Lieferung 58

Deutscher Wanderer

25. Oktober 1884

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


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Arthur verbeugte sich abermals vor ihm und antwortete:

»Excellenz, dieser Vorschlag ist ein Zeichen großer Herzensgüte und ehrt mich weit über mein geringes Verdienst. Dennoch würde ich, um richt undankbar zu erscheinen, denselben acceptiren, wenn ich nicht gezwungen wäre, bereits morgen Paris zu verlassen.«

»Ah, Sie bleiben nicht hier! Aber macht nicht Ihre Wunde eine Verlängerung Ihres hiesigen Aufenthaltes nothwendig? Sie haben sie zu pflegen und zu erholen.«

»Die Verwundung ist keineswegs gefährlich. Es war nur der Blutverlust und vielleicht die Verletzung eines hervorragenden Nerven, welche mir das Bewußtsein raubten.«

»Ich ersuche Sie, diese Sache nicht leicht und meine aufrichtig gemeinte Einladung nicht für eine bloße Höflichkeit zu nehmen!«

»Auch ich schließe meine Bitte Papa's Wünschen an,« sagte Ella, indem sie ihr schönes Auge mit freundlicher Sorge auf seinem Angesichte ruhen ließ. »Ich kann unmöglich zugeben, daß mein Retter einer erneuten Gefahr entgegen geht nur aus dem Grunde, weil er vielleicht denkt, daß unsere Einladung nur ein kaltes Ergebniß der gesellschaftlichen Sitte sei.«

Diese Worte thaten ihm wohl, aber dennoch sah er sich gezwungen, abzulehnen. Er war nicht Herr seiner Zeit; er hatte dringende Aufgaben zu lösen und durfte einer nicht gefährlichen Verwundung wegen keine seiner Pflichten versäumen. Darum antwortete er:

»Ich bin überzeugt, daß Ihre Güte ein Ausfluß Ihres aufrichtigen und wohlwollenden Herzens ist; aber ich bin leider nicht im Stande, frei über mich und meine Zeit zu verfügen. Ich bin von meinem Prinzipale mit dem Abschlusse sehr wichtiger geschäftlicher Verbindungen beauftragt, auf deren Zustandekommen die Versäumung weniger Stunden verhindernd einwirken kann. Meine Abreise war für morgen festgesetzt, und ich sehe mich wirklich und leider ganz außer Stande, eine Aenderung dieser Disposition aus eigenmächtigem Entschlusse eintreten zu lassen.«

»Nun, wir haben kein Recht, in Sie zu dringen,« meinte der General; »doch, wenn wir jetzt auf Sie verzichten müssen, so hoffen wir doch, Sie baldigst wiederzusehen.«

»Ich werde bei meiner Rückkehr nach Paris nicht versäumen, mir Ihre Befehle einzuholen, gnädiger Herr.«

»Wir werden uns freuen, Sie bei uns zu sehen; doch muß ich Ihnen sagen, daß wir für die Sommermonate einen anderen Aufenthalt gewählt haben. Wir pflegen uns bereits seit Jahren um diese Zeit auf Gut Fleurelle bei Etain zurückzuziehen. Wohin werden Sie von hier aus gehen?«

»Nach Metz.«

»Ah, nach Metz! Sie beabsichtigen dort Verkäufe?«

»Ich hoffe, dort einige größere Bestellungen zu erhalten.«

»Haben Sie bereits Verbindungen dort?«

»Noch nicht.«

»Nun, so kann ich vielleicht, wenn Sie es gestatten, Ihnen behilflich sein. Welche Weine führen Sie?«

»Meist die Sorten von Roussillon.«

»Ich kenne sie nicht. Sind sie gut?«

»Sehr! Besonders der weiße Maccabeo. Die rothen Sorten sind gedeckt, dick und von außerordentlich schöner Farbe.«

»Eignen sie sich für medizinische und Verpflegungszwecke.«

»Außerordentlich, Excellenz. Ich kann zum Beispiel für Reconvalescenten den Maccabeo dringend empfehlen.«


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»Das freut mich sehr. Ich habe einen Freund, den General Coffiniéres in Metz. Er ist zum Gouverneur dieser Festung ernannt worden. Man scheint Gründe zu haben, die dortigen Magazine zu füllen, und Sie wissen, daß zur Verproviantirung eines solchen Platzes auch das Anschaffen der nöthigen Weine gehört. Dürfte ich Ihnen eine Empfehlung an den General zur Verfügung stellen?«

Dieses Anerbieten war von außerordentlichem Vortheile für Belmonte. Er verbeugte sich zustimmend und antwortete:

»Wie könnte ich eine solche Güte von mir weisen! Ich bin entzückt, mir dadurch die Erfüllung meiner geschäftlichen Pflichten so bedeutend erleichtert zu sehen!«

In diesem Augenblicke wurde das Gespräch unterbrochen. Ein Diener trat ein und überreichte dem Grafen eine Karte, auf welcher der Name »Mr. Nathanael Robinson, Reporter,« zu lesen war.

»Ein englischer Reporter, welcher Nathanael Robinson heißt?« fragte er verwundert. »Ich kenne ihn nicht. Was will er?«

»Ich versuchte, ihn abzuweisen,« erklärte der Diener; »er aber ging nicht von der Stelle. Er sagte, daß er augenblicklich und zwar sehr Wichtiges mit Ihnen zu sprechen habe.«

»Wie ist seine äußere Erscheinung?«

Der Diener zuckte beide Achseln und antwortete:

»Er scheint durch und durch Engländer zu sein, gnädiger Herr!«

»Ah, das giebt einen kleinen Scherz. Er mag eintreten!«

Da erhob sich Belmonte, um zu gehen, aber der General hielt ihn mit den Worten zurück:

»Bitte, bleiben Sie! Ein englischer Reporter ist nicht der Mann, dem der Retter meiner Enkelin auszuweichen hätte.«

Da wurde die Thür geöffnet, und der Reporter trat ein. Er war lang und außerordentlich hager. Er trug, ganz entgegengesetzt dem englischen Carrée oder Lieblingsgrau, einen feinen schwarzen Salonanzug: Frack, Hose, weiße Weste und gelbe Cravatte: aber die Hosenbeine steckten in riesigen grauen Gamaschen; aus dem Fracke hing links der Zipfel eines roth baumwollenen Taschentuches, und rechts blickte unter dem langen Schößel eine lange Papierrolle hervor. Ueber dem Fracke trug er an einem Riemen das Futteral irgend eines optischen Instrumentes, vielleicht Fernrohr, Krimstecher oder Opernglas. Der Hals konnte, obgleich lang und dünn, nicht gesehen werden, weil zwei geradezu colossale Vatermörder ihn bedeckten. Ganz dieselbe Form wie diese Vatermörder hatte auch die Nase, welche wie ein schroffes, gefährliches Vorgebirge aus dem schmalen, scharfen Gesichte sprang. Zwei Bartcotteletten hingen beinahe bis auf die Brust herab, und auf dem jedenfalls ganz kahlen Kopfe trug er einen hohen Cylinderhut, so weit nach hinten geschoben, daß man zu befürchten hatte, er werde im nächsten Augenblicke herabstürzen. Der sonderbare Mann dachte gar nicht daran, diese balancierende Kopfbedeckung abzunehmen.

Als er jetzt eintrat, trug er in der linken Hand ein offenes Notizbuch, in der Rechten einen Bleistift und unter dem Arme seine sehr umfangreiche Maschinerie, welche zunächst das Aussehen eines Regenschirmes, aber auch noch andere Bedeutung zu besitzen schien.

»Good morning - guten Morgen!« grüßte er mit schnarrender Stimme und in einem höchst vertraulichen Tone.

Es war, als ob er sich nicht bei einem General und Grafen, sondern bei unter ihm stehenden Leuten befinde. Dabei betrachtete er sich erst den Hausherrn, dann Belmonte und endlich auch die Comtesse in einer Weise, als ob er sich in einer Schaubude befinde, in welcher Menschenfresser zu sehen seien.

»Guten Morgen!« antwortete der Graf, indem er sich Mühe gab, ein lautes Lachen zu unterdrücken. »Was wollen Sie?«

»Are You the General von Latreau?«

»Ja, der bin ich.«

»I am the Master Nathanael Robinson.«

»Schön! Was weiter, mein Verehrtester?«

»Reporter.«

»Welches Blattes?«

»Of the Lloyds Weekly London Newspaper.«

»Auf Lloyds Wochenzeitung in London? Viel Ehre, Master Robinson. Welche Absicht führt Sie zu mir?«

»I am willing to interview.«

»Ah, Sie wollen mich interviewen? In welcher Angelegenheit?«

»You have a daughter - Sie haben eine Tochter?«

»Ja.«

»Well! Darf ich sie einmal sehen?«

»Hier sitzt sie.«

Bei diesen Worten deutete der Graf auf seine Enkelin. Der Engländer öffnete langsam sein Lederfutteral. Jetzt sah man, daß es ein längeres Fernrohr und einen Krimstecher enthielt. Er nahm diesen Letzteren hervor und führte ihn an die Augen, um Ella durch die Gläser zu betrachten.

»Yes!« sagte er dann. »An immense beautiful and interesting girl - ja, ein ungeheuer schönes und interessantes Mädchen.«

Er nickte zufrieden vor sich hin, steckte den Krimstecher wieder in das Futteral und fragte dann den Grafen weiter:

»Sie ist geraubt worden?«

»Ja.«

»Des Lösegeldes wegen?«

»Ja.«

»Ein junger Mensch aber hat sie wieder befreit?«

»So ist es.«

»War es ein Liebhaber von ihr?«

Eine tiefe Gluth bedeckte in diesem Augenblicke das Gesicht des reizenden Mädchens. Sie warf ihrem Großvater einen Blick zu, welcher ihm deutlich sagte, daß sie es nicht verstehen könne, warum der Engländer die Erlaubniß erhalten habe, hier in dieser Weise seine Erkundigungen einzuziehen. Der General fühlte den Vorwurf heraus; aber er war Soldat und als solcher der Freund eines Scherzes, der sich allerdings innerhalb gewisser Grenzen zu halten hatte.

»Hier sitzt der Herr, welcher sie gerettet hat,« antwortete er auf Belmonte zeigend.

Augenblicklich nahm der Englishman seinen Krimstecher wieder hervor, um sich den ihm Bezeichneten zu betrachten, und wendete sich dann direct an diesen mit der Frage:

»Well! Was sind Sie?«

»Reporter,« antwortete Belmonte, schnell gefaßt.


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»Zounds - Donnerwetter. Für welches Blatt?«

»Für den Djeridei Havadis.«

»Den kenne ich nicht.«

»In Constantinopel.«

»Oh, ah! Wie heißen Sie?«

»Mulei-Ben-Hamsa-Spleen-John-Nathanael-Bull.«

Der Engländer horchte auf. Er fixirte den Sprecher scharf, um zu ergründen, ob derselbe ernst geantwortet habe. Dann fragte er:

»Sie werden den Raub auch in Ihrem Blatte berichten?«

»Natürlich.«

»Erzählen Sie mir Alles. Ich werde schreiben.«

Er sah sich nach einem Stuhle um; da ihm aber keiner angeboten wurde und es ihm als Engländer gar nicht einfiel, einen Sitz zu benutzen, den man ihm nicht höflich angetragen hatte, so zog er die Maschinerie unter dem Arme hervor und sagte:

»This is my umbrella-, musik- and smoking-chair!«

Also ein Regenschirm-, Musik- und Rauchstuhl war das Instrument. Er legte es auseinander. Es kamen drei Beine und ein Sitz zum Vorschein, über welchem sich der Schirm ausspannte. Der Stock dieses Schirmes war hohl und diente als Pfeifenrohr, während unter dem Sitze sich der Kopf für den Tabak befand. Sobald der Engländer den Sitz berührte, ertönte neben diesem Kopfe die englische Nationalhymne unter dem Sitze hervor. Es war da eine Spieldose angebracht.

Master Nathanael Robinson warf einen unendlich stolzen Blick auf die drei anwesenden Personen und bemerkte:

»So Etwas ist nur in Old England zu bekommen! Also, ich werde jetzt schreiben. Erzählen Sie!«

Er saß so ungenirt auf seinem Feldstuhle, als ob er sich draußen unter freiem Himmel befinde, hielt Bleistift und Notizbuch in den Händen und wartete auf Belmonte's Antwort, die ihm seiner Ansicht nach gar nicht vorenthalten werden konnte. Der Gefragte aber zuckte die Achsel und erklärte:

»Sie werden Ihre Erkundigungen wohl an einem anderen Orte einziehen müssen, Master Robinson!«

»An einem anderen Orte? Warum?« fragte der Engländer, indem er ganz erstaunt aufblickte.

»Weil nicht anzunehmen ist, daß Excellenz, der Graf von Latreau, in seinem Salon ein Auskunftsbureau unterhält.«

»Wer sagt das! Ich komme nur, um zu interviewen!«

»Wenn alle Zeitungen ihre Reporter schicken wollten, nähme die lästige Störung gar kein Ende!«

»Aber ich komme ja gar nicht im Auftrage aller Zeitungen! Ich schreibe nur für Lloyds Weekly London Newspapers!«

»Excellenz verzichtet, an Reporter Auskunft zu ertheilen, und es kann da keine Ausnahme gemacht werden.«

»Herr, ich bin Englishman!«

»Das ändert nichts an der Sache. Begeben Sie sich nach dem Polizeibureau dieses Bezirkes, in welchem die Thäter wohnten. Dort werden Sie Alles erfahren.«

»Wo liegt dieses Bureau?«

»Ich glaube, in der Rue des Poissonièrs.«

»Well! Ich werde gehen. Ich werde aber auch in meinem Blatte die Thatsache veröffentlichen, daß man hier einem Englishman die Auskunft verweigert hat!«

»Thun Sie das immerhin! Diese Bemerkung verlängert Ihren Bericht und vergrößert also das Honorar, welches Sie zu fordern haben werden!«

Der Engländer packte seinen Musikstuhl zusammen, steckte Notizbuch und Bleistift in die Tasche und meinte dann:

»Ich werde doch noch Alles erfahren! Good b'ye - gehabt Euch wohl!«

Er wollte gehen, drehte sich aber, als er bereits an der Thür angekommen war, noch einmal um und fragte:

»Könnte ich denn nicht wenigstens die Photographieen der geraubten Dame und ihres Befreiers erhalten? Wir würden darnach Holzschnitte anfertigen lassen und die Bilder dann veröffentlichen.«

»Danke, Mylord!« lachte der Graf. »Wir verzichten auf diese Ehre, in Old England so bekannt zu werden.«

»Well! Ich werde die Portraits doch noch erhalten!«

Er ging. Diese eigenthümliche oder vielmehr komische Scene hatte den drei Personen eine ganz andere Stimmung ertheilt. Der General lachte herzlich; Belmonte stimmte ein, und Ella mußte auch zugestehen, daß dieses Intermezzo mehr lächerlich als beleidigend zu nehmen sei. Die englische Nation, welche ihre Angehörigen so prätensiös zu erziehen pflegt, hatte keinen Grund, sich auf diesen Repräsentanten viel einzubilden! Belmonte dachte allerdings nicht, daß er diesen Mann noch öfters und zwar unter höchst ungewöhnlichen Umständen wiedersehen werde.

Nach einer nur noch kurzen Unterhaltung verabschiedete sich Arthur. Er konnte nicht zurückgehalten werden, mußte aber fest versprechen, daß er vor seiner Abreise noch wiederkommen werde, um sich den Brief an den Gouverneur von Metz einhändigen zu lassen. Er wurde in der Equipage des Grafen nach seiner Wohnung gebracht.

Dort angekommen, fand er seinen Martin noch bei der Arbeit, um die Reinschrift zu beenden. Dieser saß im vorderen Zimmer, er selbst begab sich in das seinige, um einige nothwendige Briefe abzufassen, welche noch heute zur Post gelangen sollten. Er war mit dieser Arbeit noch nicht zu Ende, als er einen Wagen unten an der Thür halten hörte; gleich darauf klingelte es draußen an der Vorsaalthüre. Nach wenigen Augenblicken trat Martin zu ihm herein und meldete:

»Eine Dame will mit Ihnen sprechen, Herr Belmonte.«

»Eine Dame? Ich wüßte keine Dame, welche Veranlassung hätte, mich zu besuchen!«

»Ich auch nicht,« lachte der Diener naiv.

»Ist sie alt oder jung?«

»Weiß es nicht. Sie geht tief verschleiert.«

»Wie heißt sie?«

»Das hat sie nicht gesagt.«

»Wie ist sie gekleidet?«

»Fein, in Seide. Auch ihre Haltung, ihre Sprache zeigt, daß sie nichts ganz Gewöhnliches ist.«

»Sapperlot, Martin, Du scheinst Erfahrung zu besitzen!«

»Ja, man profitirt bei Ihnen viel, sehr viel. Soll ich sie einlassen?«

»Natürlich! Eine Dame darf man nicht abweisen.«

Martin öffnete mit einer tiefen Reverenz die Thür, ließ die Erwartete eintreten und entfernte sich dann. Sie machte Belmonte eine kleine aber höchst elegante Verbeugung. Er erwiderte dieselbe, und zwar unwillkürlich in ehrfurchtsvoller


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Weise. Er hatte sich erhoben und betrachtete diese wirklich distinguirte, vornehme Erscheinung.

Sie trug ein schwarzes Seidenkleid von einfachem Schnitt; aber der Stoff dieses Kleides war schwer und jedenfalls ungewöhnlich theuer. Sie machte ganz den Eindruck, als ob sie eine Angehörige der höchsten Aristokratie sei.

Er reichte ihr einen Stuhl, ohne aber das Gespräch zu beginnen. Sie nahm Platz, fixirte ihn durch den doppelt gelegten Schleier hindurch, welcher nicht gestattete, ihre Züge deutlich zu erkennen, und fragte dann mit einer Stimme, die einen ganz eigenen, fremdartigen Klang hatte:

»Sie sind von meinem Besuch in Verlegenheit, Monsieur?«


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»Nein. Ich stehe überhaupt allein.«

»Also keine Verwandten,« nickte sie befriedigt. »Aber vielleicht sind Sie verheirathet?«

»Ich habe noch nicht dieses beneidenswerthe Unglück gehabt.«

»Oder verlobt?«

»Auch nicht.«

»Ist Ihr Herz völlig frei?«

Das war eine eigenthümliche Frage. Diese Dame war ihm völlig unbekannt; sie hatte ihm nicht einmal ihren Namen genannt, und er war so rücksichtsvoll gewesen, nicht nach demselben zu fragen. Und nun diese Erkundigung.

Er lehnte sich mit dem Rücken an den Tisch, schlug die Arme über der Brust zusammen, blickte ihr voll und fest entgegen und antwortete:

»Auch mein Herz ist noch nicht in Banden geschlagen. Sind diese sehr privaten Erkundigungen der Zweck Ihrer Gegenwart, Madame?«

»Ja, sonst würde ich sie nicht ausgesprochen haben. Wie ich höre, sind Sie ein eifriger Besucher der großen Oper?«

»Allerdings.«

»Sie sind dort gesehen worden. Sie sind ein schöner Mann, und man hat Sie bemerkt; man ist aufmerksam auf Sie geworden.«

Jetzt begann er nicht nur zu ahnen, sondern er wußte sogar bestimmt, um was es sich handle. Es galt ein Liebesabenteuer, jedenfalls mit einer verheiratheten Frau. Er nahm daher eine etwas reservirte Haltung an und verneigte sich, ohne zu antworten.

»Man hat den Wunsch, Sie kennen zu lernen,« fuhr sie fort.

Abermals stumme Verneigung.

»Ja, man hat sogar den Entschluß gefaßt, Sie von diesem Wunsche zu unterrichten.«

Sie hatte die letzte Bemerkung mit einer etwas erhobenen Stimme gemacht, wie um seine ganze Aufmerksamkeit auf dieselbe zu richten. Er hielt jetzt das männlich schöne Gesicht dem Fenster zugewendet. Er blickte nachdenklich hinaus. Er hielt die Augen ein ganz klein wenig zusammengekniffen, so wie man es macht, wenn man auf zweifelhafte Gedanken stößt. Sodann wendete er sich schnell um und fragte:

»Wer ist es, der mich bemerkt hat?«

»Eine Dame.«

»Sie sind ihre Botin? Oder sind Sie es selbst?«

Die Gefragte ließ ein leichtes Räuspern hören und antwortete:

»Ich bin nur die Vermittlerin.«

»Was haben Sie mir zu sagen? Was ist die Absicht dieser Dame?«

»Sie wünscht Ihren Besuch. Sie wünscht Sie einmal bei sich zu sehen.«

»Das ist sehr angenehm und ehrenvoll für mich; darf ich vielleicht den Namen erfahren, Madame?«

»Jetzt allerdings noch nicht,« antwortete sie.

Sie streifte, wie spielend, den Handschuh ab, und nun erblickte Arthur ein wunderbar schönes, zartes und doch volles Händchen, an dessen Fingern einige Steine im Werthe von Hunderttausenden blitzten.

»Also auch die Adresse nicht?«

»Nein.«

»Ist sie verheirathet?«

»Hierüber habe ich ebenso zu schweigen.«

»Aber sie will mich kennen lernen! Auf welche Weise soll das geschehen, wenn ich weder ihren Namen noch ihre Wohnung zu erfahren vermag? Will etwa sie es sein, die mich besucht?«

»Auch dies ist nicht der Fall. Zunächst habe ich nur zu fragen, ob Sie bereit sein werden, die persönliche Bekanntschaft dieser Dame zu machen?«

»Wohl schwerlich, Madame. Ich muß danken!«

»Ah, wirklich?« fragte sie im Tone der Ueberraschung.

»Ja. Ich liebe Aufrichtigkeit und habe meine Bekanntschaften stets bei offenem Visire gemacht.«

»Aber, Monsieur, das ist hier in diesem Falle ja gar nicht möglich.«

»Eben darum thut es mir zwar unendlich leid, aber ich sehe mich nicht im Stande auf Ihre Offerte einzugehen.«

»Mein Herr, die Dame ist reich, sehr reich.«

»Das tangirt mich nicht.«

»Sie ist sehr schön.«

»Ist sie so schön wie Sie, Madame?«

Er ergriff dabei das schöne Händchen und zog es an die Lippen. Sie ließ dies ruhig geschehen und antwortete:

»Viel, viel schöner als ich, Monsieur.«

»Das ist unmöglich.«

»Wie können Sie das wissen? Sie haben mich noch gar nicht gesehen!«

»O doch. Ich sehe dieses wunderbare, alabasterne Händchen; ich höre den Klang Ihrer Stimme; ich erkenne die Liebe athmenden Formen Ihrer reizenden Gestalt - - Sie sind schön.«

»Aber dennoch muß ich zugeben, daß die Dame, welche mich sendet, noch schöner ist.«

»Dann ist sie nicht ein Engel allein, sondern ein Seraph. Ueber den Stand, welchem sie angehört, haben Sie wohl das tiefste Schweigen zu bewahren?«

»So ist es. Ich darf Ihnen nur verrathen, daß die Liebe, welche Sie zu erwarten haben, an keinem niedrigen Orte für Sie blüht.«

Er schüttelte abermals nachdenklich den Kopf und sagte:

»Und dennoch widerstrebt es meinem Charakter und aller meiner Lebensanschauung. Man verkehrt nur mit Personen, welche Einem offen gegenüber treten.«

»Selbst wenn diese Personen Damen sind?«

»Selbst dann.«

»Fürchten Sie sich etwa? Besorgen Sie irgend eine Hinterlist?«

Ihre Stimme hatte bei diesen Worten die allerdings kaum hörbare Spur eines malitiösen Klanges angenommen.

»Sie irren!« antwortete er ruhig. »Von Furcht ist keine Rede.«

»Und dennoch zögern Sie? Ja, man hat sich nach Ihnen erkundigt. Man hat in Erfahrung gebracht, daß Sie - Weinhändler sind. Das heißt doch, daß Sie Kaufmann sind - ein höchst prosaisches Gewerbe. Es ist da nicht zu verwundern, daß Sie rechnen und calculiren, während ein Anderer sein Glück schnell ergreifen würde. Wären Sie Officier, wozu Sie äußerlich das ganze Zeug zu haben scheinen, Sie würden eine schöne, reiche und vornehme Dame, welche Ihre Bekanntschaft machen will, nicht einen Augenblick warten lassen.«


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»Sie irren abermals,« antwortete er achselzuckend. »Ich bin Officier, trotzdem ich jetzt während meines zur Dispositionstehens die mir gehörige Zeit in prosaischer Weise, wie Sie sich auszudrücken belieben, zu verwerthen suche.«

»Officier?« fragte sie rasch. »Ein Weinhändler, Officier?«

»Ja, Madame. Sie denken nicht an den Umstand, daß in Frankreich jeder junge, zwanzigjährige Mann, wenn er gesund ist, in die Armee treten kann, und daß er dann die Officiersepauletten und den Marschallstab in der Tasche trägt!«

»Ah, wo standen Sie?«

»In Marseille.«

»Bei welcher Truppengattung?«

»Bei der Cavallerie. Ich bin sogar als Lieutenant Mitglied des Conseil de guerre gewesen.«

»Und dennoch zögern Sie, galant gegen eine Dame zu sein.«

»Ich habe für jede Dame die möglichste Aufmerksamkeit; aber kennen und sehen muß ich sie.« Und unter einem ausdrucksvollen Lächeln fügte er hinzu: »Wie nun, wenn ich käme und fände sie nicht nach der Beschreibung, welche Sie mir von ihr gemacht haben!«


Ende der achtundfünfzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk