Lieferung 74

Karl May

24. Dezember 1887

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


// 1753 //

»Ist mein Vater daheim?« fragte sie.

»Nein.«

»Wo ist er?«

»Ausgeritten.«

»So kehrt er bald zurück?«

»Ja. Vielleicht in einer halben Stunde.«

»Sie schweigen in jedem Falle über unsere Ankunft. Wir wollen ihn überraschen.«

Denselben Befehl ertheilte sie auch den übrigen dienstbaren Geistern. Dann ließ sie sich ihr Zimmer aufschließen, um dort die Rückkehr ihres Vaters zu erwarten. Sie benutzte die Zwischenzeit, das ihr von ihrer Mutter bezeichnete Gesang- und Gebetbuch zu holen und zu untersuchen. Das Testament wurde gefunden. Sie zeigte es dem Notar, ebenso auch den Brief, welchen ihre Mutter an sie noch vor ihrem Tode geschrieben hatte. Zu derselben Zeit hörte man unten Pferdegetrappel.

»Bitte, gehen Sie schnell in das Nebenzimmer,« bat sie. »Mein Vater soll mich zunächst ganz allein treffen. Lehnen Sie aber die Thür nur an, damit Sie hören, was ich mit ihm verhandle.«

Die Drei entfernten sich. Milda stellte sich wartend an den Eingang. Als sie die sporenklirrenden Schritte des Barons, welcher vorübergehen wollte, hörte, machte sie die Thür auf.

Er prallte bei ihrem Anblicke förmlich zurück.

»Milda, Du hier!« rief er aus.

»Ja, ich hier!«

»Alle Teufel! Warum, wozu?«

»Bitte, einzutreten!«

Er kam herein. Sie machte hinter ihm die Thür zu und schob sogar den Riegel vor. Er bemerkte das.

»Was soll das? Warum riegelst Du uns ein?« fragte er.

»Weil ich nicht überrascht sein will. Wir haben höchst Wichtiges zu besprechen!«

»Ach so! Ich errathe.«

Ein triumphirendes Lächeln flog über sein Gesicht.

»Schwerlich!« antwortete Milda.

»O doch! Du hast doch eingesehen, daß es besser ist, Hand in Hand mit mir zu handeln, und bist gekommen, mir das zu sagen und mich um Verzeihung zu bitten. Freilich hast Du mich in der Weise beleidigt und Dich so gegen den mir schuldigen Gehorsam vergangen, daß es mir jedenfalls große Mühe machen wird, Dir zu verzeihen.«

»Vielleicht finde ich diese Verzeihung nicht einmal.«

»Das ist sehr leicht möglich.«

Er setzte sich auf einen Stuhl, legte die Beine über einander, klopfte sich die Stiefel mit der Reitgerte und fuhr in leichtem Tone fort:


// 1754 //

»Du hast nicht nur mich, sondern auch Andere beleidigt. Das verschlimmert das Uebel.«

»Wen soll ich beleidigt haben?«

»Asta natürlich, die doch Deine beste Freundin war, und den Sänger, die Du Beide ja geradezu aus Steinegg fortgejagt hast. Wenn ich Dir verzeihen soll, so verlange ich vor allen Dingen, daß Du diese Beiden um Entschuldigung bittest.«

»Das werde ich freilich nicht thun.«

Er blickte schnell auf zu ihr.

»Dann kann auch keine Rede davon sein, daß ich Dir verzeihe.«

»Wer sagt denn, daß ich gekommen bin, um Verzeihung zu suchen!«

Sie lehnte am Tische.

Sie hatte sich nicht gesetzt. Sie lehnte am Tische, auf dessen Platte sie sich mit der Hand stützte. Erst jetzt blickte er ihr genauer und forschend in das Gesicht. Ja, das war freilich nicht die Miene einer Büßerin, die ihm da kalt, streng entgegenblickte. Es begann ihm einigermaßen unheimlich zu werden.

»Warum sollst Du denn sonst gekommen sein?« fragte er.

»Um einige Arrangements mit Ihnen zu treffen.«

Er stieß ein kurzes, ärgerliches Lachen aus.

»Ihnen, Ihnen! Mache Dich doch nicht lächerlich! Es ist doch die reine Hanswurstiade, den Vater Sie zu nennen.«

»Das ist richtig; aber ich erkenne Sie, wie ich Ihnen bereits sagte, nicht als meinen Vater an. Sie sind mein Erzeuger, aber nicht mein Vater. Sie sind mir fremder, als der fremdeste Mensch. Darum habe ich weder das Recht noch die Lust, Ihnen das trauliche Du zu ertheilen, welches nur zwischen Verwandten und Freunden am Platze ist.«

Er schielte sie von der Seite an, machte eine ungeduldige Achselbewegung und sagte:

»Ganz wie Du willst! Es kann mir nicht einfallen, mit Dir über Dummheiten zu rechten, welche sonst nur Kinder oder Idioten zu begehen pflegen. Also machen wir die Sache kurz. Weshalb bist Du nach Wien gekommen?«

»Zunächst in einer rein geschäftlichen Angelegenheit.«

»Ah, schön! Ich hoffe, Du hast eingesehen, daß ein Vater mehr Rechte auf das Vermögen seiner Tochter besitzt, als Du mir bisher eingeräumt hast.«

»Davon ist keine Rede. Ich wollte Sie vielmehr bitten, mir behilflich zu sein, mich mit einem sehr bedeutenden Gläubiger zu ordnen, den wir zu befriedigen haben.«

»Gläubiger? Wir?«

»Ja.«

»Giebt es keinen.«

»O doch!«

»Nein. Du sagst doch »wir«. Da giebt es keinen. Ich habe Gläubiger, das will ich ja gestehen; aber »wir« haben keinen einzigen.«


// 1755 //

»Wir haben einen, einen einzigen. Und dessen Forderung ist so bedeutend, daß es uns unmöglich sein wird, ihn zu befriedigen.«

»Was fällt Dir ein!«

»Von einem Einfalle ist keine Rede.«

»Einen solchen Gläubiger müßte ich doch unbedingt auch kennen.«

»Natürlich kennen Sie ihn.«

»Wer soll es denn sein?«

»Die Familie von Sandau.«

Er machte eine Bewegung, von seinem Stuhle aufzuspringen, beherrschte sich aber und meinte lachend:

»Das ist doch jedenfalls das Ergebniß eines albernen Traumes, den Du heut Nacht gehabt hast.«

»Nein, sondern es ist das Ergebniß unumstößlicher Beweise, welche vorliegen.«

»So! Kannst Du diese Beweise vielleicht führen?«

»Ja.«

»Schön! Thue es. Ich bin wirklich begierig, wie Du das anfangen wirst.«

»Zunächst habe ich hier das echte Testament der Tante Sendingen. Sie werden es wohl kennen.«

Sie hielt ihm das Schriftstück entgegen. Er wollte darnach greifen; sie aber zog es zurück und versteckte es schnell in ihrem Busen.

»Zeig her!« rief er.

»Sie bekommen es nicht in die Hand.«

»Oho! Wollen sehen. Woher hast Du den Wisch, der jedenfalls eine Fälschung ist.«

»Mutter hat ihn mir aufgehoben.«

»Wo?«

»Unter dem Einbande dieses Buches hier.«

»Woher hast Du das gewußt?«

»Sie schreibt es mir.«

»Ah! Wie geht das zu?«

Jetzt war er von seinem Sitze aufgestanden.

»Sie sind nicht werth, die letzten Worte meiner guten, sterbenden Mutter zu hören; aber dennoch will ich sie Ihnen vorlesen, damit Sie erkennen sollen, welch ein erbärmlicher Mensch Sie sind, und daß es mir für alle Zeiten eine Unmöglichkeit sein muß, an Sie wie an einen Vater zu denken.«

»Milda!« fuhr er zornig auf.

»Was?« fragte sie, ihn fest anblickend.

»Solche Beleidigungen verbitte ich mir.«

»Für Sie ist keine Beleidigung möglich. Sie sind ehrlos.«

»Mädchen! Vergiß nicht, daß ich Dein Vater bin!«

»Sie sind es nie gewesen.«

»Ich habe das Recht, Dich zu züchtigen!«


// 1756 //

»Ich bin für mündig erklärt und habe auch meine Vorbereitungen so getroffen, daß ich ganz gut im Stande bin, mich gegen einen etwaigen brutalen Angriff zu vertheidigen.«

Sie that, als ob sie mit der Hand nach der Tasche fahren wollte. Sie hatte keine Waffe mit. Ihr Schutz stand draußen im Nebenzimmer. Sie machte aber diese Handbewegung, um ihn irre zu führen.

»Hast Du etwa einen Dolch bei Dir?« fragte er in höhnischem Tone. »Oder einen Revolver? Vielleicht gar eine Dynamitpatrone! Das wäre freilich das beste Mittel, sich dem strafenden Arme des Vaters zu entziehen.«

»Wie ich mich vertheidigen werde, das ist jetzt gleichgiltig; es genügt, daß ich mich zu schützen vermag. Einem solchen Manne gegenüber ist es gerathen, alle möglichen Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen.«

»Das klingt ja grad, als ob ich ein wirklicher Rinalto Rinaltini sei!« lachte er auf.

»Viel weniger sind Sie nicht, wie ich Ihnen beweisen werde.«

»Himmeldonnerwetter! Mädchen, laß die Beleidigungen sein!«

»Und Sie die Drohungen. Hören Sie lieber zu!«

Sie zog den Brief ihrer Mutter vor und las ihn laut. Er hörte ruhig zu. Als sie zu Ende war, setzte er sich nieder, zog die Spitzen seines Bartes aus und sagte:

»Das soll Deine Mutter geschrieben haben?«

»Ja.«

»Und darauf hin hast Du das Testament hier in diesem Buche gesucht?«

»Ja.«

»Hm! Ich könnte das Alles in Abrede stellen; aber ich bin mir keiner Schuld bewußt und will also zugeben, daß dieses Testament von jener alten Tante verfaßt worden ist. Glücklicher Weise aber hat sie sich anders besonnen und dann ihre Marotte aufgegeben. Sie hat ein anderes Testament machen lassen und in demselben Deine Mutter als Universalerbin eingesetzt.«

»Wie kommt es da, daß sie das alte Testament nicht vernichtet hat?«

»Sie hat das ja gethan.«

»Wieso? Hier habe ich es ja!«

»Sie hat noch mehr gethan, als es nur zu vernichten - sie hat es mir gegeben. Es verstand sich ganz von selbst, daß es da am Besten aufgehoben war.«

»Eine sehr gute Ausrede!«

»Keine Ausrede, sondern die Wahrheit.«

»Eine Lüge, eine ganz freche Lüge ist es! Ich kann das beweisen. Denn dieses Testament, von welchem Sie behaupten, es von der Tante empfangen zu haben, ist ihr gestohlen worden.«

»Ah! Das ist romantisch!« lachte er.

»Mehr als das. Es ist höchst tragisch. Es war in ihrer Schatulle verschlossen.«

»Wer soll es gestohlen haben?«


// 1757 //

»Ein Mensch, der zu diesem ganz bestimmten Zwecke in ihre Dienste trat.«

»So! Sonderbar!«

»Der aber eigentlich in Ihren Diensten stand, Herr Baron.«

»Milda, was fällt Dir ein!«

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich nicht nach Wien gekommen bin, um mit Ihnen über Einfälle zu sprechen. Es handelt sich um Thatsachen.«

»Wenn das mit jenem Diener wirklich eine Thatsache sein soll, so müßte ich ihn doch kennen. Ich habe aber niemals einen Menschen bei mir gehabt, welcher später in den Dienst der Tante getreten wäre.«

»O doch! Einer war es.«

»Wie hieß er denn?«

»Es ist der gegenwärtige Hausmeister.«

»Sapperment! Das ist eine Lüge.«

»Leugnen Sie immerhin! Die Wahrheit wird Ihnen bewiesen werden. Dieser Mensch hat das richtige Testament gestohlen und das falsche an dieselbe Stelle gelegt.«

»Ach so! Woher soll er denn das falsche gehabt haben?«

»Er verfertigte es selbst.«

»So! Dazu gehört sehr viel.«

»O, er war Autographensammler und hatte eine große Fertigkeit in der Nachahmung fremder Handschriften. Er hat ja auch jenen Brief geschrieben, in welchem Sandau den Verkauf geheimer Actenstücke angeboten haben soll.«

Jetzt wurde der Baron leichenblaß.

»Mädchen!« stieß er mit gepreßter Stimme hervor. »Höre ich denn recht?«

»Ja, ganz recht.«

»Woher willst Du das wissen?«

»Von ihm selbst.«

»Hat er es denn gesagt?«

»Ja. Er hat es sogar der Köchin erzählt. Er will sie heirathen und hat mit ihr ausgemacht, Sie zu zwingen, ihnen eine Ausstattung zu geben.«

»Den Teufel sollen sie haben!«

»So werden sie Alles verrathen.«

»Kein Mensch wird auf ihre Hirngespinnste Etwas geben.«

»So! Auch auf die Bescheinigung nicht, welche der Hausmeister von Ihnen in den Händen hat?«

»Donnerwet - - -!«

Er taumelte förmlich zurück.

»Sehen Sie, wie die Schuld Ihnen auf dem Gesicht geschrieben steht!« rief sie aus.

»Schuld, Schuld!« knirrschte er. »Von einer Schuld ist keine Rede. Es ist Alles Lug und Trug. Die Bescheinigung ist nachgemacht, ist gefälscht. Du hast ja selbst gesagt, daß dieser Kerl, der Hausmeister, die Handschriften Anderer nachzumachen verstehe.«


// 1758 //

»Diesesmal aber ist es keine Fälschung, denn die Aussagen eines gewissen Hermann Arthur Willibold Keilberg stimmen ganz genau damit überein.«

»Keilberg! Wer - wer - wer - - -?«

Er griff sich mit der Hand an den Kopf. Der Schreck schien ihm das Gedächtniß zu rauben.

»Wer er ist? Wollen Sie fragen? Besinnen Sie sich nur!«

»Ich kann mich nicht besinnen. Ich habe niemals einen Menschen dieses Namens gekannt.«

»Denken Sie an jenen Unteroffizier, welcher in Sandau's Bureau beschäftigt war!«

»Kenne ich nicht.«

»Er stahl Sandau die Actenstücke, welche Sie dann zum Verderben des Ersteren benutzten.«

»Alle Teufel! Mir wird ganz schlimm zu Muthe! Ich weiß ja von alledem kein Wort!«

»Auch nicht davon, wie Herr von Schöne gezwungen wurde, sich zu erschießen?«

»Nein.«

»Und wie kam es, daß Herr von Selbmann in der Schweiz verunglückte?«

»Wie soll ich davon wissen?«

»Sie standen doch in der Nähe.«

»Ich? Sapperment! Wer behauptet das!«

»Ich weiß es, ich weiß Alles!«

»Nichts, gar nichts weißt Du. Der Hausmeister hat sich eine Lüge ausgesonnen und Dir aus irgend einem Grunde aufgebunden! Glaubst Du es, so ist es Deine Schuld.«

»Ich glaube es allerdings.«

»Meinetwegen! Was geht es mich an!«

»Ungeheuer viel, denn es wird Ihnen natürlich an den Kragen gehen.«

»Mir? Das ist lächerlich!«

Er lachte laut und höhnisch auf.

»Wollte Gott, es wäre lächerlich!« antwortete sie in furchtbarem Ernste. »Ich möchte mein Leben hergeben, wenn es mir damit möglich würde, zu beweisen, daß alle diese Anschuldigungen Lügen seien. Eben das, daß es die Wahrheit, die reine, unumstößliche Wahrheit ist, das macht mich so namenlos unglücklich. Mein Vater ein Dieb, ein Fälscher, ein Mörder, ein - - o Gott, es giebt kein Wort, auszusagen, was für ein fürchterlicher, entsetzlicher Jammer das ist.«

Sie rang die Hände. Anstatt von ihrem Schmerze gerührt zu werden, verstockte ihn derselbe noch mehr. Die Worte, welche sie aussprach, erregten seinen Grimm. Er zog die Stirn in düstere Falten und sagte:

»Mädchen, halte ein! Keine Tochter würde das von ihrem Vater glauben! Eine jede würde ihn vertheidigen. Nur Du, Du allein bist so herz- und gewissenlos, mich zu verdammen, ohne Dich vorher überzeugt zu haben.«


// 1759 //

»Ich habe mich überzeugt.«

»So! Wirklich?«

Es war ein höhnischer, stechender Blick, den er auf sie warf.

»Ja, es giebt keinen Zweifel mehr. Sie sind ein Verbrecher, wie ich noch keinen gesehen habe. Nicht einmal gelesen habe ich von einem Sünder, der mit Ihnen zu vergleichen wäre.«

Er holte tief Athem, und fast zischend erklang seine Frage:

»So bin ich also ein ganz und gar entsetzlicher Mensch?«

»Ja. Ihre Reulosigkeit ist das Allerschlimmste an Ihnen. Sie macht Sie zu einem geradezu diabolischen Menschen.«

Da leuchtete sein Blick in wildem Hasse auf. Er sagte:

»Diabolisch, also teuflisch bin ich? Nun gut, Du sollst sehen, daß ich auch ein Geständniß ablegen kann. Deine Mutter war eine Thränendrüse, eine Heulmeierin, mit der ich die miserabelste Ehe führte. Sie entzog mir die Disposition über Dein Vermögen. Ich habe bis heut in voller Abhängigkeit von Dir leben müssen, und Du hast mich diese Abhängigkeit bitter empfinden lassen.«

»Wäre ich nicht sparsam gewesen, so wäre ich heut bankerott,« fiel sie ein.

»Darüber streite ich nicht. Ich bin wie Dein Sclave gewesen. Du bist das Ebenbild Deiner Mutter, und ich hasse Dich ebenso, wie ich diese gehaßt habe. Du hast alle Absichten, welche ich mit Dir hegte, vereitelt. Du nennst mich nicht mehr Deinen Vater. Nun wohl; ich habe gar nichts dagegen. Ich sage Dir aufrichtig, daß ich Dich nie geliebt habe. Und weil Du eine gar so fromme Tugendheilige bist, kann ich Dich am Besten dadurch strafen, daß ich Dir aufrichtig gestehe, was ich gethan habe. Du kannst dann in das Kloster gehen und für mein Seelenheil beten und Dich kasteien.«

Sie richtete sich hoch auf. Sie fühlte, daß ein Zittern durch ihre ganze Gestalt ging. Sie wollte ihm diese Schwäche nicht merken lassen. Er sah aber doch, daß ihr Gesicht noch bleicher wurde, als vorher. Er lachte schadenfroh auf und fuhr fort:

»Nicht wahr, das hast Du nicht gedacht, daß ich ein Geständniß ablegen werde?«

»Nein. Das hielt ich allerdings für unmöglich,« antwortete sie ihm, jetzt wieder beruhigt.

»So sehr hast Du Dich also in mir geirrt!«

So sehr doch nicht, denn Sie gestehen nicht aus Reue, sondern um mich noch tiefer zu betrüben, als es bisher geschehen ist.«

»Natürlich, natürlich! Je mehr Du Dich ärgerst und kränkst, desto größer ist das Gaudium, welches ich darüber empfinde.«

»So lassen Sie erst sehen, ob Ihr sogenanntes Geständniß auch wirklich ein solches ist!«

»Versuche es doch!«

»Gut! Sie geben also zu, Herrn von Sandau unschuldig in das Elend gebracht zu haben?«

»Ja, ich rühme mich dessen sogar. Es war ein Geniestreich von mir.«


// 1760 //

»Natürlich mit Hilfe des Hausmeisters und Keilbergs ausgeführt?«

»Ja.«

»Das Testament hatte der Hausmeister auch gestohlen und ein gefälschtes untergeschoben?«

»Ja.«

»Und die beiden Zeugen des Testamentes?«

»Es waren drei. Einer starb glücklicher Weise am Typhus. Bei den beiden anderen mußte nachgeholfen werden. So! Da sind meine Geständnisse. Bist Du nun zufrieden?«

»Ich glaube Ihnen nicht.«

»Hast auch ein Recht dazu, denn ich habe Dich sehr oft täuschen müssen. Jetzt aber spreche ich die Wahrheit. Ich kann mit Gott und gutem Gewissen beschwören, daß ich Alles begangen habe, wessen Du mich vorhin beschuldigt hast. Nun weißt Du Alles. Dein Vater ist Das, was Du ihn vorhin nanntest, ein Dieb, ein Fälscher, ein Mörder. Nun gehe in dem Bewußtsein, die Tochter eines solchen Mannes zu sein, hin und spiele die feine Baronesse!«

»Was ich thun werde, darum handelt es sich zunächst noch nicht. Aber was werden Sie thun?«

»Ich? Was soll ich thun?«

»Das frage ich Sie eben.«

»Ich thue Das, was ich bisher gethan habe. Ich lebe von der Summe, welche Du jährlich für mich ausgesetzt hast. Langt das nicht zu, so mache ich Schulden, und Du wirst eines Tages das Vergnügen haben, sie zu bezahlen.«

»Wenn Sie Schulden gemacht haben, so thun mir die Leute leid, welche Ihnen ihr Vertrauen schenkten. Ich bezahle keinen Kreuzer, keinen Pfennig.«

»Oho! Es giebt noch Mittel, Dich zu zwingen.«

»Ich weiß kein einziges.«

»Wenn ich mit dem Selbstmorde drohe, wirst Du sicherlich zahlen.«

»Nein. Selbst wenn ich Geld hätte, würde diese kindische Drohung mir keinen Gulden abpressen. Ich bin aber arm. Was ich jetzt besessen habe, gehört der Familie von Sandau.«

»Unsinn!«

»Ich werde nach den Angehörigen derselben forschen und ihnen Alles retourzahlen.«

»Das wirst Du freilich bleiben lassen!«

»Nein; ich werde es thun.«

»Das wäre ja die größte Verrücktheit, welche es nur geben kann!«

»Es ist meine Pflicht, weiter nichts.«

Er sah ihr starr und erschrocken in das Gesicht. Er erkannte, daß sie wirklich im Ernst gesprochen habe.

»Mädchen, was fällt Dir ein?« rief er aus.

»Ich habe keine Wahl. Ich muß thun, was mein Gewissen mir gebietet.«


// 1761 //

»Aber, bedenke, dann kannst Du mir doch mein Jahrgeld nicht zahlen.«

Er sagte das in geradezu ängstlichem Tone. Sie zuckte die Achsel und antwortete ruhig:

»Das fällt allerdings aus. Ich zahle Ihnen von jetzt an nichts mehr.«

»Donnerwetter! So bin ich ja ein Bettler!«

»Und ich eine Bettlerin. Aber ich werde arbeiten. Das können Sie auch.«

»Danke, danke sehr! Aber es ist das nur so eine Marotte, die Du Dir in den Kopf gesetzt hast. Kein Mensch ist so verrückt, ein Vermögen von mehreren Millionen freiwillig herzugeben.«

»Ich bin so verrückt.«

»Aber bedenke doch, daß ich dann Alles ganz umsonst gethan hätte! Wozu hätte ich so gehandelt, wenn Du jetzt dieses Geld auf die Straße werfen willst!«

»Das ist ja eben die größte Bestrafung des Verbrechens, daß man einsehen muß, die Schuld ganz ohne Erfolg auf sich genommen zu haben.«

»Aber wer zwingt Dich denn dazu? Kein Mensch, kein einziger!«

»Es stände schlimm um mich, wenn ich meine Pflicht nur dann thun wollte, wenn ich dazu gezwungen werde.«

»Kein Mensch weiß Etwas davon!«

»Keiner? Wirklich keiner?«

»Keiner als nur der Hausmeister. Und der wird schweigen.«

»Er hat nicht geschwiegen.«

»Nun, so hat er zur Köchin davon geredet, weil er sie heirathen will, und diese hat es dann Dir wieder geplaudert. Das ist vollständig ungefährlich. Sie werden Beide still sein in Zukunft.«

»Da irren Sie sich. Die Schrift, welche Sie dem Hausmeister gegeben haben, befindet sich bereits in fremden Händen.«

»Donnerwetter! Wer hätte sie?«

»Grad Der, welcher Ihnen am allergefährlichsten werden kann, weil er Ihr unpartheiischester Gegner ist.«

»Nun, wer ist das?«

»Der Wurzelsepp.«

»Der Wur-«

Das Wort blieb ihm im Munde stecken. Er griff sich an die Stirn. Er ging einige Male hin und her, blieb dann vor Milda stehen und fragte:

»Hat er es wirklich?«

»Ja.«

»Wie ist es in seine Hand gekommen?«

»Er hat den Hausmeister belauscht, als dieser sein Geheimniß der Köchin mittheilte. Dann ist er in das Versteck gegangen und hat sich die Bescheinigung geholt.«

»Dieser Hund! Dieser Lauscher und Horcher! Ah, hätte ich ihn da!«

Er rieb seine Fäuste an einander, als ob er Etwas zwischen ihnen zermalmen wolle.


// 1762 //

»Von Dem habe ich freilich keine Nachsicht zu erwarten!« knirschte er.

»Gewiß nicht. Ich weiß bereits, daß er in dieser Angelegenheit zu einem Rechtsanwalt gegangen ist.«

»Hole Beide der Teufel!«

»Auch hat er heute den Hausmeister und die Köchin arretiren lassen.«

»Donner und Teufel! Unmöglich!«

Er schrie das förmlich heraus.

»Es ist wahr.«

»So will er mir an den Kragen?«

»Gewiß. Auch Keilberg ist arretirt.«

Das war ein neuer Schlag für den Baron. Er wich langsam von ihr zurück, starrte sie an und sagte:

»Auch Der! Auch Der! Wo steckt er?«

»Im Gefängnisse zu Steinegg.«

»Und die beiden Anderen auch?«

»Ja. Die belastenden Beweise sind alle vorhanden. Ich glaube, man ist bereits unterwegs, sich Ihrer Person zu versichern.«

»Oho! Mich soll Niemand bekommen! Soll es über mich hereinbrechen, so wehre ich mich meiner Haut. Ehe ich ohne Gegenwehr mir meine Existenz zerstören lasse, nehme ich lieber noch ein weiteres Verbrechen auf mich!«

Er trat zu ihr und schlug bei den letzten Worten mit beiden Fäusten drohend auf den Tisch. Sie blieb ruhig stehen, ohne die mindeste Spur von Furcht zu zeigen. Sie blickte ihm voll und groß in die tückisch blitzenden Augen und fragte:

»Was für ein Verbrechen würde das sein?«

»Mir ganz gleich, welches. Die Leute, welche gegen mich vorgehen wollen, werden unschädlich gemacht.«

»So! Wer ist das?«

»Vor allen Dingen der Wurzelsepp und - Du.«

»Das dürfte Dir nicht gelingen.«

»Oho!«

»Der Sepp ist Ihnen zu schlau, so klug Sie sonst im Bösen sein mögen.«

»Der? Pah! Ein Wurzelhändler!«

»Der Sie aber bereits einige Male derb überlistet hat.«

»Weil ich nicht darauf vorbereitet war. Jetzt aber wird es ihm nicht wieder gelingen. Ich weiß, daß er im Besitze meiner Bescheinigung ist. Er wird sie nicht lange mehr in seinen schmutzigen Händen haben.«

»O, ich glaube nicht, daß er sie hergiebt.«

»Er muß, denn es wird heißen: das Papier oder das Leben!«

»So wollen Sie ihn ermorden?«

»Wenn er mich zwingt, ja! Um mich selbst zu retten, ist mir nichts zu viel und nichts zu gefährlich.«

»Versuchen Sie es!«


// 1763 //

»Das werde ich thun. Uebrigens fürchte ich den alten Narren nicht im Mindesten. Und Dich, Dich fürchte ich ebenso wenig. Du befindest Dich jetzt in meiner Gewalt.«

»Schwerlich!« lächelte sie.

Er trat nun nahe vor sie hin und sagte lachend zu ihr:

»Du meinst, daß Du eine Waffe hast! Ehe Du dieselbe aus der Tasche ziehst, habe ich Dich mit einem Fausthiebe niedergeschlagen.«

Er ballte dabei beide Fäuste.

Sie erschrak. Es war doch gefährlicher, als sie gedacht hatte, mit ihm allein zu sein. Aber sie beruhigte sich sofort wieder, denn sie sah, daß die bisher nur angelehnt gewesene Thür zum Nebenzimmer leise ganz aufgemacht wurde. Der Sepp trat herein. Er hatte seinen Alpenstock in der Hand. Der Baron konnte ihn nicht sehen, weil er seinen Rücken dieser Thür zukehrte.

Milda lächelte ihren Vater stolz und überlegen an und sagte:

»Es dürfte Ihnen doch nicht viel Nutzen bringen, wenn Sie mich niederschlügen!«

»Und Dir noch weniger Nutzen, wenn Du mir ungehorsam sein wolltest. Zunächst giebst Du den Brief Deiner Mutter und das Testament heraus!«

»Nie!«

»Ich verlange Beides!«

»Und ich behalte Beides!«

»Ich befehle es!«

»Ich rufe die Dienerschaft um Hilfe!«

»Pah! Du hast Dir diese Hilfe selbst geraubt, indem Du die Thür verriegelt hast. Also gieb die beiden Schriftstücke heraus!«

»Ich gebe sie nicht her, und sollte ich mit Ihnen stundenlang ringen müssen!«

»Dummkopf! Ein Mädchen mit einem Manne ringen! Hat man bereits so Etwas gehört! Es fällt mir gar nicht ein, Dir lange Vorstellungen zu machen. Du hast Dir selbst die Folgen zuzuschreiben. Ich sage kein Wort weiter. Also heraus damit! Eins - zwei - und -«

»Drei!« erklang es hinter ihm.

Der Sepp stieß ihm den Bergstock so kräftig in die Seite, daß er um mehrere Schritte fortflog und dann zu Boden stürzte. Er raffte sich augenblicklich wieder auf, drehte sich um und - blieb da ganz unbeweglich stehen. Das Erscheinen des Alten ließ ihn vor Ueberraschung verstummen.

»Na,« lachte der Alte. »Was stehst denn nun da und sperrst das Maul aufi, als obst einen ganzen Luftbatallion verschlingen wolltest! Du hast doch das gnädige Fräulein schlagen wollt! So hau doch zu!«

»Der Sepp, der Sepp!« stieß er hervor.

»Ja, dera Sepp! Der wird Dir grad gelegen kommen. Du hast ihn doch dermorden wollt. So schlag ihn doch todt!«

»Hund!«

»Na, wann ich dera Hund bin, so bist Du halt die Katz, denn grad so


// 1764 //

wie diese Beiden haben wir uns vertragen, seit wir uns kennen lernt haben. Jetzund können wir schauen, wer von Beiden die Oberhand gewinnt.«

»Verrätherin!« rief der Baron seiner Tochter zu. »Armselige Hinterlist.«

»O,« antwortete sie, »Ihnen gegenüber kann man nicht vorsichtig genug sein; das ist eben jetzt wieder erwiesen worden.«

»Vielleicht hast Du noch andere Zeugen da draußen.«

Er trat schnell in das Nebenzimmer, fuhr aber ebenso schnell wieder zurück.

»Bertha!« schrie er auf.

»Und auch ich, Herr Baron!« sagte der Notar, indem er hervortrat. »Nach dem, was hier gesprochen worden und überhaupt geschehen ist, bleibt Ihnen nichts Anderes übrig, als sich auf Gnade oder Ungnade zu ergeben.«

»Fällt mir nicht ein!«

»Meinen Sie, daß für Ihre Festung noch eine ehrenvolle Capitulation möglich sei? Da irren Sie sich.«

»Den Teufel werde ich, aber nicht mich ergeben!«

»Was wollen Sie sonst thun?«

»Das sollen Sie gleich sehen!«

Er wollte nach der Thür springen, stürzte aber zu Boden, da der Wurzelsepp ihm in gewöhnter Geistesgegenwart den Bergstock zwischen die Beine schob.

»Schon wieder liegt er da!« lachte der Alte. »Möcht nur wissen, was er immer da auf dera Stubendielen zu suchen hat! Werde mich aberst an die Thür stellen. Er soll uns nicht so leicht davon laufen.«

Er postirte sich an die Thür, noch bevor der Baron wieder aufgestanden war. Dieser Letztere wußte nicht, was er thun sollte. Er befand sich zu gleicher Zeit in einer großen Wuth und in noch einer größeren Verlegenheit. Es war eine Art von Scham, welche ihn überkam, und wie die Sage vom Vogel Strauß erzählt, daß er sich in Gefahr für sicher halte, wenn er die Gefahr nicht sehe und deshalb seinen Kopf in den Sand stecke, so trat der Baron jetzt an das Fenster und schaute hinaus. Er konnte nichts sagen und mochte auch keine der anwesenden Personen anblicken.

»Herr von Alberg,« sagte der Notar, »wir sind Zeugen Ihrer Geständnisse gewesen, die Sie nun nicht wieder zurücknehmen können. In meiner Eigenschaft als vereidigter Notar brauche ich nur zu sagen, was ich gehört habe, so gilt das als vollwichtiger Beweis gegen Sie. Was haben Sie dazu zu bemerken?«

Der Angeredete antwortete nicht. Der Notar wollte abermals zu ihm sprechen, aber Milda fiel ihm in die Rede:

»Bitte, Herr Rechtsanwalt, verschwenden Sie keine unnützen Worte. Ich bin in einer ganz bestimmten Absicht hergekommen und nichts soll mich hindern, dieselbe in Ausführung zu bringen. Dabei ist es ganz vortrefflich, daß der brave Sepp auf den Gedanken gekommen ist, Sie mitzubringen. Ich bedarf Ihrer Hilfe.«


// 1765 //

»Sie steht Ihnen gern und voll zur Verfügung, gnädiges Fräulein. Was soll ich thun?«

»Ein Protocoll verfassen, welches der Baron unterschreiben wird.«

»Welchen Inhaltes?«

»Sagen Sie mir vorher, ob Sie in dem jetzigen Falle in Ihrer Eigenschaft als Notar auch polizeiliche Verpflichtungen haben?«

»Die habe ich nicht.«

»Sie sind nicht verpflichtet, zur sofortigen Arretur zu schreiten?«

»Berechtigt aber nicht verpflichtet.«

»So bin ich über diesen Punkt beruhigt. Der Baron war mein Vater. Seine Thaten schreien zum Himmel, aber ich, die ich seine Tochter gewesen bin, habe zwar diese Thaten möglichst zu sühnen, nicht aber zu richten. Ich möchte nicht, daß er dem Strafrichter in die Hände fällt. Die Verjährung ist zwar eingetreten, aber man würde sich doch unbedingt seiner Person versichern müssen, um vergangene Irrthümer richtig zu stellen. Alle Zeitungen werden voll des Namens Alberg sein. Der Baron wird verachtet und vogelfrei sein wie kein Anderer. Ich will nicht haben, daß dieses Unglück ihn persönlich überfällt. Ich will ihm Zeit und Raum geben, dem Allen zu entfliehen. Aber ich stelle meine Bedingung, von welcher ich mir kein Jota abhandeln lasse.«

Der Jurist verbeugte sich, zum Zeichen, daß er einverstanden sei, und sie fuhr fort:

»Sie haben die Güte, in einem Protocolle ein ausführliches Geständniß des Barons niederzulegen, so daß die Mitschuld der Mitschuldigen und die Unschuld der Unschuldigen völlig erwiesen ist. Dieses Geständniß muß vor allen Dingen beweisen, daß Herr von Sandau unschuldig war und daß dessen Frau, nicht aber meine Mutter, im wirklichen Testamente als Universalerbin vorgesehen worden war. Der Baron unterzeichnet dieses Protocoll und fügt dazu die eigenhändige Bemerkung, daß jedes Wort die reine Wahrheit enthält. Wir Anderen unterschreiben als Zeugen. Will der Baron das thun, so zahle ich ihm fünftausend Gulden, mit deren Hilfe er in Amerika verschwinden kann. Thut er es aber nicht, so überliefere ich ihn augenblicklich der Polizei. Er hat dann keine Hoffnung, fernerhin auch nur einen Pfennig von mir zu erhalten. Ich habe kein Wort hinzuzufügen. Das Uebrige überlasse ich Ihnen, bemerke aber, daß der Baron sich binnen fünf Minuten entschieden haben muß.«

Es trat eine längere Stille ein. Keins sprach ein Wort. Jedes hatte mit den eigenen Gedanken und Gefühlen zu thun.

Da stand die Tochter, die soeben ihren Vater zur ewigen Verbannung verurtheilt hatte. Dort die Bürgermeisterin, die Augen traurig auf den Mann gerichtet, der sie um ihr Jugendglück betrogen hatte.

Der Sepp lehnte an der Thür. Er hätte am Liebsten weinen mögen, denn mit seinem scharfen Blicke erkannte er, daß es Milda's ganzer Kräfte bedurfte, um kalt und ruhig zu erscheinen und nicht in bitterem Schmerz zusammenzubrechen.

Der Advocat unterbrach zuerst das Schweigen:


// 1766 //

»Herr Baron, es sind bereits zwei Minuten vergangen. Bitte, mir zu sagen, was Sie wählen - jahrelange Untersuchungshaft oder Freiheit - immerwährende Armuth oder fünftausend Gulden?«

Der Gefragte brachte mit vor Aufregung heiserer Stimme hervor:

»Ich muß wenigstens einen Tag Bedenkzeit haben!«

»Kann ich nicht gewähren. Sie haben meine Instruirung mit angehört. Fünf Minuten, mehr nicht.«

»Nun dann zum Teufel! Hungern mag ich nicht und betteln auch nicht. Ich nehme also die Fünftausend.«

»Sie werden Alles unterschreiben?«

»Ja. Aber wann bekomme ich das Geld? Doch sofort?«

Seine Tochter, welche sich von ihm abgewendet hatte, antwortete:

»Ich weiß, daß der Baron stets im Besitze eines Auslandspasses ist. Er kann also sofort abreisen. Ich gebe ihm eine Anweisung auf fünftausend Gulden mit, auf keinen Anderen übertragbar und zahlbar bei Wilson u. Light in New-York.«

Da stieß der Baron ein höhnisches Lachen aus und sagte:

»Welch eine Vorsicht! Ich soll ja nicht dableiben können! Nun, ich werde mich beeilen, in den Besitz des Geldes zu kommen und also noch heute abreisen. Setzt nur das Protocoll auf, damit die Faxe zu Ende kommt! Bin ich dann drüben Millionär geworden, so werde ich mit Vergnügen an meine liebe Tochter denken, welche ihres albernen Gewissens halber ihr Vermögen verschenkt und ihren Vater in die Verbannung schickt. Macht schnell! Ich habe es eilig, von solchen Menschen fortzukommen!«

_________
 

Neuntes Capitel.

Der Samiel.

Das Betglöcklein der Bergcapelle wurde gezogen, zum Zeichen, daß in einer Viertelstunde der Gottesdienst beginnen solle. Der helle, silberne Ton klang jenseits tief ins Thal hinab und diesseits in das Dörfchen hinein, welches vielleicht gerade dieser Capelle wegen vor alten Zeiten den Namen Capellendorf erhalten hatte.

Das Dorf war Filiale. Sonntags des Nachmittags kam der Pfarrer von Eichenfeld oder, wenn dieser nicht Zeit hatte, derjenige von Oberdorf aushilfsweise durch den dichten, dunklen Wald gegangen, um das religiöse Bedürfniß der Einwohnerschaft zu befriedigen.

Das größte und schönste Bauerngut des Dorfes lag ein Wenig abseits desselben auf einer Art von Halde. Das Vordergebäude trug als Zierde über jedem Giebel eine hölzerne, künstlich geschnitzte Krone, weshalb das Gut der


// 1767 //

Kronenhof, der jeweilige Bewirthschafter desselben aber der Kronenbauer genannt wurde.

Dieser Letztere saß auf einer Bank unter der mächtigen Tanne, welche vor dem Gute stand und sich hoch über die Firste desselben erhob. Er war von langer, überhagerer Gestalt, zählte wohl mehr als sechzig Jahre und war blind.

Er lauschte den Klängen des Glöckchens, und doch schien er auch zurück nach der Hausthür zu horchen, von welcher her sich Schritte vernehmen ließen.

Ein junger, schlanker, aber doch kräftig gebauter Bursche trat aus der Thür. Er hatte seinen Sonntagsstaat an, Schuhe, Kniestrümpfe, kurze Lederhose, Weste, Jacke, einen breiten Gurt um die Hüften und das Hütchen, welches mit einer Spielhahnfeder geschmückt war, saß ihm keck auf dem Lockenkopfe. Er hatte ein Gesangbuch oder Gebetbuch in der Hand. Jedenfalls wollte er hinauf in die Capelle, um dem Gottesdienste beizuwohnen.

Der Bursche war Fritz Hiller, der Knecht im Kronenhofe. Neben ihm gab es noch einen zweiten Knecht, den Bastian, der in der Umgegend als ziemlich geistesbeschränkt und einfältig bekannt war.

Der Bauer hatte doch mit scharfen Ohren das Geräusch vernommen, welches Fritz unter der Thür hervorgebracht hatte.

»Kätherl, bists halt Du?« fragte er.

Er meinte damit die Kronenbäuerin, seine Frau.

»Nein, Bauer, ich bin es,« antwortete der Bursche.

Ueber das Gesicht des Blinden zuckte ein heller Schein.

»Du, Fritz? Kannst mal herbeikommen?«

»Gern, wannst mich haben magst.«

»Dich hab ich alleweil gern; das weißt ja schon.«

Der Knecht kam näher und blieb bei seinem Herrn stehen. Es war ein Blick aufrichtigen Mitleides, den er auf ihn warf. Wenn ein Menschenkenner sich in der Nähe befunden hätte, so würde er bemerkt haben, daß Beide sich trotz der Verschiedenheit des Alters ähnlich sahen.

»Bist wohl fertig mit dera Arbeit?« fragte der Bauer.

»Schon bald lang.«

»Und hasts Sonntagsgewandl an?«

»Alleweil ja.«

»So willst wohl außi gehn zum Schatz?«

»Damit ists gefehlt. Ich hab halt keinen.«

»Mußt Dich umschaun!«

»Damit hat es Zeit. Ein Waisenbub, wie ich bin, kann warten, bis er sich erst was spart hat.«

»Da hast freilich recht. Aberst wo willst denn sonst hin, wannst nicht außi willst?«

»Hinauf in die Capellen.«

»Ja, da hasts gut. Kannst dem Herrgott lobsingen und den Segen mit heimnehmen. Das kann ich nicht mehr.«


// 1768 //

»Könntsts doch nochmal versuchen?«

»Es geht nicht. Meine Lungen haben keine Luft mehr. Aus dem Haus hierher nach dem Baume, das ist dera weitest Weg, den ich noch machen kann; weitern gehts halt nicht.«

»Ja, wanns einen Weg, worauf man fahren könnt, hinauf zur Capellen gäb, da wollt ich Dich schon mal hinauf bringen.«

»Da ists schon schwer zu steigen, viel weniger zum Fahren.«

»Aber Du möchtest doch mal gern mit in dera Kirchen sein?«

»Gar zu gern.«

»Weißt, so werd ich Dich aufitragen.«

Es war nicht nur Freude, sondern es war fast wie ein seliges Glück, welches die eingefallenen Wangen des Alten rasch, aber nur auf einen Augenblick erleuchtete.

»Thätst das wirklich?« fragte er, indem er mit seiner Hand nach derjenigen des Burschen suchte, um sie ihm zu drücken.

»Warum nicht?«

»Ich bin so schwer.«

»Und ich bin kräftig.«

»Die Leutln thäten uns Beid auslachen, wannst mich huckepack tragen brächtst.«

»Möchtens immer lachen. Was mach ich mir draus? Wann Du mit mir zufrieden bist, nachhero ist mir das Gered der Anderen gleich.«

»Ja, Du bist Derjenige, auf den ich mich noch verlassen kann - der Einzige!« fügte er leise hinzu.

»Es giebt auch noch Andere, welche ein Stuckerl auf Dich halten, Kronenbauer.«

»Ich merk nix davon. Wo ist meine Frau?«

»Sie ist in ihrer Stuben und wird sich auch fertig machen, in die Capell zu gehen.«

»Ja, das laßt sie sich nicht nehmen. In die Kirchen gehts allzeit. Keinen einzigen Tag wirds verfehlt. Sie ist eine gar Fromme und Brave!«

Er hielt bei diesen Worten seine glanzlosen Augen starr geradeaus gerichtet. Ebenso starr war sein Gesicht. Es war ihm nicht anzusehen, ob er aus Ueberzeugung oder ironisch sprach. Dann fügte er aber leiser hinzu:

»Und hübsch ist sie wohl auch noch?«

»Ja, Bauer,« antwortete der Knecht und zwar ebenso leise.

»Mußts richtig sagen!«

»Ich sag die Wahrheit. Sie ist die Allerschönst ringsum unter den Frauen und Dirndln.«

»Das denkst wohl nur!«

»Nein, alle Leutln sagen es.«

»Hat sie noch die rothen Wangen wie vorher, als - als - als ich hab sehen konnt?«


// 1769 //

Es war, als ob er die letzten Worte nur mühsam, mit großer Anstrengung hervorbringen könnte.

»Sie sind gar noch ein Wengerl röther worden,« antwortete der Knecht.

»Und die weiße Haut, weißt, am Hals und wo mans schaut, ist auch noch da?«

»Ja. Sie hat eine Haut wie Alabaster, sagen die Leutln.«

»Und der Leib, weißt, Du bist kein Kind mehr; da kanns man sagen, die Brust mein ich, den Busen. Hats den noch nicht verloren?«

Trotzdem der Bauer es nicht sehen konnte, überflog ein tiefes Roth das Gesicht des Burschen.

»Das ist Alles noch da,« antwortete er.

»Und die Zähnen, der Mund?«

»Ja, das soll ich Dir Alles beschreiben. Meinst denn, daß ich die Bäuerin so daraufhin anschauen thu?«

»Du siehst sie ja alle Tage und am ganzen Tag!«

»Ja, aber so schau ich sie nicht an.«

»Aber Andere schauen sie wohl an?«

»Ich weiß nicht. Ich hab noch nimmer aufipaßt.«

»Fritz, bist auch ehrlich mit mir?«

»Ja freilich.«

»Nun, wann wir mal allein mit nander sind, so werd ich Dir was sagen.«

»Was Heimliches?«

»Ja.«

»Vielleicht ists besser, wannst mir lieber nix davon sagst.«

»O nein. Ich muß eine Seel haben, mit der ich darüber sprechen kann. Und Du bist dera einzige Mensch, dem ich mich anvertrauen darf. Ja, wannst jetzt nicht zur Kirche müßtest!«

»Meinst, ich soll dableiben?«

»Lieb wär es mir. Aberst ich möcht Dich nicht um die Frömmigkeit bringen.«

»O, mich bringst nicht darum. Der Herrgott wird mirs nicht als Sünd anrechnen, wann ich bei meinem Bauern bleib, weil der blind ist und sich nicht behelfen kann.«

»Ja. Und ein Buch hast wohl mit?«

»Das hab ich in dera Hand.«

»So kannst mir ja vorlesen, wann es beginnt, zu läuten. Das ist dann auch wie Gottesdienst. Weißt, es giebt ein Liedl, das beginnt mit denen Worten: »Jesu hilf siegen«. Das paßt ganz so auf mich, als obs auf mich dichtet worden wär. Wannst das im Buch finden thätst!«

»Ich werds suchen.«

»So setz Dich herbei zu mir.«

Der Bursche setzte sich an die Seite seines Herrn und suchte im Register nach dem Liede. Er fand es.

»Hier ists,« sagte er. »Wann ich beginnen soll, brauchsts nur zu sagen.«


// 1770 //

Da erklang der Ton des Glöckleins abermals, und im Dorfe öffneten sich die Thüren, aus denen die Frommen traten, um empor zur Kapelle zu steigen.

»Jetzund läutets,« sagte der Bauer. »Dera Herrgott ruft. Kannst beginnen.«

Er lehnte sich an den Baum und faltete die Hände. Da fiel ihm noch die Hauptsache ein:

»Aber lies fein hübsch langsam, daß man mit den Gedanken nachkommen kann!«

»Weiß schon, wie Du es gern haben willst, Kronenbauer.«

Und er las mit halblauter Stimme, langsam und nachdrucksvoll:

»Jesu, hilf siegen, Du Fürst des Lebens.
   Sieh, wie die Finsterniß dringet herein,
Wie sie ihr höllisches Heer nicht vergebens
   Mächtig aufführet, mir schädlich zu sein.
Satan, der sinnet auf allerhand Ränke,
Wie er mich höhne, verstöre und kränke.

Jesu, hilf siegen, und laß mich nicht sinken,
   Wenn sich die Kräfte der Lügen aufblähn
Und mit dem Scheine der Wahrheit sich schminken,
   Laß doch viel heller mich Deine Kraft sehn!
Steh mir zur Rechten, o König und Meister,
Lehre mich kämpfen und prüfen die Geister!«

Trotz der Stimme des Lesenden hatte der Blinde Schritte gehört, welche aus dem Hause kamen. Er wendete sich aber nicht um. Fritz, der Knecht, hatte mit dem Lesen inne gehalten.

»Weiter, weiter!« sagte der Bauer.

»Es ist die Bäuerin,« entschuldigte sich der Knecht.

»Kommt sie herbei?«

»Ja.«

Das Gesicht des Bauern wurde starrer als vorher. Es war, als ob er jedem Lufthauche und jedem Lichtstrahle verbieten wolle, sein Gesicht zu treffen.

Jetzt war die Bäuerin da.

Wahrlich, Diejenigen, welche sie ein schönes Weib nannten, hatten sehr Recht! Vielleicht war sie eine der schönsten Frauen Bayerns, und das will was sagen, wie Jedermann weiß.

Eigenthümlich war es, daß sie ganz wie ein unverheirathetes Mädchen gekleidet war, ganz gegen die strenge Sitte der Gegend, welche es nicht duldet, daß eine verheirathete Frau sich die Freiheiten des ledigen Standes erlaubt.

Die kurzen, dunkelblauen Röcke, unten an der Kante mit Silberborte besetzt, gingen ihr nur bis halb auf die kräftigen Waden. Das Füßchen war der Fuß eines Kindes. Die runden, vollen Hüften trugen eine Taille, welche fast zum Handumspannen war. Umso mehr traten die vollen Arme, der schlanke und doch fleischige Hals und besonders der herrlich gebildete Busen hervor, über welchem silberne Spangen besorgt zu sein schienen, das Platzen des Mieders


// 1771 //

zu verhüten. Um den Hals hing eine schwere Silberkette; eine ebensolche war auch um das Hütchen gewunden.

Das Gesicht war von schneeweißer Farbe und tief rosig angehaucht - wie Milch und Blut. Die großen, dunklen Augen hatten einen Ausdruck selbstbewußter Güte. Um die frischen, vollen Lippen spielte ein mildes Lächeln - kurz und gut, die Kronenbäuerin hatte das Aussehen eines jungen Mädchens von achtzehn bis zwanzig Jahren, und doch wußte Jedermann, daß sie die Dreißig bereits hinter sich habe.

Als sie so da stand und die Beiden betrachtete, war es, als ob eine gütige Fee zweien Sterblichen erschienen sei, um sie zu beglücken.

"Gehst mit?"

»Gehst mit zur Kirche, Fritz?« fragte sie den Knecht.

Ihre Stimme war ungemein wohlklingend, kräftig und sanft zu gleicher Zeit.

»Nein,« antwortete er.

»Warum? Wolltest doch vorhin gehen.«

»Der Bauer hat mich beten, ihm vorzulesen.«

»Ach so! Und das thust Du wohl gern?«

Es schoß wie ein Blitz des Hasses aus ihren Augen auf ihren Mann. Im nächsten Augenblicke aber traf dieser Blick den Knecht mit ruhiger, wohlthuender Wärme. Es gehörte ein scharfer Beobachter dazu, diesen gedankenschnellen Wechsel zu bemerken. Dieses schöne, verführerische Weib war ein Vulkan, auf dessen Gelände Trauben reifen, Orangen glänzen und Rosen duften, in dessen Innern aber eruptive Gewalten ihr unheimliches, beängstigendes Wesen treiben. Wehe dann, wenn der Krater seine verheerende Lava speit. Dann ist es aus mit Blüthe, Duft und Blumenpracht.

»Warum sollt ich es nicht gern thun!« sagte Fritz. »Wanns dera Bauer gern hat, daß ich ihm was aus dem frommen Buch vorlesen thu, so wirds mir dera Herrgott verzeihen, daß ich nicht aufi zur Kapellen geh.«

»Ja, dera Herrgott ist halt barmherzig und gnädig und von großer Langmuth und Güte!«

Dabei schlug sie die Augen fromm zum Himmel auf, daß ein Maler ihr Gesicht zum Vorbilde eines Madonnengemäldes hätte nehmen können. Dann senkte sie den Blick wie in tiefer, verhaltener Seelengluth wieder nieder in die Augen des Knechtes und fuhr fort:

»Aberst man darf seine Langmuth nicht allzusehr mißbrauchen. Darum kannst nachhero, wann das Glöckle zum Paternoster und Ave schlägt, aufikommen. Wir werden dann mitsammen abisteigen und ich kann Dir sagen, was dera geistliche Herr uns predigt hat.«

Er wagte keinen Widerspruch. Auch der Bauer sagte nichts. Sie schoß noch einen blitzartigen, stechenden Blick in das Gesicht ihres Mannes, welches jenen wachsartigen Schein hatte, den man bei Blinden so oft beobachtet, und ging dann davon.

Es war, als ob sie sich förmlich Mühe gebe, ihren Gang so reizend wie möglich zu machen und dabei ihre üppigen Formen möglichst zur Geltung zu bringen. Sie schaute auch einmal zurück, ob der Knecht ihr nachblicke, be-


// 1772 //

merkte aber zu ihrem Aerger, daß der bildhübsche Bursche in das Buch und nicht nach ihr sah.

Ein trotzig entschlossener Zug legte sich um ihre Lippen. Sie ballte beide Fäuste um das Gebetbuch, welches sie in den Händen hatte, und flüsterte für sich hin:

»Dich kaufe ich doch noch! Er ist der schönste Kerl rundum, und ich bin die Allerhübscheste weit und breit. Das giebt ein sauberes Paar, auf welches sie Alle voller Neid blicken müssen. Durfte er nicht Kronenbauer werden, weil ich es nicht wollte, so wird er es doch noch werden, weil ich es nun - - doch noch will!«

Die Beiden unter dem Baume saßen eine Zeit lang still neben einander, jeder in seine heimlichen Gedanken versunken. Endlich schüttelte der Knecht dieselben von sich ab und las weiter, ohne dazu aufgefordert worden zu sein:

»Jesu, hilf siegen; wer mag sonst bestehen
   Wider den listigen, gleißenden Feind?
Wer mag doch seiner Versuchung entgehen,
   Wenn er so schön und berückend erscheint.
Herr, wenn Du weichest, so muß ich ja irren,
Wenn mich der Schlangen List sucht zu verwirren.

Jesu, hilf siegen, im Wachen und Beten!
Hüter, Du schläfest und schlummerst nicht ein.
Laß Dein Gebet mich unendlich vertreten,
Der Du versprochen, mein - - - -«

»Halt!« unterbrach ihn da plötzlich der Bauer. »Schweig still! Mir ists ganz anderst worden. Ich mags nicht weiter hören.«

Seine Stimme klang rauh und gepreßt, ganz so, als ob er etwas Schweres, Innerliches zu überwinden habe.

»Warum?« fragte Fritz.

»Hm! Warum hast Du die Versen nicht nach dera richtigen Reihenfolg lesen?«

»Hab ich das denn?«

»Ja.«

»Das hab ich gar nicht.«

»Aber ich habs ganz gut merkt.«

Der Knecht war roth geworden. Gut, daß sein Herr das nicht bemerken konnte.

»Vielleicht ists, weil ich im Vorlesen stört worden bin,« entschuldigte er sich.

»Ja, das ist möglich. Aberst warum hast denn nachhero gleich den Vers nommen, der von dera Schlangen redet?«

»Das war nur ein Zufall.«

»Wirklich?«

»Ja. Was solls denn sein?«

»Hast Dir nix dabei dacht?«

»Gar nix.«


// 1773 //

Der Bauer wartete eine Weile, dann sagte er in einem anderen, freieren Tone:

»Schau, Fritz, ich hab immer viel auf Dich gehalten. Das hast Du doch wohl merkt?«

»Ja. Und ich danks Dir auch gar gern.«

»Das weiß ich wohl. Ich freu mich, daß ich an Dir einen Herzlichen und Aufrichtigen hab. Darum thuts mir desto weher, wannt mir einmal die Wahrheit verschweigst.«

»Hab ich das denn than?«

»Ja.«

»Ich weiß nix davon. Das wär doch am End eine Schlechtigkeiten gegen Dich.«

»O nein. Es soll wohl vielmehr grad eine Gutheiten sein. Du willst mir was nicht sagen, wann Du meinst, daß es mir wehe thun könnt.«

»Was wäre das denn?«

»Verschiedenes! Besonderst wann es meine Frau betrifft.«

»Du Himmel! Was denkst da von mir!«

»Nix Arges, am allerwenigsten Das, wast vielleicht jetzt meint hast. Aberst ich kann nicht so schnell darüber wegkommen, daßt, als meine Frau nun fortging, gleich den Vers bracht hast von dem listigen, gleißenden Feind, der so schön und berückend erscheint. Hast da wirklich an Niemand dacht?«

»Nein.«

»An meine Frau gar nicht?«

»Wie sollte ich!«

»So! Wann sie noch so ist, wie sie damals war, dann ist sie wirklich schön, berückend und gleißend. Mich hat sie berückt, und das ist die Sünd, die ich begangen hab und für welche dera Herrgott mich mit Blindheit schlagen hat. Mit dem Aug hab ich sündigt, als ich es von meiner ersten Frau wegwendet und auf die jetzige worden hab, und durch das Auge bin ich dafür straft worden. Das ist Gottes Gerechtigkeit. Meine erste Frau ist von der Eifersuchten umbracht worden und von noch was Anderem, und meine jetzige bringt nun dafür mich durch die Eifersucht um, die ich wegen ihr empfinden muß. Das ist schrecklich.«

Er schwieg. Der Knecht sagte nach einer kleinen Weile:

»Eifersucht solls gewest sein bei Deiner Ersten? Ich denk, es ist der Gram gewest.«

»Ja, über mich. Denke Dir, ich sags nur Dir und keinem Andern, und ich hab auch den richtigen Grund dazu, daß ich grad zu Dir davon sprechen thu: Meine Jetzige war damals nur erst fünfzehn Jahre alt, als ich meint hab, sie könnt die zweite Kronenbäuerin werden. Aberst sie war so groß und stark und schön bereits wie eine Zwanzigjährige. Wie prächtig mag sie nun jetzund sein!«

»Ich hab immer denkt, daß Deine Erste storben ist aus Gram darüber, daß die Zigeunern Euch Euer Kind davonschleppt haben?«


// 1774 //

»Das ist auch mit ein Grund gewest! Herrgott, war das eine Zeit! Du weißt gar nicht, was einem Vatern und einer Muttern Alles passiren kann.«

»Da hast Recht. Ich hab meine Eltern ja gar nicht kannt.«

»Kannst Dich denn auf gar nix besinnen?«

»Nein, absolutemang auf gar nix. Meine Eltern sind wohl keine armen Leut gewest.«

»Wegen dera Eisenbahn, worinnen Du funden worden bist?«

»Ja. Das war drüben weit in Böhmen. Da hat, als dera Zug von Pardubitz nach Chrudim kommen ist, ein kleiner, eingewickelter Bub im Coupée zweiter Claß gelegen. Die Eltern aberst sind verschwunden gewest und auch niemals entdeckt worden. Ich hab gar ein schönes Gewandl anhabt. Ein Wagenschieber hat mich pflegt. Nachhero bin ich groß worden, bis Du mal zufällig nach Chrudim auf den Handel kommen bist und mich als Knecht gemiethet hast. Das ist halt Alles, was ich weiß.«

»Hast denn gar keine Sehnsucht, mal zu derfahren, wer Dein Vatern ist?«

»Nein.«

»So! Das ist nicht gut.«

»Aberst auch nicht bös. Meine Eltern haben mich böswillig verlassen. Im Bahnwagen verliert man kein Kind. Hättens mich wiederhaben wollt, so könntens leicht erfragen, wo ich bin. Sie wollten mich los sein, und nun mag ich nix von ihnen wissen. Dera Herrgott wird auch ohne sie für mich sorgen, wenn ich brav bleib.«

»Ja, das wird er!«

Er sagte das in einem beinahe feierlichen Tone, als ob er ein Versprechen geben, ein Gelübde thun wolle. Der Knecht fuhr fort:

»Und bei Dir hab ichs doch ganz gut funden. Ich leide keine Noth, hab einen guten Dienst, kann mir was sparen, und wir sind mit nander zufrieden. Nicht?«

»Jawohl! So lang ich noch leb, sollst nicht vom Kronenhof fortkommen. Willst so lang da bleiben, Fritz?«

»Ja, gern.«

»Versprich es mir fest, und gieb mir die Hand darauf!«

»Hier ist die Hand. Ich bleib bei Dir, so lange Du mich behalten willst.«

»Nun, so ists halt gut. Ich behalt Dich immer!«

Er hielt die Hand des Knechtes in der Hand. Er streichelte sie so leise und zärtlich, wie man die Hand eines geliebten Angehörigen streicht. Fritz wunderte sich darüber, ließ es aber ruhig geschehen, ohne Etwas zu sagen oder ihm die Hand zu entziehen. Er war es gewöhnt, diese eigenthümliche Zärtlichkeit des Bauers zu bemerken, der aber, wenn plötzlich die Bäuerin dazu kam, es zu bereuen schien.

So verging abermals eine Weile, ohne daß gesprochen wurde. Da sagte Fritz plötzlich:

»Dort kommt ein Besuch, ein ganz und gar unerwarteter.«

»Wer ists?«


// 1775 //

»Dera Wurzelsepp, wann ich mich nicht irren thu.«

»Der! Das ist schön. Den sehe ich gar gern kommen, denn, wann Der da ist, da giebts doch immer was Neues zu hören.«

»Ja, er erzählt gar gern, und ebenso gern hört er, was mittlerweile geschehen ist. Auch ich kann ihn gar gut leiden.«

»Er ist einer von den Wenigen, denen man ein Vertrauen schenken kann. Er ist ganz so, wie es in dera heiligen Schrift von Nathanael heißt: Es ist kein Falsch in ihm. Ist er es denn auch wirklich?«

»Ja. Er kommt vom Wald herüber. Er ist nun bereits so nahe, daß man ihn deutlich erkennen kann.«

»Wann er Blümerln am Hut hat und einen alten Rucksack und einen Bergstock, dann ist er es auch.«

»Das stimmt. Er hat Alles, wast da sagt hast. Horch! Da singt er auch schon.«

Der Sepp sah die Beiden sitzen. Er blieb stehen, warf den Hut hoch in die Luft, fing ihn wieder auf und sang:

»Hallo, hallo, der Sepp kommt heut;
Das giebt im Haus gar große Freud.
     Juhu, Juho, Juhi!«

»Antwort ihm gleich!« sagte der Bauer.

Fritz erhob sich vom Sitze und sang mit einer schönen, volltönenden Baritonstimme:

»Sepp, grüß Dich Gott! Komm nur heran!
Bist immer ein willkommner Mann.
     Juhu, Juho, Juhi!«

Und der Sepp that einen Freudensprung und sang:

»Hol schnell ein Bier, ein Käs und Brod!
Ich leid gar große Hungersnoth.
     Juhu, Juho, Juhi!«

Der Knecht antwortete:

»Wannst Hunger hast, komm schnell herbei;
Es giebt für Dich noch Allerlei.
     Juhu, Juho, Juhi!«

Mittlerweile hatte sich der Sepp weiter genähert. Er rief noch von Weitem:

»Ja, im Kronenhof, da kann man immer was für den Mund bekommen. Da giebts halt Leutln, die reich sind und mildthätig dazu. Da geht man alleweile gern hin. Grüß Gott, Kronenbauer. Grüß Gott, Fritz!«

Er war jetzt unter dem Baume und reichte Beiden die Hand.

»Das ist recht, daßt kommst,« sagte der Bauer. »Hast lange nix von Dir hören lassen. Wo bist denn immer gewest?«

»Droben im Lappland bin ich gewest,« lachte der Alte. »Kennst das?«


// 1776 //

»Nein, das kenn ich nicht. Wo liegt es denn eigentlich?«

»Das liegt da, wo das Europa alle ist und wo das Eismeer beginnt.«

»O weh! Und da bist gewest?«

»Jawohl.«

»Warum da oben, so weit?«

»Das ist eine feine Geschichten. Kennst vielleicht einen Heinrich Heine?«

»Nein. Der ist mir noch nicht vorgekommen. Wohnt er hier in dera Nähe?«

»Nein, der wohnt gar nicht mehr. Der ist schon lang storben.«

»Drum kenn ich ihn nicht.«

»Könntst ihn aber kennen. Er ist ein gar berühmter Mann, ein Dichter sogar.«

»O weh! Ich hab denkt, er ist ein Bauer.«

»Nein. Er hat allerlei schöne Lieder macht. Weißt, auch das: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, daß ich so traurig bin; ich lauf zu allen Zeiten vergebens zum Dirndl hin.«

»Das lautet doch anderst.«

»Für mich nicht. Ich bin immer vergebens laufen. Der hat nun auch ein Gedicht macht über verschiedene Länder und über die Leute, die darinnen wohnen. In diesem Gedicht heißt es unter Anderem:

In Lappland giebts garstige Leute,
   Großmäulig, schiefbucklig und klein,
Die sitzen ums Feuer und backen
   Sich Fische und quaken und schrein.«

»Das klingt gut. Die müssen gar schön sein, diese Lappländer!«

»Das hab ich mir auch denkt. Darum bin ich, als ich das Gedicht lesen hab, sogleich hingelaufen, um mir dorten eine Frau zu heirathen.«

Er hatte bisher ganz ernsthaft gesprochen, so daß der Bauer ihm auch ernst geantwortet hatte. Jetzt aber meinte der Blinde:

»Bist doch immer noch der alte Hallodri! Da denk ich wunder, wast hast mit dem Dichter und dem Lappland, und nun hast mich nur an dera Nasen zogen. Da kannst nur gleich wieder gehen!«

»Gehen? Das fallt mir gar nicht ein. Ich hab Euch sagt, daß ich hungrig bin, und dera Fritz hat mir eine Eierspeisen versprochen mit Schinken und ein Bier oder einen Wein dazu.«

»Davon hab ich nix hört.«

»Er hat sagt, daß es Allerlei giebt. Und darunter versteh ich nix Anderes als so was Gutes. Also bringst mich auch nicht fort. Ich setz mich halt zu Euch herbei.«

Er legte den Rucksack auf die Erde, den Stock dazu, schob den Hut auf den Hinterkopf und setzte sich neben den Bauer. Dieser sagte:

»Wanns so steht, so kannst schon was haben. Fritz, geh und hol ein Bier herbei und sag dera Magd, daß sie eine Eierspeisen machen soll mit Schinken und Rauchwurst hinein schnitten!«


Ende der vierundsiebzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk