Lieferung 32

Karl May

5. März 1887

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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»Siehst, Du kannsts nicht. Das ist das böse Gewissen!«

»Was meinst? Was sagst? Ich weiß halt gar nicht, wast eigentlich da willst.«

»Du weißts gar wohl! Du bist der Mann, Du!«

»Wer?«

»Von dem dera Seiltänzer verzählt hat.«

»Bist bei Trost!«

»Du bists, Du und dera Thalmüllern!«

»Schweig!«

»Warum hasts nicht sagt, daßt den Gotthold Keller ganz gut kennst?«

»Was geht mich der Keller an!«

»Auch Deinen Namen hat er sagt. Und in Slatina sind wir ja west und der Thalmüllern auch. O Gott, o Gott! Mein Vatern ist ein Verbrecher! Das halt ich nicht aus!«

Sie sank wieder in den Stuhl nieder, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und weinte bitterlich. Der Müller gab sich Mühe, seine Verlegenheit hinter einem geheuchelten Zorn zu verbergen.

»Donnerwettern! Was sagst? Was soll ich sein? Ein Verbrechern! Soll ich Dich etwan aufs Irrenhaus schaffen lassen?«

»Frevle nicht! Der Gedanke, daß Du der Schuldige bist, kann mich bald dorthin bringen. Willsts wirklich leugnen, daßts bist?«

»Ja. Ich weiß von nix etwas!«

»Das ist nicht wahr! Sogar das von denen zwei Frauen hat er wußt. O Gott, o Gott!«

»Jammer nicht, sonsten sperr ich Dich ein!«

»Also dera Sohn ist gestohlen, und die Bojarenfrau ist storben, und die beiden Müller sind schuld daran! Jetzt will ich Dich in allem Ernsten fragen: Bist unschuldig odern nicht?«

Sie war wieder aufgestanden und hatte ihn beim Arme ergriffen.

»Ich bin unschuldig,« antwortete er, aber sein Auge suchte den Boden.

»Das ist eine Lügen!« antwortete sie.

»Dirn! Wag das nicht!« brauste er auf.

»Ich seh Dirs an, daßt nur die Unwahrheiten sagst. Ich aber will wahrhaftig und offen mit Dir sein.«

»Nun, da bin ich begierig, wast mir für eine Offenheiten zu bringen hast.«

»Sollsts gleich hören.«

»Ich hab aber keine langen Zeit. Machs kurz!«

»Solche Sachen macht man stets so kurz wie möglich. Ich bin noch jung gewest, als wir von dera Donauen hierher zogen sind. Ich hab nix wußt und nix verstanden. Die Muttern war todt und weil ich nur Dich hatt, so bin ich innerlich so worden, wie Du bist, nämlich hochmüthig, geldprotzig, hart und schlecht - ja schlecht!«

»Alle Teufel! Das sagst mir?«


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»Ja, Dir, denn Du bist schuld daran. Ich bin so blieben bis vor kurzer Zeit. Ich hab das Silbern um mich hängt und immer dacht, daß ich was ganz Besondres bin. Da aberst hat mir Jemand die Augen öffnet, und da ists schnell licht worden in mir drinnen und um mich herum. Ich hab nun wußt, woran ich bin. Freilich hab ich nur das Eine wußt, daßt den Finkenheinern seine Frau mitnommen und nachhero wiedern fortjagt hast, aber - - -«

»Willst schweigen, Dirn! Was geht das Dich an?«

»Es geht mich an, denn ich bin Deine Tochtern. Also ich hab nur Das wußt, aberst ich hab nachdenken müssen und da ist mir viel einfallen und auffallen. Ich hab die Ahnung bekommen, daß mein Vatern ein schlechter Kerlen ist und daß der Brudern auch so einer wird.«

Der Müller setzte sich auf den Stuhl und sagte:

»Und das soll ich anhören! Na, red nur aus, nachhero werd ich Dir antworten, wie sichs gehört.«

»Ich hab nix dagegen. Es ist mir klar worden, wie schlecht und albern ich gewest bin, und ich hab mir vorgenommen, anderst zu sein. Heut nun bin ich hier in dera Stuben gewest und hab ein jedes Wort vernommen, was draußen gesprochen worden ist. Jetzt nun weiß ich, woran ich bin. Ich hab meine Muttern nicht kannt und hab nun auch keinen Vatern mehr. Ich will lieber keinen haben als einen, der hinein in's Zuchthaus muß.«

»Kreuzhimmeldonnerwettern! Mach mich nicht warm, sonst sollst sehen, was passirt!«

»Es kann passiren, was da will, schlimmer ists halt doch nicht als das, was bereits schon geschehen ist. Der liebe Gott hat mir zur rechten Zeit die Augen öffnen lassen und nun weiß ich, was ich zu thun hab. Den Vatern kann ich nicht anzeigen; aberst bei einem Verbrechern bleiben kann ich auch nicht, und so werd ich fortgehen von hier.«

»Bist verruckt!«

»Nein.«

»Du bleibst!«

»Das kannst nicht verlangen.«

»Ich befehl es Dir!«

»Ich bin Dir keinen Gehorsam mehr schuldig. Ich geh von hinnen, arm und elend, aberst der liebe Herrgott wird mich nicht verderben lassen.«

»Das ist ein Vorsatz, über den man nur lachen muß. Die Silbermartha will fort! Weißt, was Armuth ist und Hunger und Kummer und Arbeit und Elend? Du bist heut nicht bei Sinnen. Du hältst den Vatern für einen Andern, als er ist, und willst drum fort. Morgen aberst wirst schon anderst denken und gern bleiben.«

»Morgen? Ich werd im ganzen Leben nicht anderst denken als ich jetzt und heut denk. Darauf kannst Dich verlassen. Ich geh und bevor ich geh, will ich Dir den Rath geben, der der einzige ist: Mach gut, wast bös macht hast. Geh in's Gericht und verzähl da Alles, wast auf dem Gewissen hast.


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Gieb Alles wiederum her, was Dir nicht gehört. Nachhero bist die Schuld los und ich kann wiedern Deine Tochtern sein und zu Dir in's Gefängniß kommen und Dich trösten.«

»Nun hör jetzt auf! Wannt noch so ein Wort sagst, schließ ich Dich in Deine Stuben ein und laß Dich ein ganzes Jahr lang nicht wiedern heraus!«

»So weit solls nicht kommen. Ich schweig. Aber wie bei mir der Herrgott anklopft hat, so daß ich anderst worden bin, so wird er auch Dir in's Herz hinein greifen. Wannt nicht selberst Buße thust, so wird er Dich mit seiner Gerechtigkeit fassen, ehe Du es dacht hast, vielleicht schon morgen oder gar heut bereits. Er läßt sich nimmer verspotten, und wer das Herz hat, eine Sünd zu thun, der soll auch den Muth haben, dieselbe zu bekennen. Ich bitt Dich von ganzem Herzen und aus dem tiefsten Grund meiner Seelen heraus, daßt jetzt -«

»Schweig!« brüllte er, indem er aufsprang und die Hand ballte. »Wannt noch ein einzig Wort sagst, so schlag ich Dich nieder, Du Lumpendirn, Du!«

»Gut, ich schweig! Leb wohl, Vatern! Der liebe Gott behüt Dich vor der ewigen Verdammniß und vor dera Höllen. Ich werd alle Tag und alle Stund zu ihm bitten, daß er Dich erlös aus dem Fallstrick, in demt gefangen bist. Leb wohl!«

»Fahr selberst in die Höllen!«

Er ergriff die Thür, welche sie geöffnet hatte, und warf sie hinter ihr in's Schloß, daß Alles krachte. Er war vollständig überzeugt, daß dieses Abschiednehmen gar nichts zu bedeuten habe. Sie befand sich in Aufregung und würde wohl bald wieder ruhig werden.

Sie begab sich nach ihrem Zimmer. Dort sank sie weinend und betend in die Kniee. Lange lag sie da, ehe sie sich wieder erhob und einen Kasten der Kommode öffnete. Sie packte ein Wenig Wäsche ein und steckte das Geld, welches sie grad besaß, zu sich. Dann öffnete sie ein kleines Kästchen, und nahm einen einzelnen Handschuh aus demselben. Ihn an die Lippen drückend, sagte sie schluchzend:

»Max, Max, wannt wissen thätst, wie ich meinen Hochmuth büßen muß! Das ist so schnell kommen, und auch Alles zugleich, so viel, daß es mich schier zerdrücken will. Ich hab gar nicht wußt, wie lieb ich Dich hab. Ich hab denkt, Du bist so viel tief unter mir. Und nun bin ich die Tochtern des Verbrechers und kann gehn, um mich da zu verbergen, wo kein bekanntes Aug mich sehen kann. Damals, auf dem Maskenfest, hast mich um den Handschuh gebeten und mir diesen dafür geben. Jetzt nehm ich ihn mit. Es ist das Einzige, was ich wirklich mein nennen kann. Wie gern, wie so gern möcht ich jetzt die Frau des armen Dorfschullehrers sein, aberst ich bin auch das nicht werth. Ich muß gehen und verschwinden. Ich muß Buße thun für den Vatern, damit Gott nicht mit ihm in's Gericht geh. O Muttern, Muttern, warum bist mir hinwegstorben! Warum hab ich überhaupt eine Muttern gehabt! Mir wäre besser, wann ich gar nimmer geboren worden wär!«


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Sie steckte die Wäsche in eine kleine Tasche und ging, gleich wie sie war. Weder auf der Treppe noch im Hausflur begegnete ihr Jemand. Sie kam ganz unbemerkt auf den Dorfweg und ging denselben fort, in der Richtung nach der Stadt. Dabei kam sie beim Eschenbauer vorüber. Sie wußte, daß der Lehrer da wohnte. Sie kannte auch die Fenster seiner Wohnung; diese waren erhellt.

»Er ist daheim,« flüsterte sie. »Wann ich ihn nur noch mal sehen könnt, nur ein einziges Mal, nur seinen Schatten wenigstens!«

Sie stellte sich an den gegenüber liegenden Zaun und blickte beharrlich hinauf. Es wollte sich kein Schatten sehen lassen. Das hatte seinen Grund, denn Walther war nicht daheim. Er war für einige Augenblicke hinüber zum Heiner gegangen, um dessen Sohn, welcher sich allein befand, noch einige Kleinigkeiten zu bringen, welche zur Anfertigung des projectirten Bildes nothwendig waren. Dann wollte er Abendbrot essen und sich nachher hinaus nach dem Wehr begeben, wie er mit dem Wurzelsepp verabredet hatte.

Der Weg, welchen er von der Flachsdörre nach Hause zu gehen hatte, führte an dem Zaune hin. Er war grasig und so waren Walther's Schritte kaum zu hören. Als er um die Zaunecke biegen wollte, blieb er überrascht stehen. Er sah eine weibliche Gestalt, welche starr nach seinen Fenstern emporblickte.

Sie bewegte sich nicht. Sie war so in ihr Leid versunken, daß sie für Aeußeres gar keinen Sinn hatte. Darum hörte und sah sie ihn nicht. Er that zwei rasche Schritte und stand vor ihr. Jetzt erkannte er sie.

»Marth - - Fräulein Claus!«

»Max - - Herr Lehrer!«

»Entschuldigung, daß ich Sie störe. Jedenfalls warten Sie auf Jemand.«

Sie war außerordentlich verlegen. Sie schämte sich, hier von ihm gesehen worden zu sein. Was mußte er von ihr denken! Seine letzten Worte gaben ihr den Stoff zu einer Erklärung:

»Ja, ich wart auf den Knecht, der mit dem Wagen kommt. Ich will nach dera Stadt.«

»So spät?«

»Es giebt heut noch zu besorgen.«

»Dann wünsche ich gute Reise. Gute Nacht, Fräulein!«

»Gute Nacht!« hauchte sie.

Es wollte ihr das Herz abdrücken. Sollte sie ihn rufen? Nein, nein. O, wenn er wüßte, daß sie im Begriffe stehe, fortzugehen auf Nimmerwiederkehr! Vielleicht hätte er sich umgedreht, wäre zurückgekommen und hätte ihr ein freundliches Abschiedswort gesagt. Aber durfte sie das verlangen, sie, die Tochter des Verbrechers? Nein und wieder nein und tausend Mal nein!

Jetzt stand er bereits am Hause. Da blieb er doch, wie überlegend, stehen, wandte sich um und fragte:

»Verzeihung, Fräulein, fährt Ihr Herr Vater mit?«

»Nein.«


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»Ist er daheim?«

»Ja. Als ich jetzt ging, war er in seiner Stuben.«

»Ich danke! Gute Nacht! Er verschwand hinter der Ecke des Hauses. Sie drückte die Hände auf den wogenden Busen, schluchzte ein, zwei Mal laut und convulsivisch auf, drängte aber mit aller Gewalt den glühenden Schmerz zurück und wankte weiter.

Droben wurde das Licht verlöscht. Als Walther nachher herabkam, war sie fort.

Er ging hinter dem Dorfe hinweg hinaus nach dem Bache, wo er den Sepp seiner wartend fand und ihm sagte, daß der Silberbauer noch zu Hause sei. Sie lagerten sich in der Nähe des Wehres in das Gras, so daß sie jeden Nahenden, mochte er von der Mühle links oder von der Stadt rechts her kommen, deutlich sehen konnten.

Sie hatten gar nicht sehr lange gewartet, so hörten sie von rechts her Schritte, langsam und leise.

»Das ist er,« flüsterte der Sepp.

»Möglich. Still!«

Es kam näher; die Gestalt blieb am Wehr stehen.

»Alle Teuxel, ein Frauenzimmer,« flüsterte Sepp.

»Ja. Ist sie Ihnen bekannt?«

»Nein.«

»Aber jedenfalls eine Hiesige.«

»Nein. So gekleidet geht hier keine. Sie hat das Tucherl ganz über den Kopf zogen. Vielleicht will sie das Gesicht nicht sehen lassen.«

»Das ist verdächtig.«

»Mir fallts auch auf. Da stehts und starrt in's Wehr, als obs Etwas drinnen zu suchen hätt.«

»Sie wird doch nicht -«

»Was?«

»Bei Nacht so einsam hier am Wasser und so verhüllt! Ich will doch nicht hoffen - -«

»Daß sie sich ersäufen will?«

»Ja.«

»Hm! Dieser Gedank ist am End nicht falsch. Soll ich sie anreden?«

»Nein. Springt sie ja hinein, so hole ich sie heraus. Will sie nicht hinein, so brauchen wir ihr unsere Anwesenheit nicht merken zu lassen.«

Die Frauengestalt blieb noch eine Weile stehen, dann schritt sie weiter, links hin, auf dem Mühlendamme. Dort konnte sie das erleuchtete Fenster sehen, hinter welchem der König das Manuscript Walthers las. Es war ganz dasselbe Fenster, in welches vor Jahren der Silberbauer in ehebrecherischer Absicht gestiegen war. Die Gestalt setzte sich auf den Damm nieder, starrte lange, lange in das Fenster und ließ dann den Kopf in die Hände und mit diesen


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nieder auf die Kniee sinken. Sie weinte, weinte leise aber anhaltend, immerfort.

Nach langer Zeit erhob sie den Kopf und wischte sich die Thränen aus den Augen.

»Heiner, Heiner!« flüsterte sie. »Wie habe ich mich an Dir versündigt, und doch bist Du es gewesen, den ich wirklich geliebt habe! Ich war jung und leichtsinnig, der Claus verstand es, mich zu bethören. Du wurdest unglücklich und ich auch. O, ich bin noch viel, viel elender geworden als Du, denn Du bist rein und ich trage meine Schuld und meine Schande mit mir herum.«

Sie weinte wieder. Dazwischen hinein erklang es leise jammernd:

»Meine Kinder! O Gott, o Gott! Ich muß sie wieder sehen, sonst sterbe ich vor Sehnsucht. Sie sehen und ihnen nicht sagen dürfen, daß ich die Mutter bin. Mein Herr und mein Gott, Du strafst hart, aber gerecht!«

Die Jammernde war die Frau, welche mit dem Seiltänzer im Dorfe angekommen war. Als dieser vom Silberbauer zurückkehrte, hatte er sie in der Scheune aufgesucht, um ihr den Erfolg seiner Unterredung mitzutheilen. Dann hatte er sich in die Gaststube begeben, um sich den anwesenden Bauern für seine Vorstellungen zu empfehlen. Sie hatte dann heimlich die Scheune und den Hof verlassen und war nach der Mühle gegangen.

Als sie sich vom Wehr entfernt hatte, theilten sich die beiden Lauscher ihre Gedanken über die fremde Erscheinung mit. Das Benehmen dieser Frau war sonderbar. Da hörte man trotz des monotonen Rauschens des Wassers wieder nahende Schritte. Ein Mann kam, lang und stark, er trug eine Last.

»Er ist's!« flüsterte der Sepp. »Ja. Passen Sie auf!«

Der Bauer stellte den Kasten neben den Strauch nieder, schob die Zweige desselben zur Seite und den Kasten dann hinein; zwischen die Mauer des Wehres und den Bogen des Wassers. Dann brannte er die Laterne an und kroch nach.

»Was thun wir?« fragte der Sepp. »Gehen wir ihm nach?«

»O nein.«

»Warum nicht?«

»Er braucht noch nicht zu wissen, daß wir hinter sein Geheimniß gekommen sind. Wenn wir noch schweigen, können wir noch mehr erfahren.«

»Pah! Ich brauch gar nix mehr zu wissen. Was ich weiß, das ist halt vollauf genug. Spätern, wenn wir das Gericht hierher führen, leugnet er es gar, daß das Versteck ihm gehört. Nein, er muß hier dergriffen werden!«

»Aber doch nicht heut!«

»Wann anders! Ich hab keine Lust, länger zu warten.«

»Es wird einen Kampf geben.«

»Wir Zwei brauchen uns halt nicht zu fürchten. Es ist auch gar nicht nothwendig, daß wir ihn festhalten. Nur reden mit ihm müssen wir, damit ers nicht leugnen kann, daß ers gewest ist.«


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»Still! Jetzt kommt er wieder!«

Man sah das Licht, welches durch den Wasserbogen leuchtete. Es kam dem Rande desselben immer näher und wurde dann ausgelöscht. Dieses Mal nahm der Bauer also die Laterne nicht mit nach Hause, sondern er ließ sie drinnen im Verstecke stehen.

Die beiden Lauscher sahen den Busch sich bewegen; der Silberbauer kam hervorgekrochen. Er richtete sich auf, blieb einen Augenblick lang stehen und drehte sich um, um fortzugehen.

»Tausend Teufel!« rief er erschrocken. Vor ihm stand der Lehrer.

»Guten Abend, Herr Silberbauer!«

Claus hatte so viel Geistesgegenwart, einzusehen, daß er sich verleugnen müsse.

»Silberbauer?« sagte er. »Da kannst Dich wohl sehr geirrt haben. Geh zum Teufel!«

Er stieß den Lehrer von sich ab und wollte schnell enteilen. Da aber fuhr die Gestalt des Sepp vom Boden auf.

»Willkommen, Silberbauer! Gehst spazieren hier am Wassern? Ja, schön ists da!«

Der Bauer antwortete gar nicht. Die Gesichter der Beiden konnte er nicht sehen; aber den Lehrer hatte er an der Stimme erkannt. Sich zu fragen, wer der Andere sei, hatte er keine Zeit. Er sagte sich, da er die Gesichter der Beiden nicht erkannt habe, so würden sie das seinige also auch nicht deutlich gesehen haben. Er nahm überhaupt an, daß sie erst jetzt, in diesem Augenblicke an Ort und Stelle gekommen seien und also auch nicht beobachtet hatten, daß er hier ein Versteck habe und in demselben gewesen sei. Also nur fort, und zwar schnell, ehe es ihnen möglich war, sich genau zu überzeugen, daß er wirklich der Silberbauer sei. Darum sagte er auf Sepp's Anrede kein einziges Wort, sondern er ergriff schleunigst die Flucht, und zwar nicht nach der Dorfseite, wo die Beiden ihm im Wege standen, sondern nach der Mühle zu.

Mit großen Sprüngen eilte er auf dem Mühlendamme hin, die Beiden hinter ihm her. Er wollte an der Mühle vorüber und dann im Wald verschwinden. Die Frau hörte seine Schritte. Sie blickte sich um und sah einen Menschen in höchster Eile auf sich zukommen. Sie erhob sich. Beim Trocknen der Thränen hatte sie das Tuch aus dem Gesichte zurückgeschoben. Sie stand jetzt grad so, daß der Lichtschein aus der Stube, in welcher der König lesend saß, voll in ihr Gesicht fiel.

Der Bauer hatte sie nicht sitzen sehen. Er wäre jedenfalls in seiner Eile über sie hinweggestürzt. Da fuhr sie vor ihm empor. Er prallte zurück. Einen kurzen Augenblick standen sie einander gegenüber. Der Lichtschein traf auch sein Gesicht.

»Claus!« rief sie. »Kennst Du mich?«

»Anna! Die Anna!« rief er aus.

"Anna, die Anna!"

In seinem Entsetzen fuhr er zur Seite, bis an den scharfen Rand des


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Dammes, da, wo derselbe fast senkrecht nach dem klappernden Mühlenrade abfiel. Er verlor das Gleichgewicht.

»Donnerwettern!« brüllte er auf.

Er fuhr mit den Armen in der Luft herum, die Balance wieder zu erlangen - vergebens, er stürzte hinab. Ein lauter, schriller Angstschrei; und er war verschwunden, grad und direct in das Radlager hinein, in welches er damals den Finkenheiner gestürzt hatte.

Das Wasser rauschte aus dem Graben auf die Holzleitung und von da auf das Rad. Dieses drehte sich, aber nicht mehr so rasch wie zuvor.

Die Frau rief laut um Hilfe, der Sepp auch. Der König riß das Fenster auf und blickte heraus. Der Lehrer verlor keinen Augenblick lang die Geistesgegenwart. Ohne einen Ruf des Schreckens auszustoßen, rannte er am Damme hin, nach der Mühle zu, zur offenen Hausthür hinein, durch die spärlich erleuchtete Flur und riß die Stubenthür auf. Da saß der Müller mit dem Heiner, der Liesbeth und der Barbara am Tisch.

»Schnell die Mühle stoppen!« rief er ihnen zu. »Es ist Einer unters Rad gekommen!«

Der Müller sagte kein Wort. Er fuhr blitzesschnell zur Stubenthür heraus, drüben zur Mühlenthür hinein - im nächsten Augenblicke war es beim Räderwerk todtenstill; die Mühle stand.

»Wer ist hinein?« fragte der Heiner.

»Der Silberbauer.«

»O Gott! Der! Rasch, rasch! Leitern her!«

Der Verunglückte war sein Todfeind und doch war er sofort zur Hilfe bereit. Er ergriff den Lehrer am Arme und riß ihn mit sich fort, hinter die Mühle, wo, wie er wußte, die Leitern lagen.

»Bringt Lichter und Laternen!« rief Walther den beiden Frauen noch zurück.

Jetzt kam der Müller aus der Mühle und zu gleicher Zeit der König von oben herab.

»Leitern, Leitern!« befahl der Letztere.

»Der Heiner und der Lehrern sind schon darnach,« antwortete die Barbara.

»Dann schnell Lichter!«

Die wurden geschafft und dann begaben sie sich nach dem Radlager, das heißt nach dem Mauerwerk, zwischen welchem sich das große Triebrad bewegt.

Dieses Letztere stand. Das Wasser rauschte über dasselbe herab. Man leuchtete in die Tiefe. Das Licht konnte nicht bis hinab dringen.

»Die Leitern hinein!« befahl der König.

Zwei wurden hinunter gelassen. Der Heiner wollte als Erster hinab.

»Halt!« sagte der Lehrer. »Sie haben nur einen Arm, hier aber sind wenigstens vier Arme nöthig. Ich steige mit dem Müller hinab.«

Die Beiden nahmen jeder eine Laterne und verschwanden in der Tiefe.


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»Ist er zu sehen?« fragte der König.

»Ja,« antwortete der Müller. »Hier liegt er im Wasser.«

»Ertrunken?«

»Ertrunken kann er nicht sein. Das Wasser ist nicht tief und der Kopf liegt über demselben.«

»Aber todt?«

»Ich weiß nicht. Herr, mein Heiland! Es fehlt ein Arm!«

»Bringt ihn herauf!«

Sie brachten ihn, langsam und vorsichtig. Droben legten sie ihn nieder. Ja, es fehlte ihm der linke Arm, aber es war keine Spur von Blut zu sehen. Der König bückte sich nieder und untersuchte ihn.

»Er lebt!« sagte er. »Er ist zwischen Rad und Mauer gekommen, und das Erstere hat ihm den Arm so glatt herausgedreht, daß sogar die Adern geschlossen worden sind.«

Einige Augenblicke lang standen die Andern wortlos. Dann entfuhr es dem Lehrer:

»Herr, Dein Strafgericht ist gerecht!«

»Wieso?« fragte der König.

»Dieser Mann hat vor Jahren hier unseren braven Heiner an ganz demselben Orte hinabgestürzt. Das Rad hat dem Heiner den Arm zermalmt. Heut ist der Thäter bestraft worden.«

Es graute Allen. Dem alten Finkenheiner liefen die Thränen über die Wangen.

»Lebt er?« erklang eine halblaute Frage hinter den Männern. Sie blickten sich um. Die fremde Frau stand da, mit verhülltem Gesicht.

»Er lebt,« antwortete der Lehrer. »Wer sind Sie?«

»Ich bin Niemand. Gute Nacht!«

Sie verschwand schnell im Dunkel des Abends.

»Und wer sind Sie?« fragte der König Walthern.

»Ich bin der hiesige Lehrer.«

»Ah, der sind Sie! Haben Sie heute ein Manuscript verloren?«

»Leider, unbegreiflicher Weise.«

»Ich habe es gefunden. Sie sollen es wieder haben. Jetzt aber vor allen Dingen muß der Verunglückte heim geschafft werden.«

»Wird ers aushalten?« fragte Walther.

»Ich hoffe es, da die Wunde nicht blutet. Dann muß sofort ein reitender Bote mit zwei Pferden nach der Stadt, um den Arzt schleunigst zu holen.«

»Das will ich halt ausrichten,« rief der Sepp und sprang eiligen Laufes davon.

Die Andern hoben den Bauer auf und trugen ihn nach der Vorderseite der Mühle. Der Müller ging, um eine Trage zu holen. Da standen die Andern still bei einander.

»Wie hat das nur geschehen können?« fragte der König.


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Der Lehrer wollte es erzählen, wenigstens so viel zur Erklärung nöthig war, ohne das Andere zu verrathen:

»Ich ging mit dem Sepp am Wasser her und - -«

Er hielt inne. Die zwei Laternen standen hart neben dem Verwundeten, zu welchem sich der König niederbeugte. Das Auge des Lehrers fiel auf die Züge des Monarchen.

»Nun?« fragte dieser. »Und was nachher?«

»O bitte, darf ich vorher fragen, wie - - wie Sie hier in die Mühle kommen?«

»Der Herr hier?« meinte die Barbara. »Das ist unser Herr Ludewigen, welcher bei uns wohnt. Er will im Wald herum laufen, um denen Blomfaxen oder Fomplixen zu fangen.«

»Bombyx,« verbesserte der König, welcher sehr wohl merkte, daß der Lehrer ihn erkannt habe. »Ich bin nämlich jetzt eine Art Forstbeamter.«

Der Lehrer verbeugte sich discret und fuhr sodann in seiner Beschreibung fort.

Da brachte der Müller die Trage. Der Bauer, dessen Herz zwar schlug, der aber kein Lebenszeichen von sich gab, wurde darauf gelegt. Der Lehrer und der Müller griffen zu, um ihn nach dem Dorfe zu tragen.

»Soll ich mit?« fragte der Heiner.

»Nein,« antwortete der Müller. »Dich können wir nicht brauchen, und wir wollen Dir halt auch gar nicht zumuthen, mit nach dem Silberhof zu gehen. Bleib Du also hier!«

Sie schritten mit dem Verunglückten fort, dem Dorfe zu. Als sie an dem Silberhofe ankamen, trat ihnen vor dem Thore der Sepp entgegen.

»Ist ein Bote fort?« fragte der Lehrer.

»Ja, sofort. Und ich hab nun auch in den Gasthof nach dem Silberfritzen schickt, daß der heim kommen soll.«

Das Gesinde eilte herbei. Es war ein Augenblick unbeschreiblicher Aufregung. Keiner ließ merken, was er eigentlich dachte und fühlte. Der Bauer wurde nach seiner Schlafstube gebracht und in das Bett gelegt. Da kam sein Sohn.

»Ists wahr?« rief er bereits unter der Thür. »Der Alte ist todt?«

»Nein, er lebt,« antwortete der Lehrer.

»Na, die dumme Magd, die mich geholt hat, hat sagt, daß er bereits hinten rumi sei. Ja, der hat halt ein zähes Leben!«

Das klang so roh und herzlos, daß es Alle kalt überlief.

»Es läßt sich nicht sagen, ob er nur noch Minuten lang leben wird,« sagte der Lehrer in strengem Tone. »Er ist ins Mühlenrad gefallen und hat den einen Arm verloren.«

Der Sohn beugte sich über das leichenfahle Gesicht des Vaters und meinte dann:

»Na, wegen einem Arm gehts halt fort. Der blutet ja nicht mal.


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Nun kann er mit dem Finkenheiner Kameradschaft spielen. Wie aberst ist das denn zugangen?«

»Das wird er Ihnen wohl später sagen.«

»Ja, Sie brauch ich auch nicht dazu, verstanden! Jetzt aberst möcht ich doch wissen, warum man mich aus dera Wirthschaften holt, und dera Martha sagt man nix davon. Wo ist sie?«

»Sie ist nicht zu finden,« antwortete ein Knecht. »Na, wo lauft sie wieder herum!«

»Kein Mensch weiß es.«

»Wie? Sie wissen nicht, wo sie ist?« fragte Walther, höchst erstaunt.

»Nein,« antwortete der Knecht.

»Sie ist ja nach der Stadt!«

»Nach der Stadt? Davon hat sie nix sagt.«

»Das muß ein Irrthum sein. Sie hat sich doch den Knecht mit dem Wagen bestellt, um nach der Stadt zu fahren.«

»Wer hat denn diese Lügen derfunden?« fragte der Silberfritz in höhnischem Tone.

Der Lehrer überhörte geflissentlich diesen feindseligen Ton und antwortete:

»Sie selbst hat es mir gesagt.«

»Was! Sie selber?«

»Ja.«

»Wo dann und wann?«

»Vor Etwas über zwei Stunden. Ich traf sie unten am Ausgange des Dorfes. Dort stand sie mit einer Tasche in der Hand. Sie sagte mir, daß sie nach der Stadt wolle und auf den Knecht mit dem Wagen warte.«

»Himmeldonnerwettern! So ist sie fort! So hats sies doch wahr gemacht.«

»Was?

»Sie hat sich mit dem Vatern zankt und ihm sagt, daß er ihr Vatern nimmer sein darf und daß sie fortgehen werd in die Fremden hinaus. Dera Vatern hat drüber lacht. Er hat nicht glauben wolln, daß sie grad wirklich so albern sein wird. Nun aberst, wann sie eine Taschen habt hat, so hat sie den Vorsatzen doch ausführt. Na, hat sie der Teuxel holt, so hab ich halt nix dagegen.«

Es gab dem Lehrer einen Stich durch das Herze, nicht wegen dieser Gefühllosigkeit, sondern wegen etwas Anderem. Sie hatte sich von ihrem Vater getrennt. Sie war fortgegangen, still und heimlich. Jetzt wußte er, warum sie vor seiner Wohnung gestanden hatte, und jetzt erst besann er sich, daß ihre Stimme so gepreßt geklungen hatte, als wenn sie nur mit Mühe das Weinen hätte unterdrücken können. Er nahm den Müller und den Sepp beim Arme und entfernte sich mit ihnen.

»Kommen Sie!« sagte er. »Hier kann unsers Bleibens nicht sein. Wir haben unsere Schuldigkeit gethan.«


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»Und was machen nun wir Beide?« fragte der Sepp, als sie vor dem Silberhofe standen.

»Für heut lassen wir Alles, wie es ist,« antwortete der Lehrer.

»Warum? Wir müssen ja hineinschauen in - na, Sie wissens ja!«

Er sprach nicht aus, weil der Müller anwesend war.

»Das läuft uns nicht davon.«

»Aberst dera Silberbauern -!«

»Auch der ist uns sicher! Ich habe einen außerordentlich nothwendigen Weg zu machen. Kommen Sie morgen Früh zu mir; da werden wir besprechen, was zu thun ist. Jetzt aber hab ich keine Zeit, ich darf keinen Augenblick verlieren.«

Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, eilte er davon, das Dorf hinab und auf der Straße weiter, nach der Stadt zu. Als er so allein durch die Nacht schritt und die Aufregung hinter sich hatte, konnte er sich mit sich selbst beschäftigen. Es kam jetzt so plötzlich und so schwer über ihn, daß er einen großen, großen Fehler begangen habe, einen Fehler, den er schleunigst wieder gut machen müsse.

»Sie ist brav! Sie liebt mich! Sie hat mit ihrem Vater, mit der Heimath, mit Allem gebrochen, weil sie auf mich gehört hat! Ich muß ihr nach! Ich muß mit ihr sprechen! Ich muß ihr sagen, daß - daß - daß - ja, daß ich sie liebe, liebe, liebe! Und wie! So innig, so heiß, so unendlich! Herrgott, gieb nur, daß ich sie noch ereile!«

Es war ihm himmelangst, daß er sie wohl bereits nicht mehr in der Stadt finden werde. - -

Der Müller hatte zum Finkenheiner gesagt, er solle in der Mühle zurückbleiben. Das wollte der Heiner auch. Während der Herr Ludewig mit der Barbara und Liesbeth im Innern der Mühle verschwand, blieb der Alte im Freien stehen. Es war ihm zu Muthe, als ob heut das jüngste Gericht sei und Gott seinem Feinde das verdammende Urtheil verkündigt habe. Er dachte an jenen Tag zurück, an welchem er selbst da unten unter dem Rade verunglückt war. Das war schrecklich. Noch schrecklicher aber war jene Nacht gewesen, in welcher er den Silberbauer bei seiner Frau getroffen hatte und dann - - ah, jene fürchterliche Scene drüben auf der Waldblöße! Es hatte ihn seit jener Zeit täglich nach der Blöße gezogen, und es zog ihn auch jetzt hinüber, jetzt, wo der Nebenbuhler, der Mörder seines Glückes einen Theil der verdienten Strafe gefunden hatte. Er dachte nicht an Liesbeth, welche auf ihn wartete. Gottes Gerichtstag war heut. Hier an der Mühle war ein Urtheil gefällt worden. Drüben auf der Blöße war ein zweites zu fällen. Nicht aus Ueberzeugung, nicht aus Vorsatz, sondern rein aus Instinct schritt er langsam durch die Nacht dem Walde entgegen, den Pfad hinein und nach der Blöße zu. Er hatte keineswegs den Gedanken, Jemand dort zu finden. Er handelte ganz unwillkürlich, ganz unter dem Einflusse eines innern Antriebes, über welchen er sich selbst keine Rechenschaft ablegte, ja, von dem er vielleicht nicht einmal nur eine Ahnung hatte.


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Es war kein Mondschein. Nur die Sterne flimmerten am Himmel; doch ihr Licht reichte nicht hin, die von Bäumen freie Waldstelle zu erleuchten. Man konnte nur wenige Ellen vor sich hin sehen. Er kannte jeden Schrittbreit der Blöße, und sein Fuß traf trotz der Dunkelheit an keinen Baumsturz oder Stein. Er ging langsam und in Gedanken nach der Stelle, an welcher er seit Jahren täglich zu sitzen pflegte. Er erreichte sie. Da erhob sich eine dunkle Gestalt vor ihm vom Boden. Er hatte kein ängstliches Herz; aber er erschrak doch, als so unerwartet ein fremdes, menschliches Wesen wie aus der Erde emporstieg.

»Halt! Wer ist da?« fragte er.

Er erhielt keine Antwort, denn die Person schien über sein Erscheinen noch weit mehr erschrocken zu sein als er über das ihrige.

»Nun, kannst nicht reden?« fragte er wieder.

»Ich bins,« wurde geantwortet.

»Ich? Wer?«

Er trat näher und sah nun, daß die Person weibliche Kleider anhatte.

»Ach so! Eine Frau bist! Was hast da in der Dunkelnheit hier im Wald zu thun?«

»Ich geh spazieren.«

»Spazieren? Sappernloten! Das ist mir auch noch nicht passirt, daß ich eine Frau troffen hab, die bei Nacht im finstern Wald eine Promenaden macht. Hör, das glaub ich Dir freilich nicht. Da steckt was ganz Anderes dahintern. Jetzt sagst gleich aufrichtig, wast hier willst.«

»Nix.«

»So, nix willst! Und da bist hier! Hm, wer bist denn da eigentlich?«

»Ich bin eine Fremde.«

»Und da gehst hier im unbekannten Forst spazieren? Hör, das machst mir nimmer weiß! Da hast irgend welche Absichten. Es giebt Forstspitzbuben und auch Grenzschmugglern, die verbotene Sachen hinüber und herüber tragen. Die Grenz von Oesterreichen ist ja ganz hier in dera Nähe. Gehörst etwan zu ihnen?«

»Nein. So Etwas zu treiben, fallt mir gar nicht ein.«

»Nun, so kann ichs erst recht nicht begreifen, wast hier willst. Ich werd mir also Dein Gesichten mal anschaun.«

Er trat auf sie zu. Sie wich zurück und sagte:

»Nein, nein! Ich laß mich nicht anschaun!«

»Nicht? Das ist noch verdächtigern!«

»Bist denn Einer von dera Polizeien oder von denen Grenzern, daßt in dieser Weisen gegen mich aufitrittst?«

»Das braucht man nicht zu sein. Es hat Jedermann das Recht und auch die Pflicht, darauf zu sehen, daß nix Verbotenes passirt. Und daßt nicht sagen willst, wer Du bist, das ist verdächtig.«

»So will ich es sagen. Ich gehör zur Gesellschaft des Signor Bandolini.«


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»Den kenne ich nicht.«

»Wir sind erst in dera Dämmerung hier angekommen. Der Signor ist ein Künstler und Seiltänzer und will hier Vorstellung geben.«

»Ach so! Und da gehst gleich in denen Wald spazieren? Wo seid Ihr denn her?«

»Von weit aus dem Süden.«

»Und da redest unsere Sprachen so hübsch? Nein, ich werd Dich doch mal anschauen. Ich bin der Heinrich Weise, den sie hier nur den Finkenheiner nennen.«

Es war, wie gesagt, hier zwischen den hohen Waldbäumen noch dunkler als draußen im Freien. Darum hatte sie sein Gesicht nicht sehen und auch nicht erkennen können, daß er nur einen Arm besaß. Jedenfalls hatte sich im Laufe der Jahre seine Stimme so verändert, daß er an derselben selbst von einer Person, welche ihm früher nahe gestanden hatte, nicht erkannt werden konnte. Sie wich wie erschrocken noch weiter von ihm zurück und sagte:

»Herrgott, dera Finkenheiner!«

»Kennst etwan meinen Namen?«

Sie zögerte mit der Antwort. Sie schien in Ungewißheit zu sein, ob sie Ja oder Nein sagen solle.

»Nun, warum antwortest nicht?«

»Weil - weil - ja, ich hab Deinen Namen bereits schon mal gehört.«

»Hier? Warst schon hier?«

»Nein, zum letzten Male hab ich ihn an einem Ort vernommen, welcher sehr weit von hier liegt.«

»Wo?«

»Da unten in dera Walachei.«

»In - dera - Walacheien!« stieß er langsam hervor. »Bist dort gewest?«

»Ja, lange Zeit.«

»So kannst meinen Namen dort nur von dem Silberbauern hört haben - oder nein, denn der ist ja bereits schon eine lange Zeiten hier. Sag also, wer dort von mir sprochen hat!«

»Das ist - - eine Frauen gewest.«

»Eine Frauen? Herrgott! Was werd ich jetzund derfahren müssen. Sag an, ists vielleicht gar - - meine Frauen gewest?«

Sie antwortete nicht sogleich.

»Ja,« erklang es erst nach einer Weile und in sehr gepreßtem Tone.

Es wurde still. Sie fügte nichts hinzu, und auch er beobachtete ein momentanes Schweigen. Sie sah trotz der Dunkelheit, daß er sich mit seiner einen Hand über das Gesicht fuhr.

»Von ihr, von ihr!« erklang es dann leise. »Mein liebern Gott! So hat sie von mir sprochen?«

»Ja.«

»Und sie ist noch nicht todt? Sie lebt wohl noch?«


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»Ja, sie lebt noch.«

Er setzte sich langsam auf einen Baumstumpf nieder, welcher neben ihm aus dem Boden hervorsah, und in müdem Tone meinte er:

»Wie mich das angreift! Ich hab halt gar nicht denkt, daß ich so schwach sein kann!«

Sie schwieg, und erst nach einer minutenlangen Pause gestand er aufrichtig:

»Ich hab halt gar nicht wiedern an sie denken wollen, aber seit sie fort ist, verging keine Minut, an welcher ich nicht an sie hab denken müssen. Und ich hab auch nicht von ihr reden wollt, und nun, da ich Eine treff, die sie kennt, so red ich dennerst von ihr! Was ist das Herz doch für ein armselig Dingerl!«

Da klang leise und verzagt aus ihrem Munde die Frage:

»So hast sie also nicht vergessen?«

»Vergessen? O Gott, wann ich sie hätt vergessen konnt, so wärs wohl bessern, viel bessern für mich gewest!«

»Und - und - - hast sie wohl - - lieb gehabt?«

»Lieb, so lieb wie mein Leben!«

»Du Armer!«

Auch sie setzte sich nieder, auf einen andern Baumstumpf, welcher in der Nähe stand.

»Ja,« sagte er, »ich bin arm, aberst nicht mehr so wie früher, wie dazumal. Hat sie Dir vielleicht erzählt, was zwischen uns geschehen ist?«

»Ja.«

»Aberst wohl nicht Alles?«

»Alles!«

»So mußt halt eine sehr gute Freundinnen von ihr sein.«

»Wir haben, so lang wir uns kennen, kein Geheimnissen vor nander habt.«

»So kannst mir auch sagen, wo sie jetzund ist?«

»Ja. Sie ist noch dort unten in derselbigen Gegend.«

»Sie sehnt sich wohl nimmer heim?«

»O, sehr; aberst sie darf doch nicht heimkommen!«

»Ja, sie darf nicht. Sie selberst hat sich die Thür verschlossen, welche nach dera Heimath zuruckführt. Die Schand ist dera Riegeln, den sie nimmer wiedern wegschieben kann.«

»Und Dir dürft sie ja auch niemalen wieder unter die Augen treten?«

»Mir? Ach, mir!«

Er sagte das in einem Tone, welcher weder als Ja noch als Nein gelten konnte.

»Denn Du mußt sie ja hassen!« fuhr sie fort.

»Hassen? O nein! Wie könnt man Eine hassen, die man so lieb habt hat!«

»Aberst verachten!«


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»Auch nicht. Weißt, die Verachtung ist eine sehr, sehr große Sünden, welche ein Mensch an dem andern begehen kann. Verachten soll Keiner den Andern; das ist gegen die Lieb, die uns der Herrgott zur Pflicht macht hat. Hassen kann ich Einen, aberst verachten niemals. Selbst dera schlechtest Kerl, selbst dera schlimmst Verbrechern ist ein Geschöpf Gottes und hat noch ein Stückle Boden und Erdreich im Herzen, auf dem was Guts noch wachsen kann, wann das richtge Körnle drauf gesäet wird. Nein, hassen odern verachten kann ich die Anna nimmer. Aber Mitleid kann ich mit ihr haben, großes, großes Mitleid und Derbarmen!«

Sie ließ den Kopf sinken und sagte nichts.

»Schau,« fuhr er fort, »sie ist jung gewest und unerfahren. Sie hat eine schnelle und hitzigen Naturen habt. Ich war ein stiller und bedachtsamer Kerlen, und da hab ich halt nimmer gut zu ihr paßt. Das hab ich freilich erst spätern einisehen. Da ist dera Silberbauern kommen; der ist ein ganz anderer Kerlen gewest, und da ist sie von ihm verführt worden.«

»Sie hätt sich nicht sollen verführen lassen!«

»Ja, aberst ich bin auch mit schuld daran.«

»Wieso?

»Schau, wann man einen Schatz hat odern ein kostbar Kleinoden, so wacht man darüber und laßt nicht einen Jeden dazu kommen. So ists auch, wann man eine schöne Frauen hat, die so jung ist, daß sie noch keinen festen Charactern haben kann. Ueber die muß eben dera Mann wachen, daß nicht hinter seinem Rucken ein Dieb kommt, der sie ihm hinwegschnappt. So eine Frauen will wohl gar nix Böses thun; aberst der Verführer ist schlau und hat sie halt gefangen, noch bevor sie überhaupt merkt hat, daß er sie fangen will. Das hätt ich wissen und mich darnach verhalten sollen. Ich hätt den Silberbauern gar nimmer an sie heranlassen sollen. Ich aberst hab nicht aufpaßt, bin zu sehr voller Vertrauen gewest, und darum bin ich auch mit schuld an Dem, was mir damals schehen ist.«

»Nein, nein, sie allein war schuld! Das weiß sie ganz genau.«

»Hat sie es denn sagt?«

»Ja.«

»So hat sie bereut, was sie than hat?«

»O, bitter, bitter bereut.«

»Das gefreut mich um ihretwillen. Ich trag ihr keine Rache nach und wills ihr gönnen, wanns ihr so gut wie möglich geht.«

»Ja, Du bist gut, so gut! Das hat sie auch immer sagt. Dera Silberbauern aberst ist ein Schurk gewest durch und durch. Er hat sie nur belogen und betrogen.«

»Das hab ich mir freilich denken konnt. Sie wird als seine Frauen kein großes Glück derlebt haben.«

»Glück? Wo denkst hin! Und seine Frauen ist sie ja gar niemals gewest!«


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»Nicht?« fragte er erstaunt.

»Nein.«

»So hat er sie freilich ganz schlimm betrogen! Ich hab damals - - hat sie Dir nicht sagt, was an jenem Abend hier, grad an dieser Stellen geschehen ist?«

»Ja, das hat sie mir sagt.«

Und leiser, leiser wiederholte sie:

»Jawohl, sie hats sagt.«

»Das war schrecklich, ganz schrecklich! Ich hab nicht ahnt, daß dera Claus zu meiner Frauen ging; aberst im Dorf habens Alle wußt und auch in dera ganzen Umgegend. Einer hat mich mal aufmerksam macht, und da bin ich in ihre Stuben gangen. Sie hat ihn bei sich habt. Er hat mir einen Schlag auf den Kopf geben, daß ich sogleich zusammenbrochen bin, und ist dann zur Thüren hinaus, sie mit ihm. Ich hab mich doch aufrafft und bin hinter ihnen her bis auf die Waldblößen hier. Da hab ich sie derwischt; er aberst ist weiter laufen. Mir ists so schlimm im Kopf gewest von dem Schmerz, daß meine Frauen mir untreu ist, und von dem Schlag, den er mir geben hat. Ich hab nur wankt und zittert und kaum reden konnt. Sie hat kein Derbarmen habt und zornig auf mich einisprochen. Sie hat verlangt, daß ich sie aufgeben sollt, weil sie den Claus hat heirathen wollen. Es ist ein Auftritt gewest, daß mir das Blut im Herzen stillstanden ist. Ich hab ihr auch versprochen, sie frei zu geben, und bin mit ihr nach Haus. Da hab ich ihr die Unterschrift geben und hab mich nachhero ins Bett legt. Als ich wiedern zu mir kommen bin, hab ich hört, daß ich sehr lange krank war, und im Kopf ists noch immer nicht richtig gewest. Die Frauen war fort, und die Kindern hat die Muttern vom jetzigen Müllern zu sich nommen gehabt. Spätern bin ich aufs Amt verlangt worden, denn sie hat die Unterschriften einschickt, und die hab ich vor Gericht anerkennen mußt. Ich habs than und ihr alles Glück gewünscht. Nun aberst hör ich, daß er sie doch nicht heirathet hat. Was hast denn?«

Während er erzählte, hatte sie das Gesicht in die Hände genommen. Es klang, als ob sie leise weine. Sie antwortete nicht auf seine Frage.

»Was thust denn?« wiederholte er. »Ich glaub gar, Du fangst an zu weinen.«

»Ja, da muß man weinen,« antwortete sie. »Oder ists etwan nicht traurig?«

»Freilich ists traurig, und wannt ihre Freundinnen bist, so mags wohl auch Dich angreifen.«

»Ich wein nicht über sie sondern über Dich, weil Du das Schwerste hast ausstehen müssen, und noch dazu ganz unschuldig. Was sie derlebt hat, das hat sie verdient. Sie hat kein Herz habt, für Dich nicht und auch für die Kindern nicht. Als nachhero der Bericht kommen ist vom Gericht, daß sie geschieden war von Dir und hat wiedern heirathen konnt, so hat dera Claus zu ihr sagt, daß er sie nicht heirathen kann, weil er katholisch war und sie evangelisch.«


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»Dera Lump!«

»Aberst spätern hat sie den eigentlichen Grund derfahren. Er ist nämlich gar nicht ledig gewest.«

»Wie? Er war verheirathet?«

»Ja. Er ist doch, bevor er Deine Frauen kennen lernt hat, bereits mal da unten an dera Donauen gewest. Dort hat er seine Frauen zuruckgelassen mit zweien Kindern. Mit der Deinigen ist er nur bis ins Ungarn hinein; dann hat er sie sitzen lassen. Sie ist ihm nach, ohne Geld und ohne Alles, als Bettlerin. Sie hat ihn lange, lange vergeblich sucht, und nachhero, als sie ihn fand, war er verheirathet.«

»Du guter Himmel! Was mag die Anna da denkt und fühlt haben! Das muß eine Strafen gewest sein!«

»Eine harte, eine sehr harte. Sie hat fast den Verstand verlieren wollen. Er hat ja auch ihr Geld habt, um daß sie Dich vorher betrogen hat.«

»Ja, ich hab aus dem Haus mußt, und weil ich so krank war im Kopf, hab ich keine Arbeit funden, und es ist mir und denen Kindern gar traurig ergangen. Aberst was hat die Anna nachhero anfangen?«

»Sie hat sich einen Dienst sucht.«

»Und auch einen funden?«

»Ja, bei einer Bojarenfrauen auf einem Schloß, welches nicht weit von dera Stadt Slatina standen hat.«

»Was ist das, ein Bojar?«

»Ein Edelmann.«

»O Jegerl! So hat sies wohl gut gehabt?«

»Nur kurze Zeit, denn das Schloß ist wegbrannt, und nachhero starb die Frauen. Nicht weit vom Schloß sind zwei Mühlen gewest. In der einen hat dera Claus wohnt mit seiner Familien. O, was ich da verzählen kann!«

»Von der Anna?«

»Nein, vom Claus. Er hat da Sachen macht, die ihn aufs Zuchthaus bringen müssen.«

»Wie? Wirklich? Weißt Du was?«

»Ich weiß Alles, und die Anna weiß es auch.«

»Und darf ichs vielleichten derfahren?«

Sie wartete eine Weile, ehe sie antwortete:

»Du? Warum willst Dus wissen?«

»Weil er seine Strafen erhalten - - - Sapperloten, daran hab ich ja gar nicht denkt! Die Strafen hat ihn ja bereits schon troffen!«

»Heut Abend, ja. Ich bin ganz voll Entsetzen gewest, als ichs sehen hab.«

»Ach, Du warsts, die hinkam, als wir hinter dera Mühlen bei ihm standen?«

»Ja.«

»Wie bist dorthin kommen?«

»Ich - ich - - weißt, meine Heimath hat im Wald gelegen, und


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darum lieb ich den Wald und bin auch des Abends gern in ihm. Darum bin ich heut, nachdem wir hier ankommen sind, in den Wald spazieren gangen - - -«

»Eine Frauen, die im Dunkeln in den Wald spazieren geht, die ist eine große Seltenheiten!«

»Ja, aberst ich thu es doch. Ich bin am Wasser her und kam grad dazu, als Ihr den Claus aus dem Rad herauszogen habt. Und - das will ich Dir sagen, daß ich nicht kommen bin, um mit Kunststücken zu machen, denn ich kann keins, sondern ich cassier nur das Geldl ein, und ich hab den Signor Bandolini so weit bracht, daß er hierher gangen ist, denn ich hab den Claus aufsuchen wollt.«

»Warum?«

»Um ihm seine Straf geben zu lassen.«

»Das wird jetzund nicht mehr nöthig sein. Ich habs aushalten, als mir der Arm zermalmt worden ist; ein Zweiter halts nicht so gut aus. Und ihm ist er nicht zermalmt sondern sogar gleich aus dem Leib rissen worden. Das ist noch schlimmern.«

»Vielleicht ist das nicht so schlimm. Ich hab von einem Beispiel derfahren, daß in einer Fabriken die Maschin Einem den Arm ausrissen hat. Da hats auch kein Blut geben, und er ist bald wiedern gesund worden.«

»Das ist wohl möglich. Aberst wanns bei ihm auch so wär, so hat er sich wohl auch noch innerlich Schaden than; er hat mir ganz so ausgeschaut. Und dann ists aus mit ihm. Da kann er nicht davonkommen.«

»Meinst? Nun, das kann nix ändern an dem, was ich thun will und was ich thun muß. Ich muß entdecken, was damals in Slatina geschehen ist, damit noch ein Andrer auch seine Straf erhält.«

»Wer?«

»Der zweite Müllern, der mit dort wohnt hat. Der ist auch mit dem Claus ins Deutschland zogen. Ich hab ihn nur nicht finden konnt, und dera Claus will ihn nicht verrathen.«

»Das weißt schon jetzt?«

»Ja, denn dera Signor ist beim Claus gewest, und der hat sagt, daß er den Kellermüllern gar nicht kennt.«

»Kellermüllern? Heißt er etwan Keller oder Kellermann?«

»Ja.«

»Wanns das ist, so kann ich Dir wohl sagen, wo er zu finden ist. Der ist jetzt Thalmüllern in Scheibenbad, was gar nicht weit von hier gelegen ist.«

»Wirklich? Wann ers wär, sollt michs gefreun. Aberst vielleicht ists ein Anderer.«

»Das glaub ich nicht. Ich weiß genau, daß der Thalmüllern so da unten gewest ist, wo die Türkeien liegt, und dera Silberbauern ist sein guter Freund!«


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»So ist ers, so ist ers! Gott sei Dank, daß ich das derfahr! Nun kann ich vielleicht auch heraus bekommen, wo dera kleine Curty hinkommen ist.«

»Wer ist das?«

»Das ist das Söhnchen von dera Bojarenfrauen, welches plötzlich verschwunden ist. Ich hab immer denkt, daß er geraubt worden ist.«

»Geraubt? Ein Kind? Wer kann das thun?«

»Die beiden Müllern. Ich weiß noch viel mehr, als ich jetzunder sagen kann. Wehe dem Silberbauern, wann er an dem heutigen Unglücken nicht sterben sollt!«

»Er hat Alles verdient, was ihm Böses geschehen kann. Aberst er ist schlau, und es wird gar schwer halten, ihm was zu beweisen. Wannst keine Zeugen hast, so - - - ah, da fallt mir ein, Du hast doch sagt, daß meine Frauen auch Alles weiß?«

»Ja. Von der hab ichs doch erst derfahren.«

»So müßt sie es sein, die ihn anzeigen thät.«

»Meinst?«

»Ja.«

»Das kann sie nicht.«

»Warum nicht?«

»Wann sie gegen ihn aufitreten wollt, mußt sie doch wohl hierher kommen. Nicht?«

»Freilich.«

»Das kann sie nimmer wagen.«

»Wegen meiner etwan?«

»Wegen Deiner ganz allein.«

»O, vielleicht mag sie sich von denen andern Leutln nicht gern anschauen lassen.«

»Da irrst Dich. Was die Andern sagen, das ist ihr ganz gleichgiltig. Sie hat so viel gelitten und so viel gebüßt, daß sie sich gar nimmer vor dera Verachtung fürchtet, die sie vor den Leutln finden thät. Nur vor Dir hat sie Angst.«

»Vor mir! Ich hab ihr damals nicht den einzigen Vorwurf macht. Ich hab ihr kein böses Wort sagt; ich bin nicht grimmig gewest sondern nur traurig und elend tief im Herzen drinnen.«

»Aberst jetzunder? Wie würds da wohl sein?«

»Wann sie käm?«

»Ja.«

»Da thät sie mich wohl nicht aufsuchen. Und wanns mich zufällig treffen thät, so wär ich ganz still. Ich sagt ihr auch jetzt kein böses Wort.«

»Wirk - - lich?« fragte sie.

»Ja. Was geschehen ist, das ist vorübern, und das kann nun nimmer anderst werden. Es würd mir wohl einen Stich durch das Herz geben, wann ich sie schauen müßt, aberst daß ich ihr Feind bin, das soll sie nicht denken.«

»Ja, Du bist - - - gut, gut, gut!«


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Sie griff herüber und suchte nach seiner Hand. Als sie dieselbe fand, zog sie sie zu sich hin und - - drückte schnell ihren Mund darauf. Er entriß sie ihr augenblicklich.

»Was thust! Was fallt Dir ein!« rief er. »Dera Finkenheiner ist nicht ein vornehmer Herr, dem man die Patscherln küssen muß.«

»Vornehm bist freilich nicht, aberst gut und rein und edel wie nur irgend Einer!«

»Oho! Da kennst mich schlecht!«

»Nein, ich kenn Dich gut!«

»Woher?«

»Von der Anna, die immer viel, sehr viel von Dir sprochen hat. O, wannts nur wissen könntst, wie sie es bereut hat, was damals schehen ist!«

»Ich wills Dir glauben!«

»Und wie sie sich seit Jahren sehnt hat nach dera Heimath, nur um Dich mal zu erblicken.«

»Ists wahr?«

»Ja. Sie hat oft herbei wollt, um sich zu verstecken, so daß kein Mensch sie sehen kann. Und da hats ausschauen wollen, bis sie Dich heimlich sehen konnt.«

Ihre Stimme klang ganz so, als ob sie sich sehr große Mühe gebe, eine tiefe Bewegung zu verbergen. Er war still. Was er hörte, ging ihm zu Herzen.

»Und weißt,« fuhr sie fort, »wornach sie dann auch noch die allergrößt Sehnsuchten hat?«

»Nach dera Mühlen, wo sie wohnt hat?«

»Auch wohl. Aberst das ists nicht, was ich mein. Die Kindern, die Kindern sinds, nach denen ihr Herz aufischreit hat jahrelang.«

»So!« sagte er gerührt. »Hat sie nach denen Kindern eine Sehnsuchten habt?«

»O, wie große, große Sehnsuchten.«

»Das kann mich gefreun. Das macht Vieles, Vieles wiedern gut. Ich hab nicht glauben konnt, daß bei ihr das Mutternherz doch endlich mal die Stimm erheben werd.«

»O, diese Stimme hat lange geschwiegen, aber spätern ist sie desto lauter worden. Die Anna hat vergehn wollen vor Sehnung nach dem Buben und dem Dirndl. Und le längern desto größern ist die Sehnsucht worden.«

Sie sagte das langsam und mit mehreren Pausen. Er hörte es, daß nicht ihr Mund allein sondern auch ihr Herz es sprach. Die Thränen traten ihm mit Gewalt in die Augen. Er weinte.

»Schau,« sagte er, »bei dem Allen hat michs am Meisten dergriffen, daß sie hat von denen Kindern fort können gehen. Wie, wie hat das mir wehe than!«

»Sie hat ja nicht bleiben konnt!«

»Ja. Sie war eine Ehebrecherin; sie hat fort mußt und die Kindern ja


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nicht mitnehmen konnt. Doch auch das mag ihr vergeben sein. Du aberst bist eine Gute. Du hast ein weiches Herz. Du, wannt ihre Freundinnen bist, so kann sie doch nicht so schlimm sein, wie ich immer hab denken müssen.«

Auch sie schluchzte.

»Ich, eine Gute? O nein, o nein!«

»Ja, Du bist gut. Das hör ich ja.«

»Nein, nein! Wannts wüßtest, was ich Alles than hab, so würdst wohl ganz anderst reden.«

»Du magst than haben, wast willst, ein gutes Herz hast doch. Wann die Anna so eins habt hätt, so wär das Alles nimmer passirt. Jetzt aberst, da sie sich nach denen Kindern sehnt, wirds wohl besser worden sein in ihrem Gemüth.«

»Viel, viel anderst; das kannst glauben. Sie hat mir gute Worten geben. Ich soll nachschaun, obs möglich sei, daß sie mal herkommen darf, weißt ganz still und heimlich, ohne daß Jemand was merkt.«

»Will sie das? Herkommen wills? Sie mag in Gottes Namen kommen.«

»Und wanns Dich trifft, was wirst thun?«

»Ich werd ihr sagen, daß ich ihr vergeben hab.«

»Mein Gott, mein Gott! Was Du für ein so Guter bist! Und nachhero will sie sich von Weitem stellen, so ganz von Weitem und auch die Kindern mal schaun. Sie will nicht mit ihnen reden, denn das ist sie ja nimmer werth, und das will sie sich auch nicht von Dir derbitten; aberst mal anschaun möcht sie sie und nachhero wieder fortgehn. Dann hat sie doch das Bild von ihnen im Herzen und wirds festhalten bis an ihre letzte Stund.«

Er schluchzte laut.

»Wirst ihr das derlauben?« fragte sie mit brechender Stimme. »Wirsts thun?«

»O Gott, o Gott! Ist das nicht zum Herzbrechen! O Anna, Anna, warum hast mir Das than und Dir aber auch! Wir hätten so glücklich sein konnt, so glücklich! Mir möcht jetzt die Seel ausnander gehn vor Jammer und Herzeleiden Freilich, freilich werd ichs ihr derlauben, die Kindern zu sehen. Sie ist ja die Muttern und hat das Recht dazu!«

»Dies Recht hat sie sich verscherzt!«

»Nein. Das Recht der Muttern kann niemals verscherzt werden. Sie soll nur kommen. Sie mag die Kindern sehen und mag auch mit ihnen reden.«

»Welch ein Glück, welch ein Glück!« erklang es fast jubelnd aus dem Schluchzen heraus. »Aber reden auch? Nein, reden darf sie nicht mit ihnen!«

»Warum?«

»Das kann sie nicht. Wannts auch in Deiner großen Güten derlauben thätst, so ists doch unmöglich.«


// 767 //

»Da seh ich keine Unmöglichkeiten!«

»Und doch! Was sollt sie zu ihnen sagen?«

»Daß sie die Muttern ist.«

»Das darf sie nicht sagen; das kann sie nicht sagen. Sie müßt ja vor Scham vergehen!«

»Nein, sie braucht sich vor denen Kindern nicht zu schämen, gar nicht.«

»Meinst, daß die Kindern freundlich wären, daß sie ihr keine Vorwürfen machen thäten?«

»Keinen einzigen.«

»So haben auch sie ihr vergeben?«

»Vergeben? O, die wissen ja gar nicht, daß sie dera Muttern was zu vergeben haben.«

Sie hob den Kopf mit einem schnellen Ruck empor.

»Nicht? Sie wissens nicht?«

»Nein, kein Wort. Ich hab allein, ganz allein unglücklich sein wollen. Wann ich auch die Kindern hätt unglücklich machen wollt, so wär ich ja doppelt elend gewest. Sie haben nie derfahren, daß ihre Muttern noch lebt, daß ihre Muttern fortgangen ist und sie verlassen hat. Sie haben immer dacht, daß die Muttern storben ist, daß sie im Himmeln ist. Ich hab denen Kindern nicht das Glück nehmen wollt, gern an ihre Muttern zu denken und des Abends, wanns schlafen gehen, und des Morgens, wanns aufistehen, für sie zu beten.«

Da stand sie auf. Sie faltete die Hände und stieß, vor Bewegung am ganzen Körper bebend, hervor:

»Wie? Das, das hättest than?«

»Ja. Ich hab die Anna lieb habt, und die Kindern sollen sie auch lieb haben.«

»Was - bist - doch - für ein Mann!« schrie sie förmlich laut auf. »Was sie an Dir verbrochen hat, kann ihr nimmer, nimmer vergeben werden!«

»Ich habs ihr verziehen, und dera liebe Herrgott wird nicht weniger barmherzig sein als ich.«

»Aber habens die Kindern nicht wohl von fremden Leuten derfahren?«

»Nein. So lange ich krank legen hab, sinds bei dera Müllerin gewest und mit Niemand zusammenkommen. Und sobald ich hab laufen konnt, bin ich von Haus zu Haus gangen und hab die Leutln beten, denen armen Kindern nix von dera Muttern zu verzählen. Diese Bitten ist mir derfüllt worden, denn wanns Einer verrathen hätt, so hätten die Kindern mirs ja sagt und mich fragt. Nein, nein, die Anna braucht sich vor ihnen nicht zu schämen.«

»O, wanns das wüßt, so thäts vor Glück vergehen. Und sag nun auch noch, was die Kindern machen!«

»Die sind heran wachsen, ehe mans dacht hat. Die Zeiten vergeht ja schnell. Vorhin, alst beim Silberbauern standen bist, hast da das Dirndl sehen, was die Laternen in dera Hand habt hat?«


// 768 //

»Ja.«

»Wie hats Dir gefallen?«

»Das ist ein gar prächtigs Dirndl gewest. Hats in die Mühlen gehört?«

»Bereits ja, denn sie ist dem Müllern seine Braut. Das ist nämlich die Liesbetherl.«

Da stieß die Frau einen lauten Freudenruf auf.

»Die Liesbetherl, die Liesbetherl ists gewest! O Gott, o Gott! Wie schön sie war! Der Herrgott mag sie glücklicher machen als ihre Muttern!«

»Die ist bereits glücklich. Weißt, das Liesbetherl ist eine gar Saubere und Richtige und auch Brave! Von der könnt ich Dir verzählen wochenlang. Die ist mein Glück und meine größte Freuden.«

»Die? Dera Buben also nicht?«

»O, der auch. Dem hab ich noch nie ein böses Wörtle sagen dürfen. Aberst er ist halt nicht gesund.«

»Mein Gott! Was fehlt ihm denn?«

»Ja, wann ich das wissen thät! Weißt, als meine Frauen damals fort ist, da war die Liesbeth so klein, daß sie gar nix wußt hat. Dera Hanns aberst hat schon den Verstand habt. Ich war krank, so daß er nicht zu mir durft, und so hat er ohne End und Aufhören nach dem Vatern und nach dera Muttern schreit. Er hat sich da so abjammert und abhärmt, daß er ganz elend worden und bis heut auch schwach blieben ist. Eine Arbeiten kann er nicht machen. Seine größte Freuden ist, wann er am Tisch sitzen und Bilder machen darf aufs Papieren. Ich hab den Doctoren fragt. Der schüttelt den Kopfen, sagt einen fremden Namen für die Krankheit und meint, daß dera Hanns gesund werden kann, wann er in ein Land kommen könnt, wo ein wärmers Klima ist.«

»Mein Himmel! Und das kann er nicht?«

»Nein, denn ich bin arm.«

»Das glaub ich wohl. Und einen Arm hast auch nur; da wirst nimmer viel verdienen.«

»Ich mach Holzlöfferln. Wann ich da am Tag zwanzig Pfennigen hab, so ists gar viel.«

»Und davon mußt leben?«

»Davon und von dem, was das Liesbetherl verdient. Die macht mit dera Nadeln gar saubere Sachen und arbeitet Tag und Nacht. Verkommen thun wir da freilich schon, aberst gar bescheiden. Eine Suppen aus Kartoffelschalen, die kommt sehr oft auf den Tisch bei uns.«

»Eine - Suppen - aus - Kartoffelschalen!« wiederholte sie. »Die Kindern müssen eine Suppen aus Kartoffelschalen essen! Und das viele Geldl, was ihnen gehören thät, das hab ich mitnommen, das hab ich ihnen stohlen, ihnen und Dir, das hab ich dem Silberbauern an den Hals worden! O, ich Rabenmuttern, ich Rabenmuttern!«

Der Gedanke, daß ihre Kinder Hunger leiden müßten, war ihr so schreck-


Ende der zweiunddreißigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk