Lieferung 23

Karl May

31. Dezember 1886

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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»Nein; den hat er schon geholt. Ich mein den Müllern.«

»Das sag ihm mal selber!«

»Meinst, ich sags ihm nicht?«

»Da wird er zur Peitschen greifen!«

»Soll ihm nicht einfallen!«

»Und die Paula, wann sie Dich erblickt!«

»Hört, die darfs nicht sehen!«

»So?«

»Nicht mal erfahren darf sies!«

»Ja, das versteh ich wohl! Was muß eine Braut denken, wann der Bräutigam so verledert wird!«

»Hör mal, könntst auch andere Ausdrücken brauchen! Oder verlachst und verspottest mich etwan?«

»Wie kannst das denken! Es ist die reine Barmherzigkeiten von mir! Du thust mir wehe!«

»Was hilft mir das! Bessern wärs schon, wanns Dir da wehe thät, wo mirs wehe thut; da wär ich gleich die ganze Geschichten los. Aber so ists halt immer: Dem, ders vertragen könnt, dem passirts leider nicht!«

»Wer weiß, ob ichs so gut vertragen thät, wie Du. Aberst nun besinn Dich doch mal ordentlich, und denk nach, obst nicht errathen kannst, wers gewest ist.«

»Ich kanns mir nicht denken.«

»War denn der Fex in der Fähre?«

»Nein. Erst hab ichs denkt, daß der Fex drin liegt. Das ist aberst die Wachsleinwand gewest, die ich sehen hab, als Ihr mit der Laternen kamt.«

»Und daneben war auch Niemand?«

»Nein.«

»Wer aber hat das Fuchseisen festmacht?«

»Das möcht ich auch wissen.«

»Jedenfalls der Fex,« sagte eine Magd. »Der ist ja der Fährmann. Ein Andrer kann doch in der Fähr keine Fallen stellen. Ob er eine Ratten hat derwischen wollen?«

»Ja, und was für eine!« lachte der Knecht.

»Jetzt lachst also richtig!« zürnte der Fingerlfranz.

»Nun ja freilich! Nimms mir nicht übel, Franz, aber wens nicht troffen hat, dem kommts doch so gar lächerlich vor, wannst so da stehst und ziehest den Frack hinein, als ob man die Schößen unversehens davon wegschnitten hätt. Und ein Gesicht thust schneiden, als obst Leberthran mit Essig trunken hättst.«

»Hol Euch all zusammen der Teuxel!«

»Lieber Die, dies gewest sind!«

»Ja! Wann ichs herausbekommen thu, dann können sich Diejenigen gefaßt machen.«

»Was hast nur eigentlich bei der Fähr gewollt?«

»Der Müllern schickt mich mit einem Befehl zum Fex. Ich trat an den


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Kahn und blickt hinein. Dabei legt ich mich mit den Händen aufs Bret, und da ist das Eisen zusammenklappt. Darauf hab ich allsogleich um Hilf geruft; aberst anstatt mir Rettung zu bringen, hat man mir beide Beinen zusammenbunden und dann zugehaut.«

»Verteuxeli! Aberst wacker gearbeitet müssen die Kerls haben. Es sind wohl an die acht Stöcken gewest, welche zerbrochen da lagen. Da ists kein Wundern und Mirakel, daß Deine Haut vor Verstaunen so zerplatzt ist. Mach jetzt, daßt weiter kommst, sonst sind wir übermorgen noch nicht wieder in der Mühlen!«

»Uh! Puh! Es graut mir!«

»So wart lieber. Ich will den Schubkarren holen; da legen wir Dich drauf, mit dem Bauch nach unten; da thut nachhero Das, was nach oben blickt, nicht gar so sehr weh.«

»Fallt mir nimmer ein! Vom Schubkarren mag ich nun erst recht gar nix wissen. Lieber lauf ich!«

Er setzte sich wieder in Bewegung. Langsam und mit vieler Unterbrechung gelangten sie endlich nach der Mühle. Der Weg war gewürzt von Bemerkungen, welche der Franz gewiß mit Ohrfeigen beantwortet hätte, wenn sein Zustand ein weniger leidender gewesen wäre.

Der Fex und die Paula hatten diese Unterhaltung mit angehört. Sie sagte leise:

»Habt Ihr denn gar so sehr zugehaut?«

»So, wie ers verdient hat!«

»War er gar so schlimm?«

»Ja. Ich erzähls Dir schon einmal später. Wanns auf ihn ankommen wär, so lebt ich jetzunder nicht mehr, sondern ich wär eine Leiche.«

»Meinsts im Ernst?«

»Ja.«

»Herrjemineh! Ich wollt ihn schon bereits bedauern; nun aberst sag ich freilich, daß ihm ganz recht geschehen ist. Er ist ein gar schlimmer und auch gefährlicher Mensch.«

»Das ist er.«

»Du, und nicht mehr leben! Mein Gott, was hätt ich da gemacht!«

»Du? Nun, sag mal, wast da macht hättst.«

»Geweint!«

»Nur?«

»Nur? Ist das nimmer genug, wann man sich zu Tode weint, Fex?«

»Ja, dann ists freilich genug. Aber das hättst wohl doch nicht than, Paula!«

»Warum nicht?«

»Das hätt zu lang dauert. Zum Todtweinen gehören wohl vielleicht gar viele Jahre.«

»Das kann sein; ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich nimmer wieder fröhlich gewesen wär.«


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»Ists wahr?«

»Das kannst glauben! Und warum nicht? Schau Dich doch mal um. Hab ich einen Menschen, der so zu mir ist wie Du? Sag mir einen, Fex!«

»Ja, ich weiß halt auch keinen.«

»So schau, daß ich gar Recht hab. Weißt, ich hab nur den Vatern, keine Muttern und keinen Brudern oder eine Schwestern. Ich bin so ganz allein, und der Vatern - -«

Sie stockte.

»Den hast nimmer lieb.«

»Nein, ich hab ihn nimmer lieb. Es ist eine Sünd, wann ichs sag; aber es ist so, und ich kann nicht dafür. Ich fürcht mich vor ihm. Es ist mir oft, als ob ich gar nicht glauben sollt, daß er mein Vatern ist. Also, ich hab nur Dich, Dich allein gehabt, so lang als ich leb. Wir haben mitsammen spielt und sind mitnander aufiwachsen. Damals warst Du noch nicht Fährmann und hattst Deine Freizeit, in der wir im Wald und auf den Feldern herumstrichen sind. Das war so gar besonders schön.«

»Besonders wann wir Mann und Frau spielt haben!«

»Ja, da hast Deiner Frau stets so gut gefolgt.«

»Freilich! Gehorsam bin ich Dir stets gewest.«

»Das hat mir gar sehr gefallen. Und dann hier oben auf dem Felsen, wo kein Anderer heraufkommen that, da haben wir graben und pflanzt in die Millionen hinein! Und was für Blumen!«

»Ja,« lachte er. »Gras und Hahnenfuß und Butternblumen und Löwenzahn. Du hast die Blumen abrupft von der Wiesen, ohne die Wurzeln daran, und sie hier in die Erden steckt. Und wanns nachhero verwelkt waren, da hast bitterlich weint und nicht begreifen konnt, daß sie nicht fortwachsen sind.«

»Freilich, freilich! Ich hab mir die Papierduten aus der Küchen holt und darinnen das Wassern aus dem Fluß heraufitragen. Und wanns unten voll wesen sind und ich bin heraufikommen, so sinds allemal leer gewest und gar noch dazu aufileimt. Das war ein Nöthen und Aengsten!«

»Und weils mit denen Papierduten nicht gangen ist, so hast nachhero Deinen Vatern seine Filzschuhen wegstiebitzt und in ihnen das Wassern geholt. Das ist schon bereits besser gangen, bis der Müllern es merkt hat. Da haben wir alle Beid ganz gehörige Schwippse bekommen.«

»Du aberst die meisten, weilst Deinen Buckel hinhalten hast, wann der Vatern nach mir zielt hat.«

»O, das hab ich gar nicht fühlt.«

»Du hasts überhaupten gar nimmer fühlt, wannst für mich hast leiden und hungern müssen. Und das ists, was ich Dir gar niemals vergessen werd. Ach ja, das war so schön damals! Nicht?«

»So gar schön!« nickte er.

»Aber jetzt, weil der Vatern immer bösern worden ist, und auch besonders weil - weil - weil - - -«

»Nun, weil? Was meinst?«


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»Den Fingerlfranzen.«

»Weil der vorhin Prügel bekommen hat?«

»O nein! Die sind ihm gern gegönnt. Sondern weil der Vatern mich mit Gewalt zu ihm zwingen will.«

»Und Du magst doch nicht?«

»Nein.«

»Wirst aber doch noch nachgeben.«

»Niemals! Nie!«

»Ists wahr?«

»Hab ich Dir schon mal eine Lügen gesagt?«

»Noch keine einzige.«

»Also schau, grad so ists auch jetzund keine Lügen, wann ich Dir sag, daß ich in dieser Sachen dem Vatern nimmer gehorchen werd. Willsts glauben?«

»Wannsts sagst, so glaub ichs unbedingt.«

»Aber schlimm wirds mir noch ergehen.«

»Nein.«

»Woher weißt das?«

»Ich hab meinen Grund.«

»Wohl wegen Dem, wast dem Vatern sagt hast, als der Richardl Wagnern bei ihm gewest war?«

»Ja.«

»Was war das?«

»Das sag ich Dir schon noch, wann die Zeit dazu kommen ist. Auch brauchst jetzt vorerst keine Angst zu haben. So, wies jetzt mit dem Franz ausschaut, kann er keine Verlobung halten. Er kann nicht laufen, nicht stehn, nicht sitzen und nicht liegen. Das würde wohl ein schöner Bräutigam sein.«

»Ich glaub, Du hast ihn auch wegen der Verlobung, die morgen sein sollt, mit so verhaun!«

»Vielleicht.«

»Ja, so bist halt immer mein Beschützern gewest. Wie aberst wirds dann werden, wannst ganz fortgangen bist von hier und von mir!«

»Das ist falsch. Ganz geh ich gar nicht fort.«

»Ich denk, der König hats gewollt!«

»Freilich.«

»So gehst also nicht mit ihm?«

»Ich geh schon, aber ganz nicht.«

»Das begreif ich nicht.«

»Schau, ich meins halt so: Der Körpern geht fort, aber der Gedank bleibt da.«

»Ach so ists gemeint!«

»Ja. Oder soll ich nicht an Dich denken?«

»Sogar oft und immer!«

»Und Du? Denkst auch Du an mich?«


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»Das kannst auch noch fragen? In der Fruh, wann ich aufsteh, werd ich gleich an meinen Fex denken und so immerfort am ganzen Tag, bis ich einschlaf am Abend.«

»So wirds auch bei mir sein, und ich glaub sogar, daß ich von der Paula träumen werd.«

»Geh!«

»Warum nicht? Ists verboten, Paula?«

»Nein doch!«

»Nun, schau da mal den lieben Mond an! Wann er über mir steht, so werd ich ihm meine Grüßen an Dich sagen und er wird sie Dir bringen. Wannst also ihn schaust, so denk stets daran, daß der Fex an Dich dacht hat.«

»Wie schön! Und ich werd da auch an Dich denken und Dir meine Grüßen senden.«

»Grad so, wies im Lied steht:

Wenn Du im Traum wirst fragen:
   Wer klopft ans Fensterlein?
So wird der Mond Dir sagen:
   Ich bins, o laß mich ein!«

»Das Gedicht ist gar schön. Gehts auch weitern?«

»Freilich.«

»Wie denn?«

»So: Nämlich der Mond kommt nun durch das Fensterlein und sagt ganz leise:

Der Liebsten ist nach Dir so bang;
Ich bring Dir Gruß und Kuß und Sang - - -«

»Sei still!«

»Aber es geht noch weiter!«

»Ich mags nicht hören!«

»Aber soeben hast noch sagt, daß das Gedicht so schön sei!«

»Erst wars schön, zuletzt aberst nicht mehr.«

»Ach so, das gefallt Dir nicht! Nun, da muß ich freilich schweigen. Aber weißt, wann ich fort bin und Du brauchst einmal eine Hilf oder einen Rath, so sags dem Wurzelsepp.«

»Meinst, daß ich mich an ihn wenden soll?«

»Ja, er ist doch zuweilen hier, und ich werd ihn bitten, recht öfters herzugehen.«

»Das soll mich gefreun, denn weißt, ich hab ihn auch recht lieb. Er ist nicht reich und nicht fein, aber herzensgut.«

»Das ist er; drauf kannst Dich verlassen. Der Sepp ist ohne Tadel; an dem ist kein Flecken und kein Fehlern; der ist ein Kerl wie Gold so rein. Wann ich an ihn denk und von ihm sprech, so geht mir allemal das Herz auf. Und darum bitt ich Dich, Dich an ihn zu wenden, wannt einen Freund brauchst und ich Dir nicht helfen kann. Aberst wann ichs selber kann, so werd ich Dir auch selber helfen.«


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»Aber Du bist nicht da.«

»Leider mit den Gedanken nur, und mit ihnen kann ich Dir nix nützen. Aber Du könntst mirs doch sagen, wannt irgend eine Noth oder einen Wunsch hast.«

»Durch den Sepp?«

»Ja, oder durch einen Brief.«

»So meinst gar, daß ich Dir schreiben soll?«

»Ja, Du mir und ich Dir.«

»Wanns der Vatern erfährt!«

»Der brauchts gar nimmer zu wissen.«

»Ist das nicht ein Unrecht, Fex?«

»Gott soll mich behüten, von Dir ein Unrecht zu verlangen! Wann Dein Vatern anders wär, so braucht ich Dich gar nicht zu bitten, mir zu schreiben. Aberst weil er ein Tyrann ist und unverständig, so muß ich ein klein Wenig Dein Vatern sein, und da darfst schon an mich schreiben.«

»Du, das klingt so - so - so majestätisch!«

»Meinst?«

»Ja. Willst nicht noch was Andres sein?«

»Was denn?«

»Der Brudern?«

»Ja, der will ich schon sehr gern sein. So bist also nun von jetzund an meine Schwestern!«

»Ja.«

»Meine liebe, gute Schwestern!«

»Und Du mein guter, lieber Brudern!«

»So gieb mir die Hand darauf, Paula!«

»Hier hast sie!«

Sie reichten sich die Hände.

»Hast nicht gehört, daß Geschwister sich lieb haben müssen?«

»O, das weiß ich schon bereits, so lang ich leb.«

»Also müssen auch wir uns lieb haben?«

»Das versteht sich wohl ganz von selbst.«

»So! Aber man sieht gar nix davon!«

»Meinst? Wieso denn?«

»Wir sitzen so beinander, als ob wir ganz fremd wären. Sagst das nicht auch, Paula?«

»Nein, das sag ich nicht. So schön traulich zusammen, wie wir Beid jetzt, sitzen nur Geschwister.«

»Hm!«

»Bist nicht auch derselbigen Meinung?«

»Nein.«

»Wie solls denn sein?«

»Noch anders und besser. Weißt, der Brudern soll der Beschützern sein


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von dera Schwestern. Er muß sie stützen. Darum darf er den Arm um sie legen.«

»Ach so!«

»Oder hast nicht dieselbige Meinung?«

»Ich darf doch dem Brudern nicht Unrecht geben!«

»Nein. Also muß ich den Arm um Dich legen. So! Darf ich auch, Paula?«

Er schob den Arm hinter ihrem Rücken hin und legte ihr die Hand auf die Schulter.

»Ja,« antwortete sie leise.

»Und die Schwestern muß dem Brudern vertrauen und sich auf ihn verlassen. Darum darfst Dein liebes Kopfle so ein Wengerl an meine Achsel lehnen. Oder magst lieber nicht?«

»Meinst, daß es sein muß?«

»Muß? Nein! Aber schön wärs doch sehr.«

»Dann will ichs thun, wanns so sehr schön ist.«

»Ja, es ist so herrlich, so - - weißt, man kann das gar nicht sagen, wie schön es ist. Nicht?«

Sie nickte stumm.

Er zog sie leise, leise näher an sich. Und sie folgte dem lieben, innigen, reinen Druck seiner Hand, so daß ihr Haar nun seine Wange berührte. Es war wie ein süßer, feiner Rausch, der über ihn kam. Er konnte nicht anders. Er drückte seine Lippen auf ihr Haar.

»Was machst!« sagte sie.

Wenn es Tag gewesen wäre, hätte er sehen können, wie tief sie erröthete.

»Bist mir bös?« fragte er mit leise zitternder Stimme.

»Nein. Bist ja mein Bruderle!«

»Ja, und das Bruderle darf die Schwester küssen!«

»Ja, aber nur aufs Haar.«

»Du, das glaub ich nicht. Ich hab schon sehen, daß Geschwistern sich ganz richtig aufn Mund küßt haben.«

»Das hab ich noch nicht sehen; auf den Mund nicht.«

»Wohin denn?«

»Auf die Stirn oder die Wange.«

»Das muß auch schon wieder herrlich sein!«

»Das weiß ich nicht.«

»Soll ichs Dir zeigen?«

»Schau, ich soll bei Dir doch gleich Alles lernen!«

»Weil ich nicht mehr da bleiben darf. Da muß ich es halt sehr eilig haben. Giebst mir Recht, Paula?«

»Der Herr Brudern darf doch nicht Unrecht haben.«

»Wie schön! Aberst nun mußt Dein liebes Köpferl ein klein Wenig emporhalten!«


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»Wozu?«

»Daß ich auch wirklich zur Stirn kommen kann.«

»Muß das denn so gar bequem sein?«

»Versteht sich! Komm mal her! Da thus noch ein Wengerl höher! So, jetzt mags gehen. Und nun paß auf!«

Er küßte sie leise und innig auf die Stirn. Ein längeres Schweigen trat ein. Dann fragte er:

»Nun, hast mirs wohl übel nommen?«

»Nein; so ungut bin ich nicht, lieber Fex. Auf die Stirn darf doch der Brudern küssen.«

»Und auf die Wange!«

»Woher weißt auch das so plötzlich?«

»Hast mirs ja vorhin selbst sagt!«

»Ich? Nun schau, wiet gleich Alles vom Mund wegfangst! Du bist mir auch Einer! Bei Dir muß man sich in Acht nehmen, das seh ich schon.«

»Ja, wann ich so was derfahr, so will ichs gern auch gleich studiren. Thu also doch das Köpfle noch mal so empor, wie vorher!«

»Was man bei so einem Brudern Alles machen muß! Kannst doch nun bald zufrieden sein!«

»Bald, ja, aberst ganz nicht. Das Busserl auf die Wange, das muß ich noch haben!«

»Kannsts mir nicht erlassen?«

»O nein! Die Wange, die muß ich noch haben!«

»Welche? Rechts oder links?«

»Hast denn zwei?«

»Was? Meinst etwan, ich hab nur eine halbe!«

»So muß ich mich auf alle Fäll zu Zweien zwingen.«

»Was so ein Schlankerl sich einibildet!«

»Das ist grad gar keine Einbildung! Jetzt wird gar nimmer lang gefragt. Jetzt giebst das Gesichterl her! Ein Busserl hüben und eins drüben und das kleine Näserl dazwischen drinnen; das muß sich gar gut und besonderbar ausnehmen!«

»Aberst wann ich nun nicht will!«

»So bin ich der Bruder, und es wird gar nimmer lang gefackelt. Schau, so wirds gleich gemacht!«

Er hielt ihr Köpfchen mit beiden Händen fest, bog ihr Gesicht nach oben und küßte sie, wie er gesagt hatte, auf beide Wangen. Dann nahm er die Hände wieder fort.

»Was bist doch für ein sturmwindiger Fex!« klagte sie in komischem Zorn.

»Ja, wannst mich etwan gar noch wilder machst, so kanns gleich noch mal wiedern beginnen!«

»Du und wild!« lachte sie. »Gar gegen die Paula!«

»Das glaubst wohl nicht?«

»Nein.«


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»So seh ich, wie ich Dich gar sehr verzogen hab!«

»Bist halt selbern schuld daran!«

»Ja, aber ich werds nun anderst machen!«

»Wannt fort bist von hier?«

»Leider ja! Da ists nun wohl zu spät?«

»Ich hab mirs wenigstens denkt.«

»So ist Hopfen und Malzen verloren!«

»An Dir?«

»Ja freilich an mir.«

»Ich dacht, Du hättst mich gemeint.«

»O nein, denn wann ich Dich verzogen hab, so bin doch ichs gewest, der denjenigen Fehlern gemacht hat.«

»Schaust Du wohl! Das ist eine gar edle Selbsterkenntnissen von Dir! Das kann mich gefreun!«

»Ja, an mir kann Dich grad Alles gefreun.«

»Nur das nicht, daßt noch nie sehen hast, daß Geschwistern sich auch einen richtigen Kuß geben.«

»So! Ists das? Aber da muß ich mich schon mal vertheidigen. Ich hab das auch schon gesehen.«

»Ah, siehst! Und vorhin hasts geleugnet!«

»Mußt ich nicht?«

»Warum? Wer hat Dich dazu zwungen?«

»Du selber.«

»In wiefern da wohl?«

»Eben weilst so Einer bist, der auch gleich Alles haben will. Verstanden, Bruderle?«

»Das versteh ich gar wohl. Also haben soll ichs nicht?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weils nicht nöthig ist, und weil der Brudern dera Schwestern nur bei einer ganz gewissen Gelegenheiten einen richtigen Kuß geben darf.«

»So! Welches ist denn diese Gelegenheiten?«

»Wann sie sich für lange Zeiten trennen oder sich nach so langer Trennung wiedersehen.«

»Hasts nicht gehört, daß ich heut fortgehen werd?«

»Das ist noch nicht bestimmt!«

»Nun, dann morgen!«

»Oder gar übermorgen!«

»Das ändert gar nix an dera Sachen. Wer weiß, ob wir uns vor meinem Weggehen noch mal so sehen wie jetzund. Also müssen wir jetzt den richtigen Abschied nehmen. Meinst nicht?«

»Nein.«

»So soll ich nachhero gehen ohne Abschied?«

»O nein.«


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»Aberst ohne Kuß?«

Sie schwieg.

»Paula!«

Da schmiegte sie das liebe Köpfchen fester an seine Achsel, ergriff seine Hand und sagte:

»Fex, sei gut! Es muß ja nicht sein, und ich kanns auch nicht gern. Erlaß mir das!«

Er strich ihr mit der Hand über den Kopf und antwortete in überquellender Seligkeit:

»Was bist doch für ein herrlich Dirndl! Ja, so muß es sein! Man darf nix fordern und auch nix geben, was nicht gern und ganz von selbst geben wird. Bleib immer so, wiet jetzund bist, so wirst einst Den sehr glücklich machen, den - den - den - - -«

Er hielt inne. Es fiel ihm schwer, das richtige, zarte Wort zu finden. Sie aber blickte fragend zu ihm auf, und so fuhr er fort:

»Mit Dem Du gern Verlobung machst und nicht so ungern wie mit dem Fingerlfranz.«

Es war ihm, als ob ihre Finger sich fester um seine Hand legten, unwillkürlich; darum fragte er:

»Giebts da Einen?«

»Vielleicht später.«

»Jetzt noch nicht?«

»Daran darf man noch nicht denken.«

»Warum?«

»Weil - weil - wast auch heut Alles fragst!«

»Weil ich fort muß von Dir und gern einmal recht tief in Dein Herzle blicken möcht.«

»O, das ist so klein und gar nix werth. Du aber, o mit Dir ists was ganz Anderes!«

»Wie meinst das nun?«

»Du wirst ein großer und berühmter Mann sein, ein Mann, nach dem sich alle Händ ausstrecken.«

»Da kannst Dich sehr irren!«

»O nein! Ich bin nur ein arm und dummes Dirndl, aberst kennen thu ich Dich doch. Du bist noch so jung und hast schon so eine Furoren macht und gar unsern guten König für Dich gewonnen. Der, wann er die Hand für Einen aufithut, der weiß ganz gewiß, daß derselbige es auch werth ist und daß er eine Carrièren macht. So wirst auch Du emporsteigen und ich muß unten bleiben.«

Sie sagte das in einem traurigen, beinahe entsagenden Tone. Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin; dann sagte er:

»Ich will aufrichtig sein mit Dir, Paula. Ja, der liebe Herrgott hat mir ein groß Talent verliehen. Was Andre lernen nach schwerer Müh, das ist mir wie im Spiel zu Eigen worden. Freilich hab ich auch gekämpft und


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gesorgt und geübt und gearbeitet im Stillen, aber für meine Kraft ist das ein Leichtes gewest. Ich fühls und ich bin überzeugt, daß ich emporsteigen werd. Aberst wannst meinst, daßt da unten bleiben wirst, so irrst Dich gewaltig.«

»O nein!«

»O ja und gewiß! Du bist bei mir gewest in meiner Armuth und Niedrigkeit. Du hast mich nicht verachtet, sondern mir geglänzt wie die liebe Sonn dem armen Wurm im Staub. Wann ich hab sterben mögen, so bist Du mein Leben gewesen, und wann ich am Verzweifeln war, so fand ich bei Dir den Glauben, das Vertrauen und die Zuversicht. Und jetzt meinst, daß ich meinen Weg allein machen werd? Der liebe Gott im Himmel weiß es, daß ich lieber der arme Fexen bleib, als daß ich ein großer Künstler werden und auf Dich verzichten sollt. Steig ich empor, so sollst auch mit empor, wann nicht, gut, so bleib auch ich da unten. Ich mag kein andres Glück, als bei Dir zu sein, und keinen andern Ruhm, als den, daß die Paula stolz sein kann auf den verachteten Fex!«

Er schwieg, sie auch; aber ihr Athem war hörbar; er fühlte denselben auf seinen Wangen.

»Paula, willst mir das glauben?« fragte er dann.

»Das wäre ja zu viel für mich!« hauchte sie.

»Nein, nicht zu viel! Nichts bekommst von mir, und gar nichts wirst mir zu verdanken haben. Nein, Alles was ich haben werde und sein werde, das werde ich haben und sein durch Dich. Du bist meine Seele gewesen allezeit und wirst auch meine Seele sein und bleiben für das ganze Leben. Ohne Seele ist der Mensch ein Nichts, und so würde auch ich nichts sein und nichts werden und nichts schaffen können ohne Dich. Ja, ich bin noch jung und ich habe meine Zukunft noch zu gestalten. Für diese Gestalt laß mich sorgen; der Inhalt aber bist nur Du allein!«

So sprach der junge Mensch, der barfuß und in beinahe unzureichendem Gewande neben der reichen Müllerstochter saß. Er sprach in ganz anderer Weise, in ganz anderen Ausdrücken, als sonst. Er schien dem still liebenden Mädchen ein ganz Anderer, bereits ein viel Höherer zu sein.

»Fex!« Das war ihre einzige Antwort.

Da machte er eine rasche Bewegung, als ob er Alles von sich abschütteln wollte und sagte in wieder munterem Tone:

»Jetzt weißt, was ich denk und fühl, Paula. Und nun wirst mir wohl recht sehr zürnen?«

»Fex! Wie könnt ich das! Dir zürnen!«

»Nicht?«

»Niemals! Im ganzen Leben nicht!«

»So sag: Willst auch fernerhin meine Seele bleiben, wie Du sie bisher gewesen bist?«

»Das - das - das liegt noch zu fern.«

»Gut! Aber mein Schwesterle bist doch?«


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»So gern!«

»Dann bitt! Giebst mir nochmals Deine Stirn und auch die Wangen, Paula?«

»Fex, warum willsts abermals!«

»Aus Liebe nur; willsts mir versagen?«

Sie antwortete nicht, aber sie senkte den Kopf tiefer herab. Er zog sie mit der Rechten, mit welcher er sie umschlungen hielt, fester an sich und hob ihr mit der Linken das Köpfchen empor. Sie sträubte sich. Da hielt er mit der Rechten ihren Kopf fest und griff mit der Linken nach ihren Händen. Sie trachtete, sie ihm zu entziehen. In diesem kleinen, zärtlichen Kampfe kam seine linke Hand auf ihre Brust zu liegen. Sofort ließ sie ihre Arme sinken, und in ihre ganze Gestalt kam es wie eine plötzliche Starrheit. Er fühlte es.

»Paula, Paula, was hast?« fragte er.

»Thu die Hand weg, Fex!«

Er nahm die Rechte, in welcher noch ihr Köpfchen lag, zurück. Sie aber bat angstvoll:

»Nicht die, sondern die andere! Schnell, schnell!«

Erst jetzt bemerkte er, welch reizenden Ort sich diese Hand zur Ruhe gesucht hatte. Er selbst erschrak über sich. Er fühlte ganz deutlich, daß eine tiefe, tiefe Gluth sich über sein Gesicht verbreitete. Es war ihm, als habe er ein hohes Heiligthum entweiht. Er sprang schnell auf und trat einige Schritte fort.

Es war spät geworden; der Tag begann bereits zu grauen. Konnte er diesem Tag ohne Vorwurf in das junge Angesicht blicken? So fragte sich der Fex. Dann drehte er sich um. Paula war sitzen geblieben, die Hände vor das Gesicht gelegt.

Das zog ihn zurück zu ihr, hin zu ihren Füßen. Er knieete nieder, faltete die Hände und bat:

»Paula, sei nicht zornig!«

Sie antwortete nicht.

»Jag mich fort! Aber sag mir vorher, daß Du mir verziehen hast!«

Auch jetzt blieb sie stumm.

»Willst nicht mal mehr ein Wort mit mir reden? Ich habs ja nicht gewollt, Paula! Ich habs ja nicht einmal gewußt. Bitte, bitte, Du sollst auch gar nichts sagen, aber schau mich nur mal an!«

Er griff nach ihren Händen und zog sie ihr vom Gesicht weg, erst die eine und dann die andere, leise und langsam, ohne Gewalt anzuwenden. Ihr Gesicht war bleich und ihr Auge ruhte mit einem ganz räthselhaften Blick auf ihm.

»Paula, Paula! Mir wird angst um Dich!« rief er fast zu laut aus.

»Fex - -«

»Gott sei Dank! Sie redet!«

»O Fex! Was hast than!«


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"Kannst's nimmer verzeihen, Paula?"

»Kannsts nimmer verzeihen?«

»Verzeihen? Nein, nie!«

»Mein Himmel! Und ich hab doch gar nicht wußt, wo die Hand war und daß ich so ein Sünden begeh!«

»O nein! Ein Sünden ists nicht, von Dir nicht, von Dir allein nicht! Ach, Fex, wie war mir das nur! Ich kanns gar nicht beschreiben!«

»Sprich nicht davon!«

»Und doch muß ichs Dir sagen, daß ichs Dir grad darum nicht verzeihen kann, weils eben gar keine Sünden war. Fex, Du kannsts nicht ahnen, und auch ich habs nicht ahnt, wie es ist, wann zum ersten Male die Hand, die man liebt, auf das Herz zu liegen kommt. Das ist wie ein Zauber. Man ist fast todt; aberst hernach da kommt ein Leben, ein Leben so - - o Fex, Fex, lieber Fex!«

Sie nahm seinen Kopf in beide Hände und zog ihn innig an sich, so daß seine Stirn grad da zu liegen kam, wo vorhin zu ihrem großen Schreck seine Hand gelegen hatte.

»Paula!« sagte er in dem Bestreben, seinen Kopf von diesem süßen Orte zu entfernen.

»Fex, lieber Fex, laß mich! Ich zürne Dir ja gar nicht, ganz und gar nicht mehr!«

»Nicht?« fragte er in glücklichem Erstaunen.

»Nein. Da schau!«

Sie küßte ihn auf die Stirn und die Wangen.

»Glaubsts nun?« fragte sie.

»Paula! Paula! Was war das! Ists wahr? Ists möglich? Bin ich wirklich bei Dir und Du bist bei mir?«

»Ja, da fühl es doch!«

Sie küßte ihn sogar auf den Mund, einmal, zwei- und dreimal. Da stieß er einen überlauten Jubelruf aus, schlang, noch immer vor ihr knieend, die Arme um ihren Leib, preßte den Kopf an ihr Herz und - schluchzte vor Glück.

Und sie bog sich nieder, legte ihre Wange an die seinige und weinte mit - vor Glück, wie er.

So hielten sie sich umschlungen lange, lange Zeit. Im Osten ward es heller. Man konnte bereits weit sehen. Die Thür der Mühle öffnete sich und der Fingerlfranz trat aus derselben.

Er hatte sich verbinden lassen und ging nun in einer geborgten Hose mit kleinen, kleinen Schritten nach Hause. Hätte er sehen können, wie innig vereint diese beiden unverdorbenen und glücklichen Menschenkinder an einander ruhten.

»Lieber Fex!«

»Meine Paula!«

»Ich muß fort. Schau, es ist bereits Tag.«

Das hatte er gar noch nicht bemerkt. Er sprang schnell empor und blickte um sich.


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»Wahrhaftig! Der Morgen ist da! Und nun sollen wir scheiden - auf so lange Zeit!«

»Nein, noch nicht. Noch bist nicht fort und mußt erst noch mit dem König sprechen. Ich werd den ganzen Tag am Fenstern sitzen und nach hier herüberblicken. Wann ich Dich da seh, so komm ich schnell herbei. Leb wohl, mein lieber, lieber Fex!«

Dabei legte sie ihre Hände an seine Wangen, blickte ihm warm und innig in die Augen, schüttelte seinen Kopf zärtlich und scherzend einige Male hin und her und sprang davon, den Felsen hinab. Er sah ihr nach.

»Ists wahr!« seufzte er tief auf. »O Paula, Paula, Paula! Und der Sepp, der Sepp, der solls sogleich erfahren. Ich muß zu ihm hinab!«

Er eilte fort. Kaum war er verschwunden, so raschelte es in den Büschen und der Sepp kroch hervor.

»Und der Sepp, der Sepp, der solls sogleich erfahren. Ich muß zu ihm hinab!« kicherte er. »Na, der weiß es bereits schon seit langer Zeit. Der hat hier gesteckt und sich eine Güten than an denen Zweien, die sich da ihre Liebesverklärungen macht haben, wie zwei Kindern, von denen keins so recht eigentlich wissen thut, was ein Mannsen und ein Weibsen ist. Herrgottsacra, wie machens da Andre dagegen! Die nehmen sich halt beim Kopf und beißen sich ab, daß mans in alle Winden schallen und klatschen hört. Die drucken sich fast die Seel aus dem Leib heraus und hangen mit denen Mäulern zusammen, als obs russischen Tischlerleimen gefressen hätten. Und dagegen diese Beiden da, die sind mitnander gewest, wie die unschuldigen Englein in denen Wolken da droben und haben gemeint, daß es eine Todtsünden sei, wanns sich mal an einander drucken und quetschen. Aberst so muß es sein. Zwei unverdorbene Menschenkindern sinds, fromm und gut und ohne Falschheiten, so daß man seine Freuden haben kann. Und wanns der liebe Herrgott sehen und hört hat, so hat er sicherlich denkt, daß er sie mal recht glücklich mit nander machen will. Verdienen thun sie es alle Beiden. Das ist gewiß. Aberst so einen kleinen Rüffeln muß ich dem Fex dennerst geben. Mit einem hübschen Dirndl thut man halt nicht so, als ob man wie ein kleines Büberl in der Wiegen liegt und hat dera Milchflaschen im Maul. Da muß man ein Wengerl Geschick dran machen; das wollen die Dirndln ja selberst so haben. Einen Schmachtlappen, der sie kaum anzuschauen traut und sie halt nur so von Weitem mit denen Fingerlspitzen antippst und antappst, der kann ihnen gestohlen werden. Das ist gewiß.«

Er stieg den Felsen hinab, um in das Innere zum Fex zu gehen. Als er den geheimen Eingang erreichte, kam der Genannte soeben aus demselben empor gestiegen.

»Da bist ja, hier heraußen!« sagte er. »Ich hab denkt, Du bist unten in meiner Capellen. Wo hast denn eigentlich steckt?«

»Wo ich steckt hab, das errathest wohl nicht.«

»Wills glauben, weil ich halt nicht allwissend bin. Also sags lieber gleich!«


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»Hm! Weißt, ich hab den Spionen gemacht.«

»Du? Willst ein Spionen gewest sein? Bei wem?«

»Bei zwei Leutln, die nur Augen für sich ganz allein gehabt haben, sonst hättens mich partoutemang merken müssen.«

»Ja, Du bist halt ein gar Gescheidter und Kluger. Wirst wieder mal Jemand belauscht haben.«

»Freilich wohl. Da hab ich ganz krumm auf der Erden gelegen; so daß ich fast mein Kreuz nicht mehr fühlen kann und mich so verkältet hab, daß ich wohl einen Schnupfen und Rheumatismus bekommen werd, der sich gewaschen hat.«

»Ist Dir auch schon recht, alte Neugierde. Hast jedenfalls den Müllern wieder belauscht. Und derweilen hab ich einen - o Sepp, o Sepp, wann Du's wüßtest!«

»Was?«

»Was unterdessen geschehen ist!«

»So! Das muß ja was ganz Außerordentliches gewest sein.«

»Warum?«

»Weilst ein Gesicht machst, ein Gesicht, als hättest einen ganzen Bottich voll Schlampinscher austrunken oder einen Sack voll Giftpilzen aufifressen.«

»Ists gar so schlimm, das Gesicht?«

»Ja, so eine Visagen hab ich halt noch gar niemals bei Dir gesehen. Entweder bist besoffen oder - verliebt.«

»Hast Recht, aber betrunken, das ists nicht.«

»Also verliebt?«

»Ja, und wie!«

»Alle tausend Teufeln! Bist etwan verruckt?«

»Nein.«

»Aber wer verliebt ist, der ist ja verruckt.«

»Kannst Recht haben, wenn auch nicht ganz, aber doch halb, denn es ist mir so ein Bisle innerlich, als ob ich nicht so mehr beschaffen sei, wie gewöhnlich.«

»Da hat man es! Hurrjesses! Der Fex und verliebt! Es giebt jetzt gar keinen Verlaß mehr, selbst auf den besten Freund nicht! Wer hat Dir denn den Kopf verdreht? Etwan die Käth, die Großmagd in der Mühlen?«

»Die? Nein, so sehr verruckt bin ich glücklicher Weisen doch noch nicht.«

»Oder die alte Leichenfrau und Heimbürgin, drinnen in dera Stadt?«

»Auch die nicht. Traust mir halt keinen bessern Geschmack zu, Sepp?«

»Nein. Ein Verliebter hat überhaupt gar keinen Geschmack mehr. Er hat sich die ganze Zungen mitsammt dem Maul verdorben, und darum schmeckt ihm Alles süß, was bitter, sauer, scharf und salzig ist. Ja, wanns noch ein hübsches Dirndl war, wie etwan die Paula; da wollt ich mirs gleich schon eher gefallen lassen. Aberst so hoch darfst die Nasen schon nicht erheben.«

»Meinst?« lachte der Fex.

»Ja.«


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»Du, da bist schief gewickelt, wie eine Cigarren, bei der das Deckblatt nicht über nander paßt.«

»Oho!«

»Freilich. Wannt meinst, daß die Paula mich nicht wollt, so kannst mich sehr dauern, alter Knaster!«

Der Sepp betrachtete ihn mit listigem Blicke von der Seite her und sagte:

»Weißt, da wird es Dir wohl gehen wie dem Fuchs in der Fabel: Diese Trauben ist Dir zu sauer.«

»Gar nicht. Es giebt keine süßere Trauben, als grad die Paula. Das kannst mir wohl glauben.«

»Na, hast sie etwan gekostet?«

»Ja.«

»Was! Richtig kostet? Mit dem Maule?«

»Ja.«

»Wirklich angebissen?«

»Wirklich!«

»Und wohl auch gar hinuntergeschluckt?«

»Nein, so weit bin ich doch noch nicht kommen.«

»Gott sei Dank! Die Paula sollt mir leid thun, wannst sie verschlungen hättst, denn so ein Dirndl giebts alleweil sogleich nimmer wieder.«

»Da hast grad den Daumen auf der richtigen Flöten und Clarinetten. So Eine giebts überhaupt nicht mehr.«

»Bist ja ganz begeistert.«

»Ja. Muß ich nicht begeistert sein, wanns mir gut ist und meine Frau werden will?«

Der Sepp fuhr in scherzhaftem Erschrecken zurück.

»Die?« fragte er. »Die soll Dir gut sein?«

»Hasts nicht gehört?«

»Und Deine Frauen solls werden? Mohrenelement, da thät ich an Deiner Stell auch gleich mitmachen!«

»Nicht wahr? Aber hab nur keine Sorg und Bangigkeit; ich tret sie Dir schon nimmer ab.«

»Weilst sie überhaupt noch gar nicht hast, kannst sie also auch gar nicht abtreten.«

»Oho! Ich hab sie wohl!«

»Das machst Niemand weiß!«

»Wannsts nicht glaubst, so geh hin zu ihr und frag sie halt selber darnach!«

»Himmelsakra! Dazu machst ein so ernsthafts Gesicht, als obs wirklich die Wahrheiten wär?«

»Es ist ja wahr!«

»Du, Fex, Alles glaub ich Dir, aber nur dieses nicht. Ich kann mir den Fex gar nicht vorstellen, als den Liebhaber von einem hübschen Dirndl.«


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»Warum nicht?«

»Weil ich denk, Du hast kein Geschick dazu.«

Der Jüngling erröthete wie ein Mädchen und antwortete:

»Was für ein groß Geschicken sollt dazu gehören?«

»O, es ist alleweil nicht leicht, ein Dirndl so anzufassen, wie sichs gehört. Hast etwan mit ihr beisammen gesessen?«

»Ja.«

»Wo?«

»Da oben auf dera Rasenbank.«

»Sapristi! Das ist freilich ein sehr hübsch Plätzchen dazu. Und da hast ihr sagt, daßt ihr gut bist?«

»Freilich.«

»Und sie hat Dir wieder sagt, daß sie Dich leiden mag?«

»Jawohl!«

»Und da hast sie in die Arme genommen?«

»Das versteht sich.«

»Und sie gedruckt, gequetscht und gekneipt nach Herzenslust?«

»Gar so sehr freilich nicht.«

»Und ihr ein Kußpusserl ums andre gegeben, daß es gekracht hat, wie eine ganze Kanonenbatterie?«

»So laut nicht ganz.«

»Ja, das hab ich mir denkt, daßt kein Geschick dazu hast. Weißt, wann man die Liebesverklärung macht, so muß man dabei das Dirndl quetschen, daß es laut aufischreit.«

»Etwan gar um Hilfe?«

»Da brauchst keine Angst zu haben. So eine Hexen kannst drucken, daß ihr die Seel aus denen Fußzehen hinausfährt, da will sie nicht gerettet sein. Und nachhero, wann man sie küßt, so darf das nicht so sein, als ob mans nur versuchen will, obs auch einen Mund unter dera Nasen hat, sondern es muß Saft und Kraft haben, es muß knallen, wie eine Schlittenpeitschen. Das habens gern, die Madels, das kann sie gefreun. Je kräftiger Einer thut, desto lieber habens ihn. Wie wars denn mit der Paula? Ist sie zufrieden mit Dir gewest?«

»Ich meins wohl.«

»Na, da hab ich noch so einen Zweifel. Ich werd mich bei ihr darnach verkundigen. Und wannst Deine Sach etwan nicht gut macht hast, so werd ich Euch Beid in die Schulen nehmen und Euch Unterricht ertheilen in dera Lieblingskoserei.«

»Das werd ich mir verbitten, Sepp.«

»So? Ja, das ist der Welt ihr Lauf. Wann man es gut mit denen Leuteln meint, so wollens das nicht anerkennen, und wann man ihnen was Ordentliches vorgeigen thut auf dera Vigolinen, so schlagens Einem den Fiedelbogen um den Kopf. Aberst ich will mich nun gar nicht mehr darum kümmern, und Euch lieber gehen lassen.«


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»Daran thust sehr recht, Wurzelsepp.«

»Aberst sagen will ich Dir dennoch, daß Du mir gar nix zu sagen brauchst. Ich weiß bereits Alles, denn grad Ihr seids halt gewest, die ich belauscht hab.«

»Wie? Ists auch wahr?«

»Freilich! Ich hab hinter denen Büschen steckt und ein jeds Wort hört, was Ihr sprochen habt.«

»Schlechter Kerle!«

»Das ist nicht schlecht. Ich hab nur zuspringen wollen, wanns mit Eurer Lieb hat vielleicht gefährlich werden wollen. Aberst das ist gar nicht nöthig gewest, denn Ihr seid so zart und sanft und zahm gewest, wie ein Turteltäuberich mit seiner Tauberin.«

»Mensch, jetzt kannst mich ärgern!«

»Das darfst nicht, lieber Fex. Der Mensch soll sich überhaupt nicht ärgern, denn davon bekommt er das Gallenfiebern, das Friesel, die Masern und noch ganz andere Krankheiten auch. Eins aber muß ich Dir sagen.«

»Was?«

Er trat näher an den Fex heran und flüsterte demselben geheimnißvoll zu:

»Wannst die Paula wieder küssest, so muß es noch viel mehr krachen als vorhin. Merks Dir gut!«

»Alter Hallunk! Ich geb Dir eine Ohrfeigen, daßt denken sollst -«

Er holte aus, halb im Ernst und halb im Scherz.

»Dank schön, Fex! Diese Feigen kann ich nimmer brauchen!« lachte der Alte. »Wannst mir so gefährlich wirst, daßt gar zu verexplodiren beginnst, nachher reiß ich lieber aus und komm später wieder.«

Er eilte davon.

Wohin er eigentlich wollte, das wußte er selbst noch nicht; aber als er die Mühle erreicht hatte und sich eben links nach der Stadt wenden wollte, ging die Thür auf und die Leni trat heraus.

»Ah, Du bist auch schon munter?« fragte er.

»Nicht schon, sondern noch munter,« antwortete sie.

»So hast gar nicht geschlafen?«

»Nein.«

»Glaubs Dir schon. Die Aufregung von gestern Abend her hats nicht erlaubt. Wo aber willst bereits hin?«

»Ich wollt ein Wengerl im Morgen herumspazieren. Und Du, Path Sepp?«

»Ich weiß selberst nicht, was ich eigentlich wollt. Vielleicht hätt ich mir ein kleins Platzerl sucht, wo ich einen Schlummer machen konnt.«

»So hast auch nicht geschlafen?«

»Nein. Ich hab mit dem Fexen zu thun gehabt. Nun aber, wanns Dir recht ist, lauf ich ein Stuckerl mit Dir spazieren.«

»Recht ists mir allemal, das weißt ja gewiß.«

Sie gingen, das gestrige Concert besprechend, langsam neben einander


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hin, auf dem Wege, welcher nach der Stadt führte. Fast hatten sie die ersten Häuser derselben erreicht, und nun wollten sie sich nach rechts ins freie Feld wenden, als Einer zwischen den Häusern hervorkam, den großen Kasten auf dem Rücken.

»Der Anton!« sagte Leni, halb erschrocken.

»Ja. Komm, gehen wir schnell fort!«

»Nein, wir bleiben.«

»Sehnst Dich etwan nach ihm?«

»Nein. Aberst er hat uns bereits gesehen, und wann wir da fortlaufen, so meint er am End gar, daß wir uns vor ihm fürchten.«

»Fürchten? Das könnt mir grad noch einfallen! Hast sehr Recht. Wir bleiben hier auf dera Straßen. Ich bin doch neugierig, was er sagen wird.«

»Er macht ein schlecht Gesicht. Sepp, ich bitt Dich schön, sag nix dazu, wann ich mit ihm red!«

»Nix? Wozu hab ich denn mein Maul?«

»Das hast jetzund nur zum Schweigen. Wannst auch mit redest, so giebts einen richtigen Zank.«

Der Anton war jetzt so nahe, daß Leni nichts mehr sagen konnte, ohne von ihm gehört zu werden. Er blieb mitten auf der Straße stehen, stemmte seinen Stock unter den Kasten, um sich dessen Last zu erleichtern, und sagte:

»Guten Morgen auch, Ihr Herrschaften!«

Die Beiden dankten. Leni that, als ob sie dann an ihm vorüber wollte. Er aber wehrte ab.

»Willst weiter? Fürchtest Dich etwan vor mir?«

»Das glaubst wohl selber nicht!«

»So schämst Dich also vor mir!«

»Ich wüßt halt nicht, warum!«

»Nicht? Weißts wirklich nicht?«

»Nein,« antwortete sie ruhig.

»So muß ichs Dir sagen.«

»Das hast nicht nöthig. Ich hab gar nix dagegen, wannst Deine Weisheiten für Dich allein behältst.«

»Wirsts aber doch anhören müssen, denn ich bin derowegen zu Dir heraußikommen.«

»Ah, nach dera Mühlen hast also gewollt?« fragte Sepp.

»Ja.«

»So früh am Tag? Konntst erst ausschlafen. Oder hast etwan ein schlecht Nachtlagern gehabt?«

»Besser wohl als Ihr. Ich bin der Gast von dem Musikprofessor aus Wien, weißt, dessen Frau ich dazumalen vom Felsen herabholt hab. Bei denen Leuteln kann ichs fein genug haben. Aberst ich bin ihnen schon in der Fruh davongangen, weil ich nix mehr von dera Stadt wissen will. Ich hab das Nest hier übersatt bekommen und will nun wieder fort. Vorher aber wollt ich


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zur Leni - oder vielmehr zu der feinen Sängrin. Darum hab ich Euch auch ganz vornehm grüßt. Ihr seid ja Herrschaften worden.«

»Da kannst Recht haben,« nickte der Sepp.

»Du auch, Wurzelsepp. Hast ja auch mit sungen beim Concertl und bist ausklatscht worden.«

»Ausklatscht? Du, Anton, sag das nicht noch mal, sonst bist Du's, der selber ausklatscht wird! Man hat mir Beifall und Bravori klatscht, aberst vom Ausklatschen ist halt keine Red gewest.«

»Ja, und von dem Bravori bist nun ganz stolz und dudeldick worden, das seh ich bereits.«

»Ich kann auch stolz sein!«

»Auf Dich etwan?«

»Jawohl!«

»Und auf Deine Path wohl auch?«

»Noch weit mehr als auf mich!«

»So muß ich Dir sagen, daß ich für so einen Stolz sehr danken thät. Ihr habt Veranlassung, Euch zu schämen, zum Stolz aberst giebts halt gar keinen Grund.«

»Das sagst nur Du allein, weilst wuthig bist und voller Neid und Eifernsuchten.«

»Das brauchst Dir nicht einzubilden. Auf so ein Weibsen kann ich nimmer eifersüchtig sein.«

»Meinst?«

»Ja. Sie hat sich blamirt für alle Ewigkeiten.«

»So! Hat sie ihre Sachen schlecht gemacht?«

»Nun, wann ich gerecht sein will, so muß ich zugeben, daß das erste Stuckerl sehr gut gewest ist.«

»Aha!«

»Aberst nachhero! O wehe!«

»Wieso?«

»Nun, bei dem Lied - wie gings nur an? Wie heißen gleich die ersten Zeilen?«

Leni hatte ihre vollständige Ruhe bewahrt. Sie antwortete in gleichmüthigem Tone:

»Ich sah Dich nur ein einzig Mal,
   Da wars um mich geschehen.
Ich fühlte Deines Auges Strahl
   Durch meine Seele gehen.«

»Ja, das war es,« nickte der Anton. »Aber dieser Text war falsch. Er paßt nimmer zu dem ganzen Auftritt. Er sollte viel anderst heißen.«

»Wie denn zum Beispiel?« fragte der Sepp.

»Er sollte ungefähr lauten:


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Ich sah Dich nur ein einzig Mal,
   Da wars um Dich geschehen.
Der Anzug, nein, so ein Scandal,
   So Etwas muß man sehen!«

»Du!« rief der Sepp. »Ich kann auch dichten!«

»So?«

»Ja, aberst mit dem Prügelstock. Wann ich Dir ein Gedicht auf den Buckel schreiben soll, so kann es gleich beginnen!«

»So fang an!«

Der Alte war drohend auf ihn zugetreten. Die Leni aber ergriff ihn beim Arme und sagte:

»Laß ihn nur, Sepp! Er verstehts halt nicht besser, und es ist freilich nix nur als die Eifersuchten, wann er sich so zornig geberdet.«

»Oho!« widersprach der Anton. »Eine Eifersuchten giebts bei mir nicht mehr; das sag ich noch einmal. Du kannst mir gestohlen werden. Ich hab nix dagegen.«

»Warum kommst da heraußi zu mir?«

»Weil ichs Dir sagen will, wie sehr ich Dich von jetzt an verachten muß!«

»Das ist nicht nothwendig, mirs extra zu sagen. Das kannst nur für Dich behalten.«

»Nein, hören sollsts!«

»Nun gut, so hab ichs jetzund gehört. Aber ich mach mir nix daraus. Was so ein dummer Lolch von mir denkt, das kann mir sehr Wurst und Schnuppe sein. Jetzt sind wir fertig und Du kannst gehen.«

»Nein, fertig sind wir nicht. So einer ausverschämten Dirn, wie Du bist, muß man deutlich -«

»Schweig!« unterbrach sie ihn, hart an ihn herantretend. »Oder willst abermals eine Backpfeifen haben? Du wärst mir der Kerlen dazu, mir eine Zeugnißcensuren zu geben! Dich wird kein Mensch nach Deiner Meinung fragen. Wir gehn einander nix mehr an, und wannst mir nun nochmals nachlaufst und mich beleidigst, so nehm ich halt die Polizei zu Hilf und laß Dich einsperren!«

Er fuhr vor ihrem Zorn zurück.

»Wa-a-as! Gar ein-sper-ren!«

»Ja, darauf kannst Dich verlassen! Hast etwan irgend eine Gewalt über mich? Was fallt Dir ein, zu denken, daß ich mir Deine Grobheiten gefallen lassen muß! Geh, wohin Du willst, und mach auch, was Du willst! Mich aber laß in Ruh, sonst werd ich mich zu wehren wissen. Mit so einem Kerlen, wie Du bist, wird gar kein Kram mehr gemacht. Komm, Sepp, und laß den Maulaffen stehen!«

Sie ergriff den Alten bei der Hand und zog ihn fort. Der Anton blickte ihnen eine kurze Weile nach, dann rief er in seinem Zorn:


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»Was soll ich sein? Einen Maulaffen hats mich geheißen? Das ist gut, das ist fein! So eine dreifarbige Cyperkatzen will mich auch noch schumpfen! Lauf hin, Du alte Papierduten, Du! Um Dich ists halt gar nicht schade. Lauf hin mit Deinem Pavian, der Dir die guten Rathschläg ertheilt! Ihr paßt genau für einander und könnt Euch bald gar heirathen. Nachhero zieht Ihr mit dem Drehorgelkasten auf denen Jahrmärkten herum und singt den Leuteln das schöne Lied vor:

Die Lieb, die ist wie Sauerkraut:
Wird Alles durch und durch gekaut,
Die Leni wird des Pathen Frau,
Und Alles schreit dann Ach und Au.«

Er drehte sich um und ging fort, nicht nach der Mühle zu, sondern er schlug einen Richtsteig ein, welcher zur Höhe stieg, über welche die Straße aus dem Badeorte nach der nicht sehr entfernten Kreisstadt führte.

Auf dieser Höhe lag eine kleine, aber viel besuchte Restauration. Von dort aus hatte man einen herrlichen Ausblick auf die Berge, und besonders gut konnte man da den Auf- und Untergang der Sonne betrachten. Darum saßen früh und gegen Abend immer zahlreiche Badegäste in dem kleinen Anbau, welcher mit hohen Glasscheiben versehen war und in Folge dessen der Glassalon genannt wurde.

Auch heute befanden sich trotz der frühen Morgenstunde bereits Gäste da, unter ihnen der Professor Weinhold aus Wien mit seiner Frau.

Anton verfolgte, wie bereits gesagt, nicht die Straße, sondern er stieg den Bergpfad empor, auf welchem man zwar mühsamer, aber auch schneller zur Höhe gelangte. Gerade unter dem Glassalon, welcher hart am Abhange lag, erreichte der Pfad einen Vorsprung, welcher seiner gefährlichen Lage wegen mit einem Geländer versehen war. Um zu verschnaufen, stützte dort Anton seinen Kasten auf dieses Geländer und blieb kurze Zeit da halten.

Sein Blick fiel hinab in den Grund. Da sah er die Leni und den Sepp, welche mit einander langsam durch die Wiesen gingen. Um ihnen zu zeigen, daß er nicht etwa voller Herzeleid von ihnen scheide, stieß er ein lautes Juhu aus und schwang den Hut dabei. Sie schauten empor. Der alte Sepp erkannte ihn, riß seinen Hut auch vom Kopfe, schwenkte ihn und improvisirte nach Gebirglerart sogleich folgenden Trutzgesang:

»Der Anton steigt den Berg hinauf
   Und will nicht mehr herunter.
Den Kasten schleppt er mit sich fort,
   Da drinnen steckt viel Plunder.
Hallodrium, hallodria;
   Dein Scheiden macht uns froh.
Aus Dir wird nix, halleluja,
   Hallo, halli, hallo!«

Es war hier oben jedes Wort deutlich zu verstehen. Als der Alte den Schlußjodler geendet hatte, antwortete der Krikelanton sofort schlagfertig:


// 551 //

»Der Sepp, der alte Bösewicht,
   Ist halt sehr naseweise.
Sein alter Hut hat Loch an Loch,
   Und drunter krabbeln Läuse.
Hallodria, hallodrium;
   Gebt Euch nur keine Müh.
Ihr Beid seid mir halt viel zu dumm,
  Halli, hallo, halli!«

Der Anton hatte keine Ahnung von dem Reichthume, welchen er in seiner Stimme besaß. Sie ertönte von der Höhe hinab, füllte das ganze Thal und weckte die Echo des Waldes aus ihrem Schlummer. Drunten im Städtchen blieben die Passanten auf den Gassen stehen und lauschten dem mächtigen Schalle welcher nicht aus einer einzigen Kehle zu kommen, sondern von einem Unisono-Chore herzurühren schien.

Natürlich wurde sein Gesang auch im Glassalon über ihm gehört. Daß dort, als er den Jodler begann, eine Glasscheibe klirrte, bemerkte er gar nicht.

Als er geendet hatte, antwortete Sepp sogleich wieder von unten herauf:

»Renn mit dem Kopf nur durch die Wand!
   Dumm bist halt, wie die Sünden.
Sucht man bei Dir nach dem Verstand
   So ist er nicht zu finden.
Hallodrium, hallodria;
   Dein Scheiden macht uns froh.
Aus Dir wird nix, halleluja,
   Hallo, halli, hallo!«

Und Anton wollte ihm das letzte Wort nicht lassen. Er schwang den Hut wieder und sang dazu:

»Euch ärgerts nur, daß ich jetzt geh
   Und laß Euch hinten liegen.
Der Abschied thut mir nimmer weh,
   Kann stets 'ne Andre kriegen.
Hallodria, hallodrium;
   Gebt Euch nur keine Müh.
Ihr Beid seid mir halt viel zu dumm,
   Halli, hallo, halli!«

Er sah von oben, daß Sepp ihm weiter Stand halten wolle, daß aber die Leni ihn beim Arm ergriff und mit sich fortzog. Da gab auch er sich zufrieden.

Jetzt nun erst hörte er über sich Stimmen. Eine weibliche rief in ängstlichem Tone:

»So komm doch herein!«

»Ich kann ja nicht,« antwortete eine männliche.

»Aber so kanns doch nicht bleiben!«


// 552 //

»Nein. Ich zerschneide mir die Kehle. Der Kellner mag einen Hammer bringen.«

»Ja. Wir zerklopfen die Scheibe, daß das Loch weiter wird, dann kannst Du herein. Nein, Mann, Mann, wie Du nur nicht sehen konntest, daß das Fenster nicht offen war!«

»Ich dachte nicht daran. Der Sänger! Diese Stimme, nein, so eine Stimme! Wo mag er sein!«

Anton blickte empor. Er konnte Niemand sehen. Die Stimmen der Sprechenden kamen ihm bekannt vor. Er ging weiter. Als er den Absatz verlassen hatte, konnte er die Fenster des Glassalons über sich sehen. Sie lagen höchstens acht Ellen über dem Pfade, auf welchem er sich befand. Ein Kopf mit hoch geröthetem Angesicht blickte aus einer der Scheiben herab.

»Alle Teufel!« rief der Mann, welchem der Kopf gehörte. »Da kommt der Anton!«

»Herr Professor, Sie!« rief dieser hinauf.

»Ja. Ich bin mit dem Kopfe durch die Scheibe gefahren und kann nun nicht wieder hinein.«

»Himmelsakra! Wer wird eine solche Dummheiten begehen!«

»Freilich! Aber es sang da unten Einer, und da wollte ich schnell herausschauen und stieß also das Glas durch. Weißt Du, wer gesungen hat?«

»O gewiß, ich wars halt selber!«

Der gute Professor machte ein höchst erstauntes Gesicht.

»Du?« fragte er lang gedehnt.

»Ja.«

»Unmöglich!«

»Glaubsts etwan nicht?«

»Nein.«

»So hör einmal!«

Er wiederholte den Jodler.

»Wahrhaftig, wahrhaftig, er ists gewesen!« rief der Professor. »Frau, denke Dir nur - ah, jetzt!«

Jetzt erklangen Schläge gegen das Fenster und die Glassplitter fielen herab. Die Oeffnung wurde vergrößert und der Professor konnte seinen Kopf wieder zurückziehen, steckte ihn aber sogleich wieder heraus und sagte:

»Anton, komm herauf, schnell!«

»Ja, wannst denkst, so komm ich schon bereits.«

Er stieg weiter. Unter der Thür der Restauration erwartete ihn der Professor, dessen Gesicht von dem Glase an einigen Stellen verletzt war. Er achtete dies aber nicht. Die Blutstropfen, welche langsam hervorquollen, mit dem Taschentuche abwischend, kam er ihm mit ausgestreckter Hand entgegen und sagte:

»Ich kanns noch immer kaum glauben. Bist Du es wirklich gewesen, Anton, der gesungen hat?«

»Freilich. Hasts ja nachhero noch gehört.«


Ende der dreiundzwanzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk