Lieferung 86

Karl May

17. März 1888

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


// 2041 //

»Nein,« sagte der König. »Diesen Ausspruch werden wir nicht thun. Können Sie schweigen? Können Sie sich bezwingen?«

»O, so sehr, wie Sie nur wollen.«

»Auch gegen Ihre Frau?«

»Erst recht!«

»So will ich Ihnen sagen, daß Sie sehr bald wieder sehen werden.«

Der Blinde lauschte. Es war, als ob er ein jedes Wort einathmen wolle.

»Sehen werden!« flüsterte er, indem ein unbeschreiblich seliges Lächeln über sein eingesunkenes Gesicht flog.

»Vielleicht schon morgen,« fügte der Medicinalrath hinzu.

»Morgen - morgen schon!«

»Das heißt, wenn es Abend geworden ist. Dann werde ich Ihre Binde öffnen und Sie können sich beim milden Sternenlichte, welches Ihren Augen nichts schadet, überzeugen, daß Ihnen das Glück des Gesichtes wieder zurückgegeben worden ist.«

Da sank der Bauer auf die Knie nieder, hob die gefalteten Hände empor und rief:

»Mein Jesus und mein Heiland! So ists nun also vorüber mit dieser schweren Noth! Ich - ich - ich -«

Er wollte weiter sprechen, aber er brachte vor Schluchzen nichts mehr hervor.

»Beruhigen Sie sich!« bat der Arzt, ihn emporhebend. »Sie dürfen sich nicht aufregen und am allerwenigsten weinen. Jede Thräne kann meine Operation erfolglos machen. Nehmen Sie sich in Acht.«

»Wanns so ist, so werd ich nix sagen und nix thun, als bis Sie mirs derlauben. Aber das sag ich, daß ich Ihnen die Operation, denn eine solche ists gewest, das merk ich nun, daß ich Ihnen die Operation danken will, so gut ich kann. Machens mir Ihre Rechnung! Verlangens zehntausend Mark, zwanzigtausend oder auch noch mehr! Ich werds von Herzen gern bezahlen!«

»Davon ist jetzt keine Rede. Denken Sie nicht an solche unnütze Sachen, sondern sorgen Sie dafür, daß sowohl Ihr Körper als auch Ihr Gemüth die nöthige Ruhe habe.«

»Bekomme ich auch eine Medicinen?«

»Nein.«

»Ich muß doch einen Thee trinken oder sonst was aus dera Apotheken!«

»In diesem Falle nicht, mein Lieber.«

»Aber mich ins Bett legen?«

»Auch nicht. Setzen Sie sich getrost wieder unter den Baum, da, wo Sie vorher gesessen haben. Das schadet Ihnen nichts; ja, es ist nur gut für Sie. Hüten Sie sich nur vor Erkältung. Das ist das einzige.«

Der Bauer konnte nicht begreifen, daß er nicht als schwerer Patient behandelt werden sollte. Er wollte sich abermals in Dankesversicherungen ergehen, da aber erhielt der Sepp einen Wink, ergriff ihn beim Arme und führte ihn hinab und unter den Baum.


// 2042 //

Als die Beiden dort anlangten, saß die Bäuerin dort, Gemüse putzend. Als sie die Augenbinde sah, lachte sie laut auf und fragte:

»Jetzund wird wohl eine Maskerade trieben?«

Der Bauer antwortete nicht.

»Ja,« sagte der Sepp.

»Nicht wahr, das hab ich mir denkt! Einem Blinden auch noch die Augen verbinden, das ist grad so, als wann man einem Tauben die Ohren verstopfen wollt. Was hat dera Herr Doctor denn sagt?«

»Er hat ihm in denen Augen herumstochen und nachhero meint, daß er noch nix sagen kann.«

»So! Das ist Alles?«

»Alles!« nickte der Sepp.

»So ists ja kommen, wie ich mir denkt hab. In denen Augen herumstochen! Auch noch! Da hat er ihm blos das, was noch gut gewest ist, vollends zerstochen. So eine Sach ist immer nutzlos. Wer blind ist, der mag blind bleiben. Er ists einmal gewohnt und merkts halt gar nicht mehr.«

»Würdst auch so sagen, wann Du es wärst, die blind ist?«

»Ja. Ich thät mich zufrieden geben.«

»Sündige nicht!«

»Ist das eine Sünd, wann ich sag, daß ich mich in mein Schicksal ergeben thät? Es ist im Gegentheil eine Sünd, mit demselben unzufrieden zu sein. Was hat mein Mann zu klagen? Er hat Alles, was sein Herz begehrt, tausendmal mehr als andere Menschen. Daß er nicht sehen kann, das muß er eben ertragen!«

Das war dem Bauer doch zu herzlos. Er sagte langsam und in feierlichem Tone:

»Du sollst fortan Deine Augen nicht mehr da haben, wo sie nicht hingehören. Merke Dirs!«

Sie erbleichte. Das waren ganz dieselben Worte, welche der Samiel an jenem Abende an der Laube zu ihm gesagt hatte, als er ihm die Pistole vor die Augen gehalten hatte. Sie stand auf, um sich zu entfernen. Da fiel ihr Auge auf den Waldweg und sofort setzte sie sich wieder nieder. Sie hatte Fritz gesehen, welcher von der Försterei kam.

Er mußte sich natürlich sofort zu den Dreien setzen.

»Sags schnell, wie es gangen ist!« forderte die Bäuerin ihn auf, noch bevor ein Anderer ein Wort gesagt hatte.

Es war ihr anzusehen, daß sie brannte, das Resultat des Verhöres zu erfahren. Sie hatte bisher ja nur Ruhe geheuchelt.

»Wie es gangen ist?« antwortete Fritz in gleichgiltigem Tone, indem er ihr von der Seite einen Blick zuwarf. »Langsam.«

»Das hab ich merkt, talketer Kerl! Wann ich so eine Antworten hätt haben wollt, so braucht ich Dich gar nicht zu fragen. Was hast aussagen müssen?«

»Alles, was ich wußt hab.«


// 2043 //

»Und die Martha?«

»Ganz dasselbige.«

»Ist denn was entdeckt?«

»Das darf ich nicht sagen.«

»Wer hats verboten?«

»Der Staatsanwalt.«

»Was! So darfsts uns nicht mal sagen?«

»Nein.«

»Das ist ganz unnütz! Was verhandelt wird, das muß das Volk wissen. Wozu geben wir unsere Steuern und Gelder!«

»Was das Volk wissen will, das wird es zu seiner Zeit derfahren. Ich kann nur soviel sagen, daß dera Samiel sich in Acht nehmen mag.«

»Es soll ihm wohl traurig ergehen?«

»Ja. So was wie heut Nacht gelingt ihm doch nicht wieder.«

»Geh doch hin und sags ihm selber!«

»Hab keine Lust dazu. Seine eigene Haut ists, die er zu Markte tragen wird.«

»Und was sagt dera Förster?«

»Der ist freilich ganz außer sich. Er schlägt ein über das andere Mal die Händ über den Kopf zusammen und redet von nix als von seinem Geld. Er ist fast wahnsinnig. Das kannst daraus schon ersehen, daß er nicht mal grüßen läßt.«

Sie blickte schnell von ihrer Arbeit auf und ihm in das Gesicht. Sie wollte sehen, wie er diese Worte gemeint habe. Er aber sah ganz gleichmüthig zu ihr herüber. Das machte sie irre.

»Warum sollte er mich grüßen lassen?« fragte sie pikirt.

»Hat er es denn noch nicht than?«

»Er hats nicht nöthig.«

»So! Ich habs mir anders denkt!«

»Wie denn?«

»Zärtlicher.«

Da legte sie die Arbeit weg, blickte ihn drohend an und fragte:

»Wie meinst das? Jetzt sagsts gleich!«

Er zuckte die Achseln und schwieg.

»Willst reden oder nicht! Was ists mit mir und mit dem Förster?«

»Das wirst wissen!«

»Nein, ich weiß es nicht, ich will es aber derfahren. Heraus damit!«

»Nun, wannsts hören willst, so will ich es Dir sagen, obgleich Dein Mann dabei sitzen thut.«

»Der kann hier sitzen. Ich hab nie was than, was er nicht wissen könnt. Willst mir wohl was nachsagen?«

»Ja.«

»Ah! Du! Mir! Weißt, wer ich bin?«

»Die Kronenbäuerin.«


// 2044 //

»Und wer Du bist?«

»Dera Knecht.«

»Schön! So wirst auch wissen, daß ich Dich fortjagen kann.«

»Du nicht, aber dera Bauer.«

»Mensch! Wenn Du so zu mir kommst, so kannst sogleich hinausfliegen!«

Sie hatte sich erhoben und stand wie eine Furie vor Fritz. Dieser antwortete ruhig:

»Das wirst bleiben lassen! Denn sonst könnts sein, daßt vorher selber hinausflögest!«

»Ich? Ah! Mann! Hörst Du es!«

Der Bauer saß ganz still da. Es war seinem Gesicht nicht anzusehen, was er dachte und fühlte.

»Obsts hörst, hab ich fragt!«

»Freilich!« nickte er.

»Und Du duldest so was!«

»Was will ich thun? Dera Fritz hat stets wußt, was er sagt.«

»Ah! Steht es so! Gut, so muß der Kerl fort. Ich werd ihm gleich seinen Lohn zahlen.«

Sie machte eine Bewegung, als ob sie in das Haus eilen wolle. Fritz aber hielt sie mit der Bemerkung zurück:

»Von Dir nehm ich keinen Lohn. Ich bleib!«

»So schick ich nach dera Polizeien!«

»Was soll dieselbige thun?«

»Dich hinauswerfen.«

»Das thut sie nicht. Ich aber würd dera Polizeien Etwas verzählen, was ich heut dem Staatsanwalt hätt sagen können.«

»So! Warum hasts ihm nicht sagt?«

»Weil mir dera Bauer leid thut.«

»Und was ists denn eigentlich?«

»Die schöne Scene im Wald. Weißt wohl nix davon?«

»Was soll ich wissen?«

»Nun, da drüben stand Eine und wartete auf den Förster. Mit dem ist sie im Wald spazieren gangen und hat sich nachhero mit ihm unter die Eichen auf die Bank setzt. Weißt vielleichten, wer das gewest ist?«

Sie schwieg. Sie wollte antworten, aber sie fand keine Luft. Ihre Brust arbeitete heftig. Der Knecht fuhr fort:

»Soll ich weiter verzählen? Was hat nachhero Diejenige macht, als dera Förster fort war? Wohin ist sie gangen?«

»Fri- Fri- Fritz!« stammelte sie.

Ihre Augen schienen aus den Höhlen treten zu wollen. Ihr Gesicht hatte eine kupferrothe Farbe und schien geschwollen zu sein. Sie stand einem Schlaganfalle nahe. Der Sepp bemerkte das und sagte:


// 2045 //

»Schweig, Fritz! Wozu das unnütze Gered! Dazu ist hier nicht dera rechte Ort!«

Das gab der Bäuerin ihre Selbstbeherrschung wieder. Sie kniff den Mund zusammen, knirschte mit den Zähnen, ballte die Fäuste und stieß einen Fluch aus. Damit aber hatte sie sich Luft gemacht, und nun sagte sie in einem verächtlichen Tone:

»Märchenfritz! Glaubst, daß irgend Wer Lust hat, anzuhören, wast Dir aussonnen hast? Mit Dir werde ich schon bald fertig sein!«

Sie ergriff die Gemüseschüssel und ging in das Haus. Fritz wendete sich an den Bauer:

»Verzeih, wann ich Dir wehe than hab! Es hat gar so gewaltig druckt in mir und wollt heraus.«

»Laß es drucken!« sagte der Bauer in einem so ruhigen Tone, daß Fritz ihn ganz erstaunt anblickte.

»Wie! Du bist mir nicht bös?«

»Nein.«

»Was sagst aber zur Bäuerin?«

»Nix.«

»Ich begreif Dich nicht! So was thät mir die Gall aus dem Leibe reißen.«

»Mir nicht.«

»Aber warum nicht?«

»Weil - weil ich einen ruhigen Körper und ein ruhiges Gemüth haben soll. Und nun laß mich aus! Laß mich in Ruhe! Ich mag solchen Quatsch nicht hören. Ich will nicht wieder blind werden!«

»Bravo! Er mag Dich in Ruhe lassen! Fritz, komm! Ich hab mit Dir zu reden!«

Der Knecht war aufgesprungen. Er starrte den Bauer an. Erst jetzt fiel ihm auf, daß dieser eine Binde um die Augen trug. Er wollte fragen, aber der Sepp zog ihn mit sich fort, hinter das Haus und hinaus auf das nahe Feld, wo sie von Niemandem gehört und gesehen werden konnten. Erst hier ließ er ihn zu Worte kommen.

»So! Hier nun kannst reden. Hier ist Keiner, demst Schaden machen kannst. Was fallt Dir denn ein, in dieser Art und Weisen mit dera Bäuerin zu reden!«

»Weil ich bös bin auf sie!«

»Ich auch; aberst dennoch bleib ich ruhig. Mit solchem Geschwätz verdirbst uns Alles. Und den Bauer hast so grimmig geärgert, jetzt, wo er sich doch nicht ärgern soll!«

»Warum jetzt grad nicht? Was hat er meint, als er sagt, daß er nicht wiederum blind werden will?«

»Das sollt ich Dir auch nicht sagen, aber ich bin Dein Freund, und so sollsts wissen. Der Bauer ist operirt worden.«


// 2046 //

Er erzählte Fritz von der Ankunft der beiden vornehmen Männer und was dann geschehen war, und fügte am Ende hinzu:

»Und weils jetzunder so gefährlich ist, hier zu wohnen und wir also die Beiden schützen müssen, so will ich Dir sagen, wer sie sind. Der eine ist ein Geheimer Medicinalrath und dera Andere ist gar unser guter König Ludwig selberst.«

Fritz hatte bereits den ersteren Theil dieser Mittheilung mit größtem Erstaunen angehört, der Inhalt des letzteren Theiles aber, daß der König in eigener Person sich hier befinden solle, brachte ihn aus aller Fassung und raubte ihm fast die Sprache.

»Wie - wa - wo - wer?« stotterte er.

»Der König.«

»Sepp! Mach keine Lügen!«

»Donnerwetter! Hab ich Dich bereits einmal belogen? Wann ich halt sag, daß es dera König Ludwigen ist, so ist er es auch.«

»Was könnte er denn hier bei uns wollen?«

»Nun, Euretwegen ist er freilich nicht da. Er will das haben, was die Aerzte eine Sommerfrische nennen. Eine Cur will er machen. Darum ist ja auch ein Doctor bei ihm. Der ist ein gar gescheidter Kerlen und hat den Bauer geheilt.«

»Wanns so ist, so muß ich gleich zum Bauer. Er ist mein Vater und es drängt mich, ihm -«

Er wollte schnell fort. Der Sepp aber hielt ihn fest und sagte:

»Da bleibst! Dera Bauer darf keine Aufregung haben. Das hat ihm dera Arzt verboten. Und ich hab halt Nothwendigeres mit Dir zu reden.«

Fritz griff sich mit beiden Händen nach dem Kopfe.

»Nothwendigeres? Mein Gott! Mir wird ganz schwindelig zu Muthe. Was ich seit wenigen Stunden, seit gestern derfahren und derlebt hab, das ist allzu viel für einen Menschen. Das macht mir den Kopf ganz wirr. Und nun kommst auch noch Du und sagst, daßt Nothwendigeres hast. Was ists denn?«

»Etwas von dera Bäuerin.«

»Ich mag jetzt nichts mehr von ihr wissen!«

»Das mußt aber wissen, denn Du sollst mir helfen.«

»Auch noch! Laß mich in Ruh!«

»Na, wann Dir dera Kopf halt so brummt, so will ich Dich nicht belästigen; aberst ich hab denkt, daßt so einen alten, guten Freund, wie ich bin, nicht im Stich lassen wirst.«

»So! Wannst mich bei dieser Seit angreifst, so muß ich es schon gelten lassen, alter Sepp.«

»Also machst mit?«

»Ja, wann ich kann.«

»Du kannst. Die Bäuerin will wieder einbrechen.«

»Schon wieder! Wann denn?«

»Am heutigen Abend.«


// 2047 //

»Das wäre ja toll. Sie nimmt sich doch nicht mal die Zeit, richtig auszuschlafen!«

»Ja, sie treibt es freilich arg; aberst sie nimmt halt mit, was sie mitnehmen kann.«

»Wo denn?«

»In Oberdorf beim Pfarrer.«

»Was wollt sie da holen? Der ist ja blutarm!«

»Er hat jetzt ein schönes Geldl daliegen.«

»Das kann nicht sein Eigenthum sein.«

»Nein. Es ist ihm zum Aufheben geben worden.«

Er erzählte nun, daß Ludwig Held dagewesen sei und was er von diesem erfahren hatte.

»Aber wie willst da wissen, daß sich dera Samiel das Geld holen will?« fragte Fritz.

»Ich habs dera Bäuerin angesehen.«

»So! Ja, ein Schlauer bist, kannst Gedanken derrathen. Das hab ich bei Dir schon oft merkt.«

»Und daß sie heut gehen wird, weiß ich auch.«

»Woher?«

»Weil dera Ludwig sagt hat, daß das Geldl schon morgen in die Stadt getragen werden soll.«

»Dann glaub ich freilich auch, daß sie es sich schon heut holen wird.«

»Ja, und sodann hat sie bereits mit dem Bastian davon sprochen.«

»Das weißt auch schon?«

»Ja. Sie hat in dera Stub mit ihm steckt; da kann man derrathen, was sie mit nander habt haben. Sie gehen heut Abend sicher.«

»Und was willst da thun?«

»Die Sach vereiteln, natürlich.«

»Ja, aberst wie?«

»Das weiß ich noch nicht genau.«

»Willst sie festnehmen?«

»Wohl noch nicht.«

»Warum nicht? Es wird das Allerbeste sein, wann wir sie schon heut unschädlich machen.«

»Daß sie nix weiter thun kann? Ja, da hast eigentlich wohl Recht; aberst da wird sie einisteckt und sieht es nicht, daß dera Bauer sein Augenlicht wieder hat.«

»Das wird sie beim Verhör schon sehen, denn er wird im Amt auch mit ihr zusammen kommen.«

»Das ist schon gewiß; aberst ich möcht haben, daß sie hier daheim damit überrascht wird. Dabei muß ich sein. Es muß einen gewaltigen Schreck auf sie ausüben.«

»Mach, wast willst. Ich thu halt mit. Es hat nur den einzigen Haken, daß es mir heut Abend nicht gut paßt.«


// 2048 //

»So! Ich wüßt nicht, wast zu thun hättest!«

»Ich hab dera Martha versprochen, zu kommen.«

»Sie mag bis morgen warten.«

»Ich hab sie in den Wald bestellt, wo wir uns treffen wollen. Da kann ich sie doch nicht so stundenlang stehen lassen.«

»So läßts ihr sagen, daßt keine Zeit hast.«

»Durch wen? Wem soll ich mich anvertrauen?«

»Mir. Du selbst kannst nicht hin, weilst hier zu thun hast. Ich aber hab den ganzen Tag frei. Da werd ich zu ihr gehen.«

»Wanns so ist, laß ich es mir gefallen. Da kannst also heut Abend auf mich rechnen.«

»Schön! Ich glaub, die Bäuerin wird nicht eher aufbrechen, als bis Alle zu Bett sind.«

»Das versteht sich ganz von selbst. Und wann gehen wir?«

»Wann sie fort ist.«

»Da kommen wir zu spät.«

»O nein. Sie kann doch nicht die gerade Straße gehen, weil sie da gesehen wird. Sie muß die Schleichwege benutzen. Wann wir uns da auf dera Straßen halten, so kommen wir viel eher hin als sie.«

»Hast Dir vielleicht auch schon überlegt, wie wir uns dort verhalten werden?«

»Nein. Das muß dera Augenblick bringen. Nun aber wollen wir ausnandergehen, damit Niemand uns sieht und denkt, daß wir was Heimliches haben. Ich mach mich hinaus nach dera Förstereien und Du kannst an Deine Arbeit gehen.«

Der Alte trollte sich von dannen. Fritz blieb noch einige Zeit im Garten. Er mußte das, was er gehört hatte, innerlich verarbeiten.

Es erfüllte ihn mit einer seligen Freude, daß sein Vater wieder sehen lernen solle. Er hätte in die Kniee sinken mögen, um Gott für diese Gnade zu danken. Aber zu dieser Freude gesellten sich Regungen ganz entgegengesetzter Natur. Es wurde ihm nicht leicht, sein inneres Gleichgewicht herzustellen.

Die Kunde von dem nächtlichen Einbruch im Forsthause hatte sich schnell in der ganzen Umgegend verbreitet und wer Zeit hatte, der lief in den Wald, um irgend einen Bewohner der Försterei zu treffen und ihn nach diesem Ereignisse zu fragen. Der Förster ließ sich von keinem Menschen sehen. Es hieß, er renne wie verrückt im Walde herum und brülle laute Flüche vor sich hin.

Der Oberlieutenant wurde allgemein ausgelacht. Er war gekommen, den Samiel zu fangen, und mußte es nun erleben, daß dieser ihn nicht nur selbst ausraubte und an einen Baum band, sondern sogar in seiner Gegenwart den Förster bestahl. Er war schrecklich blamirt, und als seine Sachen im Laufe des Nachmittages aus dem Kronenhofe in das Dorfwirthshaus geschafft wurden, hieß es allgemein, daß er da wohl nicht lange wohnen werde. Es stand zu erwarten, daß seine Vorgesetzten ihn sehr bald abberufen würden.


// 2049 //

So verging der Tag. Der König war am Nachmittage mit dem Geheimrathe spazieren gegangen und setzte sich dann, als die Dämmerung hereinbrach, zu dem Bauer unter dem Baume nieder.

Die Bäuerin hatte sich wo möglich noch 'schöner' gemacht als am Vormittage und kam auch heraus. Sie spielte die Liebenswürdige, zog sich aber bald vor Aerger wieder zurück, denn der vornehme Gast hatte gar nicht gethan, als ob sie vorhanden sei. Und wenn sie sich mit irgend einer Frage direct an ihn gewendet hatte, so war ihr anstatt von ihm die Antwort von dem Arzt geworden, und zwar in einem Tone, aus dem sie entnehmen konnte, daß den beiden Herren gar nichts daran liege, mit ihr zu reden.

Das verdroß sie natürlich gewaltig. Sie war die reichste, die angesehenste und auch - die schönste Frau der Umgegend. Alle Männer, die sie bisher kennen gelernt hatte, hatten dies durch ihr Verhalten anerkannt, und nun wurde sie mit einer solchen Verachtung behandelt!

Wie alle Frauen dieser Art, fühlte sie nun gegen die beiden Verächter einen Haß, der den Gedanken der Rache in ihr erweckte.

»Ich werd sie dafür auszahlen,« zürnte sie im Stillen. »Er soll seine Diamanten nicht lange behalten. Eine Gefahr ist nicht dabei, im Gegentheile ists sehr gut, wann dera Samiel einmal auch im Kronenhof einbricht. Dann kann man gar nimmer auf den Gedanken kommen, daß ich es selber bin.«

Als dann der König sich in seine Gemächer zurückziehen wollte, stand der Sepp, seiner wartend, unter der Thür.

»Was willst Du?« fragte Ludwig, welcher es dem Alten ansah, daß er einen Wunsch hatte.

»Darf ich nicht mal mit hinaufi gehen in Ihre Stuben, Herr Ludewigen? Ich möcht halt das Bett wegstellen.«

»Ach so! Wegen der geheimen Thür?«

»Ja, damit nix passirt.«

»Wohin willst Du es stellen?«

»Herein in die Wohnstuben. Die Thür schließen wir zu. Da kann Niemand herein.«

»Gut! Aber das kannst Du nicht allein machen!«

»Ich hole den Fritz dazu.«

»Den Knecht, welcher zugleich der Sohn ist? Weiß der denn auch, wer die Bäuerin ist?«

»Er weiß Alles.«

»Wohl auch, wer ich bin?«

»Ja.«

»Hat er mich erkannt, oder hast Du es ihm gesagt?«

»Ich habs ihm halt sagt.«

»Plaudertasche!«

»O, bitt gar schön! Das ist nicht geplaudert. Wann sich dera Herr Ludwigen in einer Gefahr befindet, brauch ich den Fritz, damit er mit wachen muß.«


// 2050 //

»Hm! Ich will es gelten lassen. Also hole ihn! Aber Niemand darf wissen, daß ich mich ausquartiere. Morgen früh muß das Bett wieder in die Schlafstube zurückgeschafft werden.«

Dann später kam das Abendessen. Das Gesinde hielt sich, als dasselbe vorüber war, noch einige Zeit wach und ging dann schlafen. Es wurde still im Hofe.

Der Sepp hatte gethan, als ob er wieder bei Fritz schlafen werde. Sie hatten sich bisher fern von einander gehalten und sogar so gethan, als ob sie sich ein Wenig gezankt und veruneinigt hatten. Erst in Fritzen's Kammer trafen sie wieder mit einander zusammen.

»Warst noch im Stall?« fragte Sepp.

»Ja, soeben.«

»Hast den Bastian drin gesehen?«

»Nein.«

»Habs mir denkt. Er ist fort.«

»So! Wohin? Schon nach Oberdorf etwa?«

»Das glaub ich nicht. Er muß doch gewärtig sein, daß man nach ihm schaut. Beide können gar nicht eher fort, als bis sie ganz genau wissen, daß ihre Abwesenheit nicht mehr bemerkt werden kann.«

»Das meine ich auch. Wohin also mag er sein?«

»Ich hab so meine Gedanken darüber und denk, daß ich es wohl richtig derrathen werd.«

»Auch ich kann mir was denken. Ich glaub, daß die Beiden die Kleider des Samiel im Wald versteckt haben. Meinst nicht auch?«

»Ja, das ist gewiß.«

»Wann sie nun einen Gang machen wollen, müssen sie diese Kleider haben.«

»Ah, ich merk, daßt ganz dasselbige denkst wie ich. Dera Bastian ist fort, um die Kleider zu holen. Hab ichs derrathen?«

»Ja. Der Ort, wo sie versteckt sind, liegt jedenfalls in ganz entgegengesetzter Richtung als nach Oberdorf zu. Da muß der Bastian sie herbei holen, damit sie nachhero, wann sie aufbrechen wollen, Alles beisammen haben.«

»Ja, er bringt sie vielleicht in den Garten.«

»Hast ihn gehen sehen?«

»Nein. Er ist heimlich fort.«

»Noch vor einer halben Stunde war er im Stall.«

»So ist er also noch gar nicht lange fort und wir könnten in den Garten gehen und aufpassen, wann er kommt.«

»Das hab ich mir denkt. Jedenfalls steigt er über den Zaun herein, weil die Hausthür zu ist und das Hofthor auch.«

»Und grad ganz an derselbigen Stell, an welcher er gestern übergestiegen ist. Wollen wir gehen?«

»Ja, komm!«

Sie schlichen sich in den Garten und legten sich unter die Sträucher,


// 2051 //

welche am Zaune standen. Ihre Berechnung war eine ganz richtige, denn sie hatten noch gar nicht lange da gelegen, so kam der Bastian von außen her an den Zaun. Er blieb eine kleine Weile stehen, um zu horchen, ob wohl ein verdächtiges Geräusch zu hören sei. Als er dann überzeugt war, daß er sicher sei, warf er ein dunkles Packet über die Stacketen und stieg dann selbst auch herüber. Er hob den Pack wieder auf und trug ihn fort.

Die beiden Lauscher folgten ihm, indem sie ihm auf allen Vieren nachkrochen. Er ging langsam und leise quer durch den Garten, nach einem Beete, auf welchem sich Bohnen an hohen Stangen emporzogen. Zwischen diese Stangen steckte er das Packet hinein. Es konnte trotz des Mondscheines nicht gesehen werden.

Die im Garten stehenden Obstbäume gaben überhaupt so viel Schatten, daß auch Fritz und Sepp nicht bemerkt wurden.

Dann ging Bastian nach der Scheune, um durch den bereits beschriebenen Gang in den Hof zu kommen.

»Wollen wir nachschauen, was es ist?« fragte der Sepp.

»Ja. Wir gehen hin.«

Sie zogen das Packet hervor. Es bestand aus den zwei Samielanzügen. Auch die zwei breitkrämpigen Hüte und die schwarzen Masken waren dabei.

»Jetzt kannsts wissen, daß sie wirklich nach Oberdorf wollen,« meinte der Sepp. »Wir könnten nun, da wir das genau wissen, sogleich aufbrechen.«

»Das geht nicht. Wir haben unsere Kammerthür nicht zugemacht. Die müßten wir erst verschließen.«

»So wollen wir es thun. Komm!«

»O, da ist Einer genug. Geh Du!«

»Ja. Stell Dich bis dahin wieder in den Schatten zurück. Man kann nicht wissen, wozu es gut ist.«

Der Sepp befolgte diese Weisung. Er setzte sich unter einen Baum und lehnte sich an den Stamm, so daß er nicht gesehen werden konnte. Fritz begab sich nach seiner Kammer und schloß die Thür zu. Als er dann sich zur Treppe hinabgeschlichen hatte und eben auf den vom Monde erhellten Hof treten wollte, fuhr er erschrocken zurück, denn gerade in diesem Augenblicke wurde gegenüber von ihm die Hinterthür des Hauptgebäudes geöffnet und er sah den Bastian aus derselben treten. Die Bäuerin war dabei, aber nicht um mit in den Hof zu kommen, sondern nur, um die Thür hinter dem Knechte wieder zuzumachen.

Dieser ging nicht nach dem Stalle, sondern er schlug wieder die Richtung nach dem Garten ein. Fritz eilte lautlos hinter ihm her. Es war ihm darum zu thun, schnell in den Schatten zu kommen.

Der Bastian ging wieder nach dem Bohnenbeete, wo er sich zu schaffen machte; dadurch gewann Fritz Zeit, sich zu Sepp zu schleichen und bei diesem niederzulassen. Sie sahen, daß der Knecht nun sich wieder nach dem Hof zurück begab, und als Fritz ihm von Weitem folgte, bemerkte er, daß der Erstere seinen Weg nun nach dem Stalle einschlug und hinter der Thür des-


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selben verschwand. Jetzt stand nicht zu befürchten, daß er sobald wiederkommen werde, und Fritz ging wieder zu Sepp zurück, um ihm das mitzutheilen.

»Da wird er nun noch einige Zeit warten,« meinte der Alte, »und dann brechen sie mit einander auf. Wir wollen auch gehen.«

»Ja; da kommen wir ganz gewiß vor ihnen auf der Pfarre an. Aber vorher möcht ich wissen, was er noch gewollt hat.«

»Er wird noch was hintragen haben.«

»Aber was, was er von dera Bäuerin holt hat. Was mag es sein?«

»Das können wir leicht sehen. Komm!«

Sie begaben sich abermals nach dem Beete und untersuchten das Packet. Es zeigte sich, daß in die eine Jacke zwei Doppelpistolen gesteckt worden waren.

»Sappermenten! Sie wollen schießen!« sagte Sepp.

»Doch nur, wenn sie sich zu vertheidigen haben.«

»Ja, aberst schießen wollen sie unter Umständen also doch. Schau mal nach, ob die Dinger auch wirklich geladen sind.«

»Ja,« antwortete Fritz, als er die Pistolen untersucht hatte. »Sie sind scharf geladen.«

»Man weiß nicht, was passiren kann. Das kann auch für uns bös werden, wanns fehl gehen sollt.«

»Da müssen wir was dagegen thun.«

»Ja, aber was?«

»Wegnehmen können wir die Waffen nicht, sonst merken sie, daß Jemand hier dabei gewest ist.«

»Wollen die Zündhütchen abnehmen.«

»Das ist auch leicht zu bemerken.«

»Hm! Ist der Krätzer daran?«

»Ja. Haken und Schraube ist gleich an dem eisernen Ladestöckchen angebracht, was am Laufe steckt.«

»Schön! So ziehen wir die Kugeln heraus!«

»Das könnt eher angehen. Das Pulver können wir ja drin lassen und den Pfropfen, der es festhalten thut. Aberst, hm, auch das geht nicht.«

»Warum denn nicht?«

»Sie könnten doch mal mit dem Ladestock versuchen, und da thäten sie sofort bemerken, daß dera Lauf nicht mehr so voll ist als vorher.«

»Nun, auch dagegen giebt's ein Mittel. Wir pfropfen Etwas hinein. Ich hab ein altes Papier einstecken.«

»Gieb es her! Ich wills machen!«

Fritz zog die Kugeln mit dem Krätzer heraus und stopfte dafür Papier hinein. Jetzt, wenn abgedrückt wurde, ging der Schuß zwar los, weil sich das Pulver noch im Laufe befand, aber er konnte nichts schaden, weil die Kugeln entfernt worden waren. Dann wurden die Pistolen wieder in die Jacke zurück gesteckt.

»So!« sagte der Sepp in zufriedenem Tone. »Nun sind wir sicher, daß wir nicht derschossen werden können, und wollen aufbrechen.«


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»Ueber den Zaun?«

»Ja. Was Andres können wir nicht thun.«

Sie stiegen über die hintere Umfassung des Gartens und gingen um das nahe Dorf herum, damit Niemand sie sehen sollte. Auf der Straße angekommen, folgten sie derselben in raschen Schritten in der Richtung nach Oberdorf.

Dort angekommen, bemerkten sie, daß die Bewohner des Ortes sich zur Ruhe begeben hatten. Nur durch die Läden des Pfarrhauses schimmerte ein verstohlener Lichtstrahl. Sie guckten durch eine Ladenritze und sahen den alten geistlichen Herrn ganz allein am Tische sitzen. Er las in einem Buche.

Sie klopften an, aber nur so laut, daß kein Anderer als der Pfarrer es hören konnte. Sie sahen, daß er aufhorchte. Als der Sepp zum zweiten Male klopfte, kam der alte Herr an das Fenster, öffnete es und fragte durch den Laden:

»Ist Jemand da?«

»Ja, Hochwürden. Wir haben mit Ihnen zu reden.«

»Wer ists denn?«

»Dera Wurzelsepp und noch Einer.«

»Du, Sepp! So spät noch! Ich mache gleich auf.«

Er machte das Fenster zu und kam nach wenigen Augenblicken, um die Thür zu öffnen.

»Grüß Gott, Herr Pfarrer,« sagte der Alte. »Nehmens es nur nicht übel, daß wir so spät kommen!«

»O nein! Bringst einen Freund mit?«

»Ja, einen sehr guten.«

»Ihr braucht ein Nachtlager? Ich werde die Köchin gleich wecken. Kommt aber nur herein!«

»Lassens nur die Köchin schlafen! Wir brauchen sie nicht. Es ist uns viel lieber, wann sie liegen bleibt und gar nix derfährt von dem, was wir wollen.«

»Was Ihr wollt? Nicht übernachten?«

»Nein. Mein Freund dahier ist kein reisender Handwerksbursch und auch nicht so ein alter Herumlaufer wie ich. Wir brauchen kein Nachtlager aus Barmherzigkeit, sondern wir haben Ihnen was sehr Wichtiges mitzutheilen.«

»So kommt herein! Ihr seid willkommen.«

Er führte sie in die Stube und sah nun erst das Gesicht Fritzens deutlich.

»Ah! Das ist ja der Fritz vom Kronenhofe in Capellendorf! Nicht?«

»Ja,« antwortete der junge Mann, »ich bins.«

»So glaube ich gern, daß Ihr nicht gekommen seid, für heut eine Beherbergung bei mir zu suchen.«

»Der Sepp wird Ihnen gleich mittheilen, weshalb wir heut noch so spät zu Ihnen gekommen sind.«

»Ja, das werde ich,« sagte der Alte. »Vorher aber wollen wir die Vorhäng herunter lassen.«

Er trat an die Fenster, um das zu thun.


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»Warum sollen die Rouleaux herab?« fragte der Pfarrer, dem das verwunderlich erschien.

»Weil uns Niemand sehen und hören soll. Sie aber haben halt Ritzen in denen Fensterläden. Auch sprechen müssen wir ganz leise, damit wir nicht von draußen hört werden können.«

»Ist denn der Grund Eures Kommens ein gar so geheimnißvoller?«

»Ja. Das ist er.«

Als er die Vorhänge herabgelassen hatte, setzte er sich mit Fritz zu dem Pfarrer, welcher nun wartete, was sie ihm sagen würden.

»Nicht wahr,« begann der Alte, »Sie haben ein schönes, großes Stück Geld hier in Ihrem Haus?«

Der Pfarrer machte ein verwundertes Gesicht.

»Wie kommst Du zu dieser Frage?«

»O, ich habe Grund dazu!«

»Wenn ich nicht wüßte, daß Ihr zwei so ehrliche Personen seid, so würde ich glauben, Ihr kämt in einer schlimmen Absicht zu mir altem Manne.«

»O, unsere Absicht ist sehr gut. Aberst nicht wahr, es ist so, wie ich sagte? Sie haben viel Geld hier?«

»Ja. Woher aber wißt Ihr es?«

»Dera Ludwig hats mir derzählt.«

»Welche Unvorsichtigkeit!«

»Nicht wahr? Zwar mir kann er es immer sagen, denn bei mir ist so was gut aufgehoben. Aberst es könnens doch auch Andere hören!«

»Sehr richtig! Und ich hab die Leute noch extra gebeten, es keinem Menschen wissen zu lassen.«

»Die Freud über das Geldl hat ihnen die Zung gelöst. Sie können nicht an sich halten. Sie denken, ein Jeder, dem sie es sagen, ist ihr Freund.«

»Da täuschen sie sich. Man muß vorsichtig sein.«

»Ja, zumalen jetzund. Man erzählt es einem guten Freund, und grad kann dieser der Samiel sein!«

»Sepp! Du erschreckst mich!«

»Nun, hab ich nicht Recht?«

»Ja, wir kennen ja den Samiel nicht. Unser bester Nachbar kann es sein. Es ist nicht zu trauen.«

»Richtig! Und grad darum kommen wir zu Ihnen.«

»Wegen dem Samiel?«

»Ja.«

»Ich verstehe Euch nicht!«

»Wir wollen Sie beschützen.«

»Mein Gott! Was meint Ihr denn?«

»Dera Samiel will bei Ihnen einbrechen.«

Der Pfarrer wurde leichenblaß.

»Bei - mir - einbrechen?« fragte er.

»Ja.«


// 2055 //

»Und das wißt Ihr?«

»Ja. Ganz genau.«

»Wann will er denn kommen?«

»Heut Nacht. Er ist vielleicht schon unterwegs.«

»Sepp! Das sagst Du in so einem ruhigen Tone!«

»Soll ich es in alle Welt hineinschreien?«

»Nein; aber wenn Du es wirklich genau weißt, so müssen wir schnell alle Nachbarn wecken.«

Er stand auf, um fort zu eilen.

»Wartens nur,« bat Sepp. »Das ist gar nicht nothwendig, denn wir Beid sind ja da.«

»O, das ist viel zu wenig!«

»Nein, sondern wir sind Manns genug.«

Er ergriff ihn am Arme und führte ihn auf seinen Sitz zurück. Der Pfarrer zitterte.

»Aber, Leute, wie habt Ihr denn erfahren, daß dieser Dieb zu mir kommen will?« fragte er.

Fritz war neugierig, was Sepp auf diese Frage antworten werde, denn es war anzunehmen, daß er die Wahrheit verschweigen werde.

»Das kann ich Ihnen sagen,« erklärte der Alte. »Ich ging mit dem Fritz nach dem Abendessen noch ein Wengerl hinaus in den Mondenschein. Wir redeten von dem Samiel, der - ah, Sie wissens halt doch, daß er heut Nacht bei dem Förster von Capellendorf stohlen hat?«

»Ja. Jedermann weiß es bereits.«

»Nun gut. Davon redeten wir. Am Waldesrand setzten wir uns nieder. Wir waren noch nicht lange da, da kamen zwei Kerls auf uns zu. Sie sahen Beid so aus, wie dera Samiel beschrieben wird. Darum eilten wir gleich ein Stück in den Wald hinein, damit sie uns nicht sehen sollten. Und da war es ein Glück für Sie, daß sie ganz nahe bei uns stehen blieben. Es war dera Samiel mit noch Einem. Sie redeten davon, daß sie zu Ihnen wollten, um das Geld zu holen.«

»Kinder! Ist das möglich!«

»Ja. Wir habens hört.«

»Woher mag er es wissen von dem Geld!«

»Wer weiß das!«

»Und da ist er bereits unterwegs?«

»Ja.«

»So muß ich nach Hilfe eilen!«

Er wollte abermals fort.

»Nein, bleibens da! Sie dürfen nicht hinaus. Das ist zu gefährlich!«

»Wollt Ihr vielleicht Leute holen?«

»Fallt uns auch nicht ein!«

»Aber ich muß doch Hilfe haben!«

»Die habens, denn wir sind da.«


// 2056 //

»Das ist aber zu wenig.«

»Nein, es ist genug. Zwei gegen Zwei fürchten wir uns gar nicht. Ueberhaupt ists am Besten, man rettet das Geld, ohne daß ein Kampf entsteht.«

»Das ist ja doch nicht möglich!«

»Es ist sogar sehr leicht.«

»Wie denn?«

»Man muß eine List anwenden. Nicht wahr, Sie haben das Geld in dera Bibel?«

»Auch das wißt Ihr?«

»Ja. Dera Samiel hat es sagt.«

»Heilige Maria! Wie kann er es wissen?«

»Wer weiß, wie er es derfahren hat. Ich will Ihnen mal einen recht guten Rath geben.«

»Sprich, sprich, mein lieber Sepp!«

»Schauns, hinaus können wir nicht, um Hilf zu holen. Dera Samiel könnt bereits draußen verborgen sein und uns niederstechen, ohne daß man einen Mux thun könnt.«

»Das ist wahr! Wir bleiben hier! Ihr sollt Euer Leben nicht auf das Spiel setzen. Das geb ich nicht zu!«

»Wir haben auch gar keine Lust dazu.«

»Wir werden warten, bis er kommt. Dann werde ich ihm sagen, daß das Geld einer armen Wittwe gehört. Ich werde versuchen, sein hartes Herz mit Gottes Wort zu erweichen, und -«

»Und er wird Sie auslachen und das Geld doch nehmen; das ist sicher!«

»Aber was soll ich thun?«

»Sagens mir, ob das Geld gleich so in den Blättern des Bibelbuches stecken thut.«

»Nein. Es ist eingeschlagen.«

»In Papier?«

»In ein Couvert.«

»Steht was auf dem Couvert?«

»Ja. Die Summe, welche es enthält.«

»Sehr schön! Habens noch so ein Couvert?«

»Viele.«

»So ists ja gemacht. Sie nehmen so ein Couvert und stecken Papier hinein; auch müssens die Summe von dem Geld darauf schreiben. Das steckens in die Bibel und nehmen dafür das Couvert heraus, in dem sich das Geld befindet.«

Das Angesicht des Pfarrers heiterte sich ein Wenig auf. Er sagte erfreut:

»Sepp, diesen Gedanken hat Dir Gott eingegeben!«

»Meinens? Nun, das kann ich nicht bestreiten. Ich hab freilich denkt, daß er aus dem meinigen Kopfe herauskommen ist. Aberst auf diese Weis werden wir den Samiel betrügen.«


// 2057 //

»Ob es aber gelingt?«

»Sicher!«

»Wenn er das Couvert aufmacht!«

»Das fallt ihm nicht ein!«

»Er kann es aber doch thun!«

»Nein. Er wird erfreut sein, wenn er es findet und die große Ziffer darauf. Er wird schleunigst machen, daß er fortkommt.«

»Ich wollte, Du hättest Recht!«

»Ich hab Recht. Meinst nicht auch, Fritz?«

Der Gefragte antwortete bejahend. Dann fiel dem Pastor erst die Hauptsache ein. Er sagte:

»Aber auf diese Weise kommt er mir doch herein in das Haus!«

»Ja, das ist nicht zu ändern.«

»Wenn er mich tödtet!«

»Fallt ihm nicht ein! Er will nur das Geldl. Findet er das Couvert, so denkt er gar nicht an Sie. Darauf möcht ich schwören.«

»Man kann nichts vorher wissen!«

»Nun gut! So sind wir Beide da.«

»Ihr wollt also wirklich bei mir bleiben?«

»Natürlich!«

»Ihr guten, braven Menschen! Wie bin ich Euch zu Dank verpflichtet!«

Er reichte Beiden die Hände. Sepp trieb ihn an:

»Nun machens aber rasch! Gehens aufi nach dera Stuben, wo das Geldl ist und holens es herab, auch Papier und Couvert. Nachhero gebens mir ein Papier und Tint und Feder.«

»Wozu?«

»Ich muß was aufschreiben. Gehens also! Aberst nehmens kein Licht mit. Dera Samiel könnt bereits da sein und es merken, daß wir ihm ein X für ein U machen wollen.«

»So muß ich in die Oberstube! Mein Herr und Gott! Wann er sich bereits im Haus befände!«

»Das glaub ich nicht. Er kommt sicherlich nicht eher herein, als bis Alles finster ist.«

»Er kann doch kommen und mich überfallen wollen!«

»Nein. Uebrigens wollen wir mit hinaus in den Flur gehen, damit Sie sich sicher fühlen.«

»Ja, kommt mit, sonst getraue ich mich nicht fort!«

Der alte, ehrwürdige Mann, welcher ein tüchtiger und treuer Streiter Gottes, aber kein Held im weltlichen Sinne war, wankte mehr hinaus als er ging. Die Beiden folgten und nahmen unten an der Treppe Posto, welche er mit zitternden Füßen emporstieg.

Nach einer Weile kam er wieder herab.

»Ich hab Alles!« sagte er.

»So kommens wieder herein.«


// 2058 //

Als sie sich wieder in der Stube befanden, legte er das Couvert, in welchem sich die Geldscheine befanden, auf den Tisch, ein zweites dazu und mehrere unbeschriebene Papierblätter, welche zusammengenommen, wenn sie im Couvert steckten, dasselbe Volumen wie die Scheine hatten. Auch Tinte und Feder hatte er mitgebracht.

»Es befand sich Alles oben in meiner Studirstube,« erklärte er.

»Und wo schlafen Sie?« fragte Sepp.

»Daneben.«

»Und die Köchin?«

»Auf der andern Seite des Hauses.«

»Das ist gut, denn da wird sie jedenfalls von dera ganzen Angelegenheiten gar nix merken. Also dieses Couvertl mit dem Geld steckens nur getrost in Ihre Taschen; das soll dera Kerl nicht bekommen. Morgen aberst schaffen Sie es sofort aus dem Haus, daß die Versuchung für die Spitzbuben nicht mehr vorhanden ist.«

»Gleich in der Frühe kommt es fort! Gebe nur Gott, daß es gelingt, es zu retten!«

»Darum hab ich gar keine Angst. Nun aber schreibens hier auf das andere Couvertl die Ziffer, wie viele Tausend darinnen stecken sollen!«

Das that der Pfarrer. Dann aber nahm der Sepp die Feder und schrieb auf eines der weißen Blätter zwei Zeilen. Auf der oberen stand nur ein Wort, auf der unteren aber zwei Worte; das sah sowohl der Pfarrer als auch Fritz.

»Was hast denn schrieben?« fragte der Letztere.

»Willsts wohl wissen?«

»Ja.«

»Eigentlich ists ein Geheimnissen.«

»So behalts für Dich!«

»Oho! Brauchst nicht gleich so wichtig zu thun. Ich kann es Euch ja zeigen. Da, schaut mal her!«

Er zeigte ihnen das Blatt hin. Es stand darauf:

»Pah!!!
Der Wurzelsepp.«

»Warum hast das schrieben?« fragte Fritz.

»Das kannst Dir nicht denken?«

»O ja. Aberst es ist ja unnütz!«

»Großen Nutzen hat es nicht; aberst ich will den Samiel ärgern. Er soll halt wissen, wem er diesen Streich zu verdanken hat. Verstanden?«

Er blinzelte dabei Fritz listig von der Seite an.

»Ja, ich verstehe Dich halt schon,« antwortete dieser. »Aergern wird er sich freilich gewaltig.«

»Aber, Sepp, Du bringst Dich dadurch jedenfalls in große Gefahr,« bemerkte der Pfarrer.

»Daraus mach ich mir nix.«


// 2059 //

»Das darfst Du nicht sagen.«

»O doch! Ich fürcht mich nicht vor dem Samiel.«

»Er wird sich rächen!«

»Wie denn? Was kann er einem so armen, alten Kerl thun, wie dera Wurzelsepp ist?«

Dabei blieb es. Er wollte einmal, daß der Samiel sich über ihn ärgern sollte. Fritz verstand ihn natürlich sehr gut. Wie mußte die Bäuerin ergrimmt sein, wenn sie das Couvert öffnete und, anstatt Geld zu finden, die Worte des Alten las und das leere Papier sah!

Der Sepp legte die weißen Blätter zusammen und legte sie in das neu beschriebene Couvert, so, daß seine Worte, wenn man es öffnete, sofort in die Augen fallen mußten.

»So,« sagte er. »Nun machens noch fünf schöne Siegeln drauf, und drückens Ihr Petschaften darüber. Dann schauts ganz genau so aus, als ob das Geldl darinnen sei.«

Auch das geschah. Der Pfarrer steckte das eigentliche Werthcouvert zu sich und fragte:

»Jetzt habe ich Deinen Rath befolgt. Was thun wir nun? Ich werde mich ganz auf Euch verlassen.«

»Das könnens getrost. Sagens uns erst, wie ein Einbrecher am Besten ins Haus kommen kann!«

»O, er braucht nur über die niedrige Mauer in den Hof zu steigen.«

»Ist kein Hund da, welcher Lärm machen kann?«

»Nein. Ich habe, da ich kein reicher Mann bin, alle Sicherheitsmaßregeln für überflüssig gehalten.«

»Ganz recht. Und die Leutln, welche hier wohnen, sind ehrlich. Ihren Pfarrer bestehlen sie nicht.«

»Ich hoffe zu Gott, daß der Samiel kein Glied meiner armen, ehrlichen Gemeinde sei.«

»Nein. Der steckt wo ganz anders.«

»Ahnst Du das?«

»Ja, Herr Pfarrer!«

»Hast Du einen Grund dazu?«

»Ja. Weil wir den Samiel heut Abend drüben bei Kapellendorf getroffen haben und er wollt doch hier einsteigen, so ists halt sehr leicht zu denken, daß er nicht von hier sein kann.«

»Da hast Du Recht. Das erleichtert mein Herz!«

»Aberst wie kommt er denn aus dem Hof, wenn er über die Mauer stiegen ist, in's Haus hinein?«

»Ganz einfach durch die Hinterthür.«

»Hat die kein Schloß von innen?«

»Nein, nur einen Drücker, welcher auch von außen bewegt werden kann. Man ist eben hier nicht auf Diebe eingerichtet.«


// 2060 //

»So braucht er dann nur in aller Gemüthlichkeiten die Treppe emporzusteigen?«

»Ja. Die Thür meiner Studierstube habe ich nie verschlossen. Heut aber werde ich es thun.«

»Warum?«

»Nun, damit er nicht hinein kann.«

»Das ist falsch.«

»Ich denke grad, daß er da vielleicht umkehrt.«

»O nein. Der geht gewiß nicht eher wieder fort, als bis er meint, das Geldl zu haben.«

»So soll ich die Studirstube auflassen?«

»Ja. Ich denk nämlich, es ist besser, wann man ihm die Sach so leicht wie möglich macht.«

»Das meine ich auch,« stimmte Fritz bei. »Macht man es ihm schwer, so zwingt man ihn, Gewalt anzuwenden, und dann kann es freilich leicht kommen, daß er auch seine Waffen gebraucht.«

»Mein Gott!« seufzte der Pfarrer. »Nur keine Waffen! Lieber will ich Alles auflassen!«

»So ists richtig, hochwürdiger Herr! Ich bin dera Wurzelsepp und werd Ihnen keinen schlechten Rath geben. Jetzt gehen wir zu Bett.«

Er stand von seinem Stuhle auf.

»Wie?« fragte der Pastor ganz betreten. »Du willst Dich wirklich zur Ruhe legen?«

»Fallt mir gar nicht ein! Ich hab nur meint, daß wir nun hinauf in Ihre Schlafstub gehen.«

»Ach so! Ihr bleibt natürlich bei mir!«

»Ja.«

»Und die aus der Studir- nach der Schlafstube führende Thür schließen wir natürlich zu?«

»Ich möcht das lieber nicht!«

»Warum?«

»Ich möcht die beiden Kerls gern beobachten.«

»Das kannst Du ohnedies. Neben der Thür ist ein kleines Fensterchen, an welchem ein durchsichtiger Tüllvorhang ist. Durch denselben kann man sehr leicht sehen.«

»Schön! So schließen wir zu! Gehen die Thüren leicht auf?«

»Ein kleines Geräusch macht jede.«

»Das ist gut. Da hören wir die Kerls vielleichten kommen. Gehen wir also! Aber vorsichtig! Ich wette, die Beiden stehen schon draußen und lauern. Sie werden denken: Jetzund geht der geistliche Herr zu Bett. Wir lassen ihn einischlafen, und sodann holen wir uns das Geldl. Prosit die Mahlzeit.«

Er griff nach der Lampe.

»Wollen wir die denn mitnehmen?« fragte der Pfarrer.


// 2061 //

»Ja. Damit sie sehen, daß Sie zu Bett gehen.«

»Die Lampe machts zu hell. Ich habe Kerzen, von denen wir lieber eine nehmen wollen.«

»Gut, das ist besser. Wir Beiden, nämlich dera Fritz und ich, müssen uns überhaupt in Acht nehmen, damit wir nicht von unten sehen werden.«

Die Lampe wurde ausgelöscht und das Licht angebrannt. Dann gingen die Drei nach der Studierstube hinauf. Dort hielten sich die Beiden so, daß weder ihre Gestalten, noch ihre Schatten von unten gesehen werden konnten. Der Pfarrer legte das Vexircouvert in die Bibel, und dann traten alle Drei in das nebenan liegende Schlafzimmer.

»Setzens das Licht auf den Tisch,« sagte der Sepp, »und machens sich was am Fenster zu schaffen!«

»Daß ich von unten gesehen werde?«

»Ja. Dann ziehens den Rock aus und tretens in Hemdärmeln noch mal hin, damit die Kerls merken, daß Sie sich auskleiden.«

Dieser Rath wurde befolgt; dann schloß der Pfarrer die Thür zu und verlöschte das Licht.

Bis hierher waren die Vorbereitungen getroffen. Nun handelte es sich darum, ob sich dieselben bewähren würden.

Der Pfarrer sank auf das Kanapee, welches dem Bette gegenüber stand. Er seufzte:

»Mir klopft das Herz, als ob ich Fieber hätte.«

»Das meinige ist ganz ruhig,« meinte der Sepp.

»Ja, Du bist aus einem ganz anderen Stoff gemacht als Unsereiner!«

»Mein Stoff ist nur Haut und Knochen. Daran zittert nix vor Angst. Komm her, Fritz. Wollen am Fenster schauen, ob wir was sehen.«

Die Beiden blickten hinunter in die ziemlich helle Mondscheinnacht. Sie selbst konnten, da die Fenster im Schatten lagen, nicht gesehen werden. Es verging eine Weile, welche dem Pfarrer wie eine Ewigkeit vorkam. Dann sagte Sepp:

»Du, Fritz, siehsts, da drüben am Zaun?«

»Nein.«

»Es hat sich was bewegt. Da drüben habens steckt und das Haus beobachtet. Paß auf, nun wird es bald losgehen. Schau!«

»Ja. Jetzt sehe ich es auch!«

»Es sind zwei Punkte, die sich bewegen. Sie schleichen sich nach hinten herum. Jetzt verschwindens hinter dera Ecke. Nun können wir noch innen horchen. Wollen uns Stühle her an das Fenster setzen, damit wir nachhero in aller Bequemlichkeiten zuschauen können, was drinnen in dera Studierstuben vorgeht.«

Sie zogen sich zwei Stühle an das Verbindungsfenster und setzten sich darauf. Ein leises Flüstern sagte ihnen, daß der Pfarrer in seiner Herzensangst Stoßgebete sprach.


// 2062 //

»Betens noch leiser!« bat Sepp. »Man hört es noch viel zu deutlich!«

Der Pfarrer war nun ganz still. Er zitterte am ganzen Körper vor Angst.

Nun verging fast eine volle halbe Stunde. Dann gab es draußen in der Studirstube ein Geräusch, als ob eine Thür mit größter Vorsicht geöffnet werde. Dann war wieder lange nichts zu hören.

Jetzt zuckte ein Lichtschein draußen durch die Studierstube, verschwand aber sofort wieder.

»Sie sind da,« wisperte Fritz.

»Sie werden horchen, ob dera Pfarrer schläft,« antwortete der Sepp ebenso leise. »Wart, ich werd was hören lassen.«

Er holte tief, laut und regelmäßig Athem wie Einer, den man schlafen hört, ohne daß er wirklich schnarcht. Er erreichte seine Absicht, denn sofort wurde draußen die Studirstube hell.

»Schausts!« meinte er.

»Ja!«

»Alle Beid sind da.«

»Sie suchen nach dera Bibel.«

Bei dem Scheine der Blendlaterne, welche die Diebe mitgebracht hatten, konnte man ihre Gestalten deutlich erkennen. Sie standen mit einander am Büchergestell. Der Eine griff hoch hinauf, nahm die Bibel herab und öffnete sie. Er sah das fünffach versiegelte Couvert, nahm es mit einer Bewegung der Befriedigung heraus und steckte es ein. Dann stellte er die Bibel wieder an ihren Platz.

Wenige Augenblicke später war das Knirrschen der Thüre wieder zu hören.

»Jetzt sinds wieder fort!« sagte der Sepp.

»Ists gewiß?« fragte der Pfarrer.

»Ja!«

»Ich glaube es kaum.«

»Warum nicht?«

»So schnell kann es nicht gehen!«

»O, solche Spitzbuben haben ihr Geschäft gelernt. Und nach dem großen Bibelbuche braucht man nicht monatelang zu suchen!«

»Mir hat das Herz gebebt vor Angst!«

»Mir auch. Aberst vor Freude.«

»Wenn sie bemerkt hätten, daß wir sie betrogen haben!«

»Betrogen? Hm! Machens sich etwan gar noch ein Gewissen daraus?«

»Nein; aber welche Gefahr! Sie hätten hier die Thüre aufgesprengt!«

»Und uns gefunden! Da wärens davon gelaufen wie sechs Dutzend Schneider. Komm, Fritz! Sie müssen wiederum da unten vorüber!«

Dieses Mal trat auch der Pfarrer wieder ans Fenster. Nach wenigen Secunden sahen sie die beiden Gestalten, welche unten am Zaune vorsichtig hinhuschten.

»Schauen Sie die Kerls, Hochwürden?«


// 2063 //

»Ja,« antwortete der Pfarrer, tief aufathmend.

»So ists also vorbei.«

»Dem Herrn sei Lob und Preis!«

»Und wir gehen auch.«

»Wie? Ihr wollt mich verlassen?«

»Ja. Wir müssen fort.«

»Um Gotteswillen nicht! Bleibt hier!«

»Wozu denn?«

»Ihr müßt mich weiter schützen!«

»Vor wem? Die Gefahr ist vorüber.«

»Noch lange nicht. Der Samiel kann wiederkommen!«

»Das kommt ihm gar nicht in den Sinn!«

»Er wird merken, daß er das Geld nicht hat.«

»Selbst wann er das merkt, kommt er nicht wieder. Uebrigens könnens ja auch ein paar hiesige Leutln wecken lassen, die her kommen.«

»Das ist wahr. Ihr aber wäret mir die Allerliebsten. Ihr habt mir bewiesen, daß Ihr so voller Muth und Vertrauen seid.«

»O, das sind Andere auch. Dort kommt Jemand. Wer mag das sein?«

»Das ist der Nachtwächter,« erklärte der Pfarrer, nachdem er die nahende Gestalt betrachtet hatte.

»Nun, den könnens ja gleich rufen.«

»Das werde ich thun. Also Ihr bleibt wirklich nicht bei mir?«

»Nein. Wir können nicht. Wir müssen heim.«

»So weiß ich gar nicht, wie ich danken soll!«

»Sie haben uns gar nix zu danken, Hochwürden. Rufen Sie den Wächter.«

Der Pfarrer öffnete das Fenster und rief den Beschirmer des Ortes. Das Licht wurde wieder angebrannt, und die drei gingen hinab. Der geistliche Herr wußte vor lauter Dankbarkeit nicht, was er angeben sollte. Der Sepp und Fritz wiesen Alles ab und brachen auf. Zehn Minuten später war das ganze Oertchen wach, und alle Einwohner desselben wußten, was geschehen war.

Die beiden Beschützer des geistlichen Herrn eilten die Straße entlang, Kapellendorf zu. Sie wollten eher dort eintreffen als die zwei Samiels.

Das gelang ihnen auch, denn die Bäuerin hatte mit dem Bastian ebenso wie vorher einen Umweg zu machen. Sie sprachen unterwegs nicht mit einander, waren aber Beide sehr zufrieden, daß es ihnen geglückt war, den Diebstahl zu verhindern und dem Samiel einen solchen Streich zu spielen.

Als sie dann am Ziele angekommen und über den Zaun gestiegen waren, fragte Fritz:

»Warten wir hier, bis sie kommen?«

»Wozu?«

»Ich wüßte auch keinen besonderen Grund.«


// 2064 //

»Wir haben nichts mehr zu thun. Nur beobachten möcht ich die Bäuerin, wann sie das Couvert aufimacht.«

»Das ist leider nicht möglich. Zwar liegt unser Fenster dem ihrigen gegenüber, aber es ist zu weit um deutlich sehen zu können.«

Sie begaben sich nach Fritzens Kammer und entledigten sich ihrer Oberkleider. Sie setzten sich an das geöffnete Fenster und behielten dann den Hof scharf im Auge.

Es dauerte sehr lange ehe sie die Kommenden bemerkten, länger als es zu erwarten gewesen war. Jedenfalls war der Grund derjenige, daß Beide ihre Kleidung nach dem Verstecke gebracht hatten.

Endlich kamen sie, Beide zu gleicher Zeit. Die Bäuerin stieg drüben zur Strickleiter empor und dann ging der Bastian in den Stall. Eine kurze Zeit später wurde in der Schlafstube der Bäuerin Licht gemacht.

»Du,« kicherte der Sepp, »jetzunder macht sie den Geldbrief auf. Nicht?«

»Jedenfalls!«

»Das Gesicht möcht ich sehen! Gleich hundert Mark thät ich geben, wann ich es sehen könnt!«

Beide blickten über den Hof hinüber nach den erleuchteten Fenstern. Plötzlich war das Licht weg.

»Sollt sie sich bereits niederlegen?« fragte Sepp.

»Nein. Sie wird in das verborgene Cabinet gegangen sein.«

»Das glaub ich auch, denn - Du, da ist sie ja! Sie kommt mit dera Latern!«

Die Hinterthür des Wohnhauses wurde aufgemacht, und zwar keineswegs leise, und man sah die Bäuerin erscheinen, mit einer Laterne in der Hand.

»Was hat sie vor?« fragte Fritz.

»Ich weiß!« antwortete Sepp. »Schnell ins Bett hinein!«

Er sah, daß die Bäuerin wie eine Furie über den Hof herübergefegt kam.

Die Beiden fuhren in das Bett und deckten sich zu.

»Meinst, daß sie zu uns kommt?« flüsterte Fritz.

»Ja.«

»Ach! Das wäre toll!«

»Sie ist jetzt im Stand, noch viel Tolleres zu thun. Hast doch die Kammerthür nicht richtig zuschlossen?«

»Nein.«

»So kann sie herein. Sie will sehen, ob ich da bin. Thu so, als obst schläfst!«

Die Beiden machten die Augen zu. Der Sepp fing sogar an, zu schnarchen. Da knirrschten die Stufen der Treppe unter den Tritten der Bäuerin. Sie kam rasch an die Thür und riß sie auf. Die Laterne hoch emporhebend, trat sie an das Bett.


Ende der sechsundachtzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk