Lieferung 73

Karl May

17. Dezember 1887

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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»Nein. Aber Du sagtest doch, daß Du Dir mehrere hundert Gulden gespart hast!«

»Das ist sehr richtig; aber die gebe ich nicht her; die hebe ich auf.«

»Warum?«

»Du bist fünfundzwanzig Jahre älter als ich. Wie lange werde ich Dich denn haben, so bin ich Wittwe.«

»Oho! Na, na!«

»Ja. Und dann kann ich meine paar Nothpfennige gebrauchen.«

»Du thust ja, als ob Du recht bald Wittwe werden wolltest!«

»O nein; aber wenn ichs werde, so kann ich mir den Kopf auch nicht wegreißen. Ich kann überhaupt die Aufregung nicht vertragen. Ich würde mich in mein Schicksal fügen und Dich ehrlich begraben lassen.«

»Natürlich ehrlich!« lachte er in halbem Zorne auf. »Ich hoffe, daß mich der Scharfrichter nicht hinausschleppt.«

»Davon ist keine Rede. Ich werde schon dafür sorgen, daß Du in anständiger Weise zur Ruhe kommst.«

»Schön! Dafür muß ich Dir schon bei Lebzeiten dankbar sein.«

 

»Natürlich! Nun thu mir aber den Gefallen, mir den Revers zu zeigen.«

»Sogleich!«

Er trat zum Schranke und öffnete ihn.

Sie war so müde, daß sie sich in die Kissen legte und laut und herzlich gähnte.

Unter ihr ließ sich auch Etwas hören. Der Sepp war schon vorher auf's Tiefste erschrocken, als sie sich in das Bett gesetzt hatte. Er dachte, dasselbe würde in Stücke zerknacken. Er lag mit dem Gesichte in dem hohen, feinen Staube. Er athmete denselben ein. Kein Wunder, daß ihm das Bedürfniß zum Niesen ankam. Er gab sich alle Mühe, dasselbe zu unterdrücken, aber es ging nicht länger. Als die Dicke so laut gähnte, benutzte er die gute Gelegenheit.

»Ahhhh - - haaaaa!« machte sie es.

»Ab - - - zzzzzzziehhh!« begleitete er sie unter dem Bette.

Sie richtete sich ein wenig auf und blickte ihren Bräutigam an. Dieser hingegen sah zu ihr herüber.

»Hast Du gegähnt oder geniest?« fragte er.

»Gegähnt natürlich! Ich niese nie. Das regt den Körper zu sehr auf. Aber Du hast geniest.«

»Ich? Ist mir nicht eingefallen!«

»Ich habs doch gehört!«

»Ich auch, aber von Dir.«

»Unsinn! Ich werde doch wissen, was Gähnen oder niesen ist.«

»Na, ich ebenso.«

»Streite nicht! Nimm lieber den Hut heraus!«

Er wendete sich wieder nach dem Schranke. Der Luftzug beim Niesen des Sepp hatte den Staub aufgeblasen, welcher dem Alten in Mund, Nase


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und Augen flog. Er mußte abermals niesen und voraussichtlich viel heftiger als vorher. Er drückte die Zähne und Lippen zusammen; er preßte den Bauch fest auf die Diele; er zog die fürchterlichsten Grimassen - es half nichts; er mußte losbrechen.

»Wenn sie nur um Gotteswillen noch einmal gähnte!« dachte er in seiner Angst.

Und das Schicksal war ihm günstig. Der kleine Wortwechsel hatte sie angestrengt.

»Uuuuuu - aaahhh!« gähnte sie überlaut, indem sie sich wieder hintenüber legte.

»Az - - zieh - zieh - zizizizizieh!« ging es wie aus einer Mitrailleuse unter dem Bette.

Sie fuhr wieder empor, und der Hausmeister drehte sich rasch wieder nach ihr um.

»Siehst Du!« sagte er triumphirend.

»Ja, siehst Du!« antwortete sie ihm, ihm hochbefriedigt zunickend.

»Daß Du niesest!«

»Nein, daß Du niesest!«

»Ist mir nicht eingefallen!«

»Geh! Leugne es doch nicht!«

»Kind, ich begreife Dich nicht. Ich habe es deutlich gehört.«

»Ich auch!«

»Du hast eine ganz eigenthümliche Art und Weise. Erst denkt man, Du gähnst, und nachher wird der allerschönste Nieserich daraus.«

»Schatz, laß Dich doch nicht auslachen! Der Nieserich bist Du doch selbst.«

»Milka, ich begreife Dich nicht!«

»Nein, ich begreife Dich nicht! Es ist doch keine Schande, zu niesen!«

»Nein, allerdings.«

»Nun, warum leugnest Du es da! Oder hast Du vielleicht eine böse Krankheit in der Nase? Einen Polypen etwa?«

»Höre, jetzt wirds zu bunt! Dieser Spaß -«

»Sei still!« unterbrach sie ihn. »Von dieser Nase reden wir noch ein Wörtchen. Aber in aller Ruhe. Einen Polypen mag ich mir nicht anheirathen. Wenn der ansteckend ist, so könnte ich mich nachher vor Polypen gar nicht retten, weil bei mir Alles gleich ins Fette, Dicke und Großartige geht.«

Das war ihm zu viel. Er stampfte mit dem Fuße und rief:

»Ich einen Nasenpolypen! Da muß doch gleich ein Himmelkreuzdonner - -«

»Still, still!« schrie sie auf. »Schrei nicht so. Wir Frauen haben ein so zartes Gehirn. Mein Kopf brummt von Deinem Gebrüll wie eine Pauke. Wenn wir wirklich gute Freunde bleiben wollen, so hältst Du nun das Maul und holst den Revers!«

Er besann sich noch, doch hielt er es schließlich für das Beste, jetzt nachzugeben. War sie erst einmal seine Frau, so wollte er ihr schon sein Ueber-


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gewicht fühlbar machen. Er nahm also den Hut aus dem Schranke und kam damit an das Bette.

»Hier ist er. Da drinnen steckt unser junges Eheglück.«

»Zeig her!«

Sie streckte die Hand aus; er aber wich zurück. Sie lag so verführerisch vor ihm in den Kissen, daß sein Herz vor Zärtlichkeit überwallte.

»Jetzt noch nicht!« sagte er.

»Warum denn nicht?«

»Du mußt es Dir verdienen.«

»Womit?«

»Mit einem richtigen, süßen, herzhaften, langen Kuß.«

Sie gähnte.

»Geh doch nur! Dieses ewige Küssen. Was hast Du davon?«

»Das fragst Du mich?«

»Natürlich! Das Küssen ist die reine Kinderei. Man schiebt die beiden Mäuler zusammen, so daß man sich die Nasen fast wund reibt. Schmecken thuts nach gar nichts. Warum thut man es also. Eine eingemachte welsche Nuß oder Marunke ist mir zehnmal lieber als so ein Schmatz, der weder Sinn, noch Zweck hat.«

»Alle Teufel! Das ist wirklich Deine Ansicht?«

»Ja. Man verliert seinen schönen Athem dabei. Man muß den Kopf schief halten, damit die Nasen sich nicht im Wege sind. Es ist so schrecklich unbequem, daß ich den Menschen, der das erfunden hat, gar nicht begreifen kann. Meinen Geschmack hat er dabei nicht getroffen.«

»Aber den meinen. Wenn ich keinen Kuß bekomme, so bekommst Du den Revers nicht zu sehen.«

»Welch ein Mann!« seufzte sie tief auf. »Wie kann man an einer solchen Anstrengung ein Vergnügen haben. Na, komm her!«

»Aber einen ordentlichen.«

»Einen unordentlichen oder liederlichen nicht. Ich wüßte überhaupt nicht, wie ein solcher - - Herrjesses! Du drückst mir ja das ganze Leben aus dem Leibe! Sei doch manierlicher. Geh, geh! Du hast nun einen, und so will ich auch den Revers sehen.«

»Wenn ich dann noch einen bekomme!«

»Noch einen! In diesem Fach scheinst Du der reine Vielfraß zu sein.«

»Also? Ja oder nein?«

»Na, wenn Du einmal darauf bestehst, so muß ich mich drein ergeben. Aber es ist dann für heut der allerletzte. Merke es Dir. Es bleibt dabei!«

»Einverstanden! Also schau her! Jetzt sollst Du ihn sehen.«

Er hielt ihr den Hut hin und machte dabei das, was er sagte:

»Hier ist der Tressenhut - ich wende ihn um - da ist das Futter, mit einer Schnur zusammengezogen - ich ziehe sie auf - ich schlage das Futter zurück - und dahinter - - -«


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Er hielt inne und schaute in den leeren Hut. Sein Gesicht wurde lang, länger und immer länger.

»Nun - was ist dahinter?« fragte sie, immer noch bequem im Bette sitzend.

»Nichts.«

Er machte dabei ein so dummes, ein so wahres Schafsgesicht, daß sie in ein Lachen ausbrach.

»Und da lachst Du noch!« rief er.

»Bei dem Gesicht, welches Du da machst, kann Niemand weinen.«

»Weg - weg ist das Papier!«

»Unsinn! Wo soll es hin sein! Schau nur richtig nach!«

»Da giebts ja gar nichts weiter nachzuschaun. Da ist der Hut, und leer, ganz leer!«

»Zeig mal her!«

Sie nahm ihm den Dreimaster aus der Hand und untersuchte ihn sorgfältig.

»Nichts ist drin,« seufzte sie.

»Nichts, nichts, nichts ist drin! Fort ist er, fort!«

»Wohin aber?«

»Das weiß der Teufel!«

»Es muß ein Irrthum sein. Hast Du etwa zwei solche Hüte?«

»Nein.«

»Also eine Verwechslung ist ausgeschlossen. Weißt Du genau, daß das Papier drin gewesen ist?«

»Natürlich.«

»Vielleicht hast Du es einmal heraus genommen und dann in Gedanken wo andershin versteckt. Denke nach!«

»Da giebts gar nichts nachzudenken. Ich versteckte es an keinem andern Ort.«

»Es kann aber doch nicht davon gelaufen sein!«

»Freilich nicht. Es ist - ist mir jedenfalls gestohlen worden!«

»Unsinn!«

»Ja, ja, gestohlen!« rief er aus.

»Siehst Du, daß ich Recht hatte! Es war nicht gut genug versteckt. Du hättest einen ganz andern Ort dazu wählen sollen.«

Er starrte noch immer in den Hut.

Er starrte noch immer ganz fassungslos in den leeren Hut.

»Wer - wer mag es haben?«

»Hm! Du mußt versuchen, den Dieb zu entdecken.«

»Natürlich! Das Ding kann ja nicht nur dem Baron, sondern auch mir gefährlich werden! Wenn es in falsche Hände geräth, so - -«

»Falsche Hände? Fällt keinem Menschen ein! Ich weiß, wer es hat. Es befindet sich in den richtigen Händen.«

»Wer solls haben?«

»Der Baron natürlich.«

»Wieso?«

»Denke einmal nach! Wann hast Du zum letzten Male darnach gesehen?«


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»Gestern vor einer Woche.«

»Da war es noch vorhanden?«

»Ja.«

»Und seitdem ist der Baron hier gewesen.«

»Hm! Das giebt zu denken.«

»Ja. Er allein weiß, daß Du es hast?«

»Weiter Niemand.«

»So kann auch weiter Niemand darnach suchen. Er muß es gewesen sein.«

»Ah, da fällt mir Etwas ein!«

»Was?«

»Er hatte zwei Briefe geschrieben, welche mit dem nächsten Zuge fort sollten. Ich mußte sie darum nach dem Bahnhofsbriefkasten tragen.«

»Das erfordert wohl an die dreiviertel Stunden Zeit. Hattest Du hier zugeschlossen?«

»Nein.«

»Welch eine colossale Unvorsichtigkeit. Es ist ganz gewiß, daß er Dich bestohlen hat.«

»Donnerwetter! Das soll ihm schlecht bekommen!«

»Was willst Du machen! Aus unserer Ehe kann nun nichts werden.«

Sie stand von ihrem Sitze auf. Er erschrak über ihre Worte noch mehr als vorher über den Anblick des leeren Hutes.

»Nichts werden?« fragte er. »Warum?«

»Darum!«

»So sags doch!«

»Weil Du kein Geld bekommst.«

»Ah! So nimmst Du mich dieses Geldes wegen? Du liebst mich nicht?«

»Unsinn! Sei nicht dumm! Ich liebe Dich unsäglich, und ich weiß nicht, ob ich ohne Dich leben können werde; aber ich muß gar zu sehr auf meine Gesundheit halten. Deine stürmischen Umarmungen, Liebkosungen und Küsse bringen mich außer Athem. Ist das schon jetzt, wie soll es erst dann in der Ehe werden - -!«

»Donnerwetter! Stürmische Liebkosungen! Ich habe Dich zweimal geküßt. Was ist das weiter! Ein Anderer hätte fünfzig Küsse in ganz derselben Zeit verlangt!«

»Hilf Himmel! Mir wird ganz schwach schon, wenn ichs höre.«

»Und stürmisch! Ich habe gar nicht einmal gemerkt, daß so ein großer Orkan dabei geweht hätte. Ich bin sogar ganz zart und sanft verfahren.«

»Na, dann möchte ich wissen, wie es ist, wenn Du einmal nicht so sanft bist. Ich kann das nicht vertragen. Die Umarmungen sind mir einmal nicht angeboren; das muß doch schon meine Taille beweisen. Wenn ich einen Mann nehme, der mich immer so drückt und quetscht, so muß er wenigstens Geld genug haben, daß ich bequem leben und mich von solchen Zärtlichkeiten erholen kann.«


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»Aber - Milka, nimm doch nur Verstand an! Zwei Küsse ist doch rein gar nichts! Wie können die so anstrengen! Uebrigens ists ja noch gar nicht gesagt, daß ich vom Baron kein Geld bekommen werde.«

»Der Revers ist doch fort.«

»Das schadet im Grunde genommen gar nichts, wenn er nur nicht in schlechte Hände gerathen ist.«

»Wieso?«

»Eigentlich war es ja Unsinn, daß ich den Baron zwang, mir seine Unterschrift zu geben. Ich verstand es damals noch nicht so wie heute. Wenn ich ihm Schaden machen will, so bedarf es dieses Reverses gar nicht. Ich zeige ihn eben an und beschwöre die Aussagen.«

»Aber das Geld!«

»Wird er mir ganz gewiß geben, wenn ich ihm mit der Anzeige drohe.«

»Wirklich?«

»Ja. Auch den Revers giebt er wieder heraus. Das weiß ich ganz gewiß.«

»Du könntest Dich aber auch irren.«

»Nein. Siehst Du denn nicht ein, daß er uns lieber eine Ausstattung geben als sich von uns anzeigen lassen wird?«

»Hm! Ja. Recht kannst Du freilich haben!«

»Vollständig Recht.«

»Gut! So können wir uns also doch noch heirathen. Ich setze mich also wieder nieder.«

Sie setzte sich wieder so gewichtig auf das Bett, daß dieses noch ärger stöhnte als vorher.

»Du, nimm Dich in Acht!« warnte er abermals. »Wenn Du ruhig sitzest, so hält es Dich schon aus. Rankerst Du aber, so kann es einbrechen. Weißt Du, was ich machen werde?«

»Nun, was?«

»Ich fahre nach Wien.«

»Zum Baron?«

»Natürlich! Ich muß wissen, woran ich bin. Er muß mir Alles gestehen und den Revers herausgeben.«

»Das ist ein kluger Einfall. Ja, fahre nach Wien, und laß Dir gleich das Geld auszahlen. Nicht?«

»Ja. Wenn ich einmal dort bin, mache ich auch gleich reine Arbeit.«

»Wieviel wirst Du verlangen?«

»Das weiß ich noch nicht. Wieviel denkst Du, liebe Milka?«

»Zwanzigtausend Gulden.«

»Bist Du gescheidt! Das ist ja viel zu viel!«

»Na, es ist besser, man verlangt mehr als weniger. Herunter gehen kann man allemal. Verlange so viel, wie Du denkst. Aber es muß genug sein für uns. Ich will auch einmal als Dame leben. Ich bin eigentlich dazu geboren. Schon meine zarte Constitution weißt mich auf ein feines Leben


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hin, und sodann auch mein Name - Milka! Die Baronesse heißt Milda, und ich heiße Milka - -«

»Eigentlich Emilka, das ist Emilie.«

»Unsinn! Red nicht so dumm! Milka heiße ich, damit pasta. Das beweist, daß ich eigentlich ganz gleiche Ansprüche an das Leben stellen kann wie die Baronesse. Darum müssen wir uns auch in Beziehung auf unsere Verlobung nach den Regeln der besseren Gesellschaft richten. Du mußt Dir, da Du einmal nach Wien gehst, dort Verlobungskarten anfertigen lassen.«

»Wozu?«

»Dumme Frage! Zum Versenden.«

»An wen?«

»Mein Gott! Muß man denn Alles in dieser Weise deutlich machen? An die Verwandten und Bekannten.«

»Hm! Hast Du Verwandte?«

»Nein. Ich bin ein armes Waisenkind.«

»Ich auch. Hast Du Bekannte?«

»Die Dienerschaft hier.«

»Und denen willst Du die Karten schicken?«

»Natürlich! Auch muß es in die Zeitung kommen, grad so, wie es auf den Karten steht. Das fordre ich von Dir. Lieber heirathe ich sonst nicht!«

»Na, wenn Du in dieser Weise darauf bestehst, so soll es gemacht werden.«

»Gut! Wie lassen wir auf die Karten drucken?«

»Bestimme Du es.«

»Gut. Unsereins hat dafür mehr Zartgefühl. Ich denke, wir lassen drucken

Milka Radovec
und

- wie war gleich Dein Vorname?«

»Gottfried.«

»Pfui Teufel! Einen Gottfried mag ich nicht. Der greift meine Nerven zu sehr an. Das muß poetischer klingen. Sagen wir anstatt Gottfried lieber Fridi. Das ist derselbe Name, nur in verschönerter Form. Fridi klingt so zart, so duftig. Eigentlich müßte man sich unter Fridi einen ganz andern Kerl vorstellen als Dich; aber die Stunde des Schicksals hat uns vereint, und so will ich weder über den Gottfried, noch über Dich murren, und auf unsern Karten und im Blatte soll es heißen:

Milka Radovec
und
Fridi Hollaniz
sind als ewig Verlobte selig vereint.

Bist Du damit einverstanden?«

»Ists nicht zu - zu - zu - ich meine, ob die Leute nicht darüber lachen werden?«

»Unsinn! Red nicht so dumm! Besseren Ausdruck kann unser Glück gar nicht finden. Und damit Du siehst, daß diese Karten die Wahrheit sagen,


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so will ich ganz gegen meine Constitution und gegen meine zarten Nerven Dir zeigen, daß ich mich auch als Verlobte benehmen kann. Komm an mein Herz, süßer Fridi!«

Sie öffnete die Arme und that einen Schritt auf ihn zu. Er war einen Augenblick lang so erstaunt über dieses zärtliche Entgegenkommen, daß er zögerte, sich in ihre Arme zu werfen. Dann aber that er einen desto hastigeren Sprung auf sie zu.

Sie aber nahm ihm dieses, wenn auch noch so kurzes Zögern übel. Sie ließ die Arme sinken und trat zurück, zur Seite. Er verfehlte also sein Ziel, machte aber eine energische Schwankung und warf sich mit solcher Innigkeit auf sie, daß sie die Balance verlor.

»Um des Himmelswillen, bist Du toll!«

Sie wollte sich an ihm festhalten und er sich an ihr. Ihre corpulente Gestalt fand, wenn sie einmal aus dem Gleichgewichte gerathen war, dasselbe nicht sofort wieder. Der süße Fridi wollte sie fassen und fest halten, gab ihr aber im Gegentheil einen solchen Stoß, daß sie zum Fallen kam.

Im Falle klammerte sie sich an ihn. Er suchte, um sich nicht niederreißen zu lassen, mit der Hand nach einem Stützpunkte und ergriff - das Rohr eines kleinen Windofens, welcher neben dem Bette stand. Dasselbe war sehr lang und war erst hoch oben unter der Decke durch die Mauer geführt. Natürlich war es zu schwach, ihn und die dreifach schwere Milka zu halten - ein Krach, ein Klirren, zwei Schreie und Milka, Fridi und das ganz voll Ruß steckende Ofenrohr stürzten in das Bett. Eine schwarze Wolke erfüllte die Stube.

Diesem Attentate gegen seine Leistungsfähigkeit vermochte das Bett nicht zu widerstehen. Es krachte auseinander.

Der alte Sepp hatte, um besser athmen zu können, sich ganz bis hinüber an die Wand geschoben, von welcher das Bett etwa eine Viertelelle abstand. Daher kam es, daß er von dem gewaltsamen Zusammenbruche seines Betthimmels nicht so sehr betroffen wurde, als man hätte denken sollen. Während die beiden Andern sich schreiend und schimpfend zwischen den Trümmern der Lagerstatt herumwälzten und sich vergeblich bemühten, auf die Füße zu kommen, schleuderte er Alles, was auf ihm lag, von sich und auf sie, sprang auf und warf einen Blick auf die Scene.

Einer augenblicklichen Eingebung folgend und ohne einen Laut von sich zu geben, ergriff er den Windofen, hob ihn auf und legte ihn auf den obersten Punkt des eingebrochenen Bettes. Der Ofen rollte tiefer über die Beiden hinweg und entledigte sich dabei seines ganzen Inhaltes an Ruß und Asche.

Das ging natürlich nicht ohne Stöße und Quetschungen ab. Der Hausmeister fluchte wie ein Landsknecht, und Milka schrie, zeterte und kreischte, als ob sie gepfählt worden sei. Beide konnten, da das Zimmer ganz mit Ruß- und Aschenwolken erfüllt war, den alten Sepp nicht sehen. Ihr Geschrei wurde gehört. Schritte nahten. Die Thür wurde aufgerissen. Die ganze Dienerschaft kam herbei. Die Leute blieben vor der offenen Thür stehen.


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»Um Himmelswillen, was ist hier los?« fragte die Zofe, und die Andern riefen ähnliche Fragen durcheinander.

»Was soll los sein!« antwortete Sepp mit lauter Stimme.

»Milka Radovec und Fridi Hollaniz sind hier als ewig Verlobte selig vereint!«

Diese Worte bewirkten, was alle Anstrengung bisher nicht zu Stande gebracht hatte: Der süße Fridi kam auf die Beine. Er turnte sich aus dem Wirrwarr heraus und rief:

»Wer war das? Wer hat da gesprochen?«

Durch die offene Thür hatte sich ein Theil der Rußwolke verzogen. Man konnte nun doch die einzelnen Gestalten erkennen.

»Ich bins, der da sprochen hat,« antwortete der Sepp.

»Wer? Der muß gelauscht haben. Den Kerl muß ich mir betrachten.«

Er wollte näher kommen, stürzte über ein Bettbret, verwickelte sich dabei in die Gewichtsschnuren der alten Wanduhr, welche in der Schlafstube hing, riß diese so herab, daß sie seiner Milka an den Kopf flog, raffte sich aber doch glücklich auf.

Milka heulte förmlich wie ein Wölfin oder vielmehr wie ein verblasenes Klappenhorn. Fridi brüllte vor Wuth, die Andern lachten, schrieen und jubelten aus vollen Kehlen, als sie nun erst sahen, um welche Personen es sich hier handele.

Der Hausmeister ergriff den Sepp beim Kragen und schrie:

»Du bists, Du! Der Wurzelsepp! Was hast Du hier zu suchen!«

»Ganz dasselbige, was die Dicke da allhier zu suchen hat. Warum zerrst denn die Uhr herab? Kannsts wohl sonst nicht derkennen, wieviel es schlagen hat?«

»Ich kann es schon erkennen, und auch Du wirst gleich sehen, wieviel es schlägt. Da, Eins - Zwei - Dr - - -!«

Er holte aus und schlug auf den Alten ein, hatte sich aber in ihm verrechnet. Beim zweiten Hiebe schon hatte Sepp ihn am Halse gefaßte und gab ihm Maulschellen.

»Drei - vier - sechs - acht - zwölf! So viel hats schlagen! Und wanns noch mehr schlagen soll, so kannsts auch haben, Du Hallodrio! Da, setz Dich wiederum eini in den Sallaten, dent Dir einbrockt hast! Wünsch feine Mahlzeiten.«

Er gab ihm einen Stoß, daß er wieder auf die Matratze zu sitzen kam.

»So!« rief er weiter. »Das habt Ihr von Eurem vielen Schmatzen! Da wird man vor Liebe dumm und vor Zärtlichkeit blind und geht endlich gar noch mit dem Windofen zu Bett. Nein, so was hab ich auch noch nicht derlebt! Und das will ein Hausmeistern sein!«

»Hund!« schrie der Genannte, sich wieder erhebend. »Ich frage, wann Du hereingekommen bist!«

»Viel eher noch als Du!«

»Ach! Welche Frechheit! Weshalb - - -?«

Er hielt inne. Er bemerkte jetzt den Hut, den Stock und den Rucksack des Alten, welche noch unter den Trümmern lagen.

»Er - hat - -« fuhr er fort - »hier unter dem Bette gesteckt!«


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Da kreischte die Köchin vor Scham laut auf, that trotz ihrer Korpulenz einige Sprünge nach der Thür zu, warf die ihr im Wege Stehenden rechts und links zur Seite und entfloh.

Es ist nicht zu beschreiben, welch einen Anblick sie bot. Nicht besser sah der Hausmeister aus, und auch der Sepp sah einem Essenkehrer ähnlicher als einem Zuckerbäcker. Beide standen sich drohend gegenüber. Der Hausmeister schenkte jetzt dem Zustande seines Schlafzimmers und den andern Anwesenden keine Aufmerksamkeit. Er hatte es zunächst mit dem Sepp zu thun.

»Also unter meinem Bette hast Du gesteckt!« rief er keuchend. »Gestehst Du das ein?«

»Warum nicht?«

»Was hast Du darunter zu suchen?«

»Ich ging darunter, um Euch aufzulesen, wann Ihr zusammenstürzen thätet. Ich habs halt gar gut mit Euch meint.«

»Und vergriffen hast Du Dich an mir, an dem Bewohner dieses Zimmers. Das muß bestraft werden. Du hast bereits eingestanden, daß Du Dich vor mir hier einschlichen hast. Weshalb, he?«

»Ich hab halt mit Dir sprechen wollt.«

»Unterm Bette?«

»Auch da, wanns Dir dort passen thut!«

»Hört Ihrs, Ihr Leute! Dieser Kerl hat sich in meine Wohnung eingeschlichen während meiner Abwesenheit und sich da unter das Bette gesteckt. In welcher Absicht hat er das gethan? Stehlen hat er wollen, der Lump! Er hat das ganze Unheil angerichtet. Er muß sofort ausgesucht werden, damit wir erfahren, was er gestohlen hat. Laßt ihn nicht entkommen!«

Um dieser letzteren Aufforderung den gehörigen Nachdruck zu geben, stellte er sich selbst an die Thür, damit der alte Sepp sich ja nicht entfernen könne. Dieser aber lachte laut auf und sagte:

»Was soll ich sein? Ein Spitzbub soll ich sein? Stohlen soll ich haben? Was wirds hier bei Dir zu stehlen geben? Höchstens ein Paar zerrissene Strümpfen, ein altwaschenes blaues Schnupftucherl für zehn Kreuzern und ein Paar Körbe voll Aschen und Ofenruß. Wer sich dadran bereichern wollt, der müßt grad so ein dummer Kerlen sein wie Du selberst bist!«

»Hört Ihr es, wie er mich noch dazu beleidigt!« rief der Hausmeister. »Nazi, jetzt läufst Du so schnell wie möglich hinunter in die Stadt und holst die Polizei herbei! Er muß arretirt werden.«

Diese letzten Worte galten dem Pferdejungen, welcher sich mit unter den herbeigeeilten Neugierigen befand. Er gehorchte dem Befehle des Hausmeisters, welcher ja sein Vorgesetzter war, und eilte schnell davon.

»Jetzt springt er nach dera Polizeien!« lachte Sepp. »Na, das wird eine gar schöne Geschichten werden, wanns mich nachhero verarretiren. Da werd ich ein paar Jahren brummen dürfen bei Wasser und Brod, weil ich hier einibrochen bin und beim Diebstahl derwischt worden.«

»Lach nur!« antwortete der Hausmeister. »Später wird Dir die Lustig-


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keit schon vergehen. Ich bin vollkommen überzeugt, daß Du hier gestohlen hast und daß Du sogar mit dem gestrigen Spitzbuben verbündet bist.«

»So! Mit dem Herrn Hermann Arthur Willibold Keilberg? Das ist sehr gut! Das kann mich gefreun, daßt so ein gar kluger und gescheidter Criminalisten bist. Wann es so fort geht, werd ich bald gar noch ein berühmter Räuberhauptmann sein.«

»Das ist Alles möglich. Als Stromer und Landstreicher bist Du ja bereits bekannt.«

Da aber machte der Sepp ein sehr ernsthaftes Gesicht, trat einen Schritt auf ihn zu und sagte:

»Hör mal, Hausmeistern, mich zu verschimpfiren, ohne daßt auch dazu die Beweisen hast, das duld ich nicht. Wannst noch so ein Wörtle sagst, da lang ich Dir eine Ohrfeigen ins Gesicht, daßt denken sollst, Du hast drei Schock Igel verschluckt! Wann Einer selberst ein Spitzbub ist, so soll er sich wohl hüten, einen ehrlichen Kerlen zu beleidigen.«

»So! Wer ist denn ein Spitzbube? Etwa ich?«

»Ja, Du!«

»Ah! Kannst Du das beweisen?«

»Sehr leicht und sehr gut. Ich brauch dazu nur den Mund aufzumachen.«

»Nun, so thue es doch!«

»Jetzund fallt mir das gar nicht ein. Alles hat seine Zeit. Wart nur, bis die Polizeien kommt. Der werd ich den Beweis geben, aberst nicht Dir. Dann wird es sich auch finden, wer von uns Beiden Derjenige ist, welcher verarretirt werden muß.«

»Du wirst es sein, Du und kein Anderer. Ueberhaupt habe ich mit Dir nicht Brüderschaft gemacht. Ich verbitte mir also das Du! Verstanden!«

»So, das verbittest Dir also! Aber mich willst doch Du nennen? Schau, das gefallt mir gar sehr von Dir. Dera Mensch muß stolz sein auf Das, was er ist. Aber kannst mir vielleichten sagen, auf wast stolz sein willst?«

»Ich bin Hausmeister.«

»Hausmeister! Das ist freilich was gar sehr Großes. Ich werd Dich wohl beinahe Excellenzen nennen sollen. Hier in Deiner Kammer siehts auch ganz genau so aus wie bei einer Excellenzen. Da möcht man schon gar gleich die Pestillenz bekommen. Wanns nur die Leutln, welche da stehen, wüßten, wie das Alles zugangen ist. Es ist gar fein gewest. Ich werds ihnen verzählen.«

»Nichts hast Du zu erzählen! Das Maul hast Du zu halten! Du bist jetzt mein Gefangener und hast zu schweigen.«

»Ach so! Dein Gefangener bin ich! Nun möcht ich nur wissen, inwiefern. Wann ich nicht freiwillig hier bleiben will, so gehe ich fort, und ich will Denjenigen sehen, der mich festhalten wollt.«

»Ich, ich halte Dich!«

Er nahm eine drohende Stellung an. Der alte Sepp aber trat furchtlos auf ihn zu und sagte:


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»Wirst Du mir gleich Platz machen, Du Leimpinsel Du, oder soll ich Dir da den Ofen um den Kopf schlagen, daßt denkst, es giebt ein Erdbeben in den Wolken! Kannsts sogleich bekommen.«

Er ergriff den kleinen, eisernen Windofen, welcher noch immer auf dem zusammengebrochenen Bette lag, hob ihn mit beiden Händen empor und that so, als ob er ihn dem Hausmeister an den Kopf werfen wolle. Der Genannte aber duckte sich sofort ängstlich nieder und huschte zur Seite, um nicht getroffen zu werden.

»Da sieht man den Muth!« höhnte der Sepp. »Kaum sagt man ein Wort, so verkriecht er sich. Und Dem sein Gefangener soll ich sein! Ich werd gleich mal außi spazieren. Paßt auf, Leutln, ob er mich festhalten mag!«

Er warf den Ofen in die Ecke, daß es krachte, und ging zur Thür hinaus.

»Haltet ihn doch auf!« schrie der Hausmeister.

Aber je lauter er schrie, desto weniger getraute er sich doch selbst an den alten, kampfeslustigen Mann. Und auch die Andern waren zur Seite getreten, um dem Sepp Platz zu machen. Dieser blieb draußen stehen, lachte lustig auf und sagte:

»So, da habt Ihrs, was dera Kerl für ein gar großer Held ist. Aberst Ihr braucht halt gar keine Sorg zu haben. Ich thu Euch und ihm nicht ausreißen. Jetzund werd ich meinen Hut, meinen Stock und gar auch noch den Schnappsack hier im Stich lassen, um zu fliehen, wo mir doch kein Mensch was anhaben kann. Das fallt mir schon gar nicht ein. Aber reine machen muß ich mir den Sack und mich auch. Ich werd ihn ausschütteln und hernacherst in die Küchen gehen, um mir den Ruß und die Asch aus dem Gesicht zu waschen.«

Er holte sich die drei genannten Gegenstände und ging vor das Portal, um den Sack, den Hut und seine alte Lodenjacke auszuschütteln. Sodann begab er sich nach der Küche, indessen die Andern sich das Begebniß von dem Hausmeister erzählen ließen.

Er that dies natürlich nach seiner Weise, so daß er nicht blamirt war. Mit der Wahrheit wurde es dabei natürlich ganz und gar nicht genau genommen.

Der Sepp hatte die Küche leer gefunden. Er goß sich Wasser in ein Waschbecken, suchte sich ein Stück Seife und begann sodann, sich das Gesicht gehörig abzurumpeln.

Er war noch bei dieser Beschäftigung, als die dicke Köchin zurückkam. Sie hatte sich in ihrer Kammer von den Spuren des Schiffbruches gereinigt. Als sie den Sepp erblickte, fuhr sie zornig auf ihn zu und schrie ihn an:

»Was machst Du denn da! Gehörst Du etwa hierher in die Küche!«

»Und gehörst Du etwa in die Schlafstuben des Hausmeisters?« antwortete er ihr. »Ein Jeder geht mal dorthin, wo er nicht hin gehört. Darum kannst mich hier lassen. Ich will mir nur den Ruß ein Wengerl herabwaschen.«

»Das kannst Du auch wo anders thun. In der Küche ist mein Platz, aber nicht der Deinige. Hinaus mit Dir!«

In ihrem Zorne wagte sie es, ihn am Arme anzufassen. Da aber kam


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sie an den Richtigen. Er ergriff das Waschbecken und schleuderte ihr das ganze in demselben befindliche Wasser ins Gesicht.

Sie schrie und kreischte laut auf.

»Herrjesses!« rief er in sehr gut gespielter Bestürzung. »Was ist denn das? Hier hats wahrhaftig einen ganz richtigen Wolkenbruch geben. Reiß aus, Dicke, sonst kommt gleich noch einer!«

Er ergriff eine volle Wasserkanne und schwenkte sie gegen die Köchin. Diese aber wartete den zweiten Guß nicht ab, sondern fuhr wie aus einer Pistole geschossen zur Thür hinaus.

Draußen rannte sie an den Kammerdiener. Man hatte ihren Schrei gehört, und Alle kamen herbei geeilt, um nach der Ursache desselben zu sehen. Da sie mit aller Gewalt an den Kammerdiener stieß, so wurde dieser gegen die Zofe geschleudert. Diese rannte rückwärts an den Hausmeister, welchen sie umriß. Beide fuhren dabei an den Lakai. Dieser machte einen gewaltigen Satz zur Seite und sprang an den Stallburschen, welcher soeben mit zwei Polizisten kam und sehr schnell die Freitreppe heraufgesprungen war. So rannte Eines das Andere über den Haufen. Alle schrieen und zeterten, fluchten und kreischten so laut wie möglich. Und der Sepp stand unter der Küchenthür, mit der Wasserkanne in der Hand, triefenden Haares und das Gesicht noch vom Waschen her voller Seifenschaum und lachte, wie er in seinem ganzen Leben noch nicht gelacht hatte.

Die Polizisten wußten nicht, woran sie waren. Sie eilten die Stufen herauf, und Einer fragte:

»Um Gotteswillen, was ist denn hier los? Was geht hier vor?«

»Kegelschieben giebts hier,« antwortete Sepp. »Da liegen sie halt, alle Neun. Dera Herr Hausmeister Excellenzen als König mitten unter ihnen.«

»Wer hat das angerichtet?«

»Die dicke Muschel da, welche am meisten schreit. Sie hat Alle über den Haufen rannt. O Jerum Je, ist das ein Gaudium und eine Passion! Ich könnt vor Vergnügen und Pläsir gleich Seiltänzer werden. Steht doch aufi, Ihr Hallodrians! Was sollen denn die Herren Schandarmen von Euch denken. In einer solchen Stellung darf man sich doch nicht von dera Polizeien sehen lassen!«

Jetzt wickelte sich der Knäuel auseinander. Der Hausmeister und die Köchin konnten sich vor Zorn nicht beherrschen. Die Andern nahmen die Sache von der lustigen Seite und lachten mit.

»Gut, daß Sie kommen!« rief der Erstere. »Dem Kerl muß das Handwerk gründlich gelegt werden!«

»Welchem Kerl?« fragte der Polizist.

»Dem da,« antwortete er, auf den Sepp zeigend. »Wegen ihm habe ich Sie holen lassen.«

»Das sagte Ihr Stallbursche. Aber das ist ja der Wurzelsepp. Was soll der denn gethan haben?«

»Gestohlen hat er!«


// 1742 //

»Was? Gestohlen? Der? Das glaube ich auf keinen Fall.«

»Und doch! Eingebrochen ist er bei mir.«

»So! Ist das wahr, Sepp?«

»Nein, es ist eine Lügen,« antwortete der Alte. »Einbrochen soll ich sein? Nein, sondern er selbst ist einbrochen mit dera Dicken hier, im Bett, daß Alles kracht hat und zerbrochen ist. Er ists gewest, nicht ich.«

»Hallunke! Willst Du Dich etwa noch über uns lustig machen!« schrie der Hausmeister.

»Jetzund ist die Polizeien da. Da hat er Muth bekommen. Aberst ich werd ihm dennoch den Ofen ins Gesicht werfen, wann er mich nochmal einen Hallunken nennt. Das brauch ich mir nicht von ihm gefallen zu lassen.«

»Bitte, Sepp,« meinte der Polizist in begütigendem Tone. »Mit Oefens wollen wir doch nicht hier herumwerfen. Also, Herr Hausmeister, sagen Sie zunächst, was hier geschehen ist.«

»Das sollen Sie gleich erfahren. Kommen Sie nur mit nach meiner Loge. Da werden Sie Ihr blaues Wunder sehen.«

»Na, blau ists nicht, sondern schwarz vom Ruß und grau von dera Aschen,« fiel der Sepp ein. »Ja, gehens nur mit. Die Erklärung wird dann folgen. Was dera Eine nicht weiß, das weiß dera Andere.«

Sie gingen nach der Hausmeisterloge hinüber. Die Köchin wollte aus naheliegenden Gründen sich unsichtbar machen; aber der Sepp ergriff sie beim Kleide und sagte:

»Halt, Muschel! Du gehst auch mit. Grad Deine Aussag ist von großer Wichtigkeit dabei.«

Er zog sie mit sich fort, und als sie sich losreißen wollte, faßte er sie von hinten und schob sie kräftig vor sich her.

Die Polizisten wunderten sich nicht wenig, als sie die Zerstörung bemerkten, welche im Schlafzimmer vor sich gegangen war. Der Eine von ihnen, welcher das Wort führte, sagte kopfschüttelnd:

»Das siehst ja grad so aus, als ob hier ein Erdbeben stattgefunden hätte. Wie ist denn das geschehen?«

»Ja, gebebt hat es,« meinte der Sepp. »Dera Herr excellenzige Hausmeistern wird es Ihnen verzählen.«

»Schön! Also sprechen Sie!«

Diese Aufforderung erging an den Hausmeister, und dieser kam ihr folgendermaßen nach:

»Ich war draußen im Garten, um nach den Blumen zu sehen. Das gnädige Fräulein ist verreist, und ich wollte dafür sorgen, daß sie einen Strauß erhält, wenn sie heute Abend zurückkehrt. Sie liebt das sehr. Als ich wieder herein kam, traf ich die Köchin, und da ich in Beziehung auf ein Küchenarrangement mit ihr zu sprechen hatte, so forderte ich sie auf, mit in meine Loge zu kommen. Ich hatte ein Papier da aus dieser Stube zu holen. Sie trat mit herein. Da bemerkten wir, daß ein Kerl sich unter das Bett versteckt hatte. Ich befahl ihm, heraus zu kommen, und da er nicht gehorchte,


// 1743 //

zog ich ihn mit Gewalt hervor. Dabei entstand, da er sich aus Leibeskräften wehrte, ein sehr ernsthaftes Ringen. Der Kerl warf mir sogar den Ofen um. Ich bewältigte ihn schließlich, indem es mir gelang, ihn auf das Bett zu werfen. Dabei riß er aber mich und auch die Köchin, welche vor Schreck ganz starr war, so daß sie das Fliehen vergaß, mit sich nieder. Das Bett war alt. Es konnte der Last nicht widerstehen und brach zusammen. Dabei entstand natürlich ein Lärm, welcher fast alle Bewohner des Schlosses herbei rief.«

»So! Und wer war denn dieser Kerl?«

»Hier, der sogenannte Wurzelsepp.«

»Was! Wirklich?«

»Ja. Er kann es gar nicht leugnen. Sämmtliche Leute haben ihn hier mit erwischt.«

»Sepp ist das wahr?«

»Ja,« nickte der Alte sehr ernsthaft. »Derwischt bin ich worden.«

»Du hast wirklich unter dem Bette gesteckt?«

»Ja. Schöner freilich wärs gewest, wann das Bett unter mir gelegen hätte.«

»So hast Du Dich hier eingeschlichen?«

»Ja, ganz heimlich.«

»Sepp, Sepp! Wer hätte Dir so Etwas zugetraut! Du bist doch allüberall als ein höchst grundehrlicher Kerl bekannt.«

»Ja, fast hätt ichs mir selber auch nicht zugetraut. Da habens schon Recht.«

»Weshalb hast Du Dich denn eigentlich hier hereingeschlichen?«

»Natürlich nur, um zu stehlen!« fiel der Hausmeister ein.

»Das kann ich nicht glauben,« meinte der Polizeibeamte.

»Ich bitte Sie, ihn auszusuchen!«

»Das ist nicht nöthig!« sagte der Alte. »Ich gestehe die Wahrheit ganz freiwillig.«

»Nun, also, wenn das ist, Sepp, so sage uns, was Du hier beabsichtigt hast!«

»Dera Excellenzen Herr Hausmeistern hat ganz Recht. Mausen hab ich wollt.«

»Donnerwetter, Sepp, ich werde ganz an Dir irre!«

»Ich auch selberst.«

»Was hast Du denn stehlen wollen?«

»Das sag ich freilich nicht.«

»So muß ich Dich aussuchen.«

»Das laß ich mir nicht gefallen.«

»Willst Du Dich etwa wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt bestrafen lassen?«

»Nein, bestrafen lasse ich mich nicht. Da wehre ich mich meiner Haut.«

»Mann, Du wirst mir wirklich ganz und gar unbegreiflich. Du hast versucht, zu stehlen! Wer hätte das gedacht!«


// 1744 //

»Versucht? O nein. Ich habs nicht blos versucht, sondern ich habs auch wirklich than.«

»Was! Es ist nicht nur beim Versuch geblieben? Du hast die That auch wirklich ausgeführt?«

»Ja.«

»Und Dich dabei ergreifen lassen!«

»Es ging halt nicht anderst. Eben als ich fertig war, da kam dera Excellenzen hier mit dera dicken Muschel, und ich hatt grad noch Zeit, unters Bett zu kriechen.«

»Und was hast Du denn gestohlen?«

»Ich habs bereits sagt, daß ich das jetzunder noch nicht sagen werd.«

»So muß ich Dich arretiren.«

»Das duld ich nicht.«

»Im Gefängnisse wird man Dich aussuchen und das Object des Diebstahls, das corpus delicti bei Dir finden.«

»Ich hab kein Object und auch keinen Korbus infecti. Ich zeig nix her und laß mich auch nicht verarretiren.«

»So wenden wir Gewalt an. Wir fesseln Dich, und Deine Strafe wird wegen Deines Widerstandes eine härtere.«

»Ich laß mich aberst nicht fesseln und leiste auch keinen Widerstand.«

Der Polizist sah dem Alten ganz erstaunt in das Gesicht. Er sagte:

»Sepp, Du weißt doch jedenfalls gar nicht, was Du sprichst?«

»O, ich weiß es ganz genau.«

»Du willst keinen Widerstand leisten und Dich auch nicht fesseln lassen. Das ist doch der offenbare Widerspruch.«

»Nein, es ist kein Widerspruch. Kommens doch mal mit nander her zum Fenstern. Da will ich Ihnen mal was zeigen, was die Andern nicht zu sehen brauchen!«

Er trat zum Fenster, und die Polizisten folgten ihm. Er stellte sich so, daß nur sie sehen konnten, was er that. Er zog einen runden, blinkenden Gegenstand aus der Westentasche und zeigte ihnen denselben.

Beide machten ganz erstaunte Gesichter. Der Eine flüsterte ihm zu:

»Sepp, ists möglich? Eine Legitimationsmedaille. Bist Du Geheimpolizist?«

»Auch!«

»Oder bist Du durch Zufall zu dieser Marke gekommen? Hast Du sie vielleicht irgendwo gefunden?«

»Fallt mir nicht eini! Da hätt ich sie doch abgeben mußt.«

»Aber weißt Du, wir sind nicht gehalten, es Dir zu glauben.«

»Das weiß ich freilich gar wohl. Es ist mir auch bereits passirt, daß man es mir nicht hat glauben wollt. Aberst da hab ich noch was ganz Anderes als Legitimation!«

Er zog seine alte Brieftasche hervor und gab ein zusammengebrochenes Document hin, welches die kurzen Worte enthielt:


// 1745 //

»Inhaber dieses, der Handelsmann Josef Brendel, genannt der Wurzelsepp, befindet sich rechtmäßiger Weise im Besitze der von ihm gelegentlich vorgezeigten Detective-Medaille, und sind alle Behörden des In- und Auslandes hiermit gebeten, ihm in seinen amtlichen Bemühungen den gewünschten Vorschub zu leisten.«

Unter diesen Zeilen folgte das Datum und die Unterschrift nebst Stempel einer so hohen Behörde, daß die beiden Polizisten Augen machten, wie sie solche wohl nur äußerst selten gezeigt hatten.

»Nun?« lachte der Sepp. »Glaubt Ihr es mir jetzunder?«

»Ja, nun sind wir freilich in völligster Gewißheit.«

»Schauts, daß ich keine Angst zu haben braucht hab! Wollt Ihr mich auch jetzt noch verarretiren?«

»Nein. Davon kann keine Rede mehr sein.«

»Oder mich fesseln?«

»Vollends gar nicht.«

»Nun, so werdet Ihr mich wenigstens doch durchsuchen wollen?«

»Das ist uns auch verboten.«

»Nun, weil Ihr jetzunder einen so großen Verstand zeigen thut, so will auch ich Euch eine Gefälligkeiten derweisen. Ihr seid halt kommen, um Einen zu verarretiren. Mich bekommt Ihr nicht; aberst damit Ihr Euch den Weg nicht umsonst macht habt, so sollt Ihr einen Andern ins Gefängniß schaffen. Nehmt Euch also Den da mit!«

Er zeigte auf den Hausmeister. Der letzte Theil der Unterhaltung war wieder laut geführt worden, so daß die Andern Alles gehört hatten.

Der Hausmeister stieß einen Ruf des Zornes aus und sagte:

»Was? Ich soll arretirt werden? Ich, der ich jedenfalls der Bestohlene bin!«

»Ja, Du!« antwortete der Sepp. »Du bist dera Bestohlene aberst auch dera Spitzbub.«

»Beweise das, Kerl!«

»Höre, wannst mich noch einmal einen Kerlen nennst, so streichle ich Dir die Backen, daßt denken sollst, Du bist zwischen ein paar Windmühlenflügel gerathen. Du hast gemaust, so lange Du lebst. Und erst heut wieder hast stohlen.«

»Was denn, he?«

»Das wird sich finden. Aberst Du bist nicht nur ein Dieb, sondern ein Fälscher und ein Mörder.«

»Himmeldonnerwetter! Wer kann so eine Schlechtigkeit behaupten?«

»Ich, dera Wurzelsepp.«

»Beweise es.«

»Nun, hast etwa nicht die Handschrift des Herrn von Sandau nachgemacht?«

Der Hausmeister erschrak so, daß er für den Augenblick keine Antwort fand. Der Sepp fuhr fort:


// 1746 //

»Hast nicht auch das Testament gefälscht und das richtige dera alten Tante stohlen, he?«

Jetzt stieß der Angeschuldigte in erkünsteltem Zorne hervor:

»Alle Teufel! Ich glaube, Du bist verrückt geworden!«

Aber der Sepp blieb unbeirrt. Er fragte weiter:

»Hast nicht auch die Loose gefälscht, so daß dera Herr von Schöne sich hat wegen des amerikanischen Duelles tödten müssen?«

»Ich weiß kein Wort davon!«

»So! Und hast nicht auch mit dem Beile die Stufen halb weggehauen, so daß dera Herr von Selbmann vom Fels herabstürzt ist in den Abgrund?«

»Ich verstehe Dich ja gar nicht.«

»So! Da kennst wohl auch dieses Papier nicht, welches Du einen Revers nannt hast?«

Er zog das betreffende Schreiben des Barones hervor und zeigte es ihm, aber nur von Weitem. Der Hausmeister that einen schnellen Sprung vorwärts, um es ihm zu entreißen; aber der schlaue Alte war vorsichtig. Er wich zurück und gab ihm mit der freien Hand einen Stoß, daß er an die Wand taumelte.

»Nun, was sagst jetzt dazu?« fragte er.

»Daß Du ein Dieb bist. Du hast mir dieses Papier gestohlen!«

»Ja, ich habs stohlen, und zwar aus dem Bonapartenhut. Willsts wieder haben?«

»Ja. Ich muß es wieder bekommen, und zwar augenblicklich. Es ist mein Eigenthum!«

»Jetzunder ists das meinige Eigenthum, mein lieber Excellenz! Da mag dera Richter mal hineini blicken, um zu sehen, wast für ein sauberer Patron bist.«

»Wer soll es sehen? Der Richter? Niemand darf es sehen. Es ist mein Privateigenthum. Also her damit!«

Er trat wieder auf Sepp zu und streckte die Hand aus, um es ihm zu entreißen. Der Alte aber steckte es schnell in die Tasche und sagte:

»Weißt, so ein Eigenthum kann zuweilen dem Besitzer gefährlich werden. Du wolltest den Baron damit in Schaden bringen. Nun aber richtet sich das Messer, welches Du bereits scharf schliffen hattest, gegen Dich selberst.«

»Wer sagt, daß ich ihn habe in Schaden bringen wollen?«

»Ich sag es, und was ich sag, das weiß ich auch.«

»Das ist eine Lüge!«

»Hör mal, wannst von Lügen redest, so fang nur bei Dir selberst an! Du bists, der die Unwahrheit sagt hat. Deine ganze Verzählung vorhin war falsch. Du hast denen Herren Polizisten vorhin ein ganze Reihe von Lügen hersagt.«

»Oho! Ich habe die Wahrheit gesprochen.«

»So! Bist also wirklich im Garten gewest, um Blumen zu holen?«

»Ja.«

»Wo hast sie denn? Zeigs doch mal her!«


// 1747 //

Der Gefragte schwieg; darum fuhr der alte Sepp fort:

»Und woher willst denn wissen, daß das gnädige Fräulein heut Abend wieder zurückkommt?«

»Sie selbst hat es gesagt.«

»Ach so! Sie kann aberst doch gar nicht wieder da sein heut Abend, da sie erst ganz spät am Nachmittage hinkommt. Das weiß sie ganz genau. Du hast also Lügen macht. Und auch das ist nicht wahr, daßt die dicke Köchin troffen haben willst, als Du aus dem Garten zurückkommen bist.«

»O ja! Das ist wahr!«

»So! Hast sie nicht bereits draußen im Garten troffen?«

»Nein.«

»Hast nicht mit ihr in dera Lauben sessen und sie schmatzt und umärmelt?«

»Nein.«

»Auch nicht mit nander gessen habt Ihr draußen im Garten?«

»Ist uns nicht eingefallen.«

Der Hausmeister konnte trotz dieser Versicherung seine Verlegenheit nicht verbergen.

»Und auch nicht Schampagner habt Ihr da trunken?«

»Nein.«

»Vier volle Flaschen?«

»Wo sollen wir den Champagner her haben?«

»Gemaust hast ihn aus dem Keller!«

»Ich kann ja gar nicht in den Keller!«

»Hasts aber doch dera Köchin sagt, daßt ihn stohlen hast und daßt den Schlüssel wegsteckt hast!«

»Das ist eine Lüge!«

»So! Werden gleich mal sehen.«

Und sich an die Köchin wendend, sagte er in strengstem Tone:

»Höre, als Ihr in dera Lauben sessen habt und von Eurer Hochzeit sprochen, hab ich hinter derselbigen im Grase sessen und Alles sehen und hört, was Ihr macht habt. Wannst Lügen machst, so laß ich Dich sofort verarretiren. Wannsts aber einstehest, so kannst noch gut wegkommen. Also sag, habt Ihr Schampagner trunken?«

»Nein.«

»Gut! So wirst mit einisteckt, und da könnt Ihr Eure Hochzeit im Gefängniß halten. Du bist selberst schuld daran. Und nun sag mal, Herr Hausmeister Excellenzen, was Ihr das draußen mit nander sprochen habt? Ists nicht von dem Revers gewest, den ich einistecken hab?«

»Nein.«

»Und von dem, was früher geschehen ist? Daßt gar so schöne Schriften nachmalen kannst?«

»Auch nicht.«

»Nun, wannst jetzt nichts sagst, so wollen wir Dich später schon zum


// 1748 //

Geständniß bringen. Vorhin hast mich visitiren lassen wollt. Jetzt nun laß ich Dich aussuchen. Die Herren Polizisten mögen mal in Deine Taschen greifen, ob darinnen dera Kellerschlüssel steckt.«

Der Hausmeister wollte sich das nicht gefallen lassen; aber er wurde gezwungen. Er hatte den Schlüssel einstecken. Dann wurde in der Laube nachgesucht. Die vier leeren Weinflaschen standen noch draußen unter der Bank. Er konnte nicht mehr leugnen.

»So, jetzt werdet Ihr verarretirt,« sagte der Sepp.

»Oho!« rief der Weindieb. »Hast Du etwa darüber zu bestimmen?«

»Jawohl!«

»Ich habe Champagner getrunken, ja; aber er gehörte mir!«

»Das wirst im Gericht nachweisen müssen. Vielleicht bekommst dort auch die zwanzigtausend Gulden, welche Deine dicke Braut zur Hochzeit haben wollt. Sie will die Madame spielen, weil sie den schönen Namen und auch die Gestalt dazu hat. Ja! Aberst das Geschick fehlt ihr dazu. Sie weiß ja nicht mal, was es zu bedeuten hat, wann ein Nieserich unter ihrem Bette losgelassen wird. Schafft die Beiden fort!«

Diese Aufforderung war an die Polizisten gerichtet, welche dann auch wenig Federlesens machten und die Brautleute bedeuteten, ihnen sofort zu folgen.

Beide erkannten nun, daß ihr eigener Spieß gegen sie selbst gerichtet worden war. Die Köchin begann zu heulen und machte dem Hausmeister die bittersten Vorwürfe.

»Das hab ich davon, daß ich Dir getraut habe!« sagte sie. »Jetzt soll ich Deinetwegen arretirt werden. Du wärst ein Mann für mich! Ich sage mich von Dir los!«

Er starrte finster vor sich hin und richtete sich dann an die Polizisten:

»Ich verlange, ehe ich mitgehe, das Papier heraus, welches der Sepp mir gestohlen hat.«

»Stohlen ists nicht worden, sondern nur confiscirt,« antwortete ihm der Sepp. »Du wirsts später schon wieder zu sehen bekommen.«

»Es kann mir nichts schaden. Die Sache ist längst verjährt!«

»Das mag untersucht werden.«

»Aber ich brauche mich wegen einer verjährten Angelegenheit nicht arretiren zu lassen!«

»Der Champagner ist noch nicht verjährt. Wegen dem werdet Ihr einisteckt, und das Uebrige wird sich finden. Also schafft diese Beiden fort. Ich werde selberst auf das Gericht kommen und sagen, was ich zu sagen habe. Einstweilen werden sie wegen des gestohlenen Weines gefangen gehalten.«

Die Beiden mochten sich sträuben, wie sie wollten, wie wurden abgeführt. Sie fanden kein Mitleid bei der übrigen Dienerschaft. Besonders der Hausmeister hatte sich keiner Beliebtheit zu erfreuen gehabt.

Der alte Sepp war durch dieses Vorkommniß plötzlich sehr in der Achtung der Leute gestiegen. Er benutzte dies, indem er sie in strengem Tone bedeutete:


// 1749 //

»Jetzund nun ist keine Herrschaft da, und Ihr seid allein. Morgen wird wohl die gnädige Baronessen zurückkehren. Sorgt dafür, daß bis dahin Alles in guter Ordnung bleibt, sonst drehe ich Euch Allen die Hälse um, Ihr Himmelsakkermenter!«

Er stülpte den Hut auf, warf den Rucksack über, ergriff den Stock und ging. Sie lachten ihm ein freundliches Lebewohl zu, denn sie wußten recht gut, daß seine Drohung nicht so gemeint sei, wie sie geklungen hatte.

Sepp wußte recht gut, was er zu thun hatte. Er ging direct vom Schlosse weg zu dem Advocaten des Städtchens, welcher zugleich Notar war. Dort wurde er bedeutet, daß jetzt noch keine Sprechstunde sei.

»Geht mich nix an!« antwortete er. »Ich komm nicht in die Sprechstunde, sondern zum Herrn Advocaten.«

»Der ist noch in seiner Privatwohnung.«

»So! Wo ist denn die?«

»Drüben im andern Zimmer.«

»Na, das ist doch nicht in Amerika! Da kann man ja nübergehen.«

Er wollte fort; aber der Expedient, welcher ihn nicht kannte und in Folge seiner Kleidung für einen halben Lumpen hielt, faßte ihn am Arme und sagte:

»Halt, mein Guter! So schnell geht das nicht. Wer mit dem Herrn Notar sprechen will, der muß angemeldet werden.«

»Das weiß ich auch, und darum will ich mich gleich selberst anmelden.«

»Ists denn gar so nothwendig?«

»Sehr.«

»Sie sehen mir aber gar nicht so aus, als ob es sich um etwas so Wichtiges handle!«

»Ja, und Du schaust auch nicht darnach aus, als ob man mit Dir war Wichtiges bereden könnt. Jetzt gehst also gleich hinüber zum Herrn Notar und sagst demselbigen, daß dera Wurzelsepp da sei, um mit ihm zu sprechen. Sag aber auch, daß ich keine Zeit hab. Und nun lauf schnell, sonst mach ich Dir Dampf in die Beine, daßt pfeifst und puffst wie eine Locomotiven!«

Das war in einem solchen Tone gesprochen, daß der Expedient sich wirklich beeilte. Er ging zu seinem Prinzipale, welcher eben beim Kaffee saß, und meldete:

»Herr Notar, es ist ein Kerl drüben, welcher sich nicht fortweisen läßt. Er sieht wie ein Vagabund aus und sagt, er habe ganz nothwendig mit Ihnen zu sprechen.«

»Wie nennt er sich?«

»Wurzelsepp.«

»Du, der ist kein Vagabund. Für den bin ich zu jeder Zeit, sogar des Nachts zu sprechen. Schicke ihn herüber, ich bin hier allein.«

Jetzt betrachtete der Mann sich den Alten mit ganz andern Augen. Er sagte ihm, daß der Herr ihn erwarte. Als der Sepp dort eintrat, zeigte der Advocat auf einen Stuhl und sagte:


 // 1750 //

»Setze Dich, Sepp! Was bringst Du?«

»Fast hab ich zum Setzen keine Zeit. Ich muß schnell verreisen. Ziehens sich also schleunigst an, Herr Advocaten, denn Sie müssen halt mit.«

»Wohin?«

»Nach Wien.«

»Bist Du des Teufels!«

»Nein, sondern aber Eile hab ich. In drei Viertelstunden geht dera Zug ab.«

»Ich habe aber keine Zeit. Ich bin ungeheuer beschäftigt!«

»Ich auch. Darum passen wir zusammen. Lassen Sie hier Alles liegen. Sie sollen mit nach Wien um als Notar ein Geständniß eines Mörders aufzunehmen, damit es vor Gericht seine Giltigkeit habe.«

»Redest Du im Ernste?«

»Freilich.«

»Kannst Du Dich denn nicht an einen dortigen Notar wenden?«

»Ja, aberst das möcht ich nicht gern, weil es sich um die gnädige Baronesse handelt. Ihr Vater ist nämlich der Mörder.«

Da sprang der Advocat vom Stuhle auf und blickte ihm ungläubig ins Gesicht.

»Ja ja!« nickte Sepp. »Sie ist vorhin fort, um ihm die Strafpredigt zu halten, und ich muß aber auch dabei sein. Darum muß ich gleich mit dem nächsten Zug fort. Die Baronessen hats sich nicht überlegt, daß sie mit ihrem Zuge erst nach Prag muß, und nachhero geht er über Brünn nach Wien. Der nächste Zug aber geht über Pilsen direct nach Wien, und so werden wir noch eher dort sein als sie.«

»Aber, Sepp, ich begreife das nicht. Willst Du mir denn nicht erst die nöthigen Mittheilungen machen?«

»Dazu hab ich halt jetzt keine Zeit, oder vielmehr Sie haben keine. Ziehens sich nur rasch an, damit wir den Zug nicht versäumen. Ich lauf indessen nach dem Bahnhofen und lös die Billetten.«

»Gut! Aber zweiter Classe!«

»Weil ich keinen Frack anhab? Nein, ich nehm erster Classe. Wann ich mit so einem Herrn fahr, wie Sie sind, so laß ich schon gern ein Geldl springen.«

»Weißt Du, wann wir zurückkehren werden? Ich muß mich darnach einrichten.«

»Schon morgen, wie ich hoffe. Nehmens aber Ihren Notariatsstempel mit und was Alles zu einem Protocollen gehört, damit nix versäumt wird. Unterwegs werd ich Ihnen so viel derzählen, daß Sie wissen, um was es sich handelt.«

Er ging fort, um die Billets zu besorgen. Der Rechtsanwalt traf zur rechten Zeit ein, und nun dampften sie ab nach Wien. Der Sepp hatte durch ein gutes Trinkgeld an den Schaffner dafür gesorgt, daß sie das Coupée allein behielten und also ungestört mit einander verhandeln konnten.


// 1751 //

Der Notar erstaunte nicht wenig über das, was er hörte. Als der Sepp mit seinem Berichte zu Ende war, fragte er:

»So! Nun wissens halt Alles, was Sie wissen müssen. Was sagens dazu?«

»Zunächst muß ich sagen, daß ich Dir sehr dankbar bin, daß Du Dich in dieser Angelegenheit an mich gewendet hast. Sie wird mir voraussichtlich von großem Nutzen sein.«

»Das hab ich wußt. Warum sollt ich zu einem Andern gehen? Ich weiß nicht mal, ob ich in Wien Zeit hab, einen Notar zu suchen und zu unterrichten. Und mit Ihnen hab ich bereits zu viel zu thun habt und kenne Sie so genau, daß es am Besten war, mich an Sie zu wenden. Nun sagens aberst auch, was Sie rathen!«

»Hm! Ehe ich einen Rath ertheilen kann, muß ich erst wissen, was die Baronesse eigentlich beabsichtigt.«

»Ja, das weiß ich auch nicht genau. Ich hab mit ihr nicht sprechen konnt, bevor sie abreist ist.«

»Wenigstens müßte man wissen, wie sie über ihren Vater denkt.«

»Sie wird Gerechtigkeit von ihm verlangen.«

»Aber ihn doch schonen.«

»So weit es geht, ohne Andern zu schaden, ja. Meinens, daß dera Baron noch bestraft werden kann?«

»Nein, denn die Verjährung ist eingetreten.«

»Aberst in Haft kann er nommen werden?«

»Ja. Er kann so lange inhaftirt werden, bis die nöthigen Schritte gethan sind, die Unschuld jenes Herrn von Sandau zu beweisen. Dann freilich wird man ihn wieder entlassen müssen.«

»Und worin wird dieser Beweis bestehen?«

»Er wird criminaliter vorgenommen und verhört. Es wird ihm ein Geständniß abgezwungen.«

»Aber wann er nicht gesteht?«

»O, es sind ja zwei Zeugen da, der Hausmeister und jener Keilberg.«

»Vielleicht leugnet er dennoch.«

»So wird das Urtheil aus Indicien gefolgert. Wie die Sachen stehen, muß er unbedingt überführt werden.«

»Hm! Und sodann muß man ihn wieder frei lassen. Ich habe mir denkt, daß es viel besser sei, man nimmt ihn gar nicht gefangen und bringt ihn dazu, freiwillig ein Geständniß abzulegen.«

»Wie wolltest Du das anfangen?«

»Das wird dera Wurzelsepp schon fertig bringen. Da habens nur keine Angst. Sie haben nur dafür zu sorgen, daß Sie gleich da sind, um das Geständniß zu Protocoll zu nehmen und die Wahrheit desselben als Notar zu bescheinigen.«

»Es sollte mich aber wundern, wenn er sich zu einem Geständnisse bewegen ließe.«


// 1752 //

»So! Warum?«

»Selbst wenn er nicht gerichtlich eingezogen wird, muß doch unbedingt Sandau's Unschuld klar gestellt und rehabilitirt werden. Das hat öffentlich zu geschehen. Dadurch aber wird der Baron moralisch und gesellschaftlich todt gemacht.«

»Das hat er verdient und außerdem noch viel mehr. Seine Tochter wird wohl sein Leben schonen wollen, sonst aberst wird sie in vollem Umfange ihre Pflicht thun, ohne darnach zu fragen, ob und daß er ihr Vater ist. Wann wir mit ihr zusammentreffen, werden wir ja hören, was sie beschlossen hat.«

Der alte Wurzelhändler hatte sich doch geirrt, als er gemeint hatte, daß die Baronesse über Prag und Brünn fahren werde. Es war gleich nach ihrer Ankunft in Prag ein Zug der Franz-Josefs-Bahn abgegangen, welchen sie benutzt hatte. Dieser Zug aber traf mit dem Pilsener in Gmund zusammen.

Sepp schaute ganz zufälliger Weise zum Fenster hinaus und sah sie mit der Frau Bürgermeisterin aussteigen. Sofort war er zum Coupée hinaus und eilte auf die Beiden zu.

»Suchens sich halt ein Coupée?« fragte er. »Ich hab bereits eins für Sie.«

»Sepp, Du!« sagte sie staunend. »Was thust Du hier in Gmund?«

»Ich wart auf Sie.«

»Weshalb?«

»Weil ich mit Ihnen zu Ihrem Vatern muß.«

»Du! Wieso?«

»Das werd ich Ihnen sagen. Kommens nur herein in den Wagen, sonst versäumens den Zug. Er geht gleich ab. Sie werden auch noch Einen finden, der mitfahren thut.«

Die beiden Frauen waren über die Anwesenheit des Advocaten ebenso erstaunt wie vorher über diejenige des Sepp. Als der Zug sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, erzählte der Alte, was sich nach Milda's Abreise ereignet hatte, und nun erklärte die Letztere, daß sie ihren Vater nicht schonen könne und nicht schonen wolle. Das Einzige, was sie ihm gewähren könne, sei seine persönliche Freiheit.

Es wurde beschlossen, ohne lange Einleitungen zu handeln und sich vom Bahnhofe weg sogleich zu ihm zu begeben.

Gegen Abend kamen sie in Wien an. Sie nahmen einen Fiaker und fuhren nach der Wohnung des Barons. Die Leute, denen sie begegneten, machten erstaunte Gesichter, als sie den alten Sepp mit zwei feinen Damen und dem sehr anständig gekleideten Advocaten zusammensitzen sahen. Er bemerkte das mit großem Vergnügen. Den alten Hut im Nacken, den Rucksack auf dem Schooße und den Bergstock wie eine Kosakenlanze grad empor haltend, blickte er lustig die Begegnenden an und schnitt ihnen ironische Gesichter.

Als sie den Palast erreichten, zeigte sich der Portier nicht wenig erstaunt, als er das gnädige Fräulein erkannte.


Ende der dreiundsiebzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk