Lieferung 58

Karl May

3. September 1887

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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»Schwatz doch nicht albernes Zeug!«

»Das ist kein albernes Zeug. Soll mein Junge sich eine Frau nehmen, von der er schon vor der Hochzeit weiß, daß sie ihm untreu sein wird?«

Jetzt endlich ließ Kery den Arm Osec's fahren. Er stampfte zornig mit dem Fuße und rief:

»Willst Du mich wuthig machen! Weißt Du, welche Beleidigung das ist!«

»Ich weiß es, aber Du als mein guter Freund kannst es mir nicht übel nehmen. Denk darüber nach! Ich will auch nicht zurücktreten; aber ich muß die Bedingung machen, daß der Ludwig so bald wie möglich aus dem Hause kommt.«

»Das soll er, das soll er!«

»Schön; so sind wir so weit einig.«

»Also nun nach Hause, damit wir die Sache zu Ende bringen.«

»Giebt es nicht noch vorher Etwas zu besprechen?«

»Was?«

»Das Geschäft für morgen.«

»Darüber können wir später reden.«

»Nein. Jetzt ist's besser. Jetzt sind wir ungestört und unbelauscht. Später sind wir vielleicht gar nicht mehr allein.«

»Nun, meinetwegen. Also es kommt ganz sicher Waare?«

»Noch heute.«

»Wie viel?«

»Sehr viel und sehr theuer. Das ist es eben, weshalb wir uns besonders besprechen müssen. Für gewöhnlich beträgt's nur so um tausend Gulden. Dieses Mal aber handelt es sich um viel mehr. Willst Du es wagen?«

»Ja, wenn's nicht gar zu hoch ist.«

»Fünfzehntausend sind's.«

»Gut, ich wage es trotzdem. Wir haben meist immer Glück gehabt, und so läßt sich annehmen, daß wir wohl auch jetzt, wo es sich um eine solche Summe handelt, nicht unglücklich sein werden.«

»Daran ist nicht zu denken. Natürlich werden wir doppelte Vorsicht anwenden. Das zu thun, ist Deine Sache. Ich liefere Dir die Waaren ins Haus, bis dahin habe ich die Verantwortung; nachher beginnt die Deinige. Wie aber steht es mit dem Gelde?«

»So viel habe ich natürlich nicht baar daliegen.«

»Und ich kann nichts ohne Bezahlung abgeben.«

»Hoffentlich habe ich Credit bei Dir!«

»Natürlich. Aber gegen Wechsel.«

»Einverstanden! Stelle sie auf drei Monate. Wann kommen die Leute?«

»Punkt zwei Uhr. Sorge dafür, daß Niemand mehr wach ist!«

»Die Leute sollen alle zu Bett sein.«

»Ganz besonders aber der Ludwig, denn dem traue ich nicht.«

»Da habe ich keine Sorge. Heute ist seine Mutter da, was ich übrigens


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niemals gern geduldet habe. Da geht er mit ihr zeitig auf seine Kammer. Nun aber wollen wir machen, daß wir nach Hause kommen.«

Sie setzten den unterbrochenen Weg jetzt wieder fort. Als sie das Gut erreichten, zeigte es sich, daß die zur Verlobung erwartete Frau Osec's nicht gekommen war. Ihr Mann grämte sich nicht gerade sehr darüber.

Kery ging in die Küche und sagte seiner Frau und Tochter:

»Heute Abend wird oben in der guten Stube gegessen. Was dort vorgeht und was da gesprochen und ausgemacht wird, das braucht das Gesinde nicht zu hören.«

Nun wußten die Beiden genau, daß die Verlobung eine fest beschlossene Sache war.

Der Nachmittag war längst vorüber gegangen und der Abend angebrochen. Droben in der guten Stube wurde die Lampe angebrannt und bald war der Tisch gedeckt. Große Kocherei war nicht gemacht worden. Das war nicht nach dem Geschmacke des Kerybauern, und die beiden Osec's waren so geizig, daß sie es gar nicht übel nahmen, daß ihnen nur kalte Küche vorgesetzt wurde.

Das Essen begann. Die drei Männer ließen es sich schmecken. Der Bäuerin quoll der Bissen im Munde. Sie vermochte fast nicht, zu schlucken, solche Angst hatte sie. Wie es im Inneren Gisela's aussah, konnte man nicht merken. Sie machte sich mit der Bedienung der Gäste so zu schaffen, daß man ihr keine Besorgniß ansehen konnte. Uebrigens war sie munter und die Farbe ihres Gesichtes hatte sich nicht im mindesten verändert.

Endlich war der Appetit gestillt. Die Messer wurden fortgelegt und Gisela mußte eine Flasche Wein entstöpseln. Nachdem die Gläser gefüllt waren, erhob der Bauer das seinige.

Ein tiefer, tiefer angstvoller Seufzer entquoll der Brust der Bäuerin. Jetzt sollte es beginnen! Die schwerste und wohl auch traurigste Stunde ihres Lebens war da.

»Laßt uns anstoßen,« sagte Kery, »auf das Gelingen unseres jetzigen Vorhabens!«

Was das für ein Vorhaben sei, sagte er freilich nicht. Die Gläser klangen aneinander. Auch Gisela stieß munter mit an. Sie that so, als ob es sich um etwas ihr ganz Willkommenes handle.

»Setze Dich nieder, Gisela,« sagte ihr Vater. »Ich habe mit Dir zu sprechen.«

Sie nahm ihm gegenüber Platz und blickte ihm scheinbar unbefangen und erwartungsvoll ins Gesicht.

»Du bist mein Kind, meine einzige Tochter,« begann er. »Du wirst einmal Alles erben, was wir besitzen, und ich möchte dafür sorgen, daß es nicht in schlechte Hände kommt.«

»Hältst Du denn die meinigen für schlecht?« fragte sie erstaunt.

»Nein, denn Du bist eine brave, fleißige und sparsame Wirthschafterin, wie ich als Dein Vater aufrichtig sagen muß.«


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»Nun, so brauchst Du also gar nicht zu sorgen. Wenn es in meine Hände kommt, ist es eben in guten Händen.«

»Das ist schon wahr. Aber Deine Hände werden nicht immer Dein Eigenthum sein.«

»Wieso?«

»Du wirst heirathen.«

»Daran denke ich nicht.«

»Aber ich muß daran denken. Ich bin Dein Vater und muß Dich versorgen.«

»O, lieber Vater, für mich ist ja gesorgt. Ich erbe einmal Alles und so werde ich also niemals Noth zu leiden haben.«

»Sakkerment! Mach mir keine Flattusen vor! Ich kann das nicht leiden. Du weißt recht gut, was ich denke und was ich will. Du bist in dem Alter, in welchem man sich nach einem Manne umsieht; da Du aber das richtige Geschick und die nöthige Einsicht dazu nicht besitzest, so habe ich an Deiner Stelle für Dich Umschau gehalten. Ich habe Einen gefunden, der für Dich paßt, wie kein Zweiter, und ich hoffe, daß Du Dich nicht weigern wirst, ihm Deine Hand zu reichen, obgleich ich weiß, daß Du ihm eigentlich ein Bischen gram gewesen bist.«

»Gram? Ich kenne keinen Menschen, dem ich gram bin. Es hat mir ja noch Niemand Etwas gethan.«

»Ich weiß aber doch, daß Du ihn nicht leiden kannst.«

»Nicht leiden? Wer ist es denn?«

»Dummheit! Thu nur nicht so, als ob Du es noch nicht wüßtest! Hier sitzt er, der Sohn meines guten Freundes Osec. Willst Du ihm Deine Hand reichen?«

»Ja; hier ist sie.«

Sie gab sie dem jungen Osec hin. Dieser ergriff sie und behielt sie fest. Sie machte auch keine Miene, sie ihm wieder zu entziehen. Das verblüffte ihren Vater einigermaßen. Er warf ihr einen verwunderten Blick zu und fuhr fort:

»Das freut mich, denn eigentlich hatte ich Widerspruch erwartet. Wenn ein junges Mädchen einem Burschen nicht gleich zum Fressen gut ist, so denkt sie, sie muß sich gegen ihn sträuben. Das ist aber eine große Dummheit. Die Liebe kommt mit der Ehe. Davon kann meine Frau auch ein Wörtchen reden. Nicht wahr, Alte, wir haben stets gut und glücklich gelebt?«

»Sehr!« beeilte sie sich, zu antworten. Doch war der Ton, in welchem sie dieses eine Wörtchen aussprach, kein sehr herzlicher.

»Hörst Du es, Gisela!« fuhr er fort. »Ich bin gern aufrichtig mit den Meinigen und so will ichs eingestehen, daß bei mir die eigentliche, wirkliche Liebe erst nach der Hochzeit gekommen ist. So wird es auch mit Dir sein, Gisela. Du wirst Deinen Mann lieb gewinnen.«

»Das glaube ich nicht,« antwortete sie, indem sie that, als ob sie erröthe.

Der Bauer zog die Stirn in Falten und fragte in strengem Tone:


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»Warum glaubst Du das nicht?«

»Vater, Du bist aufrichtig gewesen, und so will ich es auch sein. Bei mir kann die Liebe nicht erst kommen, denn sie ist schon lange da.«

»Wie! Da ist sie schon! Du bist Einem gut! Donnerwetter! Und das sagst Du so offen! Jetzt, wo Dein Bräutigam daneben sitzt!«

»Ja, grad jetzt sage ich es, denn jetzt ist die richtige Zeit dazu.«

»So. Und wer ist es denn, dem Du schon so lange gut bist?«

Er machte bei dieser Frage ein so drohendes Gesicht, daß man wußte, er werde nach der Antwort, welche er von ihr vermuthete, im fürchterlichsten Zorne losbrechen. Aber es kam ganz anders, als er und auch alle Anderen erwartet hatten. Gisela senkte in schüchterner Verlegenheit den Blick und sagte:

»Da brauchst Du doch gar nicht erst zu fragen.«

»Nicht? So! Freilich muß ich fragen. Also heraus damit! Wer ist Der, den Du meinst?«

»Der da natürlich!«

Bei diesen Worten deutete sie auf den jungen Osec. Ihr Vater fuhr vom Stuhle empor. Ihre Mutter schlug die Hände zusammen. Der alte Osec bewegte die finsteren Brauen und sein Sohn rieb sich mit dem Zeigefinger der Rechten die Nase. Er wußte nicht, ob er sich ärgern oder sich freuen solle, denn er war im Unklaren darüber, ob sie die Wahrheit oder die Unwahrheit gesagt habe.

»Mohrenelement!« rief ihr Vater. »Hier wird kein dummer Spaß gemacht!«

Sie blickte ihm sehr ernst in das Gesicht und antwortete:

»Mache ich denn etwa Spaß?«

»Was denn sonst?«

»Ernst.«

»Und das soll ich glauben?«

»Thue, was Du willst.«

»Aber Du hast es ja nie merken lassen, daß Du ihn lieb hast!«

Da lachte sie lustig auf.

»O, Ihr klugen Männer, wie seid Ihr doch in Sachen der Liebe so sehr dumm!«

»Na, bist etwa Du eine so sehr Gescheidte!«

»Daß ich gescheidter bin, als Ihr alle Drei, das hat sich ja doch soeben gezeigt. Ihr habt gedacht, daß ich ihn nicht leiden kann, und doch bin ich ihm bereits als kleines Mädchen schon herzlich gut gewesen.«

Da schlug der Bauer auf den Tisch, sah ganz verwundert zu Osec hinüber und sagte:

»Jetzt brat mir aber Einer einen Storch! Gut ist sie ihm gewesen! Schon von Kindesbeinen an! Und wir Alle haben dagegen geglaubt, daß sie ihn im Magen hat. Wer hätte das gedacht!«

»Das kommt bei Euch Männern und Burschen sehr oft vor. Ihr denkt, es sei Eine ganz verliebt in Euch und dabei lacht sie Euch heimlich aus. Und


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Ihr meint, es könne Euch Eine nicht leiden, und dennoch hat sie die größte Sehnsucht nach Euch.«

»So hast Du wohl auch solche Sehnsucht gehabt, Du Wettermädchen?«

»Einiges kann man wohl verrathen, aber nicht Alles. Das sind Sachen, über welche man nur mit dem Geliebten allein reden kann.«

»Richtig, richtig! Aber wenn es so steht, dann hat ja alle Noth ein Ende! Nicht wahr, Osec? Schänk ein und laß uns einmal auf diesen unerwarteten Ausgang anstoßen!«

Der alte Osec machte ein sehr finsteres Gesicht, griff zur Flasche, goß ihm ein und flüsterte ihm bei dieser Gelegenheit zu:

»Da hast Du es! Jetzt thut sie so; aber den Ludwig meint sie.«

Da verflog im Augenblicke der freudige Ausdruck aus dem Gesicht des Kerybauern. Er schob das Glas wieder von sich und sagte:

»Mädchen, spielst Du etwa Comödie mit uns? Das laß bleiben!«

»Comödie?« fragte sie verwundert. »Wie kommst Du auf diesen Gedanken?«

»Du bist einem Anderen gut und willst den Osec heirathen, um mit dem Anderen recht fröhlich leben zu können.«

Jetzt erglühte sie in Wirklichkeit bis zum Nacken herab. Ihre Augen begannen zu blitzen. Sie erhob sich vom Stuhle und fragte:

»Und wer ist der Unverschämte, der diesen Gedanken ersonnen hat?«

»Das ist Nebensache.«

»Nein, das ist für mich eine Hauptsache. Man traut mir zu, daß ich schon jetzt als junges Mädchen an Dinge denke, die nur eine Scham- und ehrlose verheirathete Frau ausführen kann! Und das muß ich mir von meinem eigenen Vater in das Angesicht sagen lassen? Ist der Kerybauer ein solcher Lump und ist seine Tochter eine solche gewissenlose Dirne, daß man so Etwas wagen kann! Unter diesen Umständen kann ich keinen Augenblick länger hier bleiben!«

Sie wendete sich um und schritt nach der Thür. Ihr Vater eilte ihr nach und hielt sie fest.

»Bleib, Gisela, bleib!« sagte er. »Es war doch nur mein Spaß.«

Da blickte sie ihn fast drohend an und sagte in einem Tone, dessen sie sich noch nie gegen ihn bedient hatte:

»Solche Späße muß ich mir ein für alle Male verbitten. Wenn Du so wenig Ehre besitzest, sie zu machen, so habe doch ich Ehre genug, sie zurückzuweisen. Fühlst Du es denn nicht, daß Du Dich selbst beleidigest, wenn Du mich beleidigest!«

»Laß gut sein, laß gut sein. Setz Dich nur wieder her,« bat er. »Ich hatte es ja gar nicht so gemeint, wie es mir über die Lippen kam. Es hat ja manches Mädchen einen heimlichen Geliebten und heirathet doch einen Anderen.«

»Aber da wird ihr nicht gleich zugemuthet, was Ihr mir zugemuthet habt! Doch will ich mich nicht ärgern. Ich werde es Euch gleich beweisen, daß ich


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an so Etwas mit keiner Sylbe gedacht habe. Meine Wünsche sind ganz andere, viel ernstere, viel frömmere.«

»So bist Du dem Osec also wirklich gut?«

»Ja.«

»Und hast nichts dagegen, daß er Dich auch lieb hat?«

»Es freut mich im Gegentheile sehr, daß ich ihm nicht gleichgiltig gewesen bin. Desto mehr wird er den Schritt zu würdigen wissen, den ich ihm zu Liebe thue.«

»So? Was ist das für ein Schritt?«

»Ihr sollt es gleich hören. Wen man so sehr lieb hat, an den denkt man allezeit. Darum kam es häufig vor, daß ich von ihm träumte. Heute Nacht nun träumte mir, er befinde sich in großer Lebensgefahr. Ich schwitzte und jammerte vor Angst im Traume und wachte darüber auf. Ich war unendlich glücklich, daß es nur ein Traum gewesen war; aber es ahnte mir, daß dieser Traum in Erfüllung gehen werde. Da gelobte ich in meiner Herzensbangigkeit, wenn er aus dieser wirklichen Gefahr errettet werde, wolle ich in das Kloster gehen. Gleich heute schon ist er in das Wasser gestürzt. Er wäre ganz gewiß ertrunken, aber der Ludwig hat ihn gerettet. Mein Traum hat sich erfüllt, und nun soll auch mein Gelöbniß in Erfüllung gehen. Ich führe meinen Vorsatz aus und gehe in das Kloster, aus Liebe zu ihm und aus Dankbarkeit für die Rettung seines theuren Lebens.«

Diese Erklärung brachte eine ungeheure Wirkung hervor, verschieden nach der Verschiedenheit der einzelnen Charactere. Osec, der Vater, fuhr kerzengerade von seinem Stuhle auf, öffnete den Mund weit und starrte die Sprecherin an, als ob er etwas ganz und gar Unglaubliches gehört habe.

Sein Sohn sank in die Lehne des Stuhles zurück und machte ein Gesicht, wie es dümmer unmöglich sein konnte.

»Gisela!« rief die Bäuerin erschrocken. »Was Du da sagst, ist doch nicht etwa wahr?«

»Es ist sehr wahr,« antwortete das Mädchen. »Ich habe es mir reiflich überlegt.«

»Aber ich kann es mir doch gar nicht denken!«

»Du wirst es Dir schon noch denken können, wenn es einmal geschehen ist.«

Der Kerybauer war langsam von seinem Stuhle aufgestanden, hatte denselben mit dem Fuße so kräftig zurückgestoßen, daß er umstürzte, und stand nun mit einem Angesichte da, auf welchem das starre Erstaunen zu lesen war. Er wollte sprechen, brachte aber zunächst nichts hervor, als einige unverständliche Laute. Doch gab er den Anderen mit der Hand einen Wink, nichts zu sagen. Er schluckte und schluckte und stieß endlich mit Anstrengung den Ausruf hervor:

»Bist - Du - ver-rückt!«

Seine Tochter blickte ihn lächelnd an und antwortete:


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»Verrückt? Ist man verrückt, wenn man sich der Frömmigkeit widmet?«

»Der Frömmigkeit? Donnerwetter! Man kann doch fromm sein, ohne in das Kloster zu gehen!«

»Ja. Aber wenn man ein Gelübde gethan hat, muß man es auch halten.«

»Geh zum Teufel mit Deinem Gelübde! Ehe Du ein solches Versprechen ablegen darfst, hast Du mich erst um Erlaubniß dazu zu fragen. Weißt Du das!«

»Nein. Das habe ich nicht gewußt. Ich habe geglaubt, daß man so Etwas nur mit sich selbst abzumachen hat.«

»Wenn man selbstständig ist und keine anderen Verpflichtungen hat, ja. Aber Du hast einen Vater und eine Mutter. Ohne diese Beiden darfst Du absolut nichts thun. Meine Tochter eine Nonne! Dieser Gedanke ist so unglaublich, daß ich eigentlich über ihn lachen sollte, anstatt mich über ihn zu ärgern.«

»Und mir ist er gar nicht so lächerlich, Vater. Ich meine es sehr ernst damit.«

»Unsinn! Diese Geschichte schlage Dir nur getrost aus dem Sinne. Es wird nichts daraus!«

»Aber Vater, bedenke doch, daß es sich um ein Gelübde handelt! Das kann ich doch unmöglich brechen. Einen Meineid schwöre ich nicht.«

»Von einem Meineide ist gar keine Rede. Du magst Dir in Deiner Dummheit vorgenommen haben, ins Kloster zu gehen, der wirkliche Zwang aber, diese Dummheit auch wirklich auszuführen, ist nicht vorhanden. Meine Tochter, das einzige Kind des reichen Kerybauers, eine Nonne! Was sollte aus uns werden, aus mir und der Mutter, wenn ich diesen Unsinn zugeben wollte?«

»Ihr würdet ohne mich ja ganz gut verkommen.«

»Oho! Das ist nicht wahr.«

»Meinst Du, daß der reiche Kerybauer verhungern würde, wenn seine Tochter in das Kloster geht?«

»Nein, denn Geld hat er genug. Aber eben was wird mit dem Gelde, mit dem ganzen Vermögen, wenn Du eine Nonne bist?«

»Das Kloster bekommt natürlich Alles.«

»Mädchen, Du bist wirklich verrückt! Denkst Du, daß ich mich all mein Lebtage geschunden und abgerackert habe, um nun zu sehen, daß Alles, was ich besitze, in solche Hände kommt!«

»Es kann ja in gar keine besseren Hände kommen!«

Sie sagte das so ruhig und gleichmüthig, daß er doppelt aufgeregt wurde.

»Mädchen,« rief er, »bringe mich nicht in Zorn! Du weißt es, daß ich dann kein Guter bin!«

»Wenn Du zornig wirst, so bist Du selbst schuld daran. Du hast es nicht nöthig, denn die Sache ist gar nicht darnach. Es handelt sich um mein Seelenheil. Du solltest mich also lieber in meinem Vorhaben unterstützen, als daß Du Dich gegen die Ausführung desselben sträubst.«


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»Dafür danke ich doch gar schön! Dich auch noch unterstützen und bestärken! Das könnte mir gerade einfallen. Ich bin Dein Vater, und was ich nicht will, das unterbleibt. Du hast mir einfach zu gehorchen.«

»So weit es sich um weltliche Dinge handelt, ja. Hier aber haben wir es mit einer geistlichen Angelegenheit zu thun, und da habe ich mich im Falle eines Zweifels an meinen geistlichen Vater zu werden.«

»Ah! So! Meinst Du etwa unseren geistlichen Herrn, den Pfarrer?«

»Ja.«

»Himmelschock- Der würde freilich sagen, daß Du Dein Gelübde zu halten hast!«

»Davon bin ich überzeugt. Er muß das besser verstehen als wir und darum muß ich seinen Rath befolgen. Ich werde also morgen zu ihm gehen, um mit ihm zu reden.«

Der Bauer stand mit dem Ortspfarrer in keinem guten Einvernehmen. Er war überzeugt, daß derselbe gegen ihn sprechen werde; aber er getraute sich auch nicht, gegen den Willen des geistlichen Herrn zu handeln. Daher befand er sich jetzt in großer Verlegenheit. Es war ihm geradezu unfaßbar, seine Tochter ins Kloster gehen zu lassen, und doch konnte und durfte er sich nicht dagegen sträuben, wenn der Pfarrer darauf bestand, daß Gisela ihren Vorsatz auszuführen habe. Einem solchen Ausspruche gegenüber war er zu machtlos. Diese Erkenntniß verdoppelte seinen Zorn. Darum schlug er mit der Faust auf den Tisch, daß Alles krachte, und rief:

»Zum Satan sollst Du gehen, aber nicht zum Pfarrer! Das leide ich nicht. Lieber sperre ich Dich ein, bis Du auf andere Gedanken gekommen bist. Eine Himmelsbraut willst Du sein? Das bilde Dir nur ja nicht ein. Du bist des Osec Braut. Das will ich und dabei hat es zu bleiben. Jetzt weißt Du meinen Willen, und wenn Du nicht nach demselben handeln willst, so werde ich mir Gehorsam zu verschaffen wissen!«

Er stand in drohender Haltung vor seiner Tochter und hatte die Hand erhoben, als ob er sie schlagen wolle. Seine Frau fiel ihm in den Arm und bat:

»Mann, beherrsche Dich! Du wirst doch nicht in Gegenwart fremder Leute Deine Tochter schlagen wollen!«

»Warum nicht?« antwortete er. »Wenn sie nicht gehorchen will, muß sie gezüchtigt werden. Ob da Andere dabei sind, das ist mir sehr egal.«

Gisela ließ keine Spur von Furcht blicken. Sie wich nicht vor ihm zurück. Im Gegentheile, sie trat noch näher, zog die Mutter vom Vater fort und sagte:

»Aengstige Dich nicht, Mutter. Er wird mich nicht mißhandeln. Wenn er das thäte, würde ich ihm zeigen, daß ich seine Tochter bin.«

»So!« rief er aus. »Und wie würdest Du mir das zeigen?«

»Dadurch, daß ich augenblicklich das Haus verließe. Ich bin kein Kind mehr, welches man schlagen darf.«

»Oho! Ich bin der Vater und kann Dich strafen, wie es mir beliebt!«


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»Und ich kann darauf thun, was mir recht dünkt. Du hast einen harten Kopf. Nun wohl, ich hab den meinigen von Dir geerbt, aber ohne das Dir bisher zu zeigen. In Liebe und Güte laß ich mit mir sprechen, zwingen aber kann mich kein Mensch, selbst mein Vater nicht, wenn ich mir einmal vorgenommen habe, Etwas zu thun, was ich für richtig halte.«

»Soll ich Dir etwa gute Worte geben!«

»Nein, das verlange ich nicht. Ich erwarte nur, daß Du nicht in der Aufregung handelst und Dir die Sache überlegst, ehe Du ein Machtwort sprichst.«

»Hier giebt es gar nichts zu überlegen.«

»O doch! Die Angelegenheit ist von solcher Wichtigkeit, daß man sie sich gar wohl überlegen muß. Ich habe Dir meinen Entschluß mitgetheilt und ich bitt Dich, daß -«

»Und Du hast den meinigen gehört,« unterbrach er sie. »Wir sind also fertig. Mein Entschluß gilt mehr als der Deinige.«

»Möglich, nur muß das eben erst überlegt werden. Ich will Dir den Willen thun, nicht gleich zum Pfarrer zu gehen. Ich will über die Sache noch nachdenken. Vielleicht gebe ich meinen Vorsatz freiwillig auf, wenn ich nicht gedrängt und zu einem raschen Schritte gezwungen werde. Du siehst ein, daß ich nicht geradezu auf meinem Willen bestehe. Nun versuche aber auch nicht, den Deinigen augenblicklich durchzusetzen. Gieb mir eine Bedenkzeit!«

Er nahm eine etwas friedfertigere Haltung an, knurrte aber:

»Da soll also wohl aus der heutigen Verlobung nichts werden?«

»Allerdings nicht. Wir müssen sie aufschieben, bis ich mich besonnen habe.«

»Sakkerment! Es war aber doch bereits für ganz sicher ausgemacht!«

»Es hast schon Manches Aufschub erleiden müssen, was ganz fest ausgemacht zu sein schien. Ob die Verlobung heute stattfindet oder vierzehn Tage später, das wird Keinen von uns unglücklich machen. Gehst Du auf die Verzögerung ein, so ists gut. Willst Du mich aber mit Gewalt zur Braut machen, so gebe ich mein Jawort nie dazu. Du hast die Wahl. Du kannst also nun thun, was Dir beliebt.«

In dieser festen, selbstbewußten Weise hatte seine Tochter noch nie mit ihm gesprochen. Er sah ihr ins Gesicht, mehr erstaunt, als zornig, schüttelte den Kopf und sagte:

»Mädchen, Du bist ja auf einmal wie ganz umgewechselt! Dich kenne ich gar nicht mehr.«

»Kannst mich aber sehr bald kennen lernen. Die Gelegenheit ist dazu da.«

Er wollte auf diese Worte hin wieder aufbrausen. Seine Frau fiel ihm in begütigendem Tone in die Rede und bat ihn, den Wunsch Gisela's zu erfüllen. Da wendete er sich fragend an den alten Osec:

»Was sagst Du dazu? Welches ist denn Deine Meinung?«

Der Gefragte kratzte sich den Schädel und antwortete:

»Hm, das ist eine verteufelte Geschichte. Mir scheint, als ob man da


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gar keine eigene Meinung haben dürfe. Das habe ich heute nicht erwartet. Ich war ganz sicher, daß wir einig werden würden.«

»Das scheint doch nicht ganz so,« antwortete Gisela.

»Warum?«

»Die Mutter des Bräutigams hat kommen wollen, ist aber doch nicht eingetroffen.«

»Sie wird abgehalten worden sein.«

»Bei einer so wichtigen Angelegenheit darf man sich nicht abhalten lassen. Wenn sie es nicht für der Mühe werth hält, bei der Verlobung ihres Sohnes gegenwärtig zu sein, so macht sie sich entweder gar nichts aus der Sache oder sie hat eben gedacht, daß es mit dem Gelingen doch noch nicht ganz sicher sei. Mir ist es freilich lieb, daß sie nicht gekommen ist. Da braucht sie nun nicht unverrichteter Sache fortzugehen. Also, Vater, sag: Aufschub oder nicht?«

Auf diese Weise in die Enge getrieben, antwortete er ärgerlich:

»Es ist wirklich eine ganz und gar verdammte Geschichte. Das ganze Dorf weiß es ja bereits, daß heute die Verlobung sein soll.«

»Daran bin ich nicht schuld. Ich habe es keinem Menschen gesagt. Wäre ich vorher gefragt worden, so wäre es ganz anders gekommen. Uebrigens kann es den Leuten sehr gleichgiltig sein, ob ich einige Wochen früher oder später einen Mann bekomme.«

»Aber bekommen wirst Du ihn. Ich gehe nicht davon ab. Ich will heute ausnahmsweise einmal mit mir reden lassen, denn ich glaube wahrhaftig, daß es Dir einfallen würde, Widerstand zu leisten. Aber meinen Willen setze ich doch durch. Vierzehn Tage Zeit sollst Du haben, länger aber nicht. Merke Dir das. Es ist doch wahr, wenn so ein Weibsbild sich einmal das Kloster in den Kopf gesetzt hat, so ist es nur mit zehn Pferden davon abzuhalten.«

Er setzte sich wieder nieder, stemmte den Kopf in beide Hände und starrte die beiden Osec's an. Der Jüngere fühlte sich einigermaßen unheimlich. Er wendete sich in einem beinahe kläglichen Tone an Gisela:

»Du sagtest doch vorhin, Du hättest mich lieb!«

»Ja.«

»Und nun magst Du nichts von mir wissen. Das reimt sich doch gar nicht zusammen.«

»Es reimt sich gar wohl. Gerade aus Liebe zu Dir habe ich das Gelübde gethan.«

»Na, das ist sehr unnöthig! Aus Liebe braucht man doch nicht zu entsagen. Oder hast Du etwa Etwas an mir auszusetzen?«

»Gar nichts,« lachte sie. »So wie Du bist, bist Du mir ganz recht. Ich brauche einen Mann, der nach meiner Pfeife tanzt.«

Jetzt machte er ein wirkliches Schafsgesicht und stotterte ganz betreten:

»Nach Deiner Pfeife tanzt? Denkst Du denn, daß ich das thun würde?«

»Ja, das denke ich. Du hast ja heute bewiesen, daß Du ein seelensguter Gottfried bist.«


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»Himmeldonnerwetter! Das möchte ich mir doch verbitten!«

»Pah! Thu nur jetzt nicht so kräftig! Es war doch nichts als die reine Nachgiebigkeit und Herzensgüte, daß Du nicht mit mir getanzt hast. Ich hatte mich heimlich gefreut, mit Dir eine Tour machen zu dürfen. Wir wollten auch einige Male bereits anfangen, aber Du hast alle Male gleich wieder aufgehört.«

»Weil die Musik aufhörte!«

»Ja, warum hast Du das gelitten? Eben weil Du es Dir gefallen ließest, bin ich überzeugt, daß Du einmal ein guter Mann sein wirst, den man um den Finger wickeln kann.«

»Hörst Du das, Vater?« fragte der Junge den Alten. »Sollte man so Etwas denken?«

»Ja, glauben sollte man es nicht, wenn man es nicht hörte. Oder will sie Dich etwa nur foppen? Das wollen wir doch nicht hoffen!«

»Fällt mir nicht ein,« antwortete Gisela. »Ich werde mich doch über den mir bestimmten Bräutigam nicht lustig machen! Wenn es möglich wäre, daß ich das könnte, so hätte mir der Vater einen schönen Kerl bestimmt. Also aus der Verlobung wird heute nichts. Und da ist meine Gegenwart nun auch nicht mehr unumgänglich nöthig. Ich muß einmal hinab, um nach dem Gesinde zu sehen.«

Sie ging. Die Bäuerin folgte ihr nach, ergriff sie bei der Hand und fragte besorgt:

»Gisela, sei aufrichtig! Willst Du wirklich in das Kloster?«

Da lachte das Mädchen hell auf und antwortete:

»Fällt mir ganz und gar nicht ein!«

»Gott sei Dank! Wie aber kommst Du auf den Gedanken, so zu sagen? Ich bin darüber so erschrocken, daß es mir noch jetzt in allen Gliedern liegt.«

»Du siehst ja nun, was ich damit bezweckte: einen Aufschub. Ich habe meine Absicht erreicht.«

»Aber es wird Dir doch nichts helfen. Der Vater wird Dich doch noch zwingen.«

»Warten wir das ruhig ab. Zeit gewonnen, viel gewonnen. Wer weiß, was in diesen vierzehn Tagen Alles passiren kann. Auf keinen Fall werde ich die Frau dieses Menschen. Es muß sich ein Mittel finden, von ihm loszukommen. Hilf mir mit nachdenken.«

Sie machte sich von der Mutter los und ging, aber nicht, um nach dem Gesinde zu sehen, wie sie gesagt hatte, sondern - nach dem Garten.

In welcher Absicht sie ihre Schritte dorthin lenkte, das konnte sie sich selbst nicht sagen. Vielleicht wollte sie in der frischen Abendluft ihre aufgeregten Pulse beruhigen. Vielleicht auch dachte sie an Ludwig, welcher, wie zu erwarten stand, nun bald aus dem Gasthofe zurückkehren mußte.

Wenn sie diesen Gedanken gehabt hatte, so zeigte es sich sogleich, daß sie sich nicht geirrt hatte, denn sie war kaum in den Garten getreten, so hörte sie


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Schritte, welche sich von der Außenpforte her näherten. Ludwig kam mit seiner Mutter.

Es war nicht hell, aber Gisela erkannte ihn bereits von Weitem an seinem Schritte. Sie ging den Beiden entgegen und sagte:

»Recht, daß Ihr kommt. Das Abendessen ist längst vorüber. Geht in die Stube. Dort steht Euer Mahl.«

»Danke,« antwortete der Knecht. »Wir haben im Gasthofe gegessen.«

»Wohl weil der Vater zu geizig ist, einem fremden Gaste etwas zu geben?«

»Vielleicht, ja. Aber auch aus dem Grunde, daß die Mutter gleich schlafen gehen kann. Sie ist müde. Wo sind die Osec's jetzt?«

»Oben in der guten Stube.«

»Hm! Da weiß man also, was geschehen ist. Darf man vielleicht gratuliren?«

»Ja.«

Diese Antwort hatte er nicht erwartet. Er deutete sie natürlich so, als ob die Verlobung stattgefunden habe, und erschrak darüber.

»So hast Du also doch Ja gesagt?« fragte er.

»Nein.«

»Nicht? So bist also gar nicht fragt worden? Das ist noch schlimmer!«

»O, man hat mich allerdings gar nicht fragen wollen, aber ich habe es mir nicht gefallen lassen. Aus dem Verspruch ist nichts geworden.«

»Was sagst Du?« fragte er schnell. »So bist also noch nicht die Braut?«

»O nein. Und ich werde sie wohl auch niemals sein.«

»Aber dennoch hast sagt, daß ich Dir gratuliren könnt. Da hab ich mir dacht, daß der Verspruch gehalten worden sei.«

»Eben daß nichts daraus geworden ist, dazu hast Du mir gratuliren sollen.«

Seine Mutter war nicht mit stehen geblieben. In ihrer bescheidenen, rücksichtsvollen Weise war sie langsam weiter gegangen. Darum rief er ihr, einem augenblicklichen Impulse folgend, mit gedämpfter Stimme nach:

»Geh hinauf in meine Kammer, Mutter, und leg Dich nieder. Ich komm nachher auch noch auf eine Minut hinaufi.«

Sie folgte dieser Aufforderung und entfernte sich. Er stand bei Gisela, wollte zu ihr sprechen und doch fiel ihm kein Wort ein, mit welchem er beginnen solle. Sie begann vorwärts zu schreiten und er hielt sich an ihrer Seite, bis sie die bereits beschriebene Bank erreichten. Dort blieb das Mädchen stehen und sagte:

»Hier war es, wo Du mir heute gegen ihn geholfen hast.«

»Ist Dir das lieb gewest?«

»Sehr lieb, sehr. Ich habe Dir recht herzlich zu danken, daß Du auf dem Saale so gut für mich gesorgt hast.«


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»Brauchst nicht zu danken. Das Wenige, was in meiner Macht stand, hab ich gern gethan. Das Meiste hat dera Musikdirector gemacht.«

»War es denn verabredet, daß die Musik allemal aufhören mußte, sobald der Osec mit mir tanzen wollte?«

»Ja. Das war das Allerbeste, was geschehen konnte. Alles Andere wäre gefährlich gewest, denn ich hätt Dich so viele Male vorengagiren müssen, daß Dein Vatern ganz gewiß zuletzt gar grimmig worden wäre.«

»Das ist er auch so bereits. Einen schönen Dank kann ich Dir freilich nicht geben. Wenn Hochzeit geworden wäre, so hättest Du doch wenigstens einen guten Tag gehabt, nun aber wird leider nichts daraus.«

»Sprich nicht von einem guten Tag. So einen Tag möcht ich gar nicht haben. Aber wie ist es denn kommen, daß Dein Vatern von seinem Vorhaben abgewichen ist?«

»Er hat müssen, denn ich geh in das Kloster.«

»Himmelsakra!«

Er fuhr bei diesem Ausrufe gleich um einige Schritte zurück.

»Das erschreckt Dich wohl?« fragte sie.

»Beinahe sehr!«

»Warum?«

»Weil - weil - Du bist doch Keine, die ins Kloster gehört.«

»Wohin denn sonst?«

»Du gehörst heraus ins Leben. So Eine wie Du kann verlangen, glücklich zu sein.«

»Das kann ich doch auch im Kloster werden!«

»Meinst das wirklich?«

»Ja,« antwortete sie, sich auf die Bank niedersetzend.

»Oder denkst Du vielleicht, daß es da kein Glück geben kann?«

»Ja, davon versteh ich halt nix. Ich bin kein frommer Klaußner oder Einsiedler. Ich kann mir aberst gar nicht denken, daß es in dera Klosterzellen so schön ist, daß man solche Sehnsucht haben darf, hinein zu kommen.«

»Und ich hingegen kann es mir denken. Darum sehne ich mich hinein.«

»Ists Dein Ernst?«

»Natürlich.«

»O Jerum! Da ists aber doch jammerschad!«

»Um was?«

»Um Dich!«

»Warum?«

»Weil - weil - ja, das kann ich Dir so gar nicht sagen.«

»Ich denke, daß Du es mir recht gut sagen könntest, wenn Du nur wolltest.«

»Das ist weit gefehlt.«

»Ists so schwer zu sagen?«

»Ja, weil man kein Herz dazu hat.«

»Du bist doch sonst nicht so furchtsam!«


// 1382 //

»Da hast freilich Recht. Ich fürcht mich vor dem Teuxel nicht, und nun möcht ich mich gar vor - vor - vor einem Engel fürchten.«

»Wer ist dieser Engel? Wo ist er?«

»Der ist - hm, ich denk, er wird halt nicht gar weit von hier sein.«

»Ich sehe ihn nicht. Du sprichst in Räthseln. Komm, setze Dich mit her zu mir und rede so, daß ich Dich verstehen kann.«

Es überlief ihn glühend heiß. Jetzt, im Abenddunkel, sollte er sich neben sie setzen. Er zögerte, es zu thun.

»Nun,« sagte sie, »Du magst wohl nicht gern neben mir sein?«

Jetzt nun ließ er sich an ihrer Seite nieder und antwortete:

»Da kannst mich mit dieser Frage grad ganz aus dem Häusle bringen. Ich möcht wohl wissen, wer sich nicht gern zu Dir setzen thät. Es gäb im Gegentheil gar Manchen, der da neben Dir sitzen möcht all sein Leben lang.«

»Kennst Du vielleicht einen solchen?«

»Ja.«

»Wer ist es?«

»Dera Osec.«

»Schweig von diesem! Ich mag von ihm nichts wissen.«

»Das ist sehr schön und gut, daßt von ihm nix wissen magst; aberst mußt denn derohalben nun gleich partoutement ins Klostern gehen?«

»Ja. Es giebt kein anderes Mittel, von ihm loszukommen.«

»Das denkst blos nur. Es giebt noch andera Mittel und Weg. Brauchst Dich nicht gleich fürs ganze Leben eingraben zu lassen.«

»So sei so gut und nenne mir einen solchen Weg!«

»Das kann ich schon. Du brauchst doch nur Deinem Vatern zu sagen, daßt den Osec nicht magst.«

»Das habe ich auch gethan, aber es hat mir nichts geholfen. Der Vater will mich zwingen.«

»Da hat er weit gefehlt. Das kann er nicht. Er kann Dich doch nicht mit aller Gewalt hin ans Altar schleppen.«

»Das kann er nicht. Aber er kann mich durch sein Verhalten so weit bringen, daß ich auf die Heirath eingehe, um nur Ruhe und Frieden zu haben.«

»Ja, wannst so gar weich bist, daßt Dich auf diese Weise zwingen läßt, so ists allerdings gefehlt von mir. Aberst ich hab mir immer denkt, daßt auch aufitreten kannst, wannst nur erst einmal willst.«

»So? Das hast Du Dir gedacht? Da magst Du Recht haben. Was ich mir einmal eingebildet habe, das muß geschehen. Jetzt nun bin ich fest entschlossen, in das Kloster zu gehen, und ich werde mich auch nicht davon abbringen lassen. Du freilich meinst, daß es schade um mich sei; aber warum es schade ist, das hast Du mir noch nicht gesagt.«

»Weilst so ein gar schöns und feins Dirndl bist.«

»Das denkst Du nur.«


// 1383 //

»O nein! Du bist halt eine bildsaubere und eine gar gute dazu. Ich hab mir immer denkt, daß - daß -«

»Sprich weiter! Was hast Du Dir gedacht?«

»Ich hab mir denkt, daß Derjenige, der Dich einmal zur Frau bekommt, ganz gewiß mit keinem Andern tauschen thät.«

»Vielleicht grad ganz gern.«

»O nein, o nein, mit keinem Millionär, mit keinem König und keinem Kaiser!«

Er hatte im Eifer seine Stimme erhoben.

»Nicht so laut!« warnte sie. »Es brauchts Niemand zu hören, daß wir hier sitzen und daß Du mir solche Schmeichelhaftigkeiten sagst.«

»Das ist keine Schmeicheleien, sondern die reine Wahrheiten! Ich hab nie ein Dirndl kennt, welches sich hätt mit Dir messen können.«

»Ludewig, jetzt flunkerst Du!«

»Das fallt mir gar nicht ein. Ich kanns gleich beschwören, daß ich die Wahrheit sag. Du bist die Allerschönst in dera ganzen Gegend.«

»Aber in München, wo Du so lange Zeit als Soldat gewesen bist, da giebt es doch weit Schönere.«

»Ja, es ist verteuxeli, was es in München für Blitzdirndln giebt; aberst Du bist mir halt doch noch lieber als -«

Er hielt erschrocken inne, denn er bemerkte, daß in den Worten, welche er sagen wollte, eine ganz regelrechte Liebeserklärung lag.

Sie war heimlich vergnügt über seine Verlegenheit. Es war für sie ein so glückliches Gefühl, so neben ihm zu sitzen, zu wissen, daß er sie so lieb hatte, und doch zu beobachten, wie er sich Mühe gab, von seiner Liebe nichts merken zu lassen. In neckischem Tone fragte sie:

»Warum redest Du immer nicht ganz aus? Was hast Du sagen wollen? Daß ich Dir lieber bin als diese Münchnerinnen?«

»Nein, das hab ich nicht sagen wollt,« antwortete er sehr rasch und in besorgtem Tone. »Das ganz gewiß nicht.«

»Also sind Dir die Münchnerinnen lieber?«

»Das auch nicht.«

»Nun, was ist denn das Richtige, wenn beides nicht richtig ist?«

»Ja, wann ich, wann ich - wann - Himmelsakra! Es giebt eben auf dera Welt zuweilen Dinge, von denen man nicht so recht reden darf.«

»Ich verbiete es Dir doch nicht.«

»Du nicht, aberst es ist schon ohnedies verboten. Weißt, wann ich ein Anderer wär, nachhero könnt ich eher sprechen.«

»Und was würdest Du da sagen?«

»Wann ich so Einer wär, der nur so in denen Geldsack hineingreifen könnt, ein gar reicher und hübscher und schneidiger, da thät ich sagen, daß es kein schöneres Dirndl giebt als die Gisela auf dem Keryhofe.«

»Das darf also nur so Einer sagen?«

»Ja, ein Armer nicht.«


// 1384 //

»Warum denn nicht? Darf ich denn keinem Armen gefallen?«

»Nein, das darfst nicht. Was thät Dein Vatern dazu sagen!«

»Was sollte er sagen? Gar nichts. Ist es etwa eine Beleidigung für ein reiches Mädchen, wenn es auch einem armen Burschen gefällt?«

»Nein. Gefallen darf er an ihr finden, aberst mehr nicht. An die Liebe und gar an die Heirath darf er nicht denken.«

»Und doch kommt es so häufig vor, daß ein Reicher eine Arme oder ein Armer eine Reiche heirathet.«

»Aberst auf dem Keryhofe kann das nicht stattfinden.«

»So hältst Du mich wohl für stolz?«

»Nein, stolz bist nicht, aberst auf Deinen Stand hältst doch auch.«

Es war nicht zu verwundern, daß er diese Ansicht von ihr hegte. Sie hatte sich ihm bisher nicht genähert. Sie hatte ferner nur mit wenigen anderen Mädchen Umgang gepflogen. Ihr Leben war ein kaltes, zurückgezogenes gewesen. Sie hatte die Liebe zu ihm im Herzen getragen, ohne sich derselben bewußt zu sein, und erst heute, als sie ihn belauschte, war sie zu der Erkenntniß gelangt, daß in ihrem Busen ein mächtiges Gefühl lebte, ein Gefühl, von dessen Seligkeit sie bisher keine Ahnung gehabt hatte.

»Ja, auf meinen Stand halte ich,« antwortete sie. »Das ist der Bauernstand. Aus ihm hinaus würde ich nicht heirathen. Mein Mann müßte ein Bauer sein.«

»Und zwar ein recht geschwollener, der die Guldenstuckerln gleich mit dem Scheffel messen kann.«

»O nein! Das habe ich nicht nöthig. Es kann auch ein Armer sein.«

»Da machst wohl einen Spaß?«

»Nein, sondern es ist mein Ernst. Ich habe zuweilen daran gedacht, wie schön es sein müsse, einem braven Burschen sein Herz schenken zu dürfen. Und doppelt glücklich müßte man sein, wenn derselbe arm, recht arm wäre, und man ihm zu der Liebe auch noch ein recht großes Vermögen geben könnte.«

Er schwieg. Es entstand eine Pause, nach welcher er fast ganz leise fragte:

»Das hast wirklich dacht?«

»Ja, sehr oft.«

»So bist ein doppelt braves Dirndl.«

»Und wenn ich daran gedacht habe, so hat mir dieser Gedanke so gut gefallen, daß ich mir schließlich vorgenommen habe, nur einen Armen zu heirathen.«

»Ja, das glaub ich schon. Wann man ein junges Dirndl ist, so macht man sich solche gar schöne Vorsätzen. Aber nachhero im Leben wirds ganz anderst.«

»Das glaube ich nicht.«

»Wirsts schon noch glauben lernen. Wann so ein Armer käm, den würdest schön anschaun, daß er es wagt, seine Augen zu Dir empor zu heben.«

»Es käme ja darauf an, ob ich ihn lieb haben könnte oder nicht.«

»Also, wannst ihn leiden könntst, so nähmst ihn trotz seiner Armuth?«


// 1385 //

»Ganz gewiß.«

»Aberst wann er nun nicht blos ein Armer wär, sondern ein gar Geringer?«

»Das wäre mir gleich.«

»Etwan ein Knecht blos?«

»Daran würde ich mich nicht stoßen, wenn ich ihn nur lieb haben könnte. Leider aber sind das unnütze Gedanken, weil ich in's Kloster gehe.«

»Das wirst Dir doch vorher überlegen.«

»Ja. Der Vater hat mir vierzehn Tage Bedenkzeit gegeben. Ist diese Zeit vorüber, so muß ich entweder ins Kloster oder den Osec heirathen.«

»Das ist ja eine ganz verteufelte Geschichten!«

»Welches von Beiden würdest Du wählen?«

»Da fragst mich halt zu viel. Ich an Deiner Stell thät keins von Beiden machen.«

»Es bleibt mir nur diese Wahl, keine andere.«

»Dann sag ich freilich, daßt lieber ins Kloster gehen sollst, als den Osec heirathen. Wannst im Klostern nicht glücklich wirst, so bist doch wenigstens auch nicht grad unglücklich. Das aberst würdest als die Frau dieses Kerlen sicherlich werden.«

»Schön! Das habe ich wissen wollen, Ludwig. Auf Dein Wort gebe ich sehr viel, und nun Du entschieden hast, habe auch ich entschieden. Ich gehe also in Kloster.«

»Sapperloten!« fuhr er auf. »So ists nicht gemeint gewest. Nach mir sollst Dich halt doch nicht richten.«

»Und grad nach Dir will ich mich richten. Ich weiß, daß Du das Beste triffst.«

»Da möcht ich gleich auch ins Klostern hinein.«

»Das wäre nicht unmöglich. Es müssen doch auch Mönche sein.«

»Natürlich müssen welche sein und ich hätt gar nicht übel Lust, einer zu werden, wann ich nur nicht für meine arme Muttern und Schwestern zu sorgen hätt.«

»Ist Dir denn das Leben so verleidet?«

»Jawohl, gar sehr.«

»Ah! Davon habe ich keine Ahnung gehabt. Was ist denn geschehen, daß Du mit der Welt so zerfallen bist?«

»Etwas, was ich nimmer verwinden kann.«

»Darf ichs erfahren?«

»Ja, ich kanns schon sagen, denn das schadet Dir nix und mir auch nix. Ein Dirndl ist schuld, daß ich am Liebsten gleich sterben möcht.«

»Ein Dirndl! Schau, so ein Versteckter und Heimlicher, wie Du bist! Ein Dirndl hast Du also gehabt und Niemand hat Etwas davon erfahren.«

»Von solchen Sachen redet man nicht.«

»Wars in München?«

»Nein.«


// 1386 //

»Aber doch drüben in Bayern?«

»Auch nicht.«

»So wohl gar hier in Oesterreich?«

»Ja, da ists; hier in Böhmen.«

»Wohl gar hier im Ort, in Slowitz?«

»Das darf ich nicht sagen.«

»So! Kenne ich sie?«

»Ja, kennen thust sie.«

»Das ist mir sehr interessant. Ist sie Dir denn untreu worden?«

»Nein.«

»Und dennoch möchtest Du am Liebsten sterben. Was hat sie Dir denn gethan?«

»Nix, gar nix. Sie weiß ja gar nicht, wie lieb ich sie hab.«

»Ah, Du hast es ihr wohl noch gar nicht gesagt?«

»Kein Wort.«

»So begreife ich Dich nicht. Du bist doch sonst kein scheuer Bursche. Warum sagst Du es ihr denn nicht? Hat sie bereits einen Andern?«

»Nein. Sie hat noch nie einen Schatz habt.«

»So kannst Du doch mit ihr sprechen.«

»Das geht nicht. Weißt, sie ist eine sehr Schöne, so schön, daß ich sie Dir gar nicht beschreiben kann.«

»Das ist gar kein Grund. Du bist ja auch nicht häßlich.«

»Aber auch nicht schön.«

»O, was das betrifft, so wollen wir uns nicht streiten. Ein Mann braucht nicht schön zu sein. Und Du bist gerade ein prächtiger Bursch, mit dem sich jede Frau sehen lassen könnte.«

»Und jung ist sie.«

»Du bist auch kein Greis.«

»Und Bildung hat sie auch. Sie ist viel besser und klüger als die andern Dirndln.«

»Dafür bist Du Unteroffizier gewesen. Klüger ist sie wohl nicht als Du.«

»Vielleicht nicht. Aberst reich ist sie, sehr reich.«

»Und Du bist brav und arbeitsam. Du verstehst Dein Fach. Das ist ebenso gut wie Geld, vielleicht noch besser.«

»Ja, wast sagst, das klingt recht gut. Aberst es ist doch eine Sach, die einen Haken hat.«

»Das denkst Du blos. Ein Unteroffizier sollte sich nicht scheuen, mit einem Mädchen zu sprechen.«

»Weißt, das verstehst halt nicht. Im Kugelregen kann ich ruhig stehen; das hab ich wohl bewiesen und das eiserne Kreuz hab ich dafür bekommen. Wann jetzund zehn Franzosen auf mich eini kämen, so thät ich mich vertheidigen, ohne mich zu fürchten; aberst in zwei schöne Augen schauen und von dera Liebe sprechen, ohne genau zu wissen, ob man das Dirndl auch wirklich lieb haben darf, das ist halt eine ganz andere Sachen.«


// 1387 //

»Da fürchtest Du Dich also?«

»Beinahe.«

»Und zitterst wohl sogar?«

»Nein, das Zittern bekomm ich freilich nicht. Weißt, man kann es nicht beschreiben, wie es Einem dabei ist. Das Dirndl ist Einem so lieb, so theuer, so heilig, daß man ganz besorgt ist, es mit einem Wort zu kränken und zu beleidigen. Lieber sagt man gar nichts und schweigt still.«

»Aber wenn Alle so wären wie Du, dann käme ja gar keine Ehe zu Stande. Du willst nicht eher mit Deiner Geliebten reden, bis Du genau weißt, daß auch sie Dich lieb hat. Wie aber willst Du das erfahren, wenn Du sie nicht darum fragest?«

»Ja, da hast ganz Recht. Das ist eine ganz armselige Geschichten. Wanns nur nicht gar so sehr reich wär.«

»Das thut ja nichts!«

»Vielleicht bei ihr; aber ihr Vatern - -«

»Der ist wohl ein Schlimmer?«

»Ein gar Stolzer ist er. Der würde seine Tochter niemals einem armen Knecht geben.«

»Vielleicht doch, wenn er sieht, daß sie den Knecht lieb hat.«

»Auch dann nicht. Er thät vielmehr den Knecht sogleich fortjagen.«

»Fortjagen? So? Dient denn der betreffende Knecht bei ihm?«

Ludwig erkannte, daß er sich jetzt so ziemlich verschnappt habe. Er lenkte schnell ein:

»Das hab ich nicht sagt. Es ist nur so ein Beispielen, welches ich bracht hab, um Dir die Sach richtig zu derklären.«

»Ach so! Nun, dennoch ist es gut, daß Du davon gesprochen hast. Da Du vom Davonjagen redest, so fällt mir dabei etwas ein, was ich Dir sagen muß. Nämlich mein Vater will Dir kündigen.«

»Sapperlot!«

»Das erschreckt Dich wohl? So thut es mir leid. Aber ich habe gedacht, es sei besser, es Dir zu sagen.«

»Hast ganz recht than. Ich hab mir so was denkt. Nach dem, was heut vorkommen ist, konnt ichs ahnen, daß ich nicht mehr bei Euch bleiben darf.«

»Daran bin ich allein schuld. Hätte ich nicht gebeten, daß Du mit mir tanzen mögest, so hättest Du Dich nicht mit dem Vater überworfen.«

»Brauchst Dir nix draus zu machen; ich mach mir auch nix draus.«

»Daß Du fortgehst von uns? Höre, das ist kein Compliment für uns. Du bist so lange bei uns gewesen und nun gehst Du mit so leichtem Herzen fort?«

»Davon ist keine Red. Mit schwerem Herzen geh ich fort, aberst nicht mit leichtem. Dennoch brauch ich mir nix draus zu machen, denn blieben wär ich doch nicht.«

»Warum nicht?«

»Wannst den Osec heirathest, geh ich fort, und wannst ins Klostern gehst,


// 1388 //

mag ich auch nicht bleiben; also es konnt kommen, wie es wollt, ich wär auf alle Fäll gegangen. Daß es nun so bald geschieht, das thut mir weh, aber schlimmer wird die Sach dadurch halt nicht.«

»Also auch weil ich in's Kloster gehe, magst Du nicht bleiben?«

»Ja.«

»Warum denn grad darum?«

»Weil ich nachhero, wannst nicht mehr da bist, gar keine Freud mehr hab an dera Arbeit.«

»Das klingt ja grad so, als ob Du nur um meinetwillen bei uns dientest?«

»Halt, so wars nicht gemeint. Wie könnt ich so was sagen. Da würdst mich gar sehr schön heimleuchten.«

»O nein. Es würde mich im Gegentheile herzlich freuen.«

»Meinst?«

»Ja. Ich nehme ja sehr Antheil an Dir. Das beweise ich Dir übrigens auch dadurch, daß ich Dir sage, daß mein Vater Dir kündigen will. Ich will nicht haben, daß Dir gekündigt wird. Jetzt weißt Du, woran Du bist, und kannst nun dem Vater kündigen, ehe er Dir es thut. Das ist ein Vortheil für Dich. Und sodann möchte ich Dir auch noch einen Gefallen thun, wenn Du mit darauf eingehen willst.«

»Sage es, welchen?«

»Kann ich es wirklich nicht erfahren, wer es ist, die Du lieb hast?«

»Nein, das kann ich nicht sagen.«

»Schade. Du sagst, daß ich sie kenne. Hättest Du mir ihren Namen genannt, so könnte ich sie einmal aushorchen, was sie von Dir denkt.«

»Das ist nicht nöthig. Was sie denkt, das weiß ich bereits.«

»So? Nun, was denkt sie denn?«

»Daß ich ein braver Knecht bin.«

»Weiter nichts?«

»Nein, weiter gar nix.«

»Vielleicht erwidert sie Deine Liebe, ohne daß Du eine Ahnung davon hast.«

»Nein, sie hat mich nicht lieb, das weiß ich. Sie kann mich gar nicht lieb haben, denn sie ist in jeder Beziehung besser und höher als ich. Meine Lieb ist eine unglückliche.«

»So gehe hin und suche Dir eine Andere.«

»Meinst das im Ernst?«

»Ja.«

»Da kennst mich freilich schlecht. Ich bin kein Strumpf, den man umi numi wenden kann, ganz so, wie es beliebt. Ich hab das Dirndl lieb und werd niemals eine Andere lieb haben können.«

»So wirst Du also nie heirathen?«

»Niemals.«


// 1389 //

»Das darfst Du nicht verreden. Der Mensch ist nicht allwissend; er weiß nicht, was später kommt.«

»Nein; aberst was heut ist, das weiß er. Und so weiß ich auch, daß meine Liebe so groß ist, daß eine andere gar keinen Platz finden könnt.«

»Und hast Du auch vorher keine Andere lieb gehabt?«

»Nein. Sie ist meine Erste und Einzige.«

»Dann bedaure ich Dich, lieber Ludwig. Ich gönne es Dir herzlich gern, daß Du glücklich werden möchtest. Da es aber so steht, so wird es wohl so werden, wie Du sagst: Du wirst einsam durch das Leben gehen.«

»Lieber« Ludwig hatte sie gesagt, zum ersten Male, seit er sie kannte. Und dabei hatte sie seine Hand ergriffen. Sie drückte dieselbe, und anstatt sie wieder loszulassen, behielt sie diese nur noch fester in der ihrigen.

Er saß still neben ihr. Er hätte trotz aller Anstrengung jetzt kein Wort hervorgebracht. Die Berührung ihrer warmen, weichen Hand durchzitterte ihn wie ein electrischer Strom. Er hatte ein Gefühl, für dessen Beschreibung es gar keine Worte giebt.

Auch sie schwieg. So saßen sie eine ganze Weile Hand in Hand nebeneinander. Endlich begann Gisela wieder:

»Und nun habe ich eine recht große Bitte an Dich, Ludwig. Willst Du sie mir erfüllen?«

»Wann ich könnt, so möcht ich Dir tausend Bitten derfüllen.«

»Es ist nur diese eine. Ich sah und hörte Einiges heut auf dem Saale, was meine Besorgniß erregt hat. Du sagtest zu dem Vater Worte, welche die Bestimmung hatten, ihm Angst zu machen, und ich sah, daß Deine Absicht gelang. Was war das, was Du sagtest?«

»Nix, gar nix!«

»Höre, jetzt bist Du nicht aufrichtig mit mir.«

»Ich kann doch nix sagen, wann ich nix weiß.«

»Du weißt Etwas.«

»Da irrst Dich wirklich.«

Jetzt stieß sie seine Hand von sich und sagte:

»Geh! Das hätte ich nicht von Dir gedacht.«

»Himmelsacra! Jetzunder bist wohl nun gar bös auf mich?«

»Natürlich! Und zwar sehr bös, sogar ganz ernstlich bös.«

»Das ist freilich schlimm!«

»Und daran bist nur Du schuld!«

»Nein, ich kann nix dafür.«

»Warum sagst Du mir eine Lüge?«

»Weißts so gewiß, daß es eine ist?«

»Ja. Ich habe mir einige der Worte gemerkt, welche Du meinem Vater und den beiden Osecs sagtest. Ich schließe aus denselben, daß Du ein Geheimniß meines Vaters kennst. Habe ich Recht?«

»Sapperlot! Was soll ich da antworten?«

»Die Wahrheit.«


// 1390 //

»Das geht nicht.«

»O doch. Bis jetzt habe ich noch nicht verlangt, daß Du mir dieses Geheimniß mittheilen sollst. Also sei aufrichtig! Du weißt Etwas von meinem Vater? Nicht wahr?«

»Ja, ich wills eingestehen.«

»Es ist nichts Gutes?«

»Es ist Etwas, was eigentlich nicht hätte sein sollen.«

»Also etwas Verbotenes?«

»Ja.«

»Was ist es denn eigentlich?«

»Das darf ich nicht sagen.«

»Wenn ich Dich nun recht dringend bitte, es mir mitzutheilen?«

»Auch dann darf ich nix sagen.«

»Und warum denn nicht?«

»Weil es Dich kränken thät.«

»Das ist kein Grund. Ich will es wissen und wenn Du mich wirklich so - -«

Sie hielt inne. Beinahe hätte sie verrathen, daß sie von seiner Liebe wisse. Sie lenkte also ein und fuhr fort:

»Wenn Du also Etwas auf mich hältst, so sagst Du es mir.«

»Das kann ich wirklich nicht. Du bringst mich in eine schlimme Verlegenheiten. Ich möcht Dir so gern jeden Willen thun und darf Dir doch den Wunsch nicht erfüllen. Wannst mir das Herz leicht machen willst, so dring nicht weiter in mich, es Dir zu sagen!«

»Nun gut. Ich weiß, daß Du diesen Wunsch nur aus gutem Grunde aussprichst. Darum will ich ihn erfüllen. Aber sagen mußt Du mir doch Eins: Nicht wahr, Du könntest meinem Vater Schaden zufügen, wenn Du von der Sache zu Anderen sprächst?«

»Sehr großen Schaden.«

»So bitte ich Dich, das nicht zu thun. Willst Du mir versprechen, meinen Vater zu schonen, obgleich er nicht gut gegen Dich ist?«

Jetzt ergriff sie wieder seine Hand. Er konnte nicht widerstehen und antwortete:

»Den Gefallen werd ich Dir gern thun.«

»Dir bringt es doch keinen Schaden, wenn Du schweigst?«

»Einstweilen nicht und wohl auch fernerhin nicht. Hättest mich übrigens gar nicht zu bitten braucht. Ich hätt mich auch ohnedies gehütet, ihn in Schaden zu bringen, eben weil er Dein Vater ist.«

»Wenn er das nicht wäre, würdest Du wohl keine Rücksicht auf ihn nehmen?«

»Nein,« antwortete er aufrichtig. »Ich hätt ihn eigentlich verrathen mußt.«

»Mein Gott! Das klingt ja wirklich ganz so, als ob es sich um ein Verbrechen handle. Ludwig, ich bitte Dich, sage mir, was es ist.«


// 1391 //

»Wann ich das thät, so würdst nix als nur ein großes Herzeleiden davon haben.«

»Aber Du mußt doch zugeben, daß ich mich so, wenn Du mich im Unklaren lässest, noch viel mehr ängstige, als wenn ich Alles wüßte. Was hat er denn gethan?«

Der Oberknecht besann sich einige Zeit, dann antwortete er:

»Wann ich mir die Sach richtig überleg, so seh ich freilich ein, daß es viel bessern ist, ich sag es Dir. Ich thät wohl schweigen, wenn Dein Vatern nur für einmal was macht hätt, was er nicht machen darf. Aber er hört nicht aufi; es geht immer fort. Da wirds wohl mal kommen, daß er derwischt wird und nachhero ists aus mit ihm.«

»Also handelt es sich nicht um eine einzelne That, sondern um ein fortgesetztes Verbrechen?«

»Ja. Und sodann denk ich auch daran, daßt dadurch von denen Osecs loskommen kannst. Du sollst den Sohn heirathen, weil sie Deinen Vater im Sack haben. Sie sind nämlich seine Verbündeten, seine Mitschuldigen.«

»Mein Himmel! Ich habe so Etwas geahnt!«

»Hasts ahnt? Wirklich? So hast wohl auch schon mal was merkt?«

»Ja. Ich habe nämlich bemerkt, daß manchmal des Nachts auf unserem Hofe Etwas vorgenommen wird, was Niemand sehen soll. Ich habe stets mein Fenster offen, wenn ich schlafe und da habe ich einige Male ein leises Hin- und Herschleichen bemerkt, ohne daß dann am anderen Morgen die Rede davon war, daß irgend Etwas geschehen ist. Die Knechte und Mägde haben nichts gewußt. Es mußten also fremde Leute im Hofe gewesen sein.«

»Das ist schon richtig; da hast ganz recht gedacht.«

»Ich habe angenommen, daß es Diebe seien und es dem Vater gesagt. Der aber hat mich zunächst ausgelacht. Später aber, als es wieder vorkam, und ich es bemerkte, wurde er, als ich es ihm wieder sagte, zornig und fuhr mich an, ich solle mich nicht um Dinge bekümmern, welche mich nichts angehen.«

»Das glaube ich schon gern, daß er das sagt hat. Und bist ihm dann gehorsam gewest?«

»Nein. Ich habe solche Angst gehabt. Und einmal, als ich wieder das Schleichen bemerkte, bin ich aufgestanden und leise hinuntergegangen. Da habe ich gesehen, daß da hinten am alten Backofen etwas Heimliches vorgenommen wurde. Ich hatte den Muth, so nahe wie möglich heranzuschlüpfen. Ich stand hinter dem Baume, und da habe ich den Vater erkannt und die beiden Osecs. Es waren noch mehrere Männer dabei, von denen ich aber nicht weiß, wer sie gewesen sind.«

»Am alten Backofen? Hm! Das hab ich freilich nicht wußt. Ich schlaf auf dera anderen Seiten und kann also nicht hören, was da drüben vorgeht, sonst wär ich wohl auch bereits aufmerksam worden. Sag weiter!«

»Als ich nun wußte, daß der Vater dabei sei, bin ich etwas ruhiger geworden, denn ich sagte mir, daß die Heimlichkeiten nicht ohne seinen Willen vorgenommen würden. Gefährlich konnten sie also für uns nicht sein.«


// 1392 //

»Da hast falsch denkt. Sie können schon gefährlich werden. Die Männern, die Du geschaut hast, sind Paschern.«

»Ist das wahr?« fuhr das Mädchen auf. »Mein Vater soll ein Schmuggler sein?«

»Ja, das ist er.«

»Herrgott, wie Du mich erschreckst! Du wirst Dich irren, Ludwig!«

»O nein. Ich weiß es ganz genau. Die Osecs bringen die Packeten herbei auf den Keryhof und von hier aus werden dieselben dann von anderen Leuteln abholt und hinüber über die Grenz gebracht.«

»Ein Pascher, ein Pascher! Mein Vater ein Pascher!« jammerte Gisela weiter.

»Leider! Das hättst Dir eigentlich bereits denken konnt. Was solls anders gewesen sein, was da während dera Nacht trieben wird? Und wie kommts, daß Dein Vatern gar so schnell reicher und immer reicher wird?«

»Das kommt doch von unsern Ernten.«

»Nein. So schnell wird dera Landmann von denen Ernten nicht reich. Wir haben hier im Gebirg keinen guten Boden. Er trägt nicht viel. Der Keryhof ist zwar der größte in dera Gegend, aber der Besitzer hat grad sehr aufzumerken, daß er ohne Schaden und Verlust wirthschaftet. Nein. Das Geldl, auf welches Dein Vatern so stolz ist, das hat ihm die Schmuggelei einibracht. Und das Allerschlimmste dabei ist, daß er denen Osecs in die Hände gefallen ist. Die sind schlauer noch als er. Die haben ihn im Sack.«

»Er sie doch aber auch!«

»Wohl nicht. Was sie thun, das können sie vielleichten verantworten. Sie bringen ihm Sachen, welche er von ihnen kauft. Das ist doch nicht verboten. Das können sie thun, ohne daß sie dafür bestraft werden. Ich bin kein Jurist und kenne die Gesetzen nicht, doch denk ich halt, daß ich da Recht haben werd. Dein Vatern aber schafft die Packeten über die Grenz hinüber, und das ist die Schmuggelei. Werden die Leutln, die er dabei hat, mal derwischt, so kanns ihm gar schlimm ergehen. Wannst das bedenkst, so wirst auch einsehen, daß er die Osecs nicht im Sack hat, sondern sie ihn. Wann er also nicht Ja sagt mit dera Verheirathung, so verrathen sie ihn, und nachher ists gefehlt.«

»Ists so! Ists so! Also ich soll das Opfer sein. Ich soll mein Lebensglück hergeben um eines Verbrechens willen. Ludwig, lieber Ludwig, sag, was ich thun soll! Gieb mir einen guten Rath!«

»Gisela, da ist schwer zu rathen. Ich möcht Dir gern helfen, gar zu gern; aberst es wird mir wohl nicht möglich sein.«

»Das ist traurig. Mit dem Vater darf ich nicht sprechen. Der Mutter kann ich es nicht sagen, um sie nicht unglücklich zu machen. Fremde Leute? Nein, nein, nein! Ich habe nur Dich, Dich allein, dem ich mein Vertrauen schenken darf. Und grad Du sagst mir nun, daß Du mir nicht zu helfen vermagst. Ich möcht vergehen vor Leid und Jammer.«

Sie legte sich an seine Schulter.

Sie lehnte ihr Köpfchen an seine Schulter und weinte leise vor sich hin.


Ende der achtundfünfzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk