Lieferung 14

Deutscher Wanderer

22. Dezember 1883

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


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Richemonte theilte die Zuversicht Reillac's, und antwortete daher beruhigt:

»Das ist allerdings angenehm. Ich möchte nicht gern abermals nach Hause gehen, was doch geschehen müßte, wenn ich mich meiner eigenen Pistole bedienen wollte.«

»Sehen Sie, daß ich nicht ganz toll bin! Also wir müssen sicher gehen. Passanten giebt es nicht viele; wir werden also nicht auffallen. Uebrigens werden wir es jedem Kommenden am Schritt anhören, ob er ein Officier ist oder nicht. Ferner wissen wir nicht, welchen Weg Königsau einschlagen wird, wenn er heimkehrt. Wir werden ihn also vor seiner Wohnung erwarten müssen. Auf diese Weise läuft er uns ganz sicher in die Hände, ohne daß wir einem Anderen lästig fallen.«

»Aber das Anleuchten -?«

»Habe ich nur so gemeint, daß wir ihm, wenn er kommt, das Licht der Blendlaterne für einen Augenblick in das Gesicht fallen lassen. So überzeugen wir uns, daß er es wirklich ist, und zugleich erhalten Sie dabei ein sicheres Ziel. Sie nehmen die Pistole und ich die Laterne. Während ich ihn beleuchte, schießen Sie.«

»Hm, das ist wirklich nicht übel ausgedacht! Aber wenn er uns erkennt?«

»Wir werden im Dunkeln bleiben, und zudem wird er von dem plötzlichen Lichte so geblendet sein, daß er gar nichts erkennen kann. Uebrigens würde er auf keinen Fall Etwas verrathen können, da er ja bereits im nächsten Augenblicke eine Leiche sein wird.«

Der Capitän überlegte noch. Die Sache kam ihm zu rasch. Der verunglückte Anschlag war kaum vorbei, so sah er sich auch bereits vor eine Wiederholung gestellt.

»Und wenn es gelingt, was thun wir?«

»Wir entfernen uns natürlich!« lachte der Baron.

»Wohin?«

»Nach meiner Wohnung. Das giebt ein Alibi.«

»Das bezweifle ich. Ihre Leute werden natürlich unser Kommen bemerken; man wird also wissen, daß wir nicht dagewesen sind.«

»Ich bedaure Sie, Capitän. Ich bin nicht so unbefangen, wie Sie es zu sein scheinen. Meine Leute glauben mich in meiner Bibliothek. Dort brennt ein Licht, und Niemand hat Zutritt, nicht einmal mein Kammerdiener, auf den ich mich verlassen könnte.«

»Ah, so haben Sie einen geheimen Ausgang?«

»Natürlich!«

»O, Sie sind schlau, Baron!«

»Was wollen Sie! In diesen Zeiten weiß man nie, was passiren kann. Uebrigens hat man ja auch sonst seine kleinen Verhältnisse und Abenteuer. Da ist es stets gut, wenn die Dienerschaft mit gutem Gewissen beschwören kann, daß man zu Hause gewesen ist. Ich hoffe, daß Sie meinen Vorschlag annehmen!«

»Hm! Sie werden die Wechsel dann wirklich zerreißen?«

»Ja, auf Ehre!«

»Und mir nach der Verlobung die versprochene Summe ganz gewiß auszahlen?«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort.«

»Gut, so stimme ich bei, Baron. Hier meine Hand!«

»Und hier die meinige. Topp!«

Sie schlugen ein, und über das Haupt Königsau's war also abermals der Stab gebrochen.

»Da haben wir aber keine Zeit zu verlieren, Capitän!« meinte dann Reillac.

»Ja, wir müssen eilen. Ich mache einen Vorschlag.«


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»Welchen?«

»Sie gehen nach Hause, um die Blendlaterne und die Pistolen zu holen - - -«

»Und Sie?«

»Ich gehe nach der Rue d'Ange, um an dem Schatten, den man an den Gardinen sieht, zu erkennen, ob er noch da ist.«

»Ah, richtig; das ist gut! Und wo treffen wir uns?«

»Unter dem Thore, gegenüber von Königsau.«

»Gut. Wie lange bringen Sie zu?«

»Fünf Minuten.«

»Und ich zehn. Klingeln Sie dem Kellner. Ich werde bezahlen.«

Der Capitän klingelte, und der Baron bezahlte; dann verließen sie das Local. Draußen trennten sie sich, indem der Capitän nach links und der Baron nach rechts gehen mußte.

Richemonte hatte gar nicht weit bis zur Rue d'Ange, was zu Deutsch »Engelsstraße« bezeichnet. Sie war finster und leer. Es war bereits spät, und so sah er nur noch einige Fenster erleuchtet. Auch die Wohnung seiner Mutter zeigte Licht. Es huschten weibliche Schatten hin und her, und nach einiger Zeit bemerkte er auch einen männlichen Schatten, welcher sich deutlich an der Gardine abzeichnete.

»Das ist er,« murmelte er. »Gut, daß er noch da ist. Dieses Mal soll er mir nicht entgehen!«

Er wendete sich um und begab sich nach dem Stelldichein.

Der Baron hatte auch keinen sehr weiten Weg zurückzulegen. Er erreichte seine Wohnung sehr bald, trat aber nicht ein, sondern begab sich in ein enges, finsteres Seitengäßchen. An dasselbe stieß die Mauer seines Gartens, in welcher es ein Pförtchen gab. Er öffnete dasselbe mit einem Schlüssel, welchen er bei sich führte, und trat in den Garten und von da in den Hof, welcher das Haus von dem Letzteren trennte.

Hier gab es eine Veranda, welche auf vier Säulen ruhte. Von einer dieser Säulen zur anderen waren Latten gezogen, an denen sich Schlingpflanzen emporrankten. Diese Latten waren wohl befestigt und vermochten ganz gut, einen nicht gar zu schweren Mann zu tragen.

Der Baron kletterte an ihnen empor. Als er sich oben auf der Veranda befand, stand er grad vor einem Fenster des ersten Stockwerkes. Es war von Innen verschlossen, und er klopfte leise an eine Scheibe. Nach kaum einer Minute öffnete es sich.

»Wer ist da?« fragte eine leise, männliche Stimme.

»Ich,« antwortete Reillac.

»Der gnädige Herr?«

»Ja. Bist Du denn heute blind, Pierre?«

»Verzeihung, Herr Baron! Es ist heut so finster, daß man nicht zu sehen vermag.«

»Tritt weg; ich komme hinein.«

»Soll ich Licht anbrennen?«

»Nein. Wir gehen nach der Bibliothek.«

Er stieg durch das Fenster in das Zimmer und begab sich von da aus mit dem Diener nach der Bibliothek, welche erleuchtet war und ganz dem Lesezimmer eines Mannes glich, welcher eine Bibliothek nur besitzt, um mit dem Goldschnitte der Bücher zu prunken.

Man sieht, daß der Baron gar nicht so unbemerkt in seine Wohnung kam, wie er dem Capitän glauben gemacht hatte. Der Kammerdiener war sein Vertrauter, auf den er glaubte, sich in allen Fällen getrost verlassen zu können.

Pierre trug graue Livrée, Sammetgamaschen und ein weißes Halstuch. Er war von ebenso hagerer, langer Gestalt wie sein Herr, und hatte ein Gesicht, in welchem sich alle Lüste und Listen sehr deutlich aussprachen. Dieser Mann war jedenfalls in allen gestatteten und verbotenen Genüssen geübt, und besaß in seinem spitzigen Fuchskopfe die nöthige Schlauheit, mit der gesellschaftlichen Ordnung ganz freundschaftlich zu verkommen, obgleich er der ärgste ihrer Feinde war.

»Der gnädige Herr kehren heut sehr früh nach Hause zurück,« meinte er.

»Ich gehe wieder.«

»Ah, der Herr Baron kommen nur, um einiges Geld zu holen?«

»Nein.«

»Ich dachte, der Capitän hätte nach vollbrachtem Tagewerke - - -«

»Sofort seinen Lohn verlangt?« lachte der Baron. »Nein, er hat seine Arbeit sehr schlecht gethan, so schlecht, daß sie ganz und gar mißlungen ist.«

»Esel!«

Es war eigenthümlich, welchen Ausdruck der Diener in dieses Wort zu bringen vermochte. Verachtung, Stolz, Selbstbewußtsein, demüthigendes Mitleid, Alles das lag darin. Es klang deutlich heraus, daß er es besser gethan hätte als der Capitän. Uebrigens verkehrte Pierre mit seinem Herrn zwar höflich und ergeben, aber doch in jener dienstfertig vertraulichen Weise, welche sich gewöhnlich bei älteren Dienern einwurzelt, welche sich in die Geheimnisse ihrer Herrschaft einzuschleichen gewußt haben.

»Ja, ein Esel ist er,« meinte der Baron.

»Ein Stich, ein einziger Stich! Wie leicht, gnädiger Herr!«

»Ja. Aber eine Entschuldigung giebt es doch.«

»Keine!«

»O doch. Der Deutsche hatte einen stählernen Harnisch angelegt.«

»Donnerwetter!«

»Ja. Der Dolch ging nicht hindurch.«

»So muß man schießen!«

»Allerdings. Wo sind meine Pistolen?«

»Dort im Secretair. Sie wollen doch nicht - -?«

»Freilich will ich!«

»Selbst - - -?«

»Ja,« nickte der Baron stolz.

»Kann denn der Capitän nicht allein - - -?«

»Nein. Er braucht Einen, der ihn anfeuert. Sind sie geladen?«

»Nein.«

»Lade eine, aber sorgfältig!«

»Aber, gnädiger Herr, die Gefahr - - -!«

»Pah, es ist keine Gefahr dabei. Es wird so arrangirt, daß wir sicher sind.«

»Gewiß?« fragte Pierre im Tone der Besorgniß.

»Ja, habe keine Angst um mich, Alter. Nöthigenfalls haben wir unser Alibi.«

»Sie sind ja den ganzen Abend zu Hause gewesen und von mir bedient worden. Aber der Capitän; wie steht es mit seinem Alibi?«

»Er war bei mir.«


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»Schön!«

Mit diesen Worten öffnete Pierre den Secretair, nahm den Pistolenkasten hervor und begann, eine der Waffen zu laden.

»Hast Du das kleine Laternchen?« fragte sein Herr.

»Auch im Secretair.«

»Setze es in Stand.«

»Das ist gut, gnädiger Herr. Man weiß nicht - -«

Er schien sich darin zu gefallen, in nur halb ausgesprochenen Sätzen zu reden. Uebrigens war die Angelegenheit ja eine solche, über die man sich nicht gern vollständig ausspricht.

»Das Fenster lehnst Du dann nur an, schließest es aber nicht zu,« befahl Reillac.

»Ah, warum, gnädiger Herr?«

»Es ist möglich, daß der Capitän mitkommt. Er darf nicht wissen, daß ich Dich mit in das Vertrauen gezogen habe. Mache schnell. Ich habe nur sehr wenig Zeit!«

Die Pistole war geladen; jetzt wurde die Laterne hervorgenommen.

»Wenn es nur gut abläuft!« meinte der Diener dabei.

»Wie soll es anders ablaufen!«

»O, oft hat in solchen Sachen der Teufel sein Spiel!«

»Na, hier werden jedenfalls wir selbst die Teufel sein,« lachte der Baron.

»Und dennoch - -! Gnädiger Herr, ich liebe die Deutschen nicht; ich gönne diesem Königsau lieber zehn Kugeln anstatt einer; ich an Ihrer Stelle aber würde diese Angelegenheit denn doch auf eine andere Weise zu ordnen suchen.«

»Auf eine andere? Hm! Auf welche?« fragte der Baron neugierig.

Der Diener spitzte den Mund wie ein Faun, küßte sich die Fingerspitzen und antwortete:

»Auf eine sehr, sehr interessante Weise.«

»Ach, ich kenne Deine Pantomimen, weiß aber dennoch nicht, was Du meinst. Heraus damit!«

»Hm! Ich setze den Fall, Mademoiselle Margot besäß meine Liebe und versagte mir ihre Gegenliebe, so würde sie doch auf die leichteste Weise der Welt meine Frau.«

»Ach! Laß mich doch diese Weise kennen lernen!«

»Ich behaupte sogar, daß sie mich bitten würde, ihr Mann zu werden.«

»Pierre, Du bist nicht gescheidt!«

»Aber auch nicht dumm, wie ich zu meinem Ruhme selbst gestehen muß.«

»So sage, wie Du Sie zwingen willst!«

»Ich würde sie zu mir einladen.«

»Und sie kommt auch?«

»Sie kommt sogar in mein Schlafgemach, gnädiger Herr!«

Sein Gesicht nahm jetzt einen so lüsternen Ausdruck an, daß sein Herr lachen mußte.

»Du irrst, alter Schelm!« sagte er.

»Ich bin es vielmehr überzeugt.«

»So sprichst Du sehr im Delirium!«

»O, ich bin sehr bei Sinnen.«

»Da kennst Du diese Margot nicht!«

»Ich brauche sie nicht zu kennen. Es kommt ganz allein auf die Art und Weise an, in welcher sie meine Einladung erhält.«

Jetzt wurde der Baron doch aufmerksamer. Er merkte, daß der Kammerdiener irgend einen Plan hatte; darum fragte er:

»Wie würde Deine Art und Weise sein?«

»Hm!« brummte der Gefragte nachdenklich. »Je nach den Umständen. Hat Mademoiselle ihren Verlobten bereits einmal in seiner Wohnung besucht?«

»Ich glaube es nicht.«

»Erzählten mir der gnädige Herr nicht, daß Blücher den Freiersmann gemacht habe?«

»Ja.«

»So steht dieser Königsau bei dem Marschalle gut?«

»Höchst wahrscheinlich.«

»So, daß dieser ihn auch einmal einladen könnte, mit ihm zu speisen?«

»Gewiß, Blücher soll in dieser Beziehung ja ganz und gar wenig penibel sein.«

»Gut, gut, da hätten wir ja gleich einen Modus!«

»Erkläre Dich deutlicher!«

»Nun wohlan! Es kommt ein Ordonnanzofficier in einer Equipage zu Madame Richemonte, natürlich ein deutscher Ordonnanzofficier, gnädiger Herr.«

»Weiter, weiter!« sagte Reillac, ganz begierig, den Plan Pierres zu vernehmen.

»Dieser Officier bringt eine Empfehlung von dem Marschall: Mademoiselle Margot ist eingeladen, das Souper mit demselben einzunehmen. Ihr Bräutigam ist ebenso geladen, holt sie aber nicht selbst ab, weil er überrascht werden soll. Er weiß gar nicht, daß Mademoiselle erscheinen wird.«

»Schlaukopf, ich beginne zu ahnen!«

»Nicht wahr?«

»Aber ein Fehler, ein sehr großer Fehler!«

»Welcher, gnädiger Herr?«

»Die Mutter ist nicht mit geladen; das würde sehr auffallen.«

»Ah, sagten der gnädige Herr nicht, daß sie unwohl gewesen sei?«

»Allerdings.«

»Nun, da hat man ja gleich die gute Ausrede. Die Ordonnanz hat zu melden, daß der Marschall wegen ihres Unwohlseins lebhaft bedauere, die gnädige Frau nicht auch bei sich zu sehen. Das wird wohl genügen?«

»Jedenfalls.«

»Nun kenne ich da an der Seine in einem kleinen Gäßchen einen heruntergekommenen Apotheker, welcher davon lebt, daß er gewisse Sachen, welche der Privatmann sonst nicht erhält, an seine guten Freunde verkauft.«

»Bist Du einer dieser guten Freunde?«

»Ich schmeichle es mir,« antwortete Pierre lächelnd. »Er besitzt ein Parfüm, welches, einige Tropfen in ein Taschentuch geträufelt und einer Dame vor das Gesicht gehalten, macht, daß diese sofort die Besinnung verliert.«

»Schurke!« lachte der Baron. »Hast Du dieses Parfüm bereits selbst einmal erprobt?«

»Mit Ihrer gnädigen Erlaubniß, ja,« antwortete Pierre cynisch.

»An wem? An einer Dame?«

»Natürlich! An einem Herrn würde die Probe zu uninteressant sein.«

»Du bist und bleibst ein schlechter Kerl.«

»Danke, gnädiger Herr!« sagte Pierre mit einer sarkastischen Verbeugung.

»Fahre fort!«


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»Also Mademoiselle sitzt mit der Ordonnanz im Wagen. Der Offizier träufelt zwei Tropfen des Parfüms auf sein Mouchoir und hält es ihr vor das Näschen.«

»Du bist bei Gott ein Bösewicht!« bemerkte der Baron.

»Sie schmeicheln zu sehr, gnädiger Herr.«

»Weiter. Verliert sie sofort die Besinnung?«

»Sofort,« antwortete der durchtriebene Diener.

»Auf wie lange?« forschte der Baron weiter.

»Auf eine halbe Stunde,« erklärte der Domestike.

»Es schadet ihr nichts?« frug der Baron lauernd.

»Im Gegentheil. Es stärkt sie außerordentlich. Sie erwacht wie nach einem langen, gesunden Schlafe und fühlt sich


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ganz frisch und wohl,« beruhigte der schurkische Kammerdiener seinen ihm würdigen Herrn.

»Und dann? Ah, wo erwacht sie? Bei Feldmarschall Blücher?«

»Damit würde Ihnen wohl nicht gedient sein!«

»Wo denn sonst?«

»Natürlich bei Ihnen.«

»Ah, Teufel!«

»In Ihrem Vorsaale, in Ihrem Empfangs- oder Arbeitszimmer; sie wird überhaupt da erwachen, wo Sie es für gut und bequem halten, gnädiger Herr.«

»Höre, Dein Plan hat Vieles für sich, aber er ist etwas zu phantastisch.«

»Wieso phantastisch?«

»Er ist nicht gut auszuführen.«

»Das finde ich nicht, gnädiger Herr.«

»Man muß sich der Ordonnanz und dem Kutscher geradezu auf Gnade oder Ungnade ergeben.«

»Das ist ganz und gar nicht nothwendig!«

»Woher die Ordonnanz nehmen?«

»O, ich kenne einen jungen Mann, welcher für zwei- bis dreihundert Franken recht gern für eine halbe Stunde die Uniform eines deutschen Officiers anlegen würde.«

»Hat er das nöthige Geschick?«

»O, sehr! Er ist Schauspieler.«

»Hm! Er müßte Deutsch verstehen und sprechen.«

»Das thut er vollständig.«

»Er müßte verschwiegen sein.«

»Das ist er im höchsten Grade.«

»Kannst Du garantiren?«

»Vollständig!«

»So mußt Du seiner sehr sicher sein, denn bei der geringsten Plauderei würdest Du Deine Stelle bei mir einbüßen. Verstehst Du wohl?«

»Ich verstehe, brauche aber keine Sorge zu haben. Der junge Mann ist - mein Sohn.«

Der Baron sah den Diener ganz erstaunt an.

»Dein Sohn?« sagte er. »Du warst ja nie verheirathet! Oder hast Du mich da getäuscht?«

Pierre zuckte die Achseln, ließ ein leises Hüsteln hören und antwortete:

»Ich belüge den gnädigen Herrn niemals. Ich bin unverheirathet, doch aber der Vater dieses jungen Mannes. Man hat so seine kleinen Fehler, gnädiger Herr!«

»Gut, gut! Weiß er denn, daß er Dein Sohn ist?«

»Freilich. Ich habe ihn ja auf meine Kosten erziehen lassen. Seine Mutter ist jetzt todt. Sie war eine Deutsche; darum versteht er ihre Sprache wie das Französische.«

Der Baron fühlte sich von diesem Plan so eingenommen, daß er gar nicht daran dachte, daß der Capitän bereits auf ihn wartete. Er schritt im Zimmer auf und ab und begann, zu überlegen, während der Diener ihn mit heimlichem Lächeln betrachtete.

»Hm, hm!« sagte er endlich. »So hast Du also dieses Mädchen unglücklich gemacht?«

»Unglücklich? O nein. Sie war ja eine Deutsche, und diese sind ja immer froh, wenn sie im Arme eines Franzosen liegen können.«

»Ist Dein Sohn in Paris?«

»Ja.«

»Er könnte also zu jeder Zeit zur Verfügung stehen?«

»Zu jeder Zeit. Er ist jetzt ohne Anstellung und privatisirt.«

»Gut. Aber der Kutscher! Wo nimmt man einen verschwiegenen Kutscher her?«

»Auch dafür ist gesorgt. Ich weiß einen, auf den Sie sich verlassen können.«

»Wo? Wer?«

»Hier, ich selbst.«

»Ah, alle Wetter, an Dich habe ich ja gar nicht gedacht! Du hast ganz und gar das Rechte; Du bist ein Schlaukopf mit erster Censur. Aber den Wagen? Ich darf doch meinen eigenen Wagen nicht nehmen; das könnte mich schließlich verrathen.«

»Ich kenne einen Verleiher von Equipagen, gnädiger Herr.«

»Ist er sicher?«

»Er braucht gar nicht sicher zu sein, denn er wird nicht erfahren, wozu ich den Wagen brauche.«

»So wird er ihn Dir nicht geben.«

»O, sehr gern. Wir sind sehr gute Bekannte. Er ist Stammgast der Weinstube, in welcher ich zuweilen verkehre, wenn der gnädige Herr mir Urlaub geben.«

»So! Hm! Ich werde mir Deinen Plan überlegen. Er bietet mir eine treffliche Chance, falls meine sonstigen Bemühungen vergeblich sein sollten. Die Bedenken, welche ich vorhin hatte, sind verschwunden, aber die größte Schwierigkeit kommt später.«

»Wieso?«

»Wie die Mademoiselle hereinbringen?«

»O, durch den Garten.«

»Man wird es bemerken.«

»Nein, denn die Diener werden Erlaubniß erhalten, auszugehen. Sie sind fort.«

»Richtig, das geht! Aber dann das Erwachen!«

»Wird ein sehr interessantes sein.«

»Im Gegentheile. Was wird sie sagen, was wird sie thun? Wird sie schreien?«

»Jedenfalls nicht, denn sie wird gebunden sein und einen Knebel haben.«

»Donnerwetter! Ich bin kein Bandit!«

»Aber ein vorsichtiger Mann, gnädiger Herr. Später kann man die Dame befreien, denn sie wird von selbst schweigen.«

»Aber wenn sie es nicht thut?«

»O, es liegt zu sehr in ihrem eigenen Interesse! Sie wird nach Hause zurückkehren, als ob sie bei dem Marschall soupirt habe. Ihr Geliebter wird erfahren, daß dies nicht wahr ist, sie kann ihm nicht sagen, wo und wie sie diese Stunden verbracht hat; sie werden sich entzweien, und der gnädige Herr hat dann freies Feld.«

»Pierre, Du bist wirklich ein Satan; aber Deine Gedanken sind gut und richtig. Ich werde mir diesen Plan wirklich überlegen. Jetzt aber - Donnerwetter, ich muß fort; der Capitän wartet auf mich!«

Er steckte die Pistole und die Laterne zu sich und schickte sich an, zu gehen.

»So wollen der gnädige Herr wirklich auf ihn schießen?« fragte Pierre.

»Ich nicht. Richemonte wird es thun.«

»Aber der Herr Baron werden zugegen sein?«


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»Allerdings.«

»So bitte ich unterthänigst, sich nicht zu sehr zu exponiren. Die Sache hat Gefahr.«

»Weiß, weiß es, Pierre. Ich werde vorsichtig sein. Also schließe das Fenster von Innen nicht zu. Kommen wir zu Zweien, so läßt Du Dich nicht eher sehen, als bis ich Dich hole.«

Er kehrte in das Zimmer zurück und stieg zum Fenster hinaus und an der Veranda hinab. Er gelangte auf demselben Wege, den er gekommen war, wieder auf die Straße und begab sich eiligst nach dem Stelldichein.

Dort war er von dem Capitän bereits seit langer Zeit ungeduldig erwartet worden.

»Mein Gott, wie lange bleiben Sie denn?« fragte Richemonte.

»Es ging nicht eher. Der Weg war mir durch ein Liebespaar verlegt,« antwortete Reillac.

»Der Teufel hole die Liebespaare! Ich warte bereits seit drei Viertelstunden!«

»Ist er bereits vorüber?«

»Nein, er muß aber jede Minute kommen. Haben Sie die Laterne? Es ist finster wie in einem Sacke.«

»Ich habe sie und werde sie gleich anstecken.«

»Und die Pistole?«

»Ja. Hier ist sie.«

»Geladen?«

»Beide Läufe.«

Der Capitän erhielt die Waffe und untersuchte sie mit den Fingern vorsichtig, ob er sich auf sie verlassen könne. Unterdessen trat der Baron in den tiefen Thorbogen zurück und brannte seine Laterne an. Dann steckte er sie, zugeklappt, in die Außentasche seines Rockes, bereit, sich ihrer augenblicklich zu bedienen.

»Jetzt nun hinüber auf die andere Seite,« sagte er, »dort wohnt er ja.«

»Halt!« sagte der Capitän. »Vorher müssen wir unsere Rückzugslinie besprechen.«

»Wozu?«

»Man kann nie wissen, was passirt. Im Falle eines Mißlingens haben Sie mir ja versprochen, mir behilflich zu sein, mein Alibi beizubringen.«

»Gut. Sie bleiben diese Nacht bei mir, Sie sind überhaupt während des ganzen Abends bei mir gewesen.«

»Wir werden uns also nach Ihrem Hause flüchten, falls uns hier etwas Unerwartetes begegnen sollte?«

»Ja, aber nicht nach der vorderen Thür. Kennen Sie das kleine Nebengäßchen?«

»Ja.«

»Mein Garten stößt daran. In der Mauer befindet sich ein kleines Pförtchen, sehr leicht zu treffen, da es das einzige im Gäßchen ist. Dort erwarten wir einander, wenn wir ja gezwungen sein sollten, uns zu trennen. Jetzt kommen Sie. Aber schießen Sie nur dann, wenn wir wirklich Königsau vor uns haben!«

Sie schritten leise über die Straße hinüber und warteten. Es verging einige Zeit, da hörten sie nahende Schritte. Sie drückten sich sehr tief an den Thürbogen, um nicht sofort gesehen zu werden. Der Capitän zog die Pistole hervor und der Baron fuhr mit der Hand nach der Laterne.

»Aufgepaßt!« flüsterte der Letztere. »Das wird er sein. Sobald er hier bei uns stehen bleibt, um dem Portier zu klingeln, leuchte ich ihm plötzlich in's Gesicht. Sie halten ihm den Lauf dicht an die Schläfe und drücken los. Er ist sofort todt.«

Die Schritte kamen immer näher. Da sagte der Capitän leise:

»Dieses Mal ist es nichts. Diese Schritte klingen nicht wie diejenigen eines Officiers. Aber seien wir trotzdem gefaßt. Geht er vorüber, so ist er es auf keinen Fall.«

Der Erwartete kam langsam herbei. Den beiden Lauernden klopfte vor Erregung das Herz, dieses Mal jedoch unnützer Weise. Der Mann ging vorüber.

Erst nach einer Pause meinte der Capitän:

»Ich hatte Recht, aber ich wollte, Königsau wäre es gewesen.«

»Warum?«

»So wäre jetzt die Geschichte vorüber.«

»Ah! haben Sie Angst?«

»Pah, Angst! Sie taxiren mich noch immer zu niedrig, wie ich höre. Aber warten wir!«

Und sie warteten. Es vergingen kaum zwei Minuten, so hörten sie abermals Schritte, welche sich auf ihrer Seite der Straße näherten. Richemonte lauschte und erklärte dann:

»Das ist ein Soldat, das ist ein Officier.«

»Wirklich?«

»Ich gehe jede Wette mit ein.«

»Gut, Sie sind in diesem Fache Kenner. Geht er vorüber, so ist es wohl ein Anderer, bleibt er stehen, so werde ich ihn anleuchten. Aber nur schießen, wenn er es ist.«

Die kräftigen, militärischen Schritte kamen näher. Jetzt war er noch zehn Schritte von ihnen entfernt, dann acht, sechs, vier - da blieb er stehen. Sie konnten wegen der Dunkelheit nicht sehen, was er that, aber es schien, als ob er emporblicke, um die Fensterfronte zu mustern. Der Capitän stieß den Baron an. Dieser zog die Laterne vor, richtete die vordere Seite genau auf die Gestalt und öffnete. Sofort wurde diese von einem hellen, blendenden Lichte überfluthet, während die beiden Anderen im tiefsten Dunkel standen.

»Donnerwetter!« rief der Mann und dann fügte er in gebrochenem Französisch, welches ganz schrecklich klang, hinzu: »Wer seid Ihr? Was macht Ihr hier?«

Die beiden Männer waren fürchterlich erschrocken, denn sie hatten - den Feldmarschall Blücher erkannt. Der Baron klappte schleunigst seine Laterne zu, um zu verhüten, daß ihr Licht auf ihn selbst falle. Dabei aber machte er mit der Hand eine unwillkürliche Drehung, und das Licht fiel auf einen kurzen Moment seitwärts, wo der Capitän stand. Dieser hatte die Pistole bereits zum Schusse erhoben gehabt, aber vor Schreck die Hand halb wieder sinken lassen. Der Lichtblitz fiel nicht auf ihn, aber doch auf die Hand, welche die Pistole hielt. Blücher war zu sehr Soldat, um nicht die Waffe sofort zu bemerken, aber er besaß auch Schlauheit genug, um einen Fehler zu vermeiden. Als die Beiden in Folge ihres Schreckens nicht antworteten, wiederholte er:

»Ich frage, wer Ihr seid, und was Ihr hier wollt.«

Da faßte sich der Capitän und antwortete:

»Wir sind erieurs de nuit - Nachtwächter.«

»Warum steht Ihr hier?«

»Wir warten hier auf unsere Ablösung.«


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»So, so! Zeigt doch einmal Eure Gesichter! Nehmt die Laterne heraus!«

Das war ein schlimmer Befehl, aber der Baron wußte sich zu helfen. An der Laterne befand sich ein kleiner Schieber, um das Licht zu verlöschen. Ein leichter Fingerdruck genügte, um das Licht auszulöschen.

»Sogleich,« antwortete er.

Bei diesem Worte griff er in die Tasche, drückte an dem Schieber und zog die Laterne hervor.

»Ah!« meinte er in bedauerndem Tone. »Sie ist soeben ausgelöscht.«

»So mag es sein. Gute Nacht!«

Mit diesen Worten wandte Blücher sich um und schritt weiter.

»Donnerwetter, der Marschall!« sagte der Capitän. »Wer hätte das gedacht!«

»Und in Civil! Sie hatten dennoch Recht, daß es ein Officier sei.«

»Wissen Sie, Baron, daß wir einen großen Fehler begangen haben?«

»Welchen?«

»Ich sollte ihn niederschießen.«

»Himmel! Warum?«

»So wäre Frankreich gerächt gewesen.«

»Allerdings, und ich auch, denn er hat den Freiersmann gemacht.«

»Ich war bei Gott ein Thor!«

»Nein, es ist so besser. Hätten wir jetzt geschossen, so wäre uns Königsau entgangen, und daß wir ihn treffen, ist jetzt die Hauptsache.«

Die Beiden fühlten es vielleicht, aber sie gaben sich keine Rechenschaft darüber, daß es der Eindruck der gewaltigen Persönlichkeit des Marschalles und seines Rufes gewesen war, der sie erschreckt und verwirrt hatte. Dieser Eindruck ist sehr wohl im Stande, eine bewaffnet erhobene Hand wieder sinken zu lassen.

»Ob er glaubt, daß wir Nachtwächter sind?« fragte Richemonte.

»Es klang nicht so.«

»Ja, er wollte uns sehen. Wie gut, daß Sie den Gedanken hatten, die Laterne zu verlöschen. Er hätte uns sofort erkannt.«

»Ganz gewiß. Es scheint mir nun nicht mehr ganz geheuer zu sein. Ich möchte wissen, ob er in seine Wohnung tritt oder nicht.«

»Warum?«

»Tritt er ein, so ist Alles gut. Geht er weiter, so ist sehr zu befürchten, daß er errathen hat, auf wen wir warten.«

»Horchen wir also!«

Sie lauschten, aber es ließen sich keine Schritte mehr hören.

»Er scheint doch hineingegangen zu sein,« meinte der Capitän. »Man hört nichts.«

»Hm, ungewiß! Wir haben gesprochen, anstatt aufzupassen. Aber wir müssen Gewißheit haben, denn das ist das Nothwendigste jetzt.«

»Wie diese aber bekommen?«

»Sehr leicht. Er hat doch zwei Ehrenposten vor der Thür. Ich gehe hin und frage.«

»Gut. Aber wenn inzwischen Königsau kommt?«

»So geben Sie ihm die Kugel oder alle beide. Ich gehe.«

Er ging langsam im gemüthlichen Schritte eines aus dem Wirthshause Heimkehrenden nach, links hinauf, wo das Palais stand, welches Blücher bewohnte. Die beiden Posten standen zu Seiten des Portales.

»Guten Abend,« grüßte er.

Einer der Beiden radebrechte ein wenig Französisch und erwiderte den Gruß.

»War der Mann, welcher jetzt kam, der Feldmarschall Blücher selbst?«

»Ja,« antwortete der Posten auf diese Frage.

»Ist er weiter fortgegangen?«

»Nein.«

»Also eingetreten?«

»Ja.«

»Ich danke!«

Der Baron wandte sich befriedigt um und kehrte zu seinem Gefährten zurück, dem er die erhaltene Auskunft mittheilte. Er bückte sich dann nieder und zündete seine Laterne von Neuem an, um bereit zu sein, wenn ihr Opfer erscheine.

Sie hielten sich wieder für sicher und doch täuschten sie sich. Blücher war seiner persönlichen Schlauheit wegen bekannt. Er hatte Verdacht gefaßt, sich aber wohl gehütet, ihn merken zu lassen. Als er von ihnen fortging, murmelte er:

»Nachtwächter wollen sie sein? Wart, ich werde sie benachtwächtern! Der Eine hat die Laterne und der Andere die Pistole? Verdammte Bande ist es, die hier irgend Einen auflauert. Und wer ist dieser Eine? Tausend Teufel, doch nicht etwa der Königsau? Ich habe ihn gewarnt. Man will ihm zu Leibe! Sollte er noch bei seinem Mädel sein? Das ist möglich, obgleich es sehr spät ist, denn ein Verliebter horcht auf keinen schwarzwälder Perpendikel. Ich muß sogleich hinschicken, aber wen? Wer weiß das Haus, und wer findet es? Niemand. Ich muß selber hin!«

Er wendete sich sofort um, blieb aber unter dem Eindrucke eines neuen Gedankens stehen. Er schlug sich mit der Hand an den Kopf und brummte:

»Was? Feldmarschall willst Du sein? Ein Dummhut biste! Wenn Du an den zwei Kerls vorübersausest, so merken sie den ganzen Kram! Ja, ich muß einen Umweg machen. Aber, zum Teufel, ja, wenn nun die Kerls bereits Unrath gewittert hätten, he? Vielleicht haben sie gemerkt, daß ich ihnen nicht traute; denn ich wollte, daß sie sich anleuchten sollten. Der Halunke hat die Laterne jedenfalls mit Fleiß ausgelöscht. Hm! Wenn sie denken, daß ich Verdacht geschöpft habe, so werden sie jedenfalls zum Posten gehen und sich erkundigen, ob ich mich in's Nest gelegt habe oder nicht. Höre, Blücher, Du bist doch nicht so dumm, als ich soeben dachte! Du hättest Polizist oder Amtscopist werden können! Aber wartet, Ihr Kerls, Ihr sollt mich nicht beluxen! Euch mache ich ein X für ein U, daß Ihr alle Beide blau und roth anlaufen sollt, wie die Altenweibernasen um Weihnachten herum!«

Er ging rasch auf sein Palais zu. Die Posten hörten ihn kommen. Als er that, als ob er eintreten wolle, rief der Eine:

»Halt! Werda?«

»Junge sei nicht voreilig!« meinte Blücher gutmüthig. »Ich bins!«


// 216 //

»Wer denn?«

»Nu, ich!«

»Das ist kein Name. Hier darf ohne Erlaubniß Niemand passiren.«

»Hm, ihr bewacht mich wirklich gar nicht übel! Hört, kennt ihr denn den alten Blücher nicht, he?«

»Wir kennen ihn.«

»Na, da guckt mir doch einmal unter die Haube!«

»Es ist zu dunkel hier draußen. Treten Sie unter die Einfahrt, wo die Lampe brennt; da werde ich Sie ansehen.«

»Schön, mein Junge. Du packst die Sache gar nicht schlecht beim Kragen an!«

Er that die paar Schritte bis hinter das Portal, wo eine Lampe eine spärliche Helle verbreitete, man aber doch ein Gesicht deutlich erkennen konnte.

»Na, da komme her, Du ungläubiger Thomas Zebedäus und setze die Brille auf,« meinte Blücher. »Viel Gescheidtes wirste aber wohl nicht sehen!«

Der Posten betrachtete den Marschall; er erkannte ihn, erschrak aber nicht im Geringsten. Er kannte die Eigenthümlichkeiten des Alten und wußte, daß er ganz sicher bestraft worden wäre, wenn er ihm erlaubt hätte, zu passiren.

»Na, kennste mich jetzt?« fragte Blücher.

»Zu Befehl, Excellenz,« antwortete der Mann präsentirend.

»Höre, thue die Flinte weg, sie könnte losgehen! Wie meinste denn? darf ich eintreten, oder muß ich draußen herbergen?«

»Excellenz können passiren.«

»Gut, mein Junge! Jetzt haste Deinen Willen gehabt, und nun werde ich Dir zeigen, daß ich auch den meinigen haben will. Ich werde den Kopf aufsetzen und nun gerade erst recht draußen bleiben. Aber merkt Euch Eins, Ihr Kerls: Es wird jetzt vielleicht Jemand kommen, der nachfragt, ob ich hier eingetreten oder ob ich weiter fortgeschlumpert bin. Dem macht Ihr weiß, daß ich zu Bette bin. Verstanden?«

»Zu Befehl, Excellenz!«

»Schön! Na, haltet die Augen auf, daß sie mich nicht mausen! Und weil Ihr so auf dem Damme seid, da sollt Ihr Euch eine Freude machen. Hier, da habt Ihr jeder ein Achtgroschenstück!«

Er griff in die Tasche und hielt ihnen das Geld hin.

»Excellenz verzeihen!« meinte der Eine in Beider Namen. »Auf Posten darf man keine Geschenke annehmen. Eigentlich müßte ich Sie melden!«

Da klopfte ihm der Alte auf die Achsel und sagte:

»Du bist ein Luderkerl! Ich glaube, Dir maust Keiner das Pferd unter den Beinen heraus. Kommt morgen früh um Neune zu mir, da sollt Ihr anstatt der Achtgroschenstücker jeder einen Speziesthaler erhalten und eine Pfeife Tabak dazu. Aber melden müßt Ihr mich, daß ich Euch habe verführen wollen. Verstanden?«

»Zu Befehl, Excellenz!«

»Gut, also melden! Das bitte ich mir aus, sonst soll Euch der Teufel Purzelbäume schlagen, Ihr Himmelsakramenter!«

Er ging fort. Er merkte, daß er sich bei den beiden Soldaten doch etwas zu lange aufgehalten hatte; darum nahm er jetzt einen sehr eiligen Schritt an. Kurz nach seinem Fortgange kam auch wirklich Baron Reillac, um sich nach ihm zu erkundigen, und erhielt die von dem Marschalle anbefohlene Antwort.


Ende der vierzehnten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

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