Lieferung 13

Karl May

23. Oktober 1886

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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»Das hab ich doch soeben zum dritten Mal gesagt!«

»So? Jetzt laß mich aus. Wannt etwan denkst, ich hab lange Zeit für Dich übrig, so werf ich Dich hinaus! Ists denn eine Hochzeiten oder ein Leichenschmauß?«

»Keins von Beiden, obgleich auch beim Schweineschlachten viel gegessen wird. Kaum hat mans den Leuteln gesagt, so kommens schnell gelaufen und fressen Einem das beste Stücken vom Wellfleisch hinweg. Nachhero, wann die Beiden nicht gut für nander passen und sich nur von wegen der Thalers geheirath haben, giebts eine schlechte Ehen. Auch kommt die Cholera dazu, der Kühfuß und die Tümpherümdiß. Wie können da die Kinder gut gerathen! Sie werden allsammt verzogen, und dann heißts, die Hebammen ist schuld daran. Aber ich will nimmer klagen und die Sach so kurz wie möglich machen. Zwar soll ich Dich nicht einladen, Scat-Matthes, aber es wird Dich doch auch verinteressiren von wegen der Thalmühlen - - -«

»Gott sei Dank!« rief der Wirth. »Endlich weiß mans nun doch, daß sichs um die Thalmühlen handelt!«

»Das hättst bereits lange wissen können, wannst besser aufpaßt hättst! Wannt nicht gut hörst, so gewöhn Dirs Schnupfen an! Eine Priesen Lotzbeck oder Schneebergern Augentobaken thut da Wundern. Das Schnupfen öffnet die Nasen und giebt dem Verstand den richtigen Kraft und Saft. Gegen vierzig Personen werdens sein, Männer und Weiber. Auch Vornehme sind dabei, die mir vor lauter Freud gleich einen Thalern geschenkt haben, und passen thut das Paar zusammen; das muß man sagen. Die Letzte im vorigen Jahr wog fast über zwei Zentner; das sind zehn Stein oder zweihundert Pfund. Schmeer hatte sie grad wie ein Ochs, und gefressen hat sie bis zum letzten Augenblick. Aber so ists, man weiß nicht, ob man morgen noch unter den Lebendigen ist, und wäre der Bahnzug damals nicht vom Damm herunter gefahren, so lebte Mancher noch. Schließlich kam der Hirnschlag dazu und er wurde in erster Klassen begraben, mit Glockengeläut und einem Gesangsbuchsliedl unterwegs. Die älteste Tochter hat sich scheiden lassen von wegen böswilliger Verlassung der ehelichen Familienhindernissen, und nachhero paßt doch Keiner so gut zur Paula wie der Fingerlfranz. Zehnmal und zwanzig Mal ist der Alte bereits Gevattern gewesen; da zieht er allemal die Kalblederstiefeln an mit den lackirten Spitzen - - -«

»Und Du bist ein lackirter Affen!« unterbrach ihn der Wirth lachend. »Jetzt hast geschwatzt und geschwatzt, und nur so ganz nebenbei kanns man herausriechen, daßt vom Fingerlfranz und von der Paula redest!«

Der Hochzeitsbitter machte ein ganz und gar unbeschreibliches Gesicht, legte den Regenschirm und den Hut weg, welche Beide er bisher in den Händen behalten hatte, holte tief, tief Athem und sagte:

»Wie? Was? So nebenbei riechsts heraus. Jetzt hab ich mir schon das Maul lahm geredet, und kein einziger Mensch hat richtig drauf gehört! Natürlich red ich von den Beiden! Wannst das nicht weißt, so bist taub und


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auch blind dazu. Er sitzt ja selber da, der Fingerlfranz, der Verlobungsbräutigamen, da grad neben Dir! Ist das nicht genug?«

Alle lachten, und der Wurzelsepp stand auf, um zu gehen. Er hatte seinen Zweck erreicht und fühlte keine Lust, die ferneren Reden des Leichenbitters mit anzuhören.

»Also heut Abend,« sagte Franz zu ihm. »Deine Zechen bezahl ich. Kommst doch auch mit her?«

»Ich weiß noch nicht, glaubs auch kaum. Den Rath hab ich geben; weitern bin ich nimmer nöthig. Besser ists allemal, wann ich nicht mit da bin. Aber ich werd Dich morgen aufsuchen, da kannst mir mal das Schweinerl zeigen, das man bei Dir ausbrochen hat.«

»O, einbrochen ist Niemand; das war gar nicht nothwendig. Die Sau war nicht bei den andern im großen Stall, sondern sie steckte ganz hinten im letzten Koben am Garten. Da war fruh der Holzriegeln von der Thüren zuruckgeschoben und das Vieh verschwunden. Die Spitzbubin hat sich gar keine Mühen zu geben braucht.«

Der Wurzelsepp ging. Er wollte den Fex aufsuchen, um sich nun mit ihm zu besprechen. Da er den gewöhnlichen Weg bereits herzu gegangen war, schlug er diesesmal einen andern ein, welcher durch die Felder führte und um das Dorf herumging. Nach einiger Zeit war es ihm, als ob er Etwas gehört habe. Er blieb stehen und lauschte. Richtig! Da von rechts herüber klang es wie ein tiefes, wohlgefälliges Grunzen. Er schritt auf den Ort zu, von welchem die Töne kamen.

Mitten in einem großen Felde, welches im vorigen Jahre mit Rüben bepflanzt worden war, hatte man eine sogenannte Miete errichtet, um diejenigen Rüben, für welche der Besitzer im Hause keinen Platz gehabt hatte, im Freien über dem Winter aufzubewahren. Die Rüben waren aufgeschichtet und wohl einen halben Meter hoch mit Erde zugedeckt worden. Und da drin in diesem Haufen stack - ein Schwein, welches sich tief hineingewühlt hatte und behaglich grunzend von den saftigen Rüben futterte. Keine Spur von einem Stricke oder einer sonstigen Fessel. Es war klar: dieses Thier gehörte dem Fingerlfranz. Es war nicht gestohlen worden, sondern einfach echappirt. Vielleicht hatte der Knecht oder die Magd beim Abendfüttern vergessen, die Stallthür richtig zu verschließen; das Thier war fortgelaufen, hatte zufälliger Weise die Miete gefunden und sich in diesen reich gedeckten Tisch tief hineingefressen. Jedenfalls fiel es ihm gar nicht ein, diesen Ort sogleich wieder zu verlassen.

»Das laß ich mir gefalln!« schmunzelte der Sepp. »Nix kann mir besser passen als grad das! Jetzunder werdens glauben müssen, daß ich wirklich hexen kann!«

Er blickte sich um. Kein Mensch war zu sehen. Er zog eine starke Schnur aus seinem Rucksack und schnitt sich mit dem Messer einen Pflock aus einem nahen Busch. Dann kroch er zu dem Schweine hinein, trieb den Pflock mit einem Steine tief in den Boden und band an denselben das Schwein mit


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einem Hinterfuße fest. Auf diese Weise war das Thier an der Flucht verhindert. Dann ging er weiter, der Mühle zu.

Er hatte dieselbe noch lange nicht erreicht, so sah er den Concertmeister, welcher ihm entgegenkam und große Eile zu haben schien. Er blieb stehen und zog seinen Hut.

»Grüß Gott, Herr Concertenmeistern! Verteuxeli, hasts heut nothwendig! Mußt wohl gar zum Leihhaus laufen?«

Der Virtuos hörte gar nicht so recht auf diese Worte. Er dankte kurz, lief vorüber und rief dabei:

»Hab keine Zeit. Muß zu ihr. Ssie kommt, ßie, ßie!«

»Sssssie? Sssssie? Wer ist nachher diese Sssssie?«

Da schien der Italiener sich auf Etwas zu besinnen. Er blieb stehen, drehte sich um und kam zum Sepp zurück.

»Ich haben kehört, daß Sie ßein begannt mit ihr?«

»Mit ihr? Wen meinst dann?«

»Das rath Sie nicht?«

»Sie nennst mich? Was fallt Dir denn ein? Hältst mich etwan für dem Großsultan seinem Hauswirth, dem er die Miethen schuldig ist? Ich bin der Wurzelsepp und will Du geheißen werden. Verstehst?«

»Ja, ja, ich verstehn Du! Aber Du ßein ihr Begannter, ihr Freund, ihr Pathen, ihr conoscente, amico e patrino? Ssein das wahr?«

»Was sagst da für ein Zeug? Thu mir doch den Gefalln, und laß die fremden Wörtern weg! Red doch gleich lieber, wie Dir der Schnabel gewachsen ist!«

»Ich fragen, ob Du wirklik ßein ihr Pathen!«

»Von wem redst denn eigentlich?«

»Von damigella, von canterina, von Sängerin Signora Mureni.«

»Mureni! Gott sei Dank! Jetzund giebts endlich mal ein deutsches Wort! Mureni. Die Muhrenleni meinst?«

»Ja, ßie mein ich, ßie, ßie, ßie!«

Dabei strich er mit dem Stocke, welchen er in der rechten Hand hielt, über den ausgestreckten, linken Arm, als wenn er ein kräftiges, abgerissenes Sforzato geigen wolle.

»Nun freilich, der ihr jeniger Path bin ich schon.«

»So! Da wollen ich Dir ßaken, daß Ssie kommen.«

»Sie kommen? Wie viele denn?«

»Ssie, ßie, ßie, die Sängerin.«

»Ach so! Sssssie, die Leni? Wann kommt sie?«

»Jetzt, aukenblicklik, subito, incontinente!«

»Was? Cupido? Den kenn ich schon. Das ist bei den Chinesern der Hochzeits- und Heirathsschlingel. Du, Musikmeistern, Du willst mir doch nicht etwan mit diesenjenigen Cupido der Muhrenleni aufs Tupeh springen? Das laß sein! Dazu bist allbereits zu alt und auch zu magern. Da hast falsch gerechnet!«


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»Ich verstehen Dich nicht. Ich wollen Dir nur ßaken, daß ßie kommt, mit dem näksten Zug auf der Eißenbahn. Ich laufen, ßie abzuholen.«

»Himmelsakra! So lauf ich auch!«

Er setzte sich mit dem Musikmeister in Bewegung. Natürlich hatte der Sepp ganz andre Lungen als der Italiener. Bereits nach einer halben Minute war er ihm weit voraus. Da aber kam ihm ein Gedanke. Er blieb halten, ließ ihn herankommen und fragte:

»Wie viel Uhr kommt denn der Zug?«

»Ssieben Uhren, le settimo

»Um Sieben! Heiliger Severinus! Und da rennst so, als obt Feuer in den Hosen hättst! Da habn wir ja noch eine ganze Stunden Zeit! Jetzt laß mich aus! Was seid Ihr Musikantern doch für unbegreifige Leutln! Hast noch so viel Zeit, und rennst davon wie ein auskneifiger Spitzbuben. Der Schweiß rennt Dir in die Schuhen, und wannst nachhero auf dem Bahnhof stehst und frierst, so klapperst mit den Knochen und bekommst einen Quatarr und einen Schnupfrich, daß Dir die Nasen tropft wie eine Dachtraufen beim Wolkenbruch. Lauf also doch, wie sichs fein gehört! Und sag mir lieber, woherts weißt, daß die Leni kommt.«

»Mein Freund hat ßu mir heraußen schicken, der Kapellenmeister, il maestro di capella. Ich müssen ßie mit abholen von der Bahnhofen, ich, weil ich mit ßie ßpielen und maken Concert.«

»Ach so, Du spielst mit ihr? Schön! Aber weißt vielleicht auch schon, in welchem Gasthof sie logiren wird?«

»Nix in kein Kasthofen, in kein Hotel. Ssie werden wohnen in die Mühle - mulino

»Meinst etwan in der Thalmühlen?«

»Ja. Mein ßehr kehehrtes Freund Richard Wagner Riccardo Caroadore hat kesproken mit das Müller, mulinaro. Dort ßein ein Logis ßu finden.«

»Etwan in der Villa bei Euch?«

»Nein, no, no, ßondern in Mühlen ßelber, ein Treppen hoch, mehrere Zimmer, piu molti appartamenti

»Das ist droben in der guten Stuben und neben dran, wo der Müllern nur aufschließen thut, wann er mal Besuch bekommt. Dies Logemang hat er hergeben? Das ist ja ein blaues Wunder! Da hat er mal eine sehr gute Launen gehabt. Jetzt horch! Da schlägts auf dem Thurm. Nun haben wir noch drei Viertelstunden Zeit. Aber weißt, Du bist halt ein vornehmer Mosjeh, und mein Habit paßt nicht zu dem feinen Gottfried, dent angezogen hast. Drum will ich Dich nicht vor den Leutln verblamerirn. Lauf Du durch die Stadt; ich geh hinten herum.«

Sie trennten sich, was dem Concertmeister auch ganz lieb zu sein schien. Unter vier Augen mochte er wohl einmal gern mit dem originellen Wurzelsepp beisammen sein; aber mit ihm durch die Stadt gehen, das hielt er doch nicht für sehr gerathen. Also ging er gradaus, und der Alte schlug einen schmalen Pfad ein, welcher lang hinter diesem Theile des Badeortes hinführte.


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»Jetzt nun bin ich neugierig,« murmelte er in den Bart, »was die Leni für ein fein Gewanderl anhaben wird, wann sie aus dem Wagen steigt. Freilich muß sie sich nun kleiden wie eine richtige neumodische Mademosellen, so ein lang Kleid von Seiden mit einem Schlamperl daran, was hinterher die Cigarrenstummerln auf der Straßen zusammenfegen thut, nachhero einen Sammethut mit einem Vogerl drauf oder mit einer toden Katzen aus Amerika; daran kommt dann so ein Schmachtlapperl, was sie den Schleiern heißen, in der einen Hand ein Sonnen-Parumblüh mit Quasterln und Spitzerln dran herum, und in der andern Hand das weiße Schneutztucherl, was man so hübsch hin und her schlenkert. Und große Schritten darf sie auch nicht machen, wie wann Unsereiner über den Graben springt, sondern sie muß so zimperlich hipperln und tripperln, wie wanns lauter Ameisen zwischen denen Fußzeherln hätt. Na, ich bin begierig, obs mich dann auch noch kennt und anschaut, besonders wann so vornehme Herren dabei sind, der Musikmeistern und der Musikdirectorn!«

Und stehen bleibend und sich mit der Faust vor den Kopf schlagend, fuhr er laut fort:

»Was? Wurzelsepp, was bist doch für ein Hallunken und schlechter Kerlen! Du meinst, daß die Leni Dich nimmer kennen wird? Soll ich Dir selber eine Watschen hinein hauen, daßt ein Purzelbaumerl fliegst von hier bis ins Oesterreicherl hinein. Die Leni ist ein braves Dirndl; die verleugnet den Sepp nicht, und wann selbst der König dabei steht und der Großmogul und der Reichtstagslasker und der Eugen Richter mit sammt dem Fürsten Windischgrätz! Die, wann sie aussteigt und sieht mich dabeistehen, so schaut sie die vornehmen Schlankerln gar nimmer an, sondern die wirft vor Freud den Sammethut in die Luften, macht einen Jauchzersprung und fallt mir um den Hals, daß ich gleich denk, ich hab in deren Braunschweigischer Lotterien die Fünfmalhunderttausend gewonnen. Nachhero - - -«

Er war mit beschleunigtem Schritte wieder weiter gegangen, blieb aber jetzt abermals und plötzlich stehen, hielt mitten in seiner Rede inne und starrte nach einer nahe liegenden Gartenecke.

Dort kam zwischen zwei Häusern ein schmaler Steig heraus, welcher auf den Weg mündete, den der Sepp eingeschlagen hatte. Auf diesem Steig war Jemand herbei gekommen und beim Anblicke des Alten dort an der Zaunecke ganz ebenso freudig überrascht wie er stehen geblieben.

»O Jerum Postum Natum, ich weiß nix mehr vom Datum!« rief er aus. »Ists wahr? Bists, oder bists nicht?«

"Leni, bists wirklich?"

»Ich bins halt schon!«

»Leni!«

»Sepp!«

»Mein liebs Lehnerl!«

»Mein alts, guts Patherl! Komm her! Ich muß Dich umarmeln und Dir vor lauter Freuden ein Busserl geben!«


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Sie breitete die Arme aus und kam auf ihn zu. Er aber hielt ihr die ausgespreizten zehn Finger entgegen und rief abwehrend:

»Halt! Nicht so schnell! Erst muß ich mir das Maul abwischen, eh mich so ein saubers Vögerl anbeißen darf. Weißt, ich hab auch meine Lebensart gelernt!«

Er wischte sich einigemal mit dem Aermel so derb über den grauen Schnurrbart, als ob dort einige Frühbeete hinweg zu räumen seien.

»So, jetzund ists appetitlich. Nun schmatz drauf los!«

Sie lachte hell und munter auf, schlang die Arme um seinen Hals und gab ihm einen - zwei - drei schallende Küsse.

»Da, Sepp, hast Dein Willkommen! Schau, so sehr freu ich mich, daß ich Dich seh!«

Er leckte sich die Lippen ab, als ob er Honig gegessen habe, und meinte schmunzelnd:

»Ja, so was laß ich mir schon gefallen. Wanns allemal so wär, so lief ich halt gleich jetzt wiederum fort, um in einer Viertelstunden wieder so ein Willkommen zu halten. Aber, Du Wetterhexen, was thust eigentlich hier hinter den Häusern? Willst etwan Sperlingen fangen?«

»Ja!« lachte sie.

»Oho!«

»Aber nur einen einzigen.«

»Bist doch gespaßig!«

»Und zwar einen recht alten und grauen.«

»So mach schnell, daßt ihn auch erwischst!«

»Ich hab ihn schon!«

Dabei hielt sie ihn an seiner alten Joppe fest.

»Potz Flammri! Meinst wohl gar mich?«

»Ja doch!«

»Nun, so hast Recht. So ein alter, grauer Spatzen und Matzen bin ich schon freilich. Also mich hast fangen wollen? Das soll ich wohl auch bald glauben?«

»Kannsts glauben! Ich bin durch alle Straßen gelaufen und hab in alle Wirthshäusern geschaut, aber da ist kein Sepp zu sehn gewesen. Hernach hab ich denkt, ich will mal ins freie Feld blicken, ob er vielleicht da herum springt. Drum bin ich dahier heraußikrochen, und richtig - da hab ich Dich verwischt.«

»Schau, schau! Wer hätt das denken konnt! Und weißt halt; wohin ich eben wollt?«

»Nun?«

»Nach dem Bahnhof, um Dich außisteigen zu sehen.«

»Siehst, da hättst freilich nix geschaut. Ich bin schon bereits mit dem vorigen Zug ankommen, und weil ich weiß, daßt auch hier bist, so bin ich allsogleich ausgangen, um Dich zu suchen. Aber woher weißt halt, daß ich mit diesem Zug kommen soll?«


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»Von einem Italienern, einem Concertmeistern, dems der Musikdirectoren gesagt hat.«

»Ach so, der! Ja, der Musikdirectoren hat uns telegraphirt, daß er uns mit der feinsten Equipaschen abholen will, und daß er auch bereits ein sehr hübsch Logis für uns hat.«

»Uns? So bist nicht allein da?«

»Jetzt bin ich allein; aber nun kommt Frau Director Qualèche, weißt, meine Gesangslehrerin.«

»Ja, das Kalescherl.«

»So heißts nicht, Sepp. Qualèche ist ein französischer Nam und wird ausgesprochen wie Galehsch.«

»Ja freilich, wie Kalesch, und das ist doch ein Wagerl, mit dem man leicht und rasch spazieren fahren thut, ein Kalescherl. Die Madame ist also die Frau Directoren Kalescherl.«

»Galehhhhhsch! Verstanden?«

»Ja, hörsts doch! Kalescherl!«

»Mit Dir ist nix zu machen. Du bist und bleibst der alte Wurzelsepp!«

»Und Du bist und bleibst mein bravs Lehnerl. Nicht?«

»Ja, was soll ich denn sonsten sein?«

»Nun, Du könntst gar vielerlei sein; aber am Besten ists, wann Du die Leni bist. Nun sag aber auch, warum Du so zeitig kommen bist und nicht mit Deiner Madamen Kalescherln?«

»Ja, schau, das war so eine Marotten von mir.«

»O weh! Hast doch auch bereits Marotten?«

»Einen ganzen Haufen! Weißt, die Directorin hat ihr Stubenmädchen mitgenommen und ein Gepäck, als obs nach Mexiko auswandern wollt. Und weil wir abgeholt werden sollen, so hats ein fein Seidenkleid anzogen, und ich sollt auch als so ein feins und vornehms Kreaturl mitkommen. Nun denk Dir mal, Sepp: Ein Schnürbrusten mit acht Pfund Fischbeinen und da vorn herunter ein halber Zentner Stahl; auf dem Kopf ein großer Schapoh de Mariong mit einer Straußenfedern drei Ellen lang. Nachhero die Haaren fein gesalbt und geflochten und zwanzig Naderln hinein und ein Diademen von Silbern mit Granaten drin - -«

»Alle Wetter!« unterbrach er sie schnell. »Granaten? Ist das Kalescherl gescheidt oder nicht? Wann nun die Granaten platzen!«

»Das sind keine solchen, sondern andere. Und weiter: Dann soll ich Glassehschuhen an die Händen thun und Glanzstieferletten an die Füßen. Einen Fächern soll ich in die Finger nehmen und damit so auf und nieder wedeln, als ob mich die Fliegen und Wesperln schon bereits halb aufgefressen hätten. Und nachhero den Palletoh und den Reisemantel, eine Plüschdecken und ein Plähd aus Schottenland, was aussieht wie eine Dammbrett. Fünf Hutschachterln und zehn Cartongeln, drei Sonnen- und zwei Regenschirmer zwei Pelzmuffkasten und den Fußsacken, dreißig Papierpaketerln und vierzig - - -«


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»Halt auf, halt auf!« schrie der Sepp, indem er sich mit beiden Händen nach den Ohren fuhr. »Und das Alles hast mitnehmen sollen?«

»Ja. Und dazu still sitzen und Bonbons fressen und ein Gesicht machen wie ein Schaf, wann mans mit dem Grashalm in der Nasen kitzelt. Und nachhero, wann man aussteigt, diese Komplimenters und Verbeugebungen und Knixen, daß man sich die Hüften verdreht und die Achseln verrenkt. Dann in eine feine Equipaschen gesteckt und wie die Prinzessin Harifaridarina ins Logement geschafft und dort fein säuberlich niedergesetzt wie ein Glasweiberl, was ja leicht zerbrechen könnt! Nein, da ist mir himmelangst worden, und ich bin ausgerissen.«

»Wie? Was? Wirklich ausgerissen?«

»Freilich.«

»Weiß dann das Kalescherl, daßt hier bist?«

»Daß ich schon hier bin, weiß sie nicht. Ich hab halt mein Alpengewandl hervorgesucht und heimlich anzogen. Herrgottl; wie mir da so wohl geworden ist! Das glaubst halt gar nicht. Ju - hu - hio!«

Sie schnippste mit den Fingern in die Luft und stieß einen schallenden Jodler aus. Der Sepp wurde davon sofort angesteckt. Er faßte sie mit beiden Händen an der Taille, hob sie hoch empor und schrie:

»Hol - de - ro - dri - oh! Juch, juch! Dirndl, Du hast mirs angethan! Der Teuxel soll das vornehme Gelimper und Gelamper holen!«

»Hast Recht, Sepp, hast Recht! Also ich hab mein Gewandl anzogen und bin eschappirt. Vorher aber hab ich einen Brief geschrieben, daß - -«

»Was? Was sagst? Briefschreiben kannst auch schon?«

»Na, was ich alls gelernt hab, das glaubst gar nimmer. Also ich hab der Madamen Qualèche geschrieben, daß ich allbereits fort bin; ich werd einen Umweg machen und erst morgen am Vormittag hier ankommen.«

»Sapristi! Bist Du ein durchdrieben Geschöpferl!«

»Ja, so muß mans anfangen, wann man mal wiederum ein richtig und munter Menschenkind sein will. Aber freilich bin ich schon fruh kommen und nicht erst morgen. Nun möcht ich wissen, was die Frau Director für ein Gesichterl gemacht hat, als sie den Schreibebrief lesen that. Das muß gespaßig gewest sein!«

»Und was für Gesichter der Concertmeistern und der hiesige Kapellmeistern machen wird, wann sie hörn, daßt nicht mit dabei bist, das möcht ich auch schaun. Aber nun sag doch mal, Leni, wannt so allein gefahren bist, wo hast nachher das Geldl dazu hergenommen?«

»Meinst, ich hab keins?«

»Nun, woher sollsts genommen haben?«

»Sepp, soll ich Dir meine Kassen zeigen?«

»Ja, zeigs doch mal. Dadrin wirds wohl auch traurig ausschaun, denn Sennrin bist nun nimmer mehr, und ein Dienstlohn bekommst also nicht. Aber hab nur keine Sorgen und Aengsten. So lang der Sepp da ist, da soll Dir geholfen sein. Was Du brauchst, das hab ich halt schon.«


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»Meinst von dem Meinigen, wast mir in München aufgehoben hast?«

»Was Du dem Krikelanton seinen Eltern geben wolltst? Nein, das wird nicht angerührt. Wann Du ein Geldl brauchst, so geb ich Dirs von den meinigen Ersparnissen. Ich hab mir schon denkt, daßt kein solch Concerten hier singen und so eine Reisen machen kannst ohne Geld. Und hier brauchst doch auch Etwas. Nicht?«

»Das wird schon wahr sein.«

»Nun, so will ich Dirs geben.«

»Wie? Das willst wirklich thun? Geld willst mir geben?«

»Ja freilich!«

Um ihre Lippen spielte es stillvergnügt.

»Nun, wie viel nur?«

Er zog sein kleines, schmutziges, armseliges Lederbeutelchen hervor und öffnete es. Er nahm ein Papierchen heraus, reichte es ihr hin und antwortete:

»So viel, Leni. Weit wirds wohl nimmer reichen; aber besser ists doch immer als gar nix.«

Sie nahm es und öffnete es. Es war ein zusammengelegter Fünfzigmarkschein. In ihren Augen glänzte es feucht, und ihre Lippen zuckten verrätherisch.

»Das willst mir geben, Sepp, das?«

»Ja.«

»So viel!«

»Leni, für ein Sängrin ists so wenig; das kann ich mir gar wohl denken.«

»Aber wie lang hast drüber gespart?«

»Das geht Dich gar nix an!«

»O, das geht mich schon was an! Das geht mich sogar sehr viel an! Mein armer, alter Pathen, der nur trocken Brod ißt und am Tag über kaum eine Mark verdient, wann der mir gleich auf einmal fünfzig Mark schenken will, so kann ich schon darnach fragen, obs ihm auch keinen Schaden bringt!«

»Da brauchst keine Angst zu haben. Ich sterb schon nicht daran!«

»Nein, gleich nicht. Aber wannst in Deinen alten Tagen Dir nicht auch mal eine Güten thun kannst, so verkürzst Dein Leben. Verstanden! Ich nehm das Geldl nicht.«

»Leni!« rief er halb bittend und halb grollend.

»Sepp! Hältst mich für hartherzig?«

»Nein, eben nicht!«

»So behalt Dein Geld!«

»Nein, Du nimmsts!«

»Soll mich Gott behüten! Ich brauchs auch nicht. Ich wollt nur mal sehen, wie viel Du mir geben thätst.«

»Du brauchsts schon nothwendig!«

»Nein, ich hab Geld.«


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»Kannsts beweisen?«

»Ja.«

»Na, so mach den Beutel auf!«

»Gut, schön! Sollsts gleich sehen.«

Sie drückte ihm den Kassenschein wieder in die Hand, zog ein Portemonnaie heraus, öffnete dasselbe und hielt es ihm hin.

»Nun, so schau!«

Er warf einen langen, erstaunten Blick hinein, trat dann zurück und sagte:

»Jesses, Marie und Josepp! Hast Du aber ein Geldl!«

»Nicht wahr?«

»Lauter Gold!«

»Na, also!«

»Lauter Zehn- und Zwanzigmarkerln!«

»Nur? O, ich hab auch noch mehr. Schau hier nach!«

Sie öffnete noch ein verschlossenes Fach und zog mehrere Hundertmarkscheine hervor.

»So! Hier sind noch fünfhundert Mark.«

Da hob er die Hand erschrocken empor und brach in den alten Stoßvers aus:

»O Herr behüt mich hier auf Erden,
Daß ich nicht mög ein Spitzbub werden!«

»Willst etwan bei mir einbrechen?« lachte sie.

»Nein, bei Keinem, und bei Dir nun erst recht gar nicht. Aber, schau, das sind doch fast achthundert Markerln. Wo hast die denn eigentlich her?«

»Ach so! Jetzt denkst, ich sei irgendwo einibrochen!«

»Nein, aber ich kanns nicht begreifen, daßt so ein Geldl hast. Eine arme Sennerin und so ein Vermögen! Sags schnell, damit ich ruhig werd!«

»Vom König hab ichs.«

»Ah! Vom König!«

»Ja. Er zahlt Alles und giebt mir noch extra auch ein Nadelgeld, wovon ich mir Dieses hier gespart hab.«

»Ein Nadelgeldl?« fragte er erstaunt. »Und davon hast das hier zuruck gelegt?«

»Ja.«

»Himmelsakra! Das mag auch begreifen, wers begreift! Von dem Geldl, was Du brauchst für Steck-, Näh- und Haarnaderln hast das gespart?«

»So wörtlich ists nicht gemeint. Schau, Nadelgeld heißt das, was eine Dame monatlich für Alls erhält, was sie braucht, was sie sich selber kaufen muß.«

Er sah sie groß an, zog die Brauen empor, nickte ihr langsam und verständnißinnig zu und sagte:

»Eine Dame! Ah, Schlipperment! Eine Dame bist also! Nun, das ist wohl auch richtig. Und wie viel giebt Dir der König im Monat, he?«

»Ich bekomm am Tag fünf Mark, am Monat also hundertfünfzig Mark. Hundert spar ich davon, und weil ich nun bereits vom September bis Mai


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in der Gesangslehr bin, also acht Monaten, so sinds auch grad achthundert Markerln.«

»Und die sind auch Dein?«

»Natürlich!«

»Du brauchst nix zuruck zu geben, wast nicht brauchst?«

»Wo denkst hin! Wird der König Etwas wieder zuruck nehmen? Er hat den Betrag aus seiner Privatschatullen angewiesen, und da wirds nun ausgezahlt, ob ichs brauch oder nicht.«

»O heiliger Baldrian! So eine Privatschatullen, wann ich auch hätt! Ich fräß den ganzen geschlagenen Tag von fruh bis Abends saure Kartoffeln mit Speckgriefen dran! Was bist nun da plötzlich für ein reiches Dirndl worden, Leni! O Himmeljerum! Du brauchst nur die zehn Fingern hinaus zu halten, wann Du einen Mann haben willst, nachher klebt an jedem Fingerl ein ganzes Batallgon. So eine Unsummen von Reichthum! Aber schau, das gefreut mich sehr, daßt so gespart hast. Konntsts ja auch verwichsen wie Andre, und es hätt kein Hahn darnach gekräht. Aber so ist nun die Leni!«

»Soll ichs etwan zum Fenstern naus werfen? Ich erhalt ja Alles, was ich brauch, Wohnung und Kost, Lehrgeld und Kleidung, und was für Kleidung. Hör, Sepp, wannt mich im neuen Konzertkleid siehst, so geht Dir der Verstand flöten!«

»Du, da schau ich Dich lieber gar nimmer an!«

»So willst mich also nicht anhören?«

»Ich möcht wohl. Darf ich?«

»Du sollst sogar. Wann ich zum ersten Mal als Sängrin auftret, so mußt unbedingt dabei sein. Ich geb Dir ein guts Freibilleterl.«

»Auch noch ein guts?«

»Ja. Mein Path, der soll mit vorn sitzen bei denen vornehmen Herrschaften. Verstehst?«

»Verteuxi!«

»Oder fürchtest Dich etwan?«

»Ich? Vor wem? Nun grad setz ich mich erst recht voran, denen Herrngeschaften vor die Nasen.«

»Mußt Dich aber fein sauber machen!«

Er kratze sich hinter den Ohren und meinte:

»Ja, das möcht ich wohl gern, aber - aber - - hm!«

»Was meinst?«

»Ich versteh nix davon.«

»Vom sauber machen?«

»Ja eben. Schau, waschen thu ich mich wohl alle Tagen mehrmals und kämmen auch; damit ists bei mir genug. Das Weiteren kenn ich nicht. Wann ich mich so herrichten soll wie die hiesigen Stutzern, so wird mir gleich himmelangst. Ich weiß ja gar nimmer mehr, was sie Alls thun, um schön hübsch zu sein. Ich habs wohl mal gehört aberst auch wiederum vergessen. Ich hab vernommen, daß sie sich Mehl ins Gesichten blasen, um recht schön


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weiß zu sehen und Bartstiefelwichsen in den Schnurrbrich. Für die Fingernagerl habens ganz besonderen Bürsten und auch ein feins Scheerle zum Abschneiden, wo ich sie mir gleich so blos abbeißen thu. Nachher kämmens sich einen Strich über den Kopf bis hinten zum Genick herunter, daß der Kopf gleich nur zwei Hälften hat, rechts herübern und links hinübern; ein Glas sperrens sich ins Auge, und einen Stecken nehmens in die Hand, der nicht mal bis zur Erden herunter reicht. Die Hosen müssen ganz eng sein, daß man die Wadeln gut erkennen kann, weils zu klein sind, und hinten kommt eine dicke Watten hinein, weils da auch am Fleisch fehlt. Die Brust macht der Schneidern und die Achseln auch, - sogar eine Schnürbrust sollens anlegen, und wann nachhero so ein armer Teuxel in dem Gewandl steckt, so soll es ihm grad so zu Muthe sein, als ob er oben erstickt, unten ersäuft, vorn erdrosselt und hinten aufgehangen werden sollt. Und nun frag ich Dich, ob ich etwan mich auch so herausstaffiren lassen sollt. Da wärs mir angst um mein arms Wengerl vom Leben.«

»Nein, das sollst nicht. Du sollst nur einen neuen Kragen, ein hübsch Hals- und Schnupftucherl und ein Paar Manschetten haben. Und die Schuhen mußt Dir auch sauber machen.«

»Weiter nix?«

»Nein. Und den Kragen, die Manschetten und das Halstucherl werd ich Dir selber anmachen, weißt, daß es hübsch accurat wird. Ich will grad einen großen Staat mit Dir machen, denn die Leutln werden natürlich fragen, wer der Hallodri ist, der es wagt, sich zu ihnen zu setzen.«

»Der Hallodri? Herrgott sakra, da werd ich ihnen aber eine Antworten geben, mit welcher - - -«

»Ja, weißt, laut werdens nicht fragen.«

»Wie sonst?«

»So ganz still, mit Blicken.«

»O, meinst etwan, ich kann nicht auch blicken? Ich kann Augen machen wie - wie - - wie ein Ofenloch, wann die Steinkohllen drin zerplatzen und heraus in die Stuben fliegen. Mir sollen diese Rackern nicht etwan mit ihren Blicken kommen; ich werd sie anblitzen, daß sie denken, der Donner kommt sogleich dahinter her.«

»Das ist auch falsch.«

»So? Wie soll ichs dann machen?«

»Gar nix sollst machen. Mußt so thun, als obst grad hin gehörst und nirgends anders hin. Mußt gar nix sehn von ihnen; mußt denken: Blaßt mir den Staub von den Füßen, und flickt mir die alten Strumpf zusammen! Verstanden?«

»Ja, so kann ich auch thun, ganz gewiß, wann ich nur erst mal wollen thu. O, ich bin ein sakrischer Kerl, das glaubst kaum richtig. Ich kann ein Gesicht machen, wie dem Millionär sein Köderhund, wann ein Bettler kommt. Er bellt ihn gar nicht an; dazu hat er viel zu viele Kassenscheinerl im Schrank.«


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»Ja, so mein' ichs und so will ichs. Aber hier stehn wir nun; schon fast eine halbe Stunden. Wo gehn wir nun mal hin?«

»Willst etwan gleich in Dein Logis?«

»Wo ist das?«

»Weißts noch nicht?«

»Nein doch.«

»Das ist in der Thalmühlen draußen, wo auch der König wohnt.«

»Der ist schon da?«

»Ja; aber es solls wohl Niemand wissen. Und der Richardl ist auch bereits hier. Na, die habn auch schon ein Abenteuern durchgemacht, was hätt schlimm ausfalln können, wann der Fex nicht gewesen wär!«

»Wer ist das, der Fex?«

»Das werd ich Dir nachher schon Alls klar und klein erzählen, Leni. Jetzt aber - - Ah, wer kommt da?«

Die Beiden hatten Aufmerksamkeit nur auf sich selbst gehabt; darum war es ihnen entgangen, daß es ganz in der Nähe einen heimlichen Beobachter gab. Nämlich das Haus, an welchem der schmale Steg vorüberging und hinter dessen Gartenzaun die Beiden standen, war der Gasthof des Scat-Matthes. Dort befand sich der Fingerlfranz noch. Er war einmal heraus in den Hof gegangen und hatte da die Jauchzer der Beiden gehört. Die Stimme Leni's war ihm sofort aufgefallen, und so hatte er einige Schritte weiter heraus in den Garten gethan.

Zu seinem Erstaunen sah er da hinter dem Zaune den alten Sepp in einer sehr intimen Unterhaltung mit einem außerordentlich hübschen Mädchen. Von der Wand eines Schuppens gedeckt, schlich er langsam näher. Er sagte sich, daß er kaum jemals so ein schönes Mädchen gesehen habe.

Er hatte Recht. Als Sennerin hatte Leni doch immerhin etwas Eckiges, Unfertiges an sich gehabt. Jetzt war sie voller und runder geworden, auch schien sie in die Höhe gewachsen zu sein. Das Sonnenbraun war von ihren Wangen gewichen und hatte einer leisen, hochinteressanten Röthe Platz gemacht, zu welcher der schneeige Teint des übrigen Gesichtes und des Halses, sowie die dunkle Fülle ihres Haares außerordentlich gut paßte.

Es war gewiß, sie hatte geistig gewonnen. Ihre Mienen, ihre Bewegungen waren ganz andre geworden. Ihre Schönheit, früher so zu sagen nur eine körperlich-seelische, war nun auch eine geistige geworden. Das Studium der Musik hatte ihrem ganzen Wesen den Adel geistiger Arbeit aufgedrückt.

Darum machte sie einen außerordentlichen Eindruck auf den Fingerlfranz. Dieser sagte sich zunächst freilich nur, daß sie hübsch, üppig, verführerisch sei. Sie trug ärmliche Kleidung und redete mit dem Wurzelsepp, der für einen halben Bettler galt. Das war für den Franz genug. Er war reich und hielt sich für einen außerordentlich hübschen Kerl; darum konnte es ihm ja gar nicht schwer fallen, hier eine so interessante Bekanntschaft anzuknüpfen. Er beobachtete die Beiden noch ein Weilchen, aber ohne ihre Worte verstehen zu


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können; dann ging er näher. Als er sah, daß er von dem Sepp bemerkt worden sei, rief er laut:

»Was, bist noch immer da, Sepp? Ich hab glaubt, Du bist schon längst fort gangen.«

»Das war ich auch; aber ich bin bereits wieder zuruck.«

»Und hast Gesellschaft troffen?«

»Freilich.«

»Das laß ich mir gefalln. Darf ich auch diese gute Bekanntschaften machen?«

»Ich rath Dirs nicht.«

»Warum nicht?«

»Es ist zu gefährlich.«

»O, wirst doch nicht etwan eifernsuchtig sein, wann ein Jung bursch mit dem Dirndl redet!«

»Ich? O nein.«

»Was hats denn sonst für eine Gefahren?«

»Das kannst bald erfahren, wannst etwan nicht drin im Garten bleibst.«

Der Fingerlfranz schickte sich nämlich an, über den niedrigen Zaun zu steigen. Er ließ sich durch Sepps Worte nicht irre machen, sprang heraus, kam herbei und antwortete:

»Nun, so werd ichs also jetzt sehen, denn ich bin da. Aber ein alter Sakrifizi bist doch, he!«

»Warum?«

»Suchst Dir noch so ein bildsaubers Dirndl heraus!«

»Meinst etwan, ich hab keinen Geschmack!«

»O, einen sehr guten hast sogar. Es giebt in der ganzen Umgegend kein so schöns Maderl. Ich kenn sie noch gar nimmer. Wer ists denn?«

»Mein Patherl.«

»Ah! Und woher?«

»Aus ihrer Heimath.«

»Das glaub ich alleweilen schon. Wo aber liegt denn eigentlich diese Heimathen?«

»Grad unterm Mond, wann er drüber steht.«

»Donnerwettern! Willst mir wohl gar keine Auskunften ertheilen, Wurzelsepp?«

»Wozu ists nöthig!«

»Weil ich das Dirndl gern kennen lernen will.«

»Damit ist nix. Sie ist nur heut da und kommt nimmer wiederum her. Und Du hast die Deinige.«

»Was schadet das? Muß etwan gleich geheirathet sein? Ein Busserl thuts auch.«

»Du, das ist gefährlich. Hasts ja bereits erfahrn.«

»Wie kannst dies behaupten?«

»Greif an Deine geschwollene Nasen und an Deine aufgelaufenen Lippen!«


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»Was hat das mit dem Busserl zu thun?«

»Du hättst diesen Hieb nicht erhalten, wann Du die Paula in Ruh gelassen hättst.«

Der Franz blickte ihn zornig an und rief:

»Alle Teuxel! Weiß man das auch bereits?«

»Alle Welt weiß es.«

»Von wem aber?«

»Die Eichkatzerln habens verrathen, weißt, welche Du da draußen verscheucht hast.«

»Ja, den Eichkater, ders verrathen hat, kenn ich wohl, und ich werd auch sehr bald mit ihm zusammenrechnen. Aber das gilt doch hier nix. Hier steht ein anderes Dirndl, und ich bin der Fingerlfranz. Schlag ein, Dirndl, wir gehn Sonntag mitnander zum Tanz!«

Er hielt ihr die Hand hin.

»Sonntag hast Verlobung!« meinte der Sepp.

»Nun gut, so können wir gleich jetzt beisammen bleiben. Komm also herein, Sepp, und bring Dein Patherl mit! Ich zahl ein Bier und Schnaps.«

»Dank sehr schön! Wir haben keine Zeit.«

»Hast so nothwendig! Wo willst hin?«

»Dahin, wohin Du nicht gehörst.«

»Sappermenten! Bist doch jetzt auf einmal ein recht Bilsenkraut und Giftschierling! Aber damit machst mich nicht ängstlich. Ich geh mit Euch.«

»Das wirst bleiben lassen!«

»Na, Sepp, Dich werd ich da nicht viel fragen. Das Madel gefallt mir, und so geh ich mit.«

»Gefallst denn etwan auch ihr?«

»Das werden wir sogleich hören. Sag, Dirndl, nicht wahr, ich gefall Dir? Nicht?«

Leni hatte sich mit sehr gleichgiltiger Miene die Gegend angesehen und gethan, als ob der rohe Mensch gar nicht vorhanden sei. Jetzt, da er sich nun bereits zum zweiten Male direct an sie wandte, drehte sie sich langsam um, blickte ihn mit verächtlich zusammengekniffenen Augen vom Kopf bis zu den Füßen an und antwortete:

»Du mir? Diejenige, der Du gefallst, die ist entweder ganz ohn allen Verstand oder sie taugt auch so gar nix, grad wie Du.«

»Wie, ich taug nix? Woher weißt das?«

»Schon Dein Ochsengesicht sagts, und nachher wer ein Dirndl hat und Deine Worten zu einer Andern spricht, der ist ein Hallunken durch und durch. Mach Dich nur von dannen. Bei mir kommst schief an!«

Diese Abweisung reizte ihn noch weit mehr als sie ihn ärgerte. Sie war so schön. Sein glühender Blick ruhte verlangend auf ihr. Er antwortete halb zornig und halb höhnisch:

»Ah, Du bist doch eine rechte Heldin! Siehst denn nicht, daß ich größer bin und breiter als Du?«


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»So groß und breit Du bist, so armselig bist auch. Vor Dir braucht man sich nicht zu fürchten.«

»Wollen doch mal sehen. Jetzt werd ich Dich in meine Arme nehmen und Dir ein Busserl geben.«

»Du,« rief der Sepp, »das werd ich mir verbitten. Mein Patherl laß ich nicht anrühren. Ich hab Dir auch bereits gesagt, daß es gefährlich ist.«

»So! Soll ich mich vor Dir fürchten?«

»Obst mich fürchtest oder nicht, das ist ganz gleich. So lang ich noch einen Arm hab und einen Stock, so lang rührst das Dirndl doch nicht an.«

»Halt!« bat Leni. »Du sollst gar nix damit zu thun haben, Path Sepp. Ich bin schon selber Diejenige, die mit einem solchen Bub zu reden vermag.«

Dabei schweifte ihr Blick nach einer alten, hohlen, fast ganz abgestorbenen Weide, welche grad neben ihr am Zaune stand. Der Fingerlfranz lachte laut auf.

»Das ist schön, daßt mit mir zu reden vermagst! Das wünsch ich mir grad eben. Und darum wolln wir jetzt unser Gespaß anfangen und zwar mit dem ersten Busserl, was ich Dir geb.«

Er streckte die Arme nach ihr aus. Sie wich bis an die Weide zurück und drohte ihm:

»Laß ab von mir, Ungeziefern Du, sonst ergehts Dir nimmer so, wie Dus wünschen thust.«

»Das werden wir gleich sehen!«

Er wollte sie umfassen und bog den Kopf herab. Da aber holte das tapfere Mädchen aus und schlug ihm mit der Faust so auf die bereits beschädigte Nase, daß das Blut wieder herauslief. Er fuhr mit beiden Händen nach dem verletzten Gesichtstheile, so daß dieselben auch für einen Moment seine Augen bedeckten. Diesen Moment, an welchem er nicht sehen konnte, was sie that, benützte Leni blitzschnell. Sie griff hinter sich in die hohle Weide hinein, an welcher sie lehnte und nahm beide Hände voll von dem feinen Modermehle, welches sich dort angesammelt hatte.

Der Fingerlfranz hatte sein Gesicht, wie gesagt, nur für diesen Augenblick in den Händen gehabt. Jetzt nahm er sie wieder von demselben weg und schrie:

»Verdammtes Geschöpf! Das sollst mir entgelten!«

Er griff nach ihr. Aber ehe er sie zu fassen vermochte, warf sie ihm gedankenschnell die beiden Hände voll Staub in die vor Wuth weit offenen Augen und schlüpfte zwischen ihm und dem Zaune hindurch.

Er schrie laut auf und begann, zu wischen, zu sprudeln und zu pusten.

»Hab ich Dirs nicht gesagt!« meinte der Sepp. »Es war gefährlich. Nun hasts!«

»Hölle und Tod! Wann ich nur sehen könnt, so zermalmt ich sie, die Teufelin!«

»Ja, mein Patherl ist des Teufels Großmuttern. Sie hat Feuern in den Fingerln. Fühlsts nicht?«


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Statt seine Augen von dem Mehle frei zu bringen, wischte der Franz dasselbe nur erst recht hinein. Er fühlte einen entsetzlichen Schmerz und brüllte laut.

»Komm, Path Sepp, er hat genug,« sagte Leni leise.

Sie faßte ihn beim Arm und zog ihn fort. Noch einige Zeit erklangen hinter ihnen die Drohungen des gewaltthätigen Menschen; dann sahen sie ihn, als sie sich einmal umblickten, über den Zaun zurücksteigen. Das war das Allerbeste, was er thun konnte. Beim Wirth fand er frisches Wasser zum Auswaschen der Augen.

»Wast für ein wackres und tapfres Dirndl bist!« lobte der Sepp seine Leni. »Mit so einem großen Riesen fertig zu werden! Das hätt ich nimmer dacht!«

»Ja, weißt, man braucht sich nur nicht zu fürchten, nachhero siegt man stets. Wer war denn dieser niederträchtige Kerlen?«

»Ein Viehhändler. Ich erzähl Dir schon noch von ihm. Wollen wir jetzt nicht mal nach dem Bahnhof gehn?«

»Was wolln wir dorten?«

»Ich möcht so gern die Empfangs-Depertation anschaun, wannt nicht mit dabei bist.«

»Sepp, das ist mir zu gefährlich.«

»Warum?«

»Wann wir sie sehn, so sehn sie uns auch.«

»Hm! Wir müssen uns verstecken.«

»Auf Bahnhöfen giebts keine solchen Verstecke wie im Feld oder im Wald.«

»O, hier dennoch. Ich weiß bereits eins.«

»So? Wo?«

»Weißt, da drin im Wartesaal erster Klassen, da hab ich mal hineingeschaut, weil ich auch sehen wollt, ob man sich in erster Klassen von vorn oder von hinten niedersetzt. Da hab ich eine Thüren gesehen, dadran ist zu lesen gewest: »Toilettenzimmer«. Weißt, was das ist?«

»Nun?«

»Ich hab sogleich den Kellnern gefragt, und der hats mir verklärt. Wann nämlich eine Herrschaften auf der Reisen recht schmutzig worden ist, so gehens da hinein, um den Dreck herunter zu waschen und die alten Strümpfen auszuziehn und die neuen wieder hinan. Nachhero sinds reinlich worden und dürfen sich wieder vor den andern Menschen sehen lassen. Hast schon mal davon gehört?«

»Freilich wohl,« lachte sie:

»Glaubsts wohl nicht?«

»Oja.«

»Weil Du lachst.«

»Ich lache, weil Dus mit dem Dreck ein Wenig gar zu kräftig machst.«

»Wohl nicht. Dreck ist Dreck. Oder meinst, daß es nur bei einem


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Bauern Dreck ist, bei einem Bürger Schmutz und bei einem Vornehmen Reisestaub? Meinswegen! Die Sach aber bleibt immer dieselbige. Nun mein' ich aber, wann wir in diese Toiletten gehen, so können wir Alles sehen. Und wann das Fenstern offen ist, so hören wir auch, was gesprochen wird. Meinst nicht?«

»Ja, das ist richtig.«

»Willst?«

»Meinswegen. Aber es muß bezahlt werden!«

»Ein Markerl für die Person; das sind zwei Markerl; die zahl ich gern für das Vergnügen. Komm also! Der Zug wird bereits bald da sein.«

Als sie nach dem Bahnhof gelangten, hielt eine feine Equipage in der Nähe des Perrons, und dabei stand der Concertmeister mit dem Capellmeister.

»Schau,« erklärte der Sepp, »dort stehn die beiden Meistern, welche Dich erwarten. Sie dürfen uns nicht sehen. Komm, wir gehn durch die andre Thüren.«

Der Kellner, von welchem Sepp den Schlüssel zur Toilette verlangte, guckte diesen nicht schlecht an. Das war ihm noch nicht vorgekommen, daß so ein Rucksackträger sich so fein erwies. Als die Beiden eingetreten waren, schob Sepp den Riegel vor, um nicht etwa gar von Denen, die er belauschen wollte, überrascht zu werden.

Es läutete zum ersten Male, und gleich darauf fuhr der betreffende Zug herein. Die beiden »Directoren« eilten herbei. Sie richteten ihr Augenmerk natürlich nur auf die Coupées erster und zweiter Classe. Grad gegenüber dem Fenster des Toilettenzimmers wurde ein Coupé geöffnet. Eine Dame blickte suchend heraus.

»Signora Mureni,« rief der Capellmeister laut. »Wo befindet sich Signora Mureni?«

»Hier,« antwortete die erwähnte Dame.

Die beiden Herren eilten herbei, rissen die Hüte von den Köpfen und verbeugten sich tief. Dann fragte der Capellmeister:

»Darf ich hier meinen Freund vorstellen? Ich bin Capellmeister Naumann, der Verfasser des heutigen Telegrammes. Diese Herr ist der Herr Concertmeister Rialti aus Bologna, welche sich außerordentlich glücklich schätzt, bei dem Concerte mit wirken zu dürfen. Bitte, Ihre Hand, Signora!«

Er half ihr aussteigen. Aber je weiter die Dame sich aus dem Coupe hervorarbeitete, desto länger wurde sein Gesicht. Dis Aussteigende hatte eine Taille, auf welche jener Reim gemacht zu sein schien

   »Wenn ich so schlanke Taille hätt
Wie da Frau Marthe Stoffeln,
   Fräß ich den ganzen Ziegenbock
Mit sammt dem Korb Kartoffeln.«

In Wahrheit war die Coupéöffnung beinahe zu eng für die Gestalt dieser Frau. Ihr hochrothes Gesicht glänzte vor Fett; der Athem schien ihr zu fehlen. Von einem Tritte auf den Anderen herabzusteigen, schien für sie eine so große


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Anstrengung zu sein, daß beide Herren sie unterstützen mußten und die Last kaum halten konnten.

»Ist das die Mureni?« fragten sie sich.

Unmöglich. Das war jedenfalls nur die Anstandsdame. Die Sängerin steckte wohl noch im Coupé. Der Capellmeister warf einen Blick hinein. Es war leer. Unter Angst und Bangen erkundigte er sich:

»Kommen Signora allein oder in Begleitung?«

Die Dame hatte sich von der Anstrengung des Aussteigens noch nicht ganz erholt. Sie blies Luft von sich wie eine Wallfischtante und wedelte sich mit dem Taschentuche Kühlung zu.

»Nicht - nicht allein,« hauchte sie.

»Ach, Gott sei Dank!« dachte der Capellmeister.

»Ich - hab - hab mein Stuben - Stubenmädchen mit - dritter Classe - Gepäck - dort! Sie zeigte nach weiter hinten, wo die Wagen der dritten Classe standen und eine Person, welche man an der Kleidung sofort als Dienstbote erkannte, im Schweiße ihres Angesichtes eine entsetzliche Menge von Handgepäck aus dem Coupé zerrte.

Die Dicke sah das. Das Mädchen schien ihr nicht sorgsam genug mit den Sachen umzugehen, denn sie setzte sich in möglichst eilige, watschelnde Bewegung nach der Stelle hin und rief dabei mit fetter Stimme:

»Halt! Halt! Um Gottes - - willen! Meine Mor - Morgenhau - haube! Meine Krau - Krausen! Mei - meine Saffi - Saffianpan - pantoffeln!«

So verschwand sie von der Bildfläche des Fensters, wie an dem Meere eine dicke Seekuh an der kleinen Badecabine vorüberschwimmt.

Sepp lehnte hüben und Leni drüben am Pfeiler des offenen Fensters. Als er die Dame erblickte, sagte er:

»Der da machens ein Complimenten. Wer mag diese wohl sein?«

»Das ist sie,« antwortete Leni.

»Wer?«

»Die Frau Directorin Qualèche.«

»Das Kalescherl! Potztausend! Die hab ich mir halt ganz anders vorgestellt. Ein Kalescherl ist doch ein flottes Fahrzeug; die aber kommt heraus wie ein Möbelwagen. Und von der lernsts Singen?«

»Ja.«

»Das ist schön! Das ist gut! Das ist sogar einzig! Kann die denn singen?«

»Jetzt vor Fett nicht mehr. Früher aber war sie eine berühmte Concertsängerin.«

»Sie kanns nicht mehr und lernts Dir doch? Sie muß Dirs doch zeigen, wie Dus machen mußt!«

»Dazu hat sie ihre Tochter, welche sie beim Unterrichte unterstützt.«

»Sapristi, so hab ich stets, wenn ich bei Dir war, die Tochtern für


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die Muttern gehalten. Denn diese Gestalt ist mir noch nimmer vor die Augen kommen. Schau mal, die Gesichter, die die Beiden machen!«

»Ja, es ist köstlich. Sie halten sie für mich!«

»Na, das ist auch einzig. Sie verschwindet. Jetzt nun soll michs wundern, was noch geschehen wird.«

Es war wirklich ein Genuß, zu beobachten, mit welchem Gesichtsausdrucke der Capell- und der Concertmeister einander anblickten.

»Ists denn möglich!« seufzte der Erstere.

»Möklik - possibile!« schüttelte der Andere den Kopf.

»Das soll sie sein!«

»Ssein, ja ßein soll es ßie, ßie, ßie!«

»Eine Sennerin!«

»Ja, eine Ssennerin, ßehr, ßehr! Eine Ssennerin aus Italia, eine Italiana!«

»Ists zu glauben?«

»Kaum ßu klauben!«

»Die sollen wir singen hören!«

»Ja, ßingen, ßingen, cantare!«

»Die kann doch gar keine Stimme haben!«

»Nein, keine, kar keine.«

»Ich möchte beinahe behaupten, wir seien mystificirt, gefoppt.«

»Ja, das ßein foppen, ein Fopperei, corbellatura, coglionatura, ein motteggio!«

»Ich kann mir das nicht erklären. Was thun wir, Herr Concertmeister?«

»Ja, waß thun, waß, waß, waß!«

»Und der König soll sie hören!«

»Sokar der Könik!«

»Aber auf seinen Befehl ist sie hier! Es kann also doch keine Täuschung sein.«

»Nein, keinen Täuschunk, nein, nein!«

»Es ist ja möglich, daß sie Sennerin gewesen ist, aber vor dreißig Jahren, als sie noch schlank war. Jetzt könnte sie keine Alm besteigen. Sie würde abrutschen wie ein Laubfrosch an der Fensterscheibe.«

»Ja, Laubfroschen - rana arborea

»Geben Sie mir einen Rath!«

»Ja, einen Rathen, Ssie mir, Ssie, Ssie!«

»Auch Sie sind rathlos! Nun, es geht nicht anders, als daß wir uns in dieses Schicksal ergeben, wenigstens einstweilen. Natürlich müssen wir unsere Befürchtungen sofort der Majestät mittheilen.«

»Ja, ßoforten, ßoforten!«

»Aufgepaßt! Jetzt kommt sie wieder. Lassen Sie sich nichts merken. Die größte Höflichkeit. Vielleicht ist sie doch eine gesangliche Größe, obgleich ich noch nie gehört habe, daß eine fette Wachtel wie eine Nachtigall geschlagen hat.«


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Die Dicke kam zurück, und die beiden Herren rissen ihre Hüte wieder von den Köpfen.

»Also,« sagte sie, »Sie haben die Güte gehabt, für ein Unterkommen zu sorgen?«

Sie war jetzt besser bei Athem. Sie konnte ihren Satz ohne Unterbrechung aussprechen.

»Wir haben es mit größtem Vergnügen gethan,« antwortete der Capellmeister.

»Es ist doch in der Nähe?«

»Da war es unmöglich, ein Logis zu finden, wie wir es Ihnen gern bieten wollten, Signora.«

»O wehe! Wie weit ists?«

»Vor der Stadt, in einer Mühle.«

»Was? In einer Mühle?« fuhr sie auf. »Sie scherzen doch jedenfalls?«

»Das würde ich gegenüber einer solchen Künstlerin mir doch nicht gestatten.«

»Also doch! In einer Mühle! Aber, sehen Sie mich doch an! Bedenken Sie doch meine Constitution! Wenn ich den Mehlstaub einer Mühle bei meiner unglückseligen Corpulenz einschlucken soll, so bin ich morgen früh bereits ein todter Mann - wollte sagen, eine todte Dame, auf alle Fälle aber eine Leiche!«

»Da kann ich glücklicher Weise Signora beruhigen. Sie wohnen keineswegs in dem Gebäude, in welchem sich das Werk in Gang befindet.«

»So! Das klingt freilich beruhigend. Also Mehlstaub giebt es nicht?«

»Keine Spur.«

»Mühlengeklapper?«

»Auch nicht.«

»Dann will ich mich gern fügen. Aber welche Gelegenheit habe ich, nach meiner Wohnung zu kommen?«

»Ich hatte die Ehre, Ihnen telegraphisch zu melden, daß ich eine Equipage besorgen würde. Dort steht sie, wenn Signora sich bemühen wollen.«

»Schön! Bitte bringen Sie mir mein Handgepäck!«

Sie deutete nach der Stelle, wo dasselbe lag. Die beiden Herren eilten diensteifrig hin; sie aber watschelte nach der Kutsche und wurde mit vieler Anstrengung von dem wartenden Kutscher hineingepfropft. Dann kamen die Beiden mit dem Mädchen herbei, alle Drei mit Gepäck beladen. Der Kutscher musterte das Letztere.

»Signora,« fragte er, »fährt das Mädchen mit?«

»Unbedingt!«

»Und dieses Gepäck soll auch mitgenommen werden?«

»Unbedingt!«

»Das ist unbedingt unmöglich!«

»Es ist unbedingt nothwendig!«

»Dann bitte ich, mir anzugeben, wo ich Alles unterbringen soll.«


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»Das ist Ihre Sache. Ich bin nicht Kutscher.«

Sie legte sich in den Wagen zurück und machte die Augen zu. Das Einsteigen hatte sie angegriffen.

Nun sahen die beiden »Meister«, der Kutscher und das Stubenmädchen einander an. Das Letztere zuckte die Achsel und sagte:

»Außer diesem haben wir auch noch Frachtgepäck.«

»Auch noch!«

»Ja, zwei Koffer und zwei Reisekörbe.«

»Und das soll Alles mit? Das ist - -«

»Pst!« unterbrach der Kutscher den Sprechenden leise. Er winkte in den Wagen hinein, wo die Dicke in der Ecke ruhig athmete, und flüsterte: »Sie hat die Augen zu. Schläft sie etwa?«

»Das ist so ihre Angewohnheit, wenn sie sich angestrengt hat. Freilich ists kein eigentlicher Schlaf, sondern nur so ein halber Dussel.«

»Dussel!« wiederholte der Capellmeister, die Hände faltend und den Italiener verzweifelnd anblickend.

Dieser streckte die Linke aus, wie wenn er mit derselben eine Violine halte, that, als ob er mit der Rechten den Dämpfer auf den Geigensteg setze, simulirte sodann einen langen, leisen Bogenstrich und sagte:

»Leiße, leiße sprecken! Con sourdine, con sordino. Ssie schlafen!«

Da machte der Kutscher eine pfiffige Handbewegung und flüsterte lächelnd:

»Steigen Sie zu mir auf den Bock, Fräulein. Ich fahre so leise ab, daß sie es gar nicht merkt und unterwegs auch nicht aufwacht. Dann besorgen die beiden Herren ein Fuhrwerk, auf welches das ganze Gepäck aufgeladen und Ihnen augenblicklich nachgeschickt wird.«

»Richtig!« stimmte der Capellmeister bei. »Das ist das Allerbeste, was wir machen können.«

So geschah es auch. Das Mädchen stieg auf, und die Equipage setzte sich leise, ganz leise in Bewegung, nach und nach in einen schnelleren Gang fallend. Die beiden Herren blickten ihr nach.

»Da fährt sie hin!« grollte der Capellmeister.

»Ja, hin, ßie, ßie! Oh!«

»Ich hatte es mir ganz anders gedacht.«

»Ich auk!«

»Ich glaubte, wir würden mit bei ihr Platz nehmen, um sie zu begleiten.«

»Ein Bekleitunk - accompagnamento!«

»Ich hielt sie für jung.«

»Ich auk!«

»Für schön!«

»Ssehr schön, ßehr, ßehr!«

»Und interessant!«

»Ssehr interessante!«

»Ich glaubte, daß wir eine geistreiche Unterhaltung haben würden.


// 311 //

Denken Sie, Herr College, eine lustige Sennerin, welche der König ausbilden läßt! Es wär so schön gewesen!«

»Ssehr schön kewesen, ßehr!«

»Wir hätten galant sein können, ihr Rath geben, sie unterstützen können, ein freundliches, anerkennendes Lächeln aus schönen Augen erhalten, und nun, nun - dieses Ungethüm!«

»Ja, Unkethüm - spettro, mostro, prodigio!«

»Eine Sängerin, welche von Mehlstaub gleich bis morgen früh ersticken will! Das ist doch eine Ungeheuerlichkeit sonder Gleichen. Nun haben wir die Equipage besorgt; sie schläft im Handumdrehen ein, und wir haben das Vergnügen, auch noch einen Frachtwagen zu beschaffen. Alle Teufel, ich halte es für möglich, daß sie sogar im Concert, während sie singt, sich niedersetzt und mitten in einem Triller einschläft! Und da sollen die Besucher ein so hohes Entree bezahlen! Aber kommen Sie, wir müssen einen Wagen haben, denn wenn sie nicht sehr bald ihre Effecten erhält, ists möglich, daß sie vor Aerger schon heute erstickt anstatt morgen vor Staub.«

Es war zum Glück ein passender Wagen in der Nähe, auf welchen Alles geladen wurde. Das Dienstmädchen hatte den Gepäckschein zurückgelassen. Erst als auch dieser Wagen sich in Bewegung setzte, konnten die beiden Herren den Bahnhof verlassen. Der Concertmeister wollte direct nach Hause gehen, der Capellmeister aber zuvor den Director des Theaters, in welchem das Concert stattfinden sollte, aufsuchen, um ihn von der großartigen Enttäuschung zu unterrichten und dann um weitere Instruction zu bitten.

Sepp und Leni hatten von dem offenen Fenster aus auch den letzten Theil der Humoreske mit ansehen können. Leni sagte lachend:

»So ist sie. Sie muß ihr halbes Möblement mitnehmen. Nun aber, wenn sie an der Mühlen aussteigt und ihre Sachen nicht vorfindet, wird es eine unbeschreibliche Scenen geben. Ich muß nur schnell machen, daß ich noch hinkomm.«

»Wie? Du willst ihr nach?«

»Ja doch.«

»Und wolltst doch erst morgen kommen!«

»Das war nur Scherz. Ich wollt bequem fahren und den Complimentern entgehn. Das hab ich erreicht, und nun bin ich eben da.«

»Das ist schad, jammerschad!«

»Warum?«

»Ich hab glaubt, daß ich heut ganz mit Dir zusammensein könnt. Ich hab Dir doch so viel zu verzählen, Leni.«

»Das können wir doch auch trotzdem thun. Wo bleibst Du über Nacht?«

»Beim Fex in seiner Capellen.«

»Wo ist das?«

»Das ist ein großes Geheimniß, was ich Dir auch noch entdecken wollt, wanns der Fex mir erlaubt.«

»Können wir uns denn heut Abend nicht treffen?«


// 312 //

»Das kann ich jetzund noch nicht genau sagen; aber darf ich zu Dir kommen, wann ich mit Dir reden will, Leni?«

»Wer will Dirs wehren. Komm getrost! Jetzt aber gehen wir nun schnell.«

Sie bezahlten ihre zwei Mark und gingen, und zwar auf demselben Weg zurück, den sie gekommen waren, hinter der Stadt herum.

Als sie dann am anderen Ende der Stadt in den richtigen Fahrweg einbogen, trafen sie mit dem Italiener zusammen. Bei Sepps Anblick erinnerte sich derselbe, daß der Alte die Sängerin auch hatte sehen wollen. Er nickte ihm mißmuthig zu und fragte:

»Hast Du ßie kesehen?«

»Ei wohl!« lachte der Gefragte.

»Und ßie ßein Dein Pathen?«

»Natürlich.«

»Warum ßein Du nicht hinkekommen?«

»Weil ich Euch nicht stören wollte.«

»Kann Dein Pathen ßingen?«

»Wie ein Lerchen in der Luft.«

»Ich mökt ßie ßehen fliegen in der Luft! Oh, oh, das ßein ein Ssängerin, ein Ssängerin!«

»Wirst schon noch Deine Freuden an ihr erleben!«

Der Italiener hatte keinen Blick von Leni verwandt. Ihre Schönheit machte jedenfalls auf den Südländer trotz seines Alters einen mächtigen Eindruck. Er antwortete auf Sepps Bemerkung:

»Ich klauben es nicht. Mit so einer Kehlen kann Niemanden ßingen. Wer ßein diese Mädchen, die Du hast hier?«

»Das ist eine Bekannte von mir.«

»Wohnt hier?«

»Nein. Sie ist nur auf Besuch hier. Sie ist eigentlich auch eine Sennerin von droben herab.«

»Oh! Ach! Eine Ssennerin! Ssehr schön, ßehr! Ich lieben die Ssennerinnen, weil ßie ßingen so ßehr schön, ßehr, ßehr! Ssie ßingen hübsch Lieder und maken schön Jodler. Ich haben nok nie hören Jodler. Maken diese Ssennerin auk Jodler?«

»Na, und wie!«

»Wirklik?«

»Ausgezeichnete Jodler.«

»Das ßein schön, ßehr ßehr schön! Laß ßie jetzt maken ein Jodler, ein schön Jodler, ich bitt!«

Der Sepp wendete sich an die Leni:

»Hasts verstanden, was er will?«

»Ja.«

»Willst ihm den Gefallen thun?«


Ende der dreizehnten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk