Lieferung 19

Deutscher Wanderer

26. Januar 1884

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


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Königsau beflügelte seine Schritte, um in größere Nähe der Voranschreitenden zu kommen. Nach einiger Zeit hörte er ihre Stimmen, da sie ganz ungenirt laut mit einander sprachen, und nun konnte er, hinter den Bäumen versteckt, hinter ihnen herhuschen, ohne befürchten zu müssen, sie wegen Mangels an Spuren zu verlieren.

Diese letzteren waren jetzt immer einer Art von Weg gefolgt, auf welchem sich wohl auch ein Wagen bewegen konnte, jetzt aber endete dieser Weg an einer kleinen Lichtung, auf welcher ein sehr primitives Gebäude stand, jedenfalls die Köhlerhütte, von welcher gesprochen worden war.

Die Männer traten nicht ein, sondern schritten quer über die Lichtung hinüber. Königsau folgte ihnen, aber nicht direct, sondern sich unter den Bäumen am Rande der Blöße haltend. Wenn Einer zurückblickte, hätte er sonst sehr leicht entdeckt werden können.

Jetzt hatte der Pfad aufgehört; aber die Bäume standen so breit auseinander und das Terrain stieg so langsam empor, daß man auch hier noch mit Wagen fahren konnte. Endlich kam man in eine breite Thalmulde, welche fast bis zum Kamme des Gebirges emporzugehen schien, dann aber plötzlich in einen breiten, kluftartigen Riß überging, welcher sich nach links hinzog.

In ihn bogen die beiden Männer ein, und der Oberlieutenant folgte ihnen. Die beiden Ränder der Schlucht waren dicht mit starken Bäumen besetzt, zwischen denen noch niederes Gebüsch wucherte. Königsau brauchte nicht zu befürchten, gesehen zu werden.

Da sie unten auf der Sohle der Schlucht fortschritten, so konnte er etwas höher parallel mit ihnen gehen und so sie sogar reden hören. Jetzt, zum ersten Male, sah er auch ihre Gesichter. Es war ein älterer und ein jüngerer Mann. Der Erstere hatte ein dicht bebartetes Gesicht und in seinem Gang, seiner Haltung etwas Forstmännliches. Er mochte wohl ein fortgejagter Forstwart sein. Seine Züge waren kühn und keineswegs abstoßend. Der Andere trug auch einen Vollbart, aber kurz und struppig, weil er noch nicht lange Zeit gestanden hatte. Seine Haltung war gebückt, sein Gang schleichend, und sein Gesicht zeigte die Spuren einer durch Laster fast bereits zerrütteten Jugend. Königsau hatte große Lust, ihn jeder Schandthat für fähig zu halten.

»Geht es noch weit?« fragte dieser Letztere, welcher bedeutend jünger war als der Erstere, mit lauter Stimme.

»Warte einmal!« sagte der Gefragte lächelnd. Er musterte den Boden und fügte dann hinzu: »Gehe einmal grad zwölf Schritte langsam vorwärts!«

Der Aufgeforderte that dies.

»Halt!« kommandirte jetzt der Andere.

»Halt? Warum?«

»Weil Du jetzt grad über der Kriegskasse stehst.«

»Ah, sie liegt grad unter mir?«

»Ja.«

»Wie tief?«

»Ungefähr fünf Fuß.«

»Da werden wir aber verteufelt zu graben haben!«

»Nein; es geht ganz gut. Der Boden ist locker.«

»Aber Hacken und Schaufeln?«

»Gehe noch fünf Schritte geradeaus!«

Der Andere that es.

»Halt!«

»Hier liegen sie?«

»Ja, grad unter Deinen Füßen.«

»Wie tief?«


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»Nur so tief, daß Du nichts als das Messer zu nehmen brauchst, um sie zu bekommen.«

»Wollen wir gleich anfangen?«

»Ja. Aber erst trinken wir einen Schluck.«

Der Sprecher zog eine Branntweinflasche aus der Tasche, that einen tüchtigen Schluck und reichte sie dann dem Andern hin, der auch davon trank und sie ihm dann zurückgab.

Nun gruben sich die Beiden zunächst die Werkzeuge aus der Erde. Es waren zwei Spitzhacken und zwei Schaufeln. Der Jüngere forderte den Aelteren auf:

»Also, sag mir, wie ich graben soll. Wo ist die Länge und die Breite?«

»Es ist ein Quadrat. Ehe wir die Hacken nehmen, müssen wir erst den Rasen mit den Schaufeln vorsichtig abstechen und abschälen. Er kommt später wieder darauf. Sonst würde man merken, daß hier gegraben worden ist.«

Er nahm eine der Schaufeln und stach ein Quadrat des Rasens aus, welches abgehoben und zur Seite gelegt wurde. Dann begann die eigentliche Grabarbeit.

Königsau hatte das Alles ganz deutlich gesehen und gehört. Er hatte sich, höchstens fünfzehn Schritte oberhalb ihres Arbeitsortes, ganz gemächlich unter die überhängenden Zweige einer starken Fichte niedergesetzt. Dort war der Regen nicht durchgedrungen; er hatte also einen bequemen trockenen Sitz und wurde durch ein kleines, vorstehendes Strauchwerk so versteckt, daß er nicht bemerkt werden und doch Alles genau beobachten konnte.

Die Beiden arbeiteten wohl eine halbe Stunde abwechselnd mit Hacke und Schaufel. Da endlich gab ein Hieb einen dumpfen, harten Ton.

»Was war das?« fragte der Jüngere.

»Wir sind auf die Kiste gestoßen.«

»Ah, das Geld ist in einer Kiste?«

»Nein; in einem eisernen Kasten, aber dieser steht wieder in einer Kiste.«

»Höre,« sagte der Jüngere, »ich will Dir sagen, daß ich bis jetzt an der Wahrheit Deiner Erzählung gezweifelt habe.«

»Dummkopf!«

»Ich dachte, Du wolltest mich dadurch bewegen, Deine Tochter zu nehmen.«

»Unsinn! Die würde noch einen anderen Kerl kriegen, als Du bist.«

»Na, schön ist sie nicht.«

»Wenn sie Dir nicht paßt, kannst Du ja gehen!«

»Das fällt mir gar nicht ein! Also die Kriegskasse ist wirklich in dieser Kiste?«

Sein Gesicht war vor Erregung geröthet, und seine Augen glühten wie Flammen.

»Na, was denn sonst?«

»So wollen wir weiter graben.«

Er ergriff die Hacke, während der Andere schaufelte. Als dieser sich aber ein Wenig mehr niederbückte, als nöthig gewesen wäre, holte er mit der Hacke aus und schlug sie ihm mit aller Gewalt auf den Hinterkopf. Der Getroffene stürzte lautlos und mit vollständig zerschmettertem Schädel in die Grube hinab.

Der Mörder aber warf die Hacke weg, schlug die Hände zusammen und rief:

»Hier, Dummkopf, hast Du Deinen Lohn! Um die Kasse zu besitzen, hast Du die Andern gemordet; jetzt bist Du selbst todt und mußt sie mir überlassen. O, ich bin reich, reich, reich, reich! Und Niemand weiß es und Niemand bekommt Etwas davon! Nun mag der Teufel das Mädchen holen! Ich kann mir nun die Schönste suchen, die es giebt, ich kann sogar auf die Meierei Jeanette freien gehen!«

Die entsetzliche That war so schnell und unerwartet begangen worden, daß es für Königsau unmöglich gewesen wäre, sie zu verhindern. Er war aufgesprungen; er stand ganz steif vor Schreck; aber lange Zeit blieb er nicht so stehen, sondern er zog seine beiden Doppelpistolen hervor, spannte die Hähne und schlich sich hinab.

Der Mörder stand wie ein Verzückter vor seinem Opfer.

»Habe ich Dich getroffen? Nicht wahr, sehr gut?« sagte er. »Komm heraus! Ich muß zu der Kasse hinab, Du aber liegst mir im Wege!«

Er ergriff die beiden Beine des Ermordeten und zog ihn aus der Grube heraus. Dann nahm er die Schaufel vom Boden auf und richtete sich in die Höhe, um die Arbeit fortzusetzen; da aber riß er plötzlich die Augen auf; die Schaufel entsank seinen Händen, und er stand vor Schreck völlig bewegungslos.

Er hatte Königsau bemerkt, welcher zwei Schritte weit vor ihm stand, die vier Läufe seiner Pistolen auf ihn gerichtet.

»Mörder!«

Auf dieses Wort des Officiers konnte der Mann nichts antworten; er schien die Sprache verloren zu haben.

»Gleich siehst Du, ob er vielleicht noch lebt!«

Dieser Befehl gab ihm das Vermögen der Sprache wieder.

»Hölle und Teufel, wer sind Sie?« fragte er.

»Das wird sich finden. Jetzt siehst Du nach, ob er noch lebt, sonst jage ich Dir eine Kugel in den Kopf. Vorwärts, rasch!«

Königsau's Ton und Haltung waren so, daß der Mann nicht zu widerstreben wagte. Er bückte sich nieder, untersuchte den Andern und sagte dann ohne eine Spur der Reue:

»Vollständig todt. Warum war er so dumm?«

»Wer der Dumme ist, das wird sich finden. Wie heißest Du?«

Der Mann hatte sich jetzt von seinem Schrecke vollständig erholt. Er antwortete:

»Wem geht das hier Etwas an?«

»Mir! Uebrigens mache ich Dich darauf aufmerksam, daß ich Dir sofort die Kugel durch den Kopf jage, wenn Du mir noch eine einzige solche Antwort giebst. Also, wie heißest Du?«

»Fabier.«

»Woher?«

»Aus Roncourt.«

»Was bist Du?«

»Fleischer.«

»Wie hieß dieser Mann hier?«

»Barchand.«

»Woher?«

»Auch aus Roncourt.«

»Was war er?«

»Auch Fleischer.«

»Gut, das genügt einstweilen. Nimm eine Hacke und Schaufel und folge mir!«

»Wozu?«


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»Das wirst Du erfahren.«

»Wissen Sie, was sich in dieser Grube befindet?«

»Ja.«

»Nein, Sie wissen es nicht, Sie können es nicht wissen!«

»Ich weiß es.«

»Nun, was?«

»Die Kriegskasse von Ligny.«

»O Teufel, woher wissen Sie das?«

»Ich bin ein Officier. Das muß Dir genügen.«

»Officier? Herr, wir wollen die Kasse theilen!«

»Unsinn.«

»Ich will nur den dritten Theil haben!«

»Schweig, und gehorche.«

»Nur den vierten Theil.«

»Wirst Du Hacke und Schaufel nehmen oder nicht?«

»Ich gehorche, und Sie werden mit sich reden lassen.«

Er nahm die Werkzeuge auf. Immer mit gespannter Waffe führte ihn Königsau eine Strecke weiter in die Schlucht hinein. Auf den Boden deutend, gebot er:

»Hier gräbst Du dem Gemordeten ein Grab!«

»Gern, Monsieur! Aber wollen wir nicht erst über die Kasse sprechen?«

»Später. Erst bringen wir den Todten zur Ruhe.«

»Gut, ich werde gehorchen.«

Er begann zu arbeiten. Der Gedanke an die Kasse trieb ihn zum größten Eifer an. In Zeit von einer Viertelstunde war ein sechs Fuß langes und vier Fuß tiefes Grab aufgeworfen. Der Mann blickte den Lieutenant fragend an.

»Noch einmal so breit!« gebot dieser.

»Warum? Das genügt Ja.«

»Arbeite so, wie ich es Dir befehle.«

Der Mann sah sich gezwungen, zu gehorchen. Nach Verlauf von abermals einer Viertelstunde hatte das Grab die anbefohlene Breite.

»Jetzt hole Deinen Kameraden her und lege ihn hinein!«

Der Mann gehorchte abermals, aber er war außerordentlich blaß geworden. Es schien ihm zu ahnen, weshalb er dem Grabe eine doppelte Breite hatte geben müssen.

»Was nun?« fragte er jetzt, scheinbar demüthig.

Königsau bemerkte gar wohl die Blicke, welche er um sich warf. Es handelte sich hier um Leben und Tod. Jeder mußte auf den Anderen die strengste Obacht geben.

»Jetzt wird die Kasse wieder zugedeckt,« sagte der Officier.

»Zugedeckt? Warum?«

»Es soll sie Niemand bemerken. Weshalb denn sonst?«

»Ich denke, wir wollen sie theilen!«

»Sie bleibt unberührt.«

»Herr, beweist doch einmal, daß Ihr ein Recht an ihr habt!«

»Du bist der Kerl nicht, dem ich dies zu beweisen hätte. Packe Dich an die Arbeit, sonst jage ich Dir die Kugel in den Kopf.«

»Aber wenn ich die Kasse zugedeckt habe, was wird nachher?«

»Das wirst Du sehen.«

»Herr, Ihr dürft nicht so schlimm von mir denken.«

»O nein. Du hast nur bereits Sechs abgethan; dieser dort ist der Siebente.«

Da wurde das Gesicht des Mannes förmlich fahl vor Schreck. Dann aber trat auch sein eigenthümlicher Character zu Tage, denn er antwortete darauf:

»Nun, wenn Sie das wissen, so werden Sie mir wohl auch glauben, daß ich Ihnen jetzt nur gehorche, weil ich meinen Grund dazu habe.«

»Allerdings. Du fürchtest meine Kugel.«

»O, da irren Sie sich ganz außerordentlich. Nicht eine jede Kugel trifft.«

»Die meinige sicher.«

»Das kommt auf eine Probe an.«

Königsau zuckte die Achsel.

»Dummkopf!« sagte er. »Glaubst Du, mich zu Probeschüssen verleiten zu können? Gehorche meinem Befehle, sonst wirst Du sofort sehen, daß ich gut treffe.«

Der Mann begann nun allerdings, die Grube zuzufüllen, welche er mit dem Todten mit so vieler Mühe aufgegraben hatte. Königsau stand dabei und sah zu, daß es in der gehörigen Weise geschehe. Auch der Rasen wurde wieder darauf gelegt und festgetreten, so daß man nicht sah, daß vor wenigen Minuten sich hier ein tiefes Loch befunden habe. Jetzt sagte der Mörder:

»So, da sind wir fertig; unser Geheimniß ist nun wieder gesichert. Ich hoffe nun, daß wir unsere Verabredungen treffen. Wie haben Sie denn eigentlich den Ort kennen gelernt, an dem der Schatz vergraben liegt?«

Königsau sagte sich, daß die Wahrheit hier eine Strafschärfung sei, und daher antwortete er mit einem überlegenen Lächeln:

»Von Euch selber.«

»Von uns? Wen meinen Sie?« fragte er erstaunt.

»Ich meine Dich und dort Deinen Begleiter, den Du ermordet hast.«

»Wie? Von uns Beiden hätten Sie es erfahren?«

»Ja.«

»Aber wie denn?«

»Ihr spracht gestern Abend im Ziegenstalle davon.«

»Donnerwetter! Wo waren Sie da?«

»Ueber Euch auf dem Heuboden.«

Der Mann stand ganz perplex da.

»Aber wir haben ja nachgesehen,« sagte er. »Es war kein Mensch droben.«

»Ich war droben.«

»Es war ja zugeschlossen!«

»Ich hatte von innen zugeschlossen.«

»Es war keine Leiter da.«

»Ich hatte sie mit hineingenommen.«

»Und das ist wahr, wirklich Alles wahr?«

»Ganz gewiß. Als Ihr Euch ausgesprochen hattet, sagtet Ihr Euch gute Nacht; aber nach einer Weile frugst Du, was über Euch sei. Es kam Euch der Gedanke, daß Jemand gehorcht haben könnte, und da nahmt Ihr Euch vor, ihn kalt zu machen.«

»Wahrhaftig, das stimmt, das stimmt! Wie dumm, o wie dumm!«

»Daß Ihr mich nicht kalt gemacht habt?«

»Ja, das hätten wir ganz sicher gethan.«

»Heut morgen bespracht Ihr noch den Weg, links vom Flusse ab, wo die drei hohen Erlen stehen. Da bin ich Euch nachgefolgt bis hierher.«


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»Welch eine Dummheit von uns! Aber sagt, was hatten Sie sich vorgenommen? Was wollten Sie thun?«

»Ich wollte den Ort kennen lernen und dann die Kasse holen. Vielleicht hätte ich Euch beide erschossen, so wie Du ihn getödtet hast und ich Dich auch tödten werde.«

»Mich? Tödten?« fragte er mit kreidebleichen Lippen.

»Ja, gewiß,« antwortete Königsau bestimmt und ernst.

»Aber warum? Ich habe Ihnen doch nichts gethan!«

»O, Du hättest mich längst erschlagen, wenn Dich meine Pistolen nicht im Zaume gehalten hätten. Du hast Deinen Kameraden gemordet, und der Ort, an welchem die Kasse vergraben liegt, muß verborgen bleiben; das sind zwei höchst triftige Gründe für Dein Todesurtheil. Du hast Dir dort Dein Grab selbst gegraben; Du wirst neben Deinem Opfer verfaulen.«

Der Mann blickte einige Secunden regungslos zu Boden, als ob er sich von den Worten des Sprechers vollständig zerknirscht und niedergeschmettert fühle. Dann zog er den einen Fuß zurück und warf sich im nächsten Augenblicke mit einem wuchtigen Sprunge auf den Mann, der sich hier zu seinem Richter aufwarf.

»Noch ist's nicht so weit!« rief er. »Stirb Du vor mir!«

Aber der verkleidete Husarenlieutenant war nicht der Mann, sich in dieser Weise überrumpeln zu lassen. Sein scharfes Auge hatte die Fußbewegung des Mörders ganz richtig taxirt. Er trat, als dieser sich auf ihn schnellte, zur Seite, erhob die Pistole und antwortete:

»So fahre hin ohne Beichte und Gebet!«

Sein Schuß krachte und der Franzose stürzte, durch den Kopf getroffen, zu Boden.

Jetzt waren die Opfer der Kriegskasse gerächt, und der Sieger befand sich, wie er meinte, in dem alleinigen Besitze des werthvollen Geheimnisses.

»Jetzt bin ich der Einzige, der diesen Ort kennt,« sagte er zu sich. »Die Deutschen werden siegen und wieder in Frankreich eindringen. Ich hebe dann die Kasse und übergebe sie dem Marschall. Ein Avancement ist mir darauf hin gewiß. Daß ich diesen Menschen erschossen habe, braucht meinem Gewissen keine Schmerzen zu machen. Er war ein Verräther gegen seine Verbündeten, ein Mörder, der seinen Lohn empfangen hat.«

Er warf die Leiche des Erschossenen in das von diesem selbst bereitete Grab und deckte die beiden Todten mit Erde zu. Nachdem er das Aeußere des Grabes so hergerichtet hatte, daß man nur schwer errathen konnte, was hier vorgegangen war, zerstreute er rundum die noch übrig gebliebene Erde. Auch gab er sich die möglichste Mühe, den Ort, an welchem die Kasse vergraben lag, so natürlich herzustellen, daß Niemand auf den Gedanken gerathen konnte, daß hier in der Erde ein Schatz von so bedeutendem Werthe vergraben liege.

Nun blieb nur noch übrig, die Werkzeuge wieder zu verbergen. Er that dies in derselben Weise, wie es vorher der Fall gewesen war, da ihm keine bessere Art der Verwahrung einfallen wollte. Darauf maß er die Lage der Goldgrube, der Werkzeuge und der Leichen genau nach Schritten ab und zog dann sein Notizbuch hervor, um seine Notizen darüber zu machen und eine Zeichnung zu entwerfen.

Jetzt war er fertig und trat den Rückweg an.

Als er das Haus erreichte, in welchem er gestern Abend eingekehrt gewesen war, fand er die Wirthsleute bereits


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munter. Sie hatten sich noch nicht um ihn gekümmert und glaubten, daß er erst jetzt aufgestanden sei. Das war ihm lieb.

Nachdem er ein sehr frugales Frühstück genossen hatte, bezahlte er seine Zeche und setzte seinen Weg fort, begleitet von den besten, aber wortkargen Wünschen der beiden Alten, welche gestern Abend so ungewöhnlich mittheilsam gegen ihn gewesen waren.

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5. Die letzte Liebe Napoleons.

Zu Anfang des ereignißreichen Monats Juni des Jahres 1815 befand sich das große Hauptquartier der Franzosen zu Laon, während das Hauptquartier der Moselarmee zu Thionville lag.

In dem Ersteren war bereits Baron Daure, der Generalintendant der Armee, vor einigen Tagen angekommen, und nun erwartete man täglich, dort auch den Kaiser zu sehen. Zugleich wurde von Napoleon gesagt, daß er nach Straßburg gehen werde, um sich dort zu zeigen und die gesunkene Begeisterung für sich wieder zu entflammen. Auch in Thionville wurde er erwartet.

Man kannte den großen Mann genau. Er liebte es, möglichst allgegenwärtig zu scheinen und sich grad da sehen zu lassen, wo er am wenigsten erwartet wurde. Ueberhaupt zeigte die damals von ihm eingeschlagene Route, auf welcher er sich nach dem voraussichtlichen Schauplatze der zu erwartenden Kämpfe begab, noch heutigen Tages einige unausgefüllte Lücken. Er hat nach seiner ihm gewohnten Weise mehrere blitzschnelle Abstecher gemacht, deren Absicht selbst den Personen seiner nächsten Begleitung ein Räthsel blieb.

Die Eigenheiten eines Herrschers pflegen Nachahmung zu finden. Einige Marschälle des Kaisers hatten sich ein ähnliches Verfahren, ihre Untergebenen zu überraschen, angewöhnt. Besonders wußte man von Marschall Grouchy, daß er es liebte, überall selbst zu sehen und zu hören, und es war allgemein bekannt, daß er viele seiner zahlreichen Siege und Erfolge meist dieser Angewohnheit zu verdanken habe. -

Es war um Mittag des Tages, mit welchem das letzte Capitel geschlossen hat, als jener Verkleidete, welcher Niemand Anders war, als Lieutenant von Königsau, in Sedan anlangte. Er hätte die Stadt lieber umgangen, aber damals war die Sedaner Brücke die einzige, welche in jener Gegend über die Maas führte. Der Fluß war sonst ohne Gefahr nicht zu passiren, da er in Folge mehrtägigen Regens eine ungewöhnliche und aufgeregte Wassermenge mit sich führte.

Sedan, der Geburtsort des berühmten Turenne, ist zu jeder Zeit ein in kriegerischer Beziehung wichtiger Platz gewesen. Darum war es nicht zu verwundern, daß es auch jetzt nebst seiner ganzen Umgegend voller Truppen lag.

Diese Letzteren gehörten zu dem Heerestheile des Marschalls Ney, welcher, in Saarlouis als Sohn eines Böttchers geboren, es durch seine Talente zum Marschall von Frankreich, Herzog von Eßlingen und Fürst von der Moskwa gebracht hatte.

Unter ihm kommandirte General Drouet, welcher zum Alde-Major-General von Bonapartes Garden ernannt worden war. Dieser General, welchen der geneigte Leser bereits kennen gelernt hat, verzichtete darauf, in Sedan selbst zu wohnen, und hatte sein Standquartier hinaus nach Roncourt verlegt, jenem Orte, bei welchem der Meierhof Jeanette lag. Diesen Meierhof hatte Drouet für sich selbst in Beschlag genommen, während sein Stab in Roncourt lag.

Bei seinem Eintritte in Sedan wurde Königsau nach seiner Legitimation gefragt. Er zeigte dieselbe vor, welche er gestern Abend dem Wirthe übergeben und heut Morgen vor seinem Scheiden natürlich wieder zurückerhalten hatte.

Diese Legitimation stammte zwar aus Blüchers Hauptquartier, war aber dennoch vollständig hinreichend. In Kriegszeiten jedoch pflegt man mit mehr Sorgfalt als gewöhnlich zu verfahren, und so hatte der Lieutenant auf der Commandantur ein Verhör zu bestehen, welches ihn einigermaßen in Schweiß brachte. Er hatte gegen die Franzosen gekämpft und war längere Zeit in Paris gewesen. Wie leicht war es möglich, daß Jemand ihn hier erkannte. Dann wäre es allerdings um ihn geschehen gewesen.

Darum wurde ihm das Herz außerordentlich leicht, als er seine Legitimation zurückerhielt und mit ihr die Erlaubniß empfing, die Stadt zu passiren.

Roncourt liegt ungefähr zwei volle Wegstunden im Süden von Sedan. Damals waren die Wege zwischen diesen beiden Orten sehr mangelhaft. Der Argonner Wald, zu welchem jene Gegenden gehören, war im höchsten Grade verrufen, da sich dort allerlei Gesindel angesammelt hatte, welches sich in den tiefen Wäldern und Schluchten versteckt hielt, um nur dann hervorzubrechen, wenn es einen Raub oder sonst einen gesetzwidrigen Streich auszuführen gab.

Zwischen Roncourt und Sedan war der Weg jetzt allerdings sicher, da die militärische Verbindung, welche zwischen den beiden Hauptquartieren bestand, diesen Marodeurs und Vagabunden Achtung einflößte. Weiterhin, besonders nach Laon zu, wohin der Weg über Bethel führte, gab es zwar auch solche Verbindungen, aber die Wege waren doch militärisch nicht so frequentirt, daß eine vollständige Sicherheit geherrscht hätte.

Ein jeder Krieg erzeugt, wie jedes Gewitter, seinen Schmutz. Die Hefe der Bevölkerung, welche vielleicht bereits vorher mit dem Gesetze in Conflict steht, wird von den Ereignissen in Bewegung gebracht und beginnt, im trüben Wasser die Angel auszuwerfen. Solche Hefe gab es damals in den Wäldern der Ardennen und Argonnen genug, so daß es keineswegs ohne Gefahr war, allein und unbewaffnet durch jene Gegenden zu wandern.

Als Königsau Roncourt erreichte, war es ihm leicht, den Weg nach dem Meierhofe zu erfragen. Dort angekommen, trat ihm Alles in einem kriegerischen Anstriche entgegen. An dem Thore stand ein Posten, welcher ihm, das Gewehr vorstreckend, den Eingang verwehrte.

»Wohin?« fragte der Soldat.

»Herein,« antwortete Königsau kurz.

»Zum General?«

»Nein. Welcher General wohnt hier?«

»General Drouet. Zu wem wollen Sie sonst?«

»Zur Besitzerin des Hofes.«

»Zu Frau de Sainte-Marie?«

»Ja.«

»Die ist nicht da. Sie ist heut Morgen fortgefahren.«

»So wird Jemand da sein, der ihre Stelle vertritt.«

»Das ist der junge Herr. Kennen Sie ihn?«

»Ich habe ein Geschäft mit ihm abzuschließen.«

»Ah, das ist etwas Anderes! Sie können passiren. Herr de Sainte-Marie wohnt in dem Parterrelokale, dessen vier Fenster Sie dort rechts bemerken.«


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Königsau bedankte sich für die Unterweisung, welche ihm zu Theil geworden war, und schritt nach der angegebenen Wohnung. Auf sein Klopfen hörte er ein lautes »Herein!« Als er eintrat, befand er sich, wie er auf den ersten Blick bemerkte, in dem Arbeitsraume eines unverheiratheten Herrn. Es herrschte hier jene elegante, sorglose Unordnung, wie man sie oft bei den Junggesellen besserer Stände zu bemerken pflegt.

Während er die Thür hinter sich verschloß, erhob sich vom Sopha ein junger Mann, der ihn mit musterndem Blicke betrachtete. Die Züge desselben waren höchst angenehm, fast mehr weiblich als männlich. Er mochte höchstens zweiundzwanzig Jahre zählen, während die dünnen, seidenweichen Haare seines Schnurrbärtchens ihn noch jünger erscheinen ließen.

»Herr de Sainte-Marie?« fragte Königsau.

»Ja,« antwortete der Angeredete, ihn mit forschenden Augen betrachtend. »Was wünschen Sie von mir?«

»Wollen Sie die Güte haben, mir zu sagen, ob Frau Richemonte zu sprechen ist?«

Ueber das Gesicht des Franzosen zuckte es wie eine Art von Ueberraschung; fast hätte man sagen mögen, daß sein Blick eine augenblickliche Besorgniß zeige.

»Ah, Frau Richemonte?« fragte er. »Was wollen Sie von ihr?«

Er konnte diese etwas zudringliche Frage aussprechen, da Königsau ganz wie ein Mann gewöhnlichen Standes gekleidet war.

»Es sind persönliche Angelegenheiten der Dame, welche mich zu ihr führen,« antwortete Königsau. »Ich weiß leider nicht, ob sie mir erlauben würde, von denselben gegen eine dritte Person zu sprechen.«

»Ich will Sie zu keiner Indiskretion verleiten; aber Sie kennen die Dame?«

»Ja.«

»Woher?«

»Von Paris aus.«

Da verfinsterte sich das Gesicht des jungen Mannes plötzlich. Er fragte:

»Sie sind Capitän Richemonte?«

»Nein.«

»Ah! Also sonst ein Bekannter?«

»Ja.«

»Woher wissen Sie, daß Frau Richemonte sich hier befindet?«

»Ich habe sie selbst nach dem Meierhofe gebracht.«

»Wohl als Kutscher?«

»O nein,« lächelte Königsau, »als Begleiter.«

»Von Paris aus?«

»Ja.«

Da glitt ein eigenthümlicher Zug über das Gesicht des jungen Mannes. Man konnte nicht sagen, ob es Schreck oder Freude sei, welches ihn zu der schnellen Frage bewegte:

»Donnerwetter! So heißen Sie Königsau?«

»Ja.«

»Und Sie wagen sich - - ah, kommen Sie, kommen Sie!«

Er faßte den Arm des Lieutenants und zog den Letzteren rasch aus dem Zimmer fort zu einer Thür hinaus. Dort befand sich augenscheinlich der eigentliche Wohnraum. Hier betrachtete der Baron den Gast noch einmal vom Kopfe bis zu den Füßen herab und er sagte:

»Mein Gott, wie können Sie es wagen, nach Roncourt zu kommen?«

»Halten Sie das wirklich für ein Wagniß, Baron?«

»Gewiß! Sie sind Deutscher, und noch dazu Officier. Haben Sie nicht gewußt, daß General Drouet sich auf unserer Meierei befindet?«

»Ich erfuhr es erst in Sedan.«

»Und dennoch wagten Sie sich hierher? Wie nun, wenn man Sie festnimmt?«

»Das befürchte ich nicht,« lächelte Königsau.

»Und Sie als Spion behandelt?«

»Ich komme nur, um Frau und Mademoiselle Richemonte zu sprechen.«

Der Baron blickte wie rathlos im Zimmer umher und sagte dann, auf einen Stuhl deutend:

»Setzen Sie sich, Herr Lieutenant. Es gilt, daß wir uns klar werden. Sie sind ein Freund der Madame Richemonte?«

»Ein sehr aufrichtiger und ergebener,« antwortete Königsau, indem er sich niedersetzte.

»Als die Damen hier angekommen sind, war ich nicht anwesend, ich befand mich zu der Zeit in der Gegend von Rheims, um die Kellereien eines Freundes zu besichtigen. Sie müssen wissen, daß ich Landwirth und besonders Weinzüchter bin. Als ich nach Hause kam, fand ich die Damen vor. Ich hörte, daß ein Deutscher sie nach hier begleitet habe, ein Lieutenant Namens Königsau.«

»Dieser bin ich.«

»Wie ich höre. Madame Richemonte sagte, daß sie Ursache habe, für nächste Zeit ihren Aufenthalt bei uns nicht wissen zu lassen; nur Sie allein seien ausgenommen. Sie scheinen also das Vertrauen dieser Dame zu besitzen - -?«

»Ich hoffe es!«

»Sie haben ihr jedenfalls wichtige Dienste geleistet?«

»Es ist mir allerdings vergönnt gewesen, den Damen einigermaßen nützlich zu sein, doch bin ich weit davon entfernt, mir dies als Verdienst anzurechnen.«

Jetzt begannen die Züge des Barons sich wieder zu erheitern.

»Dann bin auch ich Ihnen Dank schuldig,« sagte er. »Sie wissen wohl, daß Frau Richemonte meine Verwandte ist?«

»Die Dame sprach davon, wenn auch nicht eingehender.«

»Meine Mutter ist ebenso, wie Madame Richemonte, eine Deutsche. Beide stammen aus demselben Orte und sind so das, was man Cousinen nennt. Mein Vater ist todt, und so habe ich« - fügte er mit einem heiteren, sorglosen Lächeln hinzu - »die ganze Last der Verwaltung unseres Besitzthums auf meinen armen Schultern liegen. Es war sehr einsam hier; die Ankunft der beiden Damen hat Leben und Bewegung herbeigebracht, was ich ihnen herzlich danke. Leider ist diese Bewegung und dieses Leben bedeutend potenzirt worden durch die Ankunft des Militärs, welche Alles aus Rand und Band gebracht haben.«

»Ich condolire!« sagte Königsau höflich.

»Danke! Als Sohn einer Deutschen bin ich nicht so raffinirt französisch gesinnt, daß es mir lieb sein kann, mich zum Diener einer anspruchsvollen Soldateska herabwürdigen


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zu lassen. Und nun zumal um Ihretwillen wünsche ich diese Herren alle zum Teufel.«

»Ich bitte, auf mich nicht die mindeste Rücksicht zu nehmen, Baron.«

»Wenn das so leicht wäre! Darf ich Sie fortweisen?«

»Ich hoffe es nicht!« lachte Königsau.

»Aber darf ich einen deutschen Officier bei mir aufnehmen?«

»Unter den gegenwärtigen Umständen, ja. Ich komme ja nicht als Officier. Ich bin im Besitze einer Legitimation, welche man in Sedan respectirt hat.«

»Das ist etwas Anderes! Aber leider finden Sie Frau Richemonte nicht vor.«

»Wo ist sie?«

»Sie und Mademoiselle sind heute Morgen mit Mama nach Vouziers gefahren.«

»Nach Vouziers? Wann kehren sie zurück?«

»Heut Abend wahrscheinlich.«

Da machte Königsau eine Bewegung des Schreckes.

»Heut Abend?« fragte er. »Nicht morgen am Tage? Es sind von Vouziers bis hierher volle sechs Stunden zu fahren.«

»Allerdings. Aber bei den Lasten, welche die Einquartirung uns bereitet, kann ich die Mutter unmöglich länger entbehren.«

»Das glaube ich gern. Aber bedenken Sie doch die Unsicherheit des Weges!«

Da trat der Baron einen Schritt zurück, machte ein sehr verblüfftes Gesicht, schlug die eine Hand in die andere und rief:

»Mein Gott, ja! Daran haben wir gar nicht gedacht! Mama nicht und ich nicht!«

»Der Weg führt durch Wälder, in denen allerlei Gesindel hausen soll, wie ich gehört habe,« bemerkte Königsau.

»Das ist richtig. Alle Teufel, was ist da zu thun?«

Der Baron schien eine vorzugsweise heitere, sorglose Natur zu sein. Jetzt aber sah man es ihm an, daß er keineswegs gleichgiltig blieb.

»Welchen Weg schlagen die Damen ein?« fragte Königsau. »Sie sind über La Chêne und Boule aux Bois gefahren.«

»Und sie kehren auf demselben Wege zurück?«

»Ganz sicher! Ich befinde mich da in großer Angst. Mein Gott, wenn ihnen Etwas wiederfährt! Wenn sie angefallen werden! Ich würde ihnen entgegenreiten, aber ich kann unmöglich fort, da dieser verteufelte General Drouet in jeder Minute einen Wunsch, ein Verlangen, einen Befehl zu erfüllen hat!«

»So lassen Sie mir ein Pferd satteln.«

»Ihnen?« fragte der Baron, halb erstaunt und halb erleichtert.

»Ja, mir, wenn ich bitten darf.«

»Aber wissen Sie, in welche Gefahr Sie sich begeben?«

»Pah! Wegen dem Gesindel?«

»Ja. Und weil Sie ein Deutscher sind.«

»Diese Gefahr giebt es nicht für mich. Hier, lesen Sie meine Legitimation. Vielleicht wird es auch für Sie nöthig, den Namen zu kennen, welchen ich gegenwärtig trage.«

Der Baron las das Document, gab es ihm zurück und sagte:

»Ein Pferd können Sie haben; aber sind Sie auch bewaffnet?«

»Ich habe Pistolen und ein Messer.«

»Das ist nicht genug. Ich werde Ihnen noch zwei Doppelpistolen geben. Aber, kennen Sie den Weg, den Sie zu reiten haben?«

»Monsieur, ich bin deutscher Officier!« Der Baron nickte und sagte: »Es ist wahr, mein Herr; die Deutschen haben bewiesen, daß ihre Karten von Frankreich besser und genauer sind, als die unserigen. Aber wollen Sie nicht vielleicht vorher Etwas genießen?«

»Ich danke! Das würde meine Zeit verkürzen, die ich nothwendiger brauche.«

»So werde ich Ihnen einen Imbiß in die Satteltaschen thun lassen, während gesattelt wird. Man kann nicht wissen, was geschieht. Entschuldigen Sie mich!«

Er entfernte sich, um seine Befehle zu ertheilen.

So befand sich Königsau also in der Höhle des Löwen. Er war abgeschickt worden, um so viel wie möglich über die Pläne des Feindes zu erkundschaften. Er hatte sich dazu selbst angeboten. Er wußte, wie gefährlich dieses Unternehmen war, denn man hätte ihn, wenn er entdeckt wurde, ganz einfach den schimpflichen Tod eines Spions sterben lassen: man hätte ihn aufgehenkt. Aber diese Gefahr wurde mehr als reichlich durch den Umstand aufgewogen, daß es ihm dabei möglich war, die Geliebte zu sehen und zu sprechen. Und ein großer Erfolg war ihm bereits geworden; er hatte den Platz entdeckt, an welchem die Kriegskasse verborgen lag.

Während er so allein im Zimmer saß, dachte er an den Baron. Dieser war jedenfalls ein leichtlebiger, gutherziger Kavalier. Wußte er, daß Margot die Verlobte Königsau's war? Jedenfalls nicht, wie sich aus seinen Reden vermuthen ließ. Uebrigens hatte Frau Richemonte bei ihrer Ankunft auf dem Meierhofe es unterlassen, den Lieutenant als ihren künftigen Schwiegersohn vorzustellen. Sie hatte ihn einfach als ihren Freund bezeichnet. Königsau kannte den Grund, welcher sie dazu bestimmt hatte, nicht, aber er sagte sich, daß die vergangenen Ereignisse wohl Ursache geboten hätten, selbst gegen Verwandte vorsichtig zu sein.

Nach einiger Zeit kehrte der Baron zurück und meldete, daß gesattelt sei. Er öffnete ein Kästchen und zog zwei Doppelpistolen hervor, welche er Königsau überreichte.

»Sind sie geladen?« fragte dieser.

»Nein. ich hin ein Mann des Friedens und habe nur selten geschossen. Diese Waffen aber sollen vorzüglich sein; sie sind ein Erbtheil meines Vaters, welcher Officier war. Aber Munition ist da.«

»So erbitte ich mir das Nöthige.«

Der Baron brachte Kugeln, Pulver und Zündhütchen herbei. Königsau lud die Pistolen und fragte dabei:

»Woran kann man das Geschirr erkennen, in welchem die Damen kommen?«

»Es ist eine ziemlich alte Staatskarosse aus der Zeit Ludwigs des Fünfzehnten.«

»Und die Pferde?«

»Ein Schimmel und ein Brauner.«

»Ist außer dem Kutscher noch Personal dabei?«

»Leider nein, obgleich ein Hintersitz für den Diener vorhanden war.«

»Ich danke, Monsieur! Ich werde mich sofort auf den Weg machen.«


// 296 //

»Werden Sie mit zurückkehren?«

»Ich werde die Damen bis zum Meierhof begleiten und dann sehen, ob die Frau Baronin mich veranlaßt, mit einzutreten.«

»Gut. Auf alle Fälle aber empfehle ich Ihnen Vorsicht an.«

»Ich werde sie nicht außer Acht lassen.«

Die beiden Männer begaben sich in den Hof hinaus, wo ein brauner Wallach auf den Reiter wartete. Königsau stieg auf. Er gab sich hier das Aussehen eines sehr mittelmäßigen Reiters und wurde, da der Herr des Hofes bei ihm war, von dem Posten ohne alle Schwierigkeit durchs Thor gelassen. Er hatte dabei ganz das Aussehen eines gewöhnlichen Arbeitsmannes, der es gewagt hat, einen Botenritt zu unternehmen, sich aber recht unbehaglich auf dem Gaule fühlt.

So ritt er eine Strecke langsam im Schlendergange fort, sobald aber Roncourt mit dem Meierhofe hinter ihm lag, gab er dem Pferde die Fersen und setzte es erst in Trab und dann sogar in Galopp.

Der Weg zog sich fast ununterbrochen durch den Wald und war höchst einsam. Rechter Hand lief ein Flüßchen in zahllosen Windungen dahin, und zur Linken war nichts zu sehen als ohne alle Abwechslung Baum an Baum.

Nur einmal gab es ein einsames Häuschen, für den müden Wanderer zur Einkehr errichtet. Königsau stieg hier ab, um eine kleine Erfrischung zu genießen und sich zu erkundigen.

Als er eintrat, sah er ein junges Mädchen am Spinnrade sitzen; sonst war Niemand vorhanden. Sie erhob sich und fragte freundlich nach seinem Begehr, doch war zu bemerken, daß sie ihn mit einem - beinahe möchte man sagen - mitleidig besorgten Blicke betrachtete.

»Kann ich ein Glas Wein haben?« fragte er.

Dabei bot er ihr zum Gruße die Hand, die sie auch nahm und leise berührte.

»Ja, gern,« antwortete sie.

Sie brachte das Verlangte, setzte es vor ihm hin und griff dann wieder zum Rade. Während dasselbe fleißig schnurrte, flog ihr Auge öfters verstohlen zu ihm hinüber. Er bemerkte dies wohl, aber er that nicht, als ob er es sehe. Es lag in diesen Blicken des Mädchens Etwas, was ihn aufmerksam werden ließ.

»Wie weit hat man noch bis Le Chêne popouleux?« fragte er endlich.

»Sie müssen eine gute Stunde reiten,« antwortete sie. »Wollen Sie dorthin?«

»Ja.«

»Wohl gar noch weiter?«

»Allerdings. Ich reite möglicher Weise bis nach Vouziers.«

»O wehe,« entfuhr es ihr.

»Warum o wehe?« fragte er.

Sie erröthete, senkte verlegen die Augen und antwortete stockend:

»Weil - weil es bis dahin Nacht sein wird.«

»Schadet das Etwas?«

Jetzt hob sie den Blick empor und antwortete:

»Die Nacht ist keines Menschen Freund. Und dieser Wald ist so lang, so sehr lang.«

Da ging er näher auf sein Ziel los, indem er sie fragte:

»Man hat mir gesagt, daß es in diesem Walde nicht so recht geheuer sei. Ist dies wahr, Mademoiselle?«

Sie zögerte mit der Antwort, blickte ihn abermals forschend an und fragte dann, anstatt ihm Antwort zu geben:

»Sie sind hier fremd, Monsieur?«

»Ja.«

»Aber Sie reiten doch ein hiesiges Pferd.«

»Kennen Sie es?«

»Ja. Es gehört nach dem Meierhofe Jeanette.«

»Das stimmt. Sind Sie dort bekannt?«

»O, sehr gut. Ich bin sogar das Pathenkind der Frau Baronin. Mein Großvater war Diener des seligen gnädigen Herrn.«

»Ah, so kennen Sie auch die Karosse der gnädigen Baronin?«

»Gewiß. Sie ist heut früh hier vorüber gefahren.«

»Nun, mein Kind, ich will der Frau Baronin entgegenreiten.«

Da fuhr sie beinahe von dem Schemel empor, auf welchem sie saß.

»Der gnädigen Frau entgegenreiten?« fragte sie, indem ihr schönes Gesichtchen eine plötzliche Angst verrieth. »Ist das wahr?«

»Jawohl,« antwortete er.

»Mein Gott, so kehrt die Baronin erst des Nachts heim?«

»Wahrscheinlich.«

»Aber wer soll da ihren Wagen erkennen!«

Dieser Ausruf war jedenfalls sehr zweideutig. Königsau fragte daher:

»Ist es denn nothwendig, daß ihr Wagen erkannt wird?«

»Ja, freilich!« antwortete sie schnell, aber unbesonnen. »Es darf ihr ja kein Leid geschehen!«

»Wer könnte ihr denn etwas thun?«

Diese Frage brachte sie zu der Erkenntniß, daß sie mehr gesagt habe, als sie jedenfalls beabsichtigt hatte. Ueber ihr hübsches, aufrichtiges Gesicht legte sich die Röthe der Verlegenheit, und sie antwortete erst nach einer kleinen Pause:

»O, Monsieur, Sie fragten mich vorhin, ob es wahr sei, daß es hier im Walde nicht so recht geheuer ist. Man hat Sie richtig berichtet. Es giebt im Walde böse Menschen, denen nicht zu trauen ist.«

»Und Sie kennen diese Menschen?« fragte er, einen eindringlichen Blick auf sie richtend.

Ihre Wimpern lagen längere Zeit tief und fast über den Augen, ehe sie antwortete:

»Monsieur, ich wohne ganz allein hier mit meiner Mutter. Es kommen sehr oft Leute, welche wir nicht kennen dürfen, sonst würde es uns schlimm ergehen.«

»Aber, liebes Kind, warum bleibt Ihr da hier wohnen?«

»O, wir wollten gern fort, aber es geht nicht. Als Vater dieses Haus kaufte, da lebte er noch, und da war es im Walde sicher und gut. Es kamen nur ehrliche Leute, und wir hatten unsere Freude an dem Heimwesen. Da aber kam der Krieg, und nun füllte sich das Land mit schlimmen Leuten, welche alle bei uns einkehrten. Vater wurde von Einem erschossen. Großvater wurde von der Baronin entlassen und starb auch bald. Da war ich mit Mutter allein. Wir dürfen Niemand verrathen, sonst sind wir verloren.«

»So verkauft das Haus.«


// 297 //

»Wer kauft es uns ab, Monsieur?«

»So bittet die Baronin um Hilfe. Sie ist gut und wird Euch den Wunsch nicht abschlagen.«

»Sie hat ihn uns bereits abgeschlagen,« antwortete sie leise und langsam.

»Warum?«

Jetzt zog eine tiefe, tiefe Gluth über ihr Gesicht, und sie antwortete stockend:

»Weil - weil - - o, sie ist sehr böse auf uns.«

»Warum denn, mein Kind? Vielleicht kann ich helfen.«

Da legte sie plötzlich die Hand vor die Augen und bog das Köpfchen nieder. Königsau sah eine Fülle herrlichen Haares sich auflösen und er sah Thränentropfen zwischen den kleinen, zarten Fingern hervorquellen - sie weinte.

Eine Zeit lang herrschte tiefe Stille im Zimmer; dann sagte er im mildesten Tone:

»Ich habe Ihnen sehr wehe gethan, mein gutes Kind. Nicht wahr?«

Da hob sie langsam den Kopf, sah ihn durch Thränen an und antwortete:

»O nein, Monsieur. Ich höre vielmehr, daß Sie es gut mit mir meinen. Und darum will ich Ihnen Etwas sagen. Kennen Sie den Weg, den Sie zu reiten haben?«

»Im Einzelnen nicht.«

»Nun, er macht von hier aus einige Krümmungen. Ist Ihnen das kleine Liedchen bekannt: »Ma chérie est la belle Madeleine?«

»Ja.«

»Nun gut. Wenn Sie an der fünften Krümmung von hier ankommen, so steht am Rande des Dickichts rechter Hand ein Kreuz. Dort ist einmal Einer ermordet worden. Sobald Sie dieses Kreuz sehen, singen Sie dieses Lied. Sie können doch singen, Monsieur?«

»Ein Wenig.«

»Wenn Sie nicht gern singen, so pfeifen Sie wenigstens die Melodie.«

»Warum?«

»O, das darf ich ja doch nicht sagen.«

»So werde ich es Ihnen sagen. Hinter dem Kreuze stecken Die verborgen, welche zuweilen zu Ihnen kommen. Sie lauern den Wanderern auf. Wer aber das Lied singt oder pfeift, dem thun sie nichts, weil er unter ihrem Schutze steht.«

»Mein Gott, ich verbiete Ihnen streng, das zu verrathen.«

»Ihr Verbot kommt zu spät,« sagte er lächelnd.

»Monsieur, ich bitte Sie um Gottes Willen, nichts zu verrathen!«

»Ich werde keinem Menschen Etwas sagen.«

»O, Einem doch!«

»Wem?«

»Dem Kutscher der gnädigen Frau müssen Sie sagen, daß er heut Abend das Lied pfeifen soll, sobald er an das Kreuz kommt. Der gnädigen Frau geschieht nichts; aber da bei Nacht ihr Wagen nicht genau zu erkennen ist, kann er sehr leicht verwechselt werden.«

»Ich werde das besorgen, liebes Kind. Aber haben Sie noch nicht daran gedacht, daß Sie sich zum Mitschuldigen dieser Verbrecher machen, wenn Sie ihr Thun und ihre Schlupfwinkel kennen, ohne sie anzuzeigen?«

»Ich weiß das, Monsieur. Aber sie würden mich und Mutter tödten. Soll ich die Mörderin meiner eigenen Mutter werden?«

»Sie könnten ja fliehen, bis Alle vernichtet sind!«

»Vernichtet? O, es stehen immer wieder Neue und Andere auf. Dieser Fabier - -«

Sie hielt inne und erröthete abermals vor Verlegenheit. Der zuletzt genannte Name fiel Königsau auf.


Ende der neunzehnten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk