Lieferung 71

Deutscher Wanderer

24. Januar 1885

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


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Wie wohl, wie unendlich wohl that ihm diese Nachricht und diese Aufrichtigkeit. Er sagte:

»Ich danke Ihnen für das Vertrauen, welches sich in dieser Mittheilung ausspricht. Aber werden Sie nicht auch noch weiterhin des Schutzes bedürfen?«

»Ich habe Grund, dies zu vermuthen, denn man hat mir nur eine Bedenkzeit bis heute zur Dämmerung gestellt.«

»Ah! Dann wird die Schlange Ihnen nichts mehr nützen. Der Capitän wird sich denken, daß sie nicht giftig ist.«

»Sogreife ich zum zweiten Talisman.«

»In welcher Weise soll er helfen?«

»Abu Hassan sagte, wenn ich in eine sehr große Gefahr käme, solle ich die Schrift der Obrigkeit übergeben.«

»Er ist Orientale, also mehr oder weniger Phantast. Er kennt die hiesigen Verhältnisse nicht. Die Zeilen sind nicht im Stande, als Deus ex machina zu Ihren Gunsten zu wirken.«

»Er versprach es mir aber!«

»Das glaube ich gern. Aber wie nun, wenn der Capitän Sie einsperrt, so daß Sie die Schrift gar nicht an die Obrigkeit gelangen lassen können? Wie nun, wenn er sie Ihnen abnimmt und sie vernichtet?«

»Ah, daran dachte ich nicht!«

»Abu Hassan hat ebenso wenig daran gedacht. Und selbst wenn diese Zeilen in die Hände des Anklägers oder Richters gelangen, sind sie vollständig werthlos. Es ist da eine Geschichte erzählt, aber es fehlt vollständig die Garantie der Wahrheit derselben. Ich glaube, ein Rath von mir ist Ihnen nützlicher als diese beiden Talismane. Erwarten Sie heute einen abermaligen Angriff?«

»Mit voller Bestimmtheit.«

»Dann giebt es ein prächtiges Mittel, den Angreifer sofort niederzuschmettern. Aber bitte, erlauben Sie mir die Frage, ob Sie den Alten lieben?«

»Nein.«

»Sie hassen ihn?«

»Auch nicht. Ich fürchte ihn auch nicht; aber mir graut vor ihm. Ich berühre die Brillenschlange lieber, als die Hand dieses Mannes. Und doch ist er mein Verwandter.«

»Vielleicht täuschen Sie sich da! Lieben Sie vielleicht die Baronin?«

»Nein, ich verachte sie.«

»So haben Sie auch keine innere Veranlassung, diese Beiden zu schonen. Hören Sie also meinen Rath. Wenn heute der Capitän einen Zwang auf Sie äußern will, so fragen Sie ihn, ob er folgende Personen gekannt habe: den Hadschi Omanah, den Sohn desselben, den Fruchthändler Malek Omar und den Gefährten desselben, welcher sich Ben Ali nannte. Haben Sie sich diese Namen gemerkt, Mademoiselle?«

»Ja. Hadschi Omanah, seinen Sohn, den Fruchthändler Malek Omar und dann Ben Ali, seinen Gefährten.«

»Gut. Die beiden Ersteren wurden eines Abends von den beiden Letzteren ermordet, gewisser Papiere willen, welche die Mörder an sich nahmen.«

»Mein Gott! Steht der Capitän vielleicht in einer Beziehung zu diesem Morde?«

Der Gefragte wiegte den Kopf hin und her und erkundigte sich anstatt der directen Antwort:

»Halten Sie ihn eines Mordes fähig?«


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»Ich weiß es nicht zu sagen.«

»So lassen wir es einstweilen dahingestellt sein, warum ich Ihnen diese Namen nenne. Kennen Sie die Vergangenheit des Capitäns?«

»Ja. Er ist pensionirter Offizier der alten Kaisergarde.«

»Hm! Haben Sie einmal den Namen Goldberg gehört?«

»Nein.«

»Oder Königsau?«

»Ja. Ich entsinne mich, daß dieses Wort von dem Grafen Rallion ausgesprochen wurde und daß der Capitän darauf in eine entsetzliche Aufregung gerieth.«

»Hat der Capitän Geschwister gehabt?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hat Ihr Papa, der Baron, in Deutschland vielleicht Verwandte?«

»Auch das ist mir völlig unbekannt.«

»Das ungefähr sind die Fragen, die ich an Sie zu richten hatte. Ich habe mich orientirt, so weit dies nothwendig war und ich möchte nur noch wissen, wohin der Zauberer gegangen ist.«

»Nach der Sahara, sagte er.«

»Wird er wiederkommen?«

»Ja. Er sprach von Beweisen, welche er bringen wolle.«

»Wofür oder wozu?«

»Das verschwieg er mir.«

»So will ich Ihnen ein großes Geheimniß mittheilen. Erinnern Sie sich des Gewitters, während dessen wir uns im alten Thurm befanden?«

»Noch sehr genau,« antwortete sie.

Sie hatte doch erst noch vorhin an dieses Ereigniß gedacht.

»Wir sahen da die Gestalt, welche an uns vorüberging und die Thurmtreppe bestieg?«

»Den Geist meiner Mutter,« nickte Marion, indem ein leiser, wie geistiger Schimmer ihr Gesicht überflog.

»So dachten Sie; ich aber theilte Ihnen mit, daß ich nicht an die überirdische Natur dieser Erscheinung glaube. Ich wollte die Gestalt verfolgen, aber Sie hielten mich zurück.«

»Ich weiß dies noch sehr genau. Alle Welt erzählt sich, daß meine arme Mutter im Grabe keine Ruhe habe, weil sie nicht die Anhängerin des allein selig machenden Glaubens gewesen sei.«

»Und alle Welt täuscht sich; denn Ihre arme Mutter ist gar nicht gestorben. Und ist sie ja gestorben, so hat sie ihre Ruhestätte in einer anderen Gegend gefunden. Wahrscheinlicher aber ist mir der erstere Fall. Ich möchte wetten, daß Liama, die Tochter der Beni Hassan, noch am Leben ist.«

Marion hatte ihm zugehört, die groß geöffneten Augen starr auf ihn gerichtet.

»Großer Gott!« sagte sie jetzt. »Haben Sie vielleicht Gründe zu dieser Vermuthung?«

»Sogar sehr triftige. Ich will Ihnen aufrichtig gestehen, daß ich der Verbündete des Zauberers war. Er kam von Afrika, um Liama, die Tochter seines Scheiks, zu suchen. Er hörte, daß sie todt sei und er wollte sich überzeugen, ob man ihre Ueberreste wirklich bestattet habe. Wir haben des Nachts ihr Grab geöffnet.«

Marion stand da, selbst starr wie eine Todte. Ihre Lippen bebten und erst nach längerer Pause stieß sie hervor:

»Das, das haben Sie gethan?«

»Ja.«

»Und was haben Sie gefunden?«

»Einen Sarg, welcher mit Steinen gefüllt; eine Leiche aber hat nie darinnen gelegen.«

»Mein Heiland! Das ist ja entsetzlich! Sollte sie anderswo begraben sein?«

»Das glaube ich nicht. Welchen Grund hätte man dann gehabt, dieses Grab als das ihrige anzugeben?«

»Ja. Ich war ja als Kind selbst dabei, als man ihren Sarg hier in die Erde senkte. Es geschah das ohne Sang und Klang, ohne Predigt und Segen, weil sie ja eine »Heidin« gewesen war. Sie ist nirgends anderswo begraben.«

»So bleibt nur die Annahme, daß sie damals gar nicht gestorben ist.«

»Sie lebt also noch! Aber wo? Wo, Monsieur Müller?«

Das schöne Mädchen befand sich in einer unbeschreiblichen Aufregung, er legte ihr beruhigend die Hand auf den Arm und antwortete:

»Ich vermuthe, daß Liama ihre Zustimmung zu dem Coup gegeben hat, welcher da aufgeführt worden ist. Welche Gründe sie dabei gehabt hat, das werden wir jedenfalls noch erfahren.«

»Und mein Vater weiß es auch?«

»Vielleicht. Ich mochte behaupten, daß sein gegenwärtiger Geisteszustand zu diesem Geheimnisse in inniger Beziehung steht. Man hat Ihre arme Mutter veranlaßt, zu verschwinden, damit die jetzige Baronin ihre Stelle einnehmen könne. Warum, das werden wir vielleicht noch entdecken.«

»Aus Alledem ersehe ich, daß ich die Verhältnisse meiner eigenen Familie nicht kenne, und daß ich von Geheimnissen und von - Verbrechen umgeben bin.«

»Wahrscheinlich vermuthen Sie da das Richtige.«

»Gott, mein Gott! An wen soll ich mich denn da halten?«

»An den, den Sie da soeben genannt haben, nämlich an Gott. Und wenn es Ihnen möglich sein sollte, zu mir ein wenig Vertrauen zu fassen, so stelle ich mich Ihnen mit Leib und Leben, mit Allem, was ich habe und bin, zur Disposition.«

Da streckte sie ihm ihre beiden Hände entgegen und sagte:

»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Ich habe die Meinigen nie lieben und achten und mich nie in der Heimath wohl fühlen können. Ich bin mir vorgekommen, wie ohne Halt und Wurzel im Leben. Es hat in mir gelegen wie eine Ahnung, daß Alles um mich her eine einzige große Lüge sei. Und nun geben Sie mir Gewißheit und die Hoffnung, daß alles Dunkel klar werden könne. Ja, ich habe Vertrauen zu Ihnen. Sie selbst kommen mir vor wie ein Räthsel, welches ich noch zu lösen habe, aber Sie werden mir die Lösung an die Hand geben.«


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Er trat zurück, ohne die ihm dargebotenen Hände zu ergreifen und antwortete:

»Sie haben in allen Ihren Vermuthungen Recht. Aber wenn sogar auch ich Ihnen ein Räthsel bin, so werde ich Sie doch wenigstens überzeugen, daß Sie mir vertrauen können.«

»Ich bedarf keines Beweises,« fiel sie ein.

»Nun, so möge das, was ich sage, als einfache Bemerkung gesprochen sein. Ich habe Ihnen anvertraut, wie theuer Sie mir sind; dieses Geständniß, welches mir nur durch die augenblickliche Situation entlockt werden konnte, hat nicht im Mindesten den Zweck, mir gegenüber die Freiheit Ihres Fühlens und Handelns zu beschränken.«

»Wie verstehen Sie das?«

»Ich weiß, daß meine Liebe eine hoffnungslose ist, ja, eine hoffnungslose sein muß; nur daher konnte ich von ihr sprechen, ohne lächerlich zu werden. Sie sind der Gedanke meiner Tage und der Traum meiner Nächte; ich bete zu Ihnen wie zu einer Heiligen, aber wie zu einer Heiligen, zu der man nicht gelangen kann. Sie sind die Sonne, welche den fernen Planeten erwärmt und erleuchtet; das ist Alles, was er sich wünscht; in ihre Nähe wird er nie gelangen. Mein aufrichtiges Geständniß wird nur die Folge haben, daß ich mich noch mehr zurückziehe; aber sobald Sie meiner bedürfen, dann werde ich mit Freuden, ja mit Entzücken Alles thun, was meinen Kräften möglich ist. Das mag unser Packt sein, den wir schließen.«

Sie zauderte eine Weile. Dann ging ein eigenthümliches Leuchten über ihr Gesicht; sie streckte ihm abermals die Hände entgegen und sagte:

»Nun gut! Ganz wie Sie wollen! Sie erlauben mir also, Sie für meinen Freund zu halten?«

»Ich bitte inständig, dies zu thun!«

»Ein solcher Vertrag muß aber bekräftigt werden, wenigstens durch einen Handschlag. Wollen Sie mir wirklich Ihre Hand verweigern?«

»Gegen Ihre Befehle kann ich nicht! Hier ist die Hand. Verfügen Sie über mich, so viel und weit Sie wollen!«

»Zunächst muß ich mich für heute Abend rüsten. Glauben Sie wirklich, daß die Namen, welche Sie mir nannten, geeignet sind, den Capitän zurückzuweisen?«

»Ich hoffe es, ja, ich bin überzeugt davon!«

»Und diese arabische Handschrift. Darf ich nicht erfahren, was sie enthält?«

»Für jetzt liegt es in Ihrem eigenen Interesse, daß ich Ihnen die Uebersetzung vorenthalte. Auch möchte ich das Document nicht sofort in ihre Hand gelangen lassen.«

»Warum?«

»Weil es mir da nicht sicher scheint.«

»Sie meinen, die Schlacht, welche ich dem Capitän zu liefern habe, könne einen für mich unglücklichen Ausgang nehmen?«

»Heute werden Sie siegen, was aber dann geschieht, ist bei dem Charakter dieses Mannes nicht vorauszusehen.«

»Ich werde tapfer sein!«

»Aber Vorsicht ist ebenso nöthig wie Tapferkeit. Uebrigens dürfen Sie überzeugt sein, daß ich über Sie wachen werde. Also, darf ich dieses Schriftstück behalten?«

»Ja,« nickte sie; »behalten Sie es! Ich vertraue mich Ihnen an, wie ich mich Ihnen anvertraute, als Sie mit mir ins Wasser gingen. Leben Sie wohl, mein Freund! Sie reichte ihm das schöne Händchen, welches er an seine Lippen zog. Als sie sich entfernte, blickte er ihr nach, so lange er nur konnte. Dann legte er beide Hände auf das Herz und jauchzte:

»Sie liebt mich! Sie liebt mich! Sie hat meine Photographie! Aber woher hat sie sie?«

»Vom Photographen gemaust!« erklang es hinter ihm.

Rasch und betroffen drehte er sich um. Fritz kam hinter einem Felsenstücke hervorgekrochen. Diese Ueberraschung in diesem Augenblicke war seinem Herrn denn doch nicht sehr willkommen.

»Donnerwetter!« sagte er. »Mensch, Du hast gehorcht!«

»Ja,« nickte Fritz ganz unverfroren.

»Hallunke!«

»Danke!«

»Warum bist Du mir nachgeschlichen?«

»Ich Ihnen nachgeschlichen? Habe keine Idee davon!«

»Aber wie kommst Du denn nach dem Steinbruche?«

»Um die Linie zu suchen.«

»Sprich nicht in Räthseln! Welche Linie meinst Du?«

»Die, welche von hier aus über die nächste Waldesecke nach dem Trou du bois führt.«

»Ah, Du kennst die Richtung nach dem Waldloche?«

»Sehr genau.«

»Von wem hast Du es erfahren?«

»Vom Wirthe. Herr Doctor, dieser Kerl ist ein Erzschlingel. Ich bin überzeugt, daß er in der Franctireursgeschichte keine gewöhnliche Rolle spielt. Er wollte mich ausfragen; ich aber habe mich so dumm und albern gestellt, daß ihm vor Vergnügen das Herz überlief. Er kam in's Reden und beschrieb mir die Lage des Loches.«

»Das ist prächtig! Ich habe mich noch nicht darnach erkundigen können. Wo finden wir das Trou?«

»Auf der geraden Linie von hier nach der Waldesecke hat man gegen dreiviertel Stunden zu gehen, bis man es erreicht.«

»Du wolltest es aufsuchen?«

»Ja. Ich wollte heute Abend au fait sein. Ich eilte durch Dick und Dünn und war eher da als Sie. Eben als ich mich zwischen diesem Steingewirr durchwinden wollte, kam die Dame. Ich wollte mich nicht sehen lassen und steckte mich hinter den Felsen. Dann kamen Sie, und so war ich gezwungen, Alles anzuhören.«

»Ein anderes Mal jedoch wirst Du ein anderes Arrangement treffen, hoffe ich!«

»Ich hoffe es auch!« rief Fritz mit gewisser Betonung.

»Wieso?«

»Ich werde dann die Sache so arrangiren, daß ich bei der Dame bin und Sie gucken zu, Herr Doctor!«

»Kerl!«

»Na, ich meine ja meine Dame und nicht die Ihrige! Aber, mit Verlaub, Herr Doctor, ein Prachtfrauenzimmer ist sie! Sie hat so etwas Fremdländisches an sich. Ich glaube, man kann fürchterlichen Staat mit ihr machen!«


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»Mit Dir weniger, Luftikus! Also, wir wollen aufbrechen! Steigen wir zur Höhe empor!«

Sie klommen an der Seite des Bruches hinauf, grad wie Müller damals, als er Alexander rettete, und sahen die betreffende Ecke des Waldes in der Ferne. Sie hielten grad auf dieselbe zu und folgten auch dann noch ganz derselben Richtung, als sie sich im Walde befanden.

So mochten sie wohl eine halbe Stunde durch Büsche und Sträucher gestrichen sein, als Müller sagte:

»Nach Deinem Rapporte müssen wir in der Nähe sein.«

»Ich denke es. Von der Richtung sind wir nicht abgekommen.«

»So laß uns jetzt größere Vorsicht anwenden! Ein Ort, der zu heimlichen Versammlungen dient, ist wichtig genug, um bewacht zu werden. Wir müssen immer annehmen, daß irgend Jemand hier steckt, vor dem wir uns nicht sehen lassen dürfen.«

»Wollen wir uns nicht lieber theilen?«

»Du meinst trennen? Ja. Aber verlieren dürfen wir uns trotzdem nicht. Wer das Loch zuerst findet, der giebt dem Andern ein Zeichen.«

»Welches?«

»Kannst Du Vogelstimmen nachmachen?«

»Nur den Kukuk.«

»Das genügt. Also wer das Trou zuerst findet, der schreit Kukuk.

Sie trennten sich und schlichen sich nun so vorsichtig wie möglich weiter. Die Bäume traten dichter zusammen und zwischen den Stämmen wucherte üppiges Unterholz. Nach einer Weile ertönte der Ruf des Kukuks. Müller wandte sich nach der Seite zu, wo er erschollen war, und stieß bald auf Fritz, welcher vor einem Gebüsche stand, dessen Zweige er auseinander geschoben hatte.

»Hast Du es?« fragte Müller.

»Ja. Das muß es sein!«

Sie standen vor einer ziemlich tiefen, trichterförmigen Bodensenkung, welche einen Durchmesser von wenigstens sechzig Metern hatte. Der Rand derselben war von Strauchwerk eingefaßt, und selbst bis auf den tiefsten Punkt hinab standen Baum an Baum, und zwischen den Bäumen wucherten Brombeerranken und Farrenkräuter. Hier und da war ein großer, mit grünem Moose bedeckter Stein zu sehen. Das Ganze hatte das Aussehen, als sei vor Jahrhunderten hier das Mundloch eines Schachtes zugefüllt worden und dann nach und nach immer weiter eingesunken.

»Ja, er ist's! Wir sind an Ort und Stelle,« sagte Müller. »Nicht übel als Versammlungsort!«

»Ja; er liegt tief und faßt mehrere hundert Menschen, die von oben von Einem, der nichts ahnt, gar nicht bemerkt werden.«

»Und wie prächtig läßt es da sich lauschen! Man steckt sich einfach in das Gebüsch -«

»Und wird erwischt und tüchtig durchgeprügelt!« fiel Fritz ein.

»Da müßte man es dumm anfangen!«

»Ob man gut herankommen kann? Diese Leute werden wohl klug genug sein, Wachen auszustellen!«

»So sputet man sich, eher hier anzukommen als sie.«

»Hm! Da wäre es ja am Besten, wir blieben gleich da!«

»Allerdings. Aber leider muß ich heim, da man von meinen nächtlichen Excursionen keine Ahnung haben darf.«

»Mich erwartet kein Mensch; ich kann also bleiben!«

»Recht so! Es ist jedenfalls besser, den Ort gleich von jetzt an im Auge zu behalten, damit uns nichts zu entgehen vermag.

Vorher aber laß uns genau nachsehen, ob wir auch wirklich die einzigen Menschen sind, welche sich hier befinden.«

Sie suchten erst die Umgebung ab, konnten aber nichts Verdächtiges bemerken. Dann stiegen sie in die Vertiefung hinunter und auch hier war keine Spur zu finden, daß sich Jemand vielleicht versteckt habe.

»Ob man hier öfters wohl Versammlungen abhält?« fragte Fritz.

»Wohl nicht!«

»Warum nicht?«

»Sonst müßte das Moos und das Gerank mehr niedergetreten sein.«

»Das ist richtig. Aber schau! Siehst Du, wie regelmäßig hier auf dieser Seite Alles wächst und wie jedes Blättchen liegt, als ob es grad so und nicht anders stehen dürfe?«

»Wahrhaftig! Es ist, als ob man Alles mit der Hand geordnet habe.«

»Nun, mit der Hand wohl nicht, aber mit einem Rechen.«

»Das ist wahr, Herr Doctor! Hier wird sehr oft gerecht, das sieht man ganz genau!«

»Diese Entdeckung ist sehr wichtig. Erstens läßt sich daraus schließen, daß derartige Versammlungen häufiger vorkommen, als wir erst dachten und sodann geht man dabei so vorsichtig um, das niedergetretene Gepflänz mit dem Rechen wieder aufzurichten.«

»Aber warum nur auf dieser Seite und nicht auch anderswo? Die Rechenspur ist nur hier zu bemerken und auch sie ist nur kaum zwei Ellen breit. Da kommt sie von dem Rande des Loches herab und hier hört sie schon auf.«

»Das bringt mich auf den Gedanken, daß es hier einen Weg giebt, der nach dem Gebrauche stets wieder maskirt wird. Das kann uns heute Abend von Nutzen sein. Jetzt aber wird es unter den Bäumen bereits dunkel. Ich muß aufbrechen.«

Als sie jetzt aus dem Loche gestiegen waren, fragte Fritz:

»Aber wo treffen wir uns am Abende?«

»Das läßt sich nicht auf die Elle bestimmen. Stelle Dich hier an den Rand und blicke gerade nach der Blutbuche hinüber. Auf dieser geraden Linie werde ich mich anschleichen. Ich hoffe, daß ich halb elf Uhr an der Buche sein werde. Finde ich Dich nicht da, so bin ich überzeugt, daß Du Dich auf der angegebenen Linie dem Loche genähert hast, ich werde dann folgen, bis ich Dich finde.«

»Und ein besonderes Erkennungszeichen?«

»Brauchen wir nicht. Es könnte uns gefährlich werden. Hast Du Waffen bei Dir?«

»Genug.«


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»Und Etwas gegen den Hunger?«

»Das habe ich vergessen.«

»So werde ich Dir Etwas mitbringen. Also, halte gute Wacht, aber laß Dich ja nicht erblicken!«

Sie trennten sich. Fritz suchte sich ein möglichst gutes Versteck unter den Sträuchern und Müller wanderte raschen Schrittes dem Schlosse zu. Die Dämmerung war angebrochen und als er die Freitreppe emporgestiegen war, sah er Marion aus der Thür ihres Zimmers treten. Indem sie an ihm vorüberschritt, raunte sie ihm zu:

»Zum Capitän befohlen!«

»Nur Muth!«

Dann begab er sich hinauf in sein Zimmer, ließ aber die Thür offen, um hören zu können, wenn Marion den Alten wieder verließ.

Als das muthige Mädchen bei dem Letzteren eintrat, befand sich, wie gerade vor Tische, die Baronin bei ihm. Er zeigte eine wo möglich noch finsterere Miene und sagte in zornigem Tone:

»Weißt Du, was nach unserer Unterredung zwischen Dir und der Baronin in Deinem Zimmer gesprochen worden ist?«

»Ja, sehr genau.«

»Und zwar in Gegenwart Deiner Gesellschafterin!«

»Nanon war allerdings bei mir.«

»Du hast gesagt, daß wir Beide einander werth seien?«

»So war es.«

»Wie hast Du das gemeint?«

»Genau so, wie ich es gesagt habe!«

»Diese Worte sind höchst zweideutig. Wüßte ich, daß Du die weniger gute Bedeutung beabsichtigt hättest, so würdest Du Deiner Strafe nicht entgehen.«

»Ich überlasse es Euch Beiden, die Bedeutung heraus zu lesen!«

»Du hast gehört, daß ich Dir nur bis zu dem gegenwärtigen Augenblick Zeit zur Entscheidung gegeben habe.«

»Das war überflüssig.«

»Ich werde Dir das Gegentheil beweisen! Also, was hast Du beschlossen?«

»Ich habe meinen Entschluß nicht geändert.«

»So werde ich ihn zu ändern wissen.«

Sie wendete sich nach der Thür und fragte:

»Hast Du noch Etwas zu bemerken?«

»Jawohl!« donnerte er sie an. »Ich habe Dir nämlich zu bemerken, daß ich Dich heute Abend mit dem Obersten Rallion in aller Form und Giltigkeit verloben werde!«

Da zuckte sie ganz stolz und kalt die Achseln und sagte:

»Ich möchte doch wissen, wie Du das fertig bringen wolltest.«

»Ich werde es Dir beweisen.«

»Pah! Ich will Dich nicht in Verlegenheit bringen. Ich würde »Nein« sagen und dann wollte ich den Frechen doch sehen, der es wagte, mich als seine Verlobte zu bezeichnen!«

»Ich werde Dich sogar zwingen, mich in diese Verlegenheit zu bringen. Du bleibst jetzt hier bei mir, bis ich Dich selbst in den Salon bringe. Setze Dich.«

Da klang ein kurzes, silbernes Lachen von ihren Lippen.

»Mache Dich nicht lächerlich,« sagte sie. »Heute Mittag war es mir nicht vergönnt, Platz nehmen zu dürfen und jetzt beliebt es Dir, mich zum Sitzen zu befehlen. Wann wirst Du nur endlich einmal einsehen, daß ich nicht mehr buchstabiren gehe! Solche Fehler sollst Du unterlassen!«

»Das ist stark! Das ist zu stark!« rief die Baronin zitternd vor erkünstelter Empörung.

Der Alte stand starr und steif mitten im Zimmer. So Etwas war ihm noch nicht passirt. So Etwas wagte man ihm in seinem eigenen Zimmer zu sagen. Die Haare seines Schnurrbartes sträubten sich empor, wie die Mähnenborsten einer Hyäne, seine Zähne knirrschten auf einander, und dann stieß er mit vor Grimm heiserer Stimme hervor:

»Das wagst Du mir, mir, mir zu sagen, Mädchen! Auf der Stelle kniest Du nieder, um mir Abbitte zu thun!«

Er deutete mit der Hand auf den Boden, gerade vor sich hin. Er zitterte am ganzen Körper vor Wuth.

»Ich kniee blos vor Gott,« antwortete sie, »nie aber vor einem Menschen, am Allerwenigsten vor Dir.«

Da stieß er einen geradezu thierischen Laut aus, faßte sie am Arme und schrie:

»Gut, nicht hier, nicht hier! Ganz wie Du willst! Aber unten, unten sollst Du knieend Abbitte leisten, öffentlich vor den Gästen und vor aller Dienerschaft. Du sollst gezwungen werden, laut zu erzählen von - -«

Mit einem kräftigen Rucke zog sie den Arm aus seiner Hand und fiel mit lauter, drohender Stimme ein:

»Gezwungen werden? Ich brauche zum Erzählen nicht gezwungen werden. Ich werde freiwillig erzählen, laut und öffentlich, ganz so, wie Du es hier verlangt hast, so laut, daß Jedermann es hören kann, von dem Fruchthändler Malek Omar - -«

Sie machte hier mit Bedacht eine Kunstpause. Die Baronin blickte erstaunt auf. Der Alte aber fuhr erschrocken zurück.

»Von Ben Ali, seinem Gefährten,« fuhr sie fort.

»Was weißt Du von Malek Omar!« rief er.

»Gerade so viel, wie von Hadschi Omanah, der mit seinem Sohne ermordet wurde!«

Da fuhr er sich mit beiden Händen nach dem Kopfe. Die Haare, so wenige er ihrer hatte, wollten ihm schier in die Höhe stehen. Es wurde ihm blau und roth vor den Augen, es summte und brummte ihm um die Ohren, und er griff nach dem Tische, um nur einen Halt zu finden.

Aber seine eiserne Constitution war des Anfalles bald Herr geworden. Er wendete sich zur Baronin:

»Bitte, verlassen Sie uns. Es ist nicht nöthig, daß Sie Zeuge der Züchtigung sind, welche ich dieser Person ertheilen werde.«

Das war der Baronin genug. Marion gezüchtigt! Vielleicht gar körperlich! Welch eine Genugthuung für die Frau, welche so eifersüchtig auf die Schönheit ihrer Stieftochter war. Sie erhob sich von ihrem Stuhle, warf einen schneidend höhnenden Blick auf das Mädchen und sagte:


// 1127 //

»Verdient hat sie die schärfste der Strafen. Nachsicht wäre hier Sünde.«

Damit rauschte sie zur Thür hinaus.

Der Alte wartete wortlos, bis ihre Schritte verklungen waren; sodann kreuzte er die Arme über die Brust und fragte in einem Tone, der fast pfeifend aus der Kehle drang:

»Jetzt heraus! Was weißt Du von Hadschi Omanah!«

»Daß er ermordet wurde, er und sein Sohn!«

»Ah! Von wem? Von wem?«

»Von Malek Omar und Ben Ali«.«

»Das ist Lüge, dreifache, zehnfache Lüge!«

»Das ist Wahrheit, die lautere Wahrheit.«

»Welchen Grund sollten sie gehabt haben, ihn zu ermorden?«

»Der Documente wegen, welche sie ihm abnehmen wollten.«

Er holte tief und ängstlich Athem.

»Woher weißt Du das?« fragte er. »Wer hat es Dir gesagt?«

»Das ist mein Geheimniß!«

»Oho! Ich muß es wissen!«

»Du? Du weißt mehr, als ich Dir zu sagen brauche. Aber sprich noch einmal von meiner Verlobung oder gar von einer Züchtigung, so wird auch der Richter Alles erfahren. Du hast niemals Erbarmen gehabt, nun erwarte auch keines von mir!«

Bei diesen Worten drehte sie sich um und verließ das Zimmer. Die Thür der Baronin war geöffnet, sie hatte hören wollen, welcher Art die angedrohte Züchtigung sein werde. Sie fand gar nicht Zeit zurückzutreten, als Marion vorüberging, von der sie keinen einzigen Blick erhielt. Sie begann zu ahnen, daß der Alte dieses Mal unterlegen sei.

Auch jetzt fand Marion die Freundin ihrer wartend. Nanon hatte jedenfalls mehr Angst ausgestanden, als Marion.

»Nun, wie ist es abgelaufen?« fragte sie.

»Sehr gut! Ganz zur Zufriedenheit!« antwortete Marion.

»Das war ja kaum zu denken, da Du beschlossen hattest, Dich nicht zu fügen.«

»Ich habe mich nicht gefügt und dennoch gesiegt.«

»In Folge des guten Gedankens, von dem Du vorhin sagtest, daß er Dir während des Spazierganges gekommen sei?«

»Ja.«

»Welcher Gedanke war das?«

»Doctor Müller.«

»Ah! Du hast ihn getroffen?«

»Im Steinbruche.«

»Und der Gedanke kam von ihm?«

»Ja. Er hat mir einen Rath gegeben, ich befolgte ihn und habe alle Ursache, mit der Wirkung zufrieden zu sein.«

»Wenn er Dir einen Rath gegeben hat, so mußt Du ihn doch um einen solchen gebeten haben?«

»Allerdings.«

»Du hast ihm doch von der geplanten Verlobung erzählt?«

»Ja.«

»Das scheint mir aber sehr vertraulich, sehr intim zu sein!«

»Vielleicht auch nicht. Er ist der Mann, dem man ganz unwillkürlich mehr erzählt, als jedem Anderen. Ich wiederhole es: Man muß ihn nicht nur achten, sondern man könnte ihn sogar lieben.«

»Lieben und - küssen, wie Du heut sagtest!«

»O, gerade jetzt könnte ich ihm einen Kuß geben, einen wirklich herzlichen Kuß für den Rath, mit dem er mich aus dieser schweren Verlegenheit befreit hat.«

Aber droben ging der Alte zähneknirschend in seiner Stube auf und ab. Er ballte die Fäuste, stieß halb laute, deutliche und undeutliche Flüche aus und murmelte dabei:

»Sie ist mir entgangen, aber nur für heute, höchstens noch für morgen! Wer hat ihr zu diesem Schachzuge verholfen? Wer weiß von jener Nacht am Auresgebirge? Kein Mensch! Kein Mensch war dabei. Sollte er selbst geplaudert haben, der Baron, der Verrückte? Ich glaube es nicht. Er verräth nie Etwas, nie, selbst in seinen schwächsten Stunden nicht. Aber sie wird beichten müssen, und dann wehe ihr! Ich werde sie doch einsperren, um sie unschädlich zu machen, und dann wird sie nur als Gräfin Rallion ihre Freiheit wieder erlangen!«

Unterdessen lag Fritz im Walde und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Es war dunkel geworden. Zeit um Zeit verrann; es mochte gegen zehn Uhr sein, da ließ sich ein Rascheln hören, und nahende Schritte waren zu vernehmen. Zwei Männer kamen, gingen an Fritz vorüber und blieben dann am Rande der Schlucht stehen. Der Eine stieß einen ziemlich lauten Pfiff aus. Als keine Antwort erfolgte, meinte er zu dem Andern:

»Wir kommen zeitig; es ist noch kein Mensch da.«

»Das ist gut, denn so können wir vorher mit unserer Angelegenheit fertig werden.«

»Also, Du stimmst bei?«

»Wie viel pro Mann?«

»Fünftausend Franken.«

»Das ist wenig. Der Kerl soll ja Millionen bei sich haben!«

»Aber das Geld kommt ja alles in unsere Kasse!«

»Und gefährlich ist es!«

»Schwachkopf! Welche Gefahr bringt es denn, einem Verwundeten in die Tasche zu greifen, um ihm das Portefeuille wegzunehmen!«

»Mag sein! Wie viele sind wir?«

»Drei Personen; das ist genug.«

»Das genügt allerdings. Doch wißt Ihr auch genau, mit welchem Zuge er kommt?«

»Mit dem Mittagszug von Trier aus. Er kommt aus New-Orleans, hat einen englischen Namen und heißt, glaube ich, Deephill.«

»Wunderlicher Name!«

»Na, also, machst Du mit? Oder soll ich einen Anderen engagiren?«

»Hm! Fünftausend Franken sind auch ein schönes Geld!«

»Das versteht sich. Es ist ein großer Unterschied, sie zu haben oder nicht. Entschließe Dich kurz, ehe die Anderen kommen.«


// 1128 //

»Also der Alte will es haben?«

»Er hat es sogar befohlen.«

»Na, da mag es denn gewagt sein. Ich werde mich betheiligen.«

»Endlich bist Du klug. Na, so komm hinab. Ich glaube, ich höre bereits wieder Schritte.«

Sie stiegen miteinander in das Loch hinab. Jetzt kamen nach und nach Mehrere. Fritz hatte bereits über zwanzig gezählt, als er plötzlich am Arme gezupft wurde. Er lag am Rande des Loches unter dem Gebüsch.

»Fritz?« flüsterte es.

»Herr Doctor?«

»Bereits Viele hier?«

»Vierundzwanzig.«

»Man hört sie doch nicht reden.«

»Ja, das weiß der Teufel. Sobald sie da hinunter sind, merkt man gar nichts mehr von ihnen.«

»Vielleicht verhalten sie sich still, bis Alle beisammen sind!«

»Das ist möglich. Dann aber können wir wohl lauschen.«

»Von welcher Seite kommen sie?«

»Von dieser. Alle hier hart an mir vorüber.«

»Ah, wo der abgerechte Weg hinunterführt! Donner! Hast Du das jetzt gesehen?«

»Was?«

»Ein Lichtschein.«

»Man wird eine Laterne anbrennen.«

»Nein. Das kam wie aus der Erde. Wenn ich es mir so recht überlege, daß ein richtiger Weg hinunterführt und man doch im ganzen Loche keine Spuren findet, so komme ich auf den Gedanken, daß es da eine Höhle oder irgend ein Versteck geben muß.«

»Der Gedanke ist nicht schlecht. Dann aber stäken jetzt Alle in der Höhle, während wir denken, sie sitzen unten zwischen den Bäumen.«

»Freilich. Wir müssen uns überzeugen, es ist keine Zeit zu versäumen. Ich krieche leise hinab.«

»Ich auch?«

»Ja, komm. Aber vorsichtig, damit wir nicht bemerkt werden. Das kleinste Steinchen kann uns verrathen.«

»Und wenn sie uns doch bemerken, was thun wir denn da?«

»Fliehen und wehren. Ergreifen laß ich mich auf keinen Fall. Eher schieße ich Einige nieder.«

»Ich Einige und Mehrere, je nachdem sie es haben wollen.«

Sie legten sich auf den Bauch und krochen nach Indianerart an der Seite des Loches hinab, nach jedem Fußbreit, welchen sie zurücklegten, wartend und lauschend, ob sie sich weiter wagen könnten. So hatten sie beinahe den tiefsten Punkt erreicht, als sie Beide erschrocken anhielten. Ein rascher, aber scharfer Lichtstrahl war über sie hinweggeglitten.

»Sapperment! Woher kam er?« flüsterte Fritz.

»Da, gerade vor uns! Halten wir weiter links, damit er uns nicht trifft. Schau!«

Wirklich fiel jetzt aus der Erde heraus ein ziemlich greller Blitz gerade auf die Stelle, an welcher sie sich eben jetzt befunden hatten.

»Ob man uns bemerkt hat?« fragte Fritz.

»Nein. Daß uns das Licht berührte, war sicherlich nur Zufall. Aber da haben wir es: Hier ist eine Höhle. Der Eingang ist nur für einen Mann zu passiren und wird durch diesen Stein verschlossen.«

»Aber auf welche Weise?«

»Irgend welche Mechanik giebt es, das ist sicher. Ich werde morgen hergehen und untersuchen.«

»Schade, daß ich nicht dabei sein kann. Uebrigens finde ich vielleicht auch Gelegenheit, ein Abenteuer zu erleben.«

»Wo?«

»Auf dem Bahnhof zu Diedenhofen. Es kommt nämlich ein Verwundeter, der Millionen bei sich führt, dem soll dieses Geld abgenommen werden.«

»Von wem?«

»Von drei von diesen Burschen hier. Zwei belauschte ich. Es soll jeder fünftausend Franken von dem Raube erhalten. Der Verwundete ist aus New-Orleans und heißt Deephill.«

»Das hast Du Alles ganz deutlich gehört?«

»Ja. Der Alte hat es anbefohlen.«

»Der Alte? Das wäre ja der Capitän. Ich wollte bereits sagen, daß Du die Polizei requiriren mögest. Hat jedoch der Alte seine Hand im Spiele, so lassen wir die unserige davon weg. Höchstens kannst Du Dich auf dem Bahnhofe nach diesem Mann aus New-Orleans erkundigen und ihn privatim und unbemerkt warnen. Horch! Hörst Du reden? Sie scheinen Alle beisammen zu sein, denn es kommt Keiner mehr, und nun hat die Verhandlung begonnen.«

Man hörte durch die Oeffnung, aus welcher das Licht fiel, ein dumpfes Stimmengewirr. Dann plötzlich verschwand der Lichtschein und es war gar nichts mehr zu hören.

»Man hat den Eingang verschlossen,« flüsterte Müller. »Es war ein Geräusch zu vernehmen, als ob Steine an einander gestoßen würden.«

»Es befindet sich kein Mensch im Freien,« antwortete Fritz. »Nicht einmal eine Wache hat man hier ausgestellt.«

»Desto leichter wird es uns sein, zu untersuchen, in welcher Weise der Verschluß stattfindet.«

»Man wird es innen doch nicht etwa bemerken?«

»Wie sollte man es? Wir vermeiden jedes Geräusch. Und selbst wenn dieses Letztere nicht ganz zu umgehen wäre, würde man es kaum gewahren, da ja laut gesprochen wird. Komm.«

Sie schlichen sich zu der Stelle hin, an welcher der Schein aus der Erde gedrungen war. Dort befand sich einer jener mit Moos bewachsenen Steine, welchen sie bereits am Tage bemerkt hatten.

»Dieser Stein scheint die Thüre zu sein,« sagte Müller, indem er das Felsstück vorsichtig mit den Fingern betastete.

Auch Fritz that dasselbe und bemerkte dabei ganz leise:

»Der Stein steht nicht frei, sondern er blickt nur mit der einen Seite aus der Wand des Loches hervor. Man muß also annehmen, daß er beweglich ist und also mit seiner Umgebung nicht fest verbunden sein kann.«


// 1129 //

»Ist er wirklich beweglich, was man allerdings glauben muß, so ist er nicht nach Außen, sondern nach Innen fortzunehmen.«

»Natürlich. Würde er herausgezogen, so wäre ja eine Spur davon zu bemerken. Er würde mit seiner Schwere das Moos zerdrücken. Aber wie bewegt man ihn? Wollen wir es einmal versuchen?«

»Ja, aber höchst vorsichtig. Wir dürfen ihn nur ein ganz klein Wenig von seiner Stelle rücken. Komm, stemme an und laß uns schieben.«

Sie knieten nieder, legten die Achseln an und schoben; aber der Stein bewegte sich nicht im Mindesten.

»Es muß inwendig einen Verschluß geben,« meinte Müller. »Es bleibt uns nichts übrig, als den Schluß der Versammlung ruhig abzuwarten. Vielleicht hören wir dann, wenn die Leute gehen, Etwas, was uns auf die Spur bringt.«

»Oder sehen wir es sogar. Wir müssen uns nur so nahe wie möglich verbergen. Etwa hier hinter die Büsche?«

»Ja. Sie stehen kaum eine Elle entfernt und sind so dicht, daß man uns wohl schwerlich bemerken wird.«

»Ich hätte nicht gedacht, daß diese Franzosen gar so dumm sind!«

»Wieso dumm?«

»Daß sie keine Wache stellen. Bei so geheimen Zusammenkünften ist das unumgänglich nothwendig. Nicht einmal auf den Gedanken sind sie gekommen, einen Hund mitzubringen!«

»Der könnte Alles verrathen.«

»Es müßte nur der richtige sein. Sie brauchten ihn ja gar nicht hier außen zu lassen. Sie könnten ihn mit hineinnehmen und dann, wenn sie gehen, würde er uns ganz sicher entdecken.«

»Hm, ja! Wünschen wir, daß auch im Kriegsfalle von den Soldaten der großen Nation kein größerer Scharfsinn entwickelt wird. Komm, verstecken wir uns! Sie krochen mit einander unter die erwähnten Büsche. Das Versteck war so gut, daß man nichts von ihnen bemerkt hätte, selbst wenn es nicht so ganz und gar dunkel gewesen wäre wie am heutigen Abende.

Eine Stunde verging, vielleicht auch eine etwas längere Zeit. Da ließ sich ein leises, knirrschendes Geräusch vernehmen. Die Beiden stießen einander an.

»Jetzt! Paß genau auf!« raunte Müller seinem Diener zu.

Wirklich erschien im nächsten Augenblicke der Lichtschein wieder. Man gewahrte ganz genau, daß der Stein weg war, und zwar war er nach innen verschwunden. Der Ausgang verdunkelte sich in kurzen Zwischenräumen. Die Leute kamen, Einer nach dem Andern, herausgekrochen und entfernten sich dann.

Da sie mit den Köpfen zuerst erschienen, so konnten die zwei Lauscher nicht ein einziges der Gesichter erkennen.

Zwei nur waren stehen geblieben. Zuletzt kam noch Einer hervorgekrochen und trat, nachdem er sich aufgerichtet hatte, zu ihnen.

»Nun,« sagte er vernehmlich; »glaubt Ihr nicht, daß Alles so richtig arrangirt ist?«

»Der alte Capitän!« flüsterte Müller seinem Nachbar zu.

»Ganz gewiß,« antwortete der Eine. »Die Leute brauchen keine große Uebung, und Waffen sind nebst Munition ja mehr als reichlich vorhanden.«

»Sobald Etwas passirt und ich Euch brauche, werde ich Euch das Zeichen geben. Wir kommen von heute an stets nur hier zusammen.«

»Ich wollte, es ginge bald los!«

»Man hat leider noch keinen Grund zur Kriegserklärung gefunden!«

»Sollte das so schwierig sein?«

»Hm!« brummte der Alte. »Ich halte es nicht für sehr schwer, und so wird ja auch der Kaiser bald finden, was er sucht. Er will den Krieg; die Kaiserin wünscht ihn noch viel mehr. Gramont steht an der Spitze der auswärtigen Angelegenheiten; er ist ein ausgemachter Feind der Deutschen; er haßt sie und thut alles Mögliche, um das Feuer zu schüren. Daher haben wir allen Grund, zu erwarten, daß unsere Hoffnungen sich baldigst erfüllen werden.«

»Und dann! Sacré bleu! Dann marschieren wir nach Deutschland!«

»Nicht wir zuerst. Die glorreiche Armee geht voran; wir folgen ihr. Die Armee hat die internationalen Gesetze der Kriegsführung zu respectiren; der Franctireur aber ist ein freier Mann. Wir werden thun, was uns beliebt!«

»Donnerwetter! Wir werden reiche Leute!«

»Hoffentlich machen wir unser Geschäft. Wir haben bisher nur Ausgaben gehabt, und zwar höchst bedeutende. Der Deutsche wird bezahlen müssen, und zwar nicht nur mit hundert Prozent! Ich wollte, daß in diesem verdammten Germanien nicht ein Stein auf dem andern bliebe! Ich habe allen Grund, diese Rasse zu hassen!«

»Aber man sagt, daß Preußen jetzt sehr stark sei!«

»Wer das sagt, ist ein Dummkopf!«

»Aber die Ulanen!«

»Die Ulanen? Pah! Die haben wir nun erst ganz und gar nicht zu fürchten! Der Preuße hat sie von den Russen geborgt.«

»Wieso?«

»Die Ulanen sind die Nachkommen von den asiatischen Reitern, welche sich Anno Vierzehn und Fünfzehn bis an die Seine wagen konnten, weil das Glück zufälliger Weise den großen Kaiser verlassen hatte. Ihr habt doch von ihnen gehört?«

»Ja. Es sind kleine Kerls mit großen Bärten.«

Der Andere, welcher bisher geschwiegen hatte, wollte auch Etwas sagen; er ließ also sein Licht leuchten, indem er hinzufügte:

»Sie haben kleine Pferde mit großen Mähnen und Schwänzen.«

»Sie stinken nach Talg und stecken voll Ungeziefer!«

»Sie fressen Pfeffer und saufen Schwefelsäure!«

»Ihre Hosen und Röcke sind von Schweinsleder!«

»Ihre Lanzen gebrauchen sie nur, um Kinder damit aufzuspießen und in das kochende Wasser zu halten!«

»Ja, es ist ein grausames, gottvergessenes Volk; aber es ist dem Aussterben nahe. Das Lazarethfieber hat


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die Meisten hinweggerafft; im Kriege von Schleswig-Holstein sind sie massenhaft erfroren, und Anno Sechsundsechzig haben die Oesterreicher jämmerlich unter ihnen aufgeräumt.«

»So hätten wir sie ja gar nicht zu fürchten!«

»Nicht im Geringsten! Es sind ihrer blos noch einige Hundert vorhanden, die in Zeit von einigen Minuten von unseren Mitrailleusen niedergeschmettert werden. Es ist geradezu lächerlich von dem Könige von Preußen, sich auf dieses Gezücht zu verlassen!«

»Aber tüchtige Artillerie soll er haben!«

»Pah! Eine einzige Mitrailleuse bringt drei oder vier ganze Batterien zum Schweigen!«

»Und die Zündnadel!«

»Die ist zum Todtlachen! Hat man bereits gehört, daß man mit Nadeln Krieg führt?«

»Das ist wahr!«

»Und unser Chassepot! Dem ist kein Gewehr gewachsen!«

»Aber ich las da vor Kurzem in der Zeitung, daß der König von Preußen große Generäle habe!«

»So? Wen denn zum Beispiel?« fragte der Capitän im verächtlichsten Tone.

»Steinmetz!«

»Der ist altersschwach geworden. Er ist bereits achtundneunzig Jahre alt und kann nur noch mittelst Ziegenmilch am Leben erhalten werden.«

»Sodann Seidlitz!«

»Seidlitz ist ein noch ganz junger, unerfahrener Oberst der Artillerie. Mit dem schießt jeder französische Kanonier um die Wette!«

»Und Ziethen?«

»Ziethen! Was Ihr Euch einbildet! Sollen wir uns vor Ziethen fürchten! Ihr wißt wohl gar nicht, was er ist?«

»Nun, ein berühmter Husarengeneral. Er soll bereits sehr alt sein und bei dem Könige von Preußen in großer Gunst stehen. Er hat sogar die Erlaubniß erhalten, an der königlichen Tafel zu schlafen.«

»Das ist wahr; das steht in allen Büchern. Aber ein Husarengeneral ist er nicht, obgleich man es Euch weiß gemacht hat. Er stammt aus Roßbach und ist Marinelieutenant. Weiter hat er es trotz seines Alters nicht gebracht. Ueberhaupt braucht man nur zu hören, daß preußische Offiziere an der Tafel schlafen dürfen, so weiß man sofort, was man von der ganzen Armee zu halten hat. Wie soll das während eines Feldzugs werden, wo es ja noch größere Anstrengungen giebt als Essen und Trinken.«

»Aber Moreau soll sehr berühmt und tapfer sein!«

»Das ist er auch. Er ist ein geborener Franzose; aber er ist abtrünnig geworden und zu den Preußen übergegangen. Die Oesterreicher haben ihm bei Königsgrätz die beiden Beine weggeschossen. Nun könnt Ihr Euch denken, ob wir diesen Krüppel zu fürchten haben.«

»Und der Generalstabs-Chef der Preußen!«

»Moltke? Der ist ein Phantast und Träumer. Er soll nicht einmal einen Bart haben! Der ist am allerwenigsten schuld, daß die Oesterreicher in der Schlacht an der Alma geschlagen worden sind. Daß die Oesterreicher verloren, daran waren nur die Russen schuld, welche es nicht litten, daß die Oesterreicher durch Rußland in Preußen einfielen.«

»Und sodann sagt man, daß wir es nicht mit Preußen allein zu thun haben werden!«

»Mit wem noch?«

»Sachsen, Bayern -«

»Unsinn!« fiel der Alte ein. »Das kenne ich besser! Die Sachsen sind stets unsere Verbündeten gewesen: sie sind durch Verträge an uns gebunden, denn Napoleon hat Anno Dreizehn und Vierzehn ihr Land fast um das Zehnfache vergrößert. Bayern, Würtemberg und Baden wagen es nicht, gegen uns zu sein, weil wir dort zuerst einfallen würden. Wer soll sonst noch der Verbündete von Preußen sein?«

»Hessen.«

»Das haben wir nicht zu fürchten. Es liegt ganz gegen Rußland hin. Ehe der erste Hesse erscheint, haben wir längst die entscheidenden Schlachten gewonnen und den Feind vor uns hergetrieben.«

»Dann giebt es ein Land, Waldeck genannt!«

»Das liegt ja in England!«

»Reuß!«

»Das gehört zu Norwegen!«

»Und Lippe!«

»Was Ihr für Geographen seid! Lippe ist ein Canton in der Schweiz. Es liegt gegen Italien hinunter! Lassen wir das! Wir werden siegen und brauchen darüber gar kein Wort zu verlieren! Bleiben wir lieber bei der Gegenwart! Ihr Beide habt morgen einen Coup auszuführen, welcher wichtiger ist, als so unbegründete Bedenken. Habt Ihr meine Anordnungen capirt?«

»Vollständig!«

»Also brecht recht zeitig auf, daß Ihr ja nicht etwa den Zug versäumt!«

»Das versteht sich ja ganz von selbst!«

»Lefleur wird bereits vor Euch da sein, um seine Pflicht zu thun. Die Hauptsache ist, daß er sich schnell zurückzieht und daß Ihr dafür sorgt, daß kein Verdacht auf Euch fällt.«

»Dafür lassen Sie uns sorgen, Herr Capitän! Wir werden den Bahnwärter aufsuchen.«

»Ah! Warum? Das wäre unvorsichtig!«

»Grad das Gegentheil! Es ist das gewiß eine Schlauheit. Wir werden mit ihm sprechen.«

»Aus welchem Grunde?«

»Wenn wir uns mit ihm unterhalten, wird Lefleur desto ungestörter seine Schuldigkeit thun können.«

»Ah, das ist richtig!«

»Und der Bahnwärter kann bezeugen, daß wir bei ihm gewesen sind. Dadurch würde aller Verdacht von uns gelenkt werden.«

»Nun, ich will zugeben, daß Ihr Euch das gut überlegt habt. Ihr haltet Euch aber nicht unnöthig auf!«

»Wir kommen sofort nach Ortry!«

»Ich werde Euch erwarten. Macht Ihr Eure Sache gut, so könnt Ihr auf eine Extragratification rechnen. Ihr wißt, daß ich nicht knausere, wenn ich sehe, daß meine Leute ihre Pflicht erfüllen. Jetzt will ich mich zurückziehen. Gute Nacht!«

»Gute Nacht, Herr Capitän!«

»Zieht den Keil richtig an, damit der Stein gut schließt!«

»Keine Sorge!«


Ende der einundsiebzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk