Lieferung 48

Karl May

25. Juni 1887

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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»Weil es Leuteln giebt, denen es gar nicht lieb ist, wannst hinüber kommst.«

»Und wer sind Diejenigen?«

»Wohl die, welche Du suchst.«

»Himmelsakra! Sollst mich wohl gar nicht hinüber lassen?«

»O, das hat man mir zwar nicht verboten, aberst ich soll Dir einen Weg zeigen, auf dem Du nicht dahin kommst, wo sich diejenigen Personen befinden.«

»Das hab ich mir doch gleich denkt. Ich weiß auch schon bereits, went meinst.«

»Das wirst wohl nicht wissen.«

»Ganz gut weiß ich es. Es ist die Paula.«

»Die Paula?« fragte der Fährmann mit gut gespieltem Erstaunen. »Wie kommst grad auf diese zu sprechen?«

»Weil sie es ist, die ich such.«

»Ach so! Aberst ich hab sie nicht meint.«

»Mach keine Lüg, Kerl! Hast sie etwan heut noch gar nicht sehen?«

»Nein.«

»Das ist nicht wahr. Sie ist über das Wassern und da in den Wald hinein.«

»Wer Dir das sagt hat, der hat Dich auch sehr falsch berichtet.«

»Dera Müllern selbst hats mir sagt, und der Knecht hat dabei standen, alst sie hinüberbracht hast. Willsts nun noch leugnen.«

»Nun, wannsts so genau weißt, so will ich es gestehen. Und wannst nicht geizig bist, kannst auch noch was Anderes derfahren.«

»Was?«

»Wo sie ist.«

»Weißt Du das auch?«

»Ja.«

»Nun, was Du weißt, das weiß ich schon auch. Da brauch ich nicht erst in die Taschen zu greifen, um Dir ein Geldl zu zahlen.«

»Da wirst Dich wohl sehr irren. Die Paula hats wußt, daßt nach dera Mühlen kommst, heut grad so wie alle Tagen grad um diese Zeit. Da ist sie fortgangen, wie sie stets fortgeht, wann Du kommst. Nun hat sie sich denkt, daßt ihr nachlaufen wirst. Darum hat sie mir sagt, wohin sie geht, und ich soll Dir, wannst etwan auch fragen thätst, eine ganz andera Richtungen angeben.«

»Himmelsakra! Wirst das thun?«

»Ja freilich!«

»Das will ich mir verbitten!«

»Du kannst Dir gar nix verbitten. Die Paula ist die junge Herrin, der ich zu gehorchen hab.«

»Und ich werd ihr Mann; folglich hast mir noch mehr zu gehorchen.«

»Der bist noch gar nicht, und bevor Du er sein wirst, bin ich längst


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nicht mehr hier. Warum bist so geizig. Wer einen Gefallen erwiesen haben will, der muß den Beutel in dera Hand haben.«

»Du bist ein Lump. Verstehst mich!«

»Es giebt manchen Lump, der kein armer Fährmann ist, sondern ein reicher Kerlen. Also steig ein! Ich werd Dich für die drei Pfennigen hinüberfahren. Dann wirst ja schauen, obst die Paula findest.«

Er schritt näher zum Ufer hin.

»Halt!« sagte der Fingerlfranz. »Wieviel willst haben, wannsts mir sagst?«

»Giebst eine Mark?«

»Nein. Für eine Mark ists mir zu theuer. Ich geb Dir eine halbe.«

»Das ist mir zu billig. Für eine halbe Mark verrath ich meine Herrin nicht.«

»So hast die ganze. Hier! Aberst Du mußts auch genau wissen. Wann ich die Paula nicht find, so schlag ich Dir die Mark vom Fell herunter.«

Der Fährmann steckte das Geld lachend ein und sagte:

»Vielleichten ist mein ganzes Fell nicht eine Mark mehr werth. Weißt, die Paula sagte mir, daß sie nach der Quell gehen will; Dir aberst soll ich sagen, daß sie bei denen Eichkatzerln sei.«

»Gut! So werd ich sie finden. Heut soll sie mit mir Verlobung halten. Fahr mich über!«

Die Beiden stiegen ein und stießen vom Ufer ab. Die Stelle, an welcher Paula bei den Eichhörnchen zu sitzen pflegte, lag oberhalb des Fahrplatzes, während der von dem Fährmanne angegebene Ort unterhalb desselben lag.

Dort gab es ein junges Tannendickicht, unter dessen eng verschlungenen Zweigen ein Wässerchen aus dem Boden drang, um nach kurzem Laufe sich in den Fluß zu ergießen.

Der Fex kannte diese Stelle sehr genau. Er hatte den Quell in Steine gefaßt und daneben eine Rasenbank errichtet. Wie oft hatte er mit der schönen Müllerstochter dort gesessen, um mit ihr von tausend Dingen zu reden, Dingen, welche an und für sich außerordentlich gleichgiltig waren, durch ihren Mund aber und durch den Klang ihrer Stimme für ihn eine außerordentliche Wichtigkeit erhielten.

Dort also befand sich Paula jetzt. Vielleicht hatte sie den einsamen, trauten Ort nur aufgesucht, um an den Jugendgespielen zu denken, welchen sie so fern von sich wähnte. Und nun sollte diese Einsamkeit durch denjenigen Menschen, welcher ihr der allerverhaßteste war, gestört werden!

»Wart, Franz, ich mache Dir einen Strich durch die Rechnung!« lächelte der Fex vor sich hin. »Die Verlobung, welche Du feiern willst, soll nicht zu Stande kommen, ohne daß ich mich dabei als Zeuge einfinde.«

Er konnte von seinem Standorte deutlich bemerken, daß der Franz aus der Fähre sprang und sich dann langsam entfernte. Der Fährmann aber kehrte nach dem diesseitigen Ufer zurück.

Der Fex verließ sein Versteck, ging eine kurze Strecke zurück und that,


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als ob er erst jetzt hier ankomme. Der Fährmann sah ihn langsam herbeischlendern, zog seinen alten Hut, grüßte höflich und fragte:

»Wohin will dera Herr gehen? Vielleicht nach dera Mühlen? Die liegt da drüben.«

Er zeigte mit der Hand nach der Mühle.

»Ueberfahren will ich,« antwortete der Fex.

»Wohin wollens dann? Sie sind doch wohl ein Spaziergängern aus dera Stadt. Ueber dem Wassern drüben aberst habens gar lang zu laufen, bevor Sie an einen Ort kommen.«

»Ich will nur da im Walde spazieren und komme bald zurück. Da fahr ich wieder herüber.«

Er sprang in den Fahrkahn und hielt dem Kerl einen Fünfzigpfenniger hin, bei dessen Anblick der Fährmann ihm schnell nachsprang um zu den Rudern zu greifen.

Drüben angekommen, ging der Fex erst eine kurze Strecke gradaus, um dem Fährmann nicht wissen zu lassen, daß er dem Fingerlfranz folge; dann aber, als er nicht mehr gesehen wurde, lenkte er nach links ein.

Der Boden war sehr moosig und weich, so daß die Schritte keinen Schall verursachten. Dabei spähte der Fex vorsichtig grad aus und nach den beiden Seiten hin, um von dem Franz ja nicht etwa bemerkt zu werden.

Er befand sich jetzt bereits in der Nähe der Quelle. Es waren keine sprechenden Stimmen zu vernehmen. Entweder hatte der Franz die Müllerstochter gar nicht dort gefunden, oder er stand noch versteckt vor ihr, um sie zu beobachten. Das war für den Fex Veranlassung, seine Vorsicht zu verdoppeln. Er ging also ganz leise und nur langsam weiter, und richtig - - da lag der Franz hinter einem dichten Strauche am Boden und blickte zwischen den Zweigen desselben hindurch.

Der Strauch stand zwischen jungen Tannen ganz nahe an der Quelle. Befand sich Paula dort, so konnte der Fingerlfranz sie ganz deutlich sehen, denn die Entfernung zwischen ihm und ihr betrug nicht zehn Schritte.

Dem Fex fiel es gar nicht ein, sich ihm noch weiter zu nähern. Er schlug vielmehr einen kurzen Bogen und versteckte sich so zwischen den Bäumen, daß er ihn und auch die Quelle im Auge hatte.

Ja, dort auf der Bank saß Paula. Sie hatte ein beschriebenes Papier in der Hand und las. Neben ihr auf der Bank lagen noch mehrere solche Papiere und auch die zu denselben gehörigen Couverte.

»Meine Briefe!« flüsterte der Fex. »Sie liest meine Briefe! Die Gute! Also sie denkt an mich. Wie freut und wie beglückt mich das!«

Da sah er, daß der Franz leise, leise den Busch verließ. Er kroch um denselben herum. Es war ganz klar, was er beabsichtigte: Er wollte sich zu Paula schleichen, um zu sehen, was für Briefe sie so heimlich lese.

»Soll ich das dulden?« fragte sich der Fex.

Eigentlich hätte er es wohl verhüten sollen. Aber er kannte Paula und


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wußte, daß sie starke Nerven besitze, daß sie vor dem plötzlichen Erscheinen des Franz nicht erschrecken werde.

»Und,« sagte sich der Fex, »wenn er erfährt, daß diese Briefe von mir sind, so wird er sich schauderhaft ärgern. Das ist eine größere Strafe für ihn als alles Andere. Ich will ihm also nicht hinderlich sein.«

Er blieb also ruhig an seinem Orte und sah, daß der Franz, als er hinter dem Busche hervor gekrochen war, sich in aufrechte Stellung emporrichtete und leise, leise und sehr langsam sich der Bank von hinten näherte.

Paula war so in ihre Lectüre vertieft, daß ihr das fast unhörbare Geräusch entging, welches die Füße des Schleichers hinter ihr hervorbringen mußten. Jetzt hatte er die Bank erreicht. Er erhob den Arm, ergriff erst den einen und dann auch den andern der neben ihr liegenden Briefe und nahm dieselben an sich. Sodann kehrte er ebenso leise zurück, wie er sich herangeschlichen hatte. Er kauerte sich wieder hinter dem Strauche nieder und begann, die Briefe zu lesen.

Der Fex konnte das Gesicht des Lesenden ganz deutlich sehen. Er bemerkte, wie grimmig sich dasselbe verzog, als die Augen auf die Unterschrift fielen. Es war wirklich eine Qual, die der Franz durchkostete, indem er den warm geschriebenen Zeilen folgte. Aus jedem Worte war ja eine innige Liebe zu erkennen, welche ebenso innige Erhörung gefunden hatte.

Jetzt war er fertig. Er wollte die Briefe zusammenballen, that dies aber nicht, um das dadurch nothwendiger Weise hervorgebrachte Geräusch zu vermeiden, sondern legte sie neben sich hin. Aber er erhob den Arm, ballte die Faust und drohte mit derselben nach Paula hin.

Diese hatte ihren Brief längst zu Ende gelesen. Sie ließ die Hand, in welcher sie denselben hielt, sinken und blickte mit glücklichem Lächeln vor sich hin. Dann wollte sie den Brief neben sich legen, um einen andern zu nehmen. Jetzt bemerkte sie, daß die zwei verschwunden seien.

Sie fuhr von der Bank auf und blickte sich besorgt um. Nur die Couverte waren noch da, die Briefe aber verschwunden. Hatte ein Lufthauch sie von der Bank geweht? Wohl nicht. Hier im Waldesdickicht rührte sich kein Lüftchen, und die Briefe hätten gar nicht weit wegfliegen können. Oder waren sie herab in die Quelle geweht und von dem Wasser mit fortgenommen worden? Schwerlich! Das hätte sie ja sehen müssen, denn sie saß ja so, daß der Quell vor ihren Füßen vorüberfloß.

Dennoch schickte sie sich an, dem Wasser zu folgen, um nach den vermißten Briefen zu suchen. Da trat der Fingerlfranz hinter dem Versteck hervor. Er hatte jetzt die beiden Briefe in seine Tasche verborgen und that, als ob er eben erst herbeikomme. Er machte eine Bewegung des Erstaunens und sagte:

»Alle Teuxel! Wen derblick ich hier! Die Paula! Wer hätt das denken konnt!«

Sie hatte ihm den Rücken zugewendet und drehte sich schnell zu ihm um. Sie war keineswegs erschrocken. Nur die Zeichen eines außerordentlichen Mißmuthes ließen sich in ihrem schönen Angesicht erkennen.


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Sie antwortete kein Wort. Sie wendete sich nach der Bank, nahm die Papiere, welche noch dort lagen, weg und ging weiter, um ihre vorige Absicht, die verlorenen Briefe zu suchen, auszuführen.

»Wo willst hin?« fragte er.

Sie antwortete auch jetzt nicht. Da eilte er mit einigen raschen Schritten herbei und stellte sich vor sie hin, so daß sie nicht weiter konnte.

»Hast mich etwan gar nicht sehen und auch gar nicht hört?« fragte er.

Sie wich vor ihm zurück, verbarg die Papiere in ihre Tasche und antwortete:

»Ich hab Dich gar wohl sehen und auch hört. Weitern kanns nix geben. Geh mir aus dem Weg!«

»Wo willst denn hin?«

»Das brauchst nicht zu wissen!«

»Meinst? Führst ja eine gar sehr strenge Sprachen mit, mir!«

»Lieber wär es mir, wann ich gar nicht mehr mit Dir zu reden braucht!«

»Das sagst doch nur im Scherz! Wirst wohl noch recht lange mit mir sprechen!«

»Das glaub ich nicht!«

»O, ich denk, daßt mit mir reden wirst, so lange wir leben. Mann und Weib müssen doch mit nander sprechen. Oder nicht?«

»Laß diese dummen Reden sein! Meine Meinung kennst genau, und wannst mir dennoch nachlaufst, so hast eben gar keine Ehren im Leib und bist ein Lumpazi vom Kopf herab bis zu denen Füßen herunter.«

Er lachte laut und höhnisch auf.

»Das sagst nur so! Weißt, ein Dirndl muß sich erst ein Wengerl spreitzen und dem Buben zuwider stellen. Das weiß man schon. Und je mehr sie zornig thut, desto liebern hat sie ihn. Weilst nun gegen mich so gar sehr feindselig thust, so ist das ein sicheres Zeichen, daßt mir gut bist. Wannst gescheidt sein willst, so giebst das zu und sagst mir endlich die Wahrheiten!«

Er trat einen Schritt auf sie zu. Sie wich abermals zurück, streckte die Arme abwehrend gegen ihn aus und rief:

»Bleib von mir! Die Wahrheit hab ich Dir schon oft sagt und will sie auch jetzund nochmals sagen: Du bist mir noch viel mehr zuwider als die Sünden. Ich kann Dich nicht leiden; ich kann Dich nicht ausstehn. Wann ich Dich seh, so kommst mir vor wie ein Gestank, der nicht zu ertragen ist! Also mach Dich nur fort von hier! Ich kann Dich nicht gebrauchen!«

»So! Also das soll die Wahrheiten sein? Wann ichs nun nicht glaub?«

»So ists mir auch egal. Die Leutln wissens doch, wie ich mit Dir steh!«

»Egal? O, so gleichgiltig kanns Dir doch nicht sein, denn wann ich es nicht glaub, daß ich Dir so zuwider bin, so muß ich doch denken, daßt mich lieb hast. Und wann ich das denk, so werd ich mich auch darnach verhalten.«

Er überflog ihre jugendlich volle Gestalt mit lüsternen Blicken. Sie bemerkte dies grauend und drohte:


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»Wannst mir etwan zu nahe kommen willst, so kann leicht was geschehen, woran Du gar nimmer dacht hast.«

»So! Was könnt das denn sein?«

»Das wirst sehen! Ich hab Dir verboten, mir nachzulaufen.«

»Bin ich Dir etwan nachlaufen?«

»Ja!«

»Da denkst freilich falsch. Als ich nach dera Fähren kommen bin, hat der Fährmann mir sagt, daßt auch in den Wald gangen bist, zu denen Eichkatzerln, und weil ich Dich nicht stören wollt, so hab ich mich grad nach dera entgegengesetzten Richtung gewendet und bin hierher gangen. Kann ich dafür, daßt nun da bist und nicht dort?«

»Wann das wahr ist, wannst mich wirklich nicht stören willst, so beweis es auch und geh wieder fort!«

»Das werd ich freilich nicht thun. So dumm darfst mich nicht kaufen. Ich hab Dich funden, ganz gegen alles Erwarten. Das ist mir dera Beweis, daß ich Dich finden soll, daß wir zusammengehören.«

»Niemals!«

»Kannst Dich noch so sehr sträuben. Wanns das Schicksal will, so mußt gehorchen. Und wannst einen Andern hättest, es würde doch nix draus. Liegt Dir etwan dera Fex im Sinn?«

»Das geht Dich nix an!«

»Freilich gehts mich nix an! Das denkst halt Du. Ich aberst denk ganz anderst. Was treibst Dich da in dera Einsamkeiten herum und fangst Grillen? Was hast da für Papieren in dera Taschen einisteckt? Zeigs doch mal her!«

»Du bist der Allerletzte, dem ichs zeigen thät!«

»Laß Dich nicht auslachen! Wann ich will, mußts mir doch zeigen. Ich bin stärker als Du.«

»Ich werd mich wehren!«

»Denkst wohl, es geht allemalen so, wie es damals war, als dera Fex dazu kam? Der Kerl ist nicht mehr da! Wer soll Dir helfen?«

»Dera Fährmann. Ich ruf ihn um Hilf herbei.«

»Meinst, daß ers hört?«

»Ja. Er ist nicht weit von hier.«

»Schau, wie klug Du bist! Dera Fährmann wird nicht kommen. Er weiß, daß ich bei Dir bin.«

Sie erschrak und fragte in gedrücktem Tone:

»Er hat Dir doch sagt, daß ich wo anders sei!«

»Nein. Ich hab ihm eine Markl geben, und dafür hat er mir sagt, wot bist. Nun schau, wie Du Dich auf ihn verlassen kannst! Also willst mir die Zetterln zeigen, die sich da in Deiner Taschen befinden?«

»Nein,« antwortete sie in entschiedenem Tone, indem sie die Hand fest auf die Tasche preßte.


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»Nun,« lachte er, »es ist auch gar nicht nöthig, daß ich Dich zwing. Ich weiß doch, daß es Liebesbriefen sind, die dera Fex schrieben hat.«

Sie erglühte am ganzen Gesicht.

»Willsts leugnen?« fragte er.

»Nein. Du bists nicht werth, daß ich Deinetwegen eine Lügen sag. Dera Fex hat mir die Briefen schrieben; aberst lesen wirst sie nicht.«

»Ich werd sie lesen und Dein Vatern auch.«

»Keiner von Euch Beiden!«

»Oho! Ich zeig sie ihm!«

»Wie willst sie bekommen?«

»Ich hab sie ja schon!«

»Lügner!«

»Da! Hier sind sie!«

Er hielt die Briefe triumphirend empor.

Er zog die beiden Briefe aus der Tasche und hob die Hand mit ihnen empor. Paula schrie erschrocken auf. Wie war er zu den Briefen gekommen? Sie konnte es nicht begreifen. Vielleicht waren sie es gar nicht. Vielleicht wollte er sie täuschen. Er hatte zufälliger Weise Papiere in der Tasche gehabt.

»Meinst, daß ich mich von Dir betrügen lasse?« sagte sie in kaltem Tone. »Wer weiß, was für Briefen Du da in dera Hand hältst.«

»Die vom Fexen.«

»Das ist nicht wahr.«

»Nicht? So laß mal sehen, was darübersteht!«

Er las die Ueber- und dann auch die Unterschriften der beiden Briefe, nachher sogar noch einige Zeilen des Inhaltes.

»Nun, glaubsts jetzunder endlich?« lachte er.

»Sie sinds; sie sinds! Wo hast sie her?«

»Das weißt nicht; das ist ein Geheimnissen. Aberst ich will es Dir derklären. Alst so still da auf dera Bank saßest und in den Brief schautest, bin ich herbeischlichen und hab diese beiden wegnommen.«

»Ach, so ists gewest! Gestohlen hast sie mir! Jetzt wirst sie mir wiedergeben!«

»Das fallt mir nicht ein! Deinem Vatern werd ich sie geben, aberst nicht Dir.«

»Sie gehören mir!«

»Nein. Der Vatern ist dera Vormunden. Der muß sie lesen!«

»Er soll sie doch nicht haben!«

Sie trat blitzschnell auf ihn zu und griff nach den Briefen; aber er war ebenso schnell wie sie. Er hob die Hand, in welcher er die Briefe hielt, noch höher empor und sagte:

»Nimm sie doch; nimm sie doch!«

»Her damit, Spitzbub!«

Sie hing sich mit ihrem ganzen Gewicht an seinen Arm, um denselben herabzuziehen; es gelang ihr nicht, denn der Fingerlfranz war stark genug, diese Last zu tragen.


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»Machst Dir eine vergebliche Mühen,« sagte er. »Ich kann mirs denken, wie gern Du diese Briefen wiedern haben möchtest. So, auf diese Art und Weisen bekommst sie aberst nicht. Damit Du siehst, daß ich nicht Dein Feind bin, will ichs Dir sagen, daß ich bereit bin, sie Dir zurückzugeben - - -«

»So bitte, gieb sie her!« bat sie schnell.

»Nein, so nicht, so nicht!« lachte er. »Solche Sachen giebt man nicht umsonsten aus dera Hand. Güte gegen Güte und Liebe gegen Liebe. Wann ich freundlich bin und Dir die Briefen wieder zurückgeb, so kannst auch mir dafür eine Lieb derweisen.«

»Welche?«

»Du giebst mir für einen jeden der beiden Briefe zehn Busserln.«

»Nein, nie!« schrie sie auf, schnell wieder von ihm zurückweichend.

»Besinn Dich vorerst, ehe Du antwortest! Ich will diese zwanzig Busserln auch nicht sogleich haben, sondern hübsch fein einzeln, einen nach dem andern. Wir sitzen hier mit nander auf dera Banken und nehmen nander beim Kopf. Da giebst mir die Küssen, und damit Du siehst, daß ich ein guter Kerlen bin und nix behalten will, die Briefen nicht und auch sogar die Busserln nicht, so geh ich Dir alle zwanzig wiedern zuruck. Machst mit?«

»Du bist ein Ungeheuer!«

»Oho! Wannst mir meine Gutheit so vergelten willst, so kann ichs auch anderst machen. Ich kann mir die Busserln nehmen, ohne daß ich Dir die Briefen wiedergeb. Also frag ich Dich jetzund zum letzten Male: Willst gutwillig?«

»Nein. Behalt die Briefen, und zeig sie auch dem Vatern; ich hab gar nix dagegen. Aber ehe ich mich von Dir anrühren lasse, so sterb ich lieber!«

»So wollen wir doch gleich mal sehen, obst wirklich sterben wirst.«

Er steckte die Briefe schnell in die Tasche und ergriff Paula, ehe sie es sich versah, bei beiden Armen.

»Laß mich!« schrie sie auf.

»Nein, ich laß Dich nicht! Du bist mein!«

»So spuck ich Dich an!«

»Immer thu es nur! Wirst schon aufhören!«

»Ich beiß und kratz Dich!«

Während sie in ihrer Angst diese Drohungen aussprach, versuchte sie, sich ihm zu entwinden. Es war vergeblich. Er hielt sie fest und zog sie mit Gewalt an sich.

»Hilfe, Hilfe!« rief sie aus. »O Fex, wärst doch Du wieder da!«

»Der?« lachte der Franz. »Dem fallts nicht ein, jetzt herbei zu kommen. Jetzunder wirst meine Braut sein, und wannst ihm einen Brief schickst, so kannsts ihm mit schreiben.«

»Das ist nicht nöthig,« erklang es da neben ihm. »Mit dem Briefe wäre es zu umständlich. Ich komme lieber gleich selber dann, wann ich gebraucht werde.«


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Der Fex war herbeigesprungen. Der Fingerlfranz ließ vor Ueberraschung seine Hände von dem Mädchen und starrte den jungen Mann mit ungläubigen Augen an.

»Dera Fex! Donnerwettern, wirklich ists dera Fex!« stieß er hervor.

»Fex, mein Fex, mein lieber, lieber Fex!« rief Paula jubelnd und warf sich an seine Brust.

»Ja, ich bin es, Paula,« antwortete er in beruhigendem Tone. »Wenn die Noth am größten, ist die Hilf am nächsten. Jetzt brauchst keine Angst mehr zu haben.«

Er drückte sie innig an sein Herz.

»Alle tausend Teufeln!« fluchte der Franz. »Wie kommst daher, verdammter Kerl!«

Da schob der Fex das Mädchen lind von sich ab und wendete sich an den Burschen:

»Bitte, bedienen Sie sich anderer Ausdrücke, sonst nehme ich Sie in einen Sprachunterricht, welcher sehr guten Erfolg haben soll, obgleich er außerordentlich kurz sein wird! Ich bin keineswegs gewöhnt, in solchen Worten mit mir sprechen zu lassen.«

Diese Worte verfehlten ihren Eindruck nicht. Der Franz wußte, daß der Fex sich nicht vor ihm fürchtete. Er hatte zunächst im Augenblicke der Ueberraschung nur dem Gesichte des jungen Musikers Aufmerksamkeit geschenkt; jetzt aber fiel sein Blick auch auf die Gestalt desselben. Der Fex machte in seiner gegenwärtigen Kleidung einen ganz anderen Eindruck als früher. Aus seiner Miene sprach und aus seinen Worten klang eine Sicherheit, welche imponirte.

»Soll ich den Fexen etwan einen gnädigen Herrn nennen?« höhnte der Franz, indem er versuchte, den Eindruck zu verbergen, welchen der Genannte auf ihn machte.

»Das ist nicht nöthig. Sie haben mich ebenso mit Sie anzureden, wie ich das mit Ihnen thue, und sich dabei derjenigen Höflichkeit zu befleißigen, welche ich von Ihnen verlangen kann und auch wirklich allen Ernstes verlange. Ihre Gegenwart ist hier, wie Sie bemerken werden, höchst überflüssig. Ich erwarte bestimmt, daß Sie sich sofort entfernen, verlange aber vorher die beiden Briefe zurück.«

Der Franz hätte sich in Wirklichkeit am Allerliebsten entfernt; aber er schämte sich doch, sich in dieser Weise fortweisen zu lassen. Und was die Briefe betraf, so betrachtete er sie als eine Errungenschaft, welche er auf keinen Fall wieder zurückgeben wollte.

»Briefe?« fragte er. »Was für Briefe sollen das wohl sein?«

»Die, welche Sie hier von der Bank genommen haben.«

»Davon weiß ich nix!«

»Er hat es mir selbst gesagt und gestanden,« erklärte Paula dem Geliebten.

»Das war nur ein Gespaß,« wendete der Franz ein. »Ich wollt sie foppen, und sie hats glaubt.«

»Lügen Sie nicht!« antwortete der Fex. »Ich habe es gesehen, daß


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Sie sich hinter diesem Busche hervor nach der Bank schlichen und die Briefe wegnahmen. Ich verlange sie zurück!«

»So! Also auch sehen hats dera Fex! Nun, so will ichs halt nimmer leugnen; aberst heraus geb ich sie nicht!«

»Und ich verlange sie! Sie haben nicht das mindeste Recht, sich unsere Correspondenz anzueignen.«

»Die Correspondenz! Was dera Fex jetzund für ein vornehmer Herr worden ist! Er schreibt gar keine Briefen, sondern Correspondenzen! Da muß man doch einen gewaltigen Respecten erhalten. Und stohlen soll ich sie haben? Diesen Ausdrucken muß ich mir verbitten. Ich bin auch gewohnt, grad so wie dera Fexen, daß man höflich mit mir redet. Ein Spitzbuben bin ich nicht.«

»Ich weiß keinen andern Namen für einen Menschen, welcher sich das Eigenthum anderer Leute ohne deren Erlaubniß heimlich aneignet. Sie sind ein Dieb!«

»Oho! Lassens das Wort weg, sonst werd ich zeigen, daß ich es nicht dulden kann! Die Paula ist meine Braut; ihr Vatern hat sie mir versprochen. Ich hab ein großes Recht, nachzuschauen, von wem sie etwan solche Liebesbriefen bekommt.«

»Nun wohl,« lachte der Fex. »Ich hab keine Lust und auch keine Zeit, mit Ihnen darüber zu streiten, ob Sie dieses Recht besitzen. Jetzt nun haben Sie nachgeschaut; Sie wissen, von wem die Briefe sind; Sie haben dieselben sogar gelesen, und nun können sie Ihnen ja gar nichts mehr nützen. Sie werden also die Güte haben, sie uns zurückzugeben.«

Er hatte das mit ironischer Höflichkeit gesagt.

»Nein, ich geb sie nicht zurück; ich behalt sie,« erklärte der Franz.

Da leuchtete der Blick des Fex wie ein glühender Funken auf.

»Und ich verlange sie, augenblicklich!« sagte er.

»Hol sie Dir doch, Kerl,« höhnte der Fingerlfranz. »Kannst gleich den Zahlaus erhalten für damals mit!«

»Schön! Her damit!«

Wie es so schnell kam, das konnte Paula gar nicht sagen; es ging so gedankenrasch, daß sie es sich gar nicht zu erklären vermochte; der Fingerlfranz lag am Boden, von einem fürchterlichen Hieb wie ein Klotz niedergestreckt; er bewegte sich zunächst gar nicht, und da war auch schon die Hand des Fex in seiner Tasche und zog die beiden Briefe daraus hervor.

»Hier, Paula, sind sie,« sagte er in so ruhigem Tone, als ob gar nichts geschehen sei. »Stecke sie ein; sie sind Dein Eigenthum.«

Während sie dieselben in ihrer Tasche verbarg, raffte sich der Franz vom Boden auf. Seine Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen; seine Zähne knirschten; er schnappte nach Luft und zitterte am ganzen Körper.

»Hund!« stieß er pfeifend hervor. »Das sollst büßen! Hast mich anfallen, hast mich derschlagen wollen. Nun üb ich Nothwehr und derschlag Dich!«

Er drang auf den Fex ein. Dieser führte einen Gegenhieb, so schnell,


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daß gar nicht zu sehen war, wohin er den Gegner eigentlich traf. Es klang dumpf und hohl, und sodann stürzte der Franz abermals hin wie ein Sack. Seine Augen schlossen sich; keines seiner Glieder bewegte sich, aber seine Brust hob und senkte sich krampfhaft, als ob er am Ersticken sei.

»Um Gotteswillen!« schrie Paula auf. »Er stirbt sogleich!«

»Nein! Dieses Unkraut hat ein zähes Leben. Das ist durch zwei Hiebe nicht todt zu machen,« antwortete der Fex.

»Du siehst es aber ja!«

»Beruhige Dich! Es war ein Boxhieb auf den Magen. Nun schnappt er eine Weile nach Luft. Indessen können wir gehen. Hat er Lust, so mag er dann nachkommen und sich den dritten Hieb holen. Bitte, gieb mir Deine Hand, mein liebes Kind.«

Er ergriff sie bei der Hand und führte sie fort. Sie blickte sich wiederholt und voller Angst um.

»Wenn er uns nachkommt und unerwartet über Dich herfällt!« warnte sie zitternd.

Für sich hatte sie vorhin nicht gezittert; für den Geliebten aber bangte ihr.

»Hab keine Sorge! Der bleibt noch für einige Minuten unfähig zu einem Angriffe auf mich. Ehe er die Fähigkeit dazu erlangt, befinden wir uns in Sicherheit.«

»Ist das wahr?«

»Gewiß. Du kannst es glauben.«

Er sagte das im Tone solcher Ueberzeugung, daß sie die Sorge fallen ließ. Die Gegenwart trat ja in ihre Rechte. Ihren Blick mit inniger und dankbarer Liebe zu seinem Gesicht erhebend, sagte sie:

»Abermals bist mein Retter gewest, lieber Fex! Und das ist fast für eine Unmöglichkeiten anzuschaun. Wer konnt denken, daßt hier bei uns bist. Wann bist kommen?«

»Vorhin mit dem Zuge.«

»Auf Besuch wohl?«

»Ja,« lächelte er.

»Bei wem?«

»Bei Dir natürlich. Oder giebt es hier noch andere Personen, zu denen ich eine Besuchsreise unternehmen könnte?«

»Vielleicht den Musikdirectorn in dera Stadt drinnen.«

»Oh, der ist vor mir sicher! Wollte ich ihn besuchen, so würde ich riskiren, von ihm gar nicht wieder fortgelassen zu werden.«

»Also zu mir hast wollt! Aberst leider mußt mich nur heimlich sehen. In dera Mühlen darfst Dich nicht blicken lassen.«

»So ist Dein Vater noch immer so streng?«

»Noch strenger als vorher.«

»Vielleicht muß ich ihn dennoch besuchen.«

»Nein, das wirst nicht thun. Es kann jetzt ja zu gar nix führen.«

»Freilich. Aber ich muß aufrichtig sein und Dir gestehen, daß ich eigentlich


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nicht aus freiem Antriebe komme. Ich erhielt eine Depesche von dem Wurzelsepp, welcher mich für heut hierher rief.«

»Von dem? Heut? Hierher? Was mag der von Dir wollen?«

»Ich weiß es nicht, werde es aber wohl erfahren.«

»Etwas Nothwendiges muß es sein, sonst hätt er nicht telegraphirt.«

»Das sage ich mir auch. Wo mag er sich jetzt befinden? Ist er vielleicht in den letzten Tagen hier in der Gegend gewesen?«

»Ich hab ihn nicht sehen.«

»So war er auch nicht da, denn Dich hätte er ganz sicher aufgesucht. Da sind wir am Flusse. Wir fahren über.«

»Nur schnell, bevor dera Fingerlfranz kommt!«

Die Beiden winkten, und der Fährmann kam herüber, um sie abzuholen. Er wunderte sich nicht wenig, den ihm unbekannten vornehmen Herrn bei der Müllerstochter zu sehen. Zugleich freute er sich auf die reichliche Bezahlung, welche er jetzt zu erhalten hoffte. Da aber hatte er sich geirrt. Als der Fex drüben ausgestiegen war, wendete er sich mit strenger Miene an ihn:

»Bekommen werden Sie für dieses Mal nichts, Sie sind ein schlechter Mensch. Sie verrathen die Tochter Ihres Herrn für einige Groschen an einen gewaltthätigen und ebenso ehrlosen Kerl wie Sie selbst sind. Schämen Sie sich!«

Er wollte mit Paula weiter gehen, hin nach dem Zigeunergrabe, da hörten sie links vom Wiesenwege her eine Stimme rufen:

»Fex, Fex! Lauf doch nicht davon. Ich weiß sonst nicht, wo ich Dich zu suchen hab!«

Es war der Wurzelsepp. Die Beiden gingen ihm natürlich entgegen.

»So hat meine Depeschen Dich also richtig troffen,« sagte der Alte. »Das ist schön; das ist gut! Nun ist die Sach in Ordnung! Aberst schau, stell Dich doch mal so grad vor mir her!«

Er faßte seinen jungen Freund bei den beiden Armen und gab ihm die beabsichtigte Haltung. Er überflog ihn mit scharfem Blicke vom Kopfe bis zu den Füßen herab, nickte befriedigt vor sich hin, drehte die eine Spitze seines Schnurrbartes und fuhr fort:

»Weißt, das ist fast gar nimmer auszuhalten.«

»Was?«

»Wast für ein hübscher Kerlen bist.«

»Unsinn!« lachte der Fex, indem er sofort eine andere Stellung annahm.

»Nein, das ist kein Unsinn, sondern die reine Wahrheiten! Du bist fast ein so accurater Kerlen, wie ich dazumalen war, als ich in Deinem Alter stand. Mir liefen die Dirndln ebenso gleich nach, grad wie jetzt Dir.«

»Woher weißt Du, daß sie das thun?«

»Meinst, ich hab keine Augen? Da steht ja gleich Eine. Kaum bist hier ankommen und aus dem Coupée stiegen, so hast schon Eine bei Dir. Ja, so ists halt in dera Jugend!«

»Wir trafen uns zufällig.«

»Soll ich das glauben?«


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Er musterte die Beiden mit einem seiner bekannten freundlich pfiffigen Blicke.

»Ja. Ich ging hierher, weil ich überzeugt war, Dich hier zu finden, und hörte von dem Fährmanne, daß Paula im Walde sei. Natürlich suchte ich sie sofort auf.«

»Und das hat er gar recht macht,« fuhr Paula fort. »Wenn er nicht kommen wär, so hätt ich einen schlechten Stand mit denen Fingerlfranzen.«

»Mit dem wiederum? Wie ist das kommen?«

Paula erzählte es ihm und belobte dabei den Geliebten in solcher Weise, daß dieser sehr oft Einspruch erheben mußte, um nicht gar als ein halber Gott beschrieben zu werden. Dabei vermochte sie kaum, ihre bewundernden Blicke von ihm zu wenden. Sie fühlte sich unendlich glücklich, ihn so stattlich, zu seinem großen Vortheile verändert, vor sich zu sehen.

»Nun wird er zum Vatern gehen und ihm Alles berichten,« schloß sie ihre Erzählung.

»Und da hast wohl gar eine große Angst?«

»Eine Angsten grad nicht. Dera Vatern darf mich nicht zwingen, ihn zu heirathen; das weiß ich ja gewiß; aberst ein schlimmes Wesen giebts doch gewiß. Ich bekomm Scheltworte und böse Reden vom Morgen bis zum Abend, sogar wann fremde Leuten dabei zugegen sind.«

»Das könntest doch wohl anderst machen.«

»Wieso?«

»Wannst weggehen wolltst von dera Thalmühlen. Dann wär der ganze Aergern vorüber.«

»Ja, das hab ich auch schon denkt. Ich bin wie ein Garnix daheim. Alles schimpfirt auf mich hinein. Wann das so fortgeht, und ich derfahr einen Ort, wo es einen guten Dienst giebt, den ich derfüllen kann, nachhero bin ich sogleich bereit, die Thalmühlen zu verlassen.«

»Was für ein Dienst soll das aberst sein?«

»Das weiß ich nicht.«

Da bemerkte der Fex:

»Als gewöhnliches Dienstmädchen in eine gewöhnliche Familie einzutreten, davon würde ich Dir auf alle Fälle abrathen.«

»Ja,« lächelte der Sepp, »dera Fex will gar hoch hinaus, mit sich und auch mit seiner Paula!«

»Das bin ich mir schuldig. Ich werde in München nachschauen, ob sich eine passende Stellung finden läßt.«

»Soweit brauchen wir gar nimmer zu gehen. Eine passende Stellung findet sich auch hier in dera Umgegend.«

»Schwerlich!«

»Wirsts wohl besser wissen wollen als dera Wurzelseppen?«

»Nun, weißt Du vielleicht eine?«

»Ja, eine ganz gute.«

»Wo?«


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»Das willst auch schon gleich wissen? Ja, wo irgend was braucht wird, ein Rath oder eine Hilfen, da ist dera Sepp immer Derjenige, welcher bereit ist, beizustehen. Weißt, Fex, ich kenn eine vornehme Dame, die ist noch jung und so gut wie die Liebe selbst; ich weiß zwar nicht, ob sie ein Mädchen braucht, aberst wann ichs ihr sag, so nimmt sie die Paula sogleich zu sich.«

»Wer ist das?«

»Das ist eine Baronessen Milda von Alberg, die vor kurzer Zeit drüben in Steinegg das Schloß kauft hat.«

»Kennst Du sie?«

»Grad so, als ob sie meine Großmuttern wär.«

»Aber wenn Du nicht weißt, ob sie Jemanden braucht, so ist uns nicht geholfen.«

»Ich hab ja sagt, daß sie die Paula zu sich nehmen wird, wann ich mit ihr sprech. In so einem großen Schloß ist gar viel Platz, und da werden Leutln braucht zu jeder Zeit. Und wer weiß, wie bald die Paula Veranlassung hat, fortzugehen! Das kann gar vielleicht schon heut kommen.«

»Wie? Schon heut? Hast Du eine bestimmte Veranlassung, dies anzunehmen?«

»So brauchst nicht gleich zu fragen. Ich hab nur meint, daß der Mensch niemals am Morgen weiß, was am Abend geschehen ist. Und nun sind wir hier am Zigeunergrab. Gehen wir hinaufi? Ich hab mit Dir zu reden.«

»Weshalb mich herbestellt hast?«

»Ja.«

»Darfs die Paula auch hören?«

»Jetzunder noch nicht.«

»Es ist doch nix Schlimmes?« fragte das Mädchen ahnungsvoll.

»Wer wird gleich so denken!« antwortete der Sepp. »Wann Männer über ein Geschäft reden wollen ohne die Frauen, da braucht man doch nicht sofort zu denken, daß ein Unglück dabei ist!«

»Betrifft es meinen Vater?«

»Jetzund soll ich Dir auch schon bereits verrathen, wens betrifft! Ja, das Weibsvolk ist voller Neugierden wie das Meer voller Heringen! Ich will Dir nur sagen, daß es denen Fex betrifft. Bist nun zufrieden, Paula?«

»Ja, wanns etwas Gutes ist.«

»Nun, Du kannst Dirs denken, daß ich dem Fexen lieber ein Gutes bring als ein Böses.«

»So soll ich nach Hause gehen?«

»Ja, geh nach der Mühlen, mein Dirndl. Vielleichten kommen wir bald nach.«

Es lag eine eigenthümliche Rührung in dem Tone des Alten, und sein gutes, treues Auge ruhte mit feuchtem, theilnahmsvollem Blicke auf dem schönen Mädchen. Paula bemerkte dies. Sie ergriff die Hand des Alten und sagte:

»Sepp, Du bringst was Böses für mich!«

»Schweig! Wie kannst so was denken!«


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»Ich hör und seh Dirs an!«

»Ja, Du wirst so eine feine Menschenkennerin sein, die Einem gleich an dera Nasenspitzen anschaut, was man auf dem Herzen hat!«

»Bei Dir braucht man das nicht zu sein. Komm mal her, Sepp. Schau mir mal grad und ehrlich in die Augen!«

Er that, was sie wollte.

»Nun, da blick ich Dir ins Gesicht. Nun sag mir, wast von mir willst.«

»Sag mir jetzt einmal, ohne den Blick von mir zu wenden, die Wahrheit. Bringst wirklich nix Böses für mich?«

Das war dem alten, ehrlichen Manne denn doch zu viel. Eine Lüge sagen und dabei dem Belogenen aufrichtig in das Auge schauen, das vermochte er freilich nicht. Er wurde ganz verlegen. Um diese Verlegenheit zu verbergen, that er, als ob er zornig sei und rief in unwilligem Tone aus:

»Dirndl, laß mich aus! So ein junges Dingerl wie Du braucht nicht in denen Männern ihre Geschäftsgeheimnissen zu schauen.«

»Das will ich auch gar nicht. Ich will nur eine kurze Antwort auf meine Frage. Bitte, bitte, lieber Sepp! Spann mich doch nicht so auf die Folter!«

Sie sah ihn angstvoll flehend an. Der Fex nahm sich ihrer an und bat den Alten:

»Sepp, thu ihrs doch zu Liebe! Es ist viel besser, etwas Unangenehmes genau zu wissen, als daß man es nur ahnt und es sich in Folge dessen viel schrecklicher ausmalt, als es wirklich ist.«

»Ja, da hast freilich Recht, Fex. Und darum will ich also ehrlich sein. Aber wirst auch sehr derschrecken, Paula?«

Sie erbleichte.

»Ists denn gar so schlimm?«

»Nun, gut ists freilich nicht. Wannst mir versprichst, jetzund noch darüber zu schweigen, so will ich Dirs so weit sagen, wie ich darf.«

»Ich schweig. Hier meine Hand!«

»Schweigst gegen Alle? Auch gegen Deinen Vatern?«

»Ja. Ihn betriffts wohl?«

»Ja. Er hat was than, was im Gesetz verboten ist, und das wird heut vielleicht an den Tag kommen.«

Sie legte die kleinen Händchen zusammen. Ihre Augen standen sofort voller Thränen.

»Was ists, was er than hat?«

»Das darf ich noch nicht sagen.«

»Ein Vergehen nur oder ein Verbrechen gar?«

»Es wird leider wohl ein Verbrechen sein.«

»O Herr Gott! Ein Verbrechen! Das hab ich dacht!«

Sie hatte gar nicht beabsichtigt, dieses Geständniß auszusprechen. Nun es aber ihren Lippen entflohen war, konnte sie es nicht wieder zurücknehmen.


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Sie erschrak darüber noch mehr als über das, was sie von dem Sepp erfahren hatte.

»Wie?« fragte dieser erstaunt. »Das hast Du Dir bereits dacht?«

»Ja,« gab sie mit gesunkener Stimme zu.

»Warum?«

»Das weiß ich nicht.«

»Aberst das mußt Du doch wissen.«

»Nein, ich kann es nicht in Worte fassen.«

»Hast Du denn was darüber sehen oder hört oder derfahren?«

»Nein, aberst wann ich den Vatern anschaut hab, so ist mir immer ein Grauen überkommen, so ists mir immer gewest, als ob er was gar Schweres auf dem Herzen hat. Und er thut in Allem so heimlich, und sein ganzes Leben und Wesen ist so, daß man sich vor ihm fürchten muß.«

»Das ist freilich wahr. Ich glaubs Dir gar wohl, daßt kein Vertrauen zu ihm haben kannst.«

Da ergriff sie seine beiden Hände und sagte in flehendem Tone:

»Nun wird er wohl seine Straf erhalten?«

»Wann die Sach genau an den Tag kommt, so kann die Straf nicht abgewendet werden.«

»Und da kommt die Polizeien in das Haus?«

»Freilich wohl.«

Da schlug sie die Hände vor das Gesicht und brach in ein erschütterndes Schluchzen aus.

»Machst Du es nicht schlimmer, als es ist, Sepp?« fragte der Fex, indem er dem Alten einen halb zornigen, halb warnenden Blick zuwarf.

»Ich machs nicht schlimmer. Und bös darfst mir auch nicht sein, Fex. Es ist besser, die Paula weiß es vorher, als daß es ohne Erwarten über sie hereinbricht und sie desto härter trifft.«

»O Fex! Fex!« jammerte sie.

»Fasse Dich, Paula!« bat er. »Ich bin ja bei Dir!«

»Ja, jetzt bist bei mir, aber wie lange!«

»Immer, stets! Auf mich kannst rechnen!«

»Nein. Wir dürfen nix mehr von einander wissen!«

»Wie? Was sagst da?« fragte er betroffen.

»Ich bin die Tochter eines Verbrechers.«

»Aber Du hast doch nix than!«

»Das ändert nix an dera Sachen. Die Sünden der Väter werden straft an denen Kindern bis in das dritte und vierte Glied. Wann ich zehnmal unschuldig bin, so werden doch die Leut mit denen Fingern auf mich zeigen und dabei sagen: Das ist die Tochtern von dem Thalmüllern! Wie kannst da noch was von mir wissen wollen!«

»Du armes, liebes, gutes Mädchen! Wirf doch diese Sorge von Dir! Sie ist ganz nichtig und grundlos. Dein Vater mag sein, wer er will und mag than haben, was es sei, Du bist doch die Paula, meine gute, reine


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Paula! Du bist mein Engel gewest und mein Licht und meine Sonne allezeit, und wast mir gewest bist, das wirst mir sein und bleiben, so lang ich leb auf dera Welt!«

»Hörsts, Paula! Ihm kannsts glauben! Er ist wahr und treu wie Gold!« sagte der Sepp.

Sie schüttelte leise den Kopf, reichte Beiden die Hand und schluchzte:

»Ihr meints jetzund gut mit mir und wollt mich trösten; aberst es wird ganz anderst kommen. Und dann liegt dera Fluch auf mir, den der Vatern auf sich geladen hat. Ich will gehen. Lebt wohl, alle Beid!«

»Nein, so darfst nicht gehen!« bat der Fex. »Schau mich an, Paula! Ich hab Dich lieb, lieber noch als mein Leben und als Alles. Mag geschehen sein und noch geschehen, was da wolle, ich bleib Derjenige, der ich bin. Auf mich kannst Dich verlassen. Ich will lieber auf Alles verzichten und Alles von mir werfen, wenn ich nur Dich glücklich seh. Wirst mir das glauben?«

Sie hob den thränenschweren Blick zu ihm empor.

»Das sagst nur jetzunder, weil Dir sonst Dein gutes Herz wehe thut, wannst mich weinen siehst.«

»Nein, ich sags nicht nur, sondern ich fühl es auch, und was ich heut fühl, das werd ich fühlen immer fort und zu aller Zeit. Willst mir vertrauen?«

»O Gott, wann ich das dürft!«

Es war ein Blick voller Jammer und Herzeleid, den sie auf ihn warf.

»Du darfst! Wozu und für wen wär ich denn da, wenn nicht für Dich. Und wofür hätt der liebe Herrgott uns die Lieb ins Herz geben, wann sie nicht dazu wär, daß sie uns nicht nur in der Freud, sondern auch im Leid vereinigen sollt! Nein, trockne Deine Thränen! Ich weiß, daßt mehr Furcht vor Deinem Vatern hast als Liebe zu ihm. Wann er die Folgen seiner Thaten zu tragen hat, so wirds Dich mit treffen, ins tiefe Herz hinein, weilst doch sein Kind bist, aber zur Verzweiflung kanns Dich nicht treiben. Du hast noch Anderes zu thun, als um einen Vater zu jammern, der Dir niemals ein Vater gewesen ist. Du hast den Fex, der ohne Dich nicht glücklich sein kann, der ohne Dich gar nicht leben möchte. Daran mußt denken, Paula! Für mich mußt Dich erhalten! Und wann heut eine Wolke kommt, aus welcher ein Wetter auf Euer Haus niederfällt, so kann sie doch nicht immer bleiben; sie muß vergehen, und nachher giebts wieder Sonnenschein.«

Da schlang sie die Arme um ihn, legte ihr Köpfchen an seine Schultern und flüsterte:

»O Fex, wie lieb und gut Du zu sprechen vermagst. Das kann ich doch nimmer Alles glauben!«

»Du kannsts und sollsts glauben!«

»Wie glücklich ich war, als ich Dich heut derblickte! Ich hätt mit Keiner tauscht in dera weiten, weiten Welt. Und nun soll Alles, Alles ganz vorüber sein!«

»Wer hat das sagt? Wer kann das auch nur denken? Komm, meine


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Paula! Wein jetzt nimmer! Sei stark und still! Was auch geschehen mag, so bin ich bei Dir!«

»Und auch ich!« sagte der Sepp. »Vielleicht ists gar nicht so schlimm, wie wir meinen. Und wann sie Dir den Vatern nehmen, der es schon längst vergessen hat, so steht hier Einer, der Dich lieb hat, so lange wie er Dich kennt, und der Dir ein guter und treuer Vatern sein will bis an sein selig End, wannsts ihm nur derlauben willst. Also halt den Kopf hoch, Dirndl! Trockne die Thränen, und verlaß Dich auf die beiden Männern, welche jetzunder da bei Dir stehen und es so gut und treu mit Dir meinen. Geh jetzunder heim und was auch kommen mag, Du darfsts glauben, wir werden sorgen, daß es nicht zu Deinem Unglück werden kann. Geh also, geh!«

Seinem Zureden gelang es, sie wenigstens äußerlich zu beruhigen. Es lag eben Etwas in seinem Wesen, dem Niemand zu widerstehen vermochte. Sie gab Beiden die Hände und ging fort, der Mühle entgegen. Die Beiden aber stiegen nach dem Hügel des Zigeunergrabes hinauf.

Oben angekommen, sagte der Fex:

»Sepp, heute bin ich gar nicht mit Dir zufrieden.«

»Warum?«

»Weilst dera Paula einen so großen Schreck bereitet hast.«

»Ich hab Dir meine Entschuldigung bereits sagt. Es war besser, sie vorzubereiten.«

»Nun, Du magst Recht haben, und so will ich Dir nicht zürnen. Aber handelt es sich denn in Wirklichkeit um ein Verbrechen ihres Vaters?«

»Ja. Und das Verbrechen ist viel größer, als ich es ihr hab ahnen lassen.«

»O wehe! Was hat er than?«

»Es bezieht sich auf Dich.«

»Wirklich? Du, Sepp, wann es sich auf mich bezieht und die Paula muß darunter leiden, so wollen wir es lieber sein lassen.«

»Das ist nicht möglich. Er hat auch noch Anderes than.«

»Der Unglückselige!«

»Und er hat einen Mitschuldigen, der bereits von dera Polizei verfolgt wird. Und wann dies auch nicht der Fall wäre, wenn man es rückgängig machen oder gar ganz verschweigen könnte, so dürfte man doch Deinetwegen nicht schweigen, denn es handelt sich um Deine Abstammung.«

»Weißt Du das genau?«

»Ja.«

»Weißt Du, wer meine Eltern sind?«

»Ich glaub, es zu wissen.«

»Leben Sie noch?«

»Nein.«

»So verzicht ich auf Alles, wann nur die Paula nicht betrübt wird.«

»Auch wann Dein Vatern ein reicher und vornehmer Mann gewest ist?«

»Ja.«

»Wohl gar ein Baronen?«


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»Auch dann. Paula's Seelenruhe und ihr Glück ist mir mehr werth als das Bewußtsein, das Kind eines vornehmen Mannes zu sein.«

»Das ist edel aber dumm!«

»Pah! Nenne es, wie Du willst. Ich werde auf alle Fälle meinen Weg machen, und ich will das, was ich einst sein werde, lieber aus eigener Kraft geworden sein, als dadurch, daß ich Diejenige betrübe, welche ich über Alles liebe.«

Der alte Sepp kaute eine ganze Weile an seinem Bart herum. Er war von dem Edelmuthe seines Freundes außerordentlich gerührt, wollte es sich aber nicht merken lassen und führte nun das letzte Argument gegen ihn in den Kampf.

»Weißt noch damals, daßt Dich an dem Thalmüllern rächen wolltest?«

»Das weiß ich wohl.«

»Und nun bist auf einmal bei ganz anderer Gesinnung!«

»Weil ich jetzt erkannt habe, daß die Rache nicht nur den Vater, sondern auch die Tochter und also auch mich treffen würde.«

»Na, Fex, ich will Dir aufrichtig sagen, daß ich Dir nicht Unrecht geben kann; aberst an dera Sach ist nun nix mehr zu ändern. Sie muß ihren Gang gehen.«

»Wirklich?«

»Ja. Da schau mal nach dera Mühlen hin. Wen siehst da sitzen?«

Man konnte, wie bereits früher erwähnt, von hier oben die ganze Mühle überblicken. Der Fex war bis jetzt so mit dem Gegenstande ihres Gespräches beschäftigt gewesen, daß er für Anderes kein Auge gehabt hatte. Auf die an ihn ergangene Aufforderung richtete er den Blick nach der Mühle. Vor derselben, im Vorgärtchen, saßen zwei Männer an einem und demselben Tisch.

»Ists möglich?« sagte der Fex. »Dort sitzt ja gar der Müller im Garten!«

»Ja, auch ich erkenn ihn am Gesicht. Er darf also nun die Stub verlassen.«

»Weil es jetzt Sommer ist. Als ich von hier fortging, war es noch Frühling.«

»Aberst kann er heraus laufen?«

»Nein. Du siehst ja, daß er auf einem Fahrstuhle sitzt. Paula hat mir von einem neuen Badearzt geschrieben, welcher behauptet hat, ihn herstellen zu können.«

»So mag dera Arzt nur rasch machen. Dann kann dera Müllern, wann er kurirt worden ist, seinen ersten Weg gleich ins Zuchthaus thun.«

»Sepp! Sprich nicht so!«

»Es ist aberst so!«

»Ich hoffe doch, daß es sich noch ändern läßt. Was in meiner Macht liegt, dieses Unglück von Paula zu wenden, das soll geschehen.«

»Es kann nix dagegen geschehen, denn dera Herr Assessor ist bereits da.«

»Ein Assessor? Ein Gerichtsbeamter? Wo ist er?«


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»Dera Herr ist es, welcher mit dem Müllern am Tisch sitzt. Er macht den Staatsanwalt.«

»Alle Wetter! Der Staatsanwalt bereits bei ihm! Und Beide an einem Tische!«

»Ja. Diese Herren vom Gericht sind gar kluge Leute. Sie wissens so einzurichten, daß sie das, was sie hören wollen, ganz gut derfahren, ohne daß sie darnach fragen. Schau! Jetzunder kommt die Paula an ihnen vorüber, und ihr Vater ruft sie.«

»Und da unten kommt der Fingerlfranz von dera Fähre. Er läuft wie ein Schnellläufer. Und was für ein Gesicht er macht. Er wird auch nach der Mühle gehen.«

»Natürlich! Nun wird er die Paula bei ihrem Vatern anklagen; aber dera Herr Assessor wird sie in seinen Schutz nehmen.«

»Hat Der bereits von ihr gehört?«

»Von ihr und Dir.«

»Bist nicht klug! Warum hast plaudern müssen!«

»Weil dera Herr Assessorn Alles wissen mußt und nun er es weiß, wird er in dera Sach ganz anders vorgehen, mit weit mehr Schonung als es sonst geschehen wär. Die Sach liegt so, daß dera Müllern eigentlich ganz kurz vom Gensd'arm weggeholt werden müßt. Aberst weil ich ihm Alles derzählt hab, hat er eine Theilnahme empfunden und sich vorgenommen, humaner zu sein, als er es zu sein braucht.«

»Nach Dem, was ich bereits von Dir gehört habe, muß ich natürlich gespannt sein, noch mehr zu erfahren.«

»Sollst es auch derfahren. Dazu bin ich ja da, und deshalb hat Dir der Herr Assessorn telegraphiren lassen.«

»Nicht Du?«

»Nein. Er hat meinen Namen darunter setzt; sonst hab ich mit dera Depeschen nix zu schaffen. Jetzunder aber werd ich Dir Alles berichten.«

Sie setzten sich auf die bereits mehrfach erwähnte Bank, welche neben dem Grabhügel stand, und der alte Sepp erzählte, was in Hohenwald geschehen sei, natürlich nur so weit, als die dortigen Ereignisse die Verhältnisse des Fex näher berührten. Diesen Letztern hörte er aufmerksam zu. Die jugendliche Röthe wich mehr und mehr aus seinem Gesichte, welches letztere je länger desto mehr den Ausdruck der größten Spannung annahm. Als der Alte geendet hatte, sprang der junge Mann von seinem Sitze auf.

»Um Gotteswillen,« sagte er, »das ist freilich ganz anders, als ich es gedacht habe! Ich habe geglaubt, ein von Zigeunern geraubtes Kind zu sein. Ich habe gemeint, daß in diesem Raube das ganze gegen meine Eltern gerichtete Verbrechen bestehe. Und nun erfahre ich, daß noch weit Schrecklicheres geschehen sei!«

»Nicht wahr? Jetzunder magst nun wohl keine Nachsicht mehr üben?«

»Man hat das Schloß angebrannt!«

»Die Beiden, dera Thalmüllern mit dem Silberbauern.«


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»Das Geld geraubt!«

»Es ist dasselbe gewest, welches Du bei dem Müllern im Kasten sehen hast.«

»Und meine Mutter getödtet! O Mutter, Mutter, meine Mutter!«

Er faltete die Hände wie betend in einander und richtete das Auge zum Himmel empor.

»Nun,« fragte der Sepp, »willst denen beiden Mordbrennern das Alles vergeben?«

»Nein, und abermals nein!«

»Dort sitzt Einer von ihnen. Soll der dort in der Sonnen, die ihn so warm bescheint, sitzen bleiben und die Frucht seiner Verbrechen genießen, Fex?«

»Nein. Die Gerechtigkeit mag ihn treffen!«

»So ists recht! Auge um Auge und Zahn um Zahn. So stehts in dera Schrift geschrieben, und das ist dem Herrgott sein Gesetz. Wer da sündigt, den muß die Straf ereilen.«

»Aber Paula, meine arme, arme Paula!«

Er ging auf der kleinen Höhe auf und ab, hin und her. Er war voll heiligen Zornes gegen die beiden Männer, die so schwere Verbrechen gegen ihn begangen hatten, und doch liebte er die Tochter des Einen mit solcher Innigkeit, daß er gern, sehr gern ihrem Vater verziehen hätte, wenn nur die Verbrechen nicht gar so schwere gewesen wären und der andere Verbrecher dann nicht auch straflos hätte ausgehen müssen. Da kam ihm in dieser inneren Bedrängniß ein Gedanke, von welchem, wenn er der richtige war, Rettung zu erwarten war.

»Aber, bin ich denn auch wirklich in jenem Schlosse geboren? Bin ich das Kind, von welchem hier die Rede ist?«

»Wer solls denn sonst sein?«

»Wer sonst? Jeder Andere kann es sein! Von mir ist es ja noch gar nicht mit unumstößlicher Sicherheit erwiesen.«

»Was fangst da an, zu schwatzen!«

»Das ist kein Schwatzen. Selbst meine Papiere beweisen noch nichts.«

»Welche Papiere meinst denn?«

»Die, welche wir dem Müller mit der Photographie aus dem Stuhle genommen haben.«

»Nun, diese Photographieen war doch richtig das Bildniß Deiner Muttern?«

»Ja. Ich erkannte sie sofort.«

»Schau, da müssen doch auch die anderen Papieren Dir gehören!«

»Das steht nicht so fest, wie Du meinst.«

»Ja, wenn wir doch nur Einen funden hätten, der es lesen kann.«

»So lange ich mich auf Dich verließ und gar zu sehr in meine Studien versunken war, fand sich allerdings Niemand; aber als Du fort warst und ich nicht gar so viel mehr zu arbeiten und zu üben brauchte, begann ich, selbst zu suchen.«

»Hast Einen funden?«


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»Ja. Es kam ganz zufälliger Weise ein Rosenölhändler nach München, um sich die dortigen Kunstschätze anzusehen. Mit ihm traf ich zusammen. Er wohnte in Sofia und war in sämmtlichen Sprachen der Türkei und der Donauländer bewandert. Er verstand die Documente zu lesen und hat sie mir übersetzt.«

»Sappermenten! Das ist gut! Nun sag mir aberst auch, was für Papiere es gewest sind!«

»Der Geburtsschein eines walachischen Edelmannes Namens Samo von Gulijan; der Geburtsschein seiner Frau, einer geborenen Etelka von Toregg, und der Geburtsschein ihres Sohnes, welcher Curty, also Curty von Gulijan getauft wurde. Dabei lag auch der Trauschein der beiden Eltern.«

»Himmelsakra! So ist ja Alles gut!«

»Noch nicht.«

»Du bist dera Curty von Gulijan.«

»Beweise es!«

»Du hast ja die Papieren!«

»Ich hab sie dem Müller gestohlen!«

»Auf rechtmäßige Weise!«

»Wie wollte ich das beweisen? Wenn der Müller sich irgend eine Geschichte darüber aussinnt, wie diese Papiere in seine Hände kamen, so haben sie für mich nicht den mindesten Werth.«

»Da sollte doch gleich dera Teuxeln dreinschlagen! Das will ich mir verbitten! Etwas aussinnen darf er sich nicht!«

»Verbiete es ihm. Es wird nichts helfen.«

»Oho!«

»Und mir macht es das Herz leichter. Paula soll meinetwegen nicht unglücklich werden.«

»Ganz richtig! Unglücklich werden soll sie nicht. Aberst Du sollst was werden, nämlich derjenige Curty von Gulijan, von welchem wir sprochen haben. Und ich werd dafür sorgen, daßts auch wirst.«

»Gieb Dir keine Mühe.«

»Papperlapappen! Ich geb mir Mühe! Jetzunder wirst hier sitzen bleiben.«

Der Alte nahm den Sack und den Bergstock auf, welche Beide er auf den Rasen gelegt hatte.

»Wo willst Du hin?«

»Zum Herrn Assessorn. Du aberst bleibst hier sitzen und passest fein aufi, wann ich Dir das Zeichen geh. Nachhero kommst mir nach.«

»Welches Zeichen?«

»Ich schwenk mit dem Hut, aberst so, daß dera Thalmüllern es nicht bemerken kann.«

»Bleib lieber da, und laß den Assessor mit dem Müller thun, was ihm beliebt!«

»Fallt mir nicht eini! Ich hab vor wenigen Tagen aus einem Schul-


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meistern den Sohn eines Barons macht; da werd ich wohl auch aus einem dummen Geigenfexen den Curty von Gulijan machen können. Was dera Sepp will, das thut er, und was er thut, das kann er. Also hier wartest, und gehst nicht fort. Und wann ich mit dem Hut schwenk, so kommst zu uns hin. Kannst ja so thun, als obst ganz zufällig kämst.«

Der Alte war ganz Flamme. Er eilte davon. -

Nachdem der Assessor, wie er zu dem Sepp gesagt hatte, die betreffenden hiesigen amtlichen Personen aufgesucht und sich mit ihnen verständigt hatte, war er nach der Mühle herausspaziert.

Er hatte eigentlich noch keinen festen Plan darüber, wie er sich dem Müller unauffällig nähern wolle. Er vertraute dem Zufalle, und dieser war ihm wirklich günstig. Als er die Mühle erreichte, saß der Müller auf einem Fahrstuhle vor dem erwähnten Tische im kleinen Vorgärtchen. Er hatte, wie gewöhnlich, die Peitsche in der Hand.

Er betrachtete den langsam und mit der unbefangenen Miene eines Spaziergängers herbeitretenden Assessor und erwiederte dessen Gruß in seiner unfreundlichen Weise, die ihm zur zweiten Gewohnheit geworden war.

»Erlauben Sie, bei Ihnen Platz zu nehmen?« fragte der Beamte.

»Dort ist ja auch Platz,« antwortete der Gefragte, indem er nach einem andern Tische deutete.

»Ich ziehe es vor, mich zu unterhalten.«

»Ich nicht.«

»Nun, so können wir ja auch still neben einander sitzen,« lächelte der Assessor.

»Das Stillsein geht noch besser, wann wir an verschiedenen Tischen sitzen.«

Der Beamte ließ sich aber nicht irre machen. Er zog sich einen Stuhl so an den Tisch, daß er dem Müller gegenüber saß, und sagte:

»Hier ist doch wohl eine Restauration?«

»Die ist freilich hier.«

»Was kann man da zu trinken bekommen?«

»Allerlei. Fragens nur die Leut.«

»Wo befinden diese sich?«

»Drinnen in dera Mühlen.«

»Hm! Wollen Sie nicht die Güte haben, irgend Jemand herauszurufen?«

Da schwang der Müller die Peitsche, klatschte einige Male laut mit derselben und antwortete:

»Lassens mich aus, Herr! Ich hab Ihnen schon bereits sagt, daß ich keine Unterhaltungen und Redereien haben will.«

»Nun, Sie sollen Ihren Willen haben. Aber vorher bitte ich, mir gefälligst zu sagen, wer Sie sind.«

»Das geht Sie gar nix an.«

»Vielleicht doch. Ich will mich nämlich bei dem Thalmüller nach Etwas erkundigen.«

»Das könnens schon thun; mich aber lassens halt nun in Ruh!«


// 1152 //

Es war ein eigenartiges Lächeln, welches über die Züge des jungen Beamten glitt. Trotz des Empfanges, welcher ihm geworden war, getraute er sich, recht gut mit diesem Manne fertig zu werden. Natürlich wußte er, wen er vor sich hatte. Der Müller war ihm vom Sepp so genau beschrieben worden, daß ein Irrthum gar nicht möglich war, und zudem war der hier vor ihm sitzende Mann an den Füßen gelähmt, so wie der Thalmüller; er mußte es also sein.

Der Assessor brannte sich eine Cigarre an, die er nun in einer Weise rauchte, als ob seine ganze Aufmerksamkeit auf diese Thätigkeit gerichtet sei.

So verging eine ziemliche Zeit. Da trat eine Magd unter die Thür. Der Assessor winkte ihr, und sie kam näher.

»Haben Sie Bier, mein Fräulein?« fragte er sie in höflichem Tone.

»Ja freilich haben wir eins,« antwortete sie, indem sie versuchte, einen Knix zu machen.

Trotzdem ihr dieses Compliment vollständig mißlang, lachte ihr ganzes Gesicht vor Vergnügen über die Höflichkeit, mit welcher sie angeredet worden war.

»So bitte, bringen Sie mir ein Glas!«

Sie knixte wieder, freilich nur mit dem einen Beine und auf dieser einen Seite, und eilte dann in das Innere der Mühle, um den erhaltenen Befehl zu vollziehen.

»Alberne Drine!« brummte der Müller leise, aber doch so, daß der Assessor es hören mußte.

Der Letztere aber that dennoch so, als ob er die Worte nicht vernommen habe; aber als die Magd ihm dann das Bier brachte, fragte er sie:

»Bitte, mein Fräulein, können Sie mir wohl sagen, ob der Besitzer dieser Mühle jetzt zu sprechen ist?«

"Ist der Müller zu sprechen?"

Sie blickte ganz verwundert erst auf ihn, dann auf seinen Gegenüber und antwortete:

»Meinens etwan den Müllern?«

»Ja.«

»Na, da sitzt er doch!«

Dabei deutete sie auf den Müller und machte ein Gesicht, dem man es sehr deutlich anmerken konnte, daß sie die an sie gerichtete Frage nicht begreifen könne.

»Danke!« sagte der Assessor höflich zu ihr, und als sie sich dann entfernt hatte, wendete er sich lächelnd an seinen Gegenüber. »Sie scheinen sehr gern Versteckens zu spielen, und da auch ich ein großer Freund dieses allerliebsten Spieles bin, so freut es mich außerordentlich, Ihnen zeigen zu können, daß ich in demselben nicht unbewandert bin. Also, machen wir weiter so fort, wie wir begonnen haben! Nur glaube ich nicht, daß Sie es lange mit mir aushalten werden.«

Diese letzteren Worte hatte der Assessor aus psychologischen Gründen gesagt. Der Müller war ihm als ein Hartkopf beschrieben worden, was durch das jetzige Verhalten auch bereits genugsam beschrieben worden war. Der Assessor


Ende der achtundvierzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk