Lieferung 89

Karl May

7. April 1888

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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davon befriedigt, eine Art gelinder, moralischer Entrüstung zeigen zu können. Er hatte seine Worte in freundlich ernstem, eindringlichem Tone gesprochen, so wie ein verständiger, älterer zu seinem leichtsinnigen, jüngeren Bruder sprechen würde.

»Ist es Dir vielleicht unlieb, zu erfahren, daß ich weder dem Geburts- noch dem Geldadel entstamme?« fragte der Sänger.

»Nein. So Etwas kommt mir nicht bei. Du bist Künstler; das berechtigt Dich, Dich als uns ebenbürtig zu betrachten. Die Verhältnisse Deiner Eltern kommen dabei natürlich nicht in Betracht. Es ist sogar, streng genommen, eine Ehre für Dich, Dich aus dürftigen Verhältnissen so emporgearbeitet zu haben.«

»Das denke ich auch. Es ist mir nicht etwa leicht geworden, den Schmutz der Vergangenheit abzuschütteln, und Du wirst es sehr begreiflich finden, daß ich mich so viel wie möglich dem Gedanken an die Heimath zu entziehen suche. Der Brief, welchen Du mir da vorgelesen hast, ist nichts weiter als ein Bettelbrief. Ich werde den alten Leuten einige Gulden schicken. Dann haben sie ihren Zweck erreicht und sollen mich nicht weiter belästigen. Ich werde dies ihnen sehr scharf empfehlen.«

»Hm! Wenn ich mir die Fassung des Briefes vergegenwärtige, so kann er mich rühren.«

»Mich nicht!«

»Sie machen Dir nicht den geringsten Vorwurf, daß Du nicht an sie denkst und ein üppiges Leben führst, während sie nicht das Nothwendigste haben. Sie wünschen Dir Glück und Segen und hoffen auf ein baldiges seliges Ende. Das ist wirklich rührend.«

»Redensarten! Meine Eltern haben keine Bedürfnisse. Sie sind bei trockenem Brode glücklich gewesen und können mit Wenigem zufrieden sein. Sie haben gar keine Veranlassung, jetzt auf einmal höhere Ansprüche zu erheben.«

»Aber das thun sie ja auch nicht!«

»Nun, so mögen sie mich überhaupt in Ruhe lassen! Ich habe Anderes zu thun, als mich mit den dortigen Verhältnissen zu beschäftigen. Mein Sinn steht nach Glanz, Ruhm und Ehre. Ich mag keinerlei Berührung mit dem Schmutze meiner Heimath haben. Die Eltern haben alle Zeit ihre Steuern und Abgaben entrichten müssen; sie haben jederzeit gegen den Staat und die Gemeinde ihre Schuldigkeit gethan, und darum haben Staat und Gemeinde nun auch die Verpflichtung, für sie zu sorgen.«

»Das ist sehr kalt gesprochen; aber mich geht es gar nichts an. Ich bin Dein Beichtvater nicht und habe nicht die Pflicht, Dir eine erbauliche Rede zu halten. Es war mir nur interessant, zu erfahren, daß die Wurzel Deines Glücksbaumes in so armem Boden ruht. Nun begreife ich freilich, welche Anstrengungen es Dich gekostet haben muß, Dich emporzuarbeiten. Dein Vater ist jedenfalls ein armer Handwerker gewesen?«

Der Ton, welchen der Baron jetzt anschlug, machte den Sänger williger zur Antwort.


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»Noch weniger! Er war Handarbeiter. Ein Stück Brod und ein Schluck Ziegenmilch dazu, das ist fast der ganze Inhalt unserer Speisekarte gewesen. Natürlich wurde ich zu ganz demselben Berufe erzogen.«

Er lachte dabei höhnisch auf.

»So bist Du also 'entdeckt' worden?«

»Ja. Ein hiesiger Professor der Musik hörte zufällig meine Stimme und nahm mich mit sich. Er bildete mich aus, soweit seine Kräfte reichten. Dann ging ich für einige Monate nach Paris, wo ich wieder 'entdeckt' wurde, nämlich von dem amerikanischen Unternehmer, mit welchem ich dann unter Begleitung anderer Künstler durch die Vereinigten Staaten zog, von woher ich vor drei Wochen hier angekommen bin. Diese amerikanische Reise hat meinen Ruf begründet. Ich singe jetzt nur noch für goldenes Honorar und denke dabei natürlich nicht gern an die Zeiten zurück, in denen ich als Tabuletkrämer den Staub der Landstraßen aufwirbelte.«

»Tabuletkrämer? Donnerwetter, das ist famos; das ist romantisch!«

»O, es giebt noch viel romantischere Punkte in meiner Vergangenheit. Was würdest Du zum Beispiel dazu sagen, daß ich einer der gefürchtetsten Wildschützen gewesen bin?«

»Du? Zuzutrauen wäre es Dir!«

»Ich war es in Wirklichkeit. Keine Gemse verstieg sich zu hoch für mich, und kein Abgrund war mir zu gefährlich. In der Dunkelheit der Nacht und auf Wegen, bei denen mir jeder Fehltritt den Tod bringen mußte, stieg ich auf, und manch ein Mal bin ich, die schwere Beute auf dem Rücken, an Wänden abgestiegen, an denen kaum eine Fliege Halt finden konnte. Wenn ich daran denke, so möcht ich gleich nach dem Stutzen greifen und hinauf in die Berge, denn

Aan Gamsl an der Wand
   Und aan Punkt in der Scheiben,
Und aan Schatzerl an der Hand
   Das ist mein Thun und mein Treiben.
      Halloi droi droi dri!«

Er war von dem Divan aufgesprungen, stützte sich mit der Hand auf den Tisch und sang den Jodler mit einer Stimme und einer Verve, welche ihm das Lob des anspruchsvollsten Gesangskenners eingebracht hätte.

Aber der Burgunder wirkte noch immer, so daß der Sänger wankte und sich wieder niedersetzen mußte.

»Verdammt!« zürnte er. »Der Wein hat mich bei den Nerven gepackt. Das hätte mir früher nicht geschehen können. Damals hatte ich Eisendrähte anstatt der Nerven im Leibe. Dem Krickelanton that es Keiner gleich, kein Einziger in allen Alpen.«

»Krickelanton? So hießest Du?«

»So wurde ich gerufen. Wer ein Gemskrickel haben wollte, konnte es von mir bekommen, wenn kein Anderer die Schneid hatte, es ihm zu schaffen. Darum wurde ich nur der Krickelanton genannt und darum habe ich diesen


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Rufnamen in den Künstlernamen Criquolini umgewandelt. Eigentlich heiße ich Anton Warschauer.«

»Es ist mir, als ob ich früher öfters etwas von dem Krickelanton hätte erzählen hören. Es hieß, die Polizei verfolge ihn auf Schritt und Tritt, sie könne aber seiner nicht habhaft werden.«

»Das ist wahr. Sie war mir stets hinter den Fersen, hat mich aber nicht bekommen, selbst damals nicht, als ich bei der Leni erwischt wurde. Ah, dieser Fluchtweg des Nachts über den Felsengrat! Das war ein kolossales Wagniß, und ich glaube nicht, daß ich es heut wieder unternehmen würde. Man hielt mich für todt und hat lange, lange Zeit im Abgrunde nach mir gesucht.«

»Du machst mich wirklich begierig, dieses Abenteuer zu erfahren.«

»Wenn es Dir Spaß macht, will ich es Dir erzählen. Ich befinde mich in der richtigen Stimmung dazu.«

»So thue es, bitte!«

»Nimm Dir erst eine Cigarre dort, und bringe mir auch eine! Meine Beine sind obstinat geworden; sie haben mir den Gehorsam gekündigt, und ich muß nachher wirklich ein Schläfchen machen, um mich wieder in Ordnung zu bringen.«

Die Cigarren wurden angesteckt, und dann begann der Krickelanton zu erzählen.

Aber er erzählte nicht nur von jener Nacht, in welcher er rettende Zuflucht in der Wohnung der dicken Dichterin gefunden hatte, sondern er berichtete auch das Weitere, sein Verhältniß zur Muhrenleni und seinen Bruch mit ihr, als sie gegen seinen Willen Sängerin geworden war.

Der Baron unterhielt sich sehr gut dabei, denn er erhielt dadurch den Stoff zur Ausführung gewisser Absichten, von denen er freilich nicht reden konnte. Was er hörte, diente leider nicht dazu, seine Achtung für den Sänger zu erhöhen.

Der Krickelanton war ein Anderer geworden, und doch war der eigentlichste Kern seines Wesens, seiner Individualität ganz derselbe geblieben. Kühnheit, Ausdauer, Rücksichtslosigkeit, Selbstsucht, das waren seine Grundeigenschaften gewesen. Die Leni hätte aus ihm einen braven Mann machen können, und sie war auf dem besten Wege dazu gewesen, als er sich gewaltsam wieder von ihr losgerissen hatte. Das Glück war ihm freundlich entgegengetreten und hatte ihm äußerliche Erfolge gebracht, innerlich aber hatte er Schaden genommen. Sein Herz hatte sich verhärtet und sein Gefühl für das Bessere sich abgestumpft. Nur sich und sein eigenes Wohl im Auge behaltend, hatte er nicht nur die Geliebte, sondern sogar seine Eltern vergessen. Die gewaltigen Eindrücke seiner amerikanischen Reise, die dort errungenen Erfolge hatten ihm den Sinn für die schlichten Verhältnisse des Lebens getödtet. Er hatte kein Verständniß mehr für die Heiligkeit natürlicher und moralischer Verpflichtungen und war nur noch Einflüssen zugänglich, welche mit ungewöhnlicher Stärke auf ihn wirkten.

Darum war die Liebe zu der braven Leni längst in seinem Herzen er-


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storben, und an deren Stelle loderte nun eine wilde Leidenschaft für die Tänzerin, deren gleißende Erscheinung die glühendsten Wünsche in ihm erweckt hatte. Das 'Glück' hatte seine besseren Eigenschaften erstickt und die schlechteren zur vollen Entwickelung gebracht. Dabei aber ist unter Glück nur der äußere Erfolg gemeint, denn das wahre Glück ist etwas ganz Anderes, tief Innerliches.

»So!« sagte er zuletzt. »Jetzt kennst Du die interessanteste Episode meines Lebens, und damit mag diese Vergangenheit für mich abgeschlossen sein. Der Teufel soll mich holen, wenn ich wieder an diese Dummheiten denke. Die Zukunft gehört mir. Ich will leben und genießen; ich habe den Willen, die Kraft und auch - - das Geld dazu.«

Er legte sich auf den Divan zurück, als ob er von der ganzen Angelegenheit nichts mehr wissen wolle.

»Du könntest wirklich der Hauptheld eines Romanes sein,« sagte der Baron. »Schade nur, daß Du mit der Heldin desselben zerfallen bist.«

»Es gehört ihr nicht mehr!«

»War diese Leni denn wirklich hübsch?«

»Nach meiner damaligen Ansicht, ja. Sie hatte eine prächtige Taille, einen vollen Busen, starke Waden, blitzende Zähne, kleine Hände, also mehr, als ein Wilddieb von seinem Mädchen vernünftiger Weise verlangen konnte; jetzt aber besitze ich freilich einen ganz anderen, einen geläuterten Geschmack. Ein Weibsbild, welches nach Heu, Käse und Kühen duftet, würde mir jetzt Krampfanfälle zuziehen. Unter 'schön' verstehe ich jetzt etwas ganz Anderes, als damals.«

»Sie interessirt mich dennoch. Wo mag sie sich befinden?«

»Ich weiß es nicht. Sie wird verschollen sein.«

»Schwerlich!«

»O doch. Sie nannte sich als Sängerin Mureni. Weißt Du jetzt Etwas von einer Sängerin dieses Namens?«

»Freilich nicht.«

»Also! Meine Vorhersagung wird eingetroffen sein. Sie ist an ihrem Trotzkopfe zu Grunde gegangen. Ich möchte darauf schwören, daß ihre vollen Formen ihr Unglück geworden sind. Ihre Stimme war nicht übel; aber ihre geistigen Anlagen reichten zwar aus für eine Sennerin, keineswegs jedoch für die schwierige Ausbildung zur Künstlerin.«

»Die Deinigen haben aber ausgereicht, obgleich Du nicht mehr Bildung besaßest als diese Leni?«

Diese Frage wurde in freundschaftlichem Tone gesprochen, hatte aber trotzdem den Zweck, dem Krickelanton einen Stich zu versetzen. Er fühlte denselben auch, denn er fragte schnell:

»Willst Du mich beleidigen?«

»Fällt mir nicht ein! Ich weiß ja, daß es ein Mann unter den ganz gleichen Vorbedingungen bedeutend weiter bringt als ein Weib. Es mag also sein, daß sie auf der untersten Stufe der Gesangeskunst sitzen geblieben ist.«

»Und moralisch ist sie jedenfalls tiefer und tiefer gesunken. Als ich sie


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in jenem Concerte zum ersten Male mit offenem Busen und nackten Armen sah, wußte ich sofort, daß sie damit den ersten Schritt zur Schande gethan hatte. Von jenem Abende an war sie unrettbar verloren.«

»Hm!« fragte der Baron lächelnd. »Du konntest also eine solche Entblößung nicht ersehen?«

»Nein. Auch heut noch nicht. Ein Weib, welches ihre intimsten Reize in dieser Weise freigiebt und veröffentlicht, flößt mir gradezu Ekel ein.«

»Und - Valeska, Deine Tänzerin?«

Der Sänger erröthete. Er suchte nach einer Antwort, fand aber keine passende.

»Ich möchte annehmen, daß die Leni sich dem Publikum bei Weitem nicht so gezeigt hat, wie die Tänzerin es thut!«

»Das ist etwas ganz Anderes,« antwortete Criquolini. »Der Tanz hat den Zweck, durch characteristische, harmonische Bewegungen irgend einen Gedanken aus dem Reiche des Schönen zur Anschauung zu bringen. Da ist es ganz selbstverständlich, daß die Formen der Tänzerin mit herbeigezogen werden müssen. Die Entblößung der betreffenden Körpertheile hat also ihre völlige Berechtigung. Nicht so liegt es aber bei einer Sängerin. Die drallen Waden und fetten Arme eines Weibes haben mit der Kunst und dem Zwecke des Gesanges gar nichts zu thun. Oder sage mir, ob zum Beispiel das Lied mit dem bekannten Schlußrefrain 'Ihm hat ein goldner Stern gestrahlt' an Schönheit gewinnt, wenn die vortragende Sängerin dabei eine Taille trägt, welche bis zur Frechheit tief ausgeschnitten ist!«

»Das Lied bleibt freilich ganz dasselbe; aber wenn Du offen sein willst, so wirst Du es mir gestehen, daß Du lieber eine Sängerin hörst, welche zeigt, daß sie nebenbei auch reizend ist, als eine, welche sich wie eine frierende Nonne verhüllt.«

»Ganz richtig! Aber bei meiner Geliebten muß ich mir das verbitten. Wenn dagegen die Tänzerin Tricots anlegt, so kann ich als Künstler nichts dagegen haben, folglich als Mann auch nicht. Mögen Andre sehen, wie schön sie ist, wenn nur diese Schönheit mein alleiniges Eigenthum bleibt.«

»Du magst ja Recht haben, obgleich ich der Ansicht bin, daß Du gegen die Tänzerin weit nachsichtiger bist als gegen diese Leni. Nach Allem, was Du mir von der Letzteren erzählt hast, interessire ich mich für dieselbe so sehr, daß ich wissen möchte, was aus ihr geworden ist und wo sie sich befindet.«

»Willst Du sie aufsuchen?« fragte der Krickelanton lachend. »Dann gut Glück dazu!«

»Vom Aufsuchen ist keine Rede. Ich habe anderes zu thun als mich um eine untergeordnete Sängerin zu bekümmern; aber wenn ich sie zufällig träfe und ihr meine Theilnahme merken ließe, so fragt es sich, ob ich nicht doch Deine Eifersucht erregen würde.«

»Eifersucht? Papperlapapp!«

»Oho! Alte Liebe rostet nicht!«

»Diese ist aber gerostet. Und wenn die Leni mir als eine der bedeu-


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tendsten Künstlerinnen begegnete, so würde ich ihr doch nur zeigen, wie sehr ich sie verachte. Von einem Aufflammen der alten Liebe oder gar von Eifersucht könnte gar keine Rede sein.«

»Weißt Du denn wirklich, daß sie verschollen ist?«

»Ja, ganz genau. Im vorjährigen Album ist ihr Name noch zu finden. 'Signora Mureni, München', ist da zu lesen. Im gegenwärtigen Jahrgange steht sie nicht mehr. Ich habe mich gleich nach meiner Ankunft in Wien an ihre Münchener Adresse gewendet, um - - -«

»Also doch - -!« lachte der Baron.

»Pah! Nicht aus Herzensinteressen, sondern nur, um überhaupt zu wissen, woran ich bin. Ich habe die Antwort erhalten, daß sie von dort spurlos verschwunden sei und Niemand wisse, wohin; kein Mensch habe seitdem wieder Etwas von ihr gehört.«

»Aber dennoch muß sie existiren, und zwar nicht unter ganz schlechten Verhältnissen.«

»Woraus vermuthest Du das?«

»Haben Dir nicht Deine Eltern soeben geschrieben, daß sie wöchentlich fünfzehn Mark von ihr erhalten?«

»Ah, daran dachte ich nicht. Sie lebt also noch, aber unter welchen Verhältnissen? Als Sängerin existirt sie ganz gewiß nicht mehr; wahrscheinlich verdient sie sich das Geld durch ihre Schönheit, welche nun wohl einem abgegriffenen Prachtbande gleichen wird. Da ist es eigentlich eine großartige Beleidigung für mich, daß sie das auf diese Weise verdiente Geld meinen Eltern schickt. Das thut sie aus Rache. Ich werde mich also doch wohl nach dem Orte erkundigen, von welchem aus diese Unterstützung den Meinen zufließt. Sie dürfen es nicht annehmen!«

»Willst Du sie ihnen nehmen? Dann müßtest Du sie natürlich entschädigen, lieber Freund.«

»Das ginge dann aus meinem Beutel? Hm! Ich werde mir die Sache denn doch überlegen müssen.«

Der Sohn, welcher hier in Wien wie ein Graf lebte, wollte es sich überlegen, ob er seinen armen, alten, halbblinden Eltern eine für ihre mehr als einfachen Bedürfnisse hinreichende Unterstützung senden solle! So weit war es mit dem Herzen dieses Mannes gekommen! Sogar der Baron, welcher keineswegs ein großer, moralischer Held, sondern vielleicht ein sittlicher Lump war, schüttelte den Kopf und sagte:

»Eigentlich ist das Deine Pflicht. Nicht?«

»Möglich. Aber der Mensch besitzt eben glücklicher Weise die Freiheit, zu wählen, ob er seine Pflicht erfüllen will oder nicht. Es giebt Pflichten, die Einem höchst lästig werden können. Uebrigens bin ich jetzt gar nicht disponirt, über so unangenehme Sachen nachzudenken. Mir brummt der Kopf, und ich muß schlafen, um später wieder bei guter Laune zu sein.«

»Das ist natürlich für mich ein Fingerzeig, Dich gütigst allein zu lassen. Nicht wahr?«


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»Nimm es so.«

»Nun gut! Natürlich sehen wir uns heut wieder?«

»Ich hoffe es - - Was giebt es denn wieder?«

Diese Frage war an den Diener gerichtet, welcher abermals einen Brief hereinbrachte.

»Entschuldigung!« sagte derselbe. »Ist soeben von einem Lakaien für Sie abgegeben worden.«

»Nimm Du ihn!« bat der Sänger den Baron, sich ärgerlich auf den Divan ausstreckend.

Dieser Letztere nahm dem Diener, welcher sich dann entfernte, den Brief ab und betrachtete das Couvert.

»Ein adeliges Wappen!« sagte er.

»Ah! Welches?«

»Das sollte ich kennen. Wenn ich mich nicht irre, so ist es dasjenige des Commerzienrathes von Hamberger.«

»Kenne ihn nicht. Wüßte nicht, was er mir zu schreiben hätte. Es ist doch derjenige, zu welchem Graf Senftenberg heut Abend geladen ist?«

»Ja.«

»Bitte, öffne ihn, und lies ihn mir vor!«

Der Baron öffnete und las:

    »Sehr geehrter Herr.
Würden Sie sich, falls dieser Brief Sie persönlich antrifft, sich sofort nach dem Empfange desselben zu mir bemühen? Ich habe eine Frage an Sie zu stellen.
          Ergebenst
                              Hesekiel von Hamberger.«

»Sonderbar!« brummte der Sänger unwillig. »Er hat zu mir ebenso weit wie ich zu ihm.«

»Willst Du etwa seiner Einladung nicht Folge leisten?«

»Ich habe wirklich keine Lust dazu. Was kann der Mann von mir wollen?«

»Wer weiß es? Es ist jedenfalls anzunehmen, daß er Dich nicht eines Nichts wegen zu sich entbietet.«

»Zu sich entbietet! Das ist der richtige Ausdruck. Er befiehlt mich ja förmlich zu sich, wie ein Vorgesetzter seinen Untergebenen.«

»Das mußt Du ihm zu Gute halten. Diese Herren haben sich an den kurzen Ton ihre Comptoirs gewöhnt.«

»Aber ich bin nicht sein Comptoirist. Er fragt mich, ob ich mich sofort, hörst Du, sofort nach Empfang dieser Zeilen zu ihm begeben will. Kann er diese Frage nicht in die Form einer höflichen Einladung, ich will nicht sagen einer Bitte kleiden? Muß er mich denn persönlich incommodiren? Kann er mir das, was er mich fragen will, nicht gleich mitschreiben und es sodann mir überlassen, ob ich ihm die Antwort persönlich oder schriftlich geben will? Wer und was ist dieser Mann denn eigentlich?«


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»Ein Millionär.«

»Trotzdem kann er ein großer Dummkopf sein.«

»Sehr verdient um die Industrie des Landes.«

»Ist mir gleich. Ich bin weder Eisenarbeiter noch Cigarrenmacher. Mich geht das nichts an.«

»Er sieht feine Gesellschaften bei sich.«

»Das ist eher Etwas.«

»Verwendet viel Geld an die Kunst.«

»Das söhnt mich beinahe mit seinem Briefe aus.«

»Sodann mußt Du beherzigen, daß Graf Senftenberg bei ihm verkehrt. Vielleicht hat dieser Dich ihm empfohlen, und Du würdest ihn blamiren, wenn Du nicht gingst.«

»Hm! Aber ich bin jetzt keineswegs in der Verfassung, mich so einem Herrn vorzustellen.«

»Trinke ein Selters!«

»Höre, Du wirst mir langweilig. Du hast für jeden meiner Einwände eine Entgegnung.«

»Das sollte Dich überzeugen, daß es nur gut ist, der an Dich ergangenen Einladung zu folgen.«

»Wenn Du in dieser Weise den Fürsprecher machst, so werde ich am Ende doch gehen.«

»Thue es! Ich begleite Dich eine Strecke.«

»Gut. Das macht mich williger.«

Er stand auf und begann, seine auf dem Divan Etwas in Unordnung gerathene Toilette zu restauriren. Der Lakai mußte wirklich ein Selters bringen. Bei dieser Gelegenheit befahl er diesem, nach dem heruntergefallenen Ring zu suchen.

Der Diener gab sich alle Mühe, fand ihn aber natürlich nicht.

»So laß es jetzt,« sagte sein Herr. »Such, wenn wir fort sind, weiter!«

Der Lakai zog sich in das Vorzimmer zurück, und bald war der Sänger zum Gehen bereit. Das Selters schien ihm wohlgethan zu haben. Er wankte nicht mehr, und sein Körper erhielt nach und nach die verlorene Spannkraft zurück.

Er betrachtete sich noch einmal wohlgefällig im Spiegel und erklärte sich dann zum Gehen bereit. Schon wendete sich der Baron nach der Thür; da aber drehte er sich noch einmal zu dem Sänger, welcher ihm folgen wollte, zurück und sagte:

»Da fällt mir ein: Könntest Du mir nicht einen kleinen Dienst erweisen?«

»Gern, wenn es mir möglich ist.«

»Es ist eine Geldangelegenheit.«

Der Baron beobachtete dabei die Miene seines Freundes mit gespanntem Blicke. Dieser verbarg seine Ueberraschung nicht, sondern sprach:

»Aber, mein Bester, Du hast doch in letzter Zeit ganz bedeutende Summen von uns gewonnen!«

»Das ist sehr richtig.«


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»Du mußt also doch bei Kasse sein. Du lebst zu splendid. Du mußt Dich mehr einschränken. Meine Gelder kann ich nicht angreifen. Vielleicht hilft Dir der Graf aus der Verlegenheit.«

Ueber das lauernde Gesicht des Barons ging ein höhnisches und doch auch befriedigtes Lächeln, welches er aber schnell wieder unterdrückte.

»Wer sagt Dir denn, daß ich mich in einer Verlegenheit befinde?«

»Nun, Du!«

»Ich? Ich weiß kein Wort davon.«

»Du sprachst doch von einer Geldangelegenheit!«

»Das ist richtig; aber meinst Du vielleicht, daß Angelegenheit mit Verlegenheit gleichbedeutend sei?«

»Ah! So hast Du es anders gemeint? Das ist mir sehr lieb. Ich dachte, Du wolltest borgen.«

»Und Du hättest mir nichts geliehen?«

»Gern, wenn ich könnte; aber ich sagte Dir bereits, daß ich über meine Gelder verfügt habe.«

»Nun, so beruhige Dich. Ich stehe mich nicht so, daß ich meine Freunde in Anspruch nehmen müßte. Meine Güter bringen mir so viel ein, daß ich glänzend leben kann.«

»Trotzdem kann man einmal in augenblickliche Verlegenheit gerathen.«

»Das wäre für mich sehr schlimm, da ich soeben die Erfahrung mache, daß sogar mein bester Freund mir in diesem Falle seine Hilfe versagt.«

»Pardon! Es giebt Zeiten, in denen man nicht kann, wie man will. Aber was hast Du denn eigentlich mit dieser Geldangelegenheit gemeint?«

»Ich will tausend Gulden fortschicken, nicht per Postmandat, sondern per Couvert. Ich brauche dazu Papiergeld und habe augenblicklich nur Gold. Darum wollte ich Dich fragen, ob ich nicht bei Dir das Gold in Papier umwechseln könnte.«

»Wenn es weiter nichts ist! Das können wir schon thun.«

Der Baron nahm seine Börse heraus und zählte die Goldstücke auf den Tisch. Dabei aber beobachtete er die Bewegungen des Sängers genau. Dieser zog ein kleines Schubfach, welches im Sockel der Stutzuhr angebracht war, auf und nahm einen darin befindlichen, kleinen Schlüssel heraus. Mit diesem öffnete er ein Fach des Schreibtisches, welches ganz mit Geld angefüllt zu sein schien, und zwar mit Staatsanweisungen. Er nahm eine Note zu tausend Gulden heraus, legte sie dem Barone hin, nahm das Gold dafür, schloß dieses zu dem Papiergelde ein und hob dann den Schlüssel wieder in dem Uhrenkästchen auf.

Das Alles hatte der Baron gesehen, und sein Gesicht leuchtete vor Befriedigung. Seine Absicht, zu erfahren, wie zu dem Gelde des Sängers zu gelangen sei, war befriedigt worden.

Nun gingen sie.

Als sie in den Hausflur traten, kam ein junges, schönes Mädchen die Treppe herab. Sie war ihrem Anzuge nach ein besseres Dienst-, vielleicht ein


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Stuben- oder Zimmermädchen. Der Sänger sah sie und blieb stehen. Wenn sie das Haus verlassen wollte, mußte sie an ihm vorüber. Sie zauderte, weiter zu gehen, war dann aber entschlossen, ihren Weg fortzusetzen.

»Martha,« sagte er, indem er sich ihr in den Weg stellte. »Haben Sie sich das, was ich Ihnen sagte, überlegt?«

Ihr Auge flammte zornig auf. Sie wollte sich an ihm vorüberdrängen und antwortete dabei:

»Lassen Sie mich! Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen!«

"Lassen Sie mich!"

Er aber ergriff sie beim Arme, hielt sie fest und rief lachend:

»Liebes Kind, ein Dienstmädchen darf nicht so zurückweisend sein. Es giebt ja Leute, welche einen Händedruck mit einem Gulden bezahlen.«

»Behalten Sie Ihre Gulden, und lassen Sie mich los, sonst rufe ich Hilfe herbei.«

»Das wirst du nicht thun. Komm, ich muß Dich küssen!«

Er wollte sie an sich ziehen und umarmen; da aber schlug sie ihm mit der geballten Hand in das Gesicht, daß er zurückprallte.

»Donnerwetter!« fluchte er, ihren Arm noch immer festhaltend. »Du bist giftig. Nun aber wirst Du erst recht geküßt.«

Er riß sie jetzt mit aller Kraft an sich, um seine Drohung wahr zu machen. Sie war nicht schwach gebaut; aber ein Mann ist stets stärker als eine weibliche Person. Ihre Kraft reichte nicht aus, sich von ihm zu befreien.

»Hilfe, Hilfe!« rief sie laut.

Er ließ sie trotzdem nicht los, und sie rangen mit einander. Der Baron stand dabei, ohne ein Wort zu sagen oder eine Hand zum Schutze des Mädchens zu rühren. Die Letztere wiederholte ihren Hilferuf.

Der Diener des Sängers trat eiligst heraus, fuhr aber schnell wieder zurück, als er sah, daß sein Herr es war, gegen welchen um Hilfe gerufen wurde.

Aus der Wohnung, welche auf der anderen Seite des Parterres lag, kam Niemand. Es schien Niemand zu Hause zu sein. Aber oben auf dem Vorplatz zur ersten Etage ging eine Thür auf. Zwei weibliche Gestalten zeigten sich oberhalb der Treppe, eine ältere und eine jüngere. Diese Letztere zog, als sie die unter ihr liegende Scene überschaute, das Taschentuch hervor und hielt es so vor das Gesicht, daß es nicht zu erkennen war. Die Aeltere eilte die Treppe herab, faßte den Sänger von hinten und rief zornig:

»Was ist das für eine Unverschämtheit! Wollen Sie gleich mein Mädchen gehen lassen! Sofort, sofort, sonst rufe ich die Polizei herbei.«

Jetzt ließ er los. Das Mädchen entfloh; er aber wendete sich an die Dame:

»Was haben Sie hier darein zu reden! Sie haben hier unten gar nichts zu sagen!«

Die Dame, deren behäbiges Aussehen auf gute Verhältnisse und einen liebenswürdigen Charakter schließen ließ, antwortete zornig:

»Das sagen Sie mir? Der Wirthin dieses Hauses und der Herrin des Mädchens? Ich will Ihnen darauf nur die Antwort geben, daß ich in meinem


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Hause Flegelhaftigkeiten nicht dulde. Sie ziehen aus! Sehen Sie sich schleunigst nach einer anderen Wohnung um!«

»Oho! Flegelhaftigkeiten?«

»Ja, das ist es. Ihr Betragen ist rüd und zuchtlos. Seit Sie bei mir wohnen, haben Sie uns nur bemerken lassen, wie ein junger, anständiger Herr nicht leben soll. Ich kann Sie nicht länger bei mir dulden. Ich wiederhole also meine Aufforderung, sich heut noch nach einem anderen Logis umzusehen!«

»Das ist brillant!« lachte er. »So eine alte Schachtel, welche froh sein sollte, einen gutzahlenden Miether zu haben, will mich fortjagen! Meinen Sie, daß dies so schnell geht? Sie haben mir zu kündigen. Verstanden!«

Die Dame wollte noch zorniger auffahren; sie beherrschte sich aber und entgegnete in ruhigerem, reservirtem Tone:

»Ich bedarf keiner Belehrung. Ob ich die Kündigung einhalte, kommt ganz auf die Verhältnisse an. Ich will nicht von den Orgien sprechen, welche Sie bis tief in die Nacht hinein in Ihrer Wohnung feiern, auch nicht von den zweifelhaften Frauenzimmern, die sich daran betheiligen; aber Sie haben nun bereits mit jedem hier im Hause engagirten Dienstmädchen angebunden, und heut vergreifen Sie sich sogar thätlich an dem meinigen. Das beweist, daß Sie ein gemeingefährlicher Mensch sind, welchen ich keinen Augenblick länger zu dulden brauche. Auf mein wohlberechtigtes Einschreiten hin beleidigen Sie mich mit schamlosen Schimpfworten. Ich könnte sofort zur Polizei senden, aber ich will jetzt noch darauf verzichten und Ihnen eine Frist stellen. Wenn Sie bis morgen Abend sechs Uhr meine Wohnung noch nicht verlassen haben, lasse ich Sie polizeilich entfernen und auch noch wegen des beschimpfenden Ausdruckes bestrafen, dessen Sie sich bedient haben. Richten Sie sich darnach!«

Sie wendete sich um und stieg wieder die Treppe empor. Er sah die andre Dame oben stehen und fühlte sich riesig blamirt. Das brachte ihn aber keineswegs zur besseren Einsicht, sondern es erregte nur seinen Zorn:

»Ein Glück für Sie, daß Sie sich fort machen,« rief er der Dame nach. »Wenn Sie sich nicht augenblicklich getrollt hätten, wären Sie mit den wohlverdienten Ohrfeigen bedacht worden!«

»Ah, Ohrfeigen?« antwortete sie, stehen bleibend. »Das ist mir noch nie gesagt worden! Dieser Mensch ist noch viel gemeiner, als ich gedacht habe.«

Er sprang auf die Treppe zu und drohte:

»Nun aber schnell verschwinden, sonst - -! Morgen ziehe ich aus. Mit so einer alten Xantippe mag ich nicht zusammen wohnen!«

Der Baron mochte befürchten, daß diese Scene sich noch mehr verschärfen könne. Darum trat er herbei, faßte ihn am Arme und bat:

»Komm! Erniedrige Dich nicht! So ein Weib darf für Unsereinen gar nicht existiren.«

»Hast Recht! Aber sagen muß ich es ihr.«

Sie gingen. Ihr Weg führte sie, da des Commerzienrathes Palais auf


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der Asperngasse stand, an dem Eingange der Praterstraße vorüber nach der Ferdinandsstraße, in welche die Erstere mündet.

Der Sänger war voller Aerger, nicht sowohl über den Zank mit der Wirthin als vielmehr deshalb, daß ihm sein Angriff auf das schöne Mädchen nicht so gelungen war, wie er es beabsichtigt hatte.

»Verdammte alte Hexe!« brummte er. »Wenn sie nicht dazugekommen wäre, hätte ich mir ein Paar Küsse geholt.«

»Was hättest Du davon gehabt?«

»Das fragst Du mich!«

»Natürlich. Für solche Küsse danke ich! Wenn ich sie nicht freiwillig und aus Liebe erhalte, so verzichte ich lieber darauf.«

»Aber hast Du Dir denn das Mädchen gar nicht angesehen?«

»Sogar sehr genau.«

»Nun? Was sagst Du zu ihr?«

»Sie ist allerdings verdammt hübsch.«

»Nicht nur hübsch, sondern sie ist eine Schönheit, keine Mondschönheit, weißt Du, sondern eine mit strotzenden Formen. Man möchte gleich hineinbeißen in diese süße, schwellende Frucht. Aber sie ist ein fester Charakter. Ich habe ihr alle möglichen Vorschläge gemacht, doch vergebens.«

»Ich kann Dich nicht begreifen!«

»So! Bist etwa Du ein Heiliger?«

»Gar nicht. Aber vorsichtig bin ich.«

»Pah, Vorsicht! Genuß, Genuß, das ist die Hauptsache!«

»Hast Du nicht Deine Tänzerin?«

»Ja, aber ein richtiger Jäger nimmt, wenn er Hochwild erlegt hat, auch noch einen Hasen mit, wenn er ihm in den Weg kommt.«

»Und die Blamage rechnest Du nicht?«

»Nein. So ein Weib kann mich gar nicht blamiren. Sie soll sich einen andern Miether suchen.«

»Wie? Du willst wirklich ausziehen?«

Das Gesicht des Barons nahm bei dieser Erkundigung den Ausdruck der Enttäuschung an.

»Ja, ich ziehe aus.«

»Das ist dumm!« entfuhr es ihm.

»Warum?«

»Weil - - weil das Logis nicht übel ist.«

»Es giebt tausend ähnliche und noch bessere. Ich wohne möblirt, kann also jeden Augenblick fort. Ich bin übrigens überzeugt, daß der alte, grimmige Drache wirklich seine Drohung erfüllt, wenn ich nicht bis morgen ausgezogen bin.«

»Ich an Deiner Stelle würde das abwarten.«

»Fällt mir nicht ein! Wer Ehrgefühl besitzt, mag mit solchen Personen nichts zu thun haben. Sprechen wir von etwas Anderem! Du verkehrst also nicht bei dem Commerzienrath?«


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Als der Sänger von seinem Ehrgefühle sprach, glitt ein mitleidiges Lächeln über das Gesicht des Barons, welcher jetzt antwortete:

»Nein. Ich bin ihm noch nicht vorgestellt.«

»Willst Du seine Bekanntschaft machen, so werde ich Dich bei ihm einführen.«

»Die Bekanntschaft eines solchen Mannes ist immerhin erwünscht. Aber wie willst Du mich bei ihm einführen? Du verkehrst ja selbst noch nicht bei ihm.«

»Werde aber Hausfreund werden; an meinen jetzigen Besuch wird sich natürlich ein intimerer Verkehr knüpfen. Es wäre mir sehr lieb, wenn Du mir einen Wink in Beziehung auf den Charakter dieses Krösus geben könntest.«

In diesem Augenblicke kam eine Equipage heran gerollt. Eine einzelne Dame saß darin.

»Schau!« meinte der Baron, »da hast Du gleich die Commerzienräthin, seine Frau.«

Der Sänger sah sich die Dame an und sagte dann, als sie vorüber war, im Weitergehen:

»Nicht übel! Zwar etwas aufgedonnert, hat aber das Aussehen eines liebenswürdigen Characters.«

»Den hat sie auch. Man erzählt sich sehr viel von ihren Wohlthaten. Sie ist Jüdin.«

»Das sieht man ihrem orientalischen Gesichtsschnitte an. Er ist natürlich auch Israelit, wie sein Name Hesekiel beweist?«

»Ja. Man sagt sich, daß er früher mit alten Kleidern gehandelt habe. Eine Geistesgröße ist er nicht, sondern ein Geldprotz.«

»So harmonire ich nicht mit ihm.«

»Er wird sich nicht darüber grämen.«

»Ich glaube, daß ich mich nicht viel bei ihm einstellen werde. Bei solchen Menschen ist es ja nicht möglich, sich zu amüsiren.«

»O, was das betrifft, so sind grad die Salons dieses Commerzienrathes sehr beliebt. Er zieht wirklich nur feine Leute herbei und ist auch in eigener Person ein Gegenstand der Unterhaltung; nur darf man sich das nicht merken lassen, wenn man ihm willkommen sein will.«

»Wieso?«

»Nun, er hat weder Bildung noch Kenntnisse, hält sich aber für ungeheuer klug und belesen. Bei einem Gespräche über Kunst und Wissenschaft fühlt er sich in seinem Elemente und schießt dabei solche Böcke, daß man platzen möchte, da man ihm natürlich nicht in das Gesicht hinein lachen darf, sondern nicht nur ernsthaft bleiben, sondern ihm sogar Recht geben muß. Das vergrößert natürlich sein Selbstbewußtsein, und so kommt es, daß er sich für einen Mann hält, dessen Urtheil gewichtig in die Wagschale fällt. Du wirst es gleich jetzt erfahren, wenn Du zum ersten Male bei ihm bist. Laß Dich durch seine Reden nicht verblüffen, und lache ihn um aller Welt willen nicht aus, sonst läßt er Dich hinauswerfen.«


// 2126 //

»Kommt man denn bei ihm in gar so große Gefahr, in ein Gelächter auszubrechen?«

»Zuweilen, ja. Da ist die Asperngasse. Wir trennen uns. Wollen wir uns heut wiedersehen, so weißt Du mich zu finden.«

»Vielleicht komme ich. Leb wohl!«

Sie reichten einander die Hand. Der Sänger ging in die erwähnte Gasse; der Baron aber schlenderte zurück, nach der Ferdinandsbrücke zu.

Er machte keineswegs ein vergnügtes Gesicht.

»Verdammt!« brummte er für sich hin. »Ich hatte es so schlau angefangen, zu erfahren, wie man zu seinem Gelde kommen kann. Es ist so leicht, es sich zu holen, und nun muß der Einfaltspinsel die Dummheit mit dem Mädchen begehen, so daß er nun gezwungen ist, sich ein anderes Logis zu suchen. Wer weiß, ob es in demselben ebenso klappt wie hier!«

Er warf den Stummel seiner Cigarre ärgerlich fort, blickte sich vorsichtig um, ob er beobachtet werde, und fuhr fort:

»Heut ist der letzte Tag, welchen er bleiben kann. Eigentlich sollte ich diesen zum Einbruch benützen; aber es paßt nicht; ich muß also warten. Einstweilen habe ich den Ring. Er ist ächt. Ich werde ihn gut verkaufen. Man sieht mir bereits auf die Finger. Man glaubt nicht, daß ich adelig bin und große Besitzungen habe. Ich werde also bald verschwinden, vorher aber noch einen tüchtigen Treffer machen. Valeska, die Tänzerin, muß mir dabei helfen.«

Der Gedanke an sie schien seinen Mißmuth zu verscheuchen, denn er lachte lustig auf.

»Das ist eigentlich brillant! Sie ist meine Koncubine, und er ahnt es nicht. Er will sie sogar heirathen! Meinetwegen! Er mag es thun. Ich wünsche Beiden Glück dazu, denn ich werde meine Rechnung dabei machen.«

Er zog den Ring aus der Tasche, steckte ihn an und ließ im Weitergehen den Stein in der Sonne funkeln.

Als der Graf vorhin die beiden Herren aus seiner Equipage entlassen hatte, war er durch einige der Nebenstraßen einen Bogen gefahren, um über die Aspernbrücke zurückzukehren. Seine Wohnung lag am Kärnthnerring. Dabei kam er auch durch die Asperngasse und an dem Palais des Commerzienrathes vorüber. Er blickte nach den Fenstern empor, um zu grüßen, falls er dort Jemand sehen sollte. Er sah die Dame des Hauses, welche auf dem Balkon stand, und zog den Hut. Sie erkannte ihn und winkte. Er ließ halten und stieg aus, um sich zu ihr zu begeben. Sie kam ihm bis zum Vorsaale entgegen.

»Wie gut, daß Sie vorüberfahren, mein Verehrtester,« sagte sie. »Ich freute mich, als ich Sie sah, denn ich möchte Ihre Hilfe in Anspruch nehmen.«

Er küßte ihr galant die Hand und versicherte:

»Es gewährt mir ein großes Vergnügen, Ihnen meine Dienste widmen zu können.«

»Kommen Sie herein. Mein Mann sitzt beim zweiten Frühstücke. Wir


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sprechen über einen Gegenstand, in Beziehung dessen ich Sie um Ihren Rath ersuchen möchte.«

Als sie in das Balkonzimmer kamen, saß der Commerzienrath an einem Seitentische. Er hatte eine Serviette unter die Kehle gebunden, eine zweite auf dem Schooße liegen; eine dritte lag ihm zur Hand auf dem Tische. Er schien ein Freund der Sauberkeit zu sein.

Der Tisch war mit all denjenigen Feinheiten bedeckt, welche ein Gourmand auf seiner Tafel zu lieben pflegt. Eben schob der Commerzienrath ein großes Stück geräucherten Lachs in den mit großen, gelben Zähnen bewaffneten Mund, als seine Frau den Grafen brachte. Ohne sich zu erheben, sagte er kauend:

»Ah! Sie, bester Graf! Willkommen! Setzen Sie sich her, und nehmen Sie theil!«

»Danke! Habe bereits gefrühstückt.«

»Thut nichts. Wein getrunken?«

»Ja. Burgunder und Champagner.«

»Das macht Kopfweh. Setzen Sie sich nur, und essen Sie wenigstens einen Rollmops. Der stellt das Gleichgewicht wieder her.«

Er nahm die Serviette von der Kehle, wischte seine vom Lachs gefetteten Finger daran und hielt sie dann dem Grafen hin.

»Danke wirklich!« lächelte dieser. »Die Gnädige hatte die Güte, mich zu rufen. Es handelt sich, wie ich höre, um eine Angelegenheit, in welcher ich mir Verdienste erwerben kann.«

Der Bankier schob ein Stück Chesterkäse in den Mund und nickte:

»Ja, schön! Vortrefflich, daß Sie kommen. Setzen Sie sich! Sie haben doch unsere Einladung erhalten?«

»Ja, bereits gestern.«

»Und werden kommen?«

»Natürlich!«

»Schön! Es soll nicht etwa ein brillanter Gesellschaftsabend sein, nein gar nicht, sondern nur ein Vergnügen unter uns, das heißt unter den Nobelsten unserer Bekanntschaft. Da sind Sie natürlich der Erste, an den die Einladung ergangen ist - - -«

Der Graf, welcher sich gesetzt hatte, verbeugte sich unter einem verbindlichen Lächeln. Der Bankier fuhr fort:

»Sie wissen, ich bin Kunst- besonders Musikfreund, sogar einer der bedeutendsten Kenner dieses Faches. Ich spiele zwar nicht Clavier, weil meine Finger zu dick dazu sind. Ich habe das Unglück, daß jeder derselben gleich drei Tasten zugleich niederdrückt. Ich würde also nicht einmal einen guten Triller fertig bringen; aber wenn ich auch nicht selbst spiele oder blase, so höre ich es doch sehr gern, und so darf auch heut die Musik nicht fehlen. Ich habe auch bereits eine kleine Kapelle engagirt; da erfahre ich, daß seit einiger Zeit ein Sänger hier wohnt, welcher keine üble Stimme haben soll.


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Die Wiener Sänger haben alle bereits bei mir gesungen; nun möchte ich meinen Gästen auch diesen Fremden vorführen. Was meinen Sie dazu?«

»Brillante Idee!«

»Nicht wahr! Wollen Sie nicht wenigstens eine Caviarsemmel nehmen?«

Er spießte die Semmel mit der Gabel an und hielt sie dem Grafen hin.

»Danke! Ich hatte heut schon Caviar.«

»Schade! Ich habe mir sagen lassen, daß der Caviar ein sehr gutes Präservativ gegen den Schnupfen und die Reizung sämmtlicher Schleimhäute sein soll. Leiden Sie oft an Schnupfen?«

»Selten!« antwortete der Graf sehr ernsthaft.

»Sie Glücklicher! Ich brauche alle Wochen zwei Dutzend Taschentücher. Also Sie meinen, daß ich den Sänger engagiren soll?«

»Ja.«

»Leider weiß ich nicht, wo er wohnt; aber ich erfuhr, daß Sie ihn kennen.«

»Wie heißt er?«

»Criquolini.«

»Ja, den kenne ich. Soeben erst habe ich ihn an seiner Wohnung abgesetzt.«

»Leistet er Etwas?«

»Hoffentlich.«

»Wie? Haben Sie ihn noch nicht gehört?«

»Ich war dabei, als er irgend ein Liedchen trällerte. Andere Leistungen vernahm ich noch nicht von ihm. Aber er soll in Amerika gute Erfolge gehabt haben.«

»So! Na, ich werde ihn benachrichtigen.«

»Thun Sie das bald, da Sie ihn bereits für heut Abend wünschen; er könnte sich sonst anderweit versagen.«

»Schön, schön! Dort liegt Papier und alles Nöthige. Ich bin noch nicht fertig mit dem Frühstücke und habe fettige Hände. Wollen Sie dem Manne nicht einige Zeilen in meinem Namen schreiben?«

»Gern!«

Der Graf setzte sich an den Schreibtisch und verfaßte jene wenigen Zeilen, welche der Sänger dann erhielt. Er lächelte still vor sich hin. Er kannte den Commerzienrath, und er kannte Criquolini. Er gedachte, ihnen einen kleinen Streich zu spielen. Beide hatten harte Köpfe und besaßen sehr viel Eigenliebe. Einer wie der Andere war für Beleidigungen sehr empfindlich. Indem der Graf dem Bankier verheimlichte, daß Criquolini ein Sänger von Ruf sei, und indem er die Zeilen, welche er schrieb, so abfaßte, daß ihre Kürze den Sänger fast beleidigen mußte, sorgte er dafür, daß es zu einer kleinen Scene zwischen den Beiden kommen mußte.

Ein Sänger von dem Rufe des einstigen Wildschützen durfte natürlich nicht engagirt und wie ein gewöhnlicher Musiker bezahlt werden. Man mußte ihn laden und mit den andern Gästen gleichstellen.


// 2129 //

Der Graf war Criquolini keineswegs sehr zugethan. Er war überzeugt, daß dieser ein innerlich verwahrloster Mensch, ein fast gemeiner Character sei. Da aber der Sänger im Club eingeführt worden war, verkehrte der Graf um der anderen Mitglieder willen gelegentlich mit ihm. Er hatte ihn heute nach Hause gebracht, nicht etwa aus besonderer Zuneigung, sondern aus Rücksicht darauf, daß er selbst mit ihm gefrühstückt hatte. Mußte der zu drei Viertheilen betrunkene Tonkünstler seine Wohnung zu Fuße aufsuchen, so konnte er bei seinem Character unterwegs sehr leicht mit der Polizei in Conflict gerathen. Das hatte der Graf vermeiden wollen.

Auch den Baron hatte er längst durchschaut und als einen Schwindler erkannt. Er verachtete ihn und zeigte ihm nur äußerlich diejenige Freundlichkeit, welche ein Gebot der guten Sitte ist.

Als er die Zeilen vollendet und die Adresse geschrieben hatte, gab er Beides dem Banquier zu lesen.

»Vortrefflich!« nickte dieser. »Ein Diener mag das Billet sofort besorgen.«

Der gefällige Graf klingelte und gab den Brief ab. Er glaubte die Angelegenheit nun erledigt; aber der Jude sagte, immer kauend:

»Nun noch Eins, lieber Freund; die Hauptsache. Ist Ihnen der Name Ubertinka bekannt?«

»Allerdings. So heißt ja jene Sängerin, welche in Mailand, Venedig, Rom und Neapel ein so großes Aufsehen erregte.«

»Die meine ich. Halten Sie diese für gut?«

»Wozu?«

»Bei mir zu singen.«

»Ah! Etwa heut Abend?«

»Gewiß.«

»So müßte sie ja hier sein.«

»Bitte, bemühen Sie sich nochmals an den Schreibtisch. Dort liegt die Liste der bei der Polizei neu angemeldeten Fremden. Suchen Sie da nach dem Hotel de l'Europe, Asperngasse Nummer zwei, also gar nicht weit von mir.«

Der Graf fand die bezeichnete Stelle. 'Signora Ubertinka, Sängerin' war da zu lesen.

Der Graf war ein großer Freund des Theaters, besonders der Oper, des Gesanges. Er interessirte sich sehr für alles neu auf diesem Gebiete Erscheinende. Eine neue Erscheinung am Himmel der Kunst konnte ihn in Extase versetzen.

Aber er war nicht einer jener Theaterhabitués, welche die Kunst lieben nur der Künstlerinnen wegen. Er besaß einen wahrhaft edlen Character und eine Geistes- und Herzensbildung, deren Höhe der Höhe seines Standes und seiner gesellschaftlichen Stellung gleichkam. Als er den berühmten Namen las, rötheten sich seine Wangen.


// 2130 //

»Was!« fragte er. »Die Ubertinka ist hier, ist in Wien? Gestern angekommen? Das ist freilich geradezu ein Ereigniß.«

»Wirklich?« fragte der Banquier.

»Mein Gott, da fragen Sie auch noch! Diese Sängerin ist ja eine phänomenale Erscheinung!«

»Also schön?«

»Bitte, das meine ich nicht. Ich spreche von ihren künstlerischen Leistungen, von denen Sie doch wohl gehört haben?«

»Ja; aber ich gestehe offen, ich entsinne mich, von ihr gelesen zu haben, habe aber das Nähere längst wieder vergessen. Sie wissen ja, Unsereiner, der eine Autorität ist, wird so allgemein in Anspruch genommen, daß man sich das Besondere, das Einzelne gar nicht merken kann. Darum eben ist es mir lieb, daß meine Frau Sie citirt hat. Ich pflege täglich die Fremdenliste durchzugehen, der Geschäftsleute wegen, welche ankommen. Da fand ich vorhin den Namen Ubertinka. Ich sann und sann, bis mir einfiel, daß vor einiger Zeit in sehr vielen Journalen von ihr geschrieben wurde. Sie ist also wirklich berühmt?«

»Hm! Der Ausdruck berühmt ist hier wohl nicht anzuwenden.«

»So! Also taugt sie doch nicht viel?«

»Bitte, bitte! So ists nicht gemeint -«

»Nach meiner Meinung kann eine Sängerin, welche nicht berühmt ist, nicht viel taugen.«

»O doch! Ist zum Beispiel die Venus berühmt?«

»Die Venus? Ja. Sie ist die Göttin der Liebe. Sie war die Gemahlin des buckeligen Vulkan und ist diesem untreu geworden, weil ihr der Kriegsgott Mars viel besser gefiel, von dem sie drei Kinder bekommen hat. So habe ich gelesen.«

Die Commerzienräthin machte eine Handbewegung der Abwehr.

»Aber, Hesekiel!«

»Was?« fragte er verwundert. »Ah, ich soll nicht von solchen Ehebruchsgeschichten reden? Warum denn nicht, liebes Kind? Das ist täglich vorgekommen und kommt noch heut täglich vor, früher unter Göttern und jetzt unter Menschen. Diese Letzteren scheinen es von den Ersteren gelernt zu haben. Du brauchst Dich gar nicht darüber zu entsetzen, denn ich bin kein Mars und bleibe Dir treu.«

Der Graf ließ ein kurzes, lustiges Lachen hören und bemerkte:

»Lieber Baron, als ich von der Venus sprach, meinte ich nicht die Göttin der Liebe, welche allerdings ein leichtes Leben geführt zu haben scheint, sondern den Planet, welcher diesen Namen führt.«

»Ach so! Kenne ich, kenne ich auch! Venus, Erde, Mars, Jupiter, Uranus, Saturn, kenne sie alle, alle! Treibe des Nachts zuweilen Astronomie. Was ist also mit diesem Planeten Venus?«

»Ich frug Sie, ob er berühmt sei.«

»Berühmt? Nein. Nicht daß ich wüßte! Was ists denn weiter, ein


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Planet zu sein? Gar nichts, gar nichts! Man läuft einfach rund um die Sonne herum und leuchtet ein Bischen während der Nacht.«

»Sehr richtig! Aber setzen wir den Fall, es trete plötzlich ein Komet auf, ein Komet, den kein Astronom vorher berechnet hat. Er kommt ungeahnt, ist da und überfluthet den ganzen Himmel mit Glorienschein. Wie steht es da mit der Berühmtheit?«

»Die ist da, sicherlich da! Ein Komet macht viel eher Carrière als ein Planet. Von ihm erzählt man sich noch nach Jahrhunderten.«

»Da haben Sie nun den Vergleich, welchen ich bringen wollte. Die glänzenden Sterne unserer Opernwelt sind Planeten, welche ihren ruhigen, vorgeschriebenen Lauf gehen und weder rechts noch links abweichen. Tritt aber an diesem Himmel ein Komet auf, so hat ihn vorher kein Mensch gekannt; er ist also nicht berühmt, überstrahlt aber dennoch die Planeten alle.«

»Sapperment, lieber Graf, meinen Sie etwa, daß diese Ubertinka ein solcher Komet sei?«

»Ja, das ist sie. Sie leistet Unglaubliches, ohne berühmt zu sein, wird es aber in Kurzem werden.«

»Wissen Sie Näheres von ihr?«

»Nur das, was man hier und da zu lesen bekam.«

»Hier in Wien hat sie noch nicht gesungen?«

»Nein.«

Da warf der Banquier auch noch die andere Serviette fort, sprang auf, rieb sich vergnügt die Hände, lief im Zimmer auf und ab und rief:

»Herrlich! Prächtig! Köstlich! Ah! O! Auf so einen Gedanken kann nur eben ich kommen, ich, der Herr Baron Hesekiel von Hamberger!«

Seine Frau war solche Auslassungen gewöhnt. Ihr fielen sie nicht mehr auf. Der Graf war rücksichtsvoll genug, ein Lächeln zu unterdrücken.

Der Banquier blieb endlich vor ihm stehen und fragte:

»Was meinen Sie, bester Graf, würde es nicht Aufsehen erregen, wenn ich, ich, ich -« er deutete dabei mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf seine fette, breite Brust, »wenn ich diesen Kometen in die Wiener aristokratische Welt einführte?«

»Ungeheures Aufsehen!«

»Würde ich mir nicht große Verdienste um die Kunst erwerben, bedeutende Verdienste?«

»Unbedingt!«

»Und welch eine Genugthuung für mich, wenn ich allen Anderen zuvorkomme, allen Fürstlichkeiten und hohen Herrschaften!«

»Ja, das wäre ein Erfolg, um den Sie Jedermann beneiden würde.«

»Sie wohl auch?«

»O nein. Ich lebe einsam nur meinen Studien und der complicirten Verwaltung meiner Besitzungen und sehe keine Gesellschaften bei mir. Wie also sollte ich Sie beneiden? Im Gegentheile würde es mich, als den Gast


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Ihres Hauses, freuen, wenn Sie das Glück hätten, diese Künstlerin für heute Abend zu gewinnen.«

»Das Glück? Warum sollte ich es nicht haben?«

Der Graf wiegte, ohne eine Antwort zu geben, den Kopf bedenklich hin und her.

»Nun, so antworten Sie doch! Sprechen Sie! Warum sollte sie nicht kommen wollen, zu mir, dem reichen Banquier und Baron Hesekiel?«

»Weil sie nicht so ist wie Andere.«

»So! Wie ist sie denn?«

»Sie scheint nur ihrer Kunst zu leben. Vom öffentlichen Leben aber zieht sie sich zurück.«

»Das wissen Sie?«

»Es wurde darüber geschrieben. In den vorhin genannten Städten haben die reichsten und angesehensten Familien sich Mühe gegeben, sie anzuziehen, vergeblich. Sie hat stets abgelehnt. Sie hat als Grund angegeben, daß sie lernen müsse und keine Zeit für Anderes übrig habe.«

»Dann ist sie allerdings eine große Ausnahme. Aber dennoch werde ich mein Glück bei ihr versuchen. Ich werde Alles thun, was ich kann. Ich werde zu ihr fahren in meinem besten Wagen und ihr bieten hundert Gulden, fünfhundert Gulden und auch noch mehr, wenn sie kommen will, um ein Lied zu singen.«

»Um Gotteswillen, das nicht!«

»Kein Lied?«

»Nein, kein Geld, meine ich. So eine Dame fühlt sich natürlich hoch beleidigt, wenn man ihr eine Bezahlung anbietet.«

»Aber ich kann und will doch nicht verlangen, daß sie es umsonst macht. Ich will nobel sein!«

»Das können Sie auch ohne Bezahlung.«

»Aber wie denn?«

»Indem Sie ihr zum Beispiel am nächsten Morgen ein feines Bouquet senden, welches von einer goldenen Kette oder einem Braçelet zusammengehalten wird.«

»Schön! Dieser Gedanke ist prachtvoll. Die Kette und das Braçelet werden das Bouquet zusammenhalten. Ich werde ihr gleich einige Zeilen in das Hotel senden.«

»Da kommt sie nicht.«

»Nicht? Warum?«

»Sie ist eben keine Lohnsängerin. Man muß sie persönlich einladen.«

»So fahre ich gleich zu ihr!«

»Auch davon möchte ich abrathen. Es handelt sich hier nicht um einen Sänger, sondern eine Sängerin, darum würde ich rathen, daß Frau von Hamberger sich zu ihr bemühe. Einer Dame wird es durch liebenswürdiges Benehmen am Besten gelingen, die Sängerin zur Zusage zu bewegen.«

Der Banquier wendete sich schnell an seine Frau:


// 2133 //

»Judith, lauf, eile, fahre sogleich! Sei liebenswürdig, höchst liebenswürdig! Mache Dich angenehm! Lächle freundlich und streichle ihr die Wangen. Das haben die jungen Damen gern; das weiß ich ganz genau, denn ich habe -«

Er hielt erschrocken inne und verbesserte sich:

»Das weiß ich ganz genau, denn ich habe es oft gehört, obgleich ich niemals solche Wangen streichle. Judith, es ist die Zeit, in welcher Du auszufahren pflegst. Fahre nach dem Hotel, gleich, gleich. Ich bitte Dich!«

Am Liebsten hätte er die Sängerin gleich jetzt schon hier gehabt, um ihrer sicher zu sein. Der Gedanke, in Wien der Erste zu sein, bei dem sie sich hören ließ, machte ihn fast betrunken.

Der Graf erhob sich von seinem Sitze und fragte:

»Haben Sie sonst noch eine Frage, mit deren Beantwortung ich Ihnen dienen kann?«

»Für jetzt nicht mehr,« antwortete die Frau des Hauses. »Wir dürfen Sie ja nicht noch mehr belästigen, als es bereits geschehen ist.«

»O, ich stehe Ihnen stets und gern mit allen meinen Kräften zur Verfügung. Wenn Sie es genehmigen, so möchte ich Ihnen gern noch einen Rath ertheilen.«

»Seien Sie überzeugt, daß er uns sehr willkommen sein wird.«

»Sprechen Sie, wenn Sie zu der Sängerin kommen, nicht davon, daß sie singen soll. Das würde doch wie ein Engagement klingen. Laden Sie sie einfach ein; sie wird Sie verstehen und Ihnen für diese Zartheit dankbar sein. Singt sie dann heute nicht, nun, so wird sie ein anderes Mal singen. Sie haben dann wenigstens die Genugthuung, die erste Dame zu sein, bei welcher die Künstlerin eingeführt worden ist.«

Das leuchtete dem Banquier ein. Er war gar so gern nobel und zart; aber er hatte kein Geschick dazu. Kam es dann einmal vor, so wie jetzt, daß er durch Andere in die Möglichkeit gesetzt wurde, zart zu sein, so trieb er die Zartheit dann allerdings auch bis auf die äußerste Grenze.

»Hörst Du es, Judith!« rief er. »Sei zart! Du kannst es ja, denn das ist uns Beiden angeboren. Wir sind von zartester Constitution und sind auch so unendlich zart verheirathet worden. Sage ihr nicht, daß sie singen soll. Verbiete es ihr! Sage ihr, daß ich es nicht dulde, auf keinen Fall dulde. Sie soll nur essen und trinken. Sie braucht kein Wort zu singen oder zu sprechen. Also, sei zart, Judithchen! Fasse sie leise und lieblich an mit den Fingerspitzen, so wie man eine Spinne ergreift, wenn man sie zum Fenster hinauswerfen will.«

Der Graf gab sich Mühe, bei diesem 'zarten' Vergleiche ernst zu bleiben. Er verabschiedete sich in verbindlichster Weise und ganz kurze Zeit später fuhr die Baronin nach dem Hotel.

Dort erfuhr sie zu ihrem anfänglichen Leidwesen, daß die Sängerin das Hotel bereits verlassen und sich eine Privatwohnung gemiethet habe. Dann, als sie erfuhr, wo diese Wohnung sich befand, freute sie sich doppelt darüber,


// 2134 //

denn die Frau Salzmann, zu welcher die Sängerin gezogen war, war ja eine liebe Freundin von ihr. Sie war die sehr wohlhabende Wittwe eines Regierungsbeamten und besaß in der Asperngasse ein Haus, dessen möblirte Wohnungen sie an anständige Personen vermiethete. Dabei hatte sie die Gewohnheit, sich als Mutter ihrer Abmiether zu betrachten und ihnen in jeder Beziehung mit Rath und That zur Seite zu stehen.

Zu ihr fuhr die Baronin, welche ihres Erfolges nun ganz sicher zu sein glaubte, da Frau Salzmann voraussichtlich ihre Bitte unterstützen würde. Die Letztere war ja auch bereits für heute Abend geladen.

Unterwegs begegneten der Baron und Criquolini ihrem Wagen, ohne daß sie den beiden Männern die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Sie hatte den Sänger einmal flüchtig in dem Flur des Salzmann'schen Hauses gesehen und dann von der Wirthin gehört, daß er ein wüster Patron sei, den in ihr Haus genommen zu haben, sie lebhaft bedauere. Den Namen hatte sie sich nicht gemerkt, und so ahnte sie nicht, daß der Sänger, an welchen ihr Mann durch die Hand des Grafen geschrieben hatte, dieser 'wüste Patron' sei. -

Frau Salzmann saß am Morgen in der Küche und war mit ihren beiden Dienstmädchen mit der Vorbereitung des zum Mittagsmahle nothwendigen Gemüses beschäftigt. Sie war auch diesen Mädchen wie eine Mutter. Sie griff selbst mit zu, nahm Theil an Allem, was sie betraf, und behandelte sie mehr als Kinder denn als Gesindepersonen.

Da klingelte es. Die hübscher Gekleidete von den beiden Mädchen ging, um nachzusehen. Sie ließ dabei die Küchenthür halb offen und so hörte Frau Salzmann eine wohlklingende, sonore Frauenstimme fragen:

»Entschuldigen Sie, würde Frau Salzmann für einen Augenblick zu sprechen sein?«

»Wen darf ich melden?«

»Hier meine Karte.«

Das Zimmermädchen führte die Fremde in den Salon und brachte dann die Karte in die Küche. Frau Salzmann las auf derselben den Namen Lena Ubertinka.

»Sonderbarer Name!« sagte sie. »Vielleicht ist sie eine Ausländerin. Wie sah sie aus, liebe Martha?«

»Einfach, aber sehr anständig.«

»Was mag sie wollen? Na, ich will sehen.«

Sie strich die glänzend weiße Küchenschürze glatt und begab sich hinüber nach dem Salon.

Die Fremde stand, sie erwartend, da. Sie war in ein einfaches Reisegrau gekleidet und trug nicht den mindesten Schmuck an sich. Der Hut war ein einfacher Strohhut mit grauseidenem Bande. Die Gestalt war hoch und voll, das Gesicht bleich, aber nicht kränklich blaß. Die großen, schwarzen, ernst blickenden Augen konnten es Einem anthun. Sie war eine Schönheit, aber eine jener ernsten Schönheiten, denen man nur in lauterer Absicht zu nahen wagen darf.


// 2135 //

Frau Salzmann war eine Menschenkennerin. Sie sagte sich sogleich im Stillen:

»Das ist eine Brave, der kann man vertrauen; die könntest Du recht lieb haben.«

Laut aber bat sie:

»Warum haben Sie sich nicht gesetzt? Bitte, nehmen Sie Platz!«

»Dann vielleicht, wenn Sie meine Frage vernommen haben. Ich brauche eine Wohnung. Da ich hier gänzlich unbekannt bin und den Annoncen kein Vertrauen entgegenbringen kann, wendete ich mich an die Wirthin des Hotels de l'Europe, wo ich logirte. Sie hat mir Ihren Namen genannt und mir versichert, daß Sie eine Wohnung frei hätten und daß ich mich getrost unter Ihren Schutz begeben könnte.«

Die Wirthin fühlte sich von der Stimme und den Worten der Fremden angenehm berührt. Sie antwortete:

»Aus ganz dem Grunde, welchen Sie nennen, annoncire ich nie. Daß die Wirthin Sie an mich gewiesen hat, ist eine Empfehlung für Sie an mich. Ja, ich habe eine Wohnung frei; aber ich fürchte, daß sie Ihnen zu groß sein wird. Bis vor Kurzem gehörte sie einer Wittwe, welche mit zwei Töchtern den Tod ihres Mannes betrauerte. Es ist die halbe erste Etage, vier Zimmer groß, also für eine einzelne Person zu viel.«

»Für mich nicht. Gerade diese Räume habe ich mir gewünscht.«

Die Wirthin ließ einen freundlich-prüfenden Blick über die Gestalt der Fremden gleiten.

»Bedenken Sie auch, wie theuer eine solche fein möblirte Wohnung hier in Wien ist?«

Eine leise Röthe verschönte das Gesicht der Fremden. Sie antwortete lächelnd:

»Ich besitze die Mittel dazu und bin keine säumige Zahlerin.«

»Dann werde ich Sie ersuchen, die Räume sich einmal anzusehen.«

Sie wollte sich zum Gehen wenden, aber die Fremde legte ihr, sie zurückhaltend, das kleine Händchen leise auf den Arm.

»Bitte, ehe ich Sie bemühe, möchte ich erst gewiß sein, ob Sie mir das Logis auch überlassen würden, wenn es mir gefällt.«

»Was sollte mich daran hindern?«

»Mein - Stand.«

»So! Nun, welchem Stande gehören Sie an?«

»Ich bin Sängerin.«

Die Wirthin fuhr unwillkürlich um einen Schritt zurück und rief ganz absichtslos ein halblautes:

»O wehe!«

»Sehen Sie!« sagte die Fremde. »Sie erschrecken.«

Das gute Herz machte der Wirthin Vorwürfe. Sie antwortete schnell:

»Verzeihung! Das ist mir nur so entwischt. Ihr Stand besitzt allerdings Angehörige, denen man am Liebsten fern bleibt.«


// 2136 //

»Leider weiß ich das!«

»Aber das sollte keineswegs Ihnen gelten. Sie sehen mir nicht wie eine Wiener Sängerin aus, die keine Note kennt und Gott weiß wovon lebt.«

»Nein, das bin ich nicht. Ich habe die Ueberzeugung, daß Sie sich niemals über mich beklagen würden.«

»Das traue ich Ihnen gern zu. Sie heißen Lena Ubertinka. Sind Sie eine Ausländerin?«

»Nein. Ich habe meinem deutschen Namen einen fremdländischen Klang gegeben.«

»Kindchen, das liebe ich nicht.«

»Auch ich bin eigentlich gegen solche Pseudonymen; aber ich habe eine persönliche Veranlassung, mich so zu nennen. Ich bin eine Bayerin, heiße eigentlich Magdalena Berghuber und wurde, weil ich in der Nähe einer sogenannten Muhre erzogen wurde, nur stets die Muhren-Leni genannt. Ich war eine Sennerin, ein dummes, stilles Ding. Da kam der gute König von Bayern, hörte mich jodeln und nahm mich von der Alpe weg. Ich mußte Sängerin werden; er hat Alles bezahlt und bezahlt auch jetzt noch Alles.«

»Der König von Bayern? Ah, das ist ja etwas ganz Anderes! Aber warum sind Sie nach Wien gekommen?«

»Es giebt hier einen gar berühmten Gesangslehrer, bei dem ich noch für einen oder zwei Monate Unterricht nehmen möchte.«

»Das läßt sich hören. Haben Sie vielleicht Familie?«

»Nein, ich bin ein Waisendirndl.«

»Aber anderen Anhang? Einen - Schatz?«

»Auch nicht. Ich wünsche weiter nichts, als bei Ihnen wohnen und auch essen zu dürfen. Ich gehe täglich auf eine Stunde zum Professor in den Unterricht und die übrige Zeit möcht ich so gern, daß Sie sich meiner mit annehmen, da ich so gar Niemanden hier in der großen Stadt hab.«

Das klang so rührend, daß Frau Salzmann das Herz überlief.

»Kind,« sagte sie fast zärtlich, »wenn Ihnen mein Logis gefällt, sollen Sie es haben, und ich will für Sie sorgen, als ob ich Ihre Mutter wäre. Sie dürfen mir meine Bedenken, welche ich vorhin äußerte, nicht übel nehmen. Ich habe die Unvorsichtigkeit begangen, das halbe Parterre an einen Sänger zu vermiethen, an welchem ich leider sehr schlimme Erfahrungen mache.«

»Ist er ein hiesiger?«

»Nein. Er stammt aus Bayern.«

»Und wie heißt er?«

»Criquolini. Er nennt sich so, obgleich er jedenfalls einen guten bayrischen Namen hat. Der ist ein richtiger Lüdrian. Lassen Sie sich ja nicht, falls er Sie kennen lernt, von ihm vertraulich als Collegin behandeln! Das wäre keine Ehre, sondern eine Schande für Sie.«

Leni fuhr sich mit der Hand nach dem Herzen. Sie fühlte einen tiefen, schmerzlichen Stich in demselben. Also so weit war es mit dem Krikelanton


Ende der neunundachtzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk