Lieferung 5

Deutscher Wanderer

20. Oktober 1883

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


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Nur wenige Secunden dauerte das Schweigen zwischen Müller und Marion, dann nahm Ersterer das unterbrochene Gespräch wieder auf.

»Ich danke Ihnen für Ihre Güte, Mademoiselle!« sagte er, indem sein ganzes Innere frohlockte. »Als Mann von Ehre hatte ich den Obersten zu fordern, aber er ist der Gast des Hauses, dessen Diener ich gegenwärtig bin.«

»Das thut nichts,« sagte sie in sehr bestimmtem Tone. »Kennen Sie den Großpapa?«

»Das ist noch nicht gut möglich!«

»Nun, so will ich Ihnen sagen, daß er selbst ein leidenschaftlicher Fechter und Schütze ist. Seine höchste Passion ist, einem Kampfe zuzusehen. Hätten Sie den Obersten gefordert, so hätte Großpapa Ihnen dies nicht im Mindesten übel genommen. Ich bin im Gegentheil überzeugt, daß er Ihnen von Herzen gern secundirt - o, mein Gott!«

Dieser Ruf, mit welchem sie ihre Rede unterbrach, galt einem Blitze, welcher mit mehr als Tageshelle die Scene erleuchtete, und einem Donnerschlage, unter dessen Erschütterung das alte Gemäuer des Thurmes einzustürzen drohte. Im Scheine des Blitzes hatte man das ganze vor dem Thurme liegende Felsengewirr zu überblicken vermocht, und da hatten die Beiden eine hohe, weiße Gestalt gesehen, welche zwischen den Felstrümmern daher und gerade auf den Thurm zugeschritten kam. Selbst als das blendende Licht des Blitzes verzuckt war, sah man das lange, weiße Gewand immer näher kommen, nicht eilig, wie um dem Regen zu entrinnen, sondern langsam, langsam, als sei diese Gestalt ein überirdisches Wesen, dem die elementaren Gewalten der Erde nichts anzuhaben vermögen.

Marion hatte, seit sie von der Treppenstufe aufgestanden war, diesen Platz noch nicht wieder eingenommen. Sie trat hart an Müller heran und sagte:

»Liama, der Geist meiner Mutter!«

Und je näher die Gestalt kam, desto ängstlicher schmiegte sich das Mädchen in die Ecke hinter der Thurmtreppe und an den Deutschen, welcher dem vermeintlichen Geiste mit eigenthümlichen Gefühlen entgegenblickte.

Die Gestalt kam aus der Gegend her, in welcher das Grab lag. Müller hegte keinen Gespensterglauben, doch konnte er ein gewisses Grauen nicht ganz unterdrücken, als das hohe, fremdartige Wesen unter Blitz und Donner zwischen den Felsen dahergeschwebt kam. Marion hatte sich während des Schiffbruches so unerschrocken gezeigt; jetzt aber schmiegte sie sich fester und fester an Müller an, so fest, daß er unwillkürlich den Arm um sie legte, was sie gar nicht zu bemerken schien. Und als die Gestalt jetzt den Eingang erreicht hatte, hob das Mädchen sogar den Arm und legte denselben so fest um Müller, daß dieser das furchtsame Beben der heimlich Geliebten deutlich fühlte.

Unter der Thür wendete sich die Erscheinung um, so daß sie nach dem Walde zu stand, erhob die beiden Arme und rief mit einer tiefen, klangvollen Stimme:

»Allah, ia Allah! Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Lob und Preis dem Weltenherrn, dem Allerbarmer, der da herrschet am Tage des Gerichtes. Dir wollen wir dienen, und zu Dir wollen wir flehen, auf daß Du uns führest den rechten Weg, den Weg Derer, die Deiner Gnade sich freuen, und nicht den Weg Derer, über welche Du zürnest, und nicht den Weg der Irrenden!«

Sie ließ die Arme sinken, trat etwas weiter zurück, und betete weiter:

»Allah ist's, der den Blitz erzeuget, und die Welten mit Regen schwängert. Der Donner verkündet sein Lob, und die


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Engel preisen ihn mit Entsetzen. Er sendet seine Blitze und zerschmettert, wen er will. Allah, ia Allah, akbar Allah!«

Jetzt trat sie zur Treppe und stieg dieselbe hinauf, ohne die Beiden zu bemerken, welche seitwärts hinter den Stufen standen. Und als ob ihre Worte Wunderkräfte besäßen, zuckte ein letzter Blitz auf, ein fürchterlicher Donnerschlag erscholl, und dann ward es still. Der Regen goß noch eine Minute lang hernieder, ward dann dünner und hörte rasch gänzlich auf. Die Helligkeit des Tages trat wieder ein, aber die fremdartige Erscheinung war im oberen Theil des Thurmes verschwunden.

Müller stand mit Marion noch auf derselben Stelle, eng verschlungen mit ihr. Es war ihm, als müsse er sie so festhalten für alle Ewigkeit. Er blickte ihr in das bleiche Angesicht. Sie hatte die Augen geschlossen und regte sich nicht.

»Marion!« flüsterte er leise, sich zu ihr niederbeugend.

Dieses Wort erweckte sie; es war ein unvorsichtiges Wort gewesen. Wie durfte der Hauslehrer wagen, sie, die Baronesse, so beim Namen zu nennen! Er fühlte dies, doch es war zu spät, er konnte es nicht zurücknehmen. Sie öffnete die Augen; ihr Blick traf den seinigen; es war, als ob die Flamme des seinigen den ihrigen entzünde und belebe. Eine tiefe Röthe verbreitete sich über ihr vorher leichenblasses Gesicht, und sie ließ den Arm sinken, der sich an ihm festgehalten hatte. Sie trat zur Seite, so daß er gezwungen war, auch seinen Arm von ihr zu nehmen, und fragte leise:

»Wo ist sie?«

»Dort oben,« antwortete Müller, zur Treppe deutend.

»Sie wird zurückkehren. Lassen Sie uns gehen!« bat sie.

Er schüttelte den Kopf und antwortete flüsternd zurück:

»Nein, bleiben wir. Warten wir das Ereigniß ruhig ab! Oder glauben Sie wirklich, daß es ein Geist gewesen sei?«

»Ja,« antwortete sie im Tone der innigsten Ueberzeugung. »Der Geist meiner Mutter.«

»Und wenn Sie irren?«

»Ich irre nicht!« sagte sie im bestimmten Tone.

»Haben Sie diese Erscheinung bereits einmal gesehen?«

»Noch nie; aber in der ganzen Umgegend erzählt man sich von ihr. Es ist kein Trug.«

Sie schauerte bei diesen Worten sichtbar zusammen. Er schüttelte den Kopf und sagte:

»Geister erscheinen nicht des Tages. Geister werden nicht naß; ich sah, daß der weiße Haik, den sie nach arabischer Sitte trug, vom Regen triefte. Und Geister beten nicht mit lauter Stimme die Worte des Koran.«

»Aus dem Koran waren diese Worte?«

»Ja. Unter der Thür betete sie die erste Sure des Koran, welche »die Eröffnung« genannt wird, und das zweite Gebet war aus der dreizehnten Sure, welche »Rrad, der Donner« heißt.«

»Sie war eine Muselmännin,« gestand Marion. »Ich zittere vor Furcht, ich bebe vor Entsetzen, den Geist der Mutter gesehen zu haben. Lassen Sie uns fliehen!«

»Und wenn es nun kein Geist war, wenn es nun ein Körper gewesen wäre?«

»Herr, lästern Sie nicht! Lassen Sie uns gehen!«

»Bitte, bleiben Sie nur einen einzigen Augenblick hier! Ich werde ihr folgen. Ich muß sehen, wo sie hingekommen ist.«

»Um Gottes willen, nein! Ich habe so sehr Angst. Verlassen Sie mich nicht! Gehen Sie nicht fort von mir! Ich muß heim; ich muß zu Gott beten, damit er der Mutter die ewige Ruhe schenke. Kommen Sie!«

Sie zog ihn fort, hinaus in den nassen Wald, und er mußte ihr folgen. Als sie zwischen den Felsen dahineilten, warf sie unwillkürlich einen Blick zurück, und deutete erschrocken nach der Zinne der Ruine. Dort oben stand die weiße Gestalt mit hoch erhobenen Händen, nach Osten gewendet, wo Mekka liegt, mit dem Steine der heiligen Kaaba. Man hörte die Worte ihres lauten Gebetes herabschallen, dem Gewitter nach, welches nach Morgen zog. Hinter ihr leuchtete im Westen die untergehende Sonne, und über ihr spannte ein Regenbogen seine herrlichen Farben auf. Müller hatte das Gespenst des Thurmes gesehen, aber das Geheimniß nicht berühren dürfen.

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3. Ein Zauberer

Die Stadt Metz, eine Festung ersten Ranges, war zur Zeit Napoleon's des Dritten der Sitz einer der einundzwanzig Militärdivisionen des Landes, und gehörte mit den Divisionen von Straßburg, Besançon und Chalons sur Marne zum Militärcommando des Ostens, welches sein Hauptquartier in Nancy hatte.

Metz war eine echt deutsche Stadt, denn als Lothar der Jüngere seine Länder theilte, kam es nebst Austrasien in den Besitz Ludwigs des Deutschen, also an das deutsche Reich. Nur fortgesetzten französischen Umtrieben und Hinterlistigkeiten gelang es, die Schutzherrschaft über Metz zu erlangen, und im westphälischen Frieden die volle Souveränität über diese wichtige Stadt zu erhalten.

Der Besitz von Metz ist eine Cardinalfrage aller Zeiten zwischen Deutschland und Frankreich gewesen, und ehe das letzte, große, entscheidende Wort durch die Stimme der Kanonen gesprochen wurde, war diese Festung nicht nur der Hauptstützpunkt, sondern auch der Ausgangspunkt unzähliger Feindseligkeiten, welche Deutschland von seinem nimmersatten Nachbar zu erleiden hatte.

Eines der größten und schönsten Hotels der Stadt, das Hotel de l'Europe, lag im schönsten Theile der Stadt, ganz in der Nähe der Eisenbahn, und wurde besonders von vornehmen Herrschaften frequentirt, welche hier Alles vereint fanden, was im Stande ist, den oft hoch geschraubten Ansprüchen dieser Art von Leuten zu genügen.

Im Frühjahre 1870 erfreute sich dieses Hotel eines besonders zahlreichen hohen Besuches. Metz zeigte zu dieser Zeit eine ganz besondere Lebhaftigkeit des militärischen Lebens, obgleich man recht gut wußte, daß nicht viel darüber gesprochen werden solle. Hohe Offiziere kamen und gingen; man wußte nicht woher, wohin und weshalb. Und obgleich sie meist in Civil gekleidet waren, so besaß doch der Besitzer, sowie die Bedienung des Hotels de l'Europe, wo diese Herren gewöhnlich abstiegen, Scharfblick genug, um zu wissen, daß man es mit einflußreichen Militärs zu thun habe, deren Anwesenheit vermuthen lasse, daß irgend etwas kriegerisch Wichtiges im Werke sei.

Seit einigen Tagen bewohnte ein älterer Herr einige der besten Zimmer des Hotels. Er hatte mehrere Diener bei sich, und auf seinen Koffern waren die Bahnsignaturen noch


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nicht entfernt worden, so daß der Hausknecht deutlich die Worte Paris und Nancy hatte lesen können. Der Herr kam also aus der Hauptstadt über das Hauptquartier des Ostens nach Metz, ein Umstand, welcher wohl geeignet war, Vermuthungen Raum zu geben. Er nannte sich sehr einfach Monsieur Maçon, aber einer der Kellner, welcher in einem der feinsten Cafe's des Louvre servirt hatte, behauptete, diesen Herrn sehr gut zu kennen; es sei nicht ein einfacher Bürger, sondern Graf Rallion, der erklärte Günstling des Kaisers.

Dieser Kellner schien nicht Unrecht zu haben, denn bei näherer Beobachtung stellte sich heraus, daß Herr Maçon dem Divisionscommandeur, dem Festungscommandanten und anderen hochgestellten Herren häufige Besuche machte und von ihnen in einer Weise behandelt wurde, welche auf eine ausgezeichnete Distinction schließen ließ.

Gestern Abend hatte er der Dienerschaft befohlen, sich für heute zur Abreise bereit zu halten, da er mit dem Zuge, welcher elf Uhr fünfzig Minuten von Metz abgeht, nach Thionville zu fahren gedenke und dort also zwölf Uhr sechsundvierzig eintreffen werde.

Bereits neun Uhr kam ein junger Herr, welcher wie ein Officier in Civil aussah, und fragte, ob Herr Maçon zu sprechen sei. Als er nach seinem Namen gefragt wurde, gab er eine Karte ab, auf welcher in zierlicher Schrift zu lesen war: »Bernard Lemarch, Escadronchef.« Dieser Lemarch war also Cavalleriecapitän, Rittmeister. Er wurde angemeldet und auch sogleich vorgelassen. Herr Maçon empfing ihn zuvorkommend, ließ ihn sich niedersetzen, bot ihm sogar eine Cigarette an, und nun entwickelte sich eigenthümlicher Weise eine ganz ähnliche Scene wie in Simmern zwischen dem General und dem Rittmeister Königsau.

»Ich habe im Zimmer Ihres Obersten eine Kreidelandschaft gesehen, welche von Ihrer Hand sein soll, Capitän?« fragte Maçon.

»Es ist eine kleine Studienarbeit von mir, mein Herr,« antwortete der Gefragte.

»Eine Studienarbeit, welche aber doch eine gute Uebung verräth. Ich glaube, Sie könnten recht gut die Rolle eines Landschaftsmalers durchführen.«

»Es würde mir dies nicht schwer fallen.«

»Das ist mir lieb zu hören. Kennen Sie mich, Capitän?«

Der Officier lächelte und antwortete:

»Heute habe ich das Vergnügen, mit Monsieur Maçon zu sprechen.«

»Und wie würden Sie mir unter anderen Umständen antworten?«

»Unter anderen Umständen würde ich die Ehre haben, mich bei dem Grafen Rallion in Audienz zu befinden,« antwortete der Capitän mit einer Verbeugung.

»Gut; ich sehe, daß Sie mich kennen. Ich habe von Ihnen gehört. Man ist mit Ihnen zufrieden, und ich stehe daher im Begriffe, Ihnen Gelegenheit zu geben, sich auszuzeichnen.«

Das Gesicht des Officiers erhellte sich vor Freude, und er antwortete schnell:

»Ich werde diese Gelegenheit benutzen, Ihnen zu beweisen, daß es mein eifrigstes Streben ist, mich nützlich zu machen.«

»Wohl! Ich vernehme, daß Sie der deutschen Sprache mächtig sind?«

»Vollständig. Ich bin bei Straßburg geboren.«

»Würden Sie es fertig bringen, in Berlin für einen Deutschen zu gelten?«

»Ich hoffe es; nur müßte ich mich als einen solchen zu legitimiren vermögen.«

»Man wird Sie mit dem Nothwendigen versehen. Hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe!«

Der Graf steckte sich eine neue Cigarette an, gab seinem hagern, gelben Gesichte einen wichtigen, diplomatisch schlauen Ausdruck und fuhr fort:

»Man fühlt sich in die Nothwendigkeit versetzt, an einen Krieg mit Deutschland zu denken. Man gedenkt, damit nicht mit der Thür in das Haus zu fallen, sondern sich vorher erst gehörig zu orientiren. Der letzte deutsch-österreichische Kampf hat zur Evidenz bewiesen, daß die preußische Heeresleitung eine sehr weitsehende und vorsichtige ist. Es steht zu vermuthen, daß Preußen so scharfsinnig ist, unsere Absicht zu errathen und in Folge dessen seine Vorbereitungen zu treffen. Darüber müssen wir natürlich Gewißheit haben. Wir müssen zweierlei wissen: erstens ob wir errathen werden, und zweitens, welche Gegenminen man uns legt. Verstehen Sie mich?«

»Vollkommen, mein Herr!«

»Eine solche Aufgabe können wir unserer officiellen, diplomatischen Vertretung natürlich nicht in die Hand geben. Wir bedürfen einer privaten Kraft, welche geeignet ist, diese Forschungen anzustellen. Dazu gehört allerdings ein Mann, welcher neben den sehr nothwendigen militärischen Kenntnissen, Schlauheit, Scharfsinn und sogar auch Muth genug besitzt, den Feind zu überlisten. Dieser Mann soll mit den nöthigen Legitimationen und Empfehlungen nach Berlin gesandt werden; er wird Anweisungen bekommen, wie er sich zu verhalten hat; man wird ihm Summen zur Verfügung stellen, zunächst für seine persönlichen Ausgaben, da er anständig aufzutreten hat, und sodann auch für Andere, unvorhergesehene Zwecke. Es könnte sich ja wohl eine kleine Bestechung oder etwas Derartiges als nothwendig herausstellen. Dieser Mann müßte eben so klug wie tactvoll, eben so kühn wie vorsichtig sein. Seine Aufgabe ist voraussichtlicher Weise keine leichte, doch wird auch die Belohnung eine dem entsprechende sein. Sie wurden mir empfohlen, Capitän. Welche Antwort habe ich zu erwarten?«

Das war sehr deutlich gesprochen. Der Rittmeister, welcher von seinem Obersten jedenfalls bereits vorbereitet worden war, gab eine ebenso deutliche Antwort:

»Ich werde diese Gelegenheit, meinem Vaterlande zu dienen, mit Freuden ergreifen, und gebe die Versicherung, daß ich nichts versäumen und unterlassen werde, um meinen Zweck zu erreichen.«

»Das habe ich erwartet. Ich mache allerdings die vielleicht etwas zu aufrichtige Bemerkung, daß die Zeit drängt und Sie sich also nicht viel Muse lassen dürfen. Vor allen Dingen aber frage ich Sie, ob Sie Berlin bereits kennen?«

»Ich war noch nicht dort.«

»Das ist günstig, denn Sie werden dann nicht in Gefahr kommen, erkannt zu werden. Ich reise elf Uhr von hier nach Thionville. Können Sie bis dahin Ihre Vorbereitungen zur Abreise getroffen haben?«

»Ein Soldat muß stets marschbereit sein!«

»Wohl! Sie werden mich begleiten. Ich habe in der Nähe eine geheime Inspection vorzunehmen, nach deren Erfolg sich Ihre Instructionen richten werden. Dies wird in höchstens


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zwei Tagen abgethan sein, und dann können Sie nach Berlin gehen. Ihre größte Aufmerksamkeit wird dort auf den Generalstab zu richten sein. Und da will ich Ihnen bereits jetzt eine Adresse nennen, welche Ihnen von Vortheil sein wird.«

Er nahm ein Notizbuch aus der Tasche, blätterte nach und fuhr dann fort:

»Es giebt nämlich dort einen Officier, einen höchst gewandten und trotz seiner Jugend sehr brauchbaren Strategen, welcher sogar in seiner Privatwohnung mit wichtigen Arbeiten beschäftigt wird. Wenn es Ihnen gelänge, seine Freundschaft zu erwerben, so wäre es Ihnen vielleicht möglich, hier und da einen geheimen Blick in diese Arbeiten werfen zu können. Eine gewandt geführte Unterhaltung könnte Ihnen Vieles errathen lassen, was er nicht direct sagen wird. Einige Flaschen Wein zur rechten Zeit und am rechten Ort haben oft einen außerordentlichen Erfolg. Vielleicht hat dieser Mann Verwandte, deren Vertrauen, oder eine hübsche Schwester, deren Liebe Sie erwerben können. Kurz und gut, ich will Ihnen mit diesen Andeutungen nur sagen, daß der Kluge es verstehen muß, sich Alles dienstbar zu machen, und ich hoffe, daß Sie nicht auf den Kopf gefallen sind!«

»Ich wiederhole, daß ich mein Möglichstes thun werde,« antwortete der Rittmeister. »Darf ich um den Namen des betreffenden Officiers bitten?«

»Es ist der Rittmeister Richard von Königsau. Wo er seine Privatwohnung hat, kann ich nicht sagen; es wird Ihnen nicht schwer werden, sie unauffällig zu erfragen. Aber Eins weiß ich, was Ihnen vielleicht von Nutzen sein wird: Er hat einen alten Großvater, einen Veteranen aus den sogenannten Befreiungskriegen, welcher zuerst unter dem Verräther Lützow und sodann unter Blücher gekämpft hat und in der Schlacht bei Belle Alliance verwundet worden ist. Dieser Alte spricht noch heut mit Begeisterung von seinen Feldzügen, und Sie werden wissen, daß das Wohlwollen solcher Leute sehr leicht dadurch zu erlangen ist, daß man sie glauben läßt, von ihrer Begeisterung angesteckt zu sein. Das ist Alles, was ich Ihnen für jetzt sagen kann. Nähere Instructionen werden Sie noch erhalten. Besitzen Sie einen Anzug, wie ihn Maler zu tragen pflegen?«

»Er wird in wenigen Minuten beschafft sein.«

»Und eine Staffelei?«

Der Rittmeister konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Er antwortete:

»Eine Staffelei von hier mit nach Berlin zu nehmen, wäre ebenso beschwerlich als überflüssig. Will ich bereits unterwegs als Maler gelten, so genügt eine künstlermäßige Kleidung und eine Mappe. Eine Staffelei werde ich mir in Berlin kaufen.«

»Das müssen Sie verstehen. Jetzt treffen Sie schleunigst Ihre Vorbereitungen, denn ich erwarte bestimmt, Sie punkt elf Uhr hier wiederzusehen. Adieu!«

Er erhob sich und gab dem Officier mit jener kalten Nachlässigkeit die Hand, mit welcher man sagen will: »Ich lasse mich zwar herab, Dir die Hand zu reichen, aber bilde Dir nur um Gotteswillen nichts darauf ein; denn wenn Du fort bist, werde ich mir diese Hand sehr sorgfältig abwaschen, damit jede Spur von dieser ordinären Berührung vertilgt werde!«

Der Rittmeister nahm die Hand wie Einer, dem eine hohe Gnade erwiesen wird, und entfernte sich nach einer Verbeugung, welche er einem regierenden Fürsten nicht unterthäniger hätte machen können. Er wußte, daß der Liebling des Kaisers mehr Einfluß besaß, als mancher Minister, der sich die Miene gab, mächtig zu sein.

Als kurz vor zwölf Uhr der Zug nach Thionville bereit stand, stieg Herr Maçon in ein Coupee zweiter Classe, und ihm folgte ein junger Mann, welcher enge graue Hosen, feine Lackstiefel, ein beschnürtes Sammetjaquet, einen breitkrämpigen Hut und gelbe Handschuhe trug. Er hatte eine umfangreiche Mappe unter dem Arme, und es konnte gar kein Zweifel darüber obwalten, daß er ein Künstler, ein Maler sei.

Als sie in Thionville ausstiegen, stand der alte Capitän vom Schloß Ortry auf dem Perron, um seinen hohen Besuch zu bewillkommnen. Herr Maçon, welcher hier wieder Graf Rallion war, klopfte dem Alten freundlich auf die Achsel und fragte:

»Nun, Capitän, Sie haben meine Depesche erhalten, wie ich sehe?«

»Vor zwei Stunden. lch beeilte mich sofort, Sie zu empfangen,« antwortete der Gefragte.

»Ich stelle Ihnen hier den Capitän Lemarch vor, welcher als Maler nach Berlin gehen wird; in welcher Angelegenheit, das brauche ich so einem alten Schlaukopf, wie Sie sind, nicht erst zu sagen. Nicht?«

Der Alte blinzelte mit den Augen, zog den Schnurrbart empor und fletschte die Zähne, als ob er ganz Berlin erbeißen möchte, nickte dem jungen Officier vertraulich zu und sagte:

»Sie gehen als Maler, wie es scheint? Machen Sie Ihre Sache gut, damit diese Prussiens endlich den Lohn erhalten, den sie schon längst verdient haben.«

»Der Capitän wird sich Mühe geben; ich bin davon überzeugt,« antwortete der Graf an Stelle des Officiers. »Haben Sie eine Equipage mit?«

»Zwei. Die andere für Ihre Bedienung.«

»Gut. Fahren wir!«

Nach kurzer Zeit rollten die beiden Wagen auf der Straße dahin, welche von Thionville nach Ortry führt. Sie waren bereits über das erste Dorf hinaus, als sie einen ganz eigenthümlich gekleideten Menschen bemerkten, welcher vor ihnen herging. Er trug weite orientalische Hosen, welche unter dem Knie zusammengebunden waren, und an den Füßen Sandalen. Strümpfe und Gamaschen trug er nicht, so daß seine hageren, braunen Unterbeine zu sehen waren. Eine rothe, mit unächten Tressen besetzte Jacke bedeckte seinen Oberleib. Um die Hüften hatte er einen alten blauen Shawl geschlungen, in welchem verschiedene fremdartige Gegenstände steckten, deren Bestimmung sich unmöglich errathen ließ. Unter der vorn offenen Jacke war ein Hemde zu sehen, welches sicher vor langen Jahren einmal weiß gewesen war, und auf dem Kopfe thronte ein Turban, welcher geradezu einen riesigen Umfang hatte. Ueber die Schulter hing diesem Manne ein großer Ledersack, dessen Inhalt in Bewegung zu sein schien; es mußten sich lebendige Gegenstände in demselben befinden. Das Gesicht des Mannes schien nur aus einem mächtigen Vollbarte, einer braunen Nasenspitze und zwei Augen zu bestehen, welche unter schweren Lidern lagen.

Als die Wagen herangerollt kamen, blieb der Mann stehen, um sie vorüber zu lassen. Seine Lider hoben sich langsam, und seine Augen blickten gleichgiltig unter ihnen hervor. Kaum aber war ihr Blick auf die Insassen des ersten Wagens gefallen, so belebten sie sich auf die auffälligste Weise.


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Sie nahmen den Glanz glühender Kohlen an und schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen. Im nächsten Augenblick hatte sich der Mann bereits beherrscht. Er lehnte sich an einen der Chausseebäume und ließ, als der Wagen im Begriffe stand, vorüber zu fahren, ein halblautes, eigenthümliches Zischen hören.

Sofort bäumten sich die Pferde, und waren durch keine Anstrengung des Kutschers von der Stelle zu bringen. Er gebrauchte die Peitsche; er schnalzte mit der Zunge; er bat mit zuredenden Worten, vergeblich. Der Fremde stand dabei und richtete seinen halbverschleierten Blick scharf auf den alten Capitän. Dieser wandte sich mit einer drohenden Handbewegung zu ihm und rief ihm zu:

»Kerl, siehst Du nicht, daß die Pferde vor Dir scheuen! Packe Dich fort!«

»Scheuen?« fragte der Mann mit tiefer Stimme. »Vor mir hat noch nie ein Pferd gescheut; aber alle Pferde gehorchen meinem Winke. Wem gehört dieser Wagen?«

»Was geht das Dich an, Vagabund? Ich sage Dir, packe Dich, sonst lasse ich Dich vom Kutscher von der Straße peitschen!«

»Ich fürchte ihn nicht!« antwortete der Fremde ruhig. »Wenn ich gehört habe, wohin die Wagen gehören, werde ich den Pferden befehlen, zu gehorchen, und dann könnt Ihr weiterfahren, eher aber nicht!«

Der alte Capitän zuckte höhnisch die Achsel und gebot dem Kutscher, die Fahrt fortzusetzen, aber dieser war nicht im Stande, dem Befehle zu gehorchen. Die Pferde wichen trotz aller seiner Bemühungen nicht von der Stelle.

»Es geht nicht, gnädiger Herr,« klagte er. »Der Teufel muß in die Pferde gefahren sein, oder versteht der Kerl dort zu hexen. Wenn ich Gewalt brauche, so brechen sie mir die Deichsel ab.«

Der Graf hatte bis jetzt die Scene ruhig beobachtet. Jetzt wandte er sich nach dem hinteren Wagen, in welchem seine beiden Diener saßen:

»Schafft den Menschen fort, daß die Pferde ihn nicht mehr sehen!« gebot er.

Die Domestiken stiegen aus und traten drohend auf den Fremden zu. Sie geboten ihm, zu weichen, und als er dies nicht that, streckten sie die Hände nach ihm aus. Aber in demselben Augenblicke wichen sie im höchsten Grade erschreckt zurück, denn der Fremde hatte seinen Ledersack ein Wenig geöffnet, und aus demselben schossen drei riesige Brillenschlangen hervor. Diese Thiere schlangen ihre Schwänze um den langen, nackten Hals ihres Herrn und fuhren mit ihren Leibern, wie um ihn zu vertheidigen, mit blitzesähnlicher Schnelligkeit in der Luft herum. Die Leute hatten wohl noch nie eine Brillenschlange gesehen, aber die Beschreibung oft gelesen; sie wußten also, daß sie es hier mit den giftigsten Reptilien zu thun hatten, welche es in der Welt giebt. Sie sprangen schleunigst zurück und wagten es nicht wieder, sich dem Fremden zu nähern.

Dieser erhob die Hand, um seine Schlangen zärtlich zu streicheln, und sagte:

»Wer mich angreifen will, der komme! Es gehorchen mir alle Thiere des Waldes und des Feldes, auch den Rossen bin ich ein Gebieter. Die Pferde werden nicht eher diese Stelle verlassen, als bis ich es ihnen erlaube. Wohin gehören diese Wagen?«

Die Herren, welche im ersten Wagen saßen, konnten es mit ihrer Würde nicht vereinbaren, ihm zu antworten, erkannten aber auch, daß dieser Mann unangreifbar sei.

Der Kutscher riß sie aus ihrer Verlegenheit.

»Sie gehören nach Ortry,« antwortete er.

»Nach Ortry?« wiederholte der Fremde. »Gut; fahrt weiter!«

Er stieß einen leisen, seltsam klingenden Pfiff aus. Sofort zogen die Pferde an und rannten im Galoppe davon, so daß der Kutscher sich alle Mühe geben mußte, ihrer Herr zu bleiben. Der Fremde blickte ihnen nach, so lange er sie zu sehen vermochte, dann wendete er sein Gesicht nach Osten. Seine Augen öffneten sich weit; seine Kniee beugten sich zur Erde, seine Hände streckten sich gefaltet empor, und er rief:

»Allah il Allah! Dein Name ist der einzige, und Deine Macht ist unendlich. Sei gelobt, daß ich ihn wiedergesehen habe, den Räuber, den Mörder unseres Stammes! Sei gelobt, daß ich gefunden habe die erste Spur von Liama, der Tochter unserer Zelte. Ich gelobe bei Dir und allen heiligen Kalifen, sie zu befreien, oder, wenn sie todt sein sollte, zu rächen, wie noch kein Kind der Wüste gerächt worden ist!«

Vorhin hatte er im Dialecte des südlichen Frankreich gesprochen, jetzt aber sprach er sein Gebet in arabischer Sprache. So am Boden knieend und von den Schlangen umzingelt, bot er einen höchst fremdartigen, wilden Anblick dar.

Nun erhob er sich wieder von der Erde, steckte die Schlangen in den Sack zurück und setzte seinen Weg weiter fort, ganz denselben Weg, welchen auch die Wagen verfolgt hatten. Beim nächsten Dorfe angekommen, kehrte er im Wirthshause ein. Er fand nur einen alten Mann zu Hause, der ihm den bestellten Trunk reichte. Dieser betrachtete die sonderbare Gestalt mit neugierigem Blicke und fragte:

»Sie sind jedenfalls nicht im Norden Frankreichs geboren?«

»Nein,« lautete die Antwort. »Ich ward geboren im Sonnenbrande des Südens.«

»Was treiben Sie hier, oder womit handeln Sie hier?«

»Man nennt mich Abu Hassan, den Zauberer. Ich habe die Geheimnisse der Geister studirt und mir alle Geschöpfe unterthan gemacht.«

»Ah, ein Gaukler,« lächelte der Wirth. »Wo wollen Sie Ihre Künste zeigen?«

»In Ortry.«

»O, da werden Sie schlechte Geschäfte machen!«

»Warum?«

»Zu den Arbeitern, die sich wohl eine solche Kurzweil wünschen möchten, darf kein Fremder, und im Schlosse giebt es Leute, welche mehr gesehen haben als die Kunststücke, welche Sie produciren werden.«

»Abu Hassan kann mehr als Andere,« meinte der Fremde stolz. »Wer wohnt auf dem Schlosse?«

»Der Baron de Sainte-Marie.«

Hassan schüttelte leise den Kopf, als sei er mit dieser Antwort noch nicht zufrieden.

»Wer noch?«

»Sein Weib und seine zwei Kinder.«

»Wie alt ist der Baron?«

»Vielleicht fast fünfzig Jahre.«

Hassan schüttelte abermals den Kopf und fragte weiter:

»Wohnt ein Mann dort mit großem, grauen Schnurrbart?«


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»Ja; das ist der Vater des Barons.«

»Wie heißt er?«

»Eigentlich sollte man meinen, daß er auch Sainte-Marie heißt; dies ist aber nicht der Fall, denn der Baron ist erst vor Jahren geadelt worden und hat seinen jetzigen Namen vom Kaiser empfangen. Er hieß vorher Richemonte, und so heißt der Alte noch.«

Hassan horchte auf. Seine Augen aber versteckten sich wo möglich noch tiefer unter die Lider als vorher, und er gab sich Mühe, im gleichgiltigsten Tone zu fragen:

»War dieser Alte Soldat?«

»Ja. Er hat unter dem großen Kaiser gefochten und soll auch unter Kabylen gewesen sein, als was, das weiß ich nicht.«

»Hat der Alte ein Weib gehabt?«

»Natürlich, da der Baron sein Sohn ist.«

»War dieses Weib eine Französin?«

»Das läßt sich denken; aber ich habe sie nicht gekannt, da die Sainte-Maries erst seit Jahren hier wohnen. Die Frau des Alten muß seit langer Zeit bereits todt sein.«

»Haben Sie niemals etwas von einem Weibe gehört, welches Liama hieß?«

»Liama?« fragte der Wirth rasch. »Das war die erste Frau des Barons.«

»Des Barons? War der Baron auch in der Kabylie?«

»Das weiß ich nicht. Aber seine erste Frau hieß Liama und ist eine Heidin gewesen. Ihr Grab liegt tief im Walde beim alten Thurme, und ihre Tochter lebt noch.«

Die Augen des Fremden schossen einen übermächtigen Strahl der Freude unter den Lidern hervor, doch im nächsten Augenblicke erklang im ruhigsten Tone die Frage:

»Eine Tochter hat sie hinterlassen? Wie heißt sie?«

»Marion.«

»Hat sie nie anders geheißen?«

»Warum sollte sie jemals anders geheißen haben? Ihre Frage klingt außerordentlich kurios.«

So unterhielten sich die Beiden noch lange Zeit. Hassan erfuhr Alles, was der Wirth von Ortry und seinen Bewohnern wußte. Er hörte auch, daß der Geist Liamas noch oft am alten Thurme zu sehen sei. Endlich brach er auf. Als er sich auf der Straße allein befand, schüttelte er den Kopf und fragte in seinem südlichen Dialect:

»Diesen alten Richemonte suche ich. Er ist's; ich irre mich nicht. Allah hat meine Schritte endlich doch noch zum Ziele geleitet; aber Liama, die Tochter der Wüste, ist gestorben. Ich werde sie rächen. Wer aber ist diese Marion? Wer ist dieser Baron de Sainte-Marie? Wer ist der Geist, der sich im alten Thurme sehen läßt? Muhamed, der Prophet der Gläubigen, sagt, daß das Weib keine Seele habe. Wie kann also die Seele eines Weibes nach dem Tode desselben gesehen werden? Ich werde nach Ortry gehen und die Spuren verfolgen, welche ich gefunden habe; dann kehre ich zum Scheik zurück, um ihm zu sagen, daß die Zeit der Rache endlich doch noch gekommen ist.«

Seine Augen leuchteten wild auf, als er diese Worte murmelte. Und sein Mund ließ ein höhnisches Lachen erschallen, als er fortfuhr:

»Wird er mich erkennen? O nein. Der Gram hat mein Gesicht durchfurcht und mein Fleisch vom Leibe gefressen. Und wenn man erführe, wer ich bin, ich fürchte ihn doch nicht. Sind sie nicht Alle erschrocken über meine Schlangen? Hat ihnen nicht Allah den Verstand genommen, daß sie nicht begreifen, warum die Pferde mir gehorchen? Waren es nicht Pferde der Wüste, welche alle dem Zeichen der Wüste gehorchen? Und wenn sie mich bedrohen, so werde ich ihnen meine Künste zeigen, und sie werden sich fürchten und mich für den Satan halten.«

Unterdessen waren die beiden Wagen auf Ortry angekommen und die Insassen derselben von den Bewohnern des Schlosses bewillkommnet worden. Marion hatte den Grafen mit Ehrerbietung begrüßt, aber nicht die mindeste Veranlassung zu der Annahme gegeben, daß sie sich freue, den Vater ihres Verlobten zu sehen. Er erhielt die besten Gemächer des Schlosses angewiesen, während der falsche Maler die Wohnung des ermordeten Fabrikdirectors bezog, wo man die noch sichtbaren Blutflecke mit Teppichen bedeckt hatte.

Es wurde zunächst ein kurzer Imbiß eingenommen, und dann begab sich der alte Capitän mit den beiden Rallions nach dem Eisenwerke. Die geheimnißvolle Inspection sollte beginnen. Lemarch begann, sich zu langweilen, nahm seine Mappe und begab sich nach dem Garten, um das Schloß von dieser Seite abzuzeichnen und dem Capitän mit dem Bilde dann ein Geschenk zu machen.

Dort saß auf einer Bank, grad wie die beste Stelle zum Zeichnen war, Müller, der in einem Buche las. Er blickte auf, sah den Maler kommen und erhob sich höflich. Als aber der Franzose näher kam, nahm das Gesicht des Deutschen den Ausdruck des allerhöchsten Erstaunens an. Was war denn das? War das ein einfaches, natürliches Spiel des Zufalles? Dieser Künstler sah dem Diener Fritz zum Verwechseln ähnlich. Hätte der Erstere die Kleidung des Pflanzensammlers angehabt, so wäre die Täuschung vollständig gewesen.

Lemarch sah diese Verwunderung und sagte:

»Sie scheinen unangenehm berührt zu sein, daß ich Sie störe? Wen habe ich die Ehre, um Entschuldigung zu bitten, Monsieur?«

»Ich bin der Erzieher des jungen Barons,« antwortete Müller jetzt wieder gefaßt.

»Und ich bin Maler, mit dem Grafen Rallion hier angekommen. Ich gedachte, von dieser Bank aus das Schloß zu zeichnen, aber ich störe Sie.«

»Nehmen Sie Platz!« antwortete Müller höflich. »Mein Name ist Müller.«

Er sagte dies, um zu erfahren, wie er den Maler zu nennen habe. Dieser hatte während der Bahnfahrt im Coupee von dem Grafen erfahren, daß seine deutsche Legitimation auf den Namen Haller ausgestellt sei; darum antwortete er:

»Und der meinige Haller. Ich bin ein Deutscher, und Sie auch, wie ich zu meiner Freude aus Ihrem Namen schließe.«

»Allerdings. Meine Heimath ist Leipzig.«

»Die meinige Stuttgart.«

Beide täuschten einander. Sie waren gezwungen, die Orte zu nennen, welche auf ihren Legitimationen angegeben waren. Der Franzose war ein liebenswürdiger Gesellschafter, und Müller fühlte sich bereits nach kurzer Unterhaltung recht sympatisch von ihm berührt, bis die Unterhaltung auf Berlin kam - zufällig, dachte Müller; er hatte nicht bemerkt, daß Haller sie mit Absicht auf Berlin geleitet hatte.


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»Waren Sie bereits einmal in der Hauptstadt Preußens?« fragte der Letztere.

»Oefters,« antwortete Müller.

»Das läßt sich denken, da Berlin von Ihrer Vaterstadt aus ja sehr leicht zu erreichen ist. Sind Sie dort einigermaßen bekannt?«

»So ziemlich.«

»Auch in Militärkreisen?«

»Leidlich. Ich hatte als Erzieher Gelegenheit, zahlreiche Officiere kennen zu lernen.«

»Ah, so sagen Sie mir, ob Ihnen der Name Königsau bekannt ist.«

Fast hätte Müller durch eine rasche Bewegung sein Erstaunen verrathen. Er beherrschte sich jedoch und antwortete mit nachdenklicher Miene:

»Königsau? Hm! Den Namen müßte ich kennen! Ah, jetzt besinne ich mich! Ein alter Hauptmann aus Blüchers Zeit führt diesen Namen.«

»Richtig, richtig!« meinte Haller mit französischer Lebhaftigkeit. »Hat dieser alte Veteran einen Sohn?«

»Jetzt nicht mehr, aber einen Enkel, wenn ich mich nicht irre.«

»Jawohl, ein Enkel war es! Ist dieser nicht Rittmeister bei den Ulanen?«

»So viel ich weiß, ja.«

»Man sagt, daß er ein ausgezeichneter Offizier sei, der von Seiten des großen Generalstabes mit wichtigen Arbeiten beschäftigt werde.«

»Möglich. Ich als Erzieher habe natürlich kein Urtheil darüber.«

»Kennen Sie seine Verhältnisse vielleicht näher?«

»Es mag wohl sein, daß ich früher von ihm gehört habe, doch ist es leicht zu entschuldigen, wenn mir das jetzt nicht mehr erinnerlich ist. Sie haben Veranlassung, sich nach ihm zu erkundigen?«

»Ja.«

»Wenn ich wüßte, welche Intention Sie dabei leitet, käme dies vielleicht meinem Gedächtnisse zu Hilfe, so daß ich Ihnen Auskunft zu geben vermöchte, Herr Haller.«

»Nun, ich beabsichtige, baldigst nach Berlin zu gehen. Dort werde ich Gelegenheit nehmen, die Bekanntschaft des Rittmeisters zu machen. Sie begreifen, daß es mir da sehr angenehm sein würde, bereits jetzt etwas über ihn zu hören.«

»Ah, Sie haben also Gründe, die Bekanntschaft gerade dieses Mannes zu machen?«

»Allerdings. Er ist mir sehr warm empfohlen.«

»Darf ich fragen, von wem?«

»Vom Grafen Rallion,« fuhr es dem Franzosen heraus. Er ahnte aber sofort, daß er jetzt eine Dummheit begangen habe, und fügte, um seine Worte begreiflicher zu machen, hinzu: »Der Graf hat nämlich in Berlin früher seine Bekanntschaft gemacht.«

Damit aber hatte der Franzose den Karren noch tiefer hineingeschoben. Müller erinnerte sich der militärisch straffen Haltung, mit welcher der Maler in den Garten getreten war, er sah den wohlgepflegten Schnurrbart, die kurz verschnittenen Haare, und war nun mit sich und dem Maler vollständig im Reinen. Darum meinte er mit einem leichten Lächeln:

»So viel ich mich entsinne, ist Rittmeister von Königsau kein sogenannter Gesellschaftsmensch. Der Dienst geht ihm über Alles; er liebt das Studium, und in Folge dessen die Einsamkeit. Es mag schwer sein, sich bei ihm einzuführen.«

»Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, seine Freundschaft zu erlangen. Aus welchen Personen besteht seine Familie noch, außer dem bereits genannten Veteran?«

»Aus seiner Mutter und einer Schwester.«

»Ist diese Schwester hübsch?«

»Ich glaube. Ich habe Bekannte, welche von ihr sogar als von einer Schönheit sprechen.«

Müller sagte die Wahrheit. Es that ihm in diesem Augenblicke herzlich wohl, in solcher Weise von der fern Weilenden sprechen zu können. Haller machte ein erfreutes Gesicht und sagte mit jenem Lächeln, welches unter jungen Herren so vielsagend ist:

»Ein Grund mehr, die Bekanntschaft des Rittmeisters zu machen. Ich bin Ihnen herzlich dankbar für die Auskunft, die Sie mir ertheilt haben!«

»Und ich bedaure sehr, nicht im Stande gewesen zu sein, Ihnen mehr zu sagen. Ich will Ihnen gern wünschen, sich nicht enttäuscht zu sehen.«

Er verbeugte sich höflich und ging dem Parke zu. Diese Begegnung gab ihm zu denken. War dieser Maler wirklich ein Deutscher? War er überhaupt wirklich ein Maler? Er war mit Rallion, dem größten Hasser Deutschlands, gekommen, und zwar aus Metz, dem militärischen Ameisenhaufen. Warum wollte er als Maler in Berlin gerade Müller's Bekanntschaft machen, das heißt also die des Rittmeisters von Königsau? Warum die Lüge, daß Graf Rallion Königsau kenne? Und wenn dieser Haller kein Maler, sondern Offizier war, so hieß er jedenfalls auch anders und ging in einer geheimen Mission nach Berlin. In diesem Falle - -

Er wurde gerade jetzt aus seinem Nachdenken aufgestört, denn eine liebliche Stimme erklang:

»Bon jour, Herr Doctor! Haben Sie Baronesse Marion nicht gesehen?«

Er blickte auf. Nanon stand seitwärts von ihm. Sie trug ihr lichtes Kleid hoch aufgeschürzt, wie zu einem langen Gange durch Wald und Feld, und ihr volles, freundliches Gesichtchen wurde von einem breitrandigen Gartenhute beschattet. Ihr Haar hing in zwei dicken, blonden Zöpfen über dem Rücken herab. Als sie so hinter dem Fliederstrauche hervorlugte, hatte sie ganz das Aussehen einer neckischen Elfe, welche von ihrer Königin die Erlaubniß erhalten hat, sich einmal an dem fröhlichen, glücklichen Menschenleben zu betheiligen.

»Leider nein, Mademoiselle,« antwortete er.

»Sie soll mit Alexander in den Park gegangen sein. Ich suche sie.«

»Vielleicht ist sie nach dem alten Thurm.«

Sie sah ihn mit fragender Bitte an. Vielleicht wäre es gerathen gewesen, sie zu begleiten, um ihr den Thurm zu zeigen; aber er war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um darüber nachzudenken, ob er als Erzieher die Verpflichtung habe, auch in diesem Falle galant zu sein. Sie bemerkte dies, warf mit einem trotzigen Schmollen das Köpfchen zurück und antwortete:

»Ich danke Ihnen. Vielleicht finde ich den Thurm.«

Damit schritt sie fort, dem Walde entgegen. Dort dufteten bereits die Maien, und zahllose Blüthen hingen an den Sträuchern. Sie schlüpfte von Baum zu Baum, von Strauch zu Strauch; sie hatte bald einen Vogel, bald einen Käfer,


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bald einen früh erwachten Schmetterling zu beobachten. Sie drang immer tiefer und tiefer in den Wald, bis sie endlich nicht mehr weiter konnte.

»Mon dieu, was ist denn das?« fragte sie. »Ich glaube gar, hier ist der Weg alle!« Sie wendete sich um und fügte erschrocken hinzu: »Ach, der scheint ja schon längst alle geworden zu sein! Wo bin ich? Wo ist das Schloß? Und wo ist der alte Thurm, den ich suche? Ich habe mich ganz und gar verlaufen!«

So war es allerdings - sie hatte sich verlaufen. Sie suchte nun nach dem richtigen Weg; aber sie fand nicht nur nicht den richtigen, sondern überhaupt gar keinen Weg. Sie ging immer weiter und weiter und verirrte sich immer mehr. Sie ward müde und setzte sich nieder, um auszuruhen, bis sie bemerkte, daß sie keine Zeit versäumen dürfe. Sie brach also wieder auf und suchte von Neuem. Endlich fand sie einen schmalen Pfad, aber als sie ihm folgte, verlief er sich im Walde. Sie kehrte zurück und gelangte an einen Kreuzweg. Sie wandte sich nach rechts, ging eine ganze Viertelstunde lang und mußte dann zu ihrem Herzeleid sehen, daß auch dieser Weg zwischen Sträuchern und Büschen ein Ende nahm.

Nun wurde es ihr angst. Sie kehrte abermals um und begann zu rufen. Aber Niemand antwortete; sie befand sich allein, ganz allein im tiefen Walde.

»Daran ist nur dieser Monsieur Müller schuld!« rief sie fast weinend. »Warum sind doch die Deutschen nicht so galant wie die Franzosen? Sie sind doch außerdem viel besser als diese!«

Und immer weiter ging sie, und immer lauter rief sie. Da horch! War das wirklich eine menschliche Stimme? Sie rief abermals und blieb stehen, um zu horchen. Ja, aus weiter Ferne drang eine Antwort herüber. Sie rief wiederholt, und die Antwort kam immer näher, bis endlich ein Mann durch die Büsche brach. Er hatte eine dunkle Hose und eine blaue Blouse an und trug einen großen Sack auf der Schulter - es war Fritz.

Als sie ihn erblickte, schlug sie vor Freude die kleinen Händchen zusammen und rief:

»Ah, welch ein Glück, Monsieur - Monsieur - wie war gleich Ihr Name?«

»Guten Tag, gnädiges Fräulein!« grüßte er höflich, indem er den Hut vom Kopfe nahm. »Schneeberg, Friedrich Schneeberg heiße ich. Aber wie kommen Sie so tief in den Wald?«

»Ich bin in die Irre gegangen,« antwortete sie. »Wollen Sie nicht mein Retter sein - zum zweiten Male, lieber Monsieur Schneeberg?«

»O, wie gern, Mademoiselle!« rief er. »Ich wollte, ich dürfte Sie hundertmal, nein, tausendmal retten, oder doch wenigstens alle Tage einige Male!«

»Das wäre denn doch zu viel verlangt,« lachte sie, ganz erfreut, daß grad dieser gute, brave Mensch sie gefunden hatte. Sie war ja mit ihm in Marions und des Doctor Bertrand Gesellschaft von der Mosel bis hierher gereist und hatte da trotz der kurzen Zeit Gelegenheit gehabt, die treue Seele kennen zu lernen. »Ist es weit nach dem alten Thurme?« fragte sie.

»Man müßte eine volle Stunde gehen,« antwortete er.

»Und nach dem Schlosse?«

»Grad ebenso weit, Mademoiselle.«

»Ach, das kann ich nicht mehr erlaufen!« klagte sie. »Ich bin so ermüdet; ich muß mich vorher ausruhen.«

Ihr Blick suchte nach einem passenden Plätzchen. Da warf er den Sack zu Boden und sagte:

»Hier ist ein Fauteuil, wie es weicher gar nicht sein kann, Mademoiselle.«

»Dieser Sack? Was ist darin?«

»Kostbare Pflanzen,« antwortete er mit komischer Wichtigkeit. »Sie haben wohl gehört, daß ich bei Doctor Bertrand als Pflanzensammler engagirt bin.«

»Allerdings, ich erinnere mich. Sind Sie denn ein guter Botaniker?«

»Das versteht sich!« lachte er. »Salomo kannte blos den Ysop und die Zeder, ich aber kenne einige Pflanzen mehr.«

»Wenn aber diese Pflanzen einen medicinischen Zweck haben, darf ich mich doch unmöglich auf sie setzen!«

»Warum nicht, Mademoiselle? Der Medicin thut dies nicht den geringsten Schaden. Der Sack steckt voll Preußelbeerkraut, Schafgarbe, Weidenblättern und Huflattich. Einen sehr guten Thee wird das freilich nicht geben, aber ein desto besseres Polster. Setzen Sie sich getrost darauf. Es wächst noch eine ganze Masse solches Zeug im Walde.«

»Nun wohl, so muß ich Ihnen den Willen thun,« sagte sie.

Sie ließ sich auf den weichen Sack nieder, und zwar mit einer so natürlichen Grazie und Anmuth, daß sie wirklich ganz das Aussehen einer Elfe hatte. Der Hut hing ihr am Bande im Nacken; er war ihr hinabgerutscht, und nun blickte das liebliche Gesichtchen mit den blauen Augen so freundlich zu ihm empor, daß es ihm heiß um das Herz wurde. Er hätte sich tausend und aber tausend Martern unterworfen, um ihr die kleinste Freude zu bereiten.

»Aber nun müssen Sie sich auch setzen, mein lieber Monsieur Schneeberg,« sagte sie.

Er gehorchte und suchte sich einen Ort aus, fern von dem ihrigen.

»Nein, nicht dort,« sagte sie, »sondern hier in meiner Nähe, ganz hier.«

Sie deutete grade dort hin, wo ihre kleinen, kinderniedlichen Stiefeletten unter dem Saume ihres Gewandes hervorragten. Er wagte keinen Widerspruch und folgte gehorsam ihrer Weisung. Ihr Auge beobachtete dabei seine Bewegungen. Er war ein gewandter Unteroffizier und hatte sich bei der Escadron die Beine noch lange nicht steif geritten. Seine volle, kräftige, wohl proportionirte Gestalt schmiegte sich behaglich in das grüne Moos, und als er sich da bequem ausstreckte, überflog sie ihn mit einem Blicke, dem man ein schwer unterdrücktes Wohlbehagen anerkennen konnte.

»So, nun wollen wir ruhen und plaudern,« meinte sie; »aber wovon? Ah, da fällt mir gleich Etwas ein, was ich Sie fragen wollte! Wenn ich nur nicht denken müßte, daß Sie mir es übel nehmen möchten.«

Er blickte sie mit dem ungeheucheltsten Erstaunen an und fragte:

»Ich Ihnen Etwas übel nehmen? In meinem ganzen Leben nicht.«

»Nun wohl, so will ich Sie bitten, mir zu sagen, wie Ihre Familie zu dem Namen Schneeberg gekommen ist? Das ist für eine französische Zunge so schwer auszusprechen; das


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klingt so kalt, so eisig, daß man dabei frieren möchte. Stammen Sie etwa aus Lappland?«

»Meine Familie?« sagte er in einem schwermüthigen Tone. »Ich habe keine Familie; ich habe weder Vater noch Mutter.«

»Auch nicht einen Bruder oder eine Schwester, Monsieur Schneeberg?«

»Auch nicht, Mademoiselle.«

»So sind sie Alle gestorben? O, das ist ja traurig, sehr traurig!«

»Ob sie gestorben sind, das weiß ich nicht. Ich bin ein armes Findelkind gewesen.«

»Ein enfant trouvé«, ein Findelkind?« sagte sie, und sogleich trat auch ein mitleidiger Tropfen in ihr schönes, liebes Auge. »Sie armer Monsieur Schneeberg. Wie ist dies denn zugegangen?«

»Das will ich Ihnen sagen: Da wohnte ein armer Holzhacker zwischen den Bergen, der hatte eine Frau und sechs Kinder, aber nicht genug zu essen für sie alle; der wanderte eines Tages vom Gebirge hinab in die Stadt, um für seinen letzten Gulden Brod für die Seinen zu holen. Als er spät in der Nacht zurückkam, brachte er das Brod und dazu einen kleinen Jungen, den er auf der einsamen Straße unter einer hohen Schneewehe wimmern gehört hatte. Das war ich. Er machte Anzeige, aber es fand sich Niemand ein, mich zu reklamiren. Der Holzhacker war ein braver Mann und behielt mich. Da man nicht wußte, ob ich getauft worden sei, taufte man mich, und da erhielt ich, da ich unter einem Berge von Schnee gelegen hatte, den Namen Schneeberg. Mein Pflegevater starb, seine Frau kurze Zeit darauf, und ich kam mit seinen Kindern in das Armenhaus. Dort bin ich aufgewachsen, ohne Liebe, ohne Alles, was ein Kind glücklich macht. Ich habe in meinem Leben nur einen einzigen Menschen gefunden, der mir Liebe und Güte erwiesen hat.«

»Wer war das?«

»Mein Rittmeister.«

»Ah, Sie waren Soldat?«

»Ja, Kavallerist.«

»Aber welchen Beruf hatten Sie vorher erlernt?«

»O, ich könnte etwas vornehmer thun und sagen, daß ich Friseur gewesen sei; aber ich werde ehrlich sein und eingestehen, daß ich zuerst zu einem Barbier in die Lehre gegangen bin und erst später gelernt habe, Haartouren herzustellen.« Und mit einem trüben Lächeln setzte er hinzu: »Sie sehen, Mademoiselle, daß ich nichts, fast gar nichts bin in der Kette der menschlichen Gesellschaft.«

Da blickte sie ihn beinahe zornig an und sagte:

»Wo denken Sie hin, Monsieur! Sie mit Ihrem Muthe, Ihrem braven Herzen, Ihrem weichen, sanften Gemüthe wären unnütz: Sie haben mir das Leben gerettet! Sie haben mich auf Ihren Armen aus den Fluthen getragen; das ist gerade genug gethan für ein ganzes Leben. Millionen leben und sterben, ohne daß ihnen der Mensch das Leben, ja nur eine einzige Stunde seines Lebens verdankt. Eigentlich ist mein Leben Ihr wohl erworbenes Eigenthum, und wenn Sie darauf einen Anspruch machen, so bin ich Ihnen einen Dank schuldig, welcher so groß ist, daß ich ihn gar nicht abtragen kann. Sie fühlen jedenfalls Befähigung zu etwas Größerem in sich, als Sie jetzt sind. Wer sagt Ihnen denn, daß Sie kein höheres Ziel erreichen werden?«

Sie hatte sich in einen solchen Eifer hineingeredet, daß ihre Augen blitzten und ihre Wangen glühten. Es war ihr ein Herzensbedürfniß, ihn zu überzeugen, daß er mehr werth sei, als er selbst denke. Dabei war sie in Bewegung gekommen und hatte bei jedem Worte, welches sie betonte, den Nachdruck dadurch zu verstärken gesucht, daß sie ihren Gegenüber mit der Spitze ihres Fußes an die Achsel stieß. Daß dabei nicht nur ihre Stiefelette, sondern auch ein kleiner Theil ihres feinen, weißen Strumpfes frei vom Gewand erscheinen mußte, darauf hatte sie gar nicht geachtet.

Auf dieser weißen Stelle haftete Fritzen's Auge; aber es war kein unheiliger Gedanke, der ihn dabei beschlich, sondern sie kam ihm vor wie ein höheres Wesen, wie eine Schöpfung von unerreichbarer Schönheit, daß er froh sein müsse, den Klang ihrer silbernen Stimme hören und in die Tiefe ihres klaren, reinen Auges schauen zu dürfen.

Er legte die Hand auf sein klopfendes Herz, schloß die Augen und sagte:

»Sie haben Recht. Zanken Sie mich nur immer tüchtig aus! Ich bin der glücklichste Mensch; ich tausche mit keinem Andern, denn ich habe das unendliche Glück gehabt, das liebste und herrlichste Wesen der Welt auf meinen Armen zu tragen.«

Sie blickte ihn scharf an, da sie aber in seinen geschlossenen Augen nicht lesen konnte, so fragte sie:

»Wie meinen Sie das? Wer ist das liebste, herrlichste Wesen der Welt?«

Da schlug er die Augen wieder auf, richtete sie mit größtem Erstaunen auf sie und antwortete:

»Das wissen Sie nicht? Sie, natürlich, Sie sind es!«

»Ich?« fragte sie unter einem halben, melodischen Lachen. »Ich das herrlichste Geschöpf der Erde? O, wie irren Sie sich! Ich bin ein häßliches, unliebes Ding, welches sich sehr, sehr oft über sich selbst zu ärgern hat!«

»Wenn das ein Andrer von Ihnen sagte, so würde ich ihn mit dieser meiner Hand zu Boden schlagen, Mademoiselle; darauf können Sie sich verlassen! An Ihnen ist Alles gerade, so schön und rein und heilig wie an einer Fee, oder an einem Engel. Gerade so, wie Sie sind, habe ich mir als Kind die Engel vorgestellt, und dann sind sie mir im Traume erschienen. Warum haben denn auch Sie stets Flügel, wenn ich von Ihnen träume?«

»Ah, Sie träumen von mir?« fragte sie schnell.

»Ja, fast alle Tage. Und es ist dann stets nur Eins, was ich träume: Sie kommen mit goldenen Flügeln und einer goldenen Krone, um mir den Ort zu zeigen, an welchem ich meine Eltern finden werde.«

»O, wie gern würde ich das thun: wie gern würde ich Ihren Traum erfüllen, da ich Ihnen so sehr viel schuldig bin!«

Da richtete er sich halb empor; seine Wangen rötheten sich wie unter einem verwegenen Entschlusse, und seine Augen schienen tiefer und dunkler zu werden.

»Wenn Sie wirklich glauben, daß Sie mir so sehr viel schuldig sind,« sagte er, »so kann ich Ihnen ein Mittel angeben, diese große Schuld mit einem Male zu tilgen.«

»Reden Sie, Monsieur Schneeberg! Geben Sie mir dieses Mittel an!«

»Aber Sie werden es mir übel nehmen, Mademoiselle!«

»Ich? Ihnen? Nein! Ich kann Ihnen eben so wenig Etwas übel nehmen, wie Sie mir.«


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Sein Gesicht erhellte sich, und in einem Tone, dem man es anhörte, daß es ihm schwer wurde, diese Worte auszusprechen, sagte er:

»Ich entbinde Sie von aller, aller Schuld gegen mich, wenn Sie mir nur ein allereinziges Mal die Erlaubniß geben, dieses schöne, kleine Händchen zu küssen, welches so weiß und zart da in Ihrem Schoose liegt.« Und als sie nicht sofort antwortete, setzte er hinzu: »Nicht wahr, nun sind Sie mir ernstlich bös? Nun habe ich Ihre ganze Güte verscherzt?«

Sie zögerte noch immer, ihm zu antworten; aber ihr Blick ruhte mit einem Ausdrucke unbewußter Innigkeit auf seinem jetzt erbleichten Gesichte. Wie oft war ihre Hand geküßt worden von faden, unausstehlichen Salonhelden, die nach Moschus rochen und nach Pommade dufteten, aber nicht im Stande gewesen wären, eine Fliege aus dem Wasser zu ziehen. Diese widerwärtigen Zwittergeschöpfe hatten sich, ohne zu fragen, Ihrer Hand bemächtigt, als eines Gutes, welches ihnen nicht entzogen werden könne. Und hier dieser Mann, der zwar ein einfacher, aber ein Mann im vollsten Sinne des Wortes war, bat sich diese Gunst aus, als das größte Glück, welches ihm widerfahren könne, als Aequivalent für ein theures, unbezahlbares Menschenleben. Wie blickten seine treuen Augen so ängstlich in ihr Angesicht! Es stieg ihr heiß aus dem Herzen empor, wie ein allmächtiges Gefühl, dem nicht zu widerstehen war.

»Diese Hand wollen Sie küssen?« fragte sie. »Nein; sie ist geküßt worden von Herren, von denen Hunderte mir nicht so viel werth sind wie Sie. Nicht die Hand, sondern die Wange will ich Ihnen geben. Kommen Sie, mein lieber Monsieur Schneeberg; küssen Sie mir die Wange, und dann soll von meiner Schuld noch immer nicht einmal das kleinste Theilchen getilgt sein!«

Sie glitt von den Pflanzen herab, welche ihr als Kissen dienten, knieete vor ihm hin und bot ihm in herzig kindlicher Weise ihr reizendes Köpfchen dar. Er legte die Hand leise, leise auf ihre zarte Schulter und berührte mit seinen Lippen noch leiser und vorsichtiger ihre erglühende Wange. Sie fühlte diese Berührung kaum; sie senkte das Köpfchen zur Seite, so daß ihre Wange fest an seinen Mund zu liegen kam, und dann fragte sie:

»So! War es so recht?«

Es war wie ein süßer, süßer Rausch über ihn gekommen. Sein Auge flammte auf; seine Brust hob und senkte sich, und sein Athem ging schneller, als er ihr antwortete:

»Mademoiselle, Sie haben mich einen Augenblick lang in den Himmel schauen lassen. Ich sage Ihnen, daß ich diese Stunde niemals vergessen werde. Nie, so lange ich lebe, wird es ein Mädchen geben, welches von meinen Lippen berührt wird. Der Mund, der Sie geküßt hat, ist geheiligt; er darf nie, nie entweiht werden.«

Sie knieete noch immer vor ihm. War es mädchenhafte Begeisterung, war es ein zarteres Gefühl, oder war es nur die reine Dankbarkeit, von welcher sie fortgerissen wurde - sie legte jetzt ihm beide Hände auf die Schultern und sagte unter der Gluth tiefster Erröthung:

»Für ein solches Opfer war dieser Kuß zu wenig; das muß ein anderer sein.«

Sie zog seinen Kopf näher an sich, legte ihre Lippen auf seinen Mund und küßte ihn ein, zwei, drei Male, so fest und innig, als ob sie seine Geliebte sei. Dann aber sprang sie auf, warf die nach vorn gefallenen Zöpfe über die Schultern und sagte:

»Nun aber kommen Sie. Wir haben lange genug ausgeruht, und es wird Zeit, daß ich nach dem Schlosse gehe.«

Auch er erhob sich. Er fühlte das Blut an seinen Schläfen pochen; er schien zu taumeln. Er sah nicht die Bäume und nicht die Sträucher; er sah nur sie, sie allein. Er legte beide Hände an seinen Kopf, um zu sehen, ob er auch wirklich noch er selbst sei, und dann führte er sie fort von der Stelle, ohne an den Kräutersack zu denken, den er liegen ließ.

Sie schritten eine Zeit lang schweigend durch den Wald, bis sie in lebhafter Erinnerung an das, was er ihr gesagt hatte, die Stille unterbrach:

»Ich erscheine Ihnen also im Traume und zeige Ihnen den Ort, an dem sich Ihre Eltern befinden?«

»Ja, Mademoiselle.«

»Träume sind Schäume, aber zuweilen spricht Gottes Stimme im Traume zu dem Menschen. O, wäre doch der Ihrige ein sicher gottgesandter Traum. Haben Sie denn gar keine Ahnung, wessen Kind Sie gewesen sein könnten?«

»Nein, nicht die mindeste.«

»Hat sich in der Kleidung, welche Sie trugen, kein Zeichen gefunden? Haben Sie denn gar, gar nichts bei sich gehabt, was der Vermuthung einen Anhalt geben könnte? Sind denn keine Nachforschungen angestellt, keine Erkundigungen eingezogen worden?«

»Ich habe in einem Pelzchen gesteckt, welches ganz aufgeweicht gewesen und später verloren gegangen ist. Im Hemdchen und Unterkleidchen sind Zeichen gewesen; da aber Alles naß war, so hat meine Pflegemutter Beides am Ofen aufgehängt, um es zu trocknen. Da ist beim Oeffnen durch einen unerwarteten starken Windstoß in die Esse die Flamme aus der Ofenthür geschlagen und hat sowohl das Kleidchen als auch das Hemd verzehrt. Außerdem hat ein dünnes, goldenes Kettchen an meinem Halse gehangen, mit einem großen Zahne, wie zum Spielen, oder in Folge des Aberglaubens, daß solche Mittel das Zahnen der Kinder erleichtern. Dieser Zahn war - - -«

Nanon war in höchster Ueberraschung stehen geblieben.

»Dieser Zahn war ein Löwenzahn?« unterbrach sie ihn rasch in einem Tone, welcher beinahe voller Angst erklang, daß er ihre Frage verneinen werde.

»Ich traf einst den berühmten Naturforscher Brehm,« antwortete er; »das heißt, ich hatte ihn zu rasiren, und wagte es, ihm den Zahn zu zeigen. Er erklärte ihn sofort für einen Reißzahn eines männlichen Löwen.«

Da schlug sie die Hände zusammen und rief:

»Mein Gott, ist das möglich? Der Reißzahn eines männlichen Löwen! Haben Sie ihn noch?«

»Ja. Ich trage ihn am Halse.«

»Zeigen Sie her! Zeigen Sie schnell!«

»Haben Sie einen Grund, ihn zu sehen, Mademoiselle?« erkundigte er sich.

»Ja, einen sehr triftigen Grund,« antwortete sie. »Also zeigen Sie her, schnell!«

Er öffnete die Blouse und die Weste, nestelte ein wenig am Halse und brachte dann ein feines, dünnes Goldkettchen zum Vorschein, an welchem ein großer, gelblich weißer, nach


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der Spitze zu leicht gebogener Zahn hing. Nanon nahm denselben in die Hand und betrachtete ihn.

»Verstehen Sie etwas von Heraldik?« fragte sie dann.

»Nein, nichts,« antwortete er.

»Nun, so sehen Sie einmal her! Welche Form hat die goldene Fassung des Zahnes?«

»Es ist eine Krone, Mademoiselle.«

»Ja, aber nicht etwa eine Phantasiekrone. Es ist ganz genau eine Grafenkrone mit Perlenzacken, und - ah!«

Sie betrachtete den Zahn genauer und untersuchte die Festigkeit, mit welcher er in der Fassung steckte. Dann stieß sie einen Ruf der Ueberraschung aus und sagte:

»Sehen Sie, Monsieur, daß der Zahn sich drehen läßt! Haben Sie das noch nie versucht?«

»Nein, niemals,« antwortete er, mit Spannung auf ihre kleinen weißen Fingerchen blickend, welche mit Anstrengung an dem Gegenstande herumarbeiteten.

»Jetzt!« rief sie. »Jetzt geht es! Sehen Sie, daß man schrauben kann? Der Zahn ist mit einem Gewinde versehen und läßt sich abschrauben. Hier, blicken Sie her!«

Es gelang ihr, den Zahn aus der Krone zu schrauben, und nun zeigte sich eine Merkwürdigkeit, welche allerdings geeignet war, die Beiden in Erstaunen zu setzen. Die natürliche Höhlung des Zahnes war nämlich erweitert worden und enthielt ein feines Elfenbeinblättchen, dessen eine Seite das wunderbar künstlerisch ausgeführte Miniaturporträt einer sehr schönen jungen Frau zeigte. Darunter standen die Buchstaben und Zahlen H. v. G. 1845. Die andere Seite enthielt den Kopf eines stattlichen Mannes, und darunter war zu lesen: K. v. G. 1845.

Nanon betrachtete das Porträt der Dame sehr aufmerksam und sagte dann:

»Sie ist es; ja, sie ist es; ich erkenne sie wieder, obgleich sie älter aussah, als hier auf dem Bilde. Monsieur Schneeberg, diese Frau muß Ihre Mutter sein und der Herr Ihr Vater!«


Ende der fünften Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk