Lieferung 29

Karl May

12. Februar 1887

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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wund geschlagenen Haut lösen möchten. Der andere Junge erzählte es schleunigst weiter, und so verbreitete sich sehr schnell im Dorfe die Nachricht, daß der neue Lehrer ganz Recht gehabt habe, denn der Hornfrieder habe seinen Christjörgen, weil der Lehrer ihn fortgeschickt habe, so wund geschlagen, daß er sich habe die Lederhosen voll Wasser pumpen lassen müssen. Für den Spott brauchte der Stiernackige nicht zu sorgen; Walther hatte abermals einen Sieg errungen.

Als er zur Mittagsschule ging, begegnete ihm ein Bursche, welcher vor ihm stehen blieb, den Hut zog und ihn grüßte.

»Grüß Gott, Herr Lehrern! Ich möcht gar schön bitten, daß Sie mir einen Gefallen erweisen.«

»Gern. Was ists?«

»Ich hab für den Herrn einen Zetteln nach dera Stadt zu tragen und weiß halt nimmer mehr, wohin er soll, ob auf die Post oder anderswo.«

»Ist keine Adresse dabei?«

»Ich kann halt nicht lesen, und weil ich den Herrn Lehrern so treff, wollt ich um guten Rath fragen. Nach Haus darf ich nicht wieder, um zu fragen, denn da würd ich gar schön Grobheiten erhalten.«

Er zog einen zusammengefalteten Zettel aus der Tasche, schlug ihn auseinander und reichte ihn dem Lehrer hin. Dieser las Folgendes:

          »Telegramm.
   Herrn Gotthold Keller, Thalmüller bei Scheibenbad.
Morgen früh elf Uhr bin ich dort. Ich mache das Geschäft.
          Der Silberbauer.«

»Ach so!« sagte Walther, »Sie dienen beim Silberbauer?«

»Jawohl.«

»Das ist kein Brief, sondern eine Depesche. Sie müssen das Papier auf das Telegraphenamt tragen.«

»Ich dank sehr schön! Behüt Gott, Herr Lehrern!«

Er zog den Hut und ging weiter. Walther fühlte sich im Stillen befriedigt, daß ein Bediensteter seines Feindes ihn gegrüßt habe. Er hoffte, auf seine Weise nach und nach alle Widersacher zum Schweigen zu bringen.

Er hatte keine Ahnung, wie wichtig der Umstand, daß er dieses Telegramm gelesen hatte, werden solle. Obgleich er sich keine Mühe gab, den Namen des Adressaten und den Inhalt zu merken, blieb doch jedes Wort in seinem Gedächtnisse fest.

Der heutige Tag war ein sehr warmer. In dem kleinen Schullokale war es außerordentlich schwül. Walther war ein Freund des Wassers, und so beschloß er, nach dem Unterrichte ein Bad zu nehmen. Zwar wußte er nicht, ob das Wasser, welches seitwärts des Dorfes von den Höhen herabkam und nachher die Mühlen trieb, eine breitere Stelle habe, welche sich zum Baden eigne; aber er konnte doch wenigstens nach einer solchen suchen.

Er schritt also zum Dorf hinaus und wendete sich nachher rechts zwischen den Feldern hindurch, dem Wasser entgegen. Da sah er auf einem Steinhaufen,


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welcher am Ende eines Feldraines aufgerichtet war, eine ihm fremde Gestalt sitzen. Der Mann war alt, hatte graues Haar und einen mächtigen grauen Schnurrbart. Auf dem Kopfe trug er ein kleines Hütchen, welches viele Löcher hatte, in denen allerlei Pflanzen steckten. Neben ihm lag ein alter Rucksack und ein starker Bergstock. Der Mann hatte ein Papier auf dem Knie liegen und schien zu schreiben. Je näher aber Walther kam, desto mehr überzeugte er sich, daß er nicht schreibe sondern zeichne, denn der Alte warf regelmäßig den Blick nach der Felsenhöhe, welche sich jenseits des Baches fast senkrecht gegen den Himmel hob. Diese Felsen hatten fast das Aussehen einer von Menschenhänden stammenden Ruine.

Der Alte blickte sich um.

Der Alte blickte sich um; als er Walther kommen hörte, griff er höflich an den Hut und grüßte zuerst.

»Guten Tag auch, Herr!«

»Grüß Gott!«

»Schönes Wettern!«

»Fast zu warm für die jetzige Jahreszeit.«

»Ja, besonders wenn man eine Arbeit hat, bei der man Syrupen schwitzen möcht.«

»Sie zeichnen?«

»Freilich.«

»Wohl den Berg?«

»Den Berg mit denen Felsen. Schauns! Wie ists wohl getroffen?«

Er hielt dem Lehrer das Papier hin. Dieser lächelte, als er den kindlichen Versuch einer alten, ungeübten und zugleich zitternden Hand erblickte.

»Leidlich!« sagte er dennoch. Aber es mochte in seinem Tone doch eine schlimmere Censur gelegen haben, denn der Alte meinte:

»Jetzunder lachens mich halt aus!«

»O nein. Dazu habe ich das Recht ja nicht.«

»Aberst die Veranlassung.«

»Wie kommen dann Sie dazu, diese Felsen abzeichnen zu wollen?«

»Weils mir gefallen. Ich will das Bild einem Bekannten geben, der sich sehr dafür verinteressiren wird.«

»Nach Ihrer Zeichnung kann er sich aber kein Bild des Gegenstandes machen.«

»Das glaub ich gar wohl, weil ich vom Gegenstand selberst kein Bild machen kann. Es ist doch halt zum Aergern, wenn man nix lernt hat. Ich hab schon bereits vier solche Papieren beschmiert und doch nix fertig bracht.«

»Haben Sie nicht noch eins?«

»Noch ein paar.«

»So lassen Sie michs einmal versuchen!«

»Himmelsacra! Sinds vielleicht ein Malern?«

»Nein, doch zeichne ich ein Wenig.«

»Aberst Zeit müssens halt auch dazu haben.«

»Ich bin jetzt unbeschäftigt.«


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»Na, da mögens mal versuchen.«

Er zog aus seinem Rucksack eine kleine Rolle Zeichenpapier hervor und gab sie ihm sammt dem Bleistift hin. Walther setzte sich nieder und begann. Der Alte schaute voller Spannung zu. Schon nach den ersten Strichen aber sagte er:

»Ja, das ist eine ganz andre Geschichten! Das lauft ja wie Buttermilchen! Schau, da ist auch schon der Bergen, und nun kommen darauf die Felsen. Herr, Sie sind halt ein Malern!«

»Nein.«

»Was sonsten?«

»Ein Lehrer.«

»Verteuxeli! Heißens etwan Herr Walthern?«

»Ja,« antwortete er, indem er immer weiter zeichnete.

»So sinds der neue Lehrern von Hohenwald?«

»Ja.«

»Das gefreut mich, daß ich Sie da gleich kennen lernen thu. Das gefreut mich sehr. Ich hab von Ihnen gar viel Gutes gehört.«

»Von wem?«

»Von meinem Spezi, dem Finkenheiner, und seiner ganzen Familie.«

»Ich habe diesen Leuten einen kleinen Dienst erwiesen, für welchen sie mir in der übertriebensten Weise dankbar sind.«

»Oho! Kleiner Dienst! Das weiß ich halt schon!«

»Sind Sie von hier?«

»Ja und nein.«

»Also aus der Nähe?«

»Ja und nein.«

»Oder weiter her?«

»Ja und nein.«

»Sie haben eine eigenartige Weise, zu antworten!«

»Aberst es ist die richtige. Ich bin nämlich überall zu Haus und doch auch an keinem Ort daheim. Ich lauf im ganzen Land herum, und überall nennt man mich nur denen Wurzelsepp.«

Da blickte Walther rasch von der Zeichnung auf, musterte den Alten mit einem sehr theilnehmenden Blicke und fragte:

»Sie sind ein guter Jodler?«

»Na, grad ein Künstlern bin ich nicht, aberst ich schrei doch noch immerst gern ein Bisserl mit.«

»Das hab ich gehört.«

»Von wem?«

»Vom Capellmeister in Bad Scheibenbad.«

»Sacra! Kennens den?«

»Er ist mein Freund.«

»Dort hab ich ein Conzerten mitmacht.«

»Ich weiß es. Er hat mir davon erzählt. Auch vom Fex, welcher jetzt


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in München ist, von dem Concertmeister Rialti, dem Sie einen so großen Schalksstreich gespielt haben - -«

»Ja freilich! Es ward bald Zeit, daß ich mich aus dem Staub fortgemacht hab, denn wegen dem Streichen wollt mich nachherst dera Italienern gar noch einisperren lassen. Aberst schau! Da wird das Bild ja bald fertig sein!«

»Es ist nur eine flüchtige Skizze.«

»So! Das ist grad ein Meisterstucken gegen die meinige Schmierereien. Na, wann ich dies am End gar behalten dürft!«

»Ich zeichne es ja für Sie.«

»So ists mein? Na, so merkens sich halt den meinigen Namen. Wann ich Ihnen mal wiederum einen Gefallen derweisen kann, so solls von Herzen gern geschehen. Odern lachens halt darüber?«

»Gar nicht. Es kann der ärmste Bettler unter Umständen dem reichsten Fürsten einen Dienst erweisen.«

»Wills meinen!« nickte der Sepp eifrig, als wolle er sagen: »Ich zum Beispiel!«

»Vielleicht ist das sogar gleich jetzt möglich.«

»Der Dienst?«

»Ja. Wenn der Finkenheiner Ihr Spezialfreund ist, so läßt es sich erwarten, daß Sie hier in der Gegend bekannt sind?«

»Wie in meiner Taschen.«

»Giebt es hier im Bach eine Stelle, welche sich zum Baden eignet?«

»Ah, baden wollens halt?«

»Ja.«

»Es giebt da eine gar schöne, und wanns Ihnen recht ist, führ ich Sie hin, sobald die Zeichnung fertig ist.«

»Sie wird gleich fertig sein. Ich will nur dem Baumschlag ein Wenig mehr Character geben, damit man erkennt, welche Art von Wald hier steht.«

»Bei mir hat überhaupt kein Wald dastanden. Drin herumi laufen kann ich wohl, aberst ihn abzeichnen, das bring ich schon gar nicht zusammen.«

Bereits nach kurzer Zeit war die Skizze fertig. Sie war sehr gut gelungen, und der Sepp war darüber so erfreut, daß er dem Lehrer auf die Achsel klopfte und dabei sagte:

»Da habens mir einen Gefallen than, und zwar einen sehr großen. Bezahlen kann ichs halt nicht - - -«

»O bitte!«

»Aberst mein Freund, dem ichs schenken will, der ist halt gar kein so unrechter Kerlen. Wann der merkt, daß Sie so zeichnen können, so ists wohl möglich, daß er Sie auch mal aufsucht. Er kommt nächstens her.«

»Er wird mir willkommen sein. Und nun bitte, zeigen Sie mir den Badeplatz.«

»Sogleich.«

Er verwahrte die Zeichnung sorgfältig in seinem Rucksack und führte den


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Lehrer dann weiter zwischen den Feldern hin. Als sie um die Ecke eines solchen bogen, zeigte er nach rechts und sagte:

»Dort kommt halt auch Einer, der badet hat.«

»So? Ist das nicht der Silberbauer?«

»Ja.«

»Der badet?«

»Mit Leidenschaft.«

»Bei seinem Alter? Das ist selten.«

»O, den hab ich schon gar oft im Wassern stehen sehen. Schwimmen freilich thut er nimmer. Er steht nur so drinnen und planschert die Armen hin und her.«

Sie hatten jetzt die Felder hinter sich und gingen über saftige Wiesen. Dann kamen sie an den Bach. Sie folgten dem Laufe desselben durch bald dichtes und bald dünnes Gebüsch, bis sie an eine Stelle kamen, wo sich der Bach zu einer Art kleinen Teiches erweiterte, von zwei Seiten mit Felsen und steinigem Geröll umgeben.

»Da ist der Platz,« sagte der Sepp.

»Ists tief?«

»Nur höchstens bis heran zur Brust. Die tiefsten Stelle ist hier, wo ich jetzt steh.«

Er trat näher an das Ufer heran, bückte sich dort nieder, hob Etwas auf und sagte:

»Was ist das hier? Eine Brieftaschenportföllchen. Die hat Jemand hier verloren.«

Der Lehrer trat näher.

»Ja,« sagte er. »Hier ist Jemand vor Kurzem gewesen. Das Gras ist niedergetreten.«

»Wer mags gewest sein?«

»Wohl gar der Silberbauer?«

»Ah! Sollte dem die Brieftaschen gehören?«

»Jedenfalls haben Sie als Finder die Pflicht, hineinzuschauen, um den Namen des Besitzers dadurch zu ermitteln.«

»Finder? Ich? Allein bin ichs halt nicht, Sie sind auch dabei. Da schauns hinein!«

Er gab dem Lehrer die Tasche. Dieser öffnete sie. Sie enthielt werthlose Notizen über Feld- und Wieswachs und einen Brief, welcher neben dem zu ihm gehörigen Couverte in der Tasche steckte. Walther las:

»Herrn Gutsbesitzer Conrad Claus in Hohenwald.«

»Conrad Claus?« fragte der Sepp. »Giebts da einen?«

»Ja; das ist der Silberbauer.«

»Der sollt doch eigentlich als Vorsteher oder Schulzen angeredet werden. Vielleichten ist noch ein anderer Clausen gemeint.«

»Das ist möglich. Ich kenne noch nicht die Namen sämmtlicher Ein-


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wohner. Vielleicht giebt uns der Inhalt des Briefes Aufschluß. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist es kein Vergehen, ihn zu lesen.«

Er öffnete das Schreiben und blickte zunächst nach der Unterschrift.

»Gotthold Keller, Thalmüller,« las er.

»Keller? Dera Thalmüllern? Von dem ist der Brief?« fragte der Sepp. »Sappermenten! Da möcht ich wohl wissen, was darinnen steht.«

»Der Inhalt ist allerdings eigenartig,« meinte der Lehrer. »Sie sind der eigentliche Finder, und so müssen Sie es auch hören.«

Er las Folgendes:

          »Lieber Freund.
Es müssen Fremde in meinem Stuhle gewesen sein. Die Photographie fehlt mir und auch die andern Papiere. Es ist zum Teufelholen. Wenn ich nur wenigstens wüßte, ob man auch eine Geldrolle geöffnet hat, um zu sehen, was für Geld es ist. Ich muß Alles schleunigst fortschaffen, wenn ich mich und Dich nicht verrathen will. Aber ich kann nicht fort, da ich gelähmt bin. Zweitausend goldene türkische Pfundstücke macht 37000 Mark. Wenn Du mir das Gold abkaufen kannst und sogleich bezahlen, lasse ich Dir es für 30000 Mark. Du verdienst also 7000. Gieb schnell Nachricht.
   Dein Freund
          Gotthold Keller, Thalmüller.«

Als Walther geendet hatte, schüttelte er den Kopf und sagte:

»Wie gesagt, das klingt eigenthümlich, sogar verdächtig, möchte ich sagen!«

Der Sepp stand ganz sprachlos da, mit offenem Mund, einer Bildsäule gleich. Plötzlich aber riß er dem Lehrer die Brieftasche und den Brief aus den Händen, faltete den Letztern zusammen, steckte ihn in die Erstere, machte sie zu, warf sie dahin, von wo er sie aufgehoben hatte, ergriff Walther beim Arme und zog ihn schleunigst mit sich fort, in die Büsche hinein.

»Was giebts?« fragte der Lehrer, welcher über das seltsame Gebahren seines Gefährten fast erschrocken gewesen war.

»Es kommt Jemand.«

»Das hören Sie?«

»Ja.«

»Was haben Sie da für Ohren!«

»Wann man immerst heraußen ist, so lernt man gut hören. Passens auf!«

Sie standen hinter den Büschen versteckt und lugten nach der freien Stelle hinaus, auf welcher sie bisher gestanden hatten. Jetzt hörte auch Walther eilige und heftige Schritte. Ein Mensch kam schnell herbeigelaufen. Es war der Silberbauer. Er hatte noch unterwegs bemerkt, daß er die Brieftasche verloren hatte, und war schleunigst umgekehrt. Er brach förmlich durch die Büsche. An der Stelle angekommen, an welcher er gebadet hatte, sah er die Vermißte liegen.

»Gott sei Dank, ah!« jubelte er laut auf.

Er hob sie vom Boden empor, öffnete sie und sah den Brief darinnen liegen.


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»Ist auch noch da! So war noch Niemand hier! Na, das soll mir nicht wieder passiren!«

Er hätte so laut gesprochen, daß die Beiden jedes Wort gehört hatten. Jetzt kehrte er um, den Heimweg einschlagend.

Die Beiden warteten, bis seine Schritte verklungen waren. Dann sagte Walther:

»Dahinter steckt Etwas!«

»Natürlich!« lachte der Sepp.

»Der Bauer ist förmlich entsetzt gewesen über den Verlust dieses Briefes. Es muß da viel auf dem Spiel gestanden haben.«

»Viel Geldl.«

»Vielleicht noch mehr als Geld. Ich traue diesem Manne nichts Gutes zu.«

»Ich habe ihm schonst seit langen Jahren nicht traut. Und weil er von dem Thalmüllern Freund genannt wird, so ist er ganz gewiß ein schlechter Kerlen.«

»Kennen Sie diesen Thalmüller?«

»Sehr gut. Er ist ein Schuft.«

»Es muß sich um türkisches Geld handeln.«

»Freilich. Der Silberbauern soll ja in deren Türkeien drin gewest sein.«

»So? Wirklich?«

»Ja. Vielleicht ist der Thalmüllern mit ihm gewest.«

»Was mag das für ein Stuhl sein, welcher im Briefe erwähnt wird?«

»Es ist dera Polsterstuhlen, auf dem dera Müllern sitzt, und den der Fex - - Sakra!«

»Was?«

»Jetzt hätt ich mich fast versprochen!«

»Wieso?«

»Ich soll doch nix sagen.«

»Auch zu mir nicht?«

»Zu keinem Menschen.«

»Hm! Und doch wäre es vielleicht nöthig, daß Sie mir mittheilen, was Sie wissen.«

»Ich darf nicht.«

»Handelt es sich denn um ein Unrecht, welches Sie begangen haben?«

»Hm! Einbrochen sind wir.«

»O weh!«

»Und stohlen haben wir.«

»Sie sehen mir nicht wie ein Dieb aus!«

»Nein. Ein Spitzbuben bin ich auch nicht.«

»Und dennoch sind Sie eingebrochen, um zu stehlen?«

»Ja. Aberst wir haben nur Das gestohlen, was dem Fexen gehört und was ihm vorher gestohlen worden war.«


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»Das ist derselbe Fex, welcher sich damals auf dem Concerte der Violine des Italieners bemächtigt hatte?«

»Ja.«

»Hm! Aus Dem, was ich über diesen jungen Mann gehört habe, ist seine Vergangenheit in ein Geheimniß gehüllt. Sollte dieselbe gar mit der Person des Silberbauern in Beziehung stehen?«

»Das wäre freilich fast ein Wunder zu nennen.«

»O, es geschehen täglich noch Wunder, nur daß wir die Augen und Ohren nicht genug offen haben, sie zu bemerken. Für den Herrgott ist kein Wunder zu groß. Freilich sendet er keine Propheten und Engel mehr zur Erde, um sie vollbringen zu lassen, sondern er läßt sie auf jenem Wege geschehen, welchen wir Menschenkinder so fälschlicher Weise den Zufall nennen.«

»Ja, ganz denselbigen Gedanken habe ich auch. Es ist mir oft was passirt, was ich nur einen Zufall nannt hab, und wann ichs nachhero richtig betrachtet hab, so ists mir grad wie ein Wunder vorkommen. So ists wohl auch mit diesem Brief, den wir jetzt funden haben. Der Herrgott hatts gewollt, daß dera Silberbauer die Brieftaschenportföllgen mußt verlieren, damit wir hinter ein Geheimnissen kommen, von dem wir sonst keine Ahnung habt hätten.«

»Und dem Knechte des Silberbauern gebot er, mir zu begegnen und mir die Depesche zu zeigen, welche er fortgeschickt hat.«

»Eine Depeschen?«

»Ja. Der Bauer hat an den Thalmüller telegraphirt, daß er morgen Vormittags elf Uhr kommen will, um das Geschäft abzumachen.«

»So will er ihm die türkischen Goldstücken wirklich abkaufen?«

»Gewiß will er das.«

»Himmelsakra! Da möcht ich dabei sein, wann die Beiden heimlich mit nander sprechen!«

Der Lehrer blickte sinnend zu Boden.

»Hm!« sagte er. »Vielleicht könnten wir doch wenigstens Etwas darüber erfahren, falls wir es schlau anfangen.«

»So? Was müßten wir da thun?«

»Das weiß ich noch nicht genau. Es schwebt mir jetzt nur so wie eine Ahnung vor. Vor allen Dingen müßten wir Beide uns gegen ihn verbinden.«

»Da bin ich gleich dabei.«

»In diesem Falle aber müßten Sie natürlich aufrichtig gegen mich sein. Ich müßte Alles erfahren, was Sie selber wissen.«

»Das thät ich wohl sehr gern, aberst ich hab halt versprechen mußt, zu schweigen.«

»Aber überlegen Sie sich doch, daß Sie sich mit Ihrer Mittheilung in gar keine Gefahr begeben! Ich bin ein Gegner dieses Silberbauern. Es würde mich sogar freuen, wenn ich einer seiner Schändlichkeiten auf die Spur kommen könnte.«


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»Das glaube ich schon. Aberst ohne die Erlaubniß des Fexen darf ich halt doch nix sagen.«

»Nun, ich will nicht in Sie dringen, ohne hoffen zu dürfen, daß Sie sich mir endlich mittheilen. Haben Sie jetzt noch Zeit?«

»O, immer.«

»So überlegen Sie sich die Sache. Ich werde jetzt baden. Wenn ich fertig bin, können Sie mit Ihrem Nachdenken so weit gekommen sein, mir endgiltig sagen zu können, ob ich das erfahren kann, was ich erfahren möchte.«

»Ja, ich werd mich hier herniedern ins Gras setzen. Machens nur Ihre Sachen, Herr Lehrern.«

Der Alte setzte sich hinter dem Busche nieder und schaute nicht hervor, bis er durch ein lebhaftes Plätschern überzeugt wurde, daß der Lehrer sich im Wasser befinde. Dann trat er an das Ufer heraus, um den Schwimmkünsten desselben zuzusehen.

»Himmelsakra!« sagte er. »Sie sind fast beinahe so ein Schwimmern wie der Fexen selber!«

»Schwamm der gut?«

»Na, freilich. Der war die reine Wassermaus. Den, wanns mal hätten sehen konnt, so -«

Er hielt mitten in seiner Rede inne und machte ein Gesicht, als ob er über irgend Etwas ganz außerordentlich überrascht sei.

»Was haben Sie?« fragte Walther.

»Ich? O nix! Aberst Sie haben es.«

»Was denn?«

»Sie haben da doch ein schwarz Kreuzle um den Hals hängen, an dem Bindfaden.«

»Ja, was ists damit?«

»Von wem habens das geschenkt erhalten?«

»Das weiß ich nicht.«

»Na, wann Einer was hat, so muß er doch auch wissen, von wem ers hat!«

»Das sollte man wohl denken. Leider aber weiß ich nicht, von wem ich dieses Kreuz habe.«

»So habens es also funden?«

»Nein, ich selbst bin gefunden worden, und da hat das Kreuz an meinem Hals gehangen.«

Der Alte schlug die Hände zusammen und rief:

»O, all ihr Himmeln da droben! Was wär das nun auch für ein Wundern und Mirakeln, wann es das Kreuzle wär, was ich schon so lange such!«

»Sie suchen ein solches Kreuz?«

»Ja. Bitt Ihnen schön, steigens heraus! Schnell, schnell! Ich kanns kaum derwarten!«

»Hat es denn solche Eile?«


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»Ja. Aberst sagens mir vorher, ob vielleicht unten dran ein Stuckle fehlt?«

»Ja, da ist ein Stückchen abgebrochen.«

»Du lieber Herrgotten! Vielleicht ists gar das richtige! Nun machens aber schnell, daß Sie herauskommen aus dem Wassern, sonst komme ich gar noch hineinsprungen.«

Er ging wieder hinter den Busch zurück und der Lehrer stieg aus dem Wasser, um sich schnell anzuziehen. Er war damit noch nicht fertig, so stand der Sepp schon bei ihm.

»Jetzt nun zeigens gleich schnell mal das Kreuzle her! Ich muß mirs anschauen!«

Er griff an den Hals Walthers und betrachtete sich den kleinen Gegenstand.

»Himmelsakra! Es ist schon gar dasjenige, was ich such! Ich will mich gleich mal überzeugen!«

Er suchte einige Zeit lang in seinem Rucksack herum und brachte dann ein kleines, unscheinbares Päcktchen hervor, welches aus lauter sorgsam über einander gewundenen Leinwandstückchen bestand, die alle einzeln wieder vielfach mit Zwirn umwickelt waren. Er wickelte und wickelte eine ganze Weile lang, bis er es geöffnet hatte. Seine Hände zitterten dabei vor Aufregung.

»Endlich! Da ists!« sagte er. »Nun wollen wir gleich mal schauen, ob das Stuckle hinanpaßt.«

Walther hatte dem Treiben des Alten natürlich mit der allergrößten Spannung zugesehen. Er sagte:

»Gott im Himmel! Sollte dieses Stückchen Holz wirklich an mein Kreuz passen!«

Der Sepp hatte nämlich ein kleines, schmales, schwarzes Holzstückchen aus der erwähnten Hülle hervorgebracht. Jetzt hielt er es an das Kreuz.

»Hurrah, hurrah! Es paßt!« rief er dann, indem er vor Freuden einen Luftsprung that. »Es ist wirklich das Stuckle, was davon abbrochen worden ist! Sie sinds, Sie sind das Buberl, was ich schon bereits seit so langer Zeit sucht hab.«

»Also gesucht haben Sie mich! Dies ist ein Stückchen von meinem Kreuze. Sie müssen es also direct oder indirect von einer Person haben, welche über meine Abkunft Auskunft ertheilen kann.«

»Natürlich, natürlich ists halt so!«

»Wer ist mein Vater, meine Mutter? Schnell, schnell!«

Er ergriff den Alten beim Arme.

»Nur sachte, sacht! So schnell geht das wohl schon nicht! Das Kreuzle ist da. Ob Sie aberst auch der Bub sind, dems gehören thut -«

»Der bin ich.«

»Könnens das beweisen?«

»So sehr, wie Sie es nur verlangen.«

»Das werdens freilich müssen!«


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»Ich kann es, heut, sogleich, wenn Sie nur mit in meine Wohnung gehen wollen. Aber jetzt sagen Sie mir vor allen Dingen, wer meine Eltern sind!«

»Das werd ich wohl nicht thun!«

»Warum nicht?«

»Es ist mir verboten worden. Erst, bevor ich Etwas sagen darf, muß ich derjenigen Personen, die mir das Stuckle Holz anvertraut hat, meinen Bericht erstatten.«

»So sagen Sie mir doch wenigstens, ob meine Eltern noch leben!«

»Auch das darf ich nicht.«

»Herrgott! Warum denn nicht? Es ist ja ganz ungefährlich, wenn Sie es mir sagen!«

»Aberst es ist mir doch verboten, und was mir verboten ist, das darf ich nicht thun.«

»So thun Sie nur schnell alles Mögliche, damit ich es baldigst erfahre!«

»Das werde ich freilich thun.«

»Und sagen Sie mir wenigstens, wie es kommt, daß man grad Ihnen dieses Stückchen Holz anvertraut hat! Warum haben die Betreffenden nicht selbst nach mir geforscht?«

»Das weiß ich nicht.«

»Sie müssen doch wissen, wo sie sich meiner entledigt haben. Oder bin ich geraubt worden?«

»Nein, geraubt sinds nicht worden, so viel ich weiß. Jetzt aberst stellens sich nicht länger her in Hemden und Hosen! Ziehens auch die Westen an und denen Rock! Nachhero können wir ja auch mit nander weiter sprechen.«

»Das wohl, aber ich brenne vor Begierde, Etwas zu erfahren.«

»Wanns gar so lichterloh brennen, werd ich Sie sogleich hinein ins Wassern werfen!«

Der alte Sepp war selber ganz weg vor Freude, daß er diesen außerordentlichen Fund gemacht hatte. Walther aber bebte so vor Aufregung, daß er fast die Knöpfe seiner Weste nicht zubrachte.

»Sehens,« meinte Sepp, »das ist nun auch schon wiedern so ein Wundern, was da geschehen ist ohne Engel und Prophet. Der Herrgott weiß das Alls so schlau und geschickt anzufangen, daß man gar nimmer merkt, daß es eigentlich ein Wundern ist.«

»Ja, seine Wege sind unerforschlich. Wie habe ich mich gesehnt, Etwas über meine Eltern zu erfahren. Ich bin nicht so romantisch, zu erwarten, daß ich das Kind reicher oder gar hochstehender Leute sei. Ich bin herzlich zufrieden, wenn ich nur den Vater oder die Mutter finde, und wenn sie auch Bettler wären. Ich wollte für sie arbeiten Tag und Nacht, um ihnen zu zeigen, wie glücklich ich bin, zu wissen, wem ich mein Dasein zu verdanken habe.«

»Nein, ein Graf oder Millionären ist Ihr Vater nicht gewest, aberst


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auch kein Bettlern nicht. Aberst sagens doch nun mal, was Sie halt von Ihrer Jugend wissen. Wie weit könnens sich da zurück besinnen?«

»Von meinen Eltern habe ich freilich gar keine Vorstellung, denn als ich noch bei ihnen war, bin ich zu jung gewesen, als daß irgend eine Vorstellung sich in mir hätte befestigen können. Ich bin nicht viel über ein Jahr alt gewesen, als sie sich von mir getrennt haben.«

»Und wo ist das gewesen?«

»In der Nähe eines Dorfes bei Regensburg. Da gab es eine kleine Hütte, welche ein Tagearbeiter bewohnte, der zu einem nahe gelegenen Einödhof gehörte. Zu ihm kam eines Sonntags, als er Ruhetag hatte und in Folge dessen daheim war, ein junges, wohlgekleidetes Frauenzimmer, welches ein Kind im Arme trug. Das Mädchen bat, ein Wenig ausruhen zu dürfen, und er erlaubte es. Sie setzte sich auf die Bank vor der Thür. Er unterhielt sich mit ihr, und als sie ihn um einen Schluck Wasser bat, ging er, ihr ein Glas Milch zu holen. Als er wiederkam, war sie fort, und das Kind lag auf der Bank. Er wartete lange Zeit, aber sie kam nicht zurück, und als er sie darnach suchte, war sie nirgends zu finden. Er hat niemals wieder Etwas von ihr gehört.«

»Und das Kind, das sind halt Sie gewest?«

»Ja.«

»War kein Papier dabei?«

»Ja, es gab einen Zettel; darauf stand, daß ich nach katholischem Ritus getauft sei und Max Walther heiße.«

»Weiter nix?«

»Nein.«

»Hm, hm! Aberst das Kreuzle war da?«

»Ja, es hing an meinem Halse. Daß der Zettel vorhanden war, bewies deutlich, daß man beabsichtigt hatte, sich meiner zu entledigen.«

»Und nachhero sinds halt bei dem Arbeiter blieben?«

»Nein. Er war zu arm, sich mit mir zu befassen. Ich kam in die Stadt in das Waisenhaus.«

»O weh!«

»Was das betrifft, so habe ich keine Veranlassung, darüber Wehe zu rufen. Ich habe viel Liebe und Güte genossen, und später fand sich ein wohlthätiger Gönner, welcher mir die Mittel gab, das zu werden, was ich jetzt bin. Aber, obgleich ich mit meinem Schicksale zufrieden bin, hat mir der Gedanke an meine Eltern immer auf dem Herzen gelegen. Und jetzt stehe ich auf der ersten Stufe der Treppe, welche mich zu ihnen führen soll.«

»Ja, auf dera ersten Stuf stehens schon bereits, aberst es werden halt noch viele Stuferln zu steigen sein.«

»Ist es gar so schwierig?«

»Schwierig wohl nimmer, aberst langweilig.«

»Dauert es sehr lang, ehe Sie Ihre Erkundigungen einziehen können?«


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»Ja, denn die Personen, bei der ich anfangen muß, ist halt grad jetzt nicht zu haben.«

»Wo ist sie?«

»Verreist.«

»Wohin?«

»Nach Trippsdrillen, wo die Pfützen über die Weiden geht, verstanden? So fragt man nämlich den Kesselflickern aus. Wann ich Ihnen Eins sag, nachhero wollens auch die Zwei wissen, und das kann ich halt nicht gelten lassen. Habens also eine Gedulden; nachhero wirds zu seiner Zeit schon ganz von selberst kommen.«

»Aber Sie sehen doch ein, daß ich höchst begierig sein muß, baldigst Etwas zu erfahren!«

»Eben begierig sollens halt nicht sein, sonst verderbens sich selber den Brei, und nachhero schmeckt er versalzen.«

»Wie lange Zeit soll ich ungefähr warten?«

»Achtzig Jahren!«

»Unmöglich!«

»Was? Unmöglich? Wann ich Ihnen nix sag, was wollens da dagegen machen? Warten müssens doch.«

»Aber ich sterbe vor Ungeduld!«

»Unsinn! An dera Auszehrungen kann man sterben, aberst nicht an dera Ungedulden. Habens nur gar keine Angsten. Der Wurzelsepp wird seine Sach schon so einrichten, daß Sie mit ihm zufrieden sind. Hier habens die Hand darauf. Topp!«

Er streckte ihm die Hand hin. Der Lehrer ergriff dieselbe und sagte in dringlichem Tone:

»Also Sie werden mich nicht länger warten lassen, als unumgänglich nothwendig ist?«

»Keinen Augenblicken länger. Mir liegt ja selberst daran, daß diese Sachen so schnell wie möglich lauft. Und nun wollen wir sie bei Seiten legen und lieberst von dem reden, was nothwendiger ist.«

»Was könnte das sein?«

»Das fragens auch noch?«

»Für mich giebt es nichts Nothwendigeres, als zu erfahren, wer meine Eltern sind und ob sie noch leben.«

»Himmelsakra! Eben grad davon sollens ja nimmer wieder beginnen! Jetzunder reden wir nun mal ernstlich vom Silberbauern.«

»Als ob wir von dem nicht schon gesprochen hätten!«

»Aberst nicht genug! Jetzt handelt sichs um das Geldl, was er holen will.«

»Ja; aber eigentlich geht uns dasselbe gar nichts an.«

»Das scheint so; aberst ich denk mir, daß es grad für uns Beid nothwendig ist, hinter seine Schlichen zu kommen. Also wann wird er beim Thalmüllern sein?«


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»Morgen früh um elf Uhr.«

»So werdns da das Geschäftl abschließen und hernach wird er wiedern zuruckfahren.«

»Ja. Sie meinen also, daß er nicht laufen wird?«

»Nein. Er wirds Wagerl nehmen, damit er das Geldl gleich mitbringen kann.«

»So müssen wir zu erfahren suchen, ob das Geschäft abgeschlossen worden ist.«

»Das werden wir schon derfahren.«

»Aber wie?«

»Das könnens sich nicht denken?«

»Ach, man könnte es auf verschiedene Weise erfahren. Aber welche wird die beste sein?«

»Die meinige.«

»Welche ist das?«

»Ich fahr halt mit.«

»Der wird Sie gleich mitnehmen!«

»Der muß und der wird. Da kenn ich den Silberbauern schon beinahe ganz genau.«

»Er muß ja darauf sehen, daß seine Sache so geheim wie möglich bleibe!«

»Freilich wohl. Aberst denkens denn etwan, daß ichs so dumm anfang, daß er merkt, was ich wissen will? Gehens! So albern ist der Wurzelsepp freilich nicht.«

»Nun, wie wollen Sie es denn anfangen?«

»So, daß ich gar nicht mit hinfahr.«

»Wie? Und soeben sagten Sie -«

»Daß ich mitfahren will!«

»Ja.«

»Das ist auch richtig. Nämlich ich will gar nicht mit nach der Mühlen fahren, sondern ich werd unterwegs bei ihm aufisteigen, wann er auf dem Ruckweg ist.«

»Ach so! Das ist freilich etwas Anderes.«

»Na, sehens! Es ist ein Glück, daß er mich hier noch nicht sehen hat. Er weiß halt noch gar nicht, daß ich wiedern mal in Hohenwald bin.«

»Aber er kennt Sie?«

»Sehr gut. Da paß ich also morgen heimlich auf, ob er fortfahrt. Nachhero geh ich ihm entgegen bis zur Waldschänke, da, wo dera Weg steil abwärts geht. Da seh ich ihn nachhero auf dem Ruckweg den Berg herauf fahren kommen und geh gleich in die Schänk hinein.«

»Wird er nicht vorüberfahren?«

»Das fallt ihm gar nicht ein. Der bringts in seinem ganzen Leben nicht fertig, an dera Waldschänken vorbei zu fahren. Nachhero sitz ich drin und bitt ihn schön, mich mitzunehmen.«

»Wird er das thun?«


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»Das ist so sicher wie Linsen. Wissens, dera Wurzelsepp ist ein armes Teuferl, aberst er hats auch da hinter den Ohren, und er wirds halt Keinem rathen, ihm so einen kleinen Wunsch abzuschlagen. Und nachhero, wann ich drin im Wagerl sitz, werd ich wohl merken, ob er das Geldl mit hat odern nicht. So eine Meng von Goldstuckerln kann man nicht in dera Westentaschen verstecken.«

»Gut! Und nachher?«

»Und nachhero? Nun, was solls nachhero sein?«

»Was haben wir damit gewonnen, wenn wir wissen, daß er das Geld hat?«

»Dann haben wir halt erstens den Beweis, daß er mit dem Müllern unter einer Decken spielt, und zweitens giebts noch was, wovon ich heut noch nicht reden will. Wann ich zuruckkomm, darf ich Sie aufsuchen?«

»Ja, das versteht sich ganz von selbst. Wenn es gilt, diesem Manne hinter seine Schliche zu kommen, so bin ich gern dabei.«

»Das gefreut mich sehr, denn vielleicht ists möglich, daß Sie mir dabei was helfen müssen.«

»Und ich ahne, daß ich auch Ihrer Hilfe bedarf, in Betreff dieses Mannes. Kennen Sie den Feuerbalzer?«

»Ja. Wie sollt ich den nicht kennen!«

»Seit langer Zeit?«

»Bereits schon, als er noch reich war.«

»So wissen Sie auch, wie er arm geworden ist?«

»Ja. Vielleicht weiß ichs noch bessern als Andere.«

»Nun, wie denn?«

»Da meinens, daß ichs Ihnen sag?«

»Ja.«

»Fallt mir nicht ein!«

»Warum?«

»Weils mir heut noch zu gefährlich ist.«

»Ich denk, wir sind Verbündete!«

»Ja freilich. Aberst trotzdem braucht der Eine dem Andern nicht gar Alles zu sagen. Ein jedes Ding hat seine Seiten, und es wird halt schon noch die Stund kommen, in der ich Ihnen Alles sag.«

»Ganz, wie Sie wollen. Ich hörte, der Silberbauer habe ihn zum Spiel verführt?«

»Das ist schon richtig.«

»Und da hat er sein ganzes Vermögen verloren?«

»Das ganze halt doch nicht. Er hat schon noch was übrig habt, aber das ist im Feuern verbrannt.«

»Ja, das erzählte mir seine Frau.«

»So! Hat sie es Ihnen auch bereits derzählt? Das derzählt sie allen Leutln, die sie nur derwischen kann.«

»Bei dieser Erzählung fiel mir Einiges auf.«


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»Was?«

»In Betreff des Silberbauern.«

»So, so! Darf man das hören?«

»Nein.«

»Donnerwettern! Jetzt wollens wohl schweigen?«

»Ja.«

»Warum? Wir sind doch Verbündete!«

»Jetzt sag ich grad so wie vorhin Sie: Es ist mir jetzt noch gefährlich, davon zu reden.«

»Das ist ja die reine und richtige Rachsuchten! Das hätt ich Ihnen bei Leibe nicht zutraut!«

»Wie Du mir, so ich Dir! Obs wohl viel gewesen sein mag, was damals verbrannt ist?«

»Grad fünftausend Thalern.«

»O weh! So eine Summe?«

»Ja. Ich weiß es ganz genau. Ich war dabei. Der Balzer hatte ein Hypothekerl aufs Haus nommen und der Silberbauern hats ihm geben. Die Beid sind in die Stadt fahren, um das Geld zu holen und das Hypothekerl beim Amt festschreiben zu lassen. Nachhero beim Nachhauseweg stand ich auf der Straßen und bin mit auf den Wagen stiegen. Da hab ich Alls derfahren.«

»Und später ist das Gut weggebrannt?«

»Noch in derselbigen Nacht.«

»Was Sie sagen!

»Ja. Ich bin niemals in dera Schänk über Nacht blieben, sondern stets bei einem Bekannten. So ein Lagern auf dem Heu kann ein Jedern einem armen Teuxeln geben. Am damaligen Abend bin ich beim Silberbauern zur Nacht blieben.«

»Bei dem?« fragte der Lehrer schnell. »Hören Sie, das ist mir im höchsten Grade interessant.«

»So? Warum?«

»Weil - na, weil ich einen gewissen Verdacht nicht los werden kann.«

»Welchen Verdacht?«

»Daß das Feuer damals angelegt worden ist.«

»Das hab ich auch bereits denkt, und viele Leutln habens damals grad heraus gesagt.«

»Aber an den Tag ist nix gekommen?«

»Gar nix.«

»Waren Sie auch mit beim Brande?«

»Natürlich. Wann an einem so kleinen Ort ein Feuerl ist, so rennt ja Alles hinzu.«

»Und haben Sie nichts besonders Auffälliges bemerkt?«

»Nein; nur daß das Feuer heiß war, hab ich merkt.«


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»Ich scherze nicht; ich habe meine ganz bestimmte Absicht, wenn ich Sie jetzt frage.«

»So! Aberst die Absichten ist mir nicht bekannt.«

»Natürlich war der Silberbauer auch mit bei dem Feuer?«

»Ja. Er hat brav mit gerettet.«

»War er gleich mit da?«

»Nein. Bereits vor dem Feuern, so um die Mitternachten, als beim Silberbauern Alles schlief, da konnt ich keine Ruh finden. Ich hatt eine innre Aengsten, als ob was passiren wollt. Da bin ich vom Heuboden, wo ich schlafen wollt, wiedern herab gangen und in denen Garten hinaus. Da hab ich sessen im Mondenschein und so an Dieses und Jenes denkt, bis der Bauern kommen ist - - -«

»Nach Hause?«

»Nein. Wann er nach Haus kommen wär, da wär er doch durch die vordere Thüren herein. Er kam durch die Hinterthüren in denen Garten hinaus.«

»Was hat er dort gewollt?«

»Das hab ich mich auch fragt. Es ist so ein heller Mondschein west, und da hab ich sehen, daß er einen Hammern in der Hand tragen hat.«

»Um Mitternacht mit einem Hammer in den Garten?«

»Ja. Das hat mich auch wundert. Er hat mich nicht sehen, bis ich auf ihn sprochen hab. Da, als er mich hört und sehen hat, ist er schier verschrecken.«

»Ah! Das böse Gewissen!«

»Meinens? Thätens nicht auch verschrecken, wann in der Nacht plötzlich Einer auf Sie sprechen thät?«

»Vielleicht.«

»Na, also! Er ist fast zornig worden, daß ich noch nicht schlafen gangen war.«

»So! Er schlief doch selber nicht!«

»Freilich!«

»Warum war er noch wach?«

»Das hab ich ihn auch fragt, und er hat sagt, daß er nach dem Wassern will.«

»Mit dem Hammer?«

»Ja. Als ich vom Hammern sprochen hab, ist er wiedern verschrocken und hat ihn schnell in die Taschen steckt.«

»Wozu hatte er ihn bei sich?«

»Um Nachtangeln zu setzen.«

»Mit dem Hammer? Hm!«

»Ja. Er hat ihn wohl braucht, um die Holzpflöckern in die Erd zu schlagen.«

»So! Dann ist er wirklich gegangen?«


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»Ja. Und mir hat er sagt, daß ich mich nun aufs Ohr legen soll. Das hab ich auch than.«

»So haben Sie nicht bemerkt, wann er wieder nach Hause gekommen ist?«

»Nein.«

»Vielleicht ist er gar nicht am Bach gewesen.«

»Warum sollt er nicht? Warum sollt er mir eine Lügen macht haben? Es war gar kein Grund vorhanden!«

»Vielleicht doch!«

»Ich seh keinen ein. Und am Wassern, am Bach ist er ganz gewiß gewest. Das weiß ich genau.«

»Woher?«

»Als ich schon einschlafen gewest bin, hat man ganz plötzlich Feuern schreit. Ich bin schnell aufi und fort. Da hat dem Balzerbauern sein Gut brannt, lichterloh empor. Ich bin spät kommen, weil ich fest schlafen hatte; aberst der Silberbauern kam noch spätern, und als er kam, ist er ganz naß gewest. Also muß er doch nach dem Bach gangen sein.«

»Hm, hm! Und wie hat er sich beim Feuer verhalten?«

»Wie soll er sich verhalten haben? Wie ein jeder Andre auch. Er hat sich mit in Reih und Glied stellt, um Wassern nach dera Feuerspritzen zu reichen. Aberst die Spritzen ist ausdorrt gewest und hat einen Sprung und Löchern gehabt, so daß mehr Wassern heraustropft ist, als man hineinthan hat. In denen Schlauch ist kein Tropfen kommen, und so hat man nicht löschen konnt, und das ganze Gut ist abibrannt mit sammt deren Scheuern und Stallen.«

»Und der Bauer wär beinahe auch mit verbrannt?«

»Viel hat nimmer daran fehlt. Er muß sehr fest schlafen haben. Die Frau hat gar nicht wußt, daß er daheim ist, weil er noch nicht im Bett legen hat. Aber das Geldl ist ihr einifallen. Da sind ein paar brave Burschen hinauf in die gute Stuben, wo es aufbewahrt gewest ist, und da hat der Balzer besinnungslos gelegen.«

»Vielleicht gar verwundet?«

»Nein. Den Schlag hat er erst später erhalten, als der Balken auf ihn stürzt ist. Ihn habens gerettet; das Geld aber ist zum Teuxel gewest.«

»Was war es für Geld?«

»Lautern Goldstuckerln außer ein Kassenbilleterl von fünfhundert Thalern.«

»Und man denkt, daß Alles das verbrannt ist?«

»Natürlich.«

»Das Gold kann ja nicht verbrennen!«

»Grad das habens sich auch denkt, und darum hat die Balzerbäurin dann streng nachsuchen lassen. Aberst es ist nix funden worden.«

»Das Gold ist geschmolzen. Da aber muß es auf alle Fälle gewesen sein.«

»Das denk ich halt auch; aber was hilfts wann mans denkt, und es ist doch nicht da! Die Arbeitern, welche sucht haben, sind vielleicht nicht ehrlich gewest.«


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»Das wäre die eine Erklärung. Aber es giebt auch noch eine andere und zwar daß das Geld vor dem Brand gestohlen worden wäre.«

»Himmelsakra!«

»Nun, ist das nicht möglich?«

Der Sepp machte ein ganz eigenthümliches Gesicht, ein Gesicht wie Einer, dessen Gedanken man errathen hat.

»Wie kommens auf dieselbige Idee?« fragte er.

»Es muß ein Jeder darauf kommen, der einigermaßen nachdenkt.«

»Ja freilich!« nickte er.

»So haben Sie diesen Gedanken auch bereits gehabt?«

»Ich bin ihn noch gar nicht los worden.«

»Aber wer könnte der Dieb sein?«

»Hm! Ja, wer?«

»Vielleicht ist die Bezeichnung »Dieb« noch zu gelinde.«

»Warum?«

»Man könnte wohl auch »Mörder« sagen.«

»Alle tausend Donnerwettern!«

Sie standen längst nicht mehr am Bache, sondern sie waren von dort aufgebrochen und während ihres Gespräches ins freie Feld zurückgekehrt. Jetzt schritten sie über die Wiesen. Der Sepp blieb, als er die letzten Worte sprach, stehen und ergriff den Lehrer am Arme. Er machte zwar ein erschrockenes Gesicht, aber der Blick, welchen er auf den Gefährten warf, sagte deutlich, daß er sich von dessen Worten eigentlich gar nicht überrascht fühle.

»Es ist doch gar kein Mord vorhanden!« sagte er. »Nein, aber vielleicht ein Mordversuch.«

»Was denkens eigentlich?«

»Nun, ich denke mir, daß man das geschmolzene Gold hätte finden müssen, wenn es beim Ausbruch des Feuers noch vorhanden gewesen wäre. Es ist aber nicht gefunden worden, folglich - - -«

Er hielt inne. Der Sepp setzte die Rede fort:

»Folglich wars wohl gar nimmer da, als das Feuern losgangen ist.«

»Ja. Aber wohin ists gekommen?«

»Wer kann das wissen!«

»Wissen kann es nur der Betreffende. Aber vermuthen kann man; Schlüsse ziehen kann man.«

»Dazu hab ich halt kein Talenten.«

»O doch! Ich halte Sie für einen Mann, dem man nicht leicht ein X für ein U hermachen darf.«

»Meinens? Na, vielleicht habens Recht. Nachdenken kann ich halt schon, und vermuthen auch; aberst das Denken so in denen richtigen Worten sagen, das bring ich halt doch nicht fertig; dazu reichen meine sieben Universitäteln noch nicht aus.«

»Gut! So wollen wir Beide denken, und ich will die Gedanken in die richtigen Worte fassen. Nehmen wir also an, das Geld sei beim Ausbruch des


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Brandes nicht mehr da gewesen, so müssen wir uns fragen, wohin es gekommen ist.«

»Jawohl.«

»Nun, was denken Sie?«

Der Sepp legte den Finger an die Nase, machte ein pfiffiges Gesicht und antwortete:

»Ja, wer hats gestohlen?«

»Ja. Denken wir aber ja daran, daß der Bauer in der Stube gelegen hat, in welcher das Geld aufbewahrt worden ist. Weshalb ist er dort gewesen?«

»Um das Geldl zu retten.«

»Das ist falsch, denn wenn er das Geld hätte retten wollen, so hätte er wissen müssen, daß sein Gut brenne - - -«

»Freilich!«

»Dann hätte er um Hilfe gerufen, Lärm gemacht, geschrieen, gebrüllt -«

»Himmelsakra! Daran habe ich gar nicht denkt!«

»Seine Leute hätten ihn unbedingt hören müssen.«

»Freilich, freilich.«

»Sie haben aber geglaubt, er sei gar nicht zu Hause. Sie haben gar nicht gewußt, daß er sich in der guten Stube befand. Sie haben ihn also nicht gehört, und folglich hat er gar nicht gerufen. Sehen Sie das ein?«

»Ja, das kann ich schon leicht begreifen, wanns mir in dieser Art und Weisen verklärt wird.«

»Ich schließe folgerichtig weiter, daß er sich also nicht in der guten Stube befunden hat, um sein Geld aus dem Feuer zu retten.«

Der alte Sepp hatte wohl in seinem ganzen Leben noch gar kein so gespanntes, wichtiges und aufmerksames Gesicht gemacht wie jetzt. Er stand vor der Lösung eines Geheimnisses. Was er so lange Jahre still verborgen und vielleicht ohne das richtige Bewußtsein in sich getragen hatte, das holte ihm jetzt der junge Mann mit seinen unerbittlichen und folgerichtigen Schlüssen aus der Seele heraus. Der Lehrer fuhr fort:

»Der Balzerbauer hat also gar nichts vom Feuer gewußt. Warum?«

»Weil er ohnmächtig wegen ist.«

»Wie ist er ohnmächtig worden?«

»Vielleicht vor Schreck?«

»O nein. Die Nerven eines solchen Mannes halten schon einen Puff aus. Erschrecken kann er, starr sein für einige Augenblicke, ja. Aber daß er vor lauter Schreck todt hinstürzen soll, das glauben Sie wohl selbst nicht, Wurzelsepp.«

»Freilich nicht.«

»Also einen anderen Grund!«

»Er ist vor Rauch fast erstickt?«

»Auch das nicht. Diejenigen, welche das Geld haben holen wollen,


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hätten sich des Geldes wegen nicht in eine Stube gewagt, in welcher die Gefahr des Erstickens so groß war. Es ist Luft genug vorhanden gewesen.«

»Freilich! Das Fenstern war noch nicht mal entzwei sprungen.«

»Sehen Sie. Also weder vor Schreck noch vor Rauch ist der Bauer besinnungslos gewesen. Er hat seine Besinnung bereits vor dem Ausbruche des Feuers nicht mehr gehabt.«

»Wie meinens das? Wie könnt das wohl der Fall gewest sein? Bevor das Feuern ausbrochen ist, ist dera Bauern doch wohl ganz frisch und gesund und muntern gewest!«

»Davon bin auch ich sehr überzeugt. Wenn aber ein frischer und gesunder Mann besinnungslos am Boden liegend gefunden wird, und später bemerkt man, daß seine Hirnschale entzwei ist, was darf man da vermuthen, Wurzelsepp?«

Der Blick des Alten wurde ganz starr. »Himmel und Höllen!« stieß er hervor.

»Antworten Sie!«

»Das ist so leicht und aberst doch auch so schwer!«

»Wir sind allein, und Niemand hört es.«

»Nun, Sie meinen, daß der Balzerbauern von Jemandem niedergeschlagen worden ist?«

»Ja.«

»Ich habs auch schon denkt - nein, nicht denkt sondern ahnt hab ichs. Aberst wanns Einem so klar und mundrecht macht wird wie von Ihnen, so könnt man gleich einen Eid thun, daß es so gewest ist.«

»Nun, beschwören wollen wir es noch nicht; aber ich habe die Ahnung, daß wir uns auf dem richtigen Weg befinden.«

»Aberst wir dürfen halt nicht vergessen, daß ihn der Balken derschlagen haben soll!«

»Das vergesse ich auch nicht. Aber hat ihn denn der Balken auch wirklich getroffen?«

»Sie sagens ja.«

»Geben wir es immerhin zu. Die Hauptsache für uns ist die, daß er bereits vorher wie todt auf der Diele gelegen hat. Also ist ihm bereits früher Etwas geschehen. Und so haben wir wohl Veranlassung, anzunehmen, daß er die Kopfwunde bereits gehabt hat, als er gefunden wurde.«

»Aberst wer soll ihn derschlagen haben?«

»Das ist die Hauptfrage.«

»Ich kann keine Antwort finden.«

»Wirklich nicht?« fragte der Lehrer, indem er ihn scharf ansah.

»Nein, eine richtige Antworten, die ich beweisen könnt, giebts halt nicht.«

»Das glaube ich gar wohl. Aber das Gefühl geht richtiger als der Verstand. Wer sagt dem Vogel, was Nord oder Süd ist? Er weiß es nicht; er denkt gar nicht darüber nach; er folgt seinem Gefühle und findet ganz genau den richtigen Ort. Man pflegt das den Instinct zu nennen.«


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»Ja, das weiß ich wohl.«

»Auch der Mensch handelt zuweilen auch instinctiv.«

»Das hab ich auch bei mir schon merkt.«

»Schön! Sie haben also auch Instinct.«

»Ja, sehr.«

»Nun, so nehmen Sie jetzt einmal denselben zu Rathe.«

»Das wollt ich gar wohl, wanns nur nicht so gefährlich wär!«

»Das begreife ich nicht.«

»Nun, es giebt halt doch Sachen, die man sich wohl denken kann, aberst sagen darf man sie nimmer.«

»Ich wiederhole, daß wir allein sind und daß uns kein Mensch hört.«

»Das weiß ich schon. Und wann das nicht wär, so würd ich auch gar kein Wort sagt haben. Jetzt aberst will ichs gestehen, daß ich immern und immern an den Hammern denken muß.«

»Den der Silberbauer damals in der Hand gehabt hat?«

»Ja.«

»Warum müssen Sie daran denken?«

»Weil ich auch nicht so recht begreifen kann, wie er den Hammern zu denen Nachtangeln hat brauchen können.«

»Auch mir ist das befremdlich. Ist er früher im Hause des Balzerbauern verkehrt?«

»Alle Tagen.«

»So daß er die Oertlichkeit genau gekannt hat?«

»Wie der Balzer selberst.«

»Hm! Warum ist er erschrocken, als er Sie im Garten bemerkte?«

»Ja, und als ich den Hammern sah, verschrak er auch schon wiedern.«

»Also muß er ein böses Gewissen gehabt haben. Und warum befahl er Ihnen, nun schlafen zu gehen?«

»Ich sollt nicht sehen, wann er wiedern kommt.«

»Oder sollten Sie nicht bemerken, daß er überhaupt gar nicht wiederkam?«

»Das glaub ich halt nicht. Wiederkommen ist er. Wann er wirklich das Geld holt hat, so hat ers doch wohl nach Haus schafft. Oder nicht?«

»Er wird sich gehütet haben, es in seine Wohnung zu verstecken. Nein, nein. Er hat es außerhalb derselben verborgen. Das ist gewiß. Und von dem Versteck aus ist er gleich nach dem Feuer zurückgekehrt.«

»Wo mag das Versteck sein?«

»Am Wasser.«

»Wie? Am Bach? Warum denkens das?«

»Weil er naß gewesen ist. Er muß also mit dem Wasser zu thun gehabt haben.«

»Sapperloten! Daran hab ich gar nicht denkt!«

»Ja, man denkt oft grad an die Hauptsache nicht.«

»Und ist halt nicht ganz und gar besonderbar, daß wir grad denselbigen Gedanken haben?«


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»Freilich.«

»Und auch denselbigen Mann im Verdacht! Nun hab ichs so lange Jahren mit mir herumitragen, und Sie habens gefunden und sind doch erst nur so ganz kurze Zeiten hier. Das ist zum Zerwundern!«

»O nein. Es ist mir eben aufgefallen, als ich mit der Balzerbäuerin sprach. Uebrigens wundert es mich, daß die Behörde nicht auch auf einen ähnlichen Gedanken gekommen ist.«

»Die? Ja, warum meinens das?«

»Nun, hat man etwa Verdacht gehabt?«

»Wegen Mord nimmer, aberst wegen Diebstahlen. Das Geld hat nämlich in einem eisernen Kastl gelegen.«

»Ah, ah! Das ist ja ein neuer Anhaltepunkt! Wenn dies der Fall ist, so hätte man dies geschmolzene Geld unbedingt finden müssen, da die Goldstücke nicht zerstreut sein konnten.«

»Und weil man nix funden hat, so hat das Amt denkt, daß doch ein Spitzbuben dagewest sein könnt.«

»Der das Gut angebrannt hat, um den Diebstahl zu verdecken?«

»Ja. Und darum hat das Amt nach dem Schein forscht und nach der Nummern, die er tragen hat. Sie ist in allen Blättern bekannt macht worden.«

»Das ist gut, sehr gut. Der Dieb hat es nicht wagen dürfen, den Kassenschein auszugeben. Vielleicht hat er ihn gar noch heut im Besitz!«

»Und das eiserne Kastl auch noch!«

»Alles ist möglich, Alles. Und da wir einmal den ersten Schritt gethan haben, so müssen wir auf demselben Wege weiter vorwärts schreiten. Ich vermuthe, daß der Silberbauer der Thäter ist.«

»Ich auch.«

»Und daß er das Geld damals in der Nähe des Baches versteckt hat. Vielleicht hat er dieses Versteck noch heut in heimlichem Gebrauch. Ach, da fällt mir ein: Sie sagten doch, daß er ein fleißiger Bader sei?«

»Das ist er!«

»Daß er aber nie schwimme?«

»Schwimmen habe ich ihn noch niemals sehen.«

»Badet er stets da, wo wir heut gewesen sind?«

»Oft auch am Mühlenwehr.«

»Wo ist das?«

»Ueber der oberen Mühlen, in welcher dera Müllerhelm wohnt. Es ist von dem Silberbauern vor langer Zeit baut worden, damit die Mühlen stets das richtige Wassern haben.«

»Gehört die Mühle ihm?«

»Beide, die obere und auch die untere. Er hat sie nur verpachtet.«

»Giebt es nicht einen bestimmten Ort am Bache, an welchem er oft zu sehen ist?«

»Nein. Einen Lieblingsort hat er halt nicht.«


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»Und doch kann ich den Gedanken nicht los werden, daß er sein damaliges Versteck noch heut dort hat. War, als das Balzergut niederbrannte, das Wehr bereits fertig gebaut?«

»Ja, ganz fertig.«

»Nun, wollen sehen. Uebrigens kommt mir da ein neuer Gedanke, der uns vielleicht zum Ziele führt. Nämlich das Geschäft, welches er morgen mit dem Thalmüller abschließen will, ist auch ein derartiges, daß er es geheim halten muß. Der Müller hat sein Geld nicht sehen lassen, und so denk ich, daß der Silberbauer es auch verstecken wird.«

»Auf alle Fällen.«

»Aber wohin?«

»Nun, in seinem Haus. Odern - - Sapperloten, jetzt weiß ich, was Sie meinen! Wann das alte Verstecken noch da ist, so wird er das Geldl aus dera Türkeien auch dorten verbergen. Nicht?«

»Ja, das hab ich gemeint.«

»Nun, so brauchen wir ja nur aufzupassen.«

»So? Stellen Sie sich das so leicht vor? Ich halte es für schwer!«

»Warum?«

»Weil wir die Zeit nicht wissen, in welcher er es verstecken wird.«

»Nun, die werden wir halt schon derfahren.«

»Aber wie?«

»Sehr leicht. Ich paß halt auf ihn auf.«

»Wollen Sie sich in seine Hausthür legen?«

»Nein, sondern gleich ins Haus hinein.«

»Ach so! Sie wollen ihn um Herberge bitten?«

»Ja.«

»Wird er sie Ihnen nicht versagen?«

»Der? Kein Mensch versagt sie dem Wurzelsepp. Das wär ja eine ewge Schand für einen Jeden, wann er den armen Sepp von der Thür weisen thät. Nur wissen darf er freilich nicht, daß ich ein guter Freund von dem Herrn Schulmeistern bin.«

»Nun, das können wir ja geheim halten.«

»Ja, das müssen wir freilich. Und schauns, da hinten kommen zwei Leutln. Es ist nicht nothwendig, daß die uns beisammen sehen. Darum wollen wir uns jetzt den Abschied sagen.«

»Gut. Wann sehen wir uns wieder?«

»Morgen am Abend, wann ich mit dem Silberbauern wiederkommen bin. Wo wohnens halt?«

»Beim Eschenbauern, wo früher der Feuerbalzer sein Gut gehabt hat.«

»Wohl in dera guten Stuben?«

»Ja.«

»Schön! Wann ich komm, werd ich in die Händ klatschen. Nachher kommens herab zu mir.«

»Und was mache ich, wann ich Sie einmal sehen will?«


Ende der neunundzwanzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk