Lieferung 83

Karl May

25. Februar 1888

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


// 1969 //

»O nein. Kein Mensch kann sein Glück zeitig genug erfahren. Weißt, wer da glücklich sein kann und warten will, bis das Glück sich ihm ganz zufällig in den Schoß setzen thut, der ist eben gar nicht werth, glücklich zu sein, denn er verscherzt die Zeit, in welcher er es erreichen könnt. Martha, sag, nicht wahr, Du weißt, wen ich meint hab?«

Sie zögerte mit der Antwort.

»Bitte, sags mir doch!«

Sie neigte das Köpfchen zur Seite und antwortete verschämt:

»Fritz, daßt von mir sprochen hast, das weiß ich wohl; aberst ich denk halt, daßt nur so eine Red macht hast, weißt, wie die Buben immer thun, wann sie sich mal mit einem Dirndl eine Unterhaltungen machen wollen. Heut sagens, daß sie dem Dirndl gut sind, und morgen sehens es nicht wieder an.«

»So! Das sind Lotterbuben! Hältst mich also auch für so einen?«

»Du bist immer anderst gewest als solche.«

»Nun, wannst das meinst, warum denkst denn, daß ich es nicht aufrichtig meine? Schau, Martha, ich hab viel an Dich denkt und mich allemalen sehr gefreut, wann ich Dich mal sehen hab, aberst denkt hab ich mir dabei nix weiter. Ich hab mir nur sagt, daßt ein gutes, feines Dirndl bist wie keine Zweit im ganzen Kreis herum. Aberst heut, als die Kronenbäuerin so zornig vor Dir standen ist, da gings wie ein Blitz durch meine Seel, daß ich Dich lieb hab, gar so lieb. Die Bäuerin gilt für die schönste Frauen, aberst als Du so vor ihr standest, so ohne alle Schuld und Unreinigkeiten in dera Seelen, da kamst mir tausend Mal schöner vor als sie; da hätt ich sie niederschlagen konnt, obgleichs nur ein Weib ist und ich eine Mannspersonen. Ich wollt Dich in Schutz nehmen gegen sie; aberst Du warst gar zu schnell fort. Dann mußt ich mit ihr gehen, und sie macht mir die Liebeserklärungen und den Heirathsantrag. Da hab ich einen Ekel gegen sie empfunden, grad so, als ob ich eine Unk und Kröten angreifen sollt. Da hab ich an Dich denkt und wieder an Dich und immer wieder nur an Dich, und da hab ich mich auszankt in meinem Innern, daß ich Dir noch nicht sagt hab, wie gut ich Dir bin. Da ist eine Angsten über mich kommen, daß ein Andrer kommen und Dich mir wegnehmen könnt. Da hab ich kaum die Zeit derwarten konnt, in welcher wir uns bestellt hatten. Und nun, da Du bei mir bist, soll und muß es von meinem Herzen herab, daßt mir das Liebste bist auf dera Welt und daß ich keine Andere lieben kann als nur Dich allein. Was ich Dir jetzt sag, das kommt aus aufrichtigem Herzen. Und nun bitt ich Dich gar schön, Martha, sag mir, ob ich Dir recht bin oder obst lieber auf einen Andern warten willst. Jetzt hast mein Glück in den Deinigen Händen. Thu damit, wast für richtig hältst!«

Er schwieg und erwartete ihre Antwort. Sie war auch stille. Er neigte sich wieder zu ihr und sah, daß ihr die Thränen still über die Wangen rannen.

»Martha! Du weinst! Hab ich Dir vielleicht Wehe than?«

Sie schüttelte den Kopf.


// 1970 //

»Was ist denn? Was thut Dir wehe?«

»Nix, gar nix!«

»Da thätst doch nicht weinen!«

Da lehnte sie leise ihr Köpfchen an ihn und antwortete:

»Es ist ja vor Glück!«

»Vor Glück? Vor Glück weinst? Herrgottle, ists wahr? Bist mir gut?«

»Fritz, ich hab Dich ja längst schon lieb gehabt, so sehr lieb.«

Da sagte er nichts, aber er legte beide Arme um sie und zog sie innig an sein Herz. Sie lagen an einander, und ihre Seelen verschmolzen in ein Dankgebet, welches zwar nicht in Worten auf zum Himmel stieg aber desto tiefer im Herzen empfunden wurde. Erst nach einer Weile unterbrach Fritz die eingetretene Stille:

»Aberst Martha, nun bekommst freilich keinen steinreichen Mann, der Dir so viele schöne Kleider kaufen kann!«

»Fritz, ich bin grad darüber froh, daßt so arm bist. Wir wollen brav schaffen und sparen, nachhero wird Gottes Segen bei uns sein.«

»Ja, der soll nicht bei uns fehlen, und - - vielleichten werden wir viel ehern reich, alst denkst.«

»Wieso?«

»Weißt doch, daß ich keine Eltern hab?«

»Ja, bist ein Findling gewest.«

»Nun denk, mir hat träumt, daß dera meinige Vatern ein reicher Bauern sei.«

»Das war nur Traum.«

»Ja. Der Vatern kam und gab mir Alles, was ihm gehört.«

»Ja, wann so ein Traum zur Wahrheit werden thät, so wärs schon mitzunehmen. Ich hab sagen hören, daß es dem Menschen meist träumt von dem letzten Gedanken, den er hat, bevor er einischläft. Da hast wohl auch denkt, wie gut es sei, wann Dein Vatern ein reicher Bauern wär, und sodann hat dera Traum diesen Gedanken weiter sonnen.«

»Vielleicht ists so, vielleicht auch geht dera Traum in Erfüllung. Es giebt Träumen, denen man es gleich anmerkt, daß sie keine Schäume sind, und so einer war derjenige auch.«

»Wann er in Erfüllung ging, thätst da auch noch an mich denken?«

»Aber Martha, was fallt Dir eini? Ich denk an Dich zu aller Zeit, weißt, wie es in dem schönen Ständchen heißt:

»Ich denke Dein in Lust und Leid;
Ich denke Dein zu aller Zeit,
   Zur Morgenstund, zur Abendstund,
   So recht aus treuem Herzensgrund
Und grüße Dich, Liebchen, mein Liebchen.«

»Das ist ein gar schönes Lied. Das lautet grad so, wie ich es gern haben möcht.«


// 1971 //

»Es geht noch weiter, nämlich:

»Wenn ich im Felde wandern geh,
Die goldnen Aehren wallen seh,
   Da denk ich an Deiner Locken Quell,
   Der Dir ums Haupt fließt golden hell,
Und grüße Dich, Liebchen, mein Liebchen.

Und wenn die stille Nacht erscheint
Und Thau der liebe Himmel weint,
   Dann denk ich an das Rosenlicht,
   Das glühend aus Deiner Seele bricht,
Und grüße Dich, Liebchen, mein Liebchen.«

Und so ists ja wirklich mit mir, Martha. Ich denk an Dich immerfort, wie könnt ich Dich da vergessen, wann ich wohlhabend werden thät? Erst recht würd ich mich darüber grad um Deinetwillen freuen, weil ich Dir dann dasjenige - - Himmel, schau dort, da kommt jemand!«

Er deutete nach links. Von daher kamen zwei eng aneinander geschmiegte Gestalten, eine männliche und eine weibliche, langsam auf die Bank zu.

»Das ist ein Liebespaar,« sagte Martha.

»Ja, aberst wer?«

»Wer kann das wissen! Wer geht jetzund so spät des Nachts mit seinem Dirndl im Wald spazieren, wo dera Samiel - - -«

»Du,« fiel Fritz ein, »sollts vielleichten gar Dein Oheim sein mit meiner Bäuerin?«

»Das wär ein Unglücken! Laß schauen!«

Sie beugte sich vor und strengte ihre Augen an, nicht vergebens, denn sie sagte ganz erschrocken:

»Ja, dera Oheim ists! Fort, schnell fort!«

Sie wollte in unüberlegter Schnelligkeit forteilen, Fritz aber hielt sie fest.

»Nicht fort, nicht fort!« warnte er.

»O ja! Sonst derwischt er mich!«

»Nein. Hier ists dunkel. Wannt hinaus fliehst in den Mondesschein, da erkennt er Dich sogleich. Hier mußt bleiben, hier im Schatten; da sieht er uns nicht. Jedenfalls gehens schnell hier vorüber.«

»So komm! Mach rasch, sonst wird es zu spät. Sie sind ja schon da!«

Die beiden Nahenden waren ungefähr noch fünfzehn Schritte entfernt. Die beiden jungen Leute konnten es nicht wagen, tief in das hinter der Bank stehende Gebüsch einzudringen, denn das Rascheln desselben hätte sie verrathen. Darum setzten sie sich gleich unter die ersten Akazienzweige nieder. Sie befanden sich so nahe, daß Fritz die Bank mit der Hand erreichen konnte, aber doch so im tiefen Schatten, daß es fast unmöglich war, sie zu bemerken, zumal sie Beide nach dortiger Sitte ganz dunkel gekleidet waren.

Der Förster kam mit der Bäuerin herbei. Sie gingen nicht vorüber, sondern blieben bei der Bank stehen.


// 1972 //

»Hier ist mein eigentlicher Posten,« sagte er. »Hier hab ich die ganze Nacht zu bleiben.«

»Himmelsakra! Was wird da mit uns!« flüsterte Fritz seinem Mädchen zu.

»Außer wannst revidiren gehst,« sagte die Bäuerin.

»Ja. Jetzund aberst wollen wir uns mal setzen. Das Steigen über Stock und Stein im dunklen Wald strengt an.«

»Kennst sie, wers ist?« fragte Fritz Martha, flüsternd.

»Ja, Deine Bäuerin.«

»Da werden wir was zu hören bekommen!«

»Wann wir nur fort könnten.«

»Er will die Posten revidiren. Wann er das thut und fort ist, können wir unbemerkt entkommen. Bis dahin mußt Dich gedulden. Wannst unbequem sitzen thust, so lege Dich nur an mich!«

Während die Beiden sich diese Bemerkungen zuflüsterten, hatten sich der Förster und die Bäuerin auf die Bank gesetzt. Der Erstere nahm seinen Hut ab, legte ihn neben sich, strich sich mit der Hand durch das spärliche Haar und sagte:

»Jetzunder möcht ich, dera Samiel käm grad daher gelaufen.«

»Warum jetzunder?«

»Weilst bei mir bist. Wir sitzen hier im Schatten und er kann uns nicht sehen. Wir aber thäten ihn ganz deutlich derkennen, weil er im Mondscheine wär. Ich wollt ihm zeigen, wer ich bin!«

»So! Was thätst denn machen?«

»Hier mit dieser Büchsflint thät ich ihm einen guten Abend sagen.«

»Thätst ihn derschießen?«

»Das thät mir nicht einfallen! Lebendig will ich ihn haben. Ich thät ihn nur lahm schießen, so daß er nicht laufen könnt. Er müßt gleich niederbrechen, und die Flucht wär für ihn eine Unmöglichkeiten.«

»Meiner Ansicht nach kannst sicher sein, daß er nicht kommt.«

»Warum?«

»Selbst wann er in diese Gegend käm, würd er doch nicht so dumm sein, diesen von dem Mond so hellbeschienenen Pfad zu betreten; er würde sich vielmehr da hinter oder da vor uns am Thalrande durch das Gebüsch schleichen.«

»Um daran zu denken, müßt er sehr klug sein.«

»Hältst ihn für dumm?«

»Das grad freilich nicht.«

»Oder mich für ganz besonders gescheidt, da ich den Gedanken hab, dent dem Samiel nicht zutraust?«

»Sappermenten, welch eine Frag! Natürlich bist eine Gescheidte, die Gescheidtste, die ich kennen thu unter Allen. Aberst was noch viel angenehmer ist: Du bist auch die Allerschönste von Allen!«

»Schmeichler!«

»Ich schmeichle nicht, sondern das sagen ja alle Leutln, wann von Dir die Red ist.«


// 1973 //

»Ists wahr?« fragte sie in wohlgefälligem Flötentone.

»Ja. So sagen sie, und sie haben Recht. Die Lieb zu Dir könnt Einen gerade ganz verrückt machen!«

»Das verlang ich gar nicht.«

»Aberst es ist so. Wann ich daran denk, daß Dich Dein Mann umarmt und küßt und - -«

Sie unterbrach ihn mit einem lauten Lachen.

»Pst! Still doch!« warnte er. »Es darf ja Niemand hören, daß Jemand hier ist.«

»Ja, wannst so lächerlich redest, da kann ich doch nicht weinen! Dera Kronenbauer mich umarmen und küssen! Dera kalte Eiszapfen thät in meiner Gluth zerschmelzen, so daß er ganz aus einander tropfen thät. Was denkst von mir? So ein altes, dürres und blindes Gestell soll mich umschlingen? Lieber thät ich mich doch gleich vom Tod umarmen lassen!«

Fritz machte eine zornige Bewegung, als ob er aufspringen wolle. Martha flüsterte, indem sie schnell die Arme um ihn schlang, ihm erschrocken zu:

»Bleib um Gotteswillen. Willst uns etwan gar verrathen!«

»Hast Recht,« antwortete er leise. »Sie wird ihren Lohn gewiß erhalten, auch wann ich ihr ihn nicht sofort gebe. Du bist bei mir. Wann das nicht wäre, so ständ ich jetzt schon vor ihr und sagt ihr, wer meinen guten Va - - -«

Er hielt inne. Beinahe hätte er sein Geheimniß ausgeplaudert.

»Was wolltest sagen?« fragte sie.

»Später. Horch jetzund, wovon sie reden.«

Der Förster antwortete der Bäuerin:

»Also auf ihn brauch ich gar nicht eifersüchtig zu sein?«

»Wannst das wärst, so wärst entweder verrückt oder dera allergrößte Schafskopf, dens nur geben kann auf dera Welt.«

»Aberst desto mehr muß ich einen Andern ins Auge fassen.«

»Wen?«

»Den Knecht, den Fritz.«

»Das ist auch ein ganz dummer Gedanke.«

»Nein, dem Fritz bist gut, das weiß ich genau.«

»So. Ich bin dreißig Jahre alt und er erst kaum über die Zwanzig. Er ist fast noch ein Schulbub, und da soll ich mich in ihn verlieben. Laß Dich auslachen.«

»O, Du weißt genau, daß er dera sauberste Bursch ist im ganzen Dorf und auch noch weit darüber hinaus.«

»Darauf hin hab ich ihn noch gar nicht ansehen. Da Du mich darauf aufmerksam machst, muß ich ihn mir schnell anschauen.«

»Um ihn Dir anzuschaffen.«

»Warum nicht, wann er mir gefallt,« lachte sie auf.

»Leise, leise! Lach nicht so! Wir befinden uns doch auf Posten.«


// 1974 //

»Du, aberst nicht ich. Ich werde also lachen, so oft Du was Lächerliches bringst, um mich zu ärgern.«

»So lächerlich ist das nicht.«

»Freilich ists lächerlich, wannsts für möglich hältst, daß ich mich in meinen Pflegesohn verlieben könnt, zumal er doch bereits sein Dirndl hat.«

»Welches denn?«

»Das Deinige, die Martha.«

»Das hast bereits schon sagt; aberst ich glaubs halt nicht.«

»Und doch ists so. Ich weiß es zwar noch nicht gewiß, aberst als ich die Beiden so bei einander stehen sah, da leuchtete die Liebe ihnen aus den Augen, und wenn sie es einander auch noch nicht sagt haben, so wirds doch gar nicht lange währen, so sind sie einig worden.«

»Hörsts, wie Recht sie hat?« flüsterte Fritz, indem er die Geliebte an sich drückte.

»Das könnt mir fehlen!« zürnte der Förster. »Dera Fritz mag sich nur keine Rechnung auf mein Dirndl machen.«

»Warum? Hast was gegen ihn?«

»Sonst nicht, aberst ich hasse ihn.«

»Thätst sie ihm also nicht geben?«

»Nein.«

»Eigentlich hatt ich dacht, daß es Dir ganz willkommen wär, wann er Dich um ihre Hand bitten thät!«

»Willkommen? Dazu könnt ich keinen Grund finden, auch nicht einen einzigen.«

»Und ich weiß einen sehr großen.«

»So magst ihn mir sagen. Ich bin sehr neugierig daraufi.«

»Wannst ihn nicht selberst findest, so bist halt dumm genug. Ich hab die Eifersucht meint.«

»Wie denn so die Eifersucht?«

»Nun, Du denkst, ich bin ihm gut. So gieb ihm doch die Martha. Dann hat er eine Frau und wird mich nicht mehr anschaun.«

Er schwieg eine ganze Weile. Man konnte sein Gesicht nicht sehen; aber er hatte die Hände wie zur Abwehr erhoben, und seiner ganzen Haltung war anzusehen, daß er sich in einer Ueberraschung befand.

»Nun, was sagst dazu?« fragte sie.

»Dazu möcht ich halt gar nix sagen.«

»So? Mußt aberst doch eine Meinung haben!«

»Ja, die hab ich auch, und gut und richtig wird sie sein.«

»Darf ich sie derfahren?«

»Warum nicht? Da macht ich erst recht nicht mit, dem Fritz aus lauter Eifersuchten meine Martha zu geben.«

»Warum nicht?«

»Das wäre eine schöne Geschichten! Du wärst meine Frauen und meine Nichte die seinige. Da wäre er doch mein Verwandter!«


// 1975 //

»Natürlich!«

»Als mein Verwandter könnt er mich besuchen, wann und wie oft es ihm gefallen thät, und da hätt ich mir freilich gar den Geisbock als Gärtner für den Sallat bestellt. Er thät ihn mir wegfressen anstatt ihn mir zu bewahren.«

»Das versteh ich nicht.«

»Soll ichs Dir etwan noch deutlicher sagen?«

»Ja freilich. Ich will doch wissen, wast eigentlich meinst.«

»Nun, so lang er Knecht ist auf dem Kronenhof und Dein Mann ist todt und ich bin dera Bauer worden, kann ich den Fritz fortjagen, wann es mir nur gefallt. Wann er aberst die Martha hat, kann ich ihm die Thür nicht zeigen. Er kann mich besuchen, oder vielmehr Dich, und Ihr könnt nachhero hinter meinem Rücken machen, was Euch beliebt.«

»So meinst, daß er nachhero mein Kebsmann ist?«

»Ja.«

»Donnerwetter, bist aber Du aufrichtig!«

»Das muß man sein, wann man sich heirathen will.«

»So hältst mich also für Eine, welche neben ihrem Manne noch einen zweiten haben möcht?«

»Ja.«

»Himmelsakkerment! Das ist noch viel aufrichtiger!«

»Hab ich etwan nicht Recht?«

»Nein.«

»So! Hast etwan jetzt keinen Mann?«

»Leider.«

»Und doch mich dabei!«

»Das ist etwas ganz Anderes. Meinen jetzigen kann ich nicht leiden. Wann ich den nur derblick, so überlauft mich schon eine Gänsehaut. Wann ich aberst sodann Dich hab, so brauch ich doch keinen Andern.«

»Wann es so wär, dann wär es gut.«

Sie wendete sich in erkünsteltem Zorne von ihm und sagte:

»Wannst mir schon jetzt nicht traust, wie soll es dann später werden. Da ist es doch viel besser, wir sehen von einander ab.«

»Na, so war es nicht gemeint.«

»Das ist keine Ausred und keine Entschuldigung. Ich nehm ein jedes Wort, wie es sagt worden ist und nach dem Sinn, welchen es hat. Wannst gewohnt bist, Dich anderst auszudrücken, als Du es meinen thust, so können wir nicht mit nander verkommen. Also denk ich, daß es besser sei, wir gehen aus nander, und zwar jetzt gleich.«

Sie stand auf. Er aber griff schnell mit beiden Händen nach ihr und zog sie wieder zu sich nieder.

»Sei doch nicht so schnell. So eilig ists doch mit dem Auseinandergehen nicht. Wann Dich das Wort beleidigt hat, so nehm ich es halt wieder zuruck, und Du kannsts vergeben. Willst, Kätherl?«


// 1976 //

»Was hilfts, wenn ich will und es kommt doch wieder vor?«

»Nein, es kommt nicht wieder vor. Das kann ich Dir versprechen.«

»Ich kann auch gar nicht begreifen, wast hast. Daß ich Dir gut bin, das weißt doch nun, und da ist es die größte Dummheiten von Dir, eifersüchtig zu sein, besonders gegen den Fritz, aus dem ich mir gar nix machen thu.«

»Aberst die Martha willst ihm doch geben!«

»Ich? Wer hat das sagt?«

»Ich denks. Deine Red hat ganz so klungen.«

»Laß Dich doch nicht auslachen. Mir fallts gar nicht ein, ihm mein Jawort zu geben, wann er die Martha haben will.«

»So! Warum?«

»Weil sie nicht für ihn paßt.«

»Ich denk, daß ein Jeder mit ihr verkommen kann.«

»Das mag sein; aberst Schuster, bleib bei dem Leisten! Sie paßt nicht für ihn. Sie ist ein armes Ding, und er ist dera Pflegesohn vom reichen Kronenbauer. Das ist ein Unterschied.«

»Du, Kätherl, mit dem Unterschied wirds nicht weit her sein. Ich hab nicht merkt, daß er als Sohn gehalten wird. Er ist dera Knecht und arbeitet als Knecht. Meine Nichte aberst ist ein Förstermadel. Das ist schon was Anderes als eine Bauernmagd.«

»Sie ist Deine Magd, nix weiter.«

»Oho!«

»Ja. Hältst sie etwan als Tochter?«

»Ja.«

»Natürlich. Aberst blos deshalb, weilst einer Tochter keinen Lohn zu geben brauchst. Dera Fritz aberst erhält von uns seinen Lohn. Und giebst ihr etwan was mit, wann sie mal heirathen thut?«

»Das wird sich finden.«

»Und machst sie zu Deiner Erbin?«

»Das fallt mir nicht ein. Erben sollst ja Du mal Alles, wann ich sterbe und wir haben keine Kindern. Ebenso könnt ich auch fragen, ob dera Fritz Euer Erbe ist.«

»Der mag sich den Mund waschen. Bekommen thut er nix.«

»So stehen die Beiden also gleich.«

»Nein, noch lange nicht. Dera Fritz gehört in einen großen Bauernhof, und wann er heirathen will, soll er eine Reiche bringen, sonst bekommt er unsere Einwilligungen nicht. Er soll uns keine Schande machen.«

»Dera Findling? Willst etwan aus Stolz über ihn gar noch platzen?«

»Nein. Ich sprach auch nur von dem Fall, daß er heirathen will, bevor Du mein Mann bist. Später, wenn dera Kronenhof Dir gehört, mag er machen, was er will. Er geht uns sodann nix mehr an, und Du wirst ihn bald genug fortgejagt haben.«

»Ja; wann ich einziehe in den Hof, so muß er in demselbigen Augenblick


// 1977 //

hinaus. Ich mag keine Stund mit ihm beisammen sein und will hoffen, daß es Dir recht ist.«

»Wann ich nur Dich bekomm, so ist mir Alles recht.«

»Ists wahr, Kätherl?«

»Ja.«

»So gar lieb hast mich wirklich?«

»Willsts immer noch nicht glauben?«

»O ja; aberst es klingt so schön, wannsts mir sagst; darum frag ich Dich immer und immer wieder.«

»So will ich Dir jetzund zum tausendsten Male sagen, daß ich Dich von ganzem Herzen lieb habe. Komm her; ich muß Dir einen tüchtigen Kuß geben!«

»So laß ich mirs gefallen! So bist grad, wie ich Dich gern hab. Küsse sollst gern bekommen, wievielst nur haben willst.«

Er schlang die Arme um sie, drückte sie an sich und küßte sie so gierig, daß sie es sich wohl nicht gefallen lassen hatte, wenn es nicht grad jetzt ihre Absicht gewesen wäre, ihm zu einer so langen und innigen Umarmung Gelegenheit zu geben.

Nämlich sie hatte sich bereits daheim unter alten, nicht mehr gebrauchten kleinen Schlüsseln einen ausgewählt, welcher genau die Gestalt und Größe hatte wie derjenige des Försters, welcher dessen Gewehrschrank schloß. Sie hatte ihn mitgebracht, ihn während der Unterhaltung aus der Tasche genommen und in der Hand gehalten.

Es kam ihr darauf an, dem Förster seinen Schlüssel zu nehmen, ohne daß er es bemerkte und den anderen an die Stelle desselben zu hängen. Darum hatte sie ihn sich heut bei der Capelle so genau angesehen. Hätte sie ihn einfach weggenommen von der Kette, so war es sehr leicht möglich, daß er das Fehlen desselben bemerkte, hing sie aber einstweilen einen anderen an dessen Stelle, so konnte der Förster jetzt, bei Nacht, seine Uhrkette zehnmal in die Hand nehmen, ohne zu bemerken, daß der Gewehrschrankschlüssel fehle.

Als er sie nun so innig umarmte und fest an sich drückte, umschlang sie ihn nicht, sondern hielt ihre Arme an sich, so daß sie zwischen ihrem und seinen Leib zu liegen kamen. Das hatte ganz den Anschein, als ob sie die allzu feste Umarmung von sich abwehren wolle. Indem er sie nun mit fast thierischem Ungestüm preßte und küßte, schaffte sie sich mit dem linken Arme für die rechte Hand den nöthigen Raum, um seine Uhrkette zu erwischen.

Sie fühlte dieselbe. Ein Druck an den Carabiner, an welchem der Schlüssel hing, und er öffnete sich. Der Schlüssel befand sich in ihrer Hand. Ebenso leicht gelang es ihr auch, den falschen Schlüssel an den Carabiner zu befestigen.

Jetzt, da sie ihren Zweck erreicht hatte, entzog sie sich seiner mehr als stürmischen Liebkosung. Sie schob ihn von sich ab und sagte, nach Luft schnappend:

»Herrjesses, Du drückst mir ja die Seel aus dem Leib! Deine Lieb ist


// 1978 //

so gewaltig, daß mans gar nicht aushalten kann! Hörst nicht, daß ich gar keinen Athem mehr hab?«

»Mag sein; aberst so muß man es machen bei dera richtigen Lieb. Einen Genuß muß man davon haben.«

»Aber keinen, an welchem der Andere versticken kann.«

»So schnell geht dem Menschen die Lebensluft nicht aus. Komm her! Wollens noch mal versuchen!«

»Das hat noch Zeit. Laß mich nur erst erholen.«

»Bist doch sonst nicht so zart. Bist wohl in dera letzten Zeit schwach worden?«

»Nein, aberst Alles hat sein Maaß und Ziel, auch die Liebe.«

»Da dank ich für das Maaß, mit welchem Du heut messen willst! Ich hab Dich gar so wenig, und wann ich Dich mal bekommen will, so müssen wir uns heimlich fortstehlen und uns in denen Winkeln umherdrücken. Das ist nix Willkommenes. Es kann mich nicht gefreuen.«

»Mich auch nicht. Es geht aberst leider jetzt nicht anderst.«

»Ja, später wirds besser, wann ich erst Dein Mann bin. Da wohnen wir bei nander, und kein Mensch hat uns nix zu sagen. Nachhero aberst werd ich meine schöne Frau genießen. Da kannst Dich nur darauf gefaßt machen!«

»O Jegerl, das wird gefährlich!«

»Gefährlich nicht, aberst herrlich. - Donnerwettern! Die Zeit ist längst schon vorüber, in welcher ich revidiren muß. Was ist da zu thun?«

Er hatte seine Uhr gezogen und gegen einen Mondesstrahl gehalten, welcher durch die Zweige fiel. Die Bäuerin war darüber erschrocken, fühlte sich aber vollständig beruhigt, als er die Uhr wieder einsteckte, ahnungslos, daß der Schlüssel, welchen er ja auch mit in der Hand gehabt hatte, ein falscher sei.

»Was zu thun ist,« sagte sie, »das mußt selberst wissen.«

»Fort muß ich mal!«

»So geh!«

»Ich kann Dich doch nicht hier lassen!«

»Warum nicht?«

»Weil ich Dich gern so lang wie möglich bei mir haben will. Also gehst mit?«

»Daran liegt mir nix.«

»Warum denn? Bist müd?«

»Ja, ich bin müd worden von dem Weg, den wir macht haben, und sodann ists ja auch möglich, daß ich sehen werd, wann ich mit Dir geh.«

»O nein! Bevor ich zum Posten geh, um mit ihm zu reden, bleibst hinter denen Büschen stehen.«

»Steht dera Posten auf einer Stell?«

»Nein. Er geht in seinem Bereich hin und her.«

»So kann er leicht auf uns treffen, ehe wir bemerken, daß er kommt. Und was soll er dann denken, wann er mich bei Dir sieht?«


// 1979 //

»Da hast freilich Recht.«

»Ich geh also nach Haus.«

Das war keineswegs ihre Absicht. Sie mußte ihm ja den Schlüssel wieder heimlich zustecken. Sie sagte aber so, um von ihm selbst zum Bleiben aufgefordert zu werden. Sie hatte sich auch nicht verrechnet, denn er sagte sofort:

»Schon heim willst? Das geht nicht!«

»Ich möcht halt wissen, warum!«

»In dera Nacht allein heimgehen?«

»Was ists weiter? Dera Mond scheint doch, und ich kenne den Weg.«

»Und wann dera Samiel Dir begegnet?«

»Der wird einer Frau nix thun. Bei mir ist nix zu holen.«

»Aberst eben weilst eine Frau bist, und noch dazu eine schöne Frau.«

»Meinst, daß er sich in mich verliebt?«

»Er wird kein Esel sein. Wann so ein Räuber des Nachts im Wald einer schönen, jungen Frau begegnet, so kann man sich gar leicht denken, was passiren wird.«

»Oho! Ich thät mich wehren.«

»Gegen den Samiel? Damit würdest nicht sehr weit kommen!«

»Ich bin ganz überzeugt, daß es ihm gar nicht einfallt, sich daher in den Wald zu setzen. Nachdem er an dem Oberlieutenant so ein gutes Geschäft macht hat, wird er heimgangen sein und sich aufs Ohr ins Bett legt haben.«

»Und wannst Recht hättest, so kannst doch einem von unsern Posten in den Weg laufen, und diese sollen Dich nicht sehen.«

»Auch das geschieht nicht.«

»Gar leicht.«

»Nein. Du hast mir doch sagt, wo die Posten sich befinden. Da kann ich ihnen nun leicht aus dem Weg gehen.«

»Du hast ja hört, daß sie nicht auf einer und derselben Stell stehen bleiben. Du kannst wirklich gar leicht derwischt werden. Es ist am Allerbesten, Du bleibst hier und wartest, bis ich wiederkomm.«

»Meinst?«

»Ja. Nachhero führ ich Dich durch den Wald, bis er zu Ende ist.«

»Darfst denn von hier fort?«

»Eigentlich nicht; aberst Dir zu Lieb wag ich es gern, gegen die Instructionen zu handeln.«

»Hast ja auch eine Ausred.«

»Welche meinst denn?«

»Wannst derwischt wirst wo anderst als auf Deinem Platz, kannst ja sagen, daßt revidiren gewest bist.«

»Daran hab ich auch schon denkt. Uebrigens werd ich um eine Ausred gar nicht sehr verlegen sein. Also, willst hier warten oder nicht?«

»Wannst denkst, so bleib ich hier.«

»Ja. Ich werd mich sehr beeilen.«

»Wie lange wird es dauern, bis Du wiederkommst?«


// 1980 //

»Das ist freilich lang. Die Zeit wird Dir nicht kurz werden. Eine halbe Stund hab ich bis zu dem einen Posten und eine Viertelstund bis zum andern, zuruck also ebenso weit, das thät in Summa anderthalbe Stund machen. Aberst wann ich recht rasch geh, kann ich in einer Stund wohl wiederum da sein.«

»Brauchst Dich nicht gar zu sehr anzustrengen; ich werd gern warten.«

»Aberst die Langeweile, welche Du dabei haben wirst.«

»Die wird nicht arg sein, denn ich werd mich auf die Bank legen und versuchen, ob ich schlafen kann. In dieser Nacht versäum ich meinen Schlaf, da kann ichs sehr gut gebrauchen, wann ich ein Stündchen schlafen thu.«

»Hast Recht. Aberst so allein im tiefen Wald zu schlafen, das ist für eine Frauen nix Gewöhnliches. Wirst Dich fürchten.«

»O nein. Vor wem denn?«

»Vor denen Geistern und Gespenstern.«

»Da laß mich aus! Es giebt ja keine.«

»Denkst das wirklich?«

»Ja. Ich hab niemals an solche Dummheiten glaubt. Geh also in Gottes Namen; um mich braucht Dir nicht bang zu sein.«

»Na, wanns so ist, dann bin ich freilich beruhigt. Ich werd also gehen. Vorher aberst giebst noch einen Kuß!«

»Hast schon wieder Appetit!«

»Zu so was Delicatem jede Minut!«

»Da hast ihn! Und nun mach, daßt fort kommst, damit ich schlafen kann. Je eher Du gehst, desto eher kannst wiederum da sein.«

»Gut. Aberst man kann nicht wissen, was passiren thut. Es kann doch Jemand kommen, vielleicht gar der Samiel. Schlaf nicht zu fest, und wann Jemand kommt, so versteckst Dich sogleich hier hinter dera Bank in die Büschen, bis ich zuruckkehren werd.«

»Schön! Ich hab meine Instructionen und werd sie befolgen,« lachte sie.

»Das mußt auch thun. Also leb wohl auf Wiedersehen, Kätherl!«

»Adje, lieber Schatz!«

Er war bereits mehrere Schritte fort. Da blieb er stehen und sagte:

»Adje, lieber Schatz? Donnerwetter! Wannst so zärtlich und liebenswürdig zu mir redest, da muß ich Dir gleich noch aus reiner Dankbarkeiten einen recht derben Schmatz geben.«

Er kam wieder zu ihr zurück und wollte sie abermals umarmen; sie aber wehrte sich dagegen und sagte:

»Wannst so unersättlich bist, werd ich andere Saiten aufziehen müssen. Ich werds mir merken, daß ich nicht liebenswürdig mit Dir sein darf.«

»Geh her, Kätherl! Nur noch einen, einen einzigen!« bat er.

»Na, da hast ihn, daßt nur endlich fortkommst! Aberst aus dera Ferne; nicht so nahe. Angreifen darfst mich nicht dabei, sonst druckst mich abermals so, daß ich es nicht aushalten kann.«


// 1981 //

Er mußte gehorchen und ihr den Kuß aus der Distance geben. Dann ging er.

Sie blickte ihm nach, bis er aus dem hell beschienenen Thale in den dunklen Wald getreten war. Dann stampfte sie mit dem Fuße und knirrschte so laut, daß die beiden Lauscher es hörten:

»Endlich! Dera verdammte Kerl war ja gar nicht fortzubringen! Nun kann ich aberst schnell machen! Vorwärts also!«

Sie nahm den Rock hoch empor, so daß die nun mit den Männerhosen bekleideten Beine nicht am schnellen Laufe gehindert waren, und sprang längs des Weges hin und bog dann rechts ab in der Richtung nach dem Forsthause zu.

Sie hatte, wenn sie langsam wäre, eine Viertelstunde zu gehen, bei der Eile aber, mit welcher sie vorwärts strebte, konnte sie in der Hälfte dieser Zeit dort sein.

Sie hielt nun keineswegs den gebahnten Weg inne, denn sie wußte, daß sie sonst auf einen der ausgestellten Posten gestoßen wäre. Sie wendete sich vielmehr unter die weit auseinander stehenden hochstämmigen Bäume. Zwar war es da ziemlich dunkel, und sie hatte hier und da rechts oder links um die Bäume zu biegen; aber es war besser, etwas langsamer weiter zu kommen, als von Jemand bemerkt zu werden.

Sie kannte den Wald und besonders diese Parthie desselben so genau, daß ein Irren gar nicht möglich war. Aus diesem Grunde gelangte sie nachher, als sie die Gegend des Forsthauses erreichte und wieder nach rechts bog, um auf den freien Platz, auf welchem es stand, zu kommen, ganz genau an die Stelle, an welche sie ihren Knecht Bastian bestellt hatte.

Er hatte sich dort unter die Zweige des jungen Nadelholzes verstecken sollen. Trotz der Eile, mit welcher sie gelaufen war, waren ihre Schritte im weichen Moose doch so leicht und leise gewesen, daß Bastian sie gar nicht gehört hatte.

»Pst!« machte sie leise, indem sie stehen blieb und nun auf Antwort horchte.

Erst jetzt bemerkte er, daß Jemand da sei. Er steckte den dicken Kopf unter den Zweigen hervor, lugte heraus und sah sie an.

»Hier!« antwortete er.

Mit einigen Schritten kam sie hin zu ihm.

»Hast Alles mit?« fragte sie.

»Natürlich!«

»Auch die Latern und das Blatt?«

»Ja. Kannst hereinkommen.«

»Hilf mir! Es muß rasch gehen!«

Er kam heraus zu ihr, ergriff ihre Hand und zog sie hinein in das Dickicht. Dort hatte er ein zwischen Bäumen liegendes, kleines Plätzchen ausfindig gemacht, welches Raum genug dazu bot, die Samielskleidung anzulegen.

Die dazu nöthigen Stücke lagen da am Boden. Auch das Dings, welches


// 1982 //

Sepp und Fritz für eine Stockflinte oder so etwas Aehnliches gehalten hatten. Bastian zeigte auf dasselbe und sagte:

»Hier ist auch die Leiter.«

»Gut! Aber wir werden sie nicht brauchen, Bastian.«

»Das wäre gut, denn klettern thu ich nicht gerne.«

»Wir können in das Haus. Erst dachte ich, wir müßten zum Fenster hineinsteigen.«

Während sie sprach, natürlich sehr leise, kleidete sie sich an. Der Bastian hatte die Samielstracht bereits vorher angelegt. Während er seiner Herrin half, die ihrige anzulegen, fragte er:

»Also Geld willst holen und wie groß ist die Summen?«

Sie sagte es ihm nicht gern; er hätte lieber nicht wissen sollen, welch einen bedeutenden Fang sie machen wolle. Morgen aber wurde jedenfalls allüberall davon gesprochen, und da mußte er es doch erfahren. Darum antwortete sie der Wahrheit gemäß:

»Dreißigtausend Markln.«

»Kreuzdonnerwetter!«

»Was fluchst?«

»Weils so viel ist.«

»Das ist noch lange keine Million!«

»Aberst beinahe.«

»Unsinn! Du hast keine Ahnung, was zu einer Million gehört.«

»Wohl viel mehr?«

»Freilich, noch tausendmal mehr.«

»Sakkerment! Doch sag, giebst mir auch was von denen dreißigtausend?«

»Ja. Wie viel willst haben?«

»Dieses Mal werd ich viel verlangen.«

»Nur nicht allzu viel. Also sags!«

»Giebst mir hundert Markln!«

»Du, werde nicht unverschämt!«

»So sags selbst, wast geben willst.«

»Fünfzig.«

»So, also fünfzig! Weißt, ich weiß noch was viel Besseres!«

»Was denn?«

»Wannst mir einen Willen thust, brauchst mir gar nix zu geben.«

»Nun, was willst Du denn?«

»Ich will - will - Dein Mann sein.«

»Natürlich wirst Du der; aber das geht doch nicht so schnell, wie Du denkst!«

»Wohl weil dera jetzige noch lebt?«

»Ja.«

»Ach, wann der auch noch lebt, so kann ich es doch auch mit sein.«

»Ich will es mir überlegen.«

»So überleg es bald, sonst nehm ich die fünfzig Markln.«


// 1983 //

»Jetzt giebt es zum Ueberlegen keine Zeit, Bastian. Wir müssen schnell machen, denn ich muß rasch wieder fort, sonst ists verrathen, daß wir Beide es sind, die den Samiel spielen. Das Geld ist nämlich in dem Förster seiner Stube, im Gewehrschrank.«

»Sapperment! Der wird wohl verschlossen sein?«

»Ja, doch hab ich den Schlüssel.«

»Das ist sehr gut, sehr schön und fein.«

»Aber es ist ein dummes Ding dabei. Nämlich der Graf bleibt heut Nacht im Forsthause und schläft grad in diesem Zimmer.«

»Den soll dera Teuxel holen! Kann er nicht wo anderst schlafen?«

»Diesen Gefallen wird er uns freilich nicht thun.«

»Können wir denn in seine Stuben?«

»Jedenfalls. Hoffentlich schläft er!«

»Und wann er nicht schläft, so wird er Lärm machen.«

»Das müssen wir zu verhüten suchen.«

»Aber wie? Ich weiß ein Mittel. Es ist das beste, was es giebt.«

»Dieses Mittel kenne ich. Du hältst es bei jeder Gelegenheit für das beste.«

»So? Was hab ich denn meint?«

»Du willst ihn todtschlagen. Nicht?«

»Natürlich!«

»Und ich will es nicht!«

»So bist dumm genug. Wann er Lärm macht, sind wir caput.«

»O nein. Er wird sich nicht groß wehren, und außer ihm sind nur noch die Martha und die alte Magd daheim.«

»Wanns so ist, so hab ich keine Sorg. Mit denen Dreien werden wir schon fertig.«

»Das Geld will und muß ich haben, auf alle, alle Fälle. Darum werde ich, wenn man mich zwingt, zum äußersten Mittel greifen, das heißt, ich werde die Person niederschießen, die mich in eine wirkliche Gefahr bringt.«

»Kanns sein, wer will?«

»Ja.«

»Schön! Darauf freu ich mich gar sehr!«

»Red nicht solches Zeug! Man soll nicht aus reiner Wollust morden. Aber wenn es sich um meine Person handelt, so wehre ich mich natürlich auf das Aeußerste. Ich bin jetzt fertig. Komm!«

Sie schlüpfte aus dem Unterholz hinaus, und Bastian folgte ihr.

Draußen schien natürlich der Mond, aber rund um die Lichtung lag ein breiter Schattenstreifen. Im Schutze desselben schlüpften sie bis an den hintern Gartenzaun der Försterei. Ueber diesen sprangen sie hinweg und befanden sich nun im Garten, aus welchem sie ganz ohne alle Mühe in den Hof gelangten.

»Wo sind die Hunde?« flüsterte Bastian.

»Sie sind eingeschlossen, damit sie den Grafen nicht stören sollen.«


// 1984 //

»Das haben die dummen Kerls sehr gescheidt macht. Nun können wir weiter.«

Die Bäuerin war bereits oft hier gewesen. Sie kannte die Lage des Kuhstalles. Als sie ihn erreichte, fand sie an der Thüre desselben das Loch, von welchem der Förster gesprochen hatte. Sie langte hinein und fühlte den Holzriegel, den sie aufschob.

Auf diese Weise gelangten sie ohne alle Mühe in den Stall. Sie machten natürlich die Thüre hinter sich wieder zu, und sodann brannte Bastian die kleine Blendlaterne an, welche er mitgebracht hatte.

Als dieselbe brannte, leuchtete er im Stalle umher.

»Niemand hier,« war das Resultat seiner Nachforschung.

Die beiden Kühe lagen auf der Streu und kauten wieder.

»Jetzt nun beginnt das Gefährliche,« sagte die Bäuerin. »Wir müssen hinaus in den Hausflur. Ich will erst mal nachschauen, ob Jemand draußen ist.«

Sie nahm dem Knecht die Laterne aus der Hand und steckte sie zunächst vorsorglich in die Tasche. Sodann trat sie an die zweite Thüre des Stalles und öffnete dieselbe leise, um hinaus in den Hausflur zu blicken.

Es war finster draußen und kein Lüftchen regte sich.

»Komm!« flüsterte sie.

Bastian folgte ihr, die Thüre hinter sich zumachend.

Nun befanden sie sich im Flur. Sie horchten. Das Schnurren eines Spinnrades ertönte aus der Wohnstube.

»Sie sind da drin,« raunte die Bäuerin dem Knecht zu. » Da weiß man, wie es geht: die Eine spinnt, und die Andere liest oder schläft. Sie sind ungefährlich. Wir können also die Trepp hinaufi steigen. Nimm Dich nur in Acht, daß sie nicht knarren thut. Ich werd dazu leuchten.«

Sie nahm die Taschenlaterne wieder heraus und leuchtete. Die Treppe war gut gebaut und bestand aus ganz vortrefflichem Holze. Sie knarrte nicht. Als sie aber den Vorplatz erreichten, hielt die Bäuerin erst Umschau. Da gab es über den hier befindlichen Thüren Geweihe aller Art. Alte Jagdutensilien hingen an den Wänden; dabei auch eine Anzahl fester Koppelriemen für die Jagdhunde.

»Das paßt!« flüsterte sie. »Die können wir gebrauchen.«

»Wozu?« fragte Bastian.

»Um den Grafen zu fesseln. Paß nur recht auf, was ich mach. Da mußt allemalen gleich schnell mit helfen.«

Sie nahm die Riemen zu sich und schlich sich nun an die ihr bekannte Thüre, welche zur Stube des Försters führte. Sie horchte und glaubte ein ziemlich lautes, regelmäßiges Schnarchen zu vernehmen.

»Er scheint zu schlafen,« flüsterte sie. »Ich werd mal aufimachen. Tret ich hinein, so kommst auch und riegelst die Thür hinter Dir zu, damit wir nicht von außen überrascht werden.«

Sie klinkte langsam auf, langsam und vorsichtig, so daß dabei nicht das


// 1985 //

geringste Geräusch verursacht wurde. Sodann zog sie die Stubenthüre ein wenig auf und blickte hinein.

Der Graf lag ausgezogen in dem weiß und neu überzogenen Bette. Er hatte den Mund auf und schlief schnarchend. Der Hieb, welchen er auf den Kopf erhalten hatte, schien doch nicht ganz ohne nachtheilige Folgen für ihn gewesen zu sein.

»Komm schnell!«

Bei diesen Worten schlüpfte sie lautlos hinein, und der Knecht folgte ihr, ebenso unhörbar wie sie. Dann verschloß er die Thür. Sie steckte die Laterne in die Tasche und huschte hin an das Bette, neben welchem auf dem Tische eine Lampe brannte. Bastian folgte ihr auch dorthin.

»Das paßt, daß er den Mund aufi hat,« raunte sie ihm zu. »Da können wir ihm einen Knebel hineinstecken, ohne daß es uns eine große Mühen macht.«

»Wovon bereiten wir denselben?«

»Von seinem Schnupftuchen, welches da auf dem Stuhle liegt. Aberst paß aufi! Sobald ich ihm den Knebel in den Mund schiebe, wird er aufwachen und sich bewegen. In ganz demselbigen Augenblick mußt ihm sofort ganz schnell einen Riemen um die Arme binden, so daß sie an den Leib gepreßt sind, sonst kann er sich wehren und den Knebel aus dem Mund entfernen. Dann binden wir ihm auch die Beinen zusammen, daß er sich gar nicht regen kann.«

Sie drückte das weiße Taschentuch des Officiers fest zusammen und trat zu Häupten des Bettes. Bastian ergriff einen der Riemen und hielt denselben, an der Seite des Bettes stehend, bereit.

Jetzt schob die Bäuerin das Taschentuch dem Grafen in den Mund. Sie stopfte es mit dem Finger so tief wie möglich hinein. Natürlich erwachte der Graf, da er keinen Athem mehr durch den Mund bekam. Er fuhr vor Schreck in die sitzende Stellung empor.

Das war für den Bastian außerordentlich bequem. Im Nu hatte er ihm den Riemen um die Arme geschlungen und zog denselben so zusammen, daß die Ersteren fest an den Leib gepreßt wurden. Ein zweiter Riemen vollendete das Werk.

Jetzt kam der Graf eigentlich erst zum richtigen Erwachen. Er hatte sich bisher noch halb im Schlaf und instinctiv bewegt. Er riß die Augen weit auf und sah den Bastian vor sich stehen. Die Bäuerin konnte er nicht sehen, da diese hinter ihm am Haupte des Bettes stand. Ein ungeheurer Schreck bemächtigte sich seiner. Aber er überwand denselben augenblicklich und machte eine Bewegung, aus dem Bette heraus zu kommen. Aber da er nur die Beine frei hatte, so war es für Bastian leicht, dies zu verhindern. Er band ihm auch die Beine, trotzdem der Graf sich strampelnd dagegen wehrte. Der Letztere sank erschöpft und fast erstickt mit dem aufgerichteten Oberkörper wieder nieder, und augenblicklich legte ihm die Bäuerin ein Kopfkissen auf das Gesicht, damit er nicht sehen könne.


// 1986 //

»Jetzt geh wieder hinaus, und halt die Wach vor dera Thür,« gebot sie dem Bastian leise. »Wann Jemand aufikommen sollt, so schlüpfest gleich wieder herein und machst den Riegel wieder vor!«

Er entfernte sich gehorsam. Er wußte, daß die Bäuerin nicht gern bemerken lassen wollte, daß der Samiel eigentlich aus zwei Personen bestehe. Bei allen ihren Raubanfällen und Wildereien hatte sie es stets so eingerichtet, daß nur Eins von ihnen Beiden bemerkt werden konnte.

An der Wand hingen verschiedene Jagdtrophäen. Unter Anderen auch ein scharfer, spitziger Nickfänger. Den nahm sie her ab und hielt ihn in der rechten Hand. Dann nahm sie das Kissen wieder von dem Gesichte des Grafen, so daß er sie sehen konnte. Sie beugte sich über ihn und sagte mit unter der Maske dumpf hervorklingender Stimme:

»Kennst mich, Graf?«

"Kennst Du mich?"

Er konnte nicht antworten, wie sich ja ganz von selbst verstand.

»Hast wohl nicht denkt, daßt mich heut Abend noch mal sehen wirst?«

Ueber sein Gesicht ging ein krampfhaftes Zucken. Er schien sich Mühe zu geben, den Knebel aus dem Munde zu stoßen. Die Kraft der Zunge aber reichte dazu nicht aus.

»Weißt was, Graf,« fuhr sie fort, »damitst mir antworten kannst, werd ich den Knebel entfernen. Aberst das sag ich Dir: Wannst einen Laut von Dir giebst, oder gar um Hilfe rufst, so stoß ich Dir gleich dieses Jagdmessern in das Herz. Daraufi kannst Dich nur verlassen. Also sag, willst nur ganz leise sprechen?«

Er nickte. Es war ihm natürlich nur darum zu thun, den Knebel, welcher ihn fast erstickte, los zu werden.

»Gut! Aberst kein lautes Wort! Das befehl ich Dir!«

Sie machte ihm das Hemd vorn auf und setzte ihm mit der Rechten die Spitze des Nickfängers auf die nackte Brust. Sodann zog sie ihm mit der Linken das Taschentuch aus dem Munde.

Er holte tief, tief Athem. Sein von der Athemnoth dunkelroth gefärbtes Gesicht nahm wieder eine natürliche Farbe an. Er sagte sich im Stillen, daß Widerstand ganz vergeblich sei. Dem Samiel jetzt nicht zu gehorchen, das hätte sich nur ein Wahnsinniger unterfangen; es bedurfte ja nur eines kleinen Stoßes mit dem Messer, um den Wehrlosen zum todten Mann zu machen.

Aber wenn er sich auch äußerlich in sein Schicksal ergeben mußte, so bäumte sich doch innerlich sein reges Ehrgefühl, sein ganzer Officiersstolz gegen seine jetzige Machtlosigkeit auf. Doch behielt er genug Besinnung, sich zu sagen, daß Klugheit jetzt das Allerbeste sei. Der Samiel wollte mit ihm sprechen. Vielleicht war, wenn man es schlau anfing, es möglich, aus dem Gespräche gewisse Anhaltepunkte darüber zu erlangen, wer und was der Samiel eigentlich sei, wo er wohne, und so weiter. Darum beschloß der Oberlieutenant, nicht den geringsten Widerstand zu leisten, sondern in ganz passiver Weise auf seinen Vortheil bedacht zu sein.

Eins freilich machte ihm Bedenken. Was wollte der Samiel hier bei


// 1987 //

ihm? Ausgeraubt hatte er ihn schon. In dieser Beziehung war also nichts zu holen. Wollte er ihn etwa tödten aus Rache dafür, daß es die Aufgabe des Grafen war, den Räuber zu fangen? Das mußte nun freilich in möglichster Kaltblütigkeit abgewartet werden.

Der Samiel hatte durch die beiden in die schwarze Maske geschnittenen Augenlöcher den Grafen scharf fixirt. Er hielt das Messer zum Stoße bereit und sagte:

»Jetzunder werd ich ein Verhören mit Dir anstellen. Wirst mir alle meine Fragen richtig beantworten?«

»Ja,« antwortete der Gefragte leise, »ja, nämlich wenn ich kann.«

»Du wirst können. Aberst mach mir ja keine Dummheiten, denn sonst bin ich ein strenger Richter über Dich!«

Es kam eine Art von Galgenhumor über den Grafen, in Folge dessen er die Antwort gab:

»Ich bitte, es gnädig mit mir zu machen, hoher Herr Gerichtshof!«

»Schweig! Spaßen darfst nicht mit mir treiben. Das kann ich nicht vertragen. Warum bist eigentlich kommen, um mich zu fangen?«

»Weil ich muß!«

»Kannst Dich doch dagegen wehren!«

»Beim Militär giebts keine Gegenwehr den Vorgesetzten gegenüber.«

»So! Also hast wirklich nicht anders kannt?«

»Nein.«

»Nun, wann das ist, will ichs Dir nicht nachtragen.«

Dem Grafen gab das trotz seiner Lage gewissen Spaß. Er wußte jetzt nur so viel, daß der Samiel kein Verständniß für militärische Verhältnisse hatte. Das war doch wenigstens schon Etwas. Vielleicht ließ sich bei sorgfältiger Verlängerung des Gespräches auch noch Wichtigeres erfahren.

Vor allen Dingen war der Graf bemüht, an dem Aeußeren des Samiels irgend etwas Auffälliges, irgend ein Merkmal zu entdecken, woran man ihn vielleicht dann erkennen konnte.

Er betrachtete ihn also mit scharfen, forschenden Blicken, doch vergeblich.

In Folge der Larve klang die Stimme dumpf und tief. An die Larve schloß sich ein Fortsatz von Tuch an, welcher auch den ganzen Hinterkopf bedeckte; darum und weil der Samiel auch den breitkrämpigen Hut tief in das Gesicht gezogen hatte, war nicht einmal die Farbe des Haares zu erkennen. Auch vom Halse war nichts zu sehen. Es war ein schwarzes Tuch um denselben geschlungen.

Die Gestalt des Räubers war klein, aber voll. An den Händen trug er Handschuhe, ein Beweis, daß seine Hände derart beschaffen seien, daß er sie nicht sehen lassen durfte. Sie waren klein wie Frauenhände.

Das war Alles, was der Graf im Verlaufe des Gespräches an dem Samiel entdecken konnte; mehr leider nicht.

Dieser Letztere fügte seinen bereits erwähnten Worten zu:

»Es ist mir überhaupten lieb, daßt kommen bist. Wann ein Anderer


// 1988 //

kommen wäre, so hätts für mich viel mehr Gefahr geben. Dera Andere wär wohl viel gescheidter gewest als Du. Du aberst bist so dumm, daß ich mich vor Dir gar nicht in Acht zu nehmen brauch.«

»Besten Dank für dieses Compliment!« lächelte der Graf grimmig.

»Bitt gar schön! Weißt, warum ich kommen bin?«

»Habe nicht das Vergnügen.«

»Nun, dera Förster hat dreißigtausend Markln dort in dem Schrank. Die will ich mir holen.«

»Donnerwetter!«

»Ja. Das hast wohl nicht denkt.«

»Hol Dich der Teufel!«

»Dazu hat er noch lange nicht Zeit. Bist ein gar kluger Mann! Hasts mit dem Förster besprochen, daß Ihr mir eine Schlingen stellen wollt mit denen Dreißigtausend. Ihr habt denkt, ich werd nun bald kommen, sie mir zu holen.«

»Heiliges Kreuz! Das weißt Du?«

»Ja.«

»Woher weißt Du das?«

»Ich hab Euch belauscht.«

»Da schlage das Wetter drein!«

»Drum bin ich eher kommen. Ich werd mir das Geldl holen. Fangen könnt Ihr Euch, wen Ihr wollt, aberst mich bekommt Ihr nicht. Paß mal aufi!«

Er trat an den Gewehrschrank, zog den Schlüssel aus der Tasche und schloß auf. Eine Brieftasche lag da. Der Samiel öffnete sie und sah, daß sie voller Banknoten war. Er trat damit an das Bett zurück und sagte:

»Schau, das schöne Geldl! Das wird mir eine große Freud bereiten. Noch viel größer aberst ist die Freud darüber, daß ichs aus dera Stuben holt hab, in welcher dera Herr Graf, der mich fangen will, sich befindet. Das wird eine große Ehre für Dich sein, und die Leutln werden es sich verzählen und darüber lachen.«

Ein Zähneknirschen des Grafen war die einzige Antwort, welche er von demselben erhielt. Er schob die Brieftasche in die Innentasche seiner Jacke und fuhr fort:

»Nun kannst den Herrn Förstern von mir grüßen. Auch er wird sich freuen. Einer wird eine so lange Nasen haben wie dera Andere. So kommts, wann man sich für klüger hält als man ist. Wie ist Dir denn dera Hieb bekommen, dent vorhin von mir erhalten hast?«

»Hole Dich der Satan!«

»Ich hab Dir bereits sagt, daß der keine Zeit dazu hat. Schau, ich hätt Dir gar nix than, denn Du bist ein altes gutes Loderle, welches mir gar nix schaden kann; aberst Du hast mit dera Kronenbäuerin wettet -«

»Verdammt!« stieß der Graf hervor.

»Daßt mich in dieser Woche fangen willst!«

»Woher weißt Du das?«


// 1989 //

»Ich habs erlauscht.«

»Das ist nicht wahr!«

»So glaubs halt nicht!«

»Als wir wetteten, war Niemand dabei, der es verrathen konnte.«

»Aberst dera Sepp und dera Fritz habens im Wirthshaus verzählt, und da ists mir halt wiedersagt worden. Darum hab ich mir denkt, wannst Dich für gar so klug hältst, so werd ich Dir einen Denkzettel geben. Also hab ich Dich ablauert und Dir Alles abgenommen. Das hast davon!«

»Du bist wirklich ein Satan!«

»Und Du ein Esel! Die schöne Uhren mit dera goldenen Kett und dera Ring mit denen Diamanten sind mir sehr angenehm gewest. Ich werd ein gutes Geldl dafür erhalten.«

Da durchzuckte den Grafen ein Gedanke. Hier gab es eine vortreffliche Gelegenheit, den Samiel in eine Falle zu locken, aus welcher er sicherlich nicht entkommen konnte. Kaum hatte der Graf den Gedanken gefaßt, so führte er ihn auch aus, indem er sagte:

»Du willst die Sachen verkaufen?«

»Ja. Was soll ich sonst damit thun?«

»Man wird Dir nicht viel dafür geben, denk ich mir.«

»Billig verkauf ichs nicht!«

»Du mußt Dich an einen Hehler wenden, welcher Dir nicht den zwanzigsten Theil des Werthes giebt.«

»An einen Hehler? Jeder Juwelierer kauft mir so einen Ring ab.«

»Da täuschest Du Dich freilich außerordentlich. Ich werde natürlich öffentlich in den Blättern bekannt machen, was Du mir geraubt hast, und die einzelnen Gegenstände so genau beschreiben, daß Niemand Dir einen Pfennig dafür bieten würde. Sobald Du zu einem Goldarbeiter oder Juwelier kämst, würde er die Sachen gleich erkennen und Dich festnehmen lassen.«

»Wann ich selberst komm! Dafür aberst werde ich mich hüten!«

»So sendest Du also einen Boten, den man arretirt, und die Sachen werden confiscirt und mir zurückgegeben. Du erhältst also nicht einen Pfennig dafür.«

»Das machst mir nur weiß.«

»Du wärst ein schlechter Spitzbube, wenn Du nicht einsähest, daß ich Recht habe. Es bleibt Dir nichts Anderes übrig, als zu einem Hehler zu gehen, und von einem solchen bekommst Du natürlich nur einen Lumpenpreis ausgezahlt.«

»So muß ich auch zufrieden sein!«

»Wenn Du so denkst, so bist Du freilich nicht auf Deinen Vortheil bedacht. Du könntest leicht mehr bekommen, mehr noch, als ein Juwelier Dir bieten würde, falls er den Handel für ehrlich hielt.«

»So! Inwiefern denn?«

»Indem Du auf einen Vorschlag eingehst, den ich Dir machen will.«

»So laß denselbigen hören!«


// 1990 //

»Ich will die Sache ganz objectiv betrachten. Wenn es Dir gelingt, die Sachen zu verkaufen, ganz gleichgiltig, wieviel Du dafür bekommst, so erhalte ich mein Eigenthum niemals wieder. Abgesehen von dem Gelde, welches dabei war und welches ich verschmerzen will, liegt mir viel daran, die Uhr und besonders den Ring wieder zu bekommen. Er ist ein altes Erbstück, und ich mag nicht auf ihn verzichten.«

»Ja, wie willst ihn denn wieder erhalten?«

»Dadurch, daß ich Dir Uhr und Ring abkaufe.«

»Sapperment!«

»Nicht wahr, das überrascht Dich?«

»Freilich.«

»Du siehst, daß ich sehr verständig sein will, und ich hoffe darum, daß Du auf meinen Vorschlag eingehst.«

»Das kann ich schon thun, wann wir einig werden.«

»Ich hoffe es. Wieviel willst Du für die Uhr haben?«

»Wieviel ist sie werth?«

»Fünfhundert Mark mit Kette.«

»Giebst mir so viel?«

»Nein. Der Hehler würde Dir nicht mehr als fünfzig Mark bieten.«

»So bekommt er sie nicht.«

»Dann kannst Du sie nutzlos liegen lassen, und schließlich wird sie gar noch einmal zur Verrätherin an Dir. Ein Mann wie Du muß streng nach dem Grundsatze handeln, die geraubten Sachen schleunigst von sich zu geben, um sie zu verwerthen, und besonders aus dem Grunde, daß sie nicht bei ihm gefunden werden und ihn dann in Strafe bringen.«

»Das ist auch schön! Erst willst mich fangen, und nun giebst mir einen guten Rath, wie ich es machen soll, um nicht entdeckt zu werden.«

»Ich spreche jetzt nicht als Beamter, sondern als Privatmann, als Besitzer der geraubten Sachen zu Dir, die ich gern wiederhaben möchte.«

»So sag nur erst, wast geben willst!«

»Für die Uhr zweihundert Mark. Ich kann sie entbehren und gebe also keinen Pfennig mehr.«

»Hm!«

»Gehst Du darauf ein?«

»Da profitirst dreihundert.«

»Und Du hundertfünfzig, gegen den Preis, welchen der Hehler Dir zahlen würde. Das mußt Du berechnen.«

»Nun gut, sollst sie haben für die zweihundert Markln.«

»Und wieviel verlangst Du für den Ring?«

»Sag erst, was er werth ist?«

»Rund tausend Mark.«

»Das ist nicht wahr.«

»Wenn Du ihn für werthvoller hältst, so bist Du ein schlechter Kenner.«

»Ich kenn es schon. Dera Ring ist unter Brüdern zehntausend Mark werth.«


// 1991 //

»Oho!«

»Ja, so ists!«

»Da täuschest Du Dich gewaltig.«

»Nein, denn sonst hättst Du selberst Dich auch täuscht.«

»Wieso?«

»Weilst sagt hast, ein jeder Juwelierer thät gleich gern zehntausend Markln dafür geben.«

»Wie? Das hätte ich gesagt? Wann und zu wem?«

»Im Kronenhof heut, alst die Wetten macht hast mit dera Bäuerin.«

»Donnerwetter!«

»Ja, nun fluchst! O, ich weiß Alles.«

»Wie kannst Du denn wissen, daß ich das gesagt habe?«

»Weil es auch im Wirthshaus verzählt worden ist.«

»So bist Du dort gewesen?«

»Werde mich hüten! Ich bin gar nicht von hier aus dera Gegend. Ich hab einen Gehilfen, welcher dabei gewest ist.«

»So! Dann hat er falsch verstanden oder Dich falsch berichtet.«

»Nein. Dieser Mann sagt ein jedes Wort genau. Er weiß, was darauf folgen thät, wann er mir was Falsches sagt.«

»So mag er meinetwegen richtig gehört haben. Aber Diejenigen, welche es erzählt haben, die haben sich geirrt.«

»Auch nicht. Es sind Zwei gewest, dera Sepp und dera Fritz, und Zwei werden Dich doch nicht zugleich falsch verstanden haben. Diese Beiden haben gute Ohren.«

»So, kennst Du sie?«

»Wer sollt diese nicht kennen?«

»Nun, angenommen, daß ich in Wirklichkeit so gesagt hätte, so wäre es doch nur meine Absicht gewesen, mit dem Ringe ein Bischen aufzuschneiden.«

»Ach so! So bist also ein Großmaul!«

»Deshalb nicht. So einen Scherz erlaubt sich ein jeder einmal.«

»Aberst kein Graf. Wann so Einer gegen einfache Bauersleut größer thut als er ist, so ists eine Schand für ihn.«

»Nimm das, wie Du willst. Der Ring ist bei Weitem nicht so viel werth, wie ich ihn taxirt haben soll.«

»Aberst doch mehr als tausend Markln!«

»Dann trüge es nur eine Wenigkeit aus.«

»Das glaub ich nicht. Wir wollen uns nicht streiten. Ich will zugeben, daßt Dein Maul mit denen Zehntausend mal zu voll genommen hast, aberst wann ich ihn taxiren soll, so gehe ich unter Fünftausend nicht herab. Darauf kannst Dich verlassen. Betrügen läßt dera Samiel sich nicht.«

»Ich will darauf eingehen, daß wir uns nicht streiten. Nehmen wir also an, der Ring sei fünftausend Mark werth. Wieviel würde der Hehler bieten?«

»Tausend.«


// 1992 //

»Nein, sondern höchstens fünfhundert.«

»So behalt ich ihn.«

»Und wirst ihn also nicht los. Tragen kannst Du ihn auch nicht, wozu hast Du ihn mir also genommen?«

»Ich will ihn schon los werden!«

»Schwerlich!«

»Ganz leicht. Ich brech die Edelsteinen heraus und verkauf sie einzeln. Da werd ich schon ein schönes Geldl dafür erhalten.«

Der Graf sagte sich, daß der Spitzbube damit sehr Recht habe. Das brachte ihn in Verlegenheit. Er wollte natürlich seinen Ring wieder haben, und zugleich bei dieser Gelegenheit sich des Räubers bemächtigen. Es gab keinen andern Ausweg, als einen guten Preis zu bieten. Darum erklärte er:

»Das wird gar nicht viel sein. Ich gebe Dir auf alle Fälle mehr.«

»Nun, wieviel? Giebst zweitausend Markln?«

»Nein. Ich gebe tausend oder im höchsten Falle fünfzehnhundert.«

»Da mach ich nicht mit. Die Uhren war fünfhundert werth und dera Ring kostet fünftausend. Wannst für die Uhren zweihundert giebst, so kannst also für den Ring zweitausend zahlen. Das ist sodann ganz dasselbige Verhältnissen.«

»Hm! Wenn Du so rechnest, so hast Du freilich Recht.«

»Also, was sagst dazu?«

»Um diese unangenehme Geschichte abzukürzen, will ich Ja sagen.«

»Gut! Also zusammen zweitausendundzweihundert Markln?«

»Ja.«

»Hast Geld mit?«

»Hast Du die Gegenstände mit?«

»Nein. Die liegen daheim.«

Die Augen des Grafen leuchteten bei diesen Worten auf.

»Daheim bei Dir selbst?« fragte er.

»Ja.«

»So! Also hast Du mich belogen, als Du sagtest, Du seiest nicht aus dieser Gegend. Wenn Du von der Zeit an, in welcher Du mich beraubtest, bis jetzt bereits zu Hause gewesen und nun schon wieder hier bist, so kannst Du gar nicht weit von Kapellendorf wohnen.«

Der Samiel erkannte, welch einen Bock er geschossen habe, doch war er resolut und antwortete sogleich:

»Hab ich sagt, daß ich daheim gewest bin?«

»Ja.«

»Nein. Ich hab nur sagt, daß die Sachen daheim liegen. Dabei gehts Dich gar nix an, ob ich dieselbigen durch einen Kameraden hab heimschaffen lassen oder nicht.«

»Hm!« brummte der Graf zweifelnd.


Ende der dreiundachtzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk