Lieferung 72

Deutscher Wanderer

31. Januar 1885

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


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Der Alte bückte sich nieder und kroch in das Loch zurück, welches sich dann hinter ihm schloß. Einer der beiden Männer kauerte sich nieder und machte sich mit dem Steine zu schaffen. Als er sich wieder erhoben hatte, sagte der Andere, indem er viel leiser redete als bisher gesprochen worden war:

»Also eine Extragratification.«

»Ja. Er ist doch zuweilen splendid.«

»Pah! Das kann er auch! Was bekommen wir? Welchen Theil des Ganzen wird er uns auszahlen? Gieb Dir einmal die Mühe, es auszurechnen.«

»Ich habe auch bereits daran gedacht.«

»Wir holen die Kastanien aus dem Feuer!«

»Und wagen dabei Freiheit, Ehre und Leben.«

»Er bleibt auf dem Sopha sitzen und wartet ruhig, bis wir ihm die Millionen bringen.«

»Verdammt! Man müßte sich eigentlich ganz gewaltig darüber ärgern.«

»Aergern? O nein! Ich freue mich im Gegentheile.«

»Wieso? Warum?«

»Ahnest Du das denn nicht? Das heißt, ich freue mich, weil ich voraussetze, daß Du doch kein Dummkopf sein wirst!«

»Habe ich Dir jemals Gelegenheit oder Veranlassung gegeben, mich für einen solchen zu halten?«

»Allerdings nicht. Und darum denke ich auch, daß Du mit mir einverstanden sein wirst.«

»Das klingt ja gerade, als ob Du mir einen Vorschlag zu machen hättest.«

»So ist es auch! Einen Vorschlag! Und zwar was für einen.«

»So laß hören.«

»Hm! Eigentlich ist es gefährlich, sich einem Andern mitzutheilen, von dessen Zustimmung man noch nicht überzeugt ist!«

»Traust Du mir etwa nicht?«

»Du weißt bereits, daß ich Dir mehr traue, als einem jeden Anderen; aber die Sache ist wirklich mit einer ganz außergewöhnlichen Gefahr verbunden.«

»So solltest Du auch nicht hier an diesem Orte, im offenen Walde, von ihr sprechen.«

»O, hier sind wir sicherer als sonst irgendwo! Oder denkst Du etwa, daß der Alte hier mit uns gesprochen hätte, wenn er nicht vollständig überzeugt gewesen wäre, daß es keinen Lauscher giebt?«

»Es kann Einer zurückgeblieben sein.«

»Das wagt Keiner. Sie haben alle einen viel zu großen Respect vor dem Capitän.«

»Wir aber doch nicht. Da konnte es auch Anderen einfallen, sich ein Wenig zu emancipiren.«

»Ich sage Dir, daß Keiner dies wagen wird. Bei uns Beiden ist dies etwas Anderes. Uns läßt er zuweilen einen Blick in seine Karten thun; das schadet dem Respecte. Ich denke wirklich, daß es keinen besseren Ort giebt, von einem Geheimnisse zu sprechen, als dieses Loch.«

»Und wenn der Alte noch anwesend wäre?«

»Er kann uns nicht hören. Der Eingang ist verschlossen.«

»Na, meinetwegen. Also, was hast Du vor?«

»Zunächst noch Nichts. Ich denke nur daran, daß der Alte Alles bekommen soll und wir Nichts.«

»Wenigstens fast so viel wie Nichts.«

»Wäre es nicht sehr prächtig, wenn er gar Nichts erhielte?«


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»Hm! Wer soll es denn erhalten?«

»Wir!«

»Donnerwetter! Welcher Gedanke!«

»Ist er etwa schlecht?«

»Nein, famos, sogar höchst famos.«

»Was sagst Du dazu?«

»Ich muß mir Zeit nehmen. Der Gedanke ist so großartig, daß man sich nicht sofort an ihn gewöhnen kann.«

»Nun, so beeile Dich möglichst.«

»Es sind Millionen.«

»Der Alte sagte dies allerdings!«

»Bedenke! Millionen! Herrgott! Und jetzt sind wir solche arme Teufel, daß hundert Francs ein Vermögen für uns bilden.«

»Das wird sich schnell ändern!«

»Was fangen wir mit dem Gelde an?«

»Eine unnütze, sogar sehr alberne Frage!«

»Wieso?«

»Weil wir das Geld noch gar nicht haben.«

»Aber wir können es erhalten.«

»Wenn wir wollen, ja. Es kommt ganz allein auf uns selbst an.«

»Aber gefährlich ist es, verteufelt gefährlich.«

»Hm!«

»Zunächst die Art und Weise, wie wir in den Besitz desselben gelangen.«

»Wir haben es da ganz mit derselben Gefahr zu thun. Ob wir das Geld für uns nehmen oder für den Alten, das bleibt sich in dieser Beziehung ganz gleich.«

»Das ist wahr. Aber dann die Folgen.«

»Ich kenne andere Folgen nicht, als daß wir sehr reich sein werden und das Leben genießen können. Sage mir überhaupt, weshalb Du denn unter die Franctireurs gehen willst?«

»Nun, der Beute wegen.«

»Richtig! Ich auch! Warum aber willst Du bis später warten, wenn Du gleich jetzt eine Beute in Aussicht hast, wie Dir eine zweite gar nicht geboten werden kann?«

»Ich gebe Dir ja ganz Recht; aber der Alte, der Alte!«

»Nun, was ist mit ihm?«

»Er wird uns tödten.«

»Pah! Dagegen können wir uns sichern. Haben wir das Geld, wer hindert uns, fortzugehen? Nach Amerika oder sonst wohin, wo er uns gar nicht erreichen kann.«

»Der? Nicht erreichen? Ah, er wäre im Stande, uns nachzukommen und zur Rede zu stellen.«

»Das verbieten wir ihm.«

»Er wird von uns Befehle annehmen. Glaube nur das nicht.«

»Er muß sie wohl annehmen! Es kommt dabei nur darauf an, wie er sie erhält.«

»Nun, wie denn?«

»Durch ein Messer oder eine Kugel.«

»Verdammt. Du würdest ihn tödten?«

»Warum nicht? Er selbst wird sich keinen Augenblick bedenken, uns eine Kugel durch den Kopf zu jagen, falls er zu der Ansicht käme, daß es ihm vielleicht Nutzen bringt.«

»Aber wir haben ihm Treue geschworen.«

»Dummkopf! Ist dieser alte Capitän berechtigt, uns einen Schwur abzufordern? Unser Eid hat weder vor Gericht noch vor sonst wem die geringste Giltigkeit. Aber ich sehe, daß Du Dich fürchtest. Lassen wir den Gedanken also fallen. Du bist ein Hasenfuß. Wirf dem Alten die Millionen an den Kopf. Du wirst dafür tausend Jahre vom Fegefeuer erlassen bekommen.«

Er that, als ob er gehen wollte. Der Andere ergriff ihn beim Arme und sagte schnell:

»Halt, halt! Ich habe mich ja noch nicht dagegen entschieden. Ich habe nur ein Bedenken.«

»Welches denn?«

»Daß er uns vielleicht beobachten und beaufsichtigen läßt.«

»Durch wen?«

»Durch Lefleur.«

»Pah! Dem geben wir einen Schlag auf den Kopf, so sind wir die Aufsicht los. Ueberhaupt habe ich gar nicht beabsichtigt, mit Dir jetzt einen vollständigen Plan zu spinnen. Ich wollte nur wissen, ob Du unter Umständen geneigt sein würdest, auf meine Absicht einzugehen.«

»Nun, abgeneigt bin ich nicht.«

»Das ist es, was ich hören will. Das Weitere können wir unterwegs oder auch erst morgen früh besprechen. Es ist dazu sogar noch Zeit, wenn wir das Geld bereits in den Händen haben. Ich glaube, daß Du in diesem Falle ganz gerne geneigt sein wirst, es zu behalten.«

»Wollen sehen! Aber, ob dieser - dieser - wie war doch der fremde Name?«

»Dieser Deep-hill.«

»Ja, ob dieser Deep-hill auch wirklich kommen wird, wollte ich sagen.«

»Sicher. Der Capitän hat es gesagt, und der ist stets ganz genau unterrichtet. Man muß ihm eingestehen, daß in Allem, was er vornimmt, eine genaue und untrügliche Berechnung vorhanden ist.«

»Aber wie erkennen wir ihn?«

»Das wird nicht schwer sein. Ein Amerikaner ist sehr leicht zu erkennen oder zu erfragen.«

»Aber nehmen wir an, daß er noch Leben hat.«

»Nun, so thut ein Messerstich, ein Griff an die Gurgel das Uebrige. Lassen wir für jetzt solche unnütze Fragen. Wenn der Augenblick des Handelns gekommen ist, so wird sich Alles ganz von selbst ergeben.«

»Gehen wir also?«

»Ja. Komm!«

Sie entfernten sich. Erst als ihre Schritte bereits seit Minuten nicht mehr zu hören waren, flüsterte Müller Fritz zu:

»Komm. Jetzt können wir von der Stelle.«

Sie krochen unter den Büschen hervor und dehnten ihre Glieder, welche sich in einer so unbequemen Lage befunden hatten.

»Zwei schöne Kerls,« flüsterte Fritz dabei.

»Galgenvögel.«


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»Eigentlich wäre es unsere Pflicht gewesen, sie unschädlich zu machen.«

»Wie wolltest Du das anfangen, ohne uns zu verrathen?«

»Sie einfach niederschlagen.«

»Dadurch wäre es doch herausgekommen, daß sich Lauscher hier befunden haben. Nein. Wir mußten sie unbedingt laufen lassen.«

»Vielleicht kann ich sie doch fassen. Was sie eigentlich doch nur beabsichtigen?«

»Nun, einen Mordversuch auf diesen Amerikaner Deep-hill.«

»Das versteht sich ganz von selbst, Herr Doctor. Aber wann und wie soll er ausgeführt werden?«

»Hm! Das ist eben die Frage. Er kommt mit dem Mittagszuge in Thionville an?«

»Ja, das habe ich genau gehört.«

»Auf dem Bahnhofe können sie ihn doch nicht überfallen.«

»Ganz unmöglich. Aber dann unterwegs.«

»Wie es scheint, wird er sich nach Ortry zum Capitän begeben.«

»Sicher. Und bis dahin will man ihn überfallen. Man muß das auf alle Fälle verhindern.«

»Natürlich! Das wirst Du thun.«

»Es wird schwer gehen. Ich fahre ja mit demselben Zuge weiter und habe also eigentlich keine Zeit.«

»Es ist leichter, als Du denkst. Du fährst ja mit dem Frühzuge nach Trier. Dabei meldest Du die Angelegenheit der Bahnpolizei. Die wird den Amerikaner bei seiner Ankunft ausfindig zu machen wissen und ihn warnen. Uebrigens ist es ja leicht möglich, daß Du ihn während der Fahrt erfragen und dann sogar selbst unterrichten kannst.«

»Wollen sehen. Aber, hm!«

»Was hast Du noch für Bedenken?«

»Ich muß dieser lieben Nanon mein Wort halten; ich muß mit ihr fahren; aber ich kann sehr leicht daran verhindert werden.«

»Wieso?«

»Es ist möglich, daß die Polizei mich zurückhält, wenn ich anzeige, was geschehen soll.«

»Wohl schwerlich!«

»Man wird mich ausfragen, auf welche Weise ich von dem Mordanschlage erfahren habe. Wie soll ich da antworten?«

»Nun, die Polizei weiß, daß Du Kräutersammler bist. Da kann es ja gar nicht auffallen, wenn Du berichtest, daß Du Dich heute nach Hereinbruch der Dunkelheit noch im Walde befunden hast. Dort hast Du zwei Männer belauscht.«

»Schön! Ich kannte sie nicht und ich getraute mich auch nicht, etwas gegen sie zu unternehmen, da sie bewaffnet waren, ich aber nicht. Jedoch, soll ich den Capitän erwähnen?«

»Nein. Wer weiß, ob man Dir vielleicht glauben würde.«

»Schön! So ist das also abgemacht! Gehen wir jetzt?«

»Nein. Es kann mir gar nicht einfallen, diesen Ort zu verlassen, ohne mich ein wenig umgesehen zu haben. Wer weiß, wozu es gut ist, wenn ich mich orientire. Wollen einmal nach dem Eingange sehen.«

»Ah, nach dem Keile, von dem der Alte sprach?«

»Ja. Aus seinen Worten schließe ich, daß das Loch nur mittelst eines Keiles verschlossen und geöffnet werden kann. Dieser Keil muß sich also wohl in einer Ecke des Steines befinden. Suchen wir darnach.«

Sie traten an das Felsstück, der Eine rechts und der Andere links und betasteten die Kanten desselben mit möglichster Genauigkeit.

»Sapperlot! Hier muß es sein!« sagte nach kurzer Zeit Fritz.

»Wo?«

»Da unten in der Ecke. Ich drückte und da gab es nach.«

»Laß sehen.«

Müller untersuchte die Stelle, an welche Fritz ihm die Hand leitete und fand allerdings, daß Etwas dem Drucke seines Fingers nachgab.

»Das ist's!« sagte er. »Das ist ein Keil, den man zurückschieben kann. Es ist ein Schnurende an ihn befestigt, um ihn wieder heranziehen zu können. So! Jetzt habe ich ihn hineingeschoben. Und nun wollen wir sehen, ob auch der Stein zu bewegen ist.«

Er schob an dem Felsstücke und es ließ sich durch einen ganz leichten Druck aus seiner Lage bringen, es wich zurück.

»Auf!« flüsterte Müller. »Jetzt können wir hinein. Komm, Fritz! Das Sesam ist geöffnet!«

»Aber vorsichtig, Herr Doctor!« meinte der treue Diener. »Nehmen Sie den Revolver heraus!«

»Habe ihn schon bei der Hand! Ich krieche voran und Du folgst hinter mir.«

Die Oeffnung war groß genug, um einen Mann einzulassen. Das Loch ging nur kaum drei Fuß tief hinein und dann fühlte Müller, daß er sich erheben könne. Einige Augenblicke später stand Fritz neben ihm.

»Haben Sie Ihre Laterne mit?« flüsterte er.

»Natürlich! Aber wir müssen uns erst überzeugen, ob wir Licht machen dürfen.«

»Es scheint Niemand hier zu sein!«

»Wir wissen ja gar nicht, wo wir uns befinden! Es kann ein tief fortreichender Raum, ein Gang, ein Stollen sein. Machen wir hier Licht, so kann es im Hintergrunde bemerkt werden. Untersuchen wir also vorher den Raum im Finstern. Ich rechts und Du links. Aber leise und auch mit aller Vorsicht, damit wir nicht irgendwie verunglücken.«

Er tastete sich fort, fühlte eine steinerne Wand, kam an eine Ecke, glitt über dieselbe hinweg und traf dann mit Fritz zusammen.

»Du schon hier!« sagte er. »Wir befinden uns also in einem viereckigen Keller, wie es scheint. Nicht?«

»Ganz sicher. Haben Sie eine Thür bemerkt?«

»Nein.«

»Ich auch nicht.«

»Aber es muß dennoch eine solche da sein. Der Capitän kann doch nicht durch die Mauer verschwinden. Brennen wir an!«

Er zog die Blendlaterne aus der Tasche und machte


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Licht. Jetzt sahen sie, daß ihre Vermuthungen richtig gewesen waren. Sie befanden sich in einem viereckigen Raume; die Mauern bestanden aus hartem, gut zusammen gekitteten Gestein. Eine Thür war nicht zu sehen.

»Wollen wir sie suchen?« fragte Fritz.

»Natürlich!«

»Wo mag sie sich befinden?«

»Das ist nicht schwer zu sagen. In der Decke natürlich nicht.«

»Richtig!« lachte Fritz. »Also auf dem Fußboden?«

»Schwerlich! Es muß einen Gang hier geben. Dieser führt in der einzig möglichen Richtung, also geradeaus fort. Folglich kann die verborgene Thür sich nur in der Rückwand befinden, dem Loche gegenüber, durch welches wir hereingekommen sind.«

»So werden wir sie wohl auch finden!«

»Hoffentlich! Vorher aber wollen wir den Stein zurückschieben und den Keil ins Loch stecken. Verschließen wir das Loch, so können wir von draußen nicht beobachtet werden.«

Dies wurde gethan. Es ließ sich ganz leicht ausführen. Dann untersuchten sie den Fußboden mit den Absätzen ihrer Stiefel und sogar auch mit den Händen.

»Der Boden ist wirklich massiv,« sagte Fritz. »Es giebt keine leere Stelle, und eine Fallthüre ist also nicht vorhanden. Nun aber die hintere Mauer!«

Er trat hinzu und begann zu klopfen.

»Halt!« sagte da Müller rasch. »Nicht klopfen! Wir wissen ja gar nicht, was sich hinter dieser Mauer befindet!«

»Aber wie wollen wir dann entdecken, wo eine hohle Stelle ist, Herr Doctor?«

»Denke nur nach, lieber Fritz! Du hast hier Stein und überall Stein. Eine Thüre im gewöhnlichen Sinne kann es also gar nicht geben. Ich vermuthe vielmehr, daß der Eingang, den wir suchen, grad so in einem Loche besteht, wie das ist, durch welches wir hereingekrochen sind.«

»Hm! Ein Stein zum Zurückschieben?«

»Ja,«

»Und ein Keil dabei?«

»Vermuthlich. Ein Keil mit einer Schnur daran, um sich seiner auch dann noch bemächtigen zu können, wenn er zurückgezogen ist. Suchen wir.«

»Also unten am Boden.«

»Und so ziemlich gewiß in der Mitte der Mauerbreite.«

Er leuchtete in der angedeuteten Richtung bis nahe an die Erde herab und sofort rief Fritz:

»Sapperlot! Das nenne ich Scharfsinn!«

»Siehst Du etwas?«

»Ja. Hier giebt es eine Schnur. Bitte, halten Sie das Licht näher heran!«

Müller that dies und bemerkte nun allerdings die dünne Schnur, welche da befestigt war.

»Siehst Du!« sagte er erfreut. »Das ist der Keil. Und hier dieser Mauerstein bildet die Thür. Er geht jedenfalls auch auf einer Rolle wie der andere Eingang. Versuchen wir, ob sich Beides bewegen läßt!«

Der Versuch gelang. Sie standen jetzt vor einer Oeffnung, welche fast genau derjenigen glich, durch welche sie gekommen waren.

»Kriechen wir hindurch?« fragte Fritz.

»Natürlich! Doch will ich vorher die Laterne verbergen. Man weiß ja nicht, ob es da drüben offene Augen giebt.«

Er verschloß das Laternchen, dessen Licht jedoch fortbrannte und kroch voran. Fritz folgte ihm. Drüben fühlten Beide, daß sie sich in einem schmalen Gange befanden.

»Wohin wird er führen?« flüsterte Fritz.

»Wir müssen es zu erfahren suchen. Dazu brauchen wir die Laterne, müssen aber erst wissen, ob ich das Licht zeigen darf. Horchen wir einmal!«

Erst nachdem sie sich einige Minuten ganz lautlos verhalten und trotzdem nichts Beunruhigendes gehört hatten, zog Müller die Laterne hervor und ließ das Licht derselben vor sich hinfallen.

»Man sieht kein Ende,« sagte Fritz im leisesten Tone.

»Der Gang führt grad aus. Folgen wir ihm; aber ganz leise. Und vorher machen wir hier dieses Loch zu.«

Der Stein wurde zurückgeschoben und dann schritten sie vorwärts, aber so leise, daß kaum sie selbst das Geräusch vernahmen, welches sie verursachten. Nach einiger Zeit bemerkten sie rechts eine Thür, welche aus starkem, hartem Holze gefertigt war, dann zur linken Hand eine zweite, später eine dritte und vierte. Diese Thüren waren mit Eisen beschlagen und mit sehr festen Schlössern versehen.

»Was mag dahinter stecken?« flüsterte Fritz.

»Das interessirt mich auch. Wir müssen es erfahren, wenn auch nicht sogleich heut. Für jetzt ist mir die Hauptsache, zu sehen, wo dieser Gang mündet.«

Sie setzten ihren Weg fort. Dabei gebrauchte aber Müller die Vorsicht, nur zuweilen einen blitzartigen Lichtstrahl vor sich hin zu werfen. Er mußte ja immer den Fall annehmen, daß sich vor ihnen Menschen befinden könnten.

So waren sie eine ganz beträchtliche Strecke vorwärts gekommen, als Müller plötzlich stehen blieb und, nach rückwärts greifend, Fritzens Hand erfaßte.

»Pst!« wisperte er. »Was ist das?«

Sie waren abermals an einer Thüre angelangt. Diese war nicht verschlossen, sondern geöffnet und angelehnt. Müller steckte schnell die Laterne in die Tasche und zog die Thür ein Wenig zurück. Er erblickte Nichts; es befand sich tiefes Dunkel vor ihm. Er öffnete die Thür noch etwas weiter und trat ein. Fritz folgte ihm auf dem Fuße.

»Still!« flüsterte Müller und lauschte.

Wieder verging eine Weile, dann bemerkte Fritz:

»Da hinten links wird gesprochen.«

»Ja. Ich höre es auch.«

»Ob das ein Zimmer ist oder wieder ein Gang?«

»Ein Gang wohl nicht; ich fühle keine Seitenwände. Aber doch! Nein, das ist keine Mauer; das sind Kisten, welche über einander stehen.«

»Hier rechts bei mir auch.«

»Wagen wir es einmal!«

Er zog die Laterne hervor und ließ einen schnellen Schein vor sich hinfallen.


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»Hast Du gesehen?« fragte er.

»Ja. Es muß ein großes Gewölbe sein. Kisten stehen bis zur Decke empor. Es geht gerade vorwärts zwischen ihnen hindurch.«

»Ja. Und dann scheint es sich nach links zu biegen, nach der Richtung, in welcher gesprochen wird.«

»Wollen wir es wagen, Herr Doctor?«

»Ja. Komm!«

Die auf einander geschichteten Kisten bildeten einen Gang, den die Beiden verfolgten, unhörbar natürlich. Dieser Gang bog plötzlich links ab. Und als sie dort anlangten, gewahrten sie, ziemlich weit entfernt von sich, eine erleuchtete Stelle.

»Auch das wird gewagt,« entschied Müller. »Ich muß wissen, was hier getrieben wird! Sie schritten leise, leise weiter. Sie näherten sich der hellen Stelle mehr und mehr und nun drangen auch die Stimmen immer deutlicher an ihr Ohr. Noch konnten sie keinen Menschen sehen, aber Müller raunte doch seinem Gefährten zu:

»Der alte Capitän und der alte Graf Rallion. Ich erkenne sie an ihren Stimmen. Bleib hier stehen!«

»Um Gotteswillen! Wollen Sie allein vorwärts?«

»Ja. Es giebt keine Gefahr. Sollte ich aber rufen, so kommst Du sofort nach!«

Er setzte den Weg Schritt um Schritt fort, bis er bemerkte, daß sich zwischen dem Kistenlager ein Viereck öffnete. Dort saßen auf einer Truhe die beiden Genannten. Auf einem Brette vor ihnen stand Wein und die brennende Laterne. Sie rauchten Cigarren und unterhielten sich in ziemlich lautem Tone. Sie ahnten ja gar nicht, daß sie sich nicht allein befanden. Sie hätten das ja gar nicht für möglich gehalten. Müller hörte, daß der Graf sagte:

»Und dadurch wollen Sie das Mädchen wirklich zwingen?«

»Sicher!«

»Sie wird, befürchte ich, nur obstinater werden!«

»Das treibe ich ihr aus. Finsterniß, Durst und Hunger brechen auch den stärksten Willen. Sie muß Ja sagen.«

»Vielleicht thut sie das, wird aber ihr Versprechen wohl nicht halten!«

»Da kennen Sie ihren Character nicht. Was sie einmal verspricht, das hält sie auch, und sollte es zu ihrem größten Unglücke sein.«

»Und wann soll es geschehen?«

»Sobald es paßt. Heute, morgen, übermorgen!«

»Und wenn sie sich dennoch nicht entschließt?«

Da deutete der Alte mit dem Daumen über seine Achsel nach rückwärts und sagte, höhnisch lachend:

»Da drinnen? Sich nicht entschließen? Sie wird mir noch gute Worte geben, mir meinen Willen thun zu dürfen. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Aber lassen wir das. Ich bin meiner Sache sicher, und Sie können ruhig abreisen.«

»Leider muß ich! Wer weiß, wann wir uns Wiedersehen werden! Jeder Tag kann jetzt das Erwartete und auch das Unerwartete bringen.«

»Nun, wir sind gerüstet, wie Sie sehen. Alle diese Gewölbe sind voller Waffen und Munition; ich wollte, es ginge bereits morgen los!«

»Man wird nicht ermangeln, sich zu beeilen. Man fängt keinen Krieg im Dezember an, und jetzt haben wir bereits den Sommer vor der Thür.«

»Nun, Sie können melden, daß wir hier so ziemlich gerüstet sind. Ich bin bereit, die Rechnung mit Deutschland, welche so lange unberichtigt geblieben ist, einzufordern. Nun aber trinken wir aus, und gehen wir. Es gab heute viel zu schaffen, viel Aerger und Verdruß. Ich bin müde.«

»Ja, gehen wir. Schließen Sie aber die Lieferbücher und den Wein hier vorher in den Kasten.«

»Natürlich! Ah, wo habe ich denn nur die Schlüssel!«

Müller hatte genug gehört. Er kehrte, so eilig dies möglich war, zu Fritz zurück und zog denselben mit sich fort.

»Rasch! Sie gehen!«

Als sie um die Ecke gebogen waren und sich der Thür näherten, konnte Müller es wagen, einen Schein aus der Laterne fallen zu lassen, um den Weg ohne Anstoß finden zu können. Da flüsterte Fritz:

»Sapperment! Zwei Schlüssel!«

»Wo?«

»Hier auf dem Kistenrande, welcher hervorragt.«

»Her damit!«

Müller griff zu, nahm die Schlüssel an sich und trat durch die Thür, welche sie offen gelassen hatten, in den Gang hinaus. Fritz lehnte sie wieder an, so wie sie sie gefunden hatten.

»Jetzt schnell zurück!« gebot Müller.

Er ließ jetzt die Laterne voll auf den Weg scheinen. Sie eilten den Weg zurück, den sie gekommen waren, aber nur bis zur nächsten Thür, an welcher sie vorhin vorüber passirt waren. Dort zog Müller die Schlüssel hervor.

»Sie wollen doch nicht gar hier hinein?« fragte Fritz.

»Natürlich! Ob er schließen wird?«

Er probirte in fieberhafter Eile. Welch ein Glück! Der eine der Schlüssel öffnete das Schloß. Müller zog die Thür auf und den Schlüssel ab, trat mit Fritz in den Raum, der ihnen finster entgegen gähnte und schloß die Thür von innen wieder zu.

»Was wollen wir denn hier?« fragte Fritz.

»Der Capitän suchte die Schlüssels, und wir haben sie. Es ist möglich, daß er glaubt, sie verlegt zu haben; aber ebenso möglich ist es auch, daß er Verdacht schöpft. In diesem Falle kehrt er sicher zurück, um zu sehen, ob sich eine Spur davon finden läßt, daß ein Unberufener hier gewesen ist. Dann muß ich möglichst wissen, was er denkt, und darum verstecke ich mich hier! Wenn wir sofort fliehen, weiß ich doch nicht, welche Ansicht er über das Verschwinden der Schlüssel hat.«

»Aber wir spielen ein gewagtes Spiel.«

»Nicht so sehr, wie Du denkst. Hier herein kann er nicht und übrigens sind wir bewaffnet.«

»Na, ich fürchte mich auch nicht etwa. Aber, Herr Doctor, Sie hatten es so eilig; ich dachte, die beiden Kerls wären hart hinter ihnen her und nun hört man nichts von ihnen.«

»Sie werden eben nach den Schlüsseln suchen! Horch!«

Er drehte den Schlüssel im Schlosse um und öffnete


// 1143 //

die Thür ein Wenig. Durch diese Lücke bemerkte er, in den Gang hinaus lugend, den Grafen und den Capitän, welche jetzt in den Gang hinausgetreten waren. Sie sprachen laut miteinander, jedenfalls ein gutes Zeichen für Müller. Hätten sie Verdacht gehabt, so wäre ihre Unterhaltung jedenfalls eine leisere gewesen.

Die beiden Thüren waren vielleicht fünfzig Fuß von einander entfernt. Diesem Umstande war es zu danken, daß Müller hörte, was gesprochen wurde.

»Nein,« sagte der Capitän; »ich habe sie nicht hierher gelegt. Ich habe sie mit hinter genommen. Ich mußte doch die Zelle und auch die Truhe aufschließen.«

»Ja. Aber dann gingen wir vor nach der Thür, um die Kisten zu zählen.«

»Da hätte ich die Schlüssel mitgehabt?«

»Sie haben sie da auf eine der Kisten gelegt, wie ich glaube.«

»Dann müßten sie noch da liegen.«

»Hm! Befinden wir uns wirklich ganz allein hier?«

»Ohne allen Zweifel.«

»Nun, Sie müssen am Besten wissen, ob Jemand Zutritt hat. Ich glaube mich in Beziehung der Schlüssel nicht zu irren.«

»Und doch irren Sie sich. Ich habe sie mit ganz hinten gehabt. Sie sind mir jedenfalls zwischen zwei Kisten hinabgefallen. Es ist mir unangenehm, aber ich habe keine Zeit zu suchen und Alles umzustürzen.«

»Aber was wird hier mit der Thüre?«

»Die bleibt einstweilen angelehnt. Ich muß wieder zurück, um sie zu verschließen.«

»Haben Sie denn noch andere Schlüssel?«

»Gewiß. Ein Schlüssel geht leicht verloren, ich befinde mich darum im Besitze doppelter Hauptschlüssel.«

»Donnerwetter. Hauptschlüssel waren es? Ist das nicht ziemlich unvorsichtig von Ihnen?«

Die Frage mochte den Alten wohl ärgern. Er antwortete:

»Lassen Sie mich in Ruhe. Ich bin kein Schulknabe, sondern alt genug, um zu wissen was ich thue. Wenn sich unser Lager leert, werden sich die verlorenen Schlüssel ganz sicher wiederfinden. Pasta! Gehen wir.«


Ende der zweiundsiebzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk