Lieferung 48

Deutscher Wanderer

16. August 1884

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


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Der Gast der Familie Königsau schien in der Musterung seiner äußeren Erscheinung sehr zufrieden zu sein; denn ein siegesbewußtes Lächeln spielte um seine Lippen, als er sich vom Spiegel wandte.

»Hm!« brummte er. »Ich finde gar nichts Auffälliges an mir. Ich bin vollständig überzeugt, bei Allen einen recht guten Eindruck hervorgebracht zu haben, und da man sagt, daß der erste Eindruck der richtige und maßgebende sei, so kann ich mit meinem hiesigen Debut sehr zufrieden sein. Warum aber brachte dieser Knabe die Augen gar nicht von mir weg? Ist es wahr, was man sagt, daß das Ahnen des Kindes in der Beurtheilung des Menschen glücklicher sei als oft der Scharfblick eines Menschenkenners? Der Junge scheint intelligent zu sein; er kann mich nicht leiden. In seiner Naivität erlaubte er mir nur aus dem Grunde dazubleiben, weil sein Vater mich lieb gehabt habe. Es ist klar: Er hat eine Antipathie gegen mich, und da es Eltern giebt, welche gern auf Regungen ihrer Kinder achten, ja sogar nach diesen Regungen handeln, so ist der Junge das einzige Glied dieser Familie Königsau, welches mir Besorgniß einflößen könnte. Ich werde ihm mehr Aufmerksamkeit schenken müssen als seinen Verwandten.«

Nach diesem Selbstgespräch begann er, es sich bequem zu machen; doch war die Einsamkeit, in welcher er sich befand, von keiner langen Dauer, denn er wurde bereits nach kurzer Zeit zum Mahle gebeten, welches man des Gastes wegen auf eine andere Stunde verlegt hatte. Er war Diener vornehmer Häuser gewesen und hatte sich als solcher genug Gewandtheit und Lebensanschauung angeeignet, um die Rolle eines Mannes der vornehmen Gesellschaft spielen zu können. Es gelang ihm auch das Vertrauen der Familie zu gewinnen, mit alleiniger Ausnahme des Knaben, welcher sich zu seinen Liebkosungen und geschickt angebrachten Schmeicheleien sehr abweisend verhielt, fast in der Weise, wie verzogene Kinder sich zu Personen zu verhalten pflegen, denen es nicht gelungen ist, ihre Zuneigung zu gewinnen.

Der Tag wurde im Familienkreise verbracht, da anzunehmen war, daß der Gast von der Reise ermüdet sei. Aber bereits am anderen Vormittage fragte Königsau ihn, ob es ihm genehm sei, einen kleinen Ritt mitzumachen, da er im Begriff stehe, die Feldarbeit zu inspiciren. Natürlich schloß der Franzose sich ihm an. Er hoffte, daß während des Rittes das Gespräch auf das Thema kommen werde, welches bisher noch nicht berührt worden war, obgleich Henry sehr viel daran lag, den Gegenstand zur Sprache gebracht zu sehen.

Großvater Königsau erwies sich als ein, trotz seines Alters, noch sehr guter und sicherer Reiter. Der Franzose, welcher in dieser Kunst keine sehr große Uebung besaß, hatte Mühe, mit ihm gleichen Schritt zu halten und eine Blamage zu vermeiden.

In einem kleinen Vorwerke wurde Halt gemacht und ein Imbiß genommen. Im Verlaufe des beinahe frugalen Dejeuners meinte Henry:

»In der Bewirthschaftung größerer Complexe sind die Deutschen den Franzosen doch entschieden überlegen. Finden Sie das nicht auch, Herr von Königsau?«

Der Gefragte antwortete langsam und bedächtig:

»Ich möchte das nicht so ungeprüft gelten lassen, denn es entgehen mir die Erfahrungen, um hier einen entscheidenden Vergleich ziehen zu können. Wollte ich nach Ihren Worten gehen, so müßte ich schließen, daß die Franzosen uns in der Bewirthschaftung kleinerer Liegenschaften überlegen sind.«

»Das ist es, was ich meine.«


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»Nun, das liegt doch wohl weniger in den individuellen Eigenschaften, oder gar in der Verschiedenheit des Nationalcharakters, sondern vielmehr an den wirthschaftlichen Zuständen der beiden Länder. Frankreich ist ein Wein bauendes Land, und bei dieser Art der Fruchtgewinnung ist der Parzellenbau ein einträglicherer.«

»Sie mögen Recht haben; doch wenn ich denke, in welcher musterhaften Ordnung sich Ihre Besitzung befindet, so habe ich doch alle Lust, meine vorhergehende Behauptung aufrecht zu erhalten. Es muß eine wahre Lust sein, sich den Besitzer einer solchen Liegenschaft nennen zu können.«

»Ach, mein lieber Herr de Lormelle, das klingt ja, als ob Sie sich nicht im Besitze eines Gutes befänden.«

»Meine Familie ist nicht nur wohlhabend, sondern sogar reich, sehr reich; aber Sie wissen, wir Franzosen sind Genußmenschen, und wenn wir ja arbeiten, so beschäftigen wir uns lieber mit Kunst und Wissenschaft, mit Literatur und Politik, als mit der Zerkleinerung der Ackerscholle, welcher wir doch nichts weiter abzuringen vermögen als die höchst prosaische Frucht der Kartoffel, der Rübe oder des Kohles.«

»Aber doch sind diese höchst prosaischen Früchte unbedingt nothwendig. Auch die Kunst und Wissenschaft, die Literatur und sogar in gewisser Beziehung die Politik beschäftigen sich mit ihnen.«

»Ich gebe das gern zu, möchte aber doch lieber eine Gruppe dieser Früchte auf Leinwand malen, oder ein Buch über den materiellen Anbau der Kartoffel schreiben, als gezwungen sein, diese schmutzige Knolle aus der Erde zu wühlen.«

»Wer ein solches Buch schreiben will, darf die Kartoffel nicht nur auf der Leinwand eines Malers gesehen haben. Das Leben des Landmannes ist ein vorzugsweise nüchternes und mühevolles, ich gebe das zu; aber es hat auch seine Lichtseiten. Es bewahrt vor Oberflächlichkeit und Zerstreuung, es macht den Menschen gewissenhaft und ernst; es giebt ihm Liebe zur Heimath und lenkt sein Denken und Sinnen auf den Schöpfer und Erhalter aller Dinge. Lasse ich das Korn meines selbst erbauten Roggens oder Weizens durch die Finger gleiten, so fühle ich dieselbe Genugthuung, welche den Künstler erfüllt, wenn ihm eine Frucht seiner Phantasie gerathen ist.«

»Von dieser Seite aus habe ich die Landwirthschaft allerdings noch nicht betrachtet. Ich bin zufrieden, wenn meine Verwalter und Pächter ihre Gelder zahlen. Das Gold, welches dann durch meine Finger rinnt, ist mir werthvoller als das Gold der Aehren und Körner.«

»Und doch ist es wahr, daß dieses eine Gold ohne das andere eine Chimäre sein würde. Das Metall ist nur ein Tauschmittel; die Landwirthschaft aber ist es, welche mit ihren Erträgnissen und Preisen die wahren, wirklichen Werthe bestimmt.«

»Sie sind, wie ich höre, Nationalöconom, ich aber bin es nicht und darf mich also auf keine Controverse einlassen. Aber sollte es in Wahrheit sein, daß das Landleben die Liebe zur Scholle, also auch die Liebe zum Vaterlande, den Patriotismus groß zieht?«

»Es ist so.«

»Dann müßten Sie Ihre Besitzung außerordentlich lieb haben.«

»Sie ist mir werth und theuer.«

»So, daß Sie dieselbe nie veräußern würden?«

»Ich würde mich nur sehr schwer von ihr trennen.«

»Selbst wenn Ihnen bedeutende Vortheile geboten würden?«

»Es käme darauf an, welche Bedeutungen diese Vortheile für mich hätten. Ich befinde mich gerade gegenwärtig in der Lage, über diesen Gegenstand reiflich nachzudenken.«

Der Franzose sah sich nun auf dem Wege, welchen er hatte einschlagen wollen.

»Ah!« meinte er. »Wieso, Herr von Königsau?«

»Man will mir meine beiden Besitzungen abkaufen.«

»Dann muß der Käufer reich sein.«

»Er ist es.«

»Jedenfalls ein Bewohner der Umgegend, welcher den Werth Ihres Eigenthums genau kennt?«

»Nein, sondern ein Fremder, ein Russe.«

»Was hat er für einen Grund, sich hier ansiedeln zu wollen?«

»Ich weiß es nicht und habe auch kein Recht, darnach zu fragen. Ich habe erfahren, daß ihm die Gegend gefällt und daß er sich sehr eingehend nach dem Zustande meiner Besitzungen erkundigt hat.«

»Ich bin überzeugt, daß er nur Vortheilhaftes erfahren konnte.«

»Das ist allerdings der Fall. Er hat sich dann durch einen Berliner Agenten an mich gewendet.«

»Durch einen Berliner? Ist das nicht vielleicht ein Umstand, welcher Veranlassung giebt, vorsichtig zu sein?«

»Es giebt überall ehrliche und unehrliche Leute. Von diesem Agenten aber weiß ich, daß er sich in der Geschäftswelt keines ungünstigen Rufes erfreut.«

»Ich wäre wirklich neugierig zu erfahren, ob dieser Russe geneigt ist, gut zuzahlen. Die Russen pflegen im Geldpunkte nicht immer anständig zu sein.«

»Was das betrifft, so hat mir dieser Herr ein Gebot thun lassen, welches mich wirklich in Verlegenheit brachte.«

»Wieso?«

»Das Gebot beträgt über hunderttausend Thaler mehr, als meine Liegenschaften werth sind.«

»Ah!« machte der Franzose im Tone des Erstaunens.

»Ja, ich füge hinzu, als sie sogar unter Brüdern werth sind.«

»Was gedenken Sie, zu thun?«

»Ich habe nie daran gedacht, zu verkaufen. Ich bin mit meinem Besitze zu sehr verwachsen, als daß ich mich so leicht von ihm trennen könnte.«

»Selbst bei Ihrem Alter? Sie entschuldigen die Frage!«

»O, ich nehme sie Ihnen gar nicht übel, denn ich habe sie mir ja selbst bereits vorgelegt. Es ist wahr, ich habe jedenfalls kein Jahrzehnt mehr zu leben und muß mich also endlich doch von dem Acker trennen, den ich bebaute; aber ich überlasse ihn meinem Sohne. Das ist etwas ganz Anderes, als ihn in fremden Händen zu sehen.«

»Im anderen Falle aber hinterlassen Sie Ihrem Sohne über hunderttausend Thaler mehr.«

»Das fällt allerdings ins Gewicht. Dazu kommt der Umstand, daß ich gerade jetzt Gelegenheit hätte, eine Besitzung zu erwerben, welche ich baar bezahlen könnte, obgleich sie bedeutend mehr werth ist als die meinige.«


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»So würde ich zugreifen.«

»Dieser Gedanke liegt allerdings sehr nahe, doch ist es mir unmöglich, auf eigene Faust zu handeln.«

»Sie sind ja selbstständig.«

»Ein Gatte und Vater ist niemals selbstständig. Ich kann das Erbe meines Sohnes nicht veräußern, ohne demselben Nachricht davon zu geben.«

»Das müssen Sie allerdings schleunigst thun.«

»Ich habe es auch bereits gethan, und zwar augenblicklich, nachdem ich dieses vortheilhafte Gebot entgegengenommen hatte.«

»Ich befürchte, daß Sie diesen vortheilhaften Handel doch zurückweisen werden.«

»Warum?«

»Ihr Herr Sohn befindet sich ja im Oriente.«

»Sie meinen, daß seine Entscheidung, seine Antwort zu spät eintreffen werde?«

»Das ist es allerdings, was ich sagen wollte. Unsere Verbindungen, nämlich die postalischen, sind höchst mangelhaft.«

»Zufälliger Weise befindet Gebhardt sich gegenwärtig an einem Orte, mit welchem man telegraphisch verkehren kann.«

»So haben Sie also telegraphirt?«

»Natürlich.

»Und die Antwort bereits erhalten?«

»Noch nicht, obgleich sie längst da sein könnte. Jedenfalls handelt es sich dabei um eine zufällige und kurze Abwesenheit meines Sohnes von diesem Orte, und ich erwarte alle Augenblicke, den Telegraphenboten zusehen.«

»Bei dem regen Antheile, den ich an Ihnen und Ihrer lieben Familie nehme, bin ich wirklich neugierig, wie die Antwort meines Freundes Gebhardt lauten wird.«

»Ich vermuthe, daß sie zustimmend lauten werde.«

»Haben Sie einen Grund dazu?«

»Ja. Es war ihm störend, so weit entfernt von der Hauptstadt wohnen zu müssen, so oft er sich in der Heimath befand. Seine wissenschaftliche Stellung bringt es mit sich, mit den Capacitäten, welche da weilen, in naher Berührung zu sein. Und sodann liegt die Besitzung, welche ich gerade jetzt so billig kaufen könnte, an der Bahn, nur wenige Stunden von Berlin entfernt, welches man also in kürzester Zeit erreichen könnte.

»Das ist allerdings vortheilhaft. Jetzt bin ich beinahe überzeugt, daß die Antwort Gebhardts zustimmend lauten wird. Werden Sie in diesem Falle verkaufen?«

»Ich würde, aber ich bin noch von anderer Seite gebunden. Hat mein Sohn, während Sie in Algier mit ihm verkehrten, Ihnen erzählt, wie ich in den Besitz des Gutes Breitenheim gekommen bin?«

»Ich glaube, mich entsinnen zu können,« antwortete der Franzose nachdenklich. »Erhielten Sie es nicht von Marschall Blücher?«

»Durch seine Vermittelung. Breitenheim ist ein Geschenk des damaligen Königs.«

»Ah, ja! Sie hatten sich ausgezeichnet!«

»Was man geschenkt erhält, darf man nicht veräußern. Ich habe die Verpflichtung, und zwar in moralischer Beziehung, Breitenheim festzuhalten.«

»O weh! Sie müssen also den Ihnen gebotenen Vortheil von der Hand weisen?«

»Vielleicht auch nicht. Es gilt allerdings eine Anfrage an der betreffenden Stelle, ob der Verkauf des Gutes dort ungnädig bemerkt werde.«

»Haben Sie diese Anfrage thun lassen?«

»Ja. Ich habe den Auftrag dazu brieflich ertheilt, und zwar noch bevor ich meinem Sohne telegraphirte.«

»Müßte die Frage nicht von einer einflußreichen Person ausgesprochen werden?«

»Allerdings. Ich habe einen Verwandten - - ah, Sie müssen ihn doch auch kennen. Haben Sie den Namen Goldberg gehört?«

Henry war vorzüglich unterrichtet. Er antwortete sofort:

»Natürlich. Gebhardt hat mir von einem Freunde erzählt, welcher diesen Namen trägt. Und dann später erzählte er mir in dem einzigen Briefe, welchen ich von ihm besitze, daß dieser Herr von Goldberg die Schwester Ihrer Frau Schwiegertochter heimgeführt habe.«

»Ja, dieser Goldberg ist es, den meine ich. Er wohnt in Berlin und erscheint bei Hofe, wo er nicht ungern gesehen wird. Er ist die geeignetste Person, diese Angelegenheit in Ordnung zu bringen.«

»Dann darf ich Ihnen bereits im Voraus gratuliren.«

»O, thun Sie das nicht zu früh?«

»Sie meinen, daß eine der beiden Antworten ablehnend ausfallen könne?«

»Nein, obgleich die Möglichkeit dazu immerhin vorhanden ist. Ich weiß nicht, ob der Russe zahlen wird, was ich verlange.«

»Donner und Wetter. Sie wollen noch mehr profitiren als hunderttausend Thaler?«

Henry machte bei dieser Frage ein sehr erstauntes Gesicht. Ihm schien es ganz unmöglich, daß Jemand einen so hohen Gewinn von sich weisen könne. Und zugleich trat bei ihm die Besorgniß ein, daß aus dem Handel nichts werden könne. In diesem Falle war es ihm auch unmöglich, den Streich auszuführen, um dessen willen er nach Deutschland gekommen war. Er wollte nicht nur Königsau, sondern auch seine beiden Auftraggeber betrügen: Den alten Capitän und den Grafen Rallion.

»Glauben Sie,« antwortete Königsau, »daß diese Hunderttausend ein hinreichendes Aequivalent sind für das, was ich aufgebe, wenn ich einen Ort verlasse, der mir und meiner Familie so lieb, so theuer geworden ist?«

»Sie werden Ihre spätere Heimath ebenso lieb gewinnen.«

Königsau schüttelte unter einem milden, trüben Lächeln den Kopf.

»Nein, niemals!« antwortete er. »Ich bin zu alt, um mich anderswo noch mit meinem Herzen einleben zu können.«

»So wollen Sie den Preis höher stellen?«

»Ja.«

»Wenn aber der Russe zurücktritt?«

»So mag er es thun. Ich bin zum Verkaufe ja nicht gezwungen. Wenn er noch fünfzigtausend Thaler zulegt, werde ich auf den Handel eingehen, sonst aber nicht.«

»Das scheint mir zu viel zu sein.«

»Tragen Sie keine Sorge. Ein Mann, der es gerade auf mein Besitzthum abgesehen hat, wird geben, was ich verlange.«

Henry wagte keine weitere Bemerkung. Ihm war es auch nicht unwahrscheinlich, daß Rallion und Richemonte


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auf die Forderung Königsau's eingehen würden. In diesem Falle war er selbst es, welcher die Summe in den Säckel strich.

Jetzt wurde der Ritt, welcher den ganzen Vormittag in Anspruch nahm, fortgesetzt, ohne daß der Gegenstand des beendeten Gespräches wieder in Erwähnung kam. Dieses Letztere sollte aber schon sogleich bei ihrer Rückkehr geschehen; denn kaum waren sie eingetreten, so nickte Margot, die Großmama, ihrem Manne freundlich und verheißungsvoll zu und meinte:

»Ich habe eine Ueberraschung für Dich, lieber Hugo.«

»Eine gute?« fragte er.

»Ja. Rathe.«

»Ein Brief unsers Goldberg?«

»Nein.«

»Nun, so ist es eine Depesche von Gebhardt?«

»Richtig gerathen!« stimmte sie bei.

»Wo ist sie? Habt Ihr sie bereits gelesen?«

»Nein. Oder hätte ich mir jemals erlaubt, mich Deiner Correspondenz zu bemächtigen? Die Depesche ist ja an Dich adressirt. Hier hast Du sie.«

Sie zog sie unter der Decke hervor, mit welcher sie sich auch heute eingehüllt hatte. Es waren alle Glieder der Familie anwesend. Auch auf dem Gesichte Idas, der Schwiegertochter, war die neugierige Erwartung zu lesen, was ihr Mann antworten werde.

Königsau öffnete das Papier und las.

»Nun, was antwortet er?« fragte er die beiden Damen.

»Lies vor, lies vor!« baten sie.

»Gut! Hier steht kurz und bündig: »Verkaufe. Ich befinde mich wohl. Brief längst unterwegs. Grüße und Küsse von mir!« Er willigt also ein. Ist Dir dies lieb, Margot?«

Sie strich sich mit der Rechten langsam über das Haar und antwortete dann beinahe leise, damit man ihrer Stimme die Bewegung nicht anhören möge:

»Ihr wißt ja, daß ich da glücklich bin, wo Ihr es auch seid.«

Hugo kannte sie aber zu gut. Er trat an sie heran, küßte sie auf ihre Lippen und sagte:

»Ich weiß das, Margot. Bist Du mir doch aus dem Vaterlande in die Fremde gefolgt. Gehen wir auch fort von hier, so werden wir uns doch nicht verlassen. Billig aber verkaufe ich den Ort, an welchem wir so glücklich gewesen sind, auf keinen Fall.«

Damit war der Gegenstand für jetzt erledigt. -

Im besten Gasthofe des Städtchens Rastenburg wohnte Graf Rallion, welcher hier aber anders genannt wurde, weil er sich unter einem fremden Namen eingetragen hatte. Die Zeit des Wartens wurde ihm ungeheuer lang. Er gab sich zwar Mühe, sich mit der Lectüre des kleinen Stadtblättchens zu zerstreuen, aber er konnte dem Inhalte desselben kein Interesse abgewinnen. Eben stand er im Begriffe es mißmuthig fortzuwerfen, als von draußen an die Thür geklopft wurde.

»Herein.«

Zwei Männer traten ein. Der Eine war der Jude Samuel Cohn, den Andern hatte der Graf noch nicht gesehen. Der Inhaber des Bankgeschäftes und der Länderagentur grüßte mit einer demüthigen Verbeugung, welche sein Begleiter nachahmte und sagte dann:

»Hier bin ich im Begriff, zu bringen dem Herrn Grafen Rallion den Herrn, welcher wird kaufen die Güter, um sie zu verkaufen sofort wieder dem Herrn Grafen, damit dieser werde Königlich preußischer Unterthan mit zwei Rittergütern, von denen das eine ist ein Andenken an den großmächtigen Marschall Blücher, welcher ist gemacht worden zum Fürsten von Wahlstadt, weil er - -«

»Unsinn!« rief ihm der Graf ärgerlich entgegen, und


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wehrte seinen Wortschwall mit einer Geberde des Unwillens ab. »Keine unnöthigen Worte machen,« setzte er hinzu. »Wer sind Sie?«

Mit dieser letzteren Frage wendete er sich an den Fremden. Dieser wiederholte seine tiefe Verbeugung von vorhin und antwortete:

»Graf Smirnoff ist mein Name.«

Rallion zog die Augenbrauen zusammen. Der Fremde trug zwar einen feinen Anzug, doch war es zu verwundern, daß sich ein Graf bereit finden ließ, ein Geschäft wie das in Rede stehende zu übernehmen.

»Sie sind Russe?« fragte er ihn.

»Nein, Pole.«

»Exilirt?«

»Ja.«

»Können Sie sich legitimiren?«

»Vollständig. Da es sich um einen Kauf handelt, habe ich mich mit den nöthigen Documenten versehen.«

»Sind Sie bemittelt?«

»Leider, nein.«

»Herr Cohn hier hat Ihnen bereits mitgetheilt, um was es sich handelt?«

»Ich bin vollständig informirt.«

»Wie hoch schätzen Sie Ihre Beihilfe?«

»Es sind mir zweitausend Thaler geboten worden.«

»Sie werden diese Summe allerdings erhalten, aber nur dann, wenn das Geschäft wirklich zu Stande kommt. Welche Sicherheit aber gewähren Sie mir, daß Sie mir die beiden Güter factisch übergeben, nachdem sie von mir auf Ihren Namen bezahlt worden sind?«

»Mein Ehrenwort.«

Es war ein fast höhnisches Lächeln, welches der Graf jetzt sehen ließ; aber dennoch klang seine Stimme höflich, als er bemerkte:

»Ich ziehe Ihr Ehrenwort auf keinerlei Weise in Zweifel; aber Sie werden zugeben, daß einer solchen Summe gegenüber schwere Garantieen erforderlich sind.«

»Ich wußte keine andere, da ich nicht reich bin.«

»Nun, so weiß ich eine. Sie erhalten, sobald der Handel abgeschlossen ist, die Kaufsumme gegen die Acceptation eines Wechsels auf Sicht und auf die gleiche Summe lautend. Sobald ich Ihnen das Object abgekauft habe, bezahle ich es mit diesem Wechsel und lege baare zweitausend Thaler zu. Sind Sie einverstanden?«

»Jawohl.«

»Sollten Sie zögern, so präsentire ich den Wechsel und pfände Ihnen die Güter ab. Die zweitausend Thaler büßen Sie dann ein!«

Da ergriff der Jude das Wort:

»O, der Herr Graf de Rallion kann sicher sein, daß ich mir einen Herrn ausgesucht habe, welchem Vertrauen zu schenken ein Jeder bereit sein kann auch ohne zu kennen die Verhältnisse, von denen der Herr Graf von Smirnoff ist gezwungen worden, einzugehen ein Geschäft, von dem er sich sagt, daß es ihm -«

»Unsinn!« fiel ihm Rallion in die Rede. »Sie wissen, daß ich unnütze Reden nicht leiden kann. Wann sind Sie zu Königsau bestellt worden?«

»Es wurde kein bestimmter Tag genannt. Er wollte eine Antwort aus Berlin erwarten.«

»Kann er diese erhalten haben?«

»Sie kann bei ihm sein.«

»So ist es besser, abzureisen. Was haben Sie hier zu thun?«

»Nichts. Nur den Grafen de Rallion wollte ich sprechen, um ihm vorzustellen den erlauchten Grafen von Smirnoff, damit zu Stande komme die Uebereinkunft wegen dem -«

»Gut, gut! Wie ich höre, haben Sie hier nichts zu thun. Ich habe den Herrn Grafen Smirnoff kennen gelernt, und wir sind also fertig. Reisen Sie ab und benachrichtigen Sie mich sofort, wenn Sie das Geld brauchen.«

»So möchte ich sagen, daß die Entfernung zu groß ist, um das Geschäft schnell zu Stande zu bringen. Möchten der Herr Graf nicht näher zu den Königsau's herankommen?«

»Ich will mich nicht von ihnen sehen lassen.«

»Wenn Sie mit nach Drengfurth gehen, so werden Sie nicht in die Gefahr kommen, gesehen zu werden. Es ist noch Platz in unserm Wagen.«

Rallion machte eine abwehrende Handbewegung.

»Geht eine Post von hier nach Drengfurth?« fragte er.

»Jedenfalls.«

»So fahre ich per Post. Sie können sofort abreisen.«

Der Jude entfernte sich mit seinem Begleiter, nachdem vorher der Gasthof bestimmt worden war, in welchem man sich in dem angegebenen Orte treffen wollte. Dann erkundigte sich Rallion nach der Post und erfuhr, daß dieselbe erst am nächsten Morgen abgehen werde. Er entschloß sich, sie zu benutzen.

Es war noch dunkel, als er sich einfand, um den Fahrschein zu lösen. Es währte nur noch kurze Zeit bis zum Abgange, und der Postillon saß bereits auf dem Bocke. Er erfuhr, daß nur noch ein einziger Passagier mitfahren werde.

Als er sich zum Einsteigen anschickte, saß dieser Passagier bereits im Fond des Wagens.

»Rücken Sie zu!« gebot der Graf in befehlendem Tone.

Der Schein der Wagenlaterne fiel dabei auf sein Gesicht, so daß der Andere dasselbe deutlich erkennen konnte.

»Wieso?« fragte er.

»Ich bin nicht gewöhnt, verkehrt zu fahren!«

»Ich auch nicht!« meinte der im Wagen Sitzende ruhig.

»Ich habe meinen Schein gelöst und bezahlt.«

»Ich auch.«

»Herr, ich bin Edelmann.«

»Herr, ich auch.«

»Mille tonnerres! Ich werde mit dem Postillon sprechen.«

»Ich nicht.«

Der Graf trat zum Kutscher und befahl ihm:

»Sorgen Sie dafür, daß ich den Platz erhalte, welcher mir gebührt.«

Der Rosselenker streckte den Arm phlegmatisch aus und antwortete:

»Her damit.«

»Was?« fragte Rallion erstaunt.

»Den Fahrschein.«

»Ah, so! Hier!«

Er reichte ihm das Papier hinauf. Der Kutscher hielt es an die Laterne und gab sich Mühe, den Inhalt zu entziffern.

»Lautet auf Nummer Zwei. Das ist der Platz in der


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linken Ecke auf dem Hintersitze. Die rechte Ecke hat der andere Herr auf Nummer Eins, die er sich bereits gestern Abend gelöst hat. Wenn Ihnen Ihr Platz nicht paßt, können Sie sich auf den Rücksitz setzen, da blos zwei Personen da sind.«

»Was fällt Ihnen denn ein! Ich bin - -«

Da fiel ihm der Kutscher schnell in die Rede:

»Was mir einfällt? Daß Sie Passagier Nummer Zwei sind, das fällt mir ein. Darum bekommen Sie den Platz Nummer Zwei. In einer halben Minute geht es fort. Wer da noch nicht eingestiegen ist, der bleibt stehen. Pasta.«

Der Graf wäre am Liebsten zurückgeblieben, aber er hatte auch nicht Lust, noch einen Tag bis zur nächsten Post zu warten. Darum stieg er mit seinem Handköfferchen ein, welches die Summe enthielt, die er für den beabsichtigten Kauf zu brauchen gedachte. Aber sich schweigend zu fügen, dazu war er nicht der Mann.

»Sie sagen, daß Sie Edelmann sind?« fragte er den andern Passagier, nachdem er diesem gegenüber Platz genommen hatte.

»Ja,« antwortete er kurz.

»Nun, ich bin sogar Graf!«

»Ich sogar auch.«

»Herr, ich werde Satisfaction von Ihnen verlangen.«

Der Andere stieß ein höhnisches, kurzes Lachen aus als einzige Antwort, welche er gab.

»Haben Sie es gehört?« fragte Rallion.

»Sehr.«

»Nun, Ihre Antwort.«

»Haben Sie gehört: Ich lache.«

»Herr!« knirrschte Rallion. »Wissen Sie, was man unter Satisfaction versteht?«

»O, sehr genau.«

»Daß Sie sich mit mir schlagen werden!«

»Schön. Das sollte mir ein Gaudium sein. Aber ich befürchte nur, es wird nichts daraus.«

»Dann sind Sie ein Feigling, ein Elender!«

»Ich wohl nicht, aber Sie.«

»Monsieur, Sie scheinen unzurechnungsfähig zu sein.«

»Nein, sondern ich scheine nur zu wissen, mit wem ich es zu thun habe.«

»Nun, mit wem?«

»Mit einem Menschen, welcher beim Anblicke eines Degens in Ohnmacht fällt und, wenn er das Wort Pistole hört, davon läuft.«

Der Graf fühlte sich frappirt. Aber er befand sich hier in der Fremde. Wer sollte ihn kennen. Er antwortete:

»Ich wiederhole, daß Sie unzurechnungsfähig sind.«

»Und ich sage Ihnen, daß ich keine Lust habe, mich mit Ihnen zu zanken. Ich bin müde und werde schlafen, bis der Tag anbricht. Dann werde ich mich Ihnen vorstellen, unser Gespräch fortzusetzen. Sagen Sie aber jetzt noch ein einziges Wort zu mir, so gebe ich Ihnen eine solche Ohrfeige, daß Ihr ganzer werther Corpus durch die Kutschwand hinaus auf die Straße fliegt.«

Diese Worte waren in einem solchen Tone gesprochen, daß es Rallion angst und bange wurde. Es war ihm, als ob er trotz der im Wagen herrschenden Dunkelheit den Arm seines Gegenüber bereits in Bewegung sehe. Daher verzichtete er auf jedes weitere Wort und legte sich so bequem wie möglich auf seinen Sitz zurück.

So verging die Zeit in völliger Schweigsamkeit. Die Räder mahlten im tiefen Sande, und zuweilen ließ sich ein kurzer Zuruf des Kutschers hören. Es war dem Grafen nicht ganz geheuer; aber die im Wagen herrschende Stille, verbunden mit dem eintönigen Geräusche der Bewegung übte eine einschläfernde Wirkung auf ihn aus. Er faßte sein Köfferchen mit den Händen, drückte es an sich und - - schloß die Augen.

Als er sie wieder öffnete, war es hell geworden. Sein erster Blick galt natürlich dem Manne, welcher ihm gegenüber saß. Er konnte von demselben nichts erkennen als ein paar Stiefel, eine Reisemütze und einen weiten Mantel, welcher hoch emporgezogen war. Ganz oben, zwischen Mütze und Kragen, blickten zwei dunkle Augen hervor.

Sobald aber der Inhaber dieser Augen jetzt bemerkte, daß der Graf seinen Schlummer unterbrochen habe, ließ er den Mantel herab und gab ein aristokratisch feines Gesicht zu sehen, welches von einem dichten, dunklen Vollbarte eingerahmt wurde.

Rallion kam es vor, als ob er dieses Gesicht bereits einmal gesehen habe, aber er konnte sich nicht entsinnen, wo und wann dies geschehen sein solle.

Jetzt zog der Andere ein Etui hervor und steckte sich, ohne um Erlaubniß zu fragen, eine Cigarre an. Dann ließ er das eine Wagenfenster herab und blickte hinaus, um zu sehen, wie weit man gekommen sei. Als er nach einer kurzen Weile den Kopf zurückzog, warf er einen halb höhnischen, halb feindseligen Blick auf den Grafen und sagte:

»So, mein Herr, der Sie ein Graf sein wollen, jetzt können wir unser Gespräch fortsetzen. Vorher war es dunkel und ich liebe es, Demjenigen, der mich fordert, in das Gesicht zu sehen.«

»Ich ebenso.«

»Das bezweifle ich. Sie haben nur Muth, im Dunklen zu intriguiren. Sie sind ein Schuft, ein Schurke, ein Lump, bei dessen Anblicke es Einem ist, als ob man eine häßliche Spinne entdecke. Ich sage Ihnen das aufrichtig in das Gesicht, bin aber überzeugt, daß Sie mich nicht zur Rechenschaft ziehen, sondern vor mir ausreißen werden.«

Das Gesicht des Grafen war todtesbleich geworden. Er ballte beide Fäuste und antwortete:

»Hielte ich nicht meine bereits ausgesprochene Meinung, nämlich daß Sie unzurechnungsfähig sind, für die richtige, so sollten Sie erfahren, welche Antwort ich auf solche Worte gebe.«

»Pah! Natürlich werden Sie diese Meinung aufrecht erhalten, damit Sie einen Grund haben, sich zurückzuziehen; aber ich lasse Ihnen die Flucht nicht gelingen. Daß Sie den besten Platz im Wagen beanspruchten, beweist, daß Sie weder Lebenserfahrung noch Höflichkeit besitzen. Daß Sie mich forderten, weil ich meinen Sitz behielt, brächte einen jeden Andern, nur mich nicht, auf den sehr berechtigten Gedanken, daß Sie entsprungener Irrenhäusler sind. Ich hätte Ihnen die Ohrfeige, welche ich Ihnen anbot, nicht nur angedroht, sondern auch wirklich gegeben, aber ich habe es nicht gethan aus Rücksicht auf den unglücklichen Umstand, daß Sie leider mein Verwandter sind.«

Der Graf machte eine Bewegung der Ueberraschung.


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»Ich? Ihr Verwandter?« fragte er. »Sie träumen?«

»Ich bin vielmehr sehr wach. Sie sind doch jedenfalls der brillante Graf Jules Rallion, nicht?«

»Teufel. Woher wissen Sie das?«

»Mein lieber, lieber Cousin, fragen Sie doch nicht so dumm. Gerade weil ich Sie so genau kenne, weiß ich auch, was Ihre Forderung, Ihr Verlangen nach Satisfaction zu bedeuten hat. Sobald ich mich bereit zeige, mich mit Ihnen zu schlagen, werden Sie hier durch das Fenster springen und querfeldein laufen, so lange, bis der Postwagen nicht mehr zu sehen ist.«

»Ich werde Sie vom Gegentheile überzeugen, fordere aber vorher eine Erklärung, welcher Umstand Ihnen die Erlaubniß giebt, mich Ihren Verwandten zu nennen.«

»Ah! Sollten Sie mich in der That nicht erkennen?«

»Ich bin ganz ahnungslos.«

»Nun, Sie sahen mich zum ersten Male bei einer Gelegenheit, die Veranlassung gab, vor einem Duell davonzulaufen. Sie wurden von Gebhardt von Königsau gefordert und gaben sich Mühe, schleunigst zu verschwinden.«

Jetzt begann der Graf zu ahnen.

»Teufel!« rief er. »Sie sind - Sie sind doch nicht etwa - - -«

»Nun, wer?«

»Graf Kunz von Goldberg--«

»Der Gemahl Ihrer schönen Cousine Hedwig?«

»Ja.«

»Natürlich bin ich es, mein lieber, mein verehrtester Cousin. Ich bin sehr verwundert, Sie hier zu sehen. Bevor ich Sie aber frage, welchem freundlichen Umstande ich das Glück, Ihnen im Postwagen zu begegnen, verdanke, wollen wir unsere Satisfactionsangelegenheit in Ordnung bringen. Schwager Königsau wohnt gar nicht weit von hier, und so bietet sich die beste Gelegenheit, seine damalige Forderung zum Austrag zu bringen. Vorher aber werde ich so höflich sein, Ihnen die verlangte Genugthuung zu geben. Blicken Sie hinaus. Sehen Sie den Wald, da vorn, jenseits des Dorfes?«

»Ja,« stieß der Graf hervor.

»Nun, dort liegt ein Forsthaus, an welchem wir vorüberkommen. Ich kenne den Förster. Er hat prächtige Waffen und wird uns gern zwei gute Pistolen zur Verfügung stellen. Dann gehen wir in den Wald, aus welchem, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, nur Einer lebendig zurückkehrt. Und dieser Eine werde ich sein. Einverstanden?«

Er sah den Grafen mit Augen an, aus denen dieser nicht recht klug werden konnte.

»Natürlich bin ich einverstanden!« antwortete Rallion. »Und ich glaube besser zu wissen, wer der Eine ist, welcher lebendig aus dem Walde zurückkehrt!«

»O, was das betrifft, so bin ich vollständig überzeugt, daß Der, welchen Sie meinen, den Wald gar nicht erreichen wird!«

»Das wird sich finden.«

Damit war die Discussion beendet. Der Postwagen rollte nach kurzer Zeit in das Dorf und hielt vor dem Wirthshause, um die dort liegenden Briefschaften aufzunehmen.

»Zehn Minuten Zeit, meine Herren!« meldete der Postillon. Rallion stieg aus und trat mit seinem Köfferchen in das Haus. Goldberg folgt ihm langsam. Um seine Lippen spielte ein eigenthümliches Lächeln. Als er die Gaststube erreichte, war dieselbe leer. Nur der Wirth befand sich da.

»Ist kein Passagier hier eingetreten?« fragte Goldberg.

»Nein, mein Herr.«

Goldberg begab sich in den Hof und dann in den Garten. Dort fand er einen Knecht, welcher mit dem Spaten arbeitete.

»War ein Fremder hier im Garten?« erkundigte er sich.

»Ja,« lautete die Antwort.

»Wohin ist er?«

»Durch die Pforte in's Freie.«

Goldberg trat zur Pforte und kam gerade noch zur rechten Zeit, die Gestalt des flüchtigen Franzosen hinter einem Gesträuch verschwinden zu sehen. Er lachte heimlich vor sich hin und kehrte in die Stube zurück.

Es war mehr als eine halbe Stunde vergangen, als der Knecht Schritte hörte. Er blickte sich um und sah den Fremden, welcher durch die Pforte zurückkehrte, und schüttelte den Kopf. Rallion aber schritt stracks nach dem Gastzimmer, in welchem der Wirth saß, seine Pfeife rauchend. Als dieser den Eintretenden erblickte, sagte er:

»Sapperlot! Sind Sie nicht vorhin mit der Post gekommen?«

»Ja.«

»Der Postillon hat Sie gesucht.«

»Warum?« fragte Rallion unbefangen.

»Na, weil er nicht länger warten konnte.«

»Nicht länger warten?« klang es erstaunt. »Ich will doch nicht hoffen, daß die Post fort ist.«

»Bereits seit zwanzig Minuten.«

»Donnerwetter! Der Postillon sagte ja, daß er fünfzig Minuten hier zu warten habe.«

»Da haben Sie gewaltig verkehrte Ohren gehabt! Hier wird zehn Minuten gehalten, keine Secunde länger.«

»Er sagte fünfzig. Ich werde mich beschweren.«

»Versuchen Sie es! Es wird Ihnen nichts helfen. Uebrigens meinte der andere Passagier, daß wir Sie nicht zu suchen brauchten.«

»Ah! Wieso?«

»Das weiß ich nicht. Wohin wollen Sie denn?«

»Nach Drengfurth.«

»Dahin giebt es jetzt keine Gelegenheit.«

»Kann ich denn keinen Wagen bekommen?«

»Nein. Kein Mensch im Dorfe hat einen Kutschwagen; aber am Nachmittage kommt ein Stehwagen durch, auf dem Sie einen Platz finden werden.«

»So werde ich warten. Sagen Sie einmal, wie lange man fahren muß, um jenseits des Dorfes durch den Wald zu kommen.«

»Wie lang? Das ist kein Wald, sondern nur ein kleines Eckchen Holz. In zwei Minuten ist man hindurch.«

»Es giebt aber ein Forsthaus da?«

»Nein.«

»Wie? Auch keinen Förster?«

»Fällt Niemand ein.«

Jetzt sah Rallion ein, auf welch schmähliche Weise er sich blamirt hatte. Er biß die Zähne zusammen und wollte etwas sagen, um seine üble Laune an dem Wirthe abzuleiten, als draußen ein Kutschwagen im Trabe angerollt kam und vor der Thüre hielt. Der Kutscher klatschte mit der Peitsche und fragte, als der Wirth herbeieilte:


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»Ist die Post längst vorüber?«

»Seit einer halben Stunde.«

»Danke! Adieu!«

Er wollte eben die Zügel annehmen, wurde aber daran verhindert. Der Kutschenschlag wurde nämlich geöffnet, und der Insasse sprang heraus.

»Halten bleiben!« gebot er dem Kutscher. Dann wollte er eiligen Schrittes in das Haus treten; dort aber kam ihm Rallion bereits entgegen.

»Capitän! Sie hier!« rief der Letztere.

»Ja, ich!« antwortete Richemonte. »Ich sah Sie am Fenster stehen und stieg natürlich sofort aus.«

»Welch ein Zusammentreffen! Aber sagen Sie, was Sie veranlaßt, in diese Gegend zu kommen.«

»Was haben Sie hier im Koffer?« fragte statt der Antwort der Capitän, indem er auf das Köfferchen deutete, welches der Graf noch in der Hand hatte.

»Geld.«

»Ah so! Hinein damit in den Wagen! Uebrigens, da ich Sie hier treffe, so haben wir Zeit. Kommen Sie, um nicht gehört zu werden. Die Pferde mögen einige Minuten ruhen.«

Er nahm den Arm des Grafen unter den seinigen und schritt mit ihm abseits.

»Haben Sie wirklich geglaubt, lieber Graf,« fragte er dann, »daß ich mich um diese wichtige Angelegenheit nicht weiter kümmern werde? Wie weit sind Sie?«

»Ich denke, daß die Sache heute oder morgen entschieden sein wird.«

»Wieso?«

Rallion unterrichtete den Capitän über den Stand der Dinge und meinte dann:

»Aber Sie hier zu sehen, habe ich nicht erwartet!«

»Nicht wahr?« lachte der Capitän. »Ich komme, um einen Fehler gut zu machen, welchen wir begangen hätten, und der uns großen Schaden bereiten müßte.«

»Welchen?«

»Denken Sie sich einmal, was wir beabsichtigen, was geschehen soll. Nachdem Henry verschwunden ist, erfährt dieser Königsau, daß Graf Rallion der eigentliche Käufer ist.«

»Was weiter? Was kann das mir schaden?«

»Ungeheuer viel! Graf Rallion ist sein Todfeind. Dieser Deutsche wird die That, welche ihn ruinirt, mit dieser Todfeindschaft in Verbindung bringen; er wird sich an die Polizei wenden; man wird nachforschen, und was wird man erfahren - - -?«

»Nun?«

»Daß Graf Rallion, der Käufer, mit diesem sogenannten Henry de Lormelle im Einvernehmen gestanden hat.«

»Alle Teufel! Ich muß aber doch mit Henry im Einvernehmen bleiben.«

»Nein! Das eben dürfen Sie nicht. Das eben ist mir nachträglich eingefallen, und daher komme ich Ihnen nach.«

»Wie aber haben Sie mich gefunden?«

»Ich wußte die Adresse des Juden. Dort erfuhr ich, daß Sie in Rastenburg seien, und da angekommen, wo Sie sich eines anderen Namens bedient hatten, erfragte ich dennoch, daß Sie mit der Post abgereist seien. Ich nahm ein Privat-Fuhrwerk, eilte Ihnen nach und - da bin ich.«

»Ist mir lieb! Also Sie wollen den Henry auf sich nehmen?«

»Ja. Sie müssen Ihr Alibi nachweisen können. Man wird erforschen, daß Sie sich zur Zeit der That in dieser Gegend befunden haben, aber man darf Ihnen nicht sagen können, daß Sie diesen Henry de Lormelle gesprochen oder auch nur ihn gesehen haben.«

»Wie aber wollen Sie ihn treffen, ohne von Andern bemerkt zu werden?«

»Dafür lassen Sie mich sorgen! Aber sagen Sie mir zunächst, was Sie so allein hier thun, und wohin die Postkutsche ist, welcher Sie sich anvertraut hatten.«

»Ja, mein lieber Capitän, das ist eine ganz verteufelte Angelegenheit. Ich steige heute in den Wagen, und wer sitzt drin? Rathen Sie einmal!«

»Einer von den Königsaus?«

»Zwar kein Königsau, aber ebenso schlimm, ein Verwandter von ihnen, nämlich dieser Graf von Goldberg - - -«

»Der Mann Ihrer Cousine?«

»Ja.«

»Ich denke, er befindet sich in Berlin! Was will er hier?«

»Weiß ich es?«

»Hat er Sie erkannt?«

»Ich denke, nein,« antwortete Rallion zögernd. »Sobald ich ihn bei Tagesanbruch erkannte, bin ich hier ausgestiegen.«

»Eine Vorsicht, welche ich loben muß. Aber sagten Sie mir nicht, daß Königsau, um sich entscheiden zu können, einen Brief aus Berlin erwarte?«

»So ist es.«

»Nun, dann ist Goldberg dieser Brief. Er kommt persönlich anstatt brieflich, und wir sind nun sicher, daß die Entscheidung vor der Thür steht. Kommen Sie, steigen wir ein.«

»Bis wohin fahren wir?«

»Sie bis Drengfurth, wo Sie aussteigen, ohne daß ich mich sehen lasse. Ich fahre dann irgend wohin, wo ich den Kutscher los werden kann, ohne Verdacht zu erregen. Wenn ich mit Ihnen zu sprechen habe, werde ich Sie zu finden wissen. Schlau wird das allerdings anzufangen sein, denn auch mich darf man mit Ihnen jetzt nicht zu sehen bekommen.«


Ende der achtundvierzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk