Lieferung 89

Deutscher Wanderer

30. Mai 1885

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


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Ihre Rede und die Art und Weise, wie dieselbe vorgetragen wurde, hatte den Director so ergriffen, daß der Gedanke, sie zu unterbrechen, ihm gar nicht gekommen war. Wilden stand dabei, mit sich ballender Faust und halb erhobenem Fuße, als ob er sich auf sie stürzen wolle. Er hatte die Absicht, ihr in die Rede zu fallen; aber er fand vor Grimm die rechten Worte nicht. Jetzt jedoch, als sie geendet hatte, stampfte er mit dem Fuße und rief:

»Welch' eine Unverschämtheit! Welch' eine Frechheit! Herr Major, ich verlange eine exemplarische Bestrafung dieses verwegenen Frauenzimmers!«

Der alte Beamte blickte ernst zu ihm hinüber und antwortete:

»Lassen Sie mich fragen, ob dieses Mädchen mit der Behauptung, daß Sie der Vater ihres Kindes gewesen seien, die Wahrheit gesagt hat?«

»Ich denke, daß dies hier ganz und gar nicht zu erörtern ist. Sie hat mich einen Verführer genannt; sie hat gesagt, daß ich ebenso schuldig sei, wie sie selbst!«

»Sie ist durch Sie gereizt worden, Herr Premier-Lieutenant!«

»Sie ist Gefangene; sie hat zu schweigen! Sie muß wissen, daß die Disciplin dieses Hauses eine strenge ist und für ein so beleidigendes Verhalten gegen einen Vorgesetzten die schärfsten Strafen zur Verfügung hat!«

Da erhob sich der Major von seinem Sitze. Er blickte mitleidig auf die Gefangene, welche leise aber bitterlich vor sich hin weinte, und wendete sich dann an den Lieutenant:

»Auch der Gefangene ist ein Mensch, Herr von Wilden. Nachdem er sein Vergehen abgebüßt hat, ist er vor den Augen eines jeden human Denkenden so rein und schuldlos wie zuvor. Die Strafe sühnt Alles; Verbrecher bleibt nur Der, dessen Schuld keine Pönitenz findet. Ich darf mir kein Umheil über frühere und mir fernstehende Verhältnisse anmaßen; aber ich habe als Leiter dieser Anstalt die Pflicht, zu erklären, daß die Herren des hiesigen Wachtkommandos nicht Vorgesetzte der Gefangenen sind, obgleich die Letzteren den Ersteren ehrerbietig zu begegnen haben. Von einer Beleidigung eines Vorgesetzten - so sagten Sie ja - ist hier also nicht die Rede.«

»Gut!« erwiderte Wilden in zornigem Tone. »Wir wollen nicht über Worte und Begriffe streiten! Sie werden aber doch zugeben, Herr Major, daß diese Person sich gegen die Disciplin vergangen und also eine Disciplinarstrafe verdient hat.«

»Ich kann dieses Mädchen, welches übrigens meine vollste Theilnahme besitzt, nicht bestrafen, selbst wenn es wahr wäre, daß hier ein Vergehen gegen die Gesetze und Ordnungen des Hauses vorliege.«

»Ah! Warum nicht?«

»Seit ich Bertha Brand erklärt habe, daß sie begnadigt worden sei, ist sie keine Gefangene mehr. Es sind nur noch gewisse Formalitäten zu erledigen; bis dahin wohnt sie zwar noch hier, ist aber nicht mehr als Zuchthäuslerin zu betrachten.«

Wilden machte eine Bewegung zornigen Erstaunens und fragte:

»Sie meinen also, daß die an mir begangene Frechheit unbestraft bleiben soll?«

»Ich meine nur, daß nicht ich es bin, der hier Richter sein kann. Fühlen Sie sich beleidigt, so steht es Ihnen ja frei, durch einen Advocaten wegen Beleidigung einen Strafantrag stellen zu lassen oder dies auch selbst zu thun.«

»Ah, ist es so! Wenn sich ein Offizier hier der Ge-


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fahr aussetzt, vom ersten besten Zuchthäusler maltraitirt zu werden und sich dann mit ihm auf dem Gerichtsamte herumzuschlagen, so werde ich schleunigst um meine Versetzung von hier einkommen.

»Das ist lediglich nur Ihre eigene Angelegenheit, Herr von Wilden.«

Und sich an das Mädchen wendend, fuhr er fort:

»Ich erkläre Ihnen gern, daß ich Sie hiermit von Ihrer Nummer und von dem »Du« befreie, mit welchem Sie bisher angeredet wurden. Ich entlasse Sie in der Ueberzeugung, daß wir uns in den gleichen Verhältnissen niemals wieder sehen werden, und gebe Ihnen meine besten Wünsche mit auf Ihren nunmehrigen Lebensweg. Gehen Sie mit Gott! Wenn Sie morgen früh durch das Thor hinaus in die Freiheit treten, erwartet Sie ein Kampf mit der Armuth und mit dem leider so ungerechten und schädlichen Vorurtheile, welches man entlassenen Gefangenen entgegenzubringen pflegt. Aber verlieren Sie den Muth nicht! Ein ehrliches Streben findet sicherlich Anerkennung! Hier meine Hand als Zeichen, daß Sie wieder gleichberechtigt in die Gesellschaft treten. Höre ich einmal, daß es Ihnen wohl gehe, so soll es mich herzlich freuen! Leben Sie wohl!«

Sie ergriff die Hand des braven Mannes, küßte dieselbe unter Thränen und verließ, ohne ein Wort sagen zu können, laut schluchzend das Gemach, in welchem zum letzten Male gewesen zu sein sie glaubte.

Auch Wilden blieb nur noch wenige Minuten. Es war ihm unmöglich, seinen Zorn gegen den Director zu verleugnen. Er entledigte sich gegen diesen seiner dienstlichen Angelegenheiten so kalt und finster wie möglich, sagte ihm, daß er zunächst sofort Urlaub nehmen und dann um seine Versetzung bitten werde, und ging dann mit der Versicherung, daß er nie im Leben wieder dieses Haus betreten werde. Der Mensch ist stets geneigt, gern nur dem gegenwärtigen Augenblick zu glauben. -

In einem der engen Winkelgäßchen der Stadt stand ein altes, drei Stock hohes Haus, welches nur drei Fenster Front hatte. An den Mittelfenstern des ersten und zweiten Stockes waren hölzerne Balkons angebracht, deren Betreten lebensgefährlich zu sein schien. Die Balken, von denen sie getragen wurden, begannen zu zerbröckeln, und die geschnitzten Holzverzierungen hingen in Fetzen herab. Man sah allerdings auch nie, daß Jemand auf diesen Altanen Platz nahm, um frische Luft zu genießen. Nur zuweilen erschien eine hagere männliche oder weibliche Gestalt, um irgend ein moderndes Wäsche- und Kleidungsstück oder Gerümpel dort zum »Sonnen« aufzustellen oder aufzuhängen. Die Fenster des Hauses waren alle erblindet, und die Läden hingen in zerbrochenen Angeln, welche der Rost zerfressen hatte. Das Gebäude machte den Eindruck der tiefsten Armuth und zugleich der größten Unordnung, der höchsten Unsauberkeit. Ein neben der Thür angebrachtes Blechstück, dessen Inschrift kaum noch zu enträthseln war, benachrichtigte den Leser, daß hier der Handelsmann Baruch Silberglanz wohne und sich mit dem Ein- und Verkauf von Wäsche, Betten, Hadern, Knochen und altem Eisen beschäftige und nebenbei auch noch ein Pfandleihgeschäft betreibe.

Die Bewohner des Hauses waren außerhalb desselben höchst selten zu sehen. Der alte Baruch konnte es gar nicht mehr verlassen, wie es hieß; Sulamith, sein Weib, steckte nur zuweilen die Spitze ihrer Habichtnase durch die Thürlücke, um von einer Hausiererin für einige Pfennige halb verdorbenes Gemüse zu kaufen und dabei viertelstundenlang zankend zu handeln und zu feilschen; und wenn die dritte und letzte Person, welche dieses Haus bewohnte, nämlich Gamaliel, der Sohn der beiden Alten, einmal auf die Gasse trat, so geschah dies meist am Abende. Es geschah dies, um die nöthigen Wirthschaftsbesorgungen zu machen und die eingehandelten Gegenstände in den langen, breiten Schößen seines Rockes heimzutragen.

Bei diesem einsiedlerischen Leben dieser Familie war es nicht zu verwundern, daß Niemand viel sich um sie bekümmerte. Man glaubte, daß sie ihr Leben nothdürftig von dem Ertrage ihres Althandels friste, und fand es nicht für nöthig, ihnen weitere Aufmerksamkeit zu schenken.

Das Haus hatte keinen Flur, sondern man trat durch die Thür sofort in den Laden, welcher mit allen möglichen und unmöglichen Sachen ausgefüllt war. Die meisten hier vorhandenen Gegenstände schienen so alt, verletzt und werthlos zu sein, daß es geradezu unbegreiflich war, sie hier zum Verkaufe aufbewahrt zu sehen. Hinter diesem Laden befand sich das Wohnzimmer, in welchem man einige wackelige Möbels sah und eine Anzahl besserer Gegenstände, welche man nicht im Laden untergebracht hatte. Aus dieser Stube führte eine Treppe in das erste Stockwerk empor.

Diese Treppe bestand nur aus einer schmalen Stiege, auf welcher man förmlich hinaufklettern mußte, und der Eingang zum Stockwerke bestand aus einer schweren Fallthür, durch welche eingedrungen zu sein, sich Niemand rühmen konnte außer etwa dem Schornsteinfeger oder irgend einer anderen »amtlichen« Persönlichkeit.

Auch hier gab es zwei Zimmer. Das nach vorn liegende schien die »gute Stube« zu sein und die in dem hinteren stehenden Betten ließen errathen, daß es als Schlafstube benutzt werde. Aus dem Letzteren führte eine Treppe nebst abermaliger Fallthür nach dem zweiten Stockwerke. Die an dieser Thür angebrachten Vorlegeschlösser gaben Anlaß zu der Vermuthung, daß da oben sich das Sanctuarium der Silberglanz'schen Familie befinde.

Es war am Abende. In der »guten Stube« brannte eine uralte eiserne Ampel, welche an drei Ketten an der Decke hing. Der Geruch des ranzigen Oeles verpestete die Luft, welche überhaupt schon dumpfig war und jene widerliche Eigenschaft besaß, welche der gewöhnliche Mann mit dem Ausdrucke »es riecht nach Herberge« zu bezeichnen pflegt.

Auf einem ungewöhnlich langen Sopha, welches bei jeder Bewegung des darauf Befindlichen in allen Fugen krachte, lag eine Gestalt, welche Einen zum Fürchten hätte bringen können. Es war ein Mann, fast noch länger als das Sopha selbst. Er war nur mit einem schmutzigen Hemde, einer noch schmutzigeren Unterhose und einem kattunenen Kaftan bekleidet, welcher seit Dezennien als Hand- und Wischtuch gedient zu haben schien. Aller Schmutz und jede Fertigkeit, mit welcher die Finger seines Besitzers jemals in Berührung gekommen waren, war an ihm abgestrichen und auf ihn abgelagert worden.


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Dieser auf dem Sopha liegende Mann konnte den Glauben erwecken, daß er zu den gebräuchlichen Abbildungen des Todes Modell gesessen habe. Sein glänzend nackter Schädel zeigte nicht die Spur eines Haares. Unter seiner weit hervorstehenden Stirn lagen die Augen in tiefen Höhlen, in welche das Licht der Ampel jetzt nicht dringen konnte. Wangen waren nicht mehr vorhanden; die Haut legte sich lederartig an die Backenknochen fest und sank dann gänzlich in die Mundhöhle ein, um sich an den zahnlosen Kinnladen wieder zu erheben und da zwei Lippen zu bilden, aus denen jede Farbe längst verschwunden war. Der Hals war lang und so dürr, daß man seine einzelnen Theile deutlich sehen konnte. Die Brust welche aus dem Hemdenschlitz hervorblickte, zeigte die ganze Häßlichkeit eines Gerippes. Auch die Hände und die bloßen Füße, welche unbekleidet auf der unteren Sophakante lagen, glichen ganz den Extremitäten eines Verstorbenen, einer Leiche.

Nur Eins war es, was nicht zum Modell des Sensenmannes paßte, die Nase. Diese stach nämlich so lang, scharf und spitz aus dem eingefallenen Gesicht hervor, daß man darüber hätte erschrecken können.

Dieser Mann war der Althändler und Pfandleiher Baruch Silberglanz. Obgleich er mosaischen Glaubens und also ein Sohn desjenigen Stammes war, dessen Angehörigen gern den vollen Bart zu tragen pflegen, hielt er sein Gesicht stets vollständig glatt rasirt. Er hatte seinen ebenso triftigen wie geheimnißvollen Grund dazu.

An dem Tische, welcher vor dem Sopha stand, saßen zwei Personen, Sulamith, seine Frau, und Gamaliel, sein Sohn. Die Erstere zeigte die Häßlichkeit in höchster Potenz, und der Letztere war, die schwarze Behaarung des Schädels ausgenommen, das verjüngte Ebenbild seines Vaters.

»Habe ich nicht Recht, Sulamithleben? Habe ich nicht Recht, Gamaliel, mein Sohn?« meinte der Alte, ein begonnenes Thema fortsetzend. »Sind wir nicht das auserwählte Volk des Herrn? Hat unser Gott nicht Abraham verheißen: »Ich will Dich zum großen Volke machen und Dir einen großen Namen geben. Ich will segnen, die Dich segnen und fluchen denen, die Dich verfluchen?« Wir sind ein großes Volk geworden und haben besiegt die Völker des Gebirges und die Könige aus dem Osten. Wir haben erbaut dem Herrn einen Tempel zu Jerusalem und sind mächtig gewesen über die ganze Erde. Da aber kamen Die, welche Jesum und Muhammed anbeten und traten uns in den Staub. Wir wurden verachtet, verfolgt und getödtet. Unser Blut floß in Strömen, und unsere Stätten der Anbetung waren verborgene Orte, das Dickicht des Waldes, das Dunkel der Höhlen und die Tiefen der Grüfte. Wir waren kein Volk mehr; wir hatten kein Vaterland, keine Heimath, kein Recht. Da gedachten wir des Gesetzes, welches sagt »Auge um Auge, Zahn um Zahn!« Es ist das Gesetz der Rache!«

»Das Gesetz der Rache! Ja, wir rächen uns!« stimmte sein Sohn bei.

»Das Licht des Tages war uns verboten,« fuhr der Alte fort; »darum arbeiteten wir im Dunkel der Nacht. Wir durften nicht Bürger werden; wir durften kein Haus, kein Feld, kein Stückchen Landes kaufen, welches so groß ist, wie der Teller meiner Hand. Da blieb uns nur der Handel offen und so handelten wir. Wir handelten erst mit dem, was Andere fortwarfen, mit Schmutz, Staub und Abfall; wir hungerten, aber wir arbeiteten und sparten. Dann griffen wir zu Besserem, bis wir zum Golde gelangten. Man sperrte uns in besondere Gassen, uns, den Abschaum der Gesellschaft; wir aber hatten in unseren Truhen Gold und Silber in Menge und in unseren Schränken blitzten kostbare Steine im Geschmeide. Wenn unsere Bedrücker in Noth waren, kamen sie zu den Verachteten. Wir zahlten ungeheure Steuern, aber wir nahmen noch größere Zinsen. Wir rochen nach Unrath und Knoblauch, aber wir besaßen die Macht des Reichthums. Fürsten, Könige und Kaiser kamen, um sich von uns retten zu lassen. Wir retteten sie und steckten den Preis in unsere Taschen. Die Macht des Goldes erzwang uns endlich Gleichberechtigung, und nun konnten wir den offenen Kampf beginnen. Man gab uns den Adel; man machte uns zu Freiherren und Räthen; aber wir vergaßen nicht, was man uns gethan hatte und was wir leiden mußten. Wir hatten gedient; wir waren gezwungen gewesen, im Staube zu kriechen. Nun wollten wir herrschen.«

»Ja, wir wollen herrschen und werden herrschen!« meinte Gamaliel, indem er mit der hagern aber sehnigen Faust auf den Tisch schlug.

»Schlage nicht auf die Platte des Tisches, mein Sohn!« warnte der Alte ängstlich. »Ich habe ihn einer Wittwe für neun Groschen abgepfändet, und Du könntest ihn zerbrechen. Dann müßte ich geben dem Tischler zwei oder drei Groschen, und doch bekomme ich dafür höchstens zwei Thaler fünf Silbergroschen. - Ja, wir werden herrschen. Wir haben feine, schöne Töchter; wir vermählen sie an Offiziere und hohe Herrschaften. Wir haben Orden und Sterne. Wir haben Eisenbahnen, Bergwerke und Monopole. Wir haben Actien, Kuxe und Patente. Man hat uns gezwungen, zu handeln, und wir beherrschen den Handel. Wir sind die Könige des Marktes für Gold, Silber und Papiergeld. Wir gebieten an der Börse, und man gehorcht uns. Wir bestimmen die Preise und Kurse und machen arm und reich, wen wir wollen, am reichsten aber uns selbst.«

Da schlug die Alte ihre fleischlosen Hände zusammen und sagte unter einem grinsenden Lachen:

»Ja, reich sind wir, Baruchleben, sehr reich! Wir erhalten Schmuck und goldenes Geschirr zu Pfand. Wenn es verfällt, gehört es uns, und wir nehmen solche Zinsen, daß es verfallen muß. Und was man uns nicht bringt, das holen wir uns. Mein Baruch und mein Gamaliel sind schlaue und muthige Männer. Sie stellen sich krank und schwach, aber sie sind gesund und stark. Sie machen sich andere Gesichter und gehen auf Reisen. Sie finden des Nachts was sie suchen, und wenn sie heimkehren, so sind wir reicher als zuvor. Niemand kann ein Schloß so gut öffnen, wie mein Baruchleben und - - -«

Da fuhr der alte Händler rasch empor und herrschte ihr zu:

»Weib, schweig! Was sprichst Du so laut von Dem, was wir thun! Kann nicht Einer steigen an das Fenster oder in den Schornstein, um zu belauschen Das, was wir reden? Unser Volk war arm und elend; wir rächen uns und werden reich. Man nahm uns Alles, was uns gehörte; jetzt holen wir es uns wieder, am Tage durch List,


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des Nachts durch Gewalt. Warum aber sollen wir davon reden! Wir können uns freuen im Stillen. Haben wir doch Alles erreicht, was wir erreichen wollten. Unsere Leut gehen sogar auf die Universitäten, um zu studiren Klugheit und Wissenschaft. Sie sitzen dann in den Zimmern der Zeitungen und Journale und schreiben von dem Krieg und dem Frieden, von der Verwaltung und der Politik. Wir sind die Herren des Geistes und des Geldes. Der Sclave ist ein Fürst geworden, und Die, welche ihn verachteten, werden seine Sclaven sein.«

Da ließ sich unter ihnen im Gewölbe der Ton einer heiseren Glocke hören. Baruch erhob sich, trat zum Fenster, öffnete dasselbe und schob den Kopf zur Hälfte hinaus.

»Wer kommt so spät zu mir?« fragte er halblaut hinab.

»Mache auf, Baruch!« antwortete es ebenso.

»Wer ist es, dem ich öffnen soll?«

»Ein Offizier!«

»Gleich, gleich werde ich kommen!«

Er gab diese Antwort schnell und eifrig, und als er das Fenster wieder geschlossen hatte und sich umdrehte, leuchteten seine dunklen Augen freudig aus den tiefen Höhlen hervor.

»Ein Offizier ist es,« sagte er; »ein vornehmer Herr, welcher kommen wird, um von dem armen Baruch Silberglanz sich zu leihen Geld auf hohe Zinsen. Es ist einer von unsern Sclaven, welche vor uns im Staube kriechen werden.«

»Welcher ist es?« fragte Sulamith.

»Ich weiß es nicht; er hat nicht genannt seinen Namen. Ich werde mit hinunternehmen Geld und das Conto der Offiziere.«

Er öffnete einen alten Schrank, nahm aus demselben ein Foliobuch und aus einem noch extra verschlossenen Fache ein versiegeltes Päckchen, in welchem Banknoten zu sein schienen, und verschloß dann den Schrank sorgfältig wieder.

Dann ging er zur Fallthür. Sie war verschlossen, und in höchst übermäßiger Vorsicht hatte man außerdem ein schweres Bleigewicht darauf gestellt. Dieses Gewicht war sicher einen Centner schwer. Baruch faßte es und hob es mit einer Leichtigkeit hinweg, welche ganz erstaunlich war. Dieses lebendige Gerippe besaß eine Körperkraft, welche man ihm unmöglich zugetraut hätte. Nun öffnete er die Thür und stieg hinab. Vorher aber gebot er:

»Gamaliel, mein Sohn, mach die Thür über mir gleich wieder zu, denn selbst einem Offizier ist nicht zu trauen!«

Diesem Befehle wurde Folge geleistet.

Unten war es dunkel. Er brannte eine zinnerne Oellampe an, welche bereit stand, und ging dann, um die Thür zu öffnen. Der Mann, welcher eintrat, trug Civilkleidung und war, jedenfalls um auf der Straße nicht erkannt zu werden, tief in einen Regenmantel gehüllt.

Baruch verschloß zunächst die Thür sorgfältig und leuchtete dann dem Angekommenen in das Gesicht.

»Gott der Herr, welche Freude, zu sehen den Herrn Premierlieutenant von Wilden!« meinte er. »Kommen Sie nach dem Zimmer, welches liegt hinten, und wo man nicht horchen kann an den Läden, um zu hören, was gesprochen wird.«

Wilden folgte ihm und nahm ohne Umstände auf einem Stuhle Platz. Baruch stellte die Lampe auf den Tisch, auf welchem auch bereits das Contobuch lag.

»Du freust Dich also wirklich, mich zu sehen?« fragte Wilden. »Ich habe nicht geglaubt, daß Du so große Stücke auf mich hältst.«

»Warum soll ich mich nicht freuen? Weiß ich doch, daß Sie mir bringen mein Geld, welches ich so nothwendig brauche grad morgen am Vormittage.«

Der Lieutenant stieß ein heiter sein sollendes Lachen aus, welches aber doch sehr deutlich nach Verlegenheit klang, und antwortete:

»Geld bringen? Mann Gottes, da irrst Du Dich! Ich komme vielmehr, um Geld zu holen.«

Der Jude machte eine Geherde des Erschreckens und fragte:

»Geld holen wollen der Herr Oberlieutenant? Woher soll ich nehmen Geld, um es ihm zu geben? Habe ich Ihnen nicht erst gegeben vor einer Woche siebenhundertundfünfzig Thaler baar hier an diesem Tische?«

»Das ist wahr. Aber ich habe dafür tausend Thaler unterschreiben müssen!«

»Habe ich das verlangt? Habe ich Ihnen überhaupt wollen geben das Geld?«

»Pah! Verstelle Dich nicht! Mir darfst Du mit solchen Albernheiten nicht kommen! Du hast Deine Rolle gut gespielt. Du hast mir die Summe nur deshalb verweigert, daß ich Dir so hohe Zinsen bieten solle. Ich habe es gethan, weil ich das Geld nothwendig brauchte. Aber jetzt ist es alle. Ich habe im Spiele ganz riesiges Pech gehabt; es giebt einige Rechnungen zu bezahlen; kurz und gut, Baruch, ich brauche abermals Geld, und Du wirst es schaffen!«

»Wie kann ich es schaffen, wenn ich keins habe!«

»Keine Comödie, alter Fuchs! Mir machst Du doch nichts weiß! Wenn Du wirklich kein Geld hast, so gehe ich zu einem andern. Du kennst mich. Ich bin resolut und kurz entschlossen. Hast Du welches oder nicht?«

Baruch kannte allerdings seinen Mann; er wußte auch, ihn zu nehmen, und so antwortete er:

»Ich habe zwar Einiges daliegen, aber es ist bereits bestimmt für einen anderen Zweck.«

»Unsinn! Machen wir es kurz! Kann ich es bekommen?«

»Gott Abrahams, sind der Herr Premierlieutenant eilig! Muß ich doch erst fragen, welche Sicherheit ich haben kann.«

»Mein Ehrenwort!«

»Ihr Ehrenschein ist bereits verpfändet. Ich muß haben reelle Sicherheit.«

»Mensch! Ist meine Ehre nicht noch eine Kleinigkeit mehr werth?«

»Die Ehre eines Herrn Offiziers ist viel werth, sehr viel; aber was thue ich damit? Kann ich sie verspeisen? Kann ich sie anlegen zu Zinsen? Kann ich mir damit kaufen Papiere? Wie viel brauchen der Herr Oberlieutenant noch?«

»Tausend Thaler.«

Der Jude fuhr zurück und spreizte, sich erschrocken stellend, die Arme weit aus, so daß sich sein Kaftan öffnete und seine ganze, häßliche Hagerkeit bemerken ließ.


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»Tausend Thaler! Das sind hundert mal Zehn! Herr Premierlieutenant, Sie werden die Gnade haben, mich nicht falsch zu verstehen; aber ich habe nebst Ihrem Ehrenscheine bereits Wechsel über zwölf tausend Thaler in den Händen. Sie lauten auf Sicht. Wie will ich kommen zu diesem Gelde, da ich doch nie darf präsentiren ein einziges dieser Papiere!«

»Ich habe Dir ja ungeheure Zinsen dafür zu bezahlen!«

»Was sind Zinsen! Sind sie das Capital, welches ich könnte noch viel besser anwenden bei Anderen?«

Wilden machte eine ungeduldige Bewegung und sagte dann:

»Willst Du sie mir geben, die tausend Thaler, oder nicht?«

»Wieder nur auf Wechsel?«

»Ja.«

»Ich kann nicht!«

»Du weißt aber doch, daß mein Vater reich ist und Alles bezahlen wird!«

Ueber das Gesicht des Alten ging ein eigenthümliches Zucken, dessen Bedeutung der Lieutenant aber nicht zu verstehen schien. Dann antwortete er achselzuckend:

»Ja, ich weiß, daß der Herr General von Wilden für sehr reich gilt, aber ich weiß auch, daß Sie nicht der einzige Erbe sind. Das Vermögen wird getheilt werden, da Ihre Stiefmutter Sie mit einem Brüderchen beschenkt hat.«

Da legte sich die Stirn Wildens in düstere Falten.

»Schweig von dieser Mutter und diesem Knaben!« brauste er auf. »Ich mag von Beiden nichts wissen. Mein Vater konnte Besseres thun, als eine arme Professorstochter an Stelle meiner Mutter zu setzen. Es war das ein Eingriff in meine Rechte, ein Raub an meinem Eigenthum! Uebrigens, wenn Du partout Sicherheit verlangst, kann ich Dir sagen, daß mir nächstens reiche Quellen zur Verfügung stehen werden. Es ist mir dann ein Leichtes, Dich zu bezahlen.«

»Ich will dem Herrn Premierlieutenant alle Quellen gönnen, welche er sich nur wünschen kann! Darf ich diesen Brunnen kennen lernen?«

»Hm!« brummte Wilden. »Kennst Du Herrn von Flakehpa-Ociului?«

Abermals ging ein schnelles Zucken über das Leichengesicht des Alten; aber es war so schnell verschwunden, daß Wilden es gar nicht bemerkte.

»Ja, ich kenne ihn,« lautete die Antwort.

»Kennst Du auch seine Verhältnisse?«

»Er hat Eisenbahnen und große Fabriken gebaut; er hat Millionen verdient.«

»Nun, ich werde seine Tochter heirathen.«

Da sprang der Jude einen Schritt zurück und rief in höchster Verwunderung:

»Seine Tochter, Fräulein Elma?«

Fast war es, als ob ein Gefühl des Triumphes sein Gesicht verkläre.

»Ja,« antwortete Wilden.

»Sind Sie bereits verlobt?«

»Nein.«

»Aber Sie haben mit ihr und ihrem Vater gesprochen?«

»Nein. Die Erklärung wird erst morgen erfolgen.«

»Sie wird angenommen werden!«

»Meinst Du?«

»Ja. Elma von Ociului wird stolz sein, die Schwiegertochter des Herrn Generals von Wilden zu werden.«

»Nun, so siehst Du doch ein, daß Dein Geld bei mir sehr sicher steht.«

»Der Herr Premierlieutenant müssen mir dennoch verzeihen. Noch ist die Hochzeit nicht vorüber und noch weiß ich nicht, ob Herr von Ociului Ihre Schulden bezahlen wird.«

Da sprang Wilden ärgerlich auf.

»Verdammter Geizhals!« rief er. »Würde Dir eine Bürgschaft meines Vaters genügen?«

Der Alte blickte einige Augenblicke wie nachrechnend zu Boden und antwortete dann:

»Welcher Art ist diese Bürgschaft?«

»Ein Wechsel auf drei Monate, ausgestellt von mir und acceptirt von meinem Vater.«

»Haben Sie diesen Wechsel bei sich?«

»Ja. Er lautet aber auf zweitausend Thaler.«

Er zog das Portefeuille und reichte es dem Juden hin. Dieser nahm eine Brille aus der Tasche seines Kaftans, wischte sie an den fettigen Schößen des Letzteren hin und her, so daß sie nur noch mehr beschmiert wurde und setzte sie dann auf die Nase, um den Wechsel zu prüfen.

Diese Prüfung nahm eine ungewöhnlich lange Zeit in Anspruch. Die Stirn des Lieutenants begann sich zu röthen; ob vor Zorn oder aus einem anderen Grunde, das war nicht leicht zu sagen. Er konnte nicht sehen, auf welchen Punkt des Documentes die Augen des Juden gerichtet waren, da die fettige Brille dies verhinderte. Endlich gab der Alte den Wechsel zurück, nickte dem Offizier unbefangen entgegen und sagte:

»Dieses Papier ist gut, Herr Premierlieutenant.«

»Wollen Sie es discontiren?«

»Warum nicht? Wie viel verlangen Sie?«

»Es lautet, wie Sie sehen, auf zweitausend Thaler.«

»Das ist Nebensache. Hauptsache ist, wie viel Sie verlangen.«

»Ich biete Ihnen hundert Thaler Disconto.«

Der Alte griff sich an das Kinn und schritt einige Male nachdenklich hin und her. Dann blieb er am Tische stehen. Sein Blick fiel auf die Hand des Lieutenants, welcher den Wechsel in derselben hielt. An dem einen Finger derselben blitzten farbige Funken. Er trug an diesem Finger einen dünnen Goldreifen, wie ihn Damen zu tragen pflegen. An diesem Reif saß ein Diamant, nicht groß, nicht schwer, aber vom reinsten Wasser.

»Wollen der Herr Premierlieutenant mir sagen, ob dieser Ring ein Familienstück ist?« fragte er.

»Warum?«

»Er gefällt mir.«

»Er ist ein Geschenk von einer Dame.«

»Gut! Ich zahle Ihnen neunzehnhundert Thaler und Sie geben mir den Wechsel und den Ring.«

Wilden machte ein sehr verwundertes Gesicht.

»Baruch, alter Geizhals!« meinte er. »Woher diese Noblesse? Ich war darauf gefaßt, nur fünfzehnhundert


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zu bekommen. Der Ring ist nicht viel mehr als fünfzig Thaler werth.«

»Gott der Herr! Hat meine Sulamith mich gebeten, ihr zu schenken zum Tage ihrer Geburt einen Ring mit einem Brillanten. Sie will erhöhen ihre Schönheit mit den Strahlen eines edlen Gesteines.«

Da stieß der Lieutenant ein lautes Gelächter aus und rief:

»Donnerwetter! Deine Sulamith ist jedenfalls noch weit schöner, als ihre Namensschwester, in welche Salomo sich verliebte. Sie braucht keine Brillanten zur Erhöhung ihrer Vorzüge; sie kommt weit bequemer und billiger weg, wenn sie sich mit der Oellampe hier beleuchtet. Aber weil Du so ausnahmsweise billig bist, so sollst Du auch mich nicht rücksichtslos finden. Hier ist der Ring. Schmücke Deine Sulamith nach Herzenslust. Die, von der ich den Ring habe, ist nicht werth, daß ich ihn trage.«

Er zog den Reif vom Finger und gab ihn dem Alten. Dieser steckte ihn bedächtig in die Tasche und zog dann aus derselben jenes versiegelte Päckchen hervor. In Zeit von zehn Minuten war das Geschäft beendet. Wilden entfernte sich mit seinem Gelde.

Der Jude nahm sein Contobuch, löschte das Licht aus und stieg wieder nach oben. Sein Sohn öffnete ihm und sagte dabei:

»Ich hab erkannt den Lieutenant von Wilden an der Stimme. Ist er gekommen, um einzulösen eins der Papiere, welche wir von ihm haben?«

»Nein. Er hat geholt noch mehr Geld.«

Der Alte erzählte in kurzen Worten, was unten gesprochen worden war. Sein Sohn schien sich über ihn zu wundern. Er sagte:

»Wie hast Du machen können zwei Fehler auf einmal! Zu geben zu viel für einen Wechsel auf drei Monate, und zu geben Geld für ein Papier des Generals von Wilden. Ist dieser Mann nicht fast ruinirt? Ist er nicht schuldig große Summen Deinem Sohn, meinem Bruder, Elias Silberglanz, welcher ist Agent in der Residenz?«

Es war ein unbeschreiblich stolzes, selbstbewußtes Lächeln, welches das Gesicht des Alten in die Breite zog.

»Mein Sohn Gamaliel kennt seinen Vater noch nicht,« sagte er. »Mein Sohn denkt, sein Vater könne noch machen Fehler im Geschäfte! Hier, siehe den Wechsel an; und wenn Du klüger bist als ich, so sage mir, warum ich ihn hab gekauft für so vieles Geld.«

Gamaliel nahm das Papier in die Hand und betrachtete es.

»Was ist daran Ungewöhnliches?« fragte er. »Es ist ein Accept des Generals von Wilden über zweitausend Thaler, zahlbar in drei Monaten.«

»Gott Zebaoth! Mein Sohn Gamaliel will klüger sein, als sein Vater und kann doch nicht beurtheilen die Handschrift eines Menschen! Haben wir nicht von meinem zweiten Sohne Elias Papiere in der Hand gehabt, welche sind unterzeichnet gewesen von dem General? Ist es da nicht leicht, zu sehen, daß diesen Wechsel nicht hat acceptirt der General? Ich habe gegeben so viel Geld, weil das Papier ist gefälscht von dem Premierlieutenant auf den Namen seines Vaters. Nun habe ich den Sohn in den Händen; nun ist er noch mehr unser Sclave als vorher.«

Diese Worte brachten einen ungeheuren Eindruck auf die Frau und den Sohn des Juden hervor. Der Wechsel wurde sorgfältig geprüft und wirklich für gefälscht befunden. Der Lieutenant hatte, um Geld zu bekommen, die Handschrift seines Vaters nachgeahmt. Großer Jubel erhob sich darüber in der Judenfamilie. Die Alte fragte:

»Weiß der Lieutenant, daß sein Vater ihm nicht helfen kann, weil er selbst hat fast gar nichts mehr, um Geld damit zu machen?«

»Er weiß es nicht.«

»Warum hast Du es ihm nicht gesagt?«

»Weil ich bin ein kluger Mann des Geschäftes und will stürzen Die, welche stolz da oben sitzen, plötzlich und unerwartet. Er will heirathen die Tochter des Herrn von Ociului.«

Bei dieser Nachricht stießen die beiden Anderen einen Ruf des Erstaunens aus.

»Warum will er heirathen die Walachin?« fragte Gamaliel. »Ist er verliebt in sie?«

»Vielleicht, denn sie ist sehr schön. Aber er will sie heirathen auch, um zu bekommen von ihrem Vater das Geld für seine Schulden.«

Bei diesen Worten ließen die Drei ein höhnisches Lachen hören.

»Wie wird er erschrecken, wenn er sieht, daß er sich hat verrechnet!« rief die Alte. »Haben wir doch im Stillen gemacht zu Schanden den steinreichen Herrn von Ociului! Weiß er doch selbst nicht, woher er soll nehmen Geld, um noch weiter zu scheinen so reich wie bisher! Liegt doch bei uns sein goldenes und silbernes Tafelgeschirr, welches er kann nicht einlösen, weil ihm dazu fehlen die Monneten!«

»Ja, wir haben uns an ihm gerächt,« nickte der Alte selbstgefällig. »Er hat gebaut seine Bahnen und expropriirt die Grundstücke, auf denen wir hatten liegen unsere Gelder auf Hypothek. Er hat uns gemacht einen großen Schaden und soll nun tragen die Strafe. Er wird verheirathen seine Tochter an den Premierlieutenant, weil er denkt, die Familie Wilden ist reich. Und der Wilden wird heirathen das Mädchen, weil er denkt, die Familie Ociului ist reich. Dann werden sie merken, daß sie Beide haben keinen Heller und daß der Jude Baruch Silberglanz im Sacke hat ihr ganzes Geld!«

»Und dann wird die Elma Ociului vor Hunger weinen und fluchen!« jubelte die Alte. »Sie denkt, daß sie sei das schönste Mädchen der Welt; aber sie ist eine Hexe. Sie hat den bösen Blick. Haben wir nicht auch gewohnt in der Walachei? Ist uns nicht auch bekannt die Sprache des Landes dort? Warum hat die Familie geheißen Flakehpa-Ociului, was auf Deutsch bedeutet die Augenflamme? Alle Weiber dieser Familie haben gehabt den bösen Blick; sie sind gewesen Vampyre und haben getrunken das Blut aus den Adern der Lebendigen. Wenn sie gestorben waren, diese Weiber, dann hat man ihnen noch stoßen müssen einen spitzen Pfahl durch den Leib, und sie haben dann vor Schmerz geheult, obgleich sie Leichen gewesen sind. Wenn aber wir sterben, so wird ein großes Klagen sein im Volke Israel, und man wird sagen, daß die Gerechten eingegangen sind zu Abraham. Heb heilig auf den Wechsel, Baruchleben! Der Lieutenant wird thun


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müssen Alles was wir wollen, oder er muß wandern in das Zuchthaus, nicht als Commandant der Wache, sondern als Sträfling.«

»Weib, trage keine Sorge! Ich werde ihn aufheben. Ich habe mit diesem Wechsel gemacht ein gutes Geschäft, aber es ist noch besser, als Ihr ahnt. Seht Euch einmal den Ring an, den er mir gegeben hat.«

Sulamith nahm den Reif und ließ den Stein im Lichte spielen. Dann nahm ihn ihr Sohn in die Hand und betrachtete ihn aufmerksam. Plötzlich aber stieß er einen lauten Freudenschrei aus.

»Mutterleben!« sagte er. »Weißt Du, welchen Ring wir haben? Weißt Du, wem er gehört und welchen Werth er hat, weil nur durch ihn allein ein großes, großes Geheimniß gelöst werden kann?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete sie, fast athemlos vor Neugierde. »Was für ein Geheimniß ist es, von welchem Du redest?«

»Dieser Ring, welchen Vaterleben glücklicher Weise sofort erkannt hat, war einst das Eigenthum von - -«

Er wurde unterbrochen, denn die Ladenklingel ertönte abermals. Der Alte öffnete das Fenster und erkundigte sich, wer unten sei.

»Machen Se nur immer auf!« antwortete es. »Ich bin es selber. Ich bringe nämlich eenen geheemen Brief von meinem Herrn.«

Baruch schloß das Fenster und sagte zu den Seinen:

»Der Diener Heinrich von Ociului's. Ich will hinunter.«

Er stieg zum zweiten Male zur Fallthür hinab, zündete unten die Lampe an und ließ dann den draußen Stehenden herein.

»Guten Abend, Herr Silberglanz!« grüßte dieser. »Hier is der Brief. Ich soll auf Antwort warten.«

Der Jude öffnete und las den Brief. Als er fertig war, meinte er:

»Ihr Herr schreibt mir, daß Sie morgen Geburtstagsfeier haben und daß er sich dazu das Tafelgeschirr ausbittet, welches er mir verpfändet hat.«

»So is es, Herr Silberglanz,« bestätigte der Diener.

»Haben Sie den Revers nebst dem Verzeichnisse und auch das Geld?«

»Ich habe Alles mit, ooch die dreißig Thaler. Wann darf ich die Sachen holen?«

»Es soll es doch Niemand sehen?«

»Nein. Ich bin ja überhaupt der Eenzige, der es weeß, daß das Tafelgeschirr bei Ihnen versetzt worden is. Ich muß es im Geheemen fortschaffen und wiederbringen.«

»So kommen Sie in einer Stunde wieder!«

»Gut! Hier is der Revers, das Verzeichniß und das Geld! Aber, Herr Silberglanz, nich wahr, Sie stammen ooch aus der Walachei?«

»Ja.«

»Sie sind dort Schreiber beim Vater meines Herrn gewesen?«

»Ja. Warum?«

»Und Sie sind mit der Familie hierher gekommen und een wohlhabender Mann geworden. Das haben Se doch eegentlich nur den Ociului's zu verdanken, und da is es nich recht von Ihnen, daß Se allemal dreißig Thaler verlangen, wenn wir of eenige Stunden das Geschirr brauchen.«

Der Alte runzelte die Stirn und antwortete:

»Das geht Sie nichts an! Wer groß thut und auf Gold und Silber speisen will, der muß auch Geld haben. Verstehen Sie?«

»Hm, das verstehe ich sehr gut. Ich bin nämlich der Heinrich Knofel aus Stützengrün bei Rodewisch. Das liegt im voigtländischen Erzgebirge mit die Silber- und Goldbergwerke. Wir Erzgebirgischen und Stützengrüner haben also diese Adern von Gold und Silber unter unsern Füßen; wir stehen, gehen und liegen auf Gold; wir essen und schlafen auf Gold. Aber wenn wir unser Gebirge ja eenmal bei Ihnen versetzen sollten, und müssen es uns vielleicht of eenige Stunden zurückborgen, da bilden Se sich nur um Gotteswillen nich ein, daß Se da noch dreißig Thaler dafür kriegen. Verstehen Se mich? In eener Stunde komme ich wieder, alter Urian. Grüßen Se mer Ihre Hannebackedusel und sagen Se ihr, daß in Prag een Professor wohnt, der gern eene Mumie koofen will. Ich gloobe, er zahlt nich schlecht!« -

Oberlieutenant von Wilden war von Baruch weg nach seinem Clubb gegangen, hatte dort sein tägliches Spiel gemacht und war sehr spät nach Hause gekommen. Darum stand er auch zu später Morgenstunde auf. Er hatte am Abend mit dem Hauptmanne gesprochen und sich für heute entschuldigt. Jetzt nun, nachdem er seinen Morgenkaffe zu sich genommen hatte, setzte er sich an den Schreibtisch, um sein Urlaubsgesuch abzufertigen. Diesem sollte später die Bitte um Versetzung folgen. Er war überzeugt, daß man auf Beide gewährend antworten werde, die Stellung und der große Einfluß seines Vaters gaben ihm Garantie dafür.

Ehe er jedoch diese schriftliche Arbeit begann, gab er seinem Diener das nöthige Geld mit der Weisung, den Schneider zu bezahlen. Der Lakay war ganz erstaunt, zu sehen, daß sein Herr heute so bei Mitteln sei, doch glaubte er, daß Wilden die Summe gestern im Spiele gewonnen habe.

Kuno setzte sich eben den mit einer silbernen Tresse versehenen Hut auf das beglatzte Haupt, um zu dem Schneider zu gehen, als das electrische Glöckchen ertönte. Er drückte an den Knopf, um den vorderen Eingang zu öffnen, und da nicht angeklopft wurde, so stieß er dann die Vorzimmerthür auf, um zu sehen, wer draußen sei.

Er erblickte ein junges Mädchen, deren Gesicht er für den Augenblick nicht genau betrachtete. Er war ein Weiberfreund, und da er glaubte, es mit einer hübschen Wäscherin oder Plätterin zu thun zu haben, so sagte er freundlich:

»Treten Sie ein, mein liebes Kind! Was wünschen Sie?«

Er schritt voran und sie folgte ihm in das Vorzimmer. Dabei antwortete sie:

»Darf ich fragen, ob Herr von Wilden zu sprechen ist?«

Beim Klange dieser Stimme drehte er sich schnell um, sah sie schärfer an und rief:

»Bertha! Bertha Brand, die Zuchthäuslerin! Donnerwetter! Was wollen Sie hier bei uns? Sind Sie denn frei?«

»Ich bin begnadigt worden,« antwortete sie.


Ende der neunundachtzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk