, fuhr er fort:

»Da steht es, das Unglaubliche: Unsere Armee ist bei Metz über die Mosel zurück, und die Deutschen haben die wichtigen Linien von Saar-Union, Groß-Tenquin, Foulquemont, Fouligny und Retangs längst überschritten. Ihre Kavallerie steht bereits bei Luneville, Metz, Pont à Mousson und Nancy.«

Flüche und Verwünschungen erschallten.

»Still!« knurrte der Alte. »Das ist noch nicht Alles! Das große Hauptquartier des Feindes befindet sich bereits zu Verny im Seillethale; die Bahn bei Frouard, nach Paris, ist zerstört, und Bazaine hat das Oberkommando über die ganze Armee übernommen. Nancy ist besetzt und der Kaiser von Metz nach Verdun gefahren. Die Preußen treiben unsere Truppen bis unter die Kanonen von Metz. - Wißt Ihr, was das Alles zu bedeuten hat?«

»Daß Metz belagert werden soll.«

»Ja. Metz verloren, Alles verloren! Jetzt warte ich keinen Augenblick länger. Jetzt ist der Augenblick gekommen. Während sich diese deutschen Kettenhunde um Metz legen, jagen wir ihnen von hinten unsere Kugeln in den Pelz. Ich warte nicht ab, daß ich Instruction erhalte. Vielleicht ist es bereits nicht mehr möglich, mir einen Boten zu senden. Ich bin auf mich selbst angewiesen und werde zu handeln wissen. Es mag los gehen. Ist's Euch recht?«

»Ja, ja,« ertönte es im Kreise.

»Nun gut, so gebt das Zeichen. Heute um Mitternacht sollen sich die Mannschaften heimlich im Parke einfinden.«

»Warum heimlich?«

»Seht Ihr das nicht ein, Ihr Thoren? Könnte der Feind soweit gekommen sein, wenn er nicht ganz genau über Alles unterrichtet wäre? Er hat talentvolle Spione; das ist gewiß. Und gerade wir sind zur größten Vorsicht verpflichtet. Das Völkerrecht verbietet die Bildung von Franctireurs. Werden wir erwischt, so behandelt man uns als Räuber und macht uns ohne Federlesens den Garaus. Die Deutschen werden, das ist sicher, auch nach hier kommen. Sie dürfen nicht erfahren, daß die Bewohner dieser Gegend zu den Waffen gegriffen haben. Sie würden zu Repressalien greifen. Darum also Vorsicht!«

»Und was dann, wenn wir uns bewaffnet haben?«

»Das wird sich finden, sobald ich morgen weitere Nachrichten erhalten habe, und dann -«

Er wurde unterbrochen. Zwei Männer traten ein. Charles Berteu und sein Freund Ribeau waren es. Sie kamen unter allen Zeichen der Aufregung.

»Herr Capitän, wichtige Nachrichten!« sagte der Erstere, indem er sich auf einen Stuhl warf und sich den Schweiß von der Stirn wischte. »Sehr wichtige Nachrichten!«

»Doch gute?«

»Zunächst eine ganz armselige, ganz verfluchte, sodann aber eine, über welche Sie sich freuen müssen.«

»Ein Sieg über die Deutschen etwa?« stieß er hervor.

»Nein, nein! Diese Hunde stehen mit der Hölle im Bunde! Die Preußen haben Vigneules an der Maas besetzt und sind in St. Mihiel eingezogen. Die Festung Marsal hat sich ergeben und vor Bar-le-Duc lassen sich bereits Ulanen sehen. Einer der feindlichen Generäle rückt bereits von Metz nach Verdun vor.«

»Alle Teufel! Das ist ja unsere Rückzugslinie!«

»Leider! Es steht schlimm, sehr schlimm! Man spricht bereits davon, daß der Feind einen seiner Generäle zum Gouverneur des Elsasses ernennen werde.«

Da stampfte der Alte mit dem Fuße auf und rief:

»So dürfen wir keine Minute verlieren. Bazaine steckt in Metz, und Mac Mahon befindet sich in Chalons, um seine geschlagenen Corps zu sammeln. Er beabsichtigt jedenfalls, dann herbei zu eilen, um Metz zu entsetzen. Geht aber der Feind bereits nach Verdun vor, so wird dem Marschall dies zur Unmöglichkeit gemacht. Ihr müßt also da drüben auch zu den Messern greifen, und zwar augenblicklich!«

»Das wollen wir ja auch. Wir warten nur auf Ihre Anweisungen.«

»Nun, die sollen Sie erhalten. Also, wie viel Mann werden Sie zusammenbringen?«

»Fünfhundert.«

»Also so viel wie ich. Wir werden also tausend


// 1643 //

Mann haben. Damit läßt sich Etwas ausrichten. Wo versammeln Sie sich?«

»In Fleurelle, hinter Schloß Malineau. Und dieser Name bringt mich auf die zweite Nachricht, welche ich Ihnen zu bringen habe. Sie ist eine gute.«

»Dann schnell heraus damit! Gute Nachrichten sind jetzt so selten, daß man sie nicht schnell genug hören kann.«

»Schön! Also erfahren Sie: Ich habe sie.«

»Wen?«

»Fräulein Marion.«

»Marion? Ah! Meine Enkelin?«

»Ja.«

»Alle Wetter! Das ist allerdings eine ganz erfreuliche Neuigkeit. Wo befindet sie sich?«

»Eben auf Malineau.«

»Sapperment! Das Schloß gehört dem General Latreau.«

»Dessen Tochter wohnt jetzt dort, und bei ihr befindet sie sich als Gast. Und noch eine zweite Person giebt es da, auch eine Dame. Ich habe gelauscht und dabei gehört, daß sie von Mademoiselle Marion Mutter genannt wird, von den Anderen aber Madame Liama.«

»Liama!« stieß der Alte hervor. »Ah, Liama! Habe ich sie wieder! Berteu, Ihre Nachricht ist für mich Geldes werth. Sie müssen sogleich wieder fort!

»Warum?«

»Sie müssen augenblicklich nach Fleurelle und unsere Leute zusammenrufen. Sie übernehmen einstweilen das Commando. Sie haben dafür zu sorgen, daß Schloß Malineau in Ihren Besitz kommt. Sie bemächtigen sich dieser beiden Frauenzimmer. Ich komme nach. Ich stoße mit den Meinigen zu Ihnen. Wie es jetzt steht, wird der Kaiser einstweilen abtreten. Man wird eine interimistische Regierung bilden. Es wird ein Wenig Anarchie geben, und dies benutzen wir. Messieurs, kommen Sie mit mir hinab in die Gewölbe, damit Sie sich für den heutigen Abend orientiren!

Einige der Aufgeforderten erhoben sich und schritten nach der Thür; der Alte aber sagte:

»Nein nicht dort hinaus. Es giebt einen anderen Weg. Folgen Sie mir hier durch die Tapetenthür!«

Er verschloß die Eingangsthür von innen und öffnete dann den geheimen Zugang nach den verborgenen Treppen. Er trat den Anderen voran hinaus.

»Halt! Pst!« machte er es und horchte gespannt nach unten. Dann fügte er hinzu: »War es mir doch, als ob Jemand da unten über die Stufen lief. Aber hier kann doch kein Mensch sein. Also gehen wir weiter. Ich werde Sie dann durch das Waldloch entlassen.«

Und doch hatte er sich nicht geirrt.

Königsau war in die geheimnißvollen Gänge eingedrungen, um sie seinen Begleitern zu zeigen. Damit fertig, ließ er sie im hintersten Gange warten und begab sich mit Fritz nach dem Innern des Schloßgebäudes. Er wollte gern wissen, wo sich der alte Capitän befand.

Die Beiden erreichten die Wohnung des Letzteren und waren so glücklich, draußen vor der dünnen Holztäfelung stehend, die Unterredung, welche drin im Zimmer stattfand, zu belauschen. Sobald sie hörten, daß der Alte in die Gewölbe wollte, entfernten sie sich. Aber das ging doch nicht so schnell, wie sie dachten. Königsau wäre gewiß rascher entkommen; Fritz aber war mit der Treppe nicht so vertraut und tastete sich zu langsam hinab. Unten stolperte er sogar. Königsau durfte ihn nicht zurücklassen und faßte ihn bei der Hand. Da hörten sie das »Halt! Pst!« des Alten.

»Stehen bleiben!« raunte Königsau dem Gefährten zu.

Sie vernahmen nun ganz deutlich, was der Capitän dann sagte, und als sie die Schritte der Franzosen wieder hörten, eilten sie weiter. Dies ging jetzt, wo es keine Stufen mehr gab, schneller von Statten. Der Capitän konnte mit seinen Begleitern nur langsam weiter. Darum hatten die Beiden bald einen Vorsprung erhalten, der sie in Sicherheit brachte.

Als sie dann später wieder auf die Anderen stießen, gab ihnen der Major den Befehl, ihm zu folgen.

Er führte sie durch den Gang, dessen Ausgang in das Waldloch mündete. Natürlich brachten sie die Verschlüsse hinter sich wieder so in Ordnung, daß nichts von ihrer Anwesenheit bemerkt werden konnte.

Als sie im Freien angekommen waren, sagte Königsau:

»Es sind also noch Mehrere bei ihm. Er wird sie hier herauslassen. Ich möchte gern wissen, was gesprochen wird. Beim Abschied pflegt man ganz unabsichtlich eine Resumption des geendeten Gespräches zu geben; ich hoffe also, irgend Etwas zu erlauschen, woraus ich auf die Dispositionen schließen kann, welche der Capitän für den heutigen Abend getroffen hat.«

»Das ist gefährlich!« bemerkte einer der Herren.

»Nicht so sehr, wie Sie denken. Hier, gerade über dem Loche giebt es ein Brombeergestrüpp. Darin verberge ich mich sehr leicht.«

»In diesen Dornen!«

»Ja. Sie sind zwar meinem Anzuge gefährlich, meiner Absicht aber sehr förderlich. Mit Ihrer Hilfe kann ich mich so verbergen, daß man mich gar nicht zu bemerken vermag. Sie brauchen nur ein Wenig nachzuhelfen.«

»Wo warten wir?«

»Da oben in dem Buchengestrüpp. Sollte ich ja in Gefahr gerathen, so schieße ich meinen Revolver ab und Sie eilen zu meiner Hilfe herbei.«

Die Dornzweige wurden möglichst auseinander gezogen und dann über Königsau, nachdem derselbe sich auf den Boden gelegt hatte, wieder so geschlossen, daß er gar nicht zu sehen war. Dann zogen sich die Andern zurück.

Als sie es sich in dem dichten Buchengebüsch so bequem wie möglich gemacht hatten, wurde das Ergebniß der Untersuchung der unterirdischen Gänge leise besprochen. Bei dieser Gelegenheit bemerkte Einer:

»Ein schneidiger Kerl, dieser Major Königsau! Und Sie, Kamerad, sind Wachtmeister in seiner Schwadron gewesen?«

Diese Worte waren an Fritz gerichtet.

»Ja,« antwortete er. »Sein Wachtmeister und sein Freund, wie ich wohl sagen darf.«

»Donnerwetter! Der Sohn eines General von Goldberg und Wachtmeister! Das ist unbegreiflich!«

»Ah, Sie kennen diese Verhältnisse nicht?«

»Nein, Kamerad. Bedenken Sie, daß Sie mit Königsau zu einem anderen Regimente gehören.«

»Nun, so will ich Ihnen sagen, daß ich als Kind


// 1644 //

meinen Eltern geraubt wurde. Später diente ich unter Königsau, welcher, ohne daß wir Beide es ahnten, mein Verwandter, mein Cousin, war. Hier in Ortry kamen wir zufälliger Weise hinter das Geheimniß. Der Kerl, welcher mich geraubt hatte, wurde gefangen und mit List über die Grenze und dann als Gefangener nach Berlin gebracht. Dort wurde er so scharf vernommen, daß er nicht mehr leugnen konnte, und so gestand er nicht nur, sondern er bewies auch, daß ich der geraubte Sohn des Generales bin.«

»Sapperment! Höchst interessant! Was sagten denn da Ihre Eltern?

»Ist das nicht eine wunderbare Frage, Herr Kamerad? Lassen Sie uns jetzt an die Gegenwart denken! Aus dem Wachtmeister Fritz Schneeberg, der stets seine Pflicht gethan hat, ist der Lieutenant Friedrich von Goldberg geworden, welcher sich keiner Nachlässigkeit schuldig machen will. Geben wir also auf den Major acht!«

Dieser hatte unter seinen Dornen eine wahre Geduldsprobe abzulegen. Es dauerte sehr, sehr lange, ehe er die Ankunft der Franctireurs bemerkte. Endlich glaubte er unter sich ein Geräusch zu vernehmen, und gleich darauf wurde der Stein von dem Loche, welches den Ausgang bildete, entfernt.

Die Männer traten hervor.

»Also, haben Sie sich Alles gemerkt, Messieurs?« fragte der Alte. »Sie speisen heute mit mir zu Abend, und Punkt zwölf Uhr begeben wir uns in das Gewölbe. Sie, Levers, können allerdings nicht mit am Mahle theilnehmen, da Sie die Versammelten hier zu erwarten und durch diesen Eingang zu dirigiren haben.«


Ende der einhundertdritten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk