Lieferung 6

Deutscher Wanderer

27. Oktober 1883

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


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Fritz stand da ganz ohne Bewegung. Er wußte gar nicht, wie ihm geschah. Eine Grafenkrone! Und diese beiden Personen sollten seine Eltern sein! Es war ihm, als hätte er einen Schlag vor den Kopf bekommen.

»Sie kennen diese Dame?« fragte er.

»Ja und nein, Monsieur,« antwortete Nanon. »Es war nämlich in Paris während einer Soiree, als mir eine sehr schöne Dame auffiel, da sie ganz in Schwarz gekleidet ging. Ich erkundigte mich, wer sie sei, und man sagte es mir. Ich habe den Namen wieder vergessen. Sie war eine Deutsche und zwar die Frau eines preußischen Generales. Ich erfuhr, daß sie stets in Schwarz gehe, weil sie den schrecklichen Verlust zweier Kinder betrauere.«

»Die gestorben waren?«

»Nein, sie waren ihr auf einer Reise abhanden gekommen, und nicht wiederzufinden gewesen. Etwas Weiteres konnte ich nicht erfahren. Nur das sagte man mir, es sei sehr zu verwundern, daß man die Verschwundenen nicht entdeckt habe, da ihre Kleidchen gezeichnet gewesen seien und jeder der Zwillinge einen Löwenzahn an einem feinen Goldkettchen am Halse getragen habe; es sei also sehr zu vermuthen, daß ein Verbrechen vorliege.«

»Den Ort, an welchem die Kinder verloren gegangen sind, wissen Sie nicht?«

»Nein. Ich habe mit der Dame selbst gar nicht gesprochen, und das, was ich Ihnen jetzt gesagt, erfuhr ich so nebenbei, wie ja die Unterhaltung oft von Einem auf das Andere springt. Seit jener Soiree sind bereits zwei Jahre vergangen, und man sagte mir, daß die Dame wohl über zwanzig Jahre getrauert habe.«

»Wenn Sie doch den Namen wüßten, Mademoiselle!« stieß Fritz hervor.

»Ich werde ihn erfahren, ganz gewiß! Ich werde an die Freundin schreiben, welche damals die Gesellschaft bei sich gab, und den Namen der Generalin ganz sicher erfahren. Verlassen Sie sich darauf, daß ich noch heute den Brief verfassen werde!«

»Ich danke Ihnen, Mademoiselle!« sagte er. »Seit der Zeit, in welcher ich denken lernte, habe ich mich gesehnt, meine Eltern zu finden. Ich habe mitten im Wege im Schnee gelegen; ich hin also wohl verloren worden und gehöre nicht zu jenen unglücklichen, kleinen Geschöpfen, welche von ihren Eltern verleugnet und mit Absicht ausgesetzt und einer ungewissen Zukunft überantwortet werden. Ich habe mir stets gesagt, daß meine Eltern mich gegen ihren Willen verloren haben und einen immerwährenden Kummer, eine nie gestillte Sehnsucht nach mir im Herzen tragen müssen. Darum habe ich oft heiß und innig zu Gott gebetet, mich wieder mit ihnen zusammenzuführen. Darnach, ob sie reich oder arm, vornehm oder gering sind, habe ich nie gefragt. Ja, ich gestehe Ihnen, daß es mir lieber sein würde, der Sohn eines armen, als der eines vornehmen Mannes zu sein, da ich die Bildung nicht genossen habe, welche mich befähigte, den Anforderungen einer höheren Lebensstufe Genüge zu leisten. Ich habe die Hoffnung, daß Gott mein Gebet erhören werde, niemals sinken lassen. Es ist ein schöner Kinderglaube, daß Gott seine Engel sendet, wenn er die Bitte eines Sterblichen erfüllen will; ich habe diesen Glauben stets festgehalten, und als Sie mir im Traume als Engel erschienen, da war es mir, als sei es eine Sünde, an Ihrer Sendung zu zweifeln. Jetzt nun will mir der Beweis werden, daß dieser Traum nicht zu den Schäumen gehöre. Der erste Fingerzeig nach den Eltern wird mir durch Sie. Sollte mir die Seligkeit bescheert sein, jene zu finden, so werde ich Sie als einen


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Boten Gottes verehren, so lange ich lebe, und bis zu meiner Todesstunde werde ich den heutigen Tag segnen, der mir die Offenbarung gebracht hat, daß wir die Seligkeit nicht allein in der Bibel und nicht nur jenseits der Grenze dieses Erdenlebens zu suchen haben!«

Seine Worte hatten einen herzlichen, innigen Klang. Seine Augen waren mit einem Ausdruck auf sie gerichtet, wie der Betende eine Heilige oder die Madonna anschaut. Seine Lippen zuckten leise unter den Gefühlen, welche in diesem Augenblicke sein Herz erfüllten. Sie sah es; sie hörte nicht nur den seelentiefen Klang seiner Stimme, nein, sie fühlte ihn auch; er drang ihr in die heimlichsten Räume ihres Herzens hinab. Und aus diesen Räumen stieg ihr eine Regung empor, so rein und innig, so süß und traut, wie sie im ganzen Leben noch nie gefühlt hatte. Sie reichte ihm die Kette mit dem Löwenzahne hin und sagte:

»Es kann jeder Mensch ein Engel sein, wenn er dem Gebote Gottes folgt, welches Liebe und Erbarmung predigt. Ich würde sehr glücklich sein, daß Ihr Traum durch mich in Erfüllung geht. Ich bin so gespannt auf die Antwort meiner Freundin, als ob ich selbst das verlorene Kind sei, welches seine Eltern sucht. Wo aber kann ich Sie finden, um Ihnen diese Antwort mitzutheilen?«

»Bei Doctor Bertrand, bei welchem ich ja wohne, Mademoiselle.«

»Gut. Sie sollen keine Minute auf mich zu warten haben. Jetzt aber kommen Sie, damit ich endlich den Weg nach dem Schlosse finde!«

Er hing die Kette wieder um und führte sie dann weiter. Sie erreichten bald einen gebahnten Weg, aber er verließ sie nicht eher, als bis sie sich dem Schlosse soweit genähert hatten, daß sie es sehen konnten. Da nahmen sie Abschied von einander. Ihm war es dabei, als ob er dem Schlosse das höchste, köstlichste Gut der Erde anvertraue, und sie trennte sich von ihm mit der Ueberzeugung, daß dieser Mann es werth sei, die Gunst des Schicksals in höherem Grade zu erringen, als bisher.

Als sie hinter den Bäumen und Sträuchern des Parkes verschwunden war, drehte er sich um und kehrte langsam in den Wald zurück. Es war ihm, als sei er in der letzten Stunde ein ganz anderer Mensch geworden. Dieses schöne, herrliche Wesen hatte ihn geküßt. Er fühlte den warmen, weichen Druck ihrer Lippen noch jetzt auf den seinigen. Es deuchte ihm, als sei er durch diese Berührung gefeit gegen alles Unglück des Erdenlebens, als habe er eine Weihe erhalten, die ihn berechtigte, sein Auge selbstbewußter aufzuschlagen, als bisher. Er fühlte eine Spannung in seinem Innern und Aeußeren, in seiner Seele und in seinem Körper, einen Drang, seine Kraft zu bethätigen, eine Sehnsucht nach Thaten, durch welche er der Geliebten ebenbürtig werden könne.

Der Gedanke, daß der Zahn in eine Grafenkrone gefaßt war, machte ihm gar wenig zu schaffen. Dieser Umstand konnte ein sehr trügerischer sein und gab ihm noch lange nicht die Berechtigung zu der Annahme, daß er der Sohn eines Grafen sei. Ganz im Gegentheile, der nächste Gegenstand, welcher ihn beschäftigte, war sein Kräutersack, welchen er vergessen hatte. Er wollte ihn aber nicht liegen lassen und schritt also der Gegend wieder zu, in welcher der Ort lag, wo er mit Nanon gesessen hatte.

Dort angekommen, fand er den liegen gelassenen Gegenstand. Er hob ihn nicht sogleich auf, um sich zu entfernen, sondern er legte sich langsam wieder nieder, gerade an derselben Stelle, auf welcher er vorher gelegen hatte. Und nun stellte er sich vor, daß auch sie wieder da vor ihm auf dem Kräutersack liege. Er sah die sanften Züge ihres Gesichtes, den reinen, kindlichen Blick ihrer blauen Augen; er hörte den seelenvollen Ton ihrer Stimme und vergegenwärtigte sich jedes Wort, welches sie gesprochen hatte. Er schloß die Augen und träumte von ihr, träumte so lange, daß er fast erschrak, als er die Augen öffnete und da bemerkte, daß es bereits zu dunkeln begann.

»Sapperlot,« sagte er zu sich, »da liege ich und vergesse meine Pflicht. Ich muß ja nach dem Thurme, um dort meinen Posten zu beziehen! Vorwärts, Fritz; das Sinnen führt zu nichts; es muß gehandelt sein!«

Er erhob sich, warf den Sack auf seine Schulter und verließ den Ort.

Aber er war doch noch nicht ganz Herr seiner Gedanken, denn er schritt in ganz entgegengesetzter Richtung fort, als nothwendig gewesen wäre, um den Thurm zu erreichen. Zunächst bemerkte er seinen Irrthum nicht. Es war schnell dunkel geworden, und da ein Baum dem anderen ähnlich sieht, so war eine Täuschung leicht möglich. Nach einer längeren Zeit jedoch blieb er stehen, um sich zu besinnen.

»Was ist denn das?« fragte er sich. »Ich bin bereits eine halbe Stunde gelaufen, und müßte also schon längst irgend einen Weg erreicht und gekreuzt haben. Ich hoffe nicht, daß ich vielleicht gar im Kreise gehe, wie es einem im Walde leicht passiren kann!«

Er ging weiter. Es wurde immer dunkler, und der Wald nahm an Dichtigkeit zu. Er konnte bald nur noch durch das Gefühl die Bäume von einander unterscheiden und mußte sich oft bücken, um unter den niedersten Aesten hinwegzukommen.

»Ja, ich habe mich richtig verlaufen,« dachte er. »Soll ich umkehren? Nein; das würde die Sache nur verschlimmern, denn den Ort, von dem ich ausgegangen bin, finde ich in dieser Finsterniß doch nicht wieder. Dieser Forst ist kein unendlicher Urwald; wenn ich immer geradeaus gehe, komme ich doch heraus. Also weiter!«

Er hielt sich immer in der nun einmal eingeschlagenen Richtung. Freilich mußte er sich forttasten und konnte also keine raschen Schritte machen. So war er weit über eine Stunde gewandert, als sich plötzlich der Wald, gerade als er am dichtesten schien, öffnete, und den mit Sternen besetzten Himmel sehen ließ. Fritz blieb stehen, um sich zu orientiren.

Sonderbar! Gerade vor ihm, keine zwanzig Schritte entfernt, erhob sich eine hohe, dunkle Masse, so compact und lückenlos, daß sie keine Bäume sein konnte. Er ging darauf zu und betastete sie. Es war eine steinerne Mauer, welche er fühlte. Er blickte an ihr empor, gegen den Sternenhimmel und gewahrte da, daß ihre obere Linie höchst unregelmäßig lief. Hier und dort hoch auf der Erde liegendes Geröll belehrte ihn, daß er wahrscheinlich vor einer Ruine stehe. Die Ruine des Thurmes aber war es nicht; das wußte er gewiß.

Das Gemäuer war sehr hoch und schien sich auch nach rechts und links weit hinzuziehen, er vermuthete, daß es die hintere Wand eines einst sehr ausgedehnten Bauwerkes sei. Er wendete sich zur Seite und schritt an der Mauer hin. Der umherliegende Schutt machte ihm das Gehen schwer, und er erreichte die Ecke, ohne einen Eingang oder eine sonstige


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Oeffnung bemerkt zu haben. Jetzt bog er um die Ecke. Ein Blick gegen den Himmel belehrte ihn, daß das Gebäude hier eine größere Höhe habe. Es zeigte mehrere übereinanderliegende Fensterreihen, welche aber kein einziges Glas mehr zu enthalten schienen.

Hier auf dieser Seite schien das Mauerwerk besser erhalten zu sein, denn auf dem Boden lagen keine Trümmer, und nur zuweilen stieß sein Fuß an einen herabgefallenen Steinbrocken, sonst aber fühlte er nichts als weiches Gras, welches seine Schritte fast unhörbar machte. So war er eine bedeutende Strecke diesseits an der Mauer hingegangen, als es ihm war, als ob er nahende Schritte hörte. Sofort sprang er von der Mauer fort und links hinüber unter die Bäume, wo er nicht mehr bemerkt werden konnte.

Er sah sehr bald, daß er sich nicht getäuscht habe, denn kaum hatte er sich unter die Bäume niedergeduckt, als er drei Gestalten bemerkte, welche näher kamen, gerade daher, von woher auch er gekommen war. Vorher hatte er nur den Schall ihrer Schritte gehört, jetzt aber vernahm er auch ihre Stimmen, denn sie sprachen miteinander.

»Heute hätte ich nicht erwartet, das Zeichen auf der Linde zu sehen,« sagte der Eine.

»Es muß eine außerordentliche Veranlassung sein, welche den Alten treibt, uns zusammenkommen zu lassen,« bemerkte der Andere.

»Ich vermuthe diese Veranlassung,« meinte der Dritte.

»Nun, was mag es sein?«

»Der Alte hat vornehmen Besuch bekommen. Ich war in Thionville und sah, daß er Besuch abgeholt hatte. Er saß mit zwei Herren im Wagen, und mehrere Diener folgten in der zweiten Kutsche. Das steht jedenfalls in Beziehung zu unserer Versammlung.«

Damit waren sie vorübergeschritten, und Fritz konnte nichts weiter verstehen. Aber er hatte doch so viel gehört, daß hier eine geheime Zusammenkunft abgehalten werden solle. Er hielt es für wichtig, mehr über dieselbe zu erfahren. Darum versteckte er seinen Sack unter eine junge Buche, deren niedere Aeste sich fast bis zum Boden erstreckten, so daß man ihn, zumal jetzt bei Nacht, nicht entdecken konnte. Sodann fühlte er in die Taschen, um sich zu überzeugen, daß er seine Waffen noch bei sich habe, und nun trat er unter den Bäumen hervor und folgte den drei Männern, natürlich leise und vorsichtig, um nicht bemerkt zu werden.

Es gelang ihm, ihnen so nahe zu kommen, daß das Geräusch ihrer Schritte an sein Ohr drang, aber sich ihnen noch weiter zu nähern, hielt er nicht für rathsam.

Er war ihnen nur eine kleine Strecke gefolgt, so hörte er einen Anruf, auf welchen drei Stimmen ganz dieselbe Antwort zu geben schienen. Im nächsten Augenblicke waren die Schritte verklungen; er konnte sie trotz allen Lauschens nicht mehr vernehmen.

Was war das? Stand hier ein Posten, eine Schildwache?

Er glitt ganz leise vorwärts. Er hörte vor sich ein leises Räuspern und hielt an. Eine breite, dunkle Stelle in der Mauer des Gebäudes ließ ihn vermuthen, daß sich hier ein Thorweg befinde. Unter diesem stand jedenfalls der Mann, welcher soeben einen Hustenreiz unterdrückt hatte. Fritz trat wieder hinüber unter die Bäume und glitt da vorwärts, bis er sich dem Thore gegenüber befand.

Hier nun sah er eine tiefe, breite Durchfahrt, in deren hinterem Theile das Licht einer Blendlaterne einen Schein verbreitete, welcher eher im Stande war, die Finsterniß noch dichter erscheinen zu lassen, als sie zu erhellen. Diese Durchfahrt war mit keinem Thore versehen, und gegen den Schein der Blendlaterne zeichnete sich die Gestalt eines Mannes ab, welcher im Eingange stand und mit einem Gewehre bewaffnet war.

Fritz hatte diese Beobachtungen kaum gemacht, als er wieder Schritte hörte. Sie kamen von der anderen Seite her. Es war ein Mann. Als er das Thor erreichte, fragte die Wache:

»Qui vive - Wer da?«

»Un défenseur de la France - ein Vertheidiger Frankreichs,« lautete die Antwort.

»Il passe - er kann passiren!«

Auf diesen Bescheid des Postens trat der Mann ein, durchschritt die Durchfahrt, und verschwand dann im Dunkel des hinter ihr liegenden Raumes.

Fritz fragte sich, was nun zu thun sei. Er war sich sehr im Zweifel darüber.

»Das Beste ist, zu fragen, was mein Rittmeister, oder vielmehr mein Doctor Müller, jetzt an meiner Stelle thun würde,« sagte er zu sich. »Es handelt sich um eine geheime Zusammenkunft, welche jedenfalls hochpolitischer Natur ist. Um etwas Näheres über sie zu erfahren, muß man sie belauschen, und um sie zu belauschen, muß man eintreten. Das ist zwar unter allen Umständen verteufelt gefährlich, aber ich bin überzeugt, daß der Herr Rittmeister es wagen würde. Warum du nicht also auch, Fritz? Erwischen sie mich, nun, so hatte ich mich verirrt, und war vor Ermüdung in dieser Ruine eingeschlafen. Die Hauptsache ist, zu erfahren, ob die Parole, welche ich soeben gehört habe, für Alle gilt. Ich werde dies also abwarten.«

Er setzte sich nieder und wartete. Es kamen in kurzer Zeit von rechts und links mehrere Leute, welche alle in der Weise angerufen wurden und auch genau so antworteten, wie er vorhin gehört hatte. Da trat er also, kurz entschlossen, unter den Bäumen hervor und schritt auf den Eingang zu, als ob er die Localität ganz genau kenne.

»Qui vive - Wer da?« frug der Posten.

»Un défenseur de la France - ein Vertheidiger Frankreichs,« antwortete er.

»Il passe - er kann passiren!« lautete der Bescheid.

Fritz trat ein, schritt durch den Gang, bei der Laterne vorbei und befand sich nun, wie er bemerkte, in einem großen, viereckigen Hof, der rings von hohen Gebäuden umgeben zu sein schien. Mauern konnten es nicht sein, welche das Viereck bildeten, denn diese wären nicht so hoch gewesen, und zudem war es ihm ganz so, als ob er zahlreiche dunkle Fensteröffnungen erkenne. Und bei weiterer Aufmerksamkeit bemerkte er, daß an den vier Ecken das dunkle Mauerwerk höher emporragte, als an den Seiten.

Er beschloß daher, zunächst den Hof zu umschleichen, um sich zu orientiren. Während er dies that, überzeugte er sich, daß an jeder Ecke einst ein Thurm gestanden hatte. Alle vier waren mit einem schmalen Eingang versehen. So groß das Viereck aber auch war, und so viele Fenster es auch hatte, keines derselben war erleuchtet.

Wohin gingen alle die Leute, welche er auch jetzt noch kommen hörte? Er beobachtete sie und bemerkte, daß sie im


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Eingange eines dieser Thürme verschwanden. Ganz tief unten in diesem Eingange sah er ein Licht glänzen.

Gab es da unten auch eine Parole, eine Losung? Das mußte er erfahren. Er legte sich hart am Eingange, dicht an der Mauer, auf den Boden und wartete. Nach einer Welle kam Einer dahergeschritten. Während er eintrat, fiel der Lichtschein auf sein Gesicht, und da bemerkte Fritz, daß der Mann eine schwarze Maske trug.

Er horchte. Als der Mann mehrere Schritte gegangen war, ertönte die Frage:

»La légitimation

»Je meurs pour la patrie - ich sterbe für das Vaterland!« antwortete er.

»Avance - gehe weiter!«

Fritz blieb noch eine Weile liegen und beobachtete, daß alle Ankommenden diese schwarze Maske trugen. Es waren auch immer dieselben Worte, mit denen sie angerufen wurden, und welche sie antworteten. Dann verschwanden sie im Hintergrunde.

»Ach, wenn ich auch eine Larve hätte, so wäre Alles gut. Es ist fast gewiß, daß die Maske gar nicht abgelegt wird, damit sich die Verschwörer nicht untereinander erkennen. Das würde mir meine vollständige Sicherheit garantiren. Aber, beim Teufel, ist es denn so ganz unmöglich, sich ein solches Ding zu verschaffen? Pah! Ich nehme einen dieser Kerls bei der Gurgel, dann habe ich ja sogleich das, was ich brauche.«

Gesagt, gethan. Er erhob sich und huschte etwas weiter zurück, so daß er gerade in die Mitte zwischen dem Hauptthore und dem Thurme kam. Dort duckte er sich nieder und wartete. Bereits nach wenigen Augenblicken kam ein Mann. Fritz ließ ihn vorüber, erhob sich aber schnell hinter ihm, faßte ihn mit beiden Händen an der Gurgel und drückte ihm dieselbe so fest zusammen, daß der Mann keinen Laut ausstoßen konnte. Er sank auf den Boden nieder und blieb da lang ausgestreckt liegen. Fritz faßte ihn an und trug ihn in die entfernteste Ecke. Dort untersuchte er ihn. Der Mann trug eine Blouse, wie dort gebräuchlich, welche mit einem Gürtel um die Hüften befestigt war. Fritz nahm den Letzteren und zerschnitt ihn in drei lange Riemen, mit denen er die Arme und Beine des Mannes in der Weise fesselte, daß sich derselbe nicht regen konnte. Dann nahm er ihm die Maske vom Gesicht, und steckte ihm sein eigenes Taschentuch in den Mund, so daß es ihm unmöglich war, um Hilfe zu rufen, falls er erwachte. Die Maske band er nun sich selbst vor, und schritt dem Thore zu.

Er gestand sich selbst ein, daß es ein höchst gefährliches Wagestück sei, welches er unternahm, aber der muthige Unterofficier bebte vor Nichts zurück; es galt ja, dem Vaterlande und seinem Rittmeister einen Dienst zu erweisen. Ueberdies hatte das Zusammentreffen und die Unterredung mit Nanon ihn in eine Art von Begeisterung versetzt. Sie hatte ihm gesagt, daß er befähigt sei, höhere Ziele zu erreichen. Diese Worte klangen ihm noch jetzt im Ohre, und, um sie zu bewahrheiten, mußte er Thaten vollbringen; durch Träumereien erreicht man niemals einen Zweck.

Er trat beherzt im Thurme ein und schritt auf das Licht zu. Dort stand abermals ein Posten, welcher mit einem Gewehre bewaffnet war. Er hielt ihm dasselbe entgegen und fragte:

»La légitimation

»Je meurs pour la patrie - ich sterbe für das Vaterland,« antwortete Fritz. Und damit hatte er ja keine Unwahrheit gesagt, er bewies ja durch seine gegenwärtige Kühnheit, daß er bereit sei, für sein Vaterland das Leben zu wagen. Freilich war bei ihm unter Vaterland nicht Frankreich, sondern Deutschland zu verstehen.

»Avance - gehe weiter!«

Bei diesen Worten nahm der Posten sein Gewehr zurück und ließ Fritz passiren.

Dieser befand sich jetzt in einem engen Gange, der in gewissen Entfernungen von Lampen erleuchtet war. Dieser Gang endete an einer Treppe, welche in die Tiefe führte. Fritz stieg hinab und gelangte in einen ähnlichen Gang, welcher an einer Thür endete, welche nur angelehnt war. Er öffnete, und befand sich in einem großen, unterirdischen Saale, in welchem sich bereits mehrere hundert Menschen befanden, welche alle maskirt waren. Der Raum war von mehreren großen Leuchtern ziemlich gut erhellt. An der hintersten Wand gab es eine Erhöhung, auf welcher mehrere Stühle standen.

Die Anwesenden verhielten sich vollständig schweigsam. Sie standen wortlos Einer neben dem Anderen und erwarteten bewegungslos, was da kommen werde.

Nach und nach kamen immer mehr, so daß sehr bald der Saal vollständig gefüllt war. Jetzt trat einer der Anwesenden zur Thür, zog einen riesigen Schlüssel hervor und verschloß sie. Beim Kreischen des alten Schlosses durchschauerte es den Deutschen. Es war ihm, als ob er sich in eine hoffnungslose Gefangenschaft begeben habe.

Kaum war der Eingang verschlossen, so ertönte eine Glocke, und im Hintergrunde öffnete sich eine zweite Thür. Drei Männer traten herein und bestiegen die Erhöhung. Zwei von ihnen nahmen auf den Stühlen Platz, der Dritte aber blieb stehen. Unter seiner schwarzen Halbmaske blickte ein großer, eisgrauer Schnurrbart hervor. Wer den alten Capitän von Schloß Ortry nur ein einziges Mal gesehen hatte, der konnte gar nicht im Zweifel darüber sein, daß er es war, der dort auf dem Podium stand.

Die Glocke ertönte abermals, und der Alte erhob die Hand, zum Zeichen, daß er sprechen wolle.

»Ich habe heute das Zeichen zur Versammlung gegeben,« begann er, »um Euch zu sagen, daß endlich die Zeit gekommen ist, zur That zu schreiten. Diese That erfordert Vorübungen, und so habe ich den Entschluß gefaßt, Euch die Waffen -«

Er hielt plötzlich inne und lauschte. Er und alle Anwesenden hatten drei rasche Schläge gehört, welche am vorderen Eingang geschahen. Die Schläge wiederholten sich, und sogleich ließ sich eine außerordentliche Unruhe unter der Versammlung bemerken.

Der Posten, welcher am Haupteingange stand, hatte nämlich geglaubt, seiner Pflicht genügt zu haben und sich, als seiner Meinung nach der letzte Mann eingetreten war, nach dem Hofe begeben wollen, als noch Einer erschien. Dieser wurde von ihm angeredet wie die Anderen und gab die vorgeschriebene Antwort. Er mußte also eingelassen werden. Aber der Posten schüttelte den Kopf.

»Sollte ich mich verzählt haben?« murmelte er. »Es ist Einer zu viel. Ich werde, um sicher zu sein, doch nach dem Thurme gehen, um mich zu erkundigen.«

Er trat in den Hof. Er war gewiß mißtrauisch geworden, und das Mißtrauen schärft unter solchen Umständen die


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Sinne. Er blieb stehen, um zu horchen, und da war es ihm, als ob er ein unterdrücktes, angstvolles Stöhnen vernehme.

»Was ist das?« fragte er sich. »Das klingt ja gerade so, als ob Einer ersticken oder abgewürgt werden solle. Die Töne kommen von dort herüber.«

Er nahm sein Gewehr in Anschlag und schritt der Richtung entgegen, die er angegeben hatte. Er kam so in die dem Versammlungsthurme gegenüberliegende Ecke. Das Stöhnen war, je näher er kam, immer vernehmlicher geworden, und nun sah er eine dunkle Masse vor sich liegen, welche diese Töne ausstieß. Er bückte sich vorsichtig nieder und erkannte, daß es ein Mensch war, der am Boden lag.

»Alle Teufel, wer ist das?« fragte er.

Ein abermaliges Stöhnen antwortete. Es schien aus der Nase des Daliegenden zu kommen. Der Posten bückte sich nieder, um diesen zu betasten.

»Ah, gefesselt und gar geknebelt!« sagte er. »Warte einmal!«

Er zog dem Manne das Tuch aus dem Munde, welches nicht verhindert hatte, daß dieser durch die Nase wimmern konnte, und fragte ihn:

»Bist Du ein Bruder?«

»Mein Gott, ja,« lautete die Antwort, »ein Vertheidiger Frankreichs.«

»Das stimmt. Aber nun sage auch das Paßwort! Wie lautet die Legitimation?«

»Ich sterbe für Frankreich!«

»Richtig! Aber wie bist Du denn zum Teufel in diese Lage gekommen?«

»Das werde ich Dir erzählen; nur löse mir vorher die verdammten Fesseln!«

»Werde mich wohl hüten! Erst muß ich mich überzeugen, ob ich es auch darf.«

»Nun,« erzählte der Andere, »ich war an Dir vorüber und ging nach dem Thurme; da faßte mich Jemand von hinten und drückte mir den Hals so fest zusammen, daß ich die Besinnung verlor. Als ich wieder zu mir kam, lag ich gefesselt und geknebelt hier in der Ecke. Glücklicher Weise konnte ich durch die Nase stöhnen. Du hast das gehört. Eile, um anzuzeigen, daß ein Verrath im Werke ist!«

»Donnerwetter, das genügt, um Dich zu erlösen! Aber wo ist Deine Maske?«

»Sie ist mir jedenfalls von Dem, welcher mich würgte, abgenommen worden.«

»Ah, er hat keine mitgehabt und brauchte sie, um in die Versammlung zu kommen. Das ist ein muthiger, ein gefährlicher Mensch; der muß festgenommen werden!«

Er löste die Riemen, und nun eilten die Beiden nach dem Thurme. Dort erkannten die beiden Posten beim Scheine des Lichtes den gefesselt Gewesenen. Es war ein Bewohner der Umgegend, gegen den man kein Mißtrauen haben konnte.

»Gehe heim,« sagten sie, »damit die Anderen Dich nicht erkennen, da Du jetzt keine Maske mehr hast. Wir werden sogleich Anzeige machen.«

Während er sich entfernte, eilten sie durch Gänge und Treppen hinunter und gaben an der verschlossenen Thür durch drei Schläge das Zeichen, welches für solche Fälle vereinbart worden war. Der alte Capitän hielt also in seiner Rede inne, und als die Schläge sich wiederholten, eine Täuschung also nicht möglich war, gebot er:

»Ich befehle, ruhig zu bleiben. Eine Gefahr für Euch giebt es nicht!«

Er stieg von der Erhöhung herab und durchschritt den Saal, um nach dem Eingange zu gelangen. Derselbe Mann, welcher die Thür vorhin verschlossen hatte, öffnete ihm dieselbe und ließ ihn hinaus. Keiner der Anwesenden sprach ein Wort, obgleich sich alle jedenfalls in der außerordentlichsten Spannung befanden.

Fritz hatte einen Platz gerade in der Mitte der einen Mauerseite gefunden. Es war ihm nicht wohl zu Muthe. Sollte er fliehen, jetzt, wo der Eingang geöffnet war? Er hätte draußen jedenfalls einen Kampf zu bestehen gehabt und wäre sicher von der ganzen Versammlung verfolgt worden. Uebrigens war es ja noch gar nicht gewiß, daß diese Störung sich auf ihn bezog: sie konnte ja eine ganz andere Veranlassung haben. Er beschloß also, zu warten, dachte aber unterdessen nach, auf welche Weise er sich retten könne, wenn man wirklich entdeckt habe, daß sich ein fremder Eindringling im Saale befinde.

Er mußte sich sagen, daß der Eingang in diesem Falle ganz sicher verschlossen werde. Vielleicht aber blieb die Thür unverschlossen, durch welche die Drei eingetreten waren, welche die Dirigenten dieser Zusammenkunft zu sein schienen.

Wie aber diese Thür erreichen, ohne aufgehalten zu werden? Er blickte sich im Saale forschend um und machte eine Entdeckung, welche ihn mit innerer Freude erfüllte. Die vier Leuchter nämlich, welche den Raum erhellten, hingen an Schnuren, welche oben an der Decke hinliefen, und sich dann an der Seitenmauer an einen Nagel vereinigten, welcher kaum drei Schritte von Fritz entfernt war. Das war ein höchst günstiger Umstand für ihn. Er schob sich also, während der alte Capitän sich draußen von den Posten informiren ließ, ganz langsam an der Mauer hin, so daß man seine Absicht gar nicht bemerken konnte, und kam auch glücklich so zu stehen, daß er den Nagel mit einem schnellen Griff erreichen konnte.

Ein anderer Umstand mußte ihm eben so günstig werden, nämlich der, daß die meisten Anwesenden gerade so wie er selbst, mit blauen Blousen bekleidet waren.

Da endlich trat der Alte wieder ein. Auf seinen Wink wurde die Thür sorgfältig wieder verschlossen, und die beiden Posten, welche mit ihm eingetreten waren, pflanzten sich mit ihren Gewehren vor derselben auf. Er schritt auf das Podium zu und erklärte, als er auf demselben Platz genommen hatte:

»Ich verlange, daß Niemand seinen Platz verläßt! Es ist ein Verräther unter uns. Einer der Unserigen ist droben im Hofe meuchlings überfallen und so gewürgt worden, daß er die Besinnung verloren hat. Man hat ihn gefesselt und geknebelt und ihm die Maske abgenommen. Der Thäter befindet sich unter uns, denn im Gange ist die Zahl der Unserigen richtig gewesen, während am Thore einer zu viel gewesen ist.«

Er machte eine Pause, welche von keinem Laute unterbrochen wurde, und fuhr dann fort:

»Ich habe bisher Gründe gehabt, Vorkehrungen zu treffen, daß Keiner von Euch den Anderen kennt; darum gebot ich, daß ein jeder in Maske erscheine. Diese Gründe bestehen auch heute noch; ich kann also nicht verlangen, daß sich die Versammlung demaskire; aber ich kenne einen jeden Einzelnen genau. Es mag einer nach dem Anderen herbeikommen und hier bei mir seine Maske lüften; der Verräther wird sicher


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entdeckt und unschädlich gemacht. Tretet in geordneten Reihen zusammen; damit kein Irrthum entsteht, mag ein jeder seinen Nachbar beaufsichtigen, daß es dem Fremden nicht gelingt, sich unter Diejenigen zu stellen, welche sich hier bei mir als Brüder ausgewiesen haben!«

In Folge dieses Befehles entstand eine Bewegung im Saale, welche dem Deutschen Gelegenheit gab, seinen Vorsatz auszuführen. Während die Anwesenden sich Mühe gaben, in Reihe und Glied zu gelangen, erhob er mit einer gedankenschnellen Bewegung den Arm - ein kräftiger Ruck, und der Nagel fuhr aus der Wand. In demselben Augenblicke stürzten sämmtliche vier Lampen von der Decke herab auf die Köpfe der sich darunter Befindenden. Die Lampen waren mit Petroleum gefüllt. Die Schirme und Cylinder zerbrachen auf den Köpfen; das Oel ergoß sich über sie; einer der Ballons explodirte; da, wo dies geschah, zischte eine grelle Flamme empor, während übrigens tiefes Dunkel herrschte. Diese Flamme ergriff die Kleider der Verletzten. Angstvolle Rufe erschollen; eine ungeheure Verwirrung entstand. Mit den geordneten Reihen war es aus.

»Sauve qui peut - rette sich, wer kann!« riefen hundert Stimmen.

Bei der Menge der Anwesenden standen diese dicht gedrängt. Diejenigen von ihnen, deren Kleider in Brand gerathen waren, brüllten vor Angst und Schmerz; die Anderen suchten, aus ihrer Nähe zu kommen, um nicht auch von der Flamme ergriffen zu werden. Man drängte nach der Thür. Der Capitän sah ein, daß Mord und Todtschlag entstehen werde, wenn er die Versammlung zwinge, hier zu bleiben. Er rief also dem Posten zu:

»Oeffnet den Eingang, rasch, rasch! Der Verräther mag lieber entkommen!«

Die Thür wurde aufgeschlossen, und nun entstand dort ein förmliches Gebalge, da ein Jeder der Erste sein wollte, welcher der Gefahr entrann. Nur einige wenige Besonnene drängten sich zu den Brennenden, um ihnen beizustehen, und womöglich die Flammen zu löschen.

Fritz hatte zunächst die Absicht gehabt, sich, sobald die Lampen stürzten, nach der Thür zu retiriren, durch welche der Alte eingetreten war; er wußte zwar nicht, wohin sie führte, aber sie gewährte wenigstens die Hoffnung auf irgend einen Rettungsweg; er gab aber natürlich die Absicht sofort auf, als er den Befehl des Alten hörte, die Thür zu öffnen. Da war ja nun Alles gut; da war ja nun jede Gefahr vorüber. Er schloß sich also Denen an, welche die Kraft ihrer Ellenbogen in Anwendung brachten, um rasch aus dem Saale zu kommen.

Der Capitän hatte kaum den soeben erwähnten Befehl gegeben, so erhob sich der eine seiner Begleiter und sagte im Tone des Vorwurfes:

»Aber den Menschen sollten Sie auf keinen Fall entkommen lassen!«

Es war die Stimme des Grafen Rallion, welcher heute mit Lemarch nach Ortry gekommen war. Der Dritte war sein Sohn, der Oberst. Die grauen Schnurrbartspitzen des Capitäns zogen sich in die Höhe, so daß man sein gelbes Gebiß sehen konnte.

»Keine Sorge!« antwortete er. »Folgen Sie mir rasch, meine Herren!«

Er sprang vom Podium und zu der hinteren Thür hinaus; die anderen Beiden folgten. Die Thür wurde verschlossen. Hinter ihr lief ein Gang weiter fort, aber es führte auch eine schmale Treppe empor. In einer Nische stand eine Lampe. Der Capitän ergriff sie und eilte die Treppe hinauf. Sie führte zu einer Steinplatte, welche der Alte zur Seite schob. Beim Scheine des Lichtes sahen die beiden Rallion's, daß sie sich in einem öden Gemache befanden, welches drei Fenster hatte, welche aber ohne Glas und Rahmen waren. Der Capitän blies die Lampe aus und sagte:

»Rasch durch das Fenster hinaus in den Hof und nach dem Thore! Wir kommen eher als die Anderen. Ich habe ein besonderes Paßwort für den Ausgang; es heißt »Buonaparte«. Jeder, welcher fort will, muß es sagen. Wer es nicht weiß, ist der Mann. Damit es schneller geht, helfen Sie mir Beide!«

Ein Sprung durch das nicht sehr hoch liegende Fenster brachte sie auf den Hof, und eben als die ersten der Verschworenen aus dem Thurme traten, hatten die Drei das Thor erreicht, wo sie sofort Posto faßten.

»Halt!« rief der Alte den herbeiströmenden Menschen entgegen. »Ein jeder hat das Ausgangswort einem von uns Dreien zu sagen, aber so leise, daß es der Spion nicht hören kann. So fangen wir ihn doch! Vorwärts!«

Fritz befand sich unter den Vordersten. Wäre er jetzt umgekehrt, so hätte er Verdacht erweckt; man hätte ihn sicher sogleich ergriffen. Er griff in die Tasche, zog sein Messer, und ließ sich von den hinter ihm Stehenden ganz willig vorwärts schieben. Bereits hatten Mehrere das Paßwort gesagt und also gehen dürfen, da kam er vor den alten Rallion zu stehen. Er wollte sich an diesem vorüberdrängen, aber der Graf faßte ihn.

»Halt, Mann, das Wort!« gebot er.

Fritz beugte sich an sein Ohr, als ob er es ihm zuflüstern wolle, versuchte aber dabei, sich durch einen raschen Ruck los zu reißen. Der Graf jedoch hatte Verdacht gefaßt, hielt ihn bei der Blouse fest und rief:

»Das ist er. Haltet ihn - haltet ihn!«

Sein Sohn, der Oberst, streckte sofort beide Hände nach Fritz aus, ließ sie aber mit einem lauten Aufschrei sinken, denn das Messer des Deutschen war ihm quer über das Gesicht gefahren. Ein Stich in die Hand des Grafen zwang diesen, die Blouse fahren zu lassen, und somit war Fritz frei. Obgleich sich die Hände Aller nach ihm ausstreckten, gelang es doch Keinem, ihn wieder zu fassen. Er sprang davon und in den Wald hinein.

»Ihm nach!« kommandirte der alte Capitän.

Jetzt war vom Paßworte keine Rede mehr, denn Alles stürmte durch das Thor und dem Flüchtigen nach. Dieser aber hatte nicht die mindeste Angst vor seinen Verfolgern. Es galt nur, seinen Kräutersack in Sicherheit zu bringen; denn fand man diesen, so konnte leicht errathen werden, wer der Spion gewesen sei. Er sprang also mit weiten Sätzen an der Mauer hin und dann unter die Bäume hinüber, riß den Sack unter der Buche hervor, und eilte noch einige Schritte tiefer in den Wald hinein. Dann aber sagte er sich, daß jedes Geräusch die Franzosen auf seine Fährte bringen müsse; er kroch also in ein vor ihm liegendes Dickicht hinein und verhielt sich da ganz ruhig.

Er hörte die Schritte der Verfolger und ihre Rufe. Einige Male war man ihm ziemlich nahe, bald aber lag der Wald in ununterbrochener Ruhe da. Doch war er vorsichtig


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genug, an seiner Stelle liegen zu bleiben. Er legte sich den Sack unter den Kopf, streckte sich so bequem, als die Sträucher es gestatteten, aus, und dachte, seine Lage überlegend:

»Wo bin ich? Was für ein altes Gemäuer ist diese Ruine? Das muß ich wissen. Wenn ich ausreiße und fortlaufe, bis ich aus dem Walde hinauskomme, weiß ich dann nicht, wo ich gewesen bin. Darum bleibe ich liegen bis morgen Früh und sehe mir das Ding bei Tageslicht an.«

Er athmete einige Male tief auf und fuhr dann fort:

»Es war eine verteufelte Suppe, die ich mir da eingebrockt hatte. Ich glaube sicher, diese Kerls wären mir an's Leben gegangen. Und was habe ich davon? Nichts, gar nichts! Der Alte hatte ja kaum die Rede angefangen. Hätte er sie vollenden können, so wüßte ich, was man eigentlich bezweckt. Das ist dumm, sehr dumm. Wer muß nur der alte Schnurrbart sein? Zwei sind verwundet, der Eine in die Hand und der Andere über das Gesicht herüber. Auf diese Weise kann ich ihn wieder erkennen. In die Brust wollte ich ihn nicht stechen, denn ein Menschenleben schont man so lange, als es nur immer geht!« - -

Müller hatte während des ganzen Tages an den Maler denken müssen, der so unvorsichtig gewesen war, sich nach dem Rittmeister von Königsau zu erkundigen. Er hatte am Nachmittage mit Alexander einen Spaziergang gemacht und dann sein Abendessen allein auf seinem Zimmer verzehrt. Als dieses geschehen war, verlöschte er seine Lampe und wartete. Er wußte, daß der alte Capitän mit den beiden Rallion's ausgegangen war und wollte ihre Zurückkunft vorüberlassen, ehe er ausführte, was er sich vorgenommen hatte; denn es galt, von dem Alten nicht überrascht zu werden.

Es verging die Zeit, und er wurde unruhig. Der Capitän war mit seinen Begleitern nach dem Eisenwerke gegangen; die dort festgesetzte Arbeitszeit war bereits verflossen, und er konnte von seinem Fenster aus sehen, daß man alle Lichter verlöscht hatte. Wo blieben die drei Männer? Jedenfalls hatten sie die heimlichen Niederlagen aufgesucht, um sie einer Inspection zu unterwerfen. Wo befanden sich diese Niederlagen? Es gehörte zur Aufgabe Müller's, dies ausfindig zu machen. Aber konnte er es entdecken, wenn er hier sitzen blieb, um ihre Rückkehr zu erwarten? War es nicht vielleicht besser, in den geheimen Gang einzudringen, in welchem sie sich befanden?

Uebrigens hatte er es sich vorgenommen, den Maler zu belauschen. Er kannte ja die Einrichtung des Zimmers, welches dieser bewohnte; er hatte ja da den Alten als Mörder des Fabrikdirectors beobachtet. Vielleicht war es möglich, über die Person und die Absichten dieses sogenannten Herrn Haller etwas Näheres in Erfahrung zu bringen.

Wartete er noch länger, so ging dieser vielleicht schlafen, und dann war nichts zu erlangen. Er erhob sich also von seinem Sitze, auf welchem er still und im Dunkeln gesessen hatte, und lauschte zum Fenster hinaus. Es herrschte überall die größte Ruhe und Stille. Er wagte es also, seinen Gang anzutreten.

Er traf dieselben Vorbereitungen wie vorher. Er legte den Buckel ab, verkleidete sich, und steckte die beiden Revolver und die Blendlaterne in die Tasche. Dann stieg er zum Fenster hinaus, glitt über das Dach und kletterte am Blitzableiter hinab. Als er am Zimmer des Alten vorüber kam, war es in demselben vollständig dunkel.

In dem Augenblicke, als er den Fußboden erreichte, legte sich eine Hand auf seine Schulter. Er drehte sich blitzschnell um und griff nach seiner Waffe.

»Pst, keine Sorge!« flüsterte es. »Ich thue Ihnen nichts; ich will nur mit Ihnen sprechen.«

»Wer sind Sie?« fragte Müller.

»Das werden Sie erfahren. Kommen Sie.«

Der Mann sprach nicht den Dialect der hiesigen Gegend, sondern den des südlichen Frankreichs. Soweit ihn Müller bei der herrschenden Dunkelheit erkennen konnte, trug er weite Hosen, welche bis an die Knie reichten, eine Jacke, einen Gürtel und auf dem Kopfe ein Fez; er ging also ganz ähnlich wie die Zuaven gekleidet.

»Sind Sie vielleicht Militär?« fragte Müller.

An meiner Heimath trägt jeder Mann die Waffe,« antwortete der Fremde.

»Also Zuave oder Türke, nicht wahr?«

»Nein. Aber kommen Sie!«

Müller hielt es für gerathen, mit dem geheimnißvollen Manne zu gehen. Wer war er? Was wollte er? Hing seine Anwesenheit mit den Heimlichkeiten dieses Schlosses zusammen? Fast schien es so. Vielleicht konnte man von ihm etwas erfahren.

Der Fremde schritt geradeaus vom Schlosse ab, hinaus nach den Feldern. Dort angekommen, hielt er an einem Rain inne, setzte sich ohne Umstände nieder und sagte:

»Setzen Sie sich; es redet sich so besser!«

Müller folgte dieser Weisung und wartete gespannt auf das, was er hören werde.

»Wer sind Sie?« fragte der Fremde.

»Warum fragen Sie?« gegenfragte Müller.

»Weil ich wissen muß, wer Sie sind.«

»Vielleicht erfahren Sie es, vielleicht auch nicht. Wer sind denn Sie?«

»Sie erfahren das auch vielleicht. Doch da Sie mir nicht sagen wollen, wer Sie sind, so werden Sie mir wohl sagen, was Sie sind!«

»Unter Umständen werden Sie dies auch erfahren.«

»Ich weiß es bereits.«

»Ah! Nun?«

»Sie sind Einer, der in die Fenster anderer Leute steigt, um sich zu holen, was ihm gefällt.«

Ah, dieser Mann hielt den Deutschen für einen Spitzbuben, für einen Einbrecher, weil er gesehen hatte, daß er am Blitzableiter heruntergekommen war. Das gab Müller Spaß, und er beschloß, ihn bei diesem Glauben zu lassen.

»Haben Sie Etwas dagegen?« fragte er dann.

»Nein,« antwortete der Fremde. »Sie scheinen ein kühner Mann zu sein.«

»Das bringt mein Handwerk mit sich,« lachte der Deutsche.

»Ich liebe den Muth und die Entschlossenheit. Wissen Sie, daß ich Ihnen sehr schaden kann?«

»Hm! Wieso?«

»Ich könnte Sie festnehmen!«

»Alle Teufel!«

»Und den Diebstahl anzeigen.«

»Sie machen mir Angst!«

»Haben Sie keine Sorge; ich werde es nicht thun, wenn ich sehe, daß Sie dankbar sind!«

Diese Worte wurden in einem Tone gesprochen, welcher


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Zutrauen erwecken sollte. Müller ging darauf ein und antwortete:

»Wenn Sie schweigen wollen, so dürfen Sie auf mich rechnen.«

»Gut; ich hoffe, daß Sie Verstand haben. Wohnen Sie hier in der Nähe?«

»Ja.«

»Wo?«

»In Ortry.«

»In Ortry selbst? Das ist gut! So kennen Sie auch alle Leute, welche auf dem Schlosse wohnen?«

»So ziemlich.«

»Kennen Sie auch die Umgegend des Schlosses und eine Ruine, welche man den alten Thurm nennt?«

»Ja.«

»So ist Alles gut. Sie sind ein Mann, der nicht wählerisch in dem ist, was er thut, wenn es nur Etwas einbringt. Wollen Sie sich ein schönes Stück Geld verdienen?«

Müller mußte sich Mühe geben, ein herzliches Lachen zu unterdrücken. Er antwortete:

»Sehr gern. Geld braucht man immer, zumal Unsereiner.«

»Nun, ich biete Ihnen für die Arbeit von drei Stunden hundert Franken.«

»Alle Wetter, das wäre ja ganz leidlich bezahlt!«

»Das denke ich auch. Und dennoch biete ich Ihnen noch hundert Franken mehr, wenn Sie noch einen Mann versorgen, auf den man sich verlassen kann.«

»Vielleicht ist es möglich. Nur muß ich wissen, um was es sich handelt.«

»Das sollen Sie hören. Ich wünsche, ein Grab geöffnet zu sehen.«

»Ein Grab?« fragte der Deutsche, jetzt in Wahrheit überrascht. »Auf dem Kirchhof?«

»Das werden Sie noch erfahren. Vorher muß ich wissen, ob Sie mir dienen wollen, und noch einen zweiten Mann mitbringen können.«

»Ja,« antwortete Müller langsam; »was mich betrifft, so fürchte ich mich ganz und gar nicht, ein Grab zu öffnen, und ich wüßte wohl auch Einen, der für hundert Franken bereit wäre, das Abenteuer mitzumachen. Ehe ich aber einen festen Entschluß fasse, muß ich natürlich wissen, um welches Grab es sich handelt.«

Er vermuthete, es gelte die Oeffnung irgend eines Erbbegräbnisses, um die Leiche zu berauben. Ein solcher Vorschlag war sehr leicht möglich, da der Fremde ihn ja für einen Einbrecher hielt. Dieser aber antwortete:

»Wir sprachen von dem alten Thurme. Sind Sie vielleicht einmal dort gewesen?«

»Das versteht sich; ja.«

»Haben Sie vielleicht bemerkt, daß ein Grab ganz in seiner Nähe liegt?«

»Ja. Es wird, glaube ich, das Heidengrab genannt.«

»So ist es. Wissen Sie auch, wer dort begraben liegt?«

»Gewiß. Die erste Gemahlin des Barons de Sainte-Marie.«

»Nun gut, dieses Grab wollen wir öffnen.«

Müller fuhr erstaunt empor. Das hatte er nicht erwartet. Er fragte schnell:

»Ah, Sie denken, man habe der Baronin Geschmeide oder so etwas mit in die Erde gegeben?«

»Nein. Ich habe eine Absicht auf die Baronin selbst.«

»Was soll das heißen?«

Der Fremde schwieg eine Weile und antwortete dann:

»Ich will die Gebeine der Baronin haben und werde sie mit mir fortnehmen.«

Das war erstaunlich. Wer war dieser Mann? In welchem Verhältnisse stand er zu der Todten, daß er darnach trachtete, ihre Ueberreste zu besitzen? Das Zusammentreffen mit ihm konnte für Müller von außerordentlichem Erfolge sein. Darum beschloß dieser, sich ihm willfährig zu zeigen, und antwortete:

»Sie zahlen also zweihundert Franken, wenn ich mich dieser Arbeit unterziehe und noch einen Gehilfen mitbringe?«

»Ja. Sobald das Grab geöffnet ist, erhalten Sie das Geld. Wollen Sie?«

Müller reichte ihm die Hand und sagte:

»Ja, ich will.«

»Kann ich mich auf Sie verlassen?«

»Vollständig. Und auf den Anderen ebenso, wie auf mich selbst. Zwei verschwiegenere Leute können Sie nicht finden.«

»Nun gut. Wann paßt es Ihnen? Morgen Abend wäre mir die liebste Zeit.«

»Mir auch.«

»So kommen Sie eine Stunde vor Mitternacht mit Ihrem Kameraden an das Grab. Ich werde da sein und auf Sie warten. Heben Sie die Rechte empor und schwören Sie, daß Sie mich nicht verrathen wollen.«

Es war Müller, als ob er vor einem wichtigen Ereignisse stehe. Er war vollständig entschlossen, den Auftrag zu übernehmen. Er hatte ja selbst bereits den Entschluß gefaßt, das Grab zu öffnen, um zu sehen, ob es leer sei oder wirklich eine Leiche enthalte; darum ging er mit vollem Ernste auf das Gebot des Fremden ein. Er erhob die Hand und schwur:

»Ich schwöre Ihnen in meinem Namen und im Namen meines Kameraden, daß wir Sie nicht verrathen, sondern Ihnen redlich beistehen werden, Ihre Absicht zu erreichen.«

»Allah akbar! Das ist nicht der Ton eines Spitzbuben und Einbrechers!« sagte der Fremde. »Ich gewinne Vertrauen zu Ihnen, und will Ihnen nun auch sagen, wer ich bin. Ich bin Abu Hassan, der Zauberer, Director einer Künstlerbande, welche morgen in Thionville eine große Vorstellung geben wird.«

»Und warum wollen Sie die Gebeine der verstorbenen Baronin besitzen?«

»Das werde ich Ihnen vielleicht sagen, nachdem ich Sie als treu und verschwiegen erkannt habe. Nun sagen Sie mir auch Ihren Namen und den Ihres Gefährten!«

»Diese beiden Namen werden Sie dann erfahren, wenn auch ich erkannt habe, daß ich mich auf Sie verlassen kann. Sie mögen aus dieser Vorsicht ersehen, daß Sie es nicht mit leichtsinnigen Menschen zu thun haben, sondern sich auf uns verlassen können.«

Abu Hassan nickte mit dem Kopfe.

»Vielleicht handeln Sie richtig, vielleicht auch nicht,« sagte er; »aber dennoch werde ich zur bestimmten Zeit am Grabe sein. Sollten Sie nicht eintreffen, oder gar mich verrathen, so haben Sie im letzteren Falle eine schwere Sünde auf Ihrem Gewissen, und Allah wird Sie strafen.«

»Hier, nochmals meine Hand darauf, daß ich Sie nicht


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täusche. Wer aber soll das Handwerkszeug besorgen? Sie oder ich?«

»Sie. Ich bringe nur den Kasten mit, welcher die Gebeine aufnehmen soll, und gebe Ihnen außerdem zu bedenken, daß ich kein Christ, sondern ein Moslem bin, der sich verunreinigt, wenn er die Ueberreste eines Todten anrührt. Ich werde mit graben helfen, aber die Gebeine haben Sie in den Kasten zu thun.«

Er griff in seine Tasche und zog einen Beutel hervor.

»Hier gebe ich Ihnen hundert Franken,« sagte er. »Das andere Hundert werden Sie erhalten, sobald wir morgen fertig sind.«

Müller schob die mit dem Gelde ausgestreckte Hand zurück und entgegnete:

»Behalten Sie für heute die hundert Franken. Ich pflege erst dann den Lohn anzunehmen, wenn ich die Arbeit vollendet habe.«

»Allah il Allah! Sie sind ein ehrlicher Mann, obgleich Sie ein Christ und ein Spitzbube sind. Erst jetzt bin ich überzeugt, daß Sie mich nicht betrügen werden! Gute Nacht!«

»Gute Nacht!«

Der Mann ging, und Müller blieb zurück, ganz eingenommen von dem Ereigniß, welches sich ihm so unerwartet geboten hatte. Wer hätte das denken können! Er, der deutsche Edelmann und Officier, hatte sich von einem herumziehenden Gaukler als Leichenräuber engagiren lassen. Das war eben so undenkbar, wie es einfach gekommen war.

Natürlich rechnete er in dieser abenteuerlichen Angelegenheit auf die Hilfe seines Dieners, den er jedenfalls bereits morgen am Vormittage benachrichtigen mußte, denn Fritz allein war es, der die Vorbereitungen treffen und das nothwendige Werkzeug besorgen konnte, ohne Aufsehen und Verdacht zu erregen.

Nun schritt Müller nach dem Parke zurück.

Er mußte sich nach dem Häuschen begeben. Dort angelangt, ging er einige Male um das Häuschen herum, um sich zu überzeugen, daß sich Niemand in demselben befinde. Dann trat er ein und zog die Thür wieder hinter sich zu. Er brannte die Laterne an, um sich beim Scheine derselben zu überzeugen, daß er sich allein befinde, öffnete die geheime Thür, trat zwischen die Doppelwand und verschloß dann den Eingang wieder.

Jetzt stieg er die Treppe hinab und erreichte den Gang. Die linker Hand liegende Thür war fest verschlossen, wie das vorige Mal. Er schritt zur rechten Hand in den Gang hinein, steckte aber seine Laterne dabei in die Tasche. Es war ja sehr leicht möglich, daß er sich durch den Schein derselben verrathen konnte. Er hatte den unterirdischen Gang genugsam kennen gelernt, um zu wissen, daß er keine Fährlichkeiten bot, sondern daß er sich nur an der Mauer fortzutasten brauchte, um ohne Schaden in das Schloß zu gelangen.

Freilich ging es im Finstern langsamer, als wenn er sich der Laterne bedient hätte, aber die Zeit war ihm doch nicht lang geworden, bis er an der Erweiterung des Ganges bemerkte, daß derselbe zu Ende sei. Jetzt zog er die Laterne vor und griff zu gleicher Zeit nach der Uhr, um zu sehen, wie die Zeit stehe. Es war gerade Mitternacht.

Da war nun freilich keine große Hoffnung vorhanden, den Maler noch zu belauschen, da dieser sich jedenfalls bereits zur Ruhe begeben hatte. Aber dennoch stieg er die Treppe hinan, welche er sich von seiner vorigen Excursion her sehr wohl gemerkt hatte. - -

Als Fritz, sein Diener, den Verfolgern glücklich entkommen war, war der alte Capitän natürlich mit den beiden verwundeten Rallions in der Ruine zurückgeblieben. Dem Obersten strömte das Blut in einem breiten Strahle aus dem Gesicht. Er hätte gern geflucht und gewettert, mußte aber schweigen, da ihm sonst das Blut in den Mund gelaufen wäre. Desto mehr aber wetterte sein Vater, der einen Stich erhalten hatte, welcher ihm mitten durch den Handteller gegangen war.

»Was glauben Sie wohl, Capitän,« sagte er; »bin ich etwa nach Ortry gekommen, um mich um meine Hand bringen zu lassen?«

»Pah, ein kleiner Stich!« entgegnete der einsilbige Alte.

»Ein kleiner Stich, der mich aber lähmen kann! Wie nun, wenn die Flechsen zerschnitten sind? Giebt es hier Jemanden, der etwas von Wundarzneikunst versteht?«

»Ich selbst. Es ist nur gut, daß wir bereits einen Vorrath von Verbandzeug, Charpie und dazu gehörigen Medicamenten angelegt haben. Ich muß übrigens nach den Verbrannten sehen, welche sich jedenfalls noch im Saale befinden. Kampferwasser wird Ihnen die Schmerzen sofort stillen. Kommen Sie!«

»Capitän, ich gebe Ihnen eine Gratification von tausend Franken für diejenige Person, welche den Kerl herausbekommt, dem wir dies zu verdanken haben!«

»Und ich selbst lege noch tausend Franken dazu,« sagte der Alte im grimmigsten Tone. »Doch kommen Sie. Ich muß zunächst zu meiner Lampe!«

Er führte sie über den Hof hinweg nach einem Thore, welches sich in der Hauptfront öffnete, schritt mit ihnen durch einige Zimmer, bis er in dasjenige gelangte, durch dessen Fenster sie gesprungen waren. Hier stand noch die ausgelöschte Lampe. Er brannte sie wieder an und hieß die Rallion's, die Treppe hinabsteigen. Er folgte ihnen und brachte die Steinplatte wieder in ihre Lage. So gelangten sie aus dem Gange in den Saal.

Dort waren die Flammen erloschen. Es hatte tiefe Finsterniß geherrscht, aber trotz derselben befanden sich noch Menschen hier. Es waren die durch ihre Brandwunden Beschädigten und eine Anzahl Anderer, welche bei ihnen zurückgeblieben waren.

Die Lampe des Alten brachte Licht in das Dunkel. Die Verwundeten stöhnten und baten um Hilfe.

»Ruhe!« gebot der Alte. »Es soll Euch Hilfe werden, doch Einem nach dem Anderen.«

Er setzte die Lampe nieder und verschwand für kurze Zeit durch die hintere Thür. Als er wieder zurückkehrte, brachte er eine Anzahl Lichter, welche sofort angebrannt wurden, und Verbandzeug mit. Der Oberst war der Erste, welcher verbunden wurde, dann kam dessen Vater, der Graf, an die Reihe. Es war jetzt noch nicht zu bestimmen, ob vielleicht ein Theil seiner Hand gelähmt bleiben werde.

Die Wunden der Verbrannten waren nicht sehr gefährlich, aber desto schmerzhafter. Der Alte verband sie so gut wie möglich und überließ es dann den Gesunden, die Kranken nach Hause zu geleiten. Bis sie sich entfernt hatten, ging er ab und zu, um die Eingänge zu verschließen und zu verstecken;


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dann meinte er zu den beiden Rallion's, die sich noch allein im Saale befanden:

»Durch die unterirdischen Gänge können wir nicht zum Schlosse zurückkehren.«

»Warum nicht?« fragte der Graf.

»Weil wir das Thor verlassen haben, und weil man ja Ihre Verletzung morgen sehen würde, sie aber nicht begreifen könnte.«

»Aber womit wollen wir sie erklären?«

»Pah, das ist sehr leicht! Wir sind im Dunkel über eine Wiese gegangen, da hat eine Sense gelegen. Der Oberst ist auf den Stiel getreten, und so schlug ihm das Sensenblatt quer über das Gesicht. Ihnen aber, Graf, ist die Spitze in die Hand gerathen. Kommen Sie. Wir müssen uns sputen, denn es fällt mir ein, von Ihnen gehört zu haben, daß Sie Ihrem Maler noch heute seine Instructionen geben wollen.«

Sie verließen die Ruine und wanderten durch den Wald nach dem Schlosse, welches sie erreichten, als Müller kaum seine eigenthümliche Unterredung mit Hassan, dem Zauberer, begonnen hatte.

Natürlich erregte es die höchste Verwunderung der Dienerschaft, die Herren so spät heimkehren zu sehen, und dieses Erstaunen wurde durch die Verwundung der Rallion's noch gesteigert, doch wagte natürlich Keiner, eine Frage auszusprechen.

Die Damen waren zur Ruhe gegangen; die Herren begaben sich in ihre Zimmer; vorher aber ließ der Graf dem Maler sagen, daß er ihn in drei Viertelstunden noch aufzusuchen gedenke. In seiner Wohnung angekommen, nahm er Papier und Couverts hervor und schrieb gegen eine halbe Stunde lang. Dies ging an, da glücklicher Weise die linke und nicht die rechte Hand verwundet war. Dann steckte er die Briefe in ihre Couverts, verschloß die Letzteren und begab sich zwei Treppen höher, wo der Maler sein Zimmer hatte und ihn noch erwartete.

Haller, oder vielmehr Lemarch, erhob sich sehr höflich beim Eintritte des Grafen und bot ihm einen Sessel an. Der Graf nahm gerade in demselben Augenblicke Platz, in welchem hinter der getäfelten Wand Müller seine Laterne in die Tasche steckte und die Täfelung, welche die geheime Thür bildete, ein klein Wenig zur Seite schob, wodurch eine enge Ritze entstand, welche aber weit genug war, um das Zimmer überblicken zu können.

»Ich komme, Ihnen Ihre Instructionen zu übergeben, mein lieber Rittmeister,« begann der Graf. »Sie werden nicht umfangreich sein. Die Hauptsache, welche ich Ihnen mitzutheilen habe, ist, daß Sie bereits morgen Früh schon abreisen können.«

Lemarch verbeugte sich, zum Zeichen, daß er gehorchen werde.

»Es wird Ihnen durch sie der Weg geordnet werden. Uebrigens weise ich Sie auf das zurück, was wir bereits am Morgen besprochen haben. Haben Sie sich den Namen dieses Officiers gemerkt?«

»Ja. Rittmeister Richard von Königsau.«

»Richtig! Sie gewinnen die Freundschaft desselben und suchen, ihn auszuforschen. Ist er zu sehr zurückhaltend, so erwähnte ich bereits, daß er vielleicht Verwandte -«

»Er hat eine Schwester,« fiel Lemarch schnell ein.

»Ah!« lächelte der Graf. »Häßlich?«

»Schön!«

»Woher wissen Sie das?«

»Es giebt einen Hauslehrer hier, einen Deutschen, welcher die Familie kennt.«

Die Stirne des Grafen verfinsterte sich bedeutend.

»Sie haben mit diesem Manne gesprochen?« fragte er.

»Ja, gnädiger Herr.«

»Ich darf doch nicht etwa befürchten, daß Sie sich in einer Weise unterhalten haben, welche diesen Menschen veranlassen könnte, gewisse Vermuthungen zu hegen?«

Die Wangen des Rittmeisters rötheten sich denn doch ein Wenig, aber er antwortete in einem sehr entschiedenen Tone:

»Ich glaube, niemals Veranlassung gegeben zu haben, mich für plauderhaft und unvorsichtig zu halten!«

Der Graf schien befriedigt zu sein. Er nickte mit dem Kopfe und meinte:

»Ich will Ihnen gern glauben. Uebrigens ist dieser Lehrer auf jeden Fall ein sehr unbedeutender Mensch, von dem man gar nicht zu sprechen braucht. Hier haben Sie noch einige Legitimationen, welche Ihnen von Nutzen sein werden. Sie wissen: Wie die Arbeit, so der Lohn. Ich hoffe, daß Sie sich Ansprüche auf eine bedeutende Anerkennung erwerben, und bin überzeugt, daß Sie, von Eifer getrieben, Ortry bereits verlassen haben, wenn ich erwache. Darum werden wir uns bereits jetzt verabschieden, mein lieber Lemarch.«

Er reichte ihm die Hand und entfernte sich, nachdem der Rittmeister noch einige Worte gesagt hatte, um zu versichern, daß er alle seine Kräfte anstrengen werde, um seine Aufgabe einer glücklichen Lösung zuzuführen.

Jetzt las Lemarch die Legitimationen durch, warf einen Blick auf die Adressen der Briefe und ging noch einige Minuten im Zimmer auf und ab. Dann hörte Müller ihn die Worte sagen:

»Jetzt aber endlich zur Ruhe. Es ist spät; und ich muß früh erwachen.«

Er schob Briefe und Legitimationen auf dem Tische zusammen, entkleidete sich und legte sich zu Bett, nachdem er seine Lampe ausgelöscht hatte.

»Also deshalb fragte er mich nach mir!« dachte Müller. »Diese Herren scheinen zu wissen, daß ich Vertrauen genieße. Dieser Lemarch soll sich an mich schmeicheln, und mich zur Verrätherei verführen. Bedanke mich, Monsieur! Werde Ihnen den Weg noch besser ebnen, als die vier Briefe es thun werden!«

Er wartete, bis ein ruhiges, schnarchendes Athmen ihm die Ueberzeugung gab, daß der Franzose fest eingeschlafen sei. Jetzt schob er die Täfelung weiter auf, so daß er eintreten konnte. Er schlich zum Tische hin, nahm sämmtliche Papiere an sich und kehrte in den Gang zurück. Nachdem er die geheime Thür wieder verschlossen hatte, zog er sein Notizbuch und die Laterne hervor und copirte sämmtliche Papiere, die Adressen der Briefe und auch eine Reiseroute, welche sich dabei befand.

Es kam ihm der Gedanke, die Briefe mit in sein Zimmer zu nehmen, um sie zu öffnen und zu copiren und wieder zu verschließen. Er traute sich die hierzu nothwendige Geschicklichkeit wohl zu, aber seine Gefühle sträubten sich dagegen, als Officier und Edelmann sich einer Entheiligung des Briefgeheimnisses schuldig zu machen. Er kehrte also, nachdem er den Eingang wieder geöffnet, in das Zimmer zurück, legte Alles an den früheren Ort zurück und entfernte sich.


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Nachdem er die Täfelung geschlossen hatte, stieg er die Treppe hinab und kehrte durch den Gang nach dem Parkhäuschen zurück. Er war mit den Erfolgen des heutigen Abends vollständig zufrieden. Sie gaben ihm Gelegenheit, sich in der Heimath auszuzeichnen und auch seine hiesigen, persönlichen Angelegenheiten vortheilhaft zu verfolgen.

Als er dann das Schloß erreichte und am Blitzableiter emporkletterte, bemerkte er im Zimmer des Alten noch Licht. Er warf einen Blick durch das Fenster und fuhr erschrocken zurück, denn gerade da, hart am Fenster, stand der Capitän, mit dem Rücken nach ihm gekehrt. Er hatte ein geheimes Fach seines Schreibtisches geöffnet und hielt ein Packet Banknoten in der Hand, deren Nummern er zu mustern schien.

Müller konnte ihm über die Schulter blicken und sah, daß alle diese Noten gezeichnet waren. Er erkannte sehr deutlich die Anfangsbuchstaben der Namen; er prägte sich auch einige der Nummern ein. Es war kein Zweifel, er sah hier die Banknoten, welche der Alte dem Fabrikdirector abgenommen hatte.

Er beobachtete nun mit größter Spannung jede Bewegung des Capitäns und sah deutlich, daß dieser die Noten in das geheime Fach zurücklegte, und dieses Letztere mit einer verborgenen Feder schloß. Er gab so genau Achtung, daß er überzeugt war, dieses Fach leicht auffinden und öffnen zu können. Dann kletterte er zum Dache empor.

Er sagte sich allerdings, daß es sehr leicht möglich sei, daß er noch eine weitere, für ihn nützliche Entdeckung machen könnte, wenn er den Alten länger beobachtete; aber wie leicht konnte dieser das Fenster öffnen und heraussehen, und das wäre ja doch das Schlimmste, das Gefährlichste gewesen, was passiren konnte.

In seinem Zimmer angekommen, schrieb er zunächst die Banknotennummern auf, welche er sich gemerkt hatte; dann nahm er sein Notizbuch hervor und verfaßte einige Briefe. Als er diese versiegelt hatte, setzte er sich breit vor einige große, leere Bogen hin, mit der Miene eines Mannes, der an eine sehr wichtige Arbeit geht. Seine Feder flog über das Papier; die Bogen füllten sich; neue kamen hinzu, und als er geendet hatte, waren so viele Folioseiten beschrieben, daß er selbst über die bedeutende Zahl derselben erstaunte.

»Das ist schnell gegangen,« lächelte er. »Ich habe aber auch niemals eine Arbeit mit einer solchen Lust gefertigt, wie diese hier. Ich hoffe, sie wird ganz den Eindruck machen, für welchen sie berechnet und geschrieben ist.«

Er legte das Manuscript bei Seite. Es enthielt die Unterschrift: »Unwiderleglicher Beweis, daß vor Verlauf eines Decenniums kein Krieg mit Frankreich zu befürchten steht. Auf Veranlassung des großen Generalstabes geliefert von Rittmeister Richard von Königsau.«

Nun endlich griff er zum letzten Male zur Feder. Er schrieb folgenden Brief:

      »Meine gute Bertha!
»Ihr werdet schon längst eine Nachricht von mir erwartet haben und sollt sie auch nächster Tage erhalten, ausführlich, wie Ihr es ja stets von mir gewohnt seid. Jetzt aber habe ich zu solcher Vollständigkeit noch nicht die hinreichende Zeit; ja, ich finde noch nicht einmal die Muse, an die Mutter und an den Großvater zu schreiben.
   »Diese Zeilen gelten Dir, weil mich die höchste Nothwendigkeit drängt, Dir für einen als gewiß zu erwartenden Fall die nöthigen Instructionen zu ertheilen. Ein französischer Rittmeister, Namens Bernard Lemarch, kommt nämlich als ein Landschaftsmaler Haller nach Berlin, um sich um meine Freundschaft zu bewerben, und mich über die Anschauungen unserer Diplomaten und Strategen auszuhorchen. Ich bin überzeugt, daß Frankreich bereits in wenig Wochen den Krieg erklären wird, und eben so sicher weiß ich, daß wir im Stande sind, den so leichtsinnig hingeworfenen Handschuh ohne Befürchtung aufzuheben. Aber es handelt sich darum, den geheimen Emissär zu täuschen, gerade so, wie er uns zu betrügen trachtet. Daher übersende ich Dir das beifolgende Manuscript.
   »Haller alias Lemarch beabsichtigt nämlich, sobald seine Bemühungen bei mir erfolglos sein sollten, Deine Zuneigung zu gewinnen, um so viel wie möglich von derselben zu profitiren. Du wirst ihm sagen müssen, daß ich mich in Litthauen auf Besuch bei einem alten Verwandten befinde. In Folge dessen wird er sich bei Dir nach meiner Thätigkeit, nach meinen Arbeiten erkundigen, und Du wirst Dir da die Erlaubniß abschmeicheln lassen, das beiliegende Manuscript lesen zu dürfen. Alles Uebrige überlasse ich Deiner mir so wohlbekannten weiblichen Klugheit, zu der ich alles Vertrauen besitze, und bitte Dich, mich über den Erfolg sofort brieflich zu belehren. Ich stehe mit ähnlichen Arbeiten natürlich umgehend zur Verfügung und ersuche Dich, Deinen Brief an meinen Fritz zu adressiren, nämlich »Friedrich Schneeberg, Herboriseur (Kräutersammler) in Condition bei Herrn Doctor Bertrand in Thionville.« Er wird ihn mir richtig zustellen. Hier darf ich es nicht wagen, Briefe aus Berlin zu empfangen.
   »Indem ich Dich ersuche, Mama und Großpapa von mir herzlichst zu grüßen, verspreche ich ihnen nochmals einen baldigen, langen Brief, umarme Dich, liebe Schwester, und sende Dir den innigsten, brüderlichsten Kuß von Deinem jetzt
                                     herzenskranken Richard.
   »NB. Ich habe meine Dresden-Blasewitzer Dame unerwartet gefunden.«


Ende der sechsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk