Lieferung 90

Karl May

14. April 1888

Der Weg zum Glück.

Vom Verfasser des »Waldröschen«, »Verlorner Sohn«, »Deutsche Helden« etc.


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gekommen. Die Kunst wurde ihm ebenso verhängnißvoll wie früher der Jagdstutzen. Um ihre Betrübniß nicht merken zu lassen, bat sie:

»Bitte, dürfte ich vielleicht nun die Zimmer ansehen?«

»Ja, kommen Sie!«

Die Halbetage war wirklich höchst wohnlich eingerichtet. Indem sie aus einem Raum in den anderen gingen, hörten sie, daß ein Wagen unten hielt. Die Wirthin trat an das Fenster und blickte hinab.

»Da, kommen Sie her, liebes Kind,« sagte sie. »Sehen Sie diese Equipage. Sie gehört dem Grafen von Senftenberg, einem sehr reichen und feinen Cavalier. Der Eine, welcher bei ihm sitzt, nennt sich Baron Egon von Stubbenau und behauptet, große Güter zu besitzen. Der Andere ist der Sänger, von welchem ich sprach, der Criquolini. Sehen Sie sich ihn einmal an. Ist er nicht bereits am Vormittage betrunken?«

Leni schaute hinab. Es wurde ihr, als sie den einstigen Geliebten erblickte, unendlich weh zu Muthe. Sie liebte ihn ja noch immer, obgleich sie es sich selbst nicht eingestand. Um nur Etwas zu sagen, fragte sie:

»Ist denn der Baron ein braver Mann?«

»Ich bin von dem Gegentheile überzeugt. Wenigstens glaubt ihm Keiner, was er sagt.«

»Aber warum verkehrt da der Graf, da Sie ihn einen so feinen Cavalier nennen, mit diesen Beiden?«

Dabei war ihr Auge forschend auf die männlich schönen, vornehmen Züge des Grafen gerichtet.

»Das fragen Sie, weil Sie die Sitten und Gewohnheiten der höheren Kreise nicht kennen. Dort giebt es oft Rücksicht zu nehmen, wenn man lieber dreinschlagen möchte. Der Sänger wird, weil man ihn zu den Künstlern zählt, mit zugelassen. Ihm sieht man Vieles nach, denn Künstler sind leichtlebige Leute, welche man entschuldigt, während man Andere verdammen würde. Der Baron ist eben so lange Baron, bis man ihm beweisen kann, daß er es nicht ist. Er ist dem Grafen vorgestellt worden und muß freundlich mit ihm sein, um nicht Den zu beleidigen, welcher ihm den Baron vorgestellt hat. Sie sehen ja auch seiner Miene an, daß er nur von oben auf die Anderen schaut, obgleich er freundlich mit ihnen ist. Er hat den Sänger in den Wagen genommen, weil derselbe vor Betrunkenheit nicht laufen kann. Im Herzen verachtet er ihn. Bitte, gehen wir weiter.«

Als sie alle Räume betrachtet hatten, erklärte Leni, dieselben miethen zu wollen, und bezahlte den Preis pränumerando. Die beiden Damen unterhielten sich noch eine Weile in herzlichster Weise, und dann sagte Leni, daß sie nun nach dem Hotel gehen wolle, um ihre Effecten herbeischaffen zu lassen.

»Nein, Kind,« antwortete die Wirthin. »Sie brauchen sich gar nicht zu bemühen. Haben Sie dort zu zahlen?«

»Ja. Die Rechnung ist noch unberichtigt.«

»Trotzdem ist Ihre Gegenwart nicht nöthig. Ich werde meine Martha


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senden. Die Wirthin kennt mich und nimmt es Ihnen nicht übel, wenn Sie nicht selbst kommen. Sie sind doch ganz allein hier?«

»Ich habe Niemand bei mir.«

»Sie wollen mir verzeihen. Ich dachte daran, daß alleinstehende Künstlerinnen gewöhnlich eine sogenannte Duenna, eine Ehrendame, bei sich haben.«

»Auch ich habe eine, eine sehr liebe Frau. Sie ist bei mir gewesen, seit der König mich ihr anvertraut hat. Aber sie ist so stark geworden, daß sie nicht mehr laufen kann. Dennoch wollte sie bei mir bleiben. Sie sagte, sie gräme sich zu Tode, wenn ich eine Andere engagire. Da bin ich, um sie nicht zu betrüben, allein nach Wien gegangen, und habe sie, trotzdem die Saison noch nicht da ist, nach Karlsbad in die Kur geschickt.«

Das war die dicke Gesangslehrerin Madame Qualèche, welche damals den Bewohnern der Thalmühle so viel zu schaffen gemacht hatte.

Nachdem sie sich noch eine geraume Weile unterhalten hatten, erhielt das Stubenmädchen den Auftrag, nach dem Hotel zu gehen. Sie war kaum zur Vorsaalthür hinaus, so hörte man sie um Hilfe rufen. Die Wirthin eilte hinaus. Leni mit ihr.

Beide sahen die Gruppe unten im Hausflur. Martha rang mit dem Sänger. Die Wirthin eilte ihr zu Hilfe. Leni aber versteckte ihr Gesicht hinter dem Taschentuche, damit er, wenn er heraufblickte, sie nicht erkennen solle. Ihr Herz bebte; ihr Busen arbeitete heftig.

»O Gott!« stöhnte sie leise. »So Einer ist er geworden. Nun ist Alles, Alles aus.«

Sie ging still hinein in ihre Wohnung und setzte sich auf das Sopha. Es war ihr so unendlich traurig im Herzen, daß sie hätte laut aufschreien mögen. Aber sie bezwang sich. Sie durfte der Wirthin nicht gleich im ersten Augenblicke Thränen zeigen.

Nach einiger Zeit klopfte es draußen an. Frau Salzmann trat ein und brachte die Baronin von Hamberger mit.

»Fräulein, verzeihen Sie,« sagte sie. »Hier ist meine Freundin, die Frau Baronin von Hamberger. Sie hat mich heut zu sich geladen, und da ich ihr von Ihnen erzählte und ihr sagte, daß Sie so ganz allein sind, bat sie mich, Sie für den Abend mitzubringen. Jetzt möchte sie Ihnen selbst diese Bitte wiederholen.«

Leni hatte sich erhoben. Das Auge der jüdischen Baronin ruhte forschend auf ihr. Die Dame hatte sich diese Sängerin ganz anders gedacht. Diese zwar schöne, ja herrliche Figur, nur in ein so unscheinbares Gewand gekleidet, sollte ein Komet sein?

»Sie, Sie sind die Sängerin Ubertinka?« fragte sie.

Leni verneigte sich bejahend. Keine Fürstin hätte eine elegantere Verbeugung zeigen können.

»Bitte, nehmen gnädige Frau Platz!«

Sie schob Beiden Fauteuils hin, blieb aber selbst stehen. Jetzt hatte sie


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ganz die Haltung einer vornehmen Dame, welche zwei Bittende vor sich sieht. Die Baronin begann in verbindlichem Tone:

»Meine liebe Frau Salzmann hat Ihnen gesagt, welche Bitte mich zu Ihnen führt. Darf ich auf die Erfüllung derselben zählen?«

Leni richtete einen durchdringenden Blick auf das Gesicht der Sprecherin und fragte:

»Wußten Sie, bevor Sie mit Frau Salzmann sprachen, daß ich hier zu finden sei?«

»Ja.«

»Von wem?«

»Die Besitzerin des Hotel de l'Europe sagte es mir.«

»So haben Sie mich dort gesucht?«

»Ja.«

»Woher wußten Sie, daß ich dort logire?«

»Ihr Name stand in der Fremdenliste.«

Leni's Blick übte eine solche Macht auf die Baronin aus, daß sie offen sagte, was sie hatte verschweigen wollen.

»Ich verstehe,« lächelte die Sängerin. »Ihre heutige Soirée ist eine musikalische?«

»Es werden einige Künstler sich hören lassen.«

"Ich soll auch singen?"

»Und ich soll auch singen?«

»Nein, wirklich nicht, Fräulein. Das muthen wir Ihnen nicht zu. Graf Senftenberg hat Sie einen glänzenden Kometen genannt. Wir halten es für eine große Ehre, wenn Sie nur kommen. Singen sollen Sie nicht.«

Es glitt ein feines Lächeln über Lenis Gesicht.

»So sagt man uns allemal, im Stillen aber erwartet man natürlich, daß wir singen. Ich habe nie darnach gestrebt, Gesellschaften zu sehen, und ich habe auch jetzt keine Veranlassung, meine Grundsätze zu ändern. Ich muß Sie also bitten, es mir zu verzeihen, wenn ich, besonders da ich noch von der Reise ermüdet bin, auf die Ehre, heut bei Ihnen sein zu dürfen, verzichte.«

Die Baronin erschrak. Sie bat:

»Nehmen Sie dieses Wort zurück, Fräulein. Sie finden bei mir eine Gesellschaft, welche allen Ansprüchen genügen wird. Ich darf wirklich ohne Ihre Zusage nicht nach Hause kommen. Bitte, liebe Freundin, stehen Sie mir doch bei!«

Diese Bitte war an Frau Salzmann gerichtet, welche sich nun so eifrig für ihre Freundin verwendete, daß Leni endlich sagte:

»Nun, um nicht gleich in der ersten Stunde meines Hierseins unhöflich zu sein, werde ich - kommen und Ihnen auch ein Liedchen singen. Haben Sie eine gute Kraft zur Begleitung?«

»Nach dieser Ehre wird der Graf von Senftenberg eifrig trachten.«

»Sie haben diesen Namen nun zum zweiten Male genannt -«

»Er gehört zu den geehrtesten und willkommensten unserer Hausfreunde. Also ich darf meinen Mann mit Ihrer gewissen Zusage beglücken, Fräulein?«


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»Ja. Ich werde zwei Nummern singen und die Noten für die Begleitung dazu mitbringen, aber das thue ich außerhalb des Programmes. Ich komme nicht als Sängerin zu Ihnen.«

»Nein, sondern als eine junge Freundin, welche mir von jetzt an zu jeder Zeit und Stunde willkommen sein wird.«

Sie reichte ihr die Hand und entfernte sich mit der Wirthin. Bevor sie sich von der Letzteren verabschiedete, fragte diese:

»Nun, was sagen Sie von meiner neuen Mietherin, liebe Frau Baronin?«

»Ein Prachtkind!«

»Meinen Sie das wirklich?«

»Ja. Beim ersten Anblick machte sie auf mich gar keinen Eindruck. Dann aber hat sie mir geradezu imponirt. Diese Augen, deren Blick man unmöglich zu widerstehen vermag. Diese Sicherheit des Ausdruckes und der Haltung. Diese Eleganz der Bewegungen. Sie hat mich ja gradezu ins Examen genommen!«

»Ja, ich glaube, daß wir uns ihrer nicht zu schämen brauchen.«

»Welche Erscheinung, wenn sie erst Salontoilette angelegt hat. Die Herren werden sofort für sie schwärmen.«

»Sie aber hat mir gar nicht das Wesen, als ob sie sich gern anbeten lasse. Ich habe sie bereits jetzt herzlich lieb und wünsche sehr, daß wir Alle gegenseitig von einander befriedigt werden.« -

Unterdessen hatte sich der einstige Gemswilderer bei dem Banquier melden lassen. Dieser saß, als der Sänger bei ihm eintrat, eine Cigarre rauchend am Fenster und las in der Zeitung. Anton grüßte und verbeugte sich. Der Banquier las weiter, ohne ihn zu beachten. Erst als Anton sich ärgerlich räusperte, legte er die Zeitung bei Seite, stand auf, schob den Klemmer fest auf die Nase, betrachtete Anton vom Kopfe bis zu den Füßen herab und fragte:

»Signor Criquolini?«

»Wie Sie auf meiner Karte ersehen!«

»Sänger?«

»Ja.«

»Bin Kenner, Autorität, Kunstgröße. Was singen Sie?«

Er nahm die Haltung, die Miene und den Ton eines Mannes an, der im nächsten Augenblick über Leben und Tod zu entscheiden hat.

»Alles!« antwortete Anton, welcher auf so eine dumme Frage allerdings keine gescheidtere Antwort geben konnte.

»Schön! Ist mir lieb. Habe heut Soirée. Wollen Sie da singen?«

»Wer ist geladen?«

»Grafen, Barone, Freiherren und so weiter.«

»Welche Künstler sind geladen?«

»Die Bedeutendsten. Hoffe sogar, daß die Ubertinka kommen wird.«

»Die Ubertinka! Ist die denn in Wien?«

»Ja. Meine Frau ist soeben zu ihr, um sie einzuladen.«

»Dann sage ich unbedingt zu. Die Ubertinka muß ich hören.«


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»Kennen Sie sie?«

»Par renommée. Sie ist ein Phänomen, natürlich eine Polin, wie der Name errathen läßt. Man sagt von ihr, so soll die Vorzüge der Henriette Sonntag, Schröder-Devrient, Nielson und Patti in sich vereinigen. Was soll ich singen?«

»Was Ihnen beliebt. Für einen tüchtigen Begleiter werde ich sorgen. Am Liebsten hört man natürlich Liebeslieder.«

»Diesem Geschmacke werde ich Rechnung tragen.«

»Gut, und Ihre Rechnung zahle ich dann sofort.«

Der Sänger blickte den Banquier erstaunt an. Dieser sah das und fragte:

»Was gucken Sie? Richten Sie sich so ein, daß Sie punkt acht Uhr hier sind - Frack, Weste, Schlips und Handschuhe weiß - Lackstiefeletten. Bis dahin adieu, empfehle mich!«

Er drehte sich um und verließ das Zimmer. Anton blickte ganz erstaunt nach der Thür, hinter welcher der Mann verschwunden war. Was sollte er von ihm denken? Sollte er lachen oder sich ärgern? Sollte er auf heut Abend verzichten oder doch kommen?

»Pah!« meinte er zu sich. »Ich komme doch. Der Kerl ist ein Parvenue und weiß sich nicht zu benehmen. Jedenfalls aber ist die Tafel fein - exquisite Weine und vor allen Dingen die Ubertinka. Sie ist ein Räthsel für Alle; ich werde es lösen. Ob sie wohl schön ist? Jedenfalls nicht so schön wie die Tänzerin. Pah, werden sehen!«

Er ging, um sofort den Baron aufzusuchen und ihm mitzutheilen, daß die berühmte Sängerin in Wien sei und heut Abend mit ihm singen werde.

Die Beiden speisten nach ungarischer Karte bei Tökés in der Habsburger Gasse und beschlossen sodann, zur besseren Verdauung einen Spaziergang zu machen. Sie wendeten sich nach Norden, dem Augarten zu, ahnungslos, wer und was ihnen dort begegnen werde. -

Martha, das Stubenmädchen, hatte ihren Auftrag besorgt und stellte sich, als die Gepäckträger die Effecten Leni's gebracht hatten, dieser beim Auspacken zur Verfügung.

Was thut ein weibliches Wesen wohl lieber, als aus- und einpacken. Diese Arbeit regt sowohl die Phantasie als auch die Sprachwerkzeuge trefflich an. Darum war es kein Wunder, daß Leni und Martha sich während dieser Beschäftigung so viel zu sagen, zu fragen und mitzutheilen hatten, daß sie bald ein lebhaftes Interesse für einander empfanden. Jede hatte sich im Stillen gesagt, daß die Andere ein heimliches Herzeleid, vielleicht eine unglückliche Liebe haben müsse. Das erweckt die Theilnahme eines jeden Frauengemüthes.

Als eine Pause eingetreten war, benutzte Leni dieselbe zu der Bemerkung:

»Martha, ich höre, daß Sie nicht den Wiener sondern den bayrischen Dialect sprechen. Ich bin eine Bayerin. Sollten wir vielleicht Landsmänninnen sein?«

»Aane Bayrische sinds? Wirklich? O, wie mich das gefreut. Gar Aane aus dem lieben, schönen Bayernland, die nun allhier bei uns wohnen


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wird. Da bitt ich halt gar schön, daß wir mit nander so reden wie daheim, wann es Ihnen recht ist. Nicht wahr?«

»O, mir ists halt nicht nur recht, sondern sogar lieb. Ich hab meine Heimathssprach so lang nicht vernommen, denn in dem Italien hab ich immer italienisch reden mußt, und wenn man mal einen Deutschen treffen that, nachhero mußt man mit ihm stets nur Hochdeutsch plauschen. Das ist freilich auch gar schön, aberst so, wie man im Bayern spricht, das ist noch viel schöner. Gebens mir halt Ihre Hand. Wir wollen als Landsmänninnen recht gut zusammenhalten.«

Martha zögerte, dieser freundlichen Aufforderung nachzukommen.

»Nun, warum schlagens nicht eini?« fragte Leni.

»Das darf ich halt doch nicht wagen.«

»So? Warum denn nicht?«

»Weil ich eine arme, geringe Dienstbotin bin, während Sie eine so berühmte Künstlerin sind.«

»Ach was, Künstlerin. Da könnens mich fast bös machen. In dera Fremd freut man sich allemalen, wann man Jemand aus dera Heimathen trifft. Und eine so große Künstlerin bin ich gar nicht, und berühmt auch nicht. Gebens also nur Ihre kleine Patschen her!«

»Na, wanns das so extra verlangen, so muß ich es halt schon thun. Grad daraus kann ich ersehen, daß Sie eine echte Bayerin sind, weils keinen Stolz und Hochmuthen besitzen.«

Sie legten die Hände in einander.

»Ich möcht wissen,« sagte Leni dabei, »woher bei mir dera Stolz kommen sollt und auf was ich hochmüthig sein könnt. Ich weiß nix davon!«

»Schauns nur andera Künstlerinnen an!«

»Gehens mit denen! Das wären mir die Richtigen. Wanns einen Triller machen können und zwei Arien singen, nachhero denkens, daß sie Künstlerinnen sind. O, zu einer solchen gehört gar sehr viel. Ich weiß das. Was hab ich mir für Mühe geben müssen über zwei Jahren lang, und noch immer bin ich lange nicht fertig. Ich bin ja eben hier, um beim Professoren noch in die Schul zu gehen. Also auf meine Kunst kann ich nicht stolz sein, und auf was Anderes auch nicht.«

»O freilich doch!«

»So? Worauf denn?«

»Darauf daß - daß - daß Sie eine gar so Hübsche sind.«

Dabei glitt ihr Auge mit einem bewundernden, neidlosen Blick an Leni's Gestalt herab.

»Meinens das wirklich?« lächelte diese.

»Ja, Sie sind wohl gar eine große Schönheiten.«

»Nun, was das betrifft, so kann ich mir daraufi gar nix einbilden. Das Gesichterl und die Gestalt hat mir dera Herrgott geben. Ich selbst hab gar nix dazu than; wie sollt ich also stolz sein? Und wissens, daß die Schönheit gar manches Mal ein Unglück ist? Das hab ich auch bereits erfahren.


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Eine Sängerin, wann sie hübsch ist, muß sich doppelt in Acht nehmen, überhaupt jedes Dirndl, wanns schön ist. Und da brauchens mich halt nicht zu beneiden, denn Sie sind wenigstens ebenso hübsch wie ich.«

»Das sagens nur aus Freundlichkeiten!«

»O nein, daß auch Sie sich auf diese Gottesgab nix einbilden, das seh ich wohl. Sie haben so eine stille Wehmuth im Gesicht, als obs schon viel Trübes erlebt hätten.«

»Da habens gar richtig gerathen. Und auch Sie schauen gar nicht so aus, als obs das Leben sehr gut mit Ihnen gemeint hätt.«

»Mach ich so ein Gesicht? Nun, es hat halt ein Jeder und eine Jede die Last zu tragen, die der Herrgott sendet, damit Keiner übermüthig werden soll. Ich hab gar viel derlebt, Gutes und auch Böses, und das Letztere ist halt schuld, daß nicht immer heller Sonnenschein auf meinem Gesicht zu sehen ist. Wissens, was ich früher gewest bin? Rathens mal!«

»Ich denk mir halt, daß Ihre Eltern gar vornehme Leutln gewest sein müssen.«

»Warum?«

»Weil Sie so was an sich haben, so was Appartes, wegen dem man sich nicht leicht an Sie wagen mag.«

»Das ist nicht eine Folge der Geburt, sondern eine Folge der bösen Erfahrungen. Ich hab halt keine Eltern mehr. Ich war eine ganz arme Sennerin, bevor man entdeckte, daß ich eine gute Stimme habe.«

»Was? Eine Sennerin, also eine gewöhnliche Dienstbotin wärens gewest?«

»Ja, weiter nix.«

»Wo denn?«

»Gar nicht weit von dera Grenz, über welche man in das Salzburgische kommt. Ach, Herrgottle, damals war ich ein gar glückliches Dingerl. Wann ich mein Käs und Brod hatt, so wars gut. Weiter hab ich nix braucht, und alle Tagen waren Sonnenschein. Ich denk oft, daß es viel besser wär, wann ich auf meiner Alm hätt bleiben konnt. Aberst da schwatz ich nur allein von mir und denk gar nicht an Sie. Wo sind denn Sie daheim?«

»In einem kleinen Dörfle droben in denen Bergen, nicht allzuweit von Böhmen herein.«

»Wie heißt es denn mit Namen?«

»Hohenwald.«

»Was! Hohenwald! Ists möglich!«

»Kennens den Ort?«

»Dort gewest bin ich freilich nicht, aberst hört hab ich gar viel davon. Also von dorther sinds? Da habens wohl auch den Silberbauern kannt?«

»Ja,« antwortete Martha, indem ihr Gesicht noch bleicher wurde.

»Und das, was mit ihm geschehen ist, das wissens wohl auch?«

»Alles weiß ich, Alles!«

»So sinds wohl damals noch dort gewest?«

»Grad mitten in denjenigen Ereignissen bin ich fort von Hohenwald. Ich habs dort nicht länger mehr anschauen konnt.«


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»Ja, es soll schrecklich hergangen sein. Dera Silberbauer ist grad ganz und gar ein Bösewicht gewest und sein Sohn ebenso. Jetzund habens ihren Lohn. Der Alte ist doch noch an seinen Wunden und an dem Fieber storben, nachdem er vorhero Alles einstanden hat. Und dera Junge sitzt noch heut im Spinnhaus. Beiden ist gar recht geschehen! Nachhero die Tochter, die ist eine gar Stolze und Barsche gewest. Sie hat einen Hochmuthen im Kopf gehabt, so groß wie ein Kirchthurm. Die ist, als Alles zusammenbrechen that, vom Dorfe fort. Man hat sie lange suchen müssen, bevor man sie fand, denn sie hat doch auch verhört werden mußt vom Gericht. Da hats sichs aberst herausgestellt, daß sie ganz unschuldig ist, und darum hat sie wieder gehen konnt. Sie soll ganz anderst ausschaut haben, die Stolze. Man hat sie nur die Silbermartha nannt, weil ihr Name Martha gewest ist und - -«

Sie hatte das Alles in ihrem Eifer schnell erzählt, ohne auf die so unerwartet gefundene Landsmännin zu achten. Diese war in kleinen, langsamen Schritten von ihr zurückgewichen, sank dann auf einen Stuhl nieder, schlug die Hände vor das Gesicht und brach in ein herzerschüttertes Weinen aus.

Leni erschrak natürlich. Sie hielt inne, trat näher und fragte:

»Sie weinen? Warum denn? Sinds vielleicht bei dera Geschichten auch mit betheiligt gewest?«

»Leider ja,« nickte Martha.

»Wie denn? Mein Herrgottle! Welch eine Unvorsichtigkeiten, daß ich davon sprochen hab. Sagens schnell, warum Sie weinen?«

Unter strömenden Thränen antwortete das Stubenmädchen:

»Wissens denn meinen Namen nicht? Habens nicht hört, wie Frau Salzmann mich ruft?«

»O ja. Martha werdens von ihr genannt.«

»Und soeben habens doch von dera Silbermartha sprochen!«

Da schlug die Leni die Hände zusammen, sank nun ihrerseits in einen Stuhl und rief:

»Mein grundgütiger Himmel, was bin ich doch für ein talketes Dirndl gewest! Was hab ich da gesprochen und geredet, ohne zu wissen, zu wem ich es sag. So eine unselige Dummheiten hab ich in meinem ganzen Leben noch nicht begangen. Das könnens mir ja nimmermehr verzeihen.«

»Warum nicht? Sie haben ja die volle, richtige Wahrheit sagt. Ich kann Ihnen darüber gar nicht bös sein.«

»O doch, o doch! Ich könnt mir selberst gleich die Ohrfeigen geben, die ich verdient hab. Ich bin halt gar nicht Diejenige, die ohne Gedanken in den hellen Tag hinein schwatzen thut. Ich bin im Gegentheil mehr als vorsichtig in Allem, was ich thu und was ich sprech. Und grad heut, grad jetzt, wo ich vor Freud darüber, daß ich eine Landsmännin funden hab, dem Zungerl mal freies Spiel lassen thu, da muß so ein Unglück geschehen. Also die Silbermartha sinds, die Silbermartha selber?«

»Ja, ich bin es,« antwortete die Gefragte schluchzend.


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»O Jegerl, wie müssens sich da über mich kränken! Das kann ich mir halt nicht verzeihen. Wie sollen da Sie es mir vergeben können. Daran ist ja gar nicht zu denken!«

»Ich habe Ihnen nichts zu vergeben. Machen Sie sich ja keine Vorwürfe. Hier, nehmen Sie meine Hand als Beweis, daß ich Ihnen wirklich nicht zürne. Aber wann Sie wüßten, was ich seit jener Zeit mich gehärmt und grämt hab, so würdens mir glauben, daß ich nicht mehr das hochmüthige Ding bin, das ich früher war.«

»Das sehe ich, das sehe ich ja. Ich will Ihre Hand nehmen. Verzeihen Sie mir. Wir wollen nicht nur Landsmänninnen sondern Freundinnen sein. Machens mit? Ich bitt gar schön und herzlich darum!«

Sie trat zu Martha, legte ihr den Arm um den Nacken und sah ihr bittend in das Gesicht. Die Weinende trocknete sich die Thränen ab und antwortete:

»Mit dera Silbermartha wollens Freundin sein? Das ist wirklich Ihr Ernst?«

»Freilich ists mein Ernst. Ich hab vorhin nicht ausreden konnt. Wanns nicht geweint sondern mir Zeit gelassen hätten, weiter zu sprechen, so hättens hören konnt, daß ich viel besser von Ihnen denk, als es den Anschein hat.«

»Wie ist das möglich? Ein Jeder, der mich kannt hat, muß mich verurtheilen.«

»Das dürfens nicht sagen!«

»O doch. Wann ich anders gewest wär, so hätt vielleicht Manches nicht geschehen können.«

»Nein. Da habens Unrecht; da klagens sich selbst falsch an. Ihr Vater war ein Mann, der nicht auf Ihre Warnung hört hätt, und Ihr Bruder auch. Beide waren gewaltthätige, rücksichtslose Leute, welche kein Mensch hätt ändern und bessern konnt. Darauf könnens sich verlassen. Sie dürfens mir nicht übel nehmen, daß ich in dieser Weis von denen Ihrigen sprechen thu. Ich muß es aber, um den Vorwurf, den Sie sich selberst machen, von Ihnen zu nehmen. Und freisprechen muß ich Sie noch viel weiter. Sie haben gar nicht anderst sein können als wie Sie gewest sind. Sie haben ja keine Muttern gehabt und sind stets nur dem Einflüsse dieses Vaters ausgesetzt gewest. Da wars natürlich ganz richtig, daß Sie keine heilige Veronica sein konnten.«

»Auch ich habe mir zuweilen ganz dasselbe gesagt; aber es giebt trotzdem noch Punkte, über welche ich mir selbst nicht hinweghelfen kann.«

»So nennens mir diese Punkte. Ich werd Ihnen gleich hinüberhelfen.«

»Das können Sie nicht.«

»O, ich kann es, ich kann es!«

»Sie müßten meine früheren Verhältnisse sehr genau kennen.«

»Das ist ja auch der Fall.«

»Und doch stammen Sie aus einer Gegend, welche so entfernt von meiner Heimath ist.«


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»Das thut nix. Ich hab einen guten Bekannten, der mir Alles verzählt hat. Es sollte mich wundern, wann Sie ihn nicht auch kennen thäten.«

»Wer ist es?«

»Dera Wurzelsepp. Kennen Sie ihn?«

»Ob ich ihn kenne, den Wurzelsepp! O, nur zu gut! Ich hab ihn kannt, als ich noch ein kleines Dirndl war. Er ist oft bei uns einikehrt, und zuletzt, da ist ers ja gewest, der meinen Vater vor das Gericht bracht hat, er und - und ein Anderer noch!«

Das Letztere sagte sie leise und stockend. Sie senkte den Kopf und blickte trostlos vor sich nieder. Leni schlang die Arme um sie, zog sie von dem Stuhle fort auf das Sopha, setzte sich neben sie und sagte:

»Jetzt kommens mal her zu mir! Ich sehe, was für ein großes Unglück und Herzeleiden Sie zu tragen haben. Da muß ich schon den Doctoren machen und Ihnen Hilfe bringen.«

»Hilfe? Dafür giebts keine Hilfe!« antwortete Martha, den Kopf schüttelnd.

»Es wird schon eine geben, wann sie auch nicht sogleich vom Himmel herabfällt. Dera Wurzelsepp hat mir Alles, Alles verzählt, so daß ich die Sach grad so genau weiß, als ob ich damals mit in Hohenwald gewohnt hätt. Dera alte Sepp hat immer nur gut von Ihnen sprochen, und daßt siehst, daß ich auch gut von Dir denk, so will ich Dich bitten, Du zu mir zu sagen. Willst, Martha?«

Sie zog sie freundlich an sich. Martha sah mit einem unbeschreiblichen Blick zu ihr auf. Schmerz, Hoffnung, Dankbarkeit sprachen sich zugleich in demselben aus.

»Wolltest Das wirklich wagen?« fragte sie. »Ich bin doch die Tochter eines Mörders und die Schwester eines Zuchthäuslers!«

»Was geht mich das an?«

»So sagen Andre nicht!«

»Was Andre denken und sagen, das nehm ich mir nicht zur Richtschnur. Du bist brav, und Du bist an Allem unschuldig gewest. Als Du ahnt hast, daß der Deinige Vater ein schlechter Kerlen sei, da bist auf- und davongangen und hast nix mit ihm zu thun haben wollen. Das ist Deine Rechtfertigung. Mehr kann man nicht von Dir verlangen. Und wie hast leiden und dulden müssen in dera Fremd! Hast keine Menschenseel', der Du Dich anvertrauen kannst, keine einzige wohl, nicht wahr?«

»Ja,« antwortete Martha, indem sie wieder in Thränen ausbrach. »Ich kann ja mit Niemand darüber reden. Ich darf nicht mal sagen, daß ich so eine reiche Bauerstochter gewest bin, sonst würd ich sogleich gefragt, wie es kommen ist, daß ich nun die Dienstbotin machen muß. Und weil ich nicht von Alledem reden darf, so kann ich auch nix aus dera Heimath derfahren. Und doch möcht ich so gern wissen, was später noch geschehen ist und wie sich die Bekannten befinden.«

»Ich denk, daß ich Dir da die richtige Auskunft ertheilen kann.«


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»Du? Du bist ja jetzt in Italien gewest!«

»Dennoch hab ich Alles derfahren. Ja, ich hab sogar mit Personen sprochen, welche aus Hohenwald nach Italien kommen sind.«

»Da könnt ich mir Keinen denken. Was hat ein Dortiger in Italien zu suchen?«

»Das wirst schon noch glauben, wann ichs Dir sag. Also frag mich nur nach Allem, wast gern wissen willst. Ich werd Dir antworten.«

»So sag mir zunächst, wer auf dem Silberhof wohnen thut.«

»Dera Feuerbalzer. Dein Vater hat ihm sein Gut wegbrannt, und so hat dera Balzer entschädigt werden müssen. Seine Frauen ist wieder gesund, und seine Muttern kann wieder eine seidene Schürzen vorbinden, wanns in die Kirchen geht!«

»Das gönn ich ihnen. Sie habens verdient, daß es ihnen jetzund wohl geht. Was ist denn mit dem Finkenheiner worden?«

»Der wohnt bei Scheibenbad in dera Thalmühlen. Weißt, dera Thalmüller war doch der Verbündete von Deinem Vatern. Er sitzt fürs Leben lang im Zuchthaus, und dera Finkenheiner ist Müller worden. Seine Tochter aber hat den Müllerhelm heirathet.«

»Und wo ist sein Sohn, dens nur den Elephantenhanns nannt haben, weil er gern die fremden Thiere zeichnen that?«

»Du, der wird ein gar großer Künstler. Den hab ich in Rom sehen.«

»Wast sagst! Dera Elephantenhanns in Rom! Wie ist das möglich?«

»Das weißt nicht?«

»Gar nix weiß ich davon.«

»Dera König hat ihm das Geld geben, daß er nach dem Süden gehen kann, um gesund zu werden. Er ist nach Egypten, nach dera Hauptstadt Kairo, wo eine so gute Luft sein soll, daß Jedermann, der auf dera Brust leidet, schnell gesund werden kann. Unterwegs blieb er einige Tage in Rom. Da hab ich mit ihm sprochen und auch mit Dem, den dera König ihm zum Schutz mitgeben hat.«

»Wer ist das?«

»Max Walther, der frühere Schulmeistern von Hohenwald.«

Eine tiefe Röthe glitt über Marthas bleiche Wangen. Sie fragte schnell:

»Auch der ist mit nach Egypten? Was soll er denn dort?«

»Er soll für sich Studien machen und dabei den Elephantenhanns beaufsichtigen und unterrichten. Dera Herr Walther wird mal ein berühmter Dichter werden.«

»Das hab ich ahnt.«

Die Leni beobachtete verstohlen die Freundin. Sie wollte derselben Trost geben.

»Ahnt hasts?« fragte sie. »Hast denn wußt, daß er dichten thut?«

»Ja.«

»Von wem denn? Er hat es doch immer so geheim gehalten.«

»Ich hab es ganz zufällig derfahren.«


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»So! Ich hab beinahe denkt, daß er Dirs selbst sagt hat. Aberst Du bist ja gar nicht mit ihm bekannt gewest.«

»Wir haben einige Male mit nander sprochen. Das ist Alles.«

Sie sagte das mit gepreßter Stimme. Sie wollte es sich nicht merken lassen, wie sehr sie sich grad für diesen Gesprächsgegenstand interessirte.

»So weißt wohl auch nix von Dem, was weiter mit ihm schehen ist?«

»Nein.«

»Daß er dera Sohn eines Barones ist?«

»Davon hab ich keine Ahnung habt.«

»Ja, ein Baron ist sein Vater. Aber er mag den Namen desselben nicht annehmen. Er will Walther heißen, so wie er bisher gehießen hat. Nun war er in Egypten und hat dort zwei Bücher schrieben, welche druckt worden sind. Man sagt, daß er ein berühmter Mann sein wird.«

»Das ist ihm zu gönnen. Er war ein gar braver junger Mann.«

»Wie? So sagst Du? Hältst ihn wirklich für einen Braven?«

»Freilich!«

»Und grad er ists doch gewest, der Alles von Deinem Vatern ans Licht bracht hat!«

»Das kann ich ihm nicht verdenken. Ein jeder Andre hätt das ebenso than. Und mein Vater und mein Bruder hatten ihn beleidigt. Er mußt sich gegen sie wehren. Wann ich ihn verurtheilen wollt, so müßt ich die Verbrechen des Vaters gutheißen, und das kann ich doch nicht.«

»Wann er das wüßt! Er hat denkt, daßt ihm grausam bös sein wirst.«

»Zu wem hat er das sagt?«

»Zu mir. Ich hab in Rom natürlich auch mit ihm sprochen.«

»So hat er von mir redet?«

»Ja.«

»Aber schlecht!«

»O nein. Was Schlechtes soll er von Dir sagen?«

»Gar viel. Du weißts nur nicht.«

Da ergriff Leni ihre Hand und sagte:

»Martha, ich weiß es; ich weiß Alles!«

»Nein, nein! Nix kannst wissen!« antwortete Martha beinahe erschrocken.

»O doch! Alles, Alles! Dera Wurzelsepp hat es mir erzählt.«

»Was denn? Was kann er erzählt haben?«

»Daßt Herrn Walther in Regensburg kennen lernt hast und daß er um Deinetwillen die dortige gute Stell gegen die schlechte in Hohenwald umitauscht hat. Ist das wahr oder nicht?«

Martha legte sich in das Sophakissen zurück, verhüllte ihr Gesicht mit den Händen und antwortete:

»Ja, es ist wahr.«

»Und nachhero hast ihn zurückstoßen?«

»Auch das ist richtig.«

»Kind, warum hast das than? Er hat Dich gar so sehr lieb habt.«


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»Ich bin hart und stolz gewest, und er hat seinen Wohlgefallen an meiner Gestalt funden; aberst eine wahre und innige Liebe hat er gegen mich nicht fühlen konnt.«

»Du irrst. Er hat Dich wirklich geliebt.«

»Nein. Ich hab ihn auf die Probe stellt, und er hat sie nicht bestanden.«

Ihr Busen wogte heftig auf und nieder. Der so lange Zeit niedergehaltene Schmerz bäumte sich in ihr auf.

»Und ich sage Dir abermals, Du irrst, Martha,« sprach Leni in mildem Tone. »Du hast ihn falsch behandelt.«

»Ja, das ist wahr; aber dennoch weiß ich ganz genau, daß er mich nicht wirklich lieb gehabt hat. Er wär sonst nicht so von mir gegangen und hätt mich in meinem Gram und Schmerz allein gelassen.«

»Hast Du ihm denn zeigt, daß Du Gram und Kummer fühltest?«

»Nein. Dazu war ich zu stolz.«

»Also hat er gar nicht wußt, daßt Dich so kränkst. Er hat zu keinem Menschen was sagt; aber aus Allem, was ich hört hab, hat er Dich für herz- und gefühllos halten müssen. Du hast ihn nach Hohenwald gelockt, und als er deshalb seine gute Anstellung aufgab, hast ihm sagt, daßt niemals einen Schulmeister nehmen würdest. Was hat er da denken müssen? Dazu ist die Feindschaft Deines Vaters und Bruders kommen. Du hast nix than, um seine Achtung zu erwerben, hast Dich auf Dein Geld und Deine Schönheit verlassen. Da willst Dich nun wundern, daß er sich zornig von Dir abgewendet hat? Er hat ganz richtig gehandelt. Wann er das nicht than hätt, so wär er ja gezwungen gewesen, sich selbst zu verachten. Nimm es mir nicht übel, Martha, wann ich so zu Dir sprech. Meine Worte klingen hart, aber sie sind es nicht. Das Weib soll stets sanft und mild sein, lieb und versöhnlich, freundlich und nachgebend. Dera Mann aber muß stolz und fest sein, selbst wann er ein Wenig hart ist, so vergiebt man ihm das, wann man ihn nur achten kann. Aber Du hast wollt, daß es grad umikehrt sein soll. Du hast ihn beherrschen wollen, und da hat er freilich nicht mitgemacht.«

»Ja, ich weiß, daß ich darinnen gefehlt habe. Aber ihm ist das Scheiden so leicht worden, daß er mich unmöglich recht geliebt haben kann.«

»Weißts gewiß, daß es ihm so leicht worden ist?«

»Ja. Ich hab es ja gesehen.«

»So! Bist wohl wirklich Eine von denen, welche denen Menschen in das Herz schauen können?«

Martha schwieg.

»Schau, wast Dir einbildet hast, das hast für allein richtig halten. Du hast gar nicht denkt, daßt Dich da irren kannst. Wer weiß, wie finster es ihm im Herzen worden ist, als er hat von Dir gehen müssen. Und wer weiß, ob es in seinem Herzen jemals wiederum licht werden kann.«

»O, darum hab ich mich nicht zu sorgen.«

»Warum?«


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»Selbst wann ich mich damals im Irrthum befunden hätt, wann seine Liebe wahr gewesen wär, so wär doch nun Alles aus. Er ist nicht mehr der arme Lehrer, sondern er wird, wie Du selber sagst, ein berühmter Mann. Was aber bin ich? Ich hab ja niemals diejenige Bildung und Kenntnisse besessen, welche so ein Mann von seiner Frau verlangen kann. Nun bin ich auch nicht mehr reich, sondern nur ein armes Dienstmädchen, welches froh sein muß, wann die Herrin mit ihm zufrieden ist. Eine Zukunft hab ich nimmermehr. Die Schand ruht auf mir und meinem Namen - - ich hab nix mehr zu hoffen.«

»So! Da hab ich mich freilich in Dir sehr geirrt. Ich hab glaubt, Du seist ein Mädchen, welches es mit dera ganzen Welt aufnimmt. Und nun sinkst zusammen wie ein Luftballon, bei welchem das Gas auskommen ist. Das thut mir leid um Dich.«

»Kann ich anders?«

»Ja. Kein Mensch darf auf die Hoffnung einer bessern Zukunft verzichten.«

»Meine Zukunft ist trüb und traurig!«

»Da könnt ich mich beinahe mit Dir zanken. Wannst den Lehrer wirklich lieb gehabt hättest, würdest nicht so reden.«

»Ich hab ihn so lieb gehabt, so sehr lieb. Ich hab es selber nicht wußt, wie sehr meine Seele an ihm hängt. Erst später hab ich es an mir merkt, daß es ohne ihn kein Glück für mich giebt. Da aber war es zu spät. Er ist fort, in ein fernes, weites Land. Dort scheint die Sonn heller als bei uns. Er wird den kleinen Gram, den ich ihm bereitet hab, schnell vergessen haben, und sein Herz gehört nun längst einer Anderen.«

»Das glaub ich nicht. Er hat gar nicht so ausschaut wie Einer, der so schnell vergessen kann.«

»Hast Dir ihn darauf hin angesehen?«

»Ja. Er war so ernst, so - - -«

»Das war er stets.«

»Aber auch so trüb. Man hat, sobald man nur fünf Minuten mit ihm sprochen hat, sogleich merken müssen, daß er ein stilles Leiden mit sich trägt. Und ich hab ja auch die Rede auf die Lieb und auf das Heirathen bracht. Da hat er den Kopf schüttelt und dabei sagt, daß er wohl einsam seinen Weg durchs Leben gehen werde.«

»Das war wohl nur Redensart.«

»Nein, denn er hat, als mal die Gelegenheit dazu war, es als seine Ueberzeugung ausgesprochen, daß man nur ein einziges Mal lieben könne. Und was Der sagt, das hat ein Gewicht. Er ist Keiner, der viel überflüssige Worte macht.«

Martha wollte antworten; aber draußen hatte es geklingelt. Man hörte die Wirthin sprechen, und eine männliche Stimme antwortete. Dann klopfte die Erstere an, gab eine Karte ab und fragte, ob der Herr eintreten dürfe.

Leni las den Namen 'Hugo Goldmann'. Eine Bezeichnung stand nicht


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dabei. Eigentlich befand sie sich nicht in der Stimmung, den Besuch eines Fremden anzunehmen, zumal sie noch mit dem Auspacken ihrer Effecten beschäftigt war. Aber grad daß ein ihr völlig Unbekannter sie so kurz nach ihrer Ankunft in Wien zu finden wußte, das interessirte sie. Darum bestimmte sie, daß er eintreten solle. Martha zog sich natürlich mit der Wirthin zurück.

Der Eintretende war ein wohlbeleibter älterer Herr, nach der neuesten Mode gekleidet, einen goldenen Klemmer auf der Nase und die Uhrketten voller Perloquen hängend. Er machte den Eindruck eines Lebemannes, der aber auch ein Geschäft richtig zu poussiren weiß.

Als er die Leni erblickte, zog er die Augenwinkel ein Wenig zusammen, als ob er sich enttäuscht fühle. Er blickte im Zimmer umher, als ob er erwarte, noch eine zweite Person zu finden, welche der Vorstellung, die er sich von der Sängerin gemacht hatte, entsprechender sei. Dann sagte er, indem er sich nicht zu tief verbeugte:

»Ich hoffte, Signora Ubertinka zu sehen.«

»Dieser Wunsch ist Ihnen erfüllt,« antwortete Leni lächelnd.

Er schob den Klemmer fester auf die Nase und fragte verwundert:

»Wirklich! Sie selbst sind die Signora?«

»Ja.«

»Ah so! Dann Verzeihung, daß ich mich mit meiner Hochachtung etwas verspäte!«

Er trat auf sie zu, um ihre Hand zu ergreifen und einen Kuß auf dieselbe zu drücken. Leni aber wich zurück, so daß er die erwähnte Hochachtung nur durch eine tiefe Verneigung bezeugen konnte.

»Nehmen Sie Platz!«

Diese Worte waren in einem fast befehlenden Tone ausgesprochen. Er schien das nicht gewohnt zu sein und nicht erwartet zu haben, denn er warf ihr einen fragenden Blick zu, bevor er ihrer Aufforderung nachkam. Als er dann saß, sagte er, auf einen zweiten Sessel deutend:

»Bitte, meine Gnädige, wollen Sie nicht auch Platz nehmen?«

»Danke. Ich spreche am Liebsten im Stehen und habe auch keine Veranlassung, zu glauben, daß unsere Unterredung eine ermüdend lange sein werde.«

»Je nachdem; sie kann kurz oder lang werden, ganz wie Sie wollen. Ich komme mit einem Wunsche und werde nicht eher gehen, als bis Sie mir denselben erfüllt haben. Je schneller Sie ihn erfüllen, desto eher werde ich gehen.«

Er sagte das in einem Tone, als ob es ganz selbstverständlich sei, daß sie, wenn auch gleich oder später, auf diesen Wunsch eingehen werde.

Leni lehnte sich ihm gegenüber leicht an ein Möbel. Sie antwortete nicht und sah ihm nur lächelnd in das Gesicht. Das schien ihn gar nicht irre zu machen.

»Kennen Sie meinen Namen?« fragte er.


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»Nein. Das heißt, den Namen Goldmann habe ich oft gehört; Herrn Goldmann aber, welcher sich gegenwärtig bei mir befindet, kenne ich nicht.«

»Ich bin Theateragent.«

»Ah! Hm!« nickte sie. »Da sind Sie mir allerdings per Renommee bekannt.«

»Freut mich. Und welcher Art ist dieses Renommee, wenn ich fragen darf?«

»Ein sehr gutes.«

»Freut mich, freut mich! Ich darf da hoffen, daß Sie mir nicht viel Mühe machen werden.«

»Auch ich glaube, daß wir uns unsere Ansichten in möglichster Kürze mittheilen können.«

Sie lächelte ihm immer noch in einer Weise entgegen, welche er erst jetzt zu beachten begann. Er wußte nicht, welche Deutung er diesem Lächeln geben solle. Es war so höflich, so freundlich, aber auch so selbstbewußt und dabei wohl auch ein klein Wenig niederträchtig.

Leni gab sein sichres Auftreten Spaß. Er gab sich als einen Mann, dessen Absicht unbedingt in Erfüllung gehen müsse. Das bestimmte sie, ihm nun erst recht nicht zu Diensten zu sein.

»Haben Sie Engagement?« fragte er.

»Nein.«

»Also sind Sie contractfrei?«

»Ja.«

»Nun wohl! Ich werde Sie engagiren.«

Er war allerdings einer der bedeutendsten Agenten. Hunderte von Künstlern wären ganz glücklich gewesen, von ihm die Worte »Ich werde Sie engagiren« zu hören. Das wußte er. Darum war es ein lächelnder, siegessicherer Blick, den er auf sie warf. Sie aber zuckte nur die Achsel, ohne direct zu antworten.

»Nun, was sagen Sie dazu?« fragte er.

»Ist das die Absicht Ihres Besuches, mich zu engagiren?«

»Ja.«

»So werden Sie dieselbe nicht erreichen.«

»Ah! Unmöglich!«

»Ganz gewiß.«

»Aber, Signora, warum denn nicht!«

»Aus verschiedenen Gründen, welche Ihnen mitzutheilen, ich mich nicht berufen fühle.«

»Ich ersuche Sie aber grad recht dringend, mir diese Gründe zu wissen zu thun!«

»Das könnte an meinem Entschlusse doch nichts ändern.«

»Ich wüßte dann aber, woran ich bin.«

»Gut! So sollen Sie meine Gründe hören. Einige sind sachlicher, der allererste aber ist persönlicher Natur. Sie kamen in der festen Ueberzeugung zu mir, daß ich auf ein Engagement mit Ihnen eingehen würde?«


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»Allerdings.«

»Weil es, so zu sagen, eine Ehre ist, von Ihnen mit einer Offerte bedacht zu werden?«

»Hm! Ich will nicht unbescheiden sein.«

»Und ich will offen sein. Ihre Sicherheit vermag nicht, mir zu imponiren; sie beleidigt mich vielmehr doppelt, nämlich sowohl als Dame als auch als Künstlerin. Ein Agent, welcher glaubt, mir einen großen Dienst oder gar eine Gnade zu erweisen, indem er mir seinen Besuch macht, wird niemals einen Gulden an mir verdienen.«

»Ah!«

Er fuhr halb von seinem Stuhle empor.

»Ja, mein Herr. Die Quintessenz Ihrer Absicht ist doch, sich Prozente zu verdienen. Also ists der Egoismus, welcher Sie zu mir führt, nicht die Rücksicht auf mein eigenes Wohl.«

»Das könnte ich bestreiten, unterlasse es aber lieber. Doch bitte ich, gütigst zu bedenken, daß es einer Künstlerin gerathen ist, sich das Wohlwollen wenigstens der bedeutenderen unter den Agenten zu erwerben. Wie die Verhältnisse jetzt liegen, brauchen Sie uns unbedingt.«

»Nein.«

»O doch!«

»Ich habe nicht die Absicht, ein Engagement einzugehen. Und selbst wenn dies meine Absicht wäre, würde ich mich ohne die Hilfe eines Agenten zu plaziren wissen.«

»Entschuldigung, gnädiges Fräulein! Ich bin nie gern unhöflich. Darum will ich nicht Ihnen eine Unkenntniß der Verhältnisse vorwerfen; aber die Bemerkung muß ich machen, daß Sie in Zukunft doch wohl noch Erfahrungen zu machen haben.«

»Das bestreite ich nicht.«

»Rein geschäftliche, trockene Erfahrungen, deren Kenntniß eine Dame eben am Besten ihrem Agenten überläßt.«

»Um ihn bezahlen zu dürfen! Ich werde irgendwelche Engagements nur direct eingehen. Meinetwegen braucht kein Agent zu existiren. Darum berührt es mich nicht angenehm, daß Sie eine so große Siegesgewißheit zeigen. Das war, wie bereits erwähnt, der eine Grund. Die anderen Gründe sind mehr sachlicher Natur.«

»Darf ich sie kennen lernen?«

»Gern. Ich habe noch keine Lust, mich an irgend eine Bühne zu binden.«

»Keine Lust? Sie müssen doch leben!«

»Ich lebe auch ohnedies. Ferner sind meine Studien noch nicht beendet.«

»Soll ich das glauben?«

»Ich bitte darum!«

»Dann hätte Ihr Ruf zu viel gesagt!«


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»Jedenfalls. Ich habe sogar noch rein technische Schwierigkeiten zu überwinden. Ich kann unmöglich ein Engagement eingehen.«

»Aber, Signora, Sie können sich doch ausbilden, trotzdem Sie feste Stellung haben!«

»Ich sehe davon ab. Wer mich engagirt, soll keine Mängel an mir finden.«

»Sapperment! Da stehen Sie allerdings mit solchen ehrenwerthen Ansichten einzig unter den Künstlerinnen da!«

»Ich kenne meine Pflicht und werde sie jederzeit erfüllen. Sie sehen also, daß Ihr heutiger Besuch kein erfolgreicher ist.«

»O, ich verzweifle dennoch nicht.«

Er hatte sich erhoben und sagte das lächelnd, indem er, ihre Gestalt mit wohlgefälligem Blicke musternd, hinzufügte:

»Man ist es ja gewöhnt, nicht sofort Beifall zu finden; aber die Damen sind gewöhnlich so liebenswürdig, ihren Widerstand bald aufzugeben.«

»Von Widerstand ist bei mir keine Rede. Ihre Offerte ist doch keine Attaque, welche ich abzuschlagen hätte.«

»Vielleicht doch!«

»Nun, so würde ich die Abwehr wohl anderen Personen überlassen.«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich würde das Zimmer verlassen und Ihnen das Dienstmädchen schicken.«

»Signora!« fuhr er auf.

»Herr Goldmann!«

»So Etwas ist mir noch nicht gesagt worden!«

»Und in solcher Weise hat mir noch kein Mensch ein Engagement angetragen!«

Er war wirklich erzürnt. Doch konnte ihm als erfahrenen Agenten es nicht entgehen, welch eine Acquisition dieses wunderschöne Mädchen für ihn sei. Wenn ihr Ruf, in Beziehung ihrer Gesangsleistungen, nicht allzusehr übertrieben hatte, so war diese Ubertinka allerdings eine Person, an und mit welcher ganz bedeutende Summen verdient werden konnten. Diese Betrachtungen söhnten ihn mit ihrem schroffen Auftreten aus. Er zuckte lächelnd die Achsel und meinte:

»Regen wir uns nicht auf! Jeder Mensch hat seine Eigenheiten. Verzeihen Sie mir die meinigen. Wenn Sie mich auch mit meiner Offerte abweisen, so lassen Sie mich doch einmal Ihre Stimme hören. Bitte, kommen Sie!«

Er trat zum Pianino, öffnete es und setzte sich an dasselbe.

»Bitte, singen Sie mir einmal das Stabat mater! Ich möchte es grad von Ihnen einmal hören.«

Er war es gewöhnt, daß Sänger und Sängerinnen sofort auf solche Wünsche eingingen. Er war auch jetzt überzeugt, daß Leni seiner Aufforderung nachkommen werde. Darum machte er es sich auf dem Musikstuhle bequem, griff in die Tasten und begann das Vorspiel. Als dann nach zwei Takten die Singstimme einzufallen hatte, drehte er sich zu Leni um und sagte:


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»Nun bitte, jetzt - - -!«

Er sprach nicht weiter und hörte auch mit Spielen auf. Leni war, mit dem Rücken nach ihm gewendet, vor ihrem offenen Koffer niedergekniet und kramte in dem Inhalte desselben herum. Sie that gar nicht, als ob er vorhanden sei.

Er schritt auf sie zu.

»Aber, Signora, was thun Sie da?«

»Sie sehen es ja! Ich packe aus.«

»Ich denke, Sie wollen singen!«

»Wer hat das gesagt? Etwa ich?«

Sie blieb knieen und blickte zu ihm auf.

»Hm! Sie allerdings nicht. Aber da ich Sie bat, so verstand es sich doch ganz von selbst, daß Sie - - -«

Da aber fuhr sie, ihn unterbrechend, aus ihrer knieenden Stellung empor und fiel blitzenden Auges ein:

»Was verstand sich ganz von selbst? Daß ich singen mußte? Weshalb? Weil Sie es wünschten? Wer sind Sie? Ein Fremder, den ich nicht gerufen habe. Daß Sie nebenbei Agent sind, ist mir gleichgiltig. Ich bedarf keines Agenten. Wollte ich jedem Fremden, der zu mir kommt, das Stabat mater, die Gnadenarie oder sonst was vorsingen, so könnte ich mich am Liebsten gleich in dem Würstlprater hören lassen. Sie haben nicht das mindeste Recht, zu erwarten, daß ich Ihnen eher als Anderen Etwas vortrage. Das merken Sie sich!«

So Etwas war ihm noch nicht gesagt worden, und in diesem Tone erst recht nicht. Er war vor ihr zurückgewichen, Schritt um Schritt, und sie ihm aber ebenso Schritt um Schritt nachgefolgt. Jetzt antwortete er erschrocken:

»Signorina! Bitte, bitte! Sie machen mich ja zum Fürchten!«

»Gut! So fürchten Sie sich!«

»So war es ja nicht gemeint!«

»Meinen Sie es, wie Sie wollen; ich aber nehme es, wie ich es will!«

»Wenn Sie wüßten, wegen welchen Engagements ich zu Ihnen komme, würden Sie freundlicher sein.«

»Ich brauche keins!«

»Sie sollen ja gar nicht an ein Theater!«

»Wohin denn? Etwa an eine Windmühle oder an ein Caroussel?«

»Mein Gott, besänftigen Sie Ihren Zorn! Es handelt sich um eine Musteraufführung - - -«

»Zu welcher ein Musteragent die Engagements trifft! Ich danke!«

»Jetzt beleidigen Sie mich persönlich. Es ist eine neue Oper, welche aufgeführt werden soll.«

»So führen Sie dieselbe doch in Gottes Namen auf! Meinetwegen ganz allein!«

»Das geht nicht. Das Werk ist betitelt 'Götterliebe'. Ein herrlicher Titel!«


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»Meinetwegen Affenliebe!«

»Gnädiges Fräulein! Hören Sie doch! Der Text stammt aus Egypten!«

»Ich hätte auch nicht das Mindeste dagegen, wenn er aus China stammte!«

»Der Komponist ist ein Baron!«

»Das schadet ihm nichts.«

»Kaum zwanzig Jahre alt!«

»Später wird er älter sein.«

»Sie sollen die Rolle der Juno singen.«

»So! Wer die anderen?«

»Die Venus wird eine junge, unbekannte Collegin übernehmen. Sie heißt Mureni.«

»Ah! Wo befindet sie sich?«

»Das weiß ich nicht. Der Componist hat es übernommen, sie zu engagiren.«

Leni machte jetzt plötzlich ein ganz anderes Gesicht. Die Mureni war ja sie selbst. Das war der Künstlername, den sie früher getragen und dann abgelegt hatte, um nicht von den Nachforschungen des Krikelantons belästigt zu werden. Der Componist wollte sie suchen? Er mußte also wissen, wo sie sich befand!

»Wie heißt er denn?« fragte sie.

»Curty von Gulijan.«

»Ein fremder Name, den ich noch niemals gehört habe.«

»Er ist ein sehr interessanter, junger Herr.«

»So wünsche ich ihm, daß seine junge Oper ebenso interessant sein möge!«

»Er ist steinreich und hat bedeutende Besitzungen an der unteren Donau.«

»Ich gönne sie ihm, habe aber mit ihm und seiner Oper nichts zu schaffen.«

Sie wußte freilich nicht, daß dieser Curty von Gulijan ihr Freund, der einstige Fex, war, sonst hätte sie sich jedenfalls ganz anders verhalten.

»So wollen Sie mir wirklich eine Absage ertheilen?«

»Ja.«

»Ich gestehe aufrichtig, daß ich mit großen Hoffnungen zu Ihnen gekommen bin!«

»Es ist eine Eigenschaft der Hoffnungen, daß sie unerfüllt bleiben können.«

»Erlauben Sie mir wenigstens, nochmals bei Ihnen vorzusprechen?«

»Zu welchem Zweck?«

»Um anzufragen, ob Sie Ihren Entschluß denn doch nicht vielleicht geändert haben.«

»Das wäre nutzlos. Ich pflege meine Entschlüsse nicht zu ändern.«

»So darf ich also nicht kommen?«

»Nein.«

»Dann will ich Ihnen wenigstens meine Karte da lassen, damit Sie


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wissen, wo ich wohne, wenn Sie vielleicht einmal Veranlassung finden sollten, mich aufzusuchen.«

»Diese Veranlassung wird wohl vergeblich auf sich warten lassen. Doch habe ich nichts dagegen, Ihre Karte zu behalten.«

Er gab sie ab und ging, von ihr nicht einmal bis zur Thür begleitet. Er wollte sich darüber ärgern, brachte dies aber nicht fertig. Die Sängerin hatte auf ihn einen tiefen Eindruck gemacht. Das war keine jener eingebildeten, hochnäsigen Damen, welche trotz ihres Hochmuthes an jedem Augenblicke bereit sind, einen geschäftlichen Vortheil durch Verleihung persönlicher Liebenswürdigkeiten und Begünstigungen zu erkaufen.

Das Küchenmädchen öffnete ihm die Vorsaalthür und schritt, da sie einen Weg zu gehen hatte, hinter ihm die Treppe hinab. Er bemerkte dies und benutzte diesen Umstand, vielleicht noch Etwas über die hochinteressante Sängerin zu erfahren. Er zog ein größeres Silberstück aus der Tasche, schenkte es ihr und fragte:

»Nicht wahr, Signora Ubertinka wohnt erst seit Kurzem hier?«

»Seit einer Stunde, gnädiger Herr.«

»Ich erfuhr es im Hotel. Auf wie lange Zeit hat sie eingemiethet?«

»Auf unbestimmt.«

»Hat sie bereits Besuche gemacht oder empfangen?«

»Einen empfangen.«

»Ah, schon! Wer war das?«

»Frau Commerzienrath von Hamberger, bei welcher die Signora heut zur Soirée sein wird.«

»Wird sie singen?«

»Das weiß ich nicht.«

»Hm! Vielleicht sehen wir uns wieder, mein hübsches Kind. Ich interessire mich für die Sängerin. Darum würde ich Ihnen jede Auskunft, die Sie mir über dieselbe geben könnten, gut belohnen. Aber lassen Sie ihr nichts wissen.«

Er ging, aber nicht in der Richtung, in welcher seine Wohnung lag, sondern er wendete sich nach der Asperngasse, wo der Commerzienrath wohnte. Er war mit diesem so leidlich bekannt, wollte ihm einen Besuch machen und dabei wo möglich eine Einladung für den heutigen Abend zu erhalten suchen. -

Jetzt fand sich Martha wieder bei Leni ein, um ihr beim Auspacken zu helfen. Dann kam die Zeit des Mittagsessens, und später äußerte die Sängerin den Wunsch, einen Spaziergang zu machen. Frau Salzmann erklärte, daß sie sie recht gern begleiten würde, aber durch einen zu erwartenden Besuch abgehalten werde; da sie aber sehe, daß sie mit Martha Landsmannschaft geschlossen habe, so könne diese mit ihr ausgehen.

Das war der Leni sehr willkommen und der Martha nicht minder. Die Erstere zog, um von der Letzteren nicht abzustoßen, ihr einfachstes Kleid an. Dann spazirten Beide nach dem Augarten hinaus, welcher von ihrer Wohnung aus in kurzer Zeit zu erreichen war.


// 2158 //

Natürlich gab es zwischen den Beiden außerordentlich viel zu erzählen. Die Zeit verging ihnen wie im Fluge.

Da, eben als sie an einer Kreuzung des Weges angekommen waren, traten ihnen um die Ecke eines Gebüsches zwei Herren entgegen. Leni erblickte sie zuerst und zog schnell ihren schwarzen Doppelschleier herab, so daß ihre Gesichtszüge nicht deutlich zu erkennen waren.

Die beiden waren nämlich der Krickelanton und der sogenannte Baron von Stubbenau.

Jetzt sah auch Martha, wen sie vor sich hatte.

»Um Gott!« sagte sie erschrocken. »Da sind die Beiden schon wieder! Laß uns fliehen.«

Sie waren Arm in Arm gegangen. Martha wollte den ihrigen aus demjenigen der Sängerin ziehen. Die Letztere aber hielt sie fest und antwortete:

»Keine Flucht! Wir würden uns nur blamiren, ohne daß sie uns Etwas hilfe. Wollten diese Beiden die Scene von heut Vormittag fortsetzen, so würden sie uns doch nacheilen. Sie haben uns bereits gesehen und Dich erkannt, wie es scheint.«

»Aber wir sind wehrlos!«

»Nicht ganz.«

»Kein Mensch ist in der Nähe. Nur ganz da draußen sind zwei Reiter zu erblicken. Ehe diese herankommen - - -«

Sie konnte ihre Rede nicht vollenden, denn die beiden Herren waren jetzt herangekommen und blieben stehen. Sie zogen ihre Hüte, und der Sänger rief, die volle Gestalt Marthas mit lüsternem Blicke überfliegend:

»Ah, welch ein Glück! Fräulein Martha! Sind Sie gekommen, mir hier den Kuß zu geben, den Sie mir heut verweigerten? Das ist ja außerordentlich liebenswürdig von Ihnen und wird dankbar anerkannt werden. Bitte, geben Sie mir Ihren Arm!«

Er ergriff ihren Arm.

»Unverschämter!« rief sie, ihn zurückstoßend. »Gehen Sie!«

»Nein, Liebchen, ich gehe nicht. Ich habe es auf Dich abgesehen, und da ich Dich so scheu gefunden habe, bin ich nicht so dumm, diese prächtige Gelegenheit vorübergehen zu lassen. Also, Ihren Arm!«

»Lassen Sie mich! Ich rufe um Hilfe.«

»Wen denn? Es ist kein Mensch da. Baron, nimm Du die Andere!«

Er hielt wirklich Marthas Arm so fest, daß sie sich ihm nicht zu entwinden vermochte. Der Baron hatte die Sängerin gemustert. Ihre Züge konnte er nicht deutlich erkennen, aber ihre Gestalt war voll und verführerisch.

»Hast Recht,« sagte er auf Antons Aufforderung. »Also bitte, Fräulein, Ihren Arm!«

Er griff nach Leni.

»Was wollen Sie?« fragte diese sehr ruhig. »Den Arm oder die Hand?«

»Beides, Beides natürlich!«

»Schön! Sehen Sie, wie das thut!«


// 2159 //

Sie stieß, ehe er sich dessen versah, ihm die geballte Faust mit aller Kraft so unter die Nase, daß sein Kopf nach hinten kippte und der Hut herabfiel und eine Strecke im Staube fortrollte.

»Donnerwetter!« schrie er, sich mit beiden Händen nach der Nase greifend. »Verfluchte Hexe! Du haust ja!«

»Ja, die scheint Gift zu haben,« lachte Anton, noch immer mit Martha ringend, welche ihm ihren Arm entziehen wollte.

»Das Gift werde ich ihr bald nehmen!« antwortete der Baron.

Er holte seinen Hut, setzte ihn, um keine Zeit zu versäumen, schmutzig auf und griff wieder nach Lenis Arm.

»Lassen Sie die Hand von mir!« rief diese, ihre Stimme so verstellend, daß sie nicht von Anton erkannt werden konnte.

»Nein, das thue ich nicht. So ein wildes Geschöpf muß man zahm machen.«

Er schlang die Arme um ihren Leib, und Leni hütete sich wohl, sich dagegen zu wehren. Sie war klug genug, den geeigneten Augenblick abzupassen. Sah sie doch, daß sich zwei Reiter schnell näherten.

»Einen Kuß!« rief der Baron, durch ihr passives Verhalten irre gemacht.

Er bog den Kopf zu ihr nieder. Da aber ballte sie die beiden Fäuste und stieß sie ihm mit aller Macht blitzschnell unter das Kinn.

Er ließ sie fahren, stieß einen unartikulirten Schrei aus und stürzte auf den staubigen obgleich hart gefrorenen Boden nieder.

»Kerl!« lachte der Krickelanton. »Was fällt Dir ein! Dich von einem Weibsbilde werfen zu lassen! Da, schau her, wie ich die meinige küsse.«

Er wollte diesen Worten die That folgen lassen; aber Martha war durch Lenis tapferes Verhalten ermuthigt worden. Sie wehrte sich nach Kräften und rief laut um Hilfe.

Der Baron war wieder aufgesprungen und gab sich nun alle Mühe, Leni wieder an sich zu ziehen; diese aber wehrte sich mit dem Muthe und der Kraft eines Mannes.

Die beiden Reiter mußten jetzt erkennen, daß es sich hier um einen Angriff auf die Damen handelte. Sie spornten ihre Pferde und kamen schnell herbeigeflogen, der Herr voran, der Bediente in Livree hinter ihm.

Es war der Graf von Senftenberg mit seinem Reitknechte.

»Hollah, was ist hier los!« rief er, indem er sein Pferd zügelte.

»Alle Wetter, der Graf!« lachte Anton. »Den haben wir freilich nicht zu fürchten. Ein Abenteuerchen, ein interessantes Abenteuerchen, weiter nichts!«

Er rang weiter mit Martha.

Leni rief, indem sie durch kräftige Stöße den Baron von sich abzuhalten suchte:

»Herr Graf, wir sind überfallen worden, wir sind nur arme Dienstboten, aber Sie sind ein Ehrenmann und werden uns in Ihren Schutz nehmen.«

»Natürlich, natürlich!« antwortete er. »Bitte, Baron, bitte, Signor Criquolini, geben Sie die Damen frei!«


// 2160 //

»Unsinn!« rief der Sänger.

»Ich verlange es!«

»Pah!«

»Gut, so befehle ich es!«

Das rief er mit erhobener Stimme.

»Befehlen?« entgegnete Anton, Martha noch immer festhaltend.

»Ja, ich befehle es!«

»Das fehlt noch! Wer hat uns zu befehlen, wer?« fragte der Baron höhnisch.

»Diese hier, nämlich die Peitsche!«

Bei diesen Worten spornte der Graf, daß sein Pferd einen Satz that bis hart an den Baron heran, holte aus und gab diesem einen Peitschenhieb quer über das Gesicht herüber.

Der Getroffene brüllte auf vor Schmerz und schlug beide Hände vor das Gesicht.

»Nun, Criquolini, wollen auch Sie geschlagen sein?«

Indem der Graf diese Frage aussprach, wendete er sein Pferd gegen den Sänger.

»Wagen Sie es!« drohte dieser.

Mit der Linken Martha festhaltend, hielt er dem Grafen die geballte Rechte entgegen.

»Kerl, drohst Du meinem Herrn!« rief der Reitknecht. »Da ist der Lohn!«

Er schlug mit dem Stiele der Reitpeitsche so kräftig auf den erhobenen Arm, daß der Sänger denselben sofort sinken ließ. Der Getroffene brüllte weniger vor Schmerz als vielmehr vor Wuth laut auf. Seine Aelplernatur erwachte. Er that einen Sprung auf den Reitknecht zu. Dieser aber, ein altgedienter, gewandter Kavallerist, nahm sein Pferd vorn hoch, daß es mit den Hufen ausschlug und Anton schnell zurückweichen mußte.

»Graf Senftenberg,« knirrschte er. »Das werde ich Ihnen gedenken!«

»Immerhin!« antwortete dieser ruhig. »Nur weiß ich nicht, wie Sie das anfangen wollen.«

»Sie werden mir Genugthuung geben!«

»Ja, Genugthuung!« brüllte der Baron, mit der einen Hand die Schwiele bedeckend, welche sich quer über sein Gesicht zu ziehen begann. »Wir werden Sie fordern und Ihnen unsere Zeugen schicken!«

»Mich fordern? Was fällt Ihnen ein! Ein Graf Senftenberg schlägt sich mit Falschspielern und Menschen, welche brave Mädchen auf der Straße überfallen, nicht. Solche Strolche sind nicht satisfactionsfähig. Man haut sie nur mit der Peitsche durch!«

Der Baron war feige. Er hatte für diese verächtlichen Worte keine Entgegnung. Der Krickelanton aber ballte beide Fäuste, zog die Ellbogen an sich, duckte sich wie zum Sprunge nieder und rief:

»Nehmen Sie diese Worte augenblicklich zurück oder -?«


Ende der neunzigsten Lieferung - Fortsetzung folgt.



Karl May: Der Weg zum Glück

Karl May - Leben und Werk