Lieferung 17

Karl May

20. November 1886

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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macht hat. Der Käth ihr Fehlern ist, daß sie den Franz für einen Geisten halten hat. An welcher Stell ist das geschehen?«

»Am Kreuzweg.«

»Und wohin willst den Schatz haben?«

»Hm! Wohin meinst?«

Die Augen des Müllers flimmerten vor Begierde.

»Wohin Du willst.«

»Wird er auch ganz gewiß so da sein wie dem Fingerlfranzen sein Schweinen?«

»Ebenso sicher.«

»Nun, dann möcht ich nicht darnach laufen oder fahren müssen.«

»Das hast gar nimmer nothwendig.«

»Könnt ich ihn in meinem Haus finden?«

»Gern.«

»Gar in der Stuben?«

»Jawohl. Sogar auf dem Polsterstuhlen, auf dem Du sitzest. Dahin ist er auch am Allerleichtesten zu bringen.«

»Meinst?«

»Ja, weilst selbern Jahr aus Jahr ein drauf sitzest.«

»Nun wohl, so will ich ihn halt auf den Stuhl haben!«

»Soll geschehen, wannst keinen Fehlern machst.«

»Werd mich hüten! Aber wann?«

»Gleich wannt nach Haus kommst.«

»Das, wanns wahr ist, so sollst mich kennen lernen als einen nobligen und splendirbaren Kerlen!«

»Ich mag nix. Das hab ich Dir schon bereits gesagt. Mach nur Deine Sachen gut, damits nicht fehl geht und ich mich nicht hernachers über Dich ärgern muß!«

»Werd mir schon Mühen geben. Aber nun sag mir auch, was ich thun soll!«

»Habs schon gesagt: Ganz dasselbige, wies beim Franz geschehen ist.«

»Ohrfeigen etwa?«

»Ja. Straf muß sein. Das verlangen die Geistern so. Und denen muß man ihren Willen thun.«

»Soll ich sie bekommen?«

»Nein, sondern die Käth; die hat ja den Fehlern gethan.«

»Das ist mir schon noch liebern. Aber wo?«

»Die Erst giebst ihr dort, wo sie den Franz für den Geist ansehen hat, die Zweit vor Deiner Stubenthüren, bevor Du diese öffnest. Wannst sie nachhero aufgemacht hast, so brennst Licht an. Dann wirst gleich sehen, daß der Schatz auf dem Stuhl ist. Da mußt Dich hinfahren lassen und mußt ihr die dritte Watschen geben.«

»Auch eine immer stärker als die andre?«

»Freilich!«


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»Ob ichs aber auch so leiden werd!« meinte die Käth.

»Mußts schon, wannt den Schatz nicht verlieren willst.«

»So mag er nur fein leise zuschlagen!«

»Werd mich schon in Acht nehmen,« meinte der Müller. »Aber wanns so ist, so will ich auch die Zeit nicht hier versäumen. Mach Dich fertig, Käth, damit wir aufbrechen!«

»Gleich! Ich will nur zuvor in die Küchen gehen und mein Tuchen holen, was ich dort zum Trocknen an den Ofen aufihängt hab.«

Sie ging hinaus. Da flüsterte der Sepp:

»Merk Dirs gut, Müllern: Je stärker Du die Ohrfeigen giebst, desto größern wird der Schatz.«

»Meinst?«

»Ja, freilich! Je größer die Strafen ist für den begangenen Fehlern, desto mehr sind die Geistern ausgesöhnt.«

»So solls nicht daran fehlen! Ich hab auch noch Kraft zu einer Ohrfeigen, die fest sitzen bleibt.«

»Und wir müssen auch erfahren, obst zu dem Schatz kommst,« meinte der Wirth. »Wir gehn mit.«

»Euch brauch ich nicht.«

»O doch! Zum Zählen!«

»Ich dank gar sehr! Das thu ich schon selbst.«

»Aber ansehen dürfen wir den Schatz?«

»Nein.«

»Bist auch ein Geizhals und Pfennigfresser!«

»Nein. Aber wann Ihr mitlauft, macht Ihr mich unterwegs irr, so daß ich Fehlern mach.«

»Wir kommen weit hinterher.«

»Nein, Ihr bleibt zuruck. Morgen könnt Ihr kommen. Da will ich ihn Euch zeigen.«

»Na, meinswegen. Er ist Dein, und wir haben nichts dran zu befehlen. So fahr also allein!«

Die Käthe kam aus der Küche zurück, und der Müller wurde aufgeladen. Ohne Ach und Weh ging das nun freilich nicht ab.

»Stöhn und lamentir nicht so!« warnte der Sepp. »Wann Ihr hier zur Thüren hinaus seid, so dürft Ihr kein Wort sprechen und auch keinen Laut hören lassen; nicht mal gehustet oder niest darf werden.«

»Das ist schlimm. Bis wann dauert das?«

»Bis der Schatz geöffnet ist.«

»So will ich wünschen,« sagte der Wirth, »daß nix verkehrt geht. Nehmt also Euern Verstand zusammen, Ihr beiden Leutln. Morgen in der Fruh komm ich, um nachzuschaun, wie groß dera Schatz gewesen ist.«

»Es ist jetzt bereits morgen. Die Mitternachten ist bereits längst vorübern. Nun muß ich aufbrechen. Ich zahl die Zech.«


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Nachdem er bezahlt hatte, spannte sich die Magd hinter den Schiebebock und kutschirte fort.

»Ich möcht doch wissen, obs so gelingt wie mit mir!« sagte der Franz.

»Ja, ich möcht auch nicht warten,« meinte der Wirth. »Sepp; sag doch mal, obs was schadet, wann wir hinterher laufen.«

»Gar nix schadet es.«

»So seh ich auch nicht ein, warum wirs nicht thun wollen. Wir machen so leis, daß der Müllern uns gar nicht hören kann. Wer geht noch mit? Es meldeten sich natürlich Alle ohne Ausnahme. Sogar die Wirthin wär mitgegangen, wenn nicht ihr Mann es auf das Strengste verboten hätte. Sie brachen auf und folgten den Beiden.

Die Magd kam mit ihrer Last nur langsam fort. Daher kam es, daß die Männer die Beiden bald vor sich bemerkten. Schritte waren in dem weichen Boden nicht zu vernehmen. Aber das Kreischen des Rades am Schiebekarren hörte man sehr deutlich.

Plötzlich hörte dieses Kreischen auf.

»Horcht!« sagte der Sepp leise. »Jetzt hält die Käth an und erhält die erste Ohrfeigen.«

Sie lauschten. Ein lauter Klatsch ließ sich hören. Er klang scharf, fett und voll.

»Donnerwettern!« meinte der Wirth. »Wer so eine Watschen erhält! Ich wett sofort mit Jedem, daß sich die Käth auf die Straßen niedergesetzt hat.«

Und er hatte Recht. Es war dem Müller sehr um die Größe des Schatzes zu thun. Als die Magd anhielt und ihm die Wange hinhielt, glaubte sie natürlich, daß er es sehr gnädig machen werde. Ihrer Ansicht nach kam es nicht auf die Stärke der Ohrfeige an, sondern darauf, daß sie überhaupt eine erhielt. Er aber holte aus Leibeskräften aus und gab ihr eine, aus welcher er sehr leicht ein paar Dutzend hätte machen können. Sie setzte sich augenblicklich in den Schmutz der Straße nieder. Sie hätte ganz sicher laut aufgeschrieen, wenn nicht der Schreck ihr die Sprache geraubt hätte.

Als sie dann wieder reden konnte, war es ihr mittlerweile zum Glück eingefallen, daß sie nicht reden dürfe. Darum schwieg sie. Sie raffte sich also langsam auf und schob ihre Last weiter.

An der Mühle angekommen, hatte natürlich keins von Beiden eine Ahnung, daß während ihrer Abwesenheit Jemand in der Stube gewesen war. Die Käthe hatte die Schlüssel einstecken. Sie schloß die Hausthür auf und schob ihre Last in den Flur hinein. Als sie die Thür wieder verschlossen hatte, hielt sie wortlos dem Müller ihren Kopf abermals hin. Es war dunkel. Er sah nichts. Darum fühlte er mit der Hand nach ihr. Während er mit der Linken ihren Kopf betastete, holte er mit der Rechten aus und gab ihr die zweite Ohrfeige. Diese war anbefohlenermaßen noch stärker als die Erste. Käthe flog an die Wand.

»Kreuztausenddonner - - -!« schrie sie auf, hielt aber sofort wieder inne.


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»Alle Teufel!« rief er zornig. »Was hast zu schreien? Weißt nicht, daßt still sein sollst, infamte Kröte!«

»Du redst ja jetzt auch!«

»Weilst erst anfangen hast. Jetzt halts Maul, und mach, daß wir hineinkommen!«

Sie schloß die Thür auf, schob den Karren hinein, zog die Thür hinter sich zu und brannte die Lampe an. Die Thür völlig zu verschließen, war ihr nicht als nothwendig vorgekommen. Als das Licht aufleuchtete, waren natürlich die Blicke Beider sofort gierig nach dem Polsterstuhle gerichtet - da stand auf demselben ein ungeheuer großer, zugebundener Topf.

Bereits hatte der Müller gedacht, daß der Schatz verloren sei, weil Beide das Schweigen gebrochen hatten. Jetzt nickte er dem Mädchen triumphirend zu. Sie schob ihn hin zum Topfe. Er befühlte denselben, und sie hielt ihm dann den Kopf wieder hin.

Angesichts des Topfes nahm er nun alle seine Kraft zusammen. Er holte weit aus. Es wäre ein Schlag gewesen, welcher lebensgefährlich hätte werden können. Sie wich demselben aus, und durch die Kraft, welche er in den Hieb gelegt hatte, wurde er von dem Karren herabgeschleudert. Er fiel in die Stube.

»Kerl!« rief sie erbost aus. »Willst mich etwan todtschlagen!«

»Was hast wieder zu sprechen!« schrie er dagegen. »Warum läßt Dir die Ohrfeigen nicht geben!«

»Weil ich leben bleiben will!«

»Ich werd Dich nicht umbringen.«

»O ja! Die beiden Ersten haben mich bereits halb todt gemacht. Mußt denn zuhauen, als wenn ein Schmieden aufs Ambos schlägt!«

»Weißts nicht. Je mehr ich zuhau, desto größer ist dera Schatz.«

»Wer hat Dir das weiß macht?«

»Der Sepp, und der verstehts.«

»Ich hab nix davon hört.«

»Weilst in der Küchen warst, Gans Du! Willst den Kopf hergeben!«

»Wannst leiser schlägst!«

»Nein. Die Letzte muß am Stärksten sein.«

»So mach ich nimmer mit.«

»Dann geht der Schatz verloren.«

»Meinswegen.«

»Bist etwan verruckt?«

»Nein. Mein Leben ist mir lieber als das Geld.«

»Du wirst nicht davon sterben.«

»Aber taub kann ich werden, oder irr im Kopf, wannst mir das Hirn verschutterst.«

»Dummes Dirndl! Du hast gar kein Hirn!«

»Mehr wie Du hab ich schon!«

»Halts Maul! Willst nun den Kopf hergeben!«

»Wannst leiser machst.«


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Es kam ihm der Gedanke, daß es klüger sei, sie zu täuschen, als sich mit ihr zu zanken. Sie hatten bereits draußen im Flur und nun jetzt hier in der Stube einander so laut angeschrieen, daß die Hausbewohner erwacht waren. Sie hörten Schritte über sich. Darum sagte der Müller mit leiserer Stimme:

»Komm, sei verständig! Heb mich auf und setz mich da auf den Rohrstuhl. Den bringst Du neben den Polsterstuhl. Mach schnell, Käth, mach!«

Sie setzte den bezeichneten Rohrstuhl neben den gepolsterten, und würgte dann den schweren Müller darauf. Sie rückte ihn zurecht, und diese Gelegenheit ersah der schlaue Kerl. Eben hielt sie den Kopf gesenkt, da holte er aus und gab ihr die dritte Ohrfeige. Das Mädchen stürzte auf die Diele und kugelte eine ganze Strecke fort. Dann aber raffte sie sich blitzschnell auf, sprang herbei und begann seine Backen mit einer Vehemenz zu bearbeiten, daß ihm Hören und Sehen verging.

»Wart, Urianer, Dich will ich walken!« schrie sie dabei. »Mich sollst nimmer wieder schlagen ohne meine Erlaubniß. Da hast, da, da!«

Immer schlug sie auf ihn ein, immerfort, bis ihr die Arme weh thaten. Er war ganz perplex geworden. Er ließ sich schlagen, ohne einen Laut auszustoßen, ohne eine Bewegung zu machen. Dann aber, als sie die müden Arme sinken ließ, begann er ein Zetermordio. Er schimpfte sie in allen Tonarten und gab ihr alle ehrenrührigen Namen, die ihm grad einfielen.

»Und,« fügte er hinzu, »was hast von all diesen Dummheiten? Nix, gar nix. Der Schatz ist da; die drei Ohrenwatschen hast auch bekommen; also ist die Sachen in Richtigkeiten, und Du brauchst nicht aufzubegehren wie ein unvernünftig Geschöpf oder Thier.«

»So! Der Schatz ist da, und die Watschen hab ich auch! Das klingt ja recht schön und gut! Aber solche Kopfnüssen, wie Du mir geben hast, brauch ich mir wohl gefallen zu lassen etwan? Wer ist das unvernünftige Thier wesen, Du oder ich, he? Ich laß mich nicht schlagen. Ich geh aus dem Dienst, gleich in der Fruh oder noch liebem gleich jetzund. Mach den Topf auf, und gieb mir mein Theil; dann mach ich, daß ich Dir aus dem Haus komm. So einen Tyrannen wie Du giebts auf der ganzen Erden nimmer wieder!«

"Mach den Topf auf."

»Meinst? Nun, da kannst ja gehn. Du hast mich schlagen, und da hab ich das Recht, Dich augenblicklich aus dem Haus zu jagen. Mach also augenblicklich da hinaus, wo deren Zimmermann das Loch offen lassen hat! Ich mag Dich keinen Augenblick länger sehen!«

»So schnell Solls gehen? Augenblicklich? Ach so? Da aber kommst bei mir sehr schief an die Unrichtige!«

»Nimm das Dienstbuchen her und schau Dir nur die Faragraphern an! Da stehts drin, daß ich Dich sogleich hinauswerfen kann, weilst mich prügelt hast.«

»Das weiß ich wohl. Ich werd auch sofort gehen. Aberst vorher will ich meinen Lohn haben, der noch rückständig ist, und auch den Theil vom Schatz, der mir gehören thut.«


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»Davon brauch ich Dir nix zu geben.«

»Nicht? Hasts mir nicht versprochen?«

»Ja; aber daßt mich prügeln sollst dabei, das ist von uns nicht dabei ausgemacht worden.«

»Und daß Du mich schlägst, auch nicht. Ueberhaupt will ich mehr haben als die paar Markerln, die wir ausgemacht haben.«

»Was? Noch mehr?« fragte er erbost.

»Ja freilich!«

»Warum und wieso denn?«

»Weil der Schatz größern ist, als ich denkt hab.«

»Der kann so groß sein bis in die Wolken hinein, so gehts Dich nix an. Er gehört mir.«

»Das mußt erst beweisen. Hast ihn etwan auf Deinem Grund und Boden funden?«

»Ja. Ist der Polsterstuhlen etwan nicht der Grund und Boden, der mir gehören thut?

»Ja, aber der Schatz hat draußen gelegen auf dem Kreuzweg. Er gehört also nicht Dir, und weil wir Beid daran arbeitet haben, ich noch mehr als Du, so haben wir Beid auch gleiches Recht daran. Er wird also in zwei Hälften theilt, ich eine und Du eine.«

»Ach! Schau, wast für ein gescheidtes Wurm bist. Theilen willst? Das ist schön! Das ist prächtig! Aber ob ich mitmachen thu, das wirst gleich schaun. Nun bekommst nämlich gar nix, nicht ein Markel und nicht einen Pfennig. Der Topf ist mein, und Du magst Dich davon machen, sonst weck ich die Leuteln und laß Dich hinauswerfen oder gar verarretiren!«

Er hatte gar nicht darauf geachtet, daß die Leute, von denen er sprach, bereits erwacht waren. Es waren Schritte zur Treppe herabgekommen, und draußen vor der Thür stand man, um zu horchen, was es in der Stube für einen Lärm gebe.

Die Käthe hatte ihn ganz neben den Polsterstuhl setzen müssen; er konnte den Topf also sehr leicht erreichen und legte bei seinen letzten Worten beide Arme um denselben zum äußern Zeichen, daß er das Anrecht auf denselben für sich allein beanspruche. Damit aber war die Käthe ganz und gar nicht einverstanden.

»Was?« schrie sie auf. »Allein willst den Topf? Ganz nur für Dich? Da kommst freilich bei mir an die Richtige! Ich hab Dich auf dem Karren schleppen müssen, hin und zuruck, bin naß worden durch und durch, vor Schweiß und Regen, und nun soll ich nix haben! Ich hab das gleiche Recht mit Dir. Und wann Du ihn allein haben willst, so kann ich ihn auch ganz für mich behalten. Her also mit dem Topf!«

Sie griff nach demselben. Er hatte eine ziemliche Schwere und war oben mit einem alten Lappen zugebunden. Beide zogen hin und her.

»Laß los!« schrie er, »sonst hau ich zu!«


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»Das kann ich auch!« zeterte sie. »Wannst den Topf nicht frei giebst, werf ich ihn Dir an den Kopf.«

»Was? Wart! Da hast Eins!«

Den Topf mit der Linken festhaltend, stieß er ihr die rechte Faust vor die Brust. Darüber ergrimmte sie noch mehr. Zornbebend rief sie:

»Schlagen thust mich schon wiedern? Wart, das will ich Dir heimgeben!«

Mit einem gewaltigen Ruck entriß sie ihm den Ofentopf, holte aus und stieß ihm denselben mit aller Gewalt an den Kopf. Obgleich er beide Arme zur Abwehr vorgehalten hatte, traf ihn dieser Stoß doch mit solcher Gewalt, daß er mit sammt dem Stuhl um- und in die Stube stürzte.

Das hatte die Magd nicht berechnet. Die von ihr angewendete Kraft war größer, als der Widerstand, den sie gefunden hatte, und darum stürzte sie auch mit nieder - der Topf auf den Müller und sie oben darauf. Dem konnte das alte Geschirr nicht widerstehen - es zerbrach in mehrere Stücken.

Einige Augenblicke nach dem Krach, den der Topf gethan hatte, war es still in der Stube, dann aber brach ein Lärm los, welcher gar nicht größer gedacht werden konnte. Der Topf war nämlich bis oben an den Rand herauf mit allerlei Gethier, meist kalten Lurchen gefüllt gewesen, Fröschen, Kröten, Salamandern, Wassereidechsen. Dazu kam ein halbes Dutzend Fledermäuse, welche in einem dunkeln Winkel des Kornspeichers ihren Winterschlaf gehalten hatten, von dem Fex vor einiger Zeit entdeckt und nun heut mit in den Topf gesteckt worden waren. Sie flatterten ängstlich in der Stube und um die Lampe herum. Eine derselben war mit ihren Krallen im Zopfe der Magd hängen geblieben und schlug nun mit ihren Flughäuten um sich, um los zu kommen. Der kalte, kribbelnde und krabbelnde Inhalt des Topfes hatte sich natürlich zunächst über den Müller ergossen. Kröten auf dem ganzen Leibe und im Gesicht - er fürchtete sich vor dem Teufel nicht, vor diesem Viehzeug aber desto mehr, und konnte doch wegen der Gicht nicht aufspringen. Die Folge war, daß er um Hilfe nicht schrie, sondern geradezu brüllte. Und die Magd, welche aufgesprungen war, getraute sich nicht, das vermeintliche Ungethüm, welches sie auf dem Kopfe hatte, anzugreifen. Sie kreischte, schrie und zeterte mit dem Müller um die Wette. Es war ein ganz und gar unbeschreiblicher Scandal.

»Hilfe, Hilfe! Feuer! Mörder! Diebe! Um Gotteswillen, herein, herein! Hilfe, Hilfe!«

Draußen standen die Neugierigen aus der Stadt. Sie hörten natürlich diese Rufe und konnten doch nicht zur zugeschlossenen Hausthür herein. Darum schlugen und trommelten sie mit aller Gewalt an die Läden.

Drin aber wurde die Stubenthür aufgerissen. Die Knechte und Mägde drangen herein. Hinter ihnen Paula, Leni und das Dienstmädchen der dicken Directorin. Alle blieben an der Thür stehen. Der Anblick, welcher sich ihnen bot, war derartig, daß sie nicht wußten, ob sie lachen oder sonst was sollten.

Der Müller wälzte sich hin und her und schlug mit den Armen um sich,


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um das Gezücht von sich abzuwehren. Ein Feuersalamander wollte ihm in den weit aufgerissenen Mund kriechen.

»Hilfe! Schnell, schnell!« brüllte er. »Er kommt, er kommt! Er will mir ins Maul hinein!«

Das Thier selbst anzufassen, getraute er sich nicht. Paula sprang herbei und riß es weg. Die Fledermäuse schwirrten hin und her und kamen dabei, da die Decke sehr niedrig war, mit den Köpfen der Hereingedrungenen in Berührung. Nun begannen auch diese zu schreien. In der Stube krabbelte es überall, in allen Ecken und Enden.

»Reißt aus!« schrie eine der Mägde. »Das Viehzeug ist giftig! Der Teufel ist los! Ich laß mich nicht beißen. Fort, fort!«

Sie riß aus, die Andern hinter ihr her.

Paula gab sich Mühe, ihren Vater aufzurichten, und dabei nicht auf das Gethier zu treten. Die beherzte Leni eilte zur Käthe und riß ihr die Fledermaus aus dem Haar. Das ging natürlich nicht ohne den Verlust eines kleinen Theiles der Haare ab; das schmerzte, und in ihrer Wuth holte die Magd aus, um der Leni eine Ohrfeige zu geben, kam aber damit freilich an die Unrechte, denn die frühere Sennerin war noch schneller und brachte ihr eine schallende Ohrfeige bei.

»Was? Ich helf Dir, und dafür willst mich haun!« rief sie aus. »Da, hast noch was dafür!«

Sie griff nieder, nahm blitzschnell eine große Kröte empor und schob sie der Käthe unter das Busentuch. Diese brüllte, als ob sie am Spieße steckte und rannte hinaus.

Droben erhob sich die fette Stimme der dicken Madame Qualèche. Sie hatte ihre Schlafstube verlassen und war heraus an die Treppe gekommen.

»Feurio, Feurio! Hilfe, Hilfe!« schrie unten die Käthe, indem sie mit ihrer Kröte durch die unterdessen geöffnete Hinterthür in den Hof hinaus rannte. Die Frau Directorin glaubte also, es brenne unten.

»Hilfe, Hilfe!« begann nun auch sie. »Ich bin da, ich, hier, hier! Rettet, rettet mich doch! Und als Niemand kam, versuchte sie, sich selber zu retten, indem sie die Treppe herabstieg. Aber sie war eine so schmale, steile Holztreppe nicht gewöhnt; sie schritt zu weit aus, verlor den Halt, kreischte laut auf und fuhr - Schlitten herab, glücklicher Weise auf demjenigen Körpertheile, welcher nicht zerbrechen kann. Unten angekommen, hatte sie vor Entsetzen die Sprache verloren und blieb mit auseinander gespreizten Beinen vor der Treppe sitzen.

Da kam Einer durch die Hinterthür herein gesprungen - der Fex, welcher von draußen über die Mauer gestiegen war, hinter ihm der Wurzelsepp.

»Was ist denn los dahier?« rief er laut.

»Der Teufel, der Teufel!« brüllte der Müller in der Stube. »Der Teufel ist los. Hilfe, Hilfe!«

»Nein, ich bin los, ich!« jammerte die Dicke. »Hilfe, Hilfe! Ich kann nicht aufstehen!«


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Der Fex griff zu und zerrte die schwere Person wenigstens so weit empor, daß er sie auf die letzte Treppenstufe setzen konnte, auf welcher sie allerdings nur sehr ungenügenden Platz fand.

»Hier bleibst sitzen und zuckst Dich nicht!« gebot er ihr.

»Aber es brennt ja! Ich muß fort!«

»Es brennt nicht. Sei still!«

Nun eilte er in die Stube, wo Leni und Paula sich vergeblich abgemüht hatten, den Müller in die Höhe zu bringen. Der Sepp war bereits bei ihnen. Die beiden Männer ergriffen den Müller und hoben ihn in den Polsterstuhl. Er stöhnte und wimmerte vor Angst wie ein Kind.

Dann machte der Fex ein Fenster und den Laden auf, damit die Fledermäuse hinaus konnten, und wendete sich nachher mit der unschuldigsten Miene an den Müller:

»Aber was ist denn das dahier? Wie kommst zu diesem Gethier hier in Deiner Stuben?«

»Ach! Oh! Au!« seufzte der Gefragte athemlos.

»Nun, so sags doch!«

»Oh! Au! Meine Beine! Mein Buckel! Mein Leib! Mein Kopf! Ich bin todt vor Schreck und Angst! Ganz todt!«

»Ganz noch nimmer, denn Du kannst noch reden. Also sag gleich, was geschehen ist! Ehe die Antwort erfolgen konnte, tönten laute Stimmen im Hausflur. Die mit dem Spiel-Matthes draußen stehenden Männer hatten den nämlichen Weg eingeschlagen, auf welchem vorher der Sepp und der Fex eingedrungen waren; sie waren über die nicht sehr hohe Hofmauer gestiegen und kamen nun durch die Hinterthüre in das Haus. Als Matthes die dicke Directorin noch klagend und wimmernd auf der Treppenstufe sitzen sah, kam ihm dieser Anblick so komisch vor, daß er nicht an die einer Dame schuldige Ehrerbietung dachte; er schlug vielmehr ein lautes Gelächter auf, in welches die Anderen ebenso laut einstimmten, und rief:

»Sappermentsky! Was sitzt denn da für eine weiße Schleiereulen?«

Der Ausdruck Schleiereule war wegen des weißen Nachtgewandes, welches weit und leicht die dicke Gestalt der Directorin umfloß, zwar nicht höflich aber auch nicht ganz unzutreffend gewählt. Sie aber nahm die Worte natürlich dennoch übel.

»Wie nennen Sie mich?« fragte sie zornig. »Eine Schleiereule! Das will ich mir denn doch auf das Strengste verbitten. Wer sind Sie denn eigentlich, daß Sie es wagen, sich solcher Ausdrücke zu bedienen?«

Sie wollte sich in ihrem Zorne erheben, aber ihr Sitz, die unterste Treppenstufe, war zu einem schnellen Aufspringen für so eine corpulente Person viel zu schmal und zu niedrig; sie fuhr zwar ein Wenig empor, setzte sich aber sofort wieder nieder, von ihrer Schwere abwärts gezogen, rutschte dabei von der Stufenkante ab und kam nun auf die harte Steinplatte zu sitzen. Das Regenwasser war unter der Thüre in den Flur hereingedrungen, und so erhielt die


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Directorin einen so nassen Sitz, daß ihr Nachtgewand sofort von dem Wasser durchdrungen wurde. Die Nässe und Kälte desselben hatte die augenblickliche Wirkung, daß die Dame wie eine Ertrinkende die Arme emporstreckte und laut zu rufen begann:

»Hilfe! Hilfe! Ich sitze im Wasser! Soll ich ertrinken? Hebt mich auf; hebt mich auf!«

Alle, welche sich in der Stube befanden, den Müller natürlich ausgenommen, kamen herbeigeeilt.

»Was ist geschehn? Was ist los?« rief der Fex.

»Die Dicke da ersauft,« antwortete der Wirth.

»So schlimm wird's halt doch nicht sein. Helft nur mit! Wir wollen sie aufheben und hinaufschaffen. Sie mag sich ins Bett legen.«

Er griff zu.

»Nein, nein!« zeterte sie. »Ich bleibe unten!«

»Wozu aber denn?«

»Es brennt ja; es ist ja Feuer! Ich will nicht in demselben umkommen! Ich will hinaus.«

»Ja, wo brennt es denn?«

»Das weiß ich nicht. Ich habe aber >Feuer< rufen hören.«

»Das war halt eine Dummheiten. Und Du machst die Faxen noch viel größer. Du willst verbrennen und auch hier versaufen, und es ist doch gar kein einziger Gedanke daran. Es ist gar keine Gefahr vorhanden. Komm also her! Wir heben Dich auf und schaffen Dich hinauf in Deine Stuben. Arbeit wirds freilich machen.«

»Nein, nein; ich bleib unten!« rief sie aus.

»Na, meinswegen! Bleib sitzen in alle Ewigkeiten; ich hab gar nix dagegen, wannst hier im Haus schwimmen lernen willst.«

Da aber flüsterte der Barbier, welcher so stand, daß sie ihn nicht sehen konnte, dem Scat-Matthes in das Ohr:

»Ich werde sie gleich aufbringen.«

Er ergriff einen riesigen Wasserfrosch, welcher soeben mit weiten Sätzen aus der Stube herausgesprungen kam, beim Hinterbeine und warf ihn ihr in den Schooß.

Kaum erblickte sie das Thier, so sprang sie, ohne die geringste Hilfe zu brauchen, auf und schrie:

»O wehe, o wehe! Eine Kröte, eine Kröte! Ich muß hinauf; ich gehe; ich eile! Schiebt, schiebt, schiebt schnell!«

Sie wendete sich nach der Treppe, ergriff das Geländer und pustete und stöhnte wie eine Lokomotive hinauf.

»Ja, schiebt, schiebt!« lachte der Matthes.

Er und der Barbier faßten, neben einander stehend, hinten an; der Sepp griff zwischen ihnen hindurch, und so schoben die Drei die heulende und schreiende Dame zur Treppe empor bis hinauf auf den Vorplatz, wo sie in höchster Eile in ihrer Stube verschwand.


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»Auch das noch!« zankte der Müller unten. »Diese alte Muschel macht die Sach noch erst schlimmer als vorher. Sie muß fort, gleich in der Fruh!«

»Wenn ich den Wagen für sie hab,« sagte die Leni, welche sich in diesem Augenblicke mit Paula allein bei ihm befand.

»Nein; so lange wart ich nicht.«

»Du mußt!«

»Wer will mich zwingen?«

»Ich!«

»Oho!«

»Ja; ich hab Dein Wort, welches Du mir gegeben hast.«

»Das geht mich nix an. Ich brauchs nicht zu halten.«

»So? Warum?«

»Weil sie immer neue Dummheiten macht.«

»Sie? Das ist nicht wahr.«

»So? Hasts nicht etwan jetzt gesehen?«

»Nein. Die Dummheiten hast Du gemacht. Nicht mal Ruh des Nachts findet man in diesem Logis. Was machst da für einen Lärm und Scandal bei nachtschlafender Zeit! Wer hat das Viehzeug hereinbracht?«

»Ich nicht.«

»Wer sonst? Und wanns ein Anderer wesen ist, so bist doch Du selber nur Schuld daran. Die Dame bleibt hier!«

»Nein, sie muß fort!«

»Sie bleibt!«

»So werf ich sie hinaus!«

»Du? Mit Deinem Podagra?«

»Wann ich nicht selber kann, so hab ich meine Leut dazu.«

»Da kannst ein großes Unheil anrichten. Da kannst in die Käsen fliegen, Du und alle Deine Leutln.«

»Wieso?«

»Weil - ah, das weißt ja gar nimmer. Hasts noch nicht gehört, wer der Mann ist, der das Logis gemiethet hat?«

»Den kenn ich wohl. Wagnern heißt er.«

»Und was ist er?«

»Das weiß ich nicht; das geht mich gar nix an.«

»So! Er heißt nicht nur Wagner, sondern auch noch Richard dazu. Versteht mich nun jetzt deutlich?«

Der Müller machte ein erstauntes Gesicht.

»Richard Wagner?« fragte er.

»Ja freilich.«

»Etwan gar der berühmte Opernmann?«

»Ja, derselbige.«

» Verteuxeli! Sollt mans glauben!«

»Der ists. Und zu ihm ist Einer mit eingezogen, der sich nur Ludwig nennt. Verstehst auch das?«


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»Doch nicht etwan der König Ludwig?«

»Derselbige.«

»Da muß doch gleich die ganze Wand wackeln! Der Wagnern und der König! Wohnen bei mir in der Mühlen! Das muß ich sogleich allen Leutln sagen! Hört, Ihr -«

»Halt!« gebot die Leni, indem sie ihm schnell den Mund zuhielt. »Willst wieder eine Dummheiten machen?«

»Wieso?«

»Die beiden Herren wohnen incognito bei Dir.«

»In Congnito? Unsinn! Im Parterre sind sie!«

»Du verstehst das Wort nicht. Incognito heißt, daß Niemand sie kennen soll.«

»Ach so!«

»Kein Mensch darf es wissen, daß sie hier sind.«

»Warum?«

»Weil man sie sonst angaffen und nicht in Ruh lassen thät. Ich habs auch Dir nur im Vertraun sagt, daßt nicht abermals eine Dummheiten machen sollst. Verstanden!«

»Ja, wanns so ist, dann muß ich wohl das Maul halten!«

»Das versteht sich ganz von selbst, denn ich - -«

Sie mußte abbrechen, denn die Andern traten ein. Leni hatte diese Mittheilung machen können, weil es grad jetzt Niemand gehört hatte. Die erwähnten Drei schoben die Directorin zur Treppe hinan, und die Andern standen unten im Hause, um zuzusehen. Jetzt aber war das vorüber, und sie kamen nun herein.

Die Knechte und Mägde faßten nun auch ein Herz und kamen näher, um zu sehen, was es noch geben werde.

»Aber, Thalmüllern, was hast doch nur gemacht?« sagte der Sepp, indem er ein möglichst verwundertes Gesicht zog.

»Ich? Nein, Du!« rief dieser zornig. »Du bists, der diese ganze Dummheiten angerichtet hat!«

»I -  i - i - i - ich?«

»Ja, Du nur allein!«

»Das kann ich nimmer begreifen!«

»Hast mir etwan nicht den Rath geben?«

»Welchen Rath?«

»Wegen dem Schatz.«

»Nun freilich!«

»Also bist doch schuld.«

»Ich gewiß nicht. Wer weiß, wast gemacht hast!«

»Was soll ich gemacht haben? Nix, gar nix weitern, als wast mir selber gesagt und gerathen hast.«

»Und da wär so eine Bescheerung fertig worden?«


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»Du siehsts ja! Schau das Gethier an! Ists nicht grad so, als thäten wir in dem Noah seiner Archen sitzen?«

»Beinahe. Aber wie ists so kommen?«

»Wie? Das fragst auch noch, Dummkopf? Aus dem Topf da sind sie kommen, die Frösch und Kröten alle!«

»Aus welchem Topfen? Ich seh doch keinen?«

»Aber die Scherben siehst?«

»Nun freilich. Also er ist zerbrochen?«

»Ist er etwan noch ganz?«

»Nein. Aber Du mußts erzählen, wie's gewesen ist!«

»Werd mich hüten!«

»Warum?«

»Weil Alle da stehn und sperrn die Mäulern auf.«

»So jag sie fort. Nur die Käth mag da bleiben; die andern Knecht und Mägd können gehen. Vorher aber mögen sie einen Korb holen oder zwei, um die Thieren hinein zu thun und hinaus zu schaffen.«

Der Müller gab den betreffenden Befehl, und nun begann eine lustige Jagd. Keine Person des Gesindes wollte ein solches Thier mit den Händen anfassen; darum gab es die verschiedensten lächerlichen Situationen, ehe die krabbelnde Einquartirung sich in den Körben befand und hinausgeschafft werden konnte.

Die mit anwesenden Gäste des Spiel-Matthes durften bleiben, weil sie bereits Mitwisser des Schatzheber-Geheimnisses waren; die Andern alle mußten fort, auch Leni und Paula. Der Fex ging auch; er that so, als ob er gar noch nichts wisse. Dann, als die Eingeweihten alle beisammen waren, wurde die Thür von innen verriegelt.

»Also hast wirklich keinen Fehlern gemacht?« fragte der Sepp den Müller.

»Gar keinen.«

»Auch die Käth nicht?«

»Nein.«

»Das glaub ich nicht.«

»So brauchst mich doch gar nicht zu fragen, wannst mir nicht glauben willst, was ich Dir sag.«

»Verzähl mir doch mal die ganze Sachen!«

»Was giebts dazu verzählen! Gar nix.«

»Hast denn der Käth die Ohrfeigen geben?«

»Freilich.«

»Und wohl fein sanft?«

»Nein, sondern so derb, wie ichs nur konnt hab.«

»Und was hat sie dazu sagt?«

»Nun, die Erst hat sie sich wohl gefallen lassen!«

»Ach so! Die Erst allein! Und die Zweit?«

»Bei der hat sie freilich aufbegehrt.«


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»Himmelsakra! Das war draußen im Haus?«

»Ja, bevor wir die Stubenthüren aufmacht haben. Ich konnt nix sehen, weils finstern war; da hab ich ihr den Kopf mit der linken Hand fest halten und mit der Rechten die Ohrfeigen geben.«

»Also kräftig?«

»Das kannst Dir denken; so derb wars, daß sie gleich grob worden ist.«

 »Sie hat also geredet?«

»Geredet nur? Nein, zankt hat sie und geschumpfen.«

»Und Du wieder auch?«

»Soll ich etwan zu ihren Grobheiten ruhig sein?«

»Habs mir wohl dacht, daß so was wesen ist. Und aber nachher? Was habt Ihr nachhero mit einander than?«

»In die Stuben sind wir und haben das Licht anbrannt. Ich hatts brennen lassen, als wir gingen; es muß indessen ausgelöscht sein. Als wir nachhero sehen konnten, da hat der große Topf da auf meinem Stuhl standen.«

»Der Schatz also! Ganz, wie ichs vorhersagt hatte.«

»Der Schatz? Da kommst schön an! Hasts ja sehen, was da Alls in dem Topfen drin steckt hat. Lauter Gewurmern und Viehzeugers, das man nimmer anfassen kann. Wannst das einen Schatz nennst, so bist dümmer als dumm!«

»Wolln erst sehn, wer der Dumme ist! Was habt Ihr denn nachher than, als Ihr herein in die Stuben kommen seid und den Topfen sehen habt?«

»Da hat die Käth mich zu ihm setzen müssen, und ich wollt ihr die dritt Ohrfeigen geben. Das aber hat sie nicht leiden wollen. Sie hat sich dagegen gewehrt und gesträubt.«

»Warum?«

Die Käthe war mit anwesend. Sie saß in einer Ecke und hatte bisher nichts gesagt; nun aber antwortete sie schnell:

»Weil der Müllern ausholt hat, als ob er hat einen Ochsen derschlagen wollen. Mein Kopf brummt mir noch jetzt davon wie eine große Baßgeigen.«

»Das mußt so sein,« meinte der Müller. »Aber ich hab sie doch noch derwischt und ihr Eine geben, die war nicht von Pappe.«

»Ja, hast sie aberst wiederkriegt, doppelt und dreifach!« erklärte die Magd schadenfroh und selbstgefällig.

»Was? Geschlagen hat sie Dich?« fragte der Sepp im Tone des allergrößten Erstaunens.

»Ja,« gestand der Müller. »Das niederträchtige Weibsbild hat auf mich einhauen, daß ich gar nimmer dazu kommen bin, mich zu vertheidigen.«

»So habt Ihr Euch geprügelt, richtig geprügelt?«

»Ja.«

»Und auch dabei geredet?«

»So laut, daß die Leut aufwacht und herbeikommen sind.«

»Und da nennst mich dumm? Mich, mich?«

»Wer ists sonst?«


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»Du, Du selber! Hab ich Euch nicht sagt, daß kein Wort gesprochen werden darf?«

»Ja freilich.«

»Und da haut Ihr Euch und schimpfirt, daß die Leut erwachen und herbeigerannt kommen!«

»Soll ich etwan dulden, daß mich die Magd todtschlägt?«

»Das geht mich gar nix an! Ihr habt geredet, und da ists ganz aus mit dem Schatz. Das duldet der Geist nicht, und da hat er das Geldl in Frösch und Kröten verwandelt.«

»Darum? Wegen dem Sprechen?«

»Natürlich!«

»Alle tausend Wettern! Daran hab ich in der Wuth und im Aergern gar nicht mehr dacht!«

»So bist eben selber schuld am Allen, aber nicht ich!«

»Ich könnt mich gleich selbern maulschellirn!«

»Thus nur. Und wanns nicht gut geht, so sags nur mir. Ich will Dir so viel Kopfwatschen geben, wie Du nur immer verlangen kannst, Du Dummkopf, Du! Und sich an die Andern wendend, fuhr er fort:

»Da schaut nun mal her, diese Scherben! Wie groß und wie stark! Was für ein Topfen muß das gewesen sein! Der hat ja mehr als einen ganzen Scheffel gefaßt! Und der ist voller Geld gewesen! Denkts Euch!«

»Sapristi!« rief der Barbier.

»Ja. Vielleicht ists gar lauter Gold gewesen und Kassenscheiners von hundert Thalern. Und da prügeln sich die beiden albernen Menschen und machen einen Skandöbs, daß die Leut herbeiströmen! Nein, nein, so was hab ich doch noch nimmer erlebt! Und da hat der Müllern auch noch das große Maul und giebt mir die Schuld.«

»Ja, das ist dumm, so dumm, daß mans gar nicht begreifen kann!« sagte der Fingerlfranz, der sich bisher ganz still und passiv verhalten hatte. »Denk Dir mal, Müller, das Geld, das Geld!«

»Ja freilich!« gab dieser kleinlaut zu. »Aber, wer ist schuld daran, wer? Sagt mirs doch nur mal!«

»Du!« rief der Sepp.

»Ich? Das fallt mir nicht ein.«

»Wer sonst?«

»Die Käth. Die hat anfangt zu reden.«

»Und Du hast ihr antwortet.«

»Aus Aergern und Grimm. Nachher hat sie mich gar gehaut. Aber sie muß fort. Ich hab ihr sagt, daß sie sogleich gehen kann!«

»Das werd ich nun auch thun,« meinte die Käthe, indem sie von ihrem Stuhl aufstand. »Meinst etwan überhaupt, daß mirs gar so sehr bei Dir gefallt? Du bist der reine Teufel. Wer bei Dir dient, der ist wie in der Höllen. Aberst ich hab Dich ausgewischt. Ich hab Dir eine ganze Meng Ohr-


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feigen geben, und die sind aus dem Herzen kommen. Das kannst nur glauben!«

»Was? Auch noch!« brüllte der Müller. »Gebt mir doch gleich mal schnell die Peitschen her, damit ich sie so verhau, daß sie gar nimmer laufen kann!«

»Jetzt kann ich noch laufen, und da will ich schnell machen, daß ich fortkomm von Dir, Du Lodrian!«

Sie eilte an die Thür, riegelte dieselbe auf und ging hinaus, die Thür hinter sich zuschlagend, daß das ganze Haus zu zittern schien.

»Na, wart!« rief der Müller. »Du sollst ein Zeugniß ins Buch bekommen, daß gewiß kein Herr Dich wieder in den Dienst nimmt, Du alberne Dirn, Du!«

»Das wirst unterlassen,« meinte der Sepp.

»So? Warum etwan?«

»Weil sie überall verzählen thät, was hier passirt ist.«

»Das mag sie thun!«

»So willst Dich auslachen lassen?«

»Warum nicht? Ich bleib doch der Thalmüllern.«

»Nun, wannst so denkst, so kann ich auch nix dagegen haben. Besser aber wärs, wann gar nimmer von dieser Geschichten geredet würd.«

»Gesprochen wird auf alle Fäll davon. Wenn die Käth auch nix sagen thät, so stehn hier genug Leut, die das Maul nicht halten können. Schau doch mal den Barbieren an! Dem wackelt bereits die Zung. Er kann sie kaum noch erhalten. Heut in der Fruh, wann er zu seinen Kunden geht, wird er sie all mit nander gleich mit der neuen Schatzgeschichten einseifen.«

Da hob der Barbier die Hand wie zum Schwur empor und rief in betheuerndem Tone:

»Schau her zu mir, Müllern! Ich versprech Dir - -«

»Nun, was?«

»Daß ich nix sagen werd.«

»Wie lange?«

»In alle Ewigkeiten.«

»Wie lang dauert bei Dir eine Ewigkeiten?«

Da lachte der Gefragte.

»Fast ein paar Wochen.«

»Siehst! Heut aber wirst nicht warten können.«

»Bis ich nach Hausen komm, ganz gern. Nachhero aber muß ichs doch meiner Frauen verzählen.«

»Ja, ja, das hab ich wußt. Aber meineswegen verzählt es allen Leutln; ich hab grad nix dagegen. Da giebts wieder mal ein Hallodria über den Thalmüllern, und der bleibt doch dabei Der, der er ist. Aber Sepp, sag mir das Einzige: Ist der Schatz verloren?«

»Ja.«

»Auch für immer?«


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»Nein, nur für heut.«

»Das ist gut! Das kann mich gefreun. So hab ich doch die Hoffnung, daß ich ihn mal bekommen kann. Dazu paßt wohl ein jeder Nachvollmondstag?«

»Ein jeder.«

»Und ich muß es grad so machen wie heut?«

»Wannst wieder Frösch und Kröten haben willst, ja!«

»Nein, so mein' ichs nicht.«

»Wie sonst?«

»Ob die Vers dieselben sind.«

»Ganz dieselben. Aber reden darfst nicht und Dich auch nicht prügeln mit dera Magden, sonst ists gefehlt. Nun aber hab ich für heut genug. Ich geh!«

»Ja,« meinte auch der Spielmatthes. »Da aus der Sachen nix worden ist, so stell ich mich auch nicht länger her. Aberst wannt das Geld gehabt hättst, Thalmüller, so wär ich nicht sogleich gangen, sondern da hätt Dein Kellern was hergeben müssen.«

»Meinst? Nix hättst bekommen, gar nix!«

»Ja, geizig bist; das weiß ich wohl; aber wir hätten Dich wohl auch nicht lang gefragt. Jetzt aber ists ganz umsonst. Kommt, Ihr Leutln! Wir wollen gehn und lieber bei mir noch ein Bier auf diesen Schreck trinken. Das ist besser, als wann man von seiner eigenen Magd geprügelt und gehauen wird.«

»Ja, mach nur gleich, daßt hinauskommst, sonst kannst noch die Peitschen zu schmecken kriegen, Du Nixnutz!« rief der Müller.

»Von Dir?«

»Ja, von mir!«

»Das müßt auch gut ausschaun. Aber so weit wolln wirs gar nicht kommen lassen, sonst würd die Peitschen auf dem Deinigen Rücken tanzen anstatt auf dem meinigen! Kommt, wir wollen schaun, daß wir gehn!«

Sie gingen Alle; nur der Fingerlfranz blieb noch da, weil der Müller ihm einen Wink gegeben hatte.

»Was willst noch?« fragte der Viehhändler.

»Wissen will ich, wast zu dieser Geschichten sagst.«

»Gar nix.«

»Mußt doch auch eine Ansichten haben!«

»Die hab ich auch.«

»Und wie lautet sie?«

»Das werd ich mich hüten, Dir zu sagen.«

»Warum?«

»Könntst leicht bös auf mich werden.«

»Auf Dich? Fallt mir nicht ein!«

»Nun, ich denk, daßt sehr dumm wesen bist.«

»Das klingt freilich nicht höflich!«

»Drum hab ich mich gleich vorerst entschuldigt.«


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»Warum meinst denn grad dies?«

»Weilst gesprochen hast, sonst hättst jetzund das Geld.«

»Du glaubst also dem Sepp?«

»Natürlich!«

»Und ich möcht meinen, daß er mir einen Possen spielt hat.«

»Da bist falsch auf dem Weg.«

»Ich trau ihm nicht.«

»Und ich trau ihm sehr.«

»Ja, weißt, er ist so Einer, der das best Gesicht machen kann, so gut und lieb, wie eine Jungfer; aber hinter denen Ohren hat er es faustdick liegen.«

»Das mag sein; hier aber ist er ehrlich gewest.«

»Hm! Bin noch nicht überzeugt davon. Wo kommen so schnell die Fröschen und Kröten her?«

»Von denen Geistern, weilst geschwatzt hast.«

»Er kann sie auch hereini schafft haben.«

»Wann? Er war doch beim Matthes!«

»Bevor er zu diesem gangen ist.«

»Wie hätt er herein konnt? Hattst nicht verschlossen?«

»Das hatt ich wohl. Aber er ist gut mit dem Fex, und dem trau ich auch nimmer. Und schau - da fallt mir eben ein, daß der Fex die Laden heut zugemacht hat. Er kann leicht ein Fenster aufilassen haben.«

»Um den Topf herein zu setzen?«

»Ja. Schau mal nach! Denn dann müßts noch aufi sein, weil er von draußen nicht zumachen kann.«

»Will gleich sehn.«

Er untersuchte die Fenster und Läden sehr sorgfältig.

»Es ist Alles zu,« referirte er sodann.

»So hab ich mich freilich täuscht.«

»Das hab ich mir denkt. Der Sepp meints ehrlich. Warum hab ich meine Sauen erhalten?«

»Nun, warum?«

»Weil ich keinen Fehlern begangen hab. Der Barbiern, der Hallunk, hat sich auch eine Güten than und mir die Ohrfeigen geben, daß ich dacht hab, der Himmeln soll einistürzen; aber ich hab dennerst nicht räsonnirt und kein Wörtchen sagt. Drum hab ich die Sauen erhalten. Nachher aberst, als ich sie sicher habt hab, da hab ich ihm die Watschen mit Zins zuruckgeben. Du aber hast nicht schweigen konnt.«

»So meinst wirklich, daß dies schuld ist?«

»Ja.«

»Magst Recht haben. Die Geistern sind zornig worden über die Käth und haben das Geld in die Thieren verwandelt. Aber die Käth muß nun fort, und den Schatz bekomm ich doch noch; dafür werd ich schon sorgen. Weißt, ich hab Angst habt, daß Jemand hier in der Stuben gewest ist, während ich fort war.«


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»Angst? Warum da gleich Angst?«

»Weil mir mein Geldschlüsseln fehlt.«

»Sapperment! Den hat man Dir doch nicht etwan stohlen?«

»Ich weiß nicht. Ich hab ihn nicht finden konnt.«

»Wo ist er Dir wegkommen?«

»Allhier in der Stuben.«

»Und wo hast Dein Geld?«

»Das brauchst nicht zu wissen. Aber da nimm die Lampen, und such mal nach, ob er nicht zu finden ist!«

»Das will ich schon thun. Aber sagen thust mir nicht, wo Du's Geldl hast? Ich mags gar nicht wissen; ich bin reich genug und mach bei meinem Schwiegervatern nimmer den Spitzbuben. Eine Beleidigung ists auf jeden Fall. Zeig her das Licht!«

Er nahm die Lampe und leuchtete auf der Diele herum. Es währte auch gar nicht lange, so war das Suchen von Erfolg. Er richtete sich aus seiner gebückten Haltung auf.

»Hier liegt ein Schlüsseln. Ists derselbige?«

Der Müller griff begierig nach.

»Ja, der ists! Gott sei Dank!«

»Hast schon suchen lassen?«

»Die Käth.«

»Und die hat ihn nicht funden? Ja, diese Weibsbilder haben allüberall die Augen, aberst nimmer da, wo sie dieselbigen grad haben sollen.«

»Und wo hat er gelegen?«

»Die Dielen ist durchfault; da ist ein Loch, und er lag drinnen, mit Staub verhüllt.«

»So hat sie ihn von wegen dem Staub nicht sehen konnt. Ich aberst bin froh, daß ich ihn wieder hab. Und nun weiß ich auch, daß Niemand hier in deren Stuben gewest ist. Das macht mirs Herz ruhig.«

»Hast wohl gar sehr viel Geldl da stecken?«

»Es ist nicht nur ums Geld allein, sondern es sind auch noch andere Sachen dabei, die mir Niemand anschauen darf. Doch das ist nun gut. Jetzund hab ich Dir noch was zu sagen. Gehst gleich nach Haus?«

»Ja. Oder meinst, daß noch nicht die Zeit dazu ist?«

»O wohl! Es ist bereits spät nach Mitternacht. Da könntst doch mal gleich mit zum Hochzeitsbittern gehn.«

»Jetzund? In deren finstern Nacht?«

»Ja, weils nothwendig ist.«

»Etwan wegen unsrer Verlobungen?«

»Ja. Wir müssen noch Wen einladen lassen, gleich beizeiten in der Fruh, wanns Morgen worden ist.«

»Wen?«

»Das kannst nie und nimmer errathen. Ich mein' nämlich die beiden Herren drüben im Parterr.«


// 404 //

»Den Wagnern und den Ludwigen?«

»Ja.«

»Warum sollen die mit dabei sein?«

»Weil sie gar so vornehme Herren sind.«

»Vornehmer als die Andern doch aberst nicht. Oben, über ihnen wohnt ein Baronen und ein Conzertmeistern; die sind doch vornehmer als Die da unten.«

»Grad nicht! Es ist ein Geheimnissen; aberst Dir kann ichs verrathen, eben weilst der Bräutigam bist. Der Wagnern ist der Richard Wagnern, weißt, der die Opern machen thut.«

»Donnerwettern! Meinst den Richard Wagner?«

»Ja. Erst neulings hat er wieder ein solche Opern gemacht; er hat sie den »Gottfried« genannt.«

»Siegfried heißts!«

»Ach so! Na, meinswegen! Zwischen Siegfrieden und Gottfrieden wird kein großer Unterschied sein.«

»Ein sehr großer sogar! Der Siegfried soll ein großer, berühmter Held sein. Der Schulmeistern hat in der Dorfschänken davon erzählt.«

»Nun, der Gottfrieden war auch ein großer Held. Das hab ich selbst auch vom Schulmeistern gehört. Der Gottfried hat vorigesmal das ganze Jerusalem derobert. Er ist von Adel wesen und hat Gottfried von Oleum geheißen. Da siehst, daß ich auch meine Weltgeschichten im Kopf hab. Also der Wagner, der drüben bei mir wohnt, der ist der berühmte Comperniste, und der Andere, welcher Ludewig heißt, der ist gar der König selber.«

Franz trat erstaunt um einen Schritt zurück.

»Ja, da machst Augen!« sagte der Müller triumphirend.

»Der Kö - - - nig - - -?!«

»Freilich! Oder willsts etwan gar nimmer glauben?«

»Fast möcht ichs nimmer glauben.«

»Ich weiß es gewiß.«

»Der König in der Thalmühlen! Was will er hier?«

»Weiß ichs? Solche Leuten haben immer mal was Heimlichs vor. Weißt, solche große Herren nennt man doch die Dippelmaden; die dippeln überall herum, wo's in der großen Politiken mal einige Maden giebt.«

»Wer hats Dir denn gesagt, daß es der König ist?«

»Die Sängrin droben. Die weiß es gewiß.«

»Ja, die muß es freilich wissen, denn die Leut vom Theatern, die kennen den König sehr genau. Und den also willst mit einladen?«

»Ja, mit dem Wagnern.«

»Warum?«

»Das fragst auch noch?«

»Wir brauchen sie ja nicht.«

»Nein; aberst was für eine Ehren und ein Honneur das ist, wann wir sagen können, daß der König bei uns zur Verlobung gewest ist!«


// 405 //

»Freilich! Die Leut werden uns sakrisch beneiden. Aber ob der König auch kommen wird?«

»Warum nicht? Ist etwan der Thalmüllern ein Haderlump? Es ist für keinen König eine Schand, mein Gast zu sein. Ich fürcht mich nicht vor ihm. Mir ists ganz gleich, ob ich mit dem König red oder mit Dir, und in eine Angelegenheiten von mir dürft er nicht reden; da bin ich selbern Herr und König. Aber etwas anders müssens wir nun doch thun, als ich vorheren wollt.«

»In wiefern?«

»Mit dem Essen und Trinken.«

»Ach so!«

»Ja, wann der König da ist, dann muß es auch was Extrafeins geben, nicht nur so einen Wein, wie die Bauern trinken, weißt, welcher so schmeckt, als ob man eine Katz verschluckt und zieht sie nachhero beim Schwanz wieder heraus. Da muß man solchen trinken, weißt, wo die Stöpfeln bis zur Deck in die Höhen springen. Wie heißt er gleich?«

»Das weiß ich - Pam - Kam - Dam - Schlam - Fam - Ham - - -«

»Ja, ja, so beinahe ists. Es ist so wie Schlamm, und nachher wie ob Einer im Wasser panscht, so ein - ein - ein - so ein Panscher«

»Ja, richtig, jetzt hab ichs: Schlammpanscher.«

»Ja, so, so heißts, Schlammpanscher, wie wann Einer mit denen nackten Beinen im Schlamm herumpanscht. Was doch die Menschheit albern ist! Immer denen besten Sachen giebt man die schlechtesten Namen. Woher aber kann man solchen Wein erhalten?«

»Vom Hotel in der Stadt.«

»Und wie theuer kostet eine Flaschen?«

»Der Ortsrichtern hat mal mit trunken. Er sagt, die Flaschen hätt zehn Markerln kostet, und noch eine bessere Sorten gar fünfzehn.«

»Himmelsakra! Weißt, so kannst mal hingehn zum Hotel, nicht?«

»Ja. Wie viel soll ich bringen?«

»Zwei halbe Flaschen, dem König eine und dem Wagnern auch eine.«

»Denen Andern nicht?«

»Nein, denen nutzt der Schlammpanscher doch nix.«

»Aberst dem Bräutigam könntst auch eine vorsetzen!«

»Dir? Da bin ich viel zu gescheidt dazu. Du wirst welchen trinken, ohne daß ich ihn Dir kauf.«

»Das möcht ich auch erfahren, wie?«

»Das weißt nicht? So hast auch die Gescheidtheit nicht mit denen Löffeln gefressen! Der König muß doch eine Gesundheiten mit Dir trinken, nicht?«

»Ja, weil ich der Bräutigam bin.«

»Und der Wagnern auch?«

»Freilich.«


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»Nun, so bekommst also Schlammpanscher.«

»O weh! Denkst etwan, diese Herren trinken so wie wir? Die geben ihr Glas nicht her, sondern die stoßen nur mit Demjenigen an, dem seine Gesundheiten sie meinen.«

»Das geht Dich nix an. Du mußts grad so machen wie mit denen Bauern. Wann der König Dir das Glas entgegenhalt, und wann er sagt: »Prost, Deine Gesundheiten, Herr Bräutigam!« so greifst nicht etwan nach Deinem Glas, sondern nach dem seinigen und trinksts gleich aus. Nachhero hältst ihm das Deinige hin und sagst: »Schön Dank, Herr Ludwigen, wohl bekomms auch!« und er nimmts und trinkts auch aus. So habt Ihr die Gesundheiten mit nander trunken und seid quitt.«

»Und mit dem Wagnern auch?«

»Freilich! Und auch ein feins Essen müssen wir haben, weißt, solch Zeug, wobei es Unsereinem gleich ganz schlimm und übel wird wie bei deren Seekrankheiten.«

»Was meinst?«

»Es wird aus Heringseiern gemacht und heißt Ki - Ke - Ku - hinten dran ist ar.«

»Ach so, Kiviar?«

»Ja. Das soll eine große Delikatessen sein. Ich habs in der Stadt gehört beim Kaufmann.«

»Wie wirds denn gessen?«

»Gessen nicht, sondern trunken zur Schokoladen. In eine Tasse Schokoladen rührt man zwei Eßlöffel voll Kiviar ein. Nachhero schmeckts. Und sodann giebts noch so eine große Delicatessen. Das sind Muscheln, die im Meer wachsen und gleich lebendig gefressen werden.«

»Ach, meinst Flaustern?«

»Ja, Flaustern. Da hab ich auch schon den Kaufmann fragt. Sie sind was theuern, drei Markerl das Dutzend. Aberst so viel brauchen wir ja gar nicht für die beiden Herren. Wann Jeder nur eine hat, so ists genug; dann wissens schon, daß wir Lebensart besitzen. Die werden auch im Hotel zu haben sein.«

»Natürlich! Dort habens Alles. Aber ich hab noch keine gessen. Muscheln sind doch zu. Weißt auch schon, wie man sie aufmacht?«

»Freilich! Der Kaufmann hat mirs sagt. Sie werden aufbocht wie die Nüssen. Darum legen wir denen Beiden den Hammer hin; die werdens nachhero schon selber machen.«

»Und was wird dazu gessen?«

»Syrupen wird aufischmiert, denn die Flaustern müssen süß schmecken, sagt der Kaufmann. Drum setzen wir eine obere Kaffeetassen voll hin. Beim Kramer bekommt man für zehn Pfennigen die ganze Tassen voll, daß sie überlauft. Kannst also die Flaustern mit besorgen, zwei Stuck und auch den Kiviar.«

»Wie viel da?«


// 407 //

»Wir geben blos Jedem eine Tassen Schokolade, also brauchen wir vier Löffel voll. Kannst sie Dir gleich in eine Düten geben lassen. Und nun geh auch, daßt zum Hochzeitsbittern kommst!«

»Darf ers wissen, daß es der König ist?«

»Nein, aberst andeuten mußts ihm, daß er seine Sachen aufs Allerfeinst machen soll, daß wir keine Schand mit ihm verleben und - - - Was willst?«

Diese Frage war an Paula gerichtet, welche jetzt hereinkam. Vorhin, als Alle hinaus mußten, war sie mit Leni und dem Stubenmädchen der Directorin hinauf zu dieser Letzteren gegangen, um sie zu beruhigen, obgleich sie selbst sich keineswegs innerlich ruhig fühlte. Sie konnte sich das außerordentliche Vorkommniß der heutigen Nacht, den Lärm, die Frösche und Kröten, den zerbrochenen Topf, die Anwesenheit so vieler Männer, welche gar nicht in die Mühle gehörten, gar nicht erklären, und nahm sich vor, den Vater zu fragen, obgleich sie denselben gut genug kannte, um zu wissen, welche Art Antwort er auf solche Erkundigung zu geben pflege. Als nun die Männer fort waren, wartete sie noch ein kleines Weilchen und kam nun herab. Ohne erst zu horchen, trat sie ein. Sie hatte geglaubt, ihr Vater sei allein, und so erschrak sie, daß sie grad diesen verhaßten Menschen bei ihm fand.

»Ich wollt mit Dir reden,« antwortete sie; »aber weilst nicht allein bist, so kann ich wieder gehen.«

Sie machte Miene, die Stube zu verlassen; ihr Vater aber gebot ihr:

»Halt! Du bleibst! Wast so mitten in deren Nacht mit mir zu reden hast, kann ich mir nicht denken; aber weilst einmal da bist, so paßts auch gut. Also red!«

»Ich hab so große Sorgen um Dich, daß - - -«

»Sorgen?« fiel er ihr halb höhnisch in die Rede. »Wie käm es denn, daßt mal Sorgen um Deinen Vatern hättst!«

»Ich wollt gern wissen, was heut geschehen ist.«

»Ach so! Also nicht Sorgen sinds, sondern Neubegierde ists. Und da meinst, daß ich sie Dir stillen werd?«

»So ists nicht gemeint. Ich hab denkt, daß Dir ein Unglück widerfahren sei.«

»Unsinn! Ein Spaß ists nur gewest. Nun weißts und hast nimmer danach zu fragen. Das ist also abgemacht. Aberst nun hab ich noch mit Dir zu reden. Siehst, wer da steht?«

Er deutete auf den Fingerlfranz.

»Den seh ich schon. Er ist groß genug.«

»Dein Bräutigam!«

»Vater - - -!«

»Still!« unterbrach er sie. »Ich habs gesagt, und es bleibt dabei. Da wird nimmer gemuxt!«

»Laß Dir nur ein einziges Wort - - -«

»Wirst gleich schweigen!« fuhr er sie abermals an, obgleich sie die


// 408 //

Hände bittend erhoben hatte und im demüthigsten Tone sprach. »Ich werd es mir wohl gar gefallen lassen sollen, daß die Tochtern mir nicht gehorcht!«

Sie wagte es dennoch, wieder zu sprechen:

»Grad weil ich Deine Tochtern bin, und Du bist mein Vatern, hab ich das Recht, mit Dir zu - - -«

»Wannst nicht sogleich schweigst, sollst sehen! Franz, heb doch mal die Peitschen auf, und gieb sie mir her!«

Der Bursche, anstatt sich des Mädchens anzunehmen, holte die Peitsche wirklich herbei. Da färbte sich das bleiche Gesicht Paulas dunkelroth.

»Also der ist mein Bräutigam?« fragte sie.

»Ja, ich habs so wollt!«

»Und ich soll seine Frau werden?«

»Wannst nicht willst, so mußt!«

»Er sagt, daß er mich lieb hat; er verspricht mir alles Glück und alle Freud und giebt Dir doch die Peitschen, daßt mich schlagen sollst!«

»Weil sichs so gehört!«

»So weiß ich ganz genau, was ich von ihm zu erwarten hab, ganz genau!«

»Die Peitschen auch, wannst ihm dann nicht gehorchst. Er wird der Mann sein, der zu befehlen hat!«

»Und Du willst mich ihm wirklich geben?«

»Fragst auch noch!«

»Das kann ich gar wohl. So eine Fragen ist ganz am richtigen Ort, wann der Vatern im Voraus erkennt, daß die Tochter Prügeln bekommen wird.«

»Dagegen hab ich gar nix, wann die Prügeln nur verdient sind. Du hast den Mann zu ehren, zu achten und zu lieben, von ganzem Herzen.«

»Einen solchen Mann? Niemals!«

»Was? Nicht?«

Er erhob die Peitsche. Aber anstatt sich einschüchtern zu lassen, trat sie einen Schritt näher und antwortete muthig, indem ihre Augen unter Thränen blitzten:

»Niemals!«

»Das geht mich auch nix an! Liebt Euch, oder liebt Euch nicht; das ist Eure Sachen! Aber gehorchen mußt!«

»Auch nicht! Einem Mann, den ich nicht lieben kann, werde ich auch nicht gehorchen, denn ich werde ihn überhaupt gar nicht heirathen.«

»Ah! Wo? Wie? Was? Nicht, gar nicht?«

Er schwenkte die Peitschenschnur scharf hin und her.

»Nein, gar nicht!« antwortete sie.

»Auch nicht, wann ich es befehl?«

»Auch dann nicht!«

»So willst mir widerstehen?«

»Ja. Ich kann nicht mit Dir im Guten reden, denn Du hörst mich gar nicht an; also bleibt mir nichts übrig, als für mich selbst zu handeln.


Ende der siebzehnten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk