Lieferung 63

Deutscher Wanderer

29. November 1884

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


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Hieronymus machte eine tiefe Verneigung und blickte dem Wagen ein Weilchen nachdenklich nach.

»Ein famoses Mädchen!« brummte er. »Wie sie sich wohl als Frau Hieronymus Aurelius Schneffke ausnehmen würde? Emma heißt sie? Hm, kein übler Name! Emma heißt: die Emsige, die Fleißige. Sie könnte mir die Farben reiben.«

Da erhielt er einen Schlag auf die Schulter.

»Donnerwetter!« rief er. »Welcher Flegel ist denn - ah, Sie sind es, College! Holen Sie ein anderes Mal etwas weniger aus, wenn Sie mich liebkosen wollen!«

»Und Sie, laufen Sie nicht jedem Lärvchen nach, wenn Sie in meiner Gesellschaft bleiben wollen!« erwiderte Haller.

»Nennen Sie etwa dieses Fräulein Emma eine Larve?«

»Wen ich meine, das ist gleichgiltig. Hier habe ich eine Droschkennummer. Lassen Sie uns nach dem Hotel de Saxe fahren.«

»Das werden wir vielleicht bleiben lassen!«

»Warum?«

»Die beiden Damen wohnen dort.«

»Ah! Fürchten Sie sich vor ihnen? Ich denke, Sie sind in die Vorleserin verliebt!«

»Verliebt? Pfui Teufel, abermals dieser ungeeignete Ausdruck! Ihr Bild ist siegreich zu den Pforten meines Herzens eingezogen. So drücke ich mich aus. Ich möchte zwar höchst gern in ihrer beglückenden Nähe weilen, aber ich habe sehr triftige Gründe, sie einstweilen noch in zarter Schamhaftigkeit zu fliehen.«

»So? Welche Gründe wären das?«

»Erstens die Art und Weise, in welcher die Bekanntschaft angeknüpft wurde, und zweitens mein gegenwärtiger äußerer Adam. Sehen Sie mich einmal an!«

»Nun, was ist an Ihnen zu ersehen?«

»Diese verteufelte Rutschparthie hat meinen Anzug bedeutend mitgenommen, und ich habe augenblicklich nicht über Millionen zu verfügen, so daß ich mir einen neuen Gottfried kaufen könnte. Ich muß warten bis ich nach Berlin zu meinem Kleiderschrank komme. Bis dahin muß ich die Sehnsucht meines liebenden Herzens in die dickste Pappschachtel einstecken.«

»Ich glaube, der Kleiderschrank wird Ihnen auch keine Station zum Glücke werden. Diese Emma sah mir gar nicht so aus, als ob sie sich von einem Krebs- und Spinnenmaler erobern ließe; hier ist unsere Nummer. Steigen wir ein. Wir fahren nach dem Hotel Stadt Rom.«

Dort angekommen, ließen sie sich zwei nebeneinander liegende Zimmer geben. Haller hatte den Gedanken, in das Theater zu gehen und ließ sich zwei Billets holen.

»Was wird gegeben?« fragte der Dicke.

»Die Jungfrau von Orleans.«

»Ich werde mitgehen, obgleich mir die Jungfrau von Tharandt bedeutend lieber ist. Uebrigens habe ich mich unterwegs im Coupee schauderhaft über Sie geärgert.«

»Warum?«

»Sie haben keinen Laut von sich gegeben. Was müssen die beiden Damen von mir denken!«

»Von Ihnen? Wenn ich schweigsam bin, ist das doch meine, nicht aber Ihre Sache!«

»O doch! Ein Künstler, welcher sich in der Gesellschaft eines Menschen befindet, welcher nicht reden kann, ist selbst auch blamirt.«

»Pah! Sie hatten die Unterhaltung so geistreich ein-


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geleitet, daß ich Ihnen auch den ganzen Ruhm und Genuß lassen wollte.«

»Das läßt sich hören. Die Generalin ist ein Prachtfrauenzimmer. Ich bin überzeugt, daß meine Persönlichkeit einen bedeutenden Eindruck auf sie gemacht hat.«

»Natürlich! Ihre Persönlichkeit wiegt ja schwer genug!«

»Einen Zentner achtundneunzig Pfund. Das hat Nachdruck. Wenn nur diese Emma nicht verschleiert gewesen wäre! Ich bin aber doch so glücklich gewesen, zu bemerken, daß sie einige bewundernde Blicke auf mich geworfen hat. Wenn ich mich nicht getäuscht habe, so wird sie am längsten Vorleserin gewesen sein. Wissen Sie, was ich jetzt thun werde?«

»Dummheiten werden Sie machen, wie es ja alle Verliebte zu thun pflegen!«

»Oho, grad recht pfiffig werde ich sein. Ich gehe nämlich jetzt nach dem Hotel de Saxe und suche zu erfahren, wie lange die Damen noch da logiren.«

»Dieser Gedanke ist allerdings nicht schlecht. Gehen Sie und fangen Sie es gescheidt an!«

»So gescheidt wenigstens wie jeder Andere. Ein Trinkgeld thut ja Wunder.«

Er ging. Haller trat an das Fenster und blickte nachdenklich hinab. Er sah Leute unten gehen und dennoch sah er sie nicht. Sein Geist war drüben im Hotel de Saxe.

»Was ist's nur,« fragte er sich, »was mich gezwungen hat, mein Auge immer wieder auf die Generalin zu richten. Mir war es ganz, als ob ich sie kenne, als ob ich sie bereits sehr oft gesehen habe. Unbegreiflich! Es giebt Personen, welche man lieben muß vom ersten Augenblicke an. So geht es mir mit dieser Dame, für die ich viel, sehr viel thun könnte, um nur mit einem freundlichen Lächeln belohnt zu werden.«

Er begann jetzt, nachdenklich im Zimmer auf und ab zu schreiten.

»Und die Andere,« fuhr er fort, »ist wirklich werth, geliebt zu werden. Wäre sie nicht blos Vorleserin und wäre ich nicht bereits verlobt, so könnte sie mir gefährlich werden. Ich weiß wirklich nicht, ob Ella von Latreau schöner ist als sie.«

Nach einer Weile kehrte der Dicke zurück. Er hatte den Portier im Flur des Hotels getroffen und die Unterhaltung mit einem Achtgroschenstücke eingeleitet. Der Portier hatte das Geldstück genau angesehen und dann gesagt:

»Hm! Was soll ich damit?«

»Es gehört Ihnen! Ich schenke es Ihnen!«

»Daran liegt mir nicht sehr viel, mein Herr!«

»Was? An einem Achtgroschenstücke liegt Ihnen nichts? So ein Portier ist mir doch in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Das ist so sicher wie Pudding!«

»Aber mir sind desto mehr solcher Achtgroschenstücke vorgekommen. Sie gelten nichts.«

»Nicht? Das wäre!«

»Hier, sehen Sie es sich an. Das stammt noch von dazumal aus dem Kriege, wo man aus Noth mehr Kupfer als Silber zu dem Gelde nahm.«

»Zeigen Sie einmal her! Wirklich, Sie haben recht. Na, das ist ein Versehen. Hier haben Sie ein anderes. Ich habe Sie nicht betrügen wollen.«

Aber der Portier war nun doch mißtrauisch geworden. Er betrachtete sich den Dicken genau und fragte dann:

»Danke. Womit also kann ich dienen?«

»Mit einer Auskunft. Nicht wahr, es wohnt eine Generalin von Goldberg bei Ihnen?«

»Ja.«

»Mit ihrer Vorleserin?«

»Vorleserin? Nicht daß ich wüßte!«

»Aber ich weiß es sehr genau. Das Mädchen ist blond und hat eine bedeutende Figur.«

»Hm! Ah! Gut!« lächelte der Mann. »Also das ist die Vorleserin? Ja, die ist mit hier.«

»Ist noch Jemand dabei?«

»Ein Diener.«

»Der war aber heute ja nicht mit in Tharandt!«

»Nein, er blieb zurück. Haben Sie die Damen in Tharandt getroffen?«

»Ja. Ich hatte da die Ehre, ihnen in der schmeichelhaftesten Weise vorgestellt zu werden. Wissen Sie vielleicht, wie lange sie noch hier in Dresden bleiben?«

»Sie reisen, so viel ich weiß, bereits morgen Vormittag ab.«

»So, so! Weshalb sind sie nach Dresden gekommen?«

»Wie soll ich das wissen? Glauben Sie, daß ich mir erlauben darf, hochgräfliche Herrschaften nach dem Zwecke ihres Hierseins auszufragen?«

»Muß dieser Zweck nicht im Fremdenbuche bemerkt werden?«

»Das Fremdenbuch ist nicht mein Ressort.«

»So sind Sie vielleicht einmal mit der hübschen Vorleserin zu sprechen gekommen?«

»Allerdings, sogar einige Male.«

»Das ist schön, sehr schön! War sie freundlich mit Ihnen? Vielleicht sogar vertraulich?«

Der Portier bekam eine Ahnung dessen, was der Dicke bezweckte.

»Ziemlich vertraulich,« antwortete er.

»Schön, schön! Wissen Sie vielleicht, wo sie her ist?«

»Das weiß ich sogar sehr genau. Ich kenne sie bereits seit mehreren Jahren.«

»Prächtig! Also woher ist sie?«

»Aus Dresden.«

»Donnerwetter! Hat sie einen Liebsten?«

»Gehabt. Sie war verlobt.«

»Hm! Mit wem denn?«

»Mit einem pensionirten Seminardirector.«

»Alle Teufel! Das muß doch ein sehr alter Kerl gewesen sein!«

»Dreiundsiebzig Jahre.«

»Was? Dreiundsiebzig? Und in den ist sie verliebt gewesen?«

»Warum nicht? Frauen haben ihre Mucken. Die Eine will einen Jungen und die Andere einen Alten. Es giebt blutjunge Mädels, welche geradezu dafür schwärmen, einen Mann mit grauem Haar zu bekommen.«

»Ja, ja, das habe ich auch erfahren. Ein volles, rothes, gesundes Gesicht mit grauem Haar ist pikant. Also sie hat ihn nicht mehr?«

»Nein. Er ist ja todt!«

»Nicht schade um den Mann! Pensionirte Seminar-


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directoren können abkommen, besonders wenn sie rüstigen und unpensionirten Leuten die hübschesten Mädchen vor der Nase wegschnappen wollen. Drum trauert sie!«

»Sie hat auch alle Ursache dazu. Er muß ein sehr guter Kerl gewesen sein und sehr viel auf sie gehalten haben, denn er hat ihr sein ganzes Vermögen vermacht.«

»Das wäre! Sie hat ihn beerbt?«

»Sie ist seine Universalerbin. Er starb an den Masern.«

»Gott hab ihn selig! Er ruhe mit seinen Masern ewig in Frieden. Wie viel hat sie denn geerbt?«

»Sechzigtausend Thaler in Gold, Silber und Staatspapieren, ein Haus in der Zahnsgasse, eine Villa in Niederpoyritz und die Hälfte von einer Papierfabrik in der Nähe von Markneukirchen im Gebirge.«

Der Dicke sperrte den Mund vor Erstaunen auf.

»Alle Wetter!« sagte er. »Ist der Kerl reich gewesen! Seminardirectors sind doch gewöhnlich arme Teufels!«

»Er soll das Alles in der Hamburger und Braunschweiger Lotterie gewonnen haben.«

»Ja, dann läßt es sich erklären. Also das Alles, Alles hat sie geerbt? Das ist der schönste Pudding, den es giebt!«

»Sie ist ja eben gerade dieser Erbschaft wegen von Berlin hierher gekommen. Die Generalin hat sie begleitet, weil sie viel auf sie hält. Gestern Vormittag ist das Geld ausgezahlt worden.«

»Und morgen schleppen sie es wohl nach Berlin?«

»Jedenfalls.«

»Hat sie denn keine Verwandte?«

»Weder Kind noch Kegel!«

»Na, Kinder wollte ich mir verbitten, und Kegel sind auch nicht nothwendig. Wenn sie gar Niemand hat, so ist sie ja eine Parthie, nach der man sich die Finger lecken möchte!«

»Lecken Sie vielleicht auch?«

»An allen Zehnen!«

»Das glaube ich. Wer sind Sie denn eigentlich?«

»Sehen Sie mir denn das nicht an?«

»Hm! Sie sehen ganz aus wie ein Schnapsdestillateur.«

»Unsinn! Ich bin fürstlich reußischer Generalsuperintendent jüngerer Linie; derjenige von der älteren Linie ist etwas dünner als ich. Adieu, guter Freund!«

Er ging. Der Portier blickte ihm kopfschüttelnd nach.

»Der? Ein Generalsuperintendent? Der sieht mir ganz und gar nicht nach so etwas aus,« murmelte er. »Aber in dem Ländchen Reuß könnte es schon möglich sein. Vermeiert habe ich ihn ordentlich!«

Und der Dicke dachte bei sich:

»Ob das Alles wohl auch wirklich wahr ist? Der Kerl sah ganz so aus, als ob er flunkerte. Na, ich werde wohl Gelegenheit finden, dahinter zu kommen.«

Und als ihn dann Haller nach dem Erfolge seiner Erkundigung fragte, antwortete er:

»Morgen Vormittag fahren sie nach Berlin.«

»Und wir auch? Hm, ich möchte es jetzt allerdings vermeiden, mit ihnen zusammen zu treffen. Unsere Schlittenparthie hat uns sehr blamirt. Am besten ist's, wir fahren bereits gleich mit dem ersten Frühzuge.«

Da schüttelte der Berliner sehr energisch den Kopf und widersprach:

»Das fällt mir gar nicht ein! Ich bin gewohnt, auszuschlafen. Bei dem zu frühen Aufstehen geht die Gesundheit flöten.«

»Morgenstunde hat Gold im Munde!«

»Was nützt es mir, wenn sie es blos im Maule hat und ich bekomme nichts davon in meinen Beutel!«

»Aber wenn wir Vormittags fahren, riskiren wir, auf dem Bahnhofe und im Coupee mit ihnen zusammen zu treffen!«

»So fahren wir am Nachmittage. Berlin läuft uns nicht fort; das ist so sicher wie Pudding!«

»Das mag sein. Auf einige Stunden kommt es nun wohl auch nicht an. Aber womit vertreiben wir uns die Zeit?«

»Wir gucken zum Fenster hinaus. Da wird auf dem Markte Gemüse und verschiedenes Andere verkauft.«

»Danke. Machen wir lieber einen Ausflug.«

»Wohin?«

»Ich kenne die Umgebung Dresdens nicht.«

»Vielleicht nach Blasewitz?«

»Was ist da zu sehen?«

»Da giebt es Käsekäulchen und das Schillerdenkmal.«

»Schön. Theilen wir die Genüsse: Sie die Käulchen und ich das Denkmal!«

»Schön. Mein Antheil ist jedenfalls leichter zu verdauen als der Ihrige. Uebrigens brauchen wir ja nicht zu laufen, sondern wir können per Droschke fahren.«

»Das ist kein Vergnügen. Ich möchte am liebsten - hm, das geht nicht, da Sie dabei sind.«

»Was?«

»Ich bin seit einiger Zeit nicht im Sattel gewesen. Ich möchte am liebsten reiten; Sie aber können das nicht.«

Der Dicke fühlte sich durch die letzten Worte stark beleidigt. Dieser College behauptete so ganz ohne Weiteres etwas, worüber er noch gar keine Kenntniß haben konnte.

»Ich nicht reiten?« meinte Schneffke. »Wer hat Ihnen denn das weiß gemacht?«

»Sie, bei Ihrer Figur!«

»Oho! Meine Figur ist ganz genau diejenige eines tüchtigen Cavalleristen. Es haben bereits Dickere geritten!«

»Wo haben Sie es denn gelernt?«

»Schon als Kind auf dem Caroussel.«

»Unsinn! Auf hölzernen Pferden! Wo denken Sie hin!«

»Und dann war ich sehr oft in Berlin im Hippodrom.«

»Das läßt sich schon eher hören. Sitzen Sie fest im Sattel?«

»Eisenfest wie Pudding!«

»Nun, so wollen wir es probiren. Ich werde dem Hausknecht Befehl geben, für zehn Uhr zwei Pferde zu besorgen.«

»Schön. Das, welches am feurigsten ist, nehme ich. Sie sollen Ihre Freude und Verwunderung an mir haben.«

»Darüber läßt sich wohl noch sprechen. Ich liebe es nicht, auf einem Fleischergaule zu sitzen. Ihre kurzen, quatschigen Beinchen scheinen mir nicht gemacht, einen gehörigen Schenkeldruck auszuüben.«

»Das ist auch nicht nöthig. Müssen es denn gerade die Schenkel sein? Ich drücke mein Pferd, womit ich will!«

Damit war diese Angelegenheit erledigt. Die Zeit


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bis zum Theater verging den Beiden sehr rasch. Sie hatten Billets zur ersten Rangloge und begaben sich kurz vor Beginn der Vorstellung in den Tempel der Kunst.

Der Kleine betrachtete den Platz, welchen seine Nummer angab, unter einem Schütteln des Kopfes.

»Na, na!« brummte er. »Da soll ich sitzen? Das wird fein, grad als ob ich in einer Kartoffelquetsche stäke.«

Er zwängte sich so viel wie möglich zusammen und setzte sich nieder.

»Geht's?« fragte Haller.

»Gut nicht. Es ist mir zu Muthe, als ob man mich in die spanische Jungfrau gesteckt hätte. Ich muß mir von Zeit zu Zeit zu helfen suchen. Ich hoffe, daß wir keine Nachbarn bekommen. Wenn der Platz neben mir besetzt würde, so könnte ich mir gratuliren. Eine kräftige Taille ist unter Umständen ganz hübsch, zuweilen aber kann sie auch unangenehm werden, wie Figura zeigt.«

Kaum hatte er das Wort gesprochen, so wurde die Thüre der Loge geöffnet und es traten drei Personen ein: zwei Damen und ein galonnirter Diener. Die Ersteren waren verschleiert, so daß man ihre Züge nicht sogleich zu erkennen vermochte. Als sie die beiden Männer bemerkten, blieben sie einige Augenblicke lang flüsternd stehen.

»Teufel! Denen scheint es nicht zu passen, daß wir hier sitzen,« raunte Schneffke seinem Nachbar zu.

Dieser antwortete erst, nachdem er einen scharfen, forschenden Blick auf die Damen geworfen hatte:

»Kennen Sie die Beiden?«

»Nein. Glauben Sie, daß ich jede Dresdner Aepfelfrau kennen muß, noch dazu, wenn sie verschleiert ist?«

»So erschrecken Sie nachher nur nicht!«

»Worüber denn?«

»Das werden Sie selbst merken. Sie kommen.«

»Hilf, Himmel! Ja, sie kommen her neben mich. Gott sei meiner armen Seele gnädig!«

»Oder vielmehr Ihrem sterblichen Leichname, der jedenfalls mehr Platz einnimmt, als die Seele sammt dem ganzen Geiste, den Sie haben, bester Herr College.«

Während der Diener im Hintergrunde der Loge Platz nahm, kamen die beiden Damen herbei und setzten sich auf die beiden Plätze, welche zur Linken des Berliners lagen. Zu seiner Rechten saß Haller. Der arme Hieronymus stieß einen qualvollen Seufzer aus und machte sich so schmal wie möglich, dennoch aber quoll er höchst ansehnlich zu den Seitenlehnen heraus und die linke Seite seines Unterkörpers wurde ganz von der Toilette der Dame, welche neben ihm saß, verdeckt.

Sie hatte seinen Seufzer gehört und antwortete mit einem leichten Räuspern, welches ihm ziemlich schnippisch zu klingen schien.

»Die macht sich gar noch über mein Elend lustig!« dachte er. »Jetzt geht es noch. Wie aber soll es später werden, wenn die Wärme steigt! Ich wollte, diese Person wäre eine alte Hypothenuse, damit ich nicht viel Federlesens mit ihr zu machen brauchte.

Aber dieser Wunsch sollte ihm nicht in Erfüllung gehen; ob leider oder ob glücklicher Weise, das war noch nicht zu bestimmen. Als sich nämlich der Vorhang hob, zogen die beiden Nachbarinnen ihre Schleier zurück. Schneffke's Augen waren auf die Bühne gerichtet, aber als er den ersten Blick seitwärts warf, erkannte er - die Generalin von Goldberg und ihre schöne Vorleserin. Die Letztere saß neben ihm.

Augenblicklich begann es ihm heiß zu werden, was er erst für später erwartet hatte.

»Donnerwetter!« dachte er. »Ist das Glück oder Unglück? Meine Manschetten sind nicht die allerweißesten und der Kragen - Pfui Teufel, die Rutschparthie hat mich so ziemlich unscheinbar gemacht. Ich sehe aus, als ob ich in einer alten Kiste zwischen Chocoladenmehl und gemahlenem Kaffee gelegen hätte! Aber einen Trost giebt es doch: die Liebe ist blind. Wenn sie mir gut ist, so wird sie von dem allen nicht das Mindeste merken. Hätte ich doch wenigstens mich um Glacehandschuhe bekümmert! Ah! O! Da giebt es Rettung!«

Haller hatte nämlich seine Glacehandschuhe zu unbequem gefunden und einen derselben ausgezogen und auf die Brüstung der Loge gelegt. Schneffke beobachtete seine Nachbarschaft und als er glaubte, nicht bemerkt zu werden, griff er zu und annectirte den Handschuh. Zwar nahm es die Dauer des ganzen ersten Actes in Anspruch, ehe es ihm gelang, seine fetten Finger hinein zu bringen, aber er brachte es doch fertig. Dann langte er mit einer möglichst graziösen Handbewegung nach dem Theaterzettel, welcher vor ihm lag. In demselben Augenblicke ging der Vorhang nieder; das Publikum applaudirte und er hielt es für angezeigt, den Kunstenthusiasten zu spielen und aus Leibeskräften zu klatschen. Da erklang es halblaut neben ihm:

»Pst, Herr Schneffke! Er zerreißt ja! Er ist zu enge!«

Er wendete sich erstaunt zu seiner Nachbarin und fragte:

»Wer denn?«

»Der da!«

Dabei deutete sie auf seine Hand. Der Handschuh war bei dem Klatschen aus Rand und Band gegangen. Er hing fast ganz in Fetzen um die Finger.

»Sapristi!« sagte er. »Man hat mir eine zu enge Nummer geschickt!«

»Das ist beklagenswerth! Was aber wird Ihr Herr College sagen?«

»Warum dieser?«

»Er wird sich ärgern, daß er Ihnen den Handschuh nicht vorher erst gehörig ausgeweitet hat. Er konnte ihn noch einige Minuten länger an der Hand behalten.«

Er fühlte, daß er blutroth im Gesichte wurde. Sie hatte also gesehen, daß er den Handschuh gespitzbubt hatte.

»Fräulein, Sie sind ein kleiner Teufel!« flüsterte er.

»Wird es Ihnen in meiner höllischen Nähe warm, Herr Tausendfußmaler?«

Es war ihm wirklich so warm, als ob sein Körper jetzt aus lauter Wellfleisch bestehe. Er mußte ihre Gedanken von dem ominösen Handschuh ablenken und fragte darum:

»Wie gefällt Ihnen die Jungfrau? Diese Pauline Ullrich spielt doch ausgezeichnet!«

»Fast so ausgezeichnet, wie Sie eskamotiren. Fahren Sie auch mit dieser Handschuhnummer Velociped?«


Ende der dreiundsechzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk