Lieferung 64

Karl May

15. Oktober 1887

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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darauf lautendes Werthpapier in den Händen. Sie bekommen anstatt der fünfzehntausend Gulden keinen Kreuzer. Die alten Lumpen und das alte Papier, welches die Packete enthielten, können Sie sich nach Berichtigung der Lagerkosten bei mir abholen. Länger als eine Woche aber behalte ich diesen Schund nicht bei mir.
     »Für weitere Geschäftsverbindung ernstlichst dankend, kann ich Ihnen nur den Ausdruck meiner tiefsten Verachtung zu Theil werden lassen.«

Hierauf folgte die Unterschrift. Als der Bauer diese Zeilen gelesen hatte, sank er in einen Stuhl. Seine Brust ging hoch. Der Athem stockte ihm. Dann sprang er plötzlich auf, riß die Thür auf und rief hinab:

»Hanns! Hanns! Wo steckst Du!«

In dieser Weise hatte er noch niemals gebrüllt. Unten wurden alle Thüren aufgerissen. Der Gerufte kam die Treppe herauf, aber der Bauer herrschte ihn an:

»Spar die Stufen! Es giebt keine Zeit! Sattle sofort den Braunen! In fünf Minuten muß er vor der Thür stehen!«

Das war ein Befehl, welcher ungeheures Aufsehen erregte. Seit einem vollen Jahrzehnt war Kery in keinen Sattel mehr gekommen. Der Knecht nahm gleich zwei, drei Personen mit, die ihm helfen sollten.

»Was muß geschehen sein?« sagte die Bäuerin besorgt zu ihrer Tochter.

»Wer weiß es, der Brief ist schuld.«

»Jedenfalls. Mir wird ganz angst und bange. Etwas Gutes kann es nicht sein.«

»Da haben jedenfalls die Osecs wieder die Hand im Spiele. Mir ist Alles gleich.«

Die fünf Minuten waren kaum vergangen, so kam der Bauer herab. Sein Gesicht war hochroth gefärbt. Er befand sich sichtlich in einer ungeheuren Aufregung. Seine Frau wagte es nicht, eine Frage auszusprechen.

»Na, wo ist das Pferd!« schrie er.

»Es sind erst vier Minuten vergangen,« antwortete Gisela ruhig. »Ueberhaupt kannst Du nicht verlangen, daß ein Pferd in fünf Minuten bereit stehen soll.«

Er blickte sie ganz betroffen an. So Etwas hatte sie niemals gewagt.

»Jungfer Naseweis, sei still!« fuhr er sie an.

Sie aber fuhr unbeirrt fort:

»Im Circus Renz oder Herzog kann man so Etwas verlangen, aber nicht bei einem Bauer, wo das Zeug erst stundenlang zusammengesucht und geputzt werden muß.«

»Habe ich befohlen, daß man es putzen soll?«

»Nein; aber das ist doch selbstverständlich.«

»Du scheinst Dir ganz fremdartige Mucken anzugewöhnen. Die muß ich Dir austreiben!«

»Ich übe mich ein, die Frau Osec zu spielen. Das kannst Du mir nicht übel nehmen. Es ist ja Dein Wille so.«


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Da wurde er noch zorniger.

»Himmelkreuzmillion! Noch hat er Dich nicht, der Schwindler!«

»Ah, hat er Dich betrogen?«

»Ja und wie! Aber das geht ja Euch nichts an. Da kommt das Pferd. Wenn nachher die Osecs kommen, so sagt ihnen, daß ich erst am Abend punkt neun Uhr zurückkehre. Bis dahin mögen Sie machen, was ihnen beliebt. Am Besten ists, sie gehen ins Wirthshaus.«

»Hier behalten werden wir sie auf keinen Fall.«

Noch vor wenigen Tagen wäre auf ein solches Wort eine harte Strafe erfolgt, jetzt aber ging er hinaus, ohne ein Wort zu entgegnen. Er schien wie umgewechselt zu sein. Nachdem er aufgestiegen war, ritt er in scharfem Trabe davon, in der Richtung nach Westen, der bayrischen Grenze zu.

Natürlich hatte er die Absicht, den Verfasser des Briefes aufzusuchen, um sich über die Veranlassung zu demselben zu unterrichten.

Die beiden Frauen dachten vergeblich darüber nach, was ihn in eine solche Aufregung versetzt haben möge. Kurze Zeit später hatte Gisela oben irgend eine Verrichtung und kam sehr bald wieder, den unglückseligen Brief in der Hand. Ihr Vater hatte in seiner Aufregung vergessen, ihn einzuschließen.

»Mutter, Mutter,« rief sie. »Hier steht es, was geschehen ist.«

»Ist das der Brief, den er bekommen hat?«

»Ja.«

»Woher?«

»Von drüben herüber. Hier ist der Beweis, daß der Ludwig Recht hat; der Vater ist ein Pascher. Er ist einer und scheint jetzt mit einem Male fünfzehntausend Gulden verloren zu haben.«

»Mein Himmel! Das ist doch unmöglich!«

»Hier steht es.«

»Zeig her!«

Die erschrockene Frau riß ihrer Tochter den Brief aus der Hand und las ihn selbst. Dann stieß sie einen Wehelaut aus und ließ ihn fallen.

»Glaubst Du es nun?« fragte Gisela.

»Ja. Fünfzehntausend Gulden. Das ist ein Vermögen, ein ganzes Vermögen! Darum war er so ganz aus der Fassung! Das ist die Strafe! Das sind die Folgen, wenn man gegen die Gesetze sündigt! Mein Gott, mein Gott! Wer kann da Hilfe bringen!«

»Ich weiß Einen.«

»Wen?«

»Ludwig.«

»Ja, wenn er noch hier wäre! Aber selbst dann hätte er keinen Einfluß. Dein Vater ist ja ein Starrkopf, der sich von keinem Menschen Etwas sagen läßt.«

»Und dennoch brächte er es fertig!«

»Er war so lange bei uns und hat es nicht ändern können.«

»Da hat er nichts davon gewußt. Jetzt aber ist es etwas Anderes.


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Wäre er hier und könnte er diesen Brief lesen, er wüßte doch vielleicht einen Weg zur Hilfe zu finden.«

»Er ist auch nicht allmächtig.«

»Aber ein kluger, anstelliger Kopf.«

»Hm! Ist er denn wirklich ganz plötzlich in Deiner Hochachtung so sehr gestiegen?«

»Ja. Ich habe jetzt einen förmlichen Respect vor ihm. Seit er mir gesagt hat, daß er mich liebt, sehe ich ihn mit ganz anderen Augen an. Horch!«

Es hatte an die Stubenthür geklopft. Die Beiden befanden sich ganz allein in dem Raume.

»Herein!« antwortete die Mutter, ganz verwundert, wer der höfliche Besuch sein werde.

Da wurde die Thüre um eine Lücke aufgemacht und eine schnarrende Stimmte sagte:

»Verzeihung! Ein armer Handwerksbursche! Haben Sie nichts von der gesegneten Mahlzeit übrig?«

»Nein,« antwortete die Frau, indem sie aufstand, um dem Manne ein kleines Geldstück zu geben.

»Oder ein paar alte Stiefeln?«

»Auch nicht.«

»Oder ein abgesetztes Hemd?«

»Leider nicht.«

»Auch keinen Sonnenschirm oder ein Kanapee? Ich nehme Alles.«

Das war noch nicht dagewesen. Die Bäuerin konnte den Handwerksburschen nicht sehen, weil er die Thür nur ein ganz klein wenig geöffnet hatte.

»Wollen Sie nicht das ganze Bauergut geschenkt haben?« lachte sie.

»Nein; aber erben möchte ich es.«

»Daraus wird nichts. Hier ist Etwas!«

Sie schob die Hand zur Thürluke hinaus, um ihm den Kreuzer zu geben. Er aber hielt die Hand fest und sagte:

»Und daraus wird Etwas! Ich erb der Keryhof. Hier ist meine Hand darauf!«

Er schüttelte die ihrige. Sie wollte die Thür aufstoßen, brachte das aber nicht fertig, da er zu fest hielt.

»Lassen Sie los!« befahl sie. »Wer sind Sie denn eigentlich?«

»Der Retter in der Noth. Nicht wahr, Gisela?«

Hatte er bisher in schnarrendem Tone gesprochen, so bediente er sich bei den letzten Worten seiner natürlichen Stimme.

»Ludwig, Ludwig!« rief das Mädchen, vom Stuhle aufspringend und nach der Thür eilend.

»Der Ludwig soll es sein?« fragte ihre Mutter. »Der hat keine solche Stimme, wie ein alter Papagei.«

»Er macht es doch nach. Komm herein!«


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Jetzt nun freilich öffnete er die Thür sperrangelweit. Ja, Ludwig war es. Mit glückstrahlenden Augen betrachteten sich die Beiden.

»Gisela!«

»Ludwig!«

Nach diesen beiden Ausrufen hatten sie einander beim Kopfe. Dabei aber reichte er auch ihrer Mutter die Hand.

»Grüß Gott, Bäuerin!« sagte er. »Da bin ich wieder mal zu sehen.«

»Um Gotteswillen! Mein Mann hat es ja verboten!« sagte sie ängstlich.

»Ich mach mir nix daraus!«

»Aber wir müssen doch gehorchen!«

»Niemand kann uns zwingen. Uebrigens ist er gar nicht daheim.«

»Das weißt Du schon?«

»Ja. Er ist mir, ja begegnet.«

»Hat er Dich gesehen?«

»Man sollte es denken, denn er hat mich beinahe niedergeritten. Aber es schien ganz so, als ob er mich gar nicht angesehen habe. Er ritt Galopp, daß die Funken flogen. Darf ich mich ein Wengerl setzen?«

»Meinetwegen, ja. Aber wenn mein Mann es erfährt, so geht es uns schlimm.«

»Ich nehms auf mich.«

»Das kannst Du nicht.«

»Wer weiß.«

»Du bist nur seit zwei Tagen fort und doch haben wir so viel Schlimmes indessen erlebt. Heut kommen die Osecs.«

»Das weiß ich und eben darum komme ich auch.«

»Um Gotteswillen! Wenn sie Dich sehen!«

»So brauch ich mich nicht zu schämen.«

»Aber sie sagen es meinem Manne.«

»Mögen sie! Ich sage es nochmals, daß ich Alles auf mich nehme.«

»Laßt das jetzt!« meinte Gisela. »Komm her, Ludwig. Setz Dich nieder und erzähle uns, was Du seit dem Montag Alles begonnen hast!«

Sie zog ihn an den Herrschaftstisch. Ihre Mutter schüttelte den Kopf dazu, ließ es aber doch nicht nur geschehen, sondern setzte sich auch selbst mit hin.

»Dazu bin ich nicht gekommen,« sagte er. »Ich komme, um zu derfahren, wie es auf dem Keryhofe geht.«

»Nicht besser, sondern eher schlechter als bisher. Vorhin zum Beispiel hat der Vater einen Brief bekommen und sogleich das Reitpferd bestellt. Wohin er ist, das wissen wir nicht. Das Pferd, es mußte in fünf Minuten gesattelt dastehen.«

»Vielleicht holt er den Freier für Dich.«

»Nein. Das war etwas ganz Anderes. Es ist ein Unglück geschehen.«

»Welches?«

»Es ist - es sind - Mutter, darf ich ihm den Brief zeigen?«


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»Ich glaube nicht, daß ich das erlauben darf. Der Vater darf es nicht einmal wissen, daß wir ihn in den Händen gehabt haben.«

Ludwig schüttelte lachend den Kopf.

»Dank schön! Ich brauch ihn gar nicht zu lesen. Ich weiß doch, was drinnen steht.«

»Unmöglich!«

»Ganz gewiß.«

»Es ist Etwas, was Du nicht wissen kannst.«

»Wollen wir wetten?«

»Um was?«

»Um ein Busserl. Wer verliert, der hats zu geben.«

»Das könnt man schon versuchen. Theuer ist das nicht.«

»Also machst mit?«

»Wenn die Mutter es erlaubt.«

»Ihr seid kleine Kinder,« antwortete diese, trotz dieser Worte gerührt über das Glück, welches diese Beiden fühlten, daß sie sich nach einer so ewig langen Trennung von zwei Tagen wieder sahen.

»Also sie hat nichts dagegen,« sagte Gisela. »Die Wette ist also angenommen.«

»Schön! So kann es also beginnen.«

»Ja; aufgepaßt, Ludwig! Was steht in dem Briefe?«

»Grobheiten.«

»Das genügt nicht. So Etwas kann man sehr leicht errathen, wenn man weiß, daß der Vater so in Aufregung gewesen ist.«

»Gut, so sage ich also weiter: altes Papier?«

»Was? Wie?«

»Alte Lumpen.«

»Mutter! Hörst Du es? Er weiß es!«

»Weiter!« lachte Ludwig. »Also erst, was nix wert ist, Papier und Lumpen. Sodann aber viel Besseres, nämlich Geld.«

»Wieviel?«

»Fünfzehntausend Gulden.«

»Mein Gott! Er weiß wahrhaftig Alles! Ludwig, wer hat es Dir gesagt?«

»Niemand.«

»Weißt Du auch, um was es sich handelt?«

»Ja. Um ein Schmuggelgeschäft.«

»Denke Dir, Mutter! Auch das weiß er!«

»Dein Vater soll Lumpen und Makulaturpapier eingepackt und dafür fünfzehntausend Gulden verlangt haben.«

»Nun bekommt er sie nicht?«

»Nein.«

»Das klingt ja ganz so, als ob er ein Betrüger sei.«


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»Freilich. Der Kaufmann hält ihn für einen solchen. Und darum reitet er Hals über Kopf hin, um seine Ehre zu retten.«

»Wird ihm das gelingen?«

»Ja. Er ist unschuldig. Er ist selbst betrogen worden.«

»Von wem?«

»Von den Osecs. Sie haben ihm Lumpen gesandt, für welche er fünfzehntausend Gulden geben hat. Er sendet sie weiter und bekommt nix dafür. Da ist das Geld verloren.«

Die beiden Frauen blickten ihm rathlos ins Gesicht. Sie verstanden ihn nicht. Nur das Eine lag der Bäuerin so schwer auf dem Herzen:

»So ist er also wirklich ein Schmuggler?«

»Sogar der Anführer einer ganzen Gesellschaft.«

»Herr mein Gott! Der reiche Kerybauer ein Pascher! Ich kann diesen Gedanken nicht ertragen. Warum thut er uns das an! Ludwig, ist er nicht davon abzubringen?«

»Sehr leicht,« antwortete er in zuversichtlichem Tone.

»Siehst Du!« rief Gisela fröhlich. »Habe ich es nicht gesagt, daß er eine Hilfe weiß!«

»Ludwig,« meinte die Frau, »wenn Du ein Mittel weißt, so sag es uns, damit wir es anwenden. Ich werde es Dir danken Zeit meines Lebens.«

»Habs schon mit!« lachte er.

»Wo?«

»Hier in dera Taschen.«

Er klopfte auf die Brusttasche.

»Darf man es sehen?«

»Nein. Es ist jetzund noch ein Geheimnissen, und es soll auf den Bauer ankommen, ob Ihrs derfahren dürft. Vielleichten sagt ers Euch freiwillig und schon heut.«

»Schon heut?«

»Ja. Ich denk es mir. Und darum bin ich zu Euch kommen. Ich will dem Bauer von dem Uebel helfen. Wie groß dasselbige ist, davon habt Ihr gar keine Ahnung. Doch wollen wir jetzund nicht darüber sprechen, sondern lieber von - schau, da kommt ein Wagen. Das werden wohl die Osecs sein.«

Es rollte der bekannte Wagen der Osecs in den Hof. Vater und Sohn stiegen aus.

»Ludwig, versteck Dich in der Küche,« bat die Bäuerin.

»Nimm mirs nicht übel! Das thu ich nicht. Vor denen Osecs reiß ich nicht aus.«

»Aber sie sehen Dich ja!«

»Ich sie auch. So sind wir dann quitt.«

»Sie sagen es meinem Manne!«

»Ich werde es ihm selberst sagen. Ich habe gar keine Veranlassung, ihn oder andera Leutln zu scheuen.«


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»Hättsts nur mir zu Gefallen gethan! Nun aber ist es zu spät. Sie kommen schon.«

Die beiden Freiersleute traten ein, ohne anzuklopfen. Der Keryhof war ja doch ihr sicheres Eigenthum. Als der Alte Ludwig erblickte, blieb er unter der Thür stehen und vergaß ganz, zu grüßen.

»Was ist denn das?« rief er aus. »Da sitzt ja dera Knecht! Ich habe geglaubt, daß er fortgejagt sei!«

»Gehts Dich was an?« fragte Ludwig.

»Jetzund noch nicht.«

»Auch später wirst mir nix zu sagen haben. Wannst überhaupten in eine Stuben kommst, so nimmst den Hut herab und sagst ein Grüß Gott dazu!«

Die Augen Osecs wurden größer und größer. Er kam langsam näher, schwenkte seinen Stock wie drohend hin und her und antwortete:

»Wie ist mir denn? Hab ich da den Herrn Kerybauer vor mir oder einen Knecht, der keinen Dienst besitzt?«

»Keins von Beiden. Ich bin der Herr Ludwig Held, ehrenvoll verabschiedeter und mit dem eisernen Kreuz ausgezeichneter bayrischer Unteroffizier. Ihr aberst seid zwei Schufte, Hallunken, Schurken, Spitzbuben und Gurgelabschneidern. Ihr schmuggelt, Ihr raubt, Ihr stehlt, Ihr spielt falsch, Ihr treibt alle Lastern und Verbrechen. Und wann so ein Hallunkenvatern mit seinem Schurkensohne vor einen braven Unteroffizieren tritt, so kann man wenigstens verlangen, daß die Beiden grüßen. Verstanden!«

Die zwei Osecs und die beiden Frauen standen wortlos. Ludwig aber trat hart an die Ersteren heran und sagte in befehlendem Tone:

»Nun, wirds bald! Herab mit den Hüten!«

Und als diesem Befehle nicht sofort Gehorsam geleistet wurde, nahm er dem Alten schnell den Stock aus der Hand - ein Hieb mit demselben und noch einer, die beiden Hüte flogen von den Köpfen.

Die Bäuerin stieß einen Schrei des Schreckens aus. Sie kam herbei und sagte athemlos:

»Ludwig, was fällt Dir ein! Denk an meinen Mann!«

Aber Gisela sagte in stolzem Tone:

»Laß ihn, Mutter! Er hat Recht. Es ist eine Flegelei, hereinzutreten, ohne Gruß, den Hut auf dem Kopfe und den Herrn des Hauses spielen. Wenn wir uns das jetzt schon gefallen lassen sollen, wie soll das dann sein, wenn so ein Mensch als Schwiegersohn sich im Hause befindet. Durch solche Rohheiten gewinnt man sich nicht die Liebe eines Mädchens.«

Die beiden Osecs hatten sprachlos dagestanden. Ludwigs Verhalten kam ihnen als ein so ungeheures Wagniß vor, daß sie ganz starr waren. Nun aber brach der Alte los:

»Kerl, bist Du verrückt? Uns die Hüte vom Kopf zu schlagen! Augenblicklich hebst Du sie uns auf und bittest um Verzeihung, sonst -«

Er trat in drohender Haltung auf Ludwig zu.


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»Sonst?« fragte dieser ruhig, dem Manne lächelnd in das Gesicht blickend.

»Sonst - schlage ich Dich nieder, wie einen Hund, der mich angebellt hat!«

»Schön! Das kannst ja thun. Hier stehe ich, und nun schlag zu!«

Er that einen Schritt vorwärts. Der Alte holte wirklich aus, aber sein Sohn ergriff ihn am Arme und sagte:

»Halt, Vater! Willst Du Dich wirklich an einem fortgejagten Knecht vergreifen? Das ist der Kerl doch gar nicht werth. Wir sind viel zu gut und viel zu vornehm für so einen Lumpen.«

»Vornehm? Ihr?« lachte Ludwig. »Ja, Eure Vornehmheit ist außerordentlich. Ihr seid unter den Bauern so vornehm, wie dera Wiedehopf unter denen Vögeln. Aber Du hast mich einen Lumpen nannt. Meinst, daß ich das dulden werde? Ich fühle mich nicht zu vornehm, Dir dafür den Dank sogleich abzuzahlen. Hier hast ihn!«

Er gab ihm eine so gewaltige Ohrfeige, daß der Getroffene sich um sich drehte und sodann in die Stube fiel.

»So!« fuhr er fort. »Und wer noch ein ungrades Wort sagt oder gar mich angreifen will, den werfe ich an die Wand, daß er gleich dran hangen bleibt!«

Die Bäuerin zitterte vor Angst. Sie ergriff seine Hand und bat:

»Ludwig, sei vorsichtig. Du weißt ja gar nicht, was darauf folgen wird.«

»Was darauf folgen wird, o, das weiß ich schon. Ausreißen werdens und eine Hand werdens ballen in dera Taschen. Doch mit mir sich raufen, das werdens schön bleiben lassen!«

Der junge Osec hatte sich wieder aufgerafft. Sein Gesicht glühte in Folge des erhaltenen Schlages, dasjenige seiner Vaters aber vor Grimm über die seinem Sohne widerfahrene Züchtigung. Er ballte die Fäuste, schüttelte wie kampfbereit die Arme und schrie:

»Hund elender! Du wagst es, Dich an uns zu vergreifen. Ich werde -«

Da unterbrach ihn Ludwig mit donnernder Stimme:

»Was wirst? Nix wirst! Wannst nochmals so ein Wort sagst wie >Hund<, so erhältst ganz ebenso eine Maulschellen wie Dein armseliger Bub, dem ganz recht geschehen ist! Ich werd Euch zeigen, wie solche Leut von Eurem Schlag behandelt werden müssen!«

»So hau doch mal her!«

Er wollte hart an Ludwig herantreten; aber sein Sohn hielt ihn abermals zurück und warnte:

»Laß ihn, Vater! Du weißt ja, daß die Dummen gewöhnlich stärkere Fäuste haben als die Klugen. Wer Dreck angreift, der besudelt sich nur. Es giebt ein Mittel, ihn zu bestrafen; das ist besser als eine Rauferei.«

»Welches meinst Du?«

»Wir zeigen ihn bei Gericht an. Da wird er eingesteckt.«


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»Ja, da hast Du Recht. Es giebt noch Gesetze, welche einen braven Mann beschützen.«

»Ja, das ist wahr,« lachte Ludwig. »Daß es solche Gesetze giebt, werdet Ihr sehr bald derfahren, wohl noch viel eher, als Ihr denkt und als Euch lieb ist. Freilich, wer das ist, den diese Gesetze beschützen, ob ich oder Ihr, das wird sich bald zeigen.«

»Du hast meinen Sohn geschlagen. Du bists also, welcher bestraft wird.«

»Und Ihr habt mich beleidigt. Wann ich Euch dafür tüchtig verhau, so hat das Gesetz gar nix dagegen. Eine Ohrfeigen auf so ein Schimpfworten, das ist das Passende und Richtige.«

»Oho! Meinst Du, daß wir so dumm sind, nur das anzuzeigen? Du hast noch ein ganz anderes Verbrechen begangen, ein noch viel schwereres.«

»So? Was denn für eins?«

»Du hast einen Hausfriedensbruch begangen.«

»Ach so! Das ist mir wirklich was ganz und gar Neues.«

»Weil Du zu dumm bist, es zu begreifen.«

»Ja, die Osecs sind klüger als alle anderen Leut. Sie haben die Gescheidtheit gleich mit Löffeln gegessen und nun möchtens davon zerplatzen. Ich und Hausfriedensbruch. Darüber könnt man sich krank lachen!«

»Lach nur immer! Wer zuletzt lacht, der hat gewonnen und Du wirst das nicht sein. Wer hat Dir erlaubt, nach dem Keryhofe zu kommen, he?«

»Ich!«

»Es ist Dir aber verboten.«

»Von wem?«

»Vom Bauer.«

»Aberst doch nicht von Dir.«

»Ich bin so gut wie der Bauer.«

»So! Nun, das magst nur immer erst zuvor beweisen.«

»Ich kanns beweisen. Wenn ich will, so ist der Keryhof sofort mein Eigenthum!«

»Und wenn ich will, so fliegst sofort hinaus!«

»Versuche es doch!«

»Das kann sehr bald geschehen. Hast etwan den Hof gekauft? Zeig doch mal den Kaufbrief, wannst ihn hast.«

»In welcher Weise der Hof mein Eigenthum geworden ist, das geht Dich gar nichts an!«

»Das geht mich freilich was an. Bis jetzt weiß ich nur, daß Kery der Besitzer ist. Ihr geltet hier gar nix, noch viel weniger als ich. Ich bin hier mit Erlaubniß der Bäurin und der Tochter. Ihr aber habt gar keine Erlaubniß, hier zu sein.«

»Der Bauer hat uns eingeladen.«

»Das ist nicht wahr. Ihr habt Euch selbst eingeladen. Und wann die Bäurin Euch fortjagen will, so müßt Ihr hinaus, sonst seid Ihr es, die wegen Hausfriedensbruch verklagt werden können.«


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»Uns fortjagen? Das sollte sie mal wagen!«

»Pah! Thut nur nicht gar so groß. Mit Euch wagt man gar nix.«

»Das wird sich finden. Uebrigens haben wir mit Dir kein Wort mehr zu sprechen, sondern nur mit dem Bauer. Wo ist er denn? Warum läßt er sich nicht sehen?«

Diese Frage wurde an die Bäurin gerichtet, deren Angst keine geringe war. Sie gab Ludwig innerlich vollständig Recht, fürchtete sich aber doch so vor den Osecs, daß ihr sein kräftiges Auftreten die größte Besorgniß einflößte.

»Er ist nicht da,« antwortete sie.

»So! Er ist nicht da? Er hat aber doch gewußt, daß wir kommen werden.«

»Er mußte fort. Es kam etwas sehr Nothwendiges dazwischen.«

Der Alte lachte ungläubig auf.

»Etwas Nothwendiges? Es kann für Deinen Mann nichts Nothwendigeres geben, als das, was wir mit ihm zu reden haben. Er wird sich vor uns fürchten und sich aus Angst versteckt haben. Wir lassen uns nicht täuschen. Wo steckt er denn? Heraus mit ihm!«

»Er ist wirklich nicht da.«

»Das ist eine Lüge.«

»Fragt da die Gisela!«

»Die wird uns auch belügen. Wir lassen uns nichts weiß machen. Wir gehen jetzt, ihn zu suchen, überall, im ganzen Haus. Wenn wir ihn dann finden, so hat er es sich selbst zuzuschreiben, wenn wir nicht sehr gnädig mit ihm verfahren.«

Er wendete sich nach der Thür und sein Sohn wollte ihm folgen. Da aber rief Ludwig ihnen zu:

»Die Beiden haben Euch sagt, daß dera Bauer nicht da ist. Ihr habt sie dafür Lügnerinnen nannt. Das ist eine Beleidigungen, die ich nicht dulden kann. Ihr habt nix im Haus zu suchen. Wann Ihr eine einzige Thür aufmacht, so helf ich Euch dabei, aber wie!«

Der Alte rief zurück:

»Du hast uns nichts zu befehlen!«

»Nein. Aberst hinauswerfen werde ich Euch doch. Darauf könnt Ihr Euch verlassen. Hier hast Deinen Stock. Nimm ihn und trolle Dich von dannen. Das ist das Allerbest, wast hier thun kannst. Wannst meinen Rath nicht befolgst, so fliegst hinaus auf die Straßen wie eine Fliegen. Mit Euch wird gar kein Summs gemacht.«

Es war Ludwig anzusehen, daß es ihm Ernst war. Der junge Osec sagte einige leise Worte zu seinem Vater. Dieser sann einen Augenblick lang nach und wendete sich dann an die Bäuerin:

»Also Dein Mann ist wirklich nicht da?«

»Nein.«

»Gut, so warten wir hier, bis er kommt.«

»Da könnte Euch die Zeit doch wohl zu lang werden.«


// 1528 //

»Warum?«

»Er kommt erst am Abend zurück, um neun Uhr, hat er gesagt.«

»Donnerwetter, das ist uns freilich zu lang. So befindet er sich also nicht im Dorf oder auf dem Felde?«

»Nein. Er ist verreist.«

»Verreist? Das fehlt uns grad! Wie kann er verreisen, da er doch weiß, daß wir heut kommen werden. Konnte er diese Reise nicht aufschieben?«

»Nein, sie war zu nothwendig.«

»Das hast Du uns bereits einmal gesagt, und ich habe Dir meine Antwort darauf gegeben. Wo ist er denn hin?«

»Ich weiß es nicht.«

»Was? Dein Mann ist verreist und Du weißt nicht, wohin? Wer soll Dir das glauben? Eine Frau weiß stets, nach welchem Orte ihr Mann ist, wenn es sich um eine Reise handelt.«

»Er hat mir nichts gesagt.«

»Hm! Das glaub der Teufel! Was will er denn dort?«

»Auch das weiß ich nicht.«

»So scheint die Sache ein großes Geheimniß zu sein. Aber wir wissen genau, woran wir sind. Dein Mann ist fortgegangen, um uns aus dem Wege zu gehen. Wir sind gekommen, um uns Bescheid zu holen. Er will uns den nicht sagen und darum ist er ausgerissen. Das kann ihm aber nichts helfen. Er macht dadurch die Sache nur noch schlimmer. Wir lassen uns nicht betrügen.«

Das war der Bäuerin denn doch zu viel. Sie sagte in ernstem Tone:

»Osec, ich habe mir bisher Alles gefallen lassen, denn ich liebe den Frieden. Aber Ihr treibt es doch zu bunt. Du thust ja ganz so, als ob Du hier der Herr und Gebieter seist.«

»Der bin ich auch.«

Sie blickte ihn groß an.

»Das glaubst Du wohl nicht?« fragte er.

»Wie könnte ich das glauben!«

»Und ich könnte es Dir sehr leicht und auch sofort beweisen.«

»Mein Gott! Ich verstehe Dich nicht!«

»Das kann ich mir wohl denken. Dein Mann wird sich wohl gehütet haben, Dir zu sagen, wie wir mit ihm stehen.«

Ludwig war zum Fenster getreten. Er blickte hinaus, als ob er auf das Gespräch gar nicht mehr achte, aber natürlich entging ihm kein einziges Wort desselben.

»So! Wie steht Ihr Euch denn mit ihm?« fragte die Bäuerin.

»Sehr gut. Er ist unser Schuldner.«

»So wird er Euch bezahlen.«

»Natürlich muß er uns bezahlen. Was aber werdet Ihr dann anfangen?«

Er sprach diese Frage in dem höhnischesten Tone aus, der ihm zur Ver-


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fügung stand. Sie blickte mit Augen zu ihm auf, in denen ihre ganze Fassungslosigkeit zu lesen stand.

»Was wir dann anfangen werden? Ich begreife Dich nicht.«

»Du würdest mich aber begreifen, wenn Du wüßtest, wie viel er mir schuldig ist.«

»Viel wird es nicht sein.«

»Oho!«

»Mein Mann hat keine Schulden; das weiß ich gewiß.«

»Nichts weißt Du, gar nichts.«

»Er würde es mir doch sagen.«

Ja, ja, der Kerybauer ist derjenige, der seiner Frau solche Sachen anvertraut.«

»Wenn er Euch wirklich etwas schuldig ist, so kann das doch nur eine Kleinigkeit sein, wie man sie sich gelegentlich von einem Bekannten borgt.«

»Eine Kleinigkeit ist es, ja, aber eine sehr große Kleinigkeit. Sie ist so groß, daß ich Euch das Fell über die Ohren ziehen kann.«

Jetzt wurde sie bleich.

»Osec!« rief sie. »Das ist nicht wahr.«

»Ich sage die Wahrheit. Aber wenn mir gedroht wird, daß ich gar hinausgeworfen werden soll, so fang ich an, zu reden. Aus dem Keryhofe lasse ich mich nicht werfen, denn er ist mein, mein rechtmäßiges Eigenthum.«

»Herrgott! Hat mein Mann ihn denn etwa verkauft?«

Sie faltete die Hände. Es sprach eine unendliche, angstvolle Ueberraschung aus ihren Zügen. Auch Gisela trat schnell näher. Ihr wurde ganz ebenso bange wie ihrer Mutter.

»Verkauft?« lachte Osec. »Nein, verkauft hat er ihn nicht, aber verspeculirt.«

»Das ist doch ganz unmöglich.«

»Pah! Es ist die reine Wirklichkeit!«

»Mein Mann ist doch kein Kaufmann! Er kann ja gar nichts verspeculiren.«

»O, das wissen wir freilich besser. Er hat sehr viel speculirt, freilich unglücklich.«

»Womit denn?«

»Hm! Das mag er Dir lieber selber sagen. Die Lamentation möchte ich nicht mit sehen und anhören.«

Da kam der Frau ein fürchterlicher Gedanke. Sie dachte an die Schmuggelei.

»O Ihr Heiligen im Himmel droben!« rief sie aus. »Meine Ahnung, meine Ahnung!«

»Hast Du eine Ahnung?« nickte Osec. »Darf ich erfahren, was Du ahnst?«

»Der Schmuggel, der Schmuggel!«

»Hm! Wie kommst Du auf dieses Wort?«


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»Mein Mann ist ein Pascher.«

»So? Wer hat Dir das gesagt?«

»Ich weiß es.«

»Davon habe ich freilich nichts gewußt. Hätte ich eine Ahnung davon gehabt, so hätte ich ihn gewarnt, denn ich bin sein Freund und meine es ehrlich mit ihm.«

Da rief die Frau in zorniger Angst:

»Du, sein Freund? Schweig! Verstelle Dich nicht! Dich kenne ich!«

»Das ist mir lieb. So wirst Du auch wissen, daß ich es stets gut mit ihm gemeint habe.«

»Du? Ja, gut gemeint hast Du es, aber nur mit Dir selbst. Verführt hast Du ihn, zum Schmuggel verleitet.«

»Unsinn! Der Kerybauer ist nicht derjenige, der sich zu irgend Etwas bereden läßt. Der thut nur das, was er selbst will. Ich habe freilich keine Ahnung gehabt, wozu er immer das Geld brauchte, welches er sich von mir borgte. Hätte ich es gewußt, so hätte er freilich keinen Pfennig bekommen.«

»Lüge nicht! Du hast Alles gewußt!«

»Kein Wort! Ich kann es beschwören.«

»Wie viel ist es, was er Dir schuldig ist?«

»Das möchte ich doch lieber nicht sagen.«

»Ich will es aber wissen!«

»Dein Mann hat es mir verboten.«

»Das mag ich nicht hören. Ich bin die Frau und muß es wissen. Deinem Auftreten nach ist es nicht wenig.«

»Nein, wahrlich nicht.«

»So sage es, sag es doch!«

Sie faßte ihn am Arme und schüttelte denselben. Er blickte mit teuflischer Schadenfreude auf sie nieder und sagte:

»Na, wenn Du so in mich dringst, so muß ich Dir den Willen thun. Aber vorher muß da der Knecht hinaus.«

»Warum?«

»Der braucht es nicht zu hören.«

»Der kann es hören. Er hat bereits nun genug gehört.«

»So willst Du Dich und Deinen Mann vor ihm blamiren?«

»Der Ludwig ist treu. Vor ihm kann ich mich nicht blamiren. Er wird keinem Menschen Etwas sagen.«

»Denkst Du? Ich meine vielmehr, daß er es schnell allen Leuten sagen wird. Also lieber hinaus mit ihm!«

»Nein, er bleibt da. Also sprich! Wie viel ist es?«

»Versprich mir erst, nicht zu erschrecken.«

»Herrgott! Ists denn gar so gefährlich, daß ich Dir so ein Versprechen geben soll?«

»Ja. Ihr Frauen seid ja so schwach. Und ich kann das Heulen und Jammern nicht vertragen, weil ich ein so gutes Herze hab.«


// 1526 //

Da sprühten ihre Augen zornige Blitze.

»Schweig und treibe keinen Frevel mit mir. Was Du für ein gutes Herze hast, das weiß alle Welt. Ich bin gefaßt, das Schrecklichste zu hören. Ich verspreche Dir, daß ich ganz still und ruhig sein will. Ich werde nicht jammern. Also sage es!«

»Na, es mag Dir freilich unerwartet kommen, aber ich sage Dir, daß es nicht ganz so schlimm ist, wie es klingen mag. Von Haus und Hof treiben will ich Euch doch nicht. Es kommt ganz darauf an, wie Ihr Euch zu uns verhaltet.«

»Von Haus und Hof treiben! Gott, mein Gott, was werde ich hören! Wie viel ists, wie viel? Heraus damit!«

»Es ist grad so viel, wie der Keryhof werth ist.«

Er hatte in diesem Augenblicke ganz das Aussehen eines Spielers, der seinen besten und höchsten Trumpf auf den Tisch legt. Seine Mienen waren triumphirend und in seinen Augen leuchtete die Lust eines Raubthieres, welches sich an den Qualen seines Opfers weidet.

Auch sein Sohn zeigte diese Freude. Er war an die Seite des Vaters getreten und hielt den Blick höhnisch auf Gisela gerichtet, um den Eindruck zu beobachten, den die Worte seines Vaters auf sie hervorbringen würden.

Beide Frauen sagten zunächst kein Wort. Beide waren todtesblaß geworden. Dann fragte die Bäuerin mit zitternder Stimme und die Silben nur einzeln hervorstoßend:

»Wie - viel - soll - es - sein?«

Und der alte Osec antwortete, jedes Wort langsam und scharf betonend:

»Grad so viel, wie der Keryhof kostet.«

Die Bäuerin fuhr sich mit beiden Händen nach dem Kopfe. Sie wankte. Ihre Tochter schlang schnell beide Arme um sie und rief

»Mutter, Mutter, glaube es nicht.«

»Nein!« hauchte die arme Frau, »es ist ja auch nicht zu glauben.«

»Eine Lüge, eine himmelschreiende Lüge ist es! Der Osec will uns nur erschrecken.«

»Das fällt mir gar nicht ein,« antwortete er. »Was hätte ich davon? Nichts, gar nichts. Und der alte Osec thut nichts, gar nichts, wenn er nicht wenigstens Etwas davon hat.«

»Ja, das ist wahr. So bist Du bekannt. Aber jetzt hast Du doch eine Ausnahme gemacht. Jetzt war es doch ein Spaß, den Du Dir mit uns hast machen wollen.«

»Das denke ja nicht, Bäuerin! Es ist mir jetzt sehr ernst zu Muthe. Wenn ich an das viele, schöne Geld denke, welches Dein Mann mir abgelockt hat, so möchte mir gleich himmelangst werden. Er darf nur ohne meine Erlaubniß eine Hypothek aufgenommen haben, so komme ich um mein ganzes schönes Geld.«

»Herrgott! Sollte es wirklich wahr sein?«

Da machte der Alte ein ärgerliches Gesicht.


// 1527 //

»Himmeldonnerwetter! Ich habe es gesagt, wie es ist! Und nun macht mir keine unnöthigen Redensarten vor.«

Aber sie mochte und wollte es doch noch nicht glauben. Darum erkundigte sie sich:

»Hast Du es denn schwarz auf weiß?«

»Natürlich.«

»Und er hat sich unterschrieben?«

»Nicht nur unterschrieben, sondern sogar quer geschrieben hat er.«

»Wie - was - etwa Wechsel?«

»Ja, lauter schöne gute, unanfechtbare Wechselbriefe, auf Sicht lautend. Wenn ich sie ihm präsentire, muß er augenblicklich bezahlen, sonst ist der Hof mein Eigenthum.«

Da konnte sie nicht länger zweifeln. Sie schlug beide Hände vor das Gesicht, stieß einen lauten, durchdringenden Schrei aus und glitt in die Kniee nieder.

Gisela kniete neben ihrer Mutter.

Gisela dachte jetzt nicht an das Furchtbare, was sie gehört hatte. Sie dachte in diesem Augenblicke nur an ihre Mutter. Sie kniete neben derselben nieder, schlang beide Arme um sie und rief bittend:

»Mutter, mein liebe, gute Mutter! Sei stark, sei stark! Es ist wohl nicht gar so schlimm, wie er es macht.«

Die Frau schüttelte den Kopf.

»Es ist so schlimm, ganz gewiß. Ich kenne ihn genau. Er hat die Wahrheit gesagt.«

»Ja,« lachte er befriedigt. »Nun seht Ihr wohl, wie dumm Ihr vorhin gewesen seid. Ihr habt mich fortjagen wollen und nun kniet Ihr da zu meinen Füßen. Oh, Ihr werdet uns noch gern um Erbarmen anflehen.«

Da fuhr Gisela augenblicklich aus ihrer Stellung empor. Sie zog auch ihre Mutter auf und rief zornig:

»Was? Wir vor Euch knieen? Das bildet Euch nur nicht ein. Ich würde lieber sterben als Euch ein einziges gutes Wort geben.«

»Na, na, nur sachte, sachte! Ein solches Aufbegehren steht Euch nicht. Wer auf dem letzten Loche pfeift, der muß ganz anders reden. Ihr seid jetzt am Bettelstab und -«

»Gut, so gehen wir betteln,« antwortete das Mädchen. »Aber zu Euch kommen wir nicht.«

Da trat Ludwig wieder heran.

»Zum Bettelngehen ist die Sach noch lange nicht,« sagte er. »Laßt Euch nur nicht gar so sehr angst machen. Es wird keine Speisen so heiß gessen, wie sie kocht worden ist und grad vor denen Osecs braucht Euch nicht sehr bang zu sein. Sie haben stets nur das große Maul habt und ist aber nix dahinter gewest.«

»Oho!« lachte der Alte. »Jetzt hast Du das große Maul. Du wirst aber bald anders reden müssen. Ich habe den Kery einen Bettler genannt. Das ist er, so bald ich will.«


// 1528 //

»Nein. Noch kann er arbeiten und noch bin ich auch da. Ich habe meine gesunden Arme und so lange ich mit denselbigen noch zugreifen kann, so lange werden die Kery's nicht zu hungern und auch nicht zu betteln brauchen.«

»Ja, Du bist ein gar gewaltiger Kerl. Es wird nicht lange dauern, so giebst Du ihnen gar schon ihren Hof zurück.«

»Ja, das will ich auch. Das werde ich thun.«

»So gratulire ich dazu.«

»Das hast nicht nöthig. Und wann wir sodann hier beisammen sind, so wirst auch Du mit dem Deinigen Sohn gar schön beisammen sein, nämlich im Zuchthaus drinnen, wo der beste Ort für Euch ist.«

»Kerl, merk Dir das.«

»O, ich vergeß es nicht. Merkts nur auch Euch selbst. Nun habt Ihr sagt, was zu sagen war. Was wollt Ihr noch hier? Macht Euch doch lieber fort.«

»Oho! Wir werden hier bleiben, bis der Bauer kommt.«

»Etwan bis heut Abend neun Uhr?«

»Ja. Wir gehen nicht eher fort, als bis wir mit ihm gesprochen haben.«

»So setzt Euch fein nieder. Hier sind die Stühlen und dera Tisch. Wir aber werden aus dera Stub gehen und dieselbige verschließen. Nachhero möcht Ihr sehen, womit Ihr Euch die Zeit vertreibt. Komm, Bäuerin, komm, Gisela!«

Er ergriff die Beiden bei der Hand, um sie fortzuführen. Sie gingen willig mit. Noch aber waren sie nicht bei der Thür, so sagte der alte Osec:

»Donnerwetter, dazu haben wir keine Lust. Uns einschließen lassen, das fällt uns gar nicht ein.«

»So macht Euch also fort, hinaus!« meinte Ludwig, stehen bleibend.

»Ja, das thun wir, aber freiwillig, nicht weil Du es sagst.«

»So macht aberst nur schnell, sonst werdet Ihr freiwillig hinausworfen.«

»Schön! Mit Dir Burschen rechnen wir einmal extra zusammen.«

»Dabei aberst werdet Ihr die Rechnung bezahlen müssen.«

»Wird sich finden. Bäuerin, denke ja nicht, daß wir gehen. Wir bleiben im Wirthshause bis zum Abende. Dann kommen wir wieder, um uns die Entscheidung zu holen. Bis dahin kannst Du Dich von dem Knechte trösten lassen, mit dem Du so ungeheuer intim bist. Dein Mann wird sich sehr darüber freuen, wenn wir es ihm erzählen.«

Sie gingen, aber noch unter der Thür drehte sich der Alte um und zog eine höhnische Fratze, wie sie kein Teufel beleidigender fertig gebracht hätte.

Jetzt wendete sich die Frau an Ludwig:

»Ich bin wie im Traume, aber es ist ein schrecklicher Traum. Ists denn wirklich wahr, was er gesagt hat?«

»Ja, leider ists ganz so.«

»Du weißt es?«

»Ich weiß es.«


// 1529 //

»Um Gotteswillen! Wie ist das möglich?«

»Der Bauer hat sich von denen Osecs verführen lassen, zur Schmuggeleien und auch zum Spiel. Sie haben heimlich spielt, und dabei ist ihm das Geld abnommen worden.«

»Und das soll gelten? Er muß wirklich bezahlen?«

»Er muß, weil er die Wechsel unterschrieben hat.«

»So ist das mein Tod. Das kann ich unmöglich überleben.«

Sie sank in das Kanapee und weinte bitterlich. Gisela nahm an ihrer Seite Platz, um sie zu trösten. Aber Ludwig unterbrach sie:

»Sei still, Gisela! Deine Muttern wird gleich ruhig sein, wann ich mit ihr sprechen thu. Die Sach wird sich schon noch machen lassen.«

»Wie?« fragte die Bäuerin, schnell zu ihm aufblickend.

»Kann es denn da noch Rath und Hilfe geben?«

»Freilich wohl.«

»So weißt Du einen Rath?«

»Einen sehr guten. Dera Osec hat so im Hohne sagt, daß ich Dich trösten soll. Er hat gar keine Ahnung, wie gut ich Dich zu trösten vermag.«

»So sprich, was sollen wir thun?«

»Zunächst, nicht weinen. So eine Thränen sind die Osecs gar nicht werth. Sie denken, sie haben den Sack bei allen vier Zipfeln, aber sie irren sich. Ja, den Sack habens wohl, aberst es ist nix darinnen.«

»Wieso?«

»Das möcht ich Euch freilich gern sagen, aberst ich darf das nicht. Es giebt eben Dinge, welche man einer Frau erst dann erzählt, wanns geschehen sind. Ich kann Euch nur sagen, daß Ihr den Hof behaltet.«

»Wirklich, wirklich?«

»Ja. Ihr könnts mir glauben.«

»Gott, wenn das wahr wäre!«

»Es ist wahr. Ich habe Euch Beiden viel zu lieb, als daß ich Euch blos einen Trost geben wollt, wann nix dahinter wäre.«

»Aber Du kannst Dich doch wohl irren?«

»Nein, ein Irrthum ist da gar nicht möglich. Ich will Euch nur so viel sagen, daß ich hinter die Schlichen dera Osecs kommen bin. Ich weiß Alles, was sie than haben und was sie thun wollen, und hab allbereits im Voraus dafür sorgt, daß nix daraus werden kann.«

Die Bäuerin ergriff seine Hand, drückte dieselbe herzlich und sagte:

»Lieber Ludwig, Du weißt, daß ich Dich stets sehr gern gehabt habe. Du bist brav und treu und gut. Das beweisest Du auch jetzt wieder. Wie soll ich Dir dafür danken?«

»Dadurch, daßt ein fröhliches Gesichten machst. Es wird Alles ein gutes End nehmen. Ich versprech es Dir und werd mein Wort halten. Ich glaub, daß bereits heut Abend Alles in Ordnung kommen wird.«

»Das mag der Herrgott geben! Mein Mann, ein Pascher! Den Keryhof verspekulirt. Schrecklich, schrecklich!«


// 1530 //

»Ja, er hat ihn verspekulirt und verspielt; aber er soll ihn nicht verlieren.«

»Er muß vom Spiele und vom Paschen lassen.«

»Das wird er gern, wenn wir es geschickt anfangen. Weißt, wann er heut kommt, so mußt ganz so thun, als ob Du keinen Trost von mir empfangen hast. Das wird ihn wohl so weit bringen, daß er in sich geht.«

»Darf er denn wissen, daß Du dagewesen bist?«

»Ja. Wannsts ihm nicht sagst, so derfährt er es doch von denen Osecs.«

»Er wird fürchterlich zornig sein darüber.«

»Was thut das? Fürchtest Dich?«

»Ja. Ich habe ihn stets gefürchtet.«

»Jetzunder brauchst doch keine Angst mehr vor ihm zu haben. Wann er zankt, so zankst auch. Hast ja Veranlassung dazu. Er hat den Hof verspielt und muß ruhig sein.«

»Da kennst Du ihn doch wohl nicht recht.«

»O, den kenn ich schon genau! Und wann er auch darüber zankt, daß ich da gewest bin, so hat das gar nix zu sagen. Ich werd ihn gleich wiederum gut machen. Ich bleib nämlich da, bis er kommt.«

»Um Gotteswillen! Wenn er Dich sieht!«

»Das soll er.«

»Er wirft Dich hinaus!«

»Ich werde freiwillig gehen. Vorher aber muß ich mit ihm sprechen. Und das, was ich ihm zu sagen habe, das ist so erfreulich, daß er mich wohl bitten wird, wieder in seinen Dienst zu treten.«

»Meinst Du?«

»Ja.«

»Ich halte das kaum für möglich.«

»Und ich bin überzeugt davon. Laßt mich nur machen. Wann er kommt, gehe ich hinauf in meine Kammer. Er braucht nicht sogleich zu wissen, daß ich da bin. Nachhero aberst, wann die Osecs fort sind, sodann werde ich zu ihm gehen.«

»Darf er es wissen, daß wir den Brief gelesen haben?«

»Ja. Er wird es sich ganz von selbst denken, denn es wird ihm wohl unterwegs einifallen, daß er ihn liegen lassen hat. Kannst das Schreiben aberst doch wieder hinaufi legen. Dann werden wir halt sehen, was er thut.«

Die beiden Frauen fühlten sich durch das zuversichtliche Wesen des Knechtes wenn auch nicht ganz aber doch leidlich beruhigt. Zwar sagte er ihnen keinesweges, was er thun und reden wolle, aber er zeigte doch eine Siegesgewißheit, durch welche sie mit fortgerissen wurden.

Der Nachmittag wurde in traulichem Beisammenleben verbracht. Die Dämmerung trat ein. Da ließ sich draußen Hufgetrappel vernehmen.

»Um Gotteswillen, der Vater!« sagte Gisela, welche durch das Fenster geblickt hatte.


// 1531 //

»So kommt er um Vieles eher,« meinte Ludwig. »Er wird daran dacht haben, daß er den Brief liegen lassen hat. Das hat ihn zur Eile antrieben.«

»Verstecke Dich! Schnell in die Küche!«

»Bin schon drüber!«

Er huschte in die Küche. Eigentlich war das nicht nöthig, denn der Bauer kam nicht herein. Er war vom Pferd gesprungen und schnell durch den Flur gegangen. Man hörte seine raschen Schritte von der Treppe schallen. Droben trat er in seine Stube und sofort an den Tisch, auf welchem er den Brief liegen gelassen hatte. Gisela hatte ihn wieder hingelegt. Er ergriff und betrachtete ihn. Dann ging er eiligst hinab in die Stube. Einen raschen, forschenden Blick auf Mutter und Tochter werfend, fragte er:

»War Jemand in meiner Stube?«

»Ja, ich,« antwortete Gisela.

»Hast Du den Brief gesehen, welcher auf dem Tische lag?«

»Ja.«

»Ihn wohl auch gelesen?«

»Ja.«

»Die Mutter auch?«

»Ich habe ihn ihr herunter gebracht.«

Da schritt er zornig auf sie zu, holte aus und - - - er hielt den Arm ausgestreckt, ohne den Schlag zu führen. Seine Tochter blickte ihm starr in die Augen.

»Schlag doch zu!« sagte sie.

»Verdammtes Geschmeiß, welches überall herum kriecht und nach Heimlichkeiten hascht!«

Er ließ den Arm sinken und schritt nach der Thür. Dort aber drehte er sich noch einmal um und fragte:

»Waren die Osecs hier?«

»Ja.«

»Was sagten sie?«

»Daß sie um neun Uhr wiederkommen wollen. Sie sind in der Schänke.«

»Schön! Ah - da kommen sie. Wahrscheinlich haben sie mich vorbeireiten sehen.«

Er ging hinaus. Soeben kamen die Osecs zur Hausthür herein.

»Da bist Du ja,« sagte der Alte. »Wir sahen Dich kommen. Wo bist Du denn gewesen, daß Du gar nicht auf uns hast warten können?«

»Das sollt Ihr erfahren. Kommt herauf!«

Seine Stimme hatte einen eigenthümlichen heiseren Klang. Er schritt ihnen voran. Droben angekommen, brannte er die auf dem Tische stehende Lampe an. Es war bereits dunkel in der Stube.

Die Beiden nahmen gemächlich Platz. Sie dünkten sich, Herren der Situation zu sein. Darum fiel es ihnen auch gar nicht ein, aus den starren, jetzt unheimlichen Zügen Kerys etwas für sie Schlimmes zu lesen.


// 1532 //

Er setzte sich nicht zu ihnen. Er blieb stehen, lehnte sich an die Wand, verschlang die Arme über der Brust und fragte:

»Nun, was habt Ihr mir zu sagen?«

»Das fragst Du uns?« meinte der Alte im Tone der Verwunderung.

»Du hörst es ja.«

»Vielmehr haben wir zu fragen, was Du uns zu sagen hast.«

»Vor der Hand nichts.«

»So! Aber später?«

»Vielleicht,« nickte er finster.

»Wir wollen uns natürlich Deine Antwort holen. Wie steht es? Giebst Du Deine Tochter meinem Sohne?«

»Nein.«

Das klang so bestimmt, daß Osec fast erschrocken aufblickte. Eine solche Antwort hatte er nicht erwartet.

»Nicht? Was fällt Dir ein!«

»Es ist kein Einfall; es ist eine sehr wohl überlegte Antwort.«

»Hoffentlich meinst Du es anders.«

»Ich wüßte nicht, wie.«

»Du willst Ja sagen anstatt Nein.«

»Nein. Dein Sohn bekommt meine Tochter nicht.«

Da stand Osec langsam vom Stuhle auf.

»Ist das wirklich der Bescheid, den Du uns zu geben hast?«

»Natürlich.«

»Warum giebst Du Deine Einwilligung nicht?«

»Weil ich mein Kind nicht unglücklich machen will.«

»Alle Teufel! Das Mädel muß froh sein, wenn es einen solchen Mann bekommt!«

»Ja, einen Spieler und Pascher!«

Das klang im Tone größten Hohnes.

»Bist Du das nicht selber?«

»Leider!«

»So ist es doch kein Grund, Dich zu weigern!«

»O, ich habe heut eingesehen, was für ein elender Kerl ich gewesen bin. Ich habe mein Glück, eine gute Frau und ein liebes, braves Kind zu besitzen, nicht erkannt. Ich habe mein Eigenthum verspielt. Ich habe - - - ah pah, das Lamentiren hilft nun doch nichts. Aber ich will meine Tochter vor dem Schicksale bewahren, dem ich verfallen bin. Sie soll glücklicher werden als ich.«

»Du bist ein Dummkopf!«

»Gewesen, jetzt aber nicht mehr!«

»Unsinn! Nimm Verstand an!«

»Den habe ich. Es bleibt bei Dem, was ich gesagt habe.«

Da schob der alte Osec seinen Stuhl bei Seite, griff nach dem Hute und sagte:


// 1533 //

»So sind wir mit einander fertig!«

»Ja.«

»Wenigstens für heut. Das Uebrige wird nachfolgen.«

»Ich erwarte es ruhig.«

»Ruhig? Das glaube ich nicht.«

»Hm! Bin ich etwa nicht ruhig?«

Osec betrachtete ihn vom Kopfe bis zu den Füßen. Es begann in ihm sich ein ganz eigenartiges Gefühl zu regen - - er fürchtete sich vor dem Manne, dessen Freund er sich genannt hatte und der jetzt so kalt, so stolz und finster vor ihm stand.

»Ja, ruhig bist Du,« sagte er. »Aber wenn Du wüßtest, was nun kommt, so würdest Du es nicht sein.«

»So! Was wird denn kommen?«

»Die Wechselklage.«

»Und nachher?«

»Du mußt aus dem Hofe.«

»Und nachher?«

»Ziehen wir herein.«

»Und nachher?«

»Donnerwetter! Frage doch nicht so albern! Oder meinst Du, daß wir Dich etwa nicht verklagen werden?«

»O, ich bin im Gegentheile sehr überzeugt davon.«

»Oder daß Du den Proceß gewinnen wirst?«

»Ich processire nicht.«

»Nun, zum Teufel, was denkst Du denn? Willst Du mit Deinen lumpigen fünfzehntausend Gulden dicke thun?«

»Nein. Die habe ich nicht mehr.«

»Was? Nicht mehr?«

»Nein. Sie sind futsch. Ich bin darum betrogen worden.«

»Sakkerment! Wie denn?«

Er heuchelte das größte Erstaunen.

»Thue doch nicht so, als ob Du es nicht wüßtest,« antwortete Kery. »Du selbst bist ja der Betrüger.«

»Was fällt Dir ein!«

»Willst Du es leugnen?«

»Ich weiß ja gar nicht, was Du meinst!«

»Nicht? Pfui Teufel! Wer den Muth hat, eine Schurkerei zu begehen, der sollte doch auch den Muth haben, sich zu ihr zu bekennen!«

»Von welcher Schurkerei redest Du denn eigentlich?«

»Mache Dich nicht lächerlich! Du weißt es ja ebenso gut wie ich.«

»Ich? Ich habe keine Ahnung davon.«

»Hier liegt der Beweis.«

Er deutete auf das offen auf dem Tische liegende Schreiben.

»Was ists mit dem Briefe?«


// 1534 //

»Lies ihn doch.«

Osec griff zu. Sobald er die Hand des ihm wohl bekannten Schreibens sah, wußte er den Inhalt. Er las aber dennoch die Zeilen und zwang sich, als er sie aus der Hand legte, zu einer Miene unendlichen Erstaunens.

»Was - was soll das bedeuten!« rief er aus. »Lumpen sollen darin gewesen sein?«

»Ja. Du hast es doch gelesen.«

»Das ist ein Betrug!«

»Natürlich!«

»Das darfst Du Dir nicht gefallen lassen!«

»Hm! Was will ich machen? Der Betrüger ist bereits bezahlt und wird sich sehr hüten, das Geld zurückzugeben.«

»Er muß!«

»Meinst Du?«

»Ja. Wir zwingen ihn!«

»Nun gut, so gieb mir meinen auf fünfzehn Tausend Mark lautenden Wechsel retour!«

»Ich? Wie käme ich dazu?«

»Nun, der Betrüger bist ja Du.«

»Kery, bist Du des Teufels?«

»Nein. Du hast die Lumpen eingepackt.«

»Mensch, wie kommst Du auf diesen kopflosen Gedanken!«

»Wie jeder Andere auch sogleich auf denselben kommen würde.«

»Er ist ja ganz ungeheuerlich. Sollten etwa die Träger den Coup begangen und die Packete vertauscht haben?«

»Ganz gewiß nicht.«

»Oder der Adressat?«

»Auch nicht.«

»Das kannst Du nicht behaupten.«

»O doch. Ich war ja bei ihm. Es waren im Ganzen vierundzwanzig Packete. Achtzehn hat er geöffnet. Sie enthielten Lumpen und altes Papier. Die letzten sechs hat er uneröffnet gelassen, um mich zu überzeugen, daß der Betrug nicht auf seiner Seite geschehen ist. Ich machte sie auf und fand - - ebenso Papier und Lumpen.«

»So sind die Träger schuld.«

»Nein. Die können so Etwas nicht wagen. Der Betrug ist geschehen, bevor ich die Packete in das Haus bekommen habe.«

»Also wohl von uns?«

»Ja.«

»Donnerwetter! Beleidige uns nicht!«

»Pah! Verstelle Dich nicht. Dieser Coup ist nur die Krone, welche Du Deinem bisherigen Verhalten aufsetzest. Oder wärst Du bereit, mir den Wechsel zurückzugeben?«

»Kann mir nicht einfallen!«


// 1535 //

»Davon bin ich natürlich überzeugt.«

»Ich habe nicht fünfzehntausend Gulden zu verschenken.«

»Ich noch viel weniger als Du.«

»Untersuche nur die Sache genau. Der Schuldige muß entdeckt werden.«

»Er ist entdeckt. Zur Untersuchung ist es zu spät. Ich hätte die Packete untersuchen sollen, bevor ich Dir dafür den Wechsel gab.«

»Ja. Das hättest Du freilich thun sollen. Dann würde sich heraus stellen, daß ich ehrlich bin.«

»Nun, so leugne meinetwegen! Ich habe nichts dagegen; aber ich weiß, woran ich bin.«

»Mensch, so nimm doch nur Verstand an! Wir sind ja Deine Freunde. Wir wollen Dir helfen. Willst Du denn diese fünfzehntausend Gulden schwimmen lassen?«

»Ja. Ich bekomme sie doch nicht wieder.«

»Dann hast Du aber gar nichts mehr!«

»Ich weiß es.«

»Na, ich begreife Dich nicht. Aber es kann mir auch nicht einfallen, Dich zu zwingen. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Ich an Deiner Stelle könnte nicht so ruhig dastehen und von diesem Verluste wie von einer selbstverständlichen Sache, von einer Kleinigkeit reden.«

»Hm! Bin ich denn wirklich so ruhig?«

»Ja. Ich kenne Dich wirklich nicht mehr.«

»Du wirst mich schon wieder kennen lernen, lieber Osec!«

Das klang freundlich, aber es lag eine Drohung darin, welche Osec ganz gut heraus hörte. Er schüttelte den Kopf und sagte in einem Tone, welcher theilnehmend klingen sollte:

»Du mußt doch bedenken, daß dieses Geld Dein Letztes war!«

»Das weiß ich gar wohl.«

»Und daß Du nun ein Bettler bist.«

»Noch nicht ganz. Der Kerybauer wird niemals betteln gehen.«

»Was aber willst Du anfangen? Dich als Knecht verdingen?«

»Nein. Was ich thun werde, das wirst Du schon noch erfahren.«

»Du könntest ja ganz leicht Kerybauer bleiben.«

»Wieso?«

»Gieb meinem Sohne Gisela!«

»Giebst Du mir dafür etwa meine Wechsel zurück?«

»Nein. Aber Du giebst mir das Gut. Dafür bekommst Du Deine Wechsel retour. Mein Sohn zieht zu Dir, und Niemand braucht zu erfahren, daß er der Herr ist und nicht Du.«

»Ich danke sehr!«

»Du machst nicht mit?«

»Nein. Einer solchen Sclaverei ziehe ich den Tod vor.«

»Hartkopf!«

»Ja, ich bin hart gewesen, zu hart, und das habe ich jetzt zu bereuen.


// 1536 //

Es ist während des schweren Rittes, den ich heut gemacht habe, eine Veränderung mit mir vorgegangen, von welcher Du keine Ahnung hast. Ich bin viel zu stolz, Euch Vorwürfe zu machen. Ihr seid Spitzbuben, aber dennoch bin ich ganz allein selbst an meinem Schicksale schuld. Ich hätte mich nicht von Euch übertölpeln lassen sollen. Nun aber ists dennoch geschehen, und ich habe zu tragen, was ich verdiene.«

»Das klingt ja ganz wie Leichenrede!«

»Die ist es vielleicht auch.«

»Puh! Wer mag an so was denken! Ich sehe aber, daß kein guter Rath mehr bei Dir hilft. Du willst Dich selbst unglücklich machen, und so sollst Du Deinen Willen haben. Morgen werden Dir die Wechsel präsentirt!«

»Und wenn ich sie nicht einlöse?«

»Folgt Wechselklage und Pfändung. Oder denkst Du, daß es für Dich irgend ein Hinterthürchen giebt?«

»Nein. Ich bin heut gleich mit beim Advocaten gewesen und habe mich erkundigt. Die Wechsel sind giltig, und der Keryhof ist zum Teufel. Ich bin in eine scheußlich schlau angelegte Falle gegangen. Mit mir ist es aus. Aber die Gauner sollen ihrer Ernte auch nicht froh sein. Ich verhagle sie ihnen.«

»Wie meinst Du das?«

Kery öffnete ein verschlossenes Schränkchen und nahm einen Revolver heraus.

»Schau dieses kleine Ding,« sagte er. »Das ist der Richter zwischen Euch und mir.«

Die Beiden fuhren zurück.

»Donnerwetter!« rief der Alte. »Mach mir nicht etwa Dummheiten!«

»Dummheiten? Pah! Meinst Du, daß ich es überleben mag, aus dem Hofe gestoßen zu werden? Nicht einen Tag, nicht eine Stunde oder auch nur einen Augenblick.«

»Willst Du Dich erschießen?«

»Ja.«

»Kerl, das laß bleiben!«

»Ich thue es. Aber nicht allein ich werde sterben sondern Andre auch.«

»Wer denn etwa, wer?«

»Zunächst werde ich Demjenigen, der mir einen der Wechsel, welche Du von mir in den Händen hast, präsentirt, eine Kugel durch den Kopf jagen.«

»Du bist ja gradezu verrückt! Meinst Du etwa, daß ich so dumm sein werde, Dir selbst die Papiere zur Zahlung zu präsentiren?«

»Wer sonst?«

»Das wird der Advocat thun.«

»Nun, dem werde ich freilich nichts thun; er ist ja völlig unschuldig. Aber der Schuldige oder vielmehr die beiden Schuldigen werden ihrem Schicksale nicht entgehen.«

»Zielt das etwa auf uns?«


Ende der vierundsechzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk