Lieferung 104

Deutscher Wanderer

12. September 1885

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


// 1649 //

Der Capitain Richemonte unterbrach plötzlich seinen Vortrag, den er an die Führer der Franctireur's hielt. Es war ihm, als ob er von außerhalb ein Geräusch vernommen, und horchte aufmerksamer, es blieb aber still in der Umgebung.

Nach einigen Minuten setzte er den unterbrochenen Vortrag fort, und verordnete, zu Levers gewandt:

»Sie verschließen den Zugang natürlich wieder und bringen die Leute alle in das große Gewölbe, in welchem die Garderobevorräthe aufgestapelt liegen. Die Leute müssen zunächst eingekleidet werden, ehe sie Waffen bekommen. Jeder erhält eine Blouse und ein Käppi. Ich lasse jetzt dieses Gewölbe offen, und Sie können, falls ich nicht gleich erscheine, die Einkleidung immer beginnen lassen. So, das ist Alles, was ich noch zu sagen habe. Adieu, Messieurs!«

Er gab ihnen die Hand und sie gingen. Nur Zwei blieben bei ihm zurück, nämlich Berteu und Ribeau. Der Erstere wartete, bis sich die Anderen alle entfernt hatten. Dann sagte er:

»Wann darf ich erwarten, Sie in Fleurelle zu sehen, Herr Kapitän?«

»Möglichst bald. Auf dieser Seite der Mosel ist für uns nichts zu thun. Noch bleibt uns der Weg über Briey offen, und den werden wir benutzen. Wir marschiren noch während der Nacht fort. Die Schnelligkeit unseres Marsches aber hängt von Umständen ab, die ich noch nicht kenne.«

»Und ich soll mich unter allen Umständen des Schlosses Malineau bemächtigen?«

»Ja. Auf alle Fälle.«

»Welchen Vorwand habe ich? Es gehört dem Grafen Latreau, der französischer General ist.«

»Pah! General außer Dienst.«

»Aber doch Offizier.«

»Nun, ein Grund ist sehr leicht gefunden. Sie haben gehört, daß die Deutschen sich des Schlosses bemächtigen wollen, und so kommen Sie, es zu vertheidigen.«

»Hm, ja! Auf diese Weise bin ich der Beschützer des Schlosses und der Damen.«

»Diese Letzteren brauchen, bis ich komme, gar nicht zu bemerken, daß sie Ihre Gefangenen sind.«

»Natürlich. Aber wie nun, wenn sich bereits regulaires Militär in der Nähe oder gar im Schlosse selbst befindet? Dann kann ich doch nicht verlangen, daß das Commando mir übergeben wird.«

»Allerdings nicht. In diesem Falle haben Sie nur zu beobachten, daß meine Enkelin und diese Liama sich nicht entfernen. Das Weitere werde ich dann bestimmen, wenn ich angekommen bin. Haben Sie sonst noch eine Frage oder eine Erkundigung?«

»Nein. Ich hoffe ja, daß wir uns bald wiedersehen!«

»Jedenfalls. Adieu für jetzt!«

»Adieu, Herr Capitän!«

Die beiden Freunde gingen und der Capitän zog sich in das Innere des Ganges zurück.

Nun wandt Königsau sich vorsichtig aus den Dornen hervor und begab sich zu den auf ihn wartenden Kameraden, denen er mittheilte, daß sie nun in den Thalkessel zurückkehren könnten, da der Zweck der gegenwärtigen Recognition erreicht worden sei.

Er schritt mit Schneeberg voran, da sie Beide ja die Gegend kannten.

Ein Fehler ist es freilich, den braven Fritz noch Schneeberg zu nennen, denn er war von dem Generale von Goldberg als Sohn anerkannt worden. Königsau hatte mit dem


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gefangenen Seiltänzer eine förmliche Revolution in dem Familienleben seiner Verwandten hervorgerufen. Freilich war davon nicht viel in die große Oeffentlichkeit gedrungen. Die politischen und kriegerischen Ereignisse der Gegenwart hatten alles Interesse in der Weise absorbirt, daß das endliche Auffinden eines der verschollenen Söhne des Generals fast gar nicht beachtet worden war.

Desto größer allerdings war die Erregung im Kreise der Familie geworden. Das einzige nach außen hingehende Ereigniß war die Ernennung Fritzens zum Lieutenant gewesen.

Er hatte allerdings einen Vornamen zu tragen; da er aber an seinen bisherigen so gewöhnt war, hatte man beschlossen, ihn beizubehalten.

Königsau verkehrte natürlich mit ihm in noch viel vertraulicherer Weise als früher. Sie durften sich nun Du nennen, und es war für den für seine Dienste zum Major ernannten Rittmeister eine herzliche Genugthuung, den Freund, welchem er bereits früher so zugethan war, nun auch jetzt noch bei sich haben zu können.

Während sie jetzt, gefolgt von den Anderen, neben einander herschritten, fragte Fritz:

»Hast Du Deine Dispositionen für den Abend bereits getroffen, Richardt?«

»Ja. Wir werden ein Wenig Comödie spielen.«

»Hm! Wieso?«

»Nun, der Alte kennt und - haßt Dich.«

»Das ist freilich wahr.«

»Mich aber noch viel mehr.«

»Das ist noch wahrer.«

»So machen wir ihm die freudige Ueberraschung eines Besuches.«

»Doch nicht etwa gerade dann, wenn er mit seinen sauberen Kameraden bei Tafel sitzt?«

»Doch, gerade dann.«

»Hm! Wo wird er speisen?«

»Im Speisesaale keinesfalls. Diese Männer haben Vieles zu besprechen. Er wird in seiner Wohnung serviren lassen.«

»Das wird allerdings eine sehr hübsche Ueberraschung werden.«

»Fast so groß wie die Ueberraschung, welche Deine Nanon hatte, als ich Dich als meinen Cousin vorstellte.«

»Das gute Kind! Wo wird sie sich befinden?«

»Irgendwo beim Heere. Ich achte den Entschluß, mit ihrer Schwester unsern siegreichen Truppen als Krankenpflegerin zu folgen. Du wirst mit diesem Mädchen jedenfalls glücklich sein.«

»Ich bin es überzeugt. Sapperment, wenn ich daran denke! Da unten im Walde trafen wir uns. Ich sang: »Zieht im Herbst die Lerche fort!« Dann setzte sie sich auf meinen Pflanzensack und guckte mich mit so lieben Augen an, daß mir Hören und Sehen verging.«

»Beneidenswerther!

»So? Bist etwa Du zu beklagen?«

»Hm! Du hast ja gehört, in welcher Gefahr sich Marion befindet. Und ich bin nicht bei ihr!«

»Du machst Dich aber schleunigst hin!«

»Werde ich Erlaubniß bekommen?«

»Allemal!«

»Ich habe morgen Abend in St. Barbe einzutreffen. Ist es möglich, so bin ich eher dort. Und sollte ich ein Pferd todt reiten, obgleich ich sonst kein Schinder bin.«

»Ich bin bei Dir. Giebt man Dir die Erlaubniß, wird man sie mir wohl nicht versagen. Du hast Dich so verdient gemacht, daß man moralisch gezwungen ist, Deine Bitte zu berücksichtigen.«

»Wenn unser linker Flügel weit genug vorgeschoben ist, wird man mir die Erlaubniß allerdings nicht verweigern. Und dann, dann -«

»Dann werden wir zwei ernste Wörtchen mit diesem Berteu und seinem Freunde Ribeau sprechen,« fiel Fritz ein. »Diese Kerls haben es verdient!« -

Der Tag verging, und es wurde Abend. Neun Uhr war vorüber; da regte sich ein eigenthümliches, geheimnißvolles Leben in demjenigen Theile des Waldes, welcher in der Nähe des alten Klosters lag.

Aus dem schmalen Waldwege, welcher von Osten her auf die Ruine mündete, drangen zwei Schwadronen Ulanen und dann eine Compagnie Jäger hervor. Die Ersteren erhielten Befehl, hier halten zu bleiben, dann aber zur geeigneten Zeit aufzubrechen, so daß zehn Minuten nach zwölf Uhr Schloß Ortry von ihnen in der Weise umringt sei, daß Niemand von dort entkommen könne.

Die Jäger aber folgten ihren Officieren in das Innere der Ruine. Dort wurden die mitgebrachten Leuchten entzündet, und die braven Leute drangen nun durch den Gang ein, durch welchen sich Fritz damals in den Versammlungssaal gewagt hatte.

Nachdem sie diesen Letzteren erreicht hatten, wurden sie von Königsau, welcher ja überall öffnen konnte, weiter in das Innere der Gewölbe geführt. Beim Kreuzpunkte der vier Gänge blieb er stehen. Die Offiziere der Compagnie standen hinter ihm.

»Meine Herren,« sagte er, »Sie sehen hier diese offene Thür. Sie führt in das Gewölbe, in welchem sich die fünfhundert Menschen ihre Blousen und Käppis holen sollen. Sie kommen ohne Waffen; sie sollen erst dann, wenn sie eingekleidet sind, bewaffnet werden. Dazu aber dürfen wir es nicht kommen lassen. Wir nehmen sie, ehe sie diese Gewölbe verlassen, gefangen. Um das mit Sicherheit thun zu können, müssen wir sie einschließen. Ich öffne Ihnen die Thüren der beiden Gewölbe, welche zu beiden Seiten des Garderobemagazins liegen; dort verstecken Sie sich, Herr Hauptmann, Herr Oberlieutenant. - Ich werde zur rechten Zeit erscheinen, um das Signal zu geben. Sie behalten Ihre Thüren offen, aber so, daß man von Außen nichts bemerkt. Ich werde, wenn ich komme, bei Ihnen, Herr Oberlieutenant, leise anklopfen und meinen Namen nennen. Jetzt kommen Sie!«

Er öffnete die beiden Thüren, und die Gewölbe wurden besetzt, worauf man die Thüren von innen zuzog.

Er hatte sich nur zehn Mann von der Compagnie zurückbehalten; diese waren im Gange bei ihm und Fritz geblieben. Er gab einen Wink und führte sie nach dem Schlosse zu. Unter dem Gartenhause angekommen, zog er seine Uhr und warf einen Blick auf das Zifferblatt.

»Dreiviertel elf Uhr,« sagte er. »Wir haben länger gebraucht als ich dachte. Jetzt kannst Du an die Oberwelt steigen. Ich werde Alles hören.«


// 1651 //

Fritz, der mit den Heimlichkeiten des Gartenhauses vertraut war, stieg hinauf, während Königsau mit den Soldaten den Weg fortsetzte.

Bei den geheimen Treppen angekommen, gab er strengen Befehl, jedes, auch das geringste Geräusch, zu vermeiden, und stieg mit ihnen empor.

Nur er hatte ein Licht. Die Leute trugen schwere Stiefel und übrigens auch ihre ganze Ausrüstung. Es war also für sie keine Kleinigkeit, ihm so geräuschlos, wie er es verlangte, zu folgen. Sie tasteten sich nur höchst langsam vorwärts, und als sie oben neben ihm standen, konnte es wohl schon halb zwölf Uhr sein.

Als sie nun so lautlos neben einander standen, hörten sie laute Stimmen.

»Sie sind da!« flüsterte der Major ihnen zu. »Ich werde zuerst allein eintreten; sobald ich aber Ihren Namen nenne, Sergeant, folgen Sie nach. Wer Widerstand leistet, bekommt eine Kugel. Nur den alten Graubärtigen schont mir; den muß ich lebendig haben.«

Fritz war durch den Park in den Garten gelangt und ging von da aus zunächst in das Freie, um die bestimmte Zeit abzuwarten. Er sah die Fenster des Capitäns erleuchtet und flüsterte vor sich hin:

»Ganz genau so, wie Richard dachte! Bin doch neugierig, was der Alte sagen wird.«

Als halb zwölf Uhr vorüber war, begab er sich an das große Thor des Hofes. Es stand offen, jedenfalls auf besonderen Befehl des Capitäns. Er trat ein. Es war kein Mensch zu sehen. Darum ging er über den Hof hinweg und stieg die breite Freitreppe hinauf. Erst oben trat ihm ein Diener entgegen, der ihn ganz erstaunt betrachtete.

»Was wollen Sie so spät?« fragte er.

»Ich muß zum Herrn Capitän.«

»Unmöglich! Jetzt ist keine Audienzzeit!«

»O doch! Der Herr Capitän ertheilt ja Audienz!«

»Das sind Herren, welche - welche -«

»Zu welchen auch ich gehöre!«

»Ach so! Da muß ich Sie anmelden.«

»Das ist nicht nöthig. Ich bin für jetzt bestellt und habe strengen Befehl, mich nicht anmelden zu lassen.«

Er schob den Diener zur Seite und ging weiter. Der Lakai blickte ihm verdutzt nach und brummte:

»Sonderbar! War das nicht der Kräutermann des Doctor Bertrand? Der ist auch ein Vertrauter des Capitäns? Wer hätte das gedacht! Hm, hm!«

An der Thür des Capitäns angekommen, klopfte er an und trat, als er die laute Antwort des Alten hörte, ein.

Dieser Letztere mochte geglaubt haben, daß es der Diener sei, aber als er Fritz erblickte, machte er ein im höchsten Grade erstauntes Gesicht und sagte:

»Was! Wer hat Ihnen erlaubt, hier einzutreten?«

»Entschuldigung, Herr Capitän!« sagte Fritz in höflichem Tone. »Ich habe Ihnen eine wichtige Botschaft zu bringen.«

»Sie mir! Sind Sie nicht der - der Kräutersammler des Doctor Bertrand?«

»Ja.«

»Und Sie wagen sich zu mir!«

»Warum sollte ich nicht?«

»Das ist stark! Was haben Sie mir zu sagen?«

»Ich komme in einer sehr freundlichen Absicht und verdiene den feindseligen Empfang nicht, den ich hier finde!«

»So lassen Sie mich Ihre freundliche Absicht kennen lernen!«

»Ich soll Sie warnen.«

»Ah! Vor wem oder was?«

»Vor einem gewissen Doctor Müller.«

»Sapperment! Was ist's mit diesem?«

»Er sinnt auf Rache.«

»Das weiß ich. Wissen Sie vielleicht, wo er sich befindet?«

»Er soll sich in der Nähe des Schlosses herumtreiben.«

»O, er wird wohl an einem ganz anderen Orte sein, an einem Orte, den ich kenne.«

»Schwerlich!«

»Pah! Ich weiß das besser als Sie. Er ist da, wo sich Mademoiselle Marion befindet. Aber wir werden ihn zu treffen wissen. Wie aber kommt es, daß Sie, grade Sie mich warnen? Wer hat Sie geschickt?«

»Rathen Sie!«

»Fällt mir nicht ein!«

Er war von seinem Stuhle aufgestanden, ging an Fritz vorüber nach der Thür, öffnete, zog draußen den Schlüssel ab und verschloß dann die Thür von innen. Den Schlüssel steckte er ein, zog ein höhnisch grinsendes Gesicht und sagte:

»Sie merken jetzt wohl, wie dumm Sie sind?«

»Ich? Dumm?« fragte Fritz.

»Ja, riesig dumm! Sie sind gradezu in die Höhle des Löwen gelaufen, der Sie verschlingen wird.«

»Des Löwen? Habe keine Ahnung! Wer soll das sein?«

»Ich!«

»Sie?« meinte Fritz in äußerst gemüthlichem Tone. »Sie wollen mich verschlingen? Gehen Sie; dazu sind Sie viel zu gut und freundlich! Uebrigens glaube ich nicht, daß ich so sehr appetitlich bin, daß es Ihnen nach mir gelüstet!«

»O, es gelüstet mir doch sehr nach Ihnen. Sie sind mir längst verdächtig gewesen. Ich bemächtige mich Ihrer Person, Sie sind mein Gefangener!«

»Was! Gefangener soll ich sein?«

»Ja.«

»Der Ihrige?«

»Sie hören es ja!«

»Das ist aber doch die höchst verkehrte Welt!«

»Ah! Wieso?«

»Sie sind ja mein Gefangener!«

»Ich? Der Ihrige? Mensch, sind Sie verrückt?«

»Das scheint Ihnen auch noch unglaublich? Sie denken, weil Sie den Schlüssel abgezogen haben, bin ich Ihr Gefangener? O, mir ist es eben grad recht, daß Sie die Thür verschließen. Da können Sie mir nicht entkommen.«

Der Alte stieß ein lautes, höhnisches Gelächter aus, in welches die Anderen einstimmten.

»Der Mensch ist wirklich übergeschnappt,« sagte er.


// 1652 //

»Oder spielt er nur den Verrückten, um loszukommen. Aber da hat er sich verrechnet. Wir werden ihn einschließen.«

»Wohl da, wo die Zofe gesteckt hat?« fragte Fritz.

Der Alte horchte auf.

»Welche Zofe?« fragte er.

»Ich meine dasselbe Loch, in welches auch Deep-hill eingesperrt worden ist.«

»Hölle und Teufel! Was wissen Sie davon?«

»Oder meinen Sie das Loch, in welchem Herr von Königsau steckte, oder dasjenige, in welches einst ein kleiner, dicker Maler eingesperrt wurde?«

Da sprang der Alte auf ihn zu, faßte ihn bei der Brust und brüllte voller Wuth:

»Ah, habe ich endlich den Kerl! Hallunke, jetzt sollst Du mir beichten, auf welche Weise -«

Er sprach nicht weiter. Fritz hatte ihn bei der Gurgel gepackt, hob ihn empor und setzte ihn auf den nächsten Stuhl. Das ging so schnell, daß die Anderen gar nicht Zeit fanden, dem Alten beizuspringen.

»Armer Teufel! Mich bei der Brust zu fassen!« sagte er. »So einen alten Gardecapitän drückt man ja mit einer einzigen Hand zu Syrup! Und Sie, meine Herren, bleiben Sie ruhig sitzen, sonst geschieht Ihnen Etwas, was Sie auf die Dauer nicht vertragen können!«

»Schurke!« stöhnte der Capitän, indem er sich wieder von seinem Sitze erhob. »Ich lasse Dich fuchteln, zu Tode fuchteln! Du sollst mir - Tod und Verdammen - wer ist das? Wer hat hier -«

Das Wort blieb ihm im Munde stecken. Die Wand hatte sich geöffnet, und Königsau war eingetreten.

»Guten Abend, Herr Capitän!« grüßte er höflich.

»Was - was - - was - -« stammelte der Alte, der vor Schreck weiter keine Worte fand.

»Was das ist?« fragte Königsau. »Besuch ist es!«

Da gewann der Capitän wieder die Herrschaft über seinen Schreck. Sein Auge leuchtete tückisch auf, und seine langen, gelben Zähne nagten an dem weißen Barte.

»Schön!« sagte er. »Besser konnte es nicht kommen! Die Vögel haben sich gefangen. Verdacht hatte ich bereits damals. Jetzt aber weiß ich bestimmt, wer mir mein Haus durchspionirte. Aber Sie sind heute, da Sie heimlich zurückkehrten, in Ihr eigenes Verderben gerannt. Hier hinaus« - er deutete nach der Thür - »hier hinaus können Sie nicht, und da, wo Sie jetzt eingetreten sind, noch viel weniger.«

»Wer wollte es mir verwehren?«

»Ich!«

»Pah! Sie alter, schwacher Mann!«

»Lachen Sie! Sie sind ein Spion. Ich aber will Ihnen sagen, daß Sie noch heute Nacht aufgeknüpft werden. Da unten harren fünfhundert Mann tapferer französischer Krieger. Ihnen laufen Sie in die Arme!«

»Französische? Hm! Das machen Sie mir nicht weiß.«

»Sie werden sie sehen!«

»Na, da werde ich Ihnen die tapferen, französischen Krieger zeigen, welche da unten warten! Sergeant Baumann, herein! Im nächsten Augenblicke standen zehn preußische Jäger längs der Hinterwand postirt, die Läufe der schußfertigen Gewehre auf die Franzosen gerichtet.

»Nun, Herr Capitän, was sagen Sie zu diesen tapferen Franzosen? Bitte, antworten Sie!«

Ein lautes Stöhnen war zu hören, weiter nichts. Die Augen schienen dem Alten aus dem Kopfe treten zu wollen; er fand keine Worte. Er bot einen schrecklichen Anblick dar. Er sah aus wie Einer, den der Schlag im nächsten Augenblicke treffen muß. Er rang nach Athem, und endlich, endlich stieß er einen lauten Schrei hervor.

»So sieht Einer aus, den der Teufel holt!« sagte Fritz, auf den Capitän deutend.

Das aber gab diesem sofort die Fassung wieder.

»Hund!« brüllte er. »Sag das noch einmal, und ich zermalme Dich!«

Auch die anderen Franzosen traten um einen Schritt näher. Sie vergaßen um des Alten willen für einen Augenblick die drohend auf sie gerichteten Gewehrläufe.

»Halt! Bewegt Euch nicht!« gebot Königsau. »Ein Wink von mir, und zehn Schüsse krachen! Und damit der Herr Capitän Richemonte nicht zweifeln kann, daß es mir Ernst ist, so will ich ihm sagen, daß ich eigentlich nicht Müller heiße. Mein Name ist Richardt von Königsau, Major im königlich preußischen Gardeulanenregimente. Und hier steht Friedrich von Goldberg, mein Kamerad.«

»Ein - ein - buckeliger Major!« stieß der Alte hervor, indem er aber doch vor Schreck auf den Stuhl sank.

»Pah! Der Buckel wird von jetzt an verschwinden. Aber horch! Fritz, geh hinab! Sie sind da!«

Von unten herauf ertönte Pferdegetrappel. Der Lieutenant entfernte sich und kehrte nach wenigen Augenblicken mit einem Ulanenrittmeister zurück. Dieser salutirte vor Königsau und meldete:

»Schloß Ortry von allen Seiten cernirt, Herr Major - zehn Minuten nach Zwölf.«

»Schön, Herr Rittmeister! Sie sind pünktlich. Danke! Bringen Sie mir diese Leute hier herunter in den Speisesaal. Ich werde dafür sorgen, daß auch die anderen Bewohner des Schlosses da erscheinen.«

Er ging mit Fritz. Während dieser auf seinen Befehl die Dienerschaft zusammencommandirte, begab er selbst sich zu der Baronin. Sie befand sich in ihrem Gemache und war an das Fenster getreten. Sie war überzeugt, daß französische Reiter angekommen seien, erstaunte daher nicht wenig, als sie Königsau eintreten sah.

»Doctor Müller!« stieß sie hervor.

»Einstweilen mag ich das noch sein. Wo ist Ihr Sohn?«

»Er schläft.«

»So mag er noch weiter schlafen. Sie aber kommen mit.«

Er bot ihr den Arm.

»Was fällt Ihnen ein?« sagte sie.

»Mir fällt ein, daß Sie mir zu gehorchen haben. Vorwärts! Er ergriff ihren Arm und hielt diesen so rücksichtslos fest, daß sie mit ihm gehen mußte. Als er mit ihr in den Saal trat, wurden durch die andere Thür die übrigen Gefangenen hereingeführt. Königsau zählte sie durch und fand, daß Niemand fehlte.

»Herr Rittmeister, bitte, nehmen Sie die Versammlung unter ihre eigene Obhut, bis ich zurückkehre! Es darf Niemand entkommen! Folge mir, Fritz.«


// 1653 //

Er entfernte sich mit dem Lieutenant, kehrte in das Zimmer des Alten zurück und von da aus stiegen sie in den Gang hinab; dieses Mal ohne Licht.

Als sie ihr Ziel fast erreicht hatten, vernahmen sie ein dumpfes Stimmengewirr.

»Sie sind versammelt,« meinte Fritz.

»Und zwar scheinen Alle sich im Gewölbe zu befinden. Es ist im Gang vollständig finster. Wir werden also leichte Arbeit haben.«

Sie schlichen weiter bis zur nächsten Thür. Dort klopfte Richardt von Königsau an und nannte leise seinen Namen. Sofort wurde geöffnet und der Oberlieutenant trat heraus.

»Alles bereit und in Ordnung,« meldete er.

»Schön! Nähern Sie sich mit den Ihrigen so leise wie möglich dem Gewölbe. Ich werden den Herrn Hauptmann holen.«

Er gab dort dasselbe Zeichen und nun kamen die Jäger von beiden Seiten herbei. Er trat zu der angelehnten Thür des Gewölbes und warf einen Blick hinein.

Der Raum war sehr, sehr groß. Er bildete einen Saal von bedeutender Länge und Breite. An der hintern Wand standen eine Menge Kisten, welche jetzt geöffnet waren. Fünfhundert Menschen bildeten die verschiedensten, oft wahrhaft lächerlichen Gruppen. Man theilte sich in die Blousen und Kopfbedeckungen.

»Man beachtet den Eingang gar nicht,« sagte er. »Soll ich Ihnen die Sache überlassen, Herr Hauptmann?«

»Ich bitte darum!«

»Gut. Ich werde hier warten!«

Er trat mit Fritz weiter zurück, um den Jägern Raum zu lassen. Ein leises Commando des Offiziers, und die Jäger marschirten mit dumpf im Takte klingenden Schritten in den Saal. Die beiden im Gange Stehenden hörten vielstimmige Rufe, ein wirres Getöse, welches aber von der Stimme des Hauptmannes übertönt wurde. Dieser Letztere trat nach kurzer Zeit heraus und meldete, daß Alles in Ordnung sei. Die unbewaffneten Franzosen hatten sich in ihr Schicksal ergeben.

»Nehmen Sie Ihre braven Burschen wieder heraus! Hier ist der Schlüssel zur Thür; er schließt auch alles Andere. Lassen Sie den Eingang verrammeln. Material dazu finden Sie in jedem andern Raum. Im Uebrigen haben Sie Ihre Instruction. Der Kamerad, welcher sich als Wächter hier befand, wird Ihnen jede gewünschte Auskunft ertheilen. Gute Nacht!«

Er ging mit Fritz. Sie kehrten durch das Zimmer des Capitäns nach dem Speisesaale zurück. Dort herrschte große Aufregung. Der - - Capitän war fort.

Der Rittmeister selbst hatte ihn mit bewacht. Zehn Jäger und mehrere Ulanen hatten sich im Saale befunden. Der Alte hatte sich ganz bewegungslos verhalten, war aber plötzlich auf und nach dem Kamin gesprungen. Die Mauer hatte sich geöffnet und im nächsten Augenblicke hinter ihm geschlossen.

Das war nun freilich eine höchst unangenehme Botschaft. Eben wollte Königsau zum Kamin treten, da hörte man draußen einen Schuß, dann noch einen.

»Ob er das war?« fragte Fritz.

»Möglich!« antwortete der Major. Dann trat er an den Kamin.

»Hat man hier untersucht?« fragte er den Sergeanten.

»Ja, Herr Major. Aber der Herr Rittmeister hat nicht entdecken können, wie man da öffnen kann.«

»Wo ist er jetzt?«

»Er ging selbst, um den Cordon fester schließen zu lassen.«

»Bewachen Sie die Uebrigen gut. Ich kehre bald wieder.«

Er fand ganz die Vorrichtung wie bei den anderen geheimen Thüren, ergriff ein Licht, winkte Fritz und öffnete. Sie traten durch die Oeffnung und verschlossen sie hinter sich wieder.

»Ah, auch eine Treppe!« meinte Fritz.

»Sie kann aber nicht nach dem Gange führen, der mir bekannt ist. Ich müßte sie sonst entdeckt haben.«

Sie stiegen hinab, gelangten allerdings in einen schmalen Gang, aber dieser führte zu einer niedrigen, eisernen Thür, welche nur angelehnt war. Als sie hinaustraten, befanden sie sich im Hofe des Schlosses.

»Wie dumm, wie dumm!« meinte Königsau. »Wer aber konnte ahnen, daß hier so eine Ausfallspforte sei. Ich habe sie wohl bemerkt, ihr aber keine Beachtung geschenkt.«

In diesem Augenblicke kam der Rittmeister zum Thore herein. Er erblickte beim Scheine der brennenden Hoflaternen den Major, kam auf ihn zu, salutirte und meldete:

»Herr Oberstwachtmeister, der Capitän ist entkommen, doch ohne meine Schuld, wie ich bemerken möchte.«

»Ich weiß es. Ich hätte den Saal untersuchen sollen. Hier durch dieses Pförtchen ist er in's Freie gelangt. Warum hat man geschossen?«

»Er hat sich durchgeschlichen. Die beiden Ulanen, zwischen denen er hindurchschlüpfen wollte, haben Feuer gegeben.«

»Wurde er getroffen?«

»Ich weiß es nicht. Er scheint entkommen zu sein. Beim Aufblitzen der Schüsse haben Beide seinen grauen Bart und sein weißes Haar erkannt. Er ist es gewesen.«

»Lassen Sie mit Laternen nach Blut suchen.«

»Dürfen wir es wagen, Laternen sehen zu lassen?«

»Ja. Ich hoffe, nach ein Uhr Nachricht zu bekommen, daß Oberst von der Heidten uns von Thionville aus die Hand reicht.

Er hat Befehl erhalten, im Geschwindmarsche heranzurücken. Ich kehre in den Saal zurück.«

Der Rittmeister ging.

»Eine verteufelte Geschichte!« brummte Fritz.

»Allerdings. Unsere Aufgabe, die hiesigen Vorräthe zu fassen, ist glanzvoll gelöst. Dem Oberstcommandirenden kann es sehr gleichgiltig sein, daß der Alte entkommen ist. Aber in unsere Privatangelegenheit macht es uns einen Strich durch die so wohl angelegte Rechnung.«

»Ich denke, er wird nach Malineau gehen.«

»Ganz gewiß. Aber, wenn es mir möglich ist, soll ihm das nicht gelingen. Wir reiten nachher fort.«

»Was geschieht mit der Baronin und ihrem Manne?«

»Sie bleiben hier gefangen. Ich werde die nöthigen Instructionen hinterlassen.«

Kurz vor zwei Uhr kam eine Ordonnanz angeritten, welche nach dem Oberstwachtmeister von Königsau frug und


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diesem meldete, daß der Oberst von der Heidten Thionville gegenüber am diesseitigen Ufer der Mosel angekommen sei. Der Besitz von Ortry war gesichert.

Eine Stunde später verließen Königsau und Fritz von Goldberg das Schloß. Sie hatten einen weiten Ritt vor sich. - - -

Es war am nächsten Tage, als eine Equipage vor dem Thore des Schlosses Malineau hielt. Der Graf von Latreau stieg aus und wurde von seiner Tochter auf das Herzlichste bewillkommnet. Er hatte Vater Main, seinen Gefangenen, nach Metz geschafft, um ihn der dasigen Behörde zu übergeben. Sein Abschied war für längere Zeit berechnet gewesen; darum hatte Ella ihn noch nicht zurück erwartet. Als sie ihm, auf seinem Zimmer angekommen, dies sagte, schüttelte er traurig den Kopf.

»Mein Kind, ich konnte nicht länger dort verweilen,« erklärte er. »Es wäre mir sonst vielleicht unmöglich gewesen, vor Monaten zu Dir zurückzukehren.«

»Warum?« fragte sie erstaunt.

»Ich bin zu alt, um persönlich in den Gang der Ereignisse einzugreifen. Ich konnte nur Rath geben! Man hat meine Ansichten berücksichtigt, so weit es möglich war; aber daß alle, alle, alle Schlachten und Gefechte für uns verloren gingen, das konnte man nicht wissen. Metz sieht einer schweren, langwierigen Belagerung entgegen. Ich habe es verlassen, um bei Dir zu sein. Bereits morgen vielleicht hätte ich nicht mehr zu Dir gelangen können.«

»Mein Gott! So sind die Deutschen so nahe?«

»Ich befürchte, daß wir sie auch hier in Malineau sehen werden.«

»Wie Du mich erschreckst!«

»Fürchte Dich nicht. Sie sind keine Barbaren. Nur kenntnißlose Leute können von ihnen als von halbwilden Leuten sprechen. Ich möchte mich fast schämen, wenn ich sage, daß wir sehr, sehr viel von ihnen lernen können. Gerade jetzt geben sie uns eine Lehre nach der anderen. Leider ist das Honorar, welches wir dafür zahlen müssen, ein so hohes, daß man weinen möchte - Menschenblut!«

Die Nachricht, welche er mitgebracht hatte, verbreitete sich schnell unter den übrigen Bewohnern des Schlosses. Sie war aufregend genug, und doch gab es drei Personen, welchen es nicht einfiel, ein Jammergeschrei anzustimmen, nämlich der Beschließer Melac mit Frau und Enkelin.

Diese Drei saßen noch spät am Abende beisammen. Alice befand sich bei ihnen. Sie sprachen natürlich über die Ereignisse der Gegenwart und tauschten ihre Meinungen darüber aus. Da klopfte es leise an den Laden.

Sie glaubten sich getäuscht zu haben; aber das Klopfen wiederholte sich. Melac öffnete das Fenster.

»Wer klopft?« fragte er.

»Bitte, öffnen Sie mir den Eingang, Monsieur Melac. Ich bin es, Martin, der Weinhändler.«

»Ah, Martin!« rief Alice. »Geschwind, Monsieur, öffnen Sie; schnell, schnell!«

Der Alte schloß das Fenster, nickte ihr freundlich zu und sagte:

»Meine Beine sind alt und müde. Hier ist der Schlüssel. Oeffnen Sie ihm, Mademoiselle!«

Sie erröthete, ließ es sich aber nicht zweimal sagen. Draußen im Flur brannte kein Licht mehr, denn die Herrschaften hatten sich bereits zur Ruhe begeben.

»Martin, wirklich?« fragte sie, indem sie öffnete.

»Ja. Ah, Du, mein Schwälbchen. Wart, her mit dem Schnäbelchen! So! Das war herzhaft! Noch einmal!«

»Nein, nein! Sie merken es sonst drin.«

»Ist jemand Fremdes bei ihnen?«

»Nein.«

»Das ist gut. Komm!«

Er trat mit ihr, nachdem das Thor verschlossen war, in die Stube. Erst jetzt bemerkte Alice, daß er den rechten Arm in einer Binde trug.

»Herr, mein Gott!« schrie sie auf. »Was ist mit Dir? Was hast Du gemacht?«

»Verwundet bin ich, mein Kind.«

»Verwundet? Mein Heiland! Wann ist denn das geschehen und wo? Ist's gefährlich?«

»Nein; an das Leben geht es nicht. Es ist weiter nichts, als ein tüchtiger Säbelhieb.«

»Von wem denn?«

»Von einem preußischen Husaren.«

»Der Unmensch der! O, diese Preußen! Diese Husaren! Und gar die Ulanen sollen noch schlimmer sein.«

»Ja, Kind, das sagt man.«

»Bist Du denn gut verbunden? Wird es wieder ganz, ganz heil werden?«

»Ja. Das Wundfieber ist vorüber. Ich lag im Lazareth. Da dachte ich an Dich und an den guten Papa Melac. Ich habe keinen Menschen, an den ich mich wenden kann und da dachte ich, Du gehst nach Malineau. Vielleicht erlaubt man Dir, dort zu bleiben, bis Du wieder eintreten kannst!«

»Natürlich, natürlich, mein bester Monsieur Martin!« sagte Melac eifrig. »Der gnädige Herr wird sich freuen und die gnädige Demoiselle auch. Sie spricht so gern von Ihnen und Monsieur Belmonte. Wie geht es ihm?«

»Danke, gut! Er steht bei meiner Schwadron.«

»Er ist doch nicht etwa auch verwundet?«

»Nein. Er läßt Alle herzlichst grüßen. Eigentlich ist er es, welcher mich auf den Gedanken gebracht hat, nach Malineau zu gehen. Er sagte scherzend, daß er nachkommen werde, wenn er so eine Schramme bekäme wie ich.«

»Davor wolle ihn unser Herrgott in Gnaden behüten!« sagte Frau Melac, indem sie die Hände faltete. »Sie aber, Monsieur Martin, sollen bei uns nach Kräften gepflegt werden. Ich gehe jetzt, um Ihnen das zweifensterige Gaststübchen, welches da gleich neben unserer Wohnung liegt, zu öffnen.«

»Ja, thue das, meine Liebe!« sagte ihr Mann. »Wir werden einstweilen - - ah, Monsieur Martin, das ist schade, jammerschade!«

»Was? a

»Daß Sie keinen Wein trinken dürfen.«

»Warum nicht?«

»Sie sind ja blessirt, und ich weiß, daß Verwundete sich vor Wein und ähnlichem Getränke hüten müssen.«

»Das liegt aber bei mir anders. Ich bin ja Weinhändler. Der Wein ist mir zur Nothwendigkeit geworden. Der Regimentsarzt, welcher mich behandelte, hat mir streng befohlen, ja nicht etwa dem Weine zu entsagen. Er meinte,


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diese Abweichung von meinen Lebensgewohnheiten könne mir nur schaden. Wenn ich Wasser tränke, würden meine Säfte verderben; dann könne Blutvergiftung in die Wunde treten und ich wäre rettungslos verloren -«

»Herr Jesus!« rief Alice, indem sie einen sehr rührend bittenden Blick auf Melac warf.

Dieser nickte ihr beruhigend zu und sagte:

»Wenn so ein Arzt dies sagt, so müssen Sie gehorchen. Ich werde also eine Flasche holen, und während wir trinken und dabei eine Cigarre rauchen, werden Sie die Güte haben, uns vom Kriege zu erzählen.«

Das geschah. Sie saßen noch lange Zeit beisammen und Martin erzählte. Er schimpfte mit Herzenslust auf die verhaßten Deutschen und mußte fast gezwungen werden, endlich das Bett aufzusuchen.

Als die Familie Melac sich allein befand, fragte die Mama:

»Höre, meinst Du, daß die Deutschen wirklich so schlimm sind, Vater?«

»Nein. Dieser Monsieur Martin zürnt ihnen, daß er von ihnen verwundet worden ist. Er ist ein Provençale, und diese Südländer tragen immer in starken Farben auf. Ich hoffe zu Gott, daß die Deutschen siegen werden!«

Erst am andern Morgen konnte es dem Grafen gemeldet werden, daß sich ein Verwundeter im Schlosse befinde. Als er erfuhr, wer dieser war, belobte er Melac, ihn aufgenommen zu haben. Er ließ sogar Martin zu sich kommen und lud ihn zur Tafel ein, wo Alice ihn speisen mußte wie eine Mutter ihr unbehilfliches Kindchen.

Nach der Mittagszeit ließ sich ein ununterbrochenes, dumpfes Rollen vernehmen, fast so, als ob ein Erdbeben stattfinde. Als Ella fragte, erklärte der Graf:

»Das ist Kanonendonner, mein Kind.«

»Also eine Schlacht?«

»Ja, und zwar eine bedeutende, eine fürchterliche. Dieses Rollen wird hervorgebracht durch hunderte von Geschützen. Gott möge uns in Gnaden bewahren, daß das Morden nicht auch in diese Gegend komme.«

Der ganze Tag wurde in ängstlicher Erwartung verbracht. Der General sandte Boten aus, um Erkundigungen einzuziehen, konnte aber nichts Gewisses erfahren.

Wohl über neun Stunden lang hatte der Kanonendonner gewährt; da endlich schwieg er. Der General saß mit Ella, Marion und Alice beim Abendmahle. Liama war nicht zugegen; sie pflegte ihr Zimmer nur auf Minuten zu verlassen.

Die am ganzen Tage gehegte Besorgniß war gewichen. Man begann, sich freier zu unterhalten. Da trat der Diener ein und meldete Herrn Berteu.

»Berteu?« fragte der Graf. »Welcher Berteu?«

»Der unserige, Excellenz.«

»Der Sohn des todten Verwalters?«

»Ja.«

»Für ihn bin ich nicht zu sprechen.«

»Er behauptet in einer höchst wichtigen Angelegenheit, die nicht aufgeschoben werden könne, zu kommen.«

»Und wenn sie für ihn noch so wichtig ist. Für mich kann nichts so wichtig sein, daß es mich veranlassen kann, einen solchen Menschen zu empfangen.«

Der Diener ging, kehrte aber sofort zurück.

»Verzeihung, Excellenz! Er läßt sich wirklich nicht abweisen.«

»Wirf ihn hinaus!«

»Er sagt, daß - - ah, da ist er!«

Der Diener zog sich durch die Thür zurück, durch welche Berteu eingetreten war. Er trug eine dunkle Blouse mit rothem Kragen und auf seinem Kopfe ein Käppi mit goldener Tresse. Ein Säbel hing an seiner Seite.

»Ich höre, daß man mich nicht einlassen will!« sagte er in barschem Tone. »Wer hat diesen Befehl gegeben?«

»Ich!« sagte der General. »Gehen Sie!«

»Ich lasse mir einen solchen Befehl nicht« - - -

»Hinaus!« rief der Graf, indem er sich erhob und nach dem Glockenzuge griff.

Und als Berteu die Achsel zuckte, ohne zu gehorchen, schellte er, daß es im ganzen Schlosse wiederhallte. Die Diener kamen herbeigestürzt und Melac auch.

»Schafft augenblicklich diesen Menschen fort!« befahl er.

Aber sein Befehl fand keinen Gehorsam.

»Nun!« rief er drohend.

»Gnädiger Herr, es geht nicht,« sagte Melac.

»Was? Warum nicht?« fragte der Graf zornig. »Seit wann gebe ich Befehle, welche nicht auszuführen sind?«

»Unten - - -«

»Nun, was ist unten?«

»Unten stehen seine Leute, über dreihundert Mann.«

»Was für Leute?«

Und als der Gefragte nicht sogleich antwortete, trat Berteu noch einen Schritt näher und sagte:

»Ja, das ist eine Ueberraschung. Wir kamen so leise, daß uns kein Mensch hörte. Jetzt aber wird man nun Ohren für uns haben müssen!«

»Was will denn dieser Mensch?« fragte der General, sich abermals an Melac wendend.

»Warum behält er die Mütze auf? Seit wann duldet ein Diener es so ruhig, daß sein Herr beschimpft wird?«

»Von einer Beschimpfung ist keine Rede!« sagte Berteu. »Ich bin es, der hier Achtung zu verlangen hat. Ich erkläre, daß ich von jetzt an hier mein Hauptquartier aufzuschlagen gedenke, Herr von Latreau.«

»Hauptquartier? Verstehe ich recht?«

»Ja. Ich bin Commandant eines ganzen Bataillons Franctireurs. Ich werde hier wohnen und verlange, daß meine Soldaten Pflege und Unterkommen finden.«

»Lächerlich!«

»Oho! Haben Sie nicht den Kanonendonner gehört? Unsere Armee ist in einer neun Stunden langen Schlacht abermals total auf's Haupt geschlagen worden. Die Truppen des Kronprinzen von Preußen sind in Chalons eingezogen. Zwei deutsche Armeen befinden sich auf dem Marsche nach Paris. Thiers hat beantragt, den Kaiser abzusetzen. Man wird es genehmigen. Da haben Sie Alles! Jetzt wird das Volk sich erheben. Der Arbeiter wird zu seinem Rechte gelangen. Wir bilden Regimenter und Divisionen, unter deren Fußtritten die Erde erzittern wird. Wir werden den Erbfeind über die Grenzen werfen, um ihn in seinem eigenen Lande zu zermalmen. Dazu aber bedürfen wir wenigstens ebenso viel, wie die Heere gebraucht haben, welche nichts Anderes konnten, als sich von den Deutschen


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schlagen zu lassen. Ich stehe hier als Commandant meiner Truppen und verlange Quartier und Verpflegung!«

»Kein einziges Zimmer!«

»Oho!«

»Und keinen Schluck Wassers! Ehrenhafte Militairs muß und werde ich bei mir aufnehmen. Schurken aber jage ich fort!«

»Gut! Merken Sie sich, daß Sie uns Schurken genannt haben! Was man uns nicht giebt, das wird man sich nehmen. Uebrigens verlange ich unbedingte Auslieferung zweier Frauenzimmer.«

»Welcher?«

»Einer gewissen Liama und einer gewissen Marion de Sainte-Marie.«

»Die befinden sich unter meinem Schutze.«

»Sie geben sie nicht heraus?«

»Nein.«

»Wir werden sie uns holen. Der Herr Capitän Richemonte, unser Oberst, wird bald eintreffen. Ihm haben wir sie abzuliefern.«

»Er mag sie sich holen!«

»Ah! Thun Sie doch nicht so stolz, alter Mann! Wen haben Sie denn, der Ihnen helfen könnte? Zwei Diener und den Schließer. Die werden wir einfach mit dem Besen aus dem Schlosse fegen, wenn Sie sich nicht fügen.«

Er ging.

»Herr Gott!« sagte Ella. »Großpapa, was fangen wir an?«

»Kommt schnell nach meiner Bibliothek. Bringt Wasser und Speisen! Schnell, schnell!«

Die Diener sprangen, während der Graf hinauseilte, um die starke Korridorthür zu schließen und zu verbarrikadieren. Der wackere Melac hatte dasselbe auch mit der großen Eingangsthür gethan, sobald Berteu hinaus in den Hof getreten war. Als dann Einlaß begehrt wurde, waren genug Vorräthe zusammengetragen worden, um eine kleine Belagerung aushalten zu können.

Melac hatte seine Frau und seine Enkelin mit nach oben genommen, dabei aber - Martin vergessen.

Jetzt hatten die Franctireurs ihre Berathung beendet. Sie klopften unten an. Als nicht geöffnet wurde, begannen sie, Gewalt anzuwenden.

Der Graf stand oben an einem dunklen Fenster und sah hinab, ohne daß man ihn von unten bemerken konnte.

»Wahrhaftig, das sind wenigstens dreihundert Mann,« sagte er. »Man wird uns zu thun geben.«

»Großpapa, Du willst Dich doch nicht wehren!« bat Ella in größter Besorgniß.

»Warum nicht?«

»So Wenige gegen so Viele!«

»Kind, wir dürfen uns nicht freiwillig ergeben. Ich bin Offizier. Ich sterbe lieber, als daß ich mir von diesem Berteu Befehle ertheilen lasse.«

»Ja, wir vertheidigen uns!« sagte Marion kaltblütig. »Geben Sie mir ein Gewehr, Excellenz!«

Jetzt hatten die Franctireurs unten den Eingang demolirt. Sie drangen in das Schloß und die Treppe empor. Hier begannen sie die verschanzte Thür zu bearbeiten. Da ertönte von innen die Stimme des Grafen:

»Weicht zurück! Wir werden uns vertheidigen!« .

Ein neuer Kolbenstoß war die Antwort. Die Thür erzitterte unter neuen Stößen. Da aber krachte im Innern ein Schuß. Die Kugel durchschlug die Thür und verwundete einen der Franctireurs am Arme.

»Donnerwetter! Ich bin getroffen!« schrie er laut, indem er schleunigst zurückwich.

Die Anderen folgten. Aber die Hinteren drängten vor, und ganz hinten befahl Berteu:

»Zerschlagt die Thür! Wir müssen hinein!«

Einige Beherzte gehorchten diesem Rufe. Kaum aber hatten sie ihre Arbeit begonnen, so krachten drin mehrere Schüsse und abermals Einer wurde verwundet. Sich niederschießen zu lassen, dazu waren diese Menschen freilich nicht hieher gekommen. Sie zogen sich zurück und begannen abermals Berathung zu halten:

»Der Graf hat mich getroffen!« meinte der zuerst Verwundete. »Blut um Blut!«

Der andere Blessirte stimmte bei. Andere waren dagegen. Da sagte Berteu:

»Unsinn! Warum wollen wir das Leben riskiren? Dieser alte General hat da oben ein ganzes Zimmer voller Waffen. Wir hungern sie aus!«

»Dann sitzen wir in vierzehn Tagen noch da!« sagte ein stämmiger Schmied. »Laßt mich nur machen! Wir müssen ganz ruhig sein, damit sie denken, daß wir den Angriff aufgegeben haben. Dann aber rennen wir mit einem gewaltigen Stoß die Thür in Stücke.«

Er ging mit noch einigen Anderen nach dem Oeconomiegebäude. Bereits nach kurzer Zeit brachten sie zwei Pflugschare geschleppt. Die kräftigsten Männer wurden ausgewählt, und dann ging man an das Werk. Während das Gros der Franctireurs vor dem Schlosse lärmen mußte, um die Aufmerksamkeit der Belagerten auf sich zu ziehen, schlichen sich diese Leute leise bis zur Thür. Sie holten aus und rannten die Schare mit aller Gewalt gegen die Thür. Es gab einen fürchterlichen Krach; die Thür, für solche Angriffe nicht gefertigt, prasselte auseinander. Der eine Flügel war aus den Angeln gerissen worden und fiel in den Corridor hinein.

Zwar gaben die Belagerten sofort einige Schüsse ab, welche aber nicht trafen, da die Stürmenden zur Seite gesprungen waren und man überhaupt die Vorsicht gebraucht hatte, kein Licht zu brennen. Ein Zielen war also dem General unmöglich.

Aber kaum, daß er seine Schüsse abgegeben hatte, so drangen die Franctireurs zur Treppe wieder empor und drückten ihre Gewehre ab, aufs Geradewohl. Die Kugeln pfiffen in den Corridor, trafen aber nicht, weil derselbe schleunigst geräumt worden war.

Unter lautem Jubel drangen die Franctireurs ein. Der Graf hatte mit seinem Scharfblicke erkannt, daß mit so wenigen Personen eine ganze Zimmerreihe nicht zu halten sei. Darum hatte er, während er im Corridore den Eingang vertheidigte, den Befehl gegeben, die Waffen und die Nahrungsmittel nach den beiden Thurmzimmern, welche sich am Giebel befanden, zu bringen. Dies geschah und dorthin zog auch er sich schnell zurück. Die Thür wurde verschlossen und so gut wie möglich verrammt. Draußen kamen die Franctireurs näher.

Als sie sich aber auch an dieser Thür zu schaffen


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machten, krachten drin vier oder fünf Schüsse. Die Thür war nicht stark. Die Kugeln drangen leicht durch und Mehrere wurden verwundet. Da zogen sie sich zurück und Einer rief voller Wuth:

»Setzen wir den rothen Hahn aufs Dach!«

»Unsinn!« rief Berteu. »Das Schloß gehört uns. Wollen wir unser Eigenthum vernichten? Sehen wir lieber, was es enthält. Wir werden Vieles finden, was wir gebrauchen können!«

Dieser Vorschlag rief ungeheuren Jubel hervor. Die Bande zerstreute sich augenblicklich in allen Räumen des Schlosses.

In der Nähe der Thurmzimmer wurde es ruhig. Darum kam es, daß die jetzigen Insassen desselben das Klirren mehrerer Steinchen gegen die Fenster vernahmen. Sie traten herzu, um zu sehen, was das zu bedeuten habe, und erblickten eine männliche Gestalt.

»Herr Jesus!« sagte Melac. »Monsieur Martin! Den habe ich ganz und gar vergessen!«

»Ist er es wirklich?« fragte der General.

»Ja. Er trägt den Arm in der Binde.«

»So müssen wir erfahren, was er will.«

Latreau öffnete und fragte hinab:

»Monsieur Martin?«

»Ja.«

»Was wollen Sie sagen?«

»Halten Sie aus! Ich bringe Hilfe.«

»Bis wann?«

»Das weiß ich nicht genau; ich bringe sie aber jedenfalls.«

Er hatte ohne Licht in seinem Zimmer gesessen, und da die Läden geschlossen worden waren, so hatte er von dem Nahen der Franctireurs nichts bemerkt. Erst als sie in das Schloß drangen, merkte er, woran er war. Da sie Alle nach der großen Treppe drängten, konnte er seine Thür unbemerkt ein Wenig öffnen. Er hörte, was sie sprachen; er vernahm, daß Liama und Marion an den alten Capitain ausgeliefert werden sollten.

Das durfte nicht geschehen. Er öffnete Fenster und Laden und sprang hinaus. Kein Mensch bemerkte das, denn Alle befanden sich im Schlosse. Er musterte die Fenster desselben und bemerkte an dem Lichtscheine, daß sich die Ueberfallenen nach dem Thurmzimmer zurückzogen.

Er begab sich also nach der Giebelseite und warf einige aufgeraffte Steinchen an das Fenster. Nachdem er versprochen hatte, Hilfe zu holen, eilte er nach dem Wirthschaftsgebäude. An der Thür desselben stand ein Mann.

»Wer sind Sie?« fragte Martin.

»Der Kutscher.«

»Lieben Sie Ihren Herrn?«

»Ach ja.«

»Sie gehören also wirklich nicht zu den Franctireurs?«

»Nein. Diese Spitzbuben haben vorhin zwei Pflugschare gestohlen.«

»Das ist das Wenigste, was zu beklagen ist. Sie wünschen natürlich, daß Ihre Herrschaft gerettet werde?«

»Das versteht sich.«

»Nun, so geben Sie mir ein Pferd. Ich will Hilfe holen.«

»Wo?«

»Aus der Gegend von Metz. Wer hat den Stallschlüssel?«

»Ich. Wer sind Sie denn?«

»Ein guter Freund von Monsieur Melac.«

»Mit verbundenem Arme? Sie sind Soldat?«

»Das ist Nebensache. Geben Sie nur den Schlüssel! Es ist keine Zeit zu verlieren.«

Da richtete der Andere seine Gestalt empor und sagte, höhnisch lachend:

»Sehr gescheidt sind Sie nicht, mein Lieber!«

»Warum?«

»Daß Sie so hübsch aus der Schule schwatzen. Das fehlte noch, Hilfe holen! Sie sind mein Gefangener.«

»Donnerwetter!«

»Ja,« nickte der Mann, der eine riesige Figur besaß.

»Der Schlüssel zum Stalle ist da in meiner Tasche; aber der Kutscher liegt gebunden im Stalle. Er wollte uns die Pflugschare nicht nehmen lassen.«

»So sind Sie Franctireur?«

»Ja. Ich arretire Sie!«

Erlangte neben sich an die Mauer, wo seine Büchse lehnte, und fügte drohend hinzu:

»Ergeben Sie sich gutwillig! Sonst muß ich Sie erschießen!«

»Sapperment! Mich erschießen lassen, das ist nun gerade meine Leidenschaft nicht!«

»Also! Lassen Sie sich einschließen?«

»Hier in den Stall?«

»Ja, das ist das Gefängniß!«

»So muß ich mich fügen! Erschießen lasse ich mich auf keinen Fall. Man lebt nur einmal.«

»Richtig! Kommen Sie!«

Er schob Martin vor sich her nach der Stallthüre zu. Da zog er den Schlüssel heraus und steckte ihn in das Schloß. Er war dabei gezwungen, sich abzuwenden.

»Eigentlich brauchten Sie sich nicht hierher zu bemühen,« meinte Martin in höflichem Tone.

»Warum?«

»Ich kann mir selbst öffnen.«

»Oho! Das ist meine Sache. Ich werde doch nicht - - -«

Er sprach nicht weiter; er fiel wie ein Klotz zur Erde. Er hatte von Martin einen Hieb gegen die Schläfe empfangen, der ihm die Besinnung raubte.

»So, mein Bursche,« meinte der Deutsche. »Das war ein richtiger Husarenhieb. Merke ihn Dir!«

Er schloß auf, trat ein und brannte ein Streichholz an. Dort auf der Streu lag eine menschliche Gestalt.

»Kutscher?« fragte er.

»Ja.«

»Sind Sie gefesselt?«

»Zum Teufel, freilich.«

»Na, ich werde Sie losmachen.«

Er ging hin, zog sein Messer und schnitt die Stricke durch.

»Danke schön!« meinte der Rosselenker. »Wer sind Sie denn? Ein Franctireur wohl nicht?«

»Nein. Der General wird belagert; man plündert das Schloß. Ich will Hilfe holen.«

»Schön, schön; thun Sie das!«

»Wie viele Pferde sind hier?«


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»Nur drei jetzt!«

»Eins muß ich haben. Können Sie die beiden andern nicht retten, so auf die Seite bringen?«

»O doch. Ich müßte schnell anspannen und in das Nachbardorf fahren. Beim Maire bin ich geborgen.«

»Thun Sie, was Sie denken. Draußen liegt Ihr Wächter; ich habe ihn niedergeschlagen. Schließen Sie ihn hier ein. Welches Pferd ist das schnellste?«

»Der Rothschimmel. Ich werde es losmachen. Soll ich satteln?«

»Daß inzwischen die Franctireurs kommen, nicht wahr! Heraus mit dem Gaule!«

Der Kutscher führte das Pferd heraus und der Husar sprang auf. Daß er weder Sattel noch Zaum hatte, das war ihm sehr gleichgiltig. Er jagte trotz der Finsterniß wie der wilde Jäger davon, zunächst nach Dorf Malineau, dann durch Etain und sodann nach Fresnes zu. Dort hoffte er, Freunde zu treffen.

Ja, er stieß auf deutsche Truppen; aber die, welche er suchte, nämlich Leute von der elften Kavalleriebrigade, zu welcher sein Regiment gehörte, fand er nicht. Und doch hatte er sie eigentlich hier zu suchen.

Endlich hörte er, daß er viel, viel näher an Metz heran müsse, und richtig, im Laufe des Vormittages stieß er auf Angehörige seiner Brigade und fand endlich seinen Rittmeister in der Nähe von Tronville, an der Straße, welche von da nach Puxieux führt. Er sprang vom Pferde und begab sich sofort zu ihm.

»Du, Martin?« sagte Hohenthal. »Schon wieder hier!«

»Ja, Herr Rittmeister. Sie schickten mich gerade zur rechten Zeit nach Malineau. Der General sitzt mit seinen Damen tief in der Patsche.«

»Wieso?«

Er erzählte das Erlebniß. Er hatte jetzt den Arm nicht in der Binde, sondern bewegte ihn nach Belieben. Als er zu Ende war, meinte Hohenthal:

»Eine dumme Geschichte. Wir hoffen, hier engagirt zu werden; wenigstens erwarten wir Ordre, zum Vorrücken, und nun kommt diese Geschichte.«

»Wollen Sie Mademoiselle Ella sitzen lassen?«

»Ella?« lächelte der Rittmeister. »Du meinst natürlich die Andere, nämlich Alice.«

»Auch mit, aufrichtig gestanden.«

»Ich weiß nicht, ob mir der Alte die Erlaubniß giebt. Erstens geht der Ritt durch unsicheres Gebiet. Wie leicht können wir auf den Feind stoßen!«

»Wir sind Husaren, Herr Rittmeister.«

»Das ist richtig. Aber der Alte beurtheilt die Angelegenheit ganz anders als wir, die wir betheiligt sind. Ferner gilt es, zu bedenken, daß die Ausräucherung eines solchen Nestes eigentlich Infanteriearbeit ist. Wir können zu Pferde das Schloß nicht stürmen.«

»Läßt sich arrangiren.«

»Etwa wie eine Parthie Doppelschafskopf?«

»Ja. Man schneidet dem Gegner die Däuser heraus und verleidet ihn, seine hohen Trumpfe auszugeben. Dann hat man ihn im Sacke. Man holt ihn aus.«

»Ganz hübsch! Hm!«

»Uebrigens handelt es sich zwar nicht um Deutsche, aber - -«

»Aber - -?«

»Aber um den General von Latreau, einen alten, braven, ehrenwerthen und verdienten Offizier.«

»Das ist der Grund, auf welchen ich den Ton legen muß. Ein braver General, der sich uns gegenüber neutral verhält, soll nicht von diesen Spitzbuben ausgehungert werden. Ich gehe, erst zum Obersten und dann weiter. Lege einstweilen Deine Uniform an.«

Dieses Letztere war bald geschehen. Der Telegraphist machte in dem schmucken Husarenzeuge einen allerliebsten Eindruck. Er hatte lange zu warten. Seine Ungeduld trieb ihn hin und her. Endlich kehrte der Rittmeister zurück. Sein Gesicht leuchtete vor Freude.

»Gelungen?« fragte Martin.

»Ja.«

»Wieviel?«

»Ganze Schwadron!«

»Heisa, heirassassa!«

»Ist mir nicht leicht geworden.«

»Aber unser Grund, wegen dem alten, verdienten, ehrwürdigen General hat gezogen!«

»Es fiel mir noch ein Weiterer ein, und der zog noch mehr.

Der Ausflug soll zugleich ein Recognitionsritt sein. Also sage es den Herren Lieutenants. In zehn Minuten muß die Schwadron bereit zum Aufbruche sein.«

Das war eine Lust, als die wackeren Burschen hörten, daß es sich um eine Franctireursbande handle. In fünf Minuten schon waren sie fertig. Dann ging es lustig nach Westen hin, zwischen Conflans und Fresnes hindurch und auf Etain zu.

Hohenthal besaß eine ausgezeichnete Sectionskarte dieser Gegend. Er hatte ja gute Gründe, gerade diese zu besitzen. So kam es, daß er alle möglichen Richtwege einschlug und jedes Zusammentreffen vermied. Auch Etain wurde nicht direct berührt, sondern umgangen. Dann hielt die Schwadron am Rande des Waldes und die Offiziere beriethen sich noch einmal.

»Am Besten wäre es, wir könnten die Kerls über den Haufen reiten und unsere Klingen an ihnen probiren,« sagte der Premier. »Erstürmen können wir das Schloß doch auf keinen Fall.«

»Das ist richtig,« meinte der Rittmeister. »He, Martin!«

Der Angerufene drängte sein Pferd herbei und salutirte.

»Sagtest Du nicht, daß so ein Schuft am Stalle Wache gehalten habe?«

»Ja. Er weiß, daß ich Hilfe holen will.«

»Das ist ja famos!«

»Verzeihung! Ich dachte, ich hätte eine Dummheit begangen.«

»Eigentlich, ja; in diesem Falle aber doch nicht. Man wird uns erwarten. Lieutenant von Hornberg, Sie reiten mit Ihrem Zuge langsam nach Malineau, lassen sich aber in nichts ein. Ihre Aufgabe ist es, die Aufmerksamkeit dieser Kerls auf sich zu lenken. Unterdessen machen wir einen Umweg, um von der anderen Seite nach Malineau zu kommen. Ich sehe hier auf meiner Karte so einen Weg, der uns passen könnte. Nehmen Sie an, daß wir in dreiviertel Stunden dort sein werden. Sie kommen zu dieser Zeit dort an und plänkern mit den Kerls ein Bis-


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chen hin und her, damit ich sie auf passendes Terrain bekomme, am Liebsten gleich vor die Fronte des Schlosses. Dann fegen wir sie über den Haufen. Scharfe Hiebe, Kinder, scharfe Hiebe, aber nicht zum Tode. Höchstens wenn sie anfangen sollten, unhöflich zu werden, dann ändern wir das Ding. Also, vorwärts, Leute!«

Der Nachmittag war angebrochen. In und um Malineau sah es übel aus. Man hatte die Meubels aus dem Schlosse geschafft, auf einen Haufen geworfen und angebrannt. Aus Rache, daß der Wächter geschlagen und eingeschlossen worden war, hatte man auch das Wirthschaftsgebäude angesteckt. Es brannte lichterloh und kein Mensch dachte an das Löschen.

Der Keller enthielt viel Wein. Die Franctireurs waren über den Vorrath gerathen und befanden sich nun in einem aufgeregten Zustande. Die Fenster wurden zertrümmert. Man hatte nicht viel Geld gefunden und verlangte doch Geld. Der General sollte es schaffen. Es war eine Deputation an ihn abgeschickt worden, welche nur die Kleinigkeit von einer Million Franken verlangt hatte. Er hatte mit dem Gewehre geantwortet.

Das verdoppelte den Grimm. Und nun hatte man dem Grafen das Ultimatum bekannt gegeben: Wenn er bis heute Abend zehn Uhr nicht die verlangte Summe schaffe, so werde man das Schloß anbrennen und ihn im Feuer umkommen lassen.

Der Posten, welchen Martin niedergeschlagen hatte, war natürlich gefunden worden. Aus seiner Erzählung ergab es sich, daß Jemand fortgeritten sei, um Hilfe für den Grafen zu holen. Daher hatte Berteu in der Gegend nach Etain Posten vorgeschoben, welche ihn von allem Auffälligen benachrichtigen sollten.

Er selbst saß in einem Zimmer des Schlosses und hörte mit Vergnügen auf die Schüsse, mit denen man die Belagerten in Athem hielt. Man schoß von innen nach der Thür, hinter welcher sie sich befanden, und von außen nach den Fenstern der beiden Thurmzimmer.

Da kam einer der ausgesandten Späher eiligen Laufes über den Schloßplatz und begab sich zu dem Anführer.

»Sie kommen!« rief er, noch ehe er die Thür hinter sich geschlossen hatte.

»Dummkopf! Weißt Du nicht, was sich schickt? Hast Du das Wort Disciplin und Subordination noch nicht gehört?«

»Disciplin?« fragte der Mann erstaunt.

»Ja. Kommt man in dieser Weise in das Arbeitskabinet seines Stabsoffiziers gestürmt!«

»Stabsoffizier?«

»Natürlich! Ich bin ja Major.«

»Hm! Ich habe Sie für Herrn Berteu gehalten. Na, mir egal Aber sie kommen!«

»Wer denn?«

»Der Feind.«

»Dummkopf! Feind! Wo denkst Du hin! Es können ja doch nur Franzosen sein. Unsere regulären Truppen. Was für eine Gattung ist es?«

»Gattung?«

»Ja. Ist's Infanterie oder Artillerie?

»Reiter.«

»Wie viele?«

»Vielleicht vierzig.«

»Wo?«

»Zwischen Etain und dem Dorfe. Sie weideten ihre Pferde.«

»Wie? Was?«

»Ja, auf der Wiese.«

»Dann sind es keine Feinde. Wie sahen sie aus?«

»Roth.«

»Hm! Was hatten sie auf dem Kopfe?«

»Pelzmützen mit einem rothen Zipfel.«

»Sapperment! Das waren deutsche Husaren.«

»Na, dachte ich's doch!«

»Sie werden vorher füttern, daß die Pferde Kräfte bekommen, nämlich zum Angriffe. Warte, ich werde mich selbst um diese Sache bekümmern!«

Die Belagerten hatten während der ganzen Nacht kein Auge zugethan. Sie mußten für jeden Augenblick gerüstet sein. Je vandalischer die Franctireurs sich zeigten, desto größer wurde die Gefahr, und als der General volle Weinflaschen in den Händen dieser Leute bemerkte, sagte er:

»Gott gebe, daß die Hilfe noch vor Abend kommt! Wenn es dunkel wird, dann sind wir verloren. Diese Menschen werden betrunken sein, und dann sind sie vollständig unzurechnungsfähig.«

Die Worte brachten nicht geringe Besorgniß hervor. Marion blieb gefaßt; ihre Mutter war völlig theilnahmlos. Ella bangte mehr für den Großvater als für sich. Die Familie Melac verhielt sich still, befand sich aber sehr in gedrückter Stimmung, und die beiden Diener lugten voller Angst durch das Fenster nach der ersehnten Hilfe.

Freilich mußten sie sich da sehr in Acht nehmen, da die Franctireurs jetzt zu den Fenstern hereinschossen. Die Decke des Zimmers war mit Kugeln gespickt.

Da meinte einer der Diener:

»Excellenz, es muß Etwas los sein.«

»Warum?«

»Die Franctireurs laufen so auffällig nach dem Walde, dem Dorfe entgegen.«

Der Graf überzeugte sich, daß der Diener Recht hatte.

»Vielleicht kommt Monsieur Martin mit der ersehnten Hilfe,« sagte er. »Wehe dann diesen Menschen. Ein jeder Offizier unserer Armee wird sie sofort füsiliren lassen. Wenn es nur genug sind.«

»Sie kommen zurück!« bemerkte Ella.

Man sah allerdings, daß die Franctireurs sich nach dem Schlosse zurückzogen. Sie hatten ihre Waffen ergriffen und bildeten einzelne nach dem Dorfwäldchen gerichtete Abtheilungen.

»Ah! Dort, Großpapa!« rief Ella.

Sie deutete nach der Straße, welche vom Dorfe durch das Wäldchen nach dem Schlosse führte. Dort wurde der Zug Husaren sichtbar.

»O weh!« sagte der Graf in fast stöhnendem Tone.

»Was? Das ist ja Hilfe!«

»Nein, Kind. Das sind preußische rothe Husaren.«

»Herrgott! Preußen!«

»Ja, Feinde! Aber es ist wahr, Hilfe werden sie uns doch bringen, wenn sie sich überhaupt mit den Franctireurs einlassen.«

»Es sind ihrer so wenig!«


// 1660 //

»Avantgarde, Kind! Dahinter kommt das eigentliche Gros. Warten wir es ab!«

»Und Du denkst, daß wir von ihnen nichts zu befürchten haben, Großpapa?«

»Nichts als Einquartirung.«

»Ah, wenn sie da doch nur schnell kämen, sehr schnell.«

»Leider nicht! Sie steigen ab,« sagte Marion.

»Ja,« antwortete der General. »Sie sehen, daß sie zu schwach sind und erwarten die Ihrigen.«

»Werden diese bald kommen, Großpapa?«

»Wer kann das sagen! Ah! Schaut!«

Drüben am Waldessaume wurde ein leichtes Rauchwölkchen sichtbar, dann ließ sich ein einzelner, scharfer Knall hören.

»Sie schießen!« meinte Melac in frohem Tone.

»Ja, sie beginnen wirklich, sich zu rangiren. Kinder, sie bilden die Vorhut einer größeren Truppe. Wir scheinen gerettet zu sein, wenn nicht - -«

Sein Gesicht nahm den Ausdruck der Besorgniß an.

»Was meinst Du, Großpapa?«

»Wenn nicht unsere Truppen kommen, welche Monsieur Martin holt. Treffen diese auf die Deutschen, so sind Beide so mit einander beschäftigt, daß uns die Franctireurs unterdessen massacriren können.«

Es krachten da drüben Schüsse um Schüsse. Die Husaren hatten ihre Pferde unter den Schutz der Bäume gebracht und eröffneten, selbst hinter den Bäumen steckend, ein ziemlich lebhaftes Feuer auf die Franctireurs. Sie wollten die Aufmerksamkeit derselben auf sich lenken, damit Hohenthal gut an sie herankommen könne. Die Franctireurs erwiderten das Feuer hitzig und avancirten langsam, so daß bald ein breiter Raum zwischen ihrer Rücklinie und der Front des Schlosses entstand.

Da plötzlich stieß Liama einen lauten Ruf aus. Sie hatte am Seitenfenster gestanden, welches nach dem Park führte und deutete mit dem ausgestreckten Arme dort hinaus. Der General trat hin zu ihr und sah hinaus.

»Alle Wetter!« rief er aus. »Rettung, Rettung! Welch ein schlauer Gedanke! Seht Ihr die rothen Reiter da hinter den Bäumen des Parkes! Das ist eine ganze Schwadron. Der Rittmeister ist ein tüchtiger Offizier. Er lenkt die Aufmerksamkeit der Franctireurs nach vorn, hat sie unbemerkt umritten und wird sie nun überfallen. Wir sind gerettet.«

»Gott sei Dank!« seufzte Ella auf.

»Ja, paßt auf, Kinder! Die Franctireurs haben keine Ahnung. Sie werden zwischen zwei Feuer kommen. Die da vorn werden sofort auch losbrechen, wenn die da im Parke - - paßt auf, paßt auf! Sie ordnen sich. Seht Ihr den Rittmeister? Prächtiger Kerl! Ja, diese preußischen Reiter. Sie haben uns bei Roßbach über den Haufen geritten.«

»Er zieht den Degen!« sagte Ella.

»Ja, nun geht's los. Da, da! Welch ein prächtiger Anblick! Hört Ihrs! Hurrah! Hurrah!«

So riefen auch da unten die Husaren. In völliger Carriere kamen sie von rechts aus dem Parke gesprengt, an der Fronte des Schlosses hin, dann ritten in einem Nu sie nach rechts und von hinten auf die Franctireurs hinein.

»Prächtig! Prächtig! Wer macht ihnen dies nach!« rief der alte Soldat begeistert aus.

»Du, das sind Deutsche! Deutsche!« flüsterte Melac seiner Frau sehr leise zu.

»Gott, die armen Menschen!« rief Ella.

Die Franctireurs hatten gar nicht Zeit gefunden, sich zu besinnen. Sie wurden überritten, ehe es Einem von ihnen einfiel, einen Schuß zu thun. Sie rafften sich auf, um die Flucht zu ergreifen, aber die Husaren hatten Kehrt gemacht und fielen von Neuem über sie her.

Und der Zug, welcher vorhin geplänkelt hatte, war unterdessen auch beritten geworden und brach zwischen den Bäumen hervor. Verwundet oder nicht, wer laufen konnte, der lief davon, Viele aber, Viele wälzten sich am Boden. Und nun hörte man gar den Rittmeister den Befehl zum >Streuen< geben.

»Fangt mir die Kerls ein!« rief er. »Aber nicht zu weit fortgehen!«

Er selbst hielt nicht weit vom Schloßthore, ein Wachtmeister an seiner Seite. Beide sprangen ab und traten ein.

»Er kommt; er kommt!« sagte der Graf. »Es ist zwar ein Deutscher, aber ein vortrefflicher Offizier. Wir müssen ihm entgegen, um ihm zu danken. Kommt!«

Sie eilten durch die Reihe der Zimmer. Er aber war doch so schnell gewesen, daß er zu der einen Thür in den zerstörten Salon trat, während sie durch die entgegengesetzte kamen. Er that drei Schritte auf den General zu, schlug die Absätze spornklirrend zusammen, salutirte und meldete:

»Rittmeister von Hohenthal von den preußischen Husaren, Excellenz!«'

Sie Alle, Alle standen ganz erstarrt. Sie trauten ihren Augen nicht. Der General faßte sich zuerst.

»Herr Rittmeister, ich weiß nicht, ob ich recht vernommen habe,« sagte er. »Bitte, um Wiederholung Ihres Namens!«

»Von Hohenthal, Excellenz.«

»Danke! Ah, welche Aehnlichkeit!«

»Welche Aehn - - -« Ella sagte es, sprach aber das Wort nicht aus. Ihre Augen waren mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf ihn gerichtet.

»Herr Rittmeister,« fuhr der General fort, »es ist ein höchst glücklicher Zufall, welcher mir erlaubt - -«

»Zufall?« fragte Hohenthal in künstlichem Erstaunen.

»Gewiß!

»O nein, General!«

»Was könnte es anders sein?«

»Nun, haben Excellenz nach mir geschickt?«

»Nach Ihnen? Geschickt?«

»Allerdings. Sie ließen mir sagen, daß Sie von Franctireurs bedrängt seien. Ich stand in der Nähe von Metz und eilte natürlich herbei, um den lustigen Mückenschwarm zu zerstreuen.«

»Sie sehen mich erstaunt, ja fast betroffen! Ich soll zu Ihnen gesandt haben? Zu einem deutschen Offizier?«

»Ja.«

»Wen denn?«

»Den da! -Wachtmeister!« Dieser hatte hinter der Thür gewartet. Er trat jetzt


// 1661 //

herein, salutirte ebenso stramm wie sein Rittmeister und meldete im dienstlich respectvollen Tone:

»Wachtmeister Tannert von den rothen Husaren.«

»Martin! Mein Martin!«

Mit diesem Rufe flog Alice auf ihn zu. Sie breitete die Arme aus; sie bebte vor Freude. Er aber nahm die Hand nicht aus dem Salut hernieder und machte so ein ernsthaftes Gesicht, daß sie einen halben Schritt vor ihm stehen blieb und die Arme sinken ließ. Sie erglühte vor Scham.

»Herr Rittmeister, darf ich?« fragte er.

»Ja,« antwortete dieser.

»Zu Befehl! Na, komm her, mein Vögelchen. Wenn du Dich fangen lassen willst, so will ich Dich auch festhalten!«

Er drückte sie an sich und küßte sie. Jetzt nun gingen auch den Anderen die Augen auf.

»Monsieur Belmonte - -« stieß der Graf hervor.

»Bitte, Excellenz: Graf Arthur von Hohenthal, königlich preußischer Husarenrittmeister!«

»Ah, ah, ah, ah!« dehnte der General. »Darum, darum Ihre wiederholten Siege!«

»Nicht nur darum, Excellenz! Ich folgte dem Befehle und that meine Pflicht. Wollen Sie mir zürnen?«

»Nein. Ich heiße Sie vielmehr als meinen Retter willkommen! Hier meine Hand!«

Sie schüttelten sich die Hände; dann trat der Rittmeister zu Ella, machte ihr sein Honneur und fragte:

»Gnädiges Fräulein, werden Sie weniger nachsichtig sein als Excellenz?«

Sie erglühte bis in den Nacken herab, reichte ihm die Hand und antwortete:

»Graf, Sie haben uns aus einer bösen Lage befreit. Ich werde es Ihnen nie vergessen. Ich wiederhole, was ich bereits sagte: Sie sind zu unserm Retter prädestinirt. Oder, sagtest Du das nicht, liebe Marion?«

Diese verbeugte sich vor dem Rittmeister und antwortete:

»Ich glaube. Ich habe ja auch so einen Retter, welcher sicher erscheint, sobald ich mich in Gefahr befinde.«

Da trat der Premier ein und meldete:

»Zweiundsechzig Gefangene, darunter dreißig Verwundete. Wohin damit?«

»Hinunter in die Keller einstweilen.«

Er stellte den Oberlieutenant vor, bat um Entschuldigung und begab sich mit ihm und dem Wachtmeister hinab, während oben natürlich die lebhaftesten Ausdrücke des Erstaunens gewechselt wurden.

Dann stand Ella neben Marion am Fenster und flüsterte ihr zu:

»Ist das nicht ein Wunder, liebe Marion?«

»Ein großes Wunder und ein noch größeres Glück; denn er liebt Dich, wie Du ihn liebst.«

Ella erröthete und sagte, um die Verlegenheit zu überwinden:

»Nun sollte Der - weißt Du, wen ich meine - auch Offizier sein, Marion!«

»Unmöglich!«

»Warum nicht?«

»Ich habe ihn Dir ja beschrieben: seine Gestalt!«

»Ah, ja! Verzeihe! Ich wollte Dir nicht wehe thun! Lieber will ich Dir wünschen, daß dein Ideal zur Wahrheit werden möge. Du hast es ja gesehen, in Sachsen.«

»Mädchenphantasie! Ich sage Dir, daß ich diesen armen Doctor mehr liebe als ich den Offizier geliebt hätte. Werde Du Gräfin Hohenthal; ich begnüge mich mit dem einfachen Namen - Frau Müller!«

»Famoser Offizier!« sagte jetzt der am andern Fenster stehende General. »Seht, wie er Vorposten ausstellt und Streifpatrouillen entsendet! Ja, diese Deutschen verstehen sich auf den Dienst. Also ein Graf? Wer hätte das gedacht! Hm! Ich muß hinab zu ihm, der Gefangenen wegen. Die werden das in ihrem Leben nicht wieder machen!«

Und als er fort war, wendete Marion sich an Alice:

»Aber, liebes Kind, nun ist er ja auf einmal ein Deutscher!«

Die Angeredete wurde nicht verlegen. Sie deutete zum Fenster hinaus und sagte:

»Mademoiselle haben gesehen, was die Deutschen können! Sie gewinnen Schlacht auf Schlacht und retten uns aus jeder Gefahr, in welche wir durch unsere Landsleute gebracht werden!«

»Sie haben Recht, liebe Alice. Auch Ihr Martin ist ein ganzer Mann. Er nannte sich Tannert. Wenn Sie Frau Tannert sind, werden wir uns vielleicht oft besuchen!«

»Und ich bin mit dabei,« meinte Ella. »Jetzt aber wollen wir uns daran erinnern, daß wir Wirthinnen sind. Sehen wir also nach, was uns diese häßlichen Franctireurs für unsere lieben Gäste übrig gelassen haben!«

Als nach einiger Zeit Hohenthal mit seinen Offizieren zur gräflichen Tafel geladen wurde, erklärte er zwar, daß er eigentlich nicht Zeit dazu habe, da er zurück müsse, aber er ließ sich doch bewegen, noch zu bleiben.

Kaum aber hatte man sich gesetzt und zu speisen begonnen, so hörte man unten den galoppirenden Hufschlag eines Pferdes, und gleich darauf trat ein Unteroffizier ein.

»Verzeihung, Herr Rittmeister,« sagte er. »Französische Kavallerie im Anzuge!«

»Aus welcher Richtung?« fragte er ganz unbefangen.

»Es scheint von Briey her.«

»Wie weit von hier?«

»In zehn Minuten können sie hier sein.«

»Wie stark?«

»Zwei Schwadronen Gardekürassiere und eine Schwadron Gardedragoner!«

»Ah!«

Jetzt erhob er sich von seinem Stuhle. Der General mit all' den Seinen war erbleicht. Sollte sein Retter einer so überlegenen Macht in die Hände fallen?

»Herr Rittmeister, ziehen Sie sich schleunigst zurück!« sagte er. »Noch ist es Zeit. An Zahl dreifach überlegen, und gar Gardekürassiere!«

Wenn Hohenthal den Gedanken gehabt hatte, schleunigst das Schloß zu verlassen, jetzt dachte er nicht mehr daran. Sollte er in Gegenwart der Heißgeliebten sich feig zeigen?

»Herr Premierlieutenant, was meinen Sie?« fragte er.

»Ganz das, was Sie meinen,« antwortete der Angeredete kalt, in dem er die Gabel mit einem Schinkenstück zum Munde führte.

»Gut, so sind wir einig! Excellenz, ein preußischer Husar flieht auch vor solcher Uebermacht noch nicht - -«


// 1662 //

»Um Gotteswillen!«

»Herr von Hohenthal, ich bitte Sie inständigst, schonen Sie sich!« fiel Ella ihrem Vater in die Rede.

Der Rittmeister warf ihr einen Blick wärmsten Dankes zu, sagte aber in gemessenem Tone:

»Ich darf nicht gegen Pflicht und Ehre handeln. Wachtmeister Tannert, es mögen sofort zwei Leute nach Tronville jagen und den Obersten um Verstärkung ersuchen. Ich halte mich bis dahin.«

Und als Martin sich entfernt hatte, fuhr er, zu dem General gewendet, fort:

»Excellenz kennen den Kriegsbrauch und werden mir verzeihen. Ich erkläre Schloß Malineau in Belagerungszustand. Ich muß vor allen Dingen meine Pferde retten, denn ohne sie sind wir verloren. Sie werden im Schlosse selbst untergebracht, und sollte es im Salon oder hier im Speisesaale sein!«

»Parterre und Souterrain bieten Raum genug,« bemerkte der General, welcher sich über die kaltblütige Umsicht des Rittmeisters freute.

»Ich danke! Die Tafel ist aufgehoben. Gestatten Sie, daß ich meine Vorbereitungen treffe!«

Er verließ mit den Seinen den Saal.

»Das ist ein Soldat! Bei Gott!« meinte der General.

Und in den schönen Zügen seiner Enkelin wollte sich der Ausdruck des Stolzes mit dem der Besorgniß streiten. Sie fühlte jetzt, wie lieb sie diesen Mann hatte. - -

Der alte Capitän Richemonte war auf seiner Flucht, die mehr Hindernisse fand, als er erwartet hatte, bis in die Gegend von Briey gekommen. Er war zu Fuß und fühlte sich außerordentlich ermüdet und setzte sich, um auszuruhen, am Rande der Straße, welche durch ein Gehölz führte, nieder.

Er hatte noch nicht lange gesessen, so hörte er Hufschlag, und bald erblickte er ein Piquet Gardekürassiere, welches aus der Richtung kam, in welche er wollte. Als die Reiter ihn erreichten, blieben sie vor ihm halten. Es war ein Sergeant mit vier Soldaten.

»Wer sind Sie?« fragte er.

»Mein Name ist Richemonte, Capitän der alten Kaisergarde,« antwortete er stolz.

Sie salutirten, und der Sergeant fragte weiter:

»Entschuldigung, mein Capitän, aber ich muß meine Pflicht thun! Woher kommen Sie?«

»Ich kenne Ihre Pflicht, Sergeant; aber ich sage Ihnen, daß ich mich freue, Sie zu treffen. Vielleicht finde ich dadurch einen Offizier, zu dem ich gern möchte. Stehen die Kürassiere in der Nähe?«

»Sie wissen, daß ich diese Frage nicht beantworten darf. Welchen Offizier meinen Sie?«

»Oberst Graf Rallion.«

»Zu ihm wollen Sie?«

»Ja.«

»Kürassier Lebeau, steigen Sie ab, lassen Sie den Herrn Capitän aufsitzen und liefern Sie ihn richtig an den Herrn Obersten Rallion ab!«

Der Mann stieg ab, Richemonte auf; dann ging es fort, während das Piquet noch weiter ritt.

Als das Gehölz zu Ende war, ritt der Alte über eine Anhöhe, von welcher aus man ein breites Thal überschaute, in dem es von Soldaten förmlich wimmelte. Nach einer Viertelstunde waren sie unten, und der Kürassier Lebeau hielt vor einem Hause und führte den Capitän in das Innere desselben.

Wahrhaftig, da saß Rallion an einem Tische, über mehrere Karten gebeugt. Als er ihn erblickte, sprang er auf und rief im Tone des Erstaunens:

»Capitän! Ah, das ist wahrlich eine große Ueberraschung!«

»Ich glaube es!«

»Wie sehen Sie aus! Dieser Hut!«

»Geborgt!«

»Was, Sie borgen Hüte?«

»Von einem Bauersmanne!«

»Alle Teufel! Wie kommt das?«

»Ich bin flüchtig. Die Preußen sind in Ortry und auch in Thionville.«

»Sie - sind - des - Satans!« kam es nur stoßweise aus dem Munde des Obersten.

»Ja. Ich war bereits gefangen, bin aber entkommen.«

»Und unsere Vorräthe?«

»Sind in den Händen des Feindes.«

»Unglaublich!«

»Dieser Doctor Müller - ah, er ist ein Königsau!«

»Sie machen mich starr! Erzählen Sie!«

Der Alte begann seinen Bericht. Er war nicht, wie der preußische Ulanenrittmeister gesagt hatte, durch den Cordon geschlüpft, sondern er war zurückgewichen und hatte sich wieder in den Schloßhof geschlichen.

Dort hatten zufälliger Weise einige Fässer gestanden, hinter welche er gekrochen war, um abzuwarten, bis der Cordon wieder aufgelöst sei. Diese Fässer hatten sich ganz in der Nähe des eisernen Thürchens befunden, durch welches er entkommen war, und so hatte es ihm glücken können, das Gespräch Königsaus mit Fritz und dann auch den Rittmeister zu belauschen.

Dann, erst am Morgengrauen, hatte er entkommen können; aber die ganze Gegend und auch das rechte Moselufer waren mit Posten besetzt gewesen, welche auf jeden Weg zu achten hatten. Ein Bauer, der ihm zu Dank verpflichtet war, hatte ihn aufgenommen, ihm einen Hut und Geld gegeben und dann erst einen Abend später über die Mosel gebracht.

Diese Erzählung machte einen tiefen Eindruck auf den Obersten. Er sagte in grimmigem Tone:

»Marion in Malineau, und dieser Müller will hin! Er ist ein Königsau! Alter, wir haben uns entsetzlich betrügen lassen! Er steht in Berlin; sie war in Berlin; sie sind Liebesleute!«

»Verdammt! Das ist möglich!«

»Darum also ließ sie sich so gern von ihm aus dem Wasser ziehen, und darum wollte sie von mir nichts wissen. Diese Beiden haben unsere Geheimnisse belauscht! O, das muß gerächt werden, fürchterlich gerächt!«

»Wie denn?«

»Nun, wir reiten nach Malineau.«

»Herrlich! Das war es ja, was mich veranlaßte, Sie aufzusuchen. Wir finden fünfhundert Franctireurs dort.«

»Pah! Mit solchem Volke giebt sich ein Rallion nicht ab. Uebrigens dürfen Sie nicht glauben, daß dieser kluge,


// 1663 //

durchtriebene Bursche so ganz allein nach Malineau geht. Er nimmt sich ganz sicher ein Detachement Reiter mit. Wir müssen hin. Wir müssen hin!«

»Werden Sie Erlaubniß bekommen?«

»Sofort! Ich werde es schon zu Gehör zu bringen wissen. Uebrigens kennen Sie den Einfluß meines Vaters. Man darf es mit mir nicht verderben. Ich gehe jetzt. Dort steht mein Koffer. Es befinden sich auch Civilsachen darin. Nehmen Sie sich unterdessen heraus, was Sie bedürfen!«

»Und Marion? Was thun wir dann mit ihr? Wollen Sie sie etwa noch heirathen?«

»Heirathen? Pah! Aber rächen werde ich mich. Ich schwöre Ihnen, daß ich diesem buckeligen, verkappten Deutschen mit dieser meiner eigenen Hand den Kopf spalten werde!«

Er stürmte fort. Es dauerte auch gar nicht lange, so kehrte er wieder zurück.

»Nun?« fragte der Alte.

»Habe die Erlaubniß ganz natürlich!«

»Wann geht es fort?«

»In einer Viertelstunde.«

»Wie viel Mannschaft haben wir?«

»Drei Escadrons. Zwei Gardekürassiere und eine Gardedragoner. Das sind Kerls, die es mit dem Teufel aufnehmen, um wie viel mehr mit einem Königsau.«

Es war richtig; der Capitän erhielt ein Reservepferd, und nach einer Viertelstunde wurde aufgebrochen.

Nach einem mehrere Stunden langen, angestrengten Ritt in der Nähe ihres Zieles angekommen, schwenkten sie von der nach Etain führenden Straße rechts ab und hielten mittelst eines ziemlich reitbaren Vicinalweges gerade auf Schloß Malineau zu.

Sie ritten hier durch lauter Wald, der Oberst, die drei Rittmeister und der alte Capitän an der Spitze. Diese genannten Herren unterhielten sich mit einander.

Da auf einmal ertönte ihnen zur Seite ein lauter Ruf, und unter den Waldbäumen trat ein Mann hervor, welcher ein blutiges Taschentuch um den Arm gewickelt hatte.

»Herr Capitän, Herr Capitän!«

Mit diesen Worten kam er auf den Genannten zu. Richemonte kannte ihn; es war einer der Franctireurs. Er blieb halten und sagte:

»Sapperment, Sie sind verwundet? Wie kommt das?«

»Wir haben gekämpft.«

»Wo?«

»Auf Schloß Malineau.«

»Gegen wen?«

»Gegen deutsche Husaren.«

»Ah, sehen Sie, Oberst! Wer kommandirt diese?«

»Ein junger Rittmeister.«

»Auch Husarenrittmeister?«

»Ja.«

»Nicht Ulane?«

»Nein.«

»Er müßte Husarenuniform getragen haben! Wie ist es denn abgelaufen?«

»Sehr schlecht! Wir sind ganz zersprengt; die Hälfte wurde verwundet, und ich mache sicherlich keine Lüge, wenn ich sage, daß wenigstens fünfzig gefangen sind!«

»Aber, Mensch, wie ist das möglich?«

»Wir wurden überfallen.«

»Im Schlosse?«

»Nein, sondern vor demselben.«

»Erzählen Sie!«

Er schilderte den Vorgang nach seiner Weise; er hatte sich natürlich höchst tapfer benommen und wie ein wüthender Roland um sich geschlagen. Als er geendet hatte, sagte der alte Capitän im zornigsten Tone:

»Wie albern und jungenhaft! Ihr Alle habt die Ruthe verdient! Wo ist denn dieser Berteu hin?«

»Ich weiß es nicht. Keiner konnte sich um den Anderen bekümmern; ein Jeder hatte für sich selbst zu thun.«

»Na, trösten Sie sich! Wir werden diese Scharte auswetzen! In einer halben Stunde befindet sich das Schloß in unseren Händen. Dann können Sie kommen und sich die gefangenen deutschen Helden ansehen, von denen Sie sich so wohlfeil niederreiten ließen.«

Die Colonne setzte sich wieder in Bewegung. Aber auf Veranlassung eines der Rittmeister beorderte der Oberst einige Eclaireurs an die Spitze.

Da, wo an der linken Seite des Schlosses der Park an den Wald stieß, war der vorstehende Rand des Letzteren niedergeschlagen worden. Es gab da einige Reihen Holzklaftern und Reißigbündel, zwischen denen noch die Baumstümpfe aus der Erde ragten.

An dieser Stelle angekommen, mußten die Franzosen vom Schlosse aus gesehen werden. Aber, eigenthümlich, obgleich sie das Letztere vollständig überblicken konnten, war es ihnen doch nicht möglich, die Spur eines feindlichen Reiters zu bemerken.

»Sie sind abgezogen!« meinte der Alte enttäuscht.

»Oder liegen im Hinterhalte,« fügte der Oberst hinzu. »Seien wir vorsichtig!«

»Pah! Hinter uns, rechts und links von uns Wald! Wir können von Reitern nur vom Schlosse selbst aus angegriffen werden. Also vorwärts!« sagte Richemonte.

Das letzte Glied der Colonne hatte kaum die Waldlinie passirt, so hörte man aus einem Fenster des Schlosses einen Schuß erschallen. Sofort hielt der Zug an. Und im gleichen Augenblicke wurde das Thor geöffnet und es trat ein Husarenoffizier hervor, welcher sich, ein weißes Taschentuch in der Hand schwingend, ihnen näherte.

»Famos!« meinte der Oberst. »Ein Parlamentair! Man will wegen der Uebergabe mit uns verhandeln.«

»Warten wir das ab!« sagte der Dragonerrittmeister.

Der Husar kam ganz heran und blieb salutirend gerade vor den Offizieren stehen.

»Gestatten die Herren,« sagte er; »Lieutenant von Hornberg, von den königlich preußischen Husaren.«

Die Offiziere nannten ihre Namen; dann meinte Hornberg:

»Ich habe den Auftrag, Ihnen mitzutheilen, daß Schloß Malineau sich in Belagerungszustand befindet!«

»Wer gab Ihnen diesen Auftrag?« fragte Rallion.

»Der Kommandirende, Rittmeister Graf von Hohenthal.«

»Ah! Ein Rittmeister Hohenthal kommandirt hier?«

»Ja, wie ich sage!«

»Nicht ein Rittmeister von Königsau?«

»Nein.«

»Hm! Wunderbar! Wo hat dieser Herr Kommandant denn eigentlich seine Truppen?«


// 1664 //

»Ich bin nicht befugt, Festungsgeheimnisse zur Sprache zu bringen,« antwortete der Husar lächelnd.

»Nun, wir werden bald genug hinter diese Geheimnisse kommen, Herr Lieutenant. Wir beabsichtigen nämlich dem Herrn General, Grafen von Latreau, der doch Besitzer des Schlosses ist, einen Besuch abzustatten.«

»Heute?«

»Ja, heute, und zwar bald.«

»Vielleicht ist Ihnen dies gestattet, natürlich unter gewissen Bedingungen.«

»Wir beabsichtigen aber, unseren Besuch ganz bedingungslos zu unternehmen.«

»Das wird wohl kaum möglich sein.«

»Warum?«

»Weil man das Recht hat, Bedingungen zu machen.«

»Ah, so! Werden Sie auch die Macht haben, dieses Recht zu beweisen und zu vertheidigen?

»Man hofft es.«

»Schön! Grüßen Sie also den Grafen Hohenthal von dem Grafen Rallion, und sagen Sie ihm, daß ich binnen einer halben Stunde bei dem Herrn General erscheinen werde, mit oder ohne Erlaubniß, das ist mir egal! Adieu!«

»Der Herr Rittmeister wird sich freuen, Sie standesgemäß begrüßen zu können!« antwortete der Husar mit einem spöttischen Lächeln. Dann kehrte er in's Schloß zurück.

»Impertinenter, rother Junge, dieser preußische Gimpel!« sagte der Oberst. »Meine Herren, wo meinen Sie, daß diese Herren Husaren stecken werden?«

»Wir müssen recognosciren,« meinte der Dragonerrittmeister.

»Soll ich detachiren, Herr Oberst?«

»Thun Sie das.«

Paarweise ritten die Piquets in verschiedener Richtung ab. Ein junges Lieutenantchen, dem es sehr darum zu thun war, seinen Muth bewundern zu lassen, spornte sein Pferd an und trabte dem Schlosse zu. Da erschien an einem geöffneten Fenster Hohenthal.

»Zurück!« rief er herab.

Der Franzose zog verächtlich die Achsel empor und ließ sein Pferd weitergehen. Da krachte ein Schuß, und der Reiter fiel, durch den Kopf geschossen, vom Pferde.

Ein mehrhundertstimmiger Schrei erscholl französischer Seits. Der Oberst griff wüthend an seinen Degen und sagte:

»Das sollen sie mir bezahlen! Dieser arme, unschuldige Teufel! Holt ihn her!«

Dieser Befehl war an einige Dragoner gerichtet. Sie gehorchten und ritten nach der Stelle, wo der Todte lag. Sofort blitzte es aus mehreren Fenstern auf. Zwei der Leute sanken todt vom Pferde, und die Anderen flohen, sämmtlich verwundet, zurück.

Der Kapitän ballte beide Fäuste.

»Man wird Euch das mit Zinsen wieder heimzahlen, Ihr Schurken!« murmelte er. »Wollen wir nicht direct hin und das Thor einschlagen?«

»So schnell nun nicht, Herr Capitän,« meinte einer der Rittmeister. »Wir wissen jetzt wenigstens das Eine, nämlich daß sich die Herren im Innern des Schlosses befinden. Warten wir zunächst die Rückkehr unserer Eclaireurs ab!«

Sie zogen sich ein Wenig zurück. Die Leute kamen retour und constatirten, daß sich in der ganzen Umgebung des Schlosses kein preußischer Soldat befinde.

»Nun gut, so sind sie drinnen. Da haben wir sie also fest!« meinte der Oberst.

»Hm! Das scheint mir nicht so leicht!« sagte der Dragoner.

»Kinderleicht! Wir lassen die Thür und die geschlossenen Läden einschlagen, so sind wir eben drin!«

»Und Diejenigen, welche das thun sollen, werden aus den obern Fenstern heraus erschossen.«

»Pah! Wir beherrschen ja die Fenster von unten. Während zum Beispiel die Hälfte der Mannschaft stürmt, hält die andere Hälfte die Preußen von den Fenstern fern. Zwei Gardekürassiere und ein Gardedragoner werden es doch mit einem leichten, windigen preußischen Husaren aufnehmen, meine Herren!«

Es wurde gegen diesen Plan gesprochen; aber der Oberst blieb dabei und setzte seinen Willen durch. Die Mannschaften mußten absteigen. Die Pferde wurden zur Seite geführt, so weit, daß sie außer Schußweite standen; sie kamen natürlich unter die Obhut einer Anzahl der Kavalleristen. Die Uebrigen wurden in zwei Abtheilungen getrennt. Die erste war bestimmt, in das Schloß zu brechen, und die andere nahm rund um das Letztere Stellung, um die Bewohner desselben im Zaume zu halten.

Als diese Vorbereitungen getroffen waren, gab Oberst Rallion den Befehl zum Angriffe.

Dieser konnte natürlich nur im Parterre erfolgen. Es war anzunehmen, daß das Eingangsthor von innen sehr fest verrammelt worden sei. Darum hatten die Angreifer Befehl, ihr Augenmerk besonders auf die Fenster zu richten.

Mit einem lauten Hurrah stürmten sie auf das Schloß los. Dort wurden in einem und demselben Augenblicke sämmtliche Parterrefenster geöffnet. Eine fürchterliche Salve krachte aus denselben den Angreifern entgegen. Jede Kugel traf ihren Mann. Die preußischen Husaren waren nicht nur tüchtige Reiter, sondern ebenso wackere Schützen. Eine große Anzahl der Franzosen war gefallen.

Diejenigen, welche unverletzt geblieben waren, stutzten. Sie zauderten, vorwärts zu dringen.

»En avant; en avant!« brüllte der Oberst.

Sie gehorchten. In langen Sätzen stürmten sie weiter und erreichten die Mauer, wo sie sich sicher wähnten.

»Pst!« stieß der Oberst hervor. »Diese verdammten Preußen zielen besser, als ich dachte! Aber sie sind schon halb besiegt. Unsere Leute sind an der Mauer des Hauses vor einer jeden Kugel sicher; denn wehe dem Feinde, der sich an einem der Fenster sehen lassen wollte, um zu schießen. Er wäre seines Todes sicher und gewiß.«

Auf sein wiederholtes Commando versuchten die Leute, in die Fenster zu steigen. Einer hob den Andern, aber - - ein Schrei der Wuth erscholl rund um das Gebäude; Diejenigen, welche das Einsteigen gewagt hatten, fielen in die Arme Derer, von denen sie gehoben worden waren, zurück, von den Säbelhieben der Husaren getroffen. Dem Einen war sogar der Kopf mit einem Hiebe vom Rumpfe getrennt worden. Während der leblose Körper nach außen zurückstürzte, wurde ihm der abgehauene Kopf nachgeschleudert.


Ende der einhundertvierten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk