Lieferung 84

Karl May

3. März 1888

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


// 1993 //

»Ja. Aberst hast denn überhaupt das Geldl, mich zu bezahlen?«

»Natürlich.«

»Hier in Kapellendorf? In Deiner Wohnungen beim Kronenbauer?«

»Nein. Ich hatte Alles einstecken, und Du hast es mir abgenommen.«

»So bist also blitzeblank vom Geldl und willst mir doch eine solche Summen geben?«

»Warum nicht? Ich brauch ja nur meinem Bankier einen Brief zu schreiben, so sendet er mir, was ich brauche. Oder, um die Sache zu vereinfachen, geb ich Dir lieber einen Wechsel.«

»Dafür dank ich gar schön! Von einem solchen mag ich nix wissen.«

»Nun gut, dann machen wir baare Zahlung.«

»Wann?«

»Bestimme die Zeit!«

»Das kommt darauf an, wannst das Geldl erhalten wirst.«

»Früh schreibe ich gleich; übermorgen also ist es da.«

»Schön! So kannst mir also übermorgen das Geldl geben, und Du empfängst die Uhr und den Ring dafür.«

»Wo aber?«

»Hm! Das ist eine gar schwierige Sachen. Meinst nicht auch?«

»Gar nicht. Wir treffen uns an einem bestimmten Orte und zu einer verabredeten Minute und tauschen Geld und Sachen mit einander aus. Dann sind wir fertig. Die Sache ist sehr einfach.«

»Nein, die Sach ist gar nicht so einfach, und auch nicht fertig sind wir sodann.«

»Was sollte denn noch kommen?«

»Meine Gefangennahme.«

»Ah! Wieso?«

»Denkst etwan, ich weiß nicht, wast willst und welche Absichten Du hast?«

Der Graf machte ein so ehrlich erstauntes Gesicht wie nur möglich. Er antwortete:

»Meine Sachen will ich wieder haben. Das beabsichtige ich, weiter nichts.«

»Oho! Die Sachen willst wieder haben und mich dabei ergreifen lassen!«

»Das kommt mir nicht in den Sinn!«

»O doch! Ich möcht darauf schwören, daßt nix Anderes willst!«

»So würdest Du falsch schwören.«

»O nein! So klug und weise wie ein Grafen oder ein Offizieren bin ich auch noch, vielleichten noch viel gescheidter und vorsichtiger.«

Der Graf nahm diese beleidigende Pille ruhig hin und sagte:

»Wann Du das denkst, so kannst Du doch Deine Maßregeln darnach treffen.«

»Meinst? Dagegen giebts gar keine.«

»Auf jeden Fall!«

»So sag mir doch mal, welche!«

»Dies auszusinnen, ist Deine Sache.«


// 1994 //

»Schön! Da brauch ich mir gar nix auszusinnen. Auf denen Leim, dent mir stellen willst, geh ich nicht. Mich fängst auf keinen Fall. Wannsts ehrlich meinst, bekommst Deine Sachen wieder, und ich erhalte das Geld dafür.«

»Aber wie?«

»Das laß mir allein über. Ich werds schon so einzurichten wissen, daß Alles klappt. Schreib nur dem Bankier. Ich werds sofort wissen, wannst das Geld erhalten hast. Nachhero wird der Umtausch stattfinden auf eine Art, die Alles in Ordnung bringt, ohne daß ich in Gefahr dabei komme.«

»Davon muß ich doch vorher wissen!«

»Nein, vorher nicht, aberst zur richtigen Zeit wirsts derfahren.«

»Darf ich also annehmen, daß unser Geschäft als abgeschlossen zu betrachten ist?«

»Ja.«

»So verlasse ich mich fest darauf!«

»Kannsts als sicher nehmen. Nun sind wir fertig, und ich werd gehen.«

»Aber das Geld nimmst Du doch nicht mit!«

»Nicht? Was fallt Dir ein!«

»Es gehört dem Förster!«

»Es hat ihm gehört, jetzunder ists nun das meinige Eigenthum.«

»Mann, wage nicht zu viel!«

»Pah! Was giebts da zu wagen?«

»Wannst Du es zu arg treibst, geht es Dir dann desto schlechter.«

»Das behalt für Dich. Meinst, daß ich gekommen bin, mir das Geldl nur anzuschauen und es dann recht brav und ehrlich wieder hinein in den Schrank zu legen? Das wäre eine Verrücktheiten, die ganz ohne Gleichen sein würde.«

»Bemitleidest Du denn den armen Förster gar nicht?«

»Den bemitleiden! Er ist ein alberner Kerl, dem nix Anderes gehört. Er hat es gewonnen und kanns also gar leicht verschmerzen.«

»Thu es wieder hinein, dann will ich nichts gegen Dich unternehmen.«

»Ah! Was wolltest denn unternehmen?«

»Um Hilfe rufen.«

Der Samiel hatte nämlich das Messer im Lauft der Unterredung fortgelegt. Jetzt aber ergriff er es sofort wieder, zückte es gegen die Brust des Grafen und antwortete:

»Beim ersten lauten Ruf wärst Du eine Leiche. Und selbst wann das nicht wäre, so könnt Dir dera Hilfeschrei gar nix einbringen.«

»Da irrst Du Dich. Der Förster würde sogleich mit seinen Burschen gesprungen kommen.«

»Schau, wast alles sagst! Ist er denn zu Haus?«

»Ja.«

»So! Da hast Dich sehr im Samiel geirrt. Dera Förster ist draußen im Wald mit seinen Burschen, mit dera Polizei und denen Soldaten.«

»Davon weiß ich nichts.«


// 1995 //

»Lüge nicht. Ich weiß Alles. Sie wollen mich fangen, und indessen hole ich dem heutigen Anführer, der die Andern sogar revidiren muß, damit ich ihnen ja nicht entgehen kann, das Geldl aus dem Schranke. Ist das nicht lustig?«

»Du bist ein verdammter Kerl!«

»Und Du ein altes, gutes, dummes Loderl. Mach nun das Maul wiederum aufi. Ich muß Dir den Knebel hineinstecken.«

Der Graf erschrak und bat:

»Das wirst Du doch nicht thun!«

»O doch! Es ist gar nothwendig.«

»Ganz und gar nicht. Ich bin ja gefesselt. Wozu soll ich auch noch geknebelt werden?«

»Damitst nicht rufen kannst.«

»Was schadet das, wenn Du fort bist?«

»Sehr viel. Du beginnst gleich zu schreien, wann ich noch im Haus bin.«

»Das wäre dumm. Die alte Magd kann mir nicht helfen und die Martha auch nicht.«

»Hm! Kannst Recht haben.«

»Und bedenke, daß ich leicht ersticken kann, wenn ich so daliegen muß, bis der Förster zurückkehrt. Der kommt ja erst, wenn die Nacht vorüber ist.«

»Schau, wie genau Du nun auf einmal weißt, daß er draußen im Walde ist! Ja, Du bist ein gar Kluger, grad so klug, daß es für Dich ausreichen thut. Nun, ich will ein Einsehen haben und Dich nicht wieder knebeln, wannst mir versprichst, nicht eher zu rufen, als bis eine Viertelstunden vergangen ist.«

»Das verspreche ich,« antwortete der Graf, dem dieses Zugeständniß das Herz erleichterte.

»Auf Ehrenwort?«

»Auf Eh - - -«

Er hielt inne. Sollte er dem Räuber wirklich sein Ehrenwort geben, welches zu halten er dann doch gezwungen war? Man konnte ja nicht wissen, was geschah. Innerhalb einer Viertelstunde kann sich Vieles ereignen.

»Nun?« fragte der Samiel.

»Genügt Dir mein Versprechen nicht?«

»Nein. Mach auf das Maul.«

Er ergriff das Taschentuch.

»Was willst Du thun, wenn ich den Mund nicht aufmache? Du mußt es Dir gefallen lassen.«

Der Samiel zückte das Messer und antwortete:

»Was willst dagegen thun, wann ich Dir das Maul hier mit dem Messer aufimachen thu? Du mußt es Dir doch gefallen lassen. Paß aufi!«

Er ergriff den Grafen mit der Linken beim Kopf und näherte die Messerklinge dem Munde des Gefesselten.

»Halt!« rief der Letztere. »Ich verspreche, nicht zu schreien.«


// 1996 //

»Auf Ehrenwort?«

»Ja, auf Ehrenwort.«

»Schön! So kannst liegen blieben, wie Du jetzunder bist. Nach einer Viertelstunden darfst meinetwegen schreien, daß dera Himmel einistürzt.«

Er zog ein Papier aus der Tasche, welches ihm der Bastian gegeben hatte, bevor sie in die Stube traten. Es standen ganz dieselben von Bastians Hand geschriebenen Worte darauf wie auf dem Papiere, welches vorher dem Grafen draußen im Walde angehängt worden war.

»Schau,« sagte er, »da will ich einen Zettel in den Schrank legen, worauf schrieben steht, daß ich es bin, der das Geld nommen hat.«

»Das ist gar nicht nöthig!«

»O doch! Man könnt gar leicht Dich für den Spitzbuben halten, weilst hier in dera Stuben gewest bist.«

»Kerl!«

»Sei still, und brauße nicht aufi! Ein Graf kann auch mausen. Eure Ahnen sind doch fast alle Raubrittern und Spitzbuben gewest, und Ihr seid doch stolz daraufi, daß deren Blut noch heut in Euern Adern lauft.«

Er legte den Zettel hinein und schloß den Schrank zu. Den Schlüssel steckte er natürlich wieder ein.

»Na, die Freuden,« lachte er dumpf unter der Larve hervor, »die große Freuden, welche dera Förster haben wird, wann er hineinschaut und sein Geldl nicht mehr findet. Ich möcht das Gesicht sehen, welches er dabei machen wird.«

»Das wird nicht schlimmer sein als dasjenige, welches Du einst machen wirst, wenn Du zum Galgen geführt wirst,« antwortete der Graf.

»O, damit hats alleweil noch gute Zeit. Den Samiel fangt Ihr doch nicht. Der ist viel zu klug für Euch.«

»Ein verflucht gescheidter Kerl bist Du; das muß ich freilich zugeben. Woher hast Du denn den Schlüssel zu diesem Gewehrschrank bekommen?«

»Das brauchst nicht zu fragen. Ich hab Schlüssel, welche alle Schlösser schließen. Gute Nacht! Leb wohl, und laß Dir die Zeit nicht lang werden.«

Er huschte mit unhörbaren Schritten aus der Stube. Die Thür verschloß er hinter sich, wie der Graf hörte.

Dieser Letztere befand sich in einem Zustande höchsten Ingrimms. Es hatte all seiner Kraft bedurft, denselben zu bemeistern, was ganz nothwendig war, um den Samiel nicht zu erzürnen. Sein Blick glitt nach Hilfe suchend durch das Zimmer. Neben dem Bette, hart an dasselbe stoßend, stand ein Tisch und darauf lag ein Messer, eine Gabel und ein Löffel.

Wenn es ihm gelang, das Messer zu erwischen, so konnte er sich befreien.

Er hatte bisher absichtlich ganz steif im Bette gelegen, um dem Samiel glauben zu machen, daß er sich gar nicht bewegen könne. Die Arme waren ihm an den Leib gebunden, so daß die Hände unten am Bauche zusammenlagen. Die Beine waren auch gefesselt, aber nicht gar zu fest, denn er hatte, als ihm von Bastian der Riemen um dieselben geschlungen worden war, sie


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nicht fest aneinander gedrückt, so daß ihm nun ein Spielraum von wenn auch nur einem Zolle blieb, um die Füße zu bewegen.

Das Hüftgelenk aber war frei. Er gab sich mit dem Oberkörper einen Schwung nach oben und kam so zum Sitzen. Indem er sich nun herumdrehte und die Beine aus dem Bette streckte, erreichte er mit den Füßen den Fußboden und richtete sich aufrecht empor. Nun beugte er sich in den Hüften so weit nieder, daß sein Gesicht auf den Tisch zu liegen kam und er mit den Lippen und Zähnen das Messer erreichen konnte.

Er schob es bis an die Tischkante, richtete sich wieder auf und vermochte nun, das Messer mit der Hand zu erfassen. Er hielt es fest am Griffe, schob die Klinge unter den um seinen Leib gebundenen Riemen und begann, so weit er die Hand bewegen konnte, an den Riemen zu sägen.

Dies Alles geschah in fieberhafter Hast und schneller, als man es zu erzählen vermag. Bereits nach wenigen Augenblicken war der Riemen durchschnitten und der Graf hatte seine Hände frei. Keine Secunde später hatte er auch den Riemen an seinen Beinen gelöst.

»Ah! Frei!« seufzte er erleichtert auf. »Und nun dem Kerl nach. Vielleicht ist er noch im Hause! In diesem Falle soll er mir nicht entgehen. Ich habe mein Ehrenwort gegeben, nicht zu schreien; aber daß ich auch nichts Anderes thun werde, das habe ich nicht versprochen. Ihm also nach!«

Er riß einen Hirschfänger von der Wand und - - - bemerkte nun erst, daß er nicht angekleidet war. In fieberhafter Hast zog er nur Hose, Weste und die Stiefeln an und eilte dann nach der Thür - vergebens! Sie war ja verschlossen.

Seit dem Augenblicke, an welchem der Samiel die Stube verlassen hatte, waren nicht drei Minuten vergangen. Er konnte noch im Hause sein.

Der Graf suchte nach einem anderen Ausgange, und dieser war vorhanden.

Eine Thür führte in eine kleine Nebenstube. Der Graf stieß sie auf. Von da ging eine Thür hinaus nach dem Vorplatz zur Treppe. Eben als der Graf auch diese öffnete, ertönte unten eine weibliche Stimme:

»Herrgott! Dera Samiel!«

Den Hirschfänger mit den Fingern fest umklammernd, sprang der Graf zur Treppe hinab. Er hörte verworrene Stimmen und dann einen Schuß. Es war ihm gewesen, als ob der Ruf aus dem Munde Marthas erklungen sei.

Diese Vermuthung war die richtige. Es war Martha, die ihn ausgestoßen hatte. -

Sie hatte mit Fritz, als die Kronenbäuerin auf eine so seltsame Weise von dem Orte des Stelldicheins fortgeeilt war, noch einige Augenblicke lautlos gewartet, ob die Bäuerin nicht wiederkommen werde. Dann war Fritz aufgestanden, hatte ihre Hand ergriffen und sie fortgezogen.

»Komm!« sagte er. »Wir dürfen nicht länger hier bleiben.

»Wohin?« fragte sie.

»Nach Haus natürlich.«


// 1998 //

Sie eilten schnell über den vom Monde beschienenen Raum weg und blieben sodann, als sie den Schatten erreichten, verschnaufend stehen.

»Hasts hört, was sie sagte, als sie fortgangen ist?« fragte Martha.

»Ja.«

»Was mag sie vorhaben?«

»Wer kann das wissen.«

»Und wohin kann sie sein?«

»Auch das weiß ich nicht. Mir scheint, daß sie Etwas thun will, was Deinem Oheim schädlich ist.«

»Das hab ich mir auch denkt, aberst das kann doch nicht sein.«

»Warum nicht?«

»Weil sie ihn so sehr lieb hat.«

»Martha, glaubst das wirklich?«

»Ja. Sie hats ja selberst sagt!«

»Sie hat ihn belogen.«

»O nein! So lügen kann doch unmöglich eine Frauen.«

»Meinst Du?«

»Ja. So - so - so gar zärtlich mit ihm sein, sich so - so - solche Liebe gefallen lassen und ihm doch nicht gut sein, das ist doch in dera ganzen Welt gar nicht möglich.«

»Bei der Bäuerin aber doch!«

»Herrgott! Ich thät vor Scham sterben, wann Einer, den ich nicht lieb hab, so mit mir thät, wie dera Oheim mit ihr than hat.«

»So! Aber von Einem, den Du lieb hast, ließest Du es Dir gefallen?«

»Auch nicht, so nicht!«

»Wie aber denn?«

Er legte die Hand um sie und zog sie sanft an sich.

»Wie? Das weiß ich nicht,« antwortete sie leise.

»Das weißt nicht? Wohl weilst noch keinen Buben habt hast?«

»Ja.«

»Hat denn noch Keiner den Arm so um Dich legt, wie ichs jetzund thu?«

»Nein.«

»Aberst einen Kuß hast doch schon bereits mal erhalten?«

»Nie, nie! Es hat Keinen geben, dem ich so was hätt derlauben mögen.«

»Und es giebt wohl auch Keinen? Keinen Einzigen?«

Er beugte sich zärtlich zu ihr nieder. Seine Stimme hatte jenen unbeschreiblichen Ton, den nur die Liebe der menschlichen Kehle zu verleihen vermag.

Sie antwortete nicht. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Ja wollte sie nicht sagen, um ihn nicht zu betrüben, und Nein konnte sie nicht hervorbringen. Ihr reines, jungfräuliches Gefühl sträubte sich dagegen.

»Martha, magst mir nicht antworten? Giebts Einen, dem Du es erlauben würdest, Dich zu küssen?«

»Ja,« hauchte sie, »aberst nur ein Einziger, ein Allereinziger ists.«


// 1999 //

»Wer?«

»Das weißt nicht?«

»Ich kanns mir denken.«

»Nun, wen denkst Dir denn?«

»Ich denk, daß ich es bin. Hab ich da Recht?«

»Ja.«

Er drückte sie noch inniger an sich.

»Schau, Martha, das ists, was mich so gar sehr glücklich macht, daß ich der Erste und Einzige bin, der Dich anrühren darf. Wann ein Weib noch so schön ist, und es hat bereits einem Anderen gehört, nachhero möcht ichs gar nicht haben.«

»Du bist doch auch so. Du hast auch noch kein Dirndl lieb habt, Fritz.«

»Ja, und darum passen wir so gar sehr gut zu einander, meine herzliebe Martha. Uns soll nix trennen. Kein Mensch, kein Unglück und keine Gewalt soll uns aus nander bringen können. Das wollen wir uns hier versprechen. Nicht wahr, mein gutes Maderl?«

»Ja, Fritz.«

»Giebst mir die Hand daraufi?«

»So gern! Hier hast sie!«

Sie schlugen ein, und Fritz sagte mit vor Wonne bebender Stimme:

»So bist nun mein, ganz mein, und ich darf Dich an mein Herz nehmen. Dort soll Dein Platz sein, so lange ein Athem in meiner Brust ist und ein Gedank in meiner Seelen. Komm her, mein süßes, liebes Martherl!«

Er zog sie innig an sich, hob ihr Gesichtchen empor und küßte sie herzlich.

So standen sie bei einander in seligem Entzücken. Sie liebten sich; sie hatten sich; sie gehörten einander unzertrennlich und für das ganze Leben an. In diesem Bewußtsein dachten sie nur an sich, nur an ihr Glück, nur an den gegenwärtigen Moment. Sie vergaßen, wo sie waren und was sich ereignet hatte. Der Förster, die Kronenbäuerin, der Samiel, sie waren vergessen. So verging Minute um Minute, bis Martha doch endlich den Geliebten erinnerte:

»Fritz, wollen wir nicht weiter gehen?«

»Weiter? Mir ists, als ob hier das herrlichste Plätzchen sei auf dera ganzen Welt, als ob wir hier bleiben müßten fürs ganze Leben. Diese Stelle ist mir heilig und wird mir ein Gedächtniß bleiben, so lange als ich nur denken kann.«

»Auch ich werd mir sie merken. Aberst nun möcht ich doch nach Haus. Schau, dera Mond ist schon bereits weit hinüber. Mußt nicht auch nach Haus?«

»Ja freilich. Hast Recht, wir wollen gehen. Wir werden einander ja doch fleißig wiedersehen. Meinst nicht auch?«

»Ja, fleißig und bald.«

»Sehr bald. Wann denn?«

»Willst wohl morgen bereits wieder zu mir kommen?«


// 2000 //

»Von ganzem Herzen gern.«

»So komm! Ich freu mich schon heut darauf.«

»Und wo treffen wir uns?«

»Grad da, wo wir uns heut troffen haben.«

»Und wann?«

»Ja, wann denkst denn eigentlich?«

»So spät nicht wieder wie heut.«

»Nein, sondern eher. Aberst die Zeit, wann ich fortkommen kann, weiß ich heut noch nicht genau.«

»So werd ich, wann wir gessen haben, mal herauslaufen nach dem Forsthaus. Außen am Zaun werd ich stehen, weißt, hinter dera Lauben, in welcher Du den Förster mit meiner Bäuerin mal sehen hast. Da brauchst nur in die Lauben zu treten, um mit mir durch den Zaun sprechen zu können, und da kannst mir sagen, wannst Zeit hast, zu kommen.«

»Ja, so wollen wir es machen. Komm!«

Sie umschlangen sich und schritten langsam weiter.

Freilich hatten sie es nun in ihrer glückseligen, weltvergessenen Stimmung nicht gar sehr eilig. Sie gingen den Schritt aller Liebenden - langsam, in süßem, flüsterndem Gekose und die Blicke tief in einander gesenkt. Sie ahnten ja nicht, was während derselben Zeit im Forsthause geschah.

Als sie dieses endlich erreichten, wollte er sie nach der Hausthüre führen; sie aber sagte:

»Nicht vorn, sondern hinten hinein werd ich gehen.«

»Hast den Schlüssel nicht mit?«

»Nein. Ich bin durch den Stall heraus und werd auch durch denselbigen wiederum hineingehen. Den Gartenschlüssel aberst hab ich mit.«

Sie umschritten die Försterei und gelangten an den hinter derselben gelegenen Garten. Martha öffnete die Thür desselben.

»Hier wollen wir Abschied nehmen,« sagte sie.

»Kann ich nicht mit bis zum Stall gehen?«

»Warum?«

»Weil ich wissen muß, daßt auch sicher heim gelangst.«

»Ich bin doch bereits daheim!«

»O nein. Jetzund bist immer noch im Freien, und da kann Dir sehr leicht noch was begegnen.«

»Hier nun nicht mehr. Dera Samiel wird sich nicht in das Forsthaus wagen.«

»Vielleicht doch! Nein, ich geh mit bis an den Stall. Wannst da drin bist, nachhero kann ich ruhig sein.«

»Aberst ich muß doch hier die Gartenthür verschließen!«

»Was thut das? Nix.«

»Dann kannst ja nicht wieder heraufi!«

»O doch. Ich steig über den Zaun.«


// 2001 //

»Wannst Dir solche Mühen machen willst, so hab ich nix dagegen. Komm also mit!«

Sie verschloß die Thür, und nun gingen sie mit einander aus dem Garten in den Hof und über denselben hinweg nach der Stallthüre zu. Dort blieben sie noch einige Augenblicke lang stehen.

Das war grad zu derselben Zeit, in welcher der Samiel den Grafen verließ.

Der Mond schien so hell hernieder, dahin, wo sie standen. Sie konnten sich so in die Gesichter sehen, als ob es am hellen Tage sei. Er zog das liebe, schöne Mädchen noch einmal recht innig an sich und fragte:

»Martha, solls Dein Oheim wissen, daß wir einander lieb haben?«

»Ganz wie Du willst.«

»So wollen wir es ihm noch für kurze Zeit verschweigen.«

»Hast einen Grund dazu?«

»Ja. Ich werd ihm erst mal zeigen, daß ich der Einwilligung der Bäuerin nicht bedarf, wann ich mir eine Frau nehmen will.«

»Das war eine Dummheiten, die sie sagt hat. Sie hat doch kein Recht und keine Vormundschaft über Dich!«

»Nein, gar keine, und - - Pst! Hast nicht was hört?«

»Ja.«

»Was war es?«

»Es war wie wenn man eine Thüren aufklinken thut.«

»So ists auch mir vorkommen.«

»Und zwar drin im Stall. Ich kenne diesen Ton genau.«

»Sollt Jemand drinnen sein?«

»Wir werden uns täuscht haben.«

»Nein. Ich habs ganz deutlich hört, denn es war - - Schau! Himmelsakra!«

Er deutete nach dem kleinen Fensterchen des Stalles, welches in diesem Augenblicke durch den Schein eines Lichtes erleuchtet wurde.

»So ist doch wer drin!« flüsterte Martha. »Aberst wer!«

»Nur die Magd kann es sein. Die Rothschecketne hat heut nicht fressen wollt, und da wird die Magd nachschauen wollen, was die Kuh macht und ob sie vielleichten gar krank ist.«

»Wanns so ist, so soll es mich gefreuen. Wanns aberst anders ist, so - schau! Alle Teufeln! Da geht die Thüren aufi!«

Sie standen grad der Thür gegenüber. Diese wurde geöffnet, und der Bastian trat heraus, ohne die Beiden im ersten Augenblicke zu bemerken, denn er hatte das Gesicht nach dem Innern des Stalles zugewendet.

Martha erblickte die dunkle Gestalt in der oft beschriebenen, gefürchteten Tracht. Der Schreck darüber entlockte ihr den lauten Schrei:

»Herrgott! Dera Samiel!«

Da fuhr der Bastian blitzschnell herum. Er erblickte die Beiden und erkannte sie auf der Stelle.


// 2002 //

»Die Martha!« rief er aus, indem er rasch einige Schritte auf die Beiden zutrat.

Die Bäuerin, anstatt zurückzuweichen und sich einen anderen Ausweg zu suchen, trat sofort auch aus dem Stalle heraus.

»Noch einer!« schrie Martha auf.

»Dera Fritz!« entfuhr es der Bäuerin. »Also doch!«

Damit hatte sie sich verrathen; aber Fritz wußte auch ohne dies, daß er seine Herrin und seinen Mitknecht vor sich hatte.

Martha umschlang ihn in ihrer Angst und legte den Kopf an seine Brust. .

»Hilf mir, Fritz, hilf mir!« stammelte sie.

»Hab keine Angst!« antwortete er. »Bei mir bist sicher.«

Der Bastian lachte höhnisch auf. Er konnte Fritz nicht leiden, wie ja die Tugend stets von der Sünde gehaßt wird. Jetzt hatte er Gelegenheit, ihm Eins auszuwischen.

»Sicher beim Fritz, bei dem Lausbub!« rief er aus. »Dirndl, Du mußt mein werden.«

Er sprang herbei und griff nach ihr.

»Zurück!« donnerte Fritz ihm entgegen.

»Hund, was hast mir zu befehlen!« entgegnete Bastian.

Er riß den Todtschläger unter der Jacke hervor und holte zu einem fürchterlichen Schlage aus. Hätte dieser Hieb getroffen, so wäre Fritz sofort eine Leiche gewesen.

Der wackere Bursche aber war schneller als sein Feind. Er schlug diesem mit blitzartiger Geschwindigkeit die Faust mit solcher Gewalt in das Gesicht oder vielmehr an die vor das Gesicht befestigte Larve, daß Bastian mit einem lauten Wehschrei zusammenbrach.

Das brachte die Bäuerin zur augenblicklichen Energie. Sie hatte Fritz hier bei Martha getroffen; er war für sie verloren, denn er liebte dieses Mädchen. Warum sollte sie ihn schonen? Es galt, sich des niedergeschmetterten Bastians anzunehmen.

»Verdammter Kerl!« kreischte sie auf, so daß man aus ihrer Stimme leicht errathen konnte, daß der Samiel ein Frauenzimmer sei. »Das sollst mir sehr büßen.«

Sie drang mit beiden Fäusten auf Fritz ein, während Bastian sich langsam vom Boden erhob. Fritz lachte laut auf und rief:

»Seit wann kämpfen denn Katzen gegen den Bären. Weig fort, sonst zerbrech ich Dir die Krallen!«

Er schleuderte sie von sich. Anstatt aber zur Besinnung zu kommen und zu bedenken, daß sie aus einem Kampfe mit ihm unmöglich als Siegerin hervorgehen könne, wendete sie sich wieder zurück. Sie fuhr mit der Hand in die Tasche. Der Lauf ihres Revolvers glänzte im Mondesstrahl - -

»Das hast für die Katz, Du Hundekerl!« rief sie.

Der Schuss krachte.

Der Schuß krachte.


// 2003 //

Sobald Martha die Waffe erblickte, ergriff sie den Geliebten am Arme und schrie voller Angst:

»Weig aus! Er schießt!«

Sie riß ihn an sich. Er zuckte zusammen und wankte.

»Herrgott! Er ist troffen!« zeterte Martha und warf ihre beiden Arme um ihn, ihn fest umschlingend.

Die Bäuerin hatte nach diesem Schusse sofort die Flucht ergriffen. Sie rannte nach dem Zaune und kletterte mit der Schnelligkeit einer Katze hinüber. Der Bastian hatte sich von dem erhaltenen Hiebe wieder erholt; er sah ein, daß Flucht das Gerathenste sei und folgte seiner Herrin mit derselben Schnelligkeit.

»Laß mich! Laß mich los!« rief Fritz. »Ich will ihnen nach; ich will sie haben!«

»Nein, nein!« antwortete Martha, ihn nur noch fester umschlingend.

»Sie schießen auf Dich; sie dermorden Dich; Du darfst nicht fort.«

»Nix, gar nix könnens mir thun. Laß mich nur fort.«

»Nein, Du bleibst, Du bleibst!«

»So zwingst mich, Gewalt zu brauchen!«

Er wollte sie von sich abschieben, aber er konnte es nicht, außer wenn er ihr hätte sehr wehe thun wollen. Sie hing sich so an ihn, daß er gezwungen war, nachzugeben.

»Herrgottle! Warum lässest mich nicht fort!« seufzte er auf. »Nun sinds entkommen.«

»Laß sie!« bat sie zitternd. »Sie mögen immer entkommen, wann sie nur Dir nix anhaben können. Hörst, was ist das?«

Sie hörten jetzt, daß heftig an der hintern Thür gerüttelt wurde.

»Wer will herausi?« fragte Martha.

»Ich, der Graf!«

»Ach so! Sagens dera Magd.«

»Die ist nicht zu finden.«

Dabei trat er mit den Beinen abwechselnd gegen die Thür.

»Da ist zu; da könnens nicht ausi. Gehens durch den Kuhstallen. Dann sinds sogleich im Hof.«

Jetzt hörten die Beiden eine Thür aufreißen; dann erscholl ein zorniger Schrei im Stall:

»Himmelelement! Wer liegt denn da?«

Das Mädchen trat an die Thür und fragte hinein:

»Was fluchens denn?«

»Ich bin über einen Kerl gestürzt.«

»Das ist kein Kerl, sondern unsere rothschecketne Kuh.«

»Alle Teufel! Was will die denn da?«

»Na, das ist doch ihr Stall! Oder meinens, daß ich die Kuh in den Glasschrank stellen soll?«

»Ach so! Der Stall! Das ist ja richtig. Aber wo ist meine Waffe?«

»Suchens nur!«


// 2004 //

Es vergingen einige Augenblicke, während deren er suchte; dann hörte man seine Stimme:

»Hier fühle ich sie. Ja, das ist der Hirschfänger. Nun, da bin ich. Wo ist der Hallunke?«

Er erschien unter der Thür, den Hirschfänger in der Faust, und blickte sich um. Als er Fritzen sah, sprang er auf ihn zu und rief:

»Da ist er! Da haben wir ihn! Hund, ergieb Dich sofort!«

»Was?« lachte Fritz. »Ich soll mich ergeben?«

Der Graf sprach nicht weiter. Er erinnerte sich jetzt daran, daß der Samiel eine ganz andere Tracht gehabt hatte. Er erkannte zugleich auch des Knechtes vom Monde erleuchtetes Gesicht.

»Sapperment!« sagte er. »Ein Irrthum. Ich dachte, der Samiel wäre es.«

»O nein. Der bin ich nicht.«

»Das weiß ich. Aber er war doch hier!«

»Freilich!«

»Wo ist er?«

»Fort, entkommen.«

»Alle Teufel! Warum habt Ihr ihn nicht festgehalten?«

»Warum habens ihn nicht selberst festhalten, Herr Grafen?«

»Weil - brrr! Wische mir den Hirschfänger mal gehörig ab.«

Er hielt ihm die Waffe hin. Fritz aber trat zurück und antwortete lachend:

»Dank schön, Herr Oberlieutenant. Was geht mich der an! Gar nix. Werfens ihn weg, so sinds ihn los.«

»Hm! Ja, hast Recht.«

Er warf ihn fort und sagte dann weiter:

»Also Ihr habt den Samiel gesehen?«

»Ja, alle Beide,« antwortete Fritz.

»Beide - - -? Sapperment! Droben bei mir - - -«

Er sprach nicht weiter, denn in diesem Augenblicke, wo er von seinem Abenteuer erzählen wollte, erkannte er erst, wie wenig ruhmvoll dasselbe für ihn sei. Ließ sich das nicht vertuschen? Vielleicht doch! Niemand wußte, daß der Samiel bei ihm gewesen sei, und der Samiel würde doch nicht sich selbst verrathen.

»Was wolltens sagen?« fragte Fritz.

»Ich meinte, droben bei mir hörte ich den Schrei, daß der Samiel hier sei. Darum zog ich schnell das Allernothwendigste an, riß den Hirschfänger vom Nagel und eilte herab. Leider war die Hausthür verschlossen. Ich ging in die Stube, mir öffnen zu lassen; aber es war Niemand da. Endlich erhielt ich den guten Rath, durch den Stall zu eilen, und darum komme ich zu spät. Sapperment! Da es zwei gewesen sind, so hat der Eine Wache gestanden, während der Andere mich - - na, jammerschade, jammerschade,


// 2005 //

daß ich nicht zur rechten Zeit gekommen bin. Warum hast Du sie denn entkommen lassen!«

»Ich konnt sie nicht halten.«

»Oho! So ein junger Kerl wie Du! Du brauchtest ja nur zuzugreifen.«

»Sie auch. Und Sie habens doch nicht than.«

»Ich? Wieso?«

»Am Abend draußen im Wald, wo Sie festbunden worden sind vom Samiel. Warum habens ihn da nicht auch festhalten?«

»Das ist was ganz Anderes.«

»Nein. Sie waren bewaffnet und ich nicht. Sie wurden nicht abgehalten, sich zu wehren, ich aberst, als ich sie festhalten wollte, konnte ich nicht, weil die Martha hier mir die Hände halten hat. Wer hat also den Vorwurf verdient? Sie oder ich?«

»Raisonnire nicht!«

»Ich zank ja nicht, sondern ich antworte ganz ruhig und höflich.«

»Wo kamen die Kerls denn her?«

»Da aus dem Stall.«

»Ah! Und wo gingens hin?«

»Dort über den Zaun.«

»So! Hm! Wer hat denn geschossen? Ich hörte einen Schuß.«

»Dera eine Samiel schoß auf mich, als ich den zweiten niederworfen hatte.«

»Wurdest Du getroffen?«

»Ja.«

»Wo?«

»Ich weiß noch nicht genau, aberst ich glaub halt, an dera Brust, denn da thut mirs weh, und es lauft mir auch das warme Blut herab. Das thu ich deutlich fühlen.«

Martha schrie vor Schreck laut auf:

»Herr, mein Heiland! Verwundet bist?«

»Hab keine Sorg! Es kann nicht gefährlich sein.«

»Wer kanns wissen! Mein Himmel! Wannt Dich verbluten thust. Ich habs wohl merkt, daß es Dir einen Juck und Ruck geben hat, als dera Samiel auf Dich schießen that. Komm schnell eini in die Stuben. Wir müssen sofort nachschauen.«

Sie ergriff ihn am Arme und zog ihn mit sich fort. Der Offizier folgte still. Ihm war gar nicht wohl zu Muthe. Er hätte gern losgedonnert und losgewettert, aber die Furcht vor der ungeheueren Blamage lag ihm in den Gliedern. Natürlich verrammelten sie nun jetzt, da es zu spät war, die Stallthüre so fest, daß es keinem Samiel wieder gelingen konnte, einzudringen.

Als sie in die Stube gelangten, war es in derselben finster.

»Wo ist denn die Magd mit dera Lampen?« fragte Martha.

»Es war schon vorhin dunkel, als ich hereinkam, um mir öffnen zu lassen.«

»Sie kann aberst doch nicht fort sein! Zu Bett ist sie nicht, denn sie muß auf mich warten. Dorothea, Dorothea?«


// 2006 //

Sie rief diesen Namen mit laut schreiender Stimme, denn die alte Magd war sehr taub. Als sie nun still horchten, hörten sie einen Seufzer.

Dieser Seufzer klang so angstvoll und hohl, als ob er aus der Tiefe des Erdinnern herauskäme.

»Dorothea, wo steckst denn? So sag es uns doch nur.«

Da erklang es ebenso dumpf und hohl wie vorher:

»O sichrer Mensch, bekehre Dich!
Du lebst ja hier nicht ewiglich.
   Zu seiner Zeit mußt Du davon,
   Und dann erhältst Du Deinen Lohn,
Nachdem Du hast in dieser Welt
Viel schlimme Dinge angestellt!«

»Was ist denn das?« fragte der Graf. »Das klingt ja höllisch schauerlich.«

»Das ist das einzige Lied, welches die Alte im Kopf hat. Das betet sie bei jeder Gelegenheit, wann sie Angst oder Freude hat, zur Kirmeßzeit und auch zum Allerseelentag. Dorothea, so komm doch nur! Wo hast denn die Lampen hinthan? Wir wollen Licht machen!«

Als Antwort erklang es schauerlich:

»O schlag, Du sichres Menschenkind,
Die Warnung ja nicht in den Wind!
   Laß ab von Deiner Missethat;
   Noch ist es Zeit, noch ist es Rath.
Was Du versäumst in dieser Zeit,
Das reut Dich in der Ewigkeit!«

Da stampfte Martha ungeduldig mit dem Füßchen und klagte:

»Wann wir noch lang so stehen müssen, da kann dera Fritz sich fast verbluten. Hat Keiner ein Streichholz?«

»Ich hab welche,« antwortete Fritz.

»Brenn schnell eins an.«

Der Bursche that das, und nun sah man beim Scheine des Hölzchens einen wirren Haufen in der Stubenecke liegen.

»Was ist denn dort?« fragte Fritz.

»Das sind die Kartoffelsäcke, welche die Dorothea heut Abend hat ausbessern müssen.«

»Von dorther kam auch die Stimm, welche sprochen hat. Sie wird doch nicht darunter stecken!«

»Warum sollt sie das thun?«

»Wer weiß es! Aus Furcht; ich werds doch mal untersuchen.«

Er ging in die Ecke und bückte sich nieder. Ja wirklich, da lag die Alte unter ihnen, zusammengerollt fast wie ein Igel. Als er sie berührte, schrie sie laut auf:

»Gnade, Gnade! Mich nicht, mich nicht!«

»Was fallt Dir ein! Steh doch aufi!«


// 2007 //

»Nicht mich, nicht mich!« wimmerte sie. »Schlag eine Andere todt.«

Er faßte sie an und hob sie empor. Dann hielt er die Zitternde fest, brachte seinen Mund nahe an ihr Ohr und schrie:

»Wo ist die Lampe?«

»Ich hab sie in die Ofenröhre versteckt. Thut mir aber nix. Ich bin eine alte Frauen und hab weder Geld noch Kind noch Kegel.«

Jetzt holte Martha die Lampe aus dem Ofen und Fritz brannte sie an. Als die Alte nun beim Licht die Anwesenden erkannte, schlug sie die Hände zusammen und rief:

»Was, Ihr seids? Ich hab denkt, die Samielen sinds.«

»Was weißt Du denn von denen?« rief Fritz ihr in das Ohr.

»Ich hab sie sehen. Ich wollt mal hinausgehen, und als ich die Thür aufimachen that, da warens grad an derselbigen vorüber und stiegen die Treppe empor. Da hab ich die Thüren wieder leise zumacht, die Lampe auslöscht und in den Ofen stellt und mich unter die Kartoffelsäcken verkrochen. Wo sinds hin?«

»Fort.«

»Habens was stohlen, raubt oder gar dermordet?«

»Wollen erst sehen.«

»Du mein Herrgottle, welch ein Schreck! Wann ich nicht mein Lied habt hätt, was ich immer hersagt hab, so wär ich vor Angst vergangen. Ich wills nur gleich noch einmal hersagen.«

Sie kauerte sich in die Ecke auf ihre Säcke nieder und begann das Lied von Neuem zu beten.

Martha hatte große Lust, sie auszuzanken, aber der Gedanke an den verwundeten Geliebten ließ sie nicht dazu kommen. Fritz mußte die Jacke, die Weste ausziehen. Das Hemd war ganz blutig. Es wurde an der linken Seite aufgeschnitten. Da zeigte es sich, daß er einen Streifschuß erhalten hatte, grad in der Höhe des Herzens. Wenn Martha ihn nicht im Augenblicke des Schusses an sich gerissen hätte, wäre ihm die Kugel durch das Herz gegangen.

Als er das sah, biß er die Zähne zusammen und sagte:

»Also todtschossen sollt ich werden! Ah! Nun hab auch ich kein Derbarmen!«

»Mit wem?« fragte der Offizier.

»Mit dem Samiel.«

»Kennst Du ihn denn? Hast Du denn bisher Erbarmen mit ihm gehabt?«

Fritz sah ein, daß er unvorsichtig gewesen war. Er antwortete:

»Ich hab meint, daß ich kein Derbarmen haben werd, wann er mir nochmals so wie am heutigen Abend in die Hände läuft.«

»Ach so! Na, dieses Mal bist Du noch gut weggekommen. Es wird zwar sehr schmerzen; die Kugel hat ein tüchtiges Stück Fleisch aufgerissen,


// 2008 //

aber lebensgefährlich ists nicht, obgleich Du ein tüchtiges Wundfieber bekommen wirst.«

»Daraus mach ich mir nix. Dera Samiel wird mir das Fieber und auch die Schmerzen aus seinem eigenen Beutel bezahlen. Nun möcht ich aberst wissen, was er wollt hat.«

»Wer weiß es!« antwortete der Graf ausweichend. »Ich kann mich Ihrer Ansicht nicht anschließen.«

Fritz beachtete die Zweifel des Grafen nicht. Er sann einige Minuten nach, dann gab er seinen Gedanken Ausdruck.

»Also zur Treppe empor sinds gangen. Wohin aberst?«

»Mein Gott!« rief Martha, welche eifrig beschäftigt war, den Geliebten zu verbinden, »da fallt mir ein, daß dera Oheim ein gar großes Geldl aus der Stadt bracht hat. Das werdens doch nicht holt haben?«

»Wo liegts?« fragte Fritz.

»Im Oheimen seiner Stuben oben, im Gewehrschrank. Da wo dera Herr Graf schlief.«

Der Bursche blickte den Offizier forschend an und fragte:

»Sinds heut Abend stets daheim gewest?«

»Ja.«

»Und dera Samiel ist nicht zu Ihnen hinein kommen?«

»Nein.«

»Das wissens bestimmt?«

»Ganz bestimmt. Erst als ich Martha unten rufen hörte, habe ich das Zimmer zum ersten Male verlassen.«

»Hm! Man möcht sich beinahe mal den Gewehrschrank anschauen!« bemerkte Fritz auf die Erklärung des Grafen.

»Das können Sie thun. Gehen Sie, wenn der Verband angelegt ist, mit hinauf.«

Als Förstersnichte war Martha mit der Behandlung einer Wunde so ziemlich vertraut. Bald war der Verband angelegt, und dann begab sich Fritz mit Martha hinauf in die Stube. Es zeigte sich hier nicht die geringste Spur, daß Einbrecher hier gewesen seien, und auch das Schloß des Gewehrschrankes ließ keine Gewaltthätigkeit vermuthen. Der Graf blieb bei seiner Behauptung, daß er von gar nichts wisse.

Fritz drang darauf, daß sofort alle Räume untersucht würden. Auch das war vergebens. Es fehlte nicht das Mindeste, und so konnte man nur annehmen, daß die beiden Samiels zwar eingedrungen seien, um irgend eine Unthat zu verüben, aber durch ein Hinderniß davon abgehalten worden waren, ohne in das Zimmer eingedrungen zu sein.

Mit diesem Resultate, welches ihn aber keineswegs befriedigte, begab Fritz sich auf den Heimweg. Er dachte über Alles nach, was er heut Abend erlebt und über jedes Wort, welches er gehört hatte, und kam zu der Ueber-


// 2009 //

zeugung, daß der Samiel dennoch irgend Etwas gegen den Förster ausgeführt habe. Die Worte des Zornes, welche die Bäuerin ausgesprochen hatte, als sie sich von der Bank unter den Eichen entfernte, ließen das vermuthen.

Er traute dem Grafen nicht. Das Wesen desselben war ihm so gedrückt und heimlich vorgekommen. War doch mit dem Etwas geschehen? Jedenfalls war das unerfahren.

Diesen Gedanken hing Fritz während des Heimweges nach, doch ganz vergeblich. Er vermochte es nicht, sich diese Fragen zu beantworten.

Er kehrte natürlich auf demselben Wege nach dem Kronenhofe zurück, auf welchem er diesen verlassen hatte, über den Zaun und durch den Durchgang der Scheune nach dem Hofe. Der Mond hatte sich nach Westen gesenkt und stand nun so hinter dem Stallgebäude, daß dieses einen tiefen Schatten über den Hof warf. Es war da also so dunkel, daß es für Fritz, selbst wenn ein Lauscher vorhanden gewesen wäre, keiner großen Vorsichtsmaßregeln bedurfte, um unbemerkt an den Wagen zu kommen, auf welchem der Wurzelsepp seiner wartete.

Als er den Wagen erreichte, blieb er einige Augenblicke horchend stehen. Kein Lüftchen bewegte sich.

»Fritz!« flüsterte Sepp von oben herab.

»Ja, ich bin es,« antwortete er.

»Komm herauf, aber leise.«

»Kann es Jemand hören?«

»Ja, der Bastian.«

»Ist er denn da?«

»Schon seit einiger Zeit. Er kam halt freilich sehr leis geschlichen; aberst ich habe ihn dennoch hört. Er ist in dem Stall, und ich weiß nicht, ob er sich niederlegt hat, oder ob er wartet und irgendwo steckt, bis die Bäuerin kommt.«

Fritz stieg langsam auf den Wagen und hütete sich, ein vernehmbares Geräusch hervorzubringen. Das Heu raschelte freilich ein Wenig, aber nur so viel, daß, wer es von fern hörte, annehmen konnte, daß es von einem kleinen Thiere hervorgebracht worden sei.

Und es war allerdings gehört worden; denn kaum hatte sich Fritz möglichst tief in das Heu eingegraben, so hörten die Beiden in der Nähe des Wagens schleichende Schritte, und dann fragte eine halblaute Stimme:

»Ist jemand da?«

Sie schwiegen natürlich.

»So red doch!«

Als sie auch darauf keine Antwort gaben, blieb es eine sehr kurze Zeit still, und dann brummte es:

»Ich habs ganz deutlich hört. Es war hier beim Wagen. Sollte Jemand hinaufstiegen sein? Ich werd gleich mal nachschauen.«

»Es ist der Bastian,« flüsterte der Sepp.

»Was thun wir, wann er halt aufi kommt?«


// 2010 //

»Still sind wir. Das Weitere kannst dann mir überlassen.«

»Was willst thun?«

»Wart es ab!«

Der Knecht kam wirklich an dem Seile, durch welches der über der Ladung liegende Wiesbaum festgehalten wurde, heraufgeklettert, aber glücklicher Weise nicht ganz. Als er so hoch war, daß er mit dem Kopfe über das Heu emporragte, hielt er an. Er konnte die Beiden nicht sehen, da sie sich tief eingewühlt hatten.

»Nix! Niemand!« brummte er. »So ists halt eine Maus gewest oder eine Ratten oder auch gar wohl eine Fledermaus.«

Er stieg wieder ab, begab sich aber nicht nach dem Pferdestalle, sondern setzte sich unweit des Wagens auf die Schwelle der Hinterthüre nieder.

»Das ist dumm!« flüsterte der Sepp. »Jetzund, wann uns ein Halm vom Heu in die Nasen kommt, so daß wir niesen müssen, sind wir verrathen.«

»So müssen wir uns in Acht nehmen. Sei nur still und beweg Dich nicht; er thät es hören.«

Sie mußten weit über eine Stunde in dieser unangenehmen Lage ausharren. Dann aber, als diese Zeit vergangen war, hörten sie von der Scheune her leise Schritte nahen.

»Das ist die Bäuerin,« lispelte der alte Sepp seinem jungen Kameraden zu.

Er hatte Recht. Der Knecht Bastian hatte ihr Kommen auch bemerkt und empfing sie mit den halblauten Worten:

»Endlich! Ich hab halt eine große Sorgen um Dich habt. Warum kommst denn so spät?«

»Ich konnte nicht eher. Aber sprich leiser!«

Der Knecht dämpfte zwar seine Stimme noch mehr; aber die beiden auf dem Wagen Befindlichen konnten dennoch hören, was gesprochen wurde, denn die Sprechenden befanden sich neben dem Wagen.

»Bist also glücklich davonkommen?« fragte Bastian.

»Ja. Und Du?«

»Auch. Nur der verdammte Schmiß auf die Nasen wird mir zu schaffen machen.«

»Ist er schlimm?«

»So schlimm, daß man ihn sehen wird.«

»So mußt halt eine Ausred machen.«

»Ja, ich werd mir eine aussinnen. Dieser verdammte Kerl, der Fritz! Was hat er in dera Förstereien zu thun!«

»Ich werd ihn strenger halten. Ich duld halt keine Liebschaften bei einem Knecht.«

»Auch bei mir nicht?«

»Nein.«

»Aberst doch die Liebschaft mit Dir?«


// 2011 //

»Sei still! Ich hab jetzt Nothwendigeres zu thun als mit Dir von solchen Dummheiten zu reden. Ist hier Alles in Ordnung?«

»Ja. Nur einmal hats ein Geräusch geben, das ist aberst wohl nur eine Katz gewest.«

»So geh nun schlafen.«

»Gleich. Doch sag, was wirds mit dem Geldl, wast mir für heut Abend versprochen hast?«

»Willsts etwan gleich haben?«

»Nein. Wanns mir nur sicher ist.«

»Ich werd Dich nicht darum betrügen. Zwar hast zu mir sagt, wann ich Dir nur immer gut bleib, so möchtest gar kein Geld nicht haben, aber ich werds Dir dennoch geben. Jetzt geh!«

Er gehorchte ihr und entfernte sich.

Sie wartete, bis seine leisen Schritte nicht mehr zu vernehmen waren, dann zog sie an der herabhängenden Schnur. Die Leiter bewegte sich aus dem Fenster herab. Die Bäuerin stieg hinauf; dann zog sie die Strickleiter hinauf und machte das Fenster zu.

»Gott sei Dank!« seufzte Fritz. »Ich bin froh, daß das vorüber ist. Wir konnten gar leicht entdeckt werden.«

»Auch ich hatte große Angst und freu mich, daß es vorüber ist. Schau, was sie thut!«

Die Bäuerin setzte sich auf das Bett und zog die Brieftasche des Försters hervor. Sie öffnete dieselbe und begann, die gestohlenen Kassenscheine zu zählen. Als sie damit fertig war, stand sie wieder auf und trat zum Kleiderschranke.

Es versteht sich von selbst, daß sie, bevor sie das Geld zu zählen begonnen, ein Licht angebrannt hatte. Mit diesem verschwand sie in dem Schranke.

»Nun versteckt sie halt das Geldl,« meinte der Sepp. »Bevor sie wiederkehrt, kannst mir sagen, wie es draußen gangen ist.«

»Sehr gut und auch sehr bös, wie man es halt nimmt. Ich freilich bin sehr zufrieden mit dem, was ich sehen, hört und derfahren hab.«

Er erzählte ihm in kurzen Zügen das erlebte Abenteuer. Er war grad fertig mit seinem Berichte, als die Bäuerin wieder aus dem Schrank gekrochen kam.

»Jetzt hat sie ihr Tagewerk vollbracht und wird nun schlafen gehen,« sagte der Alte. »Wie so ein Weib schlafen kann, das begreif ich nicht.«

»Ich begreif es gar wohl. Sie ist gottlos und hat kein Gewissen; da wird sie durch nix im Schlaf gestört. Sie fühlt sich halt so sicher, daß sie nicht mal den Vorhang am Fenster niedermacht hat.«

»Weil sie halt eben nur ein Weib ist. Und wann ein Frauenzimmern noch so klug ist, so hat sie doch lange Haar und kurzen Verstand. Einen Fehlern macht sie stets. Ein Mann thät den Vorhang nicht oben lassen. Schau, nun wir sie belauscht haben, läßt sie ihn hernieder, weil sie sich aus-


// 2012 //

kleiden will. Das soll Keiner sehen. Aberst daß sie dera Samiel ist, das halt haben wir erschauen können.«

»So ists jetzt gut. Wir wollen gehen.«

»Noch nicht. Sie könnt das Rascheln im Heu doch hören. Wir müssen noch warten. Sag mir nun, wast zu thun gedenkst!«

»Das möcht ich von Dir hören.«

»So! Mich geht diese Sach eigentlich viel weniger an als Dich. Red also Du zuerst!«

»Ich möcht am liebsten Anzeig machen.«

»Natürlich werden wir das!«

»Aberst so bald wie möglich! Morgen!«

»So schnell brauchts nicht zu sein.«

»O doch! Jetzund ist Alles beisammen. Wann wir ihr Zeit lassen, kann sie die Beweise vernichten.«

»Das fallt ihr gar nicht ein. Was meinst denn für Beweise?«

»Alles was sie geraubt und versteckt hat.«

»Was das betrifft, so brauchst schon gar keine Sorg zu haben. Sie wird meinen, daß ihr Versteck das Beste ist, was es giebt. Nein, die Beweise, die wir haben, die gehen uns nicht verloren. Warten wir also noch!«

»Aber, wozu warten!«

»Weil ich meine Gründe dazu hab.«

»Welche denn? Kann man sie derfahren?«

»Nicht jetzt sogleich. Ich sag sie Dir aber bald. Dann wirst mir ganz gewiß Recht geben.«

Sie warteten noch eine Weile; dann stiegen sie leise herab und schlichen sich nach Fritzens Kammer, wo sie sich niederlegten. Sepp schlief sehr gut. Fritz aber wälzte sich auf seinem Lager ruhelos von einer Seite auf die andere. Der vergangene Tag war ein unendlich wichtiger für ihn gewesen. Er hatte ihm Aufklärungen zu verdanken, welche sein Sinnen und Denken so in Anspruch nahmen und seine Seele so erregten, daß vom Schlafe keine Rede war. Kaum graute der Tag, so erhob er sich leise, um den Sepp nicht zu wecken und ging an seine Arbeit.

Als er dabei nach einiger Zeit in den Stall kam, lag der Bastian schlafend in einer Ecke auf dem Stroh. Fritz fütterte die zwei Pferde, welche seiner Obhut anvertraut waren. Die beiden andern hatte Bastian über.

Dieser Letztere wachte bei dem Geräusch, welches Fritz verursachte, auf, wendete diesem das Gesicht zu und sagte in mürrischem Tone:

»Hats denn schon fünf geschlagen, daßt hier schon zu rumoren beginnst?«

»Nein,« antwortete der Gefragte einsilbig.

»So gieb auch Ruhe! Ich will schlafen.«

»Wegen dera Viertelstund, die noch fehlt, geh ich nicht wieder fort.«

»Willst Dich wohl bei dera Herrschaft einschmeicheln, daß es heißt, Du seist so ein gar Fleißiger?«


// 2013 //

»Fallt mir nicht ein. Ich hab ausschlafen und brauch doch nicht zu faullenzen. Bist wohl sehr spät schlafen gangen, daßt über mich zankst?«

»Nein.«

»So kannst auch den Mund halten. Gähnst freilich ganz so, als obst Dich gleich erst herlegt hättst.«

Bastian glaubte, das nicht auf sich sitzen lassen zu dürfen. Er wollte nicht wissen lassen, daß er wegen Mangel an Schlaf noch müde sei. Darum raffte er sich brummend von seinem Strohlager auf und begann seine Pferde zu füttern.

"Ja, was ist denn heut mit Dir, Bastian?"

Fritz that, als ob er ihn gar nicht beachte; dann aber schaute er ihn einmal wie ganz zufällig an, schlug die Hände erstaunt zusammen und fragte im Tone des Schreckes:

»Ja, was ist denn heut mit Dir, Bastian?«

»Mit mir, was soll da sein?«

»Wie schaust aus? Was hast im Gesicht?«

»Im Gesicht? Was soll ich da haben? Die Augen, das Maul und die Nasen, kurzum Alles, was ich sonst auch darinnen hab.«

»Die Nasen? Nein. Eine Nasen hast nicht mehr, sondern das ist was ganz Anderes.«

»Was soll es denn sein?«

»Das schaut aus wie eine große Birne oder so was. Aberst blau ists und grün und gelb.«

Bastian that, als ob er von seiner fürchterlich geschwollenen Nase noch gar nichts wisse. Er befühlte sie und sagte:

»Donnerwetter! Was ist denn das? Die ist ja ganz geschwollen!«

»Freilich! Schaust gar schön aus! Woher ist das denn kommen?«

»Das muß von dem Schimmel sein.«

»Wieso denn?«

»Er hatte sich in dera Nacht losgerissen und lief im Stall hin und her. Ich hab ihn im Finstern einfangen müssen und wiederum anbunden. Dabei bin ich gestürzt und von dem Pferd stoßen worden. Die Nasen hat mir gleich wehe than, weil ich grad auf sie fallen bin; aberst daß es gar so schlimm ist, das hab ich freilich nicht dacht.«

»Dera Schimmel ist doch sonst so ruhig!«

»Er hat doch mal seinen Koller habt.«

Damit schien die Sache abgemacht zu sein. Fritz that, als ob er der Erklärung Glauben schenke; Bastian aber verwünschte ihn im Stillen und dachte wie er sich freuen wollte, wenn einmal die Gelegenheit käme, sich zu rächen.

Nachdem die Pferde versorgt waren, begaben Beide sich in die Stube, um ihre Morgensuppe zu essen. Die Bäuerin schlief noch, der Bauer ebenso. Die älteste Magd hatte die Pflicht, täglich diese Suppe zu kochen.

Als das vorüber war, hatte Bastian im Garten zu thun. Er arbeitete


// 2014 //

mit Verdruß, und dieser Verdruß wuchs, als er den Wurzelsepp sah, welcher in den Garten geschlendert kam.

Als der Letztere den Knecht bemerkte, rief er in einem Tone, als ob er sich darüber freue:

»Du bists, Bastian? Ah, das kann mich sehr gefreun. Das ist mir unendlich lieb!«

Der Knecht fuhr in seiner Arbeit fort und antwortete mürrisch, ohne den Alten anzusehen:

»Möcht wissen, warum es Dich gefreun sollte!«

»Soll ichs Dir sagen?«

»Brauchs nicht zu wissen!«

»Ah! Wannsts nur wüßtest, so würdest mich gar weiter fragen.«

»Das denk ich nicht.«

»So glaubst halt nicht an Träume?«

Damit hatte der Alte ein Thema berührt, für welches der Bastian sich außerordentlich interessirte. Er war, wie die meisten Menschen seines Schlages, ungeheuer abergläubisch. Ahnungen und Träume hatten nach seiner Ansicht viel zu bedeuten. Er glaubte, daß jeder Traum in Erfüllung gehe. Darum war er neugierig, zu erfahren, was Sepp eigentlich meine. Er antwortete:

»An Träume glaub ich schon. Was gehts aber Dich an? Ich hab heut nicht träumt.«

»Ich desto mehr und gar schön!«

»Das geht mich nix an!«

»Sehr viel! Wannsts wüßtest, was mir träumt hat, so thätst vor Freud gleich einen Purzelbaum schlagen.«

»Es ist mir nicht so zu Muthe.«

»Denk Dir! Mir hat zunächst träumt, dera Bauer wär storben!«

»Und das nennst einen schönen Traum!«

»Das nicht. Aber das ist ja erst der Anfang: das Schöne kommt nun erst, denn wann dera Bauer stirbt, so ist die Bäuerin doch eine Wittfrauen worden.«

Da legte der Bastian die Schaufel, mit welcher er gearbeitet hatte, weg, sah den Sepp fragend an und erkundigte sich:

»So hast Du träumt, daß sie Wittfrau worden ist?«

»Ja, und daß sie wieder heirathet hat.«

»Was sagst da? Wen denn?«

»Das würdest nie derrathen!«

»Das glaub ich wohl.«

Der kluge Alte hatte den Aberglauben und - die Liebe des Knechtes zu der Bäuerin in seine Berechnung gezogen. Er hatte die Absicht, sich eine Schriftprobe des Bastians zu verschaffen, um aus der Vergleichung ersehen zu können, ob er es sei, der die mit >der Samiel< unterzeichneten Zetteln schreibe. Da aber der Bastian nicht dumm war und stets geleugnet hatte, schreiben zu


// 2015 //

können, so mußte die Sache klug angefangen werden. Er mußte bei seinen Schwächen und Leidenschaften gepackt werden.

»Das glaubst, daßts nicht derrathen kannst?« fuhr der Alte fort. »Und doch bists grad Du, der es am Leichtesten rathen könnt.«

»Warum?«

»Weilsts selber bist, den sie heirathet hat.«

»Ich? Mich hat sie zum Mann nommen?«

Sein häßliches Gesicht klärte sich auf. Es breitete sich der Ausdruck froher Ueberraschung auf dasselbe.

»Ja, Du bist dera Kronenbauer worden. Das hat mir träumt, und zwar so genau und lebendig, als obs nicht ein Traum, sondern die Wirklichkeit war. Ich bin mit auf dera Hochzeiten gewest. Als ich aufwachen that, da hab ich mich gar nicht drein finden konnt, daß es nicht die Wahrheit sein sollt. Aberst ich hab gleich denkt, was nicht ist, das kann noch werden, denn Träume sind keine Schäume, und so ein lebendiger Traum, der geht ganz gewiß in Erfüllung. Was aberst hast denn an dera Nasen?«

»Gefallen bin ich im Stall, weil das Pferd sich losreißen that. Es ist nix und wird bald wiederum heil werden. Aberst wast da sagst von wegen dem Traum, das kann nicht in Erfüllung gehen.«

»So! Warum nicht?«

»Die Bäuerin würde mich nicht mögen.«

»Dich nicht mögen? Warum denn nicht?«

»Ich bin ja nur ein Knecht!«

»Hats etwa noch niemals eine Frau geben, die ihren Knecht heirathet hat?«

»Da weiß ich freilich gleich einige.«

»So schau! Warum soll es bei Dir nicht sein?«

»Weil ich nicht hübsch bin.«

»Geh! So hübsch wie ein Andrer bist allemal.«

»Und dumm!«

»Du sollst dumm sein? Geh, Bastian, da kenn ich Dich besser! Wer Dich für dumm kaufen will, der ist selberst nicht klug. Du bist einer der Klügsten, aberst Du lässest Dir es halt nicht merken.«

»Meinst?«

»Ja. Ich hab Dich auskennen lernt.«

Das Gesicht des Knechtes glänzte vor Wonne. Für nicht häßlich und nicht dumm gehalten zu werden, das war ihm noch nicht widerfahren. Er selbst glaubte natürlich, hübsch und gescheidt zu sein, doch meinte er bescheiden:

»Jetzt machst ein Gespaß mit mir. Aberst wanns auch die Wahrheit wär, wann ich klug wär und auch nicht häßlich, so thät die Bäuerin mich doch nicht heirathen. Die thät nur einen Steinreichen nehmen.«

»Nun, bist das etwa nicht?«

»Ich reich?«

»Ja, steinreich sogar!«

»Was fallt Dir ein!«


// 2016 //

»Es ist die Wahrheit. Zweimalhundertundfünfzigtausend Mark hast ja!«

Der Bastian machte ein ganz und gar unbeschreibliches Gesicht. So ein Vermögen sollte er haben?

»Bist wohl verruckt?« fragte er.

»Nein. Ich sag die Wahrheit. So ein Geldl hast, grad so viel wie ich.«

»Woher soll ichs denn haben?«

»Nun, Du hasts doch in dera - - Sappermenten!« fuhr er fort, sich an die Stirn schlagend, »was hab ich denn nur dacht! Wie hab ichs denn vergessen konnt, daß ich es nur träumt hab! Es ist mir wirklich ganz so gewest, als obs die reine Wahrheiten sei.«

»Träumt hasts, daß ich so reich bin? So sag doch auch, woher ich das Geldl hab!«

»Aus dera Lotterie.«

»Hab ichs gewonnen?«

»Ja.«

»Donnerwetter! Da muß ich spielen!«

»Dieser Gedank ist gar nicht schlecht.«

»Nein, es ist das Allerbest, was man nur denken kann. Wanns Einem träumt, daß man in dera Lotterien gewinnt, so soll man schleunigst spielen. Meinst nicht auch?«

»Ja freilich.«

»Ich hab mich schon oft nach so einem Traume sehnt; aberst es ist mir keiner kommen.«

»Und mir hats schon oft so träumt.«

»Und hast nicht spielt?«

»Nein.«

»Was bist da für ein dummer Kerl, Wurzelsepp. Hast etwa nicht das Geldl dazu?«

»Das hätt ich schon; aberst ist bin halt wohl ein Wengerl zu leichtsinnig gewest. Ich hab die schöne Zeit vorübergehen lassen, ohne sie zu benutzen.«

»Das fiel mir freilich nicht ein. Ich greif gleich zu. Drum sag, was Dir da eigentlich träumt hat!«

»Es hat mir träumt, daß wir in dera Hamburger Lotterien spielt haben.«

»Wer? Wir Beide?«

»Ja, Du und ich.«

»Die Hamburger kenn ich gar nicht.«

»Aberst ich kenne sie. Man kann da gleich auf einmal fünfmalhunderttausend Mark gewinnen.«

»O Jerum!«

»Denk Dir! Das ist eine halbe Million!«

»Sepp, ists wahr?«

»Ja. Wir haben das ganze Loos spielt und die halbe Million gewonnen.«


Ende der vierundachtzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk