Lieferung 61

Deutscher Wanderer

15. November 1884

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


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Als Belmonte den Schlag geöffnet hatte, um einzusteigen, war ihm die bekannte Stimme der unbekannten Dame entgegen geklungen:

»Ah, Monsieur, da sind Sie! Guten Abend!«

»Guten Abend, Madame,« antwortete er. »Befehlen Sie?«

»Ich befehle nicht, sondern ich bitte, einzusteigen!«

Sie saß im Fond des Wagens. Er wollte auf dem Rücksitze Platz nehmen; da aber meinte sie:

»Nein, nicht so. Setzen Sie sich an meine Seite!«

Er gehorchte. Sie hätte sich noch etwas mehr nach der Ecke zurückziehen können; aber sie that es nicht. In Folge dessen saß er so eng an ihr, daß er ihren Athem fühlte, welcher durch ihren Schleier hindurch über seine Wange strich. Der Wagen hatte sich natürlich sofort in Bewegung gesetzt. Er schaukelte in den Federn, so daß die Beiden von Augenblick zu Augenblick leise an einander stießen. Sie schien dies mit großem Behagen zu empfinden, da sie diese Berührungen länger auskostete, als es unbedingt nöthig war.

»Ihre Gedanken werden heute mit wißbegierigen Fragen beschäftigt gewesen sein?« begann sie nach einer kurzen Weile.

»Allerdings, Madame,« antwortete er.

»Sie werden zu errathen gesucht haben, wohin ich Sie bringen werde?«

»Ich kann es nicht in Abrede stellen.«

»Da muß ich Sie sehr ersuchen, so diskret wie möglich zu sein. Es liegt ja nicht im Bereiche der Unmöglichkeit, daß Ihnen irgend ein kleiner, von uns unbeachteter Umstand ahnen läßt, bei wem Sie sich befinden werden. In diesem Falle rechnet man auf die strengste Verschwiegenheit!«

»Ich bin nicht sehr plauderhaft!«

»Ich hoffe das. Jetzt aber muß ich Sie ersuchen, sich gefälligst die Augen verbinden zu lassen.«

Sie zog ihr Taschentuch hervor.

»Kann mir das nicht erlassen werden, Madame?« fragte er.

»Auf keinen Fall.«

»Und wenn ich mich weigere?«

»So sehe ich mich leider gezwungen, Sie aussteigen zu lassen. Doch hoffe ich, daß Sie nicht gegen unsere heutige Vereinbarung handeln werden.«

»Gut; ich werde mich fügen. Also, bitte!«

Er hielt ihr das Gesicht entgegen, und sie band ihm das Tuch so um die Augen, daß er gar nichts zu sehen vermochte. Und dann, ah, da fühlte er ihre Hände an seinen Schultern; sie zog ihn näher und küßte ihn auf den Mund.

»So,« sagte sie. »Das soll die einstweilige Belohnung Ihrer Folgsamkeit sein. Ich verlange aber, daß Sie das Tuch nicht eigenmächtig entfernen!«

»Ich werde gehorsam sein.«

»Geben Sie mir Ihr Wort?«

»Ja, Sie haben es, Madame.«

Jetzt war der Wortaustausch zu Ende. Die Fahrt wurde noch eine kurze Weile fortgesetzt; dann hielt der Wagen.

»Ich steige zuerst aus,« sagte sie. »Sie geben mir Ihre Hand; ich werde Sie führen.«

Der Schlag wurde geöffnet, und sie stieg aus. Er folgte ihr, von ihrer Hand geleitet. Er hörte, daß eine Thür geöffnet wurde. Die Schritte erklangen, als ob man auf Steinfließen gehe. Dann kam eine Treppe. Als diese erstiegen war, blieb sie stehen.

»So, jetzt werde ich das Tuch entfernen,« sagte sie. »Zeigen Sie her, und sprechen Sie von jetzt an nur leise.«

Das Tuch wurde entfernt, und er sah nun, daß er sich auf einem schmalen Corridor befand, welcher mit weichen


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Teppichen belegt war, so daß man die Schritte kaum mehr zu vernehmen vermochte. Ein einziges Licht brannte in einer grünen Glaskugel, so daß der Schein gedämpft wurde. Rechts und Links gab es mehrere Thüren. Die Dame, welche noch immer verschleiert ging, öffnete eine derselben und verschloß sie, als sie mit einander eingetreten waren, von innen. Sie führte ihn durch einige sehr reich ausgestattete Zimmer in ein Cabinet, welches jedenfalls das Boudoir einer vornehmen Dame sein mußte. Die Vorhänge und Portieren waren von schwerer Seide, ebenso die Ueberzüge der Meubles. Einige kostbare, doch üppige Gemälde schmückten die Wände, und überall waren Nippes zerstreut, welche einen nicht gewöhnlichen Werth besaßen. Die Dame deutete auf ein Fauteuil und sagte:

»Nehmen Sie Platz! Ich werde gehen, Sie anzumelden.«

Sie verschwand durch eine entgegengesetzte Thür. Er warf einen forschenden Blick über seine Umgebung.

»Hm!« flüsterte er. »Eine mehr als fürstliche Einrichtung! Jedenfalls befinde ich mich bei dem jungen Weibchen eines alten Millionärs oder Aristokraten. Nun, man muß es abwarten!«

Er nahm in dem weichen Polster Platz und athmete den süßen Duft ein, welcher das reizende Gemach erfüllte.

»Was ist das für ein Parfüm?« fragte er sich. »Das ist nicht Eau de milles fleurs, auch nicht coeur de Rose, oder sonst etwas mir Bekanntes. Pikant, außerordentlich pikant!«

Da kehrte die Dame zurück. Sie sagte:

»Monsieur, Sie werden einige Zeit Geduld haben müssen. Man hat ganz unerwarteten Besuch empfangen.«

»Aber Sie werden mich nicht verlassen?« fragte er.

»Meine Gegenwart ist allerdings noch anderwärts nöthig. Hier liegen Journale, welche Ihnen Unterhaltung bieten werden, bis man kommt. Ich ziehe mich zurück und bitte Sie, hinter mir den Innenriegel vorzuschieben, damit nicht etwa zufälliger Weise ein Unberufener Zutritt nimmt. Kehre ich zurück, so werde ich leise klopfen, erst ein-, dann zwei- und dann dreimal. Das ist das Zeichen, daß ich es bin.«

»Ich werde gehorchen, Madame! Aber, kann man mich nicht durch die andere Thür überraschen?«

»Nein. Da kann nur die Dame eintreten, welche Sie erwartet. Ich hoffe, daß Sie hier bleiben und nicht etwa aus Neugierde vorwärts dringen.«

Sie drohte ihm mit dem Finger und verließ dann das Cabinet durch die Thür, durch welche sie eingetreten waren. Er schob den Riegel vor, setzte sich wieder nieder und langte nach den Journalen, welche auf dem Tische lagen.

»La Mode universelle,« sagte er, den Titel des Einen lesend. »Weiter: La Toilette de Paris und hier la Mode française. Ich befinde mich bei einer Dame, welche in diesem Fache gern au fait zu sein scheint. Wer mag sie sein? Ich bin wirklich außerordentlich gespannt! Wird sie mit verhülltem Gesichte erscheinen? Jedenfalls.«

Er begann, mehr aus Aufregung als aus Langerweile in einem der Journale zu blättern. Im Umwenden fiel ihm ein großer, dicht beschriebener Briefbogen in die Augen.

»Ein Brief!« dachte er. »Ah, vielleicht bringt er mich auf die Spur. Man sollte zwar eigentlich discret sein, aber in meiner Lage giebt es kein solches Bedenken. Sehen wir zu!«

Der Bogen hatte keine Ueberschrift; er enthielt die Fortsetzung eines vorhergehenden Volumens; aber kaum hatte Belmonte einen Blick auf die Unterschrift geworfen, so fuhr er ganz erstaunt von seinem Sitze empor.

»Oberst Stoffel!« sagte er. »Ist das denn auch wahr?«

Er las noch einmal und überzeugte sich, daß er nicht geirrt habe.

»Oberst Stoffel, der französische Militärbevollmächtigte am Berliner Hofe! Oberst Stoffel, welcher das deutsche Heerwesen genau studirt hat und in Folge dessen ganz und gar gegen einen Krieg Frankreichs mit uns ist? Was schreibt er?«

Belmonte las. Seine Züge nahmen, je länger desto mehr, den Ausdruck einer ungeheuren Spannung an. Als er geendet hatte, steckte er den Bogen wieder in das Journal, strich sich mit der Hand über das Gesicht, holte tief Athem und flüsterte:

»Welch ein Zufall! Ja, Frankreich will den Krieg, und der Oberst warnt aus allen Kräften vor demselben. Die Gründe, welche er angiebt, sind eigentlich unwiderlegbar; aber man wird verblendet genug sein, sie nicht gelten zu lassen. Hier treffe ich abermals auf eine Entdeckung, welche von ungeheurem Vortheile für mich ist. Aber, wo befinde ich mich? Wer kann es sein, an den der Oberst solche Berichte sendet?«

Er schlich sich leise zur gegenüber liegenden Portiere und horchte eine Weile.

»Alles still!« nickte er. »Da drinnen ist Niemand. Schauen wir!«

Er schob die Vorhänge auseinander und erblickte ein Zimmer, welches fast noch luxuriöser ausgestattet war als das Cabinet, in welchem er sich befand.

»Wirklich kein Mensch! Schleichen wir also weiter.«

Er trat ein und glitt mit unhörbaren Schritten über den weichen persischen Teppich nach dem anderen Ausgange. Als er hier horchte, war es ihm, als ob er Stimmen vernehme.

»Das muß im übernächsten Zimmer sein,« dachte er. »Wage ich es, oder nicht? Ah pah! Wenn man mich bemerkt, so bin ich nicht Schuld daran! Hätte man mich nicht kommen lassen!«

Auch das nächste Zimmer war leer; aber in dem nun folgenden wurde gesprochen. Es war nicht nur durch eine Portiere, sondern auch durch eine Thür von demjenigen getrennt, in welchem Belmonte jetzt stand.

»Jetzt stehe ich vielleicht vor der Lösung des Räthsels!« flüsterte er. »Soll ich horchen oder nicht? Frisch voran! Aber zur Sicherheit den Riegel vor, daß man mich nicht überraschen kann.«

Er schlich zur Thür und schob den Riegel, welcher nicht das mindeste Geräusch machte, vor. Dann legte er das Ohr daran und hörte nun zwei Stimmen, welche sich sehr eifrig unterhielten.

Es war eine männliche und eine weibliche. Die Erstere sprach in geradezu unterthänigem Tone; die Letztere hatte einen scharfen, pikirten, ärgerlichen Klang.

»Sie sind höchst ungenau unterrichtet, Graf!« hörte Belmonte sagen. »Es wäre Ihre Pflicht gewesen, sich besser zu informiren!«

»Ich wage es, mich für vollständig informirt zu halten. Der Deutsche ist uns überlegen.«


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»Das sagt auch dieser Oberst Stoffel. Aber er hat einen deutschen Namen und es fehlt ihm an Scharfsinn. Der Kriegsminister kennt unsere Schlagbereitschaft.«

»Die Deutschen sind ebenso schlagbereit.«

»Sie wollen vielleicht sagen, der Preuße!«

»Ich schließe keineswegs die Süd- und Mitteldeutschen aus.«

»Pah, man fürchtet sie doch nicht. Der Sachse pflegt die Traditionen, welche ihn mit dem Neffen des großen Kaisers verbinden. Man hofft, daß er neutral bleiben werde.«

»Ich befürchte das Gegentheil.«

»Bayern, Würtemberg und Baden trauen einander selbst nicht. Man trennt sie und besiegt sie.«

»Sie werden aufstehen wie ein Mann.«

»Graf, Sie sind ein Unglücksvogel! Uebrigens werden wir so schnell über die Gegner herfallen, daß sie vollständig verblüfft sein werden. Sie haben keine Ahnung davon, daß wir sie zu engagiren gedenken.«

Belmonte hörte ein leichtes Räuspern, und dann antwortete der Graf:

»Ich bin überzeugt, daß man in Deutschland ahnt oder vielleicht gar weiß, was wir beabsichtigen.«

»Wie sollten sie es vermuthen?«

»Dieser Bismarck ist - - -«

»Bismarck?« fragte die weibliche Stimme schnell. »Dieser preußische Landjunker ist ein Bär, welcher wohl einmal vermöge seiner rohen Kraft, niemals aber in Folge einer Finessität Verlegenheit bereiten kann. Ich weiß genau, daß er sich mit den Süddeutschen verfeindet hat. Er ist im eigenen Lande so sehr beschäftigt, daß er gar keine Zeit hat, uns zu beobachten.«

In diesem Augenblicke hörte man das Oeffnen einer Thür, und eine Stimme meldete:

»Der Herzog Gramont und der Kriegsminister!«

»Eintreten!«

Es erklangen Schritte; eine wortlose Pause trat ein, welche jedenfalls von stummen Complimenten ausgefüllt war. Dann ließ sich die weibliche Stimme vernehmen:

»Messieurs, der Graf Daru hat ganz unerwartet um eine Audienz gebeten. Er bringt mir Nachrichten, welche er für höchst wichtig hält, und ich habe Sie rufen lassen, damit Sie ihm das Gegentheil beweisen. Excellenz, sagen Sie, ob wir kriegsbereit sind oder nicht.«

Diese Frage war jedenfalls an Leboeuf gerichtet. Er antwortete augenblicklich:

»Wir können in jedem Augenblicke losschlagen.«

»Graf Daru behauptet, die Deutschen seien uns überlegen.«

»Dem muß ich entschieden widersprechen. Die tiefgehende Reform unserer Heeresverfassung hat uns ungemein gestärkt. Wir haben keinen Feind zu fürchten. Erklären wir heute den Krieg, so haben wir morgen die Rheinpfalz überschwemmt, sind übermorgen im Besitze Süddeutschlands und spazieren am nächsten Tage auf Berlin los.«

»Hören Sie es, Graf. Und Sie, Herzog, sind Sie ebenso bereit und siegesgewiß?«

»Unsere Diplomatie hat mit der Entwickelung des Heereswesens wenigstens gleichen Schritt gehalten. Schlagen wir schleunigst los, ehe es Preußen gelingt, sich der Süddeutschen zu versichern. Sachsen brauchen wir nicht zu fürchten.«

Jetzt hörte Belmonte abermals das Oeffnen einer Thür.

»Ah, mein Gemahl!« rief die weibliche Stimme.

Zugleich aber war es dem Lauscher, als ob man auf die Klinke gedrückt habe. Er befand sich in einer leicht denkbaren Aufregung, sah aber auch zugleich ein, welche große Gefahr ihm drohte. Darum zog er den Riegel leise zurück und huschte, während drüben neue Stimmen erklangen, dahin zurück, woher er gekommen war.

Dort hielt er an und holte Athem, als ob er eine ganz ungewöhnliche Anstrengung hinter sich habe.

»Träume ich denn?« fragte er sich. »Das war Graf Daru, der gestürzte Minister, der Friedensmann. Das war ferner der Herzog von Gramont, sein Nachfolger, der den Krieg wünscht, und das war endlich Leboeuf, der Kriegsminister. Wer aber war die Dame? Und wer ist dieser »Gemahl«, welcher bei ihr eintrat?«

Er schüttelte den Kopf und begann, in dem Cabinete hin und her zu schreiten, ganz so, als ob er sich bei sich befand. Dann aber blieb er plötzlich stehen, schlug sich mit der Hand vor den Kopf und sagte:

»Sapperlot. Das Zeichen, welches ich Martin geben soll. Ich habe es ganz vergessen.«

Er trat an das Fenster, zog die dasselbe verhüllenden Gardinen weg und blickte hinaus. Er sah einen viereckigen Hof unter sich, welcher von Gasflammen erleuchtet war.

»Das ist unangenehm. Hier im Hofe hat der Wagen nicht gehalten; hier kann auch Martin sich nicht befinden. Es ist mir also unmöglich, ihm das Zeichen zu geben, außer ich wage es nach rückwärts -«

Er hielt inne. Es klopfte leise, ein- zwei-, dann dreimal. Das war das verabredete Zeichen. Er öffnete. Die Dame trat ein. Sie war verschleiert.

»Sie haben sich gelangweilt, Monsieur?« fragte sie.

»Die Hoffnung, Sie wieder zu sehen, hat mir nicht Zeit dazu gelassen, Madame,« antwortete er.

»Mich? Ich meine, daß Sie eine Andere erwartet haben!«

»Allerdings. Doch wußte ich ja, daß auch Sie kommen würden.«

»Nun, das ist eher geschehen, als ich dachte. Ich habe Sie um Verzeihung zu bitten, Monsieur. Die Dame, welche Sie zu sehen wünschte, ist plötzlich anderweit in Anspruch genommen worden -«

»Jedenfalls von einem Herrn, welcher liebenswürdiger ist als ich,« scherzte er.

»Davon ist keine Rede. Aber das beabsichtigte Rendezvous kann heute leider nicht stattfinden. Ich habe den Auftrag erhalten, Sie zurückzubringen.«

»Und wenn ich nun zu bleiben wünschte?« lachte er.

»Das wird Ihr Wunsch nicht sein. Sie werden als Cavalier den Befehl einer Dame respectiren.«

»Das werde ich allerdings. Aber ich werde auch ein Zweites!«

»Was?«

»Sie an die Garantie erinnern, welche Sie mir geboten haben!«

»Wie grausam. Ich bin nicht im Stande, Ihnen die


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Dame zu ersetzen, auf deren Anblick Sie nun für heute leider zu verzichten haben.«

»Ich bin überzeugt, daß diese Dame die Verdienste nicht besitzt, welche ich an Ihnen bemerke. Wir haben von einem Schadenersatze gesprochen, und ich muß sehr darauf dringen, auf ihn nicht verzichten zu müssen.«

Sie ergriff seine Hand, drückte dieselbe in der ihrigen und antwortete:

»Ich will Ihnen gestehen, daß ich nicht ungern Wort halten würde, muß Sie aber doch abschlägig bescheiden. Auch ich bin plötzlich in einer Weise in Anspruch genommen, daß ich keine Minute für die Erfüllung meines Versprechens übrig habe. Es bleibt mir kaum Zeit, Sie zurück zu bringen.«

»Nach meiner Wohnung?«

»Nicht ganz so weit. Sie werden bereits vorher meinen Wagen verlassen. Aber sagen Sie, ob vielleicht der morgende Abend Ihnen gehört?«

»Natürlich. Er ist mein Eigenthum.«

»Darf ich Sie da abholen?«

»Ja.«

»Sie werden also mit mir kommen?«

»Mit dem allergrößten Vergnügen, Madame.«

»Nun gut; so folgen Sie mir jetzt!«

Sie führte ihn nach dem engen Corridor zurück, wo sie ihm die Augen wieder verband. Einige Augenblicke später saß er neben ihr im Wagen, welcher sich sogleich in Bewegung setzte. Sie lehnte sich an ihn, sie schien wohl eine Liebkosung von ihm zu erwarten, doch verhielt er sich vollständig theilnahmlos gegen sie. Da nahm sie ihm das Tuch wieder von den Augen, indem sie sagte:

»Jetzt dürfen Sie wieder sehend werden. Sagen Sie, ob Sie den Ort, an welchem Sie sich befunden haben, wiederfinden würden?«

»Vielleicht, Madame.«

»Ah! Sie ahnen, wo Sie gewesen sind?«

»Ja.«

»Nun, wo?«

»Erlauben Sie, Ihre Frage unbeantwortet zu lassen. Dieses Schweigen wird Ihnen beweisen, daß ich würdig bin, morgen dahin zurückkehren zu dürfen, wo ich heut vergeblich die Erfüllung einer süßen Hoffnung erwartete.«

»Sie haben Recht. Ich bin überzeugt, daß Sie nicht ahnen, wo Sie gewesen sind, aber es ist für alle Fälle besser, gar nicht davon zu sprechen. Also auf Wiedersehen für morgen Abend! Bitte steigen Sie hier aus.«

Sie waren an einer Straßenecke angelangt. Sie zog an der Schnur; der Kutscher hielt, und Belmonte verließ den Wagen, nachdem er mit einem Handkusse von ihr Abschied genommen hatte. Er stand noch da und blickte der davon rollenden Equipage nach, als ihn Jemand auf die Schulter klopfte. Er drehte sich rasch um.

»Ah, Martin!« rief er. »Du hier? Wie kommst Du an diese Straßenecke?«

»Grad so wie Sie, Herr Weinagent.«

»Wie denn?«

»Nun, per Equipage.«

»Du hast einen Wagen genommen?«

»Sogar den Ihrigen.«

»Komm. Man beginnt hier, aufmerksam auf uns zu werden.« Und vorwärts schreitend, erkundigte er sich weiter: »Ich glaube gar, Du hast hinten aufgesessen.«

»So ist es allerdings. Lieber freilich wäre es mir gewesen, ich hätte darin gesteckt. Ich bin verteufelt geschüttelt worden.«

»Aber wo hast Du das Pferd?«

»Das Pferd? Hm. Denken Sie denn, daß ich so dumm sein werde, zu Pferde Wache zu halten? Als Sie mit der Dame hinter der Thür verschwanden, habe ich das Viehzeug durch einen Dienstmann zu seinem rechtmäßigen Eigenthümer bringen lassen. Das macht zwar eine Geldausgabe, aber ich denke, daß Sie mir wenigstens die Hälfte zurückerstatten werden.«

»Unsinn; aber weißt Du nun, wohin man mich geschafft hat?«

»Natürlich!

»Nun?«

»Ahnen Sie selbst es?«

»Ja. Aus verschiedenen Anzeichen schließe ich, daß ich in den Tuillerien gewesen bin.«

»Richtig! Der Wagen hielt an einer schmalen Nebenthür. Man schien mit Absicht dort einige Gasflammen verlöscht zu haben.«

»Es gelang Dir also mir zu folgen?«

»Natürlich. Das Pferd gab ich fort; ich selbst aber blieb zurück, trotzdem ich mir sagte, daß ich Ihnen wohl von keinem Nutzen sein könne. Die Tuillerien sind nicht der Ort, an dem ich Ihnen Rettung bringen konnte, wenn man es übel mit Ihnen meinte.«

»Das ist wahr. Dann bist Du hinten aufgestiegen?«

»Ja. Ich habe es gemacht wie ein echter Berliner Schusterjunge. Sie sehen, was ich für Sie unternehme. Nutzen freilich habe ich nicht davon. Die Küsse haben Sie erhalten.«

»Da täuschest Du Dich gewaltig.«

»Täuschen? Ist nichts gewesen?«

»Nein. Es gab eine unerwartete Abhaltung, und ich mußte gehen, wie ich gekommen war.«

»Das ist hübsch! Das kann mir gefallen. Da bin ich doch ein anderer Kerl. Ich bin anders gegangen als ich gekommen bin. Ich kam zu Pferde und ging per Equipage. So haben Sie Ihre Dame wohl gar nicht zu sehen bekommen?«

»Nein. Aber das Versäumte soll morgen nachgeholt werden.«

»Sakkerment! Ich denke, morgen sind wir über alle Berge.«

»Das sind wir auch. Ich habe keine Zeit und auch keine Lust, dieses Abenteuer fortzusetzen.«

»Schön. So retten wir unsere Haut. Aber, haben Sie denn nicht wenigstens eine Ahnung, wer die Dame sein mag?«

»Hm! Davon will ich jetzt nicht sprechen, am Allerwenigsten aber hier auf der Straße. Laß uns eilen. Ich habe zu schreiben und Neues zu berichten. Hast Du von Deinem Schwälbchen vollständigen Abschied genommen?«

»Was nennen Sie Abschied? Ich möchte am Liebsten gleich in diesem Augenblicke wieder hin zu ihr; aber was nicht sein muß, das braucht nicht zu sein. Sie schreiben, und ich packe ein. Dann sind wir mit dem Morgen fertig.«


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Am Vormittag begab sich Belmonte zum General Latreau. Er wurde von diesem allein empfangen und erhielt den versprochenen Brief an den Commandanten von Metz. Latreau theilte ihm mit, daß seine Tochter sich heute nicht wohl fühle und daher das Zimmer hüte, doch erwarte sie, daß er sich zu ihr verfügen möge, damit es ihr möglich sei, ihm nochmals Dank zu sagen.

Belmonte verabschiedete sich also von dem Grafen und begab sich nach Ella's Zimmer, wo er sofort angemeldet wurde.

Er hatte erwartet, sie als Patientin zu sehen. Aber sie stand, als er eintrat, vollständig angekleidet am Fenster, und ihr Aussehen war ein so gutes, als ob sie die letzten Tage vollständig überwunden habe.

Ihre Augen glänzten ihm so warm entgegen. Sie reichte ihm das Händchen, welches er an seine Lippen zog und sagte:

»Sie kommen, um zu gehen, Monsieur; aber ich hoffe, daß wir uns nicht für immer Adieu sagen!«

»Ich würde glücklich sein, wenn das Geschick mir erlaubte, mich Ihnen noch einmal vorstellen zu können,« antwortete er in möglichst gleichgiltigem Tone.

»Hoffen wir, daß uns diese Erlaubniß zu Theil werde. Und sollte es nicht sein, ich meine, nicht persönlich, so bitte ich doch wenigstens um die Erlaubniß, Ihnen diese andere Gelegenheit zu geben, mich zu sehen. Werden Sie die Güte haben, dies kleine Zeichen der Erinnerung von mir anzunehmen?«

Sie löste eine Kette von ihrem Halse. An derselben hing ein kostbares, mit Diamanten besetztes Medaillon. Sie öffnete es und hielt es ihm entgegen. Er erblickte ihr Bild, wunderbar dem Original ähnlich, auf Elfenbein gemalt.

Diese Gabe überraschte ihn so, daß er im ersten Augenblicke kein Wort fand, seinem Gefühle den rechten Ausdruck zu geben.

»Gnädige Comtesse,« sagte er dann, »indem er einen Schritt zurücktrat. »Einer solchen Gnade bin ich nicht werth!«

»Nicht? Sie, der Retter meines Lebens?«

Ihr Auge hatte sich groß geöffnet. Sie stand vor ihm, nicht als ob sie es sei, die ihm die Gabe biete, sondern als Bittende. Er sah, daß seine Worte ihr wehe thaten.

»Wollen Sie wirklich mir meine Bitte nicht erfüllen?« fragte sie, ihm Kette und Medaillon entgegenhaltend.

»Das ist zu kostbar, viel zu kostbar.«

»Dieser Steine wegen, Monsieur Belmonte? Pah! Doch, wie Sie wollen! Sprechen wir nicht mehr davon!«

Wie gern hätte er ihr gesagt, daß die Diamanten ihm nichts, gar nichts werth seien gegen das Miniaturportrait! Sie hatte sich, halb betrübt und halb schmollend abgewendet. Es lag in diesem Augenblick Etwas in ihrem schönen Angesichte, was mehr, viel mehr als eine bloße Enttäuschung bedeutete. Es überkam ihn so wunderbar; er wußte nicht, woher er den Muth nahm, aber er griff in die Tasche, zog ein kleines, zierliches Portefeuille hervor und sagte:

»Gnädige Comtesse, ich darf Sie nicht beleidigen; ich will Ihnen gehorchen; aber haben Sie die Gnade mir die Bedingung zu gewähren, daß auch mein Bild bei Ihnen bleiben darf.«

Da zuckte es hell über ihr Gesicht. Sie wendete sich ihm schnell wieder zu und sagte:

»Sie haben auch Ihr Bild? Eine Photographie? Gut, Monsieur, tauschen wir um!«

Sie nahm die Visitenkarte aus seiner und er das Medaillon aus ihrer Hand. Er steckte das Letztere zu sich und sagte:

»Ich wage es nur, weil Sie es befehlen, Mademoiselle. Macht diese reiche Gabe es mir doch fast unmöglich, eine Bitte vorzutragen, welche ich Ihnen zu Füßen legen wollte.«

»Sie haben einen Wunsch? Schnell, lassen Sie mich denselben wissen.«

»Er betrifft die Braut meines Dieners - - -«

»Ah, dieser brave Mann hat eine Braut? Ist sie hier in Paris?«

»Ja. Hier auf dieser Karte ist ihre Wohnung angegeben. Sie ist ein liebes, braves Mädchen und hat auf der Welt bisher Niemanden gehabt als einen Bruder, auf welchen sie sich nicht verlassen kann. Man spricht von Krieg; es ist ihr angst. Gnädige Comtesse, ich wage viel, aber ich möchte mir für Alice Ihren Schutz erflehen!«

Sie nickte ihm freundlich zu und antwortete:

»Gern, sehr gern! Sie soll ihn haben. Ich werde so bald wie möglich mit ihr zu sprechen suchen. Und bei dieser Gelegenheit will ich nicht versäumen, Ihnen eine Mittheilung zu machen, welche sich auf die Kellnerin Sally bezieht. Nicht wahr, sie war eine Art von Schützling Ihrerseits?«

»Fast möchte man es so nennen. Ich bat sie um ihre Hilfe, als es galt, Sie den Händen des Wirthes zu entreißen, und versprach - - -«

»Ich weiß, ich weiß! Papa hat dafür gesorgt, daß sie ihren Bruder aufsuchen kann, um ihm Gelegenheit zu einer Verbesserung seiner Existenz zu bieten.«

»Ich danke von ganzem Herzen, gnädige Comtesse! So sind mir zwei Wünsche erfüllt anstatt nur des einen. Gott segne Sie! Gott segne Sie!«

Er ergriff ihr kleines, wunderbar schönes Händchen und drückte dasselbe an seine Lippen. Sie entzog ihm die Hand nicht, obgleich der Kuß etwas längere Zeit in Anspruch nahm, als gewöhnlich gewährt zu werden pflegt. Dann ging er. Sie blickte ihm nach, als er über die Straße ging, und ein tiefer, tiefer Seufzer hob ihren Busen. Sie wußte selbst nicht, warum sie die Hand, in welcher sie seine Photographie noch hielt, so fest und beschwichtigend auf ihr Herz drückte.

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Neuntes Kapitel.

Zum Kriege drängend.

  

Station Tharandt! Eine Minute Aufenthalt!«

So riefen die Conducteurs, indem sie eilfertig die Thüren der Coupees öffneten.

»Bier, Cognac, belegte Semmeln!«

So rief der Kellner, welcher einen Korb mit gefüllten Gläsern längs des Zuges hin balancirte.

Aus zwei neben einander liegenden aber getrennten Coupees stiegen zwei Reisende aus. Der Eine war hoch und kräftig gebaut, trug graue, sehr eng anliegende Hose, ein Sammetjaquet und einen sogenannten Künstlerhut. Der Andere war kurz und ungewöhnlich dick, trotzdem er, gerade so wie der Andere, kaum mehr als sechs- bis achtundzwanzig Jahre


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zählen mochte. Auf seinem Haupte saß ein riesiger Calabreserhut, dessen Krämpe hinreichte, eine ganze Familie gegen Regen oder Sonnenstich zu beschützen.

Der Hohe drehte sich in das Coupee zurück und brachte aus demselben eine ziemlich große Mappe und einen Regenschirm zum Vorscheine. Der Dicke wendete sich ebenso, als seine Füße den Erdboden erreicht hatten, nach dem seinigen zurück und zog eine riesige Mappe und einen Regenschirm hervor. Beide drehten sich, da es in diesem Augenblicke zum dritten Male läutete, hastig um, und bei dieser Gelegenheit fuhr der Hohe dem Dicken mit dem Regenschirme in das Gesicht und der Dicke dem Hohen mit dem seinigen an den Leib.

»Herr, nehmen Sie sich in Acht!« donnerte Der mit dem Künstlerhute.

»Ich bin dreimal so dick wie Sie,« antwortete Der mit dem Calabreser; »ich bin also dreimal leichter zu bemerken wie Sie; folglich sind Sie es, der nicht Acht gegeben hat!«

»Schweigen Sie! Sie sind ein Esel!«

»Ja, ich ein dicker und Sie ein großer; das ist so klar wie Pudding.«

Sie blickten einander grimmig in die Gesichter. Da stieß die Maschine ihren schrillsten Pfiff aus; die Wagen setzten sich in Bewegung; die beiden Fremden, welche sehr nahe am Zuge standen, sprangen erschrocken zurück und rissen, der Eine von rechts und der Andere von links, den Kellner um, welcher soeben beabsichtigt hatte, an ihnen vorüber zu eilen. Gläser, Flaschen, Teller, belegte Semmeln, Alles lag an der Erde, welche den Inhalt der Ersteren im Nu verzehrte, die Scherben aber verschmähte.


Ende der einundsechzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk