Lieferung 65

Karl May

22. Oktober 1887

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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»Ja.«

»Da willst Du uns wohl bedrohen?«

»Nein. Ihr sollt nur die Folgen Eures Verhaltens zu kosten bekommen, grad so, wie ich auch diejenigen meiner Dummheit tragen werde.«

»Wir haben uns nichts vorzuwerfen!«

»Nein. Ihr habt ja Eure Sache außerordentlich gut gemacht. Aber desto mehr habe ich Euch vorzuwerfen. Ich sage Euch: Mich bringt man nicht lebendig vom Keryhofe hinweg; man trägt mich als Leiche hinaus.«

»So! Na, Du kannst ja machen, was Du willst.«

»Und Euch bringt man aber auch nicht lebendig hinein. Darauf schwöre ich!«

»Donnerwetter! Du willst uns ermorden?«

»Wenn es Euch Vergnügen macht, könnt Ihr Euch als Leichen hineintragen lassen.«

»Du, sollen wir Dich etwa anzeigen!«

»Versucht es einmal!«

»Dann wirst Du eingesperrt!«

»Möglich, aber wahrscheinlich ist das nicht. Ihr seid durch Unrecht und Schwindel zu meinem Eigenthum gekommen. Mit dem Gesetze kann ich Euch nichts anhaben, folglich wehre ich mich so gut, wie ich kann.«

Er stand erhobenen Hauptes vor ihnen, den Revolver in der Hand. Die Beiden waren keine Helden. Sie fürchteten sich vor ihm. Es wurde ihnen angst und bange. Wie nun, wenn er auf den verteufelten Gedanken kommen sollte, gleich jetzt auf sie zu schießen! Sie schauerten. Der war ja heut ein schrecklicher Kerl! Man mußte sich vor ihm in Acht nehmen. Gab es denn kein Mittel von ihm los zu kommen? Dem Alten kam nur ein Gedanke, wie dem Bauer vielleicht beizukommen sei.

»Dir hat wohl der Ludwig den Kopf verdreht gemacht?« fragte er.

»Der? Was hätte ich mit dem zu thun?«

»Er war ja da!«

»Wann?«

»Am Nachmittage, als wir kamen.«

»Was! Wirklich? Wo war er?«

»Unten in der Stube, bei Deiner Frau und Tochter.«

»Was wollte er?«

»Weiß ich es denn? Er würde es uns nicht sagen, selbst wenn wir ihn gefragt hätten.«

»So! Also hinter meinem Rücken besucht er die Meinigen! Das ist ja schön!«

»Und uns wollte er hinauswerfen!«

Der Bauer lachte grimmig vor sich hin.

»Dieser Gedanke ist gar nicht übel von ihm!«

»So? Er hat uns mit meinem eigenen Stocke die Hüte vom Kopfe geschlagen!«


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»Warum?«

»Weil wir sie nicht abgenommen hatten. Der Kerl muthete uns zu, zu grüßen - in einem Hause, welches so gut wie unser Eigenthum ist. Und sodann gab er meinem Sohne sogar eine Ohrfeige.«

»Hm! Dafür könnte ich ihn lieb haben! Er ist doch ein tüchtiger Kerl!«

»Und wie hat er uns genannt! Betrüger, Schwindler, Spitzbuben und so weiter.«

»Da hat er wohl Unrecht?«

»Schweig! Und wie gar freundlich die Gisela zu ihm war. Wie sie ihm in Allem Recht gab und ihn beschützte.«

»Meine Frau wohl auch?«

»Na, die war verständiger. Sie fürchtete sich vor Dir. Sie bat ihn einige Male, an Dich zu denken.«

»Ja, sie ist brav, so brav, wie ich es gar nicht verdiene. Aber - da kommt mir ein Gedanke. Meine Tochter hat diesen Brief hier gefunden und mit hinabgenommen. Am Ende hat der Ludwig ihn auch gesehen.«

»Ein Brief lag freilich auf dem Tische, und ich möchte fast glauben, daß es dieser hier gewesen ist.«

»Das ist freilich eine ärgerliche Geschichte. Davon brauchte er nichts zu wissen.«

»O, er weiß noch mehr.«

»So? Was denn?«

»Alles!«

»Alles? Was meinst Du damit?«

»Nun, Alles! Daß der Keryhof von jetzt an mir gehört, weil Du mir so viel schuldig bist, ferner daß - - -«

»Mensch,« fiel ihm der Bauer in die Rede, »Du hast doch nicht etwa geplaudert?«

»Freilich habe ich Alles gesagt.«

»Welch eine Unvorsichtigkeit!«

»Na, ich hab ihnen ja auch mit gesagt, daß Du mir Verschwiegenheit geboten hast.«

»Und in Folge dieses Gebotes hast Du nun grad schwatzen müssen!«

Das war ein Vorwurf, aber er klang gar nicht so zornig, wie man hätte erwarten sollen. Es legte sich dabei ein trübes Lächeln um den Mund des Bauers. Wenn die Seinen es bereits wußten, wie es um ihn stand, so brauchte er es ihnen nicht erst mitzutheilen. Dieses schwere Geschäft war ihm also abgenommen worden.

»Deine Frau that es nicht anders,« erklärte Osec.

»Das ist Unsinn! Wie kann sie Etwas verlangen, wovon sie gar nichts weiß?«

»Sie wußte es doch aus dem Briefe.«

»Da steht von Dir nichts drin.«


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»Das Eine folgte aus dem Anderen. Sie fragte weiter und immer weiter, bis Alles heraus war.«

»Schwachkopf! Sich von einem Weibe so aushorchen zu lassen.«

»Oho!«

»Das paßt Dir wohl nicht. Nun ja, ich will zugeben, daß es nicht Schwachköpfigkeit von Dir gewesen ist. Ich kenne Dich und Dein großes Maul. Du hast prahlen wollen. Da ist Dir der Ludwig brav in die Quere gekommen, und so hast Du einfach gesagt, daß Dir Niemand Etwas zu befehlen habe, weil der Keryhof Dir gehöre.«

»Denke und rede, was Du willst, sie wissens nun einmal doch.«

»Auch der Ludwig?«

»Ja. Ich wollt haben, daß er hinausgeschickt werde, aber darauf gingen sie nicht ein.«

»Ich habe ihn gar nicht gesehen.«

»So ist er wieder fort. Und da will ich Dir einen Vorschlag machen, der für beide Theile gleich vortrefflich ist.«

»Solltest Du wirklich etwa so Gutes und Vortreffliches für uns haben!«

»Ja. Deine Frau und Tochter wissen es nun doch einmal, wie es steht. Wie wäre es, wenn Du die Entscheidung in ihre Hände legtest? Gisela wird freiwillig sagen, daß sie meinen Sohn nehmen will. Dadurch bleibt Ihr ja im Hofe sitzen.«

Kery lachte laut und grimmig auf. Aber er antwortete nach einer Weile doch:

»Ich habe sie dazu zwingen wollen, und das ist vergeblich gewesen. Jetzt sollte sie es freiwillig thun wollen!«

»Versuche es.«

»Es ist fruchtlos.«

»Und grad ich denke, daß es gelingen wird.«

»Ich könnte es nicht verantworten.«

»Warum? Denkst Du etwa, daß es für sie ein Leichtes ist, den Hof zu verlassen?«

Kery schritt einige Male in der Stube auf und ab. Dann war er zu einem Entschlusse gekommen. Er theilte denselben mit:

»Ich würde meine Einwilligung zu dieser Ehe nun nicht geben; aber ich will nichts unterlassen, was zu thun mir meine Pflicht gebietet. Ich werde also mit ihr reden.«

»Lässest Du sie heraufkommen?«

»Nein. Ich gehe hinab.«

»Wir mit?«

»Nein. Ich muß mit ihnen allein sein. Vielleicht lasse ich Euch nachher holen, damit Ihr den Bescheid erfahren sollt.«

Er steckte den Brief und den Revolver zu sich und ging hinab in die Wohnstube.

Ludwig hatte sich, um nicht erwischt zu werden, hinauf in seine bisherige


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Kammer begeben. Dieselbe lag im gleichen Corridore mit der Stube des Bauern. Er zog sich den Stuhl an die Thür, machte diese eine kleine Spalte auf und setzte sich nieder. Auf diese Weise konnte er ganz bequem beobachten, was auf dem Corridore vorging.

Jetzt hörte er den Bauer hinabgehen. Er konnte ihn zwar nicht sehen, weil es im Gange dunkel war, aber er kannte den Schritt zu genau, als daß er sich hätte irren können.

Ludwig war ein anstelliger Kopf. Er errieth sofort, was Kery unten wolle. Es kam sehr viel darauf an, zu hören, was er sagen werde; darum schlich er sich ihm sofort nach, in die Küche.

Es war sehr gut, daß er nicht noch schneller gemacht hatte, sonst wäre er von Kery erwischt worden.

Als dieser unten in die Stube trat, saß seine Frau mit Gisela am Tische, auf welchem eine Lampe brannte. Sie hatten sich eine weibliche Arbeit vorgenommen.

»Ist Jemand in der Küche?« fragte er.

»Nein,« lautete die Antwort.

»Will doch erst nachsehen.«

Er öffnete die Thür, welche aus der Stube hinausführte. Es war Niemand darinnen. Das beruhigte ihn. Kaum aber hatte er die Thür wieder geschlossen, so trat Ludwig zu der anderen leise herein, welche aus dem Hausflure nach der Küche führte. Er huschte an das Fenster, sah eben noch, daß der Bauer nach dem Tische ging, schob schnell bei beiden Thüren den Riegel vor, um ja von keiner Seite überrascht werden zu können, und blieb dann neben dem Fenster stehen. Da konnte er Alles hören und auch sehen.

Kery blieb nicht am Tische stehen. Er wendete sich wieder um und begann nun, mit großen Schritten auf und ab zu gehen. Er wußte nicht, wie er beginnen solle.

Das, was er jetzt fühlte, hatte er in seinem ganzen Leben nicht gefühlt. Es war ihm so weich und so wehe in seinem Herzen. Dort saß die Frau, der er vor dem Altare versprochen hatte, ihr das Leben leicht zu machen und sie auf den Händen zu tragen. Und wie hatte er sein Versprechen gehalten! Diesem lieben, guten, geduldigen Wesen hatte er das Leben zu Hölle gemacht. Er war der Herr, sie aber die Sclavin gewesen. Und sie hatte es still, ruhig und ohne Murren ertragen. Er fühlte ein unendliches Mitleid für sie und einen Grimm, einen maßlosen Grimm gegen sich selbst. Jetzt, in diesem Augenblicke erkannte er zum ersten Male, wie lieb er sie trotzdem und trotz alledem gehabt hatte und noch hatte.

Und dort die Tochter, die blühende, bildschöne Tochter. Was war er gewesen? Etwa ein freundlicher, zärtlich besorgter Vater? Ein fröhlicher, theilnehmender, nachsichtiger Beschützer ihrer Jugend? Nein, und wieder nein. Ein harter, egoistischer Tyrann war er gewesen. O, er wußte jetzt, wie sehr er gesündigt hatte und wie groß seine Pflicht war, Alles gut zu machen.

Gut zu machen! Ja, das war nun nicht mehr möglich. Es war zu


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spät! Zu spät! Welch ein fürchterliches Wort für den Reuigen, dessen Seele nach Sühne lechzt! Der Bauer ballte beide Fäuste. Er hätte sich ermorden können und - - pah, er wollte dies doch auch ohnedies thun!

Die beiden Frauen blickten nicht von ihrer Arbeit auf. Es bangte ihnen vor ihm. Sie ahnten ja nicht, welche Gefühle jetzt sein Inneres bewegten.

Da endlich blieb er bei ihnen stehen.

»Bertha,« sagte er, »Ihr habt den Brief gelesen. Wißt Ihr, was er zu bedeuten hat?«

Bertha! Das war ihr Name. Er hatte seine Frau seit langen Jahren nicht bei demselben genannt. Er hatte geglaubt, sich durch eine solche Zärtlichkeit den Respect zu vergeben.

Seine Stimme hatte bei der Frage leise gezittert. Sie klang mild und warm; fest lag der Anflug einer Furcht in ihrem Tone. Die Frau blickte überrascht auf. Er senkte den Blick. Er konnte ihr nicht in das offene, fragende Auge sehen.

»Ja, wir wissen es,« antwortete sie.

»Alles? Wißt Ihr Alles?«

»Alles!«

»Daß ich ein Schmuggler, ein Spieler gewesen bin?«

»Ja.«

»Und Alles verloren habe?«

»Alles,« antwortete sie, das Auge voller Thränen.

»Und da sitzest Du so still da! Ich kann mir nicht denken, daß Du wirklich Alles weißt. Weißt Du denn, daß wir vom Hofe müssen?«

»Die Osecs haben es gesagt.«

»Und das nimmst Du so ruhig hin? Du springst nicht auf mich ein? Du ballst nicht die Fäuste und schlägst mir ins Gesicht? Du spuckst mich nicht an und giebst mir nicht die Namen, die ich verdient habe?«

Da legte sie die Arbeit fort. Ein großer, voller Blick traf ihn aus ihren guten Augen. Dann stand sie auf.

»Georg,« sagte sie, indem sie mit Gewalt ein hervorbrechen wollendes Schluchzen überwand, »sag das Wort noch einmal!«

»Welches?«

»Meinen Namen.«

Statt glühender, grimmiger Vorwürfe diese fast demüthige Bitte! Er wußte nicht, wie ihm geschah. Seine Kniee begannen zu zittern. Sie bogen sich. Er konnte sich nicht beherrschen; er vermochte nicht zu widerstehen. Er sank vor der Frau nieder, er ergriff ihre beiden Hände und rief:

»Bertha! Ich bin ein Ungeheuer!«

Da zog sie ihn zu sich empor, umschlang ihn, legte ihren Kopf an seine Brust und weinte ihm leise zu:

»Georg; es ist nun Alles wieder gut!«

»Alles wieder gut? Nein, es ist ja Alles verloren.«


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»Der Hof ist verloren; wir aber haben uns wiedergefunden. Wir werden arbeiten und dabei recht, recht glücklich sein.«

»Weib, einer solchen Entsagung bist Du fähig!«

»Es ist das keine Entsagung. Die Liebe ist viel, viel besser als aller Reichthum!«

»Aber wir werden gar, gar nichts haben!«

»Wir haben ja uns. Und haben wir etwa jetzt nicht auch arbeiten müssen? Wir haben geschafft wie andre Leute auch. Arbeiten ist ja eine Lust. Daß Du mich wieder Bertha nennst, dieses eine Wort ist mir lieber als der ganze Keryhof.«

Da schob er sie von sich ab, blickte ihr mit überströmenden Augen in das Gesicht und rief:

»Gott, welch ein Hallunke bin ich gewesen! Ich war ein Elender und kann nicht den tausendsten Theil von Dem, was ich auf dem Gewissen habe, wieder gut machen.«

Da trat Gisela herbei, schlang die Arme um ihn und bat:

»Sprich nicht so, Vater! Das kann ich nicht hören. Du hast nichts verbrochen. Laß den Hof fahren. Mag er fort sein. Mich haben die Aecker und Wiesen, welche unser waren, nicht glücklich gemacht. Sie sind vielmehr schuld, daß ich habe unglücklich werden sollen. Sind wir arm, so ziehen wir fort, dahin, wo uns Niemand kennt. Dort arbeiten wir und lernen, zufrieden und glücklich zu sein.«

Da drückte er sie innig an sich.

»Gisela, mein Kind. Und einen solchen Schatz habe ich an Hallunken, wie die Osecs sind, verschachern wollen. Sie schicken mich herab zu Euch. Wenn Du den Jungen heirathen willst, so soll der Keryhof scheinbar unser bleiben, so daß ich wenigstens vor den Nachbarn nicht blamirt werde. Was sagst Du dazu?«

»Sag erst, was Du selbst denkst.«

»Ich denke, daß Du ein solches Opfer nicht bringen darfst.«

»Ist das Dein Ernst?«

»Ja, Gisela.«

»So ist ja Alles, Alles gut. Ich würde diesen Menschen nicht nehmen, selbst wenn ich nicht bereits einen Andern lieb hätte. Er ist ein solches Opfer gar nicht werth. Du verlangst also nicht von mir, daß ich Ja sage?«

»Nein. Wolltest Du es sagen, so würde ich Dich allen Ernstes warnen. Also Du hast bereits einen Andern lieb? Doch wohl den Ludwig?«

»Ja, Vater.«

»Sehr?«

Sie verbarg ihr Gesichtchen an seiner Brust und antwortete verschämt:

»Ich mag niemals einen Andern.«

»Und ich, ich habe ihn fort gejagt, der mir so treu gedient hatte!«

»Er wird wiederkommen.«

»Er wird sich hüten. Er weiß ja wohl auch, daß Du nichts mehr hast.«


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»Das weiß er; aber ich glaube, ihm ist es lieb, daß ich arm geworden bin. Er wird mit uns gehen, wohin Du nur immer willst, lieber Vater.«

Er schob jetzt auch Gisela von sich ab, blickte abwechselnd sie und ihre Mutter an und sagte, indem seine Augen zu glänzen begannen:

»Ich bin wirklich wie im Traume. Ich habe Vorwürfe erwartet und finde solche Liebe. Könnt Ihr denn wirklich leben ohne den Hof?«

»Georg, wir finden überall eine zweite Heimath,« antwortete seine Frau ernst und innig.

»Und Du, Gisela?«

Da stieß die Tochter ein fast fröhliches Lachen aus und rief:

»Immer fort mit dem Hofe! Da darf ich dann doch dem Ludwig gut sein!«

Sie ahnte nicht, daß der Glückliche in der Küche stand und jedes Wort hörte.

»Und so denkt Ihr wirklich?« fragte der Bauer. »Das ist Euer Ernst?«

»Ja, ja,« antworteten die Beiden.

»Herrgott! Und ich, ich wollte - - -!«

Er schlug sich mit der Faust an die Stirn.

»Was? Was wolltest Du?« fragte seine Frau.

»Du wirst erschrecken, wenn Du es hörst. Es ist etwas Fürchterliches. Aber ich muß es Euch sagen, mir zur gerechten Strafe. Ich wollte mich - erschießen.«

Zwei Schreckensrufe erklangen.

»Ja, mich und die beiden Osecs. Ich glaubte, die Schande nicht überleben zu können, und wollte ihnen nicht gönnen, meinen Hof zu besitzen. Ein Mörder und Selbstmörder wollte ich werden!«

»Ist das wirklich wahr, Georg?«

»Ja. Hier hast Du den Beweis.«

Er zog den Revolver aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch.

»Herr mein Gott! Ists geladen?« fragte die Bäuerin.

»Ja, scharf.«

»Thu ihn weg, schnell, schnell!«

»Du brauchst Dich nicht mehr zu fürchten. Er ist mir nicht mehr gefährlich. Ich mag nun nicht sterben, sondern ich will leben bleiben, leben bleiben, um gut zu machen. Ich will arbeiten, daß mir die Schwielen an den Händen bersten, und wenn auch der Hof verloren ist, so werden wir doch noch eine Wenigkeit retten, so daß wir wenigstens nicht ganz nackt anderswo beginnen müssen.«

Er zog Frau und Tochter innig an sich. Thränen flossen, liebe, gute Worte wurden gewechselt. Der Kerybauer war ein so ganz Anderer und sagte zuletzt:

»Wer hätte das gedacht! Jetzt erfahre ich es an mir selbst, daß der Reichthum nicht glücklich und die Armuth nicht unglücklich macht. Es ist vielmehr grad das Gegentheil der Fall. Zwar wird es mir fürchterlich wehe


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thun, dem Hofe den Rücken zukehren zu müssen, und ich werde das niemals ganz verschmerzen können, aber ich werde doch nicht unglücklich sein. Und das sollen die beiden Osecs sofort erfahren.«

»Gehst Du wieder hinauf zu ihnen?« erkundigte sich seine Frau.

»Ja, ich hole sie herab, und nachher mögen sie schleunigst verschwinden. Unsere Freundschaft hat ausgespielt.«

Er ging und brachte die beiden Schurken herab. Sie waren natürlich außerordentlich begierig, das Ergebniß zu erfahren. Sie hatten sich eingebildet, die Frauen in Thränen, und den Bauer im Zorn zu sehen. Dort auf dem Tische lag der Revolver. Hatte der Bauer seiner Tochter vielleicht gar mit dem Erschießen gedroht, um ihren Widerstand zu brechen?

Aber da gab es doch keine Spur von Thränen. Das Gesicht der Bäuerin war ernst, aber ganz und gar nicht traurig, und um Giselas Mund hatte sich ein glückliches Lächeln gelegt.

Auch das Gesicht Kerys war ein ganz anderes. Solche Augen wie jetzt hatte er noch niemals gemacht.

»Ja, was ist mir denn das?« fragte der Alte. »Ich hab gedacht, Alles in Thränen zu finden.«

»Da hast Du Dich geirrt, wie Du siehst,« antwortete der Bauer.

»Ich sehe es. Das ist ja grad so, wie es in dem Liede heißt:

»Wir sitzen so fröhlich beisammen
Und haben einander so lieb.«

Und Kery fügte lachend hinzu:

»Erheitern einander das Leben;
Ach, wenn es doch immer so blieb.«

»Das lasse ich mir freilich gefallen, und ich freue mich herzlich darüber, daß Ihr so einig geworden seid.«

»Ja, einig sind wir geworden, einig, so wie wir es noch niemals gewesen sind.«

»Das ist sehr gut für uns.«

»Hoffentlich.«

»Und wir dürfen mit fröhlich sein?«

So lustig, wie es Euch beliebt.«

»So thu nur erst den Revolver fort.«

»Laß ihn immerhin liegen. Es geschieht Euch nichts Böses. Ich bin vollständig kurirt und habe überhaupt vorhin mit meiner Drohung nur einen dummen Spaß gemacht.«

»Wenns wahr ist!« meinte der Alte.

»Kannst es glauben.«

»Wie steht es da mit den Wechseln?«

»Die kannst Du präsentiren, am liebsten gleich morgen.«

»Das werde ich freilich thun. So einen Wunsch erfüllt man sehr gern. Und wie steht es mit dem Hofe?«

»Den kannst Du nehmen.«


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»Aber wir sagen, daß er noch Dir gehört.«

»O nein. Wir wollen doch lieber die Wahrheit sagen. Man soll auch in solchen Dingen keine Lügen machen.«

»Schön. Das ist mir noch lieber. So lößt sich ja Alles in Wohlgefallen und Freundschaft auf. Wer hätte das erwartet!«

»Ja, unverhofft kommt oft.«

»Es könnte wahrhaftig gar nicht besser sein. Das soll aber auch eine Hochzeit sein, wie man sie im Lande noch niemals gesehen hat. Geh also hin zur Gisela und gieb ihr den Verlobungskuß.«

Diese Aufforderung war an seinen Sohn gerichtet. Dieser hielt sich verlegen die Hand vor den Mund, hüstelte einige Male und schritt dann auf das Mädchen zu.

Schon hob er die Arme, sie zu umschlingen, da blieb er aber halten. Sie that gar nicht so, als ob sie sich von ihm küssen lassen wolle. Sie lachte ihm vielmehr so in das Gesicht, daß es ordentlich eine Beleidigung für ihn war.

»Na, so mache doch und ziere Dich nicht!« rief ihm sein Vater zu.

Der Sohn kratzte sich hinter den Ohren und antwortete:

»Hm, ja, sie will doch nicht!«

»Warum nicht? Sie hat ja noch gar nichts dagegen gesagt!«

»Aber schau sie doch an! Was sie für ein Gesicht macht!«

»Ach was, Gesicht! Jede Jungfer zieht eine Visage, wenn sie im Beisein Anderer geschmatzt werden soll. Nachher, wenn Ihr unter vier Augen seid, wird sie schon ein anderes Gesicht machen.«

Das erhöhte den Muth des vermeintlichen Bräutigams. Er hob die Arme abermals und trat näher zu ihr heran. Sie aber wich zurück und fragte:

»Was willst Du denn eigentlich?«

»Du hast es doch gehört! Den Kuß.«

»Ich habe keinen.«

»Was?« fragte er verblüfft.

»Ich habe keinen für Dich. Meine Küsse sind alle bereits von einem Anderen bestellt.«

»Mach keinen dummen Witz!«

»Mit Dir wird kein Witz gemacht. Ehe ich Dir einen Kuß gebe - oh!«

Es war ein unbeschreiblicher Abscheu, welcher aus diesem Ausrufe sprach. Da wendete er sich zu seinem Vater zurück:

»Da hast Du es. Sie will nicht.«

»So wird sie müssen. Kery, setze ihr doch mal den Kopf zurecht!«

»O,« antwortete der Bauer, »den hat sie ganz auf der richtigen Stelle und das Herze auch. Ich wüßte ja gar nicht, weshalb sie sich von Deinem Jungen küssen lassen sollte.«

»Warum nicht? Sapperment! Zur Verlobung.«

»Wo ist denn Verlobung?«

»Na, hier!«

Sein Gesicht nahm den Ausdruck größten Erstaunens an.


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»Wer hat denn das gesagt?«

»Doch Du!«

»Ist mir nicht eingefallen.«

Das Gesicht Osecs wurde länger und länger.

»Donnerwetter!« rief er aus. »Will man denn hier mit uns etwa Fastnacht spielen?«

»Dazu sind wir viel zu ernst gestimmt.«

»Nun, so ists ja ganz in Ordnung, daß mein Bube Deine Tochter umarmt.«

»Du irrst. Ich glaube, daß Du mich nicht richtig verstanden hast. Gisela mag ihn ja nicht.«

Da fuhr Osec zornig auf:

»Warum hast Du das nicht gleich gesagt!«

»Ich habs gesagt.«

»Nein.«

»O doch! Ich habe gesagt, daß Du den Hof nehmen und den Leuten sagen kannst, daß er Dir gehört. Das ist nach unserer vorhergehenden Unterredung grad so viel, als wenn ich gesagt hätte, daß sie ihn nicht mag.«

Da stieß der Alte seinen Stock auf die Diele und rief:

»Auch gut! Weißt Du nun, was folgt?«

»Ja.«

»Morgen präsentire ich die Wechsel.«

»Schön.«

»Ich selbst.«

»Ist mir lieb.«

»Oder meinst Du, daß ich mich vor dem Revolver fürchten soll?«

»Das hast Du nicht nöthig. Ich habe nur Spaß gemacht.«

»Ich komme aber schon früh bei Zeiten!«

»Nur nicht schon während der Nacht. Alles hat seine Zeit, auch das Wechselpräsentiren.«

»Was das betrifft, so brauchst Du mich nicht zu belehren. Wirst Du denn zahlen können?«

»Das wirst Du morgen sehen.«

»Pah! So ein Heidengeld hat Keiner beisammen. Sodann gehen die Wechsel sofort aufs Gericht zum Protest. Die Klage erfolgt. In vierzehn Tagen ist die Auspfändung da, und der Hof ist mein Eigenthum.«

»Das geht ja recht schnell!«

Der Bauer lachte. Er konnte wirklich lachen. Wie groß mußte da die Veränderung sein, welche in seinem Innern sich vollzogen hatte.

»Lach nur jetzt. Es wird schon noch das Weinen kommen.«

»Das glaube ich nicht. Um Deinetwillen weine ich nicht.«

»Aber um des schönen Gutes willen!«

»Auch da nicht. Ich kaufe mir ein anderes.«

»Ja, ein Rittergut für sechs Kreuzer. Das wird eine schöne Wirth-


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schaft werden. Da kannst Du auch den schönen Ludwig wieder als Oberknecht zu Dir nehmen. Dann paßt Ihr zusammen, Lump zu Lump!«

Da fuhr ihm der Bauer donnernd entgegen:

»Osec, so kommst Du mir nicht! Du hast mich zu Grunde gerichtet, und ich will mich nicht dagegen wehren, obgleich sich gar wohl ein Punkt finden ließe, an welchem Du noch zu fassen wärest; aber beschimpfen lasse ich mich nicht. Uebrigens ist der Ludwig ein Ehrenmann. Sein kleiner Finger ist mehr werth, als Ihr beide Kerls am ganzen Körper. Das will ich Euch noch sagen. Laßt mir ihn in Ruhe!«

»Wie hast Du ihn denn am Sonntag geheißen? Da war er Alles, aber kein Ehrenmann.«

»Selbst am Sonntage habe ich gesagt, daß er ein braver und treuer Bursche ist.«

»Nun, so gieb ihm doch die Gisela. Da können sie arme Ritter in Elendsfett backen!«

»Das ist nicht nöthig,« ertönte es hinter ihm. »Ein Gänsebraten thuts auch, wann er recht knusprig backen ist.«

Ludwig war eingetreten. Er wendete sich an Kery:

»Mußt halt schön verzeihen. Zwar bin ich aus dem Dienst bei Dir, aberst ich hab noch meine Sachen droben in dera Kammer, und sodann giebts noch was Wichtiges, was ich gern mit Dir besprechen möcht.«

Er streckte ihm treuherzig die Hand entgegen und Kery schlug freundlich ein, wobei er antwortete:

»Du bist mir willkommen. Setze Dich nur nieder!«

»Das ist ja sehr schön. Da können wir nun wohl gehen? Denn zu einem solchen Kerl passen wir doch nicht.«

Da wendete sich Ludwig ihm zu und antwortete, noch bevor der Bauer eine Entgegnung geben konnte:

»Hast Recht, Lump! Wir passen nicht zusammen, eben weilst ein Lump bist. Schaff Dich also von dannen! Hier hast nix mehr zu suchen.«

»Oho! Ich bin hier Herr im Hause!«

»Beweise es!«

»Morgen am Vormittage werde ich den Beweis führen.«

»Darauf bin ich sehr neugierig. Vielleicht derlaubt mirs dera Kerybauer, daß ich mit dabei sein darf.«

Kery nickte zustimmend. Osec aber höhnte:

»Du siehst, daß er es Dir erlaubt, seine Schande mit anzusehen. Wo kein Ehrgefühl ist, da ist auch niemals welches hinzubringen. So habe ich also das Vergnügen, die Herrschaften morgen wieder zu sehen!«

»Ja, aber darfsts ja nicht versäumen, sonst könntst nachhern verhindert sein.«

»Verhindert? Wieso?«

»Habs Dir bereits mal sagt. Wann man im Zuchthausen steckt, kann man keine Besuchen machen, um Wechsel einzukassiren, die man im falschen Spiel gewonnen hat.«


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»Kerl, Dich selbst werd ich aufs Zuchthaus bringen.«

»Da bin ich neugierig, wie Du es anfangen willst. Bei Dir aber kostets mich nur ein einziges Wort, und dieses Wort, ich werd es sprechen.«

»Das bildest Du Dir ein, Du Habenichts.«

»Mach Dich hinaus, sonst helf ich nach. Es juckt mir schon bereits in denen Fingern. Wann ich Dich beim Salpeter krieg, so walk ich Dich, daß alle Knochen klingeln.«

Er schritt auf ihn zu; da fuhren beide, Vater und Sohn, zur Thür hinaus. Ludwig ging ihnen nach, um sich zu überzeugen, daß sie nicht etwa irgendwo sich versteckten, um zu lauschen. Als er dann wieder in die Stube trat, saß der Bauer mit der Frau und Tochter am Tische.

»Du bist wohl heut gekommen, um Deine Sachen zu holen?« fragte dieser ihn.

»Nein. Ich habe eine viel wichtigere Angelegenheit.«

»Was betrifft sie denn?«

»Die Osec's und Dich.«

»So hättest Du jetzt die beste Zeit gehabt, die Sache an den Mann zu bringen. Nun aber sind die Beiden fort.«

»Hab sie dennoch angebracht. Die Schufte haben freilich keine Ahnung davon. Also ich darf morgen mit dabei sein, wanns kommen, um die Wechsel vorzuzeigen?«

»Ich habe es Dir versprochen und Du weißt, daß ich mein Wort halte. Ich weiß, daß Du Dich nicht über mein Unglück freuen wirst!«

»Nein, sondern über Dein Glück.«

»Das wird auf sich warten lassen!«

»Wer kann wissen, was passirt.«

»Was geschehen wird, das weiß ich. In Zeit von einigen Wochen bin ich vom Hofe.«

Ludwig schüttelte den Kopf und meinte bedenklich:

»Ich glaubs nicht, glaubs nicht.«

»Das ist sicher.«

»Wohl nicht ganz.«

»Es ist keine Rettung. Ich bin heut mit beim Advocaten gewesen. Er hat mir alle Hoffnungen auf einen Ausweg benommen.«

»So ist er eben ein dummer Rather!«

»Es ist der beste in der Stadt.«

»Da ist ja ein Bauernknecht gescheidter.«

»Etwa Du?«

»Ja.«

Es lag etwas in seinem Tone, was dem Bauer auffiel. Er musterte ihn mit forschendem Blicke und sagte:

»Du thust ja ganz so, als ob Du wirklich eine Rettung wüßtest.«

»Die weiß ich auch.«

»Einbildung.«


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»Nein, ich weiß wirklich eine Rettung.«

»Höre, Ludwig, Du bist ein braver Knecht und ein tüchtiger Landmann; aber zu einem Juristen, der alle Hinterpförtchen des Prozeßverfahrens kennt, gehört doch mehr.«

»Oho. Es giebt sehr feine Advocaten und Juristen; aber zu einem guten Knecht, der seinen lieben Herrn retten will, gehört doch mehr. Und ich setz da gleich einen Schwur darauf, daß ich denen Osec's eine Nasen aufsetze, an ders zu tragen haben sollen all ihr Leben lang.«

»Wenn Du das könntest.«

»Ich kanns, ich kanns!«

»Wie wolltest Du das anfangen?«

Während die Augen der Anderen mit größter Spannung auf ihn gerichtet waren, lachte er fröhlich vor sich hin und antwortete sodann:

»Anfangen? Wann ichs nun heut erst anfangen wollt, da die Osec's bereits fast fertig sind, da wär es weit gefehlt. Ich hab schon längst wußt, was ich thu, und heut bin ich halt fertig.«

»Schon längst?« fragte der Bauer überrascht.

»Ja freilich.«

»So hast Du Dich bereits früher mit dieser Angelegenheit beschäftigt?«

»Schon seit dem, als Du, weißt, damals sucht wurdest, und ich hab sagt, daß dera Schmuggler das Dorf hinunterlaufen ist.«

»Schlauberger und Hinterlistiger!«

»Ja, die Hinterlist laß ich mir gefallen, dies darauf absehen hat, Andere vor Schaden zu behüten! Wann dera Herr darauf los wirthschaftet, nachhero muß der Knecht die Sache desto mehr in Acht nehmen.«

Er hatte das im Tone des Scherzes gesagt, dennoch drohte ihm die Bäuerin sofort mit dem Finger und warnte:

»Pst! Keine Vorwürfe!«

»Das solls auch gar nicht sein; dafür soll mich dera Herrgott behüten. Es ist mir halt so über die Zung laufen. Aberst sag nur mal, Bauer, warumst Dir von denen Osec's einen solchen Schrecken einijagen lässest.«

»Das muß ich wohl. Sie haben mich doch in den Händen.«

»Ich glaube das nicht.«

»Gewiß. Ich weiß kaum selbst genau, wieviel ich ihnen schuldig bin.«

»Habens denn was darüber in denen Händen?«

»Lauter gute Sichtwechsel.«

»Ich glaubs nicht.«

Er wiegte dabei wieder wie vorhin den Kopf bedenklich hin und her.

»Wirst's wohl glauben müssen. Ich habe sie ja natürlich alle selbst acceptirt und unterschrieben.«

»Das glaube ich gern, aberst daß sie dieselbigen auch wirklich haben, daran möcht ich zweifeln.«

»Natürlich haben sie sie. So Etwas hebt man sich auf. Was sollten sie denn damit gemacht haben?«


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»Ja, das weiß ich nicht.«

»Sie haben sich überhaupt sehr sicher gesetzt. Im Falle ich gegen sie klagen sollte, besitzen sie eine große Anzahl Lieferscheine in Beziehung der Schmuggelei. Wenn Sie diese der Polizei übergeben, werde ich noch extra als Pascher bestraft.«

»Ja, das sind die richtigen Klugen. Doch glaub ichs halt nicht, daß sie solche Lieferscheinen von Dir haben.«

»Weshalb nicht?«

»Weilst zu klug bist.«

»Ich bin eben dumm gewesen und habe mich von ihnen überlisten lassen.«

»Nun, so ist Dein Oberknecht viel zu klug dazu. Was dera Eine nicht ist, das kann der Andere sein.«

»Wie meinst Du das?«

»Wie sollt ich es meinen! Mags halt stehen wie es will, den Keryhof lassen wir Dir nicht nehmen.«

»Aber morgen präsentiren sie die Wechsel!«

»Mögen sie. Nachhero erst kommt die Klage.«

»Und die geht aber schnell!«

»So machen wir noch schneller.«

»Was denn?«

»Nun, wannst die Wechseln nicht bezahlen kannst, so können sie Dir doch nur das nehmen, wast hast.«

»Natürlich.«

»Und wast nicht hast, das können sie eben nicht bekommen.«

»Auch richtig.«

»Wannst also keinen Hof hast, können sie Dir keinen nehmen.«

»Ach, jetzt verstehe ich Dich. Daran habe ich auch bereits gedacht.«

»Nicht wahr, dieser Gedank ist nicht übel?«

»Nein; aber er läßt sich nicht ausführen.«

»Warum nicht?«

»Wo finde ich sofort einen Käufer, welcher mich gleich bezahlen kann?«

»Ja, das ist schwer.«

»Bedenke wohl, daß es noch heut geschehen müßte. Verkaufte ich erst nachdem mir die Wechsel präsentirt worden sind, so wäre das Betrug, wegen dem ich bestraft werden könnte.«

»So muß es anders anfangt werden.«

»Aber wie? Etwa ein Scheinkauf? Der ist doppelt gefährlich.«

»Das kann ich mir leicht denken. Aber muß es denn grad ein Kauf sein?«

»Ich wüßte nichts Anderes.«

»Vielleicht ein Tausch?«

»Erst recht nicht.«


// 1551 //

»Ja, warum aber nicht?«

»Bei einem Tausche bekäme ich kein Geld sondern doch ein anderes Gut, welches mir dann grad so weggenommen würde wie der Keryhof.«

»So darfst kein Bauerngut eintauschen.«

»Was denn?«

»Werthpapieren.«

»Hm! Das ließe sich freilich hören. Aber es müßte eben auch heut geschehen.«

»Das denk ich auch.«

»Und wo finde ich einen solchen Tauschlustigen?«

»Brauchst Dich blos umzuschauen.«

»Wo?«

»Hier in dera Stuben.«

»Etwa Du?«

»Ja.«

»Höre, Ludwig, ich habe gedacht, daß Du diese Angelegenheit wirklich ernsthaft nimmst.«

»Das thue ich auch.«

»Nein. Was Du jetzt sagtest, kann nur ein Spaß sein.«

»Es ist mein Ernst.«

»Unsinn!«

Da hielt Ludwig dem Bauer die rechte Hand hin und sagte:

»Es ist mein Ernst, daß ich Dir das Kerygut abtauschen will. Ich hab Papieren, welche grad so viel gelten, wie das Gut werth ist. Wannst mitmachst, so kann dera Handel sofort abschlossen werden.«

Da stand der Bauer langsam, langsam auf. Er blieb kerzengrade vor dem Knechte stehen und sagte:

»Ludwig, ist's wirklich Dein Ernst? Spanne mich um Gotteswillen nicht auf die Folter.«

»Es ist mein Ernst, ich schwör Dirs zu.«

»So hast Du Dich heimlich nach einem Manne umgesehen, der den Tausch mit eingehen will?«

»Ja, und ich hab einen funden.«

»Wer ist's?«

»Rathe mal.«

»Das kann ich nicht.«

»Das glaub ich wohl. Den würdest im ganzen Leben nicht derrathen. Es ist grad derjenige, vor demt Dich am Meisten fürchtet hast.«

»Wer wäre das?«

»Dera alte Osec.«

Der Eindruck dieses Namens war ein augenblicklicher. Der Bauer schlug mit der Faust auf den Tisch und rief zornig:

»Mensch! Habe ich Dir nicht verboten, Scherz mit mir zu treiben?«


// 1552 //

»Ludwig!« rief auch die Bäuerin in vorwurfsvollem Tone.

Gisela aber sah es dem Geliebten an, daß er ein Geheimniß hege. Seine Augen leuchteten so innig vergnügt. Er mußte es mit der Rettung ihres Vaters wirklich ernst meinen. Darum bat sie:

»Vater, werde nicht zornig. Höre ihn doch nur!«

»Ach was, hören! Es versteht sich doch ganz von selbst, daß er Unsinn macht. So etwas ist doch gar nicht denkbar!«

»Warum nicht?« fragte Ludwig.

»Derjenige, welcher mich unglücklich machen will, wird mich doch nicht etwa retten?«

»Sappermenten, das scheint mir nicht gar so sehr unmöglich zu sein.«

»Dann bin ich entweder ganz von Sinnen, oder Du bist - ein -«

Er sprach nicht weiter, aber er warf einen drohenden Blick auf den Knecht. Dieser aber meinte lachend:

»Der Osec wird Dich retten, aber dera Kerlen weiß gar nix davon.«

»Wie sollte das geschehen?«

»Eben durch die Papieren, die er Dir für das Gut zum Umtausch sendet. Und das Allerbeste bei diesem Tausche ist, daß Du die Papieren bekommst und das Gut gar nicht dafür zu geben brauchst.«

»Das wäre doch gar kein Tausch!«

»Freilich nicht. Es ist ein Geschenk, ein großartiges Geschenk, welches er Dir macht. Freilich weiß er eben gar nix davon.«

»Das sind mir lauter Räthsel.«

»Die werden gleich gelöst werden. Da, paß mal aufi.«

Er erhob sich nun von seinem Sitze und ging erst in die Küche, deren beide Thüren er verschloß. Dann sah er auch hinaus an die Läden und in den Hausflur, um sich zu überzeugen, daß es keinen Lauscher gebe. Als er wieder in die Stube trat, meinte Kery:

»Du thust doch recht heimlich und vorsichtig dabei!«

»Das muß ich. Was wir thun und sprechen, das darf kein Mensch wissen, und auch Keiner darf jemals davon derfahren. Nur wir vier, wir behalten es als ein großes Geheimnissen bei uns.«

»Du versetzest mich in die größte Spannung.«

»Wirst gleich schauen, was es ist.«

Er zog ein Päckchen, welches in ein blaues Papier geschlagen war, aus der Tasche, öffnete es, nahm ein Papier heraus, gab es dem Bauer und fragte:

»Kennst Du das?«

Kery faltete es auseinander, warf einen Blick darauf, stieß einen Ruf freudigen Erstaunens aus und sagte mit bebender Stimme:

»Mein Wechsel, mein Wechsel! Die fünfzehntausend Gulden habe ich wieder! Kein Mensch erhält ihn aus meiner Hand!«


// 1553 //

»Daran thust sehr recht. Dieses Geldl, um das Dich dera Osec betrügen wollte, haben wir also glücklich rettet.«

»Aber, Mensch, Ludwig, wie ist das möglich? Woher hast Du ihn denn?«

»Er lag bei denen andern,« lachte der Knecht.

»Bei was für andern?«

»Bei diesen hier.«

Er nahm eine zusammengelegte Anzahl von Papieren und gab sie ihm. Der Bauer schlug sie auseinander.

»Herr Gott! Was ist das?« rief er.

Seine Augen schienen die Zettel verschlingen zu wollen.

»Ists so richtig?« fragte Ludwig.

»Meine Lieferscheine!«

»Alle?«

»Alle mit einander!« rief Kery, indem er mit zitternden Händen die Zettel zählte.

»Auch ich glaub nicht, daß einer fehlt.«

»Kein einziger.«

»Nun mag dera Osec Dich einmal bei dera Polizeien anzeigen wegen Pascherei.«

»Nein, nun kann er nicht. Ich bin gerettet! Ich bin nun sicher vor dieser fürchterlichen Gefahr, und kein Teufel soll mich jemals verführen, wieder zu paschen.«

Er streckte der Frau und der Tochter die Hände zur Bekräftigung entgegen, gab dann auch dem Knechte eine Hand und fragte:

»Aber Ludwig, lieber Ludwig, wo hast Du denn diese Papiere her?«

»Na,« lachte der Gefragte glücklich, »woher soll ich sie haben? Sie lagen eben auch bei den anderen.«

»Bei welchen?«

»Bei diesen hier.«

Er gab den Rest des Packetes hin. Kery griff zu und öffnete und las. Sein Gesicht wurde bald roth und bald blaß. Er zählte die einzelnen Stücke, legte dann alles auf den Tisch, starrte den Knecht wie abwesend an und stieß mit bebender Stimme hervor:

»Ludwig!«

»Was?«

»Ludwig, ist so was möglich?«

»Man sollts denken, da man es sieht.«

»Kannst Du zaubern?«

»Nein.«

»Aber wie kommst Du zu den Papieren?«

»Auf die einfachste Art und Weisen in dera Welt.«

»Meine Wechsel, alle, alle meine Wechsel!«


// 1554 //

»Ists wahr, ists wahr?« riefen Frau und Tochter, Beide von ihren Stühlen aufspringend.

»Ja; schau, Bertha; schau, Gisela! Das sind die Wechsel, mit denen ich meine Seele dem Teufel verschrieben hatte. Es war ein dreifacher Teufel, der Spiel- und der Pascher- und der Hochmuthsteufel. Nun bin ich erlöst. Ich habe sie zurück!«

»Gott, Gott sei Dank,« hauchte die Frau und sank weinend in den Stuhl zurück.

»Und auch der Keryhof ist gerettet! Morgen kann mir kein Wechsel präsentirt werden. Seit wann hast Du sie denn eigentlich, Ludwig?«

»Seit dem Sonntag.«

»Und die Osecs wissen es nicht?«

»Ja, wann die es wüßten!«

»Wie bist Du zu ihnen gekommen?«

»Grad so, wie auch die Osecs zu ihnen kommen sind: durch eine Schlechtigkeiten. Ich bin ein Spitzbub. Ich hab sie stohlen; ich hab sie maust.«

»Kerl, gestohlen!«

»Ja.«

»Du bist aus Liebe zu Deinem Herrn ein Dieb geworden!«

»Leider. Ich hab nicht anders konnt. Ich habs freilich nicht eher than, als bis ich mit meinem Gewissen eine Zwiesprachen halten hab, und das hat mich freisprochen. Ein Verbrechen hab ich nicht begangen.«

»Ein Verbrechen! Nein, das ist es nicht.«

»Und ists ein Verbrechen, eine Sünd, so wirds mir der Herrgott vergeben und mich gnädig dafür strafen.«

»Es ist weder ein Verbrechen noch eine Sünde. Es ist kein Diebstahl. Ich bin um dieses viele Geld betrogen worden. Du hast mir mit List mein Eigenthum zurückerobert, welches man mir mit List abgenommen hatte. Meine Wechsel, meine Wechsel!«

In seiner Herzensfreude küßte er das Packet. Er sprang in der Stube herum und rief dann aus:

»Kommt heraus in die Küche! Wir wollen einen Scheiterhaufen errichten und diese bösen Geister verbrennen.«

Er ging hinaus und machte ein Feuer im Ofen.

»Aber Georg, darfst Du das?« fragte seine Frau.

»Warum nicht?«

»Ist das alles Dein Eigenthum?«

»Ja.«

»Gehört es nicht den Osecs?«

»Nein. Geraubtes Gut kann dem Räuber niemals gehören. Seht, da brennt es!«

Er hatte das ganze Päcktchen den Flammen, die es gierig ergriffen, überliefert.

»Aber wenn es dennoch ein Unrecht wäre,« sagte die Bäuerin.


// 1555 //

Da beruhigte sie der Knecht:

»Hab keine Sorg! Wann ich glaubt hätt, daß es ein Unrecht sei, so hätte ichs nicht than.«

»Aber wir müssen es verschweigen.«

»Ja freilich.«

»Und was Andre nicht wissen dürfen, das ist ein Unrecht.«

»Nicht immer. Man schweigt auch oft nur aus Klugheit und nicht aus Angst. Und warum kann keine Spielschuld einiklagt werden? Das Gesetz meint doch, daß es kein ehrlich verdientes Geld sei. Und die Osecs haben noch dazu mit falschen Karten gespielt.«

»Weißt Du das?«

»Ja, ganz gewiß. Sie haben davon sprochen und den Kerybauer auslacht. Ich stand dabei und hab alles hört.«

»Nun aber bin ich es, der sie auslachen wird,« sagte Kery. »Sie sollen mir morgen nur kommen! Aber, Ludwig, wie hast Du die Papiere an Dich gebracht? Das mußt Du uns erzählen.«

»Ja, das sollt Ihr hören. Aber nicht jetzund.«

»Warum nicht?«

»Na, Ihr guten Leutln, wißt Ihr denn nicht, wie Ihr in dera Zeiten lebt? Es ist schon längst die Zeit, das Abendmahl zu bereiten. In einigen Minuten werden die Gesinden kommen und essen wollen.«

Da schlug die Bauersfrau die Hände zusammen und rief:

»Er hat Recht. Ich hab mich ganz vergessen. Nun können wir uns gleich sputen, um fertig zu werden, Gisela.«

»Ja,« meinte der Bauer. »Macht heut was Gutes! Der Ludwig mag indessen mit mir in meine Stube gehen und mir erzählen, wie Alles zugegangen ist. Wenn das Essen fertig ist, so ruft Ihr uns!«

Die Beiden begaben sich nach oben. Dort brannte die Lampe noch.

»Setz Dich her an den Tisch,« sagte Kery. »Und,« fuhr er fort, mehrere Cigarren hinlegend, »brenn Dir eine Virigina an!«

Das war eine Auszeichnung, die in diesem Hause noch nie einem Dienstboten widerfahren war. Ludwig genirte sich nicht. Er sagte:

»Wannst meinst, daß ich eine rauchen darf, so nehm ichs halt mit großem Danke an.«

»Nimm nur! Was ist so eine Cigarre gegen für das, was ich von Dir hab! Ich hab Dir das Kerygut, meine Ehre und auch mein Glück, vielleicht gar mein Leben zu verdanken.«

»Na, gar so schlimm ist es nicht.«

»Weniger auch nicht. Nun will ich mir eine anstecken. Und jetzt erzähl!«

Ludwig berichtete Alles, vom Augenblicke an, an welchem der erste Verdacht in ihm aufgestiegen war, bis zum Gelingen seines Diebstahles. Als er fertig war, fragte er sodann:


// 1556 //

»Die Packete mit den Lumpen sind also hinüber nach Bayern. Ist denn auch die Rückfracht richtig angelangt?«

»Warum erkundigst Du Dich nach ihr?«

»Weil ich ein großes Interesse an ihr hab. Warum? Das wirst Du gleich hören.«

»Ja, sie ist angelangt. Aber es soll das letzte Mal sein, daß ich es thue. Der alte Backofen wird morgen weggerissen.«

»Ich hab mir ihn gar nicht genau angeschaut, weil ich denkt hab, daß er zu nix mehr nütze ist.«

»Zum Verbergen der Waaren war er ausgezeichnet. Wers nicht wußt, der konnt dort noch so gut suchen, er hätte nichts gefunden. Kannst Dir ihn morgen früh ansehen, ehe ich ihn wegreißen lasse. Je eher er wegkommt, desto eher verschwindet ein Zeuge gegen mich. Aber warum fragtest Du nach der Rückfracht?«

»Ist dabei nix passirt?«

»Nein. Es ist alles gut abgelaufen.«

»Wirklich Alles?«

»Ja, nur daß Zwei doppelte Lasten zu tragen gehabt haben.«

»Warum?«

»Es sind unterwegs zwei Träger abhanden gekommen.«

»Weißt Du, welche?«

»Ja, die beiden Slowaken. Sie müssen sich in der Zwischenzeit verspätet haben.«

»Das ist sehr richtig. Verspätet haben sie sich, und zwar sehr.«

»Weißt Du Etwas davon?«

»Ich weiß Alles. Sie haben sich so weit verlaufen, daß sie in ihrem ganzen Leben nicht wiederkommen können.«

»Ah! Wohin?«

»Ins Gefängniß, von wo aus sie in das Zuchthaus gehen werden, höchst wahrscheinlich lebenslänglich.«

»Donnerwetter! Weshalb? Doch nicht etwa wegen Pascherei?«

»Nein, sondern wegen eines Mordes.«

»Herrgott! Das ist wahr?«

»Ja, ich war dabei.«

»Du? Wieder dabei? Kerl, es scheint, daß ohne Dich gar nichts mehr geschehen kann.«

»Ja, es ist beinahe so!« lachte Ludwig.

»Also Mord! Diese Menschen waren allerdings höchst gefährliche Subjecte. Ich will nicht fürchten, daß meine Pascherei dabei mit ins Spiel kommt.«

»O nein. Dafür habe ich gesorgt.«

»Du wieder? Wie war das möglich? Ich glaube nicht, daß Dein Wunsch bei so etwas maßgebend sein kann.«

»Warum nicht? Ich bin es ja, durch den der Fang geglückt ist.«

»Du? Immer wieder Du! Bist ein Tausendsassa.«


// 1557 //

»Ich hatte die Anzeige gemacht und mir ausbedungen, mit bei dem Fange sein zu dürfen.«

»Wie konntest Du davon wissen?«

»Ich hatte die beiden Slowaken erst in der Ziegelhütte und dann auch auf unserm Heuboden belauscht.«

»Heuboden? Warst Du oben?«

»Ja,« lachte Ludwig. »Usko war so betrunken, daß Du mit Zerno reden mußtest.«

»Alle Teufel!« rief der Bauer.

»Stimmt es?«

»Ja. Aber - aber - hast Du Alles gehört, Alles?«

»Jedes Wort.«

»Sakkerment! Das ist ja eine ganz verfluchte Geschichte.«

»Na, ich denke, daß es Dir jetzt leid thut?«

»Und wie! Du hast nur immer auf mein Wohl gesonnen, und zum Dank dafür habe ich Dich ins Verderben jagen wollen.«

»Du hast doch nicht gewußt, wie gut ich es mit Dir meinte; also bist zu entschuldigen.«

»Du bist mir also nicht bös?«

»Nein.«

»Gieb mir die Hand darauf!«

»Hier ist sie. Und auch noch was will ich Dir darauf geben.«

»Was?«

»Hier diese beiden Briefen.«

Er zog sie aus der Tasche und legte sie ihm hin.

»Alle Wetter! Das ist doch der Brief, den Zerno Dir in den Weg legen sollte, und dann auch der andere, den der Osec nach dem Bahnhofe besorgen wollte. Wie bist Du zu dem Letzteren gekommen?«

Ludwig erzählte es. Als er geendet hatte, war der Bauer sehr verlegen. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und rief:

»Nun siehst Du, was für ein schlechter Kerl ich gewesen bin. Meinen besten Freund habe ich unglücklich machen wollen. Höre, Du mußt es mir nicht nur vergeben, sondern mir auch noch einen Gefallen thun!«

»Ganz gern, wenn es in meiner Macht liegen sollte.«

»Du kannsts. Bitte, sag meiner Frau und auch der Tochter nichts von diesem Anschlage, den wir gegen Dich geplant haben!«

»Das brauchst Du gar nicht erst zu bitten. Ich hätte auch ohne dies geschwiegen.«

»Ists wahr?«

»Denkst etwan, ich werd den Deinen Etwas von Dir verzählen, was Deiner Reputation bei ihnen schaden könnt?«

»Ja, ein braver Kerlen bist. Darauf kann ein Jeder schwören. Und Du meinst, daß die beiden Slowaken mich nicht mit ins Dekerment bringen werden?«


// 1558 //

»Sicher nicht. Ueberhaupt, wie wollten sie das thun?«

»Sie könnten von mir erzählen. Sie könnten sagen, was sie im Walde zu thun gehabt haben, nämlich schmuggeln.«

»Das werden sie bleiben lassen. Kein Gottloser, der wegen eines Verbrechens gefangen ist, wird freiwillig gestehen, daß er auch noch ein zweites begangen hat.«

»Es soll aber so Etwas zuweilen doch vorkommen, wie ich gehört habe.«

»Bei solchen verstockten, hart gesottenen Sündern, wie diese Beiden sind, sicherlich nicht. Uebrigens ist die That nicht im Walde, sondern in der Hohenwalder Mühle geschehen.«

»Was! In der oberen oder unteren?«

»Oben.«

»Um Gotteswillen! Sie haben doch nicht etwa den braven Müllerhelm ermordet?«

»O nein.«

»Oder die gute alte Barbara?«

»Auch diese nicht.«

»Auch den Knappen Peter nicht, das alte Inventarstück der Obermühle?«

»Auch dera lebt.«

»So fällt mir ein Stein vom Herzen! Ich halte große Stücke auf diese Leute. Kennst Du sie vielleicht?«

»Ich habe sie am Montage kennen lernt und sie gleich sehra lieb gewonnen.«

»Ja, das sind Leute, die man sofort lieb hat. Aber gegen wen ist denn der Anschlag gerichtet gewesen? Es wohnt doch weiter kein Mensch in der Mühle.«

»Jetzund ist ein Herr auf Sommerfrische da. Er heißt Herr Ludwigen, ist aus dem München und ein steinreicher Mann. Den habens dermorden und berauben wollen.«

»Und ists ihnen gelungen?«

»Nein, eben weil ichs derlauscht und anzeigt hab. Laß es Dir verzählen.«

Er erzählte das Ereigniß, hütete sich aber wohl, zu sagen, daß dieser Herr Ludwig der König sei.

»Welch eine That, welch ein Abenteuer!« sagte der Bauer, als der Bericht zu Ende war. »Der Herr hat Dir sein Leben zu verdanken. Wenn er wirklich so reich ist, daß er Brillanten und Diamanten besitzt, so wird er Dir dankbar sein.«

»Ich habs ihm sagt, daß ich nix nehmen werd.«

»Das ist schön! Das freut mich von Dir! Du brauchst Dir von keinem Fremden Etwas schenken zu lassen.«

»Ich hab doch meine gesunden Arme. Das ist das schönste Geschenk vom lieben Herrgott.«

»Ganz richtig! Und was das Uebrige betrifft, so hast Du mich.«


// 1559 //

»O, damit ists aus.«

»Warum?«

»Weil ich aus dem Dienste bin.«

»Pah! Das war ein Irrthum, ein Versehen von mir! Uebrigens hab ich nicht Dir gekündigt, sondern Du mir. Darum darf ich es nicht zurücknehmen, sondern Du wirst es thun.«

»Hm! Das wird schwer gehen!«

»Hoffentlich nicht. Ich erwarte ganz bestimmt, daß Du wieder zu mir kommst.«

»Werd es mir überlegen.«

»Was giebts da zu überlegen? Gar nichts! Du kommst eben wieder und bist da. Du brauchst ja gar nicht wieder zu kommen, denn Du bist schon da. Nun bleibst Du gleich hier. Das versteht sich ganz von selbst.«

»Ja, wenn dies ginge. Weißt, heut kann ich mal hier schlafen, um morgen da zu sein, wann die Osecs kommen. Aberst gegen Abend muß ich wieder fort.«

»Wohin denn?«

»Wann ich das sagen dürft!«

»Ists ein Geheimniß?«

»Ja.«

»Mensch, Du steckst ja jetzt voller Geheimnisse wie der Keller voller Kartoffeln! Bist Du etwa ein Diplomat geworden?«

»Ein Stück davon.«

»Du hast doch nicht vielleicht wieder so Etwas vor wie am Montage?«

»Grad so was.«

»Jemand gefangen nehmen? Du bist ja der reine Polizist geworden! Nimm Dich in Acht, damit es Dir nicht einmal schief geht!«

»Es ist dies das letzte Mal. Es gilt Leuten, denen ich es bereits schon seit langer Zeit getippt habe. Morgen laufens nun endlich mal ins Garn.«

»Sinds Bekannte von mir?«

»Vielleicht. Ich werds Dir übermorgen sagen.«

»Warum nicht eher, nicht gleich heut?«

»Weil ich ein Schloß vor dem Munde hab.«

»So will ich nicht in Dich dringen. Aber wenn eine Gefahr für Dich dabei vorhanden ist, so bitte ich, Dich in Acht zu nehmen. Es sollte mir herzlich leid thun, wenn Dir ein Unfall widerführe.«

»Hab keine Angst um mich! Ich bin nicht allein. Uebrigens werd ich mich auch nicht grad dahin stellen, wo ein Stein vom Himmel fallt und mir grad auf den Kopf.«

»Dann kommst Du aber wieder zu mir?«

»Das kann ich nicht versprechen.«

»Hast Du vielleicht schon eine andere Stelle? Willsts mir nicht sagen?«

»Ich hab noch keine. Wann ich wiederum in Dienst gehe, so komm ich nur zu Dir.«


// 1560 //

»Das ist mir recht und lieb. Uebrigens soll es kein Dienst sein, in dem Du bei mir stehest. Du bist nicht mein Knecht.«

»Was denn?«

»Mein - mein - na, kannst Du es Dir denn nicht denken?«

»Na, Oberknecht?«

»Nein.«

»So nennen wir es lieber Schirrmeister. Das ist vornehmer und klingt hübscher.«

»Ist noch nicht das Richtige.«

»Wohl gar Verwalter oder Inspector?«

»Das nähert sich schon mehr demjenigen, was ich meine. Denk doch an die Gisela.«

»O, an die denk ich halt stets und immer.«

»So ist sie Dir wohl sehr lieb und werth?«

»Mehr als mein Leben. Weißt, ich bin ein einfacher Kerlen. Ich kann kein Gedicht machen, und wann ich einen Liebesbriefen schreiben wollt, so würd er wohl recht sehr verwunderlich werden. Desto wärmer und tiefer aber sitzts im Herzen drinnen. Wann ich also sag, daß mir die Gisela lieber ist als mein Leben, so ist das keine Redensart, sondern eine Wahrheiten, von der nix abzuklopfen und abzubrechen ist. Ich werd nie heirathen, wann nicht sie meine Frau werden kann.«

»Nun, was denkst Du da von mir? Werde ich Euch mein Jawort geben?«

»Wannst klug und auch brav sein willst, so sagst ja. Kannst als guter Vatern gar nicht besser handeln. Ich thät die Gisela und die Eltern auf denen Händen tragen.«

»Ja, das würdest Du thun; ich weiß es. Und darum sollst Du sie haben, als Lohn dafür, daß Du mir den Keryhof erhalten hast. Topp, schlag ein!«

Er war überzeugt, hiermit etwas Großes gesagt und gethan zu haben. Er, der reiche Kerybauer, wollte seine Tochter seinem Knechte geben! Es war heute eine große Umwandlung mit ihm vorgegangen. Aber es gab doch immer noch Schlacken, welche von dem guten Golde getrennt werden mußten.

Darum wunderte er sich nicht wenig, als Ludwig nicht sofort einschlug. Der Knecht bog sich zurück und sagte:

»Nimm mirs nicht übel! Einischlagen kann ich da nicht!«

»Nicht - -? Wa - - rum?« erklang es gedehnt.

»Weils ein Lohn sein soll.«

»Das ist doch nichts Böses?«

»Nein, etwas Böses nicht. Aberst die Gisela ist mir viel zu gut und werth, als daß sie als Lohn gelten soll. Was ich than hab, das ist meine Pflicht und Schuldigkeiten west. Ich habs nicht than um eines Lohnes willen, sondern aus Liebe zu Dir.«

Der Bauer blickte ihn tief gerührt an.


Ende der fünfundsechzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk