Lieferung 66

Karl May

29. Oktober 1887

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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»Ludwig,« sagte er, »Du bist wirklich nicht nur ein braver, sondern auch ein edler und vornehmer Mensch, obgleich Du nur eben ein Knecht bist.«

»Ich würde kein Knecht sein, wann ich nicht die Gisela gar so lieb hätt. Sie hat mich wieder herzogen,. ohne daß sie es wußt hat. Ich selbst hab ja nicht ahnt, was in mir lebt. Darum mag ich sie eben nicht als Lohn. Wannst nix gegen unsere Lieb hast, so machst mich unendlich glücklich, und ich dank Dir es all mein Leben lang. Aber ich bitt Dich, laß uns gehen. Wann die rechte Zeit und Stund kommen ist, werden wir schon vor Dich und die Mutter hintreten und um Euern Segen bitten. Giebst Du denselbigen gern, so wirds Dir der Herrgott vergelten. Hier, nun nimm meine Hand!«

Er streckte sie ihm hin. Kery schlug kräftig ein und sagte, indem ihm ein großer Tropfen im Auge stand:

»Ja, so soll es sein! Ihr sollt thun, was Euch gefällt. Die Liebe duldet keinen Zwang und auch kein Triebwerk. Sie will für sich selbst blühen, und wenn sie mit profanen Fingern angegriffen wird, so geht ihr schönster Schmelz verloren.«

Da öffnete die Bäurin die Thür und meldete, daß das Essen fertig sei. Die Beiden folgten ihr. Ludwig ging natürlich, so wie er es gewohnt war, nach seinem Platze am Gesindetische.

»Halt!« sagte der Bauer. »Du bist heut nicht im Gesinde, sondern mein Gast. Du setzest Dich mit herüber zum Herrentisch.«

Das war noch niemals da gewesen. Die Knechte und Mägde machten große Augen und sperrten die Mäuler noch weiter auf.

»Du, Christel, hasts gehört?« fragte einer der Knechte, indem er der neben ihm sitzenden Magd einen Rippenstoß gab, daß sie fast vom Stuhle viel.

Sie griff sich in die Seite, rieb die betreffende Stelle eine Weile und antwortete, als der Athem zurückgekehrt war, den sie in Folge des Stoßes verloren hatte:

»Ja. Das ist ein tausends Wunder!«

»Gradezu ein Mirakel.«

»Der Ludwig mit am Herrentisch!«

Dabei fuhr sie mit dem Löffel, welchen sie voll Milchsuppe hatte, nach dem Ohre, anstatt in den Mund, und da der Löffel dort keinen Eingang fand, so lief ihr die Suppe am Halse herab.

»Da kann noch was draus werden,« nickte der Knecht.

Er war über die Weisheit, welche in dieser Prophezeiung zu liegen schien, selbst so erstaunt, daß er rund im Kreise ein Gesicht nach dem andern anblickte, um zu beobachten, ob diese Klugheit das erwartete Erstaunen hervorrufe. Dabei sah er nicht auf die Schüssel, und da fuhr er nicht nur mit dem Löffel, sondern mit der ganzen, schmutzigen Hand in die Milchsuppe.

»Sakkerment!« sagte sein Nebenmann. »So paß doch auf! Willst Du denn ersaufen?«

»Wo denn?« fragte der Gute, die Hand noch immer in der Suppe habend.

»Da, hier in der Schüssel.«


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Erst jetzt sah er nieder und gewahrte, wohin er gerathen war.

»Verflucht!« schimpfte er. »Jetzt konnt ich mich verbrennen!«

Er ließ den Löffel drin liegen, zog rasch die Hand zurück und leckte sie sich begierig ab. Dann schaute er rund auf dem Tische herum.

»Was suchst Du denn?« fragte Einer.

»Na, meinen Löffel natürlich.«

»Der liegt ja in der Suppe.«

»Der Esel! Als ob er da hinein gehörte!«

Er langte nun mit der rechten Hand wieder in die Schüssel, um zu fischen und brachte nun endlich den Löffel glücklich heraus.

»Da ist er ja!« meinte er befriedigt.

Er leckte nun behaglich erst den Löffel und dann auch die beiden Hände ab. Dabei bemerkte er, daß die Anderen aufgehört hatten, zu essen.

»Na, macht nun wieder weiter!« munterte er sie auf.

»Was? Wir sollen diese Suppe essen?«

»Na freilich!«

»Wo Du mit den Händen drin herumgelaufen bist! Schau sie nur an! Wie schaut sie aus! Was hast Du denn dran kleben?«

»Wagenschmiere.«

»Damit fährst Du in die Suppe, und wir sollen weiter essen? Pfui Teufel!«

»So laßts bleiben! Mir ists recht.«

Er zog sich die Schüssel hin und begann nun, sich solo über ihren Inhalt her zu machen, und das mit einem solchen Eifer, daß sie ebenso schnell leer war, als wenn Alle mit gegessen hätten.

Daran war die Auszeichnung schuld, die der Oberknecht erlangt hatte.

Am Herrentische ging es nicht so lautlos wie gewöhnlich zu. Der Bauer war ganz anders als früher. Er redete! Da gab es Fragen und Antworten, Rede auf Rede, daß es schier zum Verwundern war.

Als dann ein Jeder seine Schuldigkeit gethan hatte, sagte der Bauer, sich erhebend:

»Heut Abend gehe ich einmal in die Schänke. Was thust Du, Ludwig?«

»Ich habe einen nothwendigen Gang.«

»Dauerts lange?«

»Das weiß ich noch nicht.«

»Wenns nicht zu spät ist, so kannst Du ein Wenig nachkommen.«

Er zog den anderen Rock an, setzte den Hut auf und ging, nachdem er sich freundlich von Frau und Tochter verabschiedet hatte.

Wieder gab es am Gesindetische Rippenstöße und heimliche Bemerkungen.

Gisela's Gesicht glänzte vor Freude. Daß dem Geliebten eine so große Auszeichnung widerfahren war, erfüllte sie mit Stolz und Glück. Sie wußte nun, daß der Vater mit ihrer Liebe einverstanden sei.

Als sie dann bemerkte, daß Ludwig sich zum Gehen anschickte, schlich sie


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sich hinaus vor die Thüre, um ihn zu erwarten. Als er kam, ergriff sie seine Hand, zog ihn, um nicht mit ihm bemerkt zu werden, eine kleine Strecke fort und blieb dann stehen.

»Ludwig,« sagte sie innig, »was für ein Tag ist das gewesen!«

»Ein sehr guter!«

»Ein glücklicher, der glücklichste meines Lebens!«

»Weil dera Vater gar so anderst worden ist. Nicht wahr?«

»Ja, und besonders auch weil Du es bist, dem wir es zu verdanken haben. Wie hast Du das nur fertig gebracht?«

»Ich habs dem Vater derzählt.«

»Darf ichs mit der Mutter nicht auch erfahren?«

»Ja, ich werde es Euch schon noch berichten.«

»Heut?«

»Da ist keine Zeit dazu.«

»Wohin willst Du?«

»Das möchte ich Dir wohl gern sagen, doch es geht nicht.«

»So! Es ist also eine Heimlichkeit?«

»Sogar eine sehr große.«

»Und wohl gefährliche?«

»Fürchterlich!« scherzte er.

»So errathe ich es.«

»Gewiß nicht.«

»Gewiß! Du willst eine alte Geliebte aufsuchen, um ihr zu sagen, daß Du nun eine neue hast. Das ist das Gefährlichste, was es geben kann.«

»Meinst Du?«

»Ja. Nimm Dich vor ihr in Acht!«

»Mach mir keine Angst.«

»Ich muß Dich warnen. Ich weiß, was ich so Einem sagen und thun würde. Da kann ich mir nur denken, was Dich erwartet.«

»O wehe! Da möcht ich lieber nicht gehen.«

»Ja, bleib da!«

»Wann ich dürft!«

»Ists denn gar so nothwendig?«

»Ja, es leidet keinen Aufschub. Und wanns Dich beruhigen thut, so will ich Dir sagen, warum ich gehe. Aberst es darfs kein Mensch derfahren.«

»Ich rede es ganz gewiß nicht aus.«

»Es gilt wieder denen Osecs. Sie haben heut was vor, was ich mir mit anschauen muß.«

»Was ists?«

»Eine Pascherei.«

»Du, da kannst Du leicht in Gefahr kommen. Laß es lieber sein!«

»Nein, heut giebts keine Gefahr.«

»Das denkst Du wohl. Aber die Osecs sind natürlich wüthend auf Dich. Wenn sie Dich bemerken, so kann es Dir schlecht ergehen.«


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»Sie können mich nicht bemerken. Und selbst wanns mich sehen thäten, so fürcht ich mich vor denen noch lange nicht. Mir kann nun Niemand mehr was anhaben. Da kannst ganz ruhig sein.«

»So? Warum?«

»Wegen Deiner. Wer eine solche Lieb wie ich im Herzen trägt, der ist geschützt in aller Fährlichkeit.«

»Ists denn mit dieser Liebe etwas gar so sehr Schlimmes?«

»Etwas Schlimmes nicht, sondern etwas - - etwas - - ja, wann ich nur gleich das richtige Worten finden thät! In denen Worten hab ich gar nix los. Grad allemalen dasjenige, welches ich haben will, das läßt sich nicht sehen. Aberst in denen Thaten, da leist ich schon Etwas!«

»Ja, im Kegelschieben und solchen Sachen!«

»Auch in anderen und schöneren Dingen.«

»Zum Beispiel?«

»In dera Liebe auch.«

»Ach geh!«

»Glaubsts wohl nicht? Da muß ichs Dir nur gleich beweisen. Ich hab Dir vorher meine Lieb beschreiben wollt, aber nicht den richtigen Ausdruck funden, aberst den richtigen Armdruck, den hab ich gleich. Oder nicht?«

Er zog sie innig an sich.

»Ja,« antwortete sie. »Dieser Druck ist schon fast zu stark.«

»Das muß er sein.«

»Warum denn wohl?« fragte sie zärtlich.

»Weilst mir sonst nicht glaubst, daß ich Dich so innig lieb habe.«

»Das hast wohl auch dem Vater gesagt?«

»Nein. Mit dem sprech ich von solchen Dingen nicht. Weißt, die Lieb ist eine Heiligkeiten, die nicht in jeden Mund kommen darf.«

»Da hast Du Recht. Darum wollen auch wir recht heimlich mit ihr tun. Nicht wahr?«

»Ja, meine gute, meine liebe Gisela.«

»Aber der Vater muß Dir doch wohl auch ein Wort über mich und Dich gesagt haben?«

»Das hat er freilich than.«

»War es ein freundliches?«

»Ein sehr gutes. Wir dürfen uns lieb haben. Er hat nix dagegen. Und wannst auch Du nix dagegen hast, so möcht ich mir jetzt ein Busserl mit auf den Weg nehmen.«

»Ist das gar so dringend?«

»Ganz nothwendig.«

»Warum?«

»Weil ich da im Gehen immer nur an Dich denk.«

»Das thust wohl gern?«

»Gar so gern. Kannsts glauben.«

»So nimm gleich zwei oder drei.«


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»Das werd ich mir nicht zweimal sagen lassen. Komm, gieb Dein liebes Mäulchen her!«

Sie küßten sich, aber nicht nur zwei- oder dreimal, sondern mehrere Male. Dann machte er sich auf den Weg. -

Die Osecs wollten ihre Paquete in der Scheune des Pfarrers von Felsberg verstecken. Dieser Ort, ein kleines Dorf, lag nicht sehr weit von Slowitz entfernt. Ludwig hatte auch erlauscht, zu welcher Zeit sie ungefähr dort eintreffen würden, und so konnte er sich darnach richten.

Das betreffende Pfarrgut lag neben der Kirche, am Anfange des Ortes auf einem kleinen Hügel. Ludwig kannte es gar wohl.

Dort angekommen, begann er zu überlegen. Die Osecs mußten zunächst außerhalb anhalten, um zu recognosciren. Sie mußten sich überzeugen, daß die Luft rein sei. An welchem Orte nun würden sie das voraussichtlich thun?

Es war dunkel. Ludwig ging im Geiste die Oertlichkeit durch. Hinter der Scheune gab es ein wildes Kirschengebüsch. Das war der gelegenste Platz, für Ludwig noch besonders deshalb vortrefflich geeignet, weil nur höchstens vier bis fünf Schritte davon der Pfad vorüberführte, auf welchem sie kommen mußten.

Er kroch also in dieses Gebüsch hinein und machte es sich da so bequem wie möglich. Die Zeit, in welcher die Beiden zu erwarten waren, stand nahe.

Aufmerksam lauschend, hörte er bereits nach wenigen Minuten leise Schritte, welche auf dem Wege hielten, grad gegenüber dem Gebüsche. Ein Flüstern drang zu ihm. Die Worte konnte er nicht verstehen.

Dann kamen zwei Gestalten ganz herbei.

»Wo warte ich?« fragte die eine.

»Hier hinter den Sträuchern. Das ist der schönste Platz dazu,« antwortete die andere.

Sie legten ihre Packete ab. Der Eine, jedenfalls der Sohn, setzte sich nieder. Der Vater schlich sich fort. Nach ungefähr zehn Minuten kehrte er wieder zurück.

»Nun, wie steht es?« fragte der Sohn.

»Alles gut. Nur ein Knecht ist noch auf. Er stand mit der Laterne im Hofe und wird den Umgang gemacht haben.«

»Hoffentlich stellt er sich nicht ewig hin!«

»O nein. Ich weiß, wo die Knechte schlafen. Man kann von hier aus die Fenster sehen, und wir werden das Licht bemerken. Dann können wir hinein. Ich will mich bis dahin niedersetzen.«

Er legte sich neben dem Sohne in das Gras. Ludwig hätte Beide mit seiner Hand erreichen können.

»Du meinst also, daß wir leichte Arbeit haben werden?« fragte der Sohn.

»Sehr leichte. In einer Viertelstunde kann es gethan sein. Dann haben wir morgen den halben Weg und sind gegen elf Uhr im Felsenklamm.«

»Was thun wir heut noch, wenn wir nachher fertig sind?«

»Hm! Weiß auch nicht.«


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»Zum Schlafen habe ich noch keine Lust.«

»Ich auch nicht. Der Tag war zu aufregend. Da kommt man nur schwer zur Ruhe. Wollen wir heimwärts durch Slowitz gehen?«

»Meinetwegen.«

»Vielleicht ist noch ein Gasthaus offen. Da trinken wir ein Bier und ärgern die Slowitzer dabei.«

»Schön! Ich wollte, Kery wäre da. Den häkelten wir an. Nicht?«

»Und gehörig! Die andern Gäste müßten schon heut erfahren, was er morgen zu erleben hat.«

»Das giebt einen Spaß. Den allergrößten Spaß aber würde es mir geben, wenn ich einmal diesem verdammten Knechte, dem Ludwig, Eins auswischen könnte.«

»Dann aber gleich etwas Tüchtiges. Hoffentlich giebt es einmal eine Gelegenheit dazu. Ja, früher, da wäre es leicht gegangen.«

»Wie?«

»Im Keryhofe. Da waren wir mit Kery noch coulant; wir konnten nach Belieben kommen und gehen, auch im Hause umherlaufen. Das ist nun vorbei.«

»Das Haus wird ja unser!«

»Ja, aber der Knecht ist dann nicht mehr da. Wir hätten ihm Etwas in seine Truhe stecken können, meine Uhr oder meinen Geldbeutel. Dann hätten wir aussuchen lassen. Er wäre der Dieb gewesen und hätte in das Gefängniß gemußt.«

»Prächtig! Schade, daß dies nun nicht mehr geschehen kann.«

»Es wird sich schon noch was Anderes finden. Kommt Zeit, kommt Rath. Schau, dort sieht man das Licht. Der Knecht geht also schlafen.«

»Ja. Wir können hinein. Komm!«

Sie nahmen ihre Packete wieder auf und verschwanden in der Richtung nach der Scheune zu.

Jetzt kroch Ludwig aus seinem Verstecke. Er hatte seinen Zweck vollständig erreicht. Seine Absicht war gewesen, zu erfahren, ob die beiden Pascher ihre Packete heut nach diesem Orte bringen würden. Kamen sie, dann führten sie auch auf alle Fälle ihr morgendes Vorhaben aus. Jetzt hatte er diese Gewißheit erlangt und konnte gehen.

Unterwegs dachte er weniger an die Geliebte - trotz der Küsse, die ihn an sie erinnern sollten - als vielmehr an die Schlechtigkeit, an die Verworfenheit dieser beiden Osec. Ihn zum Dieb machen!

Er ballte die Fäuste und murmelte:

»Mich ins Gefängnissen bringen! Oho! Wartet nur bis morgen Abend, sodann steckt Ihr selbst darinnen. Dafür werd ich gern die Sorge tragen.«

Er verdoppelte seine Schritte um baldigst früh vor den Beiden im Gasthofe anzukommen. Hätten sie gewußt, daß er sie belauscht hatte!

Im Gasthofe war nicht nur noch auf, sondern es ging sogar sehr lebhaft da drinnen zu. Die Laden waren zwar verschlossen; aber durch die Lücken


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derselben drangen doch genug Lichtstrahlen, um zu verkünden, daß sämmtliche Lampen noch brannten.

Ludwig hatte noch nicht die Hausthüre erreicht, so erkannte er bereits die laute Stimme des Schmiedes alias Herrn Musikdirectors. Derselbe schien einen Vortrag zu halten.

Als er die Thür öffnete, drang ihm dicker Tabaksqualm entgegen. Man konnte zunächst wohl die einzelnen Gestalten unterscheiden, nicht aber die Gesichter. Wer längere Zeit hier saß, hatte sich dann an die Atmosphäre gewöhnt und konnte dann auch besser sehen.

Als Ludwig grüßte, richteten sich aller Augen auf ihn. Der Schmied sprang von seinem Stuhle auf und rief erfreut:

»Dera Ludwig! Eine weiße Schwalben! Landsmann, willkommen auch! Wie kommts, daßt Dich mal in das Wirthshausen verlaufen thust?«

»Ich hab Durst.«

»Du? Einen Durst? Na, das ist auch das vierzehnte Wunder auf dera Welt. Das dreizehnte bin ich nämlich selberst, wenn ich mal keinen Dursten hab. Komm her, Ludwig. Trink außi.«

Er hielt ihm einen großen, vollen Maßkrug hin und ruhte nicht, bis Ludwig ihn ausgetrunken hatte.

»So,« sagte er dann. »Nun setz Dich her. Heut laß ich Dich nicht weg von mir. Bist mal in mein Garn gerathen, so magst auch drinnen stecken bleiben.«

Der Schneider und Schuster, die beiden edlen Musici, saßen auch dabei. Man hatte überhaupt mehrere Tische zusammengeschoben und auf diese Weise eine lange Tafel gebildet, an welcher über ein Dutzend Gäste saßen, die sich in einer außerordentlich animirten Stimmung befanden.

Ludwig lachte in sich hinein. Wehe den Osecs, wenn sie es sich beikommen ließen, sich das Mißfallen dieser Leute zuzuziehen.

»Also hierher, gleich neben mich,« meinte der Schmied. »Landsleute gehören zusammen.«

Schon wollte Ludwig, dieser Aufforderung folgend, sich setzen, da ertönte von einem andern Tische die Stimme des Kerybauern:

»Wirst ihn aber doch aus dem Garne lassen müssen, Schmied.«

»Wieso denn?«

»Weil er sich zu uns setzen soll.«

Kery saß nämlich mit den beiden wohlhabendsten Bauern des Ortes beim Kartenspiel. Der Schmied war fast verblüfft.

»Meinst den Ludwig?« fragte er.

»Dich nicht!« antwortete Kery.

»Der soll zu Euch?«

»Hast Du etwas dagegen?«

»Nein, gar nicht. Aberst so eine Auszeichnungen, die ist ja großartig.«

»Dir würde sie jedenfalls nicht widerfahren. Du kannst doch Scat spielen, Ludwig?«


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»Wann ihr nicht zu hoch spielt.«

»Es reicht aus. Und wenn Deine Kasse nicht langt, so helfe ich aus. Komm her.«

Es trat eine tiefe Stille ein. Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Der Kerybauer lud seinen Knecht ein, mit ihm Scat zu spielen.

»Erlauben die Herren!« sagte Ludwig, an den Scattisch tretend, um sich auf den vierten Stuhl zu setzen.

Die beiden Bauern nickten bejahend, nicht mürrisch aber auch nicht grad freundlich. Die Nachbarschaft des Knechtes war ihnen keineswegs hochwillkommen; aber einestheils wollten sie Kery nicht beleidigen, und anderntheils war Ludwig doch so beliebt und geachtet im Dorfe, daß sie ihm nicht wehe thun wollten.

»Eigentlich geb ich ihn nicht gern her,« meinte der Schmied. »Er kam grad zur rechten Zeit, um meine Rede anzuhören.«

»Die kann ich hier auch hören,« antwortete Ludwig.

»Nein. Wannst spielst, so mußt dort Achtung geben und nicht hier. Aberst sag mal vor allen Dingen, was für eine Stimmen hast.«

»Wie denn Stimmen?«

»Frag nicht so dumm. Ich mein', obst einen Tenoren oder einen Bassen singst.«

»Meine Stimm ist ein erster Baß.«

»Donnerwetter! Da mußt mitmachen.«

»Was denn?«

»Im Gesangverein. Wir sind nämlich hier drüber einen Gesangvereinen zu gründen, dessen Herr Directoren ich natürlich werden soll. Machst mit?«

»Wills mir überlegen.«

»Da giebts gar nix zu überlegen. Du machst eben mit. Schneider, Du bist dera Schriftführer. Schreib seinen Namen mit ein. Ludwig Held aus Oberndorf. Erster Bassen mit Solostimme in D-dur. Zwei Kreuzer Steuer wöchentlich und einen halben Gulden Eintrittsgeld. Macht er nicht mit, so zahlt er zwei Gulden und wird noch extra nausschmissen, wann er nicht kommt.«

Der Schneider schrieb das Dictat auf das Eifrigste nieder. Indessen begann bei Ludwig das Spiel. Es nahm ihn so in Anspruch, daß er der Andern wenig achtete.

Jetzt erhob sich der Schmied wieder, klopfte an seinen Krug und rief:

»Silicium, zu Deutsch: Alle sollen die Mäulern halten, wann ich jetzt reden thu. Nun kommt nämlich die Grundsteinrede des neuen Gesangvereins. Ich werde sie halten, Euch zur Belehrung und mir, damit ich nachhero besser trinken kann.«

Er räusperte sich und begann dann:

»Ein jeder Mensch hat Etwas in sich. Wann dasselbige herauskommt, so wirds seine Stimme nannt. Also ein jeder Mensch - -«

»Auch das Vieh hat eine, zum Beispiel die Gans,« warf der Schuster ein.


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»Schweig!« rief der Redner. »Ich hab Sicilium sagt, und Ihr haltets Maul. Auch der Esel hat eine Stimm; das sieht man an Dir. Aberst es ist doch keine menschliche. Die Stimm des Menschen unterscheidet sich nämlich von derjenigen des Thieres dadurch, daß sie nach Noten singen kann. Die Stimm ist eine große Gabe Gottes, und wer keine hat, der hat sie durch den Schnupfen verloren und muß Kandiszucker, Lakritzensaft und eingelegte Preußelbeeren fressen. Mehrere Stimmen zusammen heißen ein Terzett, noch mehrere ein Quartett, noch viel mehrere ein Sextett, und sinds über zwanzig, so ists auch nett. Besitzt nun ein Dorf Stimmen im Ueberfluß, so singen die schlechtesten daheim, die besten aber gehen ins Wirthshausen und gründen einen Gesangverein, dem sie einen poetischen Namen geben. Welchen Namen wir dem unserigen geben, wollen wir gleich berathen. Wer hat einen Vorschlag?«

»Ich,« rief der Schneider.

»Nun, heraus damit!«

»Adelgundina.«

»Esel! Denkst wohl, weil Deine Alte Adelgunde heißt. Der brauchst keinen Denksteinen hier bei uns zu setzen. Wenns nach Deiner Stimmen ging, so müßt der Name des Vereines heißen Quietschania oder - Sappermenten! Wer kommt da!«

In diesem Augenblicke waren nämlich die beiden Osec hereingekommen. Auch sie konnten vor Rauch nicht sehen, und so bemerkten sie nicht, daß der Schmied den Andern ein Zeichen gab und sodann flüsterte:

»Nun können wir den Verein nicht weitergründen, denn es wird bald Besseres zu thun geben.«

Die Osecs sahen sich um. Außer den bereits besetzten Möbels stand nur noch ein einziger Tisch in der Ecke, derselbe, an welchem gewöhnlich der Nachtwächter seinen Platz hatte. Das wußten sie nicht und setzten sich hin. Sie ließen sich zwei Biere geben und gingen dann leise zu Rathe, wen und wie sie ihn ärgern sollten.

Zunächst wollten sie mit dem Schmied anfangen. Er hatte sich am Sonntag als ihr größter Gegner gezeigt.

»Nun, Herr Musikdirector, wie geht es heut?« fragte der Alte.

Der Schmied antwortete gar nicht. Er that, als ob er gar nichts gehört habe.

»Herr Musikdirector!«

Wieder keine Antwort.

»Schmied!«

Jetzt endlich drehte er sich langsam zu ihnen um und fragte:

»Was soll sein?«

»Wie geht es heut dem Herrn Musikdirector?«

»Weiß ichs? Wie kann ich das wissen.«

»Nun, Du bists ja selber!«

»Ich? Da irrst Dich wohl.«

»Na, wer denn sonst! Ich habs ja am Sonntag gesehen.«


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»Ja, das ist was ganz Anderes. Wann ich Sonntags meine Musiken mach, da bin ich dera Herr Kapellmeistern und Musikdirectoren. Des Wochentags aber bin ich dera Schmied und heiße Menzel.«

»Ach so! Da hast Du wohl auch an Wochentagen kein so großes Maul wie des Sonntags?«

»Nein, da red ich fast gar nicht.«

»Das ist sehr gut. Ein Schmied sollte überhaupt nicht viel reden.«

»Warum?«

»Sondern desto mehr arbeiten, damit er es zu Etwas bringt.«

»Da hast Recht. Was bist denn Du früher gewest?«

»Was ich heut bin.«

»So! Da hasts also auch zu nix bracht, wannst das noch bist, wast früher warst.«

»Oho! Ich hab es weiter gebracht, als Ihr es ahnt. Ihr werdet es aber bald erfahren.«

»Machst mich neugierig.«

»Vielleicht morgen schon.«

»Was giebts denn da?«

»Einen, der aus seinem Hause muß.«

»Du etwa?«

»Das wäre unmöglich. Es ist Einer von Euch, ein Slowitzer.«

»Was! Ein Slowitzer müßte morgen aus seinem Hause?«

»Ja.«

Es war eine tiefe Stille eingetreten. Alle lauschten dem Gespräche der beiden Männer. Außer dem momentanen, klatschenden Aufschlagen der Karten dort am Spieltische waren nur die beiden Stimmen der Sprechenden zu vernehmen.

»Wer sollte das sein?« fragte der Schmied.

»Das wirst Du morgen früh erfahren.«

»So! Das soll ich glauben?«

»Glaube es oder auch nicht. Mir ist das sehr gleichgiltig.«

»Ich wüßt aber Keinen, mit dem es so schlecht stünde!«

»Man irrt sich oft in den Menschen. Es ist nicht Alles Gold was glänzt.«

»Das kann bei Dir dera Fall sein.«

»Oho!«

»Ja, Du bist auch so ein Glänzender. Da soll man meinen, es sei Gold, und wenn man es richtig anschaut, so ists nur ein Messing.«

»Da kennst Du mich wenig.«

»Geh! Euch Osecs kennt man schon! Ihr kommt halt nur zu uns, um unsere Bürger zu verschimpfiren. Aberst das kann Euch mal schlecht bekommen. Wann Ihr sagt, es müsse ein Slowitzer aus dem Hause, so kann es leicht werden, daß Ihr aus einem Slowitzer Hause müßt, nämlich hier aus dem Wirthshause. Verstanden!«

»Wir zahlen unser Bier so gut wie Ihr.«


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»Dafür dürft Ihr es trinken. Aber zu Anderem berechtigt Euch Euer Geld nicht. Merkt Euch das. Lügen lassen wir uns nicht aufbinden.«

»Es ist keine Lüge.«

»So sagt den Namen.«

»Ist nicht nöthig. Ihr braucht Euch nur umzuschauen.«

»Etwa hier in dera Stuben?«

»Ja.«

»So ist er hierinnen?«

»Freilich.«

»Sakkermenten! Habt Ihr es hört! Einer von uns soll morgen früh aus seinem Haus worfen werden! Wollen wir das dulden? Wer es ist, der mag ehrlich sein und sich melden, damit kein Anderer in denselbigen Verdacht kommt!«

Er hatte das laut und in aufforderndem Tone gesprochen. Aber Keiner meldete sich.

»Siehsts, Osec, es ist Keiner da,« sagte er.

»O, der Betreffende wird sich hüten, es einzugestehen.«

»Da kennst unsera Leutln schlecht. Die sind Alle ehrlich. Wär ein solcher da, der thät es sagen. Wannsts so genau weißt, warum sagst da den Namen nicht?«

»Weils nicht nöthig ist. Ich sag nur das, was ich will. Zwingen laß ich mich nicht.«

»So schweig lieber ganz still, sonst kann Dir das Maul stopft werden.«

»Das will ich sehen! Wenn ich die Wahrheit sage, so kann mir Niemand was anhaben.«

Ludwig hatte jetzt eben Karten gegeben und war also für einen Augenblick frei. Er kam zu dem Schmied herüber und flüsterte ihm zu:

»Schaffst sie mit hinaus?«

»Gern.«

»In denen Wassertrog?«

»Sapperment! Das wird hübsch. Wann?«

»Wann ich aufsteh und den Einen nehm, nimmst Du den Andern. Wir Beiden sind genug; Hilfe brauchen wir nicht, aber Lichtern, um sie anzuleuchten.«

»Wird besorgt.«

»Ich verlaß mich darauf.«

Er kehrte an seinen Tisch zurück und spielte weiter, scheinbar sich um das Gespräch gar nicht kümmernd.

Der Schmied wendete sich nach dieser kurzen Unterbrechung wieder an Osec:

»Könnt mans denn nicht wenigstens derrathen?«

»Wenn Du das Geschick dazu hast, ja.«

»Wollens versuchen. Ists ein Junger?«

»Nein.«

»Also ein Alter. Ists ein Armer?«

»Nein.«


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»Also ein Reicher. Ists Einer bei uns herüben?« »Auch nicht.«

»Also Einer am Spieltisch. War er vorher ein guter Freund von Dir?«

»Ja.«

»So ists der Kerybauer?«

»Ich habe nichts dagegen.«

»Schön! Kery, was sagst dazu?«

Der Bauer, an welchen diese Frage ergangen war, wendete sich gleichmüthig um und antwortete:

»Wenn ich es wäre, so hätte ich mich vorhin gemeldet. Ich möchte wissen, wer den Kerybauer von Haus und Hof vertreiben wollte.«

»Ich!« rief Osec, sich stolz von seinem Stuhl erhebend.

»Du?« lachte Kery höhnisch. »Du wärst der Kerl dazu. Bezahle Deine Schulden, bevor Du ehrliche Leute verleumdest!«

»Wer sagt es, daß ich Schulden habe?«

»Ich.«

»Ich habe nur eine Hypothek auf meinem Gute.«

»Ist das keine Schuld? Bezahle sie. Ich habe keine Hypothek. Mein Hof ist vollständig schuldenfrei.«

»Ja, aber Wechsel hast unterzeichnet.«

»Wer behauptet das?«

»Ich.«

»Beweise es.«

»Ich habe sie doch selbst in den Händen.«

»Das ist eine Lüge.«

»Es ist die Wahrheit. Willst Du es etwa noch leugnen?«

»Ja.«

»Bin ich nicht etwa heut deshalb bei Dir gewesen?«

»Ja, aber bist Du nicht etwa heut deshalb bei mir fortgejagt worden?«

»Morgen komme ich wieder.«

»So wirst Du hinausgeworfen.«

»Das wollen wir sehen. Ich werde morgen früh punkt acht Uhr hier in der Schänke sein und von da aus zum Kerybauer gehen, um ihm die Wechsel zu präsentiren. Wenn er nicht zahlen kann, nehme ich ihm das Gut weg, und er muß fort, meinetwegen in das Gemeindehaus.«

»Kery, ist das wahr?« fragte der Schmied mit zornbebender Stimme.

»Nein. Er kann mir keinen Wechsel präsentiren. Er lügt.«

»Was! Ich lüge?« rief Osec. »Seht Ihr es denn nicht, wie es mit ihm steht! Er spielt ja mit seinem eigenen Knechte. Würde er das thun, wenn er noch der reiche Kerybauer wäre? Früher war ihm ein Fürst zu klein, jetzt sitzt er bereits mit dem Gesinde in der Kneipe. Ein Hundsfott neben dem andern.«

»Laternen an!« rief da Ludwig. »Jetzt wird es mir zu bunt.«


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»Mir auch,« stimmte der Schmied bei. »Die Osecs sind verrückt worden. Sie haben das hitzige Fieber. Was ist da wohl zu thun?«

»Man muß sie abkühlen.«

»Gut! Landsmann, faß an! Macht die Thüren aufi und leuchtet dazu!«

Drei, vier Laternen brannten, und die Thüren wurden geöffnet. Ludwig packte den alten Osec an, und zwar so, daß diesem gleich die Arme schlaff am Leibe niederhingen. Der Schmied nahm den Jungen. Beide trugen ihre Leute hinaus vor das Haus, wo ein riesengroßer, steinerner Wasserbottich stand, in welchen aus einer Holzröhre kaltes Quellwasser floß.

Die beiden Gefangenen schrieen aus Leibeskräften. Niemand kehrte sich daran.

»Hinein!« rief der Schmied.

»Plumps und Plumps!« erklang es. Vater und Sohn fielen in die eiseskalte Fluth. Sie brüllten grad auf. Sie wollten heraus, wurden aber immer wieder zurückgestoßen.

Es war eine unbeschreibliche Scene. Rund um den Bottich standen die Männer. Der Trog war nicht tief. Das Wasser ging den Beiden nur bis über die Hüften, und sie waren auch nur beim ersten Male untergetaucht; aber von allen Seiten wurden sie, wenn sie heraus wollten, zurückgewiesen. Man spritzte sie an und warf ihnen ganze Ströme Wassers in das Gesicht.

Sie heulten vor Angst, Wuth und Kälte. Es half ihnen nichts, bis endlich der Schmied das Commando gab:

»Gebt sie frei. Sie haben genug. Nun mögen sie morgen den Kery aus den Hof treiben. Wir werden aber auch dabei sein.«

Die Beiden sprangen heraus und flohen so schnell sie konnten, ihre Hüte in der Schänke lassend. Die Zeche hatten sie nicht berichtigt. Sie wurde für sie bezahlt.

Der Spaß wurde noch einige Minuten lang besprochen, und dann kehrten Alle zu ihrer früheren Beschäftigung zurück, der Schmied mit den Seinen zur Gründung des berühmten Gesangvereines und die Scatspieler zu ihren Karten.

Als später Kery mit Ludwig nach Hause ging, sagte er:

»Die beiden Kerls müssen doch eine entsetzliche Wuth haben, sonst würden sie es nicht wagen, sogar in der Kneipe, wo sie wissen, daß Alles gegen sie ist, zu schimpfen. Ich möchte dabei sein, wenn der Alte morgen früh die Brieftasche öffnet.«

»Ich natürlich auch. Welch ein Gesicht!«

»Vielleicht bekommen wir dieses Gesicht zu sehen.«

»Schwerlich.«

»Es kommt ganz darauf an, ob er die Brieftasche zu Hause erst einmal öffnet, um sich zu überzeugen, daß Alles in Ordnung ist.«

»Das wird er doch.«

»Man sollte es meinen. Aber vielleicht ist er seiner Sache so sicher, daß er es gar nicht für nöthig hält, noch einmal nachzuschauen. Das ist ganz sicher: Wenn er zu uns kommt, so glaubt er, die Wechsel zu haben.«


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»Das wird dann ein unbezahlbarer Augenblick.«

Es war jetzt mit den Beiden, als ob Vater und Sohn mit einander verkehrten. Zu Hause angekommen, reichten sie sich oben im Corridore die Hand, auch Etwas, was früher niemals geschehen war.

Als Ludwig in seine Kammer trat, fand er ein anderes, feineres Bett als früher, frisch überzogen und darauf eine Rose. Er drückte sie an die Lippen, denn sie war jedenfalls von Gisela geküßt worden. An die Geliebte denkend, schlief er ein. Er fühlte sich so glücklich wie noch nie in seinem Leben.

Am anderen Morgen wachte er bei Zeiten auf. Er ging durch Hof und Stall, unbeschäftigt, nur um sich zu unterhalten.

»Pst!« hörte er es vom Gartenzaun herüber.

Gisela stand dort, und er eilte natürlich zu ihr. Sie war so morgenfrisch und schön.

»Ich danke Dir!« sagte er, ihr die Hand drückend.

»Wofür?«

»Für die Gute Nacht, gestern Abend.«

»Ich weiß von nichts.«

»Geh! Die Rose.»

»Ja, welche Rose?«

»Auf meinem Bette.«

»Auf Deinem Bette hat eine Rose gelegen? Warte, Christel! Das will ich mir verbitten.«

»Die Christel soll sie mir hingelegt haben?«

»Ja. Ich ließ ihr das Bett überziehen, und so ist sie es gewesen, der Du die Rose verdankst. Vielleicht betet sie Dich im Stillen an?«

»O wehe! Ich habe sie geküßt.«

»Die Christel? Puh!«

»Nein, die Rose.«

»Das will ich eher verzeihen. Ich werde dafür sorgen, daß niemals wieder eine dort liegt.«

»O bitte, alle Abende eine.«

»Was soll das nützen? Du gehst ja fort.«

»Aber ich komme bald wieder.«

»So mache schnell, sonst werden meine Rosen alle.«

»Deine Rosen? Also warst Du es doch!«

»Na, wer sonst!« lachte sie. »Ich wollte es der Christel gerathen haben, Dich mit Rosen zu verehren. Ist Dein Weg gestern von Erfolg gewesen?«.

»Vollständig.«

»Du hast die Osecs getroffen?«

»Zweimal. Erst da, wo ich sie suchte, und sodann auch in der Schänke.«

Er erzählte ihr, wie es ihnen da gegangen war. Das verständige Mädchen fand keine Freude daran. Sie sagte:

»Nun werden sie noch wüthender gegen uns, und das kann uns auf keinen Fall einen Nutzen bringen.«


// 1575 //

»Sollen sie uns ungestraft öffentlich beleidigen dürfen?«

»Man muß nicht hinhorchen.«

»Aber man hört es doch. Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Diese Kerls halten nicht eher auf, als bis sie so gedemüthigt sind, daß sie gar nicht mehr aufschauen können. Und daß dies geschehe, dafür werde ich sorgen.«

Es war kurz vor neun Uhr, so hielt der Wagen der Osecs draußen vor der Thür. Sie stiegen Beide aus, obgleich es genügt hätte, wenn Einer die Wechsel präsentirt hätte. Sie wollten sich Beide an der Verlegenheit des Kerybauers erlaben.

Sie waren nicht vorher nach dem Gasthofe gegangen. Sie schämten sich, nach der gestrigen Scene sich dort sehen zu lassen.

Die Vermuthung des Kerybauern bestätigte sich. Der alte Osec hatte die Brieftasche eingesteckt, ohne sie erst zu öffnen. Sie hatte das gewohnte Volumen; es war also kein Grund zum Mißtrauen vorhanden gewesen.

Jetzt traten sie nun langsamen, gewichtigen Schrittes herein. Kery hatte dafür gesorgt, daß keine Gesindeperson anwesend sei. Er saß mit Frau und Tochter am Tische. Ludwig stand, eine Cigarre rauchend, am Fenster.

Die Osecs nahmen dieses Mal ihre Hüte ab. Sie grüßten mit ironischer Höflichkeit:

»Guten Morgen den geehrten Herrschaften!«

»Guten Morgen!« dankte Kery kurz.

»Ich weiß nicht, ob wir willkommen sind?«

Als der Alte diese Worte sagte, machte er eine theatralische Geste dabei, die er irgend einem Mitgliede irgend einer herumziehenden Schauspielertruppe, vielleicht dem Zettelträger, abgelauscht haben mochte.

»Mir ist jeder brave Mann willkommen. Heimtücker aber fertige ich schnell ab.«

»Nun, als Heimtücker kommen wir nicht.«

»Soll mir lieb sein.«

»Ich komme sogar mit einer Frage, welche beweisen wird, daß ich Dir mein Vertrauen schenke.«

»Ah! So frage einmal los.«

»Du warst doch gestern Abend im Gasthofe?«

»Ja.«

»Und weißt, wie man uns mitgespielt hat?«

»Hm!«

»Ja oder nein! Weißt Du es?«

»Ja.«

»Und kennst auch die Thäter?«

»Natürlich.«

»Gut, das ists, was ich wissen wollte. Ich werde nämlich diese Sache zur Anzeige bringen, und Du wirst mir als Zeuge dienen.«

»Ich? Wie komme ich dazu?«


// 1576 //

»Weil Du dabei warst.«

»Es waren auch noch Andere da.«

»Ich möchte aber am liebsten Dich namhaft machen, weil ich weiß, wie gut Du bei dem Gericht angeschrieben stehest. Es trifft sich, daß ich heut noch bei Gericht zu thun habe - Du weißt schon, weshalb - da kann ich die Klage gleich mit vorbringen.«

»Du weißt schon, weshalb? Ich weiß gar nichts. Ich bin in keine Deiner Absichten eingeweiht.«

»Ich meine natürlich, in Deiner Angelegenheit.«

»In meiner? Giebt es denn eine solche?«

»Pah! Verstelle Dich nur nicht! Wenn Du Verstand annimmst, so kann noch Alles gut werden. Ich will mich sogar nochmals zu der Frage herablassen, ob Gisela nicht vielleicht noch einwilligt?«

»Auf keinen Fall.«

»Nun gut, da muß die Freundschaft schweigen und der Geschäftsmann hervortreten. Du weißt doch, weshalb wir kommen?«

»Ihr habt es ja gestern laut genug ausposaunt. Ich aber kann es nicht begreifen.«

»Pah! Du mußtest es natürlich leugnen, um wenigstens bis heut noch als reich zu gelten. Damit aber ists alle. Kannst Du zahlen?«

»Ja.«

»Wie? Was!«

»Was ich schuldig bin, pflege ich zu bezahlen.«

»Auch das, was Du mir schuldig bist?«

»Ja.«

»Donnerwetter! Etwa baar?«

»Baar! Das versteht sich ganz von selbst.«

»Woher hast Du diese Masse Geld?«

»Das kann Dir sehr gleichgiltig sein. Uebrigens kennst Du meine Vermögensverhältnisse nicht im Entferntesten so genau, wie Du zu denken scheinst.«

»O, ich pflege mich nicht zu täuschen. Also wenn Du Geld hast, so ist es mir natürlich lieb. Baares Geld ist mir viel willkommener als der Keryhof, wenn ich ihn Dir erst abpfänden muß. Das macht Kosten, die man niemals ersetzt bekommt.«

»Abpfänden? Meinen Hof abpfänden? Was fällt Dir ein?«

»Na, verstelle Dich doch nicht! Wir Beide brauchen nicht Comödie mit einander zu spielen.«

»Das fällt mir auch gar nicht ein. Ich habe nicht die mindeste Lust, Comödie zu spielen.«

»So wundere Dich auch nicht, wenn ich vom Pfänden spreche.«

»Hm! Närrischer Kerl! Ich glaube gar, Du willst die verrückte Idee, die Du gestern hattest, hier in Wirklichkeit in Scene setzen.«

»Verrückte Idee?«

»Ja, das ist doch eine!«


// 1577 //

»Mensch, ich begreife Dich nicht!«

»Und ich Dich auch nicht. Wenn ich nicht annehmen soll, daß Du wahnsinnig bist, muß ich Dich für krank halten. Du phantasirst.«

»Wieso?«

»Nun, ist das nicht geradezu wahnsinnig, nur immer davon zu reden, daß ich Dir schuldig bin. Jetzt kommst Du sogar zu mir herein, und Dein erstes Wort ist, daß ich Geld aufzählen soll.«

»Natürlich. Ich will endlich mal mein Guthaben eincassiren.«

»Wenn Einer sein ausgeborgtes Geld zurückverlangt, so ist das nur ganz in der Richtigkeit. Aber imaginäre Schulden cassirt man doch nicht ein.«

»Imaginär? Was ist das?«

»Was nur in der Einbildung existirt.«

»Donnerwetter! Meinst Du etwa, daß auch Deine Schuld eine so imaginäre ist? Das wäre stark! Das wäre wirklich stark!«

»Nein, stark ist, daß Du mich nicht in Ruhe lässest und sogar in der öffentlichen Kneipe erzählst, daß Du mich vom Hofe treiben willst. In Rücksicht auf alte Freundschaft zu Dir habe ich bisher dieses Verhalten einfach ignorirt. In Zukunft aber muß ich es mir auf das Strengste verbitten!«

Osec sperrte den Mund sperrangelweit auf und rief:

»Der Teufel soll mich holen, wenn ich Dich begreife! Ich möchte darauf schwören, daß Einer von uns verrückt ist!«

»Das weiß ich schon lange. Ich aber bin geistig kerngesund. Du leidest an dieser wunderlichen Monomanie.«

»Monomanie! Was ist nun wieder das?«

»Wenn ein Irrer immer eine und dieselbe Idee hat und nicht von ihr abzubringen ist. Du leidest an der Idee, daß ich Dir eine große Menge Geld schuldig sei. Und doch ists eben nur Monomanie.«

»Mo - no - ma - nie! Himmelsakkerment! Das lasse ich mir nicht länger gefallen. Zahlst Du oder nicht?«

»Was ich schuldig bin, bezahle ich.«

»Dann heraus mit dem Gelde!«

»Dir bin ich nichts schuldig.«

»Soll ich es Dir beweisen?«

»Natürlich!«

»Hier sitzt das Finanzministerium!« sagte Osec triumphirend, indem er an die Brusttasche klopfte.

»Nun, so laß diese Excellenzen doch mal raus!«

»Sogleich, sogleich! Aber wehe Dir, wenn Du nachher kein Geld hast!«

Er nahm die Brieftasche heraus, schlug mit der flachen Hand darauf und sagte:

»Das ist der Keryhof.«

Kery zuckte mitleidig die Achsel.

»Eben Deine alberne Idee.«


// 1578 //

»Idee? Diese Idee soll sofort zur Wirklichkeit werden. Ist etwa ein Sichtwechsel eine Idee?«

»Nein, sondern sogar etwas sehr Reales.«

»Nun, so will ich Dir diese Realitäten vorreiten. Macht mal Platz hier!«

Er war an den Tisch getreten, schob Alles, was darauf stand und lag, zur Seite, als ob er aufzählen wolle, und öffnete die Brieftasche. Sein Sohn stand an seiner Seite und zeigte jenes breite, dumme, selbstgefällige Lächeln, welches Leuten seines Schlages eigen zu sein pflegt. Es hieß so viel wie:

»Paßt auf! Jetzt kommt es! Ihr seid Alle Lumpen. Nur allein wir Beide sind die richtigen Kerls!«

Der Alte hatte den Verschluß der Tasche aufgezogen. Er legte nun die Hälften auseinander und wollte in die Abtheilungen greifen. Da wurde sein Gesicht leichenblaß und sein Auge starr. Es war, als ob er plötzlich versteinert sei.

»Na, heraus damit!« sagte Kery.

Osec antwortete nicht. Er war noch immer wie ganz steif.

»Was hast Du denn?«

»Das - das - das ist ja - eine - eine Zeitung!« stotterte er. »Eine Zeitung! Das konnte ich mir denken! Wo sollten die Wechsel herkommen! So eine alberne Monomanie! Geh nach Hause, leg Dich zu Bette und laß Dir kalte Umschläge machen. Die werden Dir gut thun!«

»Umschläge! Ich und Umschläge!« schrie Osec.

»Ich bin bestohlen worden!«

»Bestohlen? Von wem denn?«

»Weiß ichs? Weiß ichs?«

»Was soll man Dir denn genommen haben?«

»Deine Wechsel und die Pascherquittungen.«

»Pascherquittungen? Du hättest welche gehabt? Du, das sage ja Niemandem, sonst könnte es Dir schlecht ergehen.«

»Sie sind fort! Alle, alle! Man hat mir Zeitungspapier hineingesteckt!«

»Du jedenfalls selbst!«

»Ich? Ich? Was fällt Dir ein! Ich kenne dieses Papier gar nicht.«

»Siehe es Dir doch nur an!«

Osec nahm die Zeitung heraus und betrachtete sie. Er war abermals überrascht.

»Ja,« rief er, »diese Zeitung ist auch von mir. Es ist die Nummer der Prager »Politik«, die ich mir wegen einer Annonce extra habe kommen lassen.«

»Na,« lachte Kery, »da sage ja nicht, daß Du bestohlen worden seiest! Die Zeitung gehört Dir. Wer anders als Du soll sie hineingethan haben?«

»Und ich bins doch nicht gewesen!«

»Kein Anderer!«

»Junge, sage einmal, wo steckten die Wechsel?«

»Hier in der Rothen; das weiß ich ganz gewiß,« antwortete sein Sohn.

»Also!«

»Unsinn!« meinte Kery. »Geh nach Hause, und suche nach! Suche


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Alles aus! Dann wirst Du überzeugt sein, daß Deine ganze Idee von meiner Schuld nur ein Aberwitz gewesen ist.«

»Was, Du willst es leugnen?«

»Ja.«

»Alles?«

»Alles!«

»Junge, hat er uns nicht kürzlich einen Wechsel auf Sicht über fünfzehntausend Gulden acceptirt?«

»Ja, Vater.«

»Du weißt es ganz gewiß? Du warst mit dabei?«

»Natürlich. Ich habe sogar dabei gestanden, als Du den Wechsel mit der Empfangsbescheinigung zu den anderen Papieren in diese Brieftasche legtest.«

»Na also!«

»Bei Euch ist nicht nur Einer verrückt, sondern Ihr seid es alle Beide. Wofür sollte ich Euch denn einen solchen Wechsel gegeben haben?«

»Für Pascherwaaren.«

»Was? Ihr liefert Schmuggelgüter? Das laß ja Niemandem hören. Das wird sogar sehr streng bestraft. Es soll sogar vorkommen, daß ein Geisteskranker sich einbildet, einen Wechsel auf fünfzehntausend Mark für Lumpen und altes Papier bekommen zu haben. Der Wahnsinn spiegelt dem Menschen doch die tollsten Dinge vor!«

Die beiden Osecs blickten ganz erstaunt auf den Sprecher.

»Was?« fragte der Alte. »Du willst leugnen, von mir Pascherwaaren bezogen und dann weiter geschickt zu haben?«

Da legte Kery ihm die Hand auf die Achsel und fragte in strengem Tone:

»Sage mir zunächst, ob Du verrückt oder bei Sinnen bist?«

»Ich bin sehr wohl bei Sinnen.«

»Nun gut, so muß ich mit Dir reden als mit einem Manne, der für das, was er sagt, verantwortlich gemacht werden kann.«

Und mit erhobener, fast donnernder Stimme fuhr er fort:

»Also verbitte ich mir jede derartige Anschuldigung! Sagst Du mir noch ein einziges solches Wort, so lasse ich Dich sofort arretiren und als Paschhändler bestrafen. Merke Dir das! In solchen Dingen verstehe ich keinen Spaß!«

»Donnerwetter!« sagte Osec, indem er erschrocken zurückfuhr, es passiren weiß Gott ganz unmögliche Dinge!«

»Das sehe ich an Dir. Ich soll gepascht haben. Ich soll Dir Geld schuldig sein, und weiß kein Wort davon!«

»Es ist aber doch wahr!«

»Beweise es!«

»Die Wechsel sind fort!«

»So geh, und verklage mich!«

»Das muß ich thun!«

»Sage aber dabei gleich, wofür ich Dir das Geld zu geben haben soll, nämlich für gelieferte Pascherwaaren!«


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Osec blickte starr vor sich nieder. In seinen Zügen lebte ein ganz unbeschreibliches, leidenschaftliches Spiel. Kery legte ihm die Hand auf die Achsel und fragte lächelnd:

»Nicht wahr, Alter, jetzt überlegst Du, wer wohl der größere Schurke sei, Du oder ich? Ja, es wird selbst der Gescheidteste, sogar selbst ein Osec überlistet. Gehe nach Hause, und such nach den Wechseln. Sobald Du sie gefunden hast, werde ich sie einlösen müssen.«

Da blickte Osec zu ihm herüber. Sein Gesicht hatte etwas Raubvogel-, etwas Geierartiges.

»Kery,« zischte er, »jetzt weiß ich Alles!«

»So! Nun?«

»Du hast sie mir gestohlen!«

»Pah! Wann denn?«

»Ja, das weiß der Teufel!«

»So frage ihn!«

»Gieb sie heraus!«

»Ich habe sie nicht.«

»Mensch, Du hast sie! Gieb sie heraus! Ich will Dir die Hälfte schenken!«

»Und wenn Du mir Alles schenkst, so kann ich sie Dir nicht geben.«

»Warum nicht?«

»Weil ich sie nicht habe. Ich kann sie ja gar nicht haben. Sie sind ja imaginär, nur eingebildet.«

»Donnerwetter! Mach mich nicht verrückt!«

»Das bist Du schon seit langer Zeit.«

»Und ich weiß nun, daß Du sie hast! Ich verlange sie wieder! Heraus mit den Wechseln, sonst geschieht Unheil!«

Da trat Ludwig zu ihm heran und sagte:

»Alter Sünder, wannst keine Ruhe giebst, so trag ich Dich augenblicklich wieder in das Wassern wie gestern Abend. Du hast Dich hier still und höflich zu verhalten! Du hast hier lang genug den Herrn spielt; nun kannst auch mal zu Kreuz kriechen. Wannst noch ein Wort sagst, was mir nicht gefallt, so ists um Dich geschehen!«

Da nahm der Alte sein Zeitungspapier, steckte es in die Brieftasche und schob diese Letztere in den Rock. Dann trat er hart an den Bauer heran und zischte:

»Kery, wir sind nicht etwa fertig mit einander. O nein. Wir fangen erst mit einander an. Denke nicht, daß Du gewonnen hast! Ich will und muß Dein Meister werden.«

»Versuche es! Gieb Dir alle Mühe!«

»Das ist nicht nöthig. Ich bin von Natur klüger wie Du, der Du doch ein ausgesprochener Dummkopf bist. Leb wohl einstweilen! Wir sehen uns wieder!«

Er ging mit dem Sohne fort. Sie stiegen in ihren Wagen. Der Sohn lenkte die Pferde. Der Alte saß still und in tiefe Gedanken versunken neben


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ihm. Er preßte die Lippen zusammen und zuweilen knirschten die Zähne laut an einander.

»Was sagst Du dazu, Vater?« frug der Sohn.

»Sag erst, was Du denkst!«

»Vielleicht liegen die Wechsel zu Hause?«

»Sie sind nicht aus dieser Tasche gekommen. Darauf will ich meine Seligkeit setzen.«

»Aber wie kommen sie heraus und die Zeitung hinein?«

»Darüber denk ich eben nach. Kery hat sie mir gestohlen.«

»Unmöglich!«

»Pah! Oder stehlen lassen.«

»Durch wen?«

»Wenn er sie hat stehlen lassen, dann durch keinen Andern als durch diesen verdammten Ludwig.«

»Er war ja zornig auf ihn!«

»Verstellung.«

»Hat ihn sogar fortgejagt.«

»Aus Diplomatik. Er hat ihn gehen heißen, um ihm Zeit zu geben, den Coup auszuführen. Aber wann ists geschehen? Wir müssen daheim nachsuchen. Der Dieb kann nur durch das Fenster gedrungen sein, und - alle Teufel!«

»Was ists?«

»Da fällt mir ein, daß ich diese Zeitung, welche sich jetzt in der Brieftasche befindet, auf das Fenster gelegt hatte. Fahr zu; fahr zu!«

Kaum waren sie zu Hause angekommen, so eilten sie nach oben. Sie durchsuchten zunächst die Kästen der Rollkommode nach den Wechseln - vergebens.

Sodann wurde das Fenster untersucht.

»Schau,« sagte der Alte. »Hier hat ein Messer gesteckt. Der Dieb ist durch das Fenster ein- und ausgestiegen. Hier hat er die Spitze seines Taschenmessers in den Fensterrahmen gestochen, um das Fenster zuziehen zu können. So weit sind wir also, und hoffentlich kommen wir auch noch weiter. Der Keryhof soll mir nicht verloren gehen, und sollte ich ihn umlagern Tag und Nacht!«

Mit dem resultatlosen Besuche der beiden Osecs hatte die Angelegenheit Kerys ihren vorläufigen Abschluß gefunden. Ludwig hatte für heute in Slowitz nichts mehr zu suchen und begab sich also auf den Weg nach der Grenze. Er machte Anzeige über das beabsichtigte Vorhaben der beiden Pascher und mußte mit einem Grenzoberbeamten nach Felsberg gehen.

Der dortige Pfarrer erstaunte nicht wenig, als er hörte, daß seine Scheune den Paschern zur Niederlage diene.

»Welch eine Frechheit!« klagte er. »Nicht einmal die Wohnung eines Geistlichen ist mehr sicher vor dem Verbrechen. Schaffen wir schleunigst die Packete fort!«


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»Das geht nicht, Hochwürden,« meinte der Beamte. »Wir wollen nicht nur die Packete, sondern auch die Pascher.«

»Wollen Sie diese in meiner Scheune ergreifen?«

»Auch das nicht. Wir würden nur die Zwei erwischen; aber wir wollen auch die Andern haben, welchen die Päckte übergeben werden. Darum müssen die Letzteren hier bei Ihnen liegen bleiben, und keiner Ihrer Leute darf eine Ahnung davon haben. Wenn die Pascher kommen, müssen sie Alles ganz genau so vorfinden, wie sie es verlassen haben.«

Er stieg dann ganz allein in der Scheune empor, um nach den Packeten zu suchen. Er fand sie auch und kam dann wieder herab. Er empfahl dem Pfarrer, den Schmugglern ja nichts in den Weg zu legen und entfernte sich sodann mit Ludwig.

Dieser bat, bei der Festnahme der Osecs mit zugegen sein zu dürfen, und diese Bitte wurde ihm bereitwilligst gewährt. Der Beamte bestimmte ihm für den Abend ein Rendez-vous, und dann trennten sie sich.

Ludwig ging nach Oberdorf zu seiner Mutter, verbrachte da die ersten Stunden des Nachmittages und begab sich nachher hinab nach Hohenwald, um die Personen, mit denen er seit dem Montage dort Bekanntschaft geschlossen hatte, zu besuchen.

Er gedachte auch, vielleicht den König zu sehen; dieser war aber nicht mehr da, sondern - nach Oberdorf gegangen, woher Ludwig kam. Daß Beide sich nicht begegnet waren, hatte seinen Grund in dem Umstande, daß Beide verschiedene Wege eingeschlagen hatten.

Am Morgen war ein Courier nach der Mühle gekommen und hatte eine große Mappe verschiedener Scripturen gebracht. Nach Erledigung derselben hatte der König zwei von ihnen zu sich gesteckt und war dann nach Oberdorf aufgebrochen.

Er kannte die Richtung, in welcher das Dorf lag, und glaubte, nicht fehl gehen zu können. Sein Ortssinn war ihm ein vortrefflicher Führer. Obgleich er nur Fußpfade eingeschlagen hatte, sah er doch in vorausgesehener Zeit den kleinen, armen Gebirgsort vor sich liegen.

Ein wenig müde von der Wanderung, setzte er sich auf einen mit Moos bewachsenen Fels nieder, welcher wie eine breite Bank aus der Bergwand ragte.

Die Stelle war eine recht traulich heimliche. Drunten im Grunde lag das Dorf, rechts und links zog sich dichtes Buschwerk die Höhen hinan, und gegenüber stieg ein schwarzer Hochwald düster empor. Hier und da schlang sich ein Bächlein wie ein Silberfaden durch das Grün.

Der Ort, an welchem der König saß, mußte zuweilen besucht werden, wie aus gewissen Spuren und Anzeichen zu errathen war.

Bald hatte er sich ausgeruht, und schon schickte er sich an, den Fels zu verlassen und zu Thal zu steigen, da ließ sich erst rechts und sodann auch links ein Jauchzer hören, der erstere von einer männlichen, der letztere von einer weiblichen Stimme.


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Diese Jauchzer wiederholten sich und kamen dabei näher. Es war klar, daß die beiden Personen sich treffen wollten, und zwar wahrscheinlich hier.

Warum er es that, er wußte es eigentlich auch nicht - der König zog sich zurück. Aber er ging nicht abwärts, wo er einer der beiden Personen begegnet wäre, sondern er stieg von seiner Bank zu einer zweiten Felsplatte empor, welche wie ein Baldachin die erstere überragte und mit Sträuchern und Gras bestanden war. In das Letztere ließ er sich nieder und verhielt sich von jetzt an ganz ruhig.

»Hanna!« ertönte es jetzt anstatt des bisherigen Jauchzers von links herüber.

»Stephan!« antwortete es von rechts.

Nach wenigen Augenblicken vernahm der König Schritte. Er bog den Kopf vor und sah einen kräftigen Burschen, welcher die landläufige Gebirgstracht trug und mit raschen Sprüngen sich der Felsbank näherte.

Das war jedenfalls Stephan, der gerufen worden war. Seine Kleidung ließ errathen, daß er nicht reich sei. Sein offenes Gesicht machte einen sympathischen Eindruck, doch lag um seine Mundwinkel ein herber Zug, welchen es früher in diesem Gesicht wohl nicht gegeben hatte. Er bildete etwas Fremdartiges, was nicht in die früher heitere Physiognomie paßte.

Bald kamen auch von rechts herüber Schritte. Zwischen den Büschen trat ein schlankes Mädchen hervor, von ebenmäßiger Gestalt und hübschen, regelmäßigen Gesichtszügen, bei deren Anblick der König sofort an den Oberknecht Ludwig Held dachte.

Auch sie war ärmlich, aber außerordentlich sauber gekleidet. Sie hätte noch für frisch gelten können, wenn sich nicht ihre Mundwinkeln wie entsagend herabgebogen und an ihren Augen jene Fältchen gezeigt hätten, welche man Krähenfüße nennt.

Trotzdem war sie ein gar stattliches und begehrenswerthes Kind.

»Bist da, Stephan?« sagte sie, ihm die Hand bietend. »Hast gut Zeit gehalten.«

»Ja, Hanna, wir können schon gut Zeit halten. Wir haben es lernen mußt.«

»Klagst schon gleich wieder!«

»Ich möcht nicht aufihören mit klagen. Wann man sich so gar lieb hat wie wir und ist an die sieben Jahren in allen Ehren mit nander gangen, und es heißt immer nur Warten, Warten, so will das Herzerl doch auch mal unwillig werden. Andera, die sich lieben, die dürfen sich auch holen.«

»Hast mich ja, Stephan!«

»Ja, wann denn? Mal auf eine Viertelstund. Nachhero mußt gleich wieder hinab zu dera Muttern.«

»Sei stät, Bub! Dera Herrgott weiß am Besten, was gut ist für den Menschen.«

»Das glaub ich wohl; aberst das gefallt mir nimmer, daß grad für uns Beiden allein das Warten gut sein soll. Du tröstest immer und immer, um mir Muth zu machen. Aberst ich weiß es, wannst allein bist so siehts gar


// 1584 //

anderst aus. Dann kommts auch trüb und bitter heraufi aus dera Seel, und in denen guten, lieben, braunen Guckerln laßt sich ein kleines Wassern sehen. Hab ich Recht, Hanna?«

Er schlang den Arm um sie und zog sie an sich.

»Ja, kannst rechtschaffen Recht haben,« antwortete sie, den Kopf an seine Schulter lehnend.

»Ja, das hab ich mir denkt. Unsera Jugend geht vorübern, und nachhero, wanns Alter kommt, haben wir uns noch immer nicht. Warum? Vatern sagt, auf dem Höhlbauershof kann der Herr keine Frau mit Kindern dernähren. Er hat Recht, denn es ist ein gar wüstes Land, und aus Steinen machst kein Brod. Euer kleines Hüttle ist eigentlich für eine Ziegen zu eng, und doch wohnst mit dera Muttern und dera Kuh darinnen, und wann dera Ludwig mal kommt, findet er auch noch einen Platz. Aberst was für einen! Daß es Gott derbarm. Und was habts zu essen! Die Kuh hats noch am Allerbesten von Euch.«

»Der Ludwig bringt auch zuweilen ein Geld!«

»Ja, dera Gute nimmt sichs aus dem Leben heraus. Und doch könntens wir Beid so sehr viel besser haben. Ich hatt eine Reiche, und Du hattst einen Reichen; aber wir hatten nur uns lieb und blieben lieber ledig. Zusammen können wir nicht, und so bleiben wir die Einsamen, aberst auch die Treuen. Nicht wahr?«

Sie nickte nur. Sie hätte schluchzen müssen, wenn sie geredet hätte, und das wollte sie doch nicht. Sie durfte ihrem Herzensbuben das Leben nicht noch schwerer machen.

Nun saßen sie eine ganze Weile still und innig beisammen. Er streichelte lind und ohne Aufhören ihr seidenweiches Haar. Sie mußten sich recht herzlich lieb haben. Dann sagte er plötzlich:

»Sakra! Das hätt ich gar bald vergessen. Ich hab Dir was mitbracht.«

»Eine Blumen wohl?«

»Dieses Mal was ganz Andres. Ich war unten in dera Stadt. Da gabs einen vornehmen Herrn mit zweien Fräuleinen, denen hab ich den Weg zeigt. Dabei setztens sich niedern und brachten eine Düten hervor mit allerlei Delikatessen vom Conditoren. Ich muß recht Augen macht haben beim Zuschauen, denn das eine Fräuleinen fragt mich, ob ich noch nicht so was gessen hab.«

»Im ganzen Leben nicht,« hab ich antwortet.

»Auch Dein Dirndl nicht?«

»O, das Dirndl hat noch weniger für das Schnaberl als ich.«

»Als sie das hört, hat sie gleich die Düten zumacht und mir in die Taschen einisteckt. Ich solls meinem Dirndl geben. Hier hasts, Hanni!«

Er zog die Düte aus der Tasche und gab sie ihr.

»Was ists?« fragte sie. »Eine Conditoreien! So was hab ich fast noch gar nie sehen. Laß mal schauen. Es sind noch vier Stuckerln drinnen; aberst wie sie heißen, das weiß ich halt nicht.«


Ende der sechsundsechzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk