Lieferung 16

Karl May

13. November 1886

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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»Pst! Still! Das wissen nur wir Beiden. Aber Du wirst Dich irren. Wie sollt der Schlüsseln vom - - weißt schon, hierherkommen?«

»Ja, das weiß ich auch nimmer. Das kann ich doch nicht begreifen.«

Und sich an Anton wendend, fragte er diesen: »Warst vielleicht heut in der Mühlen?«

»Ja.«

»Bei wem?«

»Beim Müllern selber.«

»Ah! Was hast da than?«

»Das Ein-mal-eins habn wir einander aufgesagt, er erst mit der Peitschen und nachhero ich mit den beiden Händen. Dann habn wir gar groß Vergnügen an einander funden und sind als die besten Freunden aus nander geschieden.«

»Wie ist das gewesen? Erzähls doch mal!«

Der Krikelanton erzählte das Abenteuer. Als er fertig war, meinte der Sepp lachend:

»So wars gut, und so wars fein! Da hat er doch mal seinen Mann funden. Anton, jetzund bin ich Dir grad noch mal so gut als vorher!«

»Das brauchts nicht dazu. Ich hab mir schon selber eine Gütchen than, indem ich ihn so ausgehauen hab. Derselbige Kerlen hat ein Gesicht, das mir gar nimmer gefallt, und wann ich ihm noch mal was ausverwischen könnt, so sollts mir lieb sein.«

»Das kannst. Das kannst schon bald, vielleicht gar noch am heutigen Abend.«

»So? Das brauchst nur zu sagen. Und wann ich damit Dir und dem Fex einen Gefallen thu, so ist mirs recht und auch sehr lieb. Soll ich ihm vielleicht nochmals die Karten schlagen?«

»Nein, aber helfen kannst uns ein Wengerl. Wir haben nämlich eine Zaubergeschichte zu spielen.«

»Sind Geistern dabei?«

»Ja, aber die sind wir selber.«

»So thu ich mit. Sagt nur, was ich machen soll!«

»Nachhero sollsts erfahren. Jetzt aberst möcht ich halt erst wissen, wie sein Schlüssel in Deinen Gürtel kommen ist.«

»Sein Schlüsseln? Gehört derselbige denn dem Müllern?«

»Ja freilich; der Fex hats gesagt, und der muß es wohl wissen. Fex, kennst den Schlüsseln genau?«

»Ganz genau. Schau, es ist ein kleins, roths Bänderl dran. Daran kenn ich ihn und auch am Bart. Der Müllern hat ihn stets in seiner Taschen, oft aber auch so grad in der Hand.«

»Verteuxeli!« rief der Anton. »Da fällt mir ein, daß ich das Schlüsserl sehen hab, als ich ihm die erste Ohrfeigen geben wollt. Er hats in der linken Hand gehabt, und mit derselbigen packt er mich nachher am Gürteln, und mit der Rechten schlug er zu.«


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»So hat er den Schlüsseln fahren lassen in den Gürteln hinein und sodann gar nicht wieder an ihn dacht. So ists gewesen, so.«

»Ja, anders kanns schon nimmer geschehen sein. Und den Schlüsseln braucht Ihr heut Abend?«

»Ja, ganz nothwendig wird er gebraucht. Wann wir ihn nicht durch denselbigen guten Zufall funden hätten, wärs uns schwer worden, den Kasten zu öffnen, der im Polsterstuhlen steckt. Wie meinst, Fex, wolln wir ihm Alles sagen?«

»Das mußt selber wissen. Ich kenn ihn nicht.«

»O, er ist ein braver Kerlen, der uns gern helfen und uns aber nimmer verrathen wird.«

»So sags ihm meinetwegen. Aberst es darf weder heut noch fernerhin ein Wort darüber gesprochen werden; das muß ich mir freilich ausbitten.«

»Hab darüber keine Sorgen. Der Anton ist ein verschwiegener Bursch. Weißt, er ist vormals ein berühmter Wilderer gewest. Da giebts viel Geheimnissen zu bewahren, und er hat niemals kein Wort aus der Schulen geschwatzt. Also, Anton, hör, was ich Dir sagen werd! Nämlich der Müllern ist - - ah, pst! Da kommt Einer!«

Er deutete in der Richtung nach der Villa hin. Trotzdem die Wolken nach und nach dichter geworden waren, sah man ganz deutlich einen Mann langsam auf den Felsen zukommen.

»Wer mag das sein?« fragte der Sepp.

»Den kenn ich schon,« antwortete Fex, dessen Augen sehr an die Dunkelheit gewöhnt waren, da es keine Stunde der Nacht gab, in welcher er nicht wach gewesen war und sich im Walde herumgetrieben hatte. »Wer so klein und dürr ist wie Der, der kann nur der Concertmeistern sein.«

»Der! Was mag er wollen?«

»Das weiß ich nicht. Er kommt grad auf den Felsen zu. Was thun wir, wann er gar heraufsteigen sollte?«

»Er darf uns hier nicht sehen, wenigstens mich und den Anton nicht. Dich aber kann er immer treffen. Er weiß ja, daß hier das Grab der Zigeunerin ist, und daß Du oft hier oben sitzest.«

»So paßt auf! Ja, wirklich, er kommt herauf. Macht Euch zuruck, und versteckt Euch hinter dem Busch. Aber hervorkommen dürft Ihr nicht, bevor er wieder fort ist.«

Der Sepp und der Anton versteckten sich eiligst. Sie hatten grad Zeit genug, sich in bequemer Lage hinter den Büschen zu postiren, da war der Italiener auch bereits oben. Er erblickte den Fex, welcher aufrecht am Grabe stand, und erschrak.

»Oh Dio! Oh poveretto me - o Gott! O ich Unglücklicher!« rief er aus. »Wer ßein das? Ein Kespensten wohl?«

»Nein,« sagte der Fex. »Ich bins nur.«

»Ah, Du ßein es, der Fex. Was wollen Du hier in der Nacht?«

»Was willst Du hier?« lautete die Gegenfrage.


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»Ich kehen ßpaßier.«

»Und ich bin hier daheim.«

»Ja, hier lieken bekraben Deine Mutter. Ich es wissen. Aber es ßein vielleikt kut, daß ich Dich treffen. Wie?«

»Das weiß ich nicht.«

»Aber ich wissen es. Willst Du haben ein kut Keld für Trinken?«

»Ein Trinkgeld? Sehr gern.«

»Ich Dir eins geben. Aber Du mußt auk ßein mein Verbündeter!«

»Was soll ich thun?«

»Hier bleiben und Antworten keben.«

»Wenn ich kann, ja.«

»Und Niemand saken, Niemand verrathen!«

»Ich kann schweigen.«

»So setzen ich mik hier auf Rasenbanken und Du Dich auf Erdboden.«

Er setzte sich auf dieselbe Bank, auf welcher vorhin Leni gesessen hatte. Der Fex legte sich neben ihm auf die Erde nieder. Nicht drei Schritte weit hinter ihnen lagen die beiden Lauscher.

Der Italiener legte einen langen Gegenstand, welchen er in der Hand getragen hatte, zur Seite und nahm seine Börse heraus. Dabei sagte er:

»Wenn Du mir treu dienen, geben ich Dir eine ganzen Mark.«

»Wie lange soll ich dafür dienen?«

»Nur jetzt. Wann ich Dich später brauken, so Du erhalten wieder eine Mark.«

»Ich bin zufrieden.«

»Kut, ßehr kut. Es ßein besser, wenn man haben bei Abenteuer von Lieben einen Verbündeten, confederato, alleato. Es kehen, so viel besser, ßehr viel, ßehr!«

Er gab ihm die Mark.

»Hier Dein Lohn.«

»Danke!«

»Schön, ßehr schön! Du haben das Geld, und nun mir auk antworten! Hast Du eine Keliebte, ein amanta, innamorata?«

»Das verstehe ich nicht.«

»Ich ßprecken dock deutlick!«

»Aber so viele fremde Worte.«

»Kut! Ich sie weklassen, alle, alle. Alßo, hast Du ein Keliebte, ein Mädchen?«

»Ja.«

»Wie? Alßo dock! Du auck! Wunderbar! Auk der dümmsten Kerl bekommen ein Keliebte! Was mackst Du mit ihr?«

Der Fex kam in einige Verlegenheit, doch antwortete er frisch drauflos:

»Ich küsse sie.«

»Ah! Schön, ßehr schön, ßehr! Du küssen alßo viel und ßehr kern?«

»Ja, sehr gern.«


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»Ich auk. Aber ich haben nock kein Keliebte. Ich erst werd haben eine. Sie ßein ßehr schön, ßehr. Du hast sie auk schon keßehen.«

»Ich? Wer ist es?«

»Signora Mureni.«

»Ah, die!«

Der Krikelanton gab dem neben ihm liegenden Sepp einen Rippenstoß und flüsterte ihm zu:

»Die Leni will er! Soll ich hingehn und ihm den Hals umminummi drehen?«

»Bist perplex! Schweig still!«

»Ja, die!« fuhr der Italiener fort. »Ein ßehr schön Mädchen, ßehr, ßehr! Oder nickt?«

»Ja, sie ist schön.«

»Reitzend, herrlick! Hast Du keßehn ihr Taille?«

»Ja.«

»Ihr Bußen?«

»Nein.«

»So müssen Du besser anschauen! Ihr Arme?«

»Ja.«

»Präcktick! O, wie herrlick, wenn ßie ßo ein Arm am mein Hals herumleken! Es ßein nun zehn Uhr; da bald Alle schlafen kehn. Ich will ßie ßehen, wann ßie Kleid ableken.«

»Himmelsakra!« fluchte der Anton leise. »Er will sie sich anschaun, wann sie sich auszieht! Der Saubraten solls bei mir treffen!«

»Leiser, leiser!« warnte der Sepp. »Diese Italiener sind alle lüstern, und die Alten sind noch viel schlimmer als die Jungen. Ich habs ihm bereits angesehen, daß er auf die Leni ganz versessen ist. Jetzt will er sie gar anschaun, wann sie sich auszogen hat und ins Bett hineinsteigt! Aber wie er das anfangen will, das möcht ich wissen!«

Als hätte der Fex diese Worte gehört, fragte er den verliebten Concertmeister:

»Wie kannst Du sie da sehen?«

»Dort lieken die Mühlen dock!«

»Ja, dort liegt sie freilich; aber hinein in die Stuben kannst doch nicht schaun!«

»Ich kann hinein schaun; nur vorher muß ich wissen, in welker Stuben ßie ßein. Wissen Du es vielleikt?«

»Ja.«

»Nun, in welker?«

»Grad über dem Müllern seiner. Da sind vier Fenster erleuchtet. In zweien wohnt sie mit der Dicken, und in den zwei andern schlafen sie mit nander.«

»Schön! Ssehr schön, ßehr! Jetzt ich hineinblicken!«

Er nahm das lange Ding wieder in die Hand.


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»Sacra!« sagte der Fex. »Das ist wohl gar ein Fernrohrperspectiven?«

»Ja. Es ßein ein Fernrohr, telescopio.«

»Und da kannst hineinschaun bis in das Zimmer?«

»Ja, ßehr, ßehr!«

»Nun freilich! Die Vorhäng sind nicht herab gelassen. Die Leutln haben doch keine Ahnung, daß hier Einer sitzt, der sie mit dem Mondglas beobachten will. Und der Fels hier liegt grad so hoch wie die Fenstern dort. Das paßt.«

»Ja, das passen ßehr, ßehr! Jetzt ich versucken!«

Er hielt das Rohr an das Auge und drehte es auf, für seine Sehkraft passend.

»Hallunk, verfluchter!« zürnte der Anton. »Wart, ich werd Dir ein Fernrohr besorgen, durch das Du in alle Himmeln und Höllen schauen kannst!«

Er erhob sich leise, und dieses Mal sprach der Sepp nicht dagegen.

»Jetzt, jetzt!« sagte der Kleine. »Ich haben das kanze Zimmer vor mir. Ich ßehen Alles, Alles! Da sitzen die dicke Muschel, conchiglia, und nehm aus Mund die falsche Zahnen. Und in anderes Zimmer - oh che piacere, welk ein Freuden, ich ßehen Signora Mureni. Sie flechten auf das Haar. Ssie sein kanz négligé. Ssie ßein ßo schön, ßo reitzend, ßo lieblik! Ich möckt dort ßein, ßie ßu küssen, küssen, küssen!«

»Und ich bin da, Dich zu prügeln, prügeln, prügeln!« erscholl es in wüthendem Tone hinter ihm.

Er sprang auf und blickte sich um. Zwei Kerle standen da, alle vier Arme nach ihm ausstreckend. Sie kamen ihm vor wie schwarze Gespenster. Er that einen Sprung von ihnen weg, wie man ihn nur in der Todesangst thun kann.

»Ahi! Oimé!« brüllte er auf. »Weh, o weh! Das ßein Teufeln! Ajuto, ajuto - zu Hilfe, zu Hilfe!«

So laut schreiend, wie er nur konnte, sprang er den Felsen hinab. Da er die Oertlichkeit nicht genau kannte, so stolperte er, kam zum Fall und kollerte hinab. Unten angekommen aber raffte er sich schleunigst wieder auf und rannte zu gleichen Beinen weiter. Sein Hut und das Fernrohr lagen oben, wo er gesessen hatte.

Die Drei lachten ihm herzlich nach, aber nicht so laut, daß er es noch hätte hören können.

»Der kommt halt nicht wieder,« meinte der Sepp. »Wenigstens heute nicht.«

»Auch morgen nicht und übermorgen,« versicherte der Fex. »Wann er mich ja fragen sollt, was noch passirt ist, so werd ich ihm schon eine Geschichten verzähln, daß ihm der ganze Schopf und Zopf zu Bergen steigen soll!«

»Dieser Erzhallunk und Dirndlmeier!« zürnte der Anton. »Will der mir die Leni anschaun! Der mag doch sonst wohin schaun, aber nicht nach mein Dirndl, der Lodrian! Er mag sich doch ums Leichentuch kümmern und um sein Testamenten, aber nicht um die Arme von der Leni!«


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»Und dennerst ists gut, daß er da war,« sagte der Sepp. »Es ist ein wahres Glück für den Fex.«

»Wieso?« fragte dieser.

»Wegen deren Vigolinen und auch wegen dem Concert. Ich werds Dir morgen schon verklären. Es ist mir ein Gedank kommen, der viel werth ist. Das kann gut werden, ausgezeichnet gut. Jetzund aber wolln wir an das denken, was am Nothwendigsten ist. Schaut, der Wind wird stärker, und die Wolken sind fast schwarz. Es wird vielleicht ein Regen kommen. Hast die Fröschen bereit, Fex?«

»Den ganzen Topf voll.«

»Den müssen wir noch anmalen, damit der Müllern nicht erkennt, daß er von dem seinigen Kachelofen ist. Aberst wie kommen wir hinein in seine Stuben, wann er fort ist? Er wird freilich zuschließen, und daran hab ich gar nicht dacht.«

»Aber ich. Als es Zeit war, die Läden zuzumachen, hab ich mir einen Behelf genommen, so daß ich es thun mußt. Dabei hab ich bei dem hintersten Laden den Vorstecker nicht einisteckt und nachhero auch noch den Fensterwirbeln auf idreht. So also können wir zum Laden hinein.«

»Das ist sehr gut gemacht. Vielleicht ists gar nicht nöthig, daß ich mit hineinsteig. Wann der Anton mit helfen will, kann er bei Dir sein, ich aber geh in die Stadt zum Scat-Matthes, wohin die Beschwörer kommen werden.«

»Thus lieber nicht, denn da wird Dirs gar schlecht ergehn, Wurzelsepp.«

»Meinst wirklich? Ich hab keine Angsten. Ich weiß schon, was ich sag und thu. Jetzt gehn wir hinab in den Fährkahn; da sitzen wir unter den Bäumen, wann es regnet, und können dem Anton verzählen, was wir heut thun wollen.« -

Wie der Sepp vermuthet hatte, so geschah es auch; es begann um elf Uhr zu regnen, und um Mitternacht verschlimmerte sich das Wetter noch. Aber den drei wetterfesten Kerls war das ganz und gar gleichgiltig. Es galt, das Geheimniß des Polsterstuhles zu enthüllen, und da konnte der Regen kein Hinderniß bieten.

Kurz vor zwölf Uhr wurde der Topf hinter die Mühle geschafft; dort stellten sich der Fex und Anton auf die Lauer. Der Sepp aber wanderte trotz des Regens nach der Stadt. Unterwegs aber bog er querfeldein, nach der bereits erwähnten Miete hin. Dort angekommen, überzeugte er sich zunächst, daß das Schwein noch vorhanden sei.

Kaum hatte er das gethan, so hörte er es zwölf Uhr schlagen. Er zog einen Strick aus der Tasche, band denselben dem Thiere an das Bein, löste es von dem Pflocke und trieb es mit Hilfe eines Stockes, den er sich vorher zu diesem Zwecke losgeschnitten hatte, dem Dorfe entgegen, an dessen äußerstem Ende das Gut lag, welches dem Fingerlfranz oder vielmehr dessen Vater gehörte. Er war früher dort gewesen und kannte die Gelegenheit ganz genau. Natürlich schlug er die geeignete Richtung ein, dem Franz, welcher nun jedenfalls auch bereits unterwegs war, nicht zu begegnen.


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Vorher hatte er wegen des Schweines Sorge gehabt. Es konnte ja widerspänstig sein und Lärm machen. Aber, mochte nun der strömende Regen dem Thier behaglich sein, oder mochte es merken, daß es nach dem heimathlichen Stall getrieben werde, kurz es folgte dem Sepp mit großer Bereitwilligkeit. Dieser kannte eine schmale Gartenpforte, durch welche er den Weg nahm. Gleich am Garten lag der Schweinestall, aus welchem das wanderlustige Thier entwichen war. Die Thür stand offen, und das heimathsselige Thier rannte hinein. Sepp band ihm den Strick wieder vom Beine los, machte die Thür zu und schob den Riegel vor. Dann wanderte er, ganz glücklich über das Gelingen dieses Theiles seines Programmes, der Stadt entgegen.

Unterdessen staken seine beiden Verbündeten mit ihrem Topfe in einem Lattenverschlage, welcher mit Schindeln gedeckt war, so daß sie nicht vom Regen getroffen wurden. Als es nur noch einige Minuten bis zwölf Uhr war, schlich sich der Fex nach der anderen Ecke des Hauses, um die Thür desselben zu bewachen. Bereits nach kurzer Zeit kehrte er zurück und meldete, daß die Magd bereits aufgebrochen sei. Nun gingen nach einer Weile alle Beide nach vorn. Sie hatten noch nicht lange gewartet, so sahen sie die lange, breite, in ein weißes Tuch gehüllte Gestalt der Käthe mit einem Schubkarren zurückkehren. Sie gab sich die größte Mühe, alles Geräusch zu vermeiden. Als sie die Hausthür mittelst eines Schlüssels geöffnet hatte, verschwand sie mit dem Karren im Hausflur und schloß die Thür hinter sich wieder zu, um ja eine zufällige, von außen kommende Störung zu vermeiden.

»Jetzt schnell hin ans Fenstern,« sagte der Fex. »Wir werden sie wohl mit nander reden hören.«

Er hatte sich nicht geirrt, denn als sie sich gegen den Laden des Fensters neigten, in dessen Nähe der Müller am Tisch zu sitzen pflegte, hörten sie ganz deutlich die Stimme desselben:

»Wann ich nur beim Teufeln wüßt, wo der Schlüsseln hin ist! Er muß mir gradezu gestohlen worden sein.«

»Wer wird ihn stehlen können, wannst immer grad selber dabei sitzest,« antwortete die Magd.

»Morgen werd ich besser suchen lassen, am Tag, wann es hell geworden ist. Jetzt nun aber müssen wir schnell fort. Das Gesicht und die Händen hab ich schwarz; nun gieb mir noch das Betttuchen um.«

»So gehts nicht gut, wannst noch im Stuhl sitzest. Ich werds auf den Karren breiten; wannst Dich draufsetzt hast, leg ichs um Dich herum.«

»Wirst mich auch heben können?«

»Bin ich etwan ein Kind?«

»Wohl nicht, aberst ich bin schwer. Und hast Alles richtig gemerkt, was ich Dir gesagt hab?«

»Sorg Dich nur um Dich und nicht um mich! Ich werd keinen Fehlern machen und mich auch nicht fürchten. Aber nachher mußt auch ehrlich zahlen!«

»Bis auf den Pfennig. Nun mach!«

Die Lauscher vernahmen ein nur mit Mühe unterdrücktes Aechzen und


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Stöhnen, leise Flüche und Schmerzensrufe; dann wurde die Stubenthür von außen verschlossen.

»Sie sind bereits im Hausflur,« flüsterte der Fex. »Komm fort, damit sie uns nicht derwischen!«

Sie stellten sich hinter die Ecke, von wo aus sie bald den Aufbruch der wunderlichen Geisterfuhre beobachteten. Nachdem die Käthe die Hausthür verschlossen hatte, stampfte sie mit dem Schubkarren, auf welchem der Müller unter dem weißen Tuche hockte, rüstig in die regnerische Nacht hinein.

»So, nun sind wir an der Reihe,« sagte der Fex. »Jetzt schnell den Topf herbei!«

Sie holten ihn und schafften ihn unter das betreffende Fenster.

Der Fex zog den Laden auf und stieß die beiden Fensterflügel zurück. Dann stieg er ein. Anton reichte ihm den Topf, welcher eine ziemliche Schwere hatte, hinein und stieg sodann nach, worauf der Laden und das Fenster vorsichtig geschlossen wurde. Auf dem Tische stand die brennende Lampe. Um bei der Rückkehr sogleich Licht zu haben, hatte der Müller sie nicht auslöschen lassen.

»Hier steht der Stuhl, in welchem mein Glück verborgen liegen soll, wie die Mondsüchtige mir versprach,« sagte der Fex, indem er auf den alten Polstersessel deutete. »Es ist ein großes Glück, daß wir den Schlüsseln haben. Ohne denselben hätten wir den Kasten aufbrechen müssen. Jetzt versuchen wir, obs auch der richtige ist, ob er schließt.«

Der alte Polsterstuhl hatte sehr niedrige Beine, dennoch aber saß man in demselben ebenso hoch wie in jedem anderen Stuhle, weil der Sitz ungewöhnlich dick war. Nämlich unterhalb des Polsterkissens gab es noch einen Kasten, welcher eine Schublade enthielt. Sie war gegenwärtig verschlossen. Ein Schlüsselloch war nicht zu sehen, aber rechts und links befanden sich je eine messingene Rosette, und als der Fex dieselben zu entfernen suchte, zeigte es sich, daß beide zur Seite zu schieben seien. Sobald dies geschehen war, kamen die unter ihnen verborgenen Schlüssellöcher zum Vorscheine. Die Probe zeigte, daß der Schlüssel ganz genau in Beide paßte. Der Fex schloß auf.

Der Kasten schien einen gewichtigen Inhalt zu haben, denn er war nur sehr schwer heraus zu ziehen. Als der Fährmann ihn dann so weit wie möglich hervorgezogen hatte, zeigte sich der Inhalt. Dieser bestand in einer großen Menge versiegelter Geldrollen, deren Beschaffenheit und Schwere vermuthen ließen, daß sie nicht Silber- sondern Goldstücke enthielten. Der ganze Kasten war davon so gefüllt, daß kaum genug Platz blieb für eine sichtlich sehr alte Brieftasche, welche in einer Ecke obenauf lag.

»Verteuxeli, muß das ein Geldl sein!« sagte der Anton. »Wem gehörts aber?«

»Natürlich dem Müllern.«

»Ich hab meint, daßts mausen hast wollen.«

»Was hättst da than?«

»Natürlich hätt ich das nicht gelitten.«


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»Brauchst mir gar nicht zuwider zu sein. Ein Spitzbuben bin ich schon lange nicht. Ich will hier alleweil nur suchen, ob ich was find, was mir gehört.«

»Das könnt nur diese Brieftaschen sein.«

»Anders nicht. Ich werd mal sehen, was sie enthält.«

»So bin ich auch schon neugierig, es zu sehen. Mach sie doch mal auf.«

Der Fex nahm die Brieftasche heraus und öffnete sie. Sie enthielt mehrere zusammengefaltete Papiere. Als er sie aus einander schlug, zeigte es sich, daß sie in einer Sprache geschrieben waren, welche er nicht verstand. Sogar die Buchstaben waren ihm vollständig unbekannt. Es war weder die deutsche Current- noch die gebräuchliche latein-englische Schrift.

»Was mag das sein?« fragte der Anton.

»Ja, wann ich das wüßt!«

»Weißt, das sind laute Dokumentumen; das sind Zeugnissen oder amtliche Scheinen.«

»Warum denkst das?«

»Warum? Darum! Das mußt doch gleich schauen an den Siegellacken, die so schön petschafterirt sind. Das kommt ja immer nur dann vor, wann ein Gerichtsamten, oder ein Pfarramten, oder ein Stadtrichtern, oder ein Bezirksthierarzten eine Bescheinigungen ausstellt und darunter das Siegelum dransetzt. Das hat hernach die richtige amtliche Kraft und Geltung. So was muß es sein!«

»Das glaub ich halt selbst auch. Wann man aber nur wüßt, wer damit gemeint ist.«

»Etwan Du?«

»Es ist doch am End die Möglichkeit.«

»Hör, Fex, ich will Dir mal was sagen. Du hast mir erzählt, daßt in diese Stuben gehen willst, um nachzuschaun, obt nicht irgend was finden thätst, aus dem Du ersehen kannst, wert eigentlich bist. Weitem hast mir nix gesagt. Dennoch bin ich bereit gewesen, Dir mit zu helfen. Aber daßt etwan hier was mit fortnimmst, was Dir nicht gehören thut, das leid ich freilich nicht.«

»Das brauchst überhaupt gar nicht zu sagen. Ich bin ebenso ehrlich wie Du und werd mich nimmer an fremder Leuts Eigenthum vergreifen.«

»Nun gut. So schau hier richtig nach, und wannt die Schrift nicht lesen kannst, so kannst auch nicht beweisen, daß sie Dir gehört; dann mußt sie hier liegen lassen.«

»Freilich wohl!«

»Aber schau, da ist doch noch ein zugemacht Fach in der Brieftaschen. Machs mal auf! Der Fex that dies. Das Fach enthielt ein Couvert aus starkem Papiercarton, in welchem - eine Photographie steckte. Sie stellte eine junge, wunderhübsche Frau vor, in der kleidsamen Tracht vornehmer Walachinnen. Das goldig blonde Haar und die himmelblauen Augen konnten zwar durch die


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Photographie nicht dargestellt werden, aber dennoch sah der Beschauer sofort, daß zwischen dieser Frau und dem Fex eine große Aehnlichkeit vorhanden sei.

Das Bild machte einen ungeheuren Eindruck auf den Fex. Er drückte es an sein Herz, an seine Lippen und rief dabei mit innigster Inbrunst:

»Mama, Mama, das ist meine gute, gute, einzige Mama! O Gott, o Gott.«

Meine gute einzige Mutter

So kniete er vor dem offenen Kasten, die Brieftasche und das Bild in der Hand. Sein Gesicht war verklärt von einem Entzücken, welches eben unbeschreiblich ist. Anton störte ihn nicht, meinte aber endlich doch:

»Du kennst also diese Frauen?«

»Freilich, freilich kenne ich sie! O, warum sollte ich sie nicht kennen! Kann ein Kind jemals das Angesicht seiner Mutter vergessen?«

»Also wirklich Deine Muttern ists?«

»Ja. Ich hab sie so lange, lange nicht gesehen. Man sagte mir; sie sei zum lieben Gott gegangen. Sie ist todt. Aber diese Augen, welche mich einst so herzinnig anleuchteten, diese Lippen, welche mich bei den süßesten Namen riefen; ich hab sie gesehen bei Tag und bei Nacht, im Wachen und im Traume. Sie ists; sie ists; ja, sie ists!«

»Wie aber kommt das Bild zum Müllern?«

»Er hats gestohlen.«

»So hat er wohl die ganze Taschen gestohlen mit sammt den Dokermenten.«

»Ganz gewiß.«

»Dann mußt ihn anzeigen.«

»Kann ichs ihm beweisen?«

»Du mußt Jemand suchen, der die Dokermenten lesen kann.«

»Obs hier so Einen giebt!«

»Zeig sie nur einem Adverkaten! Der wird schon bereits wissen, was damit zu machen ist.«

»So muß ich sie also mitnehmen.«

»Freilich nimmst sie mit! Dagegen kann ich halt gar nix haben. Du hast ja Deine Muttern erkannt; das gehört doch ganz gewiß dem Sohn!«

»Ja, ich nehm die Brieftasche mit. Mags der Müller immerhin merken.«

»Mag ers! Wann sie Dir nicht gehört, kannst sie ihm ja wiedersenden, ohne daß ers erfährt, wer sie ihm heut genommen hat. Mach den Stuhl wieder zu, und steck die Taschen ein! Wir wollen schaun, daß wir wieder von hier fortkommen.«

»Den Schlüsseln lassen wir da. Wir wollen ihn wo hinlegen, aber wo? Der Müllern muß meinen, daß er ihn hier verloren hat.«

»Schau, die Dielen ist sehr alt, und hier an der Mauern ist ein Loch hineinfault. Da hinein legen wir ihn.«

»Gut. Und den Topf stellen wir auf den Polsterstuhl.«

»Schön. Er wird sich freun, wann er diesen Schatz hier öffnet.«

Der Fex steckte die Brieftasche ein, verschloß den Stuhlkasten, legte den


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Schlüssel in das ausgefaulte Loch. Sodann hoben Beide den großen Topf auf den Polsterstuhl. Nun trat der Anton an das Fenster.

»Willst etwan da hinaus?« fragte der Fex.

»Ja freilich.«

»Nein, das thun wir nicht.«

»Wir müssen doch wieder da hinaus, wo wir hereingekommen sind. Oder nicht?«

»Nein. Schau, wann wir zum Fenster hinaus steigen, so können wir die Fenstern und den Laden von draußen nicht zumachen. Wann der Müllern nach Hause kommt und ihm Alles so verkehrt gangen ist, wird er Verdacht haben und überall nachschaun, ob Wer in die Stuben hereinkonnt hat. Wann dann hernach die Fensterflügeln und der Laden nicht verschlossen sind, wird er gleich merken, woher das Lüfterl weht hat. Nein. Die müssen wir zumachen.«

»Wie aberst kommen wir fort?«

»Zur Hinterthüren hinaus. Die versteh ich von draußen zuzumachen.«

»Aber dann steht ja hier die Stubenthüren offen, die er vorhin, als er gangen ist, verschlossen hat!«

»Was bist so sehr dumm! Diese Stubenthüren hat gar keinen Schlüssel, sondern sie wird von einem Schraubendrehung draußen aufgemacht, den man wie einen Schlüsseln ab- und anstecken kann. Der gilt auch gleich als Drücker, wann er ansteckt. Weißt, so ists sehr oft in alten Häusern.«

»Weiß schon. Also diese Thüren können wir von innen öffnen und von außen wieder zudrücken?«

»Ja. Jetzt mach ich zu.«

Er verschloß die Fensterflügel und den Laden und löschte das Licht aus. Dann gingen sie hinaus in den Hausflur. Die Stubenthür ließ sich sehr leicht von draußen in das Schloß drücken. Die Hinterthür, welche in den Hof führte, war zugeriegelt. Der Fex machte sie auf und verschloß sie, nachdem sie leise hinaus in den Hof getreten waren, dadurch, daß er mit der Klinge seines Messers durch eine ziemlich breite Bretterspalte hereinlangte. Aus dem Hofe gelangten sie einfach dadurch, daß sie über die Mauer kletterten, ins Freie.

Es regnete noch immer, wenn auch nicht mehr so sehr als vorher. Die Wolken begannen sich bereits zu lichten.

»Was thun wir nun?« fragte der Krikelanton.

»Für mich ist gesorgt; fertig sind wir hier. Aber Du, wo wirst nun heut Nacht schlafen?«

»Darüber laß Dir keine grauen Haaren wachsen, Fex. Ich hab mein gut Logement in der Stadt; da kann ich kommen und gehen, wann ich will.«

»Auch noch so spät?«

»Zu jeder Zeit. Wannt mich nun nicht mehr brauchst, werd ich zu dem Scat-Matthes gehen. Ich möcht doch gern erfahren, wie die Sach ausgefallen ist.«

»So geh. Morgen werden wir uns wohl wiedersehn.«

Sie nahmen Abschied. Der Anton ging nach der Stadt und der Fex nach der Fähre, um den Wachsleinensack zu holen; er brauchte ihn, weil er


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abermals die Violine des Concertmeisters stibitzen wollte. Die durfte ja nicht naß werden, und so mußte er sie und die Noten in den Sack stecken.

Indessen war die »Zaubergeschichte« am Scheidewege vor sich gegangen. Um ja die richtige Minute nicht zu versäumen, hatte der Fingerlfranz bereits lange vor der bestimmten Zeit seine Einleitungen getroffen und dann trotz des strömenden Regens im freien Felde den Stundenschlag abgewartet. Er war in Folge dessen bis auf die Haut naß. Daraus aber machte er, des vor Gesundheit strotzende Mensch, sich gar nichts. Als es in der Stadt schlug, begab er sich mit dem Schubkarren an Ort und Stelle, warf den Schlüssel zur Erde und sagte laut die Zauberformel:

»Schlüssel, Schlüssel, klinglingling,
Mist und Dünger aus der Taschen! - -
«

Eigentlich waren noch zwei Zeilen zu sprechen; aber als er während der letzten Worte in die Taschen griff, fühlte er, daß der Inhalt derselben durch den Regen seine Consistenz verloren hatte und in einen unbeschreiblichen Zustand gerathen war.

»Donnerwettern!« fluchte er. »Wie wird mein Sonntagshabiterl ausschaun, wann ichs bei Licht beseh, und das Betttucherl dazu! Und meine zwei Händen - - Verteuxeli! Na, so einen Strammantsch hats auch noch nicht geben! Aber ausgeführt wirds dennoch, da ichs einmal anfangen hab!«

Er sagte also seine zwei Zeilen vollends her und entledigte sich dabei, so gut oder so schlecht es gehen wollte, des felddüngenden Inhaltes aller seiner Taschen. Dann sprang er über den Graben hinüber. Vom Regen war der Boden schlüpfrig geworden; Franz glitt aus und stürzte, so lang er war, in den Graben hinein.

Mit einem lauten Fluche raffte er sich wieder heraus und fuhr hinter das Gebüsch. Als er eine kurze Zeit dort gestanden hatte, hörte er Schritte. Er sah trotz des Regens eine lange, weiße Gestalt, welche von der Mühle her näher kam, am Kreuzweg stehen blieb und dort nach dem Karren tastete, den er dort stehen gelassen hatte. Sie fand ihn und entfernte sich mit demselben in der Richtung, aus welcher sie gekommen war.

»Das geht gut; das trifft schön zu,« sagte er zu sich selbst. »Jetzt nun wird sie die Sauen aufladen und herbei bringen. Bis dahin aber muß ich warten. Im Stehen thun mir die Beinen weh; naß und voller Dreck bin ich einmal schon, so ists ganz gleich; ich setz mich nieder.«

Er setzte sich auf den aufgeweichten, lehmigen Grasboden und ließ das Wasser auf sich niederregnen und unten wieder ablaufen.

Nach einer Viertelstunde ungefähr hörte er das Rad des Schiebebockes bereits von Weitem knarren.

»Holla, da kommt die Spitzbübin!« murmelte er befriedigt. »Der Wurzelsepp ist doch ein sehr gescheidter Kerlen; er hat mich nicht getäuscht. Jetzt nun über den Graben hinüber, aber daß ich nicht abermals hineinfall! Nasser kann ich zwar nimmer werden, aber so ein Bad ist doch nicht angenehm.«


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Er sprang hinüber und wartete mitten auf dem Wege. Die Käthe kam bei ihm an und setzte den Karren nieder.

»Komm!« sagte er in gebieterischem Tone.

Sofort begann der Müller unter seinem Betttuche zu grunzen, und die Käthe nahm den Karren wieder auf. Der Franz voran, setzte sich der wunderliche Zug in Bewegung.

Es war für die Magd keine Kleinigkeit, in strömendem Regen und bei dem aufgeweichten Zustande des Weges den schweren Müller vor sich her zu schieben. Aber sie war stark, und die Hoffnung auf den Schatz verdoppelte ihre Kräfte. Sie kam in Schweiß und pustete laut wie eine Locomotive, aber sie setzte nicht ein einziges Mal nieder, um einen Augenblick lang auszuruhen.

Es war eigentlich ein Glück, daß es in dieser Weise regnete; da gab es keinen Menschen, dem man begegnet wäre. Der Müller grunzte nach Kräften, und die Fuhre verlief ohne alle Störung.

Nur als der voranschreitende Franz in die Straße der Stadt einbog und sogar dann in den offen stehenden Flur des Gasthofes einlenkte, fragte sich die Käthe leise, ob sie ihm jetzt noch folgen solle. Aber es handelte sich um den Schatz. Die Stadt und der Gasthof waren jedenfalls nur eine leere Spiegelung, durch welche die Geister sie irre machen wollten. Nein, das sollte ihnen doch nicht gelingen. Die beherzte Käthe folgte also dem Führer sogar da höchst couragirt, als derselbe die Thür öffnete und in die Gaststube trat.

Als der Wurzelsepp dort angekommen war, hatten die gewöhnlichen Abendgäste das Local bereits verlassen. Der Wirth saß mit seinem Sohne und dem Barbier am Tische und spielte Scat. An einem zweiten Tische saßen noch einige andre Männer.

»Guten Abend!« grüßte der Sepp, indem er den vor Nässe triefenden Hut ausschwenkte.

Der Wirth legte ganz gegen seine gewöhnliche Weise sofort die Karten weg, noch dazu mitten im Spiele, machte ein sehr erstauntes Gesicht und sagte:

»Was? Du kommst auch, Sepp!«

»Siehsts ja doch!«

»Du wolltst doch nicht!«

»Ja, das dacht ich erst. Nachhero aber hab ich mich fragt, obs die Leutln wohl auch richtig machen werden, und so bin ich herkommen, um zuzuschaun, wies halt gehen wird.«

Darauf antwortete Einer von Denen, welche an dem andern Tische saßen:

»Das ist ganz recht von Dir, Sepp. Es ist halt immer besser, Du bist auch selbst dabei.«

Da machte der Alte ein höchst bedenkliches Gesicht, schüttelte den Kopf und fragte:

»Ja, so sag doch mal, wobei ich auch sein soll!«

»Nun, bei der Zauberei.«

»So, so! Was weißt Du davon, he?«


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»Der Barbiern hats uns sagt, und darum sind wir noch hier sitzen blieben, um zu warten.«

»Ach so! Der Barbiern hats also ausplaudert! Hab ich denn nicht sagt, daß kein Mensch nix davon hören darf?«

»Vorher nicht. Jetzund aber sinds ja bereits schon draußen auf dem Weg!« vertheidigte sich der Barbier.

»So! Das hast denkt? Wast doch für ein gescheidter Kerlen bist! Da konnt ichs ja gleich in die Posaunen blasen oder an die große Glocken hängen, damits ins Land hinein geläutet wird. Jetzt kann mich die ganze Sach gereuen, denn nun ists gefehlt!«

»Meinst?« fragte der Barbier, indem er eine höchst betretene Miene zeigte.

»Ja freilich. Nun wird nix daraus.«

»Das hättst sagen sollen!«

»Hab ichs denn nicht sagt? Aber das ist nun immer so. Ihr Barbiern seid die alten Weibern und könnt das Maul nimmer halten. Jetzt nun wissen die Geistern bereits, daß die Geschicht verrathen ist, und wer weiß, was sie dem armen Fingerlfranz anthun!«

»O weh! Es wird ihm doch nicht etwan gar an den Kragen gehen?«

»Sehr leicht! Und dann bist allein Du schuld daran.«

»Giebts kein Mittel dagegen?«

»Nur ein einzigs.«

»Welchs?«

»Das müßt Ihr aber sofort machen, sonst ist der Franz verloren.«

»So sags schnell!«

»Habt Ihr Eure Schneuztücherl mit?«

»Schneuztücherl? Ich nicht. Ein Schnupftuch thut man doch nur Sonntags in die Taschen; heut aberst ist erst Donnerstag.«

»So sagt rasch, wer hat noch keins mit?«

»Ich - ich - ich auch nicht!« rief es überall.

Es stellte sich also heraus, daß kein einziges Taschentuch vorhanden war. Der Sepp machte ein sehr bedenkliches Gesicht und sagte:

»So mag die Wirthin schnell Jedem eins borgen.«

»Wozu?«

»Ihr setzt Euch alle rund um diesen einen Tisch, die Lamp in der Mitten, und legt beide Füßen vor Euch hin, heraufi auf den Tisch. Sodann werd ich langsam in der Stuben hin und her gehen. Ihr zählt meinen Schritt, und allemal beim Dreizehnten muß Einer von Euch reihum sich die Nase schneuzen. Der Wirth fangt an, und so gehts rund um weiter.«

»Ich auch mit?« fragte die Wirthin.

»Ja, aber weilst eine Frau bist, brauchst die Füß nur auf die Hitzschen zu legen und nicht auf den Tisch. Lauf schnell und hol die Tucherln! Auf dem Tisch darf weiter nix sein als die Lamp und Eure Füßen, und reden darf auch keiner ein Wort, als bis der Franz hereini kommen ist und die Spitzbübin dazu.«


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Er hatte das in so ernstem und eindringlichem Tone gesagt, daß Keiner sich eine weitere Frage oder gar einen Widerspruch erlaubte. Die Männer setzten sich zusammen an einen Tisch und legten die Beine auf denselben. Die Wirthin holte die Taschentücher herbei, vertheilte sie und setzte sich dann mit zu ihnen.

Jetzt begann der Sepp langsam und gravitätisch hin und her zu gehen; bei seinem dreizehnten Schritt fuhr sich der Wirth mit dem Tuche an die Nase und folgte der Weisung des Sepp in so kräftiger Weise, daß man hätte befürchten können, seine Nase werde explodiren. Die Andern wollten hinter ihm nicht zurückbleiben. Sie gaben sich der magischen Beschäftigung mit ganzer Seele und ungeheurer Aufmerksamkeit hin.

Für den Wurzelsepp war es keine leichte Aufgabe, ernst zu bleiben; aber er stieg mit der Miene eines Paracelsus im Zimmer auf und ab und gab stets bei dem dreizehnten Schritte mit der Hand das Zeichen, daß die erwähnte Explosion zu erfolgen habe.

So verging eine geraume Zeit. Den Anwesenden begannen nicht nur die hochliegenden Beine, sondern auch die Nasen zu schmerzen. Endlich, endlich war ein Geräusch im Hausflur zu vernehmen wie das Rollen eines Rades. Dann wurde die Thür geöffnet, und der Franz trat ein.

Wären die Anwesenden nicht so überzeugt gewesen von dem überirdischen Ernste der Situation, so wären sie jedenfalls in ein mehr als homerisches Gelächter ausgebrochen.

Der Fingerlfranz bot einen gradezu unbeschreiblichen Anblick. Erst das Gesicht und die Hände mit Ruß geschwärzt, sodann die bekannte Füllung sämmtlicher Taschen vorgenommen, das Betttuch übergeworfen, im strömenden Regen gestanden, welcher den Ruß im Gesicht in dunklen Strömen herabrinnen ließ, die Taschen mit den Händen ausgeleert und dabei mit dem Tuche in Berührung gekommen, in den Graben gestürzt und über eine Viertelstunde lang auf der sumpfigen Wiese gesessen - kurz und gut, sein Anblick war ein gradezu unbeschreiblicher.

Und hinter ihm schob die Käthe den Schubkarren herein. Sie sah kaum weniger schrecklich aus, doch, obgleich der Regen ihr schwarzgefärbtes Gesicht auch getroffen hatte, waren ihre Züge doch ebenso wenig zu erkennen wie Diejenigen des Fingerlfranz.

Unter dem Betttuche, welches über den Karren gebreitet war, grunzte der Müller, so laut er nur konnte. Als sie herein waren, beeilte sich der Sepp draußen das Hausthor und natürlich auch die Stubenthür zu schließen.

Der Fingerlfranz war über die Stellung, in welcher die Gäste am Tische saßen, erstaunt; da er aber den Sepp bemerkte, so sagte er sich gleich, daß dies von demselben angeordnet sei und nothwendig mit zur Sache gehöre. Er trat also herbei und declamirte:

»Holderi und holdera,
Tschingterum, jetzt sind wir da!«


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Sofort ertönte es unter dem Betttuche, unter welchem Alle das gestohlene Schwein vermutheten, hervor:

»Fitzlipuzli, Auerhahn,
Schaut nur mal den Tolpatsch an!«

Daß das Thier menschlich sprechen konnte, und noch dazu in Reimen, das war außerordentlich. Da aber bei einer Zauberei eigentlich nichts außerordentlich ist, fuhr der Fingerlfranz fort:

»Rumdi bumdi, Mückennest,
Jetzt habn wir den Racker fest!«

Und vom Schubkarren her ertönte es:

»Krikli krakli, wum die bum,
Dieser Kerl ist doch zu dumm!«

Da trat der Fingerlfranz an das einrädrige Fuhrwerk heran, griff nach dem Tuche und zog es weg mit den Worten:

»Schlingel schlangel, schnipp und schnapp,
Jetzt ziehn wir das Fell ihm ab.«

Sogleich richtete sich der Müller möglichst hoch empor und antwortete:

»Holler, koller, dran und drauf,
Sperrt nun mal die Augen auf.«

Sie folgten freilich dieser Weisung fast wörtlich. Und nicht nur ihre Augen waren offen. Sie waren Alle vom Tische aufgesprungen und traten hin zum Schiebebock. Der Fingerlfranz hielt das Tuch in der Hand und starrte auf den Müller.

»Was!« rief er aus. »Das soll meine Sauen sein! Und der Müller seinerseits rief ebenso laut:

»Was! Das soll der Geisten sein, der denen Schatz bewachen thut!«

»Was soll ich sein? Ein Geist?«

»Und was ich? Eine Sauen? Alle Teufeln! Und wo bin ich eigentlich? Ich glaub gar, die Käth hat mich zum Scat-Matthesen hergefahren!«

»Die Käth?« fragte der Franz. »Die Käth! Und Deine Stimme kommt mir auch bekannt vor. Bist doch nicht etwan der Thalmüllern!«

»Freilich bin ich Der! Wer soll ich denn sonst sein? Eine Sauen nicht! Und Deine Stimm kenn ich auch und Deine Gestalt! Du bist der Fingerfranzel?«

»Der bin ich allezeit!«

»Da muß doch gleich ein Graupelwettern dreinschlagen. Käth, was ist Dir eingefalln! Warum schaffst mich hier herein?«

Die Magd war fürs Erste auch ganz perplex gewesen, jetzt aber erhielt sie ihre Sprache wieder:

»Was? Willsts etwan auf mich schieben?«

»Auf wen sonst?«

»Ich hab nur than, wast mir selber sagt hast; ich bin Dem da hinterherfahrn.«

Sie deutete auf den Franz.


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»Dem da? Ist denn der draußen gewest?«

»Kein Anderer.«

»Aber, Franz, was machst da draußen?«

»Ich wart auf meine Sauen, die mir gestohlen worden ist. Der Sepp sagt, die Spitzbübin werd sie mir auf dem Schubkarren bringen.«

»Was? Jetzt hört mir Alles auf! Da ist die Käth die Diebin, und ich bin das Schwein! Und das hat der Sepp sagt? Komm mal her, Alter! Komm herbei zu mir! Ich hab Dir was zu sagen!«

Er streckte dem Sepp die Fäuste drohend entgegen. Dieser kam auch herbei, aber nicht so nahe, daß er von den Fäusten erreicht werden konnte. Er machte eine höchst erstaunte Miene, schlug die Hände zusammen und rief:

»Der Müllern! Der Thalmüllern! Es ist also doch wahr! Nein, so was hat noch nimmer gelebt! Was willst denn Du hier in der Stadt, so spät, bei nachtschlafender Zeiten?«

»Was ich will, Du Schwindelmeiern? Das fragst auch noch? Weißts wohl noch nimmer?«

»Nein, kein Wort!«

»So komm doch näher herbei! Ich wills Dir gleich derklären, da mit meinen Händen! Hab ich Dich etwan nicht von wegen dem Schatz um Rath gefragt?«

»Ja, das hast.«

»Nun also.«

»Ah! Oh! Bist etwan wegen dem da?«

»Na freilich!«

»O meiner Seelen! Jetzt wird mirs ganz schlimm zu Muthen! Was ist das für ein Glück, daß wir hier die Schneuztücherl gehabt haben! Nein, nein, nein!«

Er schüttelte den Kopf wie Einer, der vom Ertrinken errettet worden ist und dies gar noch nicht begreifen kann.

»Was hast nun auch noch mit denen Schneuztücherln?« fuhr ihn der Müller an.

»Sei stat und ruhig! Wannst wissen thätst, in welcher Gefahren Du gewesen wärst, so könntst vor Schreck gleich gar nicht reden! Was bist doch für ein Mensch. Warum hast mir nicht sagt, wo der Schatz liegt!«

»Werd mich hüten!«

»Und daßt ihn heut holen willst!«

»War das nothwendig?«

»Freilich, denn dann wärt Ihr heut nicht mit nander in so verschiedener Sach zusammengerathen. Ihr habt Euch gestört, Einer den Andern, Du und der Fingerlnfranz.«

»Das sagst jetzunder! Aber wehe Dir, wann ich merk, daßt Dir nur ein Spaßen mit mir hast machen wolln. Dann ist Dein letztes End sehr bald vorhanden gewest!«

»Spaß und Scherz? Was denkst! Was hätt ich davon? Ich habs


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ehrlich gemeint mit Dir und dem Franz. Aber ich hab doch nicht wissen konnt, daß Ihr Eure Sachen mit nander macht, zur selbigen Stund und auch am selbigen Ort. Das bist doch selber überzeugt, daß ich das nicht wußt hab?«

»Das ist freilich wahr. Aber wann ich dran denk, so kann ich mir die Haar alle einzeln ausraufen. Ich, der kranke Mann; der nicht von seinem Stuhl aufi kann, hab in diesem Hundewettern unter tausend Schmerzen in den Beinen mich zum Spiel-Matthesen fahren lassen, Nachts ein Uhr, und dabei grunzen müssen wie ein Eber! Und nun ist gar sicher der Schatz verloren!«

»Vielleicht doch nicht. Hast Deine Sachen richtig macht?«

»Ganz und gar.«

»So ist noch immer Hoffnung vorhanden. Aber es muß erst Alles verzählt und verglichen und bedenkt werden. Die Wirthin mag ein warmes Wassern bringen und Seifen dazu. Ihr müßt Euch waschen. Es könnt Einer kommen, der nix von dieser Angelegenheiten zu sehen und zu wissen braucht. Nachhero sprechen wir weitern darüber.«

Die Magd verschwand in der Küche, der Fingerlfranz auch; der Müller aber mußte gleich in der Stube gereinigt werden, da er nicht laufen konnte. Dann wurde er auf das Sopha gesetzt.

Als die Magd zurückkehrte, setzte sie sich in eine dunkle Ecke. Sie wußte nicht, ob sie sich mehr schämen oder mehr ärgern solle. Sie that Beides in gleichem Maße.

Der Franz hatte, seit er das Tuch vom Schubkarren genommen und den Müller erkannt hatte, noch nicht zur Klarheit kommen können. War der Sepp schuldig oder nicht? Im ersteren Fall nahm der Viehhändler sich vor, sich in ganz energischer Weise an dem Alten zu rächen. Er setzte sich jetzt ihm gegenüber, um sein Gesicht genau beobachten zu können.

Dasselbe zeigte freilich einen Ausdruck wirklich kindlicher Unschuld. Wer den Wurzelhändler so dasitzen sah, der mußte auf seine Unschuld schwören.

»So,« sagte er, »jetzund sitzen wir beisammen, und so wollen wir sehen, ob wir die Sach derklären können. Die meiste Schuld hat freilich der Barbierer hier. Er hat die Sach ausplaudert, und wann dies geschieht, so gehts allemal schief ab.«

»Oho!« rief der Genannte. »Jetzund kann ich Dir sogleich beweisen, daß ich grad nicht schuldig bin. Der Müllern wär auch kommen, wann ich nix gesagt hätt.«

»Ja, aberst es wär doch ganz anderst worden. Das kann ich behaupten, weils ich verstehen thu. Und ich will gleich eine Wetten machen, daß auch noch andre Fehlern vorkommen sind. Ich werd mal Euch alle Beid in's Verhör nehmen. Zuerst den Fingerlfranz. Hast Deine Sach genau so macht, wie ichs gesagt hab?«

»Ja,« antwortete der Franz.

»Nix dazuthan?«

»Nein.«

»Auch nix weggelassen?«


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»Nein.«

»Dich auch nicht versprochen?«

»Auch nicht.«

»So kann ichs nicht begreifen. Wannst keinen Fehlern macht hättst, so wär die Sauen jetzt hier mit sammt der Spitzbubin. Du mußt also doch was Falsches than oder sagt haben. Denk mal nach!«

Der Franz überlegte sich die Sache und gestand dann:

»Da fallt mir Eins ein - - -«

»Aha! Heraus damit!«

»Als ich den Reim sagte und dabei in die Taschen griff, um sie leer zu machen, da war Alls so zerlaufen, daß - nun, da schaut Euch mal mein Gewandl an! Das ist mein Festtagsgewandl! Wie schauts aus!«

»Ja,« meinte der Wirth. »Das kannst kaum mehr anziehen. Wer neben Dir sitzt, der merkts gleich aus der ersten Hand mit der Nasen.«

»Nun, das hab ich eben auch so merkt, und da ist mir mitten im Vers ein Fluch herausfahren.«

»Siehst, schaust!« rief der Sepp. »Da hasts! Drum ists nicht richtig worden. Nun hasts Gewandt verschimpfirt und bist auch noch um die Sauen!«

»Ist da keine Hilfe möglich?«

»Wohl freilich schon.«

»So sags! Wannst mich veralbert hast, so wirst sehen, was für Prügel Du bekommst. Ich schlag Dich so breit wie einen Zwetzschenkuchen. Wannsts aber ehrlich meinst, so erhältst eine gute Belohnung.«

»Die brauch ich nicht und mag ich nicht. Das hab ich Dir bereits schon sagt. Du weißt schon, wie große Stucken ich auf Dich halt; drum bin ich aufrichtig mit Dir west; aberst wannst mir mit Prügeln drohst, so kannst mich nur dauern. Da werd ich mich schön bedanken, Dir auch noch guten Rath zu geben!«

»Das darfst nicht so nehmen. Es war nicht so bös gemeint. Also sag, obs noch Hilfen giebt.«

»Ja freilich, wannsts richtig machst.«

»Was soll ich thun?«

»Wie viel war die Sauen werth?«

»So hundertzwanzig Markerln.«

Da zog der Sepp seinen Beutel und langte zwei Fünfzigmarkscheine heraus. Die legte er auf den Tisch und sagte:

»Das ist mein Geldl, was ich mir mühsam derspart hab in vielen Jahrn. Aber ich schenk Dirs heut, wannst nicht die Sauen bekommst. Aber richtig mußts machen. Glaubsts nun, daß ich meiner Sachen sicher bin?«

»Da muß ichs schon glauben, wann so ein arms Hascherl hundert Markerln dran riscirt. Also sag, was ich beginnen soll!«

»Du nicht allein. Es muß noch Einer dabei sein, der auch einen Fehlern mit begangen hat.«

»Das ist halt der Barbier, der plaudert hat.«


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»Ja, der ists. Ihr Beid geht dahin, wo Du den Fehlern macht hast. Weißts doch wohl?«

»Ja, am Weg.«

»Dort giebt er Dir eine Ohrfeigen.«

»Donnerwettern!«

»Ja. Nachhero gehst hinten hinein in Deinen Garten. An der Pforten giebt er Dir die zweite Ohrfeigen.«

»Warum Ohrfeigen?«

»Zur Strafen für den Fehlern, dent begangen hast. Und nachhero geht Ihr bis an den Koben oder an den Stall, wo die Sauen steckt hat; da giebt er Dir die dritte Ohrfeigen. Und nachhero ist der Fehler bestraft und gesühnt, und die Sauen wird sich im Stall befinden.«

»Ists wahr?«

»Ich geb ja hier das Geldl zum Pfand.«

»Das macht Vertrauen. Ich möchts versuchen. Wie ists damit, Barbierer?«

Der Genannte konnte, wie der schlaue Sepp recht gut wußte, den Franz nicht leiden. Ihm drei Ohrfeigen geben zu dürfen, das war ihm ein Gaudium, zumal er keine Rache, sondern vielleicht gar eine Belohnung dafür zu erwarten hatte. Darum antwortete er in diplomatisch schlauer Weise:

»Was hab ich davon, daß ich in Wind und Regenwettern hinaus geh? Nix, gar nix! Mir hat Niemand keine Sauen gestohlen. Ich bleib hier.«

»Wannst mitgehst, geb ich Dir drei Markeln!«

»Das ist zu wenig.«

»Fünf?«

»Giebst sie gleich?«

»Ja, aber der Sepp muß seine Hundert einsetzen.«

»Sie liegen da,« sagte der Alte.

»Gut, so gehn wir gleich. Hier sind die Fünf. Und nun komm gleich mit!«

Er stand auf und der Barbier auch.

»Halt!« sagte der Sepp. »Ich muß Euch vorher sagen, daß Ihr kein Wort reden dürft, bis Ihr wieder hier seid. Und auch wir dürfen grad so lang nicht davon sprechen. Paßt also auf, damit nicht abermals ein Fehlern geschieht.«

»Ich mach keinen mehr. Aber, Sepp, ists nicht wohl erlaubt, eine Laternen mitzunehmen? Da könnt ich mir die Sauen gleich genau betrachten, damits nicht wieder ein Müllern ist, der nur so grunzt.«

»Ja, die kannst mitnehmen. Der Wirth mag sie Dir leihen. Aber lauft schnell und laßt uns nicht lang warten. Und Dir, Barbiern, muß ich noch sagen, daß die zweit Ohrfeigen stärker sein muß als die erst, und die dritt ist die letzt und muß auch die stärksten sein. Merks gut.«

»Schön!« lächelte der Barbier, welcher seine fünf Mark schmunzelnd einsteckte.


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»Du,« meinte der Franz zu ihm, »ich will hoffen, daßt nicht gar zu sehr zuhaust! Je leiser Du anfangst, desto gelinder kannst auch aufhören.«

»Weiß schon. Hab nur keine Sorgen!«

Eben als die Beiden aufbrachen, trat der Krikelanton herein und setzte sich mit an den Tisch. Die Anderen blickten den Sepp fragend an. Dieser nickte zustimmend und sagte in beruhigendem Tone:

»Der kann schon dableiben. Er ist ein guter Bekannter von mir und kann Alles hören. Er wird kein Wort sagen.«

»Und vorher habt Ihr Euch hier bei mir so zankt?« meinte der Wirth.

»Das war ein Spaßen, weiter nix.«

Und der Anton fügte hinzu:

»Der Sepp ist auch nicht der einzige gute Freund, den ich hier finde. Der Thalmüllern kennt mich auch so gut. Nicht wahr, Müllern?«

»Hm!« brummte dieser im Andenken an die Ohrfeigen, die er von ihm erhalten hatte.

»Oder meinst, daß ich erzählen soll, wie wir uns kennen lernt haben? Es ist intressant.«

»Brauchsts nicht. Du bist ein guter Freund von mir, und das ist genug. Kannst ruhig sitzen bleiben.«

Der Fingerlfranz und der Barbier beeilten sich, ihren Weg möglichst bald zurückzulegen. Beide waren außerordentlich neugierig, ob sie die Sau auch wirklich im Stalle finden würden. Am Kreuzweg angekommen, stellte sich Franz genau an die Stelle, an welcher er den Fehler begangen hatte, und gab dem Andern einen Wink. Dieser holte aus und versetzte ihm eine so schallende Ohrfeige, daß der Getroffene alle Geistesgegenwart zusammennehmen mußte, nicht wieder zu fluchen. Er zog den Athem pfeifend zwischen den Zähnen ein und dachte bei sich:

»Wann die Erste so kräftig ausfallt, wie werden da die andern Beiden werden!«

Sie gingen weiter. An der Gartenpforte erhielt der Franz die Zweite, die nach der Anweisung des Sepp noch gewichtiger war als die Erste. Die Wange brannte ihm wie Feuer. Dennoch hielt er an sich und blieb still.

Vor der Thür angekommen blieb er wieder stehen und erhielt die Dritte. Die hatte einen solchen Nachdruck, daß er trotz seiner kräftigen Gestalt an den Stall taumelte.

»Warte nur!« dachte er. »Ich komme auch noch an die Reihe. Aber dann, dann, dann!«

Jetzt zog er den Holzriegel weg, öffnete die Thür und leuchtete hinein. Ja wirklich, da lag sein Schwein im Stall und grunzte ihm entgegen. Er schob es hin und her, um sich zu überzeugen, ob er seiner Sache gewiß sein könne; aber er irrte sich nicht; es war kein anderes, als das ihm gestohlene Thier.

Jetzt machte er den Stall wieder zu, schob den Riegel vor und eilte so schnell fort, daß der Barbier ihm kaum zu folgen vermochte. Als dann die


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Beiden wieder in die Gaststube traten, blickte der alte Sepp ihnen vergnügt lächelnd entgegen.

»Nun, wie stehts?« fragte er.

»Bist ein tüchtiger Kerl,« antwortete der Franz.

»Also?«

»Sie ist da!«

»Die richtige?«

»Ja, sie liegt im Stall.«

»Und hast sie Dir richtig angesehen?«

»Genau, und auch angefühlt. Es ist gar kein Zweifel möglich. Sie ist es in aller Wirklichkeit.«

»So kann ich also mein Geldl wieder einistecken?«

»Ja, thus wiedern in den Sack!«

»Das gefreut mich sehr, um Deinet- und auch um meinetwillen.«

»Aber wie stehts dann mit der Diebin?«

»Wie solls mit ihr stehen?«

»Ist sie nicht zu erwischen?«

»Nein. Hättst den Fehlern nicht begangen. Sei froh, daßt die Sauen wieder hast.«

»Schon recht! Aber werd ich sie auch behalten?«

»Ja, wannst sie Dir nicht wieder stehlen läßt.«

»Da werd ich schon sorgen. Aber ich mein, wegen dem Zauber.«

»Wieso?«

»Geht der nicht wieder zuruck?«

»Nein.«

»Auch nicht, wann ich zuruck ging?«

»Wie meinst das?«

»Wann mir zum Beispiel der Barbiern mein Geldl wieder herauszahlen thät, mein ich halt.«

»Nein, auch dann nicht. Die Sau ist wieder in dem Stall, und da bleibt sie nun auf alle Fälle.«

»Brauchst keine Sorg zu haben. Ich geb Dir das Geldl schon nicht wieder heraus!« meinte der Barbier, der noch neben dem Franz stand, die Laterne in der Hand.

»Aber ich geb sie Dir heraus.«

»Was?

»Die Ohrfeigen.«

Er holte aus und versetzte dem Ahnungslosen drei Ohrfeigen aus dem FF. Bei der Ersten drehte sich der Barbier um sich selbst und ließ vor Schreck die Laterne fallen; bei der Zweiten setzte er sich auf den Stuhl, daß dieser krachte, und die Dritte expedirte ihn von dem Stuhle herab auf die Diele, wo er eine ganze Weile sitzen blieb, sich die beiden Backen mit den Händen haltend.

»Hättsts so gemacht, wie ichs Dir sagte,« meinte der Franz. »Hättst


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leise anfangt und gelind aufhört. So aber hast stark begonnen und nachhero also den Unverschämten machen müssen.«

Der Barbier stand langsam auf und ballte die Fäuste. Am Liebsten hätte er sich auf Franz gestürzt. Dieser aber trat ihm in seiner hohen, breiten Figur drohend entgegen und fragte:

»Willst etwan noch Prügeln haben? Ich bin bereit dazu. Fang Du nur immer an!«

»Fallt mir nicht ein! Mit Dir noch lange nicht!«

»Da bist auch klug. Ich hätt Dich an die Wand warfen, daßt kleben blieben wärst und ein Jeder hätt denkt, es hängt das Bild von einem Affen dort.«

»Aber merken werd ichs mir!«

»Ja, das bitt ich mir auch aus! Deshalb hab ich sie Dir ja geben, daßt sie Dir merken sollst. Jetzt nun sind wir quitt, und Du bist still!«

Die Andern hatten mit größtem Vergnügen zugesehen. Sie gönnten Beiden die Lection, welche Einer dem Andern gegeben hatte. Keiner sagte ein Wort dazu; aber der Wirth konnte doch nicht schweigen. Er fragte:

»Hör mal, Franz, jetzt kann ich Dich nun schon nicht begreifen. Der Barbierer hat Dir mit holfen, das Schwein zu finden, und Du giebst ihm dafür die drei Ohrwatscheln. Warum hast das eigentlich than?«

»Weil er mir auch drei geben hat.«

»Das mußt er doch!«

»Aber nicht so stark! Bei deren Ersten ists mir wie Zunder im Kopfe wesen, bei deren Zweiten wie Stahl und Stein, und bei deren Dritten sind mir nachhero gar die Funken aus denen Augen sprungen, daß ich Deine Laternen gar nimmer von Nöthen gehabt hab. Da liegt sie nun. Er mag sie aufheben und das Oelen zusammenlecken!«

»Aber Deine Watschen sind doch wohl noch stärker wesen als die, die er Dir geben hat!«

»Mag sein! Ein Jeder nach der seinigen Art und Weisen. Ich hab halt auch andre Händ als er. Aber gefreun thuts mich doch außerordentlich, daß dem Sepp seine Magie sich bewährt hat.«

»Was sprichst von Magie!« lachte der Alte. »Du verstehst halt gar nix davon. Es giebt eine weißen Magie, eine schwarzen, eine blauen und eine gelben. Bei denen letzten Beiden wirds Einem ganz blaugelb vor denen Augen, grad als ob man Ohrwatscheln bekommen thät. Das hast ja auch selber merkt. Jetzt nun möcht ich bald wissen, wies mit dem Müllern seiner Sachen gangen ist.«

»Schlecht natürlich!« brummte der Müller.

»So hast auch einen Fehlern macht.«

»Ich weiß keinen.«

»Aberst ganz gewiß!«

»Ganz gewiß nicht!«

»So denk einmal nach!«


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»Das hab ich schon bereits than; aber ich kann nix finden, was unrecht gewesen wär.«

»Nun, so liegts daran, daßt nicht aufrichtig gegen mich wesen bist. Wo war der Ort, wo Du den Schatz sucht hast?«

»Grad da, wo der Franz die Sauen sucht hat.«

»Ja, dann ists freilich gefehlt. Hat denn die Käth den Fingerlfranz nicht erkannt?«

»Nein,« antwortete die Magd aus ihrer Ecke.

»So ists richtig, Du hast den Fehlern begangen. Du hast doch sehen müssen, daß es kein Geisten nicht war!«

»In denen Regenwettern!«

»Grad da sieht mans auch.«

»Und er hat sich das Gesicht schwarz gemacht.«

»Aber die Stimm!«

»Er hat nur ein einzig Wort sprochen!«

»Und wannst aufpaßt hättst, so wärst leicht dahinter kommen, daß es ein Mensch war aber kein Geisten. Du bist schuld an der ganzen Sachen. Aber so ists allemal, wann ein Frauensbild dabei ist!«

»Magst Recht haben,« meinte der Müller, welcher die ganze Zeit leise stöhnend dagesessen hatte. »Jetzt hab ich meine Gichten und Podergra spazieren fahren lassen ins Regenwettern hinein, und nun wird michs wieder Monaten lang zwacken und zwicken an allen Ecken und Enden. Das aber möcht noch sein, wann nur nicht der Schatz verloren wär!«

»Was ists denn eigentlich für ein Schatz?« fragte der Wirth.

»Meinst, daß ich Dir das sagen werd?«

»Etwan nicht?«

»Nein. So Etwas darf man nur allein wissen.«

»Brauchst keine Sorg zu haben. Ich mag nicht mit Dir theilen, Müllern.«

»O, Dir ist auch nicht zu trauen!«

»Da irrst Dich sehr. Ich will sogar gut sein und Dir einen guten Rath ertheilen.«

»Da bin ich neugierig drauf.«

»So sollsts gleich hören. Der Franz hat einen Fehlern begangen, aber der Sepp hat ihn wiedern gut macht. Deine Käth hat auch einen macht. So wend Dich an den Sepp. Vielleichten kann er auch Dir helfen.«

Das leuchtete dem Müller ein.

»Kannst etwan?« fragte er den Sepp.

»Warum nicht.«

»So thus doch!«

»Wirsts wiedern falsch machen!«

»Gewiß nicht. Was hätt ich zu thun?«

»Gar nix Schweres! Mußts grad so machen, wie's der Franz auch


Ende der sechszehnten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk