Lieferung 62

Deutscher Wanderer

22. November 1884

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


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Die beiden Reisenden waren zunächst sprachlos vor Schreck und Zorn; sie blickten einander wüthend unter die Hutkrämpen. Der Kellner raffte sich schnell auf und rief:

»Meine Herren, dieses Malheur haben nur Sie angerichtet. Sechs Glas Lagerbier, fünf Cognacs, vier gestrichene Brödchen mit Schinken und Wiegebraten, nebst Flaschen und Gläser und Teller macht einen Thaler fünfundzwanzig Groschen und neun Pfennige.«

Er streckte bei diesen in unfehlbarem Tone gesprochenen Worten beide Hände aus, um die Summe möglichst bald in Empfang zu nehmen.

»Sechs Glas Lagerbier?« rief der Künstler.

»Fünf Cognacs?!« schrie der Calabreser.

»Vier Brödchen?!«

»Nebst Schinken und Wiegebraten?!«

»Jawohl, meine Herren!« antwortete der Kellner. »Die Herrschaften sind Zeugen, daß Sie mich umgerissen haben.«

Er deutete dabei auf das Publicum, welches sich im Augenblicke an dem Unglücksorte versammelt hatte. Ein allgemeines Kopfnicken und Beifallsmurmeln gab ihm Recht.

»Ich war es nicht!« sagte der Hohe.

»Und ich noch viel weniger,« meinte der Dicke. »Mein Bauch hat keine Ecken, an denen Kellner hängen bleiben.«

»Herr! Sie waren es!«

»Herr! Sie sind's gewesen!«

»Morbleu! Wissen Sie, wer und was ich bin?«

»Hm! Viel wohl nicht.«

Dabei warf der Calabreser dem Künstler einen höchst verächtlichen Blick zu. Dieser Letztere war darob im äußersten Grade erzürnt und rief:

»Ich heiße Haller und bin Maler.«

»Stubenmaler etwa?«

»Nein, sondern Kunstmaler. Ich bin aus Stuttgart.«

Da heiterte sich das glänzende Gesicht des kleinen Dicken auf. Er sagte, bereits viel weniger zornig:

»Herr, ich bin auch Maler!«

»Stubenmaler?«

»Nein, sondern Kunstmaler. Mein Lieblingsgenre sind Viehportraits.«

»Wo sind Sie her?«

»Aus Berlin.«

»Wie heißen Sie?«

»Kennen Sie meinen Namen noch nicht? Ich heiße Hieronymus Aurelius Schneffke. Wir sind also Collegen, Herr!«

Jetzt war aller Groll aus dem Gesichte des Dicken gewichen. Das schien den Langen zu rühren.

»Ja, Collegen,« nickte er.

»Was wollen Sie in Tharandt?«

»Die heiligen Hallen sehen.«

»Ich auch. Wollen wir uns an einander schließen, Herr College?«

»Mir recht.«

»Gut! So wollen wir auch diesen Pechvogel gemeinsam bezahlen!«

»Ich mache mit.«

»Das beträgt pro Mann siebenundzwanzig Groschen neun und einen halben Pfennig. Den Halben spielen wir auf dem Billard aus. Nicht?«

»Einverstanden!«

»Schön! Die Hand auf, Kellner! Hier ist Asche. Aber ein anderes Mal schwänzeln Sie nicht so nahe an uns vorüber, sintemalen man die Augen nicht auf dem


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Rücken hat; das ist doch so richtig wie Pudding. Kommen Sie, mein bester Herr College!«

Der Dicke nahm Mappe und Regenschirm unter den linken, und der Lange nahm diese Gegenstände unter den rechten Arm. Die beiden freien Arme aber schlangen sie in einander und wanderten also vereint dem Orte zu, von einem fröhlichen Gelächter des Publikums begleitet.

Haller hatte etwas Vornehmes, Aristokratisches an sich; aber sein Gesicht zeigte einen offenen, gutmüthigen Ausdruck. Er schien mit dem Dicken vollständig ausgesöhnt.

»Also aus Berlin sind Sie?« fragte er diesen im Gehen.

»Jawohl, Herr College.«

»Sind Sie da bekannt?«

»Sehr sogar!«

»Kennen Sie eine Familie Königsau?«

»Ja, sogar sehr gut. Bei diesen Leuten wohne ich ja.«

»Ah, wirklich? Das trifft sich prächtig! Es ist ein Großvater da?«

»Das stimmt!«

»Und eine Tochter, ein sehr hübsches Mädchen?«

»Hübsch ist sie; ja!« meinte der Calabreser, indem er mit der Zunge schnalzte.

»Könnten Sie mich in der Familie einführen?«

»Mit dem größten Vergnügen, verehrtester Herr College. Wann werden Sie nach Berlin kommen?«

»Ich fahre bereits morgen Vormittag hin.«

»Donnerwetter, ich auch! Wir passen zusammen! Uns hat das Schicksal für irgend einen großen, erhabenen Zweck zusammengeführt.«

»Fast scheint es so.«

»Fahren wir morgen zusammen!«

»Gern!«

»Heute genießen wir Tharandt's heilige Hallen in Gemeinschaft!«

»Ist mir lieb.«

»Und jetzt schwenken wir hier in diese Kneipe ein, um unsere Bekanntschaft mit etwas Nassem zu befeuchten!«

»Ich schließe mich an.«

Sie traten in die Restauration und ließen sich eine Flasche Wein geben. Der Kleine wollte das Vorrecht, sie zu bezahlen, für sich in Anspruch nehmen. Dieselbe Forderung aber erhob der Lange auch in Beziehung auf sich, und so kamen sie überein, Jeder die Hälfte zu entrichten.

»Also, Sie wohnen wirklich bei Königsau?« fragte Haller, als das Gespräch in Fluß gerathen war.

»Freilich! Bereits seit langer Zeit.«

»Kommt Moltke zuweilen hin?«

»Moltke?« fragte der Dicke verwundert.

»Nein.«

»Oder Bismarck?«

»Nie.

»Oder verkehren andere höhere Officiere und Diplomaten dort?«

»Ich wußte nicht, was die da wollten und sollten. Solche Leute kaufen ihre Handschuhe im Großen und Ganzen und lassen Sie niemals färben.«

»Ihre Handschuhe?«

»Ja. Der Königsau ist Glacehandschuhfärber.«

»Glace - - hand - - Schuh - - färber?«

»Natürlich! Das ist so sicher wie Pudding!«

»O weh! Ich meine eine ganz andere Familie Königsau. Das ist eine Officiersfamilie.«

»Ah, so? Hm, die kenne ich nicht, so leid es mir thut!«

»Na, sie wird wohl zu finden sein.«

»Ganz gewiß. Wünschen Sie, dort eingeführt zu werden?«

»Ja. Ist man in Berlin leicht zugänglich?«

»Sehr leicht. Berlin ist nicht London, und der Preuße ist kein Engländer. Wir werden suchen. Vielleicht treffen wir diese Officiersfamilie einmal auf der Hasenhaide oder in Charlottenburg. Da macht sich die Bekanntschaft am Allerleichtesten. Man borgt sich von dem Andern das Taschentuch für einen Augenblick; das ist die ganze Einleitung. Essen wir erst, ehe wir nach den heiligen Hallen gehen?«

»Ich habe bereits ein zweites Frühstück genommen.«

»Ich mein Drittes. Mit dem Vierten kann ich ja noch warten bis ich in den Wald komme. Da giebt es Schafgarbe, Sauerampfer und Brunnenkresse, meine Leibcompots zum Schinkenbrod. Ich habe alle Taschen voll Bemmen stekken. Bei einem Kunstausfluge darf man ja nicht Noth leiden wollen.«

»Sie wollen heute zeichnen?«

»Ja, natürlich. Deshalb gehe ich ja in die heiligen Hallen.«

»Ich denke, Sie sind Thiermaler?«

»Das bin ich allerdings. Es wird sich wohl etwas Lebendiges sehen lassen, eine Blindschleiche, eine Kaulquappe, oder eine Touristenfamilie. Wollen wir aufbrechen?«

»Einverstanden.«

In Kurzem wanderten sie selbander den Weißeritzgrund hinauf. Haller gab sich gemüthlicher als er es gewöhnt war. Der kleine Dicke war ein äußerst guter Gesellschafter, und während der Unterhaltung sah Haller ein, daß er es keineswegs mit einem Minus-Manne, sondern mit einem ganz tüchtigen Künstler zu thun hatte.

»Sie haben so etwas Militärisch-Soldatisches an sich,« meinte der Kleine in seiner humoristischen Ausdrucksweise zu ihm. »Man könnte Sie für einen Officier in Civil nehmen. Sind Sie Soldat gewesen?«

»Ja.«

»Ich auch.«

»Sie?« fragte Haller, indem er die dicke Figur seines Begleiters erstaunt betrachtete.

»Jawohl. Ich habe es sogar bis zum Unterofficier gebracht. Die Geschichte ist mir ungeheuer gut bekommen, wie Sie sehen. Meine Taille kann sich sehen lassen. Aber bitte, schlagen wir uns doch ein Bischen seitwärts in die Wälder. Vielleicht findet sich eine hübsche Baumgruppe oder so etwas Aehnliches für unsere Stifte. Etwas mitnehmen muß ich!«

Er war, wie es sich zeigte, trotz seines ungewöhnlichen Leibesumfanges ein ganz guter Läufer und Steiger. Haller hatte einen recht ausgiebigen Schritt angenommen, aber der Kleine blieb ihm dennoch stets an der Seite.

Es war ein wunderschöner Tag. Draußen im Freien brannte die Sonne beinahe heiß hernieder, obgleich die Jahreszeit noch nicht weit vorgeschritten war. Hier im Walde warf sie schimmernde Lichter durch die Zweige. Die Ränder des jungen Grüns färbten sich goldig. Waldesduft


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erquickte die Lungen; Vogelgesang ertönte von den Zweigen, und von fern her tönten laute fröhliche Menschenstimmen herüber.

Nur von fern her? O nein! Die Beiden hielten unwillkürlich ihre Schritte an. Ganz in unmittelbarer Nähe, gerade vor ihnen ließ sich soeben eine Frauenstimme von ganz besonderem Wohllaute vernehmen. Die Stimmlage war im Alt, aber dieser Alt hatte eine eigenthümliche silberne Klangfarbe.

»Horchen Sie!« flüsterte der Kleine. »Das ist entweder vorgelesen oder declamirt. Das sind Verse. Lassen Sie uns einmal sehen, wer es ist.«

Sie wandten sich leise durch ein lichtes Buchengebüsch hindurch und standen nun am Rande eines kleinen Kessels. Unten auf der Sohle desselben lagen einige mit Moos bewachsene Steine, und da saßen zwei Frauengestalten, ganz und gar in ihre Beschäftigung vertieft.

Die Eine war nicht mehr jung; aber man sah es ihr an, daß sie einst sehr schön gewesen sein müsse. Ihr Gesicht war bleich, von vornehmem Schnitte und zeigte jenen stabilen Hauch der Schwermuth, welcher stets die Folge eines still getragenen Leides ist. Die Toilette dieser Dame war, obgleich von touristenmäßigem Schnitte, doch reich zu nennen.

Die andere war jung, eine wirkliche Schönheit, hoch und voll gebaut, blond von Haar und schneeig von Teint. Ihr Gewand war höchst einfach. Selbst an dem Hute, welchen sie vom Kopf genommen und neben sich hingelegt hatte, war weder Blume noch Schleife zu sehen. Sie hatte ein Buch in der Hand, aus welchem sie vorlas.

»Eine Aristokratie vom reinsten Blute; das will ich wetten,« flüsterte der Kleine.

»Und die Jüngere ist Gouvernante, Gesellschafterin, Vorleserin,« fügte der Lange hinzu.

»Möglich. Eine schöne Gruppe! Wollen wir?«

Er warf dabei einen bezeichnenden Blick auf seine Mappe.

»Ich möchte wohl,« antwortete Haller; »aber hier können sie uns zu leicht bemerken.«

»Kriechen wir da rechts hinüber. Dort hängt der Rand ein gutes Stück über; dahinter können wir uns verstecken.«

Gesagt, gethan. Sie schlichen sich nach der angegebenen Stelle, machten es sich dort so bequem wie möglich, und begannen dann zu zeichnen.

»Was mag es sein, was sie vorliest?« fragte Haller.

»Ich glaube, das Buch sind Geroks Palmblätter,« antwortete der Berliner. »Ja, horchen Sie! Jetzt liest sie den Frühlingsglauben:

»Und schau ich Gottes Welt im Frühlingslicht,
Wenn junges Grün erglänzt auf allen Triften,
Wenn Blüthenschnee aus dürren Aesten bricht,
Und Lustgesang ertönt in blauen Lüften,
Dann hoff ich wieder, und noch glaub ich nicht
An die Erfüllung schon der letzten Schriften,
Wo krachend unsere sündenmorsche Welt
In Flammen des Gerichts zusammenfällt.«

»Herrlich, herrlich!« flüsterte der Kleine. »Diese Betonung, diese Innigkeit des Ausdruckes! Sehen Sie, wie ihre Wangen sich geröthet haben und wie - - Mohrenschockelement! Da geht weiß Gott die Ruschel fort!«

In seiner Begeisterung hatte er sich aufgerichtet und zu weit vor gewagt. Das lockere, überhängende Erdreich, auf welchem die Beiden saßen, konnte die ungewöhnliche Last des Dicken nicht mehr halten, es gab nach und rutschte niederwärts.

»Hui! Hurre! Ich halte mich doch noch fest.«

Bei diesen Worten streckte der Kleine den Arm aus und erfaßte, bereits im Abwärtsrutschen begriffen, das Bein seines langen Collegen.

»Mille tonnerres!« rief dieser. »Sie reißen mich ja mit in die Lawine hinein! Halt, Dicker, halt! Brrrr! Eh!«

Ja, leider gab es keinen Halt mehr, die Lawine fuhr zu Thal.

Die beiden Damen hatten gar keine Ahnung davon gehabt, daß sie beobachtet seien. Der kleine Thalkessel war ihnen zur Kirche geworden, und das fromme Dichterwort zum Evangelium. Diese ihre Andacht wurde nun so gewaltsam gestört durch die lauten Rufe, welche über ihnen erschallten.

Sie sprangen, im höchsten Grade erschrocken, von ihren improvisirten Sitzen auf und blickten empor. Was sie da sahen, war keineswegs erbaulich.

Eine ganze Parthie von Erde, Sand und Geröll ergoß sich vom Rande der Schlucht nach unten, und mitten in diesem Chaos wälzte, rutschte, kugelte und kollerte der Dicke schreiend, pustend und stöhnend mit hernieder. An jedem Busche, an jeder Wurzel, an welchen er vorübersauste, wollte er sich festhalten, doch vergebens. Daher die verschiedenen, schnell aufeinander folgenden Ausrufungen des Schreckes, der Hoffnung, des Aergers.

»Halt! Heh, hih, hoh! Jetzt hab ich's! Au waih! Es geht wieder weiter! Hurrjeh! Gott, vergieb mir meine Sünden! Hoppsa! Au! Pfui Teufel! Ah, da ist ein Stamm! Halt fest, Dicker! Etsch, da dampft er vorbei! Jemineh! Geht weg da unten, Ihr Weibsen! Jetzt komme ich! Links, Dicker, weiter links, sonst brichst Du Hals und Beine! So! Na, jetzt endlich nimmts ein Ende.«

So kam er von oben herunter gefahren. Die Gewalt des Sturzes trieb ihn bis zu den beiden Damen hin, welche kaum wußten, ob sie fliehen oder bleiben sollten. Gerade vor ihnen blieb er beschmutzt und bestaubt, mit zerrissenen Hosen liegen, streckte alle Viere von sich und sagte:

»Ergebenster Diener, verehrte Damen! Wünsche, wohl geruht zu haben. Stelle mich Ihnen vor: Ich bin Herr Hieronymus Aurelius Schneff - - Herrjesses, wer kommt denn da noch angesaust? Na, so ein Weihnachten! Hat's denn nicht bald ein Ende?«

Haller hatte sich nämlich etwas länger zu halten vermocht, endlich aber doch dem verhängnißvollen Gesetze der Schwere nachgeben müssen. Jetzt kam er angestürmt und fuhr mit solcher Wucht gegen den Dicken an, daß dieser noch ein großes Stück fortkugelte und sich, bevor er liegen blieb, noch einige Male überkugelte.

Der Lange raffte sich möglichst rasch auf und machte den Damen eine Verbeugung. Er wollte sich beinahe beleidigt fühlen, als er auf dem Gesichte der Jüngeren ein ziemlich spöttisches Lächeln bemerkte, da aber rief ihm der Kleine zu:

»Reiß aus, Christlieb! Guck nur Deine Hosen an! Vorn bei den Knieen und hinten!«


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Die engen Beinkleider Hallers waren allerdings noch viel schlimmer zugerichtet, als diejenigen des Berliners. Er warf einen erschrockenen Blick nach unten, sah seine beiden Kniee durch zwei fürchterliche Risse gucken, wendete sich um und war im nächsten Augenblicke hinter den Büschen verschwunden.

Jetzt raffte sich auch der Dicke empor. Er bot einen so komischen Anblick dar, daß die beiden Damen nur mit allergrößter Mühe ihr Lachen verbergen konnten.

»Schneffke, wollte ich vorhin sagen, meine Damen, da aber kam dieser Hans Tapps angesaust und riß mir das Wort vom Munde weg. Hieronymus Aurelius Schneffke, Kunstmaler. Meine Visitenkarten werde ich wohl unterwegs verloren haben. Es ist eine heillose Geschichte. Sehen Sie sich nur meinen Regenschirm an, da liegt er! Der hat nur noch total zerbrochene Knochen, die Haut ist ganz und gar verschwunden.«

Sein Skizzenbuch hatte die ganze Reise mitgemacht. Es lag am Boden, beschmutzt, zerrissen und zerzaust. Die jüngere Dame warf einen Blick darauf, bückte sich dann rasch und hob es auf, um das Blatt zu betrachten, welches gerade obenauf gewesen war.

»Ah, sieh, Tantchen, das sind wir,« sagte sie. »Das Schicksal hat glücklicher Weise diesen Diebstahl auf das Schnellste bestraft. Komm, laß uns unsern Spaziergang fortsetzen.«

Sie riß das Blatt, welches die Skizze enthielt, in kleine Stücke und streute die Letzteren umher; dann verließ sie mit der andern Dame den Thalkessel.

»Donnerwetter!« brummte ihr der Dicke nach. »Stolz lobe ich mir die Spanierin! So eine Vorleserin! Aber, hat sie denn nicht Tante gesagt? Hm! Wohl nicht. Ich habe mich verhört. Mir brummt der Kopf wie eine Baßgeige. Wo muß nun dieser Herr College stecken? Ah, dort kommt er!«

Haller hatte sich aus Scham vor den Damen zurückgezogen. jetzt kam er aus den Büschen heraus.

»Verdammter Fall!« fluchte er. »Schauderhaftes Ereigniß! So ein Mädchen! So wunderbar schön! Mein Ideal gefunden, endlich gefunden! Und dabei zerplatzt mir die Hose.«

»Das ist doch immer noch besser, als wenn Sie eine Hose gefunden hätten und dabei wäre das Ideal zerplatzt. Da oben liegt Ihr Schirm und Ihre Mappe. Sie sind viel besser weggekommen als ich. Bei mir ist Alles zum Teufel.«

»Ja, das ist ein Trost. Ich habe die Skizze dieses herrlichen Kopfes, dieser köstlichen Figur erobert. Wissen Sie nicht, wer die Beiden waren?«

»Nein. Daran sind ganz allein nur Sie schuld.«

»Wieso?«

»Ich hatte gerade begonnen, mich ihnen nach allen Regeln der Etikette und guten Lebensart vorzustellen, da kamen Sie geflogen und fackten mich aus dem Concept heraus. Die Damen wären verpflichtet gewesen, mir auch ihre Namen zu nennen.«

»Es ist ja möglich, daß wir sie wiedersehen. Jetzt gilt es vor allen Dingen, uns zu restauriren. Es wird doch in Tharandt einen Schneider geben, der auf Lager hat, was wir brauchen?«

»Ich hoffe es. Aber Sie können sich auch in Tharandt nicht sehen lassen. Warum tragen Sie so enge Hosen!«

»So gehen wir jetzt einstweilen zu Zweien, und in der Nähe des Städtchens bleibe ich zurück und warte auf Sie.«

So wurde es gemacht. Sie putzten sich, so gut es ging, den Schmutz aus den Kleidern und wanderten dann der Stadt zu. Haller blieb im Walde zurück und wurde dann von dem Dicken in den Stand gesetzt, sich wieder vor Menschen sehen lassen zu können. Aber die Freude am Ausfluge war ihnen verdorben. Sie beschlossen, mit dem nächsten Zuge nach Dresden zu fahren, von wo aus sie dann morgen nach Berlin dampfen wollten.

Auf dem Bahnhofe waren Beide gezwungen, einige Zeit auf den Zug zu warten.

»Welche Classe fahren wir, Verehrtester?« fragte Schneffke.

»Ich werde die Billets sogleich besorgen.«

Sie saßen in der Restauration und hatten sich Jeder ein Bier geben lassen. Haller ging und brachte dann zwei Billets erster Classe.

»Verdammt!« sagte der Berliner. »Diese Noblesse ist mein Geldbeutel nicht gewöhnt.«

»Aber der meinige! Sie haben gewünscht, daß wir uns bis Berlin an einander schließen - - -«

»Auch in Berlin!« unterbrach ihn der Dicke. »Sie gefallen mir, obgleich Ihre Hosen sich nicht sehr durabel betragen haben, und da ist es mir lieb, wenn wir uns auch in Berlin nicht ganz aus den Augen verlieren.«

»Das ist mir recht, obgleich auch Ihre Hosen bei der Rutschpartie bedeutend gelitten haben. Aber wollen wir beisammen bleiben, so sind Sie gezwungen, sich in meine Art und Weise zu fügen. Ich fahre nur erster Classe!«

»Hm!« lachte der Dicke. »Welcher Classe sind Sie denn da draußen im Walde gefahren? Uebrigens bitte ich mir zu sagen, wo Sie in Dresden logiren.«

»Das weiß ich nicht. Ich kam, gerade wie Sie, von Chemnitz her und nahm nur bis Tharandt Billet, um die berühmten heiligen Hallen in Augenschein zu nehmen. In Dresden bin ich noch gar nicht gewesen.«

»Und ich kam aus dem Flöhathal, welches seiner landschaftlichen Schönheiten wegen bekannt ist. Ich stieg hier aus, um das seltene Vergnügen zu haben, einmal ohne Schnee auf ebener Erde Schlitten zu fahren. Ich werde im Trompeterschlößchen logiren.«

»Ein Hotel?«

»Nein, sondern ein Gasthof.«

»Pah!« sagte Haller verächtlich. »Wer verkehrt da?«

»Der Mittelstand.«

»Der Künstler gehört nicht zum Mittelstande. Ist Ihnen nicht ein vornehmes Haus bekannt?«

»Hotel de Saxe oder Stadt Rom am Neumarkte.«

»So fahren wir nach Hotel de Saxe.«

»Wie? Ich auch mit? Da soll mich Gott behüten!«

»Warum?«

»Weil leider mein Beutel zum Mittelstande gehört.«

»Das ist kein Grund. Wir bleiben zusammen, und die Rechnung werde ich begleichen.«

»Sapperlot, diese Ouverture ist famos componirt! Aber, bester Herr College, haben Sie denn wirklich Ihren Narren so an mir gefressen, daß Sie mir solche Opfer bringen?«

»Diese geringe Ausgabe ist ja gar nicht der Rede werth;


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ich bin sehr reichlich mit Reisegeld versehen. Sie gefallen mir, und zudem bin ich noch nie in Berlin gewesen und sage mir daher, daß Sie mir dort vielleicht von Nutzen sein können.«

»Soll ich Ihnen dort auch neue Hosen besorgen? Ich stelle mich sehr gern zur Verfügung. Dabei ist es ein wahres Glück, daß es dort keine heiligen Hallen giebt. Ich liebe es zwar, zuweilen ein kleines Abenteuer zu erleben, aber eine Omnibusfahrt ohne Omnibus ist denn doch nicht gerade angenehm, zumal wenn man sich dabei vor zwei solchen Damen blamirt. Die Alte war interessant. Ein höchst feines, geistreiches, aristokratisches Gesicht! Die Gesellschafterin aber war noch bei Weitem wünschenswerther. Hat sie Ihnen gefallen?«

Haller blickte nachdenklich vor sich hin, als ob er sich ihr Bild noch einmal vergegenwärtigen wolle. Dann antwortete er:

»Sie ist eine Schönheit ersten Ranges!«

»Jawohl, jawohl! Allerersten Ranges! Donnerwetter! Wenn ich erstens wüßte, wer sie ist, und zweitens - - ah! Hm!«

»Was zweitens?«

»Ob - - na, ob sie bereits einen Liebsten hat oder nicht!«

»Sacree! Sind Sie verliebt in sie?«

Der Dicke fuhr sich mit beiden Händen über den Mund, schnalzte mit der Zunge und antwortete:

»Verliebt, sagen Sie? Das ist ein verteufelt unpoetisches Wort. Ich an Ihrer Stelle würde mich etwas anders ausdrücken.«

»Wie denn zum Beispiel?«

»Nun, das kann ich augenblicklich auch nicht sofort sagen. Aber als ich da oben von der Höhe herabgesaußt kam und gerade vor ihren Füßen halten blieb, da überkam es mich gerade wie - wie - ja, jetzt habe ich es - gerade wie Schiller in seiner Glocke. Sie stand da vor mir herrlich, in der Jugend Prangen, wie ein Gebild aus Himmelshöhen; ich lag vor ihr auf jener menschlichen Gegend, auf welcher ungerathene Buben die meisten Prügel zu erhalten pflegen, und in diesem feierlichen Augenblicke hätte ich ausrufen mögen, gerade wie Schiller dort in der Glocke:

O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
   Der ersten Liebe goldne Zeit!
Ich lieg vor Dir, grad wie besoffen,
   Und Du? Du lachst, wie nicht gescheidt!«

Haller konnte sich bei dieser Auslassung nicht enthalten, auch zu lachen. Der Dicke war wirklich köstlich; er ließ den Gefährten auslachen und meinte dann mit der ernsthaftesten Miene von der Welt:

»Was lachen Sie? Glauben Sie etwa, daß meine Verse ein empfängliches, sehnsuchtsvolles Mädchenherz nicht zu rühren vermögen! Ich bin in Berlin als einer der größten Don Juans bekannt!«

Der Andere musterte ihn mit einem ungläubigen Blicke und fragte:

»Sie? Ah! Wie viele Erfolge haben Sie zu verzeichnen?«

»Sehr viele! Die Eine lacht mich aus; die Andere zuckt die Achsel; die Dritte läßt mich stehen und rauscht davon, und die Vierte, Donnerwetter, wer kann sich das Alles merken. Na, Sie werden mich schon noch kennen lernen. Aber diese Gouvernante, diese Gesellschafterin, zu deren Füßen ich vorhin niedergesäußelt bin, die hat mir's angethan. Sollte ich sie jemals wieder treffen, so lasse ich eine Liebeserklärung vom Stapel, die sich gewaschen hat!«

»Viel Glück dabei, mein Lieber. Aber da ertönt das Zeichen. Lassen Sie uns aufbrechen; der Zug kommt.«

Sie begaben sich nach dem Perron und stiegen, als der Train angekommen war, in ein Coupee erster Classe.

Sie hatten gar nicht die beiden Damen bemerkt, welche ganz in ihrer Nähe das Einlaufen des Zuges beobachtet hatten. Es waren dieselben, mit denen sie im Walde auf eine so ungewöhnliche Weise zusammengetroffen waren.

»Nehmen wir Frauencoupee?« fragte die Jüngere.

»Nein, liebe Emma.«

»Aber man weiß nicht, welche Gefährten man trifft.«

»Ich bin Officiersfrau, und als solche darf ich mich nicht fürchten.«

Sie sahen ein Coupee erster Classe offen stehen und stiegen ein, die Aeltere voran, die Jüngere dann.

»Donnerwetter, Die sind's!« tönte es ihnen entgegen.

Der Dicke war es, der aus Ueberraschung diesen Ruf ausgestoßen hatte. Die ältere Dame hörte es und erkannte ihn. Sie machte sofort Miene, wieder auszusteigen, aber ihre Gefährtin, welche weder Etwas gehört noch gesehen hatte, stand bereits auf dem Trittbrette, und der Schaffner rief:

»Bitte schnell, meine Damen! Es läutet zum dritten Male!«

Unter diesem Umständen gab es keine Wahl; man mußte bleiben. Der Schaffner warf die Thür zu, und der Zug setzte sich in Bewegung.

Jetzt sah nun auch die Jüngere, in welche Gesellschaft sie gerathen war. Ein eigenthümliches, ironisches Lächeln zuckte um ihren Mund; dann ließ sie den Schleier nieder, wie um anzudeuten, daß sie für Niemand vorhanden sei.

Die beiden Herren saßen an dem einen und die Damen an dem anderen Fenster.

»Glückliches Omen!« flüsterte der Berliner. »Soll ich?«

»Was?« flüsterte sein Gefährte zurück.

»Na, die Liebeserklärung.«

»Unsinn. Wollen Sie die Damen beleidigen?«

»Keineswegs. Ich verstehe mich ganz gut auf solche Sachen.«

Er setzte sich in Positur, drehte sich nach den Damen hin, zupfte sich die Weste, welche ein Wenig emporgerutscht war, zurecht, räusperte sich verheißungsvoll und sagte:

»Darf ich Ihnen vielleicht meinen Platz anbieten, gnädige Frau? Sie fahren wohl nicht gern rückwärts.«

Hätte sie angenommen, so wäre er vis-à-vis der Jüngeren zu sitzen gekommen. Seine Frage war in einem höflichen Tone gesprochen worden. Die Dame konnte also nicht umhin zu antworten. Sie neigte den Kopf ein Wenig und sagte:

»Ich danke! Ich bin nicht nervös!«

»O, ich auch nicht!« fügte er sehr geistreich hinzu, indem er einen triumphirenden Blick auf seinen Gefährten warf.

»Das habe ich bemerkt,« antwortete sie, indem ein feines, satyrisches Lächeln über ihr Gesicht glitt.


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»Sehr freundlich. Wo haben Sie das bemerkt, gnädige Frau?«

»Im Walde. Es ist Ihnen ganz gleich, auf welche Weise Sie fahren.«

»Nicht wahr?« lachte er. »Ich brauche dazu weder Kutscher noch Pferde und Wagen, nicht einmal eine Locomotive. Ganz gewiß haben Sie unsere Fertigkeit bewundert. Ich muß allerdings annehmen, daß Ihnen das Vorkommniß ein wenig unerklärlich gewesen ist?«

»Ich gestehe das allerdings ein.«

»Darf ich Ihnen die Erklärung geben?«

»Ich bitte darum.«

Es hatte eigentlich gar nicht in ihrer Absicht gelegen, auf eine Unterhaltung einzugehen, aber ein Blick in das offene ehrliche und gutmüthige Gesicht des Dicken brachte sie zu dem Entschlusse, ihm nicht wehe zu thun.

»Nun sehen Sie, gnädige Frau,« sagte er; »wir haben uns nämlich entschlossen, per Velociped zu fahren, haben aber die Maschinen noch nicht erhalten. Um nun keine Zeit zu verlieren, sind wir in den Wald gegangen, um uns einstweilen einzuüben. Der Mensch muß practisch sein. Wenn wir dann später die Velocipeds erhalten, besitzen wir bereits so viel Fertigkeit, daß wir uns sofort aufsetzen können. Ich hoffe, daß Sie das sehr zweckmäßig finden.«

»Allerdings ebenso zweckmäßig wie außerordentlich!« lachte sie.

»Das kann nicht auffallen; wir sind ja zwei außerordentliche Menschen. Wir sind Künstler. Wenn ich mich nicht irre, habe ich bereits im Walde die Ehre gehabt, mich Ihnen vorzustellen?«

»Ja, mein Herr; aber Ihr Name ist ebenso außerordentlich wie Ihre Person; ich muß Ihnen daher gestehen, daß ich ihn leider nicht behalten habe.«

»Sie haben ihn vergessen? Dieses Schicksal haben die meisten irdischen Größen zu erdulden; erst nach ihrem Tode setzt man ihnen Denkmäler. Ich werde mir aber erlauben, mein Andenken bereits jetzt zu Ehren zu bringen, indem ich Ihnen wiederhole, daß ich Hieronymus Aurelius Schneffke heiße.«

»Ich danke.«

Sie hielt die Sache für abgemacht; er aber blickte ihr so erwartungsvoll in das Gesicht, daß sie, innerlich im höchsten Grade belustigt, fortfuhr:

»Mein Name ist Goldberg.«

Das war ihm nicht genug; darum fragte er:

»Auch Künstlerin? Vielleicht Malerin?«

»Leider nicht. Mein Mann ist General.«

Er fuhr zurück und rief dabei:

»Sacristi. General von Goldberg etwa?«

»Ja.«

»Der ist ja Graf.«

»So viel ich weiß, ja!« nickte sie.

»Habe die Ehre, gnädige Frau Gräfin. Und wie es scheint, steht dieses Fräulein als Vorleserin und Gesellschafterin in Ihrem Dienste?«

Ueber das fein gezeichnete Gesicht der Generalin glitt ein schalkhaftes Lächeln. Sie antwortete:

»Sie haben es errathen. Fräulein Emma ist meine Vorleserin, meine liebste Gesellschafterin. Darf ich vielleicht fragen, welches Genre Sie als Maler bevorzugen?«

Er nahm eine höchst wichtige Miene an und erklärte:

»Ich bin zoologischer Künstler und habe mich ganz besonders für diejenigen Erscheinungen des Thierreiches entschieden, durch welche die Natur den Gedanken der höchsten Schönheit, der ästhetischen Vollkommenheit verkörpert.«

»Ah, welche Thiere sind das?«

»Die Krebse, Spinnen und Tausendfüße.«

Sie warf einen Blick auf ihn, in welchem sich die deutliche Besorgniß aussprach, ob er bei Sinnen sei; er aber machte ein Gesicht, welchem sie anmerkte, daß es sich nur um einen Scherz handle. Bereits wollte sie antworten, aber da kam ihr die Gefährtin zuvor, denn hinter dem Schleier heraus erklang die Frage:

»Gehörte Ihre heutige Leistung auch diesem Genre an?«

»Welche, mein Fräulein?«

Man sah ihm die Befriedigung an, sie zum Sprechen gebracht zu haben. Sie antwortete:

»Als Sie vor mir parterre ausruhten, lag neben Ihnen das Portrait eines Wesens, von welchem es mich interessiren würde, zu erfahren, ob Sie dasselbe auch zu den Spinnen und Tausendfüßen rechnen, Herr - Herr Schneffke.«

Er wußte, daß sie die Skizze ihrer eigenen Person meinte, doch brachte ihn das nicht im Mindesten in Verlegenheit. Er antwortete:

»Das ist ein ganz anderes Genre, und nicht ich bin es, der dieses Portrait gezeichnet hat.«

»Ah! Wer sonst?«

»Ich habe meinem Herzen den Bleistift borgen müssen.«

Da, endlich war sie heraus, die Liebeserklärung! Er strampelte vor Freude mit den dicken Beinen, faltete die Hände befriedigt über dem Bauche und warf seinem Gefährten einen höchst stolzen, siegreichen Blick zu.

Ein kurzes, goldenes Lachen erscholl hinter dem Schleier.

»Ihr Herz zeichnet auch Figuren?« fragte sie.

»Wie es scheint,« antwortete er. »Ich habe allerdings bisher davon noch nichts gewußt. Sie sind die erste Figur, an welche es sich gewagt hat.«

»Ich fühle mich ganz beglückt davon, Herr - - Schneffke! Nicht wahr, so hießen Sie doch wohl?«

»Ja, Hieronymus Aurelius Schneffke. Das ist so gewiß und sicher wie Pudding. Sapperlot, das ist jammerschade!«

Die Unterhaltung war nicht ungestört geführt, sondern oft durch das Geräusch der Räder und das Anhalten des Zuges an den kleinen Stationen unterbrochen worden. Jetzt nun waren sie auf dem böhmischen Bahnhofe in Dresden angelangt. Die Thür wurde geöffnet, und man stieg aus.

Der Dicke wäre gern den Damen behilflich gewesen, saß aber leider auf der verkehrten Seite des Coupees. Doch sprang er, so rasch es ihm seine Corpulenz gestattete, ihnen nach und fragte, den Hut ziehend:

»Befehlen die gnädige Frau vielleicht eine Droschke?«

Sie wollte diese Höflichkeit, welche man vielleicht mit eben demselben Rechte eine Zudringlichkeit nennen konnte, zurückweisen, brachte dies aber bei den guten, treuen Augen, deren Blick er auf sie richtete, nicht fertig.

»Mein Herr, ich darf Sie doch nicht bemühen!« meinte sie.

»Warum nicht?«

»Hm!« lächelte sie, indem sie ihn von Kopf bis zu den


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Füßen betrachtete. »Ihr Aeußeres ist zu einer solchen Anstrengung wohl schwerlich prädestinirt!«

»Weil ich nicht ganz und gar hager bin? O, meine Taille genirt mich nicht im Mindesten. Einer, welcher im Walde so außerordentlich hurtige Velocipedistenübungen fertig bringt, wird wohl auch nach einer Droschke springen können. Sie sollen sehen, wie ich fliege!«

Er eilte davon, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die sie ihm gar nicht zugetraut hätte. Er ließ sich von dem Polizisten, welcher am Ausgange stand, eine Nummer geben und suchte dann nach der Droschke, welche diese Nummer führte. Dabei brummte er befriedigt vor sich hin:

»Auf diese Weise erfahre ich, nach welchem Gasthofe oder Hotel sie fahren. Ein gescheidter Kerl darf kein dummer Esel sein; das ist so gewiß wie Pudding. Diese Gesellschafterin lasse ich mir auf keinen Fall entlaufen.«

Die Generalin hatte ihm lächelnd nachgeblickt und dabei an ihre Begleiterin die Frage gerichtet:

»Konnte ich es ihm abschlagen, liebe Emma?«

»Nein, liebe Tante. Er ist ein guter Mensch, wenn auch ein sehr mittelmäßiger Geist.«

»Du hast ihn erobert.«

»So ist der heutige Tag der glücklichste meines Lebens,« scherzte Emma von Königsau. »Aber, was sagst Du zu dem Andern?«

»Der erste Augenblick ist oft entscheidend, wenn es sich um die Beurtheilung eines Menschen handelt. Hier möchte ich diese Regel nicht gelten lassen. Er macht auf mich den Eindruck eines ungewöhnlichen Mannes.«

»Diesen Eindruck hat er auf mich nicht hervorgebracht. Ich halte ihn im Gegentheile für einen sehr gewöhnlichen Menschen. Ist Dir Nichts an ihm aufgefallen?«

»Was meinst Du?«

»Seine Aehnlichkeit mit Fritz.«

»Mit Fritz? Welchen Fritz meinst Du?«

»Fritz Schneeberg, den Diener meines Bruders.«

»Ich habe diesen Fritz nur einmal höchst vorübergehend gesehen. Es ist möglich, daß er öfters in meine Nähe gekommen ist, aber ich habe ihn nicht bemerkt oder nicht beachtet. Aus der Aehnlichkeit mit Fritz darfst Du aber doch noch nicht schließen, daß dieser Maler ein gewöhnlicher Charakter ist.«

»Geist hat er nicht. Er hat ja nicht einmal ein Wort gefunden, sich wegen des Schreckes zu entschuldigen, den er uns bereitet hat. Dieser dicke Hieronymus hat doch wenigstens einige drollige Witze darüber gemacht.«

»Und dennoch ist mir der Andere außerordentlich sympathisch. Vielleicht ist es deshalb, weil - ah, weißt Du, mein Mann fast ganz dasselbe Aeußere hatte, als er in diesen Jahren war?«

»Wirklich? Nun, dann ist es erklärlich, daß Du ihn vertheidigst. Da ist die Droschke, liebe Tante!«

Sie stiegen ein und bedankten sich bei dem Maler.

»Hotel de Saxe!« befahl die Generalin.


Ende der zweiundsechzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk