Lieferung 30

Karl May

19. Februar 1887

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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»Nun, da spazierens halt hinaus auf die Waldblößen zum Finkenheiner. Der wird Ihnen sagen, wann und wo ich zu finden bin.«

»Darf der Alles wissen?«

»Nein, jetzund noch nicht. Also jetzt behüts Gott!«

»Behüt Sie Gott auch!«

Sie gaben einander die Hand und trennten sich.

Der Wurzelsepp strich nach dem Walde hinüber, und der Lehrer nach dem Dorfe. Da er von dieser Seite kam, mußte er an dem Gute des Silberbauers vorüber. Eben als er sich demselben näherte, trat Martha aus dem Thor.

Sie war heut nicht mehr die »Silbermartha«. Sie ging höchst einfach gekleidet, fast wie die Tochter eines armen Mannes. Ihr Gesicht war sehr blaß. Als die Beiden aneinander vorübergingen, zog der Lehrer den Hut, und sie nickte leicht mit dem Kopfe. Keins sprach ein Wort. Für einen Augenblick war sein Gesicht ebenso blaß geworden wie das Ihrige.

Es hatte ihm einen Stich tief ins Herz gegeben, als er sie erblickte. Das war die Tochter des Mannes, den zu verderben er sich fest vorgenommen hatte. Er hatte sie geliebt mit der ganzen Gluth seiner Seele, und jetzt sann er auf ihr Verderben. Denn das Verderben des Vaters zog unbedingt auch dasjenige der Tochter nach sich.

Seine Schritte wurden unwillkürlich kleiner und langsamer, und sein Blick suchte nachdenklich den Erdboden. Bald aber hob er den Kopf wieder empor. Ein Schulmeister sei ihr viel zu niedrig, hatte sie gesagt. Gut, sie sollte erfahren, daß ein Schulmeister mit der Tochter eines Verbrechers nichts, gar nichts zu schaffen hat!

Es war ihm nun in diesem Augenblicke wirklich ganz so zu muthe, als ob er diesem Mädchen niemals auch nur einen einzigen seiner Gedanken geschenkt habe. Es war ihm, als ob er nie gefühlt habe, was Liebe und Enttäuschung sei.

Er ging zum Pfarrer, um zu sehen, ob dieser zu Hause sei. Der geistliche Herr hatte heut nach der Kreisstadt gemußt, und Walther hatte ihn gebeten, Papier und Pastellstifte für den Elephantenhanns, den Sohn des Finkenheiner mitzubringen. Er war noch nicht da, und erst als es dunkel geworden war, kam er nach der Wohnung des Lehrers, um demselben das Bestellte zu bringen.

Als der Pfarrer wieder gegangen war, begab Walther sich nach der Wohnung seines Zeichenschülers. Der Heiner war bereits daheim, und die Liesbeth stand im Begriff, das Abendessen zu bereiten. Der Bruder saß am Tische und hatte ein Buch vor sich, welches der Lehrer ihm gestern geborgt hatte. Es waren die Reisen Vogels in Centralafrika. Der junge Mann hatte den Band heut mit Heißbegierde verschlungen und sich ganz besonders von den Illustrationen begeistert gefühlt. Er schob dem Lehrer, als dieser sich gesetzt hatte, ein Blatt zu, auf welchem er eine Scene aus jenen Ländern entworfen hatte. Walther betrachtete sie mit kritischem Auge und sagte dann:


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»Ich überzeuge mich immer mehr, daß Sie eine seltene Begabung und eine außerordentliche Inclination für das Exotische besitzen. Wenn ich wüßte, daß es Ihnen recht wäre, würde ich mich mit Ihnen nach einem Sujet für eine umfänglichere Arbeit umsehen.«

Die bleichen Wangen des Kranken rötheten sich bei diesem Lobe.

»Bitte,« sagte er. »Suchens halt, und gebens mir eine Aufgab, an der ich eine Freud haben kann.«

»Nun, ich glaube Ihren Geschmack zu kennen. Sie haben das Buch durchgelesen; der Inhalt ist Ihnen bekannt. Ein Capitel handelt von dem Tsad-See, jenem großen Wasserbecken im Sudan, an dessen Ufer sowohl die Vegetation als auch die Thierwelt in ihren riesigsten Formen vertreten ist. Krokodile, die riesigsten unter den Amphibien, bewohnen das Wasser; Löwen, Elephanten, Nashörner, Flußpferde trinken am Ufer. Gigantische Schlangen winden sich durch das hohe Gestrüpp. Und diese Ufer werden in Schatten gehüllt von Bäumen, deren Spitzen höher ragen als die Wetterfahnen unserer Kirchthürme. Palmen, Affenbrotbäume, Talha's und andere Riesen verbieten den Sonnenstrahlen den Zutritt zu der Fläche des Sees. Es ist Alles groß, erhaben, gigantisch, riesig. Eine Scene am Ufer dieses See's, das wäre ein Sujet für Sie.«

Der Kranke nickte nur. Seine Augen leuchteten, seine dünnen, wächsernen Finger spielten zitternd mit dem Bleistifte. Der Lehrer fuhr fort:

»Und dieses Riesenhafte müßte gemildert werden durch eine Fabel, deren Gestalten aus dem Schattendunkel leuchteten. Sie haben gelesen, daß sich ein kleines, helles, unscheinbares, liebliches Blümchen in großen Massen auf der Oberfläche des See's bewegt?«

»Die heimathlose Fanna,« antwortete Hanns.

»Warum wird sie so genannt?«

»Ich weiß es nicht.«

»Nun, sie wurzelt nicht am Boden des Sees; sie lebt nur an der Oberfläche desselben und folgt der Richtung des leisesten Windes. Sie blüht also nicht an einer festen Stelle und heißt darum die heimathslose Fanna. An diese Blume knüpft sich eine Sage, von welcher sich die dortigen Eingeborenen erzählen. Auf dem Grunde des Wassers wohnt nämlich ein herrliches Meerweib von so wunderbarer Gestalt, daß kein Mensch, der sie erblickt, ihr zu widerstehen vermag. An hellen Mondnächten erscheint sie auf der Oberfläche, weiß von Farbe, wie ein Christenweib, nur noch viel herrlicher und entzückender. Rudert nun ein Jüngling über das Wasser und erblickt er sie, so ists um ihn geschehen. Er springt aus dem Kahn in ihre Arme und verschwindet mit ihr in der feuchten Tiefe - auf Nimmerwiedersehen. Seine Seele wird in eine Fanna verwandelt, in eine jener lichten Blüthen, welche heimathlos auf den Wassern treiben. So viele Blüthen als da schwimmen, so viele Jünglinge hat das Geisterweib bereits hinab in die Tiefe gezogen. Nun denken Sie sich ein Bild, eine Uferparthie des Tsad-See's vorstellend, der Mond über den riesigen Bäumen stehend, und im Wasser das Meerweib,


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einen Fischer aus dem Kahne ziehend. Das ist ein Entwurf, wie er besser Ihnen wohl nicht geboten werden kann.«

»Ob ich es bringe!« flüsterte der Kranke.

»Nein, das ist unmöglich.«

»Ah!«

»Ja, es ist unmöglich. Dazu gehört neben dem Genie eine jahrelange Schulung, welche Sie nicht besitzen. Aber versuchen sollen Sie es; eine Probe soll es sein, wie weit man auf Ihre Begabung rechnen kann. Und hernach, wenn es glückt, dann - -«

Er hielt inne.

»Dann?« fragte Hanns.

»Dann weiß ich Einen, der Sie ausbilden lassen wird.«

»O Gott, wenn das wäre!«

»Beweisen Sie, daß Sie Begabung besitzen, so wird er Ihnen seine Hand reichen.«

»Wer ists?«

»Der König.«

Alle fuhren erschrocken auf.

»Der König!« sagte der Finkenheiner. »Wo denkens hin, Herr Lehrern! Wird unser König sich mit meinem Hanns abgeben?«

»Warum bezweifeln Sie es?«

»Weil ichs mir halt gar nicht denken kann, daß so ein großmächtiger und vornehmer Herr einen Sinn für Unsereinen hat.«

»Da irren Sie sich. Es giebt viele, viele vornehme Herren, welche ein echtes und rechtes Herz für das Volk haben, und bei unserm guten Könige ist dies erst gar sehr der Fall.«

»Ich kann mich aberst doch nicht drein denken. Und wie soll er von unserm Hanns derfahren?«

»Ich schreibe es ihm.«

»Sie? Kennens ihn denn?«

»Ich werde doch meinen König kennen!«

»Aberst kennt er auch Sie?«

»Nein. Er hat mich weder gesehen, noch jemals von mir gehört.«

»Da schauns! Wanns ihm auch schreiben, so wird er das Brieferl gar nimmer lesen, sondern gleich in denen Ofen werfen oder ein Käs und Brod hineini wickeln, wann er mal spazieren geht und sein Fruhstucken in dera Taschen mitnimmt.«

»Da irren Sie sich. Doch wollen wir uns in Beziehung auf diesen Punkt noch gar nicht mit Sorgen quälen. Jetzt ist die Hauptsache, daß sich unser Hanns an die Arbeit macht. Ich habe hier Papier und Pastellstifte mitgebracht und werde ihm zeigen, wie man damit umzugehen hat. Und damit er einen Faden besitzt, nach welchem er sich richten kann, will ich ihm ein Gedicht dictiren über ganz denselben Gegenstand, über welchen er ein Bild an-


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fertigen soll. Bitte, Hanns, nehmen Sie Papier her, und schreiben Sie sich Folgendes auf:

»Die heimathlose Fanna.

Es treibt die Fanna heimathlos
   Auf der bewegten Fluth,
Wenn auf dem See gigantisch groß
   Der Talha Schatten ruht.

Er breitete die Netze aus
   Im klaren Mondesschein,
Sang in die stille Nacht hinaus
   Und träumte sich allein.

Da rauscht es aus den Fluthen auf
   So geistergleich und schön;
Er hielt den Kahn in seinem Lauf
   Und ward nicht mehr gesehn.

Nun treibt die Fanna heimathlos
   Auf der bewegten Fluth,
Wenn auf dem See gigantisch groß
   Der Talha Schatten ruht.«

Der Lehrer hatte keine Ahnung, welchen Einfluß dieses Gedicht, dessen Verfasser er selbst war, da er es augenblicklich improvisirte, ohne es sich merken zu lassen, auf die spätere Gestaltung seines Lebens haben sollte.

Hanns schrieb die Strophen nieder und erhielt dann eine kurze Unterweisung über die Anwendung der Pastellstifte. Dann trug Liesbeth das Essen auf, an welchem Walther theilnehmen mußte. Er that dies ohne Zögern, da er wußte, daß der Finkenheiner jetzt nicht mehr zu hungern brauchte.

Nach dem Essen ließ Hanns sich seinen Stuhl in die Stubenecke schieben, und der Lehrer begann zu erzählen. Die alte Balzerbäurin kam herauf und setzte sich auf einen Schemel, um ihm zuzuhorchen. Ihr geisteskranker Sohn war dabei. Er hockte sich gleich auf die Stubendiele nieder und verwandte kein Auge von dem Sprecher.

Gegen zehn Uhr endlich verabschiedete sich Walther und erhielt von Hanns das Versprechen, daß dieser gleich morgen früh mit seiner neuen Arbeit beginnen werde. Nachdem er Allen die Hand gegeben hatte, ging er.

Er hatte von der Flachsdörre weg noch nicht die Dorfstraße erreicht, so hörte er einen leichten, schnellen Schritt hinter sich. Er blieb stehen und blickte sich um. Es war der verrückte Balzerbauer, der ihm nachgeeilt kam. Derselbe ergriff ihn beim Arme und flüsterte ihm zu:

»Freund - guter Freund!«

»Ja,« antwortete der Lehrer. »Ich bin Dein Freund, ich meine es gut mit Dir.«

»Feind - böser Feind!«

Bei diesen Worten deutete er nach dem Dorfe aufwärts.

»Wen meinst Du?«


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»Feind.«

»Wer ists?«

»Böser Feind. Komm!«

»Wohin?«

»Du ihn sehen.«

»Wo?«

»Dort, dort!«

Er deutete wieder in die bereits angegebene Richtung. Das Verhalten des Verrückten kam dem Lehrer ungewöhnlich vor. Seine Mutter hatte gesagt, daß er kein anderes Wort sage als »Nimms hin, nimms hin! Ich sag halt nix! Gnade, Gnade!« Und jetzt sprach er auch andere Worte. Wie kam das? War dem geistig Gestörten vielleicht gerade jetzt eine lichtere Stunde gekommen? Das mußte benutzt werden.

»Ich soll mit gehen?« fragte Walther.

»Komm!«

Der Irre antwortete auch auf alle weiteren Fragen gar nichts, als was er bisher geantwortet hatte. Walther merkte, daß er nur das eine Verlangen habe, seinem >guten Freunde< den >bösen Feind< zu zeigen. Welchen Nutzen aber konnte das haben? Gar keinen.

»Geh nach Haus!« sagte er darum.

Aber als er Miene machte, sich abzuwenden, ergriff ihn der Wahnsinnige wieder beim Arme und bat in dringlichem, halblautem Tone:

»Komm, komm!«

»Warum denn?«

»Licht, Licht!«

Das war wieder ein neues Wort. Der Mann schien sich mehr Vorstellungen in seine geistige Nacht hinübergerettet zu haben, als man glaubte. Was aber meinte er mit dem Lichte?

»Wer hat Licht?« fragte Walther.

»Feind.«

»Wo?«

»Dort.«

»Freilich hat er Licht brennen. Aber laß es doch brennen. Es stört Dich nicht. Geh nach Hause!«

Walther sagte sich, daß unter dem Feinde jedenfalls der Silberbauer gemeint sei. Der Irre wollte ihm wohl zeigen, daß der Feind in seinem Gute Lichter brennen habe. Das war so eine kindische, irre Idee, wegen der man keinen Schritt zu machen brauchte. Darum wollte er den Balzerbauern von sich schieben. Dieser aber hielt sich an seinem Arme fest und sagte in wirklich flehendem Tone:

»Guter Freund! Komm, komm!«

»Nein. Geh!«

»Feind sehen!«

»Ich habe ihn schon gesehen.«


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Der Irre blickte ihm sinnend in das Gesicht. Jedenfalls bemühte er sich, irgend einen Gedanken zu finden. Dann sagte er:

»Wasser?«

Er sagte dieses Wort in so fragendem Tone, daß der Lehrer doch zu der Ansicht kam, daß es sich hier um irgend eine Idee handle, welche man festhalten müsse. Darum antwortete er:

»Welches Wasser meinst Du?«

»Dort!«

»Den Bach?«

»Wehr.«

Dieses Wort durchzuckte den Lehrer wie mit einem electrischen Schlage. Wollte der Irre ihn etwa gar an das Wehr führen, an das Mühlwehr, welches der Silberbauer gebaut hatte? Sollte der Feind sich dort befinden? Befand der Irre sich im Besitze irgend eines Geheimnisses, welches er verborgen mit sich herumgetragen hatte, bis der Instinct ihm sagte, daß er jetzt einen guten Freund besitze, dem er Alles mittheilen könne?

»Komm! Führe mich!« sagte er, entschlossen, mit dem Irren zu gehen.

Dieser ergriff ihn bei der Hand und führte ihn fort, nicht in das Dorf hinein, sondern hinter demselben weg. Kein Wort wurde gesprochen. Das Gebahren des Irren war dasjenige eines Menschen, welcher von Niemand gehört und gesehen werden will.

Das große Gut des Silberbauern lag etwas rückwärts vom Dorfe. Darum kamen die Beiden hart an dem dazu gehörigen Garten vorüber. Dieser war an dieser Stelle von einem lebendigen Zaun eingefaßt. Dort blieb der Irre stehen und blickte starr nach einem erleuchteten Fenster hinüber.

»Wen suchst Du?« fragte Walther.

»Feind.«

»Ist er dort?«

»Dort,« antwortete der Gefragte, nach dem Fenster deutend.

»Nun, was wollen wir hier?«

»Warten auf den Feind!«

»Bis wann?«

»Gehen nach dem Wehr.«

Er gab alle diese kurzen, abgerissenen Antworten erst nach einer Weile nach den Fragen. Es verursachte ihm sichtlich Anstrengung, Walthers Fragen zu begreifen. Der Letztere ahnte nun, daß der Irre ganz genau wissen müsse, daß der Silberbauer heut nach dem Wehre gehen werde. Er wollte durch weitere Fragen der Fassungskraft des Geisteskranken zu Hilfe kommen, schwieg aber, denn es ließen sich leise Schritte hören.

Sofort duckte sich der Irre am Zaune auf die Erde nieder. Walther wollte sich auch nicht sehen lassen und kauerte sich hart neben ihm hin.

Jetzt kam der Betreffende, langsam und schleichend. Man hörte, daß er sich Mühe gab, jedes Geräusch zu vermeiden. Ganz in der Nähe blieb er


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stehen. Er hatte keine Ahnung, daß er nicht allein sei. Da flüsterte es neben ihm:

»Wurzelsepp!«

Er fuhr erschrocken zusammen.

»Tausendsakra! Wer ist da?« fragte er.

»Ich bins.«

Walther richtete sich empor.

»Ah! Der Herr Lehrern! Was machens denn hier?«

»Ja, was machen Sie hier?«

»Ich wollt noch nicht schlafen, und da hielt ichs für das Best, mal ein Bißle lauschen zu gehen. Sie wohl auch?«

»Nein. Ich bin hierher geführt worden.«

»Von wem?«

»Vom Balzerbauern. Hier kauert er.«

Der Sepp bückte sich nieder. Da wimmerte der Irre leise und voller Angst:

»Nimms hin, nimms hin! Ich sag halt nix! Gnade, Gnade!«

»Mach keine Faxen, Balzer! Kennst mich denn nicht? Ich bin der Sepp, der Wurzelsepp!«

Sofort erhob sich der Irre aus seiner kauernden Stellung und flüsterte in frohem Tone:

»Freund, guter Freund!«

»Ja, das bin ich, und das weißt gar wohl.«

»Auch guter Freund!«

Er nahm sie alle Beide bei den Händen.

»Nun ja,« meinte der Sepp. »So Einer merkts gar wohl auch, wer sein Freund ist und wer nicht. Also der hat Sie herführt? Wozu?«

»Er will mir seinen Feind zeigen.«

»Das ist der Silberklaus.«

»Wie es schien, wollte er mich auch an das Wasser führen.«

»Wasser!« stimmte Balzer bei.

»Hinunter zum Mühlenwehr.«

»Wehr!« nickte Balzer.

»Warum? Was wollens dort unten?«

»Ich weiß es nicht, vermuthe aber, daß ich dort den Feind auch sehen solle, und - -«

Der Irre unterbrach ihn jetzt.

»Komm!« sagte er in dringlichem Tone.

Dabei deutete er nach dem Fenster, welches dunkel geworden war, da man dort das Licht verlöscht hatte.

Er faßte die Beiden und zog sie hinter sich her. Erst als er merkte, daß sie ihm auch freiwillig folgten, gab er sie frei.

»Sonderbar!« meinte der Sepp. »Er muß eine lichte Stund haben, denk ich mir.«


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»Es scheint so.«

»Er hat irgend eine Absichten. Wanns aberst nur auch eine gute ist.«

»Ich glaube nicht, daß wir Etwas zu befürchten haben.«

»So einem Verrückten darf sogar sein bester Freunden nicht trauen. Man ist niemalen sichern, ob ers ehrlich meint odern nicht. Nehmens sich also in Acht!«

»Wir sind ja zu Zweien!«

»Nun ja, und vielleichten ists grad gut, daß ich mit kommen bin.«

Der Irre schien jetzt gar nicht auf Das, was hinter ihm gesprochen wurde, zu achten. Er schritt mit ziemlich schnellen Schritten vorwärts, zum Dorf hinaus, über die Wiesen hinüber und nach dem Flüßchen zu. Bei demselben angekommen, führte er die Beiden am Ufer entlang. Das Rauschen des Wehres war bald zu hören. Es tönte immer näher. Endlich hatte man es erreicht.

Es war nicht leicht gewesen, im dunkeln Gebüsch dem Führer zu folgen. Hier aber am Wehre waren außer einem einzigen, welcher hart am Wasserfalle stand, die Sträucher abgerodet, so daß man mehrere Schritte weit zu sehen vermochte. Das Wehr stieß drüben am andern Ufer an eine steil ansteigende Felsenwand. Hüben aber war das Terrain eben, bis dahin, wo der Mühlgraben seinen Wasserinhalt auf das klappernde Mühlenrad leitete. Dort war der Mühlendamm, welcher ziemlich steil nach der Radgrube abfiel und auf welchen auch das Fenster führte, durch welches der Silberbauer früher zur untreuen Frau des Finkenheiner eingestiegen war.

Da, wo das Wasser des Baches oder vielmehr des Flüßchens sich von der gemauerten Kante des Wehres in einem breiten Strahle herunterstürzte, stand der bereits erwähnte Busch dicht am Wasser, so daß er von demselben Jahr aus, Jahr ein benetzt wurde. Dort war der Irre stehen geblieben. Er deutete auf den Busch und sagte:

»Hier Feind.«

»Was mag er meinen?« fragte der Sepp. »Dieser Strauch ist doch kein Feind!«

Das Braußen des Wehres war nicht gar zu stark. Man konnte verstehen, was gesprochen wurde.

»Eine Absicht muß er mit seinen Worten haben,« erklärte der Lehrer.

»Ja, aberst welche?«

»Licht!« sagte der Balzerbauer.

»Licht? Wo ist Licht?« fragte der Sepp.

»Komm, komm!« sagte der Irre anstatt der Antwort. »Feind, Feind kommt.«

Er faßte Beide beim Arme und zog sie eine kleine Strecke mit sich fort. Dort legte er sich in das Gras.

»Sollte der Silberbauer kommen?« meinte der Lehrer. »Dann darf er uns nicht sehen, und wir müssen uns auch niederlegen.«

Sie thaten es. Bereits nach wenigen Secunden erkannten sie eine lange, breite Gestalt, welche sich dem Strauche näherte und bei demselben stehen blieb.


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Es verging eine ganz kurze Zeit, dann leuchtete ein Streichholz auf, und eine kleine Windlaterne wurde angebrannt. Beim Scheine derselben erkannten die Lauscher den Silberbauer.

Als die Laterne brannte, bückte er sich nieder und kroch in den Busch, hinter welchem er zum großen Erstaunen der Beiden verschwand. Aber durch die Wassermasse, welche von der Höhe des Wehres stürzte, sahen sie die Laterne nachher schimmern und sich nach der Mitte des Wassers bewegen. Sodann verschwand der Lichtschein.

»Feind, böser Feind!« sagte der Irre.

»Habens Alles gesehen?« fragte der Sepp.

»Ja,« antwortete der Lehrer.

»Er ist unterm Wassern. Ich hab denkt, da muß man gleich versaufen!«

»Nicht unter dem Wasser ist er, sondern hinter demselben.«

»Das begreif ich halt nimmer.«

»Es ist sehr leicht zu begreifen. Das Wehr ist so gebaut, daß man hinter das Wasser gelangen kann. Haben Sie sich einmal ein Wehr genau angesehen?«

»Nein.«

»Gewöhnlich besteht dasselbe aus einem Mauerwerke, welches stromaufwärts sich senkrecht erhebt, um das Wasser zu stauen und in den Mühlgraben zu leiten; stromabwärts aber bildet es eine schräg abfallende Ebene, über welche das Wasser, welches nicht in den Graben geflossen ist, hinabläuft. Dieses Wehr aber bildet eine sehr starke Mauer, welche quer durch das Flüßchen errichtet ist und auf beiden Seiten senkrecht aufsteigt. Das Wasser, welches über sie hinwegläuft, stürzt dann in einem Bogen von ihr herab. Hinter diesem Bogen, also zwischen dem Wasser und der Mauer, befindet sich in Folge dessen ein hohler Raum, in den man gelangen kann. Es ist das ganz genau so wie beim Niagarafall in Amerika, hinter welchem man auch sich bewegen kann. Damit man nun nicht sehen soll, daß zwischen der Mauer des Wehres und dem Wasser ein freier Platz sei, hat der Silberbauer den Busch hergesetzt. Kriecht man unter dessen Zweigen hinein, so befindet man sich in dem genannten Raume.«

»Aberst gefährlich muß das sein!«

»Gar nicht, so lange die Wehrmauer hält.«

»Was aber will dera Silberbauern drin?«

»Das errathen Sie nicht?«

»Meinens etwan, daß dies sein Verstecken ist?«

»Ja.«

»Sapperment! Da hätten wirs ja entdeckt!«

»Mit Hilfe des Irren da.«

»Der kennt es vielleicht schon längere Zeit.«

»Nun möcht ich halt drin sein und zuschaun, was der Silberklaus machen thut.«


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»Wir brauchen das jetzt gar nicht zu sehen. Wenn er fort ist, werden wir es erfahren.«

»Wollens etwan hinein?«

»Natürlich. Sie nicht mit?«

»Wanns halt meinen, daß ich nicht ganz versaufen thu, so gehe ich mit.«

»Sie werden nicht ertrinken. Fürchten Sie das Wasser gar so sehr?«

»Gar sehr nicht. Ich hab mit dem Fex Sachen macht, die ein Andrer nicht gleich wagt hätt. Aberst gefreun thuts mich außerordentlich, daß wir da hinter Dem seine Schliche kommen sind. Wann er nur erst wiedern heraußi und fort wär, damit wir gleich hinein könnten!«

»So gleich können wir nicht hinein. Wir müssen erst ins Dorf zurück.«

»Warum?«

»Wegen einer Laterne. Ohne Licht ist es ganz unmöglich, sich dort hinein zu wagen.«

»Da werd ich mich wohl hüten, ins Dorf zu laufen. Das hab ich gar viel näher.«

»Wo?«

»Hier in dera Mühlen.«

»Wollen Sie sich eine borgen?«

»Ja, bei der alten Barbara.«

»Aber die darf um keinen Preis wissen, wozu wir die Laterne brauchen!«

»Meinens etwan, daß ichs ihr sogleich auf die Nasen binden werd?«

»Einen Grund müssen Sie doch angeben.«

»Ich? Der einen Grund? Fällt mir nimmer ein. Ich hol mir eine Laterne, damit gut. Der alte Wurzelsepp hat gar viel vor, was andre Leutln nicht wissen dürfen. Das wissen halt Alle, und darum fragens mich auch nicht. Und wann die alte Bärbel gar sehr fragen thut, so sag ich ihr höchstens, daß ich ihr heut in der Nacht ihren Verstand zusammensuchen will. Dann ist sie halt still.«

Jetzt schwiegen die Drei. Es dauerte eine ziemlich lange Weile, ehe sich vom Silberbauern wieder eine Spur sehen ließ. Endlich sagte der Irre:

»Feind!«

Das Licht schimmerte wieder durch das Wasser. Man sah, wie es sich langsam dem Rande des Falles näherte, und dann kam der Bauer aus dem Busche hervorgekrochen. Er löschte die Laterne aus, steckte sie ein und entfernte sich.

»Ob er vielleicht was holt hat?« fragte der Sepp.

»Es schien nicht so. Wenigstens hatte er außer der Laterne nichts in den Händen.«

»So holen vielleicht wir uns was!«

»Zunächst die Laterne.«

»Da geh ich allein. Die Barbara braucht nicht zu wissen, daß ich nicht allein bin. Wartens halt ein paar Minuterln. Ich komm gleich wiedern.«


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Er ging, und es dauerte auch gar nicht lange, so kehrte er mit einer Blendlaterne zurück.

»Es wird Ihnen doch Niemand aus der Mühle gefolgt sein?« fragte der Lehrer.

»Nein. Keim Mensch.«

»Wissen Sie das genau? Wir dürfen hier keinen Zeugen haben.«

»Es ist Niemand mitgangen, denn es weiß gar Niemand, daß ich in dera Mühlen gewest bin. Der Müllern war drinnen im Gangwerk, und ich ging in die Küchen, wo die Laternen hangt. Durch die Küchenthüren sah ich die Barbara in dera Stuben sitzen am Tisch, hat die Brillen auf und schlaft wie eine Ratzen. Wanns so sitzen bleibt, wirds wohl bald anwachsen.«

»So wollen wir anbrennen.«

Sie steckten das Licht in Brand und begannen nun den Entdeckungsweg anzutreten. Der Lehrer hatte die Laterne in der Hand und ging voran. Er bog sich tief zur Erde nieder, schob die Aeste des Busches zur Seite und kroch hinein. Der Sepp folgte ihm. Der Irre blieb draußen sitzen. Er war wieder in seine Lethargie verfallen, in welcher ihm Alles gleichgiltig war.

Als die Beiden den Busch hinter sich hatten, befanden sie sich nun unter dem Wehre, rechts die Mauer und links das Wasser, welches von derselben hernieder schoß. Hier im Innern war das Brausen stärker, doch konnte man sich verstehen, wenn man laut rief. Der Luftraum war eine Elle höher als ein Mensch. Der Boden bestand aus nassen, schlüpfrigen Quadersteinen.

Grad traulich war es nicht da. Der geringste Zufall konnte den Tod des Ertrinkens oder ein anderes Unglück nach sich ziehen.

»Weiter!« rief der Sepp.

Der Lehrer schritt fort, unter dem Wasser, dem andern Ufer entgegen. Als sie sich ungefähr in der Mitte des Wehres befanden, sahen sie eine hölzerne Thür, welche mit einem eben solchen Riegel verschlossen war. Sie schoben ihn zurück und öffneten. Ein kleiner, dunkler Raum blickte ihnen entgegen. Er war beim Bau des Wehres hohl gelassen und mit der Thür versehen worden.

Sie traten ein.

Ein Kästchen lag auf der Bank.

Das unterirdische Cabinet war nicht groß, vielleicht viertehalb Ellen hoch, sechs Ellen breit und drei Ellen tief. Darinnen befand sich zunächst ein schrankähnliches Möbel, welches verschlossen war, sodann eine Bank, ein Tischchen. An den Wänden hingen einige gleichgiltige Gegenstände. Auf der Bank lag ein eisernes Kästchen, welches ganz gewiß einmal gewaltsam aufgebrochen worden war. Der Lehrer setzte die Laterne auf den Tisch und griff sodann nach dem Kästchen.

»Sollte das dasjenige sein - - -?« rief er.

»Den Balzerbauern seins?«

»Ja.«

»Schauns nach!«

Dem Gewicht nach schien es leer zu sein. Walther machte den Deckel


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auf. Er fand mehrere Holz- und Papierschnitzel drin, unter den Letzteren ein - - -

»Schaun Sie her!« jubelte er.

»Was habens?«

»Gucken Sie nur genau her!«

»Was! Ein Kassenbilleterl!«

»Ja.«

»Zeigens her! Das ist doch eine Fünfhundert!«

»Ja, fünfhundert Thaler.«

»Herrgottsakra! Ists denn möglich!«

»Wir sind am richtigen Orte!«

»Sollts denn wirklich dem Balzerbauern sein Kassenscheinerl sein!«

»Jedenfalls.«

»Aberst wir kennen die Nummeri nicht.«

»Die werden wir schon erfahren.«

»Und was mag da in dem Schrank sein?«

Der Lehrer probirte, ob er zu öffnen sei.

»Er ist verschlossen.«

»So brechen wir ihn auf!«

»Nein.«

»Warum nicht? Ists etwan eine Sünden, wann man bei einem Spitzbuben einibrechen thut?«

»Nein, besonders wenn man nicht stehlen will; aber die Klugheit gebietet uns, heut noch alle Gewaltmaßregeln zu vermeiden.«

»Warum?«

»Wir wollen warten, bis der Silberbauer morgen das andre Geld geholt hat.«

»Ach so! Sie haben freilich Recht. Aberst was machen wir mit dem Banknoterl?«

»Das lassen wir natürlich da.«

»Was? Dalassen? Hörens, das gefallt mir nicht.«

»Warum?«

»Das Billeterl ist gestohlen. Es gehört dem armen Teuferl, welcher da draußen sitzt.«

»Das ist sehr richtig. Aber wir dürfen den Silberbauern nicht ahnen lassen, daß wir in sein Geheimniß eingedrungen sind. Darum lassen wir Alles stehn und liegen, wie es ist. Wir haben für heut genug Erfolg gehabt, indem wir diesen verborgenen Ort entdeckten. Alles, was sich hier befindet, ist - - ah, was liegt da unter der Bank?«

Der Sepp bückte sich und hob den Gegenstand auf.

»Herrgottle!« rief er aus. »Schaus, was das ist! Das gehört auch dazu!«

»Ein Hammer!«

»Ja, ein Hammern! Jedenfalls der, mit welchem er hat den Balzer derschlagen wollen.«


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»Zeigen Sie her!«

Der Lehrer betrachtete das Werkzeug genau und meinte dann:

»Vielleicht läßt es sich noch nach der Narbe bestimmen, ob ein solcher Hammer es gewesen ist, mit welchem der Schlag ausgeführt wurde. Legen wir ihn wieder her. Auch er soll hier liegen bleiben. Bis wir so viel Beweismaterial beisammen haben, daß die Last desselben den Silberbauer erdrücken muß.«

»Wanns der Balzer wüßt!«

»Ja, wenn er es verstehen könnte!«

»Vielleicht doch!«

»Meinen Sie?«

»Ja. Ich an der Ihrigen Stell thät ihn mal holen. Vielleicht thät er doch den blechernen Geldkasten erkennen, und nachhero - - -«

»Was, nachhero?«

»Wann er nur erst was erkennt, dann kommt das Andre schon ganz selbst hinterher.«

»Unrecht haben Sie freilich nicht.«

»Also holens ihn mal hereini!«

»So muß ich Sie im Finstern lassen.«

»Für eine so kurze Zeiten gehts schon gut.«

»Also warten Sie!«

Er entfernte sich mit der Laterne und ließ den Sepp im Dunkel zurück. Bereits nach kurzer Zeit kam er wieder, den Irren an der Hand hinter sich her ziehend. Dieser zeigte in seinem Gesicht nicht die mindeste Spur von Angst. Das Braußen des Wassers, die Unheimlichkeit des Ortes machte nicht den mindesten Eindruck auf ihn. Walther stellte die Laterne auf den Tisch, neben den Eisenkasten, deutete auf denselben und fragte:

»Kennst Du das?«

Er erhielt keine Antwort.

»Kennst Du diesen Kasten?«

Wiederum keine Antwort. Die Augen Balzers waren auf den Schrank gerichtet. Da zog Walther ihn näher heran und hielt ihm den Kasten vor die Augen. Es änderte sich im Ausdrucke seines Gesichtes nicht das Geringste. Da nahm Walther den Hammer, hielt ihm denselben hin und fragte:

»Was ist das?«

Auch jetzt blieb er still.

Ohne alle Absicht, höchstens nur um die Aufmerksamkeit des Indolenten zu erhöhen, erhob er jetzt den Hammer wie zum Schlage. Der Irre sah es, und sofort bemächtigte sich seines Gesichtes der Ausdruck der Unruhe, der Besorgniß. Sein Blick glitt in immer steigender Aengstlichkeit von dem erhobenen Hammer zum Kasten hin und von diesem wieder zu jenem zurück. Sein Auge gewann Leben, aber das Leben des Schreckes. Seine sonst so starren Züge bewegten sich, aber es waren die Bewegungen des Entsetzens. Seine Lippen bebten;


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sein ganzer Körper begann zu zittern, und dann stürzte er plötzlich in die Knie, erhob flehend die Hände und rief mit durchdringender Stimme:

»Nimms hin, nimms hin, das Geld, alle fünftausend Thaler, nur morde mich nicht! Ich sag halt nix, gar nix, daß Dus gewesen bist, Silberbauer! Gnade, Gnade!«

Sein Anblick war zum Erbarmen. Der Lehrer ließ den Hammer schnell wieder sinken und hob den Knieenden empor.

»Stehe auf!« rief er ihm durch die rauschenden Wasser zu.

»Ich thue Dir ja gar nichts!«

Sobald der Irre den Hammer nicht mehr erblickte, beruhigte er sich.

»Freund, guter Freund!« sagte er.

Ja, ich bin Dein Freund.«

»Gut, gut, gut!« bat er.

»Ja, komm, wir wollen gehen!«

Er legte die Gegenstände, welche er in der Hand gehabt hatte, genau wieder so, wie sie vorher gelegen hatten, und zog dann den Irren mit sich hinaus. Der Sepp folgte und riegelte dann die Thür wieder zu. Als sie draußen angekommen waren, bliesen sie die Laterne aus. Die Entdeckung war vollendet.

»Freund, gut Freund, fort!« sagte der Balzerbauer und lief davon.

»Der ist halt froh, daß er heiler Haut davon kommen ist, der arme Schacherl,« meinte der Sepp. »Jetzt nun muß ich die Laternen wiedern heim tragen. Wollens mitkommen, Herr Lehrern?«

»Ich denke, sie dürfen mich in der Mühle nicht sehen!«

»Vorhin nicht. Jetzt aber geht es.«

»So gehe ich mit.«

Als sie die Thür erreichten, welche, wenn die Mühle sich im Gang befand, auch des Nachts offen zu stehen pflegte, stand die alte Barbara vor derselben.

»O Jegerl, der Sepp!« sagte sie, vor Verwunderung die Hände zusammenschlagend. »Was thust denn Du noch hier bei nachtschlafender Zeit?«

»Ich wollt schaun, ob mein Bärberl noch nicht müd worden ist heut.«

»Ich? Müd werden? Herr Jerum, wie kann ich denn müd sein! In dem meinigen Alter schlaft man alle vier Wochen nur einmal.«

»Odern alle Stunden sechsmal.«

»Geh! Ich hab heut schanzt wie eine Junge. Es ist bereits nach Mitternacht; aberst ich verspür noch gar keine Müdigkeiten. Ich hab noch keine einzge Minuten sitzen können.«

»Auch nicht am Tisch?«

»Auch nicht.«

»Mit dera Brillen auf der Nasen? Sie stutzte, antwortete aber doch:

»Was fallt Dir ein! Dazu hab ich keine Zeit.«


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»So ists Dein Geist gewest, der vorhin am Tisch gesessen hat, mit der Brillen auf dera Nasen und hat dabei schnarcht wie eine Lokomotiven.«

»Mein Geist? Wie hättst das sehen konnt?«

»Weil ich drin wesen bin in dera Stuben.«

»Mach mir keine falsche Musiken!«

»Gar nicht.«

»Was hättst denn wollt?«

»Zu Dir wollt ich.«

»Wohl auf die Heirath und Brautschau?«

»Nein, denn an Dir ist nix mehr zu schaun; ich hab Dich nur warnen wollen.«

»Warum? Jemineh! Es ist doch nicht etwan gar ein Unglück geschehen?

»Leider ists eins!«

»Bei uns? Bei mir? Hier in dera Mühlen?«

»Ja.«

»So sags schnell, sags!«

»Es ist Eins ausgerissen.«

»Ausgerissen? Wer denn?«

»Das wirst auch nicht verrathen.«

»So sags liebern gleich! Doch nicht etwan gar die Sauen? Die hat am Abend rumort.«

»Nein, die nicht.«

»Oder der neue Pfauhahn?«

»Auch der nicht.«

»Odern gar der alte Peter, unser Esel?«

»Geh, der wird Dir außireißen! Mit dem bist ja so eine Seel und ein Herz, daß der Dir nie davonlaufen wird. Nein, es ist eine Andre. Ich traf sie im Wald, und da meint sie, ich sollt Dir ein schönes Complerment ausrichten, und sie käm heut nicht gleich wiedern heim.«

»Mein Himmel! Wer mag das sein! Kommt heut nicht wiedern heim! Und gar ein Complerment noch! So sag doch nur, wers wesen ist!«

»Ich bin auch gleich zu Dir laufen, ums Dir zu melden; aberst als ich sah, daßt so schön schlummern und dusserln thatst, da hat michs dauert, Dich zu wecken, und so bin ich gleich selbern wieder in den Wald zurucklaufen um sie zu fangen und Dir wiedern zu bringen.«

»Und hast sie auch derwischt?«

»Ja.«

»Bei dieser Nachtzeit im Wald! Du armes Wurm! Wo hast sie denn und wer ists auch?«

»Da ist sie, hier. Die ists gewest.«

Er hatte die Laterne bisher hinter sich gehalten; jetzt zeigte er sie ihr vor.


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»Was! Die Laterne ists? Die Laterne hast meint? Und von ihr hast mir ein Complerment sagen sollen, he?«

»Freilich.«

»O Du Nixnutz, Du oberster. Lautern Dummheiten hast im Kopf und Schalksnarretheien. Es ist doch jammernschad, daßt nicht heirathet hast!«

»Etwan Dich?«

»Ja, grad mich!«

»Au wai!«

»Ich wär Diejenige gewest, die Dir den Kopf zurecht gerückt hätt! Alle Tag hätts Wassersuppen gesetzt und eine Hucke Prügel dazu! Weiter hast nix verdient! Und wen bringst denn da noch mit?«

»Es ist mein guter Freund.«

»Was? Ein guter Freund von Dir? Na, da wird er auch von dera richtigen Nummern sein!«

»Ein gar Feiner ist er!«

»Ja, das schaut man ihm gleich an! Man merkt gleich, was für ein Hallodri er ist; man braucht ihn ja nur anzublicken. So ein Hans Dampf in allen Gassen, kanns Stehlen und Mausen nicht lassen!«

»Du, verschimpfir mir meinen Freund nicht!«

»Willst etwan auch noch aufbegehren?«

»Jawohl!«

»So nehm ich den Besen und die Ofengabeln und bring Euch sogleich in Ordnung. Mit solchen Wischiwaschi, wie Ihr seid, wird gar nicht lang gespengerlt!«

»Du nimm Dich in Acht! Weißt, wer er ist?«

»Nun, wer dann wohl? Etwan ein Graf odern gar ein Fürst?«

»Ja, ein Fürst ist er in seiner Schulstuben, denn weißt, er ist der neue Herr Lehrern, der den Silberbauern und seinen Buben so wacker durchprügelt hat.«

»Machst etwan Spaß?«

»Gar nicht.«

»Was! Verschreck mich nicht! Ich kann ja gleich den Tod davon tragen! Der neue Herr Lehrern soll das sein? Ists wahr?«

Sie richtete ihre letzte Frage an den Lehrer selbst.

»Ja,« antwortete er lächelnd. »Ich bin es.«

Da versetzte sie dem Sepp einen Rippenstoß, daß er weit fort auf die Seite flog und rief:

»Warum hast mir das nicht sogleich sagt, Du alter Galgenvogel! Läßt mich da stehen und dem Herrn Lehrern solche Grobheiten anwerfen!«

»Das hat mich ja eben gefreut!« lachte er.

»Auch noch gefreut! Wart, Bursch, sollst mir nur wieder mal kommen und Kaffee verlangen und Zuckern dazu! Wirst nachher sehen, wast bekommst! Jetzt nun steh ich da wie eine Katz in dera Milchschüsseln und weiß gar nicht,


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wie ichs halt wiedern gut machen soll. Bitt schön, Herr Lehrern, was ist fein Ihr Leibessen?«

»Warum?«

»Ich kochs Ihnen allsogleich!«

»Des Nachts ein Uhr?«

»Ja. Das schadet nix; das ist ganz gleich. In einer Mühlen ists in der Nacht grad wie am Tag. Ich hab Sie geschumpfen, und das muß ich gut machen. Da muß ich Ihnen Ihre Leibspeis bereiten. Also, was essens gern? Etwan Dampfnudeln?«

»Danke!«

»Oder einen guten Schmarrn?«

»Danke auch.«

»Ein grünes Gemüßen mit Bratschinken?«

»Nein. Ich kann überhaupt jetzt nichts essen. Ich danke von ganzem Herzen, Fräulein Barbara.«

Einen Augenblick lang war es ganz still; dann schlug sie die fetten Hände zusammen, daß es weithin schallte.

»Sepp, Sepp!« rief sie überlaut.

»Was? Wo brennts?«

»Hasts hört?«

»Was er sagt hat, der Herr Lehrern? Daß er nix essen mag?«

»Nein, das Andre, was nachhero kam.«

»Das weiß ich nicht.«

»Wie? Das weißt nicht? Grad die Hauptsachen hast übersehen? Weißt also nicht, wie er mich nannt hat?«

»Nein.«

»Fräulein hat er mich nannt, Fräulein Barbara!«

»Donnerwettern!«

»Ja. Hast Du mich etwan mal so geheißen?«

»Nein.«

»Nun, warum etwan nicht?«

»Weiß nicht.«

»Bin ich etwan kein Fräulein nicht?«

»Nein.«

»So? Was denn?«

»Eine alte Rapunzerl.«

»Was? Wie? Eine alte Rapunzerl! Weißt, wannt mir noch mal so kommst, mit so einem Wort, so werf ich Dir gleich Alls an den Kopf, was ich so mit allen Händen derwisch. So ein Schnauzerl wie Du kann mir gestohlen werden! Da ist der Herr Lehrern doch ein andrer Kerlen; der ist so ein feiner, verbildeter und gralanter Herr, daß man seine Freuden daran hat, der liebe, gute Herr Lehrern. Nein! Fräulein, Fräulein Barbara! Herr Lehrern, habens die


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Gewogenheit und kommens auf einen Augenblick hereini. Ich muß Ihnen mal gleich was zeigen.«

»Was?«

»Werdens schon sehen.«

»O, ich denke, Sie werden sich irgend eine Arbeit machen, welche unnöthig ist!«

»O nein! Aber Ihnen werd ich eine Arbeit zeigen, wanns mir nicht übel nehmen.«

»Was für eine?«

»Ich hab ein paar alte, gute Büchern, die solltens sich mal anschaun und probiren, obs was taugen.«

»Wenn es das ist, so kann ich gern mit hineingehen. Ich bin ein Freund von alten Büchern.«

Er ging voran, denn sie machte ihm eine fürchterliche Verbeugung. Dem Sepp gab sie einen Stoß, daß er auch zur Thür hinein und an den Lehrer flog, und dann folgte sie. Die beiden Männer mußten sich an den Tisch setzen.

Jetzund werd ich die Büchern holen,« sagte sie. »Ich werd gleich wiedern kommen.«

Sie ging hinaus.

»Ich bin neugierig, was für alte Schardeken sie mir bringen wird,« meinte der Lehrer leise zum Sepp.

»Schardeken? Was ist das?«

»Alte Bücher, die nichts taugen.«

»So? Dann hat sie keine Schardeken.«

»Also wirklich etwas Gutes?«

»Na, und ob!« nickte der Sepp.

»So bin ich neugierig auf den Titel.«

»Den kenn ich schon.«

»Das glaub ich wohl. Sie sind ja öfters hier und werden die Bücher wohl schon gesehen haben. Wer mag sie gedruckt haben?«

»Die Barbara.«

»Was? Die Barbara?«

»Ja.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Die braucht halt keinen fremden Buchdruckern. Die backt und schlachtet und pöckelt und räuchert Alles selberst.«

»Ach so ists gemeint!« lachte Walther. »So bin ich also doch in die Falle gegangen!«

»Ja, und ohne Speck kommens nun nicht wiederum hinaus.«

Er hatte Recht. Das Bärbel trug auf, daß der Tisch krachte. Der Müller kam auch herbei, und nun begann eine Schmaußerei, von welcher Keiner zuerst aufstehen sollte - eine Folge des freundlichen Titels Fräulein Barbara.


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Es war spät, als der Sepp den Lehrer nach Hause führte, denn der Wurzelsepp sollte in der Mühle bleiben und wollte zu ihr zurückkehren.

»Jetzt nun brauch ich nicht den Silberbauern um ein Obdach anzureden,« sagte er.

»Nein; das ist nicht mehr nothwendig. Sie brauchen ihn nicht zu bewachen, denn wir kennen sein Versteck. Morgen Abend wird er das Geld hineinthun, welches er vom Müller bringt.«

»Was mag er heut drinn gemacht haben?«

»Wohl nichts, was uns mehr interessiren könnte.«

Und doch hätte es ihn interessirt, zu wissen. Der Silberbauer hatte sich nämlich das Geld für den Thalmüller aus dem Schranke geholt, welcher in dem geheimen Cabinete unter dem Wehre stand. Am andern Morgen wurde angespannt, und der Knecht wunderte sich nicht wenig, als er vernahm, daß seine Dienste heut überflüssig seien, da der Herr Ortsvorsteher selber fahren werde. Der Silberbauer liebte es nämlich, bei dergleichen Gelegenheiten mit seiner Dienerschaft zu prunken.

Wie er in seinem Telegramm versprochen hatte, hielt er punkt elf Uhr vor der Thalmühle. Die Knechte waren bereits von dem Müller instruirt und flogen herbei, dem Herrn Vorsteher beim Aussteigen behilflich zu sein. Er übergab ihnen Pferde und Wagen und trat beim Müller ein.

Obgleich Beide nicht sehr weit von einander wohnten, hatten sie sich doch seit Jahren nicht gesehen. Das Band, welches sie verband, war kein solches, daß sie sich sehr nach einander gesehnt hätten.

Als nun jetzt Claus den Müller erblickte, blieb er an der Stubenthür stehen.

»Keller, bists denn, oder bists nicht?« fragte er.

»Wer solls denn sein?« antwortete der Müller ärgerlich, denn kein Mensch läßt sich gern sagen, daß er unter seinen körperlichen Gebrechen leidet.

»Wie siehst aber aus!«

»Jedenfalls nicht schlechter als Du!«

»Oho!«

»Da geh her, und schau Dich doch im Spiegel an.«

»Ach so, wegen der paar Kratzerln?«

»Die sind groß genug.«

»Aberst eine Krankheiten ists doch nicht wie bei Dir!«

»Ich will liebern krank sein als mich prügeln lassen.«

»Prügeln?«

»Ja. Was solls anderst sein?«

»Geh weg! Die Katz ists gewest!«

»Ja, eine Katz mit zwei Beinen und zwei Händen.«

»Meinst etwan, ich hab noch meine Frau?«

»Na, die Erst könntst noch haben; die lebt wenigstens noch. Die Zweit aberst hast ganz regelrecht zu Tod geschlagen.«

»Ja, die Erst, die hat Haaren auf denen Zähnen gehabt. Die hab ich


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nicht angreifen durft, da hats mir gleich mit allen Nägeln im Kopf sessen. Die hat mir dera Finkenheiner verdorben gehabt.«

»Hättsts ihm gelassen!«

»Ja, wanns heut wär, da möcht ers gern behalten. Eine schöne Larven hats gehabt; das Andre aberst das hat gar nix taugt, und drum hab ich sie auch zum Teufel jagt.«

»Und die Andre war besser?«

»Viel besser. Nur das Flennen hab ich nicht ausstehen konnt; da hab ich alleweil gleich zuschlagen müssen. Aber darf man sich bei Dir nicht setzen?«

»Warum nicht? Stühlen sind genug da. Sei auch willkommen. Also heirathen thätst nicht wiedern?«

»Fallt mir nicht ein!«

»Ich auch nicht. Wir sind Schwagern gewest und haben zwei Schwestern gehabt. Du hast die Deinige todt schlagen, und ich hab die Meinige todt geärgert. Nun sind sie weg, und das Geld haben wir.«

»Ja, reich waren die beiden Dirndln, das ist wahr,« lachte der Silberbauer, indem er die Beine behaglich über einander schlug. »Zwei Müllerstöchtern und wir zwei Mühlenknappen; das war ein gut Geschäft. Der Alte hat ja sagen müssen und ist nachhero - - storben.«

»Ja - - storben!« stimmte der Müller bei, indem er höhnisch grinste.

»Und hernacherst das Geschäft mit dem - - - -«

»Schweig!« fiel der Bauer ein.

»Warum?«

»Von solchen Sachen redet man nicht.«

»Wir sind allein!«

»Auch die Wänd haben Ohren!«

»Bei Dir vielleicht, bei mir aber nicht.«

»Wie gehts daheim bei Dir?«

»Gut.«

»Die Kindern sind gerathen?«

»Wohl! Der Bub ist ein ganzer Kerlen, ganz und gar nach mir gerathen. Der reißt die Welt über den Haufen.«

»Und das Dirndl?«

»Ist sakrisch sauber worden. Und die Nasen tragts auch schon hoch.«

»Das ist so Deine Art.«

»Ja, mir ists sehr recht. Und wie ists bei Dir?«

»Da könnts besser sein.«

»Einen Buben hast nicht!«

»Und das Dirndl schlagt mir ganz aus der Art; das ist nach dera Muttern gerathen. Das ist ganz wie ein Pflaumenbrod. Wanns aus der Hand fallt, so fallts stets immer in den Dreck. Und vom Stuhl auf kann ich auch nicht.«

»Das ist schlimm. Wie stehts da mit dem - - -?«


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Er zeigte mit dem Daumen über die Achsel.

»Wen meinst?«

»Den Fex.«

»Donnerwettern! Der macht mir Noth!«

»Schlag ihn todt!«

»Hätt ichs nur schon than!«

»So thu es noch!«

»Kann ich?«

»Warum nicht?«

»Weil ich ihn nicht hier hab.«

»Was - wa - - - aaas!«

»Er ist fort.«

»Wohin?«

»Ja, wenn ich das wüßt, so schickt ich ihm Einen nach, der müßt ihm einen Hieb geben, daßt er gleich so auf dera Nasen liegen blieb, und wanns mich fünfhundert Mark kosten sollt.«

»Warum hast ihn denn fort lassen?«

»Konnt ich ihn halten!«

»Bist nicht der Vormund?«

»Bins nicht mehr.«

»Wer sonst?«

»Der Obervormund.«

»Wen meinst?«

»Nun den, der über Alle Vormunden ist.«

»Das ist der König; aberst den meinst doch nicht?«

»Grad den mein ich. Er war hier und hat ihn mit fortnommen.«

Da sprang der Bauer vom Stuhle auf.

»Bist albern!«

»Nein.«

»Wie kann der Fex mit dem König fort sein!«

»Er ist mit ihm fort, und da machst gar nix anderst daran.«

»Wie ist das zugangen?«

»Mit dem Teuxel. Ich hab immer denkt, der Zigeunerin ihre Violinen ist verloren gangen; aberst nein, der Fexen hats sich aufbewahrt und heimlich drauf geübt. Jetzt nun hat er auf einem Concerten mitspielt ohne meine Erlaubnissen. Ich hab gar nix davon wußt. Der König ist auf dem Concerten west und hat den Narren fressen an dem Fex. Darum hat er ihn mit fortnommen.«

»Was will er denn mit ihm?«

»Er will einen großen Künstlern aus ihm machen.«

»Alle Teufel! Das kann mir nicht passen!«

»Mir auch nicht.«

»Daraus wird nix!«

»Was willst dagegen thun?«

»Das wird sich schon bald finden. Der Bub gehört uns, aberst nicht dem König!«

»So hol ihn wiedern!«


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»Ja, das werd ich thun, wann ich nur erst weiß, wo er ist. Kannsts nicht derfahren?«

»Nein. Niemand sagts. Einer weiß es ganz genau; aberst dieser Hallunk ist verschweigsam wie ein Fischen im Wassern.«

»Wen meinst?«

»Den Wurzelsepp.«

»Den? O, das ist ein guter Bekannter von mir. Wann ders wirklich weiß, wird er mirs sagen.«

»Meinst wirklich?«

»Ganz gewiß. Wann ich ihn nur erst einmal treffen thu, nachher erfahr ichs ganz gewiß.«

»Und was wirst nachhero thun?«

»Nicht, was Du thun wolltst. Ich werd dem Fex Niemand nachsenden, sondern ich werd selber hingehn und dafür sorgen, daß er - - still wird.«

»Das wolltst wirklich thun?« fragte der Müller, dessen Augen freudig aufleuchteten.

»Ja, ganz gewiß.«

»So thust mir und Dir den größten Gefallen.«

»Das siehst jetzt nun ein? Hab ich Dich nicht warnt, zehnmal und hundertmal? Hab ich Dir nicht sagt, daßt den Wechselbalgen ins Wassern werfen sollst?«

»Hab ichs nicht than? Er ist ja nicht versoffen. Der Racker ist schwommen wie eine Wasserratten. Er hat gar nicht merkt, daß ich schuld war, daß er paar Mal ins Wassern fiel.«

»Nun; wann er nicht versaufen wollt, so konntst was Anderst mit ihm machen.«

»Das hab ich nachhero nicht gern wollt von wegen der Paula, die ihn immer hat bei sich haben wollen.«

»Schwachheit! So lange der Bub lebt, sind wir in Gefahr, wir und unser Geld.«

»Darum ists recht, daßt ihm selberst nachmachen willst. Schau nur zu, daßt bald vom Wurzelsepp derfährst, wo der Hallunk zu finden ist. Ich hatt auch schon Einen, der ihm ans Leder wollt; aberst es ist halt nicht glückt.«

»Wer war das?«

»Der Fingerlfranz, der Bräutigam von der meinigen Tochtern. Der hat ihm eins auf den Kopf geben wollt. Aberst dieser Fex muß mit dem Teuxel im Bündniß sein. Es ist ihm nix geschehen. Und doch, wann er nicht bald auf die Seiten geschafft wird, so ists gefehlt mit uns Beiden.«

»Warum?«

»Er hat die Papieren.«

Da sprang der Bauer abermals auf. Er war leichenblaß geworden und fragte:

»Die Papiere? Welche meinst?«

»Nun, die richtigen.«


// 719 //

»Von ihm und seinen Eltern?«

»Ja.«

»Die Du in Deiner Verwahrung hattst?«

»Ja doch! Welche andern könnt ich denn meinen!«

Da schlug der Bauer mit der Faust auf den Tisch, daß Alles krachte, und rief:

»Müller, bist wahnsinnig?«

»Nein.«

»So mußt auch die Papieren noch haben!«

»Er hat sie, und die Photographie dazu.«

»Auch die! Dazu ist aberst doch gar keine Möglichkeiten! Du hasts doch hier im Stuhl gehabt!«

»Freilich! Ich habs auch gar nimmer begreifen konnt, bis er mirs selberst sagt hat.«

»Wie ists gewest?«

»Ich hab mal fort mußt des Abends, aus dera Stuben hinaus. Da hat er sich einischlichen. Dera Schlüsseln ist mir herabfallen gewest. Er hat ihn funden und den Stuhl aufmacht. Die Papieren und das Bild hat er nommen.«

»Und das Geld?

»Hat er drin gelassen.«

»So wärs bessern, er hätt das Geld nommen und das Andre liegen lassen. Hat ihm Jemand dabei geholfen?«

»Kein Mensch. Er hats mir sagt.«

»Aberst weiß er denn, daß die Papieren die seinigen sind?«

»Freilich.«

»Wie kann er das wissen?«

»Aus dera Photographieen. Er hat da gleich seine Muttern wieder erkannt.«

»Verdammt, verdammt, verdammt!«

Der Bauer lief im Sturmschritt in der Stube auf und ab. Dann blieb er vor dem Müller stehen und sagte im Tone höchsten Zornes:

»Daran bist ganz allein schuld! Warum gehst aus dera Stuben hinaus!«

»Oho! Bleibst etwan Du in der Deinigen immer fort, bei Tag und bei Nacht?

»Warum hast den Schlüsseln verloren!«

»Hast etwan Du noch nicht mal nix verloren?«

»So eine wichtige Sachen noch niemals nicht! So ein alter Bub wie Du sollt doch nun endlich mal lernt haben, vorsichtig sein!«

Der Müller hatte im Gefühle seiner Schuld bisher ziemlich ruhig gesprochen; jetzt nun brauste er auf:

»Du, so kommst mir nicht! Du hast auch bereits schon Fehlern macht, die man nimmer verzeihen kann. Auf dem Stuhl kann ich nicht immerst


// 720 //

sitzen bleiben wie eine Henne auf ihren Eiern, und einen Schlüsseln kann man auch mal fallen lassen, ohne daß mans bemerkt. Und daß dera Fex grad an dieser Zeit hereinikommen ist, dafür kann ich nicht.«

»Dafür kannst schon! Du bist allein dran schuld, daß er überhaupt noch lebt. Verstanden? Hättst ihn gar nicht todt zu machen braucht. Hättst ihm nur zu wenig essen geben sollen; da wär er nach und nach einigangen. Aberst wer weiß, wie Du den Buben füttert hast!«

»Ich? Ihn füttert?« lachte der Müller. »Ich sag Dir, Silberbauern, dera Fex hat selten was Anderst habt als Luft und Wassern. Es ist aberst dem Hallunken ganz gut bekommen.«

»Weiß er denn auch was von mir?«

»Nein, wann ihm damals die Zigeunerin nix sagt hat.«

»Da war er zu klein. Wanns ihm auch was sagt hat, so ists doch längst wieder vergessen. Nein, sondern ich mein, ob nicht von Dir aus mal irgend ein Wort fallen ist.«

»Wie kannst so was denken!«

»Dir ists zuzutrauen.«

»Oho!«

»Wer den Schlüsseln verliert, der macht auch noch andere Dummheiten. Aberst wannst mich gegen ihn noch nicht erwähnt hast, so - - -«

»Was fallt Dir ein! Ich hab ja über die ganze Geschicht mit ihm noch kein einzig Wort sprochen. Wie könnt ich also Dich derwähnt haben!«

»So! Dann ist noch nicht Alles verloren. Weißt nicht, ob er mich kennt?«

»Er kennt Dich nicht. Und wann er Dich auch einmal sehen hat, so hat er sichs doch nicht merkt.«

»Das ist gut. So brauch ich mich nur zu derkundigen, wo er zu finden ist, sodann mach ich hin zu ihm.«

»Und nachhero?«

»Nachhero thu ich, als ob ich es sehr gut mit ihm meine, und brings so weit, daßt er mir die Papieren zeigt.«

»O, der wird sich hüten!«

»Meinst? Da kennst mich schlecht. Ich, wann ich will, so locke ich Einem Alles heraus. Und wann er hört, daß ich die Sprachen versteh, in der die Papieren geschrieben sind, so zeigt er sie mir ganz sichern und gewiß.«

»So müßts sein.«

»Ja. Und hab ich sie dann in dera Hand, so bekommt er sie nicht wiedern zuruck.«

»Und wann er sie haben will?«

»Pah! Er will sie nicht haben.«

»Oho! Freiwillig laßt er sie Dir nicht.«

»Nein; aberst wiederhaben will er sie auch nicht.«

»Willsts ihm vielleicht abkaufen?«

»Ja.«


Ende der dreißigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk