Lieferung 99

Deutscher Wanderer

8. August 1885

Die Liebe des Ulanen.

Original-Roman aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges von Karl May.


// 1569 //

Unterdessen war der alte Capitän auf den heimlichen Wegen in sein Zimmer gekommen. Er hatte lange, lange Zeit Achtung gegeben, ob er unbemerkt in die Vorrathskammer kommen könne. Ehe ihm dies gelang, waren wohl zwei Stunden vergangen. Dann eilte er mit Brod und Wasser zurück. Einen großen Krug voll des Letzteren und ein Brod ließ er im Kreuzgange zurück, um es später Liama zu bringen. Mit dem anderen Vorrathe passirte er mühsam den Brunnen und gelangte endlich in den Gang, in welchem, seiner Meinung nach, Rallion als Sieger auf ihn wartete.

Er wunderte sich nicht wenig, als er von Weitem keinen Lichtschein bemerkte.

»Hm!« erklärte er sich, grimmig schmunzelnd, diesen Umstand. »Schäferstunde! Er hat die Thür herangezogen!«

Er trat so laut wie möglich auf, um von seinem Verbündeten bereits von Weitem bemerkt zu werden, blieb aber dann ganz verblüfft stehen, als er bemerkte, daß die Thür nicht nur von innen herangezogen, sondern sogar von außen verschlossen sei.

»Donnerwetter!« murmelte er. »Was ist da geschehen? Sollte der Kerl also doch die Schlüssel haben, wie ich gleich erst vermuthete?«

Er setzte die zwei Wasserkrüge, welche er in der Hand hatte, nieder und nahm den Schlüssel aus der Tasche. Als er geöffnet hatte, drang ihm der Schein der Laterne entgegen, und bei demselben bemerkte er den Gefesselten auf dem Boden liegen.

»Alle Teufel!« rief er aus. »Rallion! Sie gefesselt!«

»Wie Sie sehen!« antwortete dieser. »Wo stecken Sie denn diese lange Zeit?«

»Habe ich es Ihnen denn nicht gleich gesagt, daß es so lange dauern könnte?«

»Das wohl; aber mehr sputen konnten Sie sich doch!«

»Es war nicht möglich. Aber das ist ja Nebensache. Hauptsache ist, wie ich Sie hier finde. Wo ist Marion?«

»Das weiß der Teufel.«

»Wer hat Sie gefesselt?«

»Das weiß derselbe Teufel.«

»Und eingeschlossen?«

»Fragen Sie doch eben diesen Teufel!«

»Aber, zum Donnerwetter! Sie müssen doch wissen, wie Sie in diese Lage gekommen sind!«

»Muß ich es wissen? Wirklich? Ach so! Aber, nehmen Sie mir doch vorher gefälligst diese verdammten Stricke ab. Dann können wir weiter sprechen!«

»Ich sollte Sie so liegen lassen. Ich bin ganz consternirt! Wüßte ich nicht ganz genau, daß ich wache, so hielt ich es für einen Traum. Erzählen Sie doch!«

»Erst die Stricke herunter!«

»Na, da!«

Er zog sein Messer und schnitt die Stricke entzwei. Rallion sprang auf, dehnte die Glieder und sagte dann:

»Hören Sie, Capitän, Ihr verdammtes Ortry mag der Satan holen! Mich bringen Sie niemals wieder her!«

»Schimpfen Sie nicht, sondern erzählen Sie!«

»Hier geht in Wirklichkeit der Teufel um, oder sonst ein ihm sehr verwandtes Gespenst! Ich mache, daß ich so schnell wie möglich fortkomme!«

»Halt! Stehen bleiben! Erst wird erzählt. Ich will vor allen Dingen wissen, was geschehen ist. Ich verließ Sie ganz siegesgewiß und treffe Sie als Gefangenen! Wie ist das zugegangen?«


// 1570 //

Rallion zeigte auf das Stroh und antwortete:

»Hier lag Marion - -«

»Das weiß ich!«

»Ich kniete neben ihr und stellte ihr vor, daß aller Widerstand vergeblich sei.«

»Was antwortete sie?«

»Daß sie lieber sterben wolle.«

»O, diese Mädchen wollen da immer sterben!«

»Es schien ihr wirklich Ernst zu sein. Aber als ich ihr einen Kuß geben wollte, drohte sie mir, daß ich verloren sei, wenn ich sie anrühren würde.«

»Das klingt ja, als ob sie überzeugt gewesen wäre, auf irgend eine Weise oder durch irgend Jemand Hilfe zu finden.«

»Allerdings!«

»Was thaten Sie?«

»Ich achtete nicht auf diese Drohung, welche ich für geradezu lächerlich hielt; ich hielt sie vielmehr fest und wollte sie küssen. Ich berührte beinahe ihre Lippen, da legte sich eine Faust wie ein Schraubstock um meinen Hals, und ich erhielt einen Hieb an den Kopf, daß mir auf der Stelle Hören und Sehen verging.«

»Von wem?«

»Weiß ich es?«

»Aber Sie müssen doch Etwas gesehen oder gehört haben!«

»Nicht das Geringste. Ich verlor, wie gesagt, die Besinnung. Als ich wieder zu mir kam, war ich an Armen und Beinen gefesselt und sah, daß die Thür verschlossen war.«

»Unbegreiflich!«

Rallion sah ihn von der Seite an und fragte:

»Ist es Ihnen wirklich so ganz und gar unbegreiflich?«

»Wie denn sonst?«

»Hm! Wissen Sie denn, daß ich Sie sehr stark im Verdachte hatte!«

»Mich?«

»Ja.«

»Sind Sie toll?«

»Toll? Die Sache schien mir gar nicht so sehr toll zu sein. Sie haben eine gewisse Leidenschaft, Andere einzuschließen.«

»Ich glaube, der Hieb, den Sie auf den Kopf erhalten haben, hat Ihren Verstand in Unordnung gebracht!«

»Möglich, denn wenn Sie es nicht gewesen sind, so gebe ich überhaupt die Hoffnung auf, die Sache zu begreifen. Wo aber ist Marion?«

»Das frage ich Sie!«

»Donnerwetter! Sie muß einen heimlich Verbündeten haben. Anders ist es gar nicht möglich.«

»So werden wir ihn jetzt fangen. Begegnet ist mir kein Mensch. Alle Thüren sind zu gewesen. Man hält sich also hier versteckt. Durchsuchen wir den Gang! Er ist glücklicher Weise nicht sehr lang.«

Er nahm den Revolver in die Hand und schritt mit der einen Laterne voran. Rallion folgte ihm mit der anderen. Sie erreichten das Ende des Ganges, ohne irgend Etwas bemerkt zu haben.

»Nun?« fragte Rallion, halb höhnisch und halb erwartungsvoll.

Er traute dem Alten noch immer nicht.

»Nichts und Niemand!« antwortete dieser.

»Aber mir brummt der Kopf noch immer von dem Hiebe, den ich erhalten habe. Soll das etwa dieser Monsieur Niemand gewesen sein?«

»Ich möchte an diesen Hieb gar nicht glauben, aber Sie haben wirklich eine ziemliche Beule hier an der Schläfe.«

»Habe ich? Na, das ist Beweis genug. Ein Mann muß es gewesen sein, denn ein Weib vermag nicht, so kräftig zuzuschlagen.«

»Das versteht sich ganz von selbst.«

»Und Schlüssels muß er haben, sonst hätte er mich nicht einschließen können.«

»Richtig! Aber - ah, da kommt mir ein Gedanke: Sie sind miteinander hier noch in irgend einer Zelle versteckt. Suchen wir!«

»Was befindet sich in den Zellen?«

»Sie sind leer, außer der, in welcher der Deutsche steckt. Sehen wir also nach!«

Er öffnete eine Zelle nach der anderen; sie waren alle ohne Ausnahme leer. Als er dann die zuletzt erwähnte aufschloß und mit der Laterne hineinleuchtete, stieß er einen lauten Fluch aus:

»Tod und Teufel! Was ist das?«

»Was giebt's?« fragte Rallion, schnell hinzutretend.

»Was es giebt? Da sehen Sie her!«

»Wetter noch einmal! Das ist verflucht!«

»Der Kerl ist fort!«

»Oder hat er sich in dem Kothe versteckt?«

»Unsinn! Sehen Sie denn nicht, daß die Ketten geöffnet worden sind?«

»Wirklich! Der Schlüssel steckt noch im Schlosse!«

»Und da ist auch die Peitsche fort!«

»Unbegreiflich!«

»Haben Sie denn wirklich so ohne alle Besinnung in Ihrer Zelle gelegen?«

»Ja.«

»Nichts gehört?«

»Gar nichts.«

»So ist es! Ihr Schädel scheint von Pappe zu sein! Jetzt ist mir gar der Deutsche ausgebrochen!«

»Aber wohin?«

»In dem Gange befindet sich kein Mensch! Oder sollte - Sapperment, da kommt mir ein Gedanke. Kommen Sie!«

Er eilte bis an das Luftloch und leuchtete empor.

»Sie denken, da hinauf?«

»Ja.«

»Wie kann ein Gefangener von hier aus da empor kommen? Er müßte eine Leiter haben.«

»Das ist richtig! Also hier nicht. So bleibt also nur übrig, daß der Mann, welcher die Schlüssel hat, denselben Weg genommen hat, den auch wir einschlugen. Sehen wir einmal, ob wir Spuren finden.«

Sie schlugen die Richtung nach dem Brunnen ein, mit den Laternen am Boden suchend. Hart am Brunnen blieb der Alte, welcher voranging, stehen.

»Sehen Sie her!« sagte er. »Was ist das?«

»Stearin am Boden!«


// 1571 //

»Ja. Ganz frisch. Aus einer Laterne getropft. Wir Beide aber brennen Oel. Was folgt daraus?«

»Hier sind sie gegangen.«

»Richtig! Sie kennen also auch diesen Gang und diesen Weg. Steigen wir empor! Vielleicht findet sich noch eine Spur.«

Sie kamen bis dahin, wo Müller mit Marion gestanden, vorher aber seine Laterne eingesteckt hatte. Beim Verschließen der Blende hatte er wieder einen Tropfen Stearin verloren.

»Hier wieder,« sagte der Alte. »Sehen Sie?«

»Ja, ganz deutlich.«

»Kein Zweifel! Sie sind hier gegangen und - sollten sie etwa - -«

»Was?«

»Da hinten steckt auch so eine Art Gefangene.«

»Vielleicht haben sie diese auch befreit!«

»Dann schlage das Wetter drein! Wollen sehen.«

Er stürmte vorwärts und untersuchte die Thür.

»Sie ist verschlossen.«

Er öffnete und trat ein. Rallion folgte. Die Lampe brannte noch.

»Hier ist sie nicht,« meinte der Alte, indem er sich geradezu voller Angst zeigte. »Vielleicht ist sie da draußen in der Nebenstube.«

Rallion wollte ihm auch da folgen; aber er wies ihn mit den barschen Worten zurück:

»Bleiben Sie! Da draußen haben Sie nichts zu suchen.«

Als er nach einiger Zeit zurückkam, zeigte sein Gesicht geradezu den Ausdruck der Verstörtheit.

»Auch sie ist fort!« murmelte er grimmig.

»Entflohen?«

»Ja.«

»Wer?«

»Das ist Nebensache. Ich hatte der Person gewisse Freiheiten gewährt, schloß sie aber heute ein. Beide Schlösser sind verschlossen, sie aber ist fort.«

»Das ist freilich Pech über Pech.«

»Mehr als Pech! Sie wissen nicht, was dabei für mich auf dem Spiele steht. Es bleibt mir nichts Anderes übrig, als die Eingänge zu vernichten oder zuzuschütten und einstweilen das Weite zu suchen.«

»Ist es denn so gefährlich?«

»Ja. Ich muß Gras darüber wachsen lassen. Das wird, falls der Krieg losbricht, nicht lange dauern.«

»Aber die Eingänge zerstören, das erfordert Arbeit und Zeit!«

»Gar nicht. Ich habe bereits für so einen Fall meine Vorbereitungen getroffen. Kommen Sie!«

Er kehrte mit ihm nach dem Kreuzgange zurück. Dort schien eine der Steinplatten zerbrochen zu sein. Er nahm zwischen zwei Rissen das Stückchen heraus und sofort kam ein Draht zum Vorschein. Er zog daran und in demselben Augenblicke rollte ein donnerartiges Geräusch durch die Gewölbe. Es schien von mehreren Seiten zu kommen.

»Was war das?« fragte Rallion.

»Kleine Minen.«

»Ah! Die Eingänge zusammengestürzt?«

»Alle! Und auch noch Anderes ist vernichtet.«

Er zog die Uhr und blickte auf das Zifferblatt. Dann sagte er:

»In einer Stunde geht ein Zug nach dem Süden. Mit diesem fahren wir.«

»Warum nicht erst morgen?«

»Ich werde mich nicht hersetzen, wenn man die Hände ausstreckt, mich festzunehmen! Ein lustiger Krieg und dann ist Alles wieder gut!«

Eine Viertelstunde später verließen Beide das Schloß. Der Capitän trug all sein vorräthiges Geld bei sich. Er glaubte einer Gefahr entfliehen zu müssen und diese Gefahr gab es gar nicht für ihn. -

Noch saß Müller bei seinem Vater und bei den Frauen, als es in der Nähe plötzlich zu prasseln begann. Es krachte einige Augenblicke lang und dann war Alles ruhig.

»Was war das?« fragte Marion.

»Ich werde nachsehen,« antwortete er.

Er brannte die Laterne an, welche er verlöscht gehabt hatte und ging zu dem Eingange, aus welchem sie vorhin gekommen waren. Er war verschüttet.

»Der Capitän hat die Flucht bemerkt,« sagte er, »und verschüttet die Eingänge, damit Niemand entkommen soll!«

»Doch wohl nur diesen?«

»Wohl nicht. Ich glaube, das Krachen, welches wir gehört haben, kam auch von anderen Orten. Am Besten wird es sein, wir brechen auf.«

Auch Königsau war bei dem rollenden Geräusch erwacht.

»Was war das?« fragte er.

»Nichts Gefährliches,« beruhigte ihn Müller.

»Wo bin ich denn?«

»Bei Freunden.«

»Und wer sind Sie?«

»Kennen Sie mich nicht?«

Er beleuchtete sein Gesicht mit der Laterne.

»O, mein Retter!«

»Sie sehen also, daß Sie ruhig sein können. Sind Sie sehr ermüdet?«

»Ich werde gehen können.«

»Stützen Sie sich auf mich!«

Er ging mit ihm voran und Marion folgte langsam mit ihrer Mutter. Als sie an der Waldecke ankamen, hörten sie Pferdegetrappel. Bald hielt Fritz bei ihnen.

»Wie arrangiren wir das?« fragte er.

»Die Damen den Wagen,« antwortete Müller. »Ich fahre und nehme diesen Herrn zu mir auf den Bock. Du läufst nach Hause. Warst Du verschwiegen?«

»Ich habe kein Wort gesagt.«

Er half den beiden Frauen in den Wagen und dem schwachen Königsau auf den Bock. Müller schlang den Arm um seinen Vater und trieb die Pferde an.

»Fritz, komm baldigst nach!« sagte er noch.

»Sehr wohl, Herr Doctor!«

Als später der Wagen vor Doctor Bertrands Thür hielt, wollte Marion den Schlag öffnen, um zuerst auszusteigen, aber da sagte eine bekannte Stimme:

»Bitte, Mademoiselle, das kommt mir zu!«

Müller hörte das und traute seinen Ohren nicht.

»Fritz!« sagte er.

»Herr Doctor?«

»Du hier?«


// 1573 //

»Ja.«

»Wie kommst Du so schnell hierher?«

»Ich habe mich hinten festgehalten und bin mit fortgetrabt. Das geht ganz prächtig, viel besser als wenn man auf dem Bocke sitzt.«

Recht sehr zur gelegenen Zeit kam jetzt der Arzt aus der Thür getreten.

»Herr Doctor,« fragte ihn Müller, »haben Sie nicht ein separates Zimmer für diesen Herrn? Er ist sehr Patient.«

»Ein allerliebstes Zimmerchen, gerade neben demjenigen, welches Sie für heute bekommen werden.«

»Schön! Bitte, bringen Sie ihn sofort hinauf. Er ist so angegriffen, daß er der Ruhe bedarf.«

Müller hob seinen Vater vom Bocke und Bertrand nahm ihn dann unter den Arm und brachte ihn in das erwähnte Zimmer. Hier brannte Licht und nun erst bemerkte der Arzt, in welchem Zustande sich sein Patient befand. Schon der penetrante Geruch desselben war ihm aufgefallen.

»Mein Gott!« sagte er. »Sie sind ja fast unbekleidet! Wo kommen Sie her?«

»Ich war gefangen,« seufzte der Gefragte.

»Wo?«

»In einem unterirdischen Loche in Ortry.«

»Was? Wirklich? Wer nahm Sie gefangen?«

»Der Capitän.«

»Wie lange waren Sie da?«

»Sechzehn Jahre.«

»Herrgott! Widerrechtlich?«

»Gewiß!

»Bitte, darf ich Ihren Namen hören?«

»Gebhardt von Königsau.«

Der Arzt fuhr zurück. Dann fragte er:

»Wer hat Sie befreit?«

»Ein Herr Doctor Müller.«

»Dieser Herr ist wohl ein Bekannter von Ihnen?«

»Ich kenne ihn nicht.«

Nun wußte der Arzt, daß Müller sich noch nicht zu erkennen gegeben hatte und daß auch er schweigen mußte.

»Gedulden Sie sich einen Augenblick,« bat er. »Ich kehre sogleich zurück.«

Wenige Minuten später kam er mit dem Apotheker, welcher eine Badewanne trug und das Hausmädchen brachte heißes Wasser. Königsau mußte vor allen Dingen ein Bad nehmen.

Unterdessen war Müller mit Marion und ihrer Mutter nach oben gegangen. Dort waren die Engländerin, der Amerikaner, Nanon und Madelon beisammen. Die Frau des Arztes befand sich bei ihnen.

Diese Letztere sprang, als sie Liama erblickte, leichenblaß von ihrem Stuhle auf und rief:

»Alle guten Geister - -! Wer ist das? Wen bringen Sie da?«

»Kennen Sie die Dame nicht?«

»Freilich kenne ich sie! Die Frau Baronin von Sainte-Marie! Dieser Name brachte kein geringes Aufsehen hervor. Alle drängten sich um sie und stürmten mit Fragen auf sie ein. Doch Müller nahm sie in seinen Schutz und sagte:

»Bitte, meine Herrschaften, diese Dame ist zu sehr angegriffen, als daß sie Ihnen Rede und Antwort stehen könnte. Uebrigens muß ich bemerken, daß diese Angelegenheit ganz unter uns, das heißt, Geheimniß bleiben muß. Kommen Sie, Frau Baronin; folgen Sie mir in das Zimmer Miß de Lissa's! Ich habe einige Fragen an Sie zu richten.«

Während nun Marion den mit ihr Zurückbleibenden ihre Einkerkerung und Rettung erzählte, führte er Liama in dem genannten Zimmer auf das Sopha und nahm ihr gegenüber Platz.

»Darf ich fragen,« sagte er, »ob Sie einiges Vertrauen zu mir haben können?«

Er sagte das in arabischer Sprache, die er als Knabe gelernt hatte und zwar von seinem Vater. Liama war freudig bewegt, so unerwartet die heimathlichen Laute zu hören und antwortete:

»Alles, Alles will ich Ihnen sagen.«

»Nicht wahr, Sie sind eine Tochter des berühmten Stammes der Beni Hassan?«

»Ja. Mein Vater Menalek war der Scheik desselben.«

»Sie kannten einen Angehörigen dieses Stammes, welcher Saadi hieß?«

Ihre Augen leuchteten auf.

»Er war mein Geliebter, mein Verlobter, mein Bräutigam,« antwortete sie.

»Wann haben Sie ihn zum letzten Male gesehen?«

»Hier in Ortry.«

»Nicht damals, als er von Ihnen gerissen wurde als Gefangener der Franzosen?«

»Nein. Ich wollte ihn und den Vater retten, indem ich mit dem Fakihadschi Malek Omar und seinem Sohne Ben Ali fortging. Beide heißen jetzt Richemonte und Sainte-Marie.«

»Sie wurden aber von ihnen betrogen?«

»Ja. Die Unseren wurden trotzdem niedergemacht. Mein Vater war todt; aber als die Franzosen fort waren, zeigte es sich, daß in Saadi noch Leben sei. Er wurde geheilt und verließ sein Land, um nach mir zu suchen.«

»Da Sie ihn in Ortry gesehen haben, hat er Sie also gefunden?«

»Ich ging spazieren im Walde und begegnete ihm. Er wohnte bei mir auf dem Schlosse, ohne daß es Jemand wußte; er war mein Bräutigam; er wurde im Stillen mein Gemahl. Er ist Marions Vater. Nie hat mich ein anderer Mann anrühren dürfen.«

»So ist also Marion nicht die Tochter des wahnsinnigen Barons de Sainte-Marie?«

»Nein.«

»Das ist mir eine große Beruhigung. Wo aber ist Saadi hingekommen?«

»Ich weiß es nicht. Er war eines Tages verschwunden. Ich habe ihn niemals wieder gesehen.«

»Später zwang man Sie, zu verschwinden, um das Leben Ihrer Tochter zu retten?«

»Der Capitän wollte Marion tödten, wenn ich nicht thun wollte, was er befahl.«

»Weiß die jetzige Baronin, daß Sie nicht wirklich gestorben sind?«

»Ich weiß es nicht.«


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»Hat sie Sie einmal gesehen?«

»Mehrere Male. Sie besuchte, da sie noch eine Hirtentochter war, den Baron und den Capitän auf Ortry; da hat sie mich gesehen.«

»Glauben Sie, daß sie Sie jetzt wieder erkennen würde?«

»Sie kennt mich.«

»Fürchten Sie sich vor ihr?«

»Ja.«

»Aber wenn ich bei Ihnen bin?«

»Dann fürchte ich mich nicht.«

In diesem Augenblicke entstand draußen ein außerordentliches Gepolter. Mehrere Thüren öffneten sich, und auch Müller eilte hinaus.

»Was giebt es denn da?« fragte er laut.

»Abermals eine Schlittenparthie!« antwortete eine Stimme von unten an der Treppe herauf.

»Schlittenparthie? Wie denn?«

»Grad wie damals im Tharandter Walde, nur dieses Mal auf dem Bauche anstatt auf der anderen Seite.«

Derjenige, welcher diese Worte sprach, kam wieder die Treppe herauf. Herr Hieronymus Aurelius Schneffke war es.

»Ach Sie sind es! Was machen Sie denn da?«

»Na, man wird doch wohl noch zur Treppe hinunterpurzeln dürfen, Herr Doctor.«

»Heruntergefallen sind Sie also?«

»Ja; das ist so Usus bei mir, wie Sie wohl wissen. Ich hatte Eile.«

»Sie sehen allerdings ganz wichtig aus. Sie haben wohl eine Neuigkeit?«

»Ja. Die wollte ich so schnell wie möglich bringen. Ich gedachte daher, die Treppe in zwei oder drei Sprüngen zu nehmen, da aber nahm die Treppe mich. Ein Glück ist es nur, daß sie nichts gebrochen hat!«

»Was ist es denn für eine Neuigkeit?«

»Ich trank auf dem Bahnhofe ein Glas Bier. Der Zug kam an, und da ging ich. Draußen am Billetschalter standen Zwei. Rathen Sie, wer sie waren!«

»Besser ist's, Sie sagen es.«

»Das ist so richtig wie Pudding, denn Sie errathen es doch nicht. Der alte Capitän war es - - -«

»Der? Unmöglich!«

»Na, ich werde ihn doch kennen! Ein Maler ist gar wohl im Stande, sich so eine Physiognomie zu merken.«

»Und noch Einer war dabei?«

»Ja. Er hatte ein zerschnittenes Gesicht.«

»Sapperlot! Rallion! Was thaten sie?«

»Ich stand ganz nahe bei ihnen; sie aber hatten es so eilig, daß sie mich gar nicht beachteten. Der Alte bezahlte zwei Billets erster Classe nach Paris.«

»Wirklich?«

»Glauben Sie, daß er sie nur aus Illusion bezahlt?«

»Ah! Flucht! Er fürchtet sich!«

»So ist er fort?« fragte Marion den Maler.

»Ich sah ihn einsteigen, und dann ging der Zug ab. Wenn Ihnen das genügt, so ist er allerdings fort. Oder muß Einer durch die Wolken fliegen, um fort zu sein?«

»Bitte, kommen Sie mit hier herein!« bat nun Müller Marion, indem er sie zu ihrer Mutter führte.

Dort bemerkte er:

»Jetzt giebt es die beste Gelegenheit, zu holen, was Sie zu der Reise brauchen. Sie kehren zu diesem Zwecke selbst mit nach Ortry zurück.«

»Das thue ich. Wer geht noch mit?«

»Ihre Mutter hier.«

»Wie! Darf sie gesehen werden?«

»Ich wünsche sogar sehr, daß sie von der jetzigen Baronin gesehen wird. Auch ich gehe mit.«

»Auch Sie? Ich denke, Sie wollen Ortry nie mehr betreten!«

»Vielleicht komme ich später doch wieder hin. Uebrigens möchte ich Sie um Ihretwillen begleiten.«

»Ja. Das ist dankenswerth. Wenn Sie mit zugegen sind, haben wir nichts zu befürchten. Wann gehen wir?«

»Wir werden fahren, doch nicht gleich jetzt. Wie ich vermuthe, gnädiges Fräulein, haben Sie drüben unser heutiges Abenteuer erzählt?«

»Ja.«

»Haben Sie auch den Namen des unglücklichen langjährig Gefangenen genannt?«

»Zufälliger Weise, nein.«

»Ich danke. Das ist mir lieb.«

Er suchte nun seinen Vater auf. Dieser hatte das Bad verlassen und Wäsche und Kleider von Doctor Bertrand angelegt, dessen Statur er hatte. Er saß auf dem Sopha ganz allein, und hatte eine Tasse Bouillon vor sich stehen.

Müller blickte nur zur Thür hinein, machte diese dann wieder zu und ging in das Familienzimmer, wo Alle außer Marion und deren Mutter wieder beisammen waren.

Schneffke erzählte sein Bahnhofsereigniß noch einmal. Das gab Müller Gelegenheit, seine Schwester an das Fenster zu winken.

»Liebe Emma, ich muß Dich auf ein wichtiges Ereigniß aufmerksam machen, von welchem Marion noch nichts wissen darf,« sagte er.

»Was ist es?

»Du wirst in Herrenbegleitung nach Berlin zurückkehren.«

»Natürlich! Du fährst doch wohl mit!«

»Noch Einer.«

»Fritz!«

»Noch Einer.«

»Schneffke?

»Noch Einer.«

»Du meinst Deep-hill?

»Ja, aber noch Einen.«

»Ich weiß weiter Keinen.«

»Ich meine Den, welchen ich heute befreit habe.«

»Auch er will nach Berlin?«

»Ja. Ich wünsche, Dich ihm vorzustellen. Hast Du Zeit?«

»Jetzt gleich?«

»Ich möchte es nicht für später aufschieben.«

»So komm!«

Sie gingen. Als sie bei ihm eintraten, befand er sich noch auf seinem Sitze. Ein wohliges Lächeln schwebte auf seinem eingefallenen, leidenden Angesichte. Bart und Haar waren in Ordnung gebracht und nun machte er einen ehr-


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würdigen und sogar vornehmen Eindruck. Als er die Beiden erblickte, streckte er Müllern die Rechte entgegen und sagte:

»Mein Retter! Nun ich mich von den schlimmen äußeren Anhängseln des Elendes befreit sehe, fühle ich doppelt, was ich Ihnen zu danken habe. Wen bringen Sie mir da?«

»Eine Freundin dieses Hauses, Miß Harriet de Lissa, welche wünscht, Ihnen ihre herzlichste Theilnahme zu erweisen.«

»Ich danke Ihnen, Miß! Es thut unendlich wohl, in ein gutes Menschenantlitz blicken zu dürfen, nachdem man über ein Dezennium hinaus nur die Züge eines teuflischen Schurken gesehen hat. Nehmen Sie Platz!«

Dabei war sein Auge mit sichtlichem Wohlgefallen auf das schöne Mädchen gerichtet.

»Sie meinen Capitän Richemonte?« fragte sie.

»Ja. Ihm habe ich und haben all die Meinen unser ganzes Unglück zu verdanken.«

»Er scheint der Teufel mehrerer Familien gewesen zu sein. Ich lernte in Berlin eine Familie kennen, die er mit wirklich satanischer Lust verfolgt hat und auch wohl noch verfolgt.«

»In Berlin?« fragte er, aufmerksam werdend. »Darf ich den Namen dieser Familie wissen?«

»Königsau.«

Sein Gesicht nahm fast eine rothe Färbung an.

»Königsau!« sagte er. »Sind Ihnen die Glieder dieser Familie bekannt?«

»Ja.«

»Es gab einen Königsau, welcher ein Schützling des berühmten Blücher war.«

»Ja, das ist Großvater Königsau.«

»Und sein Sohn?«

»Der ist spurlos verschwunden.«

»Hat man nicht nach ihm geforscht?«

»O, wie sehr! Leider aber vergeblich.«

»Lebt seine Frau noch?«

»Nein. Sie ist kürzlich gestorben.«

Er nagte einige Zeit lang an der Lippe, um nicht merken zu lassen, wie ihn diese Botschaft erschüttere. Dann sagte er:

»Vielleicht irren Sie sich, Miß? Sie war eine geborene Gräfin Ida de Rallion.«

»Ja, sie ist es doch; ich weiß es ganz genau,« antwortete sie traurig. »Auch Sie scheinen die Familie zu kennen?«

»Vor Jahren stand ich ihr sehr nahe. Ich glaube, Gebhardt von Königsau hatte zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen?«

Sie nickte ihm bejahend zu. Darum fragte er weiter.

»Leben sie noch?«

»Sie leben Beide.«

»Ich möchte wohl wissen, was aus ihnen geworden ist.«

»Nun, Richard, der Sohn, ist Rittmeister bei den Gardeulanen.«

»Ah, das läßt sich hören!« sagte er, indem sein Gesicht sich freudig aufhellte. »Hat er Aussicht auf Avancement?«

»Man sagt, daß er das Vertrauen seiner Oberen in ausgezeichneter Weise besitze.«

»Das freut mich herzlich. Und die Tochter? Hieß sie nicht Emma?«

»Ja.«

»Sie wird sich längst verheirathet haben!«

»Nein; sie ist noch unvermählt. Ich glaube, gehört zu haben, daß sie sich das Versprechen gegeben hat, jede Verbindung, selbst die glücklichste von sich zu weisen, falls ihr verschwundener Vater verschollen bleibt.«

»Das gute Kind! Sie braucht nicht zu entsagen, denn ihr Vater kehrt zurück.«

»Wie? Er kehrt zurück?« fragte sie hastig.

»Ja,« lächelte er. »Ich bin überzeugt davon.«

»Mein Gott! Haben Sie Grund, dies zu sagen?«

Er nickte ihr lebhaft zu und antwortete:

»Sogar einen sehr guten Grund.«

Da sprang sie von ihrem Sessel auf und bat schnell:

»Sagen Sie ihn! O bitte, sagen Sie ihn sogleich!«

»Sie scheinen dieser Familie eine sehr große Theilnahme zu widmen?«

»O, die größte, welche es giebt!«

»Das macht mich stolz und dankbar zugleich, da ich ein Glied derselben bin.«

»Sie?« fragte sie erstaunt.

»Ja. Verzeihen Sie, daß ich Sie ausforschte, ohne Ihnen meinen Namen vorher zu nennen. Ich bin nämlich Gebhardt von Königsau.«

Sie stand vor ihm, wie zu einer Statue der Bestürzung, der höchsten, unbeschreiblichsten Ueberraschung erstarrt. Ihre Augen waren weit geöffnet. Ihre Lippen ließen die weißen, blitzenden Zähne sehen; ihre Arme waren bewegungslos ausgestreckt.

»Was ist Ihnen, Miß?« fragte er.

Das gab ihr die Sprache zurück.

»Gebhardt von Königsau wären Sie?« fragte sie.

»Ja.«

Da trat sie auf Müller zu, faßte ihn am Arme und fragte auch ihn:

»Ist es wahr, wirklich wahr?«

Er mußte seine ganze Kraft zusammennehmen, um nicht laut aufzuschluchzen.

»Ja,« nickte er.

»Vater, mein Vater! Mein theurer, theurer Vater.«

Mit diesem Ausrufe flog sie auf ihn zu und schlang die Arme um ihn. Sie drückte ihn an sich, immer und immer wieder und küßte ihm dabei die Hände, die Augen, Mund, Stirn und Wangen.

Er wußte nicht, was ihm geschah. Er war zu schwach, sich dieser stürmischen Liebkosungen zu erwehren. Er ließ sie über sich ergehen, ohne Widerstand leisten zu können. Aber ein unbeschreiblich seliges Gefühl wollte sein Herz fast sprengen lassen.

»Vater, Vater! O Du armer, lieber, guter Vater!« fuhr sie fort, ihn mit beiden Händen streichelnd. »Was hast Du gelitten und was haben wir uns um Dich gesorgt! Nun aber ist Alles, Alles gut!«

Dabei drückte sie seinen Kopf an ihr Herz und küßte ihn abermals auf die Stirn.

»Aber, Miß de Lissa, was hat das zu - -«

»Miß de Lissa!« jubelte sie auf. »So heiße ich nur hier! Ich bin Emma von Königsau, Dein Kind, Deine Tochter!«


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»Wirklich? Wirklich?« jubelte nun auch er.

»Ja, ja; Du kannst es glauben.«

Da schlang er die Arme um sie und schluchzte:

»Mein Kind, mein gutes, süßes, schönes Kind!«

Die Sprache versagte ihm. Er weinte, als ob ihm das Herz brechen wolle. Emma streichelte ihm die Thränen von den Wangen. Dabei fiel ihr Blick auf Müller, welcher das Gesicht an den Kaminsimms gelehnt und ebenso weinte wie sie Beide. Warum gab er sich nicht zu erkennen? Hielt er den Vater für zu schwach, das doppelte Glück zu ertragen?

Auch ihrem Vater fiel trotz seiner Thränen die tiefe Bewegung seines Retters auf.

»Herr Doctor,« stammelte er, »Sie sehen, welch ein Glück Sie uns gebracht haben. Ich kann es Ihnen nie vergelten!«

»O doch, doch,« schluchzte Müller.

»Nein, nie!«

»Ja, Vater, er hat Recht; Du kannst es vergelten, und wie leicht!« sagte Emma. »Welch eine Fügung, daß gerade er Dich befreien mußte, er, er!«

»Wieso eine Fügung?«

»Sieh ihn doch an! Ahnst Du nichts?«

»Ahnen? Mein Gott, was soll ich ahnen? Kenne ich eine Familie Müller, welche - -?«

»Und auch er heißt nicht so, auch er läßt sich nur so nennen!«

»Herrgott! Wären Sie - wärst Du etwa - - Richard?«

Er breitete die Arme aus.

»Vater!«

Sie hielten sich umschlungen; sie sagten kein Wort mehr, diese Drei; sie bildeten im Uebermaße ihres Glückes eine still weinende Gruppe. Endlich, nach längerer Zeit schob der Vater seine Kinder sanft von sich, trocknete sich tief aufathmend die Thränen und fragte:

»Richard, hattest Du meinen Namen da drunten im unterirdischen Gang nicht gehört?«

»O doch!«

»Du wußtest es, daß es Dein Vater war, den Du befreitest?«

»Ja.«

»Warum verschwiegst Du es? Warum gabst Du Dich nicht zu erkennen?«

»Es wollte mir zwar das Herz abdrücken; aber ich mußte schweigen, weil ich noch nicht wußte, ob Du stark genug sein würdest und weil Marion es nicht wissen durfte.«

»Warum nicht?«

»Sie darf nicht wissen, daß ich ein Königsau bin.«

»Ich achte Deine Gründe, auch ohne sie zu verstehen. Du bist Offizier und mußt - -«

Er schwieg plötzlich. Sein Auge verlor den Glanz, der es jetzt belebt hatte. Dann fragte er mit tonloser Stimme:

»Richard, bist Du wirklich Rittmeister - Offizier?«

»Ja, Vater!«

»Aber diese Gestalt! Dieser, dieser, dieser - - Du warst als Knabe so wohlgewachsen!«

»O, ich bin es auch noch,« lachte Richard.

»Aber - ich begreife nicht!«

Da neigte sich der Rittmeister zu ihm nieder und sagte leise, leise:

»Ich habe ihn nur angeschnallt.«

»Den Buckel?«

»Ja, den Buckel. Und dieser dunkle Teint ist nur vom Safte der Walnußschaale.«

»Wozu diese Comödie?«

»Ah, Du kannst noch nichts davon gehört haben. Wir stehen vor einem Kriege mit Frankreich -«

»Gott sei Dank! Jetzt werden wir alle Scharten auswetzen! Geht es bald los?«

»Vermuthlich. Ich bin als Eclaireur hier, als Erzieher auf Schloß Ortry.«

»Welch eine Himmelsfügung!«

»Heute aber erhielt ich die Depesche, welche mich nach Hause ruft.«

»Wir fahren zusammen. Aber als was ist Emma hier?«

Der Rittmeister wollte antworten, sie aber legte ihm erröthend die Hand auf den Mund und sagte:

»Auch als Spionin, lieber Vater. Wir werden Dir Alles später erklären.«

»Das ist freilich nothwendig; ich muß doch Alles kennen lernen, was Euch betrifft, denn - -«

Er hielt inne, denn die Thür öffnete sich und Deep-hill trat ein. Er bemerkte die trauliche Gruppe; er sah die freudige Erregung aus ihren Augen leuchten.

»O, bitte um Entschuldigung,« sagte er, im Begriff, sich schnell wieder zurückzuziehen.

»Nein; bleiben Sie!« rief ihm der Rittmeister entgegen. »Sie stören nicht, sondern Sie sind uns im Gegentheile sehr willkommen!«

Da zog der Amerikaner die Thür hinter sich zu und sagte:

»Ich hörte den Bericht von der Befreiung eines Opfers dieses höllischen Capitäns und kam herbei, um meine lebhafteste Sympathie auszudrücken.«

»Für welche wir alle Drei Ihnen herzlichst danken! Baron Guston de Bas-Montagne - Gebhardt von Königsau, unser lieber, wiedergefundener Vater.«

Königsau verbeugte sich höflich, der Amerikaner aber war so betreten, daß er vergaß, es auch zu thun.


Ende der neunundneunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Die Liebe des Ulanen

Karl May - Leben und Werk