Lieferung 12

Karl May

16. Oktober 1886

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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»Damit kommst mir nicht noch auch! Du hast hier genug. Wann Du was Saures willst, so stell Dir nur vor, wie sauer es Einem wird, so einen fetten Schinken zu mästen, den Du da verschlingst, wie ein Haifischen. Wann man nur wenigstens dabei mit Dir reden könnt.«

Der Sepp hatte die Backen so voll, daß der Müller kaum die Antwort verstehen konnte:

»Ich red doch immer!«

»Ja, aber wie! Ich wollt Dich wegen dem Schatz fragen. Hörst mich?«

»Ja, hören thu ichs schon.«

»Nun, was sagst dazu?«

»Daß der Schinken ein Wengerl zu scharf pöckelt ist. Ein andermal mußt ihn drei oder vier Tag eher aus dem Faß nehmen.«

»Red ich denn etwan vom Schinken?«

»Nein, sondern ich.«

»So horch auf mich und denk nicht immer auf den Gefraß! Du meinst also, daß Du mir den Schatz lassen thätst?«

»Ich wollt schon gern; aber ich glaub halt nicht, daß viel davon übrig bleiben thut.«

»Warum soll nix übrig bleiben?«

Sepp schluckte einen riesigen, erst halb zerkauten Bissen hinab, steckte einen noch größeren hinein und antwortete nun mit größter Mühe:

»Weil er mir schmeckt.«

»Schmeckt? Der Schatz?«

»Unsinn! Der Schinken.«

»Donnerwetter! Red ich denn etwan vom Schinken?«

»Nein, aber ich!«

»Das hast nicht nöthig. Ich seh schon allbereits, daß man in zwei Minuten gar nimmer mehr von dem Schinken reden kann, und er war neun und drei Viertelpfund schwer!«

»Schad nix, Müller; die wieg ich nachher mehr!«

»Das glaub ich schon. Aber das Pfund kost' jetzt fast zwölf Groschen.«

»In zwanzig Jahren wirds Pfund drei Markerln kosten; drum wolln wir uns itzunder dazuhalten. Brauchst nicht zu weinen. Es schmeckt mir schon gut, und Schaden thu ich mir nicht. Wenn mein Magen ein bravs Essen wittert, so dehnt er sich vor Vergnügen aus, daß er dreimal größer wird als der meinige Rucksack.«

»Du lieber Himmel, bin ich mit dem Fresser gestraft! Aber dafür muß er mir auch sagen, wie man die Geistern citirt. Nicht wahr?«

»Ja, ich sags Dir.«

»Nun, wie fangt man es an?«

»Grad so, wie ichs jetzt mach. Nachher wirds leer.«

Er nahm die große, volle Senfbüchse in die linke und den Hornlöffel in die rechte Hand und begann zu essen.

»Wer redet denn vom Sempfen!« raisonnirte der zornige Müller.

»Du nicht, aber ich.«


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»Ja, Du hast - - - O Jerum jeh! Jetzt frißt er mir gar den Sempfen mit dem Löffel gleich aus der Büchsen! Bist gescheidt!«

»Bin ich etwan dumm, wann ich ess', was mir schmeckt?«

»Aber dieser Mostrichtsempfen beißt Dir doch den Magen entzwei!«

»Das fallt ihm gar nicht ein! Der thut meinem Magen so wohl wie der Fischthran meinen Schuhen, wann sie ihn aller fünf Jahr mal zu schmecken kriegen. Jetzt haben sie ihn lange Zeit nicht gesehen; drum flimmern sie so roth wie die Morgenröthen, wann sie am Schönsten ist. Schau!«

Er streckte ihm die Füße hin.

»Laß mich aus mit Deinen Beinen! Bist fertig?«

»Ja. Schau.«

Er hielt ihm die leere Senfbüchse hin, steckte den letzten Löffel voll des scharfen Zeugs in den Mund und legte dann Beides fort. Dann nieste er einmal, aber so gewaltig, daß die Mühle zu zittern schien. Das war die einzige Wirkung des Senfes.

»Prost!« knurrte der Müller.

»Gott behüts!«

»Ja, er mags behüten,« meinte der Müller mit einem Blicke auf die noch übrigen Eßwaaren.

Der Sepp aber wischte sich die Nase mit dem Aermel ab, griff wieder zum Messer und riß sich ein pfundschweres Stück Schinken ab.

»Immer noch mal!« rief der Müller.

»Ja freilich! Vorhin war er mir fast ein Wengerl zu fett, darum hab ich den Sempfen zu Hilf genommen. Nun gehts wieder von Neuem. Müllern, Du glaubst halt gar nicht, was so ein Sempfen für einen Appetiten macht. Merk Dir das!«

»Gott steh mir bei! Jetzund hat er mehr Hunger noch als am Anfang!«

»So ists auch wirklich. Kannst Dich gefreuen! Es ist immer eine Ehr und ein Vergnügen, wanns den Leuterln bei Einem schmecken thut.«

»So meinst, daß dies wirklich schmeckt?«

Er machte dabei ein Gesicht, als ob er den Sepp verschlingen wolle. Dieser aber antwortete treuherzig:

»Na, und ob! Kannst's immer glauben! Ich thät Dirs wahrhaftig nicht sagen, wanns nicht wahr wäre.«

»Brauchsts auch gar nicht zu sagen. Ich sehs ja!«

»So, das gefreut mich sehr. Schau, da hast nun blos noch den Knochen. Wann Du ihn zerhackst, so findest noch viel Marks darinnen; das kochst aus, und es giebt eine famose Suppen.«

»Soll ich sie Dir etwan aufheben?«

»Nein. Sie hält sich nicht so lange. Lieber greif ich nun jetzt zur Sülzen. Das ist ein Leibgericht von mir. Weißt, sauer macht lustig.«

»Aber es verdirbt die Zähne!«

»Die meinigen nicht. Darauf kannst Dich schon verlassen. Ich werd sie


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Dir nachhero zeigen, ob Du einen Fehlern daran erblickst, wenn ich mit dera Sülzen fertig worden bin.«

»Fertig? Willst sie etwan auffressen?«

»Etwan nicht?« fragte der Sepp erstaunt.

»Eine so große Schüsseln voll!«

»Das thut nix, und das macht nix; das schad't auch nix, denn ich kenn mich und ich kenn auch die Sülzen. Die sieht groß und viel aus, aber im Magen da schwind't sie zusammen wie Schnee an der Sonne. Oder meinst etwan, daß ich Dir ein kleines Resten übrig lassen soll? Ich hab dacht, daßt mir wohl nicht nachessen wirst.«

Während dieser Erklärung hatte er aber bereits gleich mit dem großen Löffel zu essen begonnen.

»Nein, nachessen werd ich Dir freilich nicht,« zürnte der Müller, »denn das geht nicht.«

»Ja, dazu bist viel zu vornehm.«

»O, das mein ich nicht.«

»Was sonst?«

»Ich kann Dir nicht nachessen; das ist unmöglich, weil Du alles vorher aufgefressen hast.«

»Ja, diese Ehr will ich Dir anthun, Du sollst sagen können, daß es denen Leuteln bei Dir schmecken thut.«

»Obs aber auch wohl bekommt?«

»Warum solls nicht?«

»Ich weiß es nicht. Aber treib Dich nur nachher nicht noch lange in der Nähe meiner Mühlen umher! Wann dies Frühessen bei Dir zum Ausbruch kommt, nachhero kanns gefährlich sein!«

»Gar nicht. Kannsts ruhig mit abwarten. Wannt dabei stehst, nachhero wirsts glauben. Ich bin ein guter und gesetzlicher Kerl, und Alles was ich thu und mach, das geht in der richtigen Ordnung von statten. Schau, da ist die Sülzen verschwunden. Nun hast nur noch die Zerverlatenwursten. Weißt, die macht keine Arbeiten nicht. Wir können nun mit nander reden. Dabei werde ich sie so basteltant hinunterknabbern.«

»Basteltant! Eine Wursten von einem Pfund und einem halben! Das nennt er knabbern!«

»Ja, wann ich nicht blos knabbern sondern richtig essen soll, so mußt eben mehr herbeischaffen.«

»Himmelsakra! Willst vielleicht das ganze Sauerkrautfaß auf den Tisch haben!«

»Nein, so ungenüglich bin ich nicht. Ich weiß auch, was sich schickt und gehört und halte mich gern bescheiden zurück, wann ich bei Jemand essen thu. Aber so einen Topf voll davon kochen, und einen hübschen Theil Schweinsknochen dazu, da thät ich noch mit. Könntsts vielleicht nachhero zum Mittag machen lassen.«


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»Da wolltst schon wieder essen?«

»Schon? Was bist nur für ein gespaßiger Schöpf? Zu Mittag muß man doch essen!«

»Na, so nimm mirs nicht übel! Wann Du Deinen Schatz hebst, so wird er bald verschwunden sein. Du hast ihn in vierzehn Tagen aufgefressen.«

»Er hält länger an. Er ist groß genug dazu.«

»Größer wie der meinige nicht.«

»So! Also hast doch einen?«

»Freilich. Eine Kriegskassen.«

»So! Wo?«

»Unter einem Kreuzwegen.«

»Hm! Und den willst heben?«

»Ja. Ich denk, daß Du mir sagen wirst, was ich zu thun haben werd.«

»Hab keine große Lust dazu.«

»Nicht? Hör mal, Sepp! Erst hast gefressen wie ein Scheunendrescher, jetzt bist sogar bereits auch mit der Zerverlatenwursten schon fertig, und nun willst mir nicht mal den Gefallen thun! Du bist mir ein schöner Kerl! Du kannst mir gestohlen werden!«

Sepp strich sich mit den beiden Händen behaglich über den Bauch und antwortete:

»Fahr nur nicht gleich so oben hinaus! Ich meins nicht schlecht mit Dir. Aber ich denk, es nutzt Dir nix, wann ich Dir auch Alles sag.«

»Warum?«

»Weil Du es nicht ordentlich machst.«

»Ich bin doch kein Kind! Ists so sehr schwer?«

»Nein, sehr leicht; aber wann nur ein einziger Buchstab falsch gesagt wird, so ists aus!«

»Und nachher ists wohl gar gefährlich?«

»Bei einer Kriegskassen nicht. Bei einem andern Schatz aber kanns Einem an den Kragen gehen.«

»So brauch ich also gar keine Angst zu haben?«

»Gar keine. Das kannst mir glauben.«

»Nun also, so sag mir, was ich thun soll!«

»Sag mir vorher: Hast bereits dort nachgegraben?«

»Ja, zweimal.«

»Und was gefunden?«

»Gar nix.«

»So liegt er nicht dort sondern wo anders.«

»Sapperment! Dann find ich ihn doch nicht!«

»Ja freilich, Du thätst ihn nimmer finden, wann ich nicht wär. Das ist schon ganz richtig.«

»Du kannsts also?«

»Ja. Aber freilich folgen mußt.«


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»Sehr gern.«

»Dann nun, wie ist's aber? Du kannst doch nicht von Deinem Stuhl hier fort!«

»Freilich laufen kann ich nicht.«

»Das ist schlimm. Kannst fahren?«

»Mit Pferden?«

»Bist Du doch dumm! Kannst mit Pferden einen Schatz heben? Hast das schon gehört?«

»Nein.«

»Also! Aber auf einem Karren kannst Dich fahren lassen, auf einem Schubkarren, auf einem Schiebebock oder einer Radewelle, he?«

»Das geht vielleicht.«

»Nun, so brauchst eben das stärkste und größte Weibsen dazu, wie ich Dir bereits gesagt hab.«

»Die Käth ists.«

»Wird sie mitthun?«

»Gewiß.«

»Und sich nicht fürchten?«

»O, die ist kuraschirt wie ein Fleischernhund.«

»Das hab ich gemerkt. Aber es darf weiter kein Mensch etwas davon wissen!«

»Ich werd mich hüten, es auszuplaudern.«

»Schön! Kannsts auch so machen wie eine Sau, wann sie grunzt?«

»Das ist doch leicht. Warum aber das?«

»Weißt, weil die bösen Geistern damals in die Schweine gefahren sind, so muß man auch grunzen, um ihnen wohl zu gefallen.«

»Sonderbar! Sie haben also doch auch ihre Mukken und ihren eigenen Geschmack.«

»Ja; weißt Du nun Alles? Soll ich Dir noch sagen, was Du weiter zu thun hast?«

»Ich brenn ja drauf, es zu erfahren.«

»So versprichst mir vorher, nie nicht keinen Menschen dasselbige zu lehren. Wo ein Schatz ist, da wolln wir ihn selber heben und ihn nicht andern Leuteln überlassen.«

»Ich versprech es Dir.«

»Gut! So paß nun auf! Nimm auch die Schiefertafeln her, um Dir die Sprüch nieder zu schreiben, die Du auswendig zu lernen hast!«

Der Müller nahm die Tafel auf die Beine und den Stift in die Hand. So wartete er voller Spannung auf die Instruction des Alten. Dieser begann:

»Punkt zwölf schickst die Käth hinaus auf den Weg, wo Du schon gegraben hast. Du giebst ihr einen Erbschlüssel mit. Den legt sie mitten auf den Weg und sagt dabei die Worte, die Du Dir schon aufschrieben hast:

Famos! Hexos! Hippopodamos!
Nun ist auch gleich der Teufel los!«

»Ist er denn auch wirklich gleich los?«

»Ja, aber sie merkt nix davon.«

»So thut es ihr nix?«

»Gar nix. Es ist so, als ob sie am hellen Tag hingangen wär. Wann sie den Vers sagt hat, geht sie wieder heim, darf aber dabei kein Wort reden.«

»Das will ich ihr schon beibringen.«

»Nachher machst Dir das Gesicht schwarz mit Ruß und auch die Händ'.«

»O weh! Warum?«

»Weil der Schwarze den Schatz bewacht, der Teufel. Wer den Schatz haben will, muß auch schwarz sein, aber nur blos im Gesicht und an den Händen. Die Gestalt muß weiß sein.«

»Wie mach ich das?«

»Du darfst nur die Unterhosen und das Hemden anhaben. Verstanden?«

»O Jerum! Da erfrier ich!«

»Sei doch nicht dumm! Es ist gesagt was Du anziehen sollst, aber nicht, wie viel Du anziehen sollst. Wanns Dich friert, so zieh meinswegen zehn oder zwanzig Hemden und Unterhosen an.«

»Das geht. Aber die Füß?«

»Weiße Strümpfen.«

»Und die Käth?«

»Muß auch so schwarz und weiß sein wie Du. Aber sie kann alle Arten Kleidungsstückerln anziehen, wanns nur weiß sind. Nun aber kommt die Hauptsachen. Wanns Mitternacht geschlagen hat in der Stadt, grad eine Viertelstunden nachher muß sie wieder nach der Stell gehen, wo sie den Schlüsseln hingelegt hat. Liegt er noch dort, so wird aus der Sachen nix; ist er aber weg, so bekommst Du den Schatz. Wann dies der Fall ist, da wird ein Schiebkarren dort stehen; den holt sie zu Dir hierher. Du steigst darauf und sie bindet Dich an, daß Du nicht herunterfallst. Nachher deckt sie ein dunkles Tuch über Dich und fährt Dich hin an die Stell, wo der Karren gestanden hat. Dabei darf kein Wort gesprochen werden.«

»Später auch nicht?«

»Wart nur, was ich Dir noch sagen werd. Punkt halb Eins wird der Geist kommen.«

»Brrrr!«

»Brauchst Dich nicht zu fürchten. Er thut Dir gar nix. Er wird kein Wort sagen als nur das eine einzige: >Komm!< Da geht er voran, und die Käth fährt Dich immer hinter ihm her.«

»Wohin?«

»Dahin, wo der Schatz vergraben liegt.«

»Ists wahr?«


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»Natürlich. Aber von dem Augenblick an, wo er >komm< sagt, mußt Du grunzen wie eine Sau, damit er Wohlgefallen an Dir hat. Thust Du das nicht, so ists gefehlt und er dreht Dir, wann er grad bei schlechter Laune ist, das Gesicht auf den Rücken.«

»Na, so soll er mich grunzen hören. Grunzt die Käth auch?«

»Nein, sie darf keinen Laut von sich geben, keinen Hustrich und auch keinen Niesrich.«

»So darf sie nicht vorher einen Napf voll Sempfen auffressen.«

»Du, werd mir nicht anzüglich! Wann Du sticheln willst, so kann ich gehen.«

Er stand vom Stuhle auf. Der Müller ergriff ihn am Arm und sagte:

»Halt! So wars nicht gemeint. Es fuhr mir nur so raus. Hast aber denn gar keine Ahnung, wohin er uns führen wird?«

»Das kann ich nicht wissen; aber weit kanns nicht sein, denn Punkt Eins muß die ganze Geschichten zu End gegangen sein.«

»Da hab ich auch den Schatz?«

»Freilich!«

»Muß ich nicht graben?«

»Was denkst! Ein Geist braucht keine Hacken und Schaufel. Wann er will, so winkt er mit dera Hand, und der Schatz kommt empor. Nur aber muß die Käth ganz fest sein. Sie darf sich ja nicht irr machen lassen. Der Geist stellt Einem auf die Prob. Er machts Einem vor, als obs in die Stadt hinein geh, in die Kirchen oder auf den Markt oder gar ins Wirthshaus. Aber das ist Alls nur Spieglung in den Lüfterln. Es scheint auch so, als ob Einem Leuteln begegneten, die auf Einem einreden. Aber auch das ist nicht wahr. Wann Ihr da antwortet oder stehen bleibt, so ists grad ab und alle mit Euch. Aber wann Ihr Eure Sachen richtig macht, nachher steht der ganze Schatz gleich neben dem Karren.«

Der Müller hatte die Hände gefaltet, und seine Augen blickten mit glühender Begierde starr vor sich hin, als ob er den Schatz bereits erblicke. Seine Brust arbeitete. Er holte tief Athem und sagte:

»Sepp, bist Du Deiner Sache wirklich so gewiß?«

»Ganz und gar, wann Ihr nämlich keinen Fehler begeht.«

»Wir werden keinen machen!«

»So mußt Du aber die Worte richtig in Acht nehmen, welche Du auswendig zu lernen hast.«

»Wie lauten sie?«

»Auch mußt Du sie zur ganz gehörigen Zeit sagen. Wann der Geist der Käth gebietet, den Karren stehen zu lassen, da, wo der Schatz ist, wird er einen Reim sagen. Darauf antwortest sogleich:

Fitzliputzli, Auerhahn!
Seht nur mal den Tolpatsch an!«

»Wird ers aber nicht übel nehmen?«


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»Er ist ja gar nicht gemeint, sondern der, welcher den Schatz in die Erden gegraben hat.«

»Ach so!«

»Also schreibs genau auf.«

Er dictirte die Worte langsam, so daß sie von dem Müller aufgeschrieben wurden. Dann fuhr er fort: .

»Wannst diesen Vers gesagt hast, wird der Geist wieder einen sagen. Darauf antwortest sogleich:

Krikli krakli, wumdi bum!
Dieser Kerl ist doch zu dumm!«

»Aber der Geist ist doch nicht etwan damit gemeint?«

»Nein. Schreibs auf.«

Dies geschah, und sodann lautete die weitere Instruction aus dem Munde des lustigen Wurzelsepp:

»Jetzt sagt er wieder einen Vers und nimmt das Tuch fort, welches die Käth über Dich ausgebreitet hat. Das ist nun die letzte aber auch die schwerste Proben für Dich. Wann Du auch sie noch bestehst, so hast gewonnen. Er mag Dir vorgaukeln, was er will, so glaubs nur nicht. Vielleicht scheints, als ob gar auch noch andre Leuteln mit dabei seien; aber das ist lauter Lug und Trug. Kurzum, Du magst sehen, was es sei, so antwortest auf seinen dritten Vers so:

Holler koller, dran und drauf!
Sperrt nun mal die Augen auf!«

»Wer soll sie aufsperren?«

»Du und die Käth, weil nun der Schatz vor Euch steht. Hasts verstanden?«

»Ja.«

»So schreibs auf! Und wann es ja nun noch was geben sollt, was ich nicht vorher wissen kann, so lässest Dich ganz einfach von der Käth heimfahren, und dann wird der Schatz hier in Deiner Stuben stehen.«

»Hier wirklich?«

»Ja, ich geb Dir mein Wort darauf. Also von da an, wann er erscheint, hast zu grunzen wie eine Sau, bis der Karren steht. Nachhero mußt ihm mit den drei Versen antworten. Ist das schwer?«

»Ganz leicht!«

»So mein ich, daßt keinen Fehlern machen wirst. Verinstructire nur die Käth genau. Die Weibsern haben lange Haaren und kurzen Verstand. Sie darf nicht abweichen von dem, wast ihr sagst.«

»Laß mich nur machen. Ich werd sie einexerzieren wie einen Rekruten. Um die ist mir auch gar nicht angst. Sie wird ihre Sachen schon machen. Wann Du uns nur auch das Richtige gesagt hast!«

»Das ist gewiß.«

»Hat denn der Vettern von der Muhm ihrer Tante ihrem Mann seinem


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Bruder - oder wie diese Verwandtschaften war, auch alls richtig übersetzt aus dem Schleswig-Holsteinischen?«

»Wort für Wort!«

»Damit nicht er etwan einen Fehlern gemacht hat!«

»Der? Na, da kennst ihn schlecht!«

»Ich kenn ihn eben gar nicht. Was hat er denn studirt? Wohl den Theologikus?«

»Nein.«

»So vielleicht das Injurikum?«

»Auch nicht. Er hat das studirt, was bei den Gelehrten >Viele so ein Vieh< genannt wird. Verstehst?«

»So war er Vieharzt?«

»Wo denkst hin! Wird ein Vieharzt die Schleswig-Holsteiner Grammadicka kennen! Diese berühmte Wissenschaft heißt >Viele so ein Vieh<, weil gar viele Professors dazu gehören, um aus einem Studenten so ein gelehrtes Vieh herauszubringen. Das begreifst wohl gut?«

»Ja, jetzt hab ichs schon campirt. Und also so ein gelehrtes Vieh ist dieser Vetter geworden?«

»Und was für eins!«

»So mag es mit dem Geistercitiren seine Richtigkeit haben, und ich will mich auf ihn und auf Dich verlassen.«

»Auf mich?«

»Ja.«

»Du, das bilde Dir ja gar nicht ein! Ich bin nicht mit dabei. Ich mag nix damit zu schaffen haben. Wann ich ganz allein und für mich so Etwas thu, so weiß ich, woran ich bin; aber wanns Andre machen, so will ich nicht dabei genannt sein. Verstehst mich?«

»Warum nicht?«

»Giebst mir etwan ein Viertel von dem Schatz oder gar die Hälfte?«

»Nein. Das haben wir nicht ausgemacht.«

»Nun, so laß auch meinen Namen dabei aus. Du weißt, daß Schatzgraben verboten ist.«

»Donnerwettern, ja!«

»Und ich will mich nicht bestrafen oder gar einisperren lassen für Etwas, wovon ich keinen Kreuzern bekomm. Das laß Dir gesagt sein!«

»Schön gut! Aber der Käth werd ichs doch nicht sagen, daß es verboten ist, sonst macht sie nicht mit.«

»Das ist Deine Sachen; da kannst machen, was Du willst. Jetzt nun werd ich gehn.«

»Zu wem?«

»Zum Pfafferumbulum! So fragt man die Leuteln aus, nicht wahr? Ich geh meinen Weg für mich und Du den Deinigen für Dich. Aber es sollt mich sehr gefreun, wann ich morgen wiederkäm und erfahren könnt, daß Du den Schatz erhalten hast.«


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»Hör, wannst kommst, und es steht Alles gut, so werd ich Dich wieder so vergastiren wie heut, wann ich Dir auch nicht gar so viel auf den Tisch leg wie vorhin. Je mehr man Dir giebt, desto mehr verschlingst!«

»Ich?«

»Ja, Du!«

»Da hast doch nicht richtig Achtung geben. Nicht ich bins gewesen, sondern hier Die - meine Lodenjoppe.«

Und nun zeigte er die Taschen her. Sie waren voller Schinken und Käse und Wurst.

»Schau, wie ich das anfangen hab! Das bringst wohl auch nicht fertig. Nicht wahr?«

»So willsts mitnehmen?«

»Ja.«

»Spitzbub!«

»Nun jetzt leid ich das gern. Ich werd diese Delicateressen nicht selber verspeisen.«

»Wer dann?«

»Das geht Dich gar nix an. Aber es wird ihm dannerst sehr wohl bekommen. Jetzt nun behüt Dich Gott, Müller! Mach Deine Sachen gut und laß Dir den Schatz nicht wieder entwischen.«

Er hing sich den Rucksack und die Zither um, gab ihm die Hand und ging - gradewegs zum Fex, um ihm die Mundvorräthe zu bringen. Dieser war sehr erstaunt über dieselben und fragte nach ihrem Herkommen. Der Wurzelsepp antwortete:

»Das wirst später erfahren.«

»Gewiß aus der Mühlen?«

»Möglich. Ich geh nun zur Stadt.«

»So denk auch mit darüber nach, wie wir an den Polsterstuhl des Müllern gelangen können.«

»Das werd ich thun. Hör, sag mal, weißt Du nicht einen alten, großen Topf, den Niemand mehr gebrauchen kann?«

»Wozu?«

»Das ist jetzt noch meine Sachen.«

»Ja, einen sehr großen könnt ich schon verschaffen.«

»Je größer desto besser.«

»Weißt, der Müllern hat erst einen so sehr großen Kachelofen gehabt; daran war ein großer Ofentopf zum Wasser wärmen. Als ein anderer Ofen hereingesetzt wurd, ist der Topf hinauskommen hinter die Mühlen in den alten Kegelschub. Dort steckt er noch. Wann er hier bei mir steht, reicht er mir fast bis an den Leib.«

»Das ist sehr gut; das gefreut mich! Und ists hier leicht, Frösch und Kröten zu fangen?«

»So viel Du haben willst.«


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»Schön. Verschaff mir für heut Abend, wann ich komm, den Topf, und mach ihn voller Fröschen und Kröten.«

»Kannst auch Eidechsern dazu haben.«

»Noch besser.«

»Wozu brauchst ihn aber?«

»Es ist von wegen dem Müllern sein Polsterstuhl. Ich erklär Dir nachhero am Abend schon Alles.«

Jetzt nun spazierte er nach der Stadt.

Unterdessen hatte der Müller die Magd zu sich rufen lassen. Sie kam nicht gern, denn wenn er ein Gesinde in dieser Weise zu sich beorderte, so hatte es stets einen unliebsamen Grund und einen unangenehmen Ausgang. Sie blieb erwartungsvoll an der Thür stehen. Er musterte sie mit wohlgefälligen Blicken, was ihr das Herz erleichterte, und sagte dann:

»Käth, mit Dir bin ich am Meisten zufrieden unter allen Andern. Heut will ichs Dir beweisen. Aber sag mir vorher, obs Gespenstern giebt.«

»Ja, Teufeln und Geistern und Gespenstern.«

»Woher weißt das?«

»Aus dem schönen Lied, worinnen es heißt:

Wie heult der Sturm so fürchterlich
   Heut um mein Kämmerlein!
Da kommt der Teufel sicherlich
   Und grinst zum Fenster 'rein!«

»Das ist ein Lied; das gilt nix.«

»Warum nicht? Weißt nachher nicht, daß auch Heinrich schlief bei seiner Neuvermählten, einer reichen Erbin an dem Rhein? Da kam seine Vorherigte als Geist und

Da erblickt er seine Wilhelmine,
   Die im Sterbekleide vor ihm stand,
Denn dort an der Nachtkaffeemaschine
   War der Spiritus bereits verbrannt.«

»Ich sag Dirs ja, daß dies nix gilt. Was im Gedicht steht, das verimponirt mir nicht. Die Dichter sind lauter Lügenschelme. Sie heißen ja nur darum Dichter, weil sie die Lügen alle Tage dicker und dichter machen. Nein, aber gesehen muß man Geister haben. Nachhero kann mans glauben.«

»Ja, auch dann giebts welche.«

»Woher weißts?«

»Beim Thürmer in Nürnberg hats mal ans Fenstern geklopft, und als er hinaus geschaut hat, da stand draußen ein Geist, der so lang gewesen ist, daß er von der Straßen bis hinauf zum Thurmspitzen gereicht hat. Der Nachtwächtern hat ihn nachher fortschreiten sehen. Und der war mein Großvatern.«

»Der Geist?«

»Nein, aber der Nachtwächtern.«

»So, da stimmts. Aber fürchtest Dich etwan vor den Gespenstern?«


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»Fallt mir gar nimmer ein. Ich hab mir schon oft gewunschen, daß eins kommen möcht, weißt, so um mir zu sagen, daß ein Schatz vergraben liegt.«

»Ah, Du bist auch keine Dumme! Dir will ichs sagen: Bei mir ist einer gewest.«

»Wegen dem Schatz?«

»Ja.«

»O Jegerl! Wann er doch lieber zu mir kommen wär! Da thät ich auf der Stellen - - -«

Sie hielt inne.

»Nun, was thätst?«

»Ich thät mir den Schatz holen und heirathen.«

»Heirathen? Himmelsakra! Hast einen Bubn?«

»Ja, schon bereits lange.«

»Wo ist er?«

»Bei der Ziehmuttern, weil ich ihn doch nicht mit hier haben kann.«

»Bei der Ziehmuttern?« rief der Müller. »Was? So einen mein ich nicht. Also einen kleinen Buben hast! Verschlampampert bist worden von einem Burschen! Und davon weiß ich nix! Da schlag doch gleich der helle, lichte Teuxel drein!«

»Das ist nicht grad nothwendig. Verschlampampert bin ich nicht worden, verstanden! Der Bub ist mein, und sein Vatern ist ein Schneider!«

»Ein - ein Schnei - Schnei - neider! Du so eine Riesin und ein - - Schneider! Meck - meck - meck - meck! Wie groß war er dann?«

»Er ist mir grad bis an die Achsel gangen.«

»Nicht weiter? O Jerum!«

»O ja, er ist auch noch weiter gangen, viel weiter, nämlich fort, in die weiten Welt, und ich hab ihn nimmer wieder zu sehn bekommen.«

»Was bist da für ein dummes Ding gewest! Einen Schneidern, so einen kleinen, dürren Fipps! Wie hast Dich nur an den versehen können!«

»Weißt, es war das schöne Gethu.«

»Ah! Sakkerment! Worinnen bestand denn das?«

»Das kann ich eigentlich auch nicht sagen. Weißt, er hat so was Nobles gehabt, wie ein fortgejagter Grafensohn, so einen Hunderttausendguldenschritt und einen Oberstleutnantsblick. Das war eine Pracht und Herrlichkeiten. Und das Schneidern brauchst ihm auch nicht nachzuschumpfen, dann gearbeitet hat er gar nicht viel; dazu war er zu vornehm. Wann er mit mir im Saal war, so hat er sich zwei Uhrengewichterln in die Rockschoßerln gesteckt, und wann wir nachhero tanzten, so sind die Gewichterln mit den Schoßerln nur so geflogen. Und wann er zärtlich war, o zärtlich, ja! Ein Busserl von ihm hat gewiß allemal eine ganze geschlagene Viertelstunden gedauert.«

Sie war ganz poetisch geworden und berechnete den Eindruck gar nicht, welchen ihre Beschreibung machen mußte. Der Müller unterdrückte mit Mühe ein lautes Gelächter und sagte:


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»Das muß freilich hübsch gewesen sein!«

»Delicat wars; das sag ich Dir!«

»Leider ist er fort!«

»Ja, das Talent, das Schenier hat ihm keine Ruhe gelassen. Er wollt ein großer Mann werden.«

»Und reicht Dir nur bis an die Achsel!«

»Seine Seele war groß!«

»Ach so! Aber Du sprachst vom Heirathen. Hast denn einen Andern?«

»Ja.«

»Wen denn?«

»Den Essenkehrern.«

»Etwan den Feuerrüpel, der hier die Essen kehrt?«

»Denselbigen.«

»Bist verrückt!«

»Nein. Du mußt ihn nur sehn, wann er sich abgewaschen hat!«

»Ich hab ihn gesehn, und da war er besoffen.«

»Da ist gewiß ein Geburtstag gewesen oder so ein Amtsjubiläum, wo er mal lustig gewesen ist. Ah, Müller, ist der eine Seele von einem Menschen!«

Sie seufzte tief auf.

»Warum eine Seele?«

»Weil, wann er hier kehren kommt, er mir allemal einen so zärtlichen Tatschen ins Gesicht giebt, daß mir drei Tage lang der Kopf brummt. Wann er sich dabei so sehr anstrengt, muß die Lieb doch wohl groß bei ihm sein.«

»Jawohl. Will er Dich heirathen?«

»Ja. Aber es geht noch nicht.«

»Warum?«

»Weils noch am Besten fehlt.«

»So! Wieviel fehlt denn?«

»Ich, wann ich fünfhundert Mark hätt; so thät ich gleich die Verlobung ins Blatt setzen.«

»Fünfhundert? Hm! Die könntest vielleicht schon bereits morgen haben.«

»Was? Wie? Von wem?«

»Von mir!«

»Wofür? Denn umsonst giebst sie halt nicht!«

»Nein, da hast immer sehr Recht. Hasts denn aber ganz vergessen, daß ich vorher von dem Schatz gesprochen hab?«

»Von dem Schatz, ja, ja!«

»Ich weiß einen.«

Sie blickte ihm starr ins Gesicht und platzte dann heraus:

»Soll ich ihn etwan mit heben?«

»Willst wohl?«

»Auf der Stell, gleich auf der Stell!«


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»Es sind nämlich grad tausend Mark, die da vergraben liegen. Die theilen wir.«

»Ich bin einverstanden.«

»Und fürchtest Dich nicht?«

»Vor wem denn? Wann ich mich vor keinem Schneidern und vor keinem Feuerrüpeln fürchtet hab, so mach ich mir aus einem Geist nun erst recht nix.«

»Das ist mir lieb. Aber der Schatz soll bereits heut Abend gehoben werden!«

»Am Liebsten gleich schon in diesem Augenblick!«

»Nein; am Tag geht so Etwas nicht von statten.«

»Wo liegt er denn?«

»Das wirst heut Abend erfahren. Jetzt will ich Dir sagen, wie es geschehen soll. Paß auf!«

Er sagte ihr, was sie zu thun haben werde, und das couragirte Mädchen war mit Allem einverstanden. Sie, eine durch und durch materiell angelegte Person, kannte keine Schwächen und Feinheiten des Geistes und des Herzens. Sie ging dem heutigen Abenteuer mit derselben Gemüthsruhe entgegen, als ob sie irgend eine gewöhnliche Arbeit zu verrichten habe. Die Beiden wurden vollständig einig.

Unterdessen hatte der Wurzelsepp die Stadt erreicht. Er hütete sich, den Fingerlfranz gleich aufzusuchen; er wußte, daß mit dem Warten die Ungeduld wächst und die Schärfe des Urtheiles sich verringert. Erst am Nachmittag ging er nach dem Gasthofe des Tobias Matthes.

Dieser Letztere saß mit einigen Gästen am Tisch und spielte Scat. Als Sepp grüßte, antwortete er:

»Guten Tag, schön Dank - grüß Gott, danke sehr - willkommen, setz Dich nieder - bitt sehr schön; o, es hat nix zu sagen!«

Das war dem Sepp doch zu viel. Er sagte:

»Aber, Matthes, sag mir doch mal, warum Du gleich so eine Litaneien machst, wann Einer zu Dir hereintritt!«

Der Wirth nahm sich doch die Zeit, zu antworten:

»Weißt, das ist so: Wann ich mit dem Gast so red wie Andre, so vergeht von dem >Guten Tag< bis zu dem >Ich bitt schön< eine halbe Stunden, und ich versäum dabei das Spiel. Lieber sag ich da gleich Alls her, meine Grüßen und seine Antworten. So braucht er das Maul gar nicht aufzuthun, und ich bin mit ihm rasch fertig und kann weiter spielen.«

»Der Gedank ist freilich nicht übel.«

»Nicht wahr? Aber nun halt auch Deinen Schnabel! Ich kann mich nicht den ganzen Tag mit Dir abgeben. Da bin ich beim Eichel-Tournee und weiß nimmer, wie ichs machen soll. Hast mich ganz irr gemacht.«

Der Fingerlfranz saß als Mitspieler neben ihm. Er sagte jetzt:

»Mach Dir keine große Sorg darüber. Es ist das letzte Spiel. Ich muß nun aufhörn.«


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»Warum?«

»Weil ich mit dem Wurzelsepp zu sprechen hab.«

»Red morgen mit ihm oder übermorgen!«

»Nachhero ists zu spät. Da haben die Spitzbuben meine Sau bereits aufgefressen. Spiel aus, damit wir fertig werden!«

Das geschah; aber als das Spiel zu Ende war, sagte der Wirth:

»So, jetzt red mit ihm! Nachhero, wann Du fertig bist, spielen wir weiter.«

»Vielleicht dauerts lange.«

»So machs kurz!«

»Es ist eine Heimlichkeiten!«

»Unsinn! Wegen der Sau? Es ist doch Niemand hier als ich, Du und da der Balbierer. Da kannst sicher sein, daß nix ausgesprochen wird. Hast etwan eine Spur von dem Spitzbuben entdeckt?«

»Nein, sondern die soll da der Sepp entdecken. Komm mit her an den Tisch, Wurzelsepp, und trink ein Bier mit mir. Ich zahls gern und gut.«

Der Alte folgte der Aufforderung, bemerkte aber dabei in zurückhaltendem Tone:

»Dein Bier soll mir wohl schmecken; aber ob es Dir Nutzen bringt, das glaub ich nicht.«

»Red nicht! Wann Du willst, so kannst!«

»Was soll er wollen?« fragte der Wirth.

»Den Dieb fest machen.«

Da fuhr der Barbier mit seiner spitzen Nase herbei und rief aus:

»Festmachen? Das ist Magie, schwarze Magie und weiße Magie! Wer kann das?«

»Der Sepp da,« antwortete der Fingerlfranz.

»Da irrst Dich gewaltig!« meinte der Alte.

»O nein. Der Müllern hat mirs gesagt.«

»Was der sagt, das gilt nix.«

»Bei mir gilts grad. Er ist mein Schwiegervatern, und auf Sonntag ist Verlobung; wann Du aufrichtig mit ihm bist, kannsts also auch mit mir sein.«

»Das klingt schon gut und fein; aber man darf von solchen Sachen gar nicht reden.«

»Hier bist sicher. Hier von uns wirst nicht verrathen. Darauf kannst Gift nehmen, Sepp!«

»Das glaub ich schon wohl. Aber dennerst soll man sich nicht mit solchen Dingen abgeben. Man weiß nicht, wie sie ablaufen.«

Da legte der Franz ihm die Hand auf die Schulter und bat ihn:

»Sag mir nur das Eine: Kannst erfahren, wer der Dieb gewesen ist?«

»Ja, und auch noch mehr.«

»Was noch?«

»Ob die Sau noch lebt, wo sie sich befindet und noch vieles Andere.


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Ja, ich könnts sogar so weit treiben, daß der Spitzbub Dir die Sauen dahin bringen muß, wohin Du sie haben willst.«

»Etwan auch hierher zu mir?« fragte der Wirth, indem er ein sehr gespanntes Gesicht machte.

»Ja, auch hierher.«

»Das wär viel! Das wär ein Kunststücken, wies nimmer gleich ein zweites giebt.«

»O, und dennerst ist es sehr leicht. Man muß es nur richtig machen,« erklärte der Sepp in bestimmtem Tone.

»Ist etwan eine Geistergeschichten dabei?« erkundigte sich der Fingerlfranz vorsorglicher Weise.

»Fürchtst Dich etwan vor Geistern?«

»Warum nicht? Ein Mensch mag mir kommen, wie er will, so hau ich ihn nieder; aber bei Geistern hilft keine Ohrfeigen und keine Backpfeifen nix. Der Geist, wann er will, braucht mich nur anzuschaun, so erhalt ich eine schiefe Nasen oder der Kopf läuft mir auf wie ein Lockermotivenkessel. Drum ists besser, man giebt sich alleweil gar nimmer mit Gespenstern und Geistern ab.«

»Hasts aber doch gethan!«

»Wann?«

»Das weiß ich nicht, aber vor gar sehr langer Zeit kanns nicht gewest sein.«

»Warum denkst das?«

»Schau mal Deine Nasen an! Sie ist doppelt, wie bei einem englischen Doggenhunderl, und Dein Maul ist angeschwollt, wie ein Luftkissen von Elastikum, wo die vornehmen Leutln sich in der Eisenbahn von hinten drauf setzen.«

»Sei still, und bekümmer Dich um Deine eigene Visaschen! Meinst wohl wirklich, daß mir ein Gespenst begegnet ist?«

»Ja, grad dieses mein' ich eben. Du siehst ganz blau und braun im Gesicht, und roth und violett dazu.«

»Ein Geist ists nicht gewest, sondern ein Kerl, der mich hinterrucks überfallen hat. Wann ich ihn wieder mal treff, werd ich ihm die Rippen entzwei schlagen. Es soll ihm nimmer geschenkt sein.«

»So nimm Dich nur in Acht, daß er Dir nicht abermals von hinterrucks mit der Faust über das Gesichterl spaziert! Was aber unsere heutige Angelegenheiten betrifft, so brauchst nicht zu fürchten, daß ein Geist dabei ist. Es geht ganz ohne die Höllen und ohne den Teufel dabei her.«

»Aber ein Zauber muß doch dabei sein. Ohne den könntest doch den Spitzbub nicht zwingen, zu kommen.«

»Ja, ein Zauber ist freilich dabei, doch kein böser sondern ein guter.«

»Und wie ist dieserjenige?«

»Der ist sehr leicht. Wo hat das Schwein gesteckt?«

»Im Stall natürlich. Oder meinst etwan, daß bei uns die Sauen im Glasschränkerl stecken, was droben in der guten Stuben steht?«

»Das mein ich wohl nicht. Und weiter muß ich fragen, obst ein guts Sonntagshabiten hast, außer dem Gewanden, welchs Du jetzt am Leib tragst.«


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»Natürlich hab ich eins.«

»Aber es muß eben für den Sonntag sein.«

»Freilich ists. Ich habs erst einmal angehabt, am Sonntag in der Kirchen.«

»So ists recht! Und hast vielleicht auch einen Schiebebock oder eine Schubkarren?«

»Das werd ich doch haben!«

»Und kannst leicht Etwas auswendig lernen, ein kleins Liedl oder einen Reim?«

»Das fallt mir schon bereits schwerer. Aber wanns nicht gar so groß ist, so werd ichs schon bringen.«

»Nun, dann ist ja Alles beisammen, wast brauchst. Ich könnt eine Wetten machen um tausend Gulden, daß der Spitzbuben kommt.«

»So machs!«

»Ich werd mich hüten!«

»Warum? Schau, ich zahl Dirs gut. Ich geb Dir zehn Markerln. Oder willst zwanzig?«

»Gar nix will ich. Solche Sachen darf man sich nicht bezahlen lassen, sonst gelingen sie nicht. Wann ich es nicht thun will, so liegt das nicht am Geldl, sondern an der Polizeien.«

»Wieso an der Polizeien?

»Weißts noch nicht, daß diese solche Dinge nicht leiden mag? Zauberei ist verboten.«

»So machen wirs im Geheimen.«

»Ja, wer giebt mir die Sicherheit, daß es auch wirklich heimlich geschieht, daß Niemand Etwas erfährt?«

»Ich!«

»In wiefern dann?«

»Ich geh Dir mein Wort drauf.«

»Ich auch - ich auch!« fügten der Wirth und der Barbier hinzu, welche Beide auf den Verlauf dieser Angelegenheit im höchsten Grade neugierig waren.

»Gebt Ihr mir Eure Händ?«

»Ja, hier!«

Er nahm die drei Hände in Empfang, drückte dieselben und sagte dann, indem er eine sehr ernste Miene machte:

»Nun gut, so will ichs versuchen. Aber kein einziger Mensch außer uns darf Etwas erfahren!«

Nachdem er eine abermalige kräftige Versicherung der Verschwiegenheit erhalten hatte, fuhr er fort:

»So wär zunächst ein Erbschlüssen nothwendig.«

»Hab schon einen.«

»Wie kommt das?«

»Der Müllern hat mirs gesagt, daß zu so einer Zermonie ein Erbschlüssel nothwendig ist. Da hab ich einen mitgebracht.«

»Der kann auch sein Maul nicht halten. Seid nur Ihr verschwiegener,


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sonst ists gefehlt. Und jetzt gebt mir mal eine Kreiden her zum Schreiben und ein Stucken Spagatbindfaden.«

Beides wurde geschafft. Er malte mit der Kreide einen Kreis auf den Tisch und zeichnete einige Figuren hinein, wie sie ihm gleich einfielen. Dann band er den Schlüssel an den Bindfaden.

»Jetzt wollen wir sehen, ob die Sauen noch lebt.«

Er hielt den Schlüssel am Bindfaden über den Kreis, ließ ihm einige Schwingungen machen und sagte dann, als der Schlüssel über einer der Figuren schweben blieb:

»Hab mirs kaum noch denken konnt. Das Schweinen lebt noch. Es ist noch nicht geschlacht worden. Jetzt nun wolln wir sehen, was für eine Personen der Spitzbuben ist.«

Er wiederholte das vorige Experiment, machte, als der Schlüssel wieder still hängen blieb, ein sehr zufriedenes Gesicht und sagte:

»Das ist schon ganz wahrscheinlich gewest. Der Dieb ist nämlich ein Frauenzimmern. Ein Mannsenzimmer wär so gescheidt gewest, das Sauerl sogleich zu schlachten.«

»Ein Weibsbild?« fragte der Fingerlfranz. »Sollt mans für die Möglichkeit halten, daß so ein Weibsen den Muth hat, meine Sauen zu stiebitzen!«

»Da wunderst Dich auch noch?« meinte der Wurzelsepp. »Die Frauensleut sind grad die Rechten; die sind größere Spitzbuben als die Männer; die mausen wie die Raben.«

»Aber wer sie sein mag!«

»Das wirst erfahren, wannst sie anschaust.«

»Dann also weiter! Sag nur, wie Alles kommen muß.«

»Nun, zunächst muß so was immer am zweiten Abend nach dem Vollmondl geschehn.«

»Der war vorgestern; also ist grad heut der richtige Tag. Das ist mir sehr lieb. Wann ich noch länger warten müßt, thätens mir das Schweinerl bis dahin abmorxen.«

»Also willst heut?«

»Freilich ja.«

»Und wohin willst die Diebin bringen?«

»Das möcht ich vorher richtig überlegen.«

»Nix giebts zu überlegen!« fiel da der Wirth schnell ein. »Wo denkst hin, Franz! Hier bei mir machen wirs jetzunder aus, und folglich wird sie hierher zu mir gebracht.«

»Um diese Zeiten sind aber noch Gäst bei Dir!«

»Grad das ist sehr gut. Eine Frauen, die Sauen maust, muß blamirt werden. Und das geschieht am Allerbesten hier in dem Gasthof, wo Viele dabei sind. Wannst sie herzu mir bringst, geb ich zum Vergnügen ein guts Freibier zum Besten.«

»Das thät ich mir schon gefallen lassen. Was meinst dazu, Wurzelsepp? Soll ich ihm den Gefallen thun?«


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»Ich hab nix dagegen, wann Ihr meine Bedingungen erfüllt, die ich da machen muß.«

»Was für welche?«

»Es darf bevor kein Mensch was wissen. Und auch nachher darf Keiner erfahren, daß ich die Hand im Spiel gehabt hab. Ich will nimmer als Zaubrer gelten. Und nachher könnt mir auch die Familie der Diebin gar noch was auswischen.«

»Wir sagen nix, kein Wort. Hier hast unsere Händ nochmals drauf. Ein Mannerl, ein Wörterl!«

»Schön! So magst sie also hierher bringen. Jetzt aber laßt Dir vom Wirth ein Papieren geben, daßt Dir die Reden aufschreibst, die Du lernen mußt.«

Das Stück Papier wurde gebracht und ein Bleistift dazu. Dann fuhr der Wurzelsepp fort:

»Also, Franz, wann es gegen zwölf Uhren geworden ist, so ziehst Dein guts Sonntagsgewanderl an, machst Dir mit Ruß das Gesicht und die Händen schwarz, nimmst ein großes, weiß Betttucherl und gehst in den Saustall.«

»Pfui Teufi! Was soll ich dorten?«

»Die Arzneien holen, mit der Du die Diebin fangst.«

»Was ist das?«

»Der Auswurf von dem gestohlnen Schweinerl.«

»Bist gescheidt!«

»Na, willst etwan nicht? Mir kanns gleich sein und auch egal und Wurst und Schnuppe! Da aber schau zu, ob Du das Sauviecherl wiederkriegst!«

»Na, werd nur nicht gleich so fuchsteuxelswild. Also mach lieber weiter fort!«

»Schön! Das steckst Dir also in die Taschen.«

»Was - - -?!«

Der Fingerlfranz machte ein ziemlich langes Gesicht. Der Sepp aber antwortete in unbefangenem Tone:

»Was? Das fragst noch? Was bist doch schwer von Begriffen! Die Arzneien mein' ich natürlich, von der ich gesprochen hab.«

»Den Dünger von der Sauen?«

»Ja.«

»Den soll ich einstecken?«

»Freilich!«

»In mein guts Sonntagsgewanderl?«

»Wohin sonst? Eben ein Sonntagskleid muß es sein, sonst hilfts nix. Verstanden.«

»Das ist mir eine wunderbare Sachen!«

»Ja, bei der Zauberei ist eben Alles wunderbar.«

»Und wie viel soll ich einstecken?«

»So viel Du hineinbringst. Alle Taschen müssens ganz voll sein, die Hosen, die Westen und auch die Joppen.«

»O sakri! Und als ich das Gewanderl bestellt hab, da hab ich dem


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Schneidern noch heilig andeutet, mir recht extra große Säcken und Tascherln zu machen. Ich sag Dir, in diesem Gewanderl bring ich beinah eine ganze zweispannige Mistfuhren fort!«

»Desto besser! Das gefreut mich außerordentlich, denn da weiß ich, daß Alls gar sicher gelingt.«

»Aber das Gewanderl geht flöten!«

»Warum nimmer gar! Das Schweinen hat doch nicht in so einem dünnen Morasten gelegen!«

»Nun, meinst etwan, daß ich sie in Marzipanum und Flattergold gelegt hab, das Packeterl zu fünfzig Kreuzern? Und ob ich mich nachhero in diesem Anzugerl wieder schaun lassen darf! Ich mein', daß noch nach einem Jahr die Leutln sich die Nasen zuhalten werden, wann ich nur von Weiten komm.«

»Du malsts zu schlimm aus. Du brauchst Dir doch nur die guten Brocken auszusuchen!«

»Auch noch! Meinst etwan, daß ich mit denen Fingern im Schweinestall spazieren geh? Oder darf ich ein Licht mitnehmen?«

»Nein; das ist verboten. Aber wannst eben nicht willst, so ist mirs recht. Ich dring mich nimmer auf. Mir liegt ja gar nix dran. Ich hab nur denkt, Dir einen Gefalln zu thun. So lassen wirs also sein!«

»Nein, nein! So ists nicht gewettet! Meine Sauen will ich wieder haben, und da soll mirs auch auf ein Komposthäuferl in jeder Taschen nicht ankommen. Also nun weiter! Was hat nachher zu geschehen?«

»Nun, wann Du Dir die Taschen voll gesackt hast, nachhero nimmst das große, weiße Betttucherl über - - -«

»Das geht. Ich dacht schon bereits, ich sollt auch das vollsacken - weißt schon was!«

»Nein. Du nimmsts über und gehst fort.«

»Wohin?«

»Warts nur ab! Vorher muß ich Dir sagen, daßt Dich jetzt von keinem Menschen sehen lassen darfst.«

»Mit dem weißen Tucherl? Das leuchtet doch so weit, daß Jedermann mich gewahren muß!

»Es ist ja spät gegen Mitternacht. Und Du mußt eben eine solche Richtung einschlagen, daß kein Mensch Dir so leicht begegnet. Du mußt laufen mit dem Wassern, aber nicht gegen dasselbige, und bleibst am ersten Punkt stehen, wo ein andrer Weg abzweigt.«

»Aha! Das ist also gegen die Thalmühlen hin.«

»Ja. Also dort bleibst stehen und nimmst den Erbschlüsseln heraus. Den wirfst hin. Nachhero machst auch alle Taschen leer, und indem Du das Alles von Dir hin auf den Weg wirfst, sagst Du den Spruch, den Du Dir jetzunder aufschreiben sollst.«

»Hör, grad appetitlich gehts bei so einer Zaubereien auch nicht her. Da soll ich mit den zehn meinigen Fingern die Tascherln leer machen!«

»Hasts erst mit den Fingerln einisteckt, so kannsts dann auch mit den-


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selbigen wieder außithun! Und um was handelt sichs dann? Etwan nicht um eine Sauen?«

»Freilich wohl.«

»Nun weißt, wann sichs um was Reinlichs handelt, um eine verzauberte Prinzessinnen zu erlösen oder um eine schöne Wunderfee zu zitiren, so gehts allemal auch reinlich her. Wann man aber eine Sauen zitirt, so kann man doch kein Makronentorterl oder einen Himbeersaften hinwerfen. Davon versteht das Schweinerl nix. Also willst oder nicht?«

»Nun, so muß ich schon!«

»Gut! Also indem Du den Schlüssel und das Andere von Dir auf den Weg wirfst, sagst Du dazu:

Schlüssel, Schlüssel, klinglingling,
   Mist und Dünger aus den Taschen!
Grade hier will ich das Ding,
   Das die Sau gemaust hat, haschen!

»Soll ich das etwan laut sagen?«

»Nun, zu schreien brauchst grad nicht, daß mans drinnen in Frankreich oder drunten in der Türkeim hören kann, auch wann man taub ist. Du mußts eben so sagen, daßts selber gut hörst. Verstanden?«

»Jawohl!«

»Nachhero gehst langsam fort. Aber weißt, das muß grad an demselbigen Augenblick geschehen, wanns um Mitternacht schlägt. Nicht früher und nicht später!«

»Das kann ich schon dazu einrichten.«

»Wohl! Nachhero also gehst fort, aber nimmer sehr weit, so daßt den Ort grad im Aug haben kannst.«

»Das paßt sich sehr gut, denn da ist der Mühlgraben, woran das Erlengebüsch steht. Wann ich mich hinter die Sträuchern steck, so sieht mich kein einziger Mensch, ich aber kann Alles sehn.«

»Ja, es ist ganz so, als ob Alls grad für Dich so recht hübsch hergerichtet wär. Nachhero also paßt scharf auf; sie wird bald kommen.«

»Die Diebin?«

»Ja. Aber weißt, vorher muß ich Dir noch die Hauptsach erklären. Wann Du von Daheim fortgehst, so mußt den Schubkarren mitnehmen. Denselbigen läßst Du da stehen, wo Du das Sprücherl gesagt und den Schlüsserl fortgeworfen hast. Sodann wird die Diebin kommen und den Karren holen.«

»Teufel! Das ist schön! Das ist gut! Das kann mich gefreun.«

»Nicht wahr?«

»Ja. Du hältst mich etwan für einen großen Dummkopf?«

»Ich? Dich? Was fallt Dir ein?«

»Weilst mir so einen guten Rath ertheilst!«

»Nun, das muß ja sein!«

»So dank ich schön für die ganze Geschichten!«

»Wie? Warum wirst auf einmal so ganz perflex?«


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»Weil ich mir zu dem Schaden auch noch den Spott und das Gelächter holen soll. Erst ist mirs Schweinerl gestohlen worden, und sodann schaff ich der Spitzbübin auch noch den Schiebebock hin, daß sie das Sauerl recht hübsch und gemüthlich zu Markt fahren kann! Soll ichs ihr nicht etwan nachhero auch noch abkaufen?«

»Was bist doch gleich für ein Obenhinaus! Sie wird das Schiebebockerl holen, um Dir auf demselbigen die Sauen herbei zu bringen.«

»Ah! So meinst!«

»Ja, so ists!«

»Kann sie nicht ihren eigenen Schubkarren nehmen?«

»Weißt so genau, daß sie einen hat?«

»Freilich nein!«

»Und der Deinige muß es sein, weil Du selbsten es bist, der das Schweinerl haben will. Weißt, die Magie ist so, daß sie gezwungen ist, Demjenigen das Viecherl zu bringen, dem der Karren angehört.«

»Ach so! Das ist was ganz Andres!«

»Ja natürlich! Wann sie mit dem Karren fort ist, wird sie die Sauen auf denselbigen laden und sie auf den Weg hinbringen. Dort setzt sie den Schiebebocken nieder und wartet. Du gehst hin zu ihr und sagst nur das einzige Wörtle: >Komm!< und laufst voran. Da wird sie Dir nachfolgen, immer hinter Dir her.«

»Ueberall, wohin ich geh?«

»Ueberall!«

»Auch bis hierher zum Gasthof?«

»Ja, und sogar bis in diese Stuben herein.«

»Das wär freilich ganz wunderbar!«

»Ich sag Dir, daß sie muß. Der Zauber zwingt sie dazu. Sie kann gar nicht anders.«

Die Andern hatten ruhig zugehört. Jetzt sagte der Wirth:

»So was ist aber doch kaum zu glauben!«

»Wirsts heut am Abend schon glauben, wanns so eintroffen ist, wie ich sag!«

»Ja, Dein Gesicht ist so ernst dabei, und Du redest so davon, als obst ganz und gar überzeugt wärst.«

»Das bin ich auch.«

»Hasts wohl bereits sehr oft gemacht?«

»Nicht nur einmal! Es muß ganz sicher gelingen, wann man nur Alls richtig thut und macht. Ganz besonders darf man sich nicht versprechen, wann man die Sprücherln hersagt.«

»Es ist doch nur blos eins!« meinte Franz.

»Sorg Dich nicht darum! Es kommen schon noch einige. Nämlich wann Du hier in der Stuben ankommen bist, und die Diebin hat den Schiebebocken niedergesetzt, nachher mußt laut sagen, daß Alle es hören:

Holderi und Holdera,
Dschingterum, jetzt sind wir da!«


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»Das ist nicht schwer zu merken.«

»Ja. Nachhero wird die Sauen antworten.«

»Was? Die soll reden?«

»Obs reden wird oder quiecken oder grunzen, das weiß ich freilich nicht vorher. Grunzen aber wirst sie bereits unterwegs hören, so daßt überzeugt sein kannst, daß das Schweinerl da ist. Kurzum, sie wird Dir auf den Vers antworten. Und sodann sagst nachher:

Rumdi, bumdi, Mückennest,
Jetzt habn wir den Rackern fest!«

»Auch das ist nicht schwer. Aber sehr eigenthümlich thun diese Gestanzeln doch klingen!«

»Weil überhaupt die ganze Sachen eine ungewöhnliche ist. Nachher antwortet das Schweinerl wieder. Es ist mit einem Betttuchen überdeckt. Das ziehst nun hinweg und sagst dabei:

Schlingel, Schlangel, Schnipp und Schnapp,
Nun ziehn wir das Fell ihm ab.

Nachhero ist die Geschichten aus. Die Sauen ist wiederum Dein, und mit der Diebin kannst machen, wast willst.«

»Weiter kommt nix vor? Weiter wird nix verlangt?«

»Gar nix.«

»So ists noch auszuhalten. Nur eins macht mir Bedenken. Ich hab das Tuchen um und ein schwarz Gesicht. Wann wir nach der Stadt kommen, so werden alle Leutln uns nachlaufen. Das kann mir nicht gut gefallen.«

»So mußt bedenken, daß es inzwischen Eins geschlagen hat. Da wird wohl Niemand mehr auf der Straßen herumlaufen. Und der Gasthof hier liegt doch gleich in der ersten Gassen nach dem Dorf hinaus. Die Hauptsachen ist, daß Niemand erfahren darf, daß es sich um eine Zaubereien handelt, sonst wirst von der Polizeien in Straf genommen. Das mußt Dir gut merken.«

Es wurde noch Manches hin und her gesprochen, und zum Schluß zeigte der Fingerlfranz sich vollständig bereit zu dem sonderbaren Unternehmen.

»Das soll mir ein Spaß werden,« sagte der Wirth, »wann wir die Spitzbubin ergreifen. Da will ich auch nix dagegen haben, daß wir jetzt bei dieser Geschichten unser Spiel versäumt haben. Jetzt aber ist die Sachen beschlossen, und so können wir von Neuem beginnen. Franz, Du bist an der Reihe zum Kartengeben.«

Aber es gab doch noch eine Unterbrechung, nämlich jetzt trat der Leichenbitter herein, grad so geschmückt wie bereits beschrieben. Er pußtete kräftig und sagte:

»Das ist eine Mühen und Arbeiten, daß man zuletzt gar nimmer weiß, ob man der Vatern von seinem Sohn oder der Sohn von seinem Vatern ist!«

»Natürlich bist Beides zu gleicher Zeit, wannt nämlich überhaupt einen Vatern gehabt hast und jetzt einen Sohn. Was hast denn für eine schwere Arbeiten, daßt so ganz in Schweiß ausnander läufst?«

»Das weißt noch nicht?«


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»Nein.«

»Ich lauf doch bereits seit ehegestern in der ganzen Gegend umher, um die Gäst zusammenzubitten.«

»Wozu?«

»Auch das weißt noch nicht?«

»Das ist ja dasselbige, was ich schon soeben nicht wußt!«

»Ach so! Nun, so kann ich Dirs sagen; aber vorher gieb mir einen Schnaps. Meine Zungen liegt mir im Maul wie der Stahl in einer Plattglocken. Dieses Reden, und dieses Erklären! Jetzund in unserer Zeiten sind die Menschheitskinder gar nimmer so hell im Kopf als wie ehedem. Damals brauchte man nur A zu sagen, da wußten sie sogleich, daß dies ein Buchstab ist. Jetzt aber, wann ich zwei geschlagene Stunden in einem Athem fort gesprochen hab und mich nun freu, daß ich endlich fertig bin, da Sperrens die Mäulers auf und fragen mich, weshalb ich eigentlich kommen bin. Ich sags immer, die Menschheit geht weiter und weiter zuruck. Dabei wirds Gehirn kleiner und der Magen - -«

»Hast Recht!« unterbrach ihn der Wirth. »Jetzt hast auch schon bereits fünf Minuten geredet, und ich weiß noch immer nicht, weshalb Du Umgang hast.«

Der Mann blickte ihn ganz erstaunt an und fragte:

»Hast schon bereits wieder vergessen?«

»Hasts mir etwan schon gesagt?«

»Freilich, wohl zwei- oder dreimal schon. Mein Geschäft bringts doch mit sich, daß ich aufpaß und daß ich höflich bin. Wann ich also gefragt werd, so ist auch sogleich die schnelle Antworten da. So kennst mich doch bereits allezeit. Nicht?«

»Nein. Ich kenn Dich nur so: Wann ich Dich nach Tabak frag, so antwortest von Zwetzschchen oder Pommeranzen, und wann ich Etwas vom Wettern wissen will, so fangst an, von Tint zu sprechen, von Kattun, von Ofengabeln und Ziegenböcken.«

Der Leichenbitter schlug die Hände zusammen und rief:

»Herr Jerum noch einmal! Gehts jetzt Einem schlecht, wann man ehrlich ist und sich fein rechtschaffen durch die Welt schlagen will! Nur schlecht gemacht wird man und verschumpfen und vernießt und verschnupft. Wie aber sind die andern Leut? Da giebts keinen Glauben mehr und kein Vertrauen. Da macht die liebe Sonnen das Wettern nicht mehr richtig, und wann man Mehl kauft, da ists verfälscht, und Kalken ist im Zuckern. Da ist Einer über den Andern hinein, und selbst kein Adverkate kann da mehr helfen. Die Ofen rauchen in die Stub, und in der Wursten sind Krichiners. Und nachhero, wann man fast gegen sechzig Jahr alt worden ist, erhält man nicht mal einen Schnaps, wann man ihn bestellt hat und auch zahlen will.«

»Geht das auf mich?«

»Ja freilich! Auf wen sonst?«

»Dort steht die Flaschen. Schenk Dir selber ein! Dabei kannst uns nun endlich sagen, für went heuten in der Stadt umherläufst.«


Ende der zwölften Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk