Lieferung 82

Karl May

18. Februar 1888

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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denken kannst. Du wirsts aber schon noch derfahren. Du bist wenigstens ebenso schön wie sie, aberst viel, viel besser, so lieb und so gut, so brav und - - -«

»Schweig,« fiel sie ihm in die Rede. »Das kann ich nicht erhören.«

»Klingts schlecht?«

»Es ist eine Schmeicheleien und die kann ich nicht hören.«

»Wer sagt Dir denn, daß es eine Schmeicheleien sei?«

»Ich hörs denen Worten an. Bitte, sprich nicht davon, sondern lieber von dera Kronenbäuerin! Was hat sie Dir sagt?«

»Daß ich sie heirathen soll, wenn dera Mann todt ist.«

»Herrgott! Dera richtige Heirathsantrag bei Lebzeiten ihres Mannes! Da muß sie doch auch sagt haben, daß sie Dich lieb hat?«

»Ja.«

»Und daß Ihr jetzund bereits schon mit nander gut und - und zärtlich sein wollt?«

»So hat sie sagt.«

»Und was hast Ihr da antwortet?«

»Mit dera heiligen Schrift und den heiligen zehn Geboten. Da ist sie nachhero still gewest.«

»So eine Schlimme und Schlechte!«

»Ja, sie ist so schlimm, daßt mir ihretwegen gleich Deinen Arm entzogen hast.«

»Ich war so ganz verschrocken.«

»Das habe ich merkt. Willst ihn mir nicht wieder geben, Martha?«

»Nein. Hast auch nicht Wort halten.«

»Wiefern denn?«

»Hast sagt, daßt mir eine Freuden machen willst und denen armen Holzknechtsleutln, wann ich Dir ihn geb.«

»Ach so, das hab ich freilich ganz vergessen. Wannst mir ihn wieder giebst, sollsts erfahren, Martha.«

»Kannsts mir nicht auch so sagen?«

»Ja, das könnt ich schon. Aberst es ist so schön, wenn ich Dich am Arme hab. Magst mir denn nicht den Gefallen thun?«

»Vielleichten nachhero. Erst aberst mußts mir sagen.«

»Gut, ich will nicht hinterrückig sein. Weißt, ich hab einen guten Freund, dem hab ichs sagt, daß ich heute Abend mit Dir nach dem -«

»Herrgottle! Was hast denn than?«

»Ists was Schlimmes?«

»Ja. Was müssen die Leutln von mir denken? Von einem Dirndl, welches mit einem Buben nach Mitternacht im Wald umherläuft?«

»Die Leutln? Die wissen gar nix.«

»Die werdens aberst von ihm derfahren!«

»Nein. Er ist ein gar Verschweigsamer.«


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»Das denkst nur! Ich kenn hier keinen Menschen, keinen einzigen, dem ich so was anvertrauen möcht!«

»Hier? Ja, hier! Da hast Recht. Er ist aber gar nicht von hier; auch hat er ein gutes, liebes Herz und auch einen offenen Beutel. Er hat mir für die armen Leutln ein Geschenk mitgeben.«

»So! Wohl ein Geldl?«

»Ja.«

»Das ist sehr gut. Wie viel?«

»Fünfzig Mark hat er mir geben.«

Da setzte sie das kleine Handkörbchen auf den weichen Waldboden, blieb stehen, ergriff seinen Arm und fragte beinahe athemlos:

»Machst Scherz oder Ernst?«

»Ernst!«

»Hast wirklich fünfzig Markerln mit für die guten Leutln?«

»Fünfzig Markerln, drei Goldstuckerln!«

»O heilige Madonna, welch eine Freuden wird das sein! Fritz, da geh ich Dir gern meinen Arm. Behalt ihn, behalt ihn! Ich nehm ihn Dir nicht wieder. Aberst komm, komm schnell!«

Sie schob ihren Arm in den seinigen und wollte ihn fortziehen. Er widerstrebte:

»Nur sachte, sachte, Martha!«

»Nein, schnell, nur schnell! Komm, Fritz!«

Sie riß ihn wirklich eine kurze Strecke mit sich fort.

»Dirndl, Dirndl! Bist ja ganz und gar aus dera Contenance!«

»Ja, wanns fünfzig Markerln sind, so kanns nicht schnell genug gehen, also vorwärts, Bub, vorwärts!«

Sie zog abermals aus Leibeskräften.

»Aberst Dirndl, sollen die Leutln denn diese fünfzig und sodann auch meine fünf Markerln bekommen?«

»Auch das Brod und Andres, was ich ihnen mitbringe. Komm!«

»So! Wo hasts denn, wast ihnen geben willst? Hast ja gar nicht merkt, daßt vor lauter Eifer Deinen Korb hast stehen lassen!«

»Ja, ja! Hast Recht! Was bin ich doch für ein unköpfiges Dirndl! Gleich werd ich ihn holen.«

Sie holte den Korb, schob dann abermals den Arm in denjenigen des Knechtes und zog ihn, der nun unweigerlich folgte, schnell mit sich fort.

Da stand eine Hütte.

Sie konnten es nicht erwarten, die glücklichen Gesichter zu sehen. Gut war es, daß sie sich beinahe am Ziele ihrer nächtlichen Wanderung befanden. Sie gelangten nach kurzer Zeit in ein waldiges Thal, auf dessen Sohle sich ein munteres Bächlein murmelnd hinschlängelte. Da stand, vom Monde hell beschienen, eine niedrige Hütte, halb aus rohen Steinen, halb aus unbehauenem Holz errichtet und mit Moos verstopft. Zwei Oeffnungen, anderthalb Fuß hoch und eine Hand breit, bildeten die Fenster. Die Thür war niedrig und so


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rissig, daß man ohne große Mühe durch sie das ganze Innere überschauen konnte.

Die Beiden schlichen sich leise hinan und guckten hindurch. Das Innere wurde durch einen brennenden Kienspan erleuchtet. Einen Ofen gab es nicht. Eine auf mehreren Feldsteinen ruhende Platte bildete den Heerd. Der Rauch konnte sich, da es keinen Schornstein gab, den Ausweg ganz beliebig suchen. An Möbeln war ein Schemel, ein alter Tisch und ein Bret, auf welchem die wenigen vorhandenen Koch- und Tischgefäße standen, vorhanden. Auch von Bettstellen war keine Rede. Die eine Hälfte des Raumes war fußhoch mit trockenem Wassermoos und Laub bedeckt. Das war das Lager, auf welchem die Glieder der Familie in allen möglichen Stellungen Platz genommen hatten.

Dort, wo der Kienspan brannte, saß auf einem Baumklotze, welcher den Stuhl bildete, eine abgezehrte, bleiche Frau, welche sich Mühe gab, ihrem vor Hunger schreienden Säuglinge die Nahrung zu geben, welche in der hageren kranken Brust nicht mehr vorhanden war.

Martha wendete sich erröthend von diesem Anblicke ab, und doch standen bereits Thränen des Mitleides in ihren Augen.

»Klopf an, Fritz,« bat sie leise.

»Gehst doch allein hinein?«

»Nein. Du mußt doch auch mit!«

»Ich?« meinte er verlegen. »Ich thu es nicht gern.«

»Warum?«

»Weil - weil - weil mir das Herz brechen thät, wenn ich so ein Elend anschauen müßt.«

»Wirst dann auch gleich eine desto größere Freuden schauen.«

»Wenn auch! Ich bleib lieber hier außen.«

»So geh auch ich nicht hinein!«

»Martha! Bist so eigensinnig? Das hätt ich nicht dacht.«

»Nein, eigensinnig bin ich nicht. Ich will Dir es auch gönnen und zeigen, was für eine Seligkeiten es ist, wenn man so einem Elende Linderung bringen kann.«

»Das glaub ich wohl. Aberst muß man dann dabei sein?«

»Nein; das ist wahr.«

»Also geb ich Dir das Geldl. Du nimmsts mit hinein, und ich thu hier warten.«

»Nein. Ich versteh Dich wohl. Du bist halt ein gar guter und edler Bub. Du willsts nicht haben, daß diese Leutln sich bei Dir bedanken müssen. Hab ich Recht oder nicht, Fritz?«

Er zögerte mit der Antwort.

»Nun, sag mirs doch!«

»Ja, Martha, ich thät wohl ein gar albernes Gesicht dabei machen, wanns sich bei mir bedanken müßten.«

»Hab ich es mir doch gleich denkt, daß es so ist; aberst da kommst bei


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mir nicht gut an. Wer Böses thut, soll auch die Straf erleiden, und wer seinen Mitmenschen Gutes erweist, der darf sich nicht ihrem Dank entziehen.«

»Aberst dazu fehlt mir das Geschick!«

»Das wird sich schon einfinden. Weißt, lieber Fritz, wenn diese Leutln sich nicht bedanken dürfen, so thut es ihnen wehe. Sie sind keine Bettlern, sondern nur durch die Krankheit so arm worden. Ihr Dank ist das Einzige, was sie geben können und den gebens doch gar so gern. Wer den Dank abschlägt, der wirft eine Last auf die Seele dessen, der empfängt. Die Gabe ist dann nix werth, ja, sie ist ein Wehe, welches man den Leutln zufügt. Also gehst mit hinein! Nicht wahr?«

»Lieber Fritz!« hatte sie gesagt. Wie wohl diese zwei kleinen Worte aus diesem geliebten Munde seinem Herzen thaten. Er hätte ihr jetzt viel, viel zu Gefallen thun, ihr in der Ueberfülle seines Herzens große und schwere Opfer bringen können, und dennoch zögerte er, ihr diese kleine Bitte zu erfüllen. Sein bescheidener Sinn, sein Charakter sträubte sich gegen den Dank, den er voraussichtlich hier empfangen mußte.

»Also, bitte, bitte, Fritz!« wiederholte sie, indem sie ihn bei der Hand nahm.

Er vergaß dieses kleine, liebe Händchen zu drücken und antwortete stockend:

»Martha, thu mir den einzigen Gefallen und laß mich hier außen. Ich werd Dich hier erwarten.«

»Nein. Du mußt mit hinein.«

»Ich kann nicht. Ich reiß aus!«

»Ich werd schon dafür sorgen, daßt mir nicht entkommst!«

Sie faßte ihn fest beim Aermel und klopfte an.

Drin wurde es still. Sogar der Säugling schwieg auf einige Augenblicke. Die sorgenvollen Gesichter erheiterten sich, und die hungernden Kinder richteten sich von ihrem Lager auf.

Sie hatten heute vergeblich auf ihre reizende Wohlthäterin gewartet. Da es klopfte, hofften sie, daß diese es sein werde.

»Herein!« bat die Frau, die Augen mit hoffnungsvollem Blicke nach der Thür gerichtet.

»Martha, laß los! Es wird mir ganz dumm im Kopf, wenn ich mich so anschauen lassen soll!«

»Ach was! Schau sie nicht an! Drehe ihnen den Rücken zu!« antwortete sie.

Während sie ihn mit der einen Hand fest hielt, öffnete sie mit der anderen die Thüre.

»Bücke Dich, Bub, sonst stößt Dir den Kopf eini!« lachte sie.

Dabei faßte sie ihn beim Kragen, zog seine Schultern in eine gebeugte Stellung nieder und schob ihn mit einem kräftigen Stoße zur Thüre hinein.


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»Himmelsakra!« rief er aus. »Die duldet keinen Widerspruch! Mit so einer ist schlecht Kirschen essen. Die wirft Einem die Kernen alle an den Kopf!«

»Ja, das thu ich auch, wannst nicht parirst,« lachte sie, indem sie eintrat und die Thür hinter sich zumachte.

»Grüß Gott, liebe Leutln! Heut komm ich spät. Es ging nicht anderst. Seht Ihr auch, wen ich Euch da mitbringen thu?«

Die Frau hatte gleich als Martha klopfte, ihre Brust mit einem Fetzen bedeckt, von welchem man nicht genau sagen konnte, ob er das Hemde oder die Jacke sei. Sie hatte den Knecht mit einigem Erstaunen betrachtet und antwortete nun:

»Das ist ja dera Fritz aus dem Kronenhofe. Ein braver Bub. Der ist wohl Dein Bräutigam, Martha?«

Fritz lehnte in größter Verlegenheit an der Wand. Martha wußte nicht sogleich, was sie sagen sollte, wurde aber glücklicher Weise der Antwort überhoben, denn der kranke Holzknecht machte auf seinem Lager eine für seine geschwächten Kräfte sehr rasche Bewegung und sagte mit matter Stimme:

»Dera Fritz? Ja, er ists! Das ist ja ein guter Besuch! Willkommen, Fritz!«

»Grüß Gott!« antwortete der Knecht, froh, daß er einen Laut von sich geben durfte, ohne seine Verlegenheit merken lassen zu müssen. »Grüß Gott, Leutln! Ich hab hört, daß es Euch nicht gut ergeht.«

»Leider ists schlimm genug,« antwortete die Frau. »Seit mein Mann krank worden ist, da hat es uns stets - -«

Das, was sie weiter sagte, wurde durch das Geschrei des Säuglings übertäubt, welcher jetzt seine Stimme wieder erhob, und zwar kräftiger als vorher.

»Herrjesses, Herrjesses!« rief Martha, halb erschrocken und halb scherzend. »Hat das eine Stimmen! Aberst ich weiß schon, was ihm fehlt. Er schreit nach dera Milchen. Die ist sein Lieblingstrank. Ich hab sie ihm mitbracht, und er soll sie sogleich haben.«

Sie bückte sich zu ihrem Korbe nieder, welchen sie auf den Boden niedergesetzt hatte.

Erst jetzt fiel Fritzen auf, wie eigenthümlich das Mädchen gekleidet war. Sie trug ungewöhnlich lange Röcke, und zwar war sie unten so dick, daß man hätte meinen mögen, sie habe eine Krinoline oder ein ganzes Dutzend Röcke an. Darüber war eine große Jacke zu sehen, unter welcher sie ein breites, langes, wollenes Tuch um den Oberleib geschlungen hatte. Sie war in Folge dessen fast noch einmal so dick als sonst.

Sie brachte eine Rolle aus dem Korbe und fuhr erklärend fort:

»Gleich bevor ich fortging, hab ich noch die schwarzschecketen Kuh molken und die Milch in eine Flasche than. Sie war ganz lebenswarm, und da hab ich sie in Strickwolle einischlagen, daß sie unterwegs nicht kalt werden soll.


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Da ist sie, die Milch für das kleine Büberl und das Strickgarnen für Dich, daßt Dir ein Paar Strümpfen stricken kannst.«

Sie gab Beides der Frau, welche die Milch noch warm genug fand, sofort einen Sauger auf die Flasche setzte und sich dabei in regen Dankesworten erging.

»Schweig!« wurde sie von Martha unterbrochen. »Schau lieber mal her zu mir! Wie gefall ich Dir heut?«

Dabei drehte sie sich lustig einige Male rundum, um sich von allen Seiten ansehen zu lassen. Die Frau antwortete, indem sie dem jetzt schweigenden Säugling zu trinken gab:

»Ja, wie schaust denn aus, Martha? Hast wohl gleich den ganzen Kleiderschranken angezogen?«

»Den Kleiderschranken nicht, aberst meine Truhen, in welcher ich die Kleider aufbewahr, die noch von meiner Muttern stammen. Ich hab denkt, daß sie Dir passen werden und Dir das Beste davon mitbracht. Willsts haben?«

»Herrgottle, Martha! Bist ja selberst ein armes Waisendirndl! Wie kannst so was verschenken wollen?«

»Hab keine Sorg um mich! Ich nehm mir mal einen steinreichen Mann, der mir andere Sachen kauft. Ich hab keinen Packt machen wollen, den ich tragen muß, darum hab ich die Sachen gleich anzogen. Vorerst aberst wollen wir erst den Hunger stillen, den die Kinder haben werden!«

Sie theilte den Inhalt des Korbes, welcher aus gestrichenen Butterbroden bestand, an Eltern und Kinder aus. Das wurde mit wahrer Gier verschlungen. Dann meinte sie:

»Und nun will ich meine Kleidertruhen von mir legen. Wollen schauen, was Alles dazu gehören thut. Paßt mal aufi!«

Sie putzte die riesige Schnuppe von dem brennenden Kienspan, so daß die Flamme heller zu leuchten begann, und stellte sich sodann in den Schein derselben, damit die Anwesenden deutlicher sehen konnten, was sie thun werde.

Dann knöpfte sie die große Jacke auf, zog sie aus und warf sie von sich, auf einen freien Theil des Moos- und Blätterlagers.

»Das ist dera eine Spenzer,« sagte sie. »Wart nur; es kommen noch einer und - - noch einer.«

Bei diesen Worten warf sie nach einander zwei Jacken ab, welche sie über einander gezogen hatte, dazu das bereits erwähnte Tuch. Nun erst zeigte sich das Mieder, welches sie heut am Nachmittag getragen hatte.

»Und jetzund nun kommen die Röck und die Schürzen daran. Paß mal aufi!«

Bei diesen Worten knüpfte sie drei Schürzen und drei Röcke los, welche sie zur Erde fallen ließ und stand nun ganz so da, wie sie an der Kapelle gewesen war. Sie legte die Sachen zu den andern auf das Lager und sagte, lustig die Hände zusammenschlagend:

»So, da hab ich mich halt ausgeschält und bin nun nicht mehr die


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dicke Schlampampen mit dera Riesentaljen wie vorher. Frau, wie gefallt Dir das?«

Der Säugling hatte getrunken und war nun ruhig. Die Frau legte ihn von sich und antwortete:

»Martha, wast da thust, ist doch wohl nur ein Scherzen?«

»O nein. Diese Sachen sollen Dir gehören. Komm her, und thu sie mal an, damit ich schau, wie sie Dir auch passen.«

»Das kann ich doch gar nicht glauben.«

»Wannsts nicht glaubst, so kannst mich grad beleidigen. Willst das etwan thun?«

»Nein, kränken will ich Dich nicht. Das wär ja gar eine Sünden bei so einer extra braven Personen, wie Du bist. Aber so ein armes Schacherl, wiest selberst bist, darf doch nicht so große Geschenken machen. Ich darf mich nicht an den Deinigen Sachen vergreifen. Denk nur mal daran, daßts selber brauchen thust!«

»O nein. Sie passen mir gar nicht. Was will ich mit ihnen thun?«

»Kannst sie ändern lassen, damit sie Dir nachhero auf den Leib passen.«

»Ach geh! Da wird auch nix Gescheidtes draus.«

»Aberst so viel, so gar viel!«

»Ich geb halt grad so viel, wie ich hab. Und wannsts nicht nehmen willst, so trag ichs wieder fort und gebs nachhero einer Anderen, mit welcher ich mich nicht so zu ärgern brauch. Aberst ins Haus komm ich Dir dann nicht wieder. Darauf kannst Dich nur verlassen.«

»Also ists wirklich Dein Ernst?«

»Mein völliger!«

»Nun gut, so muß ichs schon nehmen, um nur an Dir nicht eine gar so schlimme Feindin zu bekommen.«

»So schau es an, aberst schnell! Ich kann es halt gar nicht derwarten, zu sehen, ob es Dir auch passen wird.«

Nun wurden die Sachen angeprobt. Die arme Frau schwamm in einem Meere von Wonne, da sie sah, daß sie die Kleidungsstücke anziehen und tragen könne. Sie richtete ihren Schwerkranken Mann in sitzende Stellung empor, damit auch er sie richtig betrachten könne. Selbst die Kinder machte sie auf jedes einzelne Kleidungsstück aufmerksam, welches sie anlegte. Es war eine Freude und ein Jubel, wie er in diesem ärmlichen Raume selten stattgefunden haben mochte.

Und Martha war die Allerglücklichste unter ihnen. Sie half die Kleider anlegen. Sie war ganz Wonne. Ihr Gesichtchen strahlte förmlich im Glücke des Wohlthuns. Ihre Bewegungen waren so gewandt und schnell; ihre Stimme klang wie ein silbernes Glöcklein. Fritz wurde gar nicht müde ihr zuzusehen und vermochte es kaum, den Blick einmal für einen Augenblick von ihr abzuwenden.

»So,« sagte sie endlich, als Alles anprobirt worden war. »Jetzunder


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sind wir fertig. Nun hab ich sehen, daß Alles paßt, und ich freu mich königlich, daßt die Kleidern so schön tragen kannst.«

»Ja,« nickte die glückliche Frau. »Nun darf ich auch mal in die Kirch gehen, denn ich kann einen Staat machen, wie die reichste Bauerfrauen ihn nicht besser hat. Jetzund, wenn ich noch ein Geldl hätt für ein Paar Schuhen und eine Hauben, nachhero wär ich das feinste Weib in der ganzen Gegend rings umher.«

»Das kannst,« antwortete die Martha. »Ein Paar Schuhen sollen werden.«

»Das möcht ich aberst wissen, woher.«

»Vom Fritz dahier.«

Die Frau wandte sich zu dem Knecht und sagte lachend:

»Ja, will mir denn dera Fritz etwan ein Paar alte Schuhen von sich schenken? Da würde ich bald probiren, obs mir an den Fuß passen thun.«

Jetzt war es an ihm, ein Wort zu sagen, aber er brachte nichts hervor.

»Na, Fritz, so red doch auch mal!« forderte Martha ihn auf.

Er fuhr sich mit der Hand in die Haare und brummte dann Etwas, was Niemand verstehen konnte.

»Red lauter! Man weiß ja gar nicht, wast sagen willst.«

»Ja, das weiß ich selberst auch nicht,« gestand er aufrichtig. »Na, das wirst doch wissen.«

»Wahrhaftig nicht. Ich hab Dir gleich sagt, daßt mich hier nur in die Verlegenheiten bringen thust. Hättst mich gar nicht mit herein nehmen sollen!«

»Schau, wiest reden kannst, wannst mir einen Vorwurfen machen willst! Jetzt sagst gleich, wast eigentlich hier wollt hast.«

»Sappermenten! Jetzunder zerrts mich gar beim Zügel. Da muß ich gehorchen.«

»Ja, das verlang ich auch von Dir! Also sag, wast hast hier wollt?«

»Was ich wollt hab? Hm, ich glaub, ich hab was mitbringen wollt.«

»Was denn?«

»Ein kleines Geldl ists gewest.«

»Gewest? Es ist ja noch.«

»Na freilich ists noch.«

»So thu es doch herausi!«

»Ja, nachdem Du gar so viel herschenkt hast, getrau ich mich gar nicht hervor mit denen paar Groschen, die ich geben wollt.«

»Bist ein talketer Bub! Hier wird Alles angenommen. Heraus damit!«

»Giebs lieber selberst.«

Er zog sein Fünfmarkstück aus der Westentasche und gab es Martha; diese hielt es der Frau hin und sagte:

»Da hast! Das ist vom Fritz. Es sind nur fünf Markerln, aberst er hat nicht mehr abthun konnt. Er ist ein armer Knecht und kann keinen Hunderter geben.«


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Die Frau hielt das Geldstück in das Licht des Kienspanes, betrachtete es mit freudeglänzenden Augen und rief:

»Fünf Markerln, fünf volle Markerln! Wahrhaftig, es sind fünf. Und das willst uns schenken, Fritz?«

»Ja, wannsts nehmen willst,« nickte er. »Es ist ja zu viel!«

»Nein. Ich hatts grad übrig.«

»Aberst ich sag dennoch, daß es zu viel ist.«

Das gab ihm den Muth, zu reden. Er antwortete:

»Es ist nicht zu viel. Mußt bedenken, daß mancher Knecht so viel und auch noch mehr auf dem Saal vertrinken und vertanzen thut. Und weil ich nicht auf den Tanz geh, so kann ich mal fünf Markerln verschenken. Also nimms getrost. Machst mir eine große Freuden damit.«

»Ists Dir wirklich eine Freuden?«

»Ja, kannsts glauben. Wann man es vertanzt oder gar verspielt hat, so thuts halt keinen Nutzen. Hier aberst werd ich gar lang daran denken, daßt Dir was Nothwendiges davon hast kaufen können.«

»Wann es so ist, so nehme ichs freilich gern. Hier hast meine Hand dafür, Fritz, ich dank Dir gar schön. Und mein Mann will sich auch bedanken. Schau, er reicht Dir bereits die Hand entgegen.«

»Ich auch - ich auch - ich auch!« riefen die Kinder und streckten dem Knechte die Hände hin. Er drückte sie alle. Die Leute weinten vor Freude, und die Frau sagte schluchzend:

»Nun kann ich meinem Mann mal ein Fleisch kaufen. Dera Doctor hat sagt, daß ihm keine Medizinen hilft. Er soll fleißig Bullerong trinken von Rindfleisch, und Hühnerfleisch soll er essen und gar noch einen Wein trinken. Dann thät er schnell wieder gesund werden. Aberst woher soll ich den Wein nehmen und die Hühnern? Wenigstens kann ich nun vom Kuhfleisch ihm eine Bullerong kochen. Das wird ihm gut thun.«

»Wart, sollst auch Hühnern kaufen können,« sagte Martha. »Ich? Was denkst! Woher soll ich das Geldl nehmen, wann eine Henne zwei Markln kostet und noch mehr.«

»Woher? Hm! Das wußt ich schon.«

»So? Du? Willst mir vielleichten ein Lotterielos schenken, was gewinnen thut?«

»Nein. Brauchst doch nur junge Hähnderl zu kaufen. Da kannst eins schon für fünfzig Pfennige erhalten. Hier auf dem Dorf sinds ja billiger als in dera Stadt.«

»Hast Recht. Aberst fünfzig Pfennigen, das sind auch bereits eine halbe Mark. Von denen fünf Markerln könnt ich da freilich zehn Hähnderln kaufen; aberst es giebt noch andera Dingen, die auch nothwendig sind und bezahlt werden müssen.«

»Geh weg!« lachte das schöne, glückliche Mädchen. »Ich weiß Einen,


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der kann Dir so viel geben, daßt Dir gleich ein ganzes Hundert Hähnderln kaufen kannst.«

»Hundert? Herrjesses!« rief die Frau, die Hände zusammenschlagend.

»Glaubsts etwan nicht?«

»Nein.«

»Es ist aberst wahr!«

»Nein; das kann nicht wahr sein.«

»Warum nicht?«

»Hundert Hähnderln zu fünfzig Pfennigen eins; das wären ja gar fünfzig ganze Markerln.«

»Ja, fünfzig!« nickte Martha.

»Und die wollt mir Einer geben?«

»Ja.«

»Aber wer denn?«

»Auch dera Fritz.«

»Dieser Fritz dahier?« fragte die Frau ungläubig, indem sie auf den Knecht deutete.

»Ja, ganz derselbige.«

»Da machst nun freilich ein Gespaß!«

»Nein. Frag ihn nur selberst.«

»Da brauch ich halt gar nicht zu fragen. Fünfzig Markerln kann nur Einer verschenken, der eine Millionen im Beutel hat.«

»Vielleichten hat derjenige so viel, ders ihm für Dich geben hat.«

»Was? Es hats ihm Einer geben?«

»Ja.«

»Wer ist denn der reiche Gute?«

»Das hab ich ihn auch schon fragt; aberst er sagts halt nicht.«

»So! Also wär es wirklich - - doch nein, es kann nicht sein!«

»Freilich, es ist so! Fritz, ists wahr oder nicht?«

»Ja,« stimmte der Knecht bei. »Es ist ganz gewiß wahr.«

»So thue es doch herausi!«

Erst jetzt zog Fritz den Beutel, nahm die drei Goldstücke heraus und gab sie der schönen Förstersnichte. Er hätte sie ja gleich der Frau direct geben können, aber es war ihm, als sei es viel besser und schöner, wenn das Geld durch die Hand der Geliebten gehe.

Diese ließ die Stücke einzeln im Lichte des Kienspanes funkeln und sagte:

»Schau her, was ist das?«

Die Frau trat näher und rief: »Herrjesses! Das sind ja Goldstuckerln!«

»Freilich! Wie viele?«

»Drei.«

»Und was gelten sie?«

»Das weiß ich freilich nicht.«

»Nicht? Wirsts doch wissen!«


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»O nein. Wir haben noch niemals so ein Goldstuckerl besessen; auch nicht mal in denen Händen hab ich eins habt. Wie kann ich es da wissen, wie viel es gelten thut.«

»So werd ich es Dir zeigen. Mach gleich mal die Hand auf, und halt sie her. So! Paß auf!«

Sie hielt mit der Linken die Hand der Frau und zählte mit der Rechten die Goldstücke einzeln hinein. Dazu sagte sie:

»Schau, das sind zwanzig Markerln. Wie viel? Sag es nach!«

»Zwanzig.«

»Und hier wieder ein Zwanzigmarkerl. Wie viel nun zusammen?«

»Vierzig.«

»Schön! Und dieses kleine ist ein Zehnmarkerl. Da hasts! Wie viel ists nun zusammen?«

»Fünfzig.«

»Nun also! Glaubsts jetzt endlich?«

»Ja; aberst das Geldl ist nicht mein.«

»Nicht? Hasts doch in dera Hand.«

»Er wirds natürlich gleich wieder haben wollen.«

»Daran denkt er gar nicht. Fritz, sag, willsts etwan wieder?«

»Nein,« antwortete der Gefragte, indem er sehr nachdrücklich mit dem Kopfe schüttelte.

Die Frau blickte erst ihn und sodann Martha an, machte ein ganz verblüfftes Gesicht und sagte:

»Wann er es nicht will, so ists also doch Dein. Da nimms, Martha!«

»Fallt mir gar nicht eini. Schau, ich hab den Fritz heut troffen und ihm sagt, daß ich zu Euch will. Er hat meint, daß es wegen dem Samiel zu gefährlich für mich ist, allein zu gehen. Darum hat er mich beten, mitkommen zu dürfen, und ich habs ihm derlaubt, weil er ein gar so Braver ist.«

»Ja, das ist er. Das wissen alle Leutln. Darauf kann man schwören.«

»Und nachhero hat er Einen troffen und ihm von Eurer Noth verzählt. Dem ist das Herz aufigangen, und er hat dem Fritz diese fünfzig Markerln für Euch mitgeben. Nun sind sie also Euer.«

Da kam hinten aus der Ecke ein ganz unbeschreiblicher Ton hervor. Die Drei blickten hin. Da lehnte der arme Holzknecht an der Wand und weinte grad aus vor Freude. Weil ihm aber seine kranke Brust dabei unendlich schmerzte, wollte er das Schluchzen unterdrücken, und so gab es einen Ton, den man mit gar nichts vergleichen konnte.

»Mann, mein lieber, lieber Mann! Sei still. Thu Dir nur keinen Schaden!« rief die Frau voller Sorge, eilte hin, kniete zu ihm nieder und nahm seinen Kopf an ihre Brust.

»Ich kann - - ja nicht - anders. Ich muß - - weinen!« schluchzte er.

»Ja, ich kann mich auch nicht halten!« rief sie, indem sie einstimmte.

Die Kinder weinten natürlich auch mit.


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Martha ergriff die Hand Fritzens und blickte mit feucht schimmernden Augen zu ihm auf. Er machte ein ganz unbeschreiblich grimmiges Gesicht, drückte die Lippen zusammen, knirschte mit den Zähnen; hatte aber doch nicht die volle Kraft, sich zu beherrschen und brach dann plötzlich in ein lautes Schluchzen aus.

»Fritz!« bat Martha.

»Ja, zum Sapperloten!« schluchzte er. »Daran bist nun schuld. Nun steh ich da und heul wie eine Kinderammen. Wannst mich nicht mit hereini nommen hättst, ständ ich nun draußen in dera Sicherheiten und braucht mich nicht auslachen zu lassen!«

»Wer lacht Dich denn aus?«

»Doch Du!«

»Ich! Schau mich doch an, ob ich so ausschau, als ob ich über Dich lachen könnt!«

Er blickte sie durch Thränen an und sah allerdings, daß sie auch weinte.

»Ja, nun flennst und grinsest auch!« sagte er. »Das hat man davon, wann man denen Dirndln folgt. Aberst es soll mich - - -«

Er kam nicht weiter, denn die Frau war wieder aufgestanden und herbei gekommen. Sie ergriff seine Hand und fragte:

»Fritz, ists so wahr, wie die Martha sagt hat?«

»Freilich ists so.«

»Das Geldl ist also nicht von Dir?«

»Nein.«

»Sonst könnt und dürft ichs nicht nehmen, weilst selberst ein armer Teuxel bist. Aberst mußt mir auch ganz die Wahrheit sagen. Ists wirklich von einem Anderen?«

»Himmelsakra! So glaubs doch nur.«

»Wer ists denn?«

»Er hats mir verboten, es zu sagen.«

»Kannsts mir dennoch sagen.«

»Nein. Mein Wort muß ich halten.«

»Aberst ein hiesiger ists?«

»Nein. Es ist ein Fremder.«

»Den ich nicht kennen thu?«

»Sehen hast ihn wohl schon einmal. Aberst nun frag nicht weiter; ich weiß sonst gar nicht, was ich antworten soll. Behalts Geldl, und kauf Dir davon, wast brauchen thust.«

»Also behalten kann ichs, wirklich, wirklich?«

»Ja doch! Es ist Dein. Hasts ja längst schon paarmal hört.«

»Mann, hasts hört? Hasts verstanden? Es ist unser! Wir dürfens behalten! O Du lieber Herrgott im Himmel droben, und Du heilige Mutter Gottes! Was für eine Freud und Wonnen das ist. Hier, Mann, nimm das viele Geld doch mal in die Hand. Und giebs auch denen Kindern. Sie sollen auch sehen, wie es ist, wann man so gar sehr reich ist.«


// 1957 //

Sie gab die drei Goldstücke dem Manne in die Hand und legte sie auch jedem Kinde auf einige Augenblicke hinein. Dabei rief sie immer:

»Fünfzig Markerln, fünfzig ganze Markerln. Welch ein Geldl! So reich sind wir im ganzen Leben noch nicht west. Martha, ich kanns mir gar nicht ausrechnen. Sags doch mal denen Kindern, wie viele Groschen das sind!«

»Fünfhundert.«

»Und wie viele Pfennige?«

»Fünftausend.«

»Mein grundgütiger Himmel! Fünftausend Pfennigen! Hasts hört, Mann?«

»Ja, fünftausend!« schluchzte er.

»Was man sich dafür kaufen kann! Fünftausend Pfennige können doch gar nimmer alle werden! Steht aufi, Ihr Kinder, und bedankt Euch bei denen Beiden. Sie sind zu uns kommen, wie die wahren Engel vom Himmel abi. Bedankt Euch gleich!«

Jetzt kamen nun allerlei Gestalten unter den Lumpen, welche als Decke dienten, hervor. Es gab ein Händedrücken, welches kein Ende nehmen wollte, bis Fritz sagte:

»Martha, komm, wollen gehen. Wanns so fort währt, so weiß ich halt gar nicht mehr, wie viele Händen die meinigen sind.«

»Nein, bleibt nur - bleibt!« bat der Kranke. »Ich muß - mich doch auch - - bei Euch bedanken!«

Er streckte ihnen seine beiden hageren Hände hin. Da er nicht aufstehen konnte, mußten sie zu ihm hin. Die ungewöhnliche Gemüthsbewegung strengte ihn an. Er begann zu husten, und zwar so, daß es den Beiden Angst und Bange wurde.

»Das hat man davon!« sagte Fritz. »Nun wird dera Aermste wiederum krank. Wann ich draußen blieben wäre - - -«

»So hätt er jetzt auch Husten,« fiel Martha ihm in die Rede. »Das bringt einmal die seinige Krankheit mit sich.«

»Ja, was hat er denn für eine?«

»Weißts noch nicht?«

»Ich habs hört. Es soll gar die Schwindsuchtsverzehrungen sein. Das ist eine gar böse Krankheiten, und er mag sich nur fein dagegen stemmen, daß sie ihn nicht gar umreißt.«

»Nein, die Schwindsuchten ists nicht,« berichtigte die Frau. »Es ist was ganz Anderes. Es ist nämlich - - -«

»Weib!« fiel ihr Mann ihr in die Rede.

»Was willst?«

»Sei still!«

»Warum? Wohl weil wir Niemand was sagen sollen?«

»Ja. Du weißt - daß er - es uns verboten hat.«

»Ja, das weiß ich gar wohl.«

»Also schweig! Es ist zu gefährlich.«


// 1958 //

»O, diesen beiden guten Leutln werd ichs dennoch sagen. Ich fürcht mich nicht.«

»Es ist auch nicht blos wegen uns.«

»Meinst wohl auch wegen ihnen?«

»Ja. Wann er - es merkt, daß - - sie es wissen, so - - gehts ihnen schlecht.«

Er stieß diese Worte nur hustend hervor.

»O, die werden schweigen; die werden es Niemandem sagen. Nicht wahr, Martha?«

»Wir werden nix ausplaudern,« antwortete sie.

»Und grad Ihr habts doch verdient, daß wir keine Lügen machen, sondern Euch die Wahrheiten sagen. Mein Mann hat nicht die Schwindsuchten und auch nicht die Auszehrungen, sondern er ist schossen worden.«

»Schossen? Herrgottle! Von wem?«

»Von - von - - kannsts nicht rathen?«

»Nein.«

»Und doch ists so leicht.«

Da meinte Fritz:

»Etwan vom Samielen?«

»Ja.«

»Donnerwetter! Wann?«

»O, bereits seit langer, langer Zeit.«

»So ist er troffen worden?«

»Ja, durch die Brust.«

»Himmel! Ist die Kugeln herausi?«

»Ja. Sie ist vorn hinein und hinten wieder herausi.«

»Und wie steht es denn mit dera Wunden? Ist sie zuheilt?«

»Nein. Sie ist hinten und vorn offen. Sie eitert nach denen beiden Seiten hin.«

»Was sagt dera Arzt dazu?«

»Mein Mann soll recht viel Bullerong und Wein trinken.«

»Dera Kerl ist verrückt.«

»O nein. Er hat ja meinen Mann noch gar nicht sehen.«

»Wie? Was? Noch gar nicht sehen? Das ist doch gar nicht möglich!«

»O doch. Ich hab ihn gar nicht zu uns bestellt. Ich hab ihm auch nicht sagt, daß mein Mann schossen worden ist. Ich bin zu ihm in die Stadt gangen und hab ihm sagt, daß mein Mann krank und schwach ist und viel husten thut. Darauf hat er mir einen Thee geben - - -«

»Weilst eine andera Arzneien nicht bezahlen kannst?«

»Ja.«

»Und herauskommen ist er auch nicht, weilst kein Geldl hast, die Rechnung zu zahlen?«

»So hat er dacht. Nachhero als dera Thee nix holfen hat, hat er uns


// 1959 //

eben Hühnerspeis rathen und Wein und Bullerong. Da wird mein Mann wieder gesund werden.«

»Nein. Kränker wird er werden, und sterben muß er!«

»Herrgott! Denkst das wirklich?«

»Jawohl.«

»So machst mir himmelangst und bange!«

»Du mußts doch dem Arzt sagen, was dem Patient geschehen ist.«

»Das darf ich doch nicht.«

»Warum?«

»Dera Samiel hats doch verboten.«

»Auch das noch! Erst schießt er ihn, und nachhero verbietet er Euch, es zu sagen.«

»So ists leider gewest.«

»Verzähl mirs doch einmal.«

»Weib!« warnte der Mann.

»Nimm Dich in Acht!«

»Ach geh!« antwortete sie. »Diesen beiden guten Leutln muß ich es sagen.«

»Ja, sags,« bat Fritz. »Vielleicht giebts einen guten Rath und dann noch Rettung hinterdrein. Also, wie ists gewest?«

»Mein Mann war im Wald um Holz zu fällen. Er hat des Abends bei denen Baumstämmen gelegen, um da zu schlafen. Er hat kein Glied bewegt. Da auf einmal ist ein Schuß fallen, so hart neben ihm, daß er aus dem Schlaf aufwacht und aufsprungen ist. Dera Mond hat scheint. Drüben am Waldessaum ist ein Hirschen hinstürzt, und hüben, gar nicht weit von meinem Manne hat dera Schütz standen.«

»Dera Samiel?«

»Ja, schwarz angezogen mit einem breiten Hut und einer schwarzen Larven vor dem Gesicht.«

»Das ist er; ja, das ist er. Weiter!«

»Kaum hat dera Samiel meinen Mann sehen, so hat er den zweiten Lauf auf ihn abschossen, so daß mein Mann sofort hinstürzt ist und die Besinnungen verloren hat.«

»Kreuzhimmelsakra!« rief Fritz, alle Vorsicht vergessend. »Wart, das werd ich Dir anstreichen.«

»Wem?« fragte die Frau.

»Dem Samiel.«

»Kennst ihn denn?«

Erst jetzt erkannte der Bursche, daß er sich zu weit hatte hinreißen lassen. Er antwortete:

»Nein. Woher sollt ich ihn kennen?«

»Weilst sagst, daßts ihm anstreichen willst.«

»Weil ich denk, daß ich ihm schon mal begegnen werd. Dann aberst werd ichs ihm mit Fäusten gedenken.«

»Nimm Dich in Acht!«


// 1960 //

»O, den Kerlen fürcht ich nicht.«

»Er ist aberst fürchterlich!«

»Für mich nicht. Verzähl weiter.«

»Als mein Mann wiederum zu sich kommen ist, sind zwei Samiels vor ihm standen anstatt nur einer. Denk Dir nur!«

»Kanns mir schon denken!«

»Wie? Das kannst Dir denken?«

»Ja, weil alle seine Leutln sich grad so anzogen haben wie er selbst.«

»Das ist die Möglichkeit. Also sie haben bei ihm standen und daneben hat dera Hirschen legen. Sie haben meinen Mann auszogen habt und ihn verbunden. Der Eine hat ihm verboten, von der Sach zu erzählen. Wann er ein Wort sagt, so soll er und seine ganze Familie dermordet werden und der Andre auch, dem er es verzählt hat.«

»Himmelsakra! Das ist teuflisch!«

»Nun weißts, warum ichs dem Arzt nicht sag, daß mein Mann eine Wunden hat.«

»Solltsts ihm dennoch sagen.«

»Das darf ich nicht.«

»O doch! Mußts ihm dann sagen, von wem dera Schuß ist?«

»Wie soll ich denn sagen?«

»Daß er des Nachts schossen worden ist, und Den, der es gewest ist, den hat er gar nicht sehen konnt.«

»Da hast Recht! Daran hab ich gar nicht denkt.«

»So sags ihm noch jetzt.«

»Da wird er sich gleich verkundigen, warum ich es ihm nicht gleich sagt hab. Was werd ich ihm dann antworten?«

»Das ist eine schlimme Geschicht. Eine gute Ausreden wirds da wohl gar nicht geben.«

»Das denk ich auch, und darum ists viel besser, ich schweig.«

»Nein! Wannst ihn retten willst, so mußt reden.«

»Dann dermordet uns dera Samiel.«

»Vielleicht sagt dera Doctor Niemandem was. Mußt ihn nur darum bitten.«

»Da kommst schön an. Grad dera Doctor ist dera Richtige! Wann der was derfährt, so kann bald ein jedes Kind davon reden. Er ist dera richtige Dorfkalender.«

»So schweig meinswegen. Ich werd mir diese Sach mal überlegen. Vielleichten find ich ein Mittel, welches Euch Hilfe bringt.«

»Das wär gar schön!«

»Ja. Weißt, dera Mann, welcher mir die fünfzig Markerln für Euch geben hat, der ist ein gar Gescheidter. Den werd ich mal um Rath fragen.«

»So mußts ihm verzählen?«

»Ja. Aberst hab keine Sorg! Er ist ein gar Verschwiegener. Auf den kannst Dich sehr gut verlassen. Er hat schon gar Manches glatt macht,


// 1961 //

was andere kluge Menschen nicht glatt brachten. Vielleichten komm ich schon morgen wieder her und bring Euch seine Antworten.«

»So sag ihm nur vor allen Dingen unsern Dank, Fritz. Sag ihm, daß wir für ihn beten werden alle Tag, so lang uns dera Herrgott unser Leben läßt.«

»Ich werds ihm sagen. Nun aberst müssen wir fort. Es ist gar spät worden, und wann meine Bäuerin derfährt, daß ich um diese Zeit noch nicht daheim bin, so giebt es eine Reprimanden und einen Verweis, den ich halt gern vermeiden möcht.«

Es versteht sich ganz von selbst, daß die Beiden, ehe sie gingen, noch mit Zeichen des herzlichsten Dankes förmlich überschüttet wurden. Als sie sodann draußen waren und die Hütte hinter sich hatten, sagte Fritz:

»Gott sei Dank, daß dies vorüber ist! Ich will lieberst einen großen Acker mit zwei wilden Stieren umpflügen als einen solchen Dankessturm aushalten. Das kostet Wasser, nämlich Schweiß und auch - Thränen. Man weint dabei grad wie ein Schulbub. Ich hab denkt, daß ich gar nicht mehr weinen kann.«

»Du und nicht weinen!« antwortete Martha. »Du hast ein Gemüth, das ist wie Butter. Wann die Sonn drauf scheint, so läufts ganz ausnander.«

»Ja, und wannst Dein Mehl dazu giebst, so kannst gleich Kuchen backen.«

»Bist auch ein Scherzhafter! Mir aberst ist gar ernst zu Muthe, aberst nicht etwan trüb und unglücklich, sondern gar wohl und selig. Weißt, Fritz, es ist doch nix so schön, als wann man einem Menschen Gutes erweisen kann. Meinst nicht auch?«

»Ja. Wann mans nur recht können thät. Man müßt einen recht braven Geldsack haben, der nimmer leer wird. Aberst grad denjenigen Leutln, welche das allerbeste Herz dazu hätten, denen fehlt das Geldl. Und wo dera Reichthum steckt, da sitzt der alte Geizmichel drüber und laßt keinen Pfennig ausschlupfen. Es ist halt eine gar verkehrte Welt alleweile.«

»Bist ja ein recht tiefsinniger Kenner von dera Welt!« lachte das Mädchen. »Thust ja, als obst allbereits neunzig Jahre lang in ihr lebt hättest!«

»Neunzig Jahren? Das braucht man nicht. Dera Mensch kann in einer einzigen Stund so viel durchmachen, daß er innerlich ein hoher Greis wird, während Andere ein graues Alter erreichen und im Innern doch so bleiben, wie sie in dera Jugend gewest sind.«

»Hast auch eine solche Stund derlebt?«

»Jawohl und gar erst heut.«

»Darf man derfahren, was es gewest ist?«

»Heut nicht, wirsts aberst schon bald hören. Es ist eine Sach, die bald allgemein bekannt sein wird.«

»Etwas Ungutes für Dich?«


// 1962 //

»Etwas Schlimmes sogar.«

»So solltsts mir doch sagen, Fritz!«

»Was kanns nützen?«

»Wanns auch nix nützt, so hast Dir doch das Herz leicht macht und mir zeigt, daßt ein Vertrauen hast zu mir.«

»Das hab ich wohl, und zwar ein gar sehr großes, sonst thät ich mich hüten, es überhaupt zu erwähnen. Wollen lieber jetzund nicht davon reden. Später sollst Alles derfahren, und dann wirst Dich nicht nur weidlich darüber verwundern, sondern auch einsehen, daß ich nicht davon hab reden dürfen.«

»Wanns so ist, so lassen wir es sein; aberst das kannst mir glauben, daß es mir wehe thät, wann Dich ein Unglücken troffen hätt.«

»So machst mir eine große Freuden mit diesen Worten, grad so, wie Du auch die armen Leutln da drin heut glücklich macht hast.«

Er ergriff ihre Hand. Sie ließ ihm dieselbe, und so gingen sie vertraulich Hand in Hand neben einander her.

Der Mond schien hell, aber die vor demselben liegende Höhe warf doch einen Schatten, welcher das Licht dämpfte. Das magische Dreivierteldunkel äußerte seinen Einfluß auf die Stimmung der beiden nächtlichen Spaziergänger.

Wie der Physiker nachgewiesen hat, daß der Körper des Mondes einen unverkennbaren und sogar bedeutenden Einfluß auf die Erde ausübt, daß er eine hohe Fluthwelle des Weltmeeres emporhebt, hinter sich her zieht und in Folge dessen die Gezeiten, nämlich Ebbe und Fluth hervorbringt, daß sein Einfluß sogar mit den Erdbeben in Beziehung zu bringen ist, so kann auch der Psycholog nicht leugnen, daß der Mond auf Geist und Gemüth der Menschen eine ganz unverkennbare Wirkung äußert.

Der Dichter besingt die sittig lächelnde Luna, der Bildhauer stellt sie dar in keuscher Gewandung, mild freundlichen Angesichtes. Der silberne Strahl des Mondes dringt durch das Auge in das Gemüth und zieht die Oberfläche desselben in sanft fluthenden Wellen zu poetisch gehobener Stimmung empor. Die Gegensätze werden ausgeglichen. Das Harte, Schroffe sinkt und verschwindet, und milde, versöhnliche Stimmungen und Regungen tauchen selbst aus der Tiefe eines verbitterten Herzens empor; der Haß flieht, und wo vorher eine stille, noch verborgene Neigung vorhanden war, da tritt sie in das Bewußtsein und treibt mit aller Macht, aus der Verborgenheit hinaus zu gelangen und ausgesprochen zu werden.

So auch hier bei diesen Beiden. Als sie so Hand in Hand dahin gingen, fühlte Fritz noch deutlicher als am Nachmittage, wie tief er eigentlich das schöne Mädchen in sein Herz geschlossen habe - ganz ohne es zu wissen. Und ihr war es so wohl und selig im Herzen; es war ihr gar nicht so, als ob sie heut zum ersten Male mit dem braven Burschen beisammen sei. Sie hatte im Gegentheile die Empfindung, als seien sie schon lange, lange beisammen, als gehörten sie überhaupt für immer zu einander und dürften sich nie, nie wieder verlassen.


// 1963 //

Da flog eine Sternschnuppe über den Himmel hin.

»Hast sie gesehen?« fragte Martha, nach den Sternen deutend.

»Ja. Dort ist sie hinab.«

»Da ist ein Mensch storben.«

»Wer hat das sagt?«

»Hasts noch niemals hört?«

»Nein.«

»Ich hatt eine Großmuttern, die war gar fromm. Sie hat mich erzogen bis ich aus dera Schulen kommen bin; darnach starb sie, und der Oheim nahm mich zu sich. Sie hat ein gar tiefsinnig Gemüth habt und mir Mancherlei verzählt von denen Menschen auf dera Erd, denen Geistern in dera Luft und denen Engeln und Seligen im Himmel droben. Auch von denen Sternschnuppen hats wußt, was sie zu bedeuten haben.«

»So ist sie eine gar kluge Frauen gewest.«

»Ja, das war sie, denn die größte Klugheit besteht nur darinnen, daß man fromm ist, an den lieben Herrgott glaubt, denen Menschenkindern brav Gutes erweist und sich fleißig in Acht nimmt, eine Sünd zu begehen.«

»Da hast sehr recht; das ist ja auch ganz die meinige Meinung. Wie aberst ists denn mit denen Sternschnuppen gewest?«

»Das ist folgendermaßen: Wann ein böser Mensch stirbt, so fährt seine Seel still, heimlich und im Dunkel von dannen, von dera Erd hinweg, damit ja Keiner es merken und ein Gebet für sie sprechen soll. Aberst wann ein guter Mensch seine irdische Wallfahrt beschließen thut, so kleidet dera Engel des Todes seine Seel in ein Gewand von lauter Strahlenglanz, und darum leuchtet sie, wann sie zum Himmel geht, grad wie ein Sternenmeteor so licht und hell. Wers nicht weiß, der nennts halt eine Sternschnuppe; aberst wer es weiß, dem ist es offenbar, daß es eine Seele ist, die zur Seligkeiten eilt, und wer sie derblickt, der soll die Worten beten:

Herr, gieb auch mir die Seligkeit,
Die Diesem Du gegeben,
Und leite mich nach dieser Zeit
Empor zum ew'gen Leben.
Aus Todesnacht
Zur Sternenpracht
Trag mich ein Seraphim empor,
Zu preisen Dich im höhern Chor.«

Sie sagte das so einfach und innig, im Tone innerster Ueberzeugung, daß er tiefer davon ergriffen wurde, als wenn er eine langathmige Predigt vernommen hätte. Was er schon geglaubt hatte, das wurde ihm nun zur Sicherheit, nämlich daß dieses Mädchen ein Schatz sei, dessen Besitz das höchste irdische Glück zur Folge haben müsse.

Unter dem Eindrucke dieser Regung legte er, vielleicht ohne sich dessen selbst bewußt zu werden, im Gehen den Arm leise um ihren Leib. Sie schien diese Berührung gar nicht zu fühlen, denn sie sträubte sich nicht gegen dieselbe.


// 1964 //

Die Sympathie, welche ihre Herzen zu einander zog, war eine fromme und von der Sünde ungetrübt.

So schritten sie still und in Gedanken versunken oder vielmehr ihren Gefühlen hingegeben neben einander her, bis links vom Wege eine dunkle Baumgruppe sichtbar wurde. Es waren die Eichen, zu denen der Förster die Bäuerin heut bestellt hatte.

Die dicht belaubten Bäume breiteten ihre mächtigen Kronen über einen weiten Umkreis aus. Zwischen ihnen stand die Bank, welche vom Förster erwähnt worden war, und hart hinter derselben hatte sich im Schutze der Bäume ein ziemlich dichtes Hasel- und blätterreiches Acazienbuschwerk gebildet.

Ganz unwillkürlich lenkte Fritz seitwärts nach der Bank ein.

»Was willst dort?« fragte Martha.

»Magst Dich nicht ein Wengerl mit niedersetzen?«

»Warum setzen?«

»Weils so gar schön ist heut Abend hier im Thale. Meinst das nicht auch?«

»Ja, schön ists gar wohl; aberst hast nicht erst vorhin sagt, daß die Bäuerin zanken thät, wannst nicht nach Haus kommst?«

»Vielleicht merkt sie es nicht. Auch sagt ich es nur, um von denen Leutln fort zu kommen, denn vor dera Bäuerin hab ich keine Angst.«

»Ich denk, sie ist eine gar Gestrenge?«

»Das ist sie, doch mach ich mir nix daraus.«

»So fürchtest sie nicht?«

»Nein. Ich mein vielmehr, daß sie sich vor mir zu fürchten hat.«

»Sie vor Dir? Bist gar ein so furchtbarer und schrecklicher Kerlen?«

»O nein. Ich mag keinen Wurm zertreten; aberst es giebt halt doch Sachen, die selbst den Stillsten und Ruhigsten in den Harnisch bringen können. Nachhero, wann dera Zorn da ist, geht die Freundlichkeit von hinnen. Komm, thu mir den Gefallen, und setz Dich halt einen Augenblicken mit her!«

»Wannsts so gern willst, so darf ichs Dir doch nicht abschlagen. Also komm!«

Er ließ den Arm, welchen er bisher um ihre Taille gehalten hatte, sinken und setzte sich mit ihr auf die Bank.

Er hatte ganz nahe an ihr Platz nehmen wollen; sie aber rückte wie in einer sie plötzlich überkommenden Schüchternheit ein Stückchen von ihm weg.

»Wanns mein Oheim wüßt, daß ich mit Dir so allein hier im Walde sitz!« sagte sie.

»Hätt er was dagegen?«

»Ich glaube, ja.«

»So! Hasts vielleicht bemerkt, daß er mir feindlich gesinnt ist?«

»Ja.«

»Warum wohl?«

»Weil er jedenfalls denkt, daß - daß - - daßt Deiner Bäuerin gut bist.«


// 1965 //

»Da kann er ruhig sein! Wann er sie haben will, so steh nicht ich ihm im Wege, sondern ein Anderer.«

»Wer?«

»Dera Bauer natürlich. Noch ist er nicht todt, und ich will hoffen, daß er auch nicht so bald sterben wird, wie sie wohl denken mag. Er soll vielmehr noch recht lange leben bleiben. Was ich dazu thun kann, das soll sehr gern und aus allen Kräften geschehen. Wann ich Einer gut sein soll, so muß sie ganz anderst sein als die Bäuerin.«

»Wie müßt sie denn sein?«

»Nun, zunächst müßt sie unverheirathet sein. Ich bin nicht so gottlos, daß ich einem Manne sein Weib stehlen möcht, und wann dasselbige noch so schön wäre.«

»Also ein Mädchen müßt sie sein?«

»Ja.«

»Nicht eine Wittfrau, vielleichten eine recht junge, hübsche und reiche?«

»Nein. Sie darf noch keinen Mann habt haben.«

»Und weiter! Reich müßt sie wohl sein? Nicht wahr, Fritz?«

»Nein; das verlang ich nicht. Es ist zwar gar schön, wann man reich ist. Man kann zwar dabei ganz rechtschaffen arbeiten, aberst man hat doch keine Sorg, und es ist Einem möglich, denen Menschen Gutes zu thun. Doch ists nicht dera Reichthum, welcher glücklich macht. Wann zwei junge Leutln, welche sich lieb haben, sparsam und fleißig sind, so giebt die Liebe ihnen doppelte Lust und Kraft zum Schaffen, und sodann müßts gar mit dem Teuxel zugehen, wann sie nix vor sich bringen thäten.«

»Wanns gesund bleiben, ja. Mußt aberst weiter reden. Nicht wahr, hübsch müßt sie auf alle Fällen sein?«

»Ja, eine gar Häßliche möcht ich freilich nicht haben. Appetitlich müßt sie sein, weißt, grad wie eine Kirschen oder ein rothwangigter Apfel, in den man so gern hineinbeißen möcht.«

»Geh fort! Bist denn so ein Beißiger?«

»Wann ich es haben kann, ja.«

»Das hast wohl bereits schon ausprobirt?«

»O nein. Ich hab bisher noch niemals ein Dirndl habt.«

»Oeffentlich nicht, aberst heimlich wohl!«

»Auch das nicht.«

»Und wie müßt sie nachhero noch sein?«

»Fein häuslich und wirthschaftlich; aberst nicht so eine, welche nur viel Rumor macht den ganzen Tag, damit man sie als fleißige Schafferin loben soll, und wann dera Abend kommt, so ists nix gewest, sie hat nix fertig bracht und Alles falsch macht. Sie müßt so eine Stille und Bedächtige sein, der mans gar nicht anmerken thut, was sie Alles fertig bringt. Weißt, so eine Hummel, die draußen auf dera Wiesen und dem Feld herum brummt und summt und einen ewigen Lärmen macht, die hat, wann man in ihr Nest schaut, gar wenig Honig. Die richtige Bienen aberst, die man kaum fliegen hört,


// 1966 //

die ist einträglich und hat so viel Honig, daß sie ihn gar noch verschenken kann. So ists auch mit denen Frauen.«

»Bist ein großer Frauenkenner und hast gar gelehrte phylosophische Gedanken!«

»Da ist nix Sonderbares dabei. Wann man die Augen aufthut, so kann man sehen. Ich hab solche Hummeln kennen lernt, welche treppaufi und treppabi steigen, aus dera Küch in den Keller, aus dera Stuben in den Stall, aus dem Garten auf das Feld rennen und dabei Alles umistürzen. Das schaut so aus, als ob so Eine für Zehn schaffen und arbeiten thät. Aberst wann man sich die Sach genauer betrachten thut, so bekommts ein gar anderes Gesicht: Schneidet man den Käs an, den sie macht hat, so findet man den Haarkamm darinnen; in dera Buttern steckt dera Rasierpinsel; im Reisbrei findet man eine Zündholzschachtel; in die Milchen hat sie das Petroleum verschüttet; ans Hemd, woran ein neuer Aermel soll, flickts ein Hosenbein hinan; die Kindern wäschts anstatt mit Seifen mit dera Stiefelwichsen ab; im Stall wird sie vom Stier geschlagen, weil sie ihn anstatt dera Kuh hat melken wollen; wanns in die Kirchen gehen will, so setzts das Schnupftuch aufi und nimmt die Hauben in die Hand; da giebts im ganzen Haus kein blankes Fenster und keinen reinlichen Tisch; das Geschirr hat Risse und Löchern; dera Ofen raucht; die Wäsch sieht schwarz; das Vieh wird krank; das Feld verarmt; die Wies' verdorrt; der Mann flucht; die Frauen zankt; die Kinder heulen; das Gesind schimpft, und das Alles nur deshalb, weil sie eine gar so Fleißige, Unermüdliche und Haushälterische ist. Dann ist dera Himmel auf dera Erden, aberst was für ein Himmel, o Jerum!«

Er hatte diese kräftige Beschreibung mehr ernst als scherzhaft gemeint. Martha lachte laut auf und sagte:

»Das wär freilich Eine, vor der ein Mann sich hüten müßt. Mit so Einer zusammen zu wohnen, das muß ja schrecklich sein!«

»Ja freilich. Ich möcht sie nicht. Und außerdem müßt die meinige Frauen nicht dumm sein, sondern sich leicht in Alles schicken und finden können. Besonders ein gutes Herz müßts haben, denn wann eine Frau sich nicht über das Wohl anderer Menschen freut und ihnen behilflich ist, glücklich zu sein, so ist sie im Innern gleichgiltig oder gar neidisch und hart und wird auch für den Mann und die Kinder nicht das richtige Gemüth besitzen.«

»Du, Fritz, wannst so Eine willst, so kannst weit suchen!«

»Meinst, daß es keine solche giebt?«

»Vielleichten, aberst selten. Du machst gar zu große Ansprüchen.«

»Ja, die mach ich freilich. Meine Ansprüchen sind sogar so groß, daß ich Keine nehmen thät, die nicht grad denjenigen Namen hat, mit welchem ich sie nennen will und der mir dera liebste ist.«

»Da wird Deine Bescheidenheit ja immer geringer! Welches ist denn dera Name, den sie haben muß?«

»Martha muß sie heißen; eine Andere mag ich nicht.«

»Martha! Warum grad so?«


// 1967 //

»Weil Eine so heißt, der ich so recht von ganzem Herzen gut bin.«

»Ach so! Und vorhin hast sagt, daßt kein Dirndl lieb hättst!«

»Das hab ich nicht behauptet, sondern ich hab sagt, daß ich noch kein Dirndl habt habe. Lieb hab ich freilich eins, und wann dasselbige nicht meine Frauen werden will, so bleib ich halt für immer ledig.«

»Ist Deine Lieben denn gar eine so große und mächtige?«

»Sie hat keinen Umfang, keine Grenz und kein End.«

»Da möcht man fast fragen, wo dieses Dirndl zu suchen sei.«

»Das darf ich nicht verrathen.«

»Warum nicht?«

»Wanns hört, daß ichs lieb hab, so wirds halt bös und zornig auf mich.«

»Geh! Kein gescheidts Dirndl wird zornig darüber, daß Einer es lieb hat!«

»Die aberst doch!«

»Nein. Es giebt tausend Dirndln, die sogar stolz damit thun, daß sie nicht nur von einem, sondern von mehreren Buben begehrt werden.«

»Zu diesen gehört sie nicht. Ihr liegt gar nix daran, von Einem geliebt zu werden, welchem sie nicht gut sein kann.«

»Meinst, daß sie Dir nicht gut ist?«

»Ja, das denk ich eben.«

»Kannst mir ihren Namen dennoch nennen, denn ich wirds ihr nicht verrathen, daßts mir sagt hast.«

»So! Also wirst wirklich schweigen?«

»Ja, gewiß. Also wo ist sie zu finden?«

»Weilst mir so fest versprichst, daß sie nix davon derfahren soll, so will ich es Dir anvertrauen. Sie ist zu finden grad da, wo ich bin.«

»Wo ist denn das?«

»Hier auf dera Bank.«

»Das ist nicht wahr, denn da sitz doch ich ganz allein bei Dir.«

»Und doch ists wahr. Nun verraths aberst ja nicht, Martha!«

»Werde mich hüten, denn Diejenige, die Du meinst, thät mich nur darüber auslachen.«

»Auslachen? Warum?«

»Weil sie wissen thät, daßt mir nur was weiß macht hast.«

»Oho! Gegen Dich bin ich aufrichtig. Was ich Dir sag, das gilt so fest, als obs im Gebetbuch stehen thät.«

»So thäts aberst doch nicht glauben.«

»Wannst das so genau weißt, so mußt sie doch kennen!«

»Ja, ich kenn sie freilich.«

»Das gefreut mich sehr. Da kann ich Dich doch gleich mal nach ihr fragen. Weißt nicht, ob sie bereits einen Buben hat?«

»Nein, sie hat keinen; sie hat überhaupt noch niemals einen habt.«

»Und will wohl auch niemals einen haben?«


// 1968 //

»Vielleicht, wann ein recht braver käm, dens lieb haben könnt, da thät sie ihn wohl nicht fort weisen.«

»Wie müßt er denn sein? Kannst ihn mir nicht beschreiben?«

»Nein. Ich hab sie noch nicht darüber fragt, und ich glaub auch nicht, daß sie bereits einmal darüber nachdenkt hat.«

»Das kann mir nicht gefallen. Ich hätt gar zu gern wußt, was für einen Geschmack sie hat.«

»Da wirds am Besten sein, wannst sie selberst mal fragst.«

»Sie wird mir gar keine Antwort geben. Vielleicht läßts mich gar gleich sitzen und geht hinweg von mir!«

»Ist sie denn eine so Rasche und Resolute?«

»Eigentlich nicht, sondern sie ist mild und freundlich, weißt, grad wie dera Mond droben am Himmel, den auch alle Menschenkindern lieb haben.«

»Und da denkst, daß sie gegen Dich allein hart und unfreundlich sein könnt?«

»Ja, denn sie hat sagt, daß sie mich nicht haben möcht.«

»Was! Das hätt sie sagt?«

»Ja.«

»Davon weiß ich nix.«

»Sie hat sagt, daß sie sich nur einen steinreichen Mann nehmen thät, und ich bin doch ein armer Bub, ein Knecht, der gar nix hat.«

»Wann solls denn das sagt haben?«

»Gleich vorhin, dort in dera Holzknechtshütten, als sie dera Frau die Kleider gab und diese sie nicht nehmen wollt. Da hats sagt, sie könne das ganz leicht geben, denn sie thät sich mal einen steinreichen Mann nehmen, der ihr das Alles wieder kaufen thät.«

»Das hats wohl nur sagt, damit die Frau die Sachen nehmen soll, ohne eine große Red darum zu machen. Weißt, Fritz, wollen uns darüber den Kopf nicht zerbrechen. Es ist gar spät worden, und da ists besser, wann wir nach Haus gehen.«

Sie stand auf.

Sie stand auf. Er aber ergriff schnell ihre Hand und zog sie auf die Bank zurück. Dadurch kam sie ihm ganz nahe zu sitzen, und er behielt auch ihre Hand in der seinigen. Sie machte zwar eine kurze, mädchenhafte Anstrengung, sie ihm zu entziehen, gab aber diesen Widerstand bald auf.

»Mußt denn sogleich nach Haus?« fragte er. »Dera Förster ist doch wohl die ganze Nacht im Walde?«

»Er kehrt erst am Morgen wieder heim; das ist wahr, aberst dann muß ich auch bereits ausschlafen haben.«

»Einige Minuten kannst schon noch bleiben. Ich mag nicht eher von hier fort, als bis ich ganz genau weiß, ob Diejenige, von der wir sprochen haben, mich lieb haben kann oder nicht.«

»Fritz, bist doch ein gar Stürmischer. Solche Sachen muß man ruhig abwarten.«


Ende der zweiundachtzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk