Lieferung 39

Deutscher Wanderer

14. Juni 1884

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


// 609 //

Blücher ahnte, was da kommen werde, darum antwortete er rasch:

»Papperlapapp. Das war ja nur im Spaße gesagt.«

»Ich weiß das, und dennoch ist es bitterer Ernst.«

»Unsinn.«

»Mein Gedächtniß hat gelitten - -«

»Meinetwegen.«

»Es ist nicht mehr zuverlässig.«

»Doch blos in dem einen vorhin erwähnten Punkte.«

»Bisher, ja. Aber es kann mich in jedem Augenblicke bei jedem Punkte, der vielleicht von größter dienstlicher Wichtigkeit ist, ebenso verlassen.«

»Donner und Doria. Wer sagt das?«

»Die Aerzte.«

»Welche Aerzte?«

»Die mich behandelten und die, als Sachverständige, jetzt über meine Zukunft zu entscheiden haben.«

Blücher blickte ihn mit einem ganz eigenthümlichen Ausdrucke an.

»Sachverständige?« fragte er. »Zukunft? Entscheiden?«

»Ja.«

»Ich verstehe das nicht.«

»Ich wollte es auch nicht verstehen, sah mich aber bald dazu gezwungen. Ich werde meinen Abschied fordern müssen.«

»Abschied? Kerl, ist Er verrückt?« rief der Marschall.

»O, man hat es mir bereits angedeutet.«

Da trat Blücher an das Fenster, blickte ein Weilchen stumm hinaus und drehte, als er seiner Gefühle Herr geworden war, sich wieder um. Seine Wangen waren roth geworden, und seine Augen schimmerten feucht, als er in scheinbar ruhigem, aber aufrichtig herzlichem Tone sagte:

»Also Dir hat man angedeutet, daß Du Deinen Abschied fordern sollst?«

»Ja.«

»So einem jungen, talent- und hoffnungsvollen Officier. Was hast Du zu thun beschlossen?«

»Zu gehorchen.«

»Auch wenn ich Dir abrathe?«

»Auch dann!«

»Millionendonnerwetter! Kerl, warum auch dann?«

»Weil ich den Abschied erhalte, wenn ich ihn nicht fordere.«

»Da werde ich mich denn doch in der Länge und der Breite dazwischen legen.«

»Ich bin Excellenz außerordentlich verbunden! Aber, darf ich aufrichtig reden?«

»Rede nur gerade so, wie Dir's vom Maule kommt!«

»Ihre Intervention würde allerdings mächtig genug sein, mich zu halten; aber ich würde denn doch den Verhältnissen und den nächsten Vorgesetzten gegenüber zu kämpfen haben.«

»Diese vorgesetzten Hallunken sollte der Teufel holen!«

»Das geht nicht so schnell. Es würde da Scheerereien geben, die - - -«

»Ja, ja,« fiel Blücher schnell ein. »Ich weiß, was Du meinst. Es giebt so kleine, ganz kleine Teufeleien, die in fürchterlicher Menge und Schärfe kommen und gegen welche ich Dich nicht schützen könnte. Ich kann Dir da allerdings nicht Unrecht geben, armer Kerl!«

»Und wie nun, wenn die Aerzte wirklich Recht haben?«

»Mit dem Rade im Kopfe?«

»Nicht in dieser Bedeutung, Excellenz. Meine Denk- und Urtheilskraft hat nicht im Mindesten gelitten; wie aber, wenn dies nur so scheint? Meine Wunde verursacht mir mancherlei Schmerzen und Beschwerden. Wenn ich gerecht


// 610 //

und unparteiisch denke, so muß ich die Möglichkeit zugeben, daß eine so bedeutende Hirnverletzung noch schwerere, unvorhergesehene Folgen nach sich ziehen kann.«

»Mensch, Du bist ein Schwarzseher!«

»Ich bemühe mich nur, keine Eventualität unberechnet zu lassen.«

»Mag sein! Aber schade, jammerschade ist es doch! Also Du bist wirklich gewillt, um Deinen Abschied einzukommen?«

»Fest gewillt.«

»Na, meinetwegen! Thue es! Aber wenn denn?«

»So bald als thunlich.«

»Unsinn! Hat Dein Kopf etwa so gelitten, daß Du über einem solchen Gesuche drei Vierteljahre zubringen wirst?«

»Nicht ganz,« antwortete Königsau lächelnd.

»So schreibe es heute!«

»Excellenz, ich erlaube mir die Meinung, daß - - -«

»Unsinn! Maul halten! Wer hat hier eine Meinung zu haben, Er oder ich?« donnerte da der Alte los. »Mache Er die Sache kurz. Hat Er während Seines Krankenlagers das Schreiben verlernt?«

»Nein,« antwortete Königsau kurz.

»Gut! Dort sieht Er Dinte, Papier und Gänsewische. Reiße Er sich eine Feder heraus. Das Messer, sie zu schneiden, liegt auch dort. Dann setze Er sich hin, und fertige Er sein Gesuch. Ich werde mir inzwischen eine andere Pfeife anbrennen. Also gehe Er los! Aber so kurz wie möglich.«

Königsau gehorchte. Er setzte sich. Auf dem Tische lag ein ganzer Federwisch, der Flügel einer Gans, wie man sie zum Ausfegen und Abstäuben damals in Gebrauch hatte. Er riß sich eine Feder heraus, schnitt sie, da sie nicht gezogen war, mühsam zurecht, und schickte sich an, zu schreiben.

»Halt!« meinte da der Marschall. »Wie denkt es sich besser nach, mit Pfeife oder ohne Pfeife?«

»Mit!« antwortete Königsau.

»So stopfe Dir eine, ehe Du die Klexerei beginnst. Da, greif zu!«

Der Lieutenant mußte gehorchen. Er stopfte sich eine holländische Thönerne, setzte sie in Brand und begann dann.

»Halt!« rief der Alte abermals. »An wen adressirst Du das Gesuch?«

»Vorgeschriebener Weise an das Regimentscommando.«

»Unsinn! Dich geht diese vorgeschriebene Weise ganz und gar nichts mehr an. Man will Dich los sein, und man soll den Willen haben. Aber mit diesen Kerls sollst Du nun auch nicht mehr schriftlich verkehren.«

»An wen meinen Excellenz sonst, daß ich adressiren soll?«

»Wie? Was? Das leuchtet Dir nicht ein?«

»Nein.«

»Da schlage doch das Wetter drein! Muß ich Dich denn geradezu mit der Nase hineindrücken? Du adressirst Dein Abschiedsgesuch an mich alten Hallunken; das ist das Gescheidteste, was Du thun kannst.«

»Mit Uebergehung sämmtlicher anderer Competenzen?«

»Jawohl, anders nicht.«

»Ganz, wie Excellenz befehlen!«

»Ja, das befehle ich. Und nun fange endlich einmal an. Drücke aber vorher den Tabak nieder, sonst fällt er Dir aus der Pfeife auf das Papier herunter.«

Königsau schrieb. Er gab sich trotz der Eile die möglichste Mühe; als zehn Minuten vergangen waren, legte er die Feder weg.

»Fertig?« fragte Blücher.

»Ja.«

»Vorlesen!«

Königsau erhob sich vom Stuhle, nahm den Bogen empor und begann:

»An seine fürstliche Durchlaucht, Herrn Feldmar - - -«

»Halt!« donnerte da Blücher. »Das ist die Ueberschrift?«

»Ja.«

»Die Adresse?«

»Ja.«

»Meine Adresse?«

»Allerdings.«

»Kerl, Dich soll der Teufel reiten! Wenn so ein vorgesetzter Kerl von Dir an mich schreibt, so verlange ich allerdings, daß er Alles, Alles bringt, nämlich den Fürsten, den Gebhardt Leberecht, den Marschall, die Excellenz, den alten Blücher, die Durchlaucht, die Hoheit und das Euer Gnaden. Wehe ihm, wenn er ein Jota weglassen wollte. Aber wenn Du, der Zurückgesetzte von diesen Vorgesetzten, mir schreibst, so ist das überflüssig. Ich will diesen Kerls beweisen, daß ich Etwas auf Dich halte. Wie viele Zeilen hat denn Dein Gesuch?«

»Zweiundfünfzig.«

»Mein Gott, zweiundfünfzig! Ist denn solch ein Quirlquatsch nöthig? Setze Dich hin, und nimm einen anderen Bogen. Ich werde Dir dictiren.«

Königsau gehorchte. Blücher steckte die Pfeife ordentlich in Brand, lief nachdenklich im Zimmer auf und ab und fragte nach einer Weile:

»Kann's losgehen?«

»Ja.«

»Gut, also jetzt! Was haben wir heute für Einen?«

»Den Dreiundzwanzigsten.«

»Ah, ja, übermorgen ist ja Weihnachten. Also gerade zu Weihnachten lässest Du Dich trauen? Das freut mich, und das paßt mir. Hast Du die Feder auch gehörig eingetunkt?«

»Ja.«

»So schreibe! Berlin den dreiundzwanzigsten December 1816. An meinen Freund und Gönner Gebhardt Leberecht von Blücher. - - - Fertig?«

»Ja.«

»Also weiter! Lieber Freund und Kampfgenosse! Ich habe einen gottserbärmlichen Schmiß über den Kopf bekommen. Ich soll deshalb den Abschied nehmen. Ich thue es hiermit. Gieb mir ihn! Von Dir ist er mir lieber, als von Anderen; denn Du weißt, daß ich meine Pflicht gethan habe. Dein treuer Hugo von Königsau, Lieutenant.«

»Fertig?« fragte er eine Minute nach dem letzten Worte.

»Ja,« antwortete Hugo.

»Na, weißt Du nun, wie ein Abschiedsgesuch gemacht wird?«

»Excellenz, die Worte wollten mir nicht aus der Feder.«

»Warum nicht?«

»Dieser Scherz ist mir allerdings ein erfreulicher Beweis Ihres - - -«

»Unsinn!« unterbrach ihn Blücher. »Es ist kein Spaß, sondern mein Ernst. Zeig mal her! Hast Du Streusand drauf?«


// 611 //

»Noch nicht.«

»Schütt Tabaksasche drauf! Die löscht viel besser als Sand.«

Dies wurde gethan, und dann nahm Blücher den Bogen her, um ihn zu lesen.

»Hast wirklich keine üble Hand,« meinte er. »Deines ist besser zu lesen als meines. Rathe, wer das zu lesen bekommt.«

»Ich habe keine Ahnung, Excellenz.«

»Keine Ahnung? Dummkopf, wer anders als der König!«

Königsau hatte sich das gedacht, aber er erschrak dennoch.

»Excellenz!« meinte er zögernd. »Es scheint mir, als ob in diesem Falle das Gesuch denn doch eine veränderte Fassung erhalten müßte.«

»Eine andere Fassung? Wie meinst Du das? Den Bogen zusammengebrochen? Das versteht sich ja ganz und gar von selber. Es kommt sogar ein Couvert darüber.«

»Ich meine, daß der Inhalt durch veränderte Worte ausgedrückt werden müsse.«

Blüchers Brauen zogen sich zusammen.

»Die Worte verändert?« fragte er.

»Ja, so einigermaßen.«

»Mensch, Kerl, Junge, Königsau, was fällt Dir ein! Denkst Du etwa, daß ich kein Gesuch entwerfen kann?«

Hugo erschrak.

»Excellenz,« beeilte er sich, zu antworten, »ich bin vollständig überzeugt - - -«

»Oder, daß ich nicht dictiren kann?« unterbrach ihn Blücher. »Dieses Gesuch ist ein stylistisches Meisterwerk, und der König bekommt es zu lesen. Damit pasta und punktum. Aber nun weiter. Wie steht es mit diesem Richemonte? Wollen wir ihn abfangen?«

»Ich weiß nicht, ob dies möglich ist.«

»Warum nicht? Du weißt ja seinen Aufenthalt.«

»Aber Straßburg gehört zu Frankreich.«

»Das ist egal. Wie heißt in Frankreich der oberste Ankläger?«

»Generalprocurator.«

»Nun gut. An diesen Generalprocurator schreibe ich. Ihm schicke ich die Anklage. Und dann will ich sehen, ob man es wagen wird, einen Antrag des alten Blücher unbeachtet zu lassen. Was hattet Ihr diesem Richemonte an der Leiche seines Opfers abgenommen?«

»Reillac's Börse und Brieftasche.«

»Ist es erwiesen, daß Beides diesem gehörte?«

»Sein Wappen und Namenszug befindet sich darauf.«

»Das ist hinreichend. Ihr habt die Leiche begraben?«

»Ja.«

»Könntest Du die Stelle heute noch finden?«

»Ganz gewiß.«

»Es wäre ja möglich, daß man Deine Gegenwart forderte. Hast Du die Ermordung direct gesehen?«

»Nein.«

»Das ist dumm. Nun kann er leugnen.«

»O, doch nicht. Ich sah ihn mit Reillac beisammen. Nach einer Entfernung von kaum fünf Minuten kehrte ich zurück. Richemonte war fort, Reillac aber lag erstochen am Boden. Er war noch warm. Es fehlten ihm die Gegenstände, welche wir dann bei Richemonte fanden.«

»Das ist allerdings genug. Wie mag das Testament in die Hände des Capitäns gekommen sein?«

»Vielleicht ist es gefälscht. Ist es jedoch wirklich ächt, so kann es für Reillac ja irgend einen Grund gegeben haben, es den Händen Richemontes anzuvertrauen.«

»Das ist wahr,« meinte Blücher. »Richemonte hat kein Vermögen?«

»Nein, aber desto mehr Schulden, wie Excellenz ja bereits wissen.«

»Dann muß es allerdings verteufelt fatal für ihn sein, in diesem Testament ein riesiges Vermögen in der Hand zu halten, von welchem er nicht einen Heller erhalten wird.«

»Deshalb will er Margot zu sich locken.«

»Ja, er würde die Erbschaft für sie erheben und dann schleunigst durchbringen. Das soll ihm nicht gelingen. Na, übermorgen bin ich bei Euch, da besprechen wir Alles, und dann wird gehandelt. Jetzt kannst Du Dich von dannen trollen, mein Junge. Grüße mir die Margot und auch die anderen beiden Frauen! Das Abschiedsgesuch wird besorgt, Adieu!«

»Adieu, Excellenz!«

Er ging. War er durch seine kaum überwundenen Leiden in eine trübe Stimmung versetzt und dann durch den Wink, seinen Abschied zu nehmen, verbittert worden, so hatte ihn jetzt die Unterredung mit dem alten Haudegen förmlich erquickt und wieder aufgerichtet. Er kehrte mit frischem Muthe zu den Seinigen zurück.

Zwar war es wahr, daß er keinen Reichthum besaß. Das kleine Gut, welches er sein Eigenthum nannte, brachte nicht mehr ein, als er zur nothwendigen Befriedigung bescheidenster Lebensansprüche bedurfte; aber wenn er die Augen seiner Margot so glücklich und vertrauensfreudig auf sich gerichtet sah, so war es ihm, als ob es niemals einen Tag geben werde, an welchem er mit seinem Schicksale hadern könne.

»Hat er Dich freundlich empfangen?« fragte sie, als er sich neben ihr niedergelassen hatte.

»Er hat mir wahrhaftig die alte Zuneigung und Güte bewahrt,« antwortete er. »Laß Dir nur erzählen, meine Margot.«

Er berichtete, und sie freute sich, als sie seine Augen nach so langer Zeit wieder vor Freude und Vergnügen leuchten sah. Und als er geendet hatte, meinte sie im Tone innigster Ueberzeugung:

»Blücher ist nicht der Mann, Etwas fallen zu lassen, was er einmal ergriffen hat. Glaube mir, daß er bemüht sein wird, Dich für die Unthätigkeit zu entschädigen, in welche man Dich zwingen will.«

Und sie hatte Recht.

Der Weihnachtstag kam heran, und Hugo erhielt das kostbarste Geschenk, welches ihm jemals an diesem Tage geworden war: ein Weib, wie es schöner, lieber und besser kein Mensch besitzen konnte.

Wie entzückend war Margot in ihrem einfach weißen Brautkleide! Sie glich einem überirdischen Wesen und wurde durch keine Brillanten, durch keine künstlichen Raffinements, sondern nur durch die eigenen Reize, die eigene Lieblichkeit geschmückt.

Die Gäste waren schon alle versammelt, als der Marschall erschien. Er hatte seinen beiden Lieblingen zu Ehren seine beste Hof-, Parade- und Galauniform angelegt. So alt er


// 613 //

war, als er eintrat, schien ein Hauch erhöhter Jugend und gesteigerten Wohlbefindens durch die Versammlung zu wehen. Das ist stets der Fall, wenn ein Charakter naht, welchem die Stimme der Natur mehr gilt als die störenden Ansprüche einer berechnenden und künstlich emporgeschraubten Welt.

»Guten Tag alle mitsammen!« rief er heiter, indem er sich umblickte. »Donnerwetter, ist das ein Weihnachten! Da bringt das Christkind Braut und Bräutigam. Ich wollte, ich könnte es auch noch einmal so gut haben. Langt zu, Ihr Jüngeren! Wo ist denn dieser Mosiöh, der Herr Lieutenant von Wilmersdorf?«

»Hier, Excellenz,« meldete sich der Genannte, indem er vortrat und die Fersen klirrend zusammenschlug.

Blücher betrachtete ihn vom Kopfe bis zu den Füßen herab und sagte dann:

»Also Er ist der Urian, der mir die Brautführerschaft wegschnappen wollte? Mit ihm sollen doch gleich drei Schock Schulpferde durchbrennen!«

Der Lieutenant wurde einigermaßen verlegen, faßte sich aber und sagte:

»Mit Verlaub, Excellenz, ich hatte keine Ahnung davon, daß ich mit meinem Oberfeldherrn rivalisirte. Ich trete feierlichst zurück.«

»Er muß auch! Ob er das feierlich thut oder nicht, das kommt ganz und gar auf Seinen Geschmack an. Na, Scherz muß sein! Damit Sie aber sehen, Lieutenant, daß ich Sie nicht ganz berauben will, so sollen Sie wenigstens jetzt Gelegenheit erhalten, den Brautführer zu machen. Wo befindet sich Fräulein Margot?«

»Im Nebenzimmer.«

»Eigentlich hätte ich sie aufzusuchen; aber um Ihnen die besagte Gelegenheit zu geben, so gehen Sie einmal und bringen Sie sie mir herbeigebracht!«

Der Lieutenant entfernte sich eilig, um diesem Gebote Folge zu leisten. Unterdessen unternahm Blücher es, Königsau und die Anderen zu begrüßen. Als dann aber Margot eintrat, machte er eine Miene größter Ueberraschung.

»Millionendonnerundhagel!« rief er. »Ist das wirklich unsere Margot?«

Und Recht hatte er. Ein wahrhaft reines und braves Mädchen macht als Braut den Eindruck, als ob sie eine ganz Andere sei.

Er ließ sie nicht völlig herankommen, sondern er schritt in einer Haltung und mit einer Courtoisie auf sie zu, als ob sie die Prinzessin eines königlichen Hauses sei. Er zog ihre Hand galant an seine Lippen, blickte ihr liebevoll in die Augen, als ob er ihr Vater und sie seine Tochter sei und sagte dann mit sichtlicher Rührung:

»Fräulein, wissen Sie, daß der alte Blücher nicht mehr lange leben wird? Wenn ich es mir auch nicht merken lasse, aber ich bin überzeugt, daß dieser armselige Klapperbein doch so langsam seine Hand nach mir ausstreckt. Es ist mir nicht viel Vergnügen mehr bescheert, und so sage ich Ihnen aufrichtig, daß die Freude, welche ich gegenwärtig empfinde, wohl die beste und reinste sein wird, die ich noch genieße.«

Diese Worte des alten Helden machten einen eigenthümlichen, tiefen Eindruck, den er aber bald durch einige seiner jovialen, derben Scherzworte wieder zu verwischen trachtete. Es gelang ihm dies auch recht gut.

Es hatte sich ganz von selbst herumgesprochen, daß Blücher sich ausgebeten habe, bei Königsaus Hochzeit der Führer der Braut zu sein. Daher kam es, daß in der Kirche ein so dicht gedrängtes Publikum vorhanden war, als ob Gottesdienst gehalten werde. Die anwesenden jungen Männer beneideten den Lieutenant um die schöne Französin, welche er sich als Kriegsraub mitgebracht hatte, und alle Damen gönnten dem schönen, hoch gewachsenen und mit einer solchen Narbe geschmückten Manne das Glück, welches er sich erobert hatte. Und sie Alle, ohne Ausnahme, freuten sich darüber, daß Blücher um eines einfachen und armen Lieutenants willen die stolzen Regeln der hohen Gesellschaft verletzt hatte und nur seinem Herzen gefolgt war.

Als die Trauung vorüber war und die beiden Glücklichen den Segen des Priesters empfangen hatten, nahm Blücher Königsau bei der Hand und sagte:

»Junge, nun ist sie Deine Frau. Halte sie werth wie den größten Edelstein, den es auf der Erde giebt. Thue mir das zu Gefallen!«

Und Margot drückte er einen leisen Kuß auf die Stirn, bevor er ihre Hand ergriff und ihr sagte:

»Mein Kind, er ist ein tüchtiger Kerl. Mache es ihm leicht, wenn das Leben ihm verweigert, was er verdient hat. Der warme Blick einer Frau macht alles Unrecht und alle Kränkung gut!«

Er hatte ganz unwillkürlich, so wie es in seiner Gewohnheit lag, so laut gesprochen, daß man es durch die ganze Kirche hörte. Seine einfachen schlichten Worte brachten eine tiefe Rührung hervor, tiefer als die Rede des Geistlichen es vermocht hatte. Es gab unter ihnen allen kein Paar, dem ein solcher Mann eine solche Traurede gehalten hatte.

Aber dann später, als die Festgäste beim Mahle saßen, floß mancher Witz aus dem Munde des Alten, welcher noch das Herz und Gemüth eines Kindes und den Muth und die Lebenslust eines Jünglings besaß. Hier und da war auch ein Wort zu hören, welches nicht ganz im Einklange mit der Subordination stand; er aber überhörte das.

Endlich stand er auf und sagte:

»Kinder, wir haben heute schon die ganze Zahl von Toasten gebracht, welche an einem solchen Tage nothwendig sind. Was ich jetzt bringen will, ist kein Toast, sondern eine Bitte. Komme her, Königsau, mein Junge, schenke mir noch einmal ein! So! Und nun hört, Ihr Leute, der alte Blücher ist heut zu Tage ein berühmter Mann, woraus er sich aber den Teufel macht. Man wird von ihm reden und erzählen. Die Scriblifexers werden Geschichten von ihm erzählen, allerhand Wahres und Falsches; ja in den Schulen wird es Weltgeschichtsbücher geben, in denen auch sein Name steht; aber was bringt das ihm für einen Nutzen? Keinen. Er weiß doch, daß Alles, was er mit dem Säbel mit Hilfe Gottes und seiner Soldaten zu Stande gebracht hat, durch die Federfuchser wieder verdorben wird. Nach jedem Delirium tritt eine Abspannung ein, und einem Jahre der Begeisterung pflegt ein Jahr der Reaction zu folgen. So wird es auch hier sein. Was wir mit Blut errungen haben, wird für Tinte wieder futsch gehen. Man wird nicht halten, was man versprochen hat. Aber ich sage Euch, daß der liebe Gott doch weiß, was er will. Das Blut eines Volkes ist ein kostbarer und fruchtbarer Saamen, welcher sicher, wenn auch früher oder später Früchte bringen muß. So wird auch einst


// 614 //

die Zeit kommen, in der Deutschlands große Ernte beginnt. Ich erlebe es nicht, Ihr aber könnt es wohl noch wachsen und reifen sehen. Wenn dann an dem Baume unserer Thaten die Früchte hängen, welche uns leider für dieses Mal von den Diplomatenwürmern und Politikermaden abgefressen werden, dann denkt an Euern alten Blücher. Und solltet Ihr es nicht erleben, so sagt es Euern Kindeskindern, daß sie dann, wenn der Deutsche wieder dreingehauen hat und es kein solches Ungeziefer mehr giebt, das Glas zur Hand nehmen und es leeren auf das Andenken des alten Marschalls Vorwärts, der am Liebsten den ganzen Wiener Congreß ebenso zusammengehauen hätte wie die Frauenzimmer jenseits des Rheins! Es ist das letzte Glas, welches Ihr in diesem Leben mit dem Gebhardt Leberecht trinkt!«

Die Wirkung dieser Worte und der Eindruck, welchen sie hervorbrachten, läßt sich gar nicht beschreiben. Die Versammlung war auf das Tiefste ergriffen. Der Alte hatte seiner Erbitterung hier einmal Luft gemacht; er hatte dann gesprochen wie ein Prophet des alten Testaments, welcher dem Volke Gottes den Vorhang der Zukunft öffnet, und endlich war sein letzter Wunsch für sie ein Vermächtniß geworden, welches sie, Kinder und Kindeskinder zu vererben hatten. Es war ein Augenblick, so feierlich wie bei solchen Gelegenheiten selten einer. Die Gläser wurden still und wortlos geleert, als ob man sich scheue, die Heiligkeit dieses Momentes zu entweihen.

Blücher aber war es selbst, welcher es unternahm, die vorige fröhliche Stimmung wieder hervorzurufen. Er sagte nämlich, auf eine Seitentafel zeigend, auf welcher man die Hochzeitsgeschenke geordnet hatte:

»Aber jetzt schaut einmal dorthin, Kinder! Was werdet Ihr sagen? Ihr werdet meinen, der alte Isegrimm könne wohl Reden halten, aber die Hauptsache habe er vergessen. Da irrt Ihr Euch jedoch. So Etwas lasse ich mir nicht nachsagen. Ich bin kein reicher Kerl, und Ihr wißt, Spiel und Wein haben mich immer ein Heidengeld gekostet. Wenn unser König nicht ein Einsehen gehabt hätte, so wäre ich oftmals bankerott gewesen. Große Gaben kann ich nicht bringen, ein Schuft giebt mehr als er hat; aber Etwas bringe ich doch. Da, Margot, nehmen Sie es hin, und geben Sie es Ihrem jungen Manne, wenn ich jetzt ausgerissen sein werde.«

Er zog aus der Tasche seines Waffenrockes ein großes Couvert, welches er Margot überreichte. Sie nahm es zögernd entgegen und öffnete bereits die Lippen, um einen Dank und Sonstiges auszusprechen; er aber ließ sie gar nicht zu Worte kommen, sondern fiel ihr schnell ein:

»Halt! Still, kleines Plappermäulchen! Ich mag nichts hören! Ich will nur verrathen, daß der König herzlich gelacht hat, als er ein gewisses Abschiedsgesuch gelesen hatte. Und die gute Stimmung, in welcher sich die Majestät in Folge dessen befand, hat Euer alter Freund kluger Weise benutzt, um von einem gewissen Lieutenant Königsau zu erzählen. Das ist Alles, was Ihr zu wissen braucht. Und nun lebt wohl! Seid so glücklich, wie ich es Euch wünsche, und thut mir den kleinen Gefallen, mich nicht allzurasch zu vergessen!«

Er schob seinen Stuhl zur Seite und war, ehe sie es sich versahen oder es zu hindern vermochten, zur Thür hinaus. Hugo eilte ihm zwar nach, aber der Alte entging ihm mit fast jugendlicher Schnelligkeit. Nicht weit vom Hause hielt ein Wagen, in welchen er stieg, um schnell davon zu kommen. Hugo merkte, daß der alte Haudegen sich diesen Wagen zur bestimmten Zeit bestellt haben müsse.

Als er wieder zu seinen Hochzeitsgästen zurückkehrte, fand er diese voller Wißbegier, was das Couvert wohl enthalten werde. Ihnen zu Gefallen und weil er selbst auch eine gleich große Neugierde empfand, öffnete er es. Es enthielt zwei königliche Schreiben. Er las das erste durch und reichte es dann Margot hin.

»Mein Abschied,« sagte er unter einem eigenthümlichen Lächeln.

In diesem Lächeln war eine gewisse Freude nicht zu verkennen, obgleich sich in demselben auch der Schmerz um eine verlorene Lebensstellung, welche er mit Begeisterung auszufüllen bestrebt gewesen war, aussprach.

Sie blickte ihm mit einer gewissen Besorgniß in die Augen.

»Lies nur, liebes Herz!« nickte er ihr aufmunternd zu.

Sie that es. Als sie fertig war, sagte sie mit unverkennbarer Genugthuung:

»Allerdings Dein Abschied, mein Lieber, aber in den allergnädigsten Ausdrücken.«

»Und mit einer Art von Avancement,« fügte er hinzu.

»Als Rittmeister, also Hauptmann, mit der Erlaubniß, die Uniform zu tragen. Das ist selbst in der Entsagung eine Freude.«

Alle Anwesenden beglückwünschten ihn mit aufrichtigem Herzen.

»Und nun das Andere!« bat Frau Richemonte.

Königsau öffnete auch das zweite Schreiben. Als er es rasch überflogen hatte, erheiterte sich sein Gesicht zusehends.

»Da, liebe Margot,« sagte er. »Das haben wir unserm guten, alten Marschall zu verdanken.«

Sie griff nach dem Papiere und las die Zeilen.

»Ist das möglich?« fragte sie, auf das Freudigste überrascht.

»Was? Was?« ertönte es rund im Kreise.

»Ein Geschenk,« antwortete sie. »Ein königliches Geschenk, wie wir es uns gar nicht träumen lassen konnten.«

»Wohl gar eine Dotation?«

»So etwas Aehnliches. Seine Majestät macht für im Kriege geleistete wichtige Dienste meinen Hugo zum Besitzer des Gutes Breitenheim.«

Das machte Aufsehen. Man fragte nach diesen wichtigen Diensten, und Königsau erzählte, wie er Napoleon und seine Marschälle belauscht habe und dadurch in den Stand gesetzt worden sei, Blücher und Wellington über die Absichten und Pläne des Kaisers auf das Genaueste zu unterrichten. Und dann fügte er hinzu:

»Das ist ein Geschenk, welches alle Sorgen von uns fern hält, liebe Margot. Wir müssen um eine Audienz nachsuchen, um uns bei dem Könige persönlich zu bedanken. So viel habe ich nicht verdient. Wir haben das, wie bereits gesagt, nur Blüchern zu verdanken. Ich hätte höchstens an ein Avancement gedacht. Aber weißt Du, was dieses Geschenk besonders werthvoll für uns macht?«

»Nun, mein Lieber?«

»Das ist der Umstand, daß Breitenheim mit meinem Gute zusammengrenzt. Ich glaube, Beide, der König sowohl, wie der Marschall, haben das mit in Rücksicht genommen. Mein Abschied machte mich trauriger, als ich es Euch merken ließ. Nun aber bin ich versöhnt. Ich habe jetzt ein neues


// 615 //

Feld, ein Gebiet, auf welchem ich mit Segen für mich und andere wirken kann.«

Die Zukunft zeigte, daß dies ein wahres Wort gewesen sei.

Die Audienz wurde bereits an einem der nächsten Tage erlangt. Natürlich begab sich das junge Ehepaar auch zu Blücher, um ihm Dank zu sagen. Bei dieser Gelegenheit wurde von der Anzeige gegen Capitän Richemonte gesprochen. Blücher hatte diesen Gegenstand bereits auf der Hochzeit zur Sprache bringen wollen, dies aber wegen der Anwesenheit der Gäste unterlassen.

»Soll ich ihn gerichtlich verfolgen lassen?« fragte er.

»Er hat es zehnfach verdient,« antwortete Königsau.

»Aber Sie, Frau von Königsau? Er ist Ihr Bruder.«

Margot zögerte eine Weile; dann antwortete sie:

»Wird es hart erscheinen, wenn ich ihn verdamme?«

»Nicht im Geringsten. Wie aber denkt Ihre Frau Mutter?«

»Gerade so wie ich. Er ist der böse Geist unseres Lebens gewesen, und wir haben ihn noch heute zu fürchten. Er ist uns ja nur Stiefbruder und Stiefsohn. Ich bin überzeugt, daß er Gelegenheit suchen wird, unser Glück nicht nur zu stören, sondern sogar zu vernichten.«

»Gut, so wollen wir ihn unschädlich machen. Ich werde noch heute zu dem französischen Gesandten fahren, um ihm den Fall vorzustellen.«

Er that dies auch, und der Gesandte versprach ihm, das Gehörte schleunigst weiter zu verfolgen. Doch kam es anders, als sowohl Blücher wie auch Königsau es sich gedacht hatten.

Der Letztere erhielt eine Vorladung vor Gericht, wo er seine Aussagen zu Protocoll zu geben und Börse nebst Brieftasche, sowie auch das damals in der Schlucht abgefaßte Schriftstück zu deponiren hatte.

»Wo befindet sich Richemonte?« fragte er.

»In Straßburg in Gewahrsam,« lautete die Antwort.

»Ist dieses Gewahrsam sicher?«

»Jedenfalls. Man pflegt wenigstens bei uns einen Mörder nicht so leicht einzuschließen.«

»In diesem Falle aber kommt die Anzeige vom Auslande, und die Deutschen werden von den Franzosen gehaßt.«

»Sie mögen Recht haben, obgleich ich das in meiner amtlichen Stellung allerdings nicht zuzugeben habe. Wünschen Sie, daß ich eine darauf bezügliche Bemerkung anfüge?«

»Sehr! Ich bitte, die Straßburger Behörde darauf aufmerksam zu machen, daß Richemonte ein höchst gefährlicher und auch unternehmender Mann sei, dem eine gewaltsame Flucht sehr wohl zuzutrauen ist.«

»Ich werde das thun, obgleich ich nicht glaube, daß er zu fliehen so sehr nöthig hat.«

»Ah, Sie meinen, daß man ihn von selbst entlassen werde?«

»Hm! Ich kann nur sagen, daß bei den Herren Franzosen Alles möglich ist, sobald es nur gilt, uns zu zeigen, wie gern sie uns zu Diensten sind.«

Es zeigte sich allerdings im Verlaufe der nächsten Monate, daß der Beamte ganz richtig vermuthet hatte. Königsau hörte, daß Richemonte unter Bedeckung nach Sedan und von da in die Berge geführt worden sei. Hugo hatte mit Sicherheit erwartet, das man ihn dazu rufen werde; allein dies geschah nicht. Man schrieb dem Berliner Gerichte, daß die Angaben des Anklägers vollständig hinreichend seien, den Ort zu finden, an welchem der Baron de Reillac eingescharrt worden sei.

Kurze Zeit später wurde Königsau zur Amtsstelle citirt. Es wurde ihm da mitgetheilt, daß Richemonte keineswegs gethan habe, als ob er in der Schlucht unbekannt sei. Er hatte ganz im Gegentheile selbst und aus freien Stücken den Ort angegeben, an welchem er vor der Leiche Reillacs gestanden hatte. Und nun kam die Pointe, welche Hugo nicht wenig in Bestürzung brachte. Richemonte hatte nämlich den Spieß umgedreht und ausgesagt, der deutsche Lieutenant und Spion sei es gewesen, welcher den Baron ermordet und beraubt habe; er trage mit allem Nachdrucke darauf an, diesen fest zu nehmen, um ihm den Prozeß zu machen.

Was sollte Hugo antworten? Er war zur Zeit des Mordes wirklich dort gewesen; er hatte sich im Besitze der geraubten Sachen befunden, und er war es gewesen, der Reillac begraben hatte. Von den Soldaten, welche dabei gewesen sein sollten, war keiner beizubringen. Seine Aussage klang wie eine Fabel. Sollte er die Kriegskasse in Erwähnung bringen?

Zum Glücke hatte er Margot und ihre Mutter, welche seinen Aussagen beitraten. Auch der Kutscher Florian, welcher ihm nach Deutschland gefolgt war und jetzt in seinem Dienste stand, trat als Zeuge für ihn auf. Dennoch aber wären Ungelegenheiten für ihn gar nicht zu vermeiden gewesen, wenn nicht Blücher ein gewichtiges Wort gesprochen hätte, in dessen Folge Königsau keine Unannehmlichkeiten zu erleiden hatte.

Daraufhin erklärte die französische Behörde Folgendes: Es sind zwei Verdächtige da, ein Deutscher und ein Franzose. Beide klagen einander an. Der Deutsche ist der bei weitem Gravirtere. Trotzdem sieht seine Behörde sich nicht veranlaßt, gegen ihn einzuschreiten, und so nehme die französische Behörde ganz einfach an, daß der Fall nicht aufzuklären sei. Die Hinterlassenschaft Reillacs fiel sehr entfernten Verwandten von ihm zu, und Richemonte wurde auf freien Fuß gesetzt.

Man hatte bei ihm nicht eine Spur von Reillacs Testament und auch nicht die kaiserliche Erlaubniß zur Verlobung Margots mit dem Barone gefunden. Er hatte, als seine an Margot gerichteten drei Briefe ihm vorgelegt worden waren, wirklich ausgesagt, daß er dieses Märchen erfunden habe, um seine Schwester zu retten; sie habe nicht die Frau des Mörders seines Freundes werden sollen.

Gerade um diese Zeit stand Hugo und Margot eine Ueberraschung bevor. Der junge Baron de Sainte-Marie besuchte sie in Berlin. Bertha Marmont, welche heimlich seine Frau geworden war, befand sich bei ihm. Sie hatte ihm ein Söhnchen geschenkt, zu welchem die Beiden und Frau Richemonte Pathe standen. Daß er eine Meßalliance eingegangen sei, und zwar so ganz und gar gegen den Willen seiner Mutter, konnten die Pathen nicht ändern. Sie bemerkten zu ihrer Beruhigung, daß er nicht mittellos sei, und schlossen hieraus, daß er von seiner Mutter freiwillig mit dem Nöthigen bedacht worden sei.

Da Königsau für nöthig hielt, auf seinen Gütern anwesend zu sein, verließ er Berlin. Auf diese Weise entging es ihm, wie unglücklich noch einige Zeit der Baron mit Bertha lebte. Später erhielt er von diesem einen Brief, in welchem er ihm anzeigte, daß Bertha mit dem früheren


// 616 //

Capitän Richemonte durchgegangen sei und daß er das Paar schleunigst verfolge.

So war Richemonte doch in der Nähe gewesen, wohl um Rache zu nehmen. Nur das Zusammentreffen mit Bertha hatte ihn davon abgehalten. Eine geraume Zeit später schrieb die Baronin de Sainte-Marie an Frau Richemonte, daß sie ihren Sohn nun auch moralisch verloren habe. Sie hatte in Erfahrung gebracht, daß in Marseille seine arme Frau von ihm ermordet worden sei.

Seit jener Zeit blieb Capitän Richemonte ebenso wie der Baron de Sainte-Marie spurlos verschwunden. Der Erstere hatte übrigens, meist in Folge davon, daß er wegen Verdacht des Mordes in Untersuchung gesessen hatte, übrigens aber auch aus anderen Gründen, aus der Armee treten müssen. Daß die beiden Genannten sich drüben in Afrika befanden, der Eine als Marabut und der Andere als Spion der Invasion, konnte Niemand ahnen. Nur der freundliche Leser hat es erfahren.

Die Zeit verging. Am zwölften September 1819 starb Blücher, von ganz Deutschland, am Allermeisten aber von unseren Bekannten, tief und innig betrauert.

Kurze Zeit später beglückte Margot ihren Gatten mit einem Söhnchen, welcher zu Ehren Blüchers Gebhardt genannt wurde. Er wuchs heran, ein viel versprechendes Ebenbild seines Vaters und seiner Mutter. Er war nur kurze Zeit dem Knabenalter entwachsen, so kam die Nachricht, daß die Baronin de Sainte-Marie gestorben sei und ihm, da sie keine anderen Verwandten besitze, den Meierhof Jeanette vermacht habe. Das war eine traurige und zugleich erfreuliche Ueberraschung.

Natürlich war es Hugos Wunsch, daß sein Sohn Officier werde. Gebhardt hatte nicht nur die Lust, sondern auch die nöthige Begabung dazu, und so kam es, daß er sich unter den Militärschülern bald auszeichnete. Ein Einziger war es, der mit ihm gleichen Schritt hielt, Namens Kunz von Goldberg. Beide schlossen sich an einander an und unterstützten sich in ihren Bestrebungen.

Die Jugend träumt gern von der Ferne. Auch die beiden jungen Freunde träumten diesen Traum. Er sollte ihnen erfüllt werden. Sie hatten ihr Examen bestanden und ihr Officierspatent in der Tasche. Nach verhältnißmäßig kurzem Dienste wurde Goldberg der Pariser Gesandtschaft attachirt. Er trat somit in das Leben hinaus, wo ihm leichter Gelegenheit geboten war, sich auszuzeichnen.

Vielleicht erinnert sich der geneigte Leser noch des Namens Kunz von Goldberg. Er war später General, und seinen Namen nebst seinem Bilde fand nach Jahren die schöne Nanon in dem Innern des Löwenzahnes, welchen Fritz Schneeberg, das Findelkind, an einer goldenen Kette an seinem Halse trug. Es naht jetzt die Zeit, in welcher jenes Geheimniß seinen Anfang nimmt.

Wohl über ein Jahr hatte Kunz von Goldberg sich in Paris befunden, als sich auch für Gebhardt von Königsau Gelegenheit fand, seiner Wanderlust und seinem Wissensdurste Genüge zu leisten.

Es wurde nämlich eine Expedition durch die Sahara nach Timbuktu ausgerüstet, und man sah sich dabei nach einem jungen, muthigen und zugleich auch in Beziehung auf andere Wissenschaften nicht ungebildeten Militär um, welcher geeignet sei, die Expedition zu begleiten. Die Wahl fiel auf Gebhardt, und dieser willigte mit hoher Freude ein, obgleich es seinen Eltern nicht leicht wurde, sondern im Gegentheile schwere Ueberwindung kostete, ihr einziges Kind so großen Gefahren entgegen gehen zu lassen. Die Sahara war damals dem Wanderer noch weit gefährlicher als jetzt, wo sie zu einem bedeutenden Theile erschlossen ist.

Es gab da Vieles anzuschaffen, Karten, Instrumente und viele andere Dinge, welche entweder nur oder doch in bester Qualität in Paris zu haben waren. Daher wurde diese Stadt zum Sammelpuncte der verschiedenen Mitglieder der Expedition bestimmt.


Ende der neununddreißigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk