Lieferung 66

Deutscher Wanderer

20. Dezember 1884

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


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»Aber meine Zeit ist über alle Maßen kostbar,« erwiderte Haller.

»Unsinn. Die Gesellschafterin kommt ja wieder zurück. Dann können Sie ihr auch noch mittheilen, was Sie ihr zu sagen haben. So! Das Bild ist fertig. Kommen Sie! Ah, wo ist mein Hut?«

Er sah sich in der Stube um, ohne die gesuchte Kopfbedeckung zu erblicken. Haller kam ihm zu Hilfe, indem er fragte:

»Steht nicht dort in der Ecke der Spucknapf drauf?«

»Wetter noch einmal! Das ist ja wahr. Jetzt besinne ich mich, daß ich gestern Abend den Spucknapf auf den Hut gestellt habe, damit ihn der Luftzug nicht etwa fortführen soll, wenn zufälliger Weise Thür und Fenster zugleich geöffnet werden sollten. Praktisch muß der Mensch stets sein; das ist so wahr wie Pudding!«

Er zog den Hut unter dem Napfe hervor, stülpte ihn auf den Kopf und belud sich dann mit den Bildern.

»Also gehen wir nun!« sagte er. »Gern thue ich es aber nicht. Es liegt mir in allen Gliedern, daß dieser Gang mir nicht ganz Angenehmes bringen wird.«

Sie traten den Weg an. Sie mußten an dem Hause vorüber, in welchem die Familie Königsau wohnte. Die Straße war sehr belebt, und auf dem Trottoir gingen viele Menschen. Kurz vor dem erwähnten Hause wollten sie an einem Thore vorüber, gerade als eine Equipage aus demselben kam. Der Dicke schritt voran. Er hatte alle die Bilder unter dem Arme. Er keuchte und schwitzte, nicht etwa, weil die Bilder zu schwer gewesen wären, sondern weil seine kurzen, dicken Arme sie nicht zu umspannen vermochten. Aller Augenblicke wollte das Eine oder Andere ihm entrutschen.

Er sah die Pferde, welche im Begriffe standen, ihn umzureißen. Zurück konnte er nicht mehr; darum machte er einen gewaltigen Sprung vorwärts. Die Equipage fuhr hinter ihm vorüber - er war der ihm drohenden Gefahr glücklich entgangen, hatte sich aber in eine andere gestürzt, buchstäblich gestürzt.

Seine kurze, dicke Gestalt eignete sich nämlich ganz und gar nicht zu einem solchen Riesensprunges er brauchte dabei unbedingt die Arme, um sich im Gleichgewichte zu erhalten. Daher streckte er dieselben während des Sprunges ganz unwillkürlich und naturgemäß weit aus einander, ohne daran zu denken, daß er die Bilder trug. Diese flogen mit ihm fort und fielen rechts, links und vor ihm zur Erde. Als seine Beine den Boden berührten, bekam er eins der Bilder zwischen die Füße, verlor dadurch das Gleichgewicht und stürzte, solang und dick er war, zu Boden.

»Himmeldonnerwetter! Die verdammten Kolibri's!« fluchte er.

Die Passanten, welche zugegen waren, blieben stehen und lachten laut über das komische Intermezzo.

»Was giebt es da zu lachen, Ihr Esels!« rief er.

Dabei blickte er, noch immer am Boden liegend, zornig empor. Wen sah er da gerade vor sich stehen, mit dem einen Fuße auf seinem Calabreser, der ihm vom Kopfe gefallen war? Emma von Königsau, die vermeintliche Gouvernante. Sie war im Begriffe, Madelon zu besuchen, um ihr zu sagen, daß sie gestern von der Reise zurückgekehrt sei.

Mit schneller Geistesgegenwart sagte er im verbindlichsten Tone:

»Entschuldigung, mein Fräulein, daß ich es gewagt


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habe, die Gelegenheit zu benutzen, mich Ihnen zum dritten Male zu Füßen zu legen. Es ist dies das allergrößte Glück, welches es für mich giebt!«

»Darum benutzen Sie diese Gelegenheiten so eifrig!« lachte sie.

Dieses Lachen klang so golden, so freundlich, daß er auch in ein lustiges Gelächter ausbrach. Er erhob sich von der Erde, wischte sich Rock und Hose ab und sagte:

»Erlauben Sie mir gütigst meinen Hut. Es ist für ihn die größte Seligkeit, von diesem Füßchen berührt worden zu sein!«

»Hat er ein so gefühlvolles Herz?«

»Fast so empfänglich für die Schönheit wie das meinige!«

»Nun, wenn ich ihn so glücklich mache, so habe ich mich nicht zu entschuldigen, daß ich ihn aus Versehen mit Füßen trat?«

»Sapperment, ich wollte, ich würde ebenso getreten! Aber was stehen Sie da und halten Maulaffen feil, College! Ich habe mit dieser Dame zu sprechen. Es ist die bewußte Gouvernante. Heben Sie unterdessen die Bilder auf, damit wir die Colibri's nicht zum zweiten Male waschen müssen.«

Haller hatte vor Emma seinen Hut gezogen. Jetzt zuckte er bei der nicht sehr freundlich ausgesprochenen Aufforderung des Kleinen die Achseln, gab einem nahe stehenden Dienstmanne einen Wink und schritt langsam weiter, um dann auf den Collegen zu warten.

Dieser hatte seinen Hut aufgehoben, behielt ihn höflich in der Hand und sagte, während der Dienstmann sich mit den Bildern zu schaffen machte, zu der Dame:

»Ja, ich habe mit Ihnen zu sprechen, und zwar sehr nothwendig.«

Sie war bisher, festgehalten durch die Komik der Situation, stehen geblieben. Jetzt machte sie ein ernsthaftes Gesicht und antwortete:

»Ich habe keine Ahnung, welche Veranlassung Sie zu einem Gespräche mit mir haben könnten!«

Er blickte sich um. Die vorher stehen gebliebenen Passanten waren weiter gegangen. Es gab Niemanden, der hören konnte, was hier gesprochen wurde. Der Dicke machte ein sehr erstauntes Gesicht und sagte:

»Das wissen Sie nicht? Das denken Sie sich nicht? Das ahnen Sie nicht einmal? Ein Herr, welcher sich dreimal, unter Gottes freiem Himmel sogar, einer Dame in aller Ehrfurcht und Ergebenheit zu Füßen wirft, kann doch nur ein einziges Thema haben, über welches zu sprechen ist.«

Es zuckte ein schalkhaftes Lächeln über ihr Gesicht, als sie mit einem kleinen Nicken ihres Köpfchens antwortete:

»Ah, ja; ich begreife! Ich errathe dieses Thema.«

»Wirklich?« fragte er erfreut. »Nun, worüber kann ich denn beabsichtigen, mit Ihnen zu sprechen?«

»Ueber Ihr Pech; über Ihr schauderhaftes Pech, welches Sie fataler Weise immer gerade dann zu haben scheinen, wenn Sie mir begegnen.«

»Pech?« fragte er, indem er eine höchst enttäuschte Miene machte. »Pech soll das sein? O nein! Es ist im Gegentheile Glück, schauderhaftes Glück. Diese Episoden müssen Ihnen doch sagen und beweisen, wie gern ich lebenslang unter Ihren Füßen liegen möchte.«

»Gerade wie Ihr Hut!«

»Ja, gerade wie mein Calabreser, den ich außerordentlich beneide. Ein Tritt mit Ihren Füßen muß Einen mit himmlischer Seligkeit durchsäuseln. Von Ihnen gestoßen und getrampelt zu werden muß die beglückendste Tändelei der Erde sein!«

»Ah, Sie sind Poet!«

»Ich bin Hieronymus Aurelius Schneffke. Damit ist Alles gesagt. Ich habe mich Ihnen bereits vorgestellt; aber ich habe noch nicht das Glück gehabt, Ihren Namen zu erfahren.«

»Sie haben ihn ja bereits im Coupee gehört!«

»Den Vornamen nur. Ich entsinne mich, daß Sie von der Dame, bei welcher Sie sich befanden, Emma genannt wurden!«

»Allerdings. Das ist mein Vorname.«

»Und der andere, der Familienname?«

»König,« antwortete sie zurückhaltend. »Genügt Ihnen das?«

»Und ob! Warum sollte mir dieser Name nicht genügen! Er klingt ja ebenso poetisch wie der meinige, Schneffke, nur daß der Letztere noch germanischer, noch teutonischer ist. König! Nomen est omen! Könnte ich Ihr König sein und Sie meine Königin! Unser Reich würde ich nicht mit demjenigen des großen Moguls vertauschen. Aber, darf ich erfahren, wo Sie wohnen?«

»Ist das nicht etwas neugierig gefragt?«

»Nein, denn es gehört zur Sache. Wer war die Dame, mit welcher Sie in Tharandts heiligen Hallen saßen?«

»Die Frau Gräfin von Goldberg. Das haben Sie wohl bereits gehört!«

»Allerdings; aber ich habe mir den Namen der alten Dame nicht sehr genau gemerkt. Den Ihrigen hätte ich aber sicherlich nicht vergessen. Und Sie sind Gouvernante in ihrem Dienste?«

»Wenn Sie es so nennen wollen, ja.«

»Bei den Kindern der Gräfin?«

»Nein, bei ihr selber. Adieu, Herr Hieronymus Aurelius Schneffke.«

Sie wendete sich schnell um und setzte ihren Weg fort.

»Adieu!« rief er hinter ihr her. »Wir sprechen uns schon wieder.«

Und, indem nun auch er weiter ging, fügte er zu sich selbst hinzu:

»Ein verdammtes Mädel. Schön, mit vornehmem Gethue, freundlich und dabei gerade wie ein Wenig herablassend und schnippisch. Das ist pikant wie russischer Sallat oder Ziegenkäse. Die muß ich kriegen, auf alle Fälle kriegen!«

Er eilte dem Collegen nach, welcher, den die Bilder tragenden Dienstmann neben sich, auf ihn wartete.

»Sind die Kolibris lädirt?« fragte er bereits von Weitem.

»Nein; aber Sie etwa?«

»Körperlich nicht, aber tiefer!«

»Ah! Wo?«

»Im Herzen. Diese Emma König ist ein Hauptgeschöpf. Der liebe Gott kann stolz darauf sein, sie geschaffen zu haben.«


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»Und Sie können sich ebenso viel darauf einbilden, sie bei einem jeden Zusammentreffen parterre angebetet zu haben.«

»Ja, das scheint nun einmal meine Specialität zu sein!«

»Und wie sie es aufnimmt.«

Sie schritten während dieses Gespräches neben einander auf dem Trottoir dahin.

»Wie sie es aufnimmt?« fragte der Dicke. »Gut, außerordentlich gut.«

»Ja, vielleicht drollig!«

»Unsinn! Eine Gouvernante, welche mit einem unverheiratheten Junggesellen auf der Straße stehen bleibt, um mit ihm vom großen Mogul zu sprechen, hat sich in ihn verschnappt, ist in ihn verliebt, riesig verliebt. Sie hat mir die eingehendste, ausführlichste Auskunft gegeben. Sie hat sich legitimirt. Habe ich also nicht Recht gehabt, als ich vorhin bei mir sagte, daß sie sich legitimiren müsse?«

»Hm! Also König heißt sie?«

»Ja.«

»Ist sie wirklich Gouvernante bei der Generalin?«

»Ja.«

»Wo stammt sie her?«

»Das weiß ich nicht.«

»Was sind ihre Eltern?«

»Das Alles geht mich jetzt nichts an! Sobald sie meine Frau ist, werde ich es erfahren.«

»Gratulire.«

»Danke. Die Sache ist so gut wie abgemacht. Aber hier ist die Nummer Sechszehn. Bezahlen Sie Ihren Dienstmann. Ich werde die Bilder selbst wieder nehmen.«

»Und mit ihnen die vier Treppen hinauffallen!«

»Na, wenn Sie so besorgt sind, so wollen wir theilen. Jeder trägt die Hälfte. Das wird Sie zugleich bei dem Alten empfehlen.«

Der Dienstmann wurde abgelohnt. Sie begaben sich mit den Bildern nach dem Hinterhause und stiegen die vielen Stufen empor. Oben an einer Thür, an welcher kein Name zu lesen war, klingelte der Dicke. Es dauerte eine Weile, dann ließ sich ein Schlürfen vernehmen und die Thür wurde um ein Lückchen geöffnet, während die Sicherheitskette hängen blieb.

»Wer ist draußen?« fragte eine halb laute, harte Stimme.

»Ich, Hieronymus Schneffke!«

»Gut, gut. Sie kommen wie gerufen.«

Die Kette wurde abgenommen und die Thür völlig aufgestoßen. Vor ihnen stand ein hagerer, graubärtiger Mann. Er war in einen alten Schlafrock gekleidet und trug an den Füßen sehr zerfetzte Pantoffeln. Er hatte kein Haar mehr auf dem Kopfe. Sein Gesicht war eingefallen und in seinen tief liegenden Augen zuckten irre, unheimliche Lichter. Er erblickte Haller, griff sofort und schleunigst wieder nach der Sicherheitskette und rief mit völlig veränderter, heiserer Stimme:

»Verrath, Verrath! Sie bringen einen Zweiten mit.«

»Ich konnte doch die Bilder nicht allein tragen, mein verehrtester Herr Untersberg!« entschuldigte sich der Dicke.

»Sie haben sie ja auch allein fortgetragen.«

»Nein; ich mußte mir gestern einen Dienstmann nehmen. Macht fünf Silbergroschen!«

»Die sollen Sie erhalten. Warum haben Sie denn heute nicht auch einen Dienstmann genommen?«

»Weil dieser Herr zufällig bei mir war und mir seine Hilfe anbot. Wenn man fünf Silbergroschen sparen kann, soll man es thun. Das ist so gewiß und fest wie Pudding!«

»Ich werde ihm das Geld geben, dann mag er sich entfernen!«

»Das geht nicht. Er würde sich beleidigt fühlen.«

»Wenn er Geld bekommt?«

»Ja; er ist kein Dienstmann.«

»Was denn?«

»Ein Maler.«

»Ah, das ist etwas Anderes! Er mag also einstweilen eintreten!«

Untersberg trat zurück, und die Beiden folgten ihm. Sie befanden sich in einer Stube, an deren vier Wänden hohe mit Büchern gefüllte Stellagen aufgerichtet waren. Der Wirth schloß die Thür zu, legte die Kette vor und langte dann nach den Bildern.

»Zeigen Sie her!« sagte er.

Er betrachtete eins nach dem andern und sagte dann:

»Ich bin zufrieden! Können Sie auch Kolibris malen?«

Diese Frage war an Haller gerichtet.

»Ja,« antwortete dieser.

»So haben Sie sich bereits an Vögeln versucht?«

»Sehr oft.«

»Sehr oft? Ah! Mille tonnerres! So sind Sie also kein Anfänger?«

»Nein!« lautete die Antwort, welche mit einem gewissen Selbstgefühle gegeben wurde.

Da trat der Alte einen Schritt zurück. Sein vorher bleiches Gesicht röthete sich vor Zorn, und in seinen Augen leuchtete es unheimlich auf.

»Haben Sie das gewußt?« fragte er den Dicken.

»Nein. Er hat sich mir als Maler Haller vorgestellt und mir einige Zeichnungen sehen lassen. Da diese nicht viel taugten, habe ich angenommen, daß er ein Anfänger ist.«

»Das ist Ihr Glück! Ich hätte Sie von meinem Hunde zerreißen lassen. Sie wissen, daß ich nur Anfänger protegire. Von Andern mag ich nichts wissen, absolut nichts! Wie heißt dieser Mann?«

»Haller, aus Stuttgart.«

»Schön! Herr Haller, ich ersuche Sie, mein Local zu verlassen!«

»Aber, mein Herr,« versuchte Haller, ihn zu beruhigen; »ich komme in der besten Absicht der Welt und bin mir nicht bewußt - -«

»Was Sie sich bewußt sind oder nicht, das ist mir ganz gleich,« fiel da der Alte ein. »Für mich ist das die Hauptsache, was ich weiß und will! Gehen Sie!«

»Ich versichere Sie aber, daß - - -«

»Gehen Sie, oder - - -!«

»Aber so lassen Sie sich doch gefälligst sagen, daß ich - - -«

»Tiger!«

Er rief diesen Namen laut und gellend aus und ließ dann einen schrillen Pfiff hören. Sofort kam durch die offen stehende Thür des Nebenzimmers eine riesige Dogge herbei gesprungen.


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»Diesen da meine ich!«

Als der Alte diese Worte sagte und dabei auf Haller zeigte, stellte sich das Thier zähnefletschend vor den Genannten hin.

»Nun, werden Sie gehen oder nicht?« fragte Untersberg. »Mein Thürhüter hier weiß ganz genau, was er im letzteren Falle zu thun hat!«

Haller erkannte, daß er es mit der Dogge nicht aufzunehmen vermöge. Selbst wenn er geglaubt hätte, den Hund bemeistern zu können, wäre es doch nicht gerathen gewesen, den Zorn des Alten, mit dem er schon noch bekannt zu werden hoffte, zu vergrößern. Darum antwortete er:

»Ich versichere Sie, daß ich in der freundlichsten Absicht kam. Ich hörte von ihrer berühmten Kolibrisammlung und - -«

»Was gehen Ihnen meine Kolibris an!« rief da der Alte voller Wuth. »Was wissen Sie, warum ich Kolibris malen lasse! Sehen Sie den Hund! Wenn Sie noch ein einziges Wort sagen, wird er sich auf Sie stürzen! Hinaus! Hinaus! Paß auf, Tiger!«

Diese Worte waren in einem Zorne geschrieen, der nicht natürlich genannt werden konnte. Das Wort Kolibri hatte ihn mehr als aufgeregt; es hatte einen unheimlichen, einen geradezu diabolischen Eindruck auf ihn gemacht. Seine Stimme bebte; seine Gestalt zitterte, und seine Augen sprühten Blitze.

Haller sah, daß hier jede Entgegnung vergebens sein werde.

»Adieu!« sagte er und ging.

»Adieu! Kommen Sie mir nicht wieder!«

Bei diesen Worten schloß der Alte Thür und Kette wieder, welche Beide der Maler geöffnet hatte. Dann wendete er sich zu dem Dicken:

»Warum bringen Sie diesen Menschen mit?«

»Ganz ohne Absicht, Herr Untersberg,« antwortete der Gefragte in möglichst unbefangenem Tone.

»Wirklich?«

Sein Blick schien bei dieser Frage das Gesicht des Kleinen völlig durchbohren zu wollen. Dieser machte ein gleichgiltiges Gesicht und sagte:

»Pah! Ich möchte wissen, welche Absicht ich hätte haben können!«

»Das will ich hoffen! Ich hasse die Schleicher. Ich dulde keine Spione, welche nur kommen, um bei mir zu sehen und zu horchen. Sie sind ein lustiger Kauz, und lustige Leute sind niemals falsche oder gar heimtückische Katzen. Darum dulde ich Sie bei mir. Aber ich befehle Ihnen, mir niemals wieder einen Fremden zu bringen! Ich würde Sie selbst durch Tiger hinausbeißen lassen, und nie, niemals dürften Sie wieder zu mir kommen!«

»Schön! Ich werde mir das merken!«

»Ich hoffe und verlange es! Eigentlich wollte ich heute mit Ihnen nach dem Document du divorce suchen; auch habe ich die ganze Nacht an meinem Kopfe gezeichnet; aber ich habe etwas Anderes für Sie!«

»Wenn sich das Document nun fände?« fragte der Maler.

Der Alte zog den Kopf zurück, blickte den Fragenden mißtrauisch an und sagte heftig:

»Warum fragen Sie? Was geht es Ihnen an, was


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ich thun will, wenn das Schreiben sich findet? Sollte ich mich doch irren? Sollten Sie doch ein Spion sein?«

»Unsinn! Ich bin Ihr Freund und Diener! Weiter nichts!«

»So fragen Sie auch nicht! An das Document denke ich jetzt nicht. Es mag verborgen bleiben; ja, es soll und darf gerade jetzt sich nicht finden. Es würde mich irre machen. Ich würde vielleicht Etwas thun, was ich nicht thun soll! Fragen Sie nicht darnach, sondern fragen Sie lieber, was das Andere ist, was ich für Sie zu thun habe!«

»Nun, so will ich fragen!«

»Können Sie reisen?«

»Natürlich!«

»Ja, ich entsinne mich. Sie sind bereits viel gereist.«

»Ich bin ja erst gestern wieder von einem Ausfluge zurückgekommen!«

Der Alte blickte ihn wie abwesend an, nickte langsam mit dem Kopfe und meinte:

»Ja, mir ist so, als ob ich davon gehört hätte, daß Sie abwesend waren. Aber zum Reisen gehört zuweilen mehr, als man denkt. Es giebt Zufälle, Hindernisse und Störungen, auf welche man nicht vorbereitet ist. Da gilt es, stets und sogleich das Richtige zu thun und zu finden. Sind Sie erfahren?«

»Ich denke es.«

»Und geistesgegenwärtig?«

»Das habe ich bei meinem letzten Ausfluge sogar dreimal höchst eclatant bewiesen.«

»Das ist mir lieb! Ich brauche einen entschlossenen, geistesgegenwärtigen Mann, der zu reisen versteht. Aber noch Eins: Sind Sie vielleicht des Französischen mächtig?«

»Ja. Wir haben uns doch in dieser Sprache sehr oft unterhalten.«

»Möglich! Ich kann mich nicht darauf besinnen. Und nun die letzte Frage: Haben Sie jetzt Zeit?«

»Eigentlich nicht.«

»Was haben Sie vor?«

»Ich habe nothwendige Skizzen auszuführen.«

»Dazu ist später Zeit.«

»Aber ich muß leben; ich muß essen und trinken, und wenn ich nicht arbeite, so verdiene ich nichts!«

»Ich werde Sie bezahlen, sehr gut bezahlen!«

»Es scheint sich um eine Reise zu handeln, welche ich für Sie unternehmen soll?«

»Ja.«

»Nach Frankreich?«

»Ja.«

»Da weiß ich doch nicht, ob ich Ihnen dienen kann!«

»Warum nicht! Den Ausfall am Verdienste ersetze ich ja.«

»O, ich habe noch Anderes vor als meine Skizzen!«

»Was?«

»Hm!« brummte der Dicke, einigermaßen verlegen.

»Hm ist keine Antwort! Ich will wissen, was Sie vorhaben!«

»Nun, ich habe gerade jetzt Veranlassung, mich mit einer jungen Dame zu beschäftigen.«

»Was ist sie?« » Gouvernante.«

Da sprühten die Blicke des Alten wieder auf. Er richtete das Auge forschend auf den Maler und fragte:


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»Eine Gouvernante? Eine Gesellschafterin vielleicht? Nur eine?«

»Ja.«

»Es sind nicht zwei?«

»Nein.«

»Sie befindet sich hier in Berlin!«

»Ja.«

»Auf welcher Straße?«

»Auf der unserigen.«

Da ballte der Irre die beiden Fäuste, trat hart an ihn heran und fragte in drohendem Tone:

»Hat sie eine Schwester in Frankreich?«

»Das weiß ich nicht.«

»Das wissen Sie! Das müssen Sie wissen! Wie ist ihr Vorname?«

»Emma.«

»Emma? Ah! Nicht Madelon?«

»Nein.«

Bei dieser Frage des Alten wurde der Maler doch stutzig. Hallers Vermuthungen schienen also doch das Richtige zu treffen.

»Dient sie in der Familie eines Officiers?« fragte Untersberg weiter.

»Allerdings!«

»Mille tonnerres! Wer ist dieser Officier? Etwa der Graf von Hohenthal, der ja in unserer Straße wohnt?«

»Nein. Es ist der General von Goldberg.«

Da ließ der Alte die bereits erhobenen Fäuste wieder sinken. Er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und sagte:

»Ah! bereits glaubte ich, auch Ihnen nicht mehr trauen zu dürfen. Was haben Sie denn mit dem Mädchen, der Gouvernante?«

»Was soll ich mit ihr haben! Ich liebe sie.«

»Sie lieben sie? O weh! Und Sie wollen sie heirathen?«

»Ja.«

»Ist sie reich?«

»Wohl nicht.«

»Schön?«

»Wie ein Engel!«

»Und sie spricht, daß sie Ihre Liebe erwidert?«

»Sie liebt mich geradezu zum Rasendwerden!«

»Ja, das glaube ich. Ein jeder Mann, der das Unglück hat, von so einem Geschöpfe geliebt zu werden, wird später verrückt und rasend, oder er geht dem Vater davon, er geht durch, in die weite Welt, so daß er nicht wieder gefunden werden kann. Lassen Sie das Mädchen sein!«

»Hm! Will es mir erst noch überlegen!«

»Und wegen ihr glauben Sie, Berlin nicht verlassen zu dürfen?«

»Freilich doch! Die Liebe muß man cultiviren und frequentiren, sonst geht sie aus dem Leime und wird zu Wasser.«

»Lassen Sie sie getrost zu Wasser werden!«

»Aber, die Liebe macht glücklich, macht selig! Die Liebe macht den Bettler zum König!«

»Unsinn, nichts als Unsinn! Die Liebe macht die Könige zu Bettlern; sie macht elend und unglücklich! Hat diese Gouvernante eine feste, sichere Stellung?«

»Ja.«

»Nun, so wird sie Ihnen nicht davon laufen, wenn Sie sich für eine kurze Zeit entfernen.«

»Wie lange würde ich abwesend sein?«

»Vielleicht eine Woche.«

»Na, das wäre grad keine Ewigkeit!«

»Und ich gebe Ihnen fünfzehnhundert Franken Reisegeld.«

»Alle Teufel! Das ist ein schöner Tropfen!«

»Nicht wahr? Und was Sie übrig behalten, das gehört Ihnen.«

»Das ist noch besser! Wohin soll ich denn? Etwa nach Paris?«

»Nein. Vor einer halben Stunde empfing ich eine Depesche, welche mich eigentlich veranlaßt, die Reise selbst zu unternehmen. Aber ich bin alt und morsch; ich würde diese Anstrengung wohl nicht aushalten. Darum bin ich gezwungen, einen Stellvertreter zu senden. Sie sind der einzige Mensch, zu dem ich Vertrauen habe, und Sie sind es daher, den ich schicken will.«

»Ich werde Ihr Vertrauen sicherlich nicht mißbrauchen!«

»Das brauchen Sie mir gar nicht zu sagen,« meinte der Alte in bereits wieder heftigerem Tone. »Glauben Sie, daß ich dumm bin? Glauben Sie, daß ich mich täuschen und betrügen lasse? Glauben Sie, daß ich meinem Boten mehr mittheile als er unumgänglich wissen muß?«

»Das steht natürlich ganz in Ihrem Belieben!«

»Sie sollen mir nicht immer mit Worten kommen, welche mich doch noch an Ihnen zweifeln lassen. Hier, lesen Sie dieses Telegramm!«

Er trat an den Tisch und nahm die Depesche zur Hand, welche er dem Dicken hinreichte. Dieser las:

»Ich melde Ihnen, daß soeben mein Vater gestorben ist. Er befahl dies noch im Sterben. Charles Berteu.«

»Nun?« fragte der Alte.

»Was?«

»Was sagen Sie dazu?«

»Daß Einer gestorben ist.«

»Wer aber?«

»Der alte Berteu.«

»Der alte Berteu, sagen Sie?« fragte der Irre rasch und mit wieder neu erwachendem Mißtrauen. »Sie kennen ihn etwa?«

»Keine Spur!«

»Aber es klang ja so! Wie können Sie vom alten Berteu sprechen, wenn Sie ihn nicht kennen?«

»Es steht ja hier!«

»Das ist nicht wahr!«

»O doch! Wenn der Sohn meldet, daß der Vater todt sei, so ist ja wohl der Alte gestorben, nicht aber der Junge.«

»Ach so! Ich wiederhole, Sie sollen nicht immer Worte bringen, welche mich an Ihnen zweifeln lassen! Ahnen Sie nun, was Ihre Aufgabe sein wird?«

»Vielleicht soll ich den jungen Berteu aufsuchen?«

»Ja. Weiter?«

»Und fragen, woran sein Vater gestorben ist, ob an den Tuberkeln, oder an der Rachenbräune?«

»Nein. Woran er gestorben ist, das ist mir ganz gleichgiltig. Mag er sich erhängt oder ersäuft haben, das geht mich ganz und gar nichts an. Haben Sie vielleicht einige Anlage zum Criminalisten?«


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»Ja.«

»Zum Polizisten?«

»Ungeheuer! Das wird allgemein anerkannt!«

»So! Sie sind wohl etwa gar ein Heimlicher?«

»Fällt mir gar nicht ein. Wie könnte meine Geschicklichkeit denn da allgemein, also öffentlich anerkannt werden!«

»Ach so! Aber nach Ihren Worten zu schließen, haben Sie bereits Polizeidienste geleistet?«

»Auch nicht.«

»Aber woher diese Anerkennung?«

»Sehen Sie, ich habe in gesellschaftlicher Beziehung so einen Pfiff, ein Chic, eine Tournure, einen Scharfsinn und Scharfblick, daß alle Welt sagt, daß eigentlich mein Fach das Polizeifach wäre. Das ist die Sache!«

»Schön! Ich bin abermals beruhigt. Sie getrauen sich also, irgend eine verborgene Thatsache zu erforschen?«

»Ich und die Sonne, wir Beide bringen Alles an den Tag!«

»Sie sollen mir dieses verdammte Sprichwort nicht bringen! Was meinen Sie mit Ihrer Sonne? Denken Sie etwa, daß Sie auch bei mir Etwas an den Tag bringen werden?«

»Ganz und gar nicht.«

»So lassen Sie diese Redensarten. Ich werde Ihnen jetzt Ihre Instruction geben. Der verstorbene Berteu nämlich hatte zwei Pflegetöchter -«

»Hübsche Mädels wohl?«

»Unsinn. Niemand wußte, wer der Vater dieser Beiden war.«

»Das kommt zuweilen vor. Na, wenn ihn nur die Mutter kennt!«

»Die Eine heißt Nanon und die Andere Madelon.«

»Werde mir's merken!«

»Die Erstere ist blond und die Letztere schwarz.«

»Eigenthümliches Naturspiel. Vielleicht hat die Erstere als Kind nur Milch und die Letztere nur Kaffee getrunken!«

»Lassen Sie diese Scherze. Diese Mädchens sind Gesellschafterinnen geworden.«

»Wo?«

»Das geht Sie den Teufel an. Sie haben übrigens nicht zu fragen, sondern nur zuzuhören. Der Alte, nämlich der Pflegevater, hat natürlich das Geheimniß ihrer Abstammung gekannt. Nun will ich wissen, ob er es vor seinem Tode ausgeplaudert hat.«

Der Maler merkte natürlich, um was es sich handelte. Dieser verrückte Mann war der Großvater der beiden Mädchen. Er hatte Unrecht an ihnen gehandelt, und nun fürchtete er sich. Sein Gewissen ließ ihm keine Ruhe. Aber erwähnen durfte der Dicke kein Wort; das sah er ein. Daher fragte er:

»Ich soll also hin, um vom Sohne zu erfahren, ob sein Vater aus der Schule geschwatzt hat?«

»Ja. Getrauen Sie sich dies?«

»Natürlich. Ich bin überzeugt, daß es mir gelingen wird.«

»Wieso?«

»Man rühmt mir nach, daß ich ein großer Menschenkenner bin. Wenn ich den jungen Berteu sehe, werde ich sofort bemerken und wissen, wie ich ihn zu nehmen habe.«

»Gut. Das ist das Einzige, das Richtige. Sie werden sich in sein Vertrauen einschleichen.«

»Ja, ganz unbemerkt und leise.«

»Und ihm Alles abfragen.«

»Alles.«

»Sie werden auch bei seiner Umgebung horchen.«

»Ich werde alle Ohren spitzen!«

»Unsinn. Sie haben deren nur zwei.«

»Ich werde ihm aber keineswegs ahnen lassen, was ich beabsichtige.

»Das wäre der größte Fehler, den Sie begehen können.«

»Ich werde ihm nicht einmal meinen wirklichen Namen nennen.«

»Gut. Ich sehe, daß Sie der Rechte sind.«

»Auch daß ich aus Berlin bin, darf er nicht wissen.«

»Ganz und gar nicht.«

»Oder daß Sie mich gesandt haben.«

»Wenn Sie das verrathen, so drehe ich Ihnen das Gesicht auf den Rücken.«

»Donnerwetter. Dann wäre es mit dem Malen aus; Sie müßten denn auch gleich den Bauch mitsammt den Armen und Händen hinter drehen.«

»Schweigen Sie! Was ich sage, das halte ich, wenn Sie nicht verschwiegen sind. Kennen Sie die Route, welche Sie einzuhalten haben?«

»Nein. Ich weiß ja noch nicht einmal, wohin ich reisen soll.«

»Nach Schloß Malineau.«

»Das kenne ich nicht.«

»Es liegt in der Gegend von Etain.«

»Kenne es auch nicht.«

»Zwischen Metz und - oder, das ist sicherer, im Nordosten von Verdun. Kennen Sie das?«

»Ja.«

»Gut. Ich habe nachgeschlagen und Ihnen die Route aufgezeichnet. Hier ist das Papier.«

Er nahm einen Zettel von dem Tische und übergab ihm denselben. Der Maler las die Namen, nickte und sagte:

»Schön. Wird Alles bestens besorgt.«

»Sie reisen aber sofort.«

»Ah. Heute schon?«

»Natürlich. Die Sache eilt. Um ein Uhr geht der Zug.«

»Mittags ein Uhr. Sapperlot. Da bin ich ja der reine Eilbote, der reine Schnellläufer.«

»Es muß so sein.«

»Welche Classe fahre ich?«

»Das ist Ihre Sache. Ich empfehle Ihnen, zweite zu fahren, weil man in der dritten während einer so langen Reise zu sehr ermüdet. Ich wußte, daß Sie kommen würden und habe Alles vorbereitet. Auch das Geld ist bereits gezählt und eingepackt. Hier nehmen Sie.«

Er nahm ein Portefeuille vom Tische und gab es ihm. Der Dicke schob es schleunigst in die Tasche und sagte:

»Das ist das Nöthigste. Also fünfzehnhundert Franken!«


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»Ja; vielleicht noch Etwas darüber, zur Aufmunterung für Sie. Also ich darf mich auf Sie verlassen?«

»Wie auf mich selbst.«

»Auf mich, meinen Sie wohl.«

»Wen ich meine, das ist ganz gleichgiltig. Wir Beide können uns einander trauen.«

»Ich hoffe das! Sie werden aber jedenfalls nicht eher zurückkehren, als bis Sie den Auftrag ausgerichtet haben.«

»Natürlich. Ich gehe nicht eher fort, als bis ich weiß, ob der Verstorbene das Geheimniß ausgeplaudert hat oder nicht. Haben Sie vielleicht noch Etwas zu bemerken?«

»Nein. Sie können gehen!«

»Leben Sie also wohl.«

»Adieu. Und vergessen Sie nicht. Das Gesicht auf den Rücken.«

»Und den Bauch dazu!«

Der Alte schloß hinter ihm die Thüre wieder zu und setzte sich dann an den Tisch, um stundenlang das Telegramm anzustarren. Der Maler aber hatte kaum die Hausflur erreicht, so zog er das Portefeuille hervor und öffnete es.

»Alle Wetter!« sagte er überrascht. »Fünfhundert Thaler. Juchhei. Das laß ich mir gefallen. Jetzt kaufe ich mir schnell einen feinen Anzug nebst dito Wäsche und einen Reisekoffer, dessen sich kein Graf zu schämen braucht. Die Welt sehen, nach Frankreich reisen, ohne daß es mich einen Pfennig kostet. Ah, ich durchschaue den alten Hallunken. Er hat zwar das Frauenportrait nebst den Scripturen wieder; da er aber nicht weiß, wo sie stecken, so sind sie mir sicher.«

Emma von Königsau hatte bei Madelon vergebens geklingelt. Da sie annehmen durfte, daß die Gesuchte sich bei der Beamtenwittwe befinden werde, so ging sie eine Treppe höher, wo sie ihre Vermuthung auch bestätigt fand.

Madelon ebenso wie die Wittwe hatten Freude, die Freundin wiederzusehen. Natürlich wurde Alles besprochen, was während der Trennung passirt war, und dabei bemerkte die Wittwe:

»Wundern Sie sich nicht, wenn heut vielleicht ein Herr an unserer Unterhaltung mit theilnimmt.«

»Sie meinen Ihren Herrn Sohn?«

»Nein, sondern meinen neuen Zimmerherrn.«

»Ah, so haben Sie vermiethet?«

»Ja, seit gestern, und wie es scheint, recht glücklich.«

»Was ist der Herr?«

»Ein Künstler.«

»Schauspieler, Schriftsteller?«

»Nein, Maler.«

»So, so! Ich liebe diese Klasse von Menschen gerade nicht sehr.«

»O,« bemerkte Madelon, »Herr Haller scheint ein sehr anständiger, sogar feiner Herr zu sein!«

»Auch auf mich hat er diesen Eindruck gemacht,« bestätigte die Wirthin eifrig.

Emma horchte auf.

»Haller heißt er?« fragte sie.

»Ja.«

»Woher ist er?«

»Aus Stuttgart.«

Ueber Emmas Gesicht zuckte ein eigenthümliches Leuchten. Sie fragte:

»Also ein feiner Herr scheint er zu sein?«

»Unbedingt!« antwortete Madelon.

»Hat er nicht vielleicht etwas Militärisches an sich?«

»Allerdings; das ist wahr. Er macht ganz den Eindruck eines Officiers in Civil. Aber, kennen Sie ihn denn?«

»Nein. Aber ich habe stets die Erfahrung gemacht, daß ein Mann, den man gleich auf den ersten Blick für fein erklärt, immer etwas Militärisches an sich hat.«

»Sie werden sich wundern, wie ähnlich er dem Wachtmeister Fritz sieht!«

»Dem Wachtmeister?« fragte Emma, indem sich auf ihrer Stirn eine leichte Falte zeigte. »Wirklich!«

Bei dem Namen Haller hatte sie natürlich an den Brief gedacht, welchen ihr der Bruder aus Ortry geschickt hatte um ihr die Ankunft eines französischen Spiones, welcher sich Haller nenne, anzuzeigen. Jetzt, da von der Aehnlichkeit gesprochen wurde, mußte sie an den Maler denken, der ihr nun dreimal begegnet war, und zwar allemal unter fast drastischen Verhältnissen.

»Ja, zum Sprechen ähnlich sehen sich die Beiden,« betheuerte die Wirthin.

»Nun, vielleicht werde ich ihn zu sehen bekommen. Vorher aber habe ich Ihnen Beiden da eine vertrauliche Mittheilung zu machen.«

Sie machte dabei ein so ernstes Gesicht, daß Madelon sagte:

»Sie thun ja ganz und gar feierlich!«

»Wirklich?«

»Ja, als ob es sich um etwas ungeheuer Wichtiges handele.«

»Das ist es auch. Ich muß Ihnen Etwas anvertrauen, worüber gegen Andere kein Wort gesprochen werden darf.«

Madelon klatschte in die Hände und sagte:

»Ein Geheimniß! Ein Geheimniß! Wie schön, wie interessant!«

»Ja, und sogar ein sehr wichtiges Geheimniß! Sie lieben Ihr Vaterland, nicht wahr, meine liebe Madelon?«

»O, sehr!«

»Mehr als Deutschland?«

Das hübsche Mädchen wiegte leise das Köpfchen hin und her, zögerte eine Weile und sagte dann:

»Wie soll ich da entscheiden! Frankreich ist mein Vaterland, aber Deutschland ist meine Heimath geworden. Ich liebe Beide, Frankreich patriotisch, Deutschland innig; das wird der Unterschied sein.«

»Nun, dann darf ich wagen, zu sprechen, denn Sie werden nichts thun, was Ihrer jetzigen Heimath schädlich ist!«

»Nein, niemals!«

»So sagen Sie mir zunächst, ob Herr Haller sich bereits mit Ihnen unterhalten hat.«

»Ja, hier, gestern Abend.«

»Dabei hat er sich wohl nach meiner Familie erkundigt!«

Die beiden Anderen blickten sich fragend an. Haller hatte ja gebeten, nichts davon zu sagen.

»Aufrichtig!« gebot Emma. »Ich hoffe, daß Sie mir die Wahrheit sagen werden!«


// 1049 //

Die Wittwe war zuerst entschlossen. Sie sagte:

»Nun wohl, ich will Ihnen gestehen, daß er sich angelegentlich nach der Familie Königsau erkundigt hat.«

»Besonders nach meinem Bruder?«

»Ja.«

»Er fragte, wo sich dieser befindet?«

»Ja.«

»Ob der Zutritt zu uns schwer zu erlangen sei?«

»Ganz recht!«

»Dabei ist jedenfalls davon gesprochen worden, daß ich zuweilen hier zu sehen bin?«

»Woher wissen Sie das Alles?«

»Ich vermuthe es nur. Und meine gute Madelon hat wohl erwähnt, daß wir einander befreundet sind!«

»Ich habe es gesagt, liebe Emma. War es ein Fehler?«

»O nein! Aber ich vermuthe weiter, daß er Sie gebeten hat, ihm die Bekanntschaft mit mir und den Meinen zu erleichtern?«

Madelon erröthete; doch antwortete sie aufrichtig:

»Ja, das habe ich ihm auch versprochen.«

»So ist er wohl ein angenehmer Gesellschafter?«

»Gewiß.«

»Hm! Hm! Ich glaube, daß es ihm nicht schwer fallen sollte, sich einzuführen. Wer so schnell die Sympathie meiner guten Madelon zu erringen weiß, den sollte man eigentlich einen recht gefährlichen Menschen nennen!«

»O nein! Das ist er nicht!«

»Sie sind eine beredte Vertheidigerin! Aber doch bleibe ich dabei, ihn gefährlich zu nennen.«

Sie war dabei ganz ernst geworden. Die beiden Anderen blickten ihr besorgt in das schöne Angesicht, und die Wittwe fragte:

»Haben Sie Gründe dazu, Fräulein von Königsau?«

»Ja.«

»So kennen Sie ihn also doch?«

»Wenn es Der ist, den ich meine, ja. Doch lassen Sie uns erst sehen: Kommt er direct von Stuttgart?«

»Er erzählte, daß er in Dresden gewesen ist.«

»Und in Tharandt?«

»Ja; das stimmt!«

»War er allein dort?«

»Nein. Er hat unterwegs einen Collegen getroffen, auch einen Maler, einen kurzen, dicken Kerl, der ein Original zu sein scheint.«

»Hat er nicht erzählt, daß er auch mich getroffen hat?«

»Nein. Sind Sie ihm denn begegnet?«

»Allerdings. Denken Sie sich: Wir saßen im Tharandter Walde, damit meine Tante ihre angegriffene Brust mit der Waldesluft erquicken möge. Wir waren gerade über einem recht hübschen Thema; ich glaube, ich las aus Geroks Palmblättern vor. Da auf einmal hören wir einen Schrei und darauf ein lautes Krachen, Prasseln und Donnern. Wir springen erschrocken auf, drehen uns um, und was bemerken wir?«

»Nun was? Schnell, schnell!«

»Zwei Menschen, welche von der Höhe herabgerutscht kommen, umgeben von Schutt und Geröll, welches sich losgelöst hatte, und zwar mit lawinenartiger Geschwindigkeit!«

»Gerutscht? Wie denn?«

»Nun, so, wie man eben rutscht, meine Liebe! Soll ich es näher erklären? Soll ich die Stellungen der Beiden beschreiben? Denken Sie sich zwei Knaben auf Kinderschlitten, und dann denken Sie sich die Schlitten hinweg; so war es.«

»O wehe!»

»Der Eine war lang und stark gebaut; er sah dem Fritz meines Bruders außerordentlich ähnlich - - -«

»Das ist er; ja, das ist er!«

»Dieser hatte kaum die Tiefe der Schlucht, in welcher wir gesessen hatten, erreicht, so ergriff er die Flucht.«

»Wie feige.«

»O, die Situation war nicht gerade diejenige eines Helden. Und außerdem hatte die eigenartige Schlittenpartie seiner Kleidung in der Weise geschadet, daß er sich vor Damen gar nicht sehen lassen konnte.«

»Der Andere aber?«

»Dieser war klein und dick, fast wie eine Kugel. Er kam bis an meine Füße herangesaust. Dort machte er mir ein Compliment und stellte sich mir in aller Form als den Maler Hieronymus Aurelius Schneffke vor.«

»Am Boden sitzend?«

»Am Boden sitzend!« nickte die Gefragte.

»Das muß lustig gewesen sein. Ja, das ist der wunderbare Name, den Herr Haller uns gestern Abend nannte. Und Sie haben diese Beiden wiedergesehen?«

»Ja. Sie fuhren mit uns in einem Coupee erster Classe nach Dresden, und während der Fahrt machte mir der Kleine die allerschönste Liebeserklärung.«

»Schrecklich.«

»O nein. Es ist ganz das Gegentheil von schrecklich. Alles was er spricht und thut hat eine Art und Weise, welche es nicht duldet, daß man es ihm übel nehmen kann. Am andern Vormittag ging ich mit Tante nach Blasewitz spazieren. Auf einmal hören wir Pferdegetrappel hinter uns. Wir blicken uns um, und wen sehen wir?«

»Den Maler Haller?«

»Nebst seinem Sancho Pansa. Dieser Letztere will stolz an uns vorbei courbettiren, giebt seinem Pferde einen Hieb über den Kopf, wird abgeworfen und sitzt im nächsten Augenblicke gerade vor mir an der Erde.«

»Lächerlich!«

»Es war allerdings höchst spaßhaft. Wir mußten lachen.«

»Er war natürlich im höchsten Grade verlegen?«

»Das fiel ihm gar nicht ein. Ich glaube dieser Hieronymus ist durch Nichts in Verlegenheit zu bringen.«

»Was that er denn?«

»Er sprach mir seine Freude aus, daß er, mir zu Füßen liegend, mir seine hochachtungsvolle Ehrfurcht beweisen könne.«

»Allerdings höchst originell. Und dann?«

»Dann kugelte er in höchster Eile dem Gaule nach, welcher inzwischen durchgegangen war. Und heut, als ich - - -«

»Wie?« wurde sie von Madelon unterbrochen. »Heut haben Sie Einen von ihnen auch bereits wiedergesehen?«

»Alle Beide.«

»Es ist wahr; Herr Haller ging aus. Aber wo?«

»Ich stand im Begriff, zu Ihnen zu gehen. Ich wollte


// 1050 //

am Thore des Nachbarhauses vorüber, eben als eine Equipage aus demselben hervorrollte. Ich sah etwas Dickes durch die Luft fliegen; vor mir lagen eingerahmte Bilder an der Erde; ein mächtiger calabreser Hut rollte mir zwischen die Füße, und mitten unter den Bildern lag - nun wer an der Erde?«

»Der kleine Dicke?«

»Ja, er!«

»Aber wie ist das denn gekommen?«

»Er hat an den Pferden vorüber springen wollen und dabei sowohl die Balance als auch die Bilder und den Hut verloren.«

»Der Allerärmste. Er raffte sich doch sofort empor?«

»O nein! Er fluchte zunächst ein wenig, hob dann das ehrwürdige Haupt, nickte mir, noch immer an der Erde liegend, sehr freundlich zu, erklärte sich für den glücklichsten Menschen, daß es ihm abermals vergönnt sei, mir zu Füßen seine Huldigung darzubringen.«

Die drei Damen, die Erzählerin mit inbegriffen, brachen in ein herzliches Lachen aus.

»Aber nun stand er doch auf?« fragte Madelon, noch immer lachend.

»Allerdings. Er gab Haller den strengen Befehl, die Bilder aufzulesen und -«

»Wie, Haller war dabei?«

»Natürlich. Diese Beiden scheinen unzertrennlich zu sein, wenn es sich um etwas Lustiges handelt. Aber das Beste war, daß Haller ging, der Kleine aber bei mir blieb und mir abermals eine Liebeserklärung machte.«

»Auf offener Straße?«

»Natürlich.«

»Sie haben ihn doch stehen lassen?«

»Nicht sogleich. Er verlangte von mir, daß ich mich legitimiren solle. Er wollte meinen Namen wissen, wo ich diene, was meine Eltern sind, und was weiß ich Alles!«

»Das ist denn doch sehr stark, ja unverschämt!«

»Nein. Sie müssen wissen, daß er mich für eine Gouvernante hält, für eine Erzieherin oder so Etwas!«

»Mein Gott! Aus welchem Grunde denn?«

»Weil ich im Walde einfach gekleidet war und der Tante aus dem Buche vorlas.«

»Davon hat Herr Haller freilich kein Wort erzählt.«

»Er wird sich hüten. Er wirft dadurch kein sehr empfehlendes Licht auf sich selbst. Also Sie haben sich vorgenommen, ihn mir vorzustellen, liebe Madelon?«

»Ich habe es ihm sogar versprochen, wie ich Ihnen ja bereits erzählt habe.«

»Wann soll das geschehen?«

»Wenn er jetzt von seinem Ausgange zurückkehren und hier Zutritt nehmen sollte, müßte es ja doch geschehen.«

»Das ist wahr. Wir werden da gleich bemerken, ob er wirklich ein feiner Mann ist.«

»Wieso?«

»Wird er verlegen, oder läßt er sich merken, daß er mich bereits gesehen hat, so stellt er sich in Beziehung seiner gesellschaftlichen Eigenschaften ein schlechtes Zeugniß aus.«

»Das macht mich höchst neugierig. Ich wollte, daß er sogleich zurückkäme.«

»Und ich wünsche ihm keine solche Eile, da ich Ihnen vorher eben die wichtige Mittheilung zu machen habe, von welcher ich vorhin sprach. Ich nannte ihn einen gefährlichen Menschen, und Sie wollten das nicht zugeben, liebe Madelon.

»Ich bin auch jetzt noch meiner Ansicht.«

»Nun, so will ich meinen Ausspruch steigern, indem ich ihn nicht nur für einen einfach gefährlichen, sondern sogar für einen gemeingefährlichen Menschen erkläre.«


Ende der sechsundsechzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk