Lieferung 107

Karl May

11. August 1888

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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Od, dessen Rolle der Krickelanton sang, entgegnete, daß er Freya noch nie gesehen habe und erhielt zur Antwort, daß er sofort in Liebe zu ihr entbrennen werde, wenn sie erscheine. Heimdall pries die Unvergleichliche und sagte Od, daß er vor ihrer himmlischen Schönheit förmlich erschrecken werde.

In einem Recitativ gab Od zu verstehen, daß keine Schönheit ihn erschrecken könne und noch während er dies behauptete, fuhr er doch aufs Höchste erschrocken zurück, nicht etwa, weil das in seiner Rolle lag, sondern aus wirklichem Schreck.

Freya erschien nämlich, und er erkannte natürlich die Leni.

Ihr Auftreten rief, noch ehe sie die Lippen geöffnet hatte, eine rund um sich greifende Bewegung im Publikum hervor. Und mit vollem Rechte. Eine solche Erscheinung war wohl noch nie auf den Brettern gesehen worden.

Schön, lieblich und erhaben stolz zugleich, schritt sie, ohne Od eines Blickes zu würdigen, bis zur Mitte der Bühne vor und begann zu singen.

Sie trug das lang herabwallende, schneeweiße nordische Göttergewand, welches auf der einen Seite im Schlitz aufgerafft war, so daß man das herrliche, rechte Bein bis zum Knie herauf sah. Es war mit Sandalen bekleidet, von welchen aus sich goldene Spangen um die Wade emporschlangen. Auf den Schultern gerafft, gab es die schneeigen, vollen Arme blos, an welchen demantene Ketten und Ringe erglänzten. Um den prächtigen Busen legte sich 'Brisingamen', der göttliche Brustschmuck der nordischen Mythologie, blitzend von echten Brillanten, Rubinen, Sapphiren, Smaragden, Topasen und anderem Edelgestein. Auf dem Haupte saß der funkelnde Helm, unter welchem die dunkle Fluth des Haares, dieses echten Haares, hervorquoll und fast bis auf den Boden reichte.

Wie sie so dastand, war sie wirklich eine göttergleiche Erscheinung, deren Augen ebenso wie die Demanten durch den Raum blitzten, stolz, selbstbewußt und doch so freundlich mild.

Ein Sturm des Beifalles rauschte durch den Zuschauerraum. Selbst der König erhob sich für einen Augenblick, von ihrer packenden Schönheit überrascht.

Aus der Fremdenloge blickte Graf Senftenberg herab. Seine Gefühle waren unbeschreiblich. Dieses entzückende Wesen war sein, sein, sein! In diesem Worte lag eine ganze Welt voll Seligkeit.

Und der Krickelanton? Der stand da, mit dem Oberkörper zurückgebeugt und sie wie eine überirdische Erscheinung anstarrend. Wenn er jetzt zu singen gehabt hätte, er hätte nicht einen einzigen Ton hervorgebracht. War denn das wirklich die Muhrenleni, vor der er heut noch ausgespuckt hatte? Konnte diese so schön, so unsagbar schön sein?

Aber fast noch mehr erschrak er über die Gewalt und den unbeschreiblichen Wohllaut ihrer Stimme, als sie jetzt die Arie begann:

»In tiefer, stiller Menschenbrust
   Da lebt der Liebe süßes Walten.
Der Göttin ist sie unbewußt;
   Ihr muß das heiße Herz erkalten.«


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Als sie geendet hatte, war der Beifall gradezu phänomenal.

Indessen hatte Anton seine Selbstbeherrschung wieder erlangt und konnte das Terzett mit ihr und Odyn beginnen. Er wurde von dem Gotte mit ihr vermählt, und dann fiel der Vorhang.

Die Sängerin mußte fünfmal heraus. Das Publikum schien in seinem Beifalle gar kein Ende finden zu können.

Dann aber spielte sich hinter der Scene eine zwar kurze aber hitzige Scene ab.

Leni wollte sich nach ihrer Garderobe begeben. Da trat ihr Anton in den Weg.

»Leni, Leni!« rief er. »Du bist es - Du!«

»Mit wem sprechen Sie?« fragte sie, ihn strafend anblitzend.

»Mit Dir natürlich, mit Dir!«

»Ich kenne Sie nicht!«

»Du kennst mich, Du kennst mich. Du willst mich nur nicht kennen! Wer hätte gedacht, daß die Muhrenleni - - -«

»Es sich gefallen lassen muß, daß ein einstiger Wilddieb vor ihr ausspuckt!« fiel sie ihm in die Rede.

»Verzeihe es! Ich ahnte doch nicht - - -«

»Mögen Sie geahnt oder nichts geahnt haben, Ihr Verhalten war ein gemeines, ein niederträchtiges!«

»Nicht so, Leni, nicht so! Ich fühle, daß ich Dir Unrecht that. Aber ich fühle auch, daß ich Dich trotz Allem heut noch liebe, heiß und unsagbar liebe. Diese Liebe ist, als ich Dich vorhin sah, von Neuem erwacht und riesengroß wie ein Flammenbrand in mir emporgewachsen. Sie muß mich verzehren, wenn Du unversöhnlich bleibst.«

»Liebe? Was nennen Sie Liebe? Die Ihrige ist kein reines, keusches, läuterndes Feuer, sondern ein rußender, qualmender und erstickender Pechqualm, vor welchem man sich hüten muß. Wir haben unsere Rollen zu singen und zu spielen, sonst aber kennen wir uns nicht!«

»Leni, ich erkläre Dir, daß - - -«

Er wollte vor ihr niedersinken.

»Halt, keine Scene!« unterbrach sie ihn. »Sie können nie bei mir Erhörung finden, nie, nie, nie! Merken Sie sich das, und denken Sie an den Carnevalsabend in Wien, an welchem Sie mit Ihrer Valeska in der verschlossenen Loge saßen und über mich spotteten! Sie Beide waren einander werth. Die Tänzerin sitzt im Zuchthause, die Tänzerin, die den Einbrecher liebte und Sie nur zum Narren hielt, und Ihre Zukunft, welche wird es sein, wenn Sie sich nicht ändern? Mir graut vor Ihnen und vor ihr!«

Sie wandte sich ab und verschwand in ihrer Garderobe. Er starrte nach der Thür derselben, ballte die Fäuste, drückte sich dieselben an die Stirn und murmelte zähneknirrschend:

»Anton, Anton, Du hast einen Himmel von Dir gestoßen! Aber noch ist


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nicht Alles verloren. Sie hat mich geliebt, und so eine Liebe stirbt nicht; das fühle ich jetzt deutlich in mir. Sie muß mich wieder lieben!«

Und unten in den zwei verborgensten Eckplätzen des Parkets saßen seine Eltern. Sie waren noch nie in ihrem Leben in einem Theater gewesen und fühlten sich vor Bewunderung starr und steif.

»Mutter,« flüsterte er ihr zu, »hast Du so was für möglich halten?«

»Nein, nie!«

»Ich bin ganz weg. Mir steht das Maul auf. Ich muß mir Mühen geben, daß ichs wiederum zubringen thu.«

»Und mir ists, als sei ich im Himmelreich.«

»Und doch warens lauter Götzen.«

»Nicht Götzen, sondern Göttern. Dera Herr Pfarrern hat es uns doch unterwegs derklärt.«

»Ja so! Ob das Alles so geschehen ist!«

»Ja, wer das wissen thät.«

»Dera geistliche Herr sagt, das wären die Gottheiten von Schweden und Norwegen und Deutschland gewest. O Sappermenten, muß das ein Himmel gewest sein.«

»Der gefallt Dir wohl?«

»Hast denn nicht die Göttin sehen und auch singen hört? Wie schön war die, wie schön!«

Er faltete die Hände.

»Die thätst wohl gleich heirathen?«

»Auf dera Stell, gleich vom Teller weg!«

»O Du alter, sakrischer Bub! Jetzund ist Dir wohl Deine Frauen nicht mehr schön und gut genug!«

»Ach, red nicht so! Das ist doch was ganz Anderes. An so eine Göttin dürft Unsereins nicht denken, selbst wann man noch mal jung und ledig wär!«

»Hast sie denn richtig anschaut?«

»Ja.«

»Und sie auch erkannt?«

»Sie hat ein Gesicht habt fast wie die Leni.«

»Die wars ja auch!«

»Was? Die Leni? Du, ist die denn wirklich gar so schön und fein?«

»Was fragst noch! Hasts ja sehen!«

»Wer hätt das denken konnt! Die Muhrenleni! Und welch eine Stimm!«

»Ja, so schön ist meine nicht!«

»Sei stark, Frau! Wirst doch nicht etwa gar eifersüchtig sein wollen!«

»Gar nicht! Du wärst der Richtige, der einer Andern den Kopf verdrehen thät!«

»Jetzund nicht mehr, aberst früher!«

»Schweig! Denk lieber an ein ruhig End als an solche Dingen! Hast


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auch den Gott sehen, der da links stand und so verschrocken that, als sie kam? Er ist ihr Mann worden?«

»Den hab ich wohl sehen.«

»Nun, wer wars?«

»Fast hat er Aehnlichkeit mit unserm Anton habt.«

»Er wars ja selberst!«

»Wie? Was? Der Anton wärs gewest?«

»Jawohl.«

»Das kann ich mir nicht denken!«

»Er ist ja Sänger und spielt im Theater!«

»So meinst wirklich, daß ers war?«

»Ganz gewiß!«

»Du, dann können wir mal stolz sein! Dera Anton ein Gott! Und was hat er für ein Gewandl habt!«

»Ja, er ist alleweil ein sauberer Bub.«

»Nun haben wir ihn sehen und wissen genau, daß er da ist. So werden wir wohl auch mit ihm reden dürfen.«

»Gar wohl. Wir wollens dem Grafen sagen, der ihn heut noch nicht funden hat.«

»Ist der auch hier?«

»Ja, da oben schaut er aus dera Kapellen heraus. Guck, er nickt uns zu!«

»Ja, er ist ein gar freundlicher Herr!«

- - Schon begann die Introduction zum zweiten Acte. Derselbe spielte in Od's Felsenburg. Der Gang der Handlung war einfach. Od hatte seiner Gemahlin Freya die Treue gebrochen und eine Geliebte in seine Burg genommen. Diese umstrickte ihn so, daß er Freya verstieß.

Anton spielte seine Rolle meisterhaft. Liebe und Wuth, Entzücken und Reue tobten in ihm. Hatte er nicht auch Leni verstoßen? Hatte sie ihn nicht angefleht damals grad wie jetzt?

Und ganz ebenso gab Leni ihre Rolle geradezu hinreißend. Sie gedachte der Zeit, in welcher Anton von ihr gegangen war, in welcher der Schmerz um ihn in ihr genagt hatte. Der Rolle gemäß mußte sie vor dem Ungetreuen niederknieen, um ihn um Entfernung der Nebenbuhlerin zu bitten. Seine Antwort war, daß er sie verstieß und vor die Götterburg bringen ließ. Bereits am Thore derselben stehend, wandte sie sich noch einmal um, erhob verzweifelnd ihre Hände und sang:

»Stirb, meine Seele, brich, mein Herz!
   Tor*), wirf den Blitz mir an die Stirn!
In meinen Adern rast der Schmerz,
   Und Wahnsinn tobt mir durch das Hirn!«

Dann wurde sie hinausgeschleift. Das war so überwältigend gegeben, daß die Zuschauer sich von tiefem Grauen gepackt fühlten.

*) Tor war der Gott des Donners und Blitzes.


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»Du,« flüsterte der alte Warschauer seiner Frau zu. »Mit dem Anton bin ich gar nimmer zufrieden.«

»Warum?«

»Weil er sich an das andre Weibsbild hangen hat und die Leni verstößt. Eine Schönere und Bravere kann er doch gar nimmer bekommen!«

»Ja, ich weiß auch nicht, was er denkt.«

»Wir müssen ihm den Kopf zurecht setzen, wann wir mit ihm reden!«

»Das müssen wir freilich, und zwar richtig und gehörig. Er muß den Verstand verloren haben!«

»Das möcht man fast denken!«

»Er hat schon damals so schlimm an ihr handelt, und nun thut ers wieder, wo sie doch tausendmal schöner ist als früher!«

»Und sogar seine Frau!«

»Ist sie das?«

»Ja. Hasts denn nicht sehen und hört, daß dera alte oberste Gott mit dem langen Bart, dens Odyn nennen, sie mit nander zusammenthan hat?«

»Das war eine Trauung?«

»Freilich!«

»Was! So sind sie nun richtig Mann und Frau worden?«

»Natürlich.«

»So könnens doch gar nie wieder von einander gehen, wanns so ist!«

»Nein. Geschieden werdens nicht, dazu werdens wohl keine Dispensionen bekommen. Und wenn er sie dennoch fortjagt, so wird ihn das Gericht zwingen, daß er ihr das Kostgeld bezahlt.«

»So begreif ich gar nicht, daß der talkete Bub sich das gar nicht überlegt!«

»Weißt, er ist noch zu jung und zu hitzig. Wann wir ein verständiges Wort mit ihm reden, wird er sie wieder zu sich nehmen. Das arme Schlankerl kann mir leid thun, die Leni! So jung, so schön, so gut und brav und doch schon verstoßen!«

»Und dazu so rasch! Vor einer halben Stund ist sie seine Frau worden, und schon steckt er sie zur Thür hinaus!«

»Gräm Dich noch nicht! Wir werden schon derfahren, wohin sie ist. Nachhero suchen wir sie aufi und bringens ihm zurück. Und wann er nicht will, so geben wir ihr die zweihundert Gulden, die wir noch übrig haben.«

»Ja, da hast Recht. Sie hat sie uns doch erst schickt, und damit reicht sie schon eine Zeit lang aus.«

In dieser Weise betrachteten diese guten, einfachen Leute die Sache. Sie nahmen das Leben auf den Brettern für die reine Wirklichkeit.

Im dritten Acte sieht man Freya zwischen einsamen, wirren Felsenbrocken sitzen. In der Ferne wogt das Meer.

Sie klagt über ihr Unglück, und trostlos klingt es von ihren Lippen:

»Meine Hoffnung ist gestorben
   Längst schon vor dem Abendroth,
Jede Blüthe mir verdorben,
   Und mein Sein sinkt in den Tod.«


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Heimdall schwebte hernieder.

Da röthet sich über den Meeresfluthen der Himmel, ein Strahlenkranz beginnt zu leuchten, und aus demselben schwebt Heimdall, der lichte Gott hernieder.

Er sieht die Trauernde und wendet sich zu ihr. Als sie zu ihm aufschaut, erkennt er Freya, die er liebte und noch liebt und die ihm von Odyn versagt wurde.

Sie erzählt ihm, daß sie verstoßen worden sei, unschuldig verstoßen, und er schwört, sie zu rächen.

Der Zwiegesang der Beiden war überreich an packenden Momenten. Der Componist hatte bewiesen, daß er eines solchen Dichters würdig sei. Kein Auge blieb ohne Thränen.

Da kamen auf segelblähendem Schiffe die Götter herbei. Sie stiegen an das Land und gewahrten diese Beiden. Od, der Ungetreue, war dabei. Odyn erkannte Freya und fragte, was sie hier am äußersten Ende suche. Heimdall antwortete an ihrer Stelle und erklärte, daß er geschworen habe, sie zu rächen. Er forderte Od zum Kampfe auf, und Odyn gab seine Erlaubniß dazu.

Die Götter und Göttinnen gruppirten sich im Halbkreise. Die beiden Feinde traten hervor. Heimdall erklärte, daß Freya der Preis sei, um den er kämpfe, und nun begann das Ringen der beiden göttlichen Recken.

Heimdall blieb Sieger. Od sank in die Kniee und wäre von seinem Gegner getödtet worden. Da aber schleuderte der Donnergott Tor seinen Hammer zwischen sie. Blitze zuckten rundum, und Odyn erklärte, daß ein Gott nicht sterben dürfe.

Freya hatte dem Kampfe zugeschaut, der ihre tiefste Seele erregte. Ihr Busen wogte; ihr Athem ging stockend; ihr Fuß zuckte vorwärts oder rückwärts, je nach dem Stande des Kampfes. Ihr Blick war nur gerichtet auf Heimdall, den Herrlichen. Plötzlich, plötzlich, blitzesschnell stieg es in ihr auf, daß sie nicht geliebt habe aber jetzt liebe, den Gott, der für sie und um sie kämpfte.

Sie wurde ihm zugesprochen und fiel in seine Arme. Voller Entzücken brach sie in Wonnetöne aus und endete mit den Worten:

»Nun wird es wieder licht um mich
   Nach langer, grabesdunkler Nacht;
Die Liebe strahlt um mich und Dich,
   Und tausend Sonnen sind erwacht!«

Aber bei den letzten Worten: »Die Liebe strahlt um mich und Dich«, blickte sie nicht, wie es ihre Rolle mit sich gebracht hätte, Heimdall an, in dessen Armen sie lag, sondern ihr Auge suchte den Geliebten, den Grafen Senftenberg.

Er sah es. Er sah ihren Blick voll unendlicher Innigkeit auf sich leuchten und preßte sich die Hände auf die Brust.

Er hätte am Liebsten zu ihr hinab auf die Bühne springen und sie an sein Herz reißen mögen vor allen Leuten.


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Das Stück war aus und der Vorhang fiel. Der Beifall war fast beispiellos.

Die Künstler mußten wieder und immer wieder erscheinen, und die Leni wurde mit Blumen und Kränzen fast überschüttet. Sie konnte in ihnen förmlich waden.

Da rief eine Stimme:

»Der Componist heraus!«

Eine andere fügte hinzu:

»Der Dichter heraus!«

Sofort fielen alle Stimmen ein. Nur eine augenblicklich kurze Pause trat in diesen Ausrufen ein, da hörte man eine dritte Stimme:

»Der Baumeister hervor, und der Maler heraus!«

Jubelnd wurde das von Hunderten wiederholt. Man schwieg nicht eher, als bis der Aufforderung Folge geleistet wurde.

Sie erschienen alle Vier zu gleicher Zeit: Der Fex, der einstige Lehrer Max Walther, Rudolf von Sandau und der Elephantenhanns.

»Bravo! Hoch, hoch, hoch!« erschallte es durch das ganze Haus.

Sie verbeugten sich und wollten abtreten. Da wurde gerufen:

»Da bleiben! Kränze her! Lorbeeren für die Künstler.«

»Lorbeeren, Kränze, Kränze!« stimmten Alle ein.

Da traten vier weißgekleidete, schöne Frauengestalten aus den Coulissen, die Geliebten der vier Künstler, welche Letztere die Kränze in Empfang nahmen, der Fex von seiner Paula, Max Walther von der Silbermartha, Baumeister Rudolf v. Sandau von Milda v. Alberg und der glückstrahlende Elephantenhanns von der schönen Italienerin Anita.

Von diesem Arrangement hatten die Empfänger nichts gewußt. Das gab einen Jubel auf der Bühne und im Publikum, der gar kein Ende nehmen wollte, bis der Maschinist sich weigerte, den Vorhang wieder zu heben.

Alle Welt war gesättigt und entzückt von diesem einzigen Kunstgenuß, und nur langsam leerte sich das Theater.

Die oben erwähnten Inhaber des Parketes hatten Weisung erhalten, nicht fort zu gehen, sondern sitzen zu bleiben. Sie folgten diesem Gebote ohne den Grund desselben zu ahnen.

Als der Raum vollständig leer war, trat der Director vor die Gardine und meldete:

»Seine Königliche Majestät haben allergnädigst geruht zu befehlen, daß für die noch anwesenden Herrschaften ein kleiner, intimer Festball arrangirt werde.

Es ist dabei Wunsch Seiner Königlichen Majestät, daß die herkömmlichen Standesschranken fallen und ein herzliches, freundliches Einvernehmen zwischen allen Damen und Herren erzielt werde.

Ballkarten sind von der Logenschließerin in Empfang zu nehmen.

Für die anzurichtende Festtafel ist keine Bestimmung über die Reihenfolge der Plätze getroffen. Herr Joseph Brendel, genannt der Wurzelsepp, wird präsitiren. Die anderen Herrschaften können sich nach Wunsch plaziren. Toaste


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sind natürlich erbeten und gern gestattet. Weinkarten liegen auf, damit ein Jeder beliebige Wahl treffen könne und ist überhaupt gewünscht, daß Jedermann sich nach eigenem Gusto bewegen und vergnügen möge!«

Diese Bekanntmachung, von welcher nur Wenige vorher gewußt hatten, wurde sowohl im Parket als auch hinter dem Vorhange mit Jubel aufgenommen.

Das hatte dem heutigen Abende gefehlt. Man kannte sich ja, man liebte sich, und diejenigen, welche sich noch nicht gesehen hatten, konnten sich einander nähern.

Die drei zur berühmten 'Wenzelei' gehörigen Musiker steckten die Köpfe zusammen.

»Hört,« fragte der Clarinettenmenzel, »habt Ihr's auch verstanden?«

»Es war ja deutlich genug,« antwortete der Posaunenwenzel.

»Ein Fressen solls geben mit Tanz und Wein,« nickte der Violonfrenzel.

»Ob wir auch mit gemeint sind?«

»Man sollts doch denken!«

»Ich denks ganz sicher. Es hat ja geheißen, alle Anwesenden, und wir sind ja anwesend.«

»Das ist freilich wahr, aberst es fragt sich, was wir dabei zu thun bekommen.«

»Natürlich essen und trinken.«

»Oder auch nicht. Vielleichten hat man uns nur kommen lassen, damit wir die Musiken zum Ball blasen sollen.«

»Da haben wir doch unsere Instrumenten nicht mit, und die hätten wir doch mitbringen müssen!«

»Das ist nicht nöthig, das ganze Orchester liegt ja voller Instrumenten.«

»Hm! Wenn mans nur genau wüßt!«

»Am Besten ists, wir fragen, damit wir keinen Fehlern machen.«

»Ja, und da kommt grad der Richtige, an den wir uns wenden können!«

Der Sepp trat nämlich vom Corridor herein. Der Clarinettenmenzel näherte sich ihm von der Seite und sagte:

»Mit Verlaub, Herr Sepp! Sie haben bei der Tafel den Vorsitz?«

»Ja.«

»Da wissen Sie auch, wer mit speisen darf.«

»Ei freilich!«

»Sind auch wir dabei, die Wenzelei?«

»Versteht sich!«

»Wir haben gedacht, daß wir zum Balle spielen sollen.«

»O nein,« lachte der Alte. »Dazu haben wir andere Kräfte, die Theaterkapelle.«

»Na, wir könnens auch,« erklärte Menzel, halb und halb beleidigt.

»Das wissen wir. Aber Sie sind Gäste. Wenn Sie uns bei der Tafel eine Probe Ihrer Kunst zum Besten geben wollen, so wird es uns freuen.«


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»Das werden wir thun; ja ja, das thun wir, und Sie sollen staunen.«

Jetzt mußten die Gäste des Parketes zurück um Platz für die Verlängerung des Podiums zu machen. Dabei nahm der Sepp die alten Warschauers an sich und führte sie in ein entlegenes Stübchen, wo er sie bat, zu warten, bis er sie holen werde.

»Warum sollen wir nicht bei denen Uebrigen bleiben?« fragte der Alte.

»Weil Ihr den Anton sehen sollt.«

»Hier?«

»Nein. Ich bring Euch nachhero hin.«

»Das gefreut uns sehr! Aber sag doch mal: Er hat kämpft. Ist er verwundet?«

»Nein.«

»Aber die Leni hat man ihm nommen?«

»Freilich.«

»Die hat nun dera andere Gott?«

»Jetzt nicht mehr.«

»Aberst sie ist ihm doch zusprochen worden!«

»O, das ist ja Alles nur zum Schein. Das wird nur spielt, und wanns aus ist, geht ein Jeder seinen vorigen Weg.«

Er ließ die Alten kopfschüttelnd zurück.

Der Anton hatte während des Spieles seine Eltern nicht gesehen; er ahnte gar nicht, daß sie hier seien. Nach Erlaß der Bekanntmachung ließ er sich von einem der Logenschließer die Tanzkarte geben. Er ging eben die Tanzfolge durch, als die Leni kam, um sich auch eine Karte geben zu lassen. Als sie ihn erblickte, wollte sie umkehren. Schnell aber stand er bei ihr.

»Leni,« sagte er. »Du mußt mir einen Tanz geben!«

»Wie? Ich muß?«

»Ja. Wenn Du es nicht thust, störe ich das ganze Vergnügen. Dann ist mir Alles egal.«

»Sie wollen mich also zwingen!«

»Ja. Aus Rücksicht auf das Allgemeine müssen Sie meinen Wunsch erfüllen!«

Sie blitzte ihn mit zornigen Augen an und sagte, verächtlich die Achsel zuckend:

»Wenn Sie meinen, daß ich mich zwingen lasse, irren Sie sich sehr.«

»So tragen Sie die Schuld, wenn den Anderen das Vergnügen verdorben wird.«

»Nein, Sie tragen sie. Uebrigens können Sie versichert sein, daß Sie gar keine Störung bereiten werden. Der König ist noch da, und wenn Sie so frech sein sollten, gemein zu handeln, was ich Ihnen allerdings ganz gern zutraue, so wird der Director Sie einfach hinauswerfen lassen: Ich werde Sorge tragen, daß man sich sofort darauf vorbereitet. Polizisten sind ja stets zu haben.«

Sie wollte fort. Er aber ergriff sie am Aermel des Gewandes.


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»Leni, hassest Du mich denn wirklich?«

»Nein, aber ich verachte und bemitleide Sie. Das ist bekanntlich schlimmer als Haß.«

»Leni, gieb mir einen Tanz!«

»Nein!«

»Thu es um meiner Eltern willen, auf die Du so viel hältst!«

»Und die Sie verhungern lassen!«

»Ich habe ihnen oft geschickt!«

»Das ist Lüge. Aber gut! Um Ihrer Eltern Willen will ich einen Tanz notiren, aber nur einen.«

»Welchen? Den ersten, die Polonaise?«

»Nein. Die gehört meinem Sepp.«

»Dann den zweiten, den Walzer!«

»Schön!«

Sie ließ sich eine Karte geben und schrieb neben den Tanz den Namen.

»Hier, sehen Sie!« sagte sie, ihm die Karte zur Ansicht zeigend.

Er las: Walzer - Warschauer.

»Schön!« sagte er. »Ich werde mich einfinden.«

Sie hörte das bereits nicht mehr; sie eilte möglichst schnell fort.

»Welch ein Mädchen!« murmelte er. »Sie hat es drin gehabt, ohne daß ich es ahnte. Na, einen Tanz hab ich. Das ist ein Anfang. Und bei Tisch werde ich neben ihr sitzen. Ich werde es so einzurichten wissen.«

Er zog sich mürrisch in eine Ecke zurück.

Während die Bühne und das Parkete für den Tanz eingerichtet wurden, hatten sich die meisten Anwesenden nach dem Foyer begeben, wo Gratiserfrischungen bereit standen, da suchten und fanden sich die Paare.

Rudolf von Sandau hatte sich vorgenommen, heut bei Milda das entscheidende Wort zu sprechen. Er hatte schon vorher Geld verdient; der Theaterbau hatte ihm eine bedeutende Summe eingebracht, und sein Name war jetzt so bekannt, daß er eine sorgenlose Zukunft erwarten konnte.

Er sah Milda in einem Fauteuil sitzen. Max Walther, ihr Stiefbruder, stand bei ihr. Er ging auf sie zu. Als Max dies bemerkte, entfernte er sich, indem er that, als ob er den Freund nicht kommen sehe.

»Endlich finde ich Muse, der Spenderin meines Lorbeerkranzes den wohlverdienten Dank zu sagen. Das war eine höchst angenehme Ueberraschung.«

Er gab ihr die Hand, die sie nur leicht berührte.

»Ich war dazu befohlen,« bemerkte sie.

Das klang so fremd, so kalt. Er sah sie genauer an, und nun fiel ihm die bleiche Farbe ihres Gesichtes und die müde Ungewißheit ihres Blickes auf.

"Milda, sind Sie unwohl?"

»Milda, sind Sie unwohl?« fragte er.

»Nein, nur müd.«

»Sie sind dieses Angegriffensein nicht gewöhnt, welches bei einer solchen Festivität unvermeidlich ist. Also befohlen waren Sie? Von wem?«


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»Von dem Könige.«

»Sie sind doch nicht seine Unterthanin.«

»Aber Königen gehorcht man stets.«

»Wenn Majestät es nicht gewünscht hätte, so wären Sie wohl nicht zu dieser Ehrendienstleistung bereit gewesen?«

»Wohl kaum.«

»Weshalb? Ach, ja! Die drei anderen Damen waren Ihnen nicht genehm.«

»Sie irren sich. Paula und Martha sind unschuldig an den Sünden ihrer Väter. Ihre Gesellschaft ist mir ganz angenehm.«

Er sah ihr tief in die Augen. Sie senkte den Blick. Er bemerkte, daß es schmerzlich um ihre Lippen zuckte.

»Milda, Sie sind wirklich krank,« sagte er. »Sie sind sehr unwohl. Nehmen Sie einen Mund voll frischer Luft. Bitte, lassen Sie mich Sie nach dem Garten begleiten!«

Er bot ihr den Arm und sie widerstrebte nicht. Es war ja besser, sich so bald wie möglich auszusprechen.

Er führte sie nach dem Garten, nach demselben Garten, in welchem damals der italienische Geigenvirtuos, Concertmeister Rialti so viel Pech gehabt hatte. Da begannen sie, langsam auf und ab zu gehen.

»Darf ich vielleicht erfahren, was sie so krank gemacht hat?« fragte er.

»Sie dürfen nicht blos, sondern Sie müssen es erfahren,« antwortete sie.

»Nun bitte!«

»Sie wissen, was mein Vater gesündigt hat, und daß ich die Ehre und das Vermögen eines Anderen herzustellen habe.«

»Ist es diese unglückliche Angelegenheit?«

»Ja.«

»Ich würde sie ruhen lassen.«

»O nein.«

»Sie werden niemals ihren Zweck erreichen. Diese Familie ist verschollen.«

»Das habe ich bisher geglaubt.«

»Bisher? Sie glauben es also nicht mehr?«

»Nein.«

»Haben Sie einen Grund dazu?«

»Ich habe eine Spur.«

»Ach! Wohin führt sie?«

»Von Amerika herüber nach Bayern.«

»Was Sie sagen.«

»Jener Herr von Sandau ist gestorben, und seine Wittwe ging mit ihrem Knaben nach Bayern, wo sie ein mehr als kärgliches Brod verdiente.«

»Milda!« rief er ganz betroffen aus. »Woher wissen Sie das? Wer hat es Ihnen gesagt?«


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»Davon später. Der Sohn wuchs heran und wurde ein braver, tüchtiger Mann. Er lernte mich kennen; er erfuhr, daß mein Vater den seinigen um seine Ehre, sein Vermögen und seine Freiheit gebracht hatte. Er konnte das Alles zurückfordern; er konnte mir Alles, Alles nehmen, auch die Ehre meines Namens. Er that es nicht, der Edle; er blieb arm; er behielt die Schande und schwieg. Was sagen Sie dazu?«

Rudolph antwortete nicht.

»Kennen Sie diesen jungen Mann?«

Erst nach einigen Augenblicken sagte er:

»Milda, da hat mir Jemand einen recht, recht unangenehmen Strich durch meine Rechnung gemacht. Wer es auch sei, ich muß ihm zürnen und möchte es ihm nie vergeben.«

»Wollen Sie gegen ihn unedler sein als gegen mich?«

»Sie haben Recht. Aber eingestanden, daß ich nicht blos Sandau, sondern von Sandau heiße, ist denn das für Sie so ein großer Grund, sich unglücklich zu fühlen?«

»Ja, ein sehr großer.«

»Warum?«

»Darf ich ganz offen sein?«

»Ich bitte darum!«

»Auch wenn das, was ich sage, nicht ganz weiblich zurückhaltend klingen wird?«

»Sprechen Sie getrost. Ich werde Sie nicht mißverstehen, jetzt nicht und überhaupt nie.«

»Wäre ein Anderer der Betreffende, so würde ich ihm Alles geben, was ich besitze, und dann mich meiner Armuth freuen. Mein Herz wäre dabei unbetheiligt.«

»Und jetzt? Ist es anders?«

»O, wie anders! Rudolf, nicht wahr, wir lieben uns, lieben uns herzlich?«

»Herzlich und innig, meine Milda!«

»Und grad das ist's, was mich so unglücklich macht. Hätte ich einem Fremden Alles geben müssen, so wäre es mir doch erlaubt gewesen, Ihnen zu gehören. Der bürgerliche Baumeister hätte mich geliebt und über den Makel meines Namens weggesehen. Der Baron aber, der Sie sind, kann das nicht. Wir müssen unsere Liebe begraben, und ich kann nichts thun, als in Verborgenheit zu verschwinden. Jedenfalls finde ich eine Freistatt bei meinem Bruder Max. Ich werde Sie nie vergessen und wünsche Ihnen aus treuer, steter Liebe und für Ihren beispiellosen Edelmuth des Himmels reichsten Segen. Morgen sollen Sie alle Papiere empfangen, mit Hilfe deren Sie die Ehre Ihres Namens leicht wieder herzustellen vermögen. Ein Inventarium all meines bisherigen ungerechten Besitzthums liegt dabei. Es gehört Alles Ihnen, und ich bitte nur, meine Kleider und die persönliche Wäsche behalten zu dürfen.«

Sie sagte das halblaut und mit unterdrücktem Schluchzen.

»Milda,« rief er aus. »Was denken Sie von mir! Sie sprechen von


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meinem beispiellosen Edelmuthe und trauen mir doch zu, gegen Sie, grad gegen Sie so beispiellos ohne alle und die mindeste Rücksichtsnahme zu handeln! Nein, nein! Ich habe an den Fall gedacht, daß Sie entdecken könnten, daß ich der Gesuchte bin, und mir reiflich überlegt, wie ich in diesem Falle zu handeln habe. Soll ich es Dir sagen?«

»Bitte, Rudolf!«

»Nämlich der König weiß Alles -«

»Wer hat es ihm gesagt?« fragte sie schnell.

»Der Sepp.«

»Ist der so eine unvorsichtige Plaudertasche?«

»O bitte! Ich glaube nicht, daß wir ihm mit Recht diesen Namen geben dürfen. Eine Unvorsichtigkeit ist es nicht von ihm.«

»Hat er es mit Deiner Einwilligung gethan?«

»Nein. Er hat dieselbe nicht nachgesucht, denn er wußte ganz genau, daß ich sie ihm verweigert hätte; aber meiner Mutter hat er Andeutungen gemacht und, da sie ihn nicht deutlich verstand, aus ihren Worten wohl die Ueberzeugung geschöpft, daß sie ihre Zustimmung gebe. Seine Absicht war jedenfalls eine sehr gute.«

»Davon bin ich gern überzeugt, denn ich kenne ihn. Eine böse oder schlimme Absicht kann der alte Sepp wohl überhaupt niemals verfolgen.«

»Auf keinen Fall. Er hat es wirklich und ernstlich gut gemeint. Wie die Sachen stehen, kann unsere Angelegenheit nicht ohne das Einschreiten der königlichen Huld so geordnet werden, daß für beide Theile eine Befriedigung erwächst.«

»Wie meinst Du das?«

»Die verlorene Ehre meines Vaters kann unmöglich auf gewöhnlichem Wege wieder hergestellt werden, ohne daß die Deinige darunter leidet.«

»Das ist freilich wahr.«

»Wenn ich diese Angelegenheit bei der Gerichtsbehörde anhängig machte, was doch der gesetzlich vorgeschriebene Weg ist, so würden die Untersuchungsacten hervorgesucht werden müssen, damit der Fall von Neuem verhandelt werde. Ich müßte die Beweise von der Unschuld meines Vaters, welche sich in Deiner Hand befinden -«

»Und welche ich Dir natürlich unbedingt und unweigerlich zur Verfügung stellen werde,« unterbrach sie ihn.

»Dessen bin ich überzeugt. Ich müßte diese Beweise dem Vertheidiger übergeben und sie also zur Kenntniß des Staatsanwaltes bringen. Die Folge davon wäre natürlich, daß die Unschuld meines Vaters und die Schuld des Deinigen erwiesen würde. Den Letzteren würde man in contumaciam verurtheilen, ja man würde vielleicht sogar nach seinem gegenwärtigen Aufenthalte forschen, um ihn persönlich herbei zu bringen, und auf alle Fälle würde sein Name der Ehre beraubt.«

»Das würde allerdings geschehen. Und darauf bin ich ja auch vorbereitet.«


// 2558 //

»Warum aber soll das geschehen, wenn es einen Weg giebt, die Unschuld meines Vaters zu beweisen, ohne daß auf den Deinigen ein öffentlicher Makel fällt?«

»Du meinst, daß dies möglich sei?«

»Gewiß. Ich habe mich Dir bisher nicht zu erkennen gegeben, weil ich Dich liebe und weil mir die Ruhe Deines Herzens noch heiliger ist als die meinige. Aber ich sagte mir doch, der Fall könne eintreten, Du möchtest auf irgend eine Weise erfahren, daß ich der von Dir Gesuchte sei. Dann wollte ich auf das Betreten des gerichtlichen Weges verzichten. Ich wollte mir die Beweise von Dir erbitten und sie in die Hände des Königs legen. Der Monarch wird sich überzeugen, daß mein Vater unschuldig gewesen ist, und in seiner Hand steht die Macht, dies zu veröffentlichen und unsere Ehre zu restituiren, ohne daß die Deinige oder diejenige Deines Vaters angetastet wird. Der König hat sich bereit dazu gezeigt. Er hat dem Sepp erklärt, daß er um Deinetwillen die Schuld Deines Vaters unerwähnt lassen wolle. Auf diese Weise kann die Angelegenheit zur beiderseitigen Zufriedenheit geordnet werden. Das haben wir dem Sepp zu verdanken, und darum dürfen wir ihm nicht zürnen, daß er Schritte gethan hat, zu denen er sich nicht vorher die Erlaubniß von uns einholte.«

»Wenn Du die Sache so darstellst, habe ich ihn allerdings zu loben anstatt zu tadeln.«

»Ja, er weiß stets, was er thut.«

»Aber dennoch habe ich ein Bedenken.«

»Welches?«

»Wird man auch wirklich allgemein an die Unschuld Deines Vaters glauben, wenn dieselbe nicht durch Nennung des eigentlich Schuldigen erwiesen wird?«

»Warum nicht?«

»Man wird glauben, daß es sich nur um einen Act königlicher Gnade handle.«

»Daran ist nicht zu denken.«

»O gewiß!«

»Nein, nein! Bedenke, daß die That in Oesterreich geschehen ist. Der König hat also nicht die Gewalt, eigenmächtig zu verfahren. Die Unschuld meines Vaters muß nach österreichischen Gesetzen und vor einer österreichischen Untersuchungsbehörde erwiesen werden. Dies ist keineswegs zu verhindern. Aber der König kann durch seinen Einfluß, durch seine Vermittelung erreichen, daß nichts von den Einzelheiten dieser Untersuchung verlautet, und daß nur das Ergebniß derselben in die Oeffentlichkeit dringt. Meinst Du, daß man auch dann an der Wahrhaftigkeit des Ergebnisses zweifeln werde?«

»Nein, dann wohl nicht.«

»So mußt Du also erkennen, daß Du gar keinen Grund zur Bekümmerniß hast. Du kannst ganz ruhig sein. Dein Name bleibt vollständig unerwähnt.«


// 2559 //

»Und doch ist das eine Zartheit von Dir, für welche ich Dir niemals werde danken können.«

»Ich habe keinen Dank verdient. Ich handle nur nach meiner Verpflichtung. Es wäre ja gradezu ein Verbrechen von mir, eine Unschuldige so unheilbar zu kränken. Du bist mir also zu gar nichts verpflichtet.«

»O doch, Rudolf! Unsere Lebenswege gehen zwar nun auseinander, aber ich werde stets, stets an Dich und Deine Großmuth denken - - -«

»Bitte, Milda, sprich nicht so! Es giebt keinen Grund dazu, daß wir scheiden sollen, nicht den geringsten.«

»Das sagst Du eben aus Großmuth.«

»Nein, nein; es giebt wirklich keinen.«

»Es giebt sogar zwei. Mag die Schuld meines Vaters verschwiegen werden, wir Beide kennen sie doch!«

»Nun, was ist da weiter?«

»Auch Deine Mutter kennt sie, ebenso der König, der Sepp und Bruder Max nebst seiner Mutter. Es sind also genug Leute vorhanden, denen sie kein Geheimniß ist.«

»Fürchtest Du vielleicht, daß eine dieser Personen Etwas verrathen werde?«

»Nein. Aber sie würden es mir schwer anrechnen, wenn ich es duldete, daß das Leben der Tochter des Schuldigen an das Leben des Sohnes des Unschuldigen gekettet werde.«

»Welche unnütze Befürchtung! Grad damit wir vereinigt werden können, sind alle diese Personen bemüht, die Sache so zu lösen, daß Dein Vater nicht dabei genannt werde. Ich bitte Dich von ganzem Herzen, laß dieses Bedenken fallen! Es ist völlig grundlos. Und ich hoffe, daß Dein zweiter Grund ebenso wenig stichhaltig ist.«

»Er ist wohl noch wesentlicher als der vorige.«

»Darf ich ihn erfahren?«

»Natürlich! Von diesem Augenblicke an bin ich arm. Dir gehört Alles, was ich bisher besessen habe.«

»Das ist noch fraglich.«

»Nein, es ist gewiß.«

»Wollen wir es auf eine gerichtliche Entscheidung ankommen lassen, Milda?«

»Um Gotteswillen, nein!«

»Das würde ich unbedingt thun. Und selbst wenn mir die Behörde Alles zuspräche, würde ich nicht den Werth auch nur einer Stecknadel von Dir annehmen.«

»Du müßtest doch!«

»Wer könnte mich zwingen?«

»Eben die Behörde, indem sie es Dir zuspricht.«

»Das möchte sie thun; aber mich wirklich zwingen, den Besitz auch factisch anzutreten, dazu hat kein Mensch und keine Behörde die Gewalt.«

»Was würdest Du denn thun?«


// 2560 //

»Ich würde es Dir lassen.«

»Und wenn ich es nicht behielte?«

»So würde ich es verschenken.«

»Rudolf!« rief sie aus.

»Ja,« erklärte er eifrig, »ich würde es verschenken, Alles, Alles! Du hättest also Dein Eigenthum von Dir geworfen, ohne mir auch nur für einen Pfennig Nutzen zu schaffen.«

»Das wäre unrecht, höchst unrecht von Dir!«

»Nein. Warum willst Du Dich partout von mir scheiden! Wenn ich Dich nicht haben soll, so verzichte ich auch auf alles Andere. Ich bin ja gern, gern bereit, Alles, Alles was Du hast, aus Deiner Hand zu nehmen, als ein Geschenk oder auch als mein rechtmäßiges Eigenthum - - -«

»So thue es doch!«

»Sehr gern, doch nur unter einer Bedingung, daß Du auch Dich mir schenkst.«

»Rudolf, das kann, das kann ich nicht.«

Da ergriff er ihr Köpfchen, drückte es an sich und sagte:

»Komm, lege Dein kleines, liebes, hartes Trotzköpfchen einmal an mein Herz und höre mich an. Ich habe Dir gesagt, wie Alles werden kann und werden soll. Meine Worte sind vergeblich. Du meinst, daß Ehre und Eigenthum zwischen uns stehen. Aber besteht denn nicht die beste und einzige, friedliche Lösung des ganzen Conflictes darin, daß wir Beides, Ehre und Eigenthum, mit einander besitzen? Ich habe bisher geglaubt, daß Du mich lieb habest, jetzt aber muß ich daran zweifeln.«

»Rudolf, das darfst Du nicht.«

»O gewiß, ich muß zweifeln. Was ist alles Andere gegen eine große, wahre, wirkliche Liebe. Sagt nicht die heilige Schrift, daß die Liebe Alles verträgt, Alles glaubt, Alles hofft, Alles duldet und auch Alles überwindet? Und die Deinige will nichts, gar nichts hoffen und überwinden.«

Sie blieb schweigend und an ihn gelehnt stehen. Nach einigen Augenblicken antwortete sie mit stockender Stimme:

»Rudolf, Du weißt, wie ich Dich liebe.«

»Bisher habe ich es geglaubt.«

»Glaube es, glaube es auch weiter! Meinst Du, daß es mir ein Leichtes ist, von Trennung zu sprechen? Grad dies muß Dir beweisen, daß ich Dich wahr und selbstlos liebe.«

»So ist meine Liebe nicht so selbstlos wie die Deinige. Sie ist egoistisch. Ich will glücklich sein, glücklich, glücklich; hörst Du wohl? Und das kann ich nur sein, wenn ich Dich habe. Du willst mir ein großes, schweres Opfer bringen, indem Du mir Alles giebst und nichts behältst. Ich kann es nicht annehmen. Dafür aber erbitte ich mir ein anderes Opfer. Gieb Dich mir! Du bist mir werther und lieber als Alles. Nur mit Dir nehme ich auch das Andere. Willst Du, meine Milda? Willst Du?«


// 2561 //

Er beugte sich tief zu ihr nieder. Er hatte so innig und dringend gesprochen, daß sie die Arme um ihn schlang und leise antwortete:

»Würdest Du es nicht bereuen?«

»Nein, niemals!«

»Und was wird Deine Mutter dazu sagen?«

»Sie wird ganz glücklich sein, da Du ihr damit den innigsten und herzlichsten Wunsch erfüllst.«

»So bin ich ihr willkommen?«

»Hoch willkommen! Sie hat Dich lieb gehabt von dem Augenblicke an, an welchem Du zum ersten Male zu ihr nach Eichenfeld kamst. Drum sag, willst Du nun endlich mein sein?«

»Ja, Rudolf, ich will. Versuche es mit mir. Ich werde mir Mühe geben, Euch vergessen zu machen, was mein Vater Euch gethan hat.«

»Es ist vergeben und vergessen. Dadurch, daß sein Kind mein Eigen wird, ist Alles gesühnt.«

Er drückte sie fest, fest an sich und küßte sie. Sie hielt ihn innig umschlungen und weinte vor Freude und Rührung.

Sie achteten nur auf sich und bemerkten also nicht, daß eine hohe Gestalt langsam auf sie zukam.

Es war der König. Auch er war tief in Gedanken versunken. Er hatte den Garten aufgesucht, um dem Geräusche zu entfliehen, welches durch die im Theater vorzunehmenden Vorbereitungen verursacht wurde. Erst als er sich bereits in ihrer Nähe befand, bemerkte und erkannte er sie.

»Ah, Herr von Sandau,« sagte er, indem er das Wörtchen »von« betonte, »ist die Lösung des Conflictes erreicht?«

Milda machte in mädchenhafter Scham eine Bewegung, als ob sie entfliehen wolle. Rudolf aber hielt sie fest und antwortete, indem er sich tief verneigte:

»Ich habe gefunden, was ich suchte, Königliche Majestät, Glück und Erhörung.«

»So halten Sie es fest, dieses Glück. Ihr König wird das Seinige thun, es zu befestigen. Senden Sie mir seiner Zeit die betreffenden Unterlagen ein, und nehmen Sie jetzt meine aufrichtigen Glückwünsche!«

Er legte Milda leise die Hand auf das Haupt und schritt dann langsam weiter.

Rudolf zog die Geliebte an sich und sagte leise und gerührt:

»Seine Hand lag auf Deinem Scheitel. Du besitzest den Segen unseres Königs; er ist die Gewähr, daß unser Glück kein Ende nehmen wird.«

Die Arme um einander geschlungen, schritten sie in entgegengesetzter Richtung davon, um den König nicht zu stören.

Als sie in das Innere des Theaters gelangten, trat ihnen Frau von Sandau entgegen. Dieselbe hatte beobachtet, daß sie sich vorhin entfernten, und nun ihre Rückkehr mit Sehnsucht erwartet. Als sie die Augen ihres Sohnes so hell und glücklich leuchten sah, rief sie freudig aus:


// 2562 //

»Ist es Dir gelungen, ihre Bedenken zu besiegen, Rudolf?«

»Wohl noch nicht ganz. Aber sie will mein sein. Hier hast Du Deine Tochter, liebe Mutter.«

Milda eilte in die Arme der Frau, welche sich zärtlich um sie schlossen. Die warmen Worte, welche zwischen ihnen gewechselt wurden, waren nicht zu hören unter den Klängen des Orchesters, welches jetzt eine Einleitung zu spielen begann.

Dann erklangen die rauschenden Takte der Polonaise, welche auf den Karten als erster Tanz verzeichnet war.

Der alte Sepp stand hinter der Coulisse und schaute sich nach einer Tänzerin um. Da kam die Leni herbei.

»Sepp, tanzest Du die Polonaise?« fragte sie.

»Natürlich.«

»Mit wem?«

»Ich hab mir eben die alte Barbara sucht.«

»Nein. Diesen ersten Tanz bekommst von mir.«

Sein Auge leuchtete freudig auf.

»Was? Mit Dir soll ich sie tanzen?« rief er. »Weißt denn nicht, daßt halt die Königin vom Ballfest bist?«

»Kein Wort weiß ich davon. Hier ist ja die Eine grad so wie die Andere.«

»Nein. Du bist doch die Schönst und Best von Allen, und daßt grad zum alten Seppen kommst, das ist eine große Ehren für mich.«

»Also willst?«

»Ja freilich!«

»So mach und thu den Arm her, denn wir Beid müssen die Polonaise kommandiren.«

»Auch noch? Na, da schau, was ich für Dummheiten machen werd! Wann ich falsch lauf, so wink und pfeif nur laut, damit ichs hören thu!«

Trotz dieser Worte, welche nicht viel Sicherheit und Selbstbewußtsein verriethen, schritt er unendlich stolz neben seinem Lieblinge her, und da er gut aufmerkte, so brachte er es glücklich fertig, keinen Fehler zu begehen.

Kurz vor dem Schlusse der Polonaise erkundigte sich die Leni:

»Weißt, wo dera Anton ist?«

»Ja. Er sitzt in dera Fremdenlogen oben und schaut heimlich auf uns herab.«

»Er hat sich den nächsten Tanz bestellt.«

»Hast ihm denselben geben?«

»Er bekommt ihn nicht. Hol nur gleich jetzt seine Eltern, wann wir fertig sind.«

Die Polonaise ging zu Ende, und der Sepp begab sich nach dem Zimmerchen, in welches er die alten Warschauers geschafft hatte. Er unterhielt sich mit ihnen. Als aber die Musik anstimmte, führte er sie hinaus nach den Coulissen.


// 2563 //

Auf der andern Seite stand die Leni. Wie sie erwartet hatte, kam Anton herbei geeilt. Er verbeugte sich und bot ihr den Arm.

»Was wünschen Sie?« fragte sie im Tone des Erstaunens.

»Diese Tour.«

»Sie - - -?!«

»Natürlich! Sie gehört mir ja!«

»Ihnen? Davon weiß ich kein Wort.«

Er trat einen Schritt zurück, maß sie mit zornigem Blicke und sagte:

»Willst Du mich beleidigen?«

»O nein. Wir stehen uns ja so fern, daß eine Beleidigung zwischen uns gradezu eine Unmöglichkeit ist.«

»Schön, so bitte ich also um Deinen Arm!«

»Ich sehe keine Veranlassung dazu.«

»Donnerwetter! Du hast meinen Namen ja auf Deine Tanzkarte notirt!«

»Ihren Namen? Da muß ich mich denn doch wohl überzeugen.«

Ihre kalte, strenge, ungläubige Miene brachte ihn in zornige Aufregung.

»Ja, da steht es!« rief er. »Zeig her!«

Er riß ihr die Karte aus der Hand.

»Herr, was fällt Ihnen ein!« zürnte sie. »Ich habe zwar stets daran gezweifelt, daß es Ihnen gelingen werde, sich einige, wenigstens äußerliche Bildung anzueignen; aber daß Sie einer Dame ihr Eigenthum entreißen, das ist denn doch zu stark!«

Da trat er ganz nahe an sie heran und sagte in zischendem, halblautem Tone:

»Leni, rege mich nicht noch weiter auf, sonst geschieht Etwas, was Dir nicht lieb ist!«

»Oder vielmehr Etwas, was Ihnen nicht gefällt, mein Herr Criquolini.«

»Hier steht der Name. Der Tanz gehört mir!«

Er hielt ihr die Karte vor die Augen. Sie nahm ihm dieselbe, blickte darauf, that als ob sie sich besinne und sagte dann:

»Dieser Name ist freilich auch der Ihrige; aber ich habe einen andern Herrn gemeint.«

Bei diesen Worten gab sie dem in der gegenüberliegenden Coulisse stehenden Sepp einen heimlichen Wink, worauf dieser dem alten Warschauer sagte, da drüben stehe die Leni und wolle ihn sprechen.

»Einen anderen Tänzer?« sagte Anton. »Das dulde ich nicht!«

»Sie werden es sich doch gefallen lassen.«

»Nein. Ich mache schauderhaften Scandal!«

»Vielleicht doch nicht, wenn Sie den Herrn sehen, mit dem ich tanzen will.«

»Mag er sein, wer er will!«

»Das werden Sie gleich sehen. Da kommt er.«

Der Anton drehte sich um und erbleichte. Er fuhr erschrocken um einige Schritte zurück.

»Mein Vater!« rief er aus.


// 2564 //

»Kennen Sie ihn überhaupt noch?« fragte die Leni. »Das ist ja gradezu ein Wunder.«

»Mein Vater!« wiederholte er.

Er war kalkweiß im Gesicht geworden.

»Wenn Sie mir erlauben, sende ich Ihnen noch Jemand,« sagte die Leni, indem sie sich entfernte.

Der alte Warschauer stand jetzt bei seinem Sohne.

»Anton, endlich, endlich!« rief er, ihm beide Hände entgegenstreckend.

Der Sohn erhob seine Hände nicht, um sie dem Vater zu geben. Der Schreck hielt ihn noch gefangen.

»Vater, Vater! Wie kommst hierher?« fragte er.

»Mit dem Herrn Pfarrern und dem Kapellenbauer.«

»Warum?«

»Um Dich zu schauen.«

»Wer hat Euch sagt, daß ich hier bin?«

»Die Leni. Sie hat uns einladen und uns dreihundert Gulden geben, damit wir was zu essen haben und Kleider kaufen können.«

»Sie also, sie und immer sie!«

»Ja, sie hat für uns sorgt, Du aber nicht.«

»Wie gehts dera Muttern?« erkundigte sich Anton, den schweren Vorwurf überhörend.

»Sie ist doch auch hier.«

»Wo denn, wo?«

»Dort! Da komm sie!«

Er zeigte zurück, von woher jetzt die alte Frau herbei eilte.

»Anton, mein lieber Anton!« rief sie aus, vor Freude weinend. »Da hab ich Dich endlich!«

Sie schlang ihre Arme um ihn.

Er wußte nicht, was er sagen solle. Er wollte reden, brachte aber kein Wort heraus. Er hatte seiner armen, alten Eltern nicht gedacht, und doch waren sie so glücklich, ihn zu sehen. Er blickte in die abgehärmten Gesichter - - abgehärmt? O, wohl noch mehr abgehungert! - - - und schlug die Hände vor das Gesicht.

Dann drückte er sie an sich, die Mutter mit dem rechten und den Vater mit dem linken Arm.

»Mutter, Vater!« rief er aus. »Was habe ich than! Wie ungut bin ich gewest!«

»Sei still!« bat die Alte. »Wirst keine Zeit habt haben. Jetzt hat die Leni für uns sorgt. Nachhero später wirst vielleichten auch Du - -«

Sie hielt inne, denn ihr Sohn hatte den Arm von ihr gelassen und sah nach der Richtung, in welcher sie auf Leni zeigte.

»Ah!« sagte er. »Sie tanzt, und doch hat sie mir diese Tour versprochen!«

Er starrte auf sie und auf ihren Tänzer.


// 2565 //

»Wer ist dera feine, noble Herr, den sie bei sich hat?« fragte sein Vater. »Ah, das ist doch dera Graf, der bei uns gewest ist!«

»Kennt Ihr ihn?« fragte Anton.

»Ja. Er war mit der Leni oben auf der Alm.«

»Mit ihr, mit ihr? Ganz allein?«

»Ja. Und nachhero sind wir mitsammen bei dem Kapellenbauern blieben.«

»Er mit ihr auf der Alm! Auf welcher?«

»Auf dem Kapellenbauern der seinigen.«

»Also auf der ihrigen, wo's früher gewest ist?«

»Ja.«

»Himmeldonnerwettern! Wartet einmal! Ich werd nachhero gleich wieder kommen.«

Er sprang fort und schlüpfte zwischen den Tanzenden hindurch bis vor Leni und den Grafen hin, welche soeben ihre Tour beendet hatten und, abseits stehend, mit einander sprachen.

»Da kommt er!« flüsterte sie ihm zu.

»Ich werde ihn streng empfangen!«

»Nein, nicht streng sondern nur ruhig! Bitte!«

Jetzt war der Anton da. Er richtete den flammenden Blick auf die Beiden und sagte zur Sängerin:

»Du tanzest, tanzest mit einem Andern? Und doch gehört diese Tour mir!«

»Sie gehörte Ihrem Vater,« antwortete Leni. »Und da derselbe keine Zeit hatte, konnte ich natürlich anderweit über sie verfügen.«

»Nein, sie gehörte mir!«

»Ich habe den Namen Warschauer aufgeschrieben und damit nicht Sie, sondern Ihren Vater gemeint!«

»Das geht mich nichts an. Nicht mein Vater hat um den Tanz gebeten, sondern ich habe Sie engagirt!«

Er befand sich in einer gewaltigen Aufregung. Es war ihm gar wohl zuzutrauen, daß er in derselben eine Gewaltthätigkeit begehen werde. Darum nahm der Graf das Wort:

»Meiner Ansicht nach stehen beide Fälle sich gleich. Sie und Ihr Vater hatten sich zu begrüßen; dadurch wurde die Dame frei.«

»Aber warum für Sie?«

»Weil ich sie engagirte.«

»Gut! Jetzt aber bin ich nicht mehr verhindert. Ich will meine Tänzerin haben!«

Der Graf zuckte die Achsel.

»Thut mir leid! Jetzt nun ist das Engagement mein.«

»Dann eine Extratour.«

»Ich als Herr, der sie engagirte, habe das Recht, Ihnen diese Extratour zu verweigern.«

Da flammten Antons Augen auf, und seine Hände ballten sich.

»Herr! Wissen Sie, was Sie thun?«


// 2566 //

»Sehr wohl!«

»Sie wagen viel!«

»O nein, sondern die Dame würde ein Wagniß begehen, wenn Sie mit Ihnen tanzte.«

»Wieso?«

»Sie würde sich der Gefahr aussetzen, daß ich mich von ihr von dem Augenblicke an fern hielte, an welchem sie sich von dem Geliebten der Tänzerin und Einbrecherin Valeska berühren ließ.«

Das war freilich eine Beleidigung! Der Anton machte eine Bewegung, als ob er sich auf den Grafen stürzen wolle.

»Herrrrrrr Criquolini!«

Das klang so stolz, so befehlend und zurückweisend, daß Anton einen Schritt zurückwich; aber er rief mit knirrschender Stimme:

»Graf, das ist eine todteswürdige Beleidigung!«

»Pah!« antwortete der Graf achselzuckend.

»Ich werde Sie fordern lassen!«

»Ich habe Ihnen bereits in Wien gesagt, daß ich Sie nicht für satisfactionsfähig halte.«

»Sie schlagen sich nicht mit mir?«

»Nein.«

»So werde ich Sie zwingen.«

»Das vermögen Sie nicht, denn schlüge ich mich mit Ihnen, so würde dann ich meine Satisfactionsfähigkeit einbüßen, und gegen etwaige Gewaltthätigkeiten giebt es Gesetze und polizeilichen Schutz.«

Anton zog die Arme ein und duckte seinen Oberkörper, als halte er sich sprungbereit.

»Sehen Sie dort!«

Bei diesen Worten deutete der Graf nach dem Eingange. Dort standen mehrere Polizisten. Sie waren für alle Fälle requirirt worden, und der alte Sepp, der Alles beobachtete, hatte sich dorthin postirt, als er sah, daß Anton zum Grafen und der Leni eilte.

»Alle tausend Teufel!« zischte der Sänger. »Sie haben also wirklich Polizei geholt.«

»Wie Sie sehen.«

»So fürchten Sie sich vor mir?« lachte er höhnisch.

»O nein. Aber es galt, auf alle Fälle meine Dame zu schützen. Gegen einen anständigen Gegner hätte ich ausgereicht.«

»Sie haben den Teufel zu schützen, nicht aber die Leni, welche mir gehört!«

»Ihnen? Davon weiß ich kein Wort!«

»Sie wissen, daß sie meine Geliebte ist!«

»Das ist mir unbekannt!«

»Daß sie es wenigstens war!«


// 2567 //

»Daß Sie sich gekannt haben, weiß ich; aber von einem wirklich innigen Verhältnisse, von einem näheren Umgange war keine Rede.«

»Das war und ist nicht nöthig. Sie war, ist und bleibt meine Geliebte, mein Eigenthum!«

»Signor Criquolini, Sie befinden sich da in einem gewaltigen Irrthume. So viel ich weiß, ist Fräulein Leni allerdings verlobt, aber nicht mit Ihnen.«

»So? Mit wem denn?«

»Der Betreffende steht vor Ihnen.«

Er deutete dabei auf sich selbst.

»Was, was wollen Sie damit sagen?«

»Daß Signora Ubertinka seit Kurzem meine Verlobte, meine Braut ist.«

Es war, als ob Anton zu Stein erstarre. Er sah die Beiden nicht an, sondern hier war der vulgäre Ausdruck ganz am richtigen Platze: er klotzte sie an. Sein Blick war völlig ausdruckslos, und kein Zug seines Gesichtes bewegte sich.

»Ihre - Ver - lob - te!« stammelte er.

»Wie Sie hören!«

»Ih - - re - - Braut!« fuhr er mühsam fort. »Das - das - ist - nicht - möglich!«

»Ich sage es Ihnen und versichere, daß ich noch nie wissentlich die Unwahrheit gesagt habe.«

»Ists - - wahr - - Leni?«

»Ja,« antwortete sie, indem sie den Arm um den Grafen legte. »Ich bin so unendlich glücklich, die Braut Arnims zu sein.«

»Ar - nim! Arnim nennt sie ihn! Da ist es wahr; da ist es freilich wahr!«

Er legte die Hand vor die Augen, als ob ihn ein plötzliches, grelles Licht blende, und wendete sich von ihnen ab.

Wankenden Schrittes und unsicheren Ganges bewegte er sich über die Bühne, dahin, wo seine Eltern standen. Aber er beachtete dieselben nicht; er blickte sie gar nicht an, sondern er schritt an ihnen vorüber.

»Anton, hier sind wir!« sagte seine Mutter.

Er hörte es nicht.

»Anton, Anton! Siehst uns denn nicht?«

Er ging weiter, in den Gang hinein und trat in sein Garderobezimmer, dessen Thür er hinter sich verriegelte.

»Das hat ihn getroffen!« sagte der Graf.

»Sehr, sehr, wie ein Schlag!« nickte Leni.

»Ich wünsche, daß es nicht von kurzer Wirkung für ihn sei. Vielleicht bessert es ihn.«

»Ich möchte darum beten! Vielleicht wird er nun seinen Eltern ein braver Sohn.«

»Wenn er sich nur nicht noch mehr verhärtet!«


// 2568 //

»Dagegen wollen wir sorgen. Wenn wir ihn jetzt allein lassen, so nimmt wohl der Zorn und die Verbitterung die Oberhand.«

»Willst etwa Du zu ihm?«

»Nein, o nein. Ich habe Deine Geduld bereits allzu sehr mit ihm in Anspruch genommen. Ich werde ihm eine Andere senden, welche, so Gott will, mehr Macht über ihn hat als ich.«

Sie trat zu Antons Eltern und wurde von dessen Mutter im ängstlichen Tone angesprochen:

»Was ists mit dem Anton? Was hat er mit Dir habt?«

»Er hat etwas erfahren, was er nicht für möglich gehalten hat.«

»Er sah so ganz verschrocken aus, so wie ich ihn im Leben noch gar nie sehen hab.«

»Es mag ihn allerdings angriffen haben.«

»Was hast ihm denn sagt, daß er darüber gar so ganz von sich kommen ist?«

»Daß ich verlobt bin.«

»Verlobt? Wie? Hast einen Bräutigam?«

»Ja.«

»Herrgott! Wer ists denn?«

»Graf Senftenberg.«

»Mit dem jetzt tanzt hast?«

»Ja.«

»Leni, was sagst! Der wird Dein Mann?«

»Ja, meine liebe Mutter Warschauer.«

»So wirst gar so reich und eine Gräfinnen?«

Die alte Frau schlug die Hände zusammen, daß es schallte, und ihr Mann machte ein Gesicht, auf welchem Freude und Enttäuschung mit einander kämpften.

»O, das ists nicht, was mich so glücklich macht. Ich würde ihn ebenso innig lieb haben, wenn er nicht so reich und kein Graf wäre.«

»Ja, ein gar braver Herr muß er sein; das haben wir freilich sehen.«

»Gönnsts doch dera Leni, daß sie so einen guten Mann bekommen thut?«

»Von ganzem Herzen! Aber Einer kann mir leid thun, dera Anton. Der ist ganz außer sich.«

»Er ist selber schuld.«

»Ja, heut konntst bereits längst seine Frauen sein. Er ist halt dumm gewest.«

»Wir waren nicht für einander bestimmt.«

»O doch! Dera Herrgott hats schon haben wollen, aberst dera Anton hat sein Glück mit denen Füßen von sich stoßen. Was mag er machen?«

»Willst nicht nach ihm sehen?«

»Ja. Weißt, wo er ist?«

»Er trat in den Gang. Wenn er nicht ganz fort ist, so befindet er sich in seiner Garderobe.«


Ende der einhundertsiebten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk