Lieferung 55

Karl May

13. August 1887

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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»So mußt Du doch bemerkt haben, daß Du das Aussehen eines Menschen hast, der die personifizirte Häßlichkeit vorstellen soll.«

Er machte ein Gesicht wie ein Raubthier, welches bereit ist, auf seine Beute loszustürzen. Eine solche Offenheit war ihm noch gar nicht vorgekommen. Er rang förmlich nach Athem und antwortete, vor Aerger stockend:

»Bin - bin - - bin ich denn gar so sehr häßlich?«

»Ja, ungeheuer.«

»Alle Teufel! Schön seh ich freilich nicht; das weiß ich auch; aber daß ich so ein förmliches Scheusal bin, das habe ich nicht gedacht. Ich habe doch keine Verletzung oder so etwas Aehnliches im Gesicht!«

»Das fehlte auch grade noch. Uebrigens kann selbst das schönste Mädchen einen Mann lieb haben, wenn er auch nicht schön ist. Weißt Du, zur wirklichen Häßlichkeit reicht das Gesicht allein nicht aus. Da kommt auch die Seele mit in Betracht. Erst durch eine häßliche Seele wird auch das Gesicht wirklich häßlich.«

»Und meinst Du, daß ich so eine häßliche Seele habe?«

»Ja. Die Narben und Flecke, welche Du nicht im Gesicht hast, die hast Du in der Seele, in Deinem Herzen.«

»Das weißt Du?«

»Alle Leute wissen es. Und wenn es Niemand wüßte, so steht ja Alles auf Deinem Gesicht geschrieben, so deutlich, daß Jedermann es lesen kann.«

»Und was für Flecken sind das, he?«

»Hartherzigkeit, Hinterlist, Heimtücke, Gefühllosigkeit, Rücksichtslosigkeit, Falschheit und vor allen Dingen Feigheit. Derjenige, welcher einem Mädchen nicht sagen kann, daß er sie zur Frau begehrt, sondern hinter ihrem Rücken und ohne ihre Zustimmung sie von ihrem Vater erschachert, der ist eben ganz entsetzlich niederträchtig und feig.«

»So!« zischte er. »Und weißt Du etwa, daß ich das gethan habe?«

»Ja.«

»Woher?«

»Ihr seid doch gekommen, um Dich mit mir zu verloben.«

»Und wenn das wäre?«

»So hattest Du erst mich zu fragen, ob ich Dich will.«

»Unsinn! Ich weiß, daß Du mich nicht magst.«

»So ist es gradezu schurkisch, mich durch den Vater zwingen lassen zu wollen. Ein Menschenkind ist kein Hund, dem man irgend einen Herrn aufzwingen kann.«

»Und das sagst Du mir in all dieser Offenheit und Gemüthlichkeit!«

»Wie Du siehst und hörst!«

»Und mit lächelndem Gesichte!«

»Sehr gern sogar!« lachte sie. »Nun hoffe ich, daß Du meine Meinung kennst und den Gedanken, mich zur Frau zu haben, aufgeben werdest.«

Jetzt trat er um einen Schritt zurück, fixirte ihre schöne Gestalt mit verlangendem Blicke und antwortete in höhnischem Tone:


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»Das wäre ja eine Beleidigung für Dich!«

»Wieso?«

»Wenn ich das thäte, würde ich Dich doch Lügen strafen.«

»Meinst Du wirklich?«

»Ja. Du sagst, ich sei ein schlechter Kerl. Thät ich Dir aber den Willen, so handelte ich als Ehrenmann, und da Du mich nicht für einen hältst, so machte ich Deinen Ausspruch zu schanden. Du sollst aber Recht behalten. Ich habe Dich lieb und will Dir dies dadurch beweisen, daß ich Dir den Willen lasse, mich für einen ehrlosen Menschen zu halten.«

»Das heißt, Du giebst mich nicht auf?«

»Ja.«

»Du wirbst trotzdem um mich?«

»Versteht sich! Ich werde gleich hineingehen zu unsern Vätern und dafür sorgen, daß ich das Jawort erhalte.«

»Das kannst Du erhalten, mich aber nicht.«

»Oho! Es giebt Mittel und Wege, Dich zu zwingen.«

»Und es giebt noch kräftigere Mittel und sicherere Wege, Euch heimzuschicken.«

»Das magst Du denken, weil Du ein dummes, unerfahrenes Ding bist.«

»Selbst wenn man mich zwingen könnte, Deine Frau zu werden, so würdest Du an meiner Seite die Hölle auf Erden haben. Ich würde Dein Teufel sein.«

»O, ich fürchte den Teufel nicht. Du hast zwar gesagt, daß ich feig sei; aber da irrst Du Dich außerordentlich. Ich nehme es mit dem Teufel auf. Das kann ich Dir beweisen. Da Du sagst, daß Du mein Teufel sein willst, so will ich gleich jetzt Dir eine Probe meines Muthes geben. Ich werde den Teufel küssen. Wer das wagt, der ist doch nicht feig. Komm also her!«

Er trat auf sie zu, und sie wich zurück. Aber er war noch schneller als sie und ergriff sie beim Arme.

»Laß mich los, Elender!« gebot sie. »Sonst rufe ich um Hilfe!«

»Hahaha! Der Teufel ruft um Hilfe. Und vor diesem Kerl soll ich mich fürchten! Heut ist die Verlobung, und die können wir sogleich hier feiern.«

Er riß sie an sich. Da erklang es hinter ihm:

»Bei einer Verlobung müssen Zeugen sein, hier ist gleich einer.«

Der freche Patron wendete sich erschrocken um.

»Ludewig!« rief Gisela erfreut.

»Der Ludewig!« wiederholte Osec.

»Wie kommst Du hierher?«

»Durch die Gartenthür grad so wie Ihr. Aber Ihr seid so mit einander beschäftigt, daß Ihr keine Augen für Diejenigen habt, welche sich außer Euch im Garten befinden.«

»Und was willst Du da?«

»Was ich sagte: Zeuge Eurer Verlobung will ich sein.«

»Packe Dich fort! Scheere Dich zum Teufel!«


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»Bei dem bin ich. Hier steht er ja!«

Er deutete bei diesen Worten auf Gisela.

»Auch das hast Du gehört? Kerl, ich glaube, Du hast uns belauscht!«

»Kann ich dafür, daß Ihr so laut redet, daß man ein jedes Wort durch den ganzen Garten vernimmt.«

»Wo hast Du gesteckt?«

»Das brauche ich eigentlich nicht zu sagen, denn Dir bin ich keine Rechenschaft schuldig, aber Gisela soll es wissen, daß ich da hinter dem Busche gestanden habe.«

»Mensch, das hast Du gewagt!«

»Willst etwa Du mir sagen, was ich hier bei uns zu thun und zu lassen habe?«

»Laß das Du! Für Dich bin ich Sie!«

»Mach Dich nicht lächerlich. Du nennst mich auch nicht Sie, und für einen solchen Burschen, wie Du bist, ist es eine große Ehre, von einem braven Kerl Du genannt zu werden.«

»Ah! Wenn ich nur erst Schwiegersohn sein werde, so ist das Erste, was ich thue, daß ich Dich aus dem Hause jage!«

»Unter dieser Voraussetzung bleibe ich ewig hier, denn Du wirst niemals der Schwiegersohn werden.«

»Meinst Du! Noch heut wirst Du fortgejagt.«

»Sollte mir lieb sein, denn da bekomme ich Dich nicht mehr zu sehen. Eine Freude kann man ja an Dir nicht erleben.«

»Merke Dir Alles, was Du gesagt hast. Jetzt aber packst Du Dich fort!«

»Auf Deinen Befehl? Fällt mir nicht ein!«

»Ich gebiete es Dir!«

Er trat drohend auf Ludwig zu.

Er trat drohend auf Ludwig zu. Dieser lachte laut auf.

»Du, nimm Dich in Acht, daß Du nicht umfällst, wenn ich Dich anblase. Ein Dutzend von Deiner Sorte werf ich über den Zaun hinüber. Nicht wahr, Gisela?«

»Ja,« nickte diese lächelnd. »Ich möchte diesen Osec fliegen sehen, wenn er es wagen wollte, Dich anzugreifen. Uebrigens hast Du ganz Recht, daß er Dir gar nichts zu befehlen hat. Er ist fremd hier und wird von uns nur geduldet. Die Herrin bin ich.«

»Ja, und wenn Du mir gebietest, daß ich ihn fortschaffen soll, so wird er schon im nächsten Augenblicke mit Eilzug abdampfen.«

»Nein, laß ihn! Er ists doch nicht werth, daß Du ihn berührst. Du hast ja nicht einmal die zwei Gulden genommen. Das war brav von Dir und hat mich herzlich gefreut, so sehr gefreut, daß ich Dir jetzt dafür ganz extra die Hand reichen muß.«

Sie gab sie ihm und schüttelte die seinige; dann fuhr sie fort:

»Und nun setz Dich her auf die Bank, Ludwig! Oder hast Du keine Zeit?«

»Für Dich immer. Das weißt Du ja.«


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»Ich setze mich zu Dir. Es ist nur für Zwei Platz. Will Herr Osec ja noch dableiben, so mag er sich einen Platz suchen.«

»Droben auf dem Kirschbaume sind mehrere Plätze. Sein Nußhähergesicht paßt ausgezeichnet da hinauf.«

Das war selbst für den hartgesottenen Osec zu viel. Er ballte die Fäuste, streckte dieselben dem Sprecher entgegen und rief wüthend:

»Merke Dir auch das noch! Ich gehe jetzt hinein, und der Kerybauer mag herauskommen und sich das hübsche Liebespaar betrachten, welches hier beisammensitzt.«

Er stürmte fort.

»Hast Du Angst vor dem Vater?« fragte Gisela.

»Nein.«

»Vielleicht aber glaubt er es wirklich, daß wir ein Liebespaar seien.«

»Das mag er glauben. Wenn es Dich nicht stört, so stört es mich vollends gar nicht. Aber besser ists doch, wenn wir nicht beisammen sitzen.«

Er stand auf und blieb seitwärts vor der Bank halten.

»Du meinst also wirklich, daß der Vater herauskommen werde?« fragte sie.

»Er kommt jedenfalls.«

»So wird er seine Wuth jedenfalls an Dir zuerst auslassen.«

»Pah! Mag es immer thun. Mir ist es nur um Dich.«

»O, ich werde auch mit ihm fertig. Nun hast Du es also erfahren, weshalb wir heut diesen hübschen Besuch haben.«

Sie sagte das, um sich nicht merken zu lassen, daß sie sein Gespräch mit seiner Mutter belauscht habe.

»Ja, ich weiß es,« antwortete er.

»So einem Menschen will man mich verschachern! Aber ich werde mich wehren. Willst Du mir dabei helfen, Ludwig?«

»Von ganzem Herzen gern!« antwortete er, hocherfreut über dieses ihr Vertrauen.

»Aber es kann Dir Schaden bringen!«

»Immerhin! Ich habe doppelten Lohn. Du wirst Dich freuen, und die Osecs werden sich ärgern. Sag mir nur schnell, was ich machen soll, denn Dein Vater kann an jedem Augenblicke kommen.«

»Ich werde jedenfalls mit auf den Saal gehen müssen, um mit dem Osec zu tanzen. Gehst Du vielleicht auch?«

»Wünschest Du es?«

»Ja.«

»Gut, so bin ich dort.«

»Stell Dich bei Zeiten ein, damit ich nicht auf Dich zu warten habe. Und richte es so ein, daß Du immer in meiner Nähe bist. Wenn dann der Osec kommt, um mich zu engagiren, so kommst Du ihm stets rasch zuvor. Ich werde Dir dazu gern behilflich sein.«

Ein süßes, namenlos glückliches Gefühl durchfluthete ihn bei dieser Aufforderung.


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»Weißt Du auch, was Du verlangst?« fragte er sie.

»Vollständig!«

»Ich, der Knecht, soll mit Dir, der Tochter seines Herrn tanzen!«

»Du bist ein braver Mensch. Ich schände mich nicht, wenn ich mit Dir tanze.«

»Aber ich soll dem Dir bestimmten Bräutigam den Weg zu Dir verlegen. Dein Vater wird darüber wüthend werden.«

»Ich fürchte ihn nicht, Dich aber wird er wohl fortschicken. Das ist freilich ein Opfer, welches ich nicht von Dir verlangen kann.«

Sie blickte ihn dabei lächelnd an.

»O, noch viel, viel größere Opfer könnte ich Dir bringen. Wenn Du nur um mich besorgt bist, so bleibt es gern bei der Verabredung.«

»Gut, ich nehme es an. Vielleicht kann ich Dir dafür dankbar sein.«

»Ich beanspruche keinen Dank. Wenn ich Dir einen Gefallen thun kann, so verursacht mir das tausend Freuden. Aber darauf muß ich Dich aufmerksam machen, daß es vielleicht gar zu Thätlichkeiten kommen kann.«

»Das macht mir keine Bangigkeit, denn ich weiß, daß Du Dich nicht fürchtest.«

»Nein, wahrhaftig nicht!« lachte er. »Ich bin noch niemals auf dem Saale gewesen, aber die Burschen kennen mich, und die braven unter ihnen sind alle meine Freunde.«

»Das weiß ich ja, und darum habe ich keine Angst um Dich, lieber Ludwig. Also wir halten heut fest zusammen! Hier, die Hand darauf!«

Sie reichte ihm die Hand entgegen, die er ergriff. >Lieber Ludwig< hatte sie ihn genannt, heut zum ersten Male. Wie ihn das beglückte. Er hätte für sie kämpfen mögen bis zum letzten Athemzuge.

Und grad als sie sich die Hände drückten, kam der Kerybauer mit den beiden Osecs in den Garten. Die Drei schritten sehr rasch auf die Bank zu.

»Was ist mir denn das?« rief der Bauer schon von Weitem. »Was habt Ihr Euch die Hände zu schütteln?«

»Wir haben uns ein Versprechen gegeben,« antwortete Gisela sehr ruhig.

»So! Darf man wohl erfahren, welches?«

»Warum nicht?«

»Nun, heraus damit!«

»Ludwig hat mir versprechen müssen, auch dann noch da zu bleiben, wenn der Osec als mein Mann hier eingezogen ist.«

Ihr Vater vermochte nicht sogleich zu begreifen, was sie beabsichtigte.

»Das ist wohl eine Lüge!« sagte er.

»Nein. Der Ludwig bleibt bei mir. Nicht wahr?«

Die Frage war an den Knecht gerichtet.

»Ja, ich bleib bei Dir,« antwortete dieser. »Ich habe es Dir versprochen, und mein Versprechen halte ich.«

»Da hast Du es, Vater. Er ist ein braver Dienstbote, mit dem Du


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immer zufrieden gewesen bist. Und weil er heut beim Essen sagte, daß er fortgehen werde, so habe ich ihn gebeten, zu bleiben.«

»Ist das auch wahr?«

»Natürlich! Du hast ja gesehen, daß er mir die Hand darauf gegeben hat.«

»Ich denk, Du willst von dem Osec hier gar nichts wissen!«

Die drei neu Angekommenen waren durch das Verhalten des listigen Mädchens vollständig dupirt.

»Ja, noch vorhin war ich entschlossen, zu widersprechen,« antwortete sie. »Der Bräutigam fing seine Sache gar zu ungeschickt an. Wenn man einen häßlichen Mann bekommt, kann man wenigstens dafür verlangen, daß er nicht auch noch dazu ein Dummkopf ist. Aber Ludwig hat mir gute Worte gegeben und mir die Sache in Güte erklärt. Er hat gesagt, daß der Mann immer anders werde, als er als Bräutigam sei, und weil der Vater es nun einmal will und ich nichts dagegen machen kann, ohne großes Aufsehen zu erregen, so bin ich entschlossen, einmal zu sehen, ob er das richtige Geschick hat, sich meine Zuneigung zu erwerben.«

Die Drei blickten sich sprachlos an. Endlich sagte Osec, der Sohn:

»Und wenn ich hier einziehe, dulde ich diesen Kerl doch nicht.«

»Halts Maul!« gebot der Kerybauer. »Hier bin ich der Herr, und Du hast Niemanden fortzujagen. Der Ludwig ist gut. Sei froh, daß er der Gisela in das Gewissen geredet und sie zum Gehorsam gebracht hat! Also, Mädchen, Du willst diesen Bräutigam haben?«

»Ja,« antwortete sie bereitwillig.

»So ist heut der Verspruch, sobald die Verwandten kommen.«

»Nur nicht so schnell,« lachte sie. »Erst muß ich wissen, ob er auch gut tanzen kann.«

»Na, wenn Du weiter keine Schmerzen hast, so kannst Du bald kurirt werden,« antwortete ihr Vater, ebenso lachend wie sie. »Gleich nach der Kirche wird die Musik beginnen. Wir warten, bis die Verwandten kommen und gehen dann mit ihnen hin. Ob wir vor oder nach dem Verspruch einen Oberländer stampfen, das ist egal. Und jetzt wird eine Flasche Wein aufgemacht. Kommt Alle herein! Und Du, Bursche, gieb Deiner Braut den Arm! Du hast das Recht dazu.«

Der jüngere Osec hielt unter einer plumpen Bewegung seinen Arm hin, und Gisela legte ihre Hand auf denselben. Beide schritten als Paar hinter ihren Vätern her.

Ludwig blieb stehen. Gisela bemerkte es, drehte sich um und sagte:

»Komm doch auch mit! Vater hat gesagt, daß Alle mitgehen sollen. Da bist Du doch auch gemeint.«

»Nein,« entgegnete der Kerybauer. »Mit einem Knecht trinke ich freilich nicht aus einer Flasche. Wenn er Dir den Standpunkt klar gemacht hat, so war das seine Pflicht und Schuldigkeit, und ich bin ihm nicht noch extra verbunden, die Gläser mit ihm anzustoßen. Auf den Saal aber mag er mitkommen, und was er da trinkt, das werde ich bezahlen.«


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Damit war die Sache abgemacht. Ludwig fühlte natürlich die Beleidigung auf das Lebhafteste, wurde aber genugsam dafür getröstet, denn Gisela warf ihm, sich nochmals zurückwendend, einen so freundlichen, leuchtenden Blick zu, daß er darüber hätte laut aufjauchzen können.

Er blieb also im Garten zurück und nahm wieder auf der Bank Platz, wo er vor kaum einer Viertelstunde in so trüben Gedanken versunken gesessen hatte. Jetzt freilich waren seine Empfindungen ganz andere, obgleich die Verhältnisse sich seit vorhin eigentlich gar nicht geändert hatten. Ein warmer, freundlicher Blick aus einem lieben Auge kann größere Wirkung her vorbringen, als ein äußeres, wenn auch noch so einflußreiches Ereigniß. Ein solcher Augenstrahl kann eine ganze innere Welt zum Grünen und Blühen bringen.

Nach einiger Zeit kam seine Mutter in den Garten und gesellte sich zu ihm. Sie war draußen auf den Wiesen spazieren gegangen, ganz von Glück erfüllt, daß sie in ihrer Noth Rettung gefunden hatte, und theilte ihm ihren Entschluß mit, heut bei ihm zu bleiben.

»Das ist recht,« sagte er. »Nun wirst hier noch was derleben können.«

»Ja, den Verspruch der Gisela mit dem Osec.«

»Oder auch was Anderes. Es ist gar leicht möglich, daß aus der Verlobung gar nix wird.«

»Meinst? Ich glaub, es wird was draus, denn was dera Kerybauer einmal will, das führt er auch hinaus.«

»Aber die Gisela wird nicht wollen.«

»Hat sie Dir das etwan gesagt?«

»Nein. Ich denks halt nur. Ich hab hier belauscht, was sie mit Dem sprochen hat, der ihr Bräutigam werden soll. Sie hat ihn nur an dera Nasen packt und ihn daran herumizogen. Nun gehts halt in das Wirthshausen, wo er zeigen soll, daß er tanzen kann. Das sollst auch mit sehen, Mutter.«

»So, also wills ihn zuvor auf die Proben stellen. Ist er denn ein guter Tänzer?«

»Er schaut halt gar nicht darnach aus. Ich glaub nicht, daß er die Prob bestehen wird.«

»Ja, wann er so tanzen könnt wie Du, da könnt sie schon mit ihm zufrieden sein. Es hat nicht ein Jeder das Gelenk dazu.«

»Nun, das Gelenk, das ich hab, das wird sie heut wohl kennen lernen.«

»Wie? Willst sie etwan gar mal zum Tanz verengageriren?«

»Freilich wohl. Oder meinst nicht?«

Sie machte ein sehr bedenkliches Gesicht, drohte mit dem Finger und antwortete:

»Ludwig, mach keine Dummheiten! Wannst sie auch lieb hast, aber bekommen thust sie doch nicht. Ich rath Dir Gutes: Schlag sie Dir aus dem Sinn!«

»Schon gut! Brauchst keine Angst zu haben.«

»Ja, die brauch ich wohl nicht zu haben, denn tanzen thust doch nicht, und Dich blamiren, das wirst auch nicht thun.«


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»Oho! Dera Ludwig Held blamirt sich wohl nicht gar so leicht.«

»Wirsts aber doch thun, wannst sie zum Tanz aufforderst, denn sie wird ihn Dir abschlagen.«

»Oder auch nicht!«

»So eine reiche und vornehme Bauerstochter tanzt nicht mit ihrem Knecht. Und nachhero, wann sie Dich abweist, dann wirst ausgelacht.«

»Aber wann sie doch mit mir tanzen will?«

»So wirds der Bauer nicht dulden; das kannst Dir denken und an denen zehn Fingern abzählen. Du mußt gewärtig sein, daß er Dich vielleichten gar aus dem Dienst jagt.«

»Das wär freilich schlimm!« lachte er leise auf.

»Vielleicht wär es nicht schlimm, sondern gut. Du kämst fort und thätst die Gisela nimmer sehen. Da könntest sie Dir leicht aus dem Sinn schlagen. Und einen andern guten Dienst bekommst doch allemal.«

»Das hab ich mir auch denkt, und darum wollen wir uns keine Sorgen machen, Mutter. Komm, wir gehen jetzund nach dem Wirthshaus. Heut werden wir ein paar Flascherln Schampagner trinken.«

Er stand von seinem Sitze auf. Sie ging auf seinen Scherz ein, indem sie antwortete:

»Ja, heut kannst groß thun und den Flamschlamper trinken. Heut hat Dir eine Fee das Geld dazu in den Kasten than. Aber besser wärs, wannsts Dir aufheben thätst.«

»Hab nur darum keine Sorg! Der Schampagner, den ich trink, der ist in dera Brauerei sotten worden und kostet das Leben nicht. Also komm!«

»Wirds nicht zu zeitig sein?«

»Nein, denn ich hab Besuch, und da muß halt die Lüderlichkeiten sobald wie möglich beginnen.«

Sie gingen Beide nicht durch den Hof, sondern sie verließen den Garten durch eine kleine Thür, welche in das Freie führte. Dort ging ein Weg an den Wiesen hin. Wenn man ihm folgte, so gelangte man zunächst an eine kleine Ziegelei, welche dem Kerybauer auch gehörte, und sodann nach dem etwas entfernten Gasthofe, der ein Wenig seitwärts der Dorfstraße lag.

Heut, am Feiertage, stand die Ziegelei verwaist da. Die Arbeit ruhte ja. Dennoch ging Ludwig nicht an ihr vorüber. Als ein treuer Knecht seines Herrn konnte er nicht vorüber gehen, ohne nachzusehen, ob sich Alles in Ordnung befinde.

Sie bestand aus dem Brennofen, welcher am Eingange der Lehmgrube lag, und gegenüber zog sich ein sehr langes, niederes, auf Pfeilern ruhendes Dach hin, unter welchem auf Latten tausende von Ziegeln standen, um da vor dem Brennen lufttrocken zu werden.

Neben dem Brennofen stand eine kleine Hütte, in welcher sich die Ziegelarbeiter während ihrer freien Zeit aufzuhalten pflegten. Jetzt aber war ganz gewiß keiner von ihnen anwesend. Darum fiel es dem Knecht auf, daß der


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Laden geöffnet war. Ein Glasfenster gab es nämlich nicht. Auch die Thür war nicht verschlossen sondern nur angelehnt.

Ludwig trat hinzu, stieß die Thür vollends auf und blickte hinein.

Das Innere zeigte die vier nackten Wände, eine alte Holzbank und ein Strohlager in der Ecke. Dieses Letztere war in diesem Augenblicke benutzt. Auf demselben lag nämlich Usko, jener Slowak, welcher vorhin mit dem Kerybauer gesprochen hatte. Es schien ihm nicht ganz angenehm zu sein, hier getroffen zu werden. Doch stand er keineswegs von dem Lager auf.

»Was thust Du hier?« fragte Ludwig, keineswegs in einem sehr freundlichen Tone.

»Ospanliwy sem,« antwortete der Gefragte. Das heißt zu Deutsch: Ich bin schläfrig.

»Rede deutsch!« gebot der Knecht. »Ich weiß, daß Du das ebenso gut kannst wie ich.«

Anstatt zu gehorchen, schob der Slowak seine neben ihm liegenden Blech- und Drahtwaaren noch mehr von sich ab und streckte sich in eine bequemere Lage.

»Nun, willst Du nicht reden?« fragte Ludwig.

»Ist nicht nothwendig,« erklang es kurz.

»Ich denke grad, daß es nothwendig ist. Wer hat Dir erlaubt, Dich hier niederzulegen?«

»Ich.«

»Wie bist Du hereingekommen?«

»Da herein.«

Er deutete dabei nach der Thür.

»Das ist nicht wahr. Die ist stets verschlossen, wenn die Arbeiter nicht da sind. Ich sehe übrigens auch, daß dera Schlüssel fehlt.«

»Wenn Du es besser weißt, so brauchst Du mich ja nicht zu fragen!«

»Du hast den Laden aufgestoßen und bist da hereinstiegen. Die Thür hast von innen aufimacht.«

»Ja, so ists. Hast Du was dawider?«

»Sehr viel.«

»So wirf mich hinaus!«

Bei diesen Worten richtete er sich in drohende Stellung halb empor.

»Dazu könnte Rath werden,« lachte Ludwig verächtlich; »aber ich mag es nicht thun.«

»Weil Du Dich fürchtest!«

»Oho! Das bilde Dir nur nicht ein. Du bist mir zum Angreifen zu dreckig.«

»So packe Dich fort, und laß mich in Ruh!«

Der Slowak drehte sich so, daß er dem Knechte den Rücken zukehrte.

»Ja, gehen werde ich; aber Du machst auch, daßt weiter kommst. Hier ist keine Herbergen für solche Leut, wie Du bist.«

Da sprang der Landstreicher mit einem einzigen Rucke empor.


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»So?« rief er funkelnden Auges. »Was sind das denn für Leute, zu denen ich gehöre?«

»Vagabunden sinds,« antwortete der Knecht furchtlos.

»Das sagst Du mir, mir?«

Er bückte sich nieder und nahm eine starke, spitze Drahtscheere vom Boden auf. Er pflegte sich derselben zu bedienen, wenn er irgend eine Reparatur an den Blechgeschirren Anderer vorzunehmen hatte. Doch geschah das nur ganz selten. Usko liebte es nicht, zu arbeiten. Er gewann seinen Unterhalt auf eine ganz andere Weise und trug das Gewerbe eines Topfeinstrickers und Blechwaarenhändlers nur aus gewissen Gründen zur Schau.

»Ludwig, komm!« bat seine Mutter angstvoll, als sie die drohende Haltung des Stromers bemerkte.

»Pah!« antwortete der gewesene Unteroffizier. »Meinst, daß ich mich vor diesem Kerlen und seiner Scheer fürchten thu? Er gehört nicht hier herein. Wann er schläfrig ist, so mag er in das Wirthshaus oder in die Herberg gehen, falls er gerechte Sach hat. Durch den Laden einisteigen, das duldet Niemand.«

»So?« fragte der Slowak höhnisch. »Gehört diese Hütte etwa Dir?«

»Nein, aber meinem Herrn.«

»Und Du denkst, daß der mich hier nicht dulden würde?«

»Frag ihn doch mal! Aberst nicht, wann er allein ist, sondern wann er sich bei andern Leuten befindet.«

»Ich frage ihn überhaupt nicht. Wenn er mich fort haben will, so mag er kommen und es mir sagen. Du aber hast mir nichts zu befehlen. Dich kenne ich.«

»So? Nun, wie kennst mich dann?«

»Als einen Spion und Aufpasser, der sich um Dinge bekümmert, welche ihm ganz und gar nichts angehen.«

»Weißt das so genau?«

»Ja. Ich hab Dich beobachtet.«

»So bist also Du der Spion, wannst mich heimlich beobachtest. Aberst schau, ein gescheidter Kerlen bist freilich nicht. Wannst klug wärst, so hättst mir das nicht sagt. Indem Du Dich aber verplaudert hast, so hast damit eingestanden, daß ich ganz auf dera richtigen Spur bin. Und grad darum wärs sehr gut für Dich, wannst höflich mit mir wärst und nicht so grob. Verstanden!«

»Soll ich Dir vielleicht Kratzfüße machen?«

»Nein. Aber wannst an einem Ort schlafen oder übernachten willst, der meinem Herrn gehört, und ich komm dazu, so kannst wenigstens um Entschuldigung bitten.«

»So! Nun, so bitte ich Dich jetzt nachträglich noch um Verzeihung. Bist Du nun zufrieden gestellt?«

Das klang so höhnisch, daß Ludwig zornig auffahren wollte; er zwang sich aber zur Ruhe und antwortete:


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»Ob ich zufrieden gestellt bin oder nicht, darauf kommt es Dir doch nicht an. Ich mag am liebsten gar nix mit Dir zu schaffen haben.«

»Das ist sehr klug von Dir, denn Dein Nutzen wäre es nicht, wenn wir einmal zusammengeriethen. Wenn Du noch Etwas zu sagen hast, so sage es rasch. Ich habe keine Lust, mich länger mit Dir zu ärgern. Ich bin müde.«

»Und ich bin fertig mit Dir.«

»So mach Dich von dannen!«

Ludwig hätte diesen Menschen fortjagen können. Er fürchtete sich auch nicht etwa vor ihm, aber er befolgte eine gewisse Absicht, indem er sich jetzt still mit seiner Mutter entfernte. Und es zeigte sich auch viel eher, als er es ahnen konnte, wie klug er da gehandelt hatte.

Die Beiden gingen langsam an der erwähnten langen Ziegelreihe hin.

»Dreh Dich mal um!« sagte Ludwig. »Du wirst sehen, daß der Kerlen aufistanden ist und uns nachschaut.«

Sie befolgte seine Worte und antwortete sodann:

»Ja, er stand unter dera Thür; aberst er fuhr sogleich zuruck, als ers merkte, daß ich zuruck sah.«

»Siehst! Habs mir doch denkt.«

»Wer ist dieser Kerlen?«

»Ja, wann ich das nur erst wissen thät! Ein Slowaken ist er nicht. Daß er aber ein ganz und gar schlechter und gefährlicher Kerlen ist, das weiß ich genau.«

»Und er beobachtet Dich?«

»Weil er weiß, daß ich auch auf ihn aufpaß. Wann er nun was thun will, was ich nicht wissen soll, so macht er vorher den Spionen, um zu derfahren, wo ich bin und was ich thu.«

»Ja was ist denn das, was er da treibt?«

»Vielerlei, wast jetzund nicht zu wissen brauchst. Weißt, es geschehen zuweilen Dinge, die man ganz still auf dem Herzen behalten muß. Nicht mal seinem besten Freund oder seiner Muttern darf mans sagen.«

»So bist ja jetzt ein recht Heimlicher worden!«

»Freilich wohl. Aberst es kommt schon auch mal die Zeit, in der Du Alles derfahren wirst.«

»Ists etwan gefährlich für Dich?«

»Nein.«

»Der Kerl hat aberst doch ganz so than, als ob er Dir was auswischen will!«

»O, der soll mir nur kommen! Aber schau, dort ist noch Einer!«

Sie hatten jetzt die Ziegelei hinter sich und kamen an einem Gebüsch vorüber, an welchem ihnen ein zweiter Slowak langsam entgegenschlenderte.

»Kennst den auch?« fragte die Mutter.

»Grad so gut wie den Andern.«

»Und sie gehören zusammen?«


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»Ja. Sie sind Verbündete. Wo dera Eine ist, da bekommt man auch bald den Andern zu sehen.«

Der Slowak blieb in demüthiger Haltung.

Jetzt war der Slowak ihnen ganz nahe. Er blieb in demüthiger Haltung stehen und grüßte:

»Dobre den - Guten Tag!«

Der Knecht dankte kurz und ging weiter.

»Diese Kerlen thun, als wanns nicht Deutsch reden könnten, und doch können sie es ganz ausgezeichnet,« sagte er. »Wart mal, Mutter, ich will doch mal sehen, ob er uns wohl heimlich nachschaut.«

Der Weg hatte eine Krümmung gemacht, so daß der Slowak nicht mehr zu sehen war. Ludwig trat um einige Schritte zurück und bemerkte, daß der Kerl nachgeschlichen kam. Rasch eilte er weiter, nahm seine Mutter beim Arme, zog sie fort und schritt nun mit ihr in einer Weise weiter, als ob es ihm gar nicht in den Sinn gekommen sei, sich umzusehen. Aber als er hinter einer abermaligen Biegung des Weges angekommen war, blieb er wieder stehen und lauschte hinter die Büsche zurück. Dann sagte er:

»Er hat uns beobachtet, und nun ist er überzeugt, daß ich mich nicht um ihn bekümmere.«

»Das ist auch das Allerbest, wast thun kannst.«

»O nein. Diese Beiden haben heut was vor, und das muß ich derfahren.«

»Beileibe nicht. Willst etwan zu ihnen zurück?«

»Ja. Sie haben sich vielleichten nach dera Ziegelhütten bestellt, und wenn auch nicht, so werdens sich jetzund gleich dort treffen. Was sie da reden, das muß ich hören.«

»Das geb ich nicht zu! Wann sie es merken, kanns Dir schlecht ergehen!«

»Das glaub ja nicht, Mutter. Von diesen Beiden nehm ich den Einen in die rechte Hand und den Andern in die Linke und werf sie nachher so hoch in die Luft, daß sie erst nach zehn Jahren wiederum herunterkommen.«

»Sie können Dir aber heimlich was anthun!«

»Ich werd meine Sach ja auch heimlich machen. Oder meinst, daß ichs ihnen merken laß, wann ichs belauschen thu?«

»Wie willst das anfangen?«

»Ich geh hier hinter die Büschen. Dort beginnt die Lehmgrube, welche sich bis hin zu der Ziegelhütten erstreckt. Sie ist tief, und es kanns gar Niemand bemerken, daß ich mich in ihr befind. Auf diese Weisen gelang ich an das Häuschen. Die Beiden werden drinnen sein, und ich schleich mich an den Laden. Dieser steht offen, und da kann ich Alles hören, was sie mitnander reden.«

»Und das ist nicht gefährlich?«

»Nein. Geh nur einstweilen weiter. Ich komm bald nach. Mach Dir keine Sorg um mich!«

»Fast möcht mir dennoch angst werden. Dera zweite Kerlen hat zwar so demüthig grüßt, aberst ich hab doch den Blick sehen, den er dabei nach Dir worden hat. Es war da eine gar große Feindseligkeiten drinnen.«


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»Weiß schon. Aber ich bitt Dich, geh nur jetzt weiter, sonst versäume ich die Gelegenheit und bekomm gar nix zu hören.«

Er eilte hinter die Büsche. Dort senkte sich eine tiefe, steile Böschung da hinab, wo man den Lehm zu den Ziegeln gegraben hatte. Die Grube war lang und schmal. Ludwig eilte auf der Sohle derselben hin bis an das andere Ende derselben, wo der Ziegelofen stand und neben ihm die Hütte. Hier kletterte er wieder an der Böschung empor und stand nun an der Hinterwand der Hütte. Er lauschte vorsichtig um die Ecke. Er sah keinen Menschen und huschte nun bis hin zu dem geöffneten Laden. Dort angekommen, vernahm er nun zu seiner Genugthuung die Stimmen der beiden Slowaken.

Der Zweite derselben, welcher ihm soeben begegnet war, hatte allerdings nicht gewußt, daß Usko sich in der Hütte befinde. Er hatte an derselben vorübergehen wollen, war aber von seinem Kameraden bemerkt und angerufen worden:

»Zerno! Du schon hier? Willst Du etwa vorübergehen! Komm herein!«

Darauf hin war der Genannte in das Innere der Hütte getreten, hatte seine Blechgefäße und Drahtwaaren zu Boden geworfen und sagte erfreut:

»Wie gut, daß wir uns finden! Ich dachte schon, Dich erst am Abend zu sehen.«

»Es ist ein Zufall, aber ein guter. Hast Du den Knecht gesehen?«

»Ja. Er Dich auch?«

»Er kam herein und that, als ob er hier der Herr sei.«

»Hättest Du ihn doch hinaus geworfen!«

»Beinahe wäre es so weit gekommen. Wo ist er hin?«

»Er ging mit der Alten nach der Schänke hin.«

»Weißt Du das genau?«

»Ja.«

»Ich traue dem Hallunken nicht. Da er erst mich und sodann auch Dich gesehen hat, kann er leicht auf den Gedanken kommen, wieder umzukehren um zu sehen, was wir hier treiben.«

»Das thut er nicht. Auch ich traue ihm nicht und Du weißt, daß ich vorsichtig zu sein pflege. Ich bin ihm heimlich nachgegangen und habe mich überzeugt, daß er nicht umgekehrt ist.«

»Das war gut. Ich bin nicht so vorsichtig gewesen wie Du, und das war sehr dumm von mir. Hätte ich die Thür und den Laden zu gehabt, so wäre der Kerl an mir vorüber gegangen, ohne mich zu entdecken.«

»Tröste Dich! Ein Unglück ists nicht, daß er Dich gesehen hat. Er ist nur der Knecht. Der Herr aber hält es mit uns. Hast Du schon mit ihm gesprochen?«

»Ja. Er hat mich für den Abend wieder bestellt.«

»Recht so! Morgen kann wieder ein Geld verdient werden. Drüben liegen die Waaren schon bereit.«

»So machen wir vielleicht einen doppelten Profit. Wenn wir hinüberwärts auch Etwas bekommen, so giebts zwiefältige Bezahlung.«


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»Wenn wir nicht erwischt werden!«

»Unsinn! Warum sollen wir grad morgen so ein Pech haben?«

»Weil man jetzt besser aufpaßt als früher.«

»Hm! Ein Wunder ist das nicht. Wir haben es Jahre lang getrieben, ohne daß es ihnen gelungen ist, uns zu ertappen. Aber auf die beiden Osecs können wir uns verlassen. Besonders der Alte ist ein Schlaukopf ohne Gleichen. Wer weiß, was er sich jetzt wieder ausgesonnen hat, um die Beamten irre zu führen. Es ist eine Lust, unter diesen zwei Spitzbuben zu arbeiten. Giebts sonst vielleicht noch etwas Neues?«

»Ja! Zweierlei. Etwas Böses und auch etwas sehr Gutes.«

»So sage zuerst das Böse, damit man nachher das Gute zum Troste hat.«

»Dieses Böse brauchst Du eigentlich gar nicht zu wissen, denn es geht Dich gar nichts an. Es betrifft nur mich allein.«

»Das freut mich; aber erfahren kann ich es wohl dennoch?«

»Ja. Du mußt es eigentlich auch erfahren, damit Du mir keinen Schaden machst. Ich habe nämlich von früher her einen Feind, einen grimmigen Feind, und diesen Kerl habe ich gestern gesehen.«

»Ist das etwas so Böses?«

»Eigentlich nicht, wenn ich ihm aus dem Wege gehen könnte. Leider aber ist es sehr leicht möglich, daß er mich zufällig sieht, und dann kann es um mich geschehen sein.«

»Donnerwetter! Ist der Mensch so gefährlich?«

»Ja. Ich wäre ihm gestern beinahe in die Hände gelaufen.«

»Wo?«

»Drüben in Hohenwald. Ich kam hinüber, um für morgen die Gelegenheit auszukundschaften, und ging in das Wirthshaus. Ich hatte schon die Stubenthür halb offen. Da sah ich zu meinem Erstaunen diesen Menschen sitzen und machte die Thür natürlich rasch wieder zu.«

»Hat er Dich auch gesehen?«

»Nein, sonst wäre ich nicht so davon gekommen.«

»Du scheinst gewaltigen Respect vor ihm zu haben!«

»Hm! Du kennst mich. Ich arbeite lieber mit List als mit Gewalt. Ein Goliath bin ich nie gewesen.«

»Wer ist denn dieser Kerl eigentlich?«

»Ein Zigeuner.«

Usko blickte rasch auf. Er war sichtlich überrascht.

»Ein Zigeuner? Da drüben in Hohenwald?« fragte er.

»Ja. Dort hätte ich es nicht für möglich gehalten, einen solchen zu treffen. Er ist aus der Walachei, da unten herauf.«

»Sapperment! Aus der Walachei! Das ist ja höchst interessant! Bist Du denn auch da unten gewesen?«

»Nein. Ich habe den Kerl in Ungarn getroffen. Da führte er noch seinen eigentlichen Namen. Jetzt hat er sich anders genannt. Als ich mich durch den Hof des Wirthshauses von dannen schlich, traf ich auf eine Magd


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und fragte nach ihm. Da erfuhr ich, daß er jetzt ein Tausendkünstler ist und sich Signor Bandolini nennt.«

»Das ist ein italienischer Name.«

»Ja. Eigentlich heißt er Jeschko.«

Da sprang der andere Slowak vom Boden auf. Es war deutlich zu sehen, daß er nicht nur überrascht sei. Die Zeichen des Schreckes standen ihm im Gesicht geschrieben.

»Jeschko!« rief er aus. »Donnerwetter! Ist das möglich!«

»Was hast Du denn? Kennst Du ihn?«

»Natürlich! Ich kenne ihn genau, sehr genau. Ich werde doch meinen - - -«

Er hielt inne.

»Was meinst Du?«

»Na, ich brauche mich ja vor Dir nicht zu fürchten, zumal er auch Dein Feind ist. Ich wollte nur sagen, daß ich doch meinen Bruder kennen werde.«

»Wie? Was? Dein Bruder soll er sein!«

»Ja, er ist es.«

»Du hast doch niemals erwähnt, daß Du einen Bruder hast.«

»Weil ich alle Veranlassung habe, nicht von ihm zu reden.«

»Aber der Name Jeschko ist gar nicht selten. Es kann ein ganz Anderer sein.«

»Schwerlich. Mein Bruder ist Tausendkünstler, Seiltänzer und so weiter.«

»Und dennoch kannst Du Dich irren. Es ist doch wohl möglich, daß auch ein anderer Künstler so heißen kann.«

»Freilich! Aber daß er grad nach Hohenwald gekommen ist, daß - - Himmeldonnerwetter! Wenn ich, ohne zu erfahren, daß er da drüben ist, ihm in die Hände gelaufen wäre!«

»Mensch, Du bist ja beinahe außer Dir!«

»Ich habe auch Veranlassung dazu!«

»Dich in dieser Weise vor Deinem Bruder zu fürchten?«

»Ja. Er ist ein unversöhnlicher Kerl. Und ich habe früher Etwas gethan, was er mir nie vergeben wird. Ich freilich würde es ihm auch nicht vergeben.«

»So sieh ihn Dir doch zunächst einmal von Weitem an! Vielleicht ist er doch ein Anderer.«

»Das glaube ich nicht. Daß er nach Hohenwald gekommen ist, zum Silberbauer jedenfalls, das ist mir der sicherste Beweis, daß er es ist. Ich möchte aber zum Teufel beten, daß er den Silberbauer sterben lassen möge. Wenn er leben bleibt, und ich falle unglücklicher Weise in die Hände des - - - na, schweigen wir lieber davon!«

»Besser wärs, Du erzähltest mir Alles.«

»Vielleicht später.«

»Ich könnte mich doch darnach richten. So aber kann man sich irren.


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Ich habe geglaubt, Dir sei es sehr gleichgiltig, daß ich diesen Jeschko gesehen habe, und nun ist er gar Dein Bruder!«

»Jedenfalls ist er es. Ich glaube nicht, daß ich mich irre. Aber was hast denn Du mit ihm gehabt, daß Du jetzt vor ihm erschrecken mußt?«

»Das werde ich Dir auch später erzählen, so wie Du mir das Deinige auch heut nicht sagen willst.«

»Meinetwegen! Aber morgen kommen wir hinüber, und da werde ich mich ganz genau nach ihm umsehen. Er soll mir nicht gar lange im Wege sein.«

»Wie meinst Du das?«

»So, wie ich es sage.«

»Willst Du etwa - - -?«

Er fuhr sich mit dem Finger über die Kehle.

»Ja, das will ich, und das werde ich, wenn er es ist, und wenn er etwa die Absicht hat, alte Sachen wieder aufleben zu lassen.«

»Deinen eigenen Bruder umbringen!«

»Rede nicht so dumm! Feind ist Feind, selbst wenn man blutsverwandt mit ihm ist. Und ehe ich mich aufhängen lasse, mache ich doch lieber einen Andern stumm.«

»Recht hast Du. Und daß Du grad so und nicht anders denkst, das ist mir lieb. Er wird also auch mir nicht lange im Wege sein.«

»Nein. Dafür laß mich nur sorgen. Und wenn ich es nicht allein fertig bringen sollte, so wirst Du mir doch wohl mit helfen.«

»Das kannst Du Dir denken. Also auf den Silberbauer bezieht sich die Sache?«

»Ja! Auf ihn und den Thalmüller drüben in Scheibenbad.«

»Was? Auf den mit? Bist Du mit ihm feind- oder freundlich daran?«

»Wir sind Freunde.«

»So habe ich Dir noch etwas höchst Unangenehmes zu sagen. Der Müller ist nämlich gefangen genommen worden.«

»Ists wahr?« fragte Usko erschrocken.

»Ja. Ich habe es gesehen, als sie ihn brachten.«

»Alle Teufel! Dann darf ich mich ja auch nicht sehen lassen. Jetzt werden die Beiden, der Müller und der Silberbauer, wohl gar so dumm sein und Alles gestehen!«

»Der Letztere wird vielleicht kein Wort mehr sagen. Der Teufel wird ihn holen. Aber was ist es denn, was sie gestehen sollten?«

»Das geht Dich zunächst noch gar nichts an.«

»Himmel! Bist Du heut höflich!«

»Ists ein Wunder? Mein schöner Bruder ist drüben in Hohenwald - der Silberbauer ist wieder erwischt - der Thalmüller ist gefangen - wer solche Neuigkeiten hört, der hat genug. Rede lieber von der guten Nachricht, die Du mitgebracht hast.«

»Jetzt noch nicht. Erst muß ich von Dir Eins erfahren, nur das Eine.


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Das andre Alles magst Du noch für Dich behalten. Wenn der Jeschko Dein Bruder ist, so mußt Du doch auch ein Zigeuner sein?«

»Freilich bin ich das!«

»Er hat damals davon gesprochen, daß er einen Bruder gehabt hat. Der hat, glaube ich, Barko geheißen.«

»Stimmt ganz genau.«

»Der bist Du?«

»Ja. Hat er Dir auch gesagt, was er gegen mich hat?«

»Nein.«

»Das ist ihm ähnlich. Er ist ein höchst verschwiegener Kerl. So, jetzt weißt Du, was Du wissen willst. Und nun rede Du auch!«

Der Knecht Ludwig stand schon längst draußen vor dem Fenster und hörte jedes Wort, welches im Innern der Hütte gesprochen wurde. Jetzt dauerte es eine Weile, bevor der Slowak der an ihn ergangenen Aufforderung nachkam.

»Nun, fällt es Dir so schwer?« fragte Usko, der eigentlich Barko hieß.

»Nein; aber es ist etwas so Prächtiges, daß Du es vielleicht gar nicht glauben wirst.«

»Pah! Du wirst mir doch nicht etwa einen Bären aufbinden!«

»Nein, gewiß nicht, zumal ich Dich sehr nothwendig brauche, um endlich einmal mein Ziel zu erreichen.«

»Das erreichst Du niemals.«

»Oho!«

»Du hast mir einmal gesagt, daß Du ein Millionär werden möchtest.«

»Nun ja, grad das ist mein Ziel.«

»Und das glaubst Du, jetzt zu erreichen?«

»Ja, endlich!«

»Höre, laß Dich nicht auslachen!«

»Siehst Du, daß Du es nicht glaubst! Ich wußte es im Voraus!«

»Es ist ja auch nicht zu glauben. Um Millionär zu sein, muß man eine Million haben, und wo sollst Du sie herbekommen?«

Er lachte laut auf. Der Andere aber bemerkte ärgerlich:

»Lache mich nur aus! Ich weiß doch, wo ich sie hernehmen werde.«

»Ja, das wüßte ich auch. Man nimmt sie eben von einem Millionär. Aber diese Kerls lassen sich nicht so leicht Etwas nehmen!«

»Hier in diesem Falle ists aber ganz und gar leicht. Ich bekomme eine Million und Du auch eine. Wenigstens! Vielleicht bekommen wir noch viel mehr!«

»Mensch, das sagst Du mit solcher Gewißheit!«

»Warum nicht?«

»Und dazu machst Du ein so ganz und gar ernsthaftes Gesicht! Ich werde fast irre an Dir!«

»Das glaube ich Dir gern. Wenn Einer so mit Millionen herumwirft, so hat man wohl Veranlassung, zu zweifeln. Aber ich sage Dir, daß ich wirklich nicht flunkere.«


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»So rede doch! Rede! Wenn es Dein Ernst ist, so darfst Du mich doch nicht so lange auf die Folter spannen!«

»Ja, jetzt kannst Du es nicht erwarten, und erst hast Du mich ausgelacht!«

»Weil ich weiß, daß der Zufall ein ganz sonderbarer Kautz ist. Es läßt sich schon denken, daß er uns einmal eine Million in den Weg werfen kann. Also heraus damit! Ich kann es kaum erwarten!«

»Nur langsam, langsam! Die Sache ist von so großer Wichtigkeit, daß ich, bevor ich davon rede, erst sehen muß, ob ich sicher bin. Es wäre doch möglich, daß wir belauscht werden. Ich will einmal nachsehen.«

»Vorhin war ich mißtrauisch, und jetzt bist Du es. Na, so sieh nach.«

Als Ludwig, der Lauscher, diese Worte hörte, huschte er von dem Fenster fort und nach dem Brennofen hin, hinter welchen er sich versteckte. Dort waren mehrere Tausend fertiger Ziegel aufgeschichtet; er konnte nicht gesehen werden, vermochte aber sehr gut zu bemerken, was Zerno vornehmen werde.

Dieser kam aus der Hütte heraus, blickte sich um, schritt langsam um die Hütte, um sich zu überzeugen, daß hinter derselben sich Niemand befinde, und kehrte sodann in das Innere zurück.

Dem Knechte kam es darauf an, möglichst wenig von der so wichtigen Unterhaltung zu verlieren. Darum kehrte er schleunigst auf seinen Lauscherposten zurück. Er hörte Usko sagen:

»Konnte es mir denken! Wer kommt auf den Gedanken, heut, am Feiertage, nach der Ziegelei zu gehen, um uns zu beobachten!«

»Der Knecht!«

»Du sagtest vorhin selbst, daß er mit der Alten nach der Schänke gegangen sei. Den also haben wir nicht zu fürchten. Also rede nun endlich.«

»Erst muß ich die Thür ganz zuschließen.«

Ludwig hörte den Riegel, welchen man von innen auch ohne Schlüssel bewegen konnte, in das Schloß schnappen, und dann erklang die Stimme Zerno's:

»Ich habe nämlich einen Herrn ausgegattert, welcher an einem Orte wohnt, an den ganz leicht zu gelangen ist, halb im Dorf und halb im Walde. Er hat Millionen bei sich.«

»Weißt Du das genau?«

»Ja.«

»Hast Du sie gesehen?«

»Nein.«

»So weißt Du es also nicht!«

»Oho! Wenn ich es Dir sage, wer dieser Herr ist, so wirst Du es sofort glauben.«

»Nun, wer ist's?«

»Es ist - - halt! Wir sind zwar ganz allein, aber man kann in einem solchen Falle nicht vorsichtig genug sein. Selbst die Wände haben Ohren. Ich werde Dir den Namen lieber in das Ohr sagen.«


// 1315 //

Der Knecht strengte sein Gehör auf das Aeußerste an. Er hörte, daß drin Einer dem Andern Etwas zuraunte, verstehen aber konnte er es nicht. Dann aber rief Usko fast überlaut:

»Alle Millionen Donnerwetter! Ist das wahr?«

»Natürlich!«

»Du bist des Teufels!«

»Ich kann es beschwören.«

»Kennst Du ihn denn so gut, daß gar kein Irrthum möglich ist?«

»Ich habe nur sein Bild gesehen, aber bereits viele Male.«

»So kannst Du Dich dennoch täuschen.«

»Nein, denn ich habe ihn belauscht, ihn und einen Anderen, als sie von der Mühle her kamen nach der Straße zu, welche nach Eichenfeld führt. Da nannte ihn der Andere bei seinem Titel. Und weißt Du, wer dieser Andere war?«

»Nun, wer?«

»Der alte Wurzelsepp.«

»Donner und Doria! Wenn es dieser war, so ist die Sache zu glauben. Ich habe schon einige Male gehört, daß der Alte mit ihm verkehren solle. Aber Du kennst doch auch wirklich den Wurzelsepp?«

»Wer sollte Den nicht kennen! Ich habe nachher sogar mit ihm gesprochen.«

»Sapperment! Hast Du ihn etwa gefragt, wer der Herr gewesen sei?«

»Fällt mir nicht ein!«

»Das ist sehr gut. Das hast Du ganz recht gemacht, denn hättest Du gefragt, der Alte hätte Dir die Wahrheit doch nicht gesagt, sondern vielmehr Verdacht geschöpft. Er ist ein gescheidter Kerl.«

»Das ist er. Und mich hat er niemals leiden können. Er hätte, glaube ich, den Anderen sogleich vor mir gewarnt, denn er hält mich für einen Kerl, dem man nicht trauen darf.«

»Da wird er sich wohl auch nicht irren.«

»Oho! Traust Du mir etwa nicht?«

»Unsinn! Von mir ist doch gar keine Rede! Wir Beide werden doch wahrhaftig kein Mißtrauen in einander setzen! Wenn Du Dich in diesem Herrn nicht geirrt hast, so glaube ich freilich, daß wir einen außerordentlich guten Fang machen könnten.«

»Millionen!«

»Wenn auch das nicht grad, aber viel Geld hat er stets bei sich.«

»Geld? Denkst Du nur an das Geld? Sei doch nicht so dumm!«

»An was denn noch?«

»An seine Uhr, seine Ringe, seine Busennadel, an seinen Schmuck. Man weiß ja, daß bei ihm das Alles mit den größten Diamanten besetzt ist. Und er hat nicht blos die Edelsteine, welche er an seinem Körper trägt. Wenn er irgend wohin reist, so nimmt er so Vieles mit, an was er gewöhnt ist, und das ist dann Alles von Gold und mit Brillanten geschmückt.«


// 1316 //

»Recht hast Du, sehr Recht. Kerl, Dein Gedanke kann mich ganz begeistern!«

»Nicht wahr? Ja, ich sage Dir, daß ich mich von dem Augenblicke an, als ich ihn sah, in einem gelinden Fieber befinde.«

»Das glaube ich, denn bei mir fängt es auch bereits an, den Puls schneller zu machen. Wie schinden wir uns, um einige Hundert armselige Gulden zu verdienen!«

»Wir riskiren dabei das Zuchthaus und auch das Leben. Die beiden Osecs zahlen schlecht, und der Kerybauer weiß sich so schlau zu halten, daß man ihm niemals an den Leib gehen kann. Er würde sich, wenn wir ergriffen werden, sicher aus der Schlinge ziehen können.«

»Das wohl; aber sein schönes Geld, welche er stets dabei riskirt, wäre doch verloren. Es soll doch vorgekommen sein, daß er sein ganzes Vermögen an einem einzigen Abende auf das Spiel gesetzt hat.«

»Dafür aber ist es auch immer größer geworden. Ich möchte nicht wissen, wie viel er oft an einem Abende verdient; ich würde mich zu sehr ärgern, wenn ich das vergleichen müßte mit unserer Bezahlung. Nun aber können wir es auch so machen. Wir können mit einem Schlage reich werden.«

»Reich, ja. Aber ob wir diesen Reichthum anwenden können, das ist ein ganz andere Frage.«

»Warum nicht? O, ich weiß schon, was ich mit dem Gelde beginnen würde!«

»Ich auch, mit dem Gelde nämlich. Aber wir werden grad Geld vielleicht wenig bekommen. Was aber fangen wir mit den Diamanten an? Weißt Du das?«

»Die verkaufen wir.«

»Wer nimmt sie uns ab?«

»Darum habe ich keine Sorge. Ich kenne in Prag einige professionirte Hehler, welche mit Freuden zugreifen würden.«

»Aber was würden sie uns bieten? Kaum die Hälfte des Werthes.«

»Natürlich! Jeder will verdienen, und je größer das Risico ist, desto größer die Prozente. Du mußt doch auch bedenken, daß unser Käufer die Edelsteine binnen einer Jahre langen Zeit gar nicht verwerthen könnte. Die Polizei der ganzen Erde würde in Aufruhr versetzt sein.«

»So mag er sie umschleifen lassen. Dann sind sie nicht mehr zu erkennen.«

»Aber sie verlieren dadurch am Werthe, und darum dürfen wir den Preis nicht zu hoch stellen. Uebrigens ist es lächerlich, jetzt schon vom Verkaufe zu reden. Wir haben ja die Katze noch gar nicht im Sacke.«

»O, die bekommen wir!«

»Bist Du so überzeugt davon?«

»Ja. Ich habe mir dann gestern am späten Abend die Gelegenheit angesehen. Sie ist wirklich prächtig. Man kann den Fensterladen von dem Mühlendamm aus erreichen.«


// 1317 //

»Und in dieser Stube schläft er?«

»Ja. Er wohnt und schläft da.«

»So wacht er auf dabei. Ohne Geräusch wird es sich wohl kaum thun lassen.«

»Bist Du auf einmal gar so ungeschickt geworden? Du hast ja bereits Streiche mit ausgeführt, welche hundertmal schwieriger waren.«

»Das mag wohl sein; aber wenn es sich um einen solchen Herrn handelt, so wird man mißtrauisch gegen sich selbst. Auf welche Weise ist denn der Laden verschlossen?«

»Auf ganz gewöhnliche Art; durch einen eisernen Querstab, der mit dem einen Ende in der Mauer befestigt ist. Am andern befindet sich der Vorstecker, welcher nach innen geschoben wird.«

»Nun, wie willst Du da den Laden aufmachen, ohne daß ein Geräusch zu vernehmen ist?«

»Dadurch, daß ich die Angel aus der Mauer wuchte. Die Mühle macht Geräusch genug, um das Knirrschen, welches wir verursachen, unhörbar werden zu lassen.«

»Da hast Du freilich Recht. An das Klappern der Räder habe ich nicht gedacht. Aber nun kommt es auf das Fenster an. Wie kommen wir da hinein? Wie bringen wir es auf?«

»Mit einem Pflaster. Das legen wir an die Scheibe und drücken sie ein.«

»Und wenn er doch dabei erwacht!«

»Nun, so ist das doch nicht gefährlich für uns. Wir können ja ausreißen. Kein Mensch wird uns halten. Mit einigen Schritten erreichen wir den Wald.«

»Dann aber ist die Million zum Teufel!«

»Leider! Aber wir brauchen sie doch nicht aufzugeben! Warum wollen wir fliehen? Das ist doch auf keinen Fall nothwendig!«

»Auch nicht, wenn er erwacht?«

»Auch dann nicht.«

»Ich begreife Dich nicht.«

»Und ich Dich auch nicht. Mag er immerhin aufwachen. Er wird sich doch ganz ruhig verhalten.«

»Der? Auf keinen Fall!«

»Pah! Wir zwingen ihn dazu! Wenn es sich um so viel handelt, dann ist mir Alles gleich.«

»Ah! Sapperment! Du meinst - -?«

»Ja, ich meine - -«

»Das wäre ja gefährlich!«

»Gar nicht. Der Schuß ist auch nicht zu hören, denn meine Stockflinte ist ein Meisterstück. Es kann für uns nicht die allergeringste Gefahr geben.«


// 1318 //

»Aber der Gedanke, ihn zu erschießen, ist doch im höchsten Grade un - un - un - - ich finde kein Wort dafür.«

»Und ich finde kein Wort, um Deine Dummheit richtig zu bezeichnen. Zum Beispiel ziehen Hunderttausende in den Krieg und ein Viertel davon wird erschossen. Und Du willst Dir's zu Herzen nehmen, wenn es sich um einen einzigen Menschen handelt! Laß Dich doch nicht auslachen!«

»Aber so ein Mensch wie grad er!«

»Vor Gott sind alle Menschen gleich und vor dem Teufel auch. Also wenn wir einen Menschen in den Himmel oder in die Hölle schicken, so ist es sehr gleich, wer dieser Mensch ist. Das giebst Du doch zu?«

»Kerl, Du bist wirklich ein ganz und gar gefährliches Subject!«

»Du ebenso. Vielleicht hast Du bereits mehr auf Deinem Gewissen als ich auf dem meinigen.«

»Darüber wollen wir uns nicht streiten.«

»Nein; das fällt mir nicht ein. Aber gescheidter als Du bin ich auf alle Fälle. Du redest von dem Einbruche, zu dem wir uns entschlossen haben, wie der Blinde von der Farbe. Ich habe Dich wirklich nicht für so dumm gehalten!«

»So? Ist meine Dummheit wirklich so sehr groß?«

»Ungeheuer!«

»Wieso?«

»Meinst Du denn in Wahrheit, daß wir zu den Millionen kommen könnten, ohne daß der gegenwärtige Besitzer dran glauben muß?«

»Ich denke, daß es sich wohl auch ohne Mord möglich machen lassen werde.«

»Nein. Kannst Du denn einsteigen und ihm Alles abnehmen, ohne daß er dabei aus dem Schlafe erwachen wird?«

»Hm! Das wird sich freilich nicht thun lassen!«

»Siehst Du! Munter wird er jedenfalls.«

»So binden und knebeln wir ihn.«

»So einen Riesen? Wenn es nur für einen kurzen Augenblick zum Kampfe kommt, ist es mit uns aus. Er wird sogleich um Hilfe rufen.«

»So reißen wir aus.«

»O, der hält uns fest!«

»So ist es immer noch Zeit, die Waffen zu gebrauchen.«

»Aber es ist dann zu spät, wenn sein Hilferuf einmal gehört worden ist. Nein, er muß auf alle Fälle unschädlich gemacht werden.«

»Wenn es uns gelingt, den Laden zunächst nur ein Wenig zu öffnen, so kommen wir dann ohne alle Gefahr an's Ziel. Ich hab bemerkt, daß er während der ganzen Nacht Licht brennt. Ich habe ihn sogar durch eine Spalte des Ladens im Bette liegen sehen. Man kann ganz bequem auf ihn zielen. Er ist gleich beim ersten Schusse eine Leiche. Dann steigen wir ein und nehmen Alles weg.«

»Donnerwetter! Welch ein Aufsehen dann am Morgen!«


// 1319 //

»Das geht uns nichts an!«

»Aber wird uns auch die Zeit dazu übrig bleiben?«

»Warum denn nicht?«

»Weil wir ja auch das Paschergeschäft besorgen müssen.«

»Das wird uns wenig stören. Punkt zehn Uhr gehts über die Grenze hinüber, und eine halbe Stunde später sind wir unsere Waaren los. Punkt zwei Uhr bekommen wir die Paquete, welche herüber zu transportiren sind. Wir haben also über drei Stunden freie Zeit zur Ausführung unseres Vorhabens. Die anderen Pascher dürfen freilich nichts davon ahnen. Sie halten das Schmuggeln für keine Sünde, den Mord aber für das größte Verbrechen. Darum ist es gut, daß die ganze Gesellschaft sich nach dem Ablegen der Pakete zerstreut und sich erst dann wieder zusammenfindet, wenn die Rückwaaren angekommen sind.«

»Es fragt sich, wie weit wir bis zur Mühle haben. Oder weißt Du bereits, welchen Weg wir dieses Mal nehmen werden und wo wir die Packete abzugeben haben?«

»Nein. Das werden wir erst morgen erfahren. Jedenfalls aber werden wir uns nicht sehr weit von der Mühle befinden.«

»Hat er denn keine Dienerschaft bei sich?«

»Ich habe Niemand bemerkt, konnte mich aber auch nicht erkundigen. Das wäre ja aufgefallen. Aber morgen früh werde ich Alles zu erfahren suchen.«

»Und wo bleiben wir heut Abend?«

»Beim Kerybauer auf dem Heustadel. Er wird uns dann unsere Weisungen geben können. Er muß natürlich vorher mit den Osecs Alles besprechen. Jetzt am Tage wird er keine Gelegenheit dazu haben. Also abgemacht?«

»Hm! Ich möchte doch noch nicht ganz bestimmt Ja sagen.«

»Feigling!«

»Schimpfe einstweilen! Es ist ein verdammt albernes Gefühl, welches Einen beschleicht, wenn man daran denkt, was er ist.«

»Hast Recht. Albern ist dieses Gefühl jedenfalls, und weil ich niemals albern gewesen bin, so mag ich mit dergleichen Gefühlen nichts zu thun haben. Du mußt bedenken, daß sich eine so außerordentliche Gelegenheit, schnell reich zu werden, niemals wieder bieten wird. Ergreifen wir sie nicht, so sind wir die dümmsten Menschen der Erde.«

»Und wenn ich nicht mitmache, so siehst Du wohl auch davon ab?«

»Ich? Davon absehen? Das fällt mir gar nicht ein! Wenn Du diesen großen Reichthum nicht mit heben willst, so hole ich ihn mir allein.«

»Das ist Dein fester Vorsatz?«

»Er steht unerschütterlich.«

»Aber Du wirst es allein nicht fertig bringen.«

»Allein viel leichter als in Gesellschaft mit Einem, der sich fürchtet.«

»Hm! So ist also der Tod dieses - dieses Mannes eine beschlossene Sache, ich mag nun mitthun oder nicht?«


// 1320 //

»Jawohl.«

»Dann wäre ich freilich sehr dumm, wenn ich verzichten wollte. Ich kann ihn doch dadurch nicht retten.«

»Nein. Und es ist also am Allerbesten, wenn Du mitmachst.«

»Gut, so bin ich dabei.«

»Deine Hand darauf!«

»Hier!«

Der Lauscher hörte die Hände kräftig zusammenschlagen. Dann erklang Zerno's Stimme:

»So sind wir also fertig, und das ist gut. Ich habe heut fast gar nicht geschlafen und bin müde. Ich will ausruhen. Es wird wohl Niemand kommen, der uns stört. Später können wir Alles besprechen. Heut Abend im Heustadel ist dazu die beste Zeit und der beste Ort. Da wissen wir vielleicht auch bereits, wohin der Pascherzug gehen wird. Jetzt laß mich in Ruhe!«

Es erklangen die Blechgefäße. Daraus ließ sich schließen, daß die Zwei sich mit einander auf dem Strohlager Platz gemacht hatten, um sich auszuschlafen. Sie hatten den Tod eines Königs beschlossen und vermochten, darauf ruhig zu schlafen. Ludwig schauderte. Zwar wußte er nicht, von wem sie gesprochen hatten, aber er wußte doch, daß es sich um einen Mord handelte. Ists möglich, daß die Seele eines Menschen so bodenlos tief in Gott- und Gefühllosigkeit versinken kann? Man sollte es nicht glauben.

Ludwig mußte jetzt annehmen, daß das Gespräch nun zu Ende sei und er jetzt nichts mehr erfahren werde. In Folge dessen entfernte er sich. Aber wie langsam und zögernd waren seine Schritte gegen vorher. Das Gehörte ging ihm im Kopfe herum. Es lag ihm so schwer auf der Seele, als ob er selbst den Entschluß gefaßt habe, einen Menschen umzubringen.

Und wer war dieser Mensch?

Zerno hatte den Namen desselben seinem Verbündeten in das Ohr geflüstert, und dann war er nicht laut genannt worden. »Herr« hatten sie immer nur gesagt. Aus Allem ging hervor, daß er kein gewöhnlicher Mann sein könne. Er trug Edelsteine im Werthe von Millionen bei sich - ihrer Ansicht nach. Außerordentlich reich war er also auch.

In einer Mühle wohnte er. Aber in welcher? Er war aus dieser Mühle gekommen und nach der Straße gegangen, welche nach Eichenfeld führt. Aber welche Straße war das? Es führten Straßen von Nord und Süd, von Ost und West nach Eichenfeld. Aus dieser Aeußerung war also nichts Bestimmtes zu schließen.

»Sollten Sie gar einen König dermorden wollen? Aberst hier in Oesterreich giebts halt keinen. Sollten sie meinen König meinen? Eichenfeld liegt ja drüben im Bayern. Und einen »Riesen« haben sie ihn nannt? Mein guter König ist von hoher und breiter Gestalt, und er würde es gar wohl mit diesen Zweien aufnehmen können, wanns ihn überfallen wollten. Aberst


Ende der fünfundfünfzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk