Lieferung 2

Karl May

7. August 1886

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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»Plausch kein dummes Zeug nicht, Anton! Ich hab' mit Dir getanzt, weil ich Dich selbiges Mal nicht gekannt hab'. Du hast ein gutes Aug' und ein aufrichtig Gesicht. Darum hab' ich Dir nicht zuwider handeln können. Denn weißt, das Gesicht ist halt das Aushängeschild, was der Herrgott dem Menschen 'geben hat. Auf Deinem steht ein gut Gemüth und ein fröhlich Herz, und einem Menschen, der dieses Beids hat, dem darf man wohl Vertrauen schenken.«

Da fragte der König lächelnd:

»Was habe denn ich für ein Aushängeschild?«

»Du hast ein gar besonderes, sauberes und vornehmes. Gut bist auch, wohl seelensgut, und können thust auch Etwas. Das, was in Dir steckt, das sieht man Dir gleich an der Nasenspitzen an. Vielleicht bist ein Stadtschulmeister oder gar ein Stadtverordneter, denn die schauen Alle so vornehm und appart aus, als wenn sie halt von Zucker gebacken wären, und man darf ihnen nicht zu nahe kommen. Aber das Herz hast doch auch auf dem richtigen Flecke, wenn Du meinswegen auch ausschaust, als ob Du Einen mit einem einzigen Worte oder Blicke zur Maulsperre bringen könntst. Ists so oder nicht?«

»Hast nicht ganz schlecht gerathen.«

»Nicht wahr! Ja, wir auf den Bergen sind auch nicht von gestern oder gar von ehegestern. Nun aber macht, daß der Bär herein kommt in die Hütten. Dann wollen wir schlafen. Wer früh aufwachen will, der muß sich doch zuvor erst niedergelegt haben.«

Sie ging nach der Ecke, wo das erlegte Raubthier lag. Dasselbe war ausgewachsen und schwer; aber den drei urkräftigen Personen gelang es doch, es in die Hütte zu schaffen. Dann sagte Leni:

»So ists gethan. Und nun will ich Dir auch ein Lager machen, Anton, wo sie Dich nicht finden, wann sie ja kommen und nach Dir fragen sollten. Der Herr wird wohl ein Einsehen haben und Dich nicht verrathen.«

»Nein,« antwortete Ludwig. »Ich verrathe Dich gewiß nicht.«

»Meinst wirklich?« fragte Anton, ihn mißtrauisch forschend anblickend.

»Ja. Ich gebe Dir mein Wort darauf.«

»Das gilt nix. Ihr Stadtherren seid nicht allemal Diejenigen, welche gern Etwas auf ihr Wort geben.«

»Ich will da nicht mit Dir rechten. Aber sage selbst, ob ich hier stände, wenn Du nicht im rechten Augenblicke gekommen wärst?«

»Nein, Du ständst halt nicht da, sondern Du lägst draußen beim Bär, und er hätte Dich allbereits halb und halb verspeist.«

»Du hast mir also das Leben gerettet. Könnte ich da so schlecht sein, Dich an die Polizei zu verrathen?«

»Ja, schlecht wäre es wohl von Dir; aber wer sagt mir, daß Du es auch wirklich nicht thust?«

»Ich sage es, und wenn Du es nicht glaubst, so soll es mir sehr leid thun. Uebrigens mache, was Du willst! Gehe, oder bleibe. Mir soll Beides


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recht sein. Für alle Fälle aber will ich Dir zeigen, daß ich nicht undankbar bin.«

Er griff in die Tasche und zog seine Börse.

»Willst mir halt wohl ein Geldl geben?« fragte Anton.

»Ja.«

»Das laß nur schön bleiben, wenn Du mich nicht beleidigen willst. Um Bezahlung stehe ich keinem Menschen gegen ein Wildthier bei. Da kennst den Krikelanton schlecht!«

»Und Du verstehst mich falsch. Ich will Dir doch nicht etwa Deine muthige That bezahlen. Du hast Dein Leben gewagt, das läßt sich nicht mit Geld abmachen. Und das meinige, nämlich mein Leben - nun, es giebt Leute, welche sagen würden, daß es sich auch nicht so genau auf den Pfennig berechnen läßt, wie viel es werth sein könnte. Also kann ich Dir weder für Dein noch für mein Leben ein Geld bezahlen. Aber Du hast mir gesagt, daß Du arm bist und oft mit Deinen Eltern hungern mußt.«

»Ja, Herr, das ist freilich rechtschaffen wahr.«

»Nun, so will ich Dir etwas für Deinen Vater geben. Es soll ein Geschenk für ihn sein, damit er sich etwas Kräftiges für sein Mahl anschaffen kann.«

»Wenn es so ist, dann nehme ich es, Herr. Ich hab halt kein Recht, ein Geschenk zurückzuweisen, welches für den meinigen Vater bestimmt ist.«

»Gut, hier hast Du.«

Er legte ihm eine Anzahl Goldstücke in die ausgestreckte Hand. Anton machte ein höchst erstauntes Gesicht, zählte sie und sagte dann:

»Hast Dich wohl verrechnet. Das sind halt grad an die fünfzehn Doppelkronen, also nach der neuen Münz dreihundert Mark. Das ist ja grad ein Vermögen!«

»Ich irre mich nicht. Ich gebe es Dir. Nimm es Deinen Eltern mit!«

»Ja, bist denn bei Trost, Herr! Bist so gewaltig reich, daß Du ein solch Summa summarum verschenken kannst, he?«

»Ich habe Vermögen. Diese dreihundert Mark verspüre ich gar nicht, wenn sie mir fehlen.«

»Heilige Wassersuppen! So möcht ich alleweil mit Dir tauschen! Ich verspür es allbereits, wenn mir ein Pfennig aus dem Sack gerutscht ist. Also, machst Ernst? Wirklich?«

»Wirklich! Behalte es!«

»Na, dann Gottes Segen über Dich und über Deine Frau. Hast doch eine?«

»Nein.«

»So reck halt die Arme aus! Wer solche Geldln verschenken kann, dem hängen sich gleich zwanzig Mäderln an jeden Finger, den er ausstreckt. Herrgottsakra! Wird das ein Freuden und Jubilerei sein, wann ich die Goldfüchs auf den Tisch zähl'. Ich glaub, den Vattern nimmts vor Freud den Verstand, und die Muttern wird weinen als obs zur Kirmiß regnen thät! Hab


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Dank! Hier hast mein Pratschen; schlag ein! Und wenn Du einmal den Krikelanton brauchst, so laß ihn rufen. Er geht durchs Feuer für Dich, und nicht nur einmal, sondern so oft es gut und nothwendig für Dich ist.«

Er gab dem König die Hand, welche dieser ergriff und herzlich schüttelte. Bei dieser Gelegenheit bemerkte Ludwig, daß der Wilderer sich die ganze Haut der inneren Handfläche abgeschunden hatte.

»O weh!« sagte er. »Das muß ja schmerzen!«

»Ja, schmerzen thuts freilich. Und schau auch die Knie, wie blutrünstig sie sind! Aber was ist das gegen die Freud, meinen Eltern das Geld mitzubringen. Ich fühl halt keinen Schmerz nicht mehr. Und wann die Leni herzgut ist und mir ein Branntweinerl giebt, so reib ich mir mit demselbigen die Wunden ein und bekomm allzumal sogleich eine neue Haut darauf.«

»Den sollst haben,« sagte das Mädchen. »Und Du, lieber Herr, bist ein braver Bub, daß Du an dem Anton seinige alten Eltern denkst. Hast auch mir eine große Freuden damit gemacht. Ich werd Dir am Morgen einen Kaffee kochen, der so dick sein soll, daß Du drinnen auf dem Kopf stehen kannst, ohne umzufallen. Für so ein guts Haxerl wie Du kann man schon allemal ein Uebrigs thun. Aber, schau, wollen wir den Bären noch bei der Nacht aufthun oder willst nun wieder ins Heu gehen?«

»Wir können ihn bis zum Morgen liegen lassen. Der Schlaf ist auch nothwendig. Wird der Anton sich mit hinaus zu mir legen?«

»Nein. Wo denkst hin! Wann sie kämen, so hätten sie ihn ja sogleich. Nein, ich weiß da ein besseres Nest, wo er einischlupfen kann.«

»Wenn sie auch kämen, sie würden ihm doch nichts thun.«

»Meinst? Da kennst die Jäger und die Gegend sehr schlecht. Sie würden ihm ein paar Handstrickerle umbinden und ihn fortschaffen, da hinein, wo die Eisenstäbe vor den Fenstern sind anstatt der Sonnenfächer. Nein, so weit wolln wir es halt doch nicht kommen lassen.«

»Sie würden es doch nicht thun. Weißt Du, Leni, ich bin in der Residenz gar gut bekannt und bei Denen von der Polizei.«

»So denkst etwa, sie lassen ihn laufen, wenn Du ihnen ein gut Wort vergönnst?«

»Ja.«

»Glaubs nicht, glaubs nicht! Da gilt die Freundschaft nix. Sie müssen ihre Pflicht thun.«

»Und wenn sie es thäten, so würde ich Fürsprache halten. Das hilft.«

»Nix hilft es, gar nix! Hast etwa einen Vetter bei der Polizei?«

»Gar im Ministerium.«

»Na, das ist halt schön. So einen Vettern kann man oft sehr gut gebrauchen. Besser aber ists doch, man hat ihn gar nicht nöthig. Heut will ich dem Anton sein Ministeriumvetter sein und ihn so gut verbergen, daß ihn auch die Katz nicht finden könnt, selbst wenn sie sich eine Brillen auf die Nas klemmen thät.«

»Du scheinst in solchen Dingen viel Erfahrung zu besitzen, Leni?«


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Diese Worte klangen etwas scharf.

»O nein. Ich hab keiner Polizei und keinem Gericht das Geringst' zu verheimeln; aber wann so ein armer Schacherl kommt, den sie abgetrieben haben, weil er seinen Eltern ein Brot schießen will, so thut mirs im Herzen weh und ich such einen Winkel, wo er sich einhuscheln kann, bis die Luft wieder rein' für ihn ist. Meinst etwa, daß dies ein Unrecht ist?«

»Ja, jedenfalls.«

»So will ichs auf Seel' und Gewissen nehmen. Der Herrgott wird ein Einsehen haben und es mir nicht allzu hoch anrechnen, wann ich später mal die Augen zuthue. Also geh Du zu Bett. Du brauchst nicht zu wissen, wohin ich den Anton steck. Und wann Du ganz sicher schlafen willst, so schieb den innerigen Riegel vor; da beißt Dich keine Maus und auch kein Bär. Schlaf wohl!«

Dies war in einem so bestimmten Tone gesagt, daß der König lächelnd meinte:

»Du scheinst eine gestrenge Herrin zu sein, der man gehorchen muß!«

»Du hast fernerhin Recht. Ich bin die Sennerin, und wer nicht thut, was ich ihm sag, der kann hinaus spazieren. Aber, gelt, hasts doch nicht etwa bös genommen?«

»O nein.«

»Es war auch nicht so gemeint. Für einen solchen Herrn, der ein solch Geschenk macht, habe ich halt keine Grobheiten in der Tasche. Schlaf also wohl, Herr, und wann Du träumst, so träume auch ein Bissen von der Leni und von dem Kaffee, den sie Dir am Morgen aufikochen wird.«

Sie reichte ihm die Hand. Er drückte dieselbe sehr freundlich und trat in das Heustadel. Die Beiden hörten, daß er den Riegel vorschob, wie Leni es ihm gerathen hatte. Es that dies, um ihnen die Ueberzeugung zu geben, daß er sie nicht belauschen wolle. Anton aber nahm es anders. Er sagte:

»Hörst, daß er den Riegel herüberthut? Er fürchtet sich vor dem Wilderer.«

»O nein. Er sieht gar nicht so aus, als ob er sich vor Etwas fürchten könnt.«

»So fürchtet er sich nicht vor mir, sondern davor, mit mir hier getroffen zu werden. Hat er sich eingeriegelt, so muß man ihm glauben, wenn er sagt, daß er von meinem Hiersein gar nix weiß.«

»Das ist aber grad recht, grad gescheidt von ihm.«

»Ja, gescheidt ist es; aber ich bin auch so klug und trau ihm nicht.«

»Dazu hast keine Ursache nicht. Du hast ja gesehen, wie dankbar er ist. Er wird Dich nicht verrathen.«

»Wer weiß es! Hat er etwan nicht gesagt, daß es nicht recht von Dir ist, wenn Du mich verbirgst?«

»Das hat er doch nicht so gemeint, daß er Dich wohl ausliefern möcht, wann sie kommen. Weißt, wohin ich Dich steck?«

»Nun?«


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»Ueber den Stall in's Stroh. Der Stall stößt an den Berg und hat im Dach ein Guckloch. Kommen sie ja und suchen nach Dir, so kannst in der Noth zu demselben Loch hinaus und bist gleich auf dem Berg.«

»Und Du?«

»Ich? Was ich? Was meinst?«

»Was wird dann mit Dir?«

»Was soll mit mir werden? Nix.«

»Das denkst nur; aber es wird doch anders. Wann sie kommen und ich reiß aus, so merken sie, daß Du mich versteckt hast, und dann nehmen sie Dich mit anstatt meiner.«

»Und ich geh auch etwan mit?«

»Jawohl.«

»O Du talketer Hanns! Weiß ich denn, daß Du bei Nacht kommen bist und Dich in meinem Stall versteckt hast? Gar nix weiß ich, gar nix!«

»Das ist freilich pfiffig!«

»Hast mich etwa für unpfiffig kaufen wolln?«

»Nein.«

»Sonst hättst auch nicht zu mir kommen brauchen!«

Jetzt machte er eine rasche Wendung mit der Schulter, blickte dem Mädchen forschend in die Augen und fragte:

»Du denkst, ich hab zu Dir kommen wollen?«

»Ja. Bist ja da bei mir!«

»Das wär schön, das wär sehr schön von mir! Da wär ich ja gar nicht werth, daß Du mich nur mit einem Auge anschaust.«

»So begreif ich Dich nicht.«

»Hast denn nicht gehört, was ich vorhin gesagt hab? Daß ich dem Bären nachgegangen bin?«

»So hast gar nicht eine Zuflucht in meiner Hütten suchen wollen?«

»Nein.«

»Hältst mich für eine Verrätherin?«

»Wie könnt ich das, Leni! Du bist das bravst und best Dirndl weit und breit; wie könnt ich einen derigen Gedanken auf Dich haben! Aber grad deretwegen, weil ich weiß, wie gut Du bist, und weil ich so große Stücke auf Dich halt, ist es mir gar nicht in den Sinn kommen, Deine Hütten aufzusuchen. Ich bin verfolgt, und man hat alle Wege besetzt; wer mir ein Obdach giebt, der wird bestraft. Kann ich ein Freuden daran finden, grad Dich mit in's Unglück zu ziehen? Nein, ich hatte mich droben in den Felsen versteckt. Da kam der Bär, und ich ging ihm nach. Nun hab ich ihm den Garaus gemacht und werd wieder gehen.«

»Wohin?«

»Das weiß ich freilich nicht. Ich muß halt schauen, wo sie mir ein Loch offen gelassen haben, durch welches ich schlüpfen kann.«

»Das siehst aber doch nicht bei Nacht!«

»Ich wart bis zum Tag.«


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»Aber hier bei mir!«

»Nein. Wie leicht könnt Jemand kommen. Dann geht es mit über Dich hinein.«

»Denke das nicht. Ich kann Dich nicht fortlassen. Du bist matt und mußt schlafen. Du hast Hunger und Durst und mußt essen und trinken.«

»So thu ein Uebriges und gieb mir ein Käs und Brot und ein Wasser. Dann geh ich fort und schlaf droben auf dem Berge.«

»Etwa beim Jägernaz?«

»Ist der da oben?«

»Ja, er ging vor dem Dämmern hier vorüber und sagte mir, daß er Dich fangen will.«

»Er ist Dein Schatz?«

»Der? Mein Schatz? Eher heirathet der Keller die Feueresse!«

»Aber alle Leuteln sagen es!«

»Was! Wie können sie das sagen! Wer hat gesehen, daß ich mit dem Naz freundlich bin?«

»Er selbst sagt es.«

»Er selbst? So lügt er es!«

»Er sagt all überall, Du seist sein Schatz, und er erzählt, daß er des Abends zu Dir auf die Alm emporsteig und des Morgens wieder hinab.«

»Das hat er gesagt? Das hat er erzählt, der Erzhallunk? Was thu ich nur mit ihm? Was thu ich? Weißt, ich hab einen Käs draußen, der wiegt über dreißig Pfund. Den schlag ich ihm so lange um die Ohrlapperln, bis er sich für eine Käsemaden oder für einen Käsemadrig hält, der Lump, der unverschämte!«

»Also ists wirklich nicht wahr?«

»Hasts etwan gar geglaubt?«

»Nein. Hätt ers zu mir erzählt, so hätt ich ihn zu Boden geschlagen, daß er vergangen wär wie Luft. Der Kerl ist mir Gall' und Aloe; er ist mir Gift und Opperment. Er hat's nur grad immer auf mich abgesehen, und wenn wir einmal zusammengerathen, so kann es gar leicht kommen, daß er in Scherben geht, wie ein alter Milchkrug, den man zur Trepp hinunterkollert!«

Beide, er und sie, waren zornig geworden. Sie standen hoch aufgerichtet vor einander. Selbst der Neidischeste hätte sagen müssen: ein prächtiges Paar. Sie funkelten sich gegenseitig mit den Augen an, als ob sie untereinander zornig seien. Das fühlte Leni. Sie stieß ein lustiges Lachen aus und sagte:

»Schau, sind wir nicht die richtigen Hansnarren? Ereifern uns, als ob wir gegen einand ärgerlich seien, und haben uns doch gar nix gethan!«

»Hast Recht! Dieser Kerl ist nicht werth, daß wir von ihm reden.«

»Aber nimm Dich halt nur in Acht vor ihm.«

»Hast Sorg' um mich?«

»Nein. Bist ja selber Manns genug!«

»Dachte, Du wärst ein Wenig bange.«

»Warum sollte ich das?«


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»Weil - weil - - na, weil ich halt ein Bursch bin und Du ein Dirndl.«

»Geh! Bange ist man doch nur um den Schatz.«

»Und der bin ich nicht?«

Sie stemmte die vollen, kräftigen Arme in die Hüften und antwortete:

»Nein! Du wärst mir der Richtige!«

»Warum?«

»Weil Keine Dein Schatz sein kann, keine Einzige.«

Er wechselte die Farbe.

»Habe ich etwan nicht Recht?« fragte sie.

»Weiß nicht.«

»Du weißt es; Du mußt es wissen. Schau, Du bist so ein sauberer Bub und ein guter dazu. Du bist arm; aber es gäb viele, viele Dirndln, welche sich freuen thäten, wenn sie Dich haben könnten. Aber Du gehst auf dunklen Wegen, und überall ist die Polizei hinter Dir. Dein Dirndl befänd sich stets in der Gefahr, auch mit auf das Amt zu müssen. Und wenn Du sie nähmst, was sollte werden? Eines Tages brächten sie Dich getragen von oben herab, aus den Bergen, wo die Kugel des Jägers Deinem Treiben ein End' gemacht hat. Ists so oder nicht?«

Er hatte sich auf den Schemel gesetzt und den Kopf in die Hände gestemmt. Jetzt fragte er, aber ohne zu ihr aufzublicken:

»Habe ich nicht vorhin gesagt, daß dieses Leben mir leid thut und daß ich es gern ändern möcht?«

»Das hast freilich gesagt, aber nun ändre es auch!«

»Wie denn?«

»Hast nicht die Mittel in der Hand?«

»Meinst die dreihundert Mark?«

»Ja. Kannst nichts damit anfangen, he?«

»O, wohl gar! Einen kleinen Handel, irgend ein Kleingeschäft.«

»So thu's!«

»Wie Du das so sagen kannst. Bin ich nicht wie das Wild, welches getrieben wird? Muß ich nicht flüchten und immer wieder flüchten, weil man mich fangen will?«

»Doch nur hier in Bayern?«

»Ja. Ich bin halt so klug gewesen, nur hier diesseits der Grenz auf die Jagd zu gehen.«

»So komm nicht wieder herüber!«

»Man holt mich doch. Das Oesterreich muß mich ausliefern, weil ein Wilderer kein politischer Verbrecher ist.«

»So bist freilich daran wie der Gamsbock, der weder Ruh noch Frieden hat. Aber einmal muß es doch anders werden!«

»Ja, wann sie mich ergriffen haben und einistecken.«

»Dann kommst aber doch wieder heraus?«

»Ja, aber wann! Und das möcht gern noch sein. Aber wer da drin


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gesteckt hat, den sieht kein Mensch wieder an, und alle Leuteln zeigen mit den Fingern nach ihm.«

»Das kann nur ein Schändlicher thun!«

»Würdst etwa Du mich anschaun?«

Er erhob jetzt zum ersten Male wieder den Kopf. Sein Auge war mit einem geradezu angstvollen Blick auf ihr Gesicht gerichtet. Sie erröthete, aber doch antwortete sie fest und muthig:

»Noch lieber als jetzt.«

Da fuhr er schnell von dem Schemel empor.

»Was sagst? Ists wahr?«

»Hat die Leni schon einmal gelogen?«

»Nein. Also Du würdst mich nicht verachten?«

»Das könnt mir gar nie in den Sinn kommen.«

»So möcht ich gleich jetzt auf das Amt gehen und mich freiwillig stellen!«

»Thu es, Anton, thu es! Es ist das Best' für Dich.«

»Das geb ich halt zu. Ich hab selbst schon alleweil daran gedacht. Und wann ich freiwillig komm, so geben sie mir wohl eine gelindere Straf als sonst. Aber meine Eltern - die lieben, lieben Leutln!«

»Denen wird Gott indessen beistehn.«

»Meinst, daß er vom Himmel steigt?«

»Nein, das hat er in unserer Zeit nicht mehr nöthig. Wir sind halt Christen und müssen an seiner Stell handeln. Wann Du Deine Pflicht thust, so will ich gern zuweilen hinüberschaun nach dem Vater und der Mutter. Ich hab nur drei Stunden zu laufen, und wann der Winter kommt, so zieh ich von der Alm, und es giebt fast nichts mehr zu thun. Da kann ich aller vierzehn Tag' hinübergehn.«

Er streckte seine Arme aus, um ihre Hände zu ergreifen, zog sie aber wieder zurück. Er wendete sich um, lehnte den Kopf an die Wand und sagte nichts. Sie wartete eine Weile. Sie sah, daß seine Brust arbeitete. Da trat sie zu ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter und fragte:

»Was ists, Anton? Warum sagst nix mehr?«

Sie beugte sich vor, um ihm in das Gesicht zu sehen. Er hatte die Lippen fest zusammengepreßt, und Thränen standen ihm in den Augen.

»Herrgott! Du weinst!« sagte sie.

»Muß ich nicht?«

»Meinswegen wohl? Hab ich Dir wehe gethan?«

»So wehe und auch wiederum so wohl, Leni! Ist das wahr, daß Du zu den Eltern gehen würdst, um sie zu beruhigen und zu trösten?«

»Ja, ich würde gehen.«

»Aber warum, warum?«

Er drehte sich ihr wieder zu und hielt das nasse Auge auf sie gerichtet. Jetzt wurde sie verlegen.

»Weil - weil - weil es doch Christenpflicht ist.«


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»Christenpflicht? Ja. Aber wie kommst grad Du dazu, diese Pflicht an uns zu üben?«

»Weil - ich - weil ich es gern thu.«

Da leuchteten seine Augen triumphirend auf. Er erfaßte ihre beiden Hände und fragte:

»Und weil Du mich gern hast?«

Tiefe Gluth bedeckte ihr Gesicht.

»Dich gern? Wo denkst hin, Bub? Mußt nicht gleich meinen, daß Du nun Kaiser bist!«

»Kaiser? O, der mag ich halt gar nicht sein. Der hat eine Frau, welche gar nicht die meinige werden kann. Wenn ich aber Dich haben könnt', Leni, dann würde ich mit keinem Kaiser, mit keinem König und auch mit keinem Papst nicht tauschen.«

»Auch mit dem Papst nicht?«

»Nein.«

»Weil Dir auch dem seine Frau nicht paßt!«

»Geh! Lach halt nicht. Das ist mir nur so über die Zung herauskommen. Weißt was? Sollst meine Kaiserin sein!«

»Wart, bis Du halt Kaiser bist!«

»Nicht eher?«

»Nein. Jetzt bist derweil noch ein Wilderer, den sie suchen. Da hats noch lang keine Gefahr mit dem Kaiser sein.«

Sie hatte das mehr ernst- als scherzhaft gesagt. Er ließ ihre Hände los und meinte traurig:

»So ists recht! Ich wollte gleich die höchste Alp dersteigen, und nun rutsch ich abi ins tiefste Thal hinein. Aber es soll mir nicht umsonst gesagt sein, Leni. Du hast mir das Aug geöffnet, und ich schau um mich her und in mich selbst hinein. Es soll anders werden. Jetzt nehm ich meine Büchs und den Rucksack und geh. Entweder siehst mich wieder oder nicht. Siehst mich nicht wieder, so lieg ich irgendwo und der Adlergeier schwebt über meiner Leich. Siehst mich aber einmal wieder, so wirst schauen, daß es anders mit mir geworden ist.«

Er wandte sich ab und griff nach seinem Gewehre.

Da hielt sie seinen Arm fest.

»Nicht so, Anton! Mußt mich nicht falsch verstehen.«

»Wie sonst?«

»Ich meins halt gut und treu mit Dir; aber wer ein Dach bauen will, der muß doch erst die Mauer und die Wand haben, worüber es kommen soll. Gieb den Rucksack her! Ich werde Dir eine Wenigkeit hineinthun.«

»Ist nicht nöthig, Leni.«

»Hast doch Hunger?«

»Jetzt nicht mehr.«

»Schau, was für ein wetterwendiger Bub Du bist. Das hätt ich gar nie gedacht von Dir. Wenn Dir der Hunger vergangen ist, so wird er wohl


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bald wiederkommen, und Du mußt doch Etwas im Rucksack haben. Also her damit!«

Er weigerte sich nicht länger und sah schweigend zu, als sie ihm von ihren Vorräthen auswählte. Es war das Beste, was sie ihm gab. Sein Auge folgte jeder ihrer Bewegungen. Er sagte sich immer und immer wieder, daß es weitum kein so schönes und braves Mädchen gebe. Dann, als sie für Speise gesorgt hatte, brachte sie ein Fläschchen mit Branntwein.

»Jetzt gieb Deine Händ' her, damit ich nach den Wunden sehe!«

Er gehorchte ihr. Nur den Blick auf ihr schönes Angesicht gerichtet, zuckte er mit keiner Wimper, als der Spiritus ihm in das rohe Fleisch brannte. Sie rieb ihm auch die an den Felsen geschundenen Kniee damit ein. Als er auch da nicht ein einziges Mal zuckte, sagte sie verwundert:

»Macht das keinen Schmerz?«

»Nein.«

»Dann kannst gar kein Gefühl nicht haben.«

»O, es würde schon wehe thun, wenns nicht von Dir käme. Aber Deine Hand ist so lind, daß man gar nicht an den Schmerz denkt, den es giebt.«

Sie sah ihre kräftigen aber kleinen Hände lachend an.

»Schau, Du machst mich fast begierig, meine Hand zu schaun! Ich hab gar nicht gewußt, daß ich gar so besonderbare Finger hab.«

»Das liegt nicht allein in der Hand.«

»Wo noch sonst?«

»In - - in dem Herzen.«

»In dem meinigen?«

»Nein, in dem meinigen.«

Sie knieete vor ihm, da sie ihm ja die Kniee eingerieben hatte. Jetzt blickte sie mit einem Gesichtsausdrucke zu ihm auf, der so mächtig wirkte, daß auch er sich langsam niederließ.

»Leni!«

»Anton!«

»Ich möcht gleich so hier bleiben und Dich anbeten, immer-, immerfort!«

»Lästre nicht!«

»Da ist keine Lästerung dabei!«

»O doch!«

»Nein. Ich hab meinen Gott und meine heilige Madonna, zu der ich bet. So fromm und heilig wie sie, kommst auch Du mir vor. Darum möcht ich auch Dich anbeten, nur in anderer Weise als sie, nicht mit Bibelworten und frommen Versen, nein, gar nicht mit Worten, sondern mit der That. Weißt, so, wie man zum Himmel schaut, zu den Sternen, die man doch nicht anbetet und aber dennoch anbetet, weil sie so licht, so rein, so mild sind. Ich kann es nicht sagen, wie ich es sagen möcht. Verstehst mich?«

»Ja, ich verstehe Dich, Anton.«

»So komm, steh auf, und laß Dir noch 'was sagen!«


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Er zog sie mit sich empor, drückte leise, leise ihren Kopf an seine Brust und fragte:

»Gehst wirklich zu meinen Eltern, wann ich da - da - - dadrin stecke?«

»Ja; ich thue es gewiß.«

»So werd ich gleich morgen gehn und mich melden. Ich will sühnen, was ich gethan hab; dann bin ich frei und kann Jedem in das Gesicht schaun. Werd ich dann Dich noch hier in der Gegend treffen?«

»Ich geh nicht fort.«

»Und darf einmal zu Dir kommen auf die Alm?«

»Ja, gern. Du wirst willkommen sein.«

»Und dann - dann - - was thue ich dann? Rathe mirs doch, Leni?«

»Weißts nicht selbst?«

»Ich weiß es; aber ich darfs nicht sagen.«

»Sags in Gottes Namen!«

»Gut. Ich werd Dich dann fragen, ob Du mich gern hast. Darf ich das fragen?«

»Du darfst.«

»Und was wirst antworten?«

Seine Stimme hatte gar nicht den gewöhnlichen Ton. Es war jener unnachahmliche Klang, der nur dann zu hören ist, wenn zwei Herzen zum ersten Male mit einander sprechen.

»Mußt das jetzt bereits wissen?« fragte sie.

»Ja. Es wird mir ein Trost und eine Zuversicht sein in der Gefangenschaft.«

»So kannst fröhlich sein. Ich werd warten, bis Du wiederkehrst, denn ich hab Dich gern.«

»Ists wahr, Leni, ists wahr?«

»Ja,«

»Dies Wort mag Dir Gott vergelten. Es macht aus mir einen Mann, vor dem die Leut Respect haben sollen. Jetzt brech ich auf und trag den Eltern die dreihundert Mark hinüber. Da haben sie zu leben, bis ich wiederkehr. Dann will ich arbeiten, daß mir die Haut von den Händen geht, grad so, wie sie jetzt ausschaun.«

»Das hast nicht nöthig, Anton.«

»O doch. Das Geld ist dann ja alle, und ich muß ganz von vorn anfangen.«

Er hielt noch immer ihren Kopf an seine Brust. Jetzt erhob sie das Gesichtchen zu ihm empor und sagte mit dem Ausdrucke des Glückes zu ihm:

»Ja, Dein Geld ist dann alle, aber dann hab ich ja welches!«

»Du?« fragte er erstaunt.

»Ja. Weißt, was mein Vater gewesen ist?«

»Nein.«


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»Er war Botenmann, vom Dorf zur Stadt so hin und wieder her, weißt?«

»Ich weiß schon. Aber Botenleut sind arme Leut.«

»Aber mein Vater ist sehr sparsam gewesen. Die Mutter ist gestorben, als sie mich zum ersten Male im Arme gehalten hat, und da hat der Vaterl ihr versprochen, recht brav für mich zu sorgen. Das hat er halt gethan. Er hat sich das Brod am Mund abgebrochen, um mir eine Milch und Semmel zu geben und einen Kreuzer in die Sparbüchs zu thun.«

»Das ist brav!«

»So ist Kreuzer auf Kreuzer gewachsen, ganz so lustig, wie auch ich gewachsen bin; aber Vater hat sich zu sehr angegriffen gehabt, und plötzlich ist er todt gewesen. Der Doctor hat ihn untersucht und die Krankheit gesagt, an der er gestorben ist.«

»Wie lautet sie?«

»Famelicus.«

»Das verstehe ich halt nicht.«

»Es ist ein lateinisches Gelehrtenwort, weißt, wie die Aerzte alle sprechen, nur der Dorfbader nicht. Mein Pathe hat das Wort vom Doctor gehört und es sich gemerkt. Dann hat er es mir einmal gesagt. Später ist einmal ein fremder Herr zu mir auf die Alm gekommen mit einer blauen Brillen auf der Nasen. Er hat Kräuter gesucht und Steine zerschlagen und einer jeden Sach einen fremden Namen gegeben. Den habe ich gefragt, was für eine Krankheit dieses Famelicus ist.«

»Und was hat er gesagt?«

»Ein Famelicus ist ein Verhungerter.«

»Herrgottle!«

»Ja. Der Vater hat nicht genug gegessen, und darum ist er gestorben, weißt, nicht an so einem plötzlichen Hunger, wann man eine Woche lang nichts ißt, sondern an einem langen Hunger, wann man alle Tagen nicht genug ißt und dabei immer matter wird. Das hat er meinetwegen gethan, der Kreuzer wegen, die er in die Sparbüchs für mich legte.«

»Der Herrgott wirds ihm im Himmel gedenken!«

»Das bete ich täglich! Vor seinem Tode hat er den Pathen kommen lassen, den Wurzelsepp, und ihm die Ersparung für mich anvertraut. Der Sepp hat das Geld nach München getragen, wo es eine Sparkaß auf Zinsen giebt, und jetzt nun sind an die vierhundert Gulden beisammen.«

»Heilige Maria!«

»Und weil man jetzt nicht mehr Gulden sagt, sondern Mark, so sind es an die tausend Mark.«

»O jeh, Dirndl, was bist reich geworden!«

»Meinst?«

»Ja. Das ist ja ein Geldl, daß Einem der Verstand still stehen möcht!«


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Sie sah ihn glücklich lächelnd an, nickte ihm höchst befriedigt zu und sagte:

»Schau, das ist nachher Dein!«

»Mein?«

»Ja.«

»Dann machst wohl Spaß?«

»Gar nicht! Wann ich Deine Frau bin, so ist doch mein Geld das Deinige! Oder nicht?«

»Am Ende gar! Ich kanns aber doch nicht fassen!«

»O, fassen wollen wir es schon. Ich lauf hinein nach München und hol es gleich da in der Schürzen heraus!«

»Das wirst nicht thun; da könnts hüben und drüben herausfallen. Es wird sich wohl so ein Schubsack finden lassen, in den wir es stecken können. Herrgottsakra! Wanns doch gleich so weit wäre!«

»Es kommt schon so weit!«

»Ja, und nachher werd ich Juchhe machen, damit es recht bald wieder alle wird!«

»Das thust nicht, Du nicht!«

»Nein, Leni. Ein Geldl, woran Dein Vater verhungert ist, das hat mir der liebe Herrgott nur geborgt, damit ich ihm die Zinsen bezahl. Da muß man brav alle Händ darüber halten. Nun jetzt ist mir das Herz leicht geworden. Also ich lauf in der Nacht hinüber zu meinen Eltern und geb ihnen die Dreihundert. Dann geh ich in die Gefangenschaft.«

»Und ich besuch Dich manchmal drin.«

»Willst das wirklich thun, Leni?«

»Gewiß. Du bist mein Bräutigam, und ich komm zu Dir, so oft ich darf, um Dir ein freundlich Gesicht und einen frohen Blick mitzubringen, damit es Dir im Herzen nicht gar so dunkel wird. Gelt?«

Da legte er ihr die Hände auf den Kopf.

»Leni, was sag ich Dir nur für diese Lieb und Barmherzigkeit? Ich möcht Dir so Vieles sagen und find doch nix, gar nix! Aber halt, da fällt mir ein! Es ist nix aus mir selber heraus, gar nix Neues; auch hast Du es bereits sehr oft gehört; aber ich kann Dir wirklich nix Besseres sagen als dieses. Bitt schön, Leni, thu Deine Händ falten und hör zu!«

Es standen ihm glänzende Tropfen in den Augen.

Sie hielt den Kopf still, auf welchem seine Hände noch lagen und faltete die ihrigen, den Blick innig zu ihm erhebend. Und da sprach er:

»Leni, meine gute, liebe Leni, der Herr segne und behüte Dich; der Herr erleuchte sein Angesicht auf Dich und sei Dir gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht über Dich und gebe Dir seinen Frieden! Amen!«

»Amen!« flüsterte auch sie.

Es blieb eine ganze Weile still in der kleinen Sennhütte. Der einfache, ungelehrte Aelpler hatte nichts Anderes gefunden, seinen herzbewegenden Gefühlen Ausdruck zu geben. Hätte er wohl auch etwas Besseres finden können? Nein.


// 38 //

Es war ihnen Beiden zu Muthe, als ob sie in der Kirche ständen, in Weihrauchsduft und Orgelton. Es war, wie das fromme Sprüchwort sagt: Ein Engel schwebt durch den Raum. Dann, nach längerer Zeit flüsterte er ihr zu:

»Lein, hab ich Dir mißfallen?«

»Mißfallen? Heilige Mutter Gottes! Wie kannst Du mir mißfallen haben!«

»Weil ich den Segen sprech, wann ich bei meinem Schatzle bin.«

»Kannst ja gar nichts Besseres sagen!«

»Aber Andre würden drüber lachen!«

»Schau, was Andere thun, werden doch wir nicht thun? Ich sags Dir gleich: Ich hab meinen Herrgott über Alles lieb, und erst nach ihm kommst Du. Dann kommt gleich der Wurzelsepp. Diese Reihenfolg wird bleiben. Ich mag nix wissen von Freud und Lust und Vergnügen, wobei die Sünd vorhanden ist. Wann das auch Dir recht ist, so werden wir sehr glücklich sein, Anton!«

»O, grad das ist mir sehr lieb und recht. Weißt, es giebt nix Schöners für mich, als wenn ich des Abends zu Haus bei den Eltern sitz und les ihnen vor aus der alten Hauspostillen, worin die großen Bilderbuchstaben sind. Wann man darauf schlafen geht, so ists grad so, als hab ein Engel Einem das Bett gemacht und der liebe Gott hätt nachher das Kopfkissen recht weich gelegt. Da schläft man so gut und so fest wie - - wie - - -«

»Wie Einer, der auf der Alm wildern gewesen ist!« fiel sie mahnend ein.

»Ich bitt Dich schön, Leni, sprich das nicht wieder! Was ich gethan hab, das will ich büßen, und dann geschieht es halt nicht wieder. Vielleicht hat der liebe Gott es mir bereits jetzt vergeben, und so darfst es mir nicht mehr vorwerfen!«

»Hast Recht, Anton! Hier meine Hand darauf, daß ich nie wieder davon sprech!«

»Gut! Deine Hand und - und - und noch was!«

»Was?«

»Ein Busserl.«

»Geh! Schäm Dich!«

»Magst nicht?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil - weil - - weil Du eigentlich noch gar nicht richtig mein Bräutigam bist.«

»Hast aber doch bereits vorhin gesagt, daß ich es bin!«

»Hab mich da halt versprochen.«

»Was bin ich nun dann?«

»Mein - Schatzerl.«

»Und das Schatzerl küßt man nicht?«

»Nein.«


// 39 //

»Nur den Bräutigam?«

»Ja.«

»Da sag doch 'mal, wo das geschrieben steht! Etwa im Matthäus oder Marcus?

»Nein.«

»Wo sonst? Es muß doch irgendwo geschrieben stehen, weil Du Dich darnach richtest!«

»Ja, es steht auch geschrieben.«

»Nun, wo denn da?«

»Ja - in -« sie suchte nach einer Antwort und fand sie auch, denn sie fuhr fort, »in - in - - in der Geographie.«

»In der Geographie! Handelt die denn etwa vom Busseln?«

»Ja, sehr.«

»Da hab ich noch nie nix gefunden.«

»Hast denn schon bereits Geographie getrieben?«

»Ja, in der Schul'.«

»Das taugt nix. In der Schul wird Dir der Lehrer doch nicht das Capitel vom Busseln bringen.«

»Wann sonach denn?«

»Später, wann man selber liest.«

»Das hab ich ja auch gethan. Unser Cantor hat ein Buch, wo die Geographie drin geschrieben steht, von Wien und Nürnberg, von Paris und Prag, von Rußland und den Alpen, aber das Küssen hab ich da nicht gefunden.«

»So hast nicht aufgepaßt.«

»Grad gar sehr!«

»Nein. Hast auch von der Türkei gelesen?«

»Ja. Dort ist nur der Halbmond. Einen Vollmond oder einen Neumond wie bei uns haben sie dort gar nicht.«

»Das weiß ich nicht; aber in der Türkei dürfen sich die Liebesleut gar nicht sehen. Der Bub bekommt sein Dirndl erst nach der Hochzeit zu schaun; also darf man nur als Bräutigam und Braut busseln. Hasts verstanden?«

»Verstanden hab ichs wohl, aber es gefallt mir nicht. Bist etwa eine Türkin?«

»Nein.«

»Und ich bin auch kein Türke. Wir haben uns also nicht nach dem dortigen Brauch zu richten, sondern nach der Sitt', die man in Oesterreich oder Bayern findet.«

»Und wie ist dieselbige?«

»Da küßt der Bub das Madel, welches er lieb hat, bereits schon längst vor der Hochzeit.«

»Das ist zu früh!«

»Meinst wirklich?«

»Ja.«

»So hast mich halt nicht lieb.«


// 40 //

»Geh! Das glaubst selber nicht. Würd ich Dich hier bei mir leiden, wann ich Dich nicht lieb hätt'?«

»Nein; das weiß ich, denn Du bist ein braus Dirndl; aber den Kuß darfst mir nicht versagen.«

»Ist ein Kuß denn gar so schön, daß Dich so sehr nach einem verlangt?«

»Wunderbar schön, sag ich Dir!«

»Woher weißt das? Hast etwa schon bereits so viele Dirndln gehabt?«

»Kein einzigs. Du bist meine erste Lieb; das kannst mir glauben. Aber wann ich Dir so zuwider bin, so will ich verzichten und lieber warten, bis Du Dich an mich gewöhnt hast.«

Er griff nach seinem Rucksack und warf sich denselben über den Rücken. Als er auch nach dem Gewehr langte, sagte sie:

»Anton, willst mir gar bös sein?«

Er blickte ihr treuherzig in die Augen.

»Nein, Leni, bös kann ich Dir gar nicht sein. Ich weiß, wie Du bist. Es hat Dich noch nie kein Bub anrühren dürfen; darum fallt Dirs schwer, Dir den Kuß geben zu lassen. Es kommt die Zeit von selbst, wo die Lieb stärker sein wird als die Sprödheit, und das kann ich erwarten. Jetzt schlaf nun wohl, Leni! Ich geh.«

»Wart halt noch den Augenblick! Hier!«

Sie trat rasch auf ihn zu, legte ihm beide Arme um den Hals und küßte ihn auf den Mund.

»So, Anton! Bist nun zufrieden?«

»Ja, ganz glücklich bin ich!«

»Das ist der erste Kuß, den ich geb!«

»Aber nicht der letzte?«

»Nein.«

»Doch nur mir allein?«

»Nur Dir allein!«

»Wirst auch Wort halten, Leni?«

»Bist etwa bereits eifersüchtig?«

»Nein; aber ich hab da halt eine sehr strenge Ansicht. Ich hab noch nie ein Dirndl beim Kopf gehabt und nie Einer ein Busserl gegeben; so soll es auch bei Dir sein. Wann Du einmal einen Andern küßtest, wärs auch nur im Scherz und beim Pfandspiel, so wär es aus mit uns.«

»So denk ich auch, grad so wie Du. Der Kuß ist nur für Mann und Frau.«

Sie sagten sich das so ernsthaft, als ob von dieser Mittheilung Leben und Tod abhängig sei. Sie ahnten dabei nicht, wie entscheidend grad diese Worte für ihr späteres Schicksal sein sollten.

»Hast Recht, Leni! Und nun hab ich Alles, Alles, was ich mir wünschte, viel, viel mehr, als ich hoffen durfte, ehe ich dem Bären folgte. Jetzt laß uns scheiden.«


// 41 //

»Wann Du einmal gehen willst, so kann ich es nicht ändern. Aber laß Dich nicht ergreifen!«

»Nun kann mirs gleich sein! Ich will mich ja doch melden.«

»Aber freiwillig. Dann wird die Straf' gelind ausfallen. Ergreifen sie Dich, wirds schlimmer.«

»So will ich mich in Acht nehmen.«

»Der Jägernaz sagte, Du könntest nicht durch.«

»Laß ihn reden! Sie haben zwar alle Weg' besetzt, aber ich fürcht mich nicht. Sie mögen mir so einen Bergsteiger bringen, wie ich bin. Und nun Du die Meinige bist, werden sie mich erst recht nicht fangen. Weißt, die Lieb giebt Flügel. Wann sie jetzt kämen und ich ständ am tiefsten Abgrund, ich käm doch hinüber. Es ist mir ganz so, als ob ich gar keinen Körper mehr hätt, als ob ich nur aus lauter Glück und Seligkeit beständ und als ob Alles grad genau so geschehen müßt, wie ich es will. Darum - horch!«

»Herrgott! Es kommt wer!«

Man hörte Schritte nahen.

»Hinaus! Hinaus!« bat Leni.

»Dazu ists zu spät.«

»So versteck Dich!«

»Wohin?«

»Hinaus in das Heustadel.«

»Ich kann doch nicht hinaus. Der Fremde hat ja von innen zugeriegelt.«

»Heilige Mutter Gottes! Was thun wir!«

Diese Worte waren in höchster Eile gewechselt worden. Leni fühlte eine fürchterliche Angst. Anton hingegen hatte seine Geistesgegenwart und Kaltblütigkeit keinen Augenblick verloren. Er sah sich um und meinte:

»Verstecken kann ich mich nun nicht. Ich setz mich hierher und thu, als ob ich schlaf. Was dann geschieht, das kommt ganz darauf an, wer Diejenigen sind, welche da kommen.«

Er zog den Schemel schnell hinter die Thür und setzte sich darauf, den Rücken nach der Thür gerichtet. Das Gewehr zwischen den Beinen und das Gesicht in die beiden Hände gelegt, nahm er eine Haltung ein, in Folge deren man seine Züge gar nicht sehen konnte.

Von dem Augenblicke, an welchem die Beiden die Schritte gehört hatten, bis jetzt, war noch keine Minute vergangen. Nun mußte es sich entscheiden, denn es war deutlich zu vernehmen, daß Jemand hart an der Thür stehen blieb und leise einige befehlende Worte sprach. Es waren also mehrere Personen draußen.

Und das ging eigentlich ganz natürlich zu.

Der Wurzelsepp hatte, wie bereits gesagt, vom Könige den Befehl erhalten, dem Oberförster zu sagen, daß er mit Anbruch des Morgens in der Sennhütte erscheinen solle. Der Beamte hatte aber aus Pflichteifer nicht so lang warten wollen; er war viel, viel eher aufgebrochen und hatte sogar drei Jägerburschen mitgenommen, damit sie dem Monarchen die Gemsen vor den Lauf treiben sollten.


// 42 //

Jetzt nun hatten sie die Alm erreicht und näherten sich dem Häuschen, aus dessen kleinem Vorderfenster zu ihrem Erstaunen noch der Schein eines Lichtes leuchtete.

»Die Leni wacht,« sagte der Förster zu den Gehilfen. »Jetzt nun will ich Euch sagen, was ich Euch bisher verschwiegen habe. Seine Majestät, der König, befinden sich nämlich auf der Alm, um mit Tagesanbruch zu jagen. Natürlich dürfen wir nicht stören; darum dachte ich, daß wir uns hinter der Hütte ins Gras legen würden, um zu ruhen, bis die Majestät erwacht ist. Da aber die Sennerin auch noch nicht schläft, wollen wir sehen, ob wir drin Platz finden oder auf dem Stroh über dem Stalle. Wartet hier. Ich will einmal nachschauen.«

Sie nahmen die Gewehre ab und blieben stehen, da, wo der Weg von der Alm nach unten führte. Der Oberförster aber trat zur Thür, um zu horchen. Er hörte nichts und ging zum Fenster. Durch dasselbe sah er die Sennerin am Herde sitzen, bleich und mit offenen Augen.

Jetzt kehrte er an die Thür zurück und klopfte leise, um den König, welcher sich auf alle Fälle im Stadel befand, nicht zu wecken.

»Herein!« sagte Leni ebenso leise, doch so, daß er es hörte.

Er trat ein und merkte, da er die offene Thür in der Hand behielt und da auf der Schwelle stehen blieb, zunächst gar nicht, daß sich hinter der Ersteren noch Jemand befand.

»Guten Mor- --«

Das Wort blieb ihm im Munde stecken. Sein Blick war auf den Bären gefallen.

»Tausend Teufel!« fuhr er dann fort. »Ein Bär! Wie kommt der hierher!«

Die Sennerin war aufgestanden. Sie mußte den Namen des Ankömmlings nennen, damit Anton erfahre, wer da sei.

»Guten Morgen, Herr Oberförster. Du bist auf der Alm?«

»Ja, Leni. Aber antworte! Wie kommt der Bär hierher?«

»Leise, leise! Der Herr wacht sonst auf, welcher da draußen schläft.«

»Kennst Du diesen Herrn?«

»Nein.«

»Ach so! Hat etwa er den Bären geschossen?«

»Ja. Es ist derselbige Bär, welcher jenseits in die Ställe gebrochen ist.«

»Natürlich! Also hat er sich nun auch hier bei uns umschauen wollen! Das ist ihm schlecht bekommen. Aber welch ein Unglück, wenn der Kö - - - wenn der Herr, welcher draußen schläft, von der Bestie getödtet worden wäre! Wie hat sich denn das Abenteuer zugetragen?«

Er trat in die Hütte hinein, ohne aber die Thür aus der Hand zu lassen. Leni antwortete:

»Ja weißt, der Herr hat den Bären schnuppern hören und ist hinausgegangen.«

»Allein?«


// 43 //

»Ja, ich schlief.«

»Und er hat Dich gar nicht geweckt?«

»Nein. Ich bin erst aufgewacht, als der Schuß fiel.«

»Donnerwetter! Ich bin ganz starr und steif vor Schreck! Welch ein Herzeleid wäre über das Land gekommen, wenn - - ah, da sitzt ja Einer!«

Er hatte jetzt die Thür halb zugemacht und erblickte Anton, welcher noch immer that, als ob er schlafe.

»Wer ist der Mann?«

»Ein Fremder.«

»Ein Fremder? Mit einem Gewehr? Hm, den muß man sich einmal ansehen.«

Er trat zu Anton hin und rüttelte ihn an der Achsel.

»Heda! Aufgewacht!«

Anton gähnte und knurrte wie Einer, welcher im Schlafe gestört wird und sich aber nicht stören lassen will.

»Na, wie wirds! Steig empor, damit man Dein Gesicht sehen kann!«

Jetzt wäre Weigerung Unsinn gewesen. Anton stand auf.

»Tausend Teufel!« rief der Oberförster. »Sehe ich recht? Der Krikelanton!«

»Ja, der bin ich,« antwortete Anton, den Fuß zum Sprunge ansetzend. »Hast was dagegen?«

»Dagegen, daß Du es bist, habe ich gar nichts. Vielmehr freue ich mich königlich darüber. Gieb Dein Gewehr her, Bursche!«

Das hatte der Wilderer erwartet. Er war darauf gefaßt gewesen, sein Gewehr zurücklassen zu müssen; darum hatte er es so neben sich hingelehnt, daß es, als er aufstand, zwei Schritte weit von ihm entfernt war. Der Förster mußte sich natürlich vor allen Dingen dieser Waffe bemächtigen. Er trat hinzu, sie an sich zu nehmen. Dadurch bekam Anton einen freien Raum zum Handeln. Ein schneller Sprung brachte ihn an diejenige Seite der Thür, an welcher sich dieselbe öffnete. Aber bereits hatte sich der Förster wieder umgedreht. Geistesgegenwärtig, wie der erfahrene Mann war, sah er sogleich, daß es für ihn bereits zu spät sei, den Wilderer mit der Hand zu erlangen. Er hatte aber draußen seine Gehilfen stehen. Darum rief er mit laut dröhnender Stimme:

»Achtung draußen! Der Krikelanton! Haltet ihn fest!«

Anton hatte die Thür aufgerissen und sprang hinaus, eben als dieser Ruf erschallte. Er erblickte die drei Burschen, welche ihm sofort den Weg verlegten. Er sah, daß er nicht hindurch konnte, weder auf- noch abwärts. Zur Seite springend, blieb er einen Augenblick halten, den Blick über die mondeshelle Alpenlandschaft werfend.

»Haltet ihn! Haltet ihn!« fügte der Oberförster seinem Rufe bei, jetzt auch aus der Hütte springend, hinter Anton her. »Da ist er. Drauf!«

Er sprang auf den Wilderer ein. Schon streckte er beide Hände nach ihm aus.


// 44 //

»Heut noch nicht!« rief da Anton und schnellte zur Seite und dann grad aus, in weiten Sprüngen entfliehend.

»Ihm nach!« rief einer der Gehilfen.

»Halt! Nein! Um Gotteswillen!« schrie der Förster. »Dort ist ja der Abgrund!«

»Eben dort ergreifen wir ihn. Er kann ja doch nicht weiter!«

»Hier geblieben! Er muß auf alle Fälle zu uns zurück!«

Die Gehilfen gehorchten. Niemand folgte dem jungen Manne. Jetzt war auch Leni aus der Hütte gesprungen. Sie sah den Geliebten nach dem Abgrunde zueilen, über dessen scharfen Felsengrat die Mondsüchtige herübergekommen und dann wieder zurückgekehrt war.

»Herr, mein Heiland!« rief sie aus. »Anton, Anton, wo willst Du hin!«

Er wandte einen Augenblick den Kopf.

»Hinüber!«

»Unmöglich! Kehr um!«

»Du weißt ja, ich hab heut Flügel!«

»Denk an Deine Eltern!«

»Eben deretwegen! Gute Nacht!«

»O heiliger Gott! Er wagts! Er ist verloren!«

Sie sank in die Kniee und bedeckte ihre Hände mit dem Gesicht.

»Pah!« rief der Oberförster. »Der Kerl wird nicht so wahnsinnig sein! Alle Teufel, doch!«

Anton war jetzt da angelangt, wo der kaum einen Fuß breite, scharfe Felsengrat begann. Man sah, daß er sich eine kurze Zeit lang bückte. Dann setzte er den Fuß auf den Grat. Er hatte nicht einmal den Bergstock bei sich.

»Himmel! Er will wirklich drüber!« rief einer der Gehilfen.

»Jetzt, bei Nacht!« fügte schaudernd ein Anderer hinzu.

»Es ist am hellen Tage unmöglich.«

»Nun, ganz, wie er will!« sagte der Oberförster entschlossen. »Er rennt auf alle Fälle in sein Verderben.«

Er schritt weiter vor, nach dem Abgrunde zu. Die Gehilfen aber blieben bei der Hütte stehen, da wo Leni kniete.

Da trat der König aus der Sennhütte. Er hatte das Geschrei vernommen und war aufgestanden.

»Was geht hier vor?« fragte er.

Einer der Gehilfen wendete sich zu ihm um und erklärte in ehrerbietigem Tone:

»Der Krikelanton, Majestät, ist hier.«

»Ich weiß es. Wo?«

»Da drüben läuft er.«

Ludwig richtete den Blick nach der Seite, welche der Mann mit dem ausgestreckten Arme bezeichnete. Dort sah man beim hellen Scheine des Mondes den Wilderer langsam über den Grat schreiten, so wie ein Akrobat über das hohe Thurmseil geht, rechts und links gähnende Abgründe unter sich.


// 45 //

»Himmel!« rief der König, aufs Tiefste erschrocken. »Das ist ja ein unmenschliches Wagniß! Warum thut er es?«

»Er will entfliehen.«

»Vor wem?«

»Vor uns. Der Herr Oberförster hat ihn erwischt.«

»Was will der schon hier? Wie kann man ohne meine Erlaubniß - ah! Anton, Anton, komm zurück, zurück!«

Er hatte die Hand an den Mund gelegt, damit der Ruf zu dem Genannten dringen solle.

»Majestät, der kann nicht zurück,« sagte der Gehilfe. »Sobald er sich umdrehen wollte, würde er in die Tiefe stürzen.«

»Anton, halt!« hörte man jetzt den Förster rufen, welcher in einer Entfernung von vielleicht sechzig Schritten weiter vorn am Abgrunde stand.

Der Gerufene kümmerte sich nicht darum; er schritt weiter.

»Halt, sage ich!«

Und als der Fliehende auch jetzt noch nicht gehorchte, erklang es wieder:

»Zum Teufel, halt, Kerl!«

Auch das half nichts. Da sah man, daß der Oberförster das Gewehr anlegte. Nur der König bemerkte es nicht, da sein Auge an der Gestalt des kühnen Bergsteigers hing. Eben näherte sich ein Wölkchen dem Monde.

»Gott, er will schießen,« bemerkte der Gehilfe.

Jetzt erst wurde Ludwig auf das Gewehr seines Beamten aufmerksam.

»Halt!« gebot er laut. »Nicht schie - --«

"Es war zu spät"

Es war zu spät. Mit der letzten Silbe, welche der König aussprach, krachte der Schuß, dröhnende Echos erweckend. Man sah Anton wanken, gar taumeln, dann langsam zusammenbrechen - das Wölkchen trat vor den Mond; es glitt rasch vorüber - Anton war verschwunden; man hörte seinen stürzenden Körper, von Zacke zu Zacke aufschlagend, in die schauerliche Tiefe fallen.

Drüben von jenseits erklangen auch einige Schüsse und laute Rufe erschallten herüber. Jedenfalls waren die Rufenden Beamte, welche dort postirt waren des Krikelantons wegen.

Sprachlos standen Alle, von Grauen und Entsetzen gepackt. Nur der Oberförster wendete sich um, kam langsam näher und sagte:

»Er hat es nicht anders gewollt. Nun schießt er uns keine Gemse mehr.«

Da erscholl ein Schrei, so schrill, so entsetzlich, als müsse sich alles Fürchterliche des Menschenlebens in diesem einen Laute Luft machen. Leni war es. Sie hatte sich, als der Schuß fiel, emporgeschnellt und starrte nach der Gegend hin, wo der Geliebte verschwunden war.

»Wo ist er, wo?« rief sie aus.

»Da hinab,« antwortete der Förster.

»Erschossen? Von Dir?«

»Er hat es gewollt.«

»So gehe ich zu ihm.«


// 46 //

Sie eilte fort, dem Abgrunde zu.

»Um Gotteswillen, haltet sie!« gebot der König.

Die Gehilfen sprangen ihr nach. Es gelang ihnen, sie zu erreichen und festzuhalten. Eine kurze Weile wehrte sie sich, dann ergab sie sich, in scheinbarer Ruhe sagend:

»Ihr habt Recht. Es muß nicht gleich sein; es kann zu jeder Zeit geschehen.«

Sie ließ sich willig in die Hütte führen. Dorthin rief der König auch den Oberförster. Die Stimme des Monarchen war trotz der zugemachten Thür in lautem, zornigem Tone zu hören. Es wurde wohl über eine Viertelstunde verhandelt, dann trat der Beamte heraus. Er schwitzte vor Verlegenheit und Scham.

»Kreuzhimmeldonnerwetter!« fluchte er. »Wer hätte das denken können. Dieser Krikelanton hat der Majestät das Leben gerettet, und ich habe ihn erschossen. Der König hat ihm Alles vergeben und ihn sodann anstellen wollen, und da komme ich und schieße ihn weg. Was sagt Ihr dazu?«

Die Gehilfen schwiegen; da aber doch eine Antwort erfolgen mußte, sagte endlich Einer:

»Das ist freilich Pech!«

»Pech? Schafskopf! Was heißt Pech! Es ist um meine Stelle, um mich selbst, um Alles geschehen. Nun sitzt noch die Sennerin da drin und thut, als ob sie wahnwitzig sei. Sie spricht kein Wort, giebt keine Antwort - hört Ihr, wie der König in sie hineinredet? Nun ist es für mich am Besten, ich stürze mich auch in den Abgrund, in welchem jetzt der Hallunke liegt!«

Statt dessen aber setzte er sich auf die Bank und stemmte den Kopf in die Hände. Seine Leute blieben wortlos daneben stehen.

Nach einiger Zeit trat Ludwig heraus und befahl:

»Aus unserm Pürschgange wird nun nichts. Wir steigen abwärts, und es wird sofort nach dem Leichnam des Unglücklichen gesucht. Die Sennerin will es so, und es hat zu geschehen.«

In Kurzem waren Alle unterwegs, Ludwig, die vier Forstbeamten und Leni, welche wortlos an der Seite des Königs hinschritt.

Hätte der Mond weniger hell geleuchtet, so wäre dieser Abstieg höchst gefährlich gewesen; aber er wurde ohne Unfall zurückgelegt. Der König begab sich zum Pfarrer, um bei diesem den Rest der Nacht zuzubringen. Die Anderen gingen nach der Schänke und zum Ortsvorstande, um Leute aufzubieten, welche sich an der traurigen Suche betheiligen sollten.

Leni schloß sich natürlich Denjenigen an, welche nach der Schänke gingen. Sie wußte, daß ihr Pathe dort übernachtete. Als dieser hörte, was geschehen war, wollte er es gar nicht glauben. Sie erzählte ihm Alles. Es wurde ihm Angst um sie.

»Herr Jesses,« sagte er, »laß doch nur derohalben den Kopf nicht sinken. Es ist halt Einer erschossen worden; das ist Alles.«

»Alles?« erwiderte sie tonlos. »Erschossen worden! Ist das nichts?«


// 47 //

»Nun ja! Aber wie gehts im Kriege, wo in einer einzigen Schlacht gleich dreihundert Mann erschossen werden oder wohl gar zwanzigtausend!«

»Aber der Anton ist da nicht dabei!«

»Der Anton? Himmelsakra! Was hast denn grad mit diesem zu schaffen?«

»Er ist mein Bräutigam.«

»Dein - - wa - wa - - waaas?«

»Mein Bräutigam.«

»Das sagst so ernsthaft!«

»Soll ich dazu lachen?«

»Nun, lächerlich ists eigentlich. Wie kommst denn zu einem solchen Bräutigam?«

»Aus Liebe.«

»Aus Lie - - Sternhageldonner! Das weiß ich schon beinahe, daß man nicht aus Haß und Rache zu einem Bräutigam kommt!«

»Hast etwa was dagegen?«

»Nein, gar nix, wann er noch lebte. Er war halt ein braver Bub; das weiß ich besser als die Andern Alle. Aber nun da er todt ist, so - - ah, ich möcht noch gar nicht daran glauben, daß er wirklich todt ist.«

»Er ists!«

»So ein Kerl und todt! Das will sich halt gar nicht auf einander reimen. Na, wir werden gar bald Gewißheit haben. Hörst, da sind die Leut alle beisammen; da gehts nun fort. Du willst doch nicht auch mit?«

»Ich gehe mit.«

»Ein Dirndl auf der Such? Sei gescheidt, und bleib da!«

»Es kann mich nix abbringen!«

»Auch meine Bitte nicht?«

»Nein.«

»Aber denk an Deinen guten Ruf! Was müssen die Leut sagen, wann Du bei Nacht und Nebel kommst und zu ihnen meinst: Er war mein heimlicher Schatz; er ist diese Nacht bei mir gewest und darum erschossen worden? Es ist aus mit Dir, ganz und gar aus. Bleib hier in der Schänk in meiner Stub, die mir der Wirth geben hat. Ich komm bald wieder und sag Dir, was wir gefunden haben.«

Sie sah doch ein, daß er Recht hatte und fügte sich in seinen Willen. Als die Bewohner des Ortes mit Laternen, Leitern und Seilen abgezogen waren, begab sie sich in die Kammer, aber nicht um zu ruhen; das war ihr unmöglich. Sie schritt in dem Raume auf und ab. Sie fand weder Worte noch Thränen. Als bei Tages Anbruch die Wirthin kam und sie fragte, ob sie Etwas genießen wolle, schüttelte sie den Kopf. Ihr Kopf brannte. Sie hatte Fieber.

Endlich, endlich kehrte der alte Wurzelhändler zurück. Sein Bericht lautete:

»Wir haben nix gefunden, gar nix. Er muß drüben auf der andern Seiten abgestürzt sein. Nun sind sie hinüber, um da zu suchen; ich aber bin schnell herbeigelaufen, um Dir zu sagen, wie die Sachen steht.«


// 48 //

Sie blickte starr vor sich hin; dann plötzlich den Kopf hebend, fragte sie:

»Hast Geld?«

Er fuhr bei dieser so unerwarteten Frage förmlich zurück.

»Geld! Himmelsakra! Wie kommst zu dieser Fragen?«

»Hast Geld?«

»Nun ja, freilich! Wieviel?«

»Viel.«

»Wozu?«

»Für mich.«

»Das weiß ich, daß es nicht für den Kirchthurm ist. Was willst denn grad jetzt mit dem Geld machen?«

»Ich will es hinüber zu seinen Eltern tragen.«

»Zu den seinigen? Himmelsakra, was fallt Dir ein! Bist etwa dem Krösus seine Frau oder dem Rothschild seine einzige Tochter, he?«

»Ich bin reich!«

»Reich? Jetzt nun bleibt mir alleweil der Verstand im Kopfe still stehn! Das Dirndl will reich sein! Wieviel hast denn im Vermögen?«

»Tausend Mark.«

»So! Und da bist halt reich? Hast wohl Wespen im Kopf? Tausend Mark, das ist ein Quark! Verstanden! Und die willst etwa alle gleich hinübertragen?«

»Ja.«

»Schön! Trag sie 'nüber! Aber von mir bekommst sie nicht. Das sag ich Dir gleich. Man sollt gar nicht glauben, was sich so ein Dirndl gleich einbilden thut, wann ihr 'mal die Lieb verkehrt läuft. Jetzt ist der Anton todt, und nun will sie vor Grimm gleich Alles derschlagen; sogar ihr ganzes Geldl will sie todtschlagen. Da wird nix daraus! Da bin ich halt auch noch da, der Path und Vormund. Heut wird überhaupt nix unternommen, gar nix. Man soll nicht gleich im ersten Augenblick thun, was Einem einfallt, sondern man soll sich fein hübsch Alles überlegen. Wart bis morgen; dann ist auch noch ein Tag!«

So sprach er nach seiner kräftigen, halb komischen Manier in sie hinein, und es gelang dem guten Alten wirklich, sie einigermaßen zu beruhigen. Sie erklärte, warten zu wollen, bis man auch auf der andern Seite des Felsengrates gesucht habe. Indessen wurde ein Mädchen, welches grad Zeit hatte, hinauf zur Alm geschickt, um dort einstweilen Leni's Stelle zu vertreten, damit die Kühe nicht eingeschlossen blieben und zur Weide gehen konnten.

Erst gegen Mittag kamen die Leute zurück. Sie hatten nichts gefunden, da die eine Seite des Abgrundes so unzugänglich war, daß man gar nicht hinabgelangen konnte. Da unten mußte vermuthlich der vollständig zerschmetterte Leichnam liegen.

Als Leni diese Nachricht erhielt, brach sie vor Schmerz fast zusammen. Der Wurzelsepp saß bei ihr und weinte mit. Sein Liebling war ihm so an das alte Herz gewachsen, daß er den Schmerz des schönen Mädchens tief mitfühlte.


Ende der zweiten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk