Lieferung 47

Karl May

18. Juni 1887

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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»O gewiß!« erklärte die Baronesse. »Aber er hat noch nicht zugesagt.«

»So thue ich es an seiner Stelle. Abgemacht und pasta! Aber lieber Rudolf, ich lese es Dir vom Angesichte, daß Dir unser geschwisterliches Verhältniß ein versiegeltes Räthsel ist!«

»Das gestehe ich aufrichtig.«

»Ich werde es Dir erklären. Milda wird es uns erlauben, mit hinein zu gehen. Ich muß mich setzen; ich bin außerordentlich müde von der anstrengenden Menschenjagd, welche wir so erfolglos unternommen haben.«

»Eine Menschenjagd?« fragte die Baronesse.

»Ja. Habt Ihr noch nicht gehört, daß der alte entflohene Silberbauer gesucht wird?«

»Kein Wort.«

»So kommt! Ich muß es Euch erzählen.«

Dann saßen sie im Salon beisammen in eifriger, animirter Unterhaltung. Walther erzählte dem Freunde, wie er die Mutter und obendrein eine Schwester gefunden habe, und dann berichtete er von den gestrigen Vorkommnissen in Hohenwald.

Heute früh waren sämmtliche Bewohner des Ortes aufgeboten worden, unter Anführung der Polizei nach dem Flüchtlinge zu fahnden. Die ganze Umgebung war durchstreift worden, Wald und Feld, Berg und Thal, doch vergebens. Es war nicht die kleinste Spur von ihm entdeckt worden.

Es war für Milda mehr als ein Vergnügen, bei den jungen Männern zu verweilen. Einander in jeder Beziehung ebenbürtig, entwickelten sie eine Fülle von Kenntnissen und Anschauungen, welche das Gespräch wie Brillantfeuer herüber und hinüber leuchten ließ. Der vorher so zurückhaltende Sandau wurde gesprächig. Jede seiner Mienen verrieth, wie glücklich er sich fühlte, und wenn er begeistert und begeisternd über einen Gegenstand sprach, da dachte Milda mit stillem Erröthen daran, daß dieser beredte Mund gestern ihre Lippen im Kusse berührt habe.

So verging die Zeit außerordentlich schnell. Es wurde dunkel, und Sandau mußte aufbrechen. Zwar wurde er aufgefordert, doch noch zu bleiben, aber er hatte ganz Recht, seine kranke Mutter nicht länger auf sich warten zu lassen.

»Wir haben halbe Strecke einen Weg,« sagte Walther. »Ich gehe also mit. Milda wird mich entschuldigen.«

Dann, als sie von der Schloßherrin freundlich entlassen und zur baldigen Wiederkehr aufgefordert waren, schritten sie schweigend neben einander her, die Straße entlang.

Sandau hatte mit dem Eindrucke zu thun, den Milda auf ihn gemacht hatte. Darum war er so still. Aber das Schicksal des Freundes beschäftigte ihn ebenso sehr. Endlich fragte er:

»Erkläre mir nur Eins, lieber Max: Was konnte Dich veranlassen, Regensburg mit diesem traurigen Gebirgsdorfe zu vertauschen?«

»Kannst Du die Antwort nicht selbst finden?«


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»Nein. Ich begreife die Sache einfach nicht.«

»Ich wurde von jener guten, bösen Macht getrieben, welche an so vielem Glück und Unglück schuld zu sein pflegt.«

»Alle Teufel, Du bist verliebt?«

»Jetzt nicht mehr.«

»Ah! Geheilt!«

»Für immer!«

»Glaub's nicht! Ein Mensch, der so veranlagt ist, wie Du, der wirft seine Liebe nicht so mir nichts Dir nichts auf den Schutthaufen. Sie bleibt in ihm. Sie schläft. Und wenn sie dann einmal wieder erwacht, so ist sie stärker und gewaltiger als je zuvor.«

»Sprichst Du aus Erfahrung?«

»Nein.«

»So darfst Du überhaupt nicht urtheilen.«

»Pah! Man hat Augen, um zu beobachten. Aber wie konnte die Liebe Dich zu diesem Wechsel des Wohnortes und der Stellung bewegen? Aber, ich will Dir ja nicht lästig fallen. Verzeihe!«

»Du incommodirst mich gar nicht. Ich denke und spreche jetzt in aller Ruhe über diese Angelegenheit, und da Du Dich gern an den Erlebnissen und Erfahrungen Anderer bildest, so sei Dir gesagt, daß ich in Regensburg ein in Hohenwald wohnendes Mädchen kennen lernte.«

»So, ah so! Schön?«

»Natürlich! Jeder hält die Seinige für einen Engel.«

»Hm! Wenn sie Dich gefesselt hat, so muß sie mehr als nur schön gewesen sein.«

»Du vermuthest ganz richtig. Ich glaube, ich habe sie mehr als Psycholog, denn als Mensch, also mit dem Herzen geliebt. Dieser Engel war auch ein Wenig ein Teufel.«

»Also nicht nur schön, sondern auch interessant. Dachte es mir!«

»Um Dir mit einem einzigen Strich die Situation zu zeichnen, will ich Dir nur sagen, daß sie die Tochter dieses Silberbauers war, den wir heut vergeblich gesucht haben.«

»Max!« rief Sandau erschrocken.

»Nicht wahr, das hat Pointe? Laß es Dir erzählen!«

Er erzählte in einfachen und scheinbar kalten, objectiven Worten sein Zusammentreffen mit der schönen Silbermartha. Er war noch nicht fertig, als sie die Stelle erreichten, an welcher der Fahrweg links nach Eichenfeld durch den Forst emporführte.

»Ich gehe noch eine Strecke mit Dir,« sagte er und lenkte mit dem Freunde in den betreffenden Weg ein, um seine Erzählung zu Ende zu führen. Als er dann fertig war, fragte Sandau:

»Und wo befindet sie sich jetzt?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du denkst also, vollständig mit dieser Liebe gebrochen zu haben?«


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»Ich denke es.«

»Selbsttäuschung!«

»Meinst Du?«

»Ja. Ich bin überzeugt, daß sie Dich wahrhaft liebt. Und, lege einmal die Hand auf das Herz, und sage mir aufrichtig, kommt Dir nicht zuweilen der Gedanke, daß Du zu hart mit ihr warst, daß sie den unverschuldeten Umstand, keine Mutter gehabt zu haben, büßen muß?«

Walther antwortete nicht sofort. Darum fügte Sandau hinzu:

»Ich wiederhole, was ich bereits sagte: Deine Liebe schläft. Sie wird stärker und gewaltiger erwachen, als sie vorher gewesen ist.«

»Soll ich aufrichtig sein, so habe ich es mir auch zuweilen als möglich gedacht.«

»Nicht wahr! Du als Psycholog kannst diesen Gedanken nicht als unmöglich verwerfen. Deine Liebe zu der üppigen Herzlosen ist eine sinnlich-psychologische gewesen. Du hast sie zurückgedrängt. Aus der Tiefe des Herzens wird sie geläutert hervorbrechen und - - - horch!«

Er blieb lauschend stehen.

»Was ists?« fragte Walther.

»Sollte ich mich getäuscht haben? Es war mir, als ob ich eine menschliche Stimme hörte, wie um Hilfe rufend.«

»Ich hörte nichts.«

»Und doch! Horch! Da wieder!«

Jetzt hörte auch Walther den Ton. Es war ein lang gezogener klagender Laut.

»Wie von dem sterbenden Knaben in Erlkönigs Umarmung,« bemerkte Sandau.

»Aus welcher Richtung kam es?«

»Das ist hier kaum zu bestimmen, da mitten im Walde.«

Wieder und nach einer kurzen Pause abermals erklang der zitternde, durchdringende Laut.

»Ich möchte behaupten, daß es da von rechts her kommt,« sagte Walther.

»Dieser Ansicht bin ich jetzt auch.«

»Was thun wir? Folgen wir dem Rufe?«

»Natürlich. Wer weiß, welches arme, hilflose Wesen sich hier verirrt hat.«

»Ich war erst ein einziges Mal hier oben und könnte mich in dieser Dunkelheit nicht zurecht finden. Bist Du besser bekannt?«

»Ja. Ich war erst gestern hier, während des Gewitters, als ich Deine Schwester kennen lernte.«

»Ah! Sie nannte Dich ihren Retter; Du aber fielst sogleich mit etwas Anderem ein. Ihr habt also darüber geschwiegen. Hoffentlich erfahre ich, auf welche Weise Ihr Euch kennen lerntet.«

»Gelegentlich werde ich es Dir erzählen. Horch, da ruft es wieder.«

»Es ist wirklich da rechts drin. Dort giebt es im Felsen eine Art von


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Höhle, in welcher man eine leidliche Unterkunft finden kann. Eigentlich sollten wir antworten. Ich will rufen.«

»Halt! Rufe nicht!« warnte Walther, indem er ihn beim Arme ergriff. »Unterkunft kann man dort finden? Das bringt mich auf einen Gedanken, auf eine Vermuthung. Ach, wenn sie sich bewahrheitete!«

»Woran denkst Du da?«

»An den entflohenen Silberbauer.«

»Das wäre kühn!«

»O nein. Er kennt wohl diese Höhlung und hat seinen Sohn herauf bestellt. Am Tage hat er sich in einem unzugänglichen Dickicht versteckt, und nun am Abende sucht er die bequeme Höhle auf.«

»Der würde doch nicht rufen!«

»Denke an das Wundfieber!«

»Hat er ja gar nicht gehabt! Uebrigens ist es gradezu unbegreiflich, daß ein Mensch eine solche Verwundung überstehen und dann noch nach dem Wehre laufen und schließlich unter solchen Umständen entfliehen kann.«

»Er hat eine Pferdenatur. Aber denk an seine gestrige Anstrengung, an das kalte Bad und auch daran, daß er bis jetzt die nassen Kleider auf dem Leibe hatte. Da ist das Auftreten des Fiebers nicht nur erklärlich, sondern das Ausbleiben desselben wäre gradezu ein Wunder. Aber schweigen wir jetzt! Es ruft nicht mehr, sondern es stöhnt und wimmert, ganz in der Nähe.«

»Die Höhle ist kaum noch dreißig Schritte von hier entfernt.«

»So wollen wir alles Geräusch vermeiden und uns leise anschleichen.«

Sie hatten schon längst den gebahnten Weg verlassen und waren, den Rufen folgend, nach rechter Hand unter den Bäumen vorgedrungen. Es war unter dem dichten Laubdach vollständig finster, so daß Beide sich führen und mit den freien Händen sich von Baum zu Baum tasten mußten. So kam es, daß sie nur sehr langsam Terrain gewonnen hatten.

Jetzt hörte auch das Wimmern auf, doch ließ sich eine sprechende Stimme in Sätzen vernehmen, deren einzelne Worte wegen der noch zu großen Entfernung nicht verstanden werden konnten.

Nun ragte es in schwarzer Schwere vor ihnen empor. Das war der Felsen, in welchem sich das Loch befand, und als sie um die Ecke desselben bogen, konnten sie auch die Worte verstehen, welche unter hörbarem Zähneklappern ausgesprochen wurden.

»Wer soll ich sein?« erklang es. »Dera Silberbauern soll ich sein? Hundsfott, das ist eine Lüg, eine miserable Lüg! Willst sie gleich widerrufen! Wannsts nicht sofort widerrufst, schlag ich Dich gleich zu Boden!«

Die beiden jungen Männer standen lauschend neben einander.

»Er ist es!« flüsterte Walther. »Er redet von sich selbst.«

»Könnte es nicht auch vielleicht ein Anderer sein?«

»Nein. Ich kenne seine Stimme. Sie ist zwar verändert, weil er im Fieber spricht, aber dennoch zu erkennen. Horch!«

Der Bauer sprach jetzt weiter:


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»Wie sagst? Was soll ich than haben? Und eine Kisten mit Gold geraubt? Wer sagt das? Wer hat das derfunden? Wer hats sich aussonnen? Die Anna? Die? Was die sagt, das gilt nix, gar nix! Die will mich nur in's Gefängniß bringen. Hoho! Seht Ihrs, wie das Schloß brennen thut? Wie das Feuern bis hinaufi zum Himmeln steigt? Wer hats anbrannt? Dera Silberbauern und dera Thalmüllern? Wer das sagt, den bring ich um, gleich um! Was das für eine Hitz wirft und für eine Gluth, so ein Feuern, wanns ganze Schloß brennt! Und doch frierts mich, als obs im Wintern wär bei lauter Eis und Schnee. Gebt mir ein Bett! Macht Feuern im Ofen, und kocht mir einen Grog! Wer soll das aushalten bei solcher Kälten! Hört Ihrs nicht, wies mir die Zähne zusammenklappert?«

Die Beiden hörten deutlich, daß ihm die Zähne auf einander schlugen.

»Schrecklich!« flüsterte Sandau.

»Das ist Gottes Strafe!«

»Du hast ganz richtig vermuthet. Sein Körper ist doch nicht stark genug gewesen für das Alles. Er hat das Fieber bekommen. Was ist zu thun?«

»Man muß sich natürlich seiner Person versichern.«

»Aber wie? Wir Beide etwa allein?«

»Nein, das mag ich nicht wagen.«

»Er ist allerdings sehr stark?«

»Unter gewöhnlichen Umständen fürchte ich ihn nicht. Ich habe es ihm ja bewiesen. Aber jetzt? Ein Mensch, und zumal ein solcher, ist im Fieber zehnmal so stark als sonst. Er hat zwar nur einen Arm; aber wenn die Wuth über ihn kommt, so sind wir ihm wohl kaum gewachsen. Was wollen wir mit ihm anfangen, hier im Walde, in dieser Finsterniß!«

»Es ist am Besten, wir lassen ihn hier liegen und gehen, um Leute herbei zu holen.«

»Und wenn wir kommen, ist er fort!«

»Denkst Du?«

»Ja. Kann man wissen, was ihm während des Fiebers für Gedanken kommen?«

»Aber uns hierher zu ihm setzen, das können wir doch auch nicht!«

»Nein. Einer geht, um Hilfe zu holen, und der Andere bleibt hier, ohne es ihm merken zu lassen.«

»Das ist eine gewagte Sache.«

»Allerdings, aber es muß eben riscirt werden. Da Du hier im Walde mehr zu Hause bist als ich, so ists am Besten, Du gehst; ich würde die Richtung verlieren. Auch bin ich stärker als Du. Falls es ja zum Ringen mit ihm kommen sollte, habe ich mehr Hoffnung als Du, mit ihm fertig zu werden.«

»Suche das lieber zu vermeiden!«

»So lange es möglich ist, jawohl! Wenn er sich aber entfernen will, so muß ich ihn doch festhalten!«


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»Du könntest ihm ja auch unbemerkt folgen!«

»In dieser Dunkelheit? Das ist unmöglich. Auch weiß man ja nicht, welche Richtung er einschlagen würde. Kämst Du dann, so wäre ich mit ihm nicht zu finden.«

»So schau zu, wie Du mit ihm verkommst! Aber wen soll ich holen?«

»Lauf so schnell wie möglich nach Hohenwald. Aber ich weiß nicht, ob Du die Leute dort kennst. Der Eschenbauer, bei welchem ich wohne, wäre der sicherste Mann. Er ist still und überlegsam. Da würde kein Geräusch gemacht.«

»Zufälliger Weise kenne ich ihn. Er wohnt am Ende des Dorfes, wo früher das Gut des Feuerbalzers gestanden hat.«

»Ja. Er mag sofort anspannen und den Knecht mitbringen, auch etliche Stricke, um nöthigenfalls den Silberbauer zu fesseln, und Stroh, oder sonst etwas Weiches, daß er unterwegs nicht allzu hart liegt. Getragen kann er natürlich nicht werden. Nur per Wagen ist sein Transport möglich.«

»Gut! Aber mir ists angst um Dich.«

»Mache Dir ja nicht allzu große Sorge. Ich bin kaltblütig und stark. Das ist die Hauptsache. Und wie lange wird es dauern, so bist Du wieder hier. Ein Wenig über eine Viertelstunde brauchst Du hin, ebenso lang her und gleichfalls so lange zum Anspannen, macht also in Summa ungefähr drei Viertelstunden. So lange vermag ich ihn auf alle Fälle zu halten.«

»Hoffentlich geht es nicht schlimmer, als Du denkst. Also ich gehe jetzt. Halte Dich gut, Max!«

Sandau verschwand im Dunkel der Nacht. Walther setzte sich ganz in der Nähe des Felsenloches nieder. Welch ein Unterschied! Gestern hatte er mit Milda in der Höhlung Schutz gegen das Unwetter gefunden. Wie selig hatte da sein Herz geschlagen! Wie reizend war ihm da das Loch vorgekommen! Und jetzt! In finsterer Nacht neben einem verfehmten Verbrecher, der in wilden Phantasien lag! Hoffentlich blieb er still in dem Verstecke liegen.

Der Bauer schien jetzt ganz bewegungslos zu sein. Er ächzte und stöhnte halblaut vor sich hin, und während der Pausen war das Klappern der Zähne zu hören. Dann schrie er plötzlich laut auf:

»Fort mit Dir! Wer bist denn eigentlich? Was grinsest mich an und fletschest mir die Zähnen! Was, mein Weib willst sein? Was soll ich haben? Dich zu Tod geärgert? Wannst das mir nochmals sagst, so hau ich Dir den Stock in's Gesicht, viel mehr und viel starkern als damals, wo Du noch lebtest! Sei froh, daßt todt bist! Du siehsts halt nicht, daß sie Deinen Mann im Wald suchen, um ihn zu fangen.«

Dann begann das Wimmern wieder.

Es war entsetzlich unheimlich in der Nähe dieses Mannes. So wie bisher, phantasierte er fort. Bald vertheidigte er sich laut und zornig gegen unhörbare Anklagen; dann stöhnte er zum Erbarmen. Das Fieber schien ihn förmlich empor zu werfen.

So verging eine Viertelstunde und noch eine. Walther hörte die Hohen-


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walder Thurmuhr schlagen, wie wenn man mit einem Hammer auf einen alten, zerbrochenen Kessel schlägt. Diese Töne paßten ganz zu der Unheimlichkeit der gegenwärtigen Situation.

Bereits begann er, in Gedanken die Minuten zu zählen. Bald mußte Sandau zurückkehren. Da stieß der Müller abermals einen Schrei aus.

»Hilfe, Hilfe! Seht Ihr sie nicht? Das ist die Anna, die mich ins Mühlrad werfen will! Der Arm soll weg, grad wie beim Heiner!«

Der Hilferuf wurde leiser und leiser, bis er endlich aufhörte. Dann begann der Phantasierende von Neuem in trotzigem 'Tone:

»Wer kommt da? Wer lauft da hinter mir her? Dera Schullehrern, der Fratz! Was hat der zu lauschen und zu horchen! Was will er derfahren! Etwan von mir was? Nix, gar nix soll er derfahren. Liebern geh ich fort. Ich bleib nimmer hier, wo der Kerlen ist!«

Es raschelte in dem Loche. Der Silberbauer kam heraus gekrochen. Er richtete sich mit seinem einen Arme mühsam am Felsen auf. Er taumelte dabei hin und her, und die Kinnbacken schlugen ihm gegen einander.

»Brrr! Wie kalt!« stöhnte er. »Wo steckt er denn, dera Lehrern? Ich seh ihn doch gar nimmer! Vielleicht ist bessern, ich leg mich wiedern zu Bett. Aber dann, wann er kommt, dann hat er mich auch gleich fest. Nein, ich werd hier auf ihn warten.«

Er stand da, krumm ungefähr wie ein Orang-Utang steht, wenn er sich aufgerichtet hat. Walther saß keine vier Schritte entfernt von ihm und konnte ihn trotz der Dunkelheit ziemlich deutlich sehen, da es hier keine Baumwipfeln gab, durch welche der Sternenhimmel verhüllt werden konnte.

»Jetzund fangens wieder an!« zürnte der Bauer. »Seit dera neue Lehrern da ist, singens in dera Schulen lauter dumme Liedern, an die kein Mensch glauben thut. Horch, was singens jetzunder? Ich hörs schon, ich hörs ganz gut. Auch die Melodien kann ich auswendig. Sie klingt so!«

Trotz seines Zähneklapperns sang er halblaut:

»Ueb immer Treu und Redlichkeit
Bis an Dein kühles Grab
Und weiche keinen Finger breit
Von Gottes Wegen ab!«

Es schnitt dem Lauscher in die Seele, diese Worte in solcher Weise aus diesem Munde zu hören. Es war wirklich eine Selbstqual, die sich des Silberbauers bemächtigt hatte.

»O, die Redlichkeiten!« lachte er höhnisch auf. »Wer ist redlich, wer?«

Er horchte auf und fragte dann mit lauter, weithin schallender Stimme:

»Wer hat da sprochen? Wer hat da fragt? Antwortet Keiner? Ah, es ist Niemand da, und ich hab doch glaubt, daß Jemand mich fragt hat. Nein, es hat kein Mensch sprochen. Ich bin allein, ganz allein. Und es ist still hier in dera Stuben. Aberst macht nur das Fenstern zu, damit ich das Gesing nimmer hör! Das halt ich nicht aus. Da muß ich allemal mitsingen.«


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Und er krächzte mit zitternder Stimme:

»Des Nachbars Kunz war bis ans Grab
Ein rechter Höllenbrand.
Er pflügte seinem Nachbar ab
Und stahl ihm vieles Land.
Nun pflügt er als ein Feuermann
Auf seines Nachbars Flur - - -

Nix ist wahr, nix! Wers Land stohlen hat, der hats Land, und Niemand kanns ihm nehmen. Und wers Geld stohlen hat, der - - - So, wer wollt mir's nehmen, wer? Wer will unters Wehr kommen und mir den Schrank aufmachen? Ich möcht den sehen, ders wagen wollt!«

Das rief er mit lauter, drohender Stimme. Dann aber fügte er wie erschrocken hinzu:

»Pst, still! Sie kommen doch! Ich hör schon ihre Schritten! Aberst mich sollens halt nicht derwischen. Mich sollens nicht finden. Ich geh ihnen aus dem Wege.«

Und er machte wirklich Anstalt, sich von der Höhe zu entfernen. Er tappte sich mit der Hand langsam am Felsen fort, Schritt für Schritt, auf Walthern zu. Dieser huschte zur Seite, um nicht von ihm bemerkt zu werden.

So schritt der Fiebernde bis zur Ecke des Felsens. Dort blieb er horchend stehen.

»Ja,« sagte er, »sie kommen. Ich muß noch weitern fort, viel weitern. Sehen darf mich Keiner hier am Wehr, sonst denkens gleich sofort, daß ich da was versteckt hab.«

Er raffte sich zusammen, um in den Wald hinein zu schreiten. Da konnte der Bauer ihm entgehen. Darum trat er rasch einige Schritte vor und stellte sich zwischen den Bauer und den ersten Bäumen. Der Silberbauer bemerkte ihn sofort. Aber anstatt zu erschrecken und zu fliehen, wie Walther erwartet hatte, richtete der Kranke sich hoch auf und fragte:

»Wer bist und was willst hier?«

Dem Lehrer kam ein listiger Gedanke. Er antwortete im Dialecte der hiesigen Gegend:

»Wer ich bin? Kennst mich wohl nicht?«

»Nein, Dich kenn ich nicht.«

»Ich Dich auch nicht. Sag, wert bist und wast hier thun willst!«

»Geht Dich das was an?«

»Nein, aberst Du hast doch auch mich so fragt!«

»Das kann ich auch.«

»So will ichs Dir sagen, wannst mich nicht verrathen willst.«

»Ich verrath Keinen.«

»Weißt denn auch, wot jetzund bist?«

»Wohl werd ichs wissen: Da im Wald.«

Es schien, daß von dem Augenblicke an, an welchem der Silberbauer


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den Lehrer gesehen hatte, das Fieber von ihm gewichen sei. Er sprach wie im vollständigen Bewußtsein.

»Nun, schau!« sagte Walther in vertraulichem Tone. »Ich bin ein armer Teufeln und hab nix für den Ofen daheim. Da bin ich in den Wald gangen, um mir ein Holz zu holen.«

»Ach so! Ein Dieb bist also, ein Spitzbuben!«

»Das brauchst nicht gleich derowegen zu sagen.«

»Nein, und dennoch ists wahr.«

»So willst mich wohl verrathen?«

»Verrathen? Fallt mir gar nimmer ein! Einen Dieb verrath ich nimmer. Ich bin ja selberst auch einer.«

»Machst wohl einen Spaß?«

»Nein. Wannst mirs aufrichtig sagt hast, daßt Holz stehlen willst, so kann ich auch so offen reden. Laß Dich nur nicht derwischen. Und hör nicht darauf, wanns in dera Schulen singen. Hörsts? Sie beginnen bereits schon wiedern!«

Walthern beim Arme ergreifend, sang er leise:

»Dann wirst Du wie auf grünen Au'n
   Durchs Erdenleben gehn.
Dann kannst Du ohne Furcht und Graun
   Dem Tod ins Auge sehn.«

Er war also doch nicht bei voller Besinnung. Ergreifend war die Scene für den Lehrer auch dadurch, daß er erfuhr, welchen Eindruck dieses Lied gemacht habe. Er hatte es mit seinen Schulkindern eingeübt. Die Buben und Mädchen sangen es jetzt auf der Straße. Der Silberbauer hatte es gehört und war von ihm so tief getroffen worden, daß ihm Töne und Worte jetzt durch den umnachteten Geist klangen.

»Kennsts auch schon, das Lied?« fragte der Bauer.

»Ja.«

»Es taugt nix! Kannsts nur schnell vergessen. Also Holz stehlen willst? Laß Dich nur nicht derwischen! Ich aberst verrath Dich nicht. Bist etwan schon lange im Wald?«

»Ja.«

»Hast Niemand sehen?«

»O doch.«

»Wohl gar viele Leutln?«

»Sehr viele.«

»Was habens denn im Wald gewollt? Habens vielleicht gar Einen sucht?«

»Fast schien es so.«

»Etwan den Silberbauern?«

»Ja, den glaub ich.«

»Nun, habens ihn funden?«

»Nein.«


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»Schau, den werdens auch nimmer finden. Er hat seinen Sohn bestellt, den Silberfritzen. Der bringt ihm ein großes Geldl und ein anderes Gewandl, und sodann verschwindet dera Silberbauern ganz hinweg aus dera Gegend. Kannsts ihnen sagen, daß sie sich keine Mühen geben sollen. Sie bekommen ihn doch nicht. Und der, der ihn am Liebsten gern haben möcht, dera neue Schulmeistern, der bekommt ihn auch nicht. Kennst ihn wohl vielleichten?«

»Ja.«

»Hasts wohl auch schon hört, daß er mit dem Silberbauern rauft hat?«

»Auch das weiß ich.«

»Und wer ist dem Andern über gewest?«

»Ja, wenn ich das wissen thät!«

»Nun, so will ichs Dir sagen. Dera Silberbauern hat den Lehrern zur Erd worfen und fast zu Tod schlagen. Das kannst auch denken, denn dera Bauern ist ein großer, starker Kerlen und dera Lehrern so eine kleine Kröten, fast so klein wie Du und auch so einen Huten hat er aufi und -«

Er hielt plötzlich inne und trat einen Schritt zurück.

»Was hast? Sprich doch weitern!« sagte Walther, welcher ahnte, daß die Scene jetzt eine ganz andere Wendung bekommen werde.

»Ja, wer bist denn eigentlich? Das hast mir halt noch gar nicht sagt.«

»Du mir auch noch nicht, wer Du bist.«

»Das brauchst auch nicht zu wissen.«

»Warum fragst da, wer ich bin?«

»Weil ichs wissen muß. Weißt, ich traue Dir nicht. Du bist -«

Er trat schnell heran, ergriff den Lehrer am Arme und brachte sein Gesicht ganz nahe an dasjenige Walthers. Er erkannte ihn, denn er fuhr zurück und rief:

»Himmelsakra! Spion, verfluchter! Willst mich fangen! Da hasts!«

Er holte zu einem fürchterlichen Hiebe aus. Walther war auf seiner Hut gewesen und trat rasch zur Seite. Der Bauer stürzte von der Wucht seines eigenen Schlages zu Boden, raffte sich aber augenblicklich auf und faßte den Lehrer bei der Brust.

»Fangen willst mich! Ja, das glaub ich gar wohl. Aberst Du hast nicht mich, sondern ich hab Dich. Und nun sollst sehen, was ich mit Dir thu.«

Er hielt den Lehrer mit eiserner Faust gepackt und streckte den Arm so weit und gerade aus, daß Walther ihn gar nicht zu fassen vermochte. Auf diese Weise versuchte er, ihn mit sich fort zu zerren, dahin, wo der Felsen steil zur Tiefe abfiel.

»Da mußt hinunter, da hinab!« knirschte er, indem er immer weiter nach dem Abgrund avancirte.

Es gab für Walthern kein anderes Mittel, von dem grimmigen Gegner loszukommen, als sich seiner Beine gegen denselben zu bedienen. Er versetzte dem Bauer einen kräftigen Fußtritt in die Weichen.

Da ließ der Wüthende los.


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»Treten hast mich, treten mit dem Fuß! Und da kommen auch die Andern, die am Wehre mit Dir waren. Aberst ehe sie da sind, mußt Du todt sein, ganz todt, ganz!«

Er schlug mit der Faust und trat mit den Füßen blind auf den Lehrer ein. Dabei schrie er:

»Schau, wie das Schloß brennt! Ich solls anzündet haben. Aberst es ist nicht wahr. Ich will nur Dich hineinwerfen in die Flammen! Und den Heiner soll ich hinabworfen haben in das Rad. Das ist auch eine Lügen. Doch Du sollst hinab, Du sollst auch nur einen Arm haben, grad so wie er und ich!«

Seine Hiebe fielen hageldick und gedankenschnell. Das Fieber war wieder über ihn gekommen, aber während der Phantasieen hielt er doch den Gedanken fest, den Lehrer vor sich zu haben. Dieser konnte nichts Anderes thun, als die Hiebe seines Gegners pariren. Angreifend zu verfahren, dazu kam er gar nicht.

Und trotz des Fiebers verfolgte der Wüthende ganz seine vorige Absicht, Walthern an den Abgrund zu drängen. Sie näherten sich demselben immer mehr. Die Gefahr wurde größer und immer größer.

Da machte Walther eine Seitenwendung, huschte unter dem Arme des Gegners hinweg, faßte ihn von hinten beim Kragen, drückte ihm das Knie in den Rücken und warf ihn zu Boden.

Aber der Silberbauer hatte ihn noch im Fallen auch gepackt und riß ihn mit zu Boden. Jetzt begann ein entsetzliches Ringen. Walther hatte seine beiden Arme und war dem Bauer an Gewandtheit überlegen. Dem Letzteren aber gab das Fieber eine Vervielfältigung seiner Kräfte. Er biß um sich wie ein wildes Thier. Walther ergriff ihn mit einer Hand bei der Gurgel und mit der andern beim Arme und hielt ihn so fest. Der Bauer versuchte, sich unter ihm aufzubäumen - vergeblich. Walther spannte seine Muskeln und Flechsen auf das Stärkste an. Lange freilich konnte er es nicht aushalten, das fühlte er gar wohl. Da hörte er das Knarren eines Wagens.

»Rudolf, Rudolf,« rief er.

»Ja, ja!« antwortete es.

»Komm, komm!«

»Gleich, gleich bin ich dort!«

»Jetzt kommens! Jetzt wollens mich haben. Aber sie sollen mich nicht dazwischen!« schrie der Bauer. »Erst dermord ich Dich und dann auch sie. Hinein müßt Ihr ins Feuern! Hinein, wo das Schloß brennt, alle, alle!«

Er machte eine Anstrengung, wie nur ein Wahnsinniger oder Fieberkranker sie machen kann. Walther preßte die Zähne zusammen und - hielt aus. Sie lagen jetzt ganz nahe am Rande des Abgrundes. Erhielt der Bauer nur einen kurzen Augenblick die Oberhand, so konnte der junge, muthige Mann verloren sein.

Da ließen sich eilige Schritte hören, welche trotz der Dunkelheit und der


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Bäume schnell näher kamen. Dahinter erschienen die Lichter mehrerer Laternen.

»Max, wo bist Du?« rief Sandau.

»Hier, hier.«

»Kämpft Ihr vielleicht?«

»Ja. Greif zu. Aber stürzt um Gotteswillen nicht hinab.«

Der Silberbauer brüllte wie ein Stier, welchem in der Arena die Spitzen der Lanzen in das Fleisch gedrungen sind.

»Sie kommen; sie kommen! Hinab in die Höll mit ihnen! Hinab!«

Er zog seinen Leib zusammen und schnellte ihn wieder aus. Es war eine fürchterliche Kraftanstrengung; aber er vermochte doch nicht den Lehrer von sich abzuschütteln. Doch diese Bewegung hatte Beide noch näher an den Abgrund gebracht.

"Rudolph schnell!"

»Rudolf, schnell! Um Gotteswillen!« rief Walther, der sich nicht loszumachen vermochte.

»Da bin ich!«

Bei diesen Worten warf Sandau sich nieder, ergriff den Silberbauer beim Haare und zog ihn und mit ihm den auf ihm liegenden Lehrer von der gefährlichen Stelle fort.

Und nun war auch der Eschenbauer mit seinem Knechte da. Beide hatten Laternen. Sie sahen die drei Ringenden, setzten die Laternen zu Boden und warfen sich auf den Bauer, welcher vor Wuth schäumte und trotz seines kranken Zustandes einem auf das Schiffsdeck gezogenen Haifisch glich, welchem die Kraft genommen ist, der aber doch mit einem Bisse seines Rachens oder einem Schlage seines Schwanzes noch zu verletzten oder gar zu tödten vermag.

»Stricke, nehmt Stricke!« rief Walther.

Der Knecht hatte mehrere derselben mitgebracht, sie aber zu Boden geworfen, als er den Bauer faßte. Er holte sie herbei, und nun banden die Drei dem sich wüthend Wehrenden zunächst die Füße zusammen, damit er mit ihnen nicht gefährlich zu verletzen vermochte. Unter bedeutender Anstrengung wurde ihm dann auch der Arm an den Leib gefesselt. Er lag nun bewegungslos da. Der Schaum stand ihm vor dem Munde, und seine Brust athmete unter keuchendem Röcheln.

»Ihr Hunde!« stieß er dazwischen hervor. »Ihr Mörder! Was wollt Ihr mit mir! Wißt Ihr, wer ich bin? Meint Ihr etwan, ich sei dera Silberbauern? Der bin ich nicht. Ich bin dera Baron von Gulijan. Versteht Ihr mich! Ihr wollt mich nur fesseln, daß mein Weib verbrennen soll, daß ich sie nicht aus dem Feuer holen kann. Bringt den Silberbauern herbei und den Thalmüllern, und werft sie hinein! Die haben das Schloß verbrannt. Ich aber bin unschuldig!«

»Herrgott! Er ist verrückt worden!« sagte der Eschenbauer.

»O nein,« antwortete der Lehrer. »Er fiebert und sagt dabei Dinge, welche in Wirklichkeit passirt sind.«

»Aber Max, wie siehst Du aus!« sagte Sandau.


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Beim Scheine der beiden Laternen bemerkte Walther, daß fast sein ganzer Anzug zerfetzt war.

»Das ist noch zu tragen,« meinte er. »Aber wenn Ihr einige Minuten später gekommen wärt, so hättet Ihr mich höchst wahrscheinlich nicht mehr hier gefunden. Ich wäre mit ihm in den Abgrund gestürzt.«

»Wie ist denn das gekommen? Erzähle doch!«

»Später. Jetzt fehlt es mir an Athem. Wollen ihn nach dem Wagen schaffen, damit er unter Obdach kommt. Man muß Alles thun, um ihn am Leben zu erhalten. Wäre das nicht, so hätte ich mich nicht in so große Gefahr zu begeben gebraucht. Ich hätte ihn einfach erwürgt. Aber seine Geständnisse sind von großem Werthe.«

Der Wagen hielt auf der Waldstraße. Der Bauer wurde nach demselben getragen und in das Heu gelegt, welches fürsorglicher Weise mitgebracht worden war. Dann wurde er extra noch angebunden. Bei einem solchen Menschen mußte man alle möglichen Vorsichtsmaßregeln in Anwendung bringen.

Jetzt nun, als der Wagen sich heimwärts in Bewegung setzte, erzählte Walther, wie er in den Kampf mit dem Fiebernden gekommen war. Dabei sprach er natürlich nicht laut, und auch die daran sich knüpfenden Bemerkungen wurden so leise ausgesprochen, daß der Silberbauer sie nicht zu hören vermochte.

Er befand sich jetzt ruhig, wie es schien, in einem Zustande der Erschöpfung nach der vorangegangenen körperlichen Anstrengung. Nur leise, jammernde Laute stieß er zuweilen aus.

Wie Walther jetzt erfuhr, hatte der Eschenbauer dafür gesorgt, daß Niemand von dem Zwecke dieser nächtlichen Fuhre Etwas erfahren hatte. Selbst seiner Frau hatte er es verschwiegen und dem Knechte es erst unterwegs gesagt, wohin er fahren solle.

Dennoch blieb es nicht verschwiegen, denn als sie jetzt das Dorf erreichten und grad am Gasthofe vorüber wollten, bekam der Silberbauer einen neuen Fieberanfall. Der Umstand, daß er mit Gewalt verhindert wurde, seine Glieder zu bewegen, vergrößerte die Wuth, welche sich seiner bemächtigte. Er schrie überlaut, so daß es durch das ganze Dorf zu hören war:

»Wo bin ich? Warum hat man mich anbunden? Was will man von mir? Denkt man etwan, daß ich ein Dieb oder ein Mördern bin? Hält man mich für denen Silberbauern? Das kann ich nicht dulden. Ich bin ein ganz Anderer. Ich bin ein Baronen und werd meine Leuten zusammenrufen. Hilfe, Hilfe, Hilfe!«

Diesen Ruf wiederholte er so oft und stieß ihn in so durchdringendem Tone aus, daß sofort alle Gäste aus dem Gasthofe gestürzt kamen und den Wagen umringten. Nun war es nicht mehr zu verschweigen. Es erhob sich ein allgemeines Halloh, so daß auch noch andere Leute herbei kamen und den Wagen bis zum Silbergute begleiteten. Diese Begleitung wuchs von Schritt zu Schritt immer mehr an.

»Sie bringen den Silberbauern. Dera Herr Lehrern hat ihn fangen draußen im Wald!« ging es von Mund zu Mund, von Haus zu Haus.


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Und in anerkennender Weise wurden Bemerkungen laut wie:

»Ja, dera Herr Lehrern, das ist halt Einer, ein gar Feiner! Er hats dem Silberbauern gleich in der ersten Stund an den Kopf sagt, daß der sich vor ihm in Acht zu nehmen hat! So Einen haben wir hier gar noch nicht habt. Der weiß halt, was er will, und wer ihm zuwider thut, der kanns nicht lange treiben.«

Das größte Aufsehen erregte die Ankunft des Bauers natürlich bei seinem Gesinde. Die Leute sprachen kein Wort. Sie flüsterten nur leise mit einander und warfen scheue, ehrfurchtsvolle Blicke auf den Lehrer, der das aber gar nicht zu bemerken schien. Der Kranke wurde nach derselben Stube gebracht, in welcher er vorher gelegen hatte. Dann schickte man auf Anordnung des Lehrers sofort nach der Mühle zum Medicinalrathe. Auch der stellvertretende Ortsvorsteher wurde geholt, um Veranstaltung zu treffen, daß bis auf Weiteres ein Wachtdienst angeordnet werde. Man durfte den Gefangenen nicht abermals entwischen lassen.

Er hatte sich ohne Widerstreben entkleiden lassen und lag ganz ruhig in seinem Bette, die Augen starr nach der Decke gerichtet. Nur wenn ihn der Schüttelfrost überfiel, jammerte er kläglich.

Da kam der Balzerbauer herein, welcher, wie bereits erwähnt, seine Wohnung im Silberhofe aufgeschlagen hatte. Er wollte sich den Gefangenen auch einmal ansehen. Als er sich über das Gesicht desselben beugte, fiel der Blick des Silberbauers auf ihn. Sofort nahmen die Züge desselben den Ausdruck der grimmigsten Wuth an.

»Wer bist? Was willst hier bei mir?« schrie er auf. »Pack Dich von hinnen! Meinst etwan, ich hab Dich derschlagen?«

»Ja, Du warst es!« antwortete Balzer, welcher sich im Besitze seiner Verstandeskräfte befand.

»Ich? Das ist nicht wahr!«

»Ja, mit dem Hammern!«

»Nein. Ich hab niemals einen Hammern habt.«

»Aberst sie haben ihn bei Dir funden und auch den Fünfhundertthalerschein, dent von damals noch aufhoben hast.«

»Das ist abermals eine Lügen, eine ganz niederträchtige Lügen! Geh fort, sonst thu ich, was mir damals nicht gelungen ist: Ich schlag Dich todt. Fort, fort!«

Er bäumte sich im Bette auf und holte mit der geballten Faust zum Schlage aus. Balzer mußte sich sogleich entfernen, damit die Aufregung den Zustand des Kranken nicht verschlimmere.

Als der Medicinalrath kam, lag der Letztere wieder im Fieberfroste. Der Arzt untersuchte ihn sorgfältig, schüttelte den Kopf und sagte leise zu Walther:

»Wenn er das übersteht, so habe ich einen solchen Fall noch gar nicht erlebt. Ich werde ein fieberstillendes Mittel verschreiben. Das ist zunächst Alles, was ich thun kann. Dringend muß ich aber anordnen, daß der Patient keinen Augenblick allein gelassen werde. Es müssen stets einige starke Männer


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anwesend sein, die ihn bei einem Anfalle von Fieberwuth bezwingen können. Auch muß Alles entfernt werden, womit er dann sich oder Andern gefährlich werden könnte. Hoffentlich kehrt der Herr Assessor noch heut aus Scheibenbad zurück. Ich halte es für das Gerathenste, den Silberbauer in die Gefangenenabtheilung eines Krankenhauses unterzubringen.«

Der von ihm erwähnte Assessor war, wie bereits erwähnt, heut nach Scheibenbad zu dem Thalmüller. Der Wurzelsepp hatte ihn begleiten dürfen. Der Weg war natürlich per Wagen zurückgelegt worden.

Sie waren natürlich nicht bei der Mühle vorgefahren, sondern in einem Gasthofe der Stadt abgestiegen.

»Ich möchte,« sagte der Assessor, »dem Müller nicht sofort merken zu lassen, daß ich ein Gerichtsbeamter bin. Ich kehre zunächst als Gast bei ihm ein und werde es auf irgend eine Weise einzurichten suchen, daß ich mit ihm zufälliger Weise zu sprechen komme. Wo aber werden wir den Fex treffen?«

»Auf dem Bahnhofe, wann sein Zug kommt.«

Der Assessor nahm den Fahrplan herbei, warf einen prüfenden Blick auf denselben und sagte:

»Wenn er den nach Empfang der Depesche zunächst abgehenden Zug benutzt hat, kann er bereits hier sein, denn derselbe ist vor drei Viertelstunden angekommen.«

»So weiß ich, wo er zu finden ist.«

»Wo?«

»Am Zigeunergrab.«

»Was ist das?«

»Ein Heidengrab in der Nähe der Thalmühlen. Was es mit demselbigen für eine Bewandtnissen hat, wird er Ihnen wohl selbst derzählen. Er weiß das viel bessern als ich. Soll ich hingehen und ihn aufsuchen?«

»Ja. Unterdessen kann ich meine Collegen hier unterrichten. Ohne vorherige Meldung habe ich hier in diesem Bezirke natürlich keine amtliche Gewalt.«

Der Sepp hatte Recht gehabt. Der Fex hatte sich, als er die Depesche gelesen hatte, sofort nach dem Bahnhofe begeben. Er konnte zwar nicht begreifen, was sein alter Freund von ihm wollte, sagte sich aber, daß die Veranlassung zu dem Telegramme jedenfalls eine genug wichtige sein werde.

Er saß zunächst allein in seinem Coupée. Wer ihn früher gesehen hatte, hätte jetzt in ihm wohl kaum den einstigen, mit wahren Lumpen bekleideten Fährmann wieder erkannt. Er trug einen sehr eleganten Anzug. Der eigenartige Chic, welcher ihm angeboren war, hatte während seines Aufenthaltes in der Residenz eine schnelle Ausbildung erhalten. Das lang gelockte, blonde Haar, welches er auch jetzt noch trug, stand gar gut zu dem schön geschnittenen, noch immer von der Sonne gebräunten Gesichte. Das Ebenmaß seiner Glieder wurde durch den modernen Anzug ganz besonders hervorgehoben und wurde in seiner Wirkung vergrößert durch die Gewandtheit und Sicherheit seiner Bewegungen, welche keineswegs verrathen ließen, daß er seine bisherige Lebenszeit in einer Art von Sclaverei zugebracht habe.


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Nachdem einige Stationen zurückgelegt worden waren, öffnete der Schaffner das Coupée und fragte, ob es vielleicht unangenehm sei, wenn eine Dame mit Platz nehme.

»Ich kann es nicht verwehren,« antwortete der Fex in der halb vornehmen, halb leichten Art und Weise, welche er sich in letzter Zeit angeeignet hatte.

Ein kleiner Handkoffer wurde hereingethan, und sodann stieg die betreffende Dame ein. Der Fex erkannte sie sofort, da sie mit ihrem Vater und ihrer Schwester in der dem Thalmüller gehörigen Villa gewohnt hatte und vielleicht auch jetzt noch wohnte.

Sie grüßte höflich, machte es sich bequem und erklärte, nachdem der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt hatte:

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie meine Bitte nicht abschläglich beschieden haben. Ich komme aus München und will nach Scheibenbad.«

»Ich ebenso,« antwortete er, indem er sich leicht verneigte und dabei ein leises Lächeln nicht verbergen konnte.

Seine Reisegefährtin war nämlich Franza von Stauffen, die dicke Dichterin, welche damals dem Krikelanton behilflich gewesen war, seinen Verfolgern zu entkommen. Sie trug ein weitpauschiges, grasgrünes Kleid, einen grellrothen Ueberwurf und einen hellblauen Amazonenhut mit schwefelgelber Feder. In ihrer Hand ruhte der bekannte, mit einem Knauftintenfasse versehene Schirm, und an einem rosafarbenen Riemen hing die theure Mappe an ihrer linken Seite. Es war ihr auf die weiteste Entfernung anzusehen, daß sie irgend eine Art von Bekanntschaft mit der edlen Dichtkunst geschlossen habe.

»Leider verlangte ich ein Damencoupée,« fuhr sie fort.

»Leider?« fiel er in befremdetem Tone ein.

»Ja, leider. Eine gebildete Dame sollte sich nie in ein Frauencoupée setzen. Entweder hocken die Insassinnen stolz und wortlos in ihren Ecken, gönnen einander kein freundliches Wort und mustern einander mit verstohlen sein sollenden und dennoch sehr gut an den Mann gebrachten verächtlichen Blicken, oder sie geben sich im graden Gegentheile einer überlebhaften Unterhaltung hin, welche eigentlich nur den Namen Schnatterei verdient und den einzigen Zweck verfolgt, dem lieben Nächsten das letzte Zipfelchen seiner Ehre vollends abzuzwicken. Geben Sie das zu?«

»Ich kann es wenigstens nicht bestreiten, da ich noch niemals das Vergnügen gehabt habe, in einem Damencoupée zu reisen.«

»Ach so! Ich vergaß. Das ist Ihnen doch verboten, da Sie ein Herr sind. Ich fahre in Folge dessen viel lieber mit Herren. Man unterhält sich da viel besser. Es ist da Alles solider und kräftiger. Es geht ein feiner Cigarettenduft durch das Coupée, und wenn dann gar einer der Herren einen leichten Pferdegeruch an sich hat, so ist das der sicherste Beweis, daß er ein Kavalier ist. Diese Herren sind in Allem bewandert und erfahren, in jeder Kunst und Wissenschaft au fait, und darum fühlt man sich bei ihnen tausendmal wohler als im Damencoupée. Leider ging ich heut einmal von meiner Gewohnheit ab, was ich aber sofort zu bereuen hatte.«


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»Sie fuhren also nicht angenehm?«

»Ganz und gar nicht. In der einen Ecke saß eine dicke Dame mit einem Mopse, welcher fast noch dicker war als sie. Sie hatte das liebe Vieh mit Eau de Cologne eingeschmiert, und zwar in einer Weise, daß das Fell naß glänzte und das ganze Coupée darnach stank. Ich kann nämlich diese Parfüms nicht leiden. Nur wer einen schlecht riechenden Schweiß hat, hat Veranlassung sich zu parfümiren. Treffe ich also eine Dame, welche sich irgend eines Wohlgeruches bedient, so bin ich stets gleich überzeugt, daß sie eigentlich eine übelduftende Persönlichkeit ist. Meinen Sie nicht auch?«

»Ich gestehe aufrichtig, daß ich es leider bisher unterlassen habe, eine Dame genau anzuriechen.«

»Das müssen Sie in Zukunft immer thun. Sie werden dann einsehen, daß ich Recht habe. Also weiter! In der andern Ecke saß eine lange, hagere Vogelscheuche. Sie hatte eine so lange Nase, daß man an der Spitze derselben leicht eine electrische Beleuchtung hätte anbringen können. Sie schlief und schnarchte laut dazu.«

»O weh!«

»Ah, Sie können das Schnarchen auch nicht leiden?«

»Nein.«

»Ganz mein Fall. Ich erkenne überhaupt, daß wir im höchsten Grade mit einander harmoniren. Doch wissen Sie, ein richtiges Schnarchen, welches ungefähr so klingt wie ein Strumpfwirkerstuhl, das ist noch zu ertragen, denn da liegt Kraft und Energie darin, also etwas sehr lobenswerthes. Diese Dame aber schnarchte ganz anders. Sie öffnete den Mund so weit, daß ihr das falsche Gebiß herausfallen wollte, zog die Luft mit einem entsetzlichen >Chchchchchchchchchch< ein, blieb dann plötzlich stecken, schnappte nach Athem, klappte den Mund erschrocken zu und stieß die Luft mit einem brausenden >Pwww< wieder von sich. Das machte mich ungeheuer nervös. Erst dachte man, sie werde ersticken, und dann glaubte man, sie müsse zerplatzen, und das wiederholte sich mit jedem Athemzuge.«

»Sehr fatal!«

»Nicht wahr? Ja, Sie und ich, wir Beide sind einander höchst sympathisch.«

»Wenigstens schnarche ich nicht.«

»Und ich dufte nicht.«

»Gab es nicht noch eine dritte interessante Ecke in diesem unglückseligen Coupée?«

»Leider ja. Darin saß ein Backfischchen. Das liebe Seelchen mochte in ihrem Leben die Mama zum ersten Male verlassen haben. Sie weinte ohne Unterlaß. Ihre Ecke schien der Entspringungsort des Rheines oder der Donau zu sein. Und das Weinen kann ich nicht vertragen. Es wird mir da so weich im Magen, als ob ich an seiner Stelle zehn Tafeln Watte im Leibe hätte. Und Sie geben wohl zu, daß dies kein sehr angenehmes Gefühl sein kann?«


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»Ganz gern. Und in der vierten Ecke saßen wohl Sie selbst?«

»Ja. Weitere Passagiere gab es nicht.«

»Ich bedaure Sie!«

»Ja, Sie besitzen ein ausgezeichnet gutes Herz. Das sieht man Ihnen sofort an. Ich fühlte mich in dieser Gesellschaft ganz unheimlich und sann natürlich auf Abhilfe. Ich wendete mich zunächst an den Backfisch, indem ich eine theilnehmende Frage aussprach. Aber meiner Absicht grad entgegengesetzt, heulte die Kleine nun noch mehr. Erst waren die Thränen erbsengroß gewesen, jetzt nahmen sie sofort die Größe einer Haselnuß an. Ich bat sie nun, sich zu beruhigen und ja nicht so fortzuweinen; da wurden die Tropfen wallnußdick. Hätte ich noch ein einziges Wörtchen gesagt, so hätte sie Kegelkugeln geweint und wäre in zwei Minuten ganz in Wasser zerflossen gewesen. Ich wendete mich also von ihr ab und an die Dame mit dem Mopse. Kaum aber hatte ich den Mund geöffnet, so bellte mich das Vieh wüthend an und zeterte in allen möglichen Sprachen und Mundarten des Thierreiches.«

»O weh!«

»Und wissen Sie, wie die Dicke ihren Mops vertheidigte oder vielmehr entschuldigte?«

»Nun?«

»Sie sagte zu mir: Lassen Sie ihn! Er thut Ihnen nichts. Er kennt Sie nicht, denn Sie sind ihm noch nicht vorgestellt worden. Ist das nicht impertinent?«

»Mehr als das!« lachte der Fex.

»Nach diesem Mißerfolge wendete ich mich an die Schnarcherin. Ich richtete eine höfliche Frage an sie. Sie starrte mich erstaunt an und sagte mir frank und frei in das Gesicht, daß ich sie in Ruhe lassen solle.«

»Das war ja gradezu grob!«

»Natürlich! Aber es gab mir die Veranlassung, meinerseits auch grob mit ihr zu sein. Ich sagte ihr also, daß sie nicht so gewaltig schnarchen solle. Da wurde sie freilich gesprächig, und wie! Sie behauptete, ich hätte das Rollen des Zuges, das Pfeifen und Stöhnen der Maschine mit ihren leisen Athemzügen verwechselt, und gab mir den guten Rath, meine Ohren besser in Ordnung zu halten. Im nächsten Augenblicke schnarchte sie weiter, entsetzlicher noch als vorher. So hatte ich vor mir ein duftendes, ein schnarchendes und ein in Schmerzen zerfließendes Wesen. Das war nicht auszuhalten, und ich bat den Schaffner um ein anderes Coupée. Ich bin herzlich froh, daß er mich zu Ihnen plazirt hat, und hoffe, daß wir uns vertragen werden.«

»Ich werde mich bemühen, artig zu sein, mein Fräulein.«

»Ah, Sie wissen, daß ich unverheirathet bin?«

»Man sieht es Ihnen an. Sie haben das Duftige einer Blüthe, die noch nie berührt wurde.«

Sie merkte nicht die kleine Ironie, welche er um seine Lippen spielen ließ.

»Ah! Sie sind poetisch? Eine Blüthe, welche noch nie berührt, noch


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von keinem Wurm verzehrt wurde! Bitte, beschäftigen Sie sich mit Literatur, mein Herr?«

»Sehr gern.«

»Ich ebenso. Ja, ich kann sogar sagen, daß die Literatur eigentlich mein Fach ist. Ich bin nämlich Dichterin.«

Sie verbeugte sich gegen ihn, und darum antwortete er unter einer eben solchen Verbeugung:

»Und ich Musiker.«

»Ah! Also Künstler! Das ist ja recht schön! Nun interessire ich mich noch einmal so stark für Sie, denn ich finde in Ihnen vielleicht ein Wesen, welches ich seit einiger Zeit vergeblich gesucht habe.«

»Darf ich fragen, welch ein Wesen Sie meinen?«

»Ja, ein Modell.«

»Ah, ein Modell! Höchst interessant!«

Er sagte das sehr ernsthaft, mußte sich aber alle Mühe geben, das Lachen zu verbeißen.

»Ja, und ich muß Ihnen die Sache erklären. Ich will nämlich eine Künstlernovelle schreiben.«

»Das ist reizend. Hoffentlich wird man sie recht bald lesen können?«

»Wenn ich erst meine Modells beisammen habe, werde ich das Manuscript beginnen. Ich brauche dazu natürlich alle Arten von Künstler, Dichter, Musici, Bildhauer, Sänger, Schauspieler, Kunstreiter, Seiltänzer, Akrobaten und Andere. Sie sind das gradezu wunderbare Modell eines Musikkünstlers. Erlauben Sie mir, Ihre Gestalt mit in meine Novelle zu verflechten?«

»Ja.«

»Wie liebenswürdig! Zum Küssen!«

»Natürlich mache ich die Bedingung, daß meine Gestalt dabei keinen Schaden erleidet.«

»O nein. Ich meine natürlich nur eine ideelle Gestalt.«

»Gewiß, denn diejenige, in welcher Sie mich hier sehen, würde sich zum >Verflechten< nicht gut eignen.«

»Bitte, welches ist Ihr Instrument?«

»Die Violine.«

»Ah, grad wie beim Fex!«

»Fex? Wer ist das?«

»Das wissen Sie nicht? Es ist doch in allen Musik- und Kunstzeitungen von ihm geschrieben worden.«

Und nun begann sie, von jenem Concerte zu sprechen, in welchem der Fex vor dem König aufgetreten war.

»Haben Sie ihn auch gehört?« fragte er.

»Leider nein. Ich wollte das Concert besuchen, wurde aber daran verhindert. Gesehen aber habe ich ihn einige Male. Er hat mich übergefahren, und ich hatte auch Gelegenheit, ihn als Held Campeador zu bewundern.«


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Sie erzählte, daß sie ihn damals belauscht habe, als er wegen der Paula mit dem Fingerlfranz gekämpft hatte.

»So werde ich mir ihn ansehen.«

»Wann, mein Herr?«

»Jetzt, wenn ich nach Scheibenbad komme.«

»Das ist unmöglich. Sie finden ihn nicht mehr dort. Er ist da, von woher Sie kommen, nämlich in München.«

»So müßte man ihn doch kennen!«

»Er scheint sehr verborgen zu leben. Es hat mir Niemand seine Adresse sagen können, obgleich ich mich bei Vielen erkundigte.«

»Hatten Sie eine bestimmte Veranlassung zu dieser Erkundigung?«

»Ja. Ich wollte ihn besuchen.«

»Ah, wirklich! Auf welche Veranlassung hin?«

»Wegen meiner Künstlernovelle. Grad ihn wollte ich zum Modell haben. Grad ihn wollte ich als Typus eines jungen Violinvirtuosen schildern. Leider aber habe ich ihn nicht finden können.«

»Die Polizei muß seine Adresse doch kennen?«

»Nein, auch nicht. Ich war dort.«

»Hm! Welchen Namen haben Sie denn genannt?«

»Natürlich den Namen Fex.«

»Heißt der junge Mann wirklich so?«

»Ja, das weiß ich auch nicht. Er wurde allgemein nur so genannt.«

»Aber das Wort Fex scheint mir doch wohl eine Art Beiname zu sein.«

»Das wäre freilich möglich. Und in diesem Falle ist es gar nicht zu verwundern, daß ich ihn nicht gefunden habe.«

»Da ich in München wohne, würde es mir vielleicht leichter als Ihnen werden, seine Wohnung zu erfragen. Ich bin dann gern bereit, Sie von derselben zu benachrichtigen.«

»Sehr verbunden, mein Herr! Aber ich weiß wirklich nicht, ob dies nun noch nöthig sein wird. Ich habe ja jetzt ein anderes Modell.«

»Mich!« lächelte er.

 »Ja.«

»Nun, vielleicht wäre die künstlerische Gestalt dieses Fex viel geeigneter für Ihre schönen Zwecke als die meinige. Und Schaden kann es ja keineswegs bringen, wenn Sie seine Adresse erfahren.«

»Gewiß nicht. Sie wollen also wirklich die Güte haben, mich zu benachrichtigen?«

Da hielt der Zug. >Station Scheibenbad!< meldeten die Schaffner.

»Sehr gern, wie ich Ihnen bereits versicherte,« antwortete er ihr. »Bitte, darf ich Ihnen Ihren Koffer hinausreichen?«

Die Thür des Coupées wurde geöffnet. Die Dichterin stieg aus. Er reichte ihr den Koffer nach und folgte dann selbst.

»Wenn Sie mir schreiben wollen, muß ich Sie doch nothwendiger Weise in den Besitz meiner Karte setzen,« sagte sie. »Bitte, hier!«


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Sie zog ein feines Visitenkartentäschchen und gab ihm ein Kärtchen, worauf der Name >Franza von Stauffen, epische Dichterin< zu lesen war. Er zog auch seine Tasche und reichte ihr seine Karte dar.

»Bitte, hier die meinige, gnädiges Fräulein. Ergebensten Dank für die hochinteressante Unterhaltung!«

Er zog den Hut, , grüßte ehrerbietigst und entfernte sich schnell. Sie warf natürlich einen Blick auf seine Karte.

»Der Fex« stand hier in feiner, lateinischer Schrift. Weiter nichts.

»Der Fex!« rief sie aus. »Er war es selbst! Welch ein Abenteuer. Ganz wie gemacht für meine Novelle! Ich muß ihm nach!«

Sie eilte, so schnell es ihre dicke Leibesbeschaffenheit gestattete, über den Perron dahin, nach der Ecke des Stationsgebäudes. Da sah sie ihn noch gehen, dem Städtchen entgegen. Sie war vom Laufen ganz athemlos.

»Fex, Fex!« rief sie.

Er that, als ob er es nicht höre.

»Fex! Herr Fex!« schrie sie nun so laut wie möglich. Jetzt drehte er sich um.

»Halt! Warten Sie, warten Sie!«

Sie wollte weiter, wurde aber am Arme ergriffen. Ein Bahnbeamter war ihr nachgeeilt.

»Haben Sie einen Koffer stehen lassen, gnädiges Fräulein?« fragte er.

»Ja, er mag stehen bleiben!« antwortete sie, indem sie forteilen wollte.

»Das geht nicht. Wenn Sie ihn nicht mitnehmen wollen, müssen Sie ihn in Verwahrung geben.«

»Ich habe keine Zeit! Sehen Sie denn nicht, daß er nicht warten kann, daß er die Geduld verliert. Wahrhaftig! Da geht er!«

Der Fex zog den Hut, verbeugte sich von Weitem auf das Höflichste gegen sie und setzte dann seinen Weg fort.

»Da haben Sie es!« rief sie zornig. »Nun ist er fort, dahin, dahin, und wer weiß, wann ich ihn wieder treffe!«

»Das thut mir leid, meine Gnädige! Aber es ist nicht erlaubt, Effecten unbeaufsichtigt auf dem Perron stehen zu lassen. Einerseits stehen sie uns da im Wege, und andererseits können sie sehr leicht gestohlen werden.«

»Was ists da weiter! Sie können mir auch gestohlen werden, Sie selbst mit allen Effecten mitsammt dem ganzen Perron und dem Bahnhofe dazu!«

»Bitte, Fräulein! Ich thue meine Pflicht, und da haben Sie kein Recht zu Unhöflichkeiten!«

»Aber mein Modell läuft davon! Das muß ich mir gefallen lassen! Nicht?«

»Ihr Modell? Sind Sie Schneiderin?«

Sie blickte ihn vor Zorn starr an und rief dann:

»Was sagen Sie? Mein Modell! Ob ich eine Schneiderin sei?«

»Nun ja. Nur als Schneiderin oder Putzmacherin können Sie ein Modell haben.«


// 1126 //

»Etwa als Künstlerin nicht?«

Jetzt war er es, der sie erstaunt forschend anblickte.

»Ah!« sagte er. »Sie sind eine Künstlerin?«

»Sehen Sie mir das nicht an?«

»Hm! Ich gestehe in aller Aufrichtigkeit, daß ich mir eine Künstlerin ganz anders vorgestellt habe.«

»Wissen Sie, daß diese Aufrichtigkeit eine Beleidigung für mich ist?«

»Dann bitte ich um Entschuldigung!«

»Und wie haben Sie sich denn eigentlich eine Künstlerin vorgestellt, wenn ich fragen darf?«

»Nicht - - - gar so dick,« entfuhr es ihm.

»Welch eine Malitiösität! Sie sind ein Ungeheuer! Wissen Sie das?«

»Bis jetzt habe ich das freilich noch nicht gewußt. Aber mag es sein, wie es will. Mögen Sie eine Künstlerin, und mag ich wirklich so ein Ungeheuer sein, Effecten dürfen in keinem Falle hier auf dem Perron stehen bleiben, und ich ersuche Sie allen Ernstes, über Ihren Koffer zu verfügen!«

»Und wenn ich es nun grad nicht thue?«

»So wird er confiscirt, und Sie haben außer dem Aufbewahrungsgelde auch noch Strafe zu bezahlen.«

»Strafe? Das fällt mir nicht ein! Da nehme ich ihn doch lieber weg. Mein Modell ist nun einmal fort, und es ist mir unmöglich, dem Herrn nachzulaufen, um ihn noch einzuholen.«

Sie kehrte zornig zu ihrem Gepäckstücke zurück, um dasselbe einem Kofferträger zu übergeben, der es ihr nach ihrer Wohnung schaffen sollte.

Dem Fex war dieses kleine, possierliche Intermezzo sehr willkommen gewesen; denn ohne dasselbe wäre ihm die Dicke wirklich nachgelaufen und hätte ihn nicht sogleich aus dem Garne gelassen. Nachdem er ihr nochmals von Weitem sein Abschiedscompliment gemacht hatte, war er fortgegangen, nicht durch die Stadt, sondern hinter derselben weg, ganz denselben Weg, auf welchem damals die Leni mit dem Wurzelsepp zusammengetroffen war und dann die bekannte Scene mit dem Fingerlfranz gehabt hatte. Dieser Weg bog dann am Ende der Stadt in den Fahrweg ein, welcher zur Mühle führte.

Aber auch diesen Letzteren vermied der Fex. Er ging vielmehr quer über die Wiesen nach dem Flusse hinüber und verfolgte das Ufer desselben abwärts, um nach der Fähre zu gelangen. Er that das, um von der Mühle aus ja nicht bemerkt zu werden.

Nach einiger Zeit erreichte er den Ort, an welchem er den bedeutendsten Theil seiner Sclavenzeit verlebt hatte. Links vor ihm lag die Höhe mit dem Zigeunergrab, von welchem wohl auch jetzt noch kein Mensch ahnte, daß es leer sei, und rechts war die Fähre an das Ufer gekettet. Kein Mensch befand sich bei derselben.

Beim Anblicke dieser Gegend und der alten Fähre trat die Vergangenheit vor sein geistiges Auge. Er gedachte der leidensvollen Jahre, welche nun glücklicher Weise verschwunden waren, und des lieben, schönen Wesens, durch


// 1127 //

dessen Theilnahme ihm die vergangene Nacht wie durch einen mild strahlenden Stern erleuchtet worden war - an Paula.

Er lehnte sich an einen Baum. Es war derselbe, an welchem damals die Leni lehnte, als er ihr sein Gedicht vorgelesen hatte:

»Als Alle mich vergessen hatten
   In meines Unglücks dunkler Nacht,
Stand ich in meines Königs Schatten,
   Mein König hat an mich gedacht!«

Unwillkürlich griff er in die Tasche, zog sein Portefeuille hervor und nahm einen Brief heraus, der letzte, welchen er erst jüngst von Paula erhalten hatte. Sie war ihrem Versprechen nachgekommen: Sie hatte ihm geantwortet, so oft er einige Zeilen an sie gerichtet hatte.

Er faltete das Blatt auseinander und las die letzten Sätze des Briefes:

»Besser ist es nicht geworden, seit Du fort bist. Der Vater hat zwar durch den neuen Badearzt Hoffnung erhalten, von seiner Lähmung geheilt zu werden, aber das hat in seinem Charakter keine Aenderung hervorgebracht. Er ist zornig auf Dich und mich. Er meint noch immer, daß ich die Frau des Fingerlfranz werden müsse, und läßt mir keine Ruh. Da habe ich in meiner Bedrängniß keinen Menschen, der mir Trost und Muth zuspricht. Du fehlst mir gar sehr, mein lieber Fex. Dennoch bleibe ich stark und widerstehe Allem, obgleich der Franz mich auf Schritt und Tritt verfolgt. Wenn das nicht anders wird, so verlasse ich die Mühle und gehe in die weite Welt. Einen Dienst werde ich wohl finden, und wenn ich da meine Pflichten brav erfülle, so habe ich wenigstens vor Denen Ruhe, gegen die ich mich jetzt nur so schwer vertheidigen kann.«

Er faltete den Brief zusammen und steckte ihn wieder ein.

»Armes Kind!« sagte er. »Das muß freilich anders werden. Vielleicht kennt der Sepp Deine Lage und weiß, wie da zu helfen ist. Vielleicht hat er mir grad deshalb telegraphirt. Wer weiß, was er für Absichten hat. Es ist möglich, daß die Hilfe viel näher ist, als wir denken.«

Er wurde durch nahende Schritte in seinen Gedanken gestört. Er trat hinter dieselben Sträucher, hinter denen er damals mit dem Wurzelsepp gesteckt hatte, um den Fingerlfranz im Fuchseisen zu fangen.

»Wenn man den Teufel an die Wand malt, so kommt er,« sagt ein altes Sprüchwort. Der Nahende war kein Anderer als der soeben Erwähnte, der Fingerlfranz. Er trat, ohne den Fex zu bemerken, an die Fähre, blickte sich um und stieß, als er keinen Fährmann bemerkte, einen scharfen Pfiff aus. Dieser wurde aus einiger Entfernung beantwortet, und bald kam ein zerlumpter Kerl dahergeschlendert, welchen der Fex nicht kannte. Er hatte ihn noch niemals gesehen.

»Wo steckst denn eigentlich!« zürnte Franz. »Wann man Dich braucht, so bist nicht da.«

»Nun, ich bin doch hier!« antwortete der Mann in mürrischer Weise.


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»Nachdem ich Dich erst rufen mußt. Wannst so fortmachst, wirst nimmer lang mehr Fährmann sein!«

»Das ist auch kein Unglück. Was hab ich für ein Geldl für die Ueberfahrt? Zwei Pfennigen zahlt die Personen. Wann es Abend ist, so hab ich zwanzig oder dreißig, wann es hoch kommt, und davon soll ich leben!«

»Ja, bessern ists, Du gehst wiederum betteln durch das Land! Da war dera Fex schon ein anderer Kerlen. Der stand stets auf seinem Posten.«

Der Fährmann, welchen der Müller, wie es leicht zu erkennen war, unter den Bettlern ausgesucht hatte, warf einen höhnischen Blick auf den Franz und antwortete:

»So willst mir wohl ihn als Muster hinstellen?«

»Ja. Kannst Dich nach ihm richten.«

»So warst wohl gar sein guter Freund?«

»Er ist mir stets gehorsam gewest, und wannst so bist wie er, werd ich mit Dir ebenso zufrieden sein, wie ichs mit ihm gewest bin.«

»Schön! So werd ich mich nach ihm richten!«

»Das wird zu Deinem Vortheile sein.«

»Aberst nicht zu dem Deinigen!«

»Warum nicht? Was schaust mich so von dera Seiten an?«

»Wann ich so gegen Dich sein soll wie dera Fexen, so kannst gar viele Prügeln bekommen.«

»Prügeln? Ich?« fragte der Franz, indem er sich höchst erstaunt stellte. »Meinst, daß ich mich von Dir prügeln lasse?«

»Ja, wannst gegen mich so bist wie gegen den Fex. Der hat doch gar wacker mit Dir rauft.«

»Wer sagt das!«

»Alle Leutln wissen es.«

»Nun ja, ich bin mal mit ihm zusammen gerathen, da im Wald, aberst da hat er seine Schläg so wacker erhalten, daß er gleich davon laufen ist.«

»Oder bist Du das nicht gewest, der davon laufen that?«

»Ich? Da kennst mich schlecht! Schau mich doch mal an! Seh ich etwan aus wie Einer, der vor dem Fexen ausreißen thut?«

»Ja, groß und stark schaust aus; das ist schon sehr wahr; aberst mancher Goliathen ist von einem kleinen Daviden besiegt worden. Warum hast denn eigentlich nach mir pfiffen?«

»Weil ich hinüber will.«

»Ach so! Warum?«

Er sprach diese Frage aus, indem er ein sehr pfiffiges Gesicht dazu machte. Der Fingerlfranz schien das übel zu deuten, denn er antwortete:

»Was hast Dich darnach zu erkundigen? Dich gehts doch nichts an, warum ich hinüber will!«

»Meinst? Vielleicht doch!«

»Wieso?«


Ende der siebenundvierzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk